OVER Nr. 4


LOVER Nr. 4

(erschien 05/90)

Auszüge:

[Fünf Pfund Zirkus] - [Ein Brief] - [Zeitloser Mob] - [F R E Y L A U F]

LOVER No. 4

Fünf Pfund Zirkus

Kein Wanderzirkus sondern ein richtiger Palast, der dort am Picadilly Circus steht. Außen künden aus den französischen Fenstern gebeugte künstliche Kunstidole vom Innenleben, das nicht nur weltweit einmalig sondern weit lebendiger ist als das Wort Wachsfigurenkabinett vermuten läßt.

Am Eingang im zweiten Stock Kasse, Garderobe (No, thank you.) und Stereokopfhörer für jeden. Schön laut, wenn man will und sobald man in der ersten infrarotbeschallten Zone ist. Drahtlos Powerwelle. Quer durch das Golden Age of Rock'n'Roll von Alan Freed bis zu Bobby Geldorf. Doch bevor es losgeht wird man zu einem Starfoto beiseitegenommen - diesmal mit David Bowie. Es kostet einige Mühe, dem zu entgehen. (Umsonst wird's nicht sein...) Doch dann empfängt mich eine Arena mit Little Richard, Stevie Wonder und Elton John auf einer Drehbühne. Dahinter ein 10-Minutenspott auf ca. 50 Bildschirmen von Buddy Holly bis Live Aid, von dem man lediglich abgelenkt wird durch den aus dem Zentrum der Drehbühne wie aus einer Mottenkiste dampfend auftauchenden Elvis the King, der sich als Wachsfigur unheimlich ähnlich sieht. Dann ein Gang durch den Hamburger Kaiserkeller, oder war's doch der Covern Club? Vorbei am Flipperautomaten, auf dem Pete seinen Arm kreisen läßt. Aber Vorsicht, sonst wird man von einem breiten Motownschlitten überfahren, während Diana soulruhig weitersingt. Plötzlich steht Eric in der Ecke und ballert einem Layla um die Ohren, halbe Drehung rechts und man fällt ihm fast in die Arme: Rotten Johnny verkündet immernoch die Anarchie im Königreich und bekommt vom erklärenden Kopfhörer auch noch Recht dabei. 3x muß sein, trotz Marc Bolan im Rücken. Schließlich Stingimaus in Tankwartverkleidung und Mark mit obligatem Stirnband. Dann sitzt gelangweilt Beachboy Brian Wilson auf'ner Bank und glotzt am MTV-Schirm vorbei ins Leere, was mir nicht passieren kann, und so sehe ich dort in London "Nothing Compares 2 U" mit dem Stereoton im Kopf... Noch sind's zehn Minuten bis zur nächsten Show dort oben hinter den Stairways to Heaven und so flimmert noch anderes, belangloseres Zeug in meinen Schädel. Dann geht's aber hoch in die Opera zu Tim Rice, der eine Show liefert, die Wilhelm Gartenscher auch nicht besser hinbekommen hätte. Aber das muß man sich eigentlich schon selbst ansehen. Diese 20 Minuten waren jedenfalls für mich die Reise nach London wert. Das andere war Zugabe.

Ein Brief

Eigentlich wollte ich einen ganz langen Brief schreiben und ausführlich erzählen, wie es uns in den letzten Wochen ergangen ist. Doch daraus wird nicht viel werden. Die Zeit schreitet hastiger noch als sonst voran und auch verwirrender. Und so ist das lange beabsichtigte Tagebuch doch bloß wieder in Ansätzen steckengeblieben, trotz des tonnenschweren Frusts, der so schön hätte produktiv verarbeitet werden können. So fällt es obendrein auch noch schwer, genau zu rekapitulieren. Bis auf ein paar markante Ereignisse freilich, die sich wohl nie mehr aus dem Gedächtnis werden tilgen lassen. Ich kann mich z. B. noch sehr genau daran erinnern, wie wir um den 7. Oktober umhergeschlichen sind, bekümmert über die Heerscharen ,die über Ungarn und später über die Botschaften in Prag und Warschau davonströmten; verzweifelt und wütend über die eigene Ohnmacht und ständig grübelnd, ob man am Ende doch nicht bloß geduldeter Hofnarr gewesen ist mit seiner versucht kritischen Schreiberei; verängstigt von dem, was ab 3./4. Oktober am Dresdner Hauptbahnhof, später auf der Prager Straße und am Altmarkt (oder auch in Berlin und Leipzig) passierte und was daraus hätte werden können (die Bilder aus Rumänien lassen es jetzt undeutlich ahnen).

