OVER
Nr. 7
LOVER Nr. 7
(erschien 10/95)
Auszüge:
[RE¤act¤or] - [Zar
Nekla] - [Wen liebst du?] - [Sterben
nach Gemeinschaft] - [Wie ist es nackt zu sein?]
- [Synonyme] - [Höllenlärm]
- [Es ist ein Kreuz] - [PAUSE]
- [Worte]
RE ¤ act ¤ or
Wenigstens der Grund für die lange Pause bei LAPSUS und beim LOVER
ist frisch. Vielleicht wurde ja LOVER 6 wenigstens von jemandem
gelesen. Einziger Dank an Roland. Was den Schreibern nicht sicher das Gefühl
nehmen kann, beim Wixen beobachtet worden zu sein...
Landet der Aufruf zu diesem harmlosen Aufbruch wieder im Eimer? 'Your
sperms in the gutter, your love in the sink.', wie es Ian Anderson mal
beschrieben hat? Muß dem LOVER eine frankierte Antwortkarte
zum Ankreuzen beiliegen?
'Erst schreibt er langweiligen Scheiß, und dann beschwert er
sich auch noch...' - oder was? Dann schreibt doch einfach mal auf, was
Euch so durch den Kopf ging beim Lesen. Oder was Ihr auf Eure Insel mitgenommen
habt.
Wer nur ist Zar Nekla?
Wer bist du in Zarnekla?
Lapsus Live bedeutete mir stets mehr als nur die Aufführung voranschreitender
Songs und Sounds. Da will ich nicht stehenbleiben. (Denn was ist schon
progressiv, was mich nicht selbst bewegt, mehr bewegt als Hirnwichserei.)
Dann wäre auch der Ort völlig egal. Daß wir nicht nur so
zum Spaß paar nette Tage wollen, da vermute ich Einverständnis.
Wir hier wissen's gut, das Leben an diesem Ort bleibt ein Wagnis.
Für Pfingsten '96 bleibt die Einladung. Dazu einiges bemerkenswertes:
Es gibt hier keinen CD-Spieler, keine Möglichkeit, Videos zu zeigen,
die gemeinsamen Mahlzeiten werden vegetarisch sein, es gibt hier kein Wasserklo,
keine Tageszeitung, ein Rauchverbot in allen Gebäuden und auf dem
Hof, nur eine kleine Mülltonne, ziemlich viel lebenswertes zu tun
und eine handvoll Menschen, die sich freuen, wenn Lapsus an diesem Ort
(17121, Nr. 19) livet.
Eine Menge Zeit dazwischen, Zar Nekla zu erfahren. Daß z.B. das
P nicht für provisorische Sounds steht: Soll der große Gemeinschaftsraum
in der Scheune bis Pfingsten fertig sein, brauchen wir unbedingt Hilfe.
Für uns sind derzeit halt andere Sachen (lebens-) wichtig: Acker,
Garten, Bau von Keller und Schafstall, Badumbau... Unser Bahnhof heißt
noch immer Düvier.
Klar bin ich verrückt.
Wen liebst du?
Who Do You Love. So heißt die Hippieske, die für 1996 geplant
ist. Vielleicht wird's, wie beim Planeten vor 10 Jahren, eine Voraufführung
und erst viel später gibt's die Fassung für "Dritte". Nochmals
durchgekämmt oder zerzaust, je nach Reaktion und Absicht.
Hippieske ist eine Mischung aus Hippie und Groteske. Letztere Züge
trägt mehr und mehr das, was als Hippie-Revival daherkommt. 1998 jährt
sich manches Ereignis zum 30. Male. Einige Vorabinformationen scheinen
mir da fällig.
Wie in jedem klassischen Drama gibt's drei Teile.
ErInnern
Im Sommer 1968 war ich 10 Jahre alt und ging bald in die 5. Klasse.
Fußball und Briefmarken sollte mein Interesse gelten. Das Leben war
seltsam; ahnungs- und arglos und somit schön.
Jahre später erreichte mich eine Musik, die in jenem Sommer bestimmt
- ausnahmsweise und wohl auch nur zur Untermalung des Urteils, daß
mit dieser Jugend mal wieder kein Staat zu machen sei (welch löblicher
und leider völlig unzutreffender Vorwurf!) - auf irgendeinem, von
mir noch ignorierten Mittelwellensender zu hören war.
Mein Erinnern meint nicht diesen Sommer '68, sondern die ersten Schauer,
den diese 68er Musik hinterließ. Ein Schauer, der sich auch damals
nicht aus der Empfehlung bunter Teenie-Blättchen ergab.
Und Dein ErInnern? Deine '68er?
VerSammeln
Trancedance; angeleitete Traumreise; Kreistänze; Pflanzenkunde
live; Samenyoga; u. a. .
VerSammeln ist ein Versuch.
BeWahren
Was bleibt übrig, wenn man von den Tonträgern und Büchern
absieht?
Was ist jeden Tag mit uns unterwegs, läßt uns nie wieder
los?
Wann liebst du?
Wo liebst du?
Wie liebst du?
Was liebst du?
Wen liebst du?
Sterben nach Gemeinschaft
Durch steife Mauern pfeift dir eins der Wind. Aus Höhlen wie Fenster
starrt dir die NEUE Zeit entgegen. NOCH vom Zigarettenqualm verweht. Wer
ist da sturmreif - die Bäume? - die Dachziegel? - du?
Kein Kindergeschrei wird den Friedhofslärm stören. Nicht
entschlossen dieses Haus mit neuem Gewand. Ja, der sonnige Umblick ins
grüne Land, die offene Weite, - doch du weißt noch nicht, was
ich meine? - verheißt Bilder einer Fernsehturmerinnerung, Bombse,
heiße Schokolade. Später - da dünnt sich das Leben weiter
aus. Erstmal. Mutter Erde. Muttererde. Nicht mal ein Trostpflaster am Rande
der Pflastersteine. Dieser Garten bleibt Verklappungszone unserer Chemiefabriken
wie dein Körper oder du. Da jeder weiß, wo die Apfelbäume
stehen und fruchten. Kirschen an jeder Autobahn - vorbei!
Warum in die Ferne schweifen? Bulettenwilli zieht das Steuer rum, um
einzuparken zwischen Wasserklo (und tschüß!) und Küchendunst
(neblig, grau). Ein Dach-Geschoß fliegt, als Blindgänger zu
enden in irgendwelchen Schubladen (auch grau, 37°C). Wie dein 14. Workshop
Ladendiebstahl bleibt, niemand mag bezahlen im Reparaturbetrieb am weltenden
Betriebe. Ein Blut für Öl. Na und? Wir sind beschäftigt
mit der Einrichtung unserer Vorstellungen. Möbelwechsel, alle paar
Jahre paar neue, nette Bildchen. So viel Platz in den liebevollen Herzen.
Oder der Angstschweiß in der Hose? Was holen wir dorten eigentlich
hervor, wenn wir uns jetzt im Kindergarten anstellen?
Dieser Ruck wäre doch nicht der Aufschlag - sondern das Öffnen
des Fallschirms! Mensch, wir sind lange über den Abgrund hinaus, "freier"
Fall. Freiheit? Nein danke!
Dir fehlt der Mut, weil du dein Schicksal bestimmst? Hä? Wie?
Und bist du DeutscheR?
Dein Schatten als Fluchtort und nicht als der fruchtbare Boden, und
das dunkelnde Laub nicht wohlmeinendes Geschehen. Wieder, ja, und obwohl
wir es vergessen, feixen sich Sedimente ins Gedächtnis der Natur.
Bis...?
Leben, wem Leben gebührt.
Wie ist es nackt zu sein?
Wie ist es, nackt zu sein?
Fühlst du dich?
Fühlst du dich wohl?
In deiner Haut?
Bei dir zuhause?
Die Welt gar deine Wohnung?
Und du die Wohnung der Welt?
Wie ist es nackt zu sein?
Synonyme
(Welt/Selbst) Veränderung: rechtes Maß für Bequemlichkeit
finden (wenn's hoch kommt); eher: Bedingungen der Bequemlichkeit schaffen/halten.
Ökologie: Tapezieren des Schneckenhauses - aber nicht zu oft,
1 x im Leben ist hinreichend.
Notwendigkeit: nicht aus Erkenntnis sondern als Ereignis.
(Weshalb sollte das (Ab-)Wenden einer Not auf das tatsächliche
Ereignen der Wirkungen ihrer Ursachen angewiesen sein? Dieses gefährliche
Mißtrauen gegen Erkenntnis + Wissen. A.)
(Der folgende Text scheint sehr witzig. Er offenbart
auch Erfahrungen, vielleicht sogar Erkennen. Und mancherm ergeht's ähnlich.
Ich kann ihn nicht einfach abtun. Schrieb ich vor Jahren "Rockmusik ist
Todesmusik" usw.)
Höllenlärm
Gott liebt keine Klänge, die euer Fleisch ansprechen. Alles, was irgendeinen
Anreiz von Disharmonie erzeugt, wird von eurem Heiland und Erlöser
abgelehnt. Beim Anhören eines Musikstücks oder Liedes sollt ihr
euch in eurem Gemüt gestärkt, gehoben und erquickt fühlen!
Das, was ihr heute als Musik bezeichnet, ist für Gott zum größten
Teil ein Greuel. In seinen Himmeln gibt es nur die harmonischsten, schönsten
Melodien und Töne. Die himmlische Musik ist für euch Menschen
ein Genuß! Ihr werdet dadurch emporgezogen in seine Welt des Friedens
und der Harmonie.
Meidet alle musikalischen Kompositionen, die nicht diese Zartheit und
wahre Beschwingtheit in sich tragen! Es gibt keine Schlagzeuge in der göttlichen
Welt. Auch die Engel können diese heftigen Schläge nicht ertragen,
so, wie sie auch vor Nikotin, Alkohol, ja, vor jeglicher Art von Drogen
flüchten: Ihr bestimmt selber eure Begleiter!
Alles Synthetische solltet ihr meiden! Die heutige, atonale, betont
rhythmische Orgelmusik gehört zum schlimmsten. Unter bewußter
Vermeidung des Dreiklangs - wie z.B. beim C-Dur-Akkord c-e-g, dem erhebenden
Zauber in der Kunst der alten Meister, entsteht ein Werk aus primitivsten
Krach.
Das Wort 'Kosmos' bedeutet Ordnung. Daher kann auch nur jene Musik
als aufbauend sowie der Harmonie förderlich gelten, welche die ewigen
Gesetze der Ordnung berücksichtigt. Alles andere wirkt destruktiv.
In alten Kulturvölkern war man sich des enormen Einflusses der Klänge
noch bewußt und hat entsprechend streng auf die Reinhaltung der Musik
geachtet. Platon schrieb in "Der Staat": 'Die Einführung einer neuen
Art von Musik muß vermieden werden, da sie das gesamte Staatswesen
gefährdet, denn die Musikstile werden niemals gestört, ohne daß
nicht auch die wichtigsten politischen Institutionen davon beeinträchtigt
werden.'
Mit der geistig-seelischen Verflachung eines großen Teils der
Gesellschaft sowie der Zerstörung von ethisch-moralischen Werten,
haben sich die musischen Äußerungen gleichfalls dem Niveau von
primitiven Urvölkern genähert. Licht in die Tiefen des menschlichen
Geistes zu senden, ist die Berufung des Künstlers.
