OVER  Nr. 2


LOVER Nr. 2

(erschien 10/89)

Auszüge:

[manifest] - [Vergangene Drohung] - [Bewegte Bilder] - [Echos] - [Interview zur Experiformance] - [Am Rande] - [Die Zeit fault]

LOVER No. 2

manifest (Vorschlag)

siehe ManiFest

VERGANGENE (?) DROHUNG

ScheiterHaufen -
Hellsehern und Augenzeugen...

BEWEGTE BILDER

Jagd nach Visionen - welch treffender Beginn
Neue AnWandlungen zu vertrautem Lied
Fast in Andacht findet jeder seinen Sinn
Was passierte? Hoffe, daß es öfter noch geschieht

(zum 8mm-Film "Visions of Angels")

ECHOS

Auf der Straße gehen Fremde aneinander vorüber. Sicher führt die Antwortlosigkeit zu schärferen Fragen. Trotz Chance einer heimlichen Annäherung. Beklage sich niemand über gewaltsame Würgegriffe! Und ich bin du, und was ich sehe, bin ich. Ich finde es am schlimmsten, wenn nichts passiert, irgendetwas, doch nicht schweigen! Und nehme ich deine Hand und führe dich durch die  Fremde? Wirkungen  zeigen, irgendeiner Art, selbstverglühen... Ja, hilf mir das Beste zu erkennen, das ich kann. Wie können wir uns denn näher kommen? Und niemand weckt uns zur Morgendämmerung. Wer will denn Spaltung LeinWAND - Glotzer, heraus, heraus zur Härte! Und niemand macht uns die Lider schwer. Nicht die harte Stille nach Fanzine Nr.1. Und niemand spricht, und niemand stört. Die, die vom kommenden Umweltzusammenbruch Anfang der 70er sprachen/schrien, sind heute die besten Zyniker, da es zu spät ist, irgendwas in die Wege zu leiten. Und niemand umkreist die Sonne. Wohlan!

Auszüge aus dem unveröffentlichten Protokoll der nicht zugelassenen Pressebefragung zur EXPERIFORMANCE vom 30.07.89

Gesprächspartner waren: Gisela Meinhardt von der Zeitschrift "LOVEDESIGN", Karsten Schmitt von "SURREALIN" (ehemals "BUNTE KNETE"), Jumping Free Oliver und Spider Morphine (ehemals "SPIDER MURPHY GANGSTERS") von der SPINNE-Crew

Zu Beginn konnten sich die Teilnehmer der Konferenz darüber verständigen, den Pressevertretern nicht die Beantwortung der Fragen der beiden EXPERIFORMANCE-Aktionäre zu überlassen, sondern dies als Aufgabe der SPINNE-Crew zu betrachten.
Allgemein interessierende Fragen sollten nicht behandelt werden.
Es entspann sich folgender, auszugsweise anzügliche Quadrolog:

G: Wie hing die Aktion SPINNE mit objektiven Gegebenheiten zusammen?

O: Gar nicht.

K: Man bekommt doch mit bloßem Idealismus keinen Knoten zustande!

O: ...schon.

S: Nie gespürt?

G: Ich meine,...

S: Sehr gut gesagt!

G: ...inwiefern hätten Regen oder das Fehlen von Freunden die Aktion verderben können?

O: Regen wäre Regen, das was er für dich ist. Hätte wie 'ne nasse Wolke drübergehangen. Für mich ist Regen Wetter, und Wetter ist immer. Für jeden Knoten und so. Was hat das mit  uns zu tun? Wenige Leute hätten gar nicht kommen können.

K: Ich nehme aber an, in Anbetracht der unwahrscheinlich guten Musik, die auch jetzt läuft und deiner freundlichen, halbnackten Gesten, daß die Art der Aktionsmusik, das Knibbeln eurer Freunde, alles, was ihr eben selbst gemacht habt, schon irgend ins Netz fiel.

O: Hörst du keine Musik, wenn du unter Sternenhimmeln der Galaxien die unsichtbaren Linien spürst, die die Menschen verbinden?

S: Ein totaler Hänger wäre es freilich, gäbe die SPINNE im Zentrum DISKOMUZAK von sich. Wichtig war die Gemeinsamkeit, alles, was ihr guttat.

O: Eben auch die Musik, die lief.

G: Offensichtlich ist der Prozeß der gemeinsamen Selbstverständigung noch nicht abgeschlossen.

S: Selbstverständlich.

O: Selbstverständlich offen, sichtlich. Ach... gemeinsam...

K: Von allgemeinem Interesse dürfte aber das konzeptionelle Ziel der Aktion sein.

O: Ahso?

S: Selbstredend. Aber dazu hatten wir uns ja eingangs eindeutig eingrenzend verselbständigt.

G: Wenigstens ein Tip für Nachahmer?

S: Wie ahm!

O: Nun, eine gefangennehmende Idee - wie es im unveröffentlichten Begleitmaterial heißt - hier mit dem Symbol der Ersichtlichkeit und Unentrinnbarkeit, wenn man sich hingibt.

