OVER
Nr. 8
LOVER Nr. 8
(erschien 04/96)
Auszüge:
[RE ¤ act ¤ or] - [Zarenhof]
- [Wen liebst du?] - [Verlottert]
- [Total-Theater] - [Höchstwahrscheinlich]
- [new Voices] - [Remember A
Day] - [NIE?]
RE ¤ act ¤ or
Dank an alle, die ihre Beiträge für das Pfingsttreffen anmeldeten.
Der gegenwärtige Stand der Programmplanungen ist in diesem LOVER nachzulesen.
Doch bisher lief noch kein LAPSUS LIVE nach Plan über die Bühne.
(Das nur als Trostpflaster auf die Befürchtung der Antiautoritären
unter euch, hier wäre ein Dienstplan abzuarbeiten.)
Bisher haben diese Planungen ihren Zweck allerdings ganz gut erfüllt,
nämlich jenen eine Hilfe zu sein, die eine Auswahl treffen wollen.
Bei über 30 Stunden Programm nicht ganz abwegig, oder?
Schließlich zeigt der Körper manche Reaktion unabhängig
vom Willen.
Ich kann mich noch immer deutlich daran erinnern, wie ich vor 15 Jahren
die von meinem Kumpel Hencky mitgebrachte Doppel-LP "The Song Remains The
Same" der zu recht legendären Led Zeppelin auf Band bannen wollte
- morgens gegen halb vier. Und ich konnte nach der dritten (wie ich tags
darauf feststellte) Plattenseite beim besten Willen nicht entscheiden,
ob ich diese denn nun schon aufgenommen hatte oder nicht. Mein völlig
übermüdeter Geist hatte nicht die leiseste Idee, wie ich das
zweifelsfrei herausbekommen könnte. Also schwebte ich ins Bett...
Zarenhof im Olympia- Fieber
Zur etablierten Tradition von LAPSUS LIVE gehört LAPSUS LIGA, die
Sportschau für außen Stehende. Zwar hat das offizielle Programm
nie darauf hingewiesen, aber fast immer fanden sich Lapsoten zusammen,
die den körperlichen Ausgleich zum LAPSUS-HeadSet suchten und zumeist
auf einem für's Kicken geeigneten Acker fanden. Die Jagd nach dem
Leder ist auch in diesem Jahrgang wieder vorgesehen. Trikot und Schal also
nicht vergessen. Wer zeitig anreist, darf beim Mähen des Kampfrasens
helfen.
Aber da Steigerungsfähigkeit ja nicht nur Auktionären gut
zu Gesicht steht, gibt's diesmal außerdem die 3. Bauernolympiade,
bei der niemand außen stehen muß.
Das spektakuläre Ereignis des ländlichen Amateursports, dessen
erste Folgen bei anderen Feierlichkeiten des Zarenhofes zelebriert wurden,
bietet Raum für Körpererfahrungen u. a. in den Disziplinen Forkenwurf,
Stiefellauf, Schubkarrenrennen, Bohnenzielspucken usw. usf. Ausgefeilte
Regeln und allerhand Handicaps werden den Spaß noch größer
werden lassen als die Namen bereits verraten. Die besonderen Ausrüstungen
finden sich in Zarnekla, ihr braucht also nicht per Schubkarre anreisen
und könnt auch die Forke zu Hause lassen.
Ein Hinweis an die Ehrgeizigen: heimlich üben ist gemein.
Wen liebst du?
Who Do You Love. So heißt die Hippieske, die 1996 auf dem Programm
steht. Feste Strukturen zeichnen sich noch nicht ab, aber die zum Teil
wagen Ideen sind immerhin vorsortiert. Große Hoffnung setze ich auf
inspirierte Musiker, denen good vibrations aus der Seele fließen.
Die Hippieske ist als Mischung aus Hippy-Feeling und Groteske angelegt.
Das unübersehbare Hippy-Revival wird nebenbei etwas auf Substanz abgeklopft.