Hier kann sicher nicht die ganze Bandbreite der fatalen Auswirkungen
des 'Rock' aufgezählt werden. In zahlreichen Publikationen wurden
schon Beweise dafür erbracht, daß diese 'Tonkatastrophe des
20. Jahrhunderts', wie sie Kahir genannt hat, nur zur Anregung des niederen
Ichs konzipiert wurde und gezielt ins Chaos führen soll.
Die Anzahl der Rockplatten oder -bänder, die man besitzt, ergibt
zugleich die Anzahl der magisch beschworenen Dämonen, die man in der
Wohnung hat und die sich von dieser Musik ernähren. Diese Klänge
gehen nicht in euren Empfindungsbereich hinein, sondern direkt ins Kleinhirn.
Dort sitzt das zentrale Nervensystem, alles wird in euch aufgereizt und
aus den Fugen gehoben, darunter ist das göttliche Fundament zu verstehen,
in dem eure Leben ruhen sollen.
Toleriert es nicht, daß in euren Heimen eure Kinder Musik laufen
lassen, die die allerniedersten, tiefsten Astralwesen und an die Erde gebundenen
Wesenheiten anziehen. Ihr könnt dann nicht aufsteigen, weil sich diese
Wesenheiten an euch ketten. Sie sind wie die Kletten! Diese Schwingungen
der Musik haften auch an euren Vorhängen, in euren Teppichen, in euren
Möbeln, auf euren Tapeten, ja überall, denn alles lebt! Selbst
wenn diese Musik abgeschaltet wird, sind diese Unsichtbaren immer noch
bei euch. Ihr wundert euch dann oft, warum ihr euch so unwohl, so kraftlos
fühlt, so müde, so geschlagen. Weil diese Wesen wie die Vampire
an euch hängen und euch die Kraft meiner Göttlichkeit entziehen.
Sonja Schnepfer setzte im Rahmen des Wettbewerbs 'Jugend forscht' einige
Schnittblumen, vornehmlich Tulpen, in einer Vase stundenlang Heavy Metal
und Hardrock aus: 'Jedesmal, wenn die Musik erklang, wuchsen sie von den
Lautsprechern fort. Wurde sehr lange gespielt, gingen die Pflanzen sogar
ein.' Umgekehrt haben sich die Blumen bis zu einem Winkel von 60° dem
Lautsprecher zugewandt, wenn indische oder klassische Musik zu hören
war. Ganz besonders zugetan indischen Klängen mit dem Grundton 'Sa'
oder 'Sa Ja'. Dieser Ton entspricht seit Jahrmillionen ohne Veränderung
dem Jahreston der Erde. Die Pflanzen wachsen danach, die Bäume bilden
ihre Jahresringe zu diesem Ton, zu dem sich alles, was auf diesem Planeten
geschieht, in bewährter Beziehung befindet. Diese Musik ist folglich
organisch und kosmisch richtig gestimmt. Demzufolge ist jedes Musikerlebnis
die harmonisch melodische Erinnerung des ursprünglich harmonischen
Weltendaseins, Weltenseele und Menschenseele, Sphärenmusik und Menschenmusik
stehen in stetem Austausch.
Harmonische Musik ist heil und heilend, ein rhythmisch fließender
Kraftstrom. Bei den weitausladenden Melodien der Barockmusik z.B. erfüllt
die Seele ein herrliches Freisein, ein Leichtwerden, das alles, was beklemmt
und schmerzt, alle lastende Erdverbundenheiten weichen läßt.
("Höllenlärm" ist zusammengeschrieben aus "Rockmusik in der
Kirche?" in der Zeitschrift "Der heiße Draht" 33/95 des Ordens Fiat
Lux.)
Es ist ein Kreuz
Gottes Sohn kam dereinst auf die Erde, um das sündige Menschenvolk
auf den rechten Weg zu bringen. Er führt ihm einige Kunststücke
vor, die beweisen, daß man die unglaublichsten Sachen machen kann,
wenn man (an sie) glaubt. Er sucht die Menschen in ihren kleinsten Hütten
auf und zeigt, wieviel Platz darin ist, so nur Gott im Herzen wohnt. Er
beweist, wie zwölfe von einem Brot satt werden. Er hält jedem,
der ihm über den Weg läuft, die andere Backe hin. Wo er nur kann,
dient er den Menschen - als Vorbild der Selbstverleugnung. Am Ende seiner
frei gewählten Leidenszeit, deren Qual er gelassen und frohen Lächelns
zu ertragen weiß, läßt er sich ans Kreuz nageln, stirbt,
aber nicht echt, und geht in die Verlängerung, in der auferstanden
wird. Da aber erkennen die Erdenwürmer: Demut, nicht Völlerei,
ist der Weg ins Himmelreich.
Un-sinnig sind diese in der Heiligen Schrift niedergelegten Geschichten
ganz und gar nicht; jede transportiert eine Moral, die ihrerseits Auskunft
darüber gibt, wofür derjenige, der sie glaubt, seine gesamte
Einbildungskraft mobilisiert:
- In der Vorstellung eines höchsten Schöpfers und Richters,
dessen Botschaften sein Sohn überbringt, gelangen gläubige Menschen
zu einem äußerst schlechten Urteil über sich selbst. Während
Gott allmächtig und allwissend ist, ewig und überall den Lauf
der Welt bestimmt, beschließt der Christ mit der Entscheidung, an
diesen Gott zu glauben und im Verhältnis der freiwilligen Knechtschaft
zu ihm zu stehen, einiges über sich. Er legt sich seine Sterblichkeit
zur Last, hält sich für ebenso ohnmächtig wie unwissend
und bezichtigt sich allen Ernstes, nur ein Mensch zu sein. Dieses "nur"
stellt keinen tatsächlichen Defekt, auch keine Wissenslücke und
schon gar nicht wirkliche Ohnmacht eines Individuums vor den sehr handgreiflichen
Mächten dieser Welt fest, sondern vollzieht eine ebenso abstrakte
wie absolute Verdammung der Menschennatur, die ganz allein aus dem Verhältnis
zu Gott stammt, in das der Gläubige sich mit Verstand und Gefühl
begeben hat.
- Gottes Sohn lebt die Tugend vor, die aus dieser, im Doppelsinn des
Wortes, Bestimmung folgt: Demut in all ihren lexikalischen Synonymen für
den Widerspruch, eine schicksalhafte Fügung nicht nur ergeben, sondern
einsichtig zu leben. "Fügsamkeit, Bescheidenheit, Opferbereitschaft,
Unterwürfigkeit" und nicht zuletzt "Hingabe" an diese Kunst der selbstbewußten
Selbstbeschränkung zeichnen einen gottgefälligen Menschen aus.
Die Abstraktheit des Begriffes "Menschennatur" bringt es dabei unweigerlich
mit sich, daß er das Streben nach einem derart erfüllten Leben
als die nicht bloß ihm, sondern auch allen übrigen Leuten anstehende
Gesinnung begreift. So entspricht der Selbstbezichtigung der Christenmenschen,
ein ziemliches Stäubchen im Universum zu sein, in aller Regel die
Selbstgerechtigkeit, mit der sie anderen auf der Straße und im Wohnzimmer
zu begegnen pflegen - ein Charakterzug, der für das Verständnis
der Heftigkeit der "Kruzifix"-Debatte nicht unwichtig ist: Leute, die davon
überzeugt sind, daß sie als sündige Menschen nur Ausschuß
zustandebringen, als gläubige Sünder aber auf keinen Fall etwas
verkehrt machen können, sind schnell und tief beleidigbar, fühlen
sie ihrem Glauben oder dessen Verkörperung auf die Füße
getreten.
- Aus diesem Inhalt geht schließlich auch hervor, warum und wofür
die Religion sich in die Form von Symbolen gießt, von denen das Kruzifix
eines ist: Im Respekt, den Christen dem Gekreuzigten bezeugen, im Schauer
der Ergriffenheit, der so manchen Sünder dabei überkommt, er-lebt
der Gläubige die Macht des Herren, der er alles verdankt: Gottes Segen
wie Brot, Wein und Seelenheil, aber auch Pest, Arbeitslosigkeit und andere
Prüfungen. In der Verehrung der religiösen Versinnbildlichungen
wird diese überaus passive Geisteshaltung aktiv zelebriert, genauer:
zelebriert sich, und zwar - das ist das Schöne - unmittelbar per Anschauung:
Beim Anblick des Christus aus Holz, der weinenden Madonna, der Christopherusplakette
gegen Verkehrunfälle (Utensilien, die bei weniger beliebten Religionen
übrigens "Fetisch" heißen) geht der Glaube ohne jede Dazwischenkunft
einer, womöglich doch nur störenden Begründung durchs Auge
übers Knie direkt ins Hirn.
Dieses Erlebnis, so meinen die Vertreter abendländisch-christlichen
Lebensgefühls, sollte man - vor allem in jungen Jahren - auf keinen
Fall verpassen: Dem Zufall wollen Kirche und Staat, dem die christliche
Tugend der Bescheidenheit ein Wohlgefallen ist, das Zustandekommen dieser
Lebenseinstellung durchaus nicht überlassen. Auf ihre Art wissen beide,
daß Demut eine Leistung ist und nicht vom Himmel fällt; eine
Leistung, die nur deshalb erbracht werden "muß", weil die meisten
Sünder im Diesseits für Herrschaftsdienste vorgesehen sind, deren
Ertrag für sie notorisch schlapp ausfällt. "Die Erde ist ein
Jammertal": Wer wüßte das besser als "Menschenfischer", die
mit dem Rezept für sich werben, daß gegen Jammern nicht die
Suche nach Gründen, sondern die Suche nach Trost hilft? "Die Menschen
müssen opferbereiter werden": Wer wüßte das besser als
Machthaber, die die Opfer, zu denen Bürger mit und ohne Konfession
kraft innerer Überzeugung bereit sein sollen, vorsorglich verordnen?
Staatsgewalten und Religion wissen, was sie aneinander haben; schon in
der Bibel gibt es eine irrsinnig dialektische Stelle, wo beide auseinander
"abgeleitet" werden, also verhimmelt werden: "Jedermann sei untertan der
Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne
von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet" (Röm.
13,1).
Gründe, durch die christliche Brille: "Versuchungen", den Mächtigen
auf die Finger zu hauen, gibt es freilich zuhauf. Was liegt da näher,
als das Bekenntnis zur "Verantwortung vor Gott und den Menschen" (Präambel
Grundgesetz), mit dem auch demokratische Staaten ihre Taten schmücken,
zum Erziehungsziel zu erheben? Damit kann man bekanntlich nicht früh
genug anfangen. Kaum entwickeln Kinder einen Willen, lernen sie das Beten,
die Verehrung einer liebenswerten Macht, die die Erfüllung ihrer Wünsche
davon abhängig macht, ob sie tagsüber auch recht brav waren.
Kaum kommen Kinder in die Schule, werden sie nicht zu Wissen, sondern "im
Glauben" an Gott erzogen und lernen - übrigens nicht nur im Religionsunterricht
und "unterm Kreuz"-, daß die Erfüllung ihrer Wünsche darin
besteht, ihr Leben lang brav zu sein.
(aus Das Kreuz des Staates in GegenStandpunkt 3-95)
P.S. Oder eben etwas aus der breiten Palette der/s Alternativen (also
Gleichgültigen) zu tun, das einen wenigstens ins moralische Recht
setzt.
Vor-Bild-lich.
P A U S E
Die sich da "Beatrice" nannten, waren um die 30, keinesfalls Jünger.
Und unabhängig auch nicht, gerade. Dank Bigfather Omega konnten sie
überhaupt auftreten, als Vorgruppe, maximal 4 5 Titel. Urpunk, 1980
in Ungarn.
Die Texte ungefähr so: Yeah, gäben sie wenigstens Baumaterial
her, Wohnungen für die Kids bauen zu können: die versteinerten
Spießerhirne, die Bretter vor den Köpfen, der Kalk im Herzblut
der lieben Mitmenschen usw. Auftrittsvverbot für's Ausland, Produktionsverbot
für Tonträger.
Im Inland sagte uns damals jeder: "Wen wollt ihr hören? Omega?
Beatrice! Das ist es! Da müßt ihr hin!" Zwischen Bühne
und sommervertrocknetem Publikum (samt 2 3 echten Punks, rote Tücher
mit weißen Punkten) Doppelreihe Soldaten mit Empies und Hunden. 1981
generelles Auftrittsverbot. Bandleader Nagy Fero solo und mit "Bikini"
weiter.
Beatrice - Sinnbild für das Verlorene, Verbotene des Lebens, für
den zertretenen Keim, für ausgelöschte Wahrhaftigkeit. Denkt
nicht, daß viel übrigbleibt. Pause. Ganz tief ausatmen. Pause.
Die Welt ist noch ein Stück größer.
Ein Dorf in Mecklenburg mit 242 Wahlberechtigten, ein einsturzgefährdeter
Dachboden, ein Stück Wiese, 220 V ± 13 dB in der Leitung. Was
da tote Hose? Es kommt drauf an, was mensch in der Hose drin hat! Das erste
Mal DAF gehört? Genesis (die wahren, mit Peter Gabriel) live genossen
(wenn auch nur auf Lichtbildern)? Mein erster miterlebter öffentlicher
Talk über Herrmann Hesse (Wehrdienstverweigerung, was sonst)? - In
eben diesem Kaff! Anno 80, als sich DT noch in die Hose pißte, mal
die Stones zu spielen. Aus der bunten Knete in den Köpfen 'ner handvoll
Besessener in's Leben gesetzt: die Liga zur Aufführung Progressiver
Songs Und Sounds (LAPSUS). Jedes Jahr für ein paar Tage live.
Unabhängig - mit dem andauernden Ende der ersten Liebe & der
letzten Liebe.
Muß nicht 'ne Demokassette sein, spontane Lust mundet noch ohne
Konservierungsmittel am besten. Die Würze des Lebens ist nur für
die Verrückten: Bach über 'ne verschärfte Egitarre; Endlosmagnetbandschleifen
statt Mescalin, um sich mit sich selbst zu unterhalten; alkoholfreie Lesungen
eigener Schreibe, während ca. jeder seine neuesten LPs aus (dem damaligen)
Westbudapest (Quicksilver Messenger Service?) rumgab; die schräge
Antenne auf Szenenempfang (born in New York oder Kleinmachnow) über
der leibhaftigen Aktion in weißen Gewändern; mittenmang immer
paar blumenbekränzte Kinder oder eine traurige Einsamkeit; das Regnen
von Schlafstörungen aus dem Sternenhimmel, um mit Scherbentönen
und den 4dutzend LAPSUS-Jüngern der Dorfdisco einen Hauch von Genesung
zu bringen; Übersetzungen der (vielleicht englischen) Lieblingsplatten
in Vorträgen ebenso Merkmal wie teegetränkte Schlafsäcke
hinterm Schlagzeug in der Garage. Stell Dir vor, selbst die merzliche Zerschlagung
der der ... Dingsda des letzten Herbstes hat uns nicht den Boden weggehauen,
wenn auch der Salzhaushalt inzwischen wieder mehr über Tränen
läuft. Pause.
Atme tief aus. Pause. Die Weite der Welt? Daß in jedem Augenblick
unerzählbare Möglichkeiten in deinen Händen harren? Was
diss soll? Tu dein Ding jetzt oder rede nicht. Schon mit dem nächsten
deinen Schritt -> out (oder in oder wieauchimmer). Selbst der Krieg ward
vorüber, als mensch es wollte (1990)
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