Am 7. Oktober sind wir im Theater im Kleinen Haus gewesen. Volker Brauns "Übergangsgesellschaft" wurde gegeben, ein Stück voller gegenwärtiger sozialer Brisanz. An diesem Tag ließ es uns jedoch fast völlig kalt. Die Kunst, die entscheidend mitbefördert hatte, was draußen gerade passierte, war vom realen Leben ein- und überholt worden. Später auf der Straße herrschte ungewohnt reges und hektisches Treiben. Wie schon am Tag zuvor glich die Stadt einem aufgeschrecktem Ameisenhaufen. Am Platz der Einheit hörte man von der anderen Elbseite die Menge brodeln. Man hätte es für das Dynamo-Stadion beim Länderspiel halten können, wußte aber ganz genau, daß dort die Demo tobte, ausgelöst von den Prager Flüchtlingszügen. Zu Hause hörten wir schon in Gedanken die Panzer rollen und wurden unfreiwillige Zeugen eines Familienstreits. Eltern gegen Kinder im Teenageralter, oder eben umgekehrt. Nachdem, was wir so mitbekamen, möchte ich wetten, daß es ganz bestimmt nicht um den vergessenen Abwasch ging sondern die Frage, die auch wir uns stellten: Bleiben oder gehen?! Das heißt, so konnte man damals ja schon gar nicht mehr herangehen, weil nun auch die letzte, für uns ohne Hohe Erlaubnis übertretbare Grenze, nämlich die zur CSSR, seit Wochenanfang geschlossen war. Für die Zukunft stand die Frage allerdings schon wieder, denn noch stand überhaupt nicht fest wie die Sache ausgehen würde. Den Massenexodus ab August hatte ich immer noch mit dem gewissen Optimismus verfolgt, der sich stets mit Vorgängen zu verbinden pflegt, die grundsätzliche Entscheidungen herbeiführen MÜSSEN. Doch nun, um den 7. Oktober herum, fühlten wir uns bloß noch niedergeschlagen und verängstigt. Zum Beispiel hatte ich im August/September mehrer Artikel für die Union geschrieben, worin unlautere Machenschaften von Funktionären der FDJ-Stadtleitung bei einer Parkfest- Veranstaltung offen angegriffen wurden, der VE Veranstaltungsbetriebe als Parkfest-Partner nicht gerade als die große Stütze gefeiert wurde und das Friedensfest der FDJ-Bezirksleitung als aufgeblasenes und deplaziertes Tamtam in Frage gestellt wurde. Das alles brachte mir zwar kein grundsätzliches Schreibverbot ein bei der Union, aber es kam eben doch der Hinweis, jetzt doch besser ein bißchen kürzer zu treten. Ich rechnete durchaus mit einem unverhofften Klingeln an der Wohnungstür. Es ging schließlich schon das Gerücht von Mißhandlungen um, und man weiß ja ganz genau, was so alles passiert, wenn die Situation außer Kontrolle gerät. Heute erscheinen mir meine Ängste lächerlich, aber damals...?! Ich glaube, meine Frcht kam daher, daß eine Bedrohung körperlich zu spüren war, doch nicht, woher man sie erwarten mußte.

Zu den Demos ist niemand von uns gegangen. Meine heroischste Tat bestand darin, am 6. Oktober bei der Ausarbeitung einer Kulturbund-Resolution anwesend zu sein und diese dann auch zu unterschreiben. Aber das war wohl eher eine Sache fürs eigene Selbstwertgefühl. Ansonsten fuhr ich von Adresse zu Adresse und suchte Informationen und Trost. Später stellte sich heraus, daß das auch nicht unwichtig gewesen ist, nämlich für diejenigen, die ebenso wie ich sich nicht ins Kampfgetümmel der Straße wagten, abgeschreckt von den Augenzeugenberichten. Zum ersten Mal aufatmen konnte ich am 9. Oktober. Ich unterschrieb in Berlin bei Lied der Zeit den Vertrag für das lange geplante Peter Gabriel-Buch. So sehr ich mein Herz daran gehängt hatte, so unwichtig erschien es mir nun, abgesehen von der Tatsache, daß damit ein Dienstreisevisum in die BRD verbunden sein würde, also ein klitzekleines Loch in der Mauer winkte, wenngleich auch erstmal bloß für mich persönlich. Aber als ich dann zu Mittag über Radio 100 die Nachricht hörte, daß bei der Dresdner Demo am Vorabend ein Dialog mit dem Oberbürgermeister sich angebahnt hatte, als dann am 10.10. ungehindert in der Presse berichtet werden konnte (weil die Abt. Agitation/Propaganda des ZK seit dem Vortag schwieg) und die Union als erste Dresdner Zeitung das große Wagnis einging (schließlich schwieg die bewußte Abt. nur, hatte also nichts ausdrücklich erlaubt), erschienen mir plötzlich alle Probleme lösbar. Und dann fiel in der Nacht vom 8./9. November auch noch die Mauer! Was konnte da zum Glück noch fehlen?! Ich quasselte damals was von neuem Selbstbewußtsein und so. Das erscheint mir heute auch ziemlich lächerlich. Zum großen Glück fehlt nämlich noch viel, wie sich sehr bald herausstellte.

Ende November fuhr ich ein paar Tage nach Düsseldorf (meine erste richtige Westreise) und besuchte ein Pop-Seminar. Zurück kam ich an dem Wochenende der 13. Volkskammersitzung, dem Wochenende der Enthüllung eines modernen Feudalstaats. Das schockierte nicht wenig. Ich meine, befürchtet hat ja jeder so manches, doch konfrontiert mit den realen Fakten... Noch in Düsseldorf prägte ich mir einen Merksatz ein: Auf der Schokoladenseite ist alles haargenau so, wie unsereinem der Real Existierende schmackhaft gemacht werden sollte. Und dann zu Hause vor dem Fernseher sitzend dachte ich bei mir: Wie sehr wir doch alle betrogen worden sind, und ob sich diese Rückstande überhaupt jemals aufholen lassen?

Zu allem Elend ist nun auch noch eingetreten, was Liedermacher Gundermann in einem SONNTAG-Interview im Frühjahr 1989 vorausgesehen hatte: Die Leute stehen gemeinsam bei Rot an der Ampel. Doch bei Grün stürzen sie in ganz verschiedene Richtungen auseinander, weil sie versäumt hatten, sich vorher zu verständigen.

Um den Begriff Anarchie erklären zu können, braucht man jetzt bloß noch den Kopf aus dem Fenster zu stecken. Zwar trat über Weihnachten/Neujahr ein bißchen Ruhe ein, doch klare Konzepte sind nach wie vor nirgends zu erkennen. So ist die Ruhe trügerisch. Nach dem letzten Feiertag wird es weitergehen wie davor. Natürlich kam und kommt bei dem, was friedliche Revolution zu nennen sich eingebürgert hat, gutes heraus, geschieht notwendiges. Doch Chancen bergen immer auch Gefahren. Der Mob fühlt sich mobilisiert, neuer Dünkel, neue Intoleranz machen sich breit; aus der Vergangenheit scheint überhaupt nichts bewahrenswert, an allem sind sowieso die SED-Genossen schuld (jeder einzelne!) und alle haben plötzlich sehr unter der Stasi und all dem gelitten. Als ob es Perestroika nie gegeben hätte, als ob niemand um den 7. Oktober herum Gorbatschov! gerufen hätte, als ob Schuld oder Unschuld von Parteimitgliedschaft abhängen würde. Aber wer nicht das Gegenteil jetzt behauptet, wer da nicht mittut, ist sowieso doof.

Ich bin wahrhaftig kein Schönfärber der Vergangenheit, Gott bewahre, sofern ich den bemühen darf. Doch was im Moment an Streitereien und Herumnölerei passiert, könnte die Zukunft des Landes kosten. Dann werden wir vielleicht wirklich bloß noch als Konkursmasse aufgekauft. Die Frage steht freilich: Will die Mehrheit überhaupt etwas anderes als die deutsche Einheit? Ich für meinen Teil bin schon erst mal dafür, mit eigenen Kräften den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Dann könnte man vielleicht wirklich stolz dreinschauen. Anfang Dezember jedenfalls fragten wir uns wieder: Bleiben oder gehen? Diesmal haben wir uns selbst entschieden, wie der Absender verrät. Aber die Gefühle dabei sind zwiespältig; wir schwanken mit den eintreffenden Nachrichten. Lediglich zwischen Weihnachten und Neujahr trat etwas Ruhe ein. Ich konnte mal wieder ein bißchen  arbeiten, und Musikhören ist nicht mehr bloß Beschäftigungstherapie gewesen.
Auch glaube ich, kommen wir jetzt als Familie besser zurecht.

Nun ist es doch ein ganz langer Brief geworden, und ich merke sogar, daß ich mich jetzt bremsen muß, sonst wird er noch länger und dann streikt meine Kopierwerkstatt und Ihr bekommt den Brief nie. Geschrieben werden sollte er ja schon vor zwei Wochen. Aber damals war gerade....

Schöne Grüße von den Dresdnern. Bernd

Zeitloser Mob

Was die Politik betrifft, so bin ich glücklich, Eingang in die Welt des Zeitlosen gefunden zu haben, sonst würde ich den Mob nicht ertragen. War gestern (19.12.89) auf der "Demo", bin bei den "Roten" mitmarschiert, weil ich erst einmal DDR-Bürger sein möchte und das richtig und später dann deutschsprachiger Europäer.
Aus einem Brief von Christof

F R E Y L A U F

Mensch, dachte ich, sind wir viele, am Abend des 1. Mai auf dem Kolle, eigentlich sind wir doch lebendig genug, uns den letzten Ölungen des modernen Lebens zu widersetzen. Piraten mit mehr Reißverschluß als Hose um die Beine ("Ich hasse euch doch alle!), barfüßige Schwangere, schwarzroter Ausdruckstanz, grüne Irokesen, weißbärtiges Helgoland aufm Klettergerüst, Tarnjacken wie Friedenssymbole auf schwarzem Grund. Welche Kraft sollte diesen Gesang in den Rhythmus der Weltmaschinerie eintakten können?
Und ich gebe Gabriele recht, als sie sagte: "Meinst du nicht auch - ein Strich mit einem Kamm, eine ordentliche Hose, und die meisten sagen wieder 'Guten Morgen, Büro!'?".
Irgendwann punkte "Die Art". (Muß mal gesagt werden: Nur 10 Minuten Umbaupause - das ist wirklich professionell! Mir stinkt dieses ewige Rumgewichse der (ab-)gestandenen Bands wie Adidas.) Wie kommt eine Band damit klar, über Jahre nur die paar Typen vor der Bühne, ab und an über DT zu erreichen? Wie verkraften sie den Verlust der Gefühle des Aufbruchs in den Untergrund der Musik? Was konnte sich manifestieren vom Aufbegehren, den rausgelassenen Schreien? Und jetzt, da mehr Plattenvertragsverhandlungen das Telefonnetz belasten, als AMIGA verkraften kann, wie bitter wird dies der Band? Das Schiff kehrt niemals zurück, die Flaschenpost strandete vor 100000 Jahren in Grönland.
Zwischen "Die Art" und der nächsten Gruppe gab es ein Statement von ... ("Sprecher", Namen vergessen) von "Freygang", bei dem mein Lachen nur ein dünner Film über einer riesen Wut war. Sein Pausenschwall an das Publikum (manchmal von Worten gestört) ungefähr so: Vorstellung. Pause, Blick auf einen Zettel. Also wenn wir da am 6. Mai einen Zettel in einen Kasten stecken. Pause, Zettel... Dann sollen wir dafür sorgen, daß die "Penner", die jetzt vor dem Rathaus rumsitzen, in das Rathaus reinkommen. Pause. Zettel... Wir sollen so wählen, daß die besetzten Häuser die bekommen, die drin wohnen. Pause. Zettel... Und keine Miete zahlen! An wen denn? Pause. Zettel... Und die DSU-Wähler sollen doch alle nach dem Westen abhauen! Pause. Zettel... Und die SPD, die immer nur rumeiern, die brauchen wir auch nicht! Pause. Zettel... Denn wir können alleine denken! Pause, Blick auf den Zettel... Hört auf die Texte! Hört auf die Texte!
(Ich habe nichts zu singen und ich singe es...) Glücklicher Weise hörte kaum mehr als niemand zu. Obwohl... Vielleicht hätte sich eine allgemeine Abkotzfete entwickelt, wäre doch auch mal was!
Oder ist das illusorische Hoffnung?

Taste the band...

Im LOVER 4 erschien auch das Programm für LAPSUS LIVE 1990.

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