Beim ErInnern an schauderhafte Musik und Zeiten werden Leute wie Jerry
Garcia und Bill Graham helfen. Sie sollen aber nur die Initiatoren eigenen
Erinnerns sein. Eure entsprechende schauderhafte Tonkonserve nebst Hippy-Story
habt ihr dann hoffentlich parat.
Das VerSammeln beginnt mit einer schamanischen Reise und soll uns zusammenführen.
Das Who Do You Love des Qicksilver Messenger Service soll nach einigen
Stationen das musikalische Finale bilden, bei dem ein ausgedehnter, eigenartiger
Improvisationsteil mit good vibrations von uns allen mein großer
Traum wäre. Let it happen!
Was wir und andere an Hippieskem mitnehmen, was wir und andere des
BeWahrens wert finden, kommt im letzten Teil zur Sprache, eingehüllt
von hippiesker Musik. Was wir mitnehmen, wird auch unsere Hippieske sein.
Machen wir sie zu einem Schatz. Und uns etwas klarer:
Wann liebst du?
Wo liebst du?
Wie liebst du?
Was liebst du?
Wen liebst du?
Verlottert
Peter Rühmkorf (* 1929 in Dortmund, seit 1964 in Hamburg) im Gespräch
mit Karin Großmann (Sächsische Zeitung vom 11.11.95)
In der DDR hatte die heimkehrende (Exil-)Literatur ja wohl einen anderen
Stand.
In der DDR fand diese Literatur zum Teil eine Heimstatt. Heinrich Mann
war bei uns überhaupt nicht gedruckt, er war eine unbekannte Größe;
Feuchtwanger kannte in den fünfziger Jahren bei uns kein Mensch. Und
Döblin, der große Döblin fand für seinen Roman "Hamlet
oder Die lange Nacht nimmt kein Ende" keinen Verlag im Westen. Er wurde
im Osten gedruckt. Das heißt: Dem bloßen Markt vorgeworfen,
wären diese Werte alle im Nichts verschwunden.
Als kritische junge Menschen empfanden wir, daß die DDR mehr
tat für das, woran uns lag - nämlich gute Bücher -, als
unser verlottertes kapitalistisches System.
Total-Theater
Bill [Graham]: Die Leute standen auf der Straße Schlange, um auf
die Party [Appeal-Benefiz am 6.11.65] zu kommen. Riesige Menschenmassen.
Tausende. Rein rechtlich war das Loft vielleicht für sechs- bis siebenhundert
Personen zugelassen. Und ich schätze mal, daß wir gut fünfzehnhundert
Leute auf einen Schlag da oben hatten. Da sind Leute zusammengekommen,
die vorher nie was miteinander zu tun hatten. Ein durch und durch gemischter
Haufen. Absolut fantastisch. Normalerweise war damals in San Francisco
nur wenig zu reißen; die Bewohner der einzelnen Stadtteile hingen
zusammen wie die Würmer unter den Gehwegplatten. An diesem Abend sind
die Würmer alle in einem großen Topf zusammengekommen.
Mit 'psychedelisch' hatte das damals noch nichts zu tun. Es wurde ein
bißchen Gras geraucht, und das war es auch schon. Aber ich habe die
ganze Nacht über Dinge gesehen, die hier zum ersten Mal passiert sind.
Ich habe Leute gesehen, die reingekommen sind und sofort angefangen haben,
mit anderen Leuten zu tanzen, und ich hab erst nach einer Weile begriffen,
daß diese Leute sich untereinander gar nicht kannten. Sie haben einfach
angefangen zu tanzen. Sowas hatte ich
nie zuvor gesehen. Es war wie eine Verbrüderung aus dem
Augenblick heraus. Sie sind alle eins geworden. Als ob du dir Protoplasma
durch ein Mikroskop anschaust. All die Zellen sind gleichzeitig in Bewegung,
sie pulsieren und berühren sich gegenseitig. In dieser Nacht haben
alle bei dem Stück mitgespielt. Es war einfach Total-Theater. ?
Höchstwahrscheinlich gehst du deinen Weg (und
ich geh meinen)
Du sagst, du liebst mich
Und du denkst an mich,
Aber du weißt, du kannst dich täuschen.
Du sagst, du hast mir klar gemacht,
Daß du mich halten willst.
Doch du weißt, so stark bist du nicht.
Ich kann einfach nicht so weitermachen,
Ich kann dich einfach nicht wieder anflehen.
Ich werd' dich gehen lassen
und ich werd' verschwinden.
Dann wird die Zeit zeigen, wer leidet
Und wer zurückgelassen wurde.
Wenn du deinen Weg gehst, und ich geh' meinen.
Du sagst, du störst mich nur
Und du verdienst mich nicht,
Aber du weißt, manchmal lügst du.
Du sagst, du verzehrst dich
Und du zitterst um mich.
Aber du weißt, wie hartnäckig du bist.
Manchmal wird einem das einfach zuviel,
So geht's einfach nicht weiter
Und ich werd' dich gehen lassen,
Ja, ich werd' verschwinden.
Dann wird die Zeit zeigen, wer leidet
Und wer zurückgelassen wurde.
Wenn du deinen Weg gehst, und ich geh' meinen.
Der Richter hegt einen Groll gegen dich,
Er wird dich aufrufen,
Doch er ist schlecht zu Fuß,
Weil er auf Stelzen gehen muß,
Paß auf, daß er nicht auf dich fällt.
Du sagst, es tät' dir leid
Wegen deiner Geschichten,
Von denen du wußtest, daß ich sie schlucken würde.
Du sagst, du hätt'st 'nen andren Lover,
Und klar, ich trau dir's zu.
Du sagst, meine Küsse sind nicht wie seine,
Doch diesmal sag ich dir nicht, warum das so ist.
Ich werd' dich einfach gehen lassen,
Ja, ich werd' verschwinden.
Dann wird die Zeit zeigen, wer leidet
Und wer zurückgelassen wurde.
Wenn du deinen Weg gehst, und ich geh' meinen. (Robert Z.)
n e w v o I c e s
Noise auf'm platten Markt erregte schon desöfteren vermittels des
Programmpunktes New Kammermusik Aufhören bei LAPSUS LIVE. Rain stellt
in diesem Jahr einige unbetagte Töne an den Anfang, den Rand des großen
LAPSUS-Landes. Die akustischen Tips stammen großenteils aus den New
Voices-CDs des Rolling Stone. So neu sind die Stimmen selbst häufig
nicht, aber das Material ist nie überlagert und nur selten (später)
in den Charts und damit im Radio. Was dieses Blatt bisher in digitale Muster
pressen ließ, veranlaßte mich zum Abonnement, denn die Idee
ist die zeitgemäße Fortsetzung der berühmten Schallfolien
einschlägiger Fanzines, wie sie auch heute noch hie und da auftauchen.
In Dresden beispielsweise im "The Flying Revolverblatt". Zwar ignoriert
ein derartiger Auszug stets das Spektrum eines Albums, aber erstens ist
es mit dem Spektrum ja leider meist nicht weit her und zweitens kann man
sich ja im Flachhandel Nachschlag holen. Die oft überstrapazierten
Verbal-Vergleiche bringen zwar Visions, aber kaum Sound rüber. Selber
hören macht taub.
Nebenbei gibt's in Rain ein paar Worte zu Vertriebsentwicklungen auf'm
platten Markt.
Save Your Local Dealer!
Remember A Day
Vor etlichen Monden wurde das Manifest der LAPSUS zur schlagartig aussetzenden
Diskussion gestellt. Da sich LAPSUS-LIVE '96 erneut dem Versuch stellt,
hier nochmals die Leitsätze:
Die Liga schafft daran, bis über die Jahrtausendwende hinaus progressive
Rockmusik in Inhalt und weitem Umfeld, multimedial aufbereitet vorzustellen,
sowie Möglichkