OVER
Nr. 2(zum 8mm-Film "Visions of Angels")
Zu Beginn konnten sich die Teilnehmer der Konferenz darüber verständigen,
den Pressevertretern nicht die Beantwortung der Fragen der beiden EXPERIFORMANCE-Aktionäre
zu überlassen, sondern dies als Aufgabe der SPINNE-Crew zu betrachten.
Allgemein interessierende Fragen sollten nicht behandelt werden.
Es entspann sich folgender, auszugsweise anzügliche Quadrolog:
G: Wie hing die Aktion SPINNE mit objektiven Gegebenheiten zusammen?
O: Gar nicht.
K: Man bekommt doch mit bloßem Idealismus keinen Knoten zustande!
O: ...schon.
S: Nie gespürt?
G: Ich meine,...
S: Sehr gut gesagt!
G: ...inwiefern hätten Regen oder das Fehlen von Freunden die Aktion verderben können?
O: Regen wäre Regen, das was er für dich ist. Hätte wie 'ne nasse Wolke drübergehangen. Für mich ist Regen Wetter, und Wetter ist immer. Für jeden Knoten und so. Was hat das mit uns zu tun? Wenige Leute hätten gar nicht kommen können.
K: Ich nehme aber an, in Anbetracht der unwahrscheinlich guten Musik, die auch jetzt läuft und deiner freundlichen, halbnackten Gesten, daß die Art der Aktionsmusik, das Knibbeln eurer Freunde, alles, was ihr eben selbst gemacht habt, schon irgend ins Netz fiel.
O: Hörst du keine Musik, wenn du unter Sternenhimmeln der Galaxien die unsichtbaren Linien spürst, die die Menschen verbinden?
S: Ein totaler Hänger wäre es freilich, gäbe die SPINNE im Zentrum DISKOMUZAK von sich. Wichtig war die Gemeinsamkeit, alles, was ihr guttat.
O: Eben auch die Musik, die lief.
G: Offensichtlich ist der Prozeß der gemeinsamen Selbstverständigung noch nicht abgeschlossen.
S: Selbstverständlich.
O: Selbstverständlich offen, sichtlich. Ach... gemeinsam...
K: Von allgemeinem Interesse dürfte aber das konzeptionelle Ziel der Aktion sein.
O: Ahso?
S: Selbstredend. Aber dazu hatten wir uns ja eingangs eindeutig eingrenzend verselbständigt.
G: Wenigstens ein Tip für Nachahmer?
S: Wie ahm!
O: Nun, eine gefangennehmende Idee - wie es im unveröffentlichten Begleitmaterial heißt - hier mit dem Symbol der Ersichtlichkeit und Unentrinnbarkeit, wenn man sich hingibt.
S: Oder man ist SPINNE. Ohne Narrkose - wenigstens für Stunden...
K: Sowas wie bewußtseinserweiternd?
S: Ob wir nun bewußt seins oder ihrs erweitern sei dahingestellt.
O: He Mann, muß das sein? Hip sollte es sein. Nicht Hip Hop.
G: Hat diese Spinnerei Folgen?
S: Aber nicht in einer Woche.- Ehrlich. Alles redet von Network. Das Ding ist jetzt schon international.
O: Gerade ist die Brücke über die Kluft. Laßt den Kreis von außen zu.
K: Gibt es konkrete Pläne?
S: Nichts wäre schädlicher!
O: Ja, das kann sein... Aber man sollte sich schon äußern.
G: Aber wolltet ihr euch nicht schmücken und bemalen?
O: Ja, sicher.
G: Ihr hattet ja Pläne, ich meine, diese Spinnerei geschah doch nicht aus dem Nichts, aus spontaner Lust.
O: Neun Spaten tief in Ozeanen stirbt dein Ruf, und ich bin stumm.-Einzeilige Spontanlyrik selbst kann man sicher nicht planen. Doch SPINNE ohne Vorbereitung hätte keine Lebenschance. Jedes Aktionsprojekt. Man muß Ideen-ausmisten vor die Aktion stellen, innen Platz für Spontanes schaffen - und Dinge aus der material world ransorgen.
S: Strippe kaufen, Aufhänger finden...
O: Und dann Kinder sich im Netz verfangen sehen und deren Minen.

S: Oder dieses ungläubige polnische Staunen.
K: Tierkreiszeichen aus Kerzenlichtern, Planeten von der Aktion schwer benommen, strömen Gedanken wie Musik zu dunklen Räumen gemeinsamer Selbstbefreiung - bis ihr euch an die Hände nehmt.
G: Wieso? Nachts?
K: Die Menschen sind spontaner.(Lacht)
O: Es geht nicht darum, daß alle dabei sind. Freiraum heißt auch, Vorbereitung in wenigen Köpfen und Händen...
K: ...und Bäuchen.(Lacht)
G: Letztlich braucht die Spinne Futter.
O: Letztlich brauchen wir die SPINNE.
K: Also doch Gravitationswellen im Gefolge?
(Langanhaltendes Schweigen. Die Anwesenden erheben sich über den Plätzen.)
K: Bedeutet das, daß die gesamte Livechose in einem aktionskünstlerischen Gesamtkonzept untergebracht wird?
O: Sehr gute Idee!
S: Wir hatten sie vor zehn Jahren. Doch wie das mit Ideen so ist...Aktion braucht Aktionäre.
G: Nun gibt es für jedes Jahr ein Motto?
K: Nach Art der letzten Meldungen, dieser archaischen Einzeilenlyrik.(Sehr ironisch)
O: Nein. Ziel wäre in jedem Fall eine etikettenlose Gemeinschaft, egal wie lange, in der sich das Ich zuhause fühlt.
S: Fühlen kann.
K: Platz für einzeilige Spontanlyrik. Doch ist das Echo nicht eher bescheiden?
O: Karateschläge in Ozeane fließen Worte in Gehirne. Leider.
S: Greisgewordne Ideale nähren dumpfe Radikale. Auch leider.
G: Ein Gesamtkonzept schafft Kosten, wer wird die begleichen?
O: Bezahlen? Hä?
K: Ohne Wertungen keine Preise. Schlag der Crew mal sowas vor, Gisela!(Lacht) Nochmal zur SPINNE, Oliver. War das wirklich Kunst?
O: Als wir zum Schluß unter den Klängen der Hymne das Netz in Händen hielten, ja, die Fixierung des gemeinsamen Schnittpunktes, das war schon nicht mehr Kunst, das war echt.
S: Deshalb auch kein Video davon...
Der Qualm nur bewegte sich, als wir losgehen wollten. Ich wollte den Autoschlüssel nicht vergessen, doch er steckte im Zündschloß, du machtest dich schon auf den Weg. Wir gingen ihn zusammen. Du stürztest über einen im zusammengefegten Laub versteckten Stein und schlugst dir an einer Grabeinfassung die Stirn auf. Kein Blut kam heraus. Ein Vogelsang. Das Gras knisterte.
Ich trug dich ein Stück. Unser Auto stand dann vor uns auf einer Wegkreuzung unter Bäumen neben einer Wasserleitung, die senkrecht aus der Erde ragte, der Hahn tropfte. Hart, metallen. Quecksilber. Ich hatte keine Schlüssel. Die Frontscheibe war zerstört, der Motor lief. Ich öffnete deine Tür von innen, die zerbrach die Wasserleitung. Eine Fontäne schoß in die Bäume. Der Vogel fiel tot herab. Du wolltest nicht einsteigen. Wir wollten nicht trinken und gingen weiter. Wir fanden keine Pforte, der Zaun führte Strom. Ein bemaltes Holzkreuz. Ich kippte einen toten, morschen Baum auf den Zaun. Er staubte neben die Pforte. Wir gingen den Spuren des Fahrzeugs nach in die unbegrenzte Ebene. Du konntest meinen Namen nicht aussprechen. Es begann zu regnen. Die tiefe Sonne brannte. Die Spur verwischte. Wir hörten noch, wie unser Auto explodierte. Es regnete grau in den Staub.
Unser Fahrzeug wirbelte immer noch diesen widerlichen Staub auf. So
viele Kilometer auf dieser grauen Betonbahn.
"Schön, daß es vielleicht regnen soll. Daß sich die
Luft mal entspannt." "Wir können ja jemanden einladen."
Man mußte wegen des Staubs ab und an die Scheibenwischer
anschalten. Ungefähr Höchstgeschwindigkeit fuhren wir. Drei Umformerventile
hatten wir noch.
"Die FS-Crew?" "Ach was."
"Komisch, die zwei Leute vorhin." "Na wenn wir uns mögen."
Ein breiter Riß über die Fahrbahn. Den Steuerknüppel
hoch, wir glitten ein Stück durch die dicke Luft. Wieder ein Ventil
rein.
"Ja hier."
Ich schoß eine Weile, doch es war nichts im Wege.
"Ja, finde ich auch schön, können wir so machen."
Ein Stromstoß. Wir waren zu schnell gefahren und mußten
auf die Nebenbahn. Es staubte nicht mehr, es regnete wahrscheinlich schon
länger. Du bezahltest. Dein Dienst begann früher als meiner.
Wieder kamen wir durch die Kontrollen, obwohl wir so ein großes Ding
gar nicht fahren dürften.
"Ich weiß nicht." "Nein, nicht."
Es ist egal, wo. Die Menschen sitzen um einen Tisch und essen Kuchen.
Sie essen die ganze Zeit Kuchen. Von fern, über den See schallt Musik.
Sehr laut. Nicht Musik, nein, irgend sowas idiotisches, deutsche Schlager.
Viel lauter oben Jagdbomber.
Immer wieder Jagdbomber, viel lauter. Nicht zu hören. Kuchen,
Schlager. Tagelang.
Allein am Stacheldrahttor in der Dunkelheit Sirenengeheul.
Es ist zu Ende.