S: Oder man ist SPINNE. Ohne Narrkose - wenigstens für Stunden...

K: Sowas wie bewußtseinserweiternd?

S: Ob wir nun bewußt seins oder ihrs erweitern sei dahingestellt.

O: He Mann, muß das sein? Hip sollte es sein. Nicht Hip Hop.

G: Hat diese Spinnerei Folgen?

S: Aber nicht in einer Woche.- Ehrlich. Alles redet von Network. Das Ding ist jetzt schon international.

O: Gerade ist die Brücke über die Kluft. Laßt den Kreis von außen zu.

K: Gibt es konkrete Pläne?

S: Nichts wäre schädlicher!

O: Ja, das kann sein... Aber man sollte sich schon äußern.

G: Aber wolltet ihr euch nicht schmücken und bemalen?

O: Ja, sicher.

G: Ihr hattet ja Pläne, ich meine, diese Spinnerei geschah doch nicht aus dem Nichts, aus spontaner Lust.

O: Neun Spaten tief in Ozeanen stirbt dein Ruf, und ich bin stumm.-Einzeilige Spontanlyrik selbst kann man sicher nicht planen. Doch SPINNE ohne Vorbereitung hätte keine Lebenschance. Jedes Aktionsprojekt. Man muß Ideen-ausmisten vor die Aktion stellen, innen Platz für Spontanes schaffen - und Dinge aus der material world ransorgen.

S: Strippe kaufen, Aufhänger finden...

O: Und dann Kinder sich im Netz verfangen sehen und deren Minen.

LAPSUS ist im Netz... (Foto nicht in LOVER 2)Spinn(er )weben (Foto nicht in LOVER 2)

S: Oder dieses ungläubige polnische Staunen.

K: Tierkreiszeichen aus Kerzenlichtern, Planeten von der Aktion schwer benommen, strömen Gedanken wie Musik zu dunklen Räumen gemeinsamer Selbstbefreiung - bis ihr euch an die Hände nehmt.

G: Wieso? Nachts?

K: Die Menschen sind spontaner.(Lacht)

O: Es geht nicht darum, daß alle dabei sind. Freiraum heißt auch, Vorbereitung in wenigen Köpfen und Händen...

K: ...und Bäuchen.(Lacht)

G: Letztlich braucht die Spinne Futter.

O: Letztlich brauchen wir die SPINNE.

K: Also doch Gravitationswellen im Gefolge?

(Langanhaltendes Schweigen. Die Anwesenden erheben sich über den Plätzen.)

K: Bedeutet das, daß die gesamte Livechose in einem aktionskünstlerischen Gesamtkonzept untergebracht wird?

O: Sehr gute Idee!

S: Wir hatten sie vor zehn Jahren. Doch wie das mit Ideen so ist...Aktion braucht Aktionäre.

G: Nun gibt es für jedes Jahr ein Motto?

K: Nach Art der letzten Meldungen, dieser archaischen Einzeilenlyrik.(Sehr ironisch)

O: Nein. Ziel wäre in jedem Fall eine etikettenlose Gemeinschaft, egal wie lange, in der sich das Ich zuhause fühlt.

S: Fühlen kann.

K: Platz für einzeilige Spontanlyrik. Doch ist das Echo nicht eher bescheiden?

O: Karateschläge in Ozeane fließen Worte in Gehirne. Leider.

S: Greisgewordne Ideale nähren dumpfe Radikale. Auch leider.

G: Ein Gesamtkonzept schafft Kosten, wer wird die begleichen?

O: Bezahlen? Hä?

K: Ohne Wertungen keine Preise. Schlag der Crew mal sowas vor, Gisela!(Lacht) Nochmal zur SPINNE, Oliver. War das wirklich Kunst?

O: Als wir zum Schluß unter den Klängen der Hymne das Netz in Händen hielten, ja, die Fixierung des gemeinsamen Schnittpunktes, das war schon nicht mehr Kunst, das war echt.

S: Deshalb auch kein Video davon...

A M   R A N D E

Wir gingen zu unserem Auto zurück. Das trockene Gras knisterte. Es knackte unter unseren Schritten. Das Auto war weg. Es war auch von einem aufgeschütteten Lehmhügel nicht zu sehen. Ein Friedhofszaun ohne Ende  vor uns. Wir hatten sehr starken Durst. Ein Fahrzeug donnerte unweit von uns vorüber. Alles rings um uns
verschwand für eine Weile im Staub. Man sollte ehrlich lügen. Es wurde uns später klar, daß dieses Fahrzeug eine Chance für uns gewesen war. Wir sahen niemanden. Einen Haarschopf eventuell. Die Fata Morgana  unseres Autos eventuell. Wir stiegen ein. Es war jedoch weiß und nicht abgeschlossen. Kein Geräusch war mehr zu hören, sobald alle Türen zu waren. Wir konnten nicht verstehen, was wir sagten. Wir blieben kurz nach dem Anfahren im Friedhofszaun hängen. Es ging nicht weiter. Zwei Reifen platzten beim Rückwärtsfahren kurz hintereinander. Dieses Geräusch tat furchtbar weh nach der Stille.  Wir konnten mehr nicht hören,
die Türen waren verschlossen. Wir zertrümmerten die Frontscheibe. Es brannte unter der Motorhaube, da der Zaun unter Strom stand. Ich hörte, wie du sagtest, wir sollten es über den Friedhof versuchen. Ein Vogelgesang war zu hören.

Der Qualm nur bewegte sich, als wir losgehen wollten. Ich wollte den Autoschlüssel  nicht vergessen, doch er steckte im Zündschloß, du machtest dich schon auf den Weg. Wir gingen ihn zusammen. Du stürztest über einen im zusammengefegten Laub versteckten Stein und schlugst dir an einer Grabeinfassung die Stirn auf. Kein Blut kam heraus. Ein Vogelsang. Das Gras knisterte.

Ich trug dich ein Stück. Unser Auto stand dann vor uns auf einer Wegkreuzung unter Bäumen neben einer Wasserleitung, die senkrecht aus der Erde ragte, der Hahn tropfte. Hart, metallen. Quecksilber. Ich hatte keine Schlüssel. Die Frontscheibe war zerstört, der Motor lief. Ich öffnete deine Tür von innen, die zerbrach die Wasserleitung. Eine Fontäne schoß in die Bäume. Der Vogel fiel tot herab. Du wolltest nicht einsteigen. Wir wollten nicht trinken und gingen weiter. Wir fanden keine Pforte, der Zaun führte Strom. Ein bemaltes Holzkreuz. Ich kippte einen toten, morschen Baum auf den Zaun. Er staubte neben die Pforte. Wir gingen den Spuren des Fahrzeugs nach in die  unbegrenzte Ebene. Du konntest meinen Namen nicht aussprechen. Es begann zu regnen. Die tiefe Sonne brannte. Die Spur verwischte. Wir hörten noch, wie unser Auto explodierte. Es regnete grau in den Staub.

Unser Fahrzeug wirbelte immer noch diesen widerlichen Staub auf. So viele Kilometer auf dieser grauen Betonbahn.
"Schön, daß es vielleicht regnen soll. Daß sich die Luft mal entspannt." "Wir können ja jemanden einladen."
Man mußte wegen des Staubs  ab und an  die Scheibenwischer anschalten. Ungefähr Höchstgeschwindigkeit fuhren wir. Drei Umformerventile hatten wir noch.
"Die FS-Crew?" "Ach was."
"Komisch, die zwei Leute vorhin." "Na wenn wir uns mögen."
Ein breiter Riß  über die Fahrbahn. Den Steuerknüppel hoch, wir glitten ein Stück durch die dicke Luft. Wieder ein Ventil rein.
"Ja hier."
Ich schoß eine Weile, doch es war nichts im Wege.
"Ja, finde ich auch schön, können wir so machen."
Ein Stromstoß. Wir waren zu schnell gefahren und mußten auf die Nebenbahn. Es staubte nicht mehr, es regnete wahrscheinlich schon länger. Du bezahltest. Dein Dienst begann früher als meiner. Wieder kamen wir durch die Kontrollen, obwohl wir so ein großes Ding gar nicht fahren dürften.
"Ich weiß nicht." "Nein, nicht."

Es ist egal, wo. Die Menschen sitzen um einen Tisch und essen Kuchen. Sie essen die ganze Zeit Kuchen. Von fern, über den See schallt Musik. Sehr laut. Nicht Musik, nein, irgend sowas idiotisches, deutsche Schlager. Viel lauter oben Jagdbomber.
Immer wieder Jagdbomber, viel lauter. Nicht zu hören. Kuchen, Schlager. Tagelang.
Allein am Stacheldrahttor  in der Dunkelheit Sirenengeheul.
Es ist zu Ende.

Die Zeit fault

Auch im  Thüringer Wald. Nach 1,5 Jahren stehe ich wieder hier. Zwischen Schafscheiße und unbeschnittenen Kirschbäumen. Wenn man will, sieht man ringsum nur den Wald und die Bäume. Doch hat sich dieses Tal ganz verändert. Dort ist ein Bergrücken, und mir geht's so, daß ich  nur ihn wahrnehme, vom Tode gezeichnet. Drei große Streifen Kahlschlag wie die drei Buchstaben T O D. 100m Kahlschlag, 100m Waldrest, 100m Kahlschlag, 100m Waldrest, 100m Kahlschlag, 100m Wald.
Jeder winkt ab. Doch laßt mich weiter sehen. Die Kahlschläge werden neu bepflanzt. Die Bäumchen wachsen. Kaum zu sehen, werden die Reststreifen abgesenst, denn auf dem Berg ist ja wie je - Wald. Doch sollte nun der Tod allen  sichtbar sein. Jeder winkt ab: warte nur 40 Jahre, wie sollte es anders sein.
Es ist  anders. Denn ich denke nicht, daß sich unser Klima, unsere Atmosphäre noch über 40 Jahre in ertragbaren Grenzen bewegt und u.a. das Leben eines Waldes in unseren Breiten zuläßt.
Sicher, als letztes stirbt der Mensch.
Leider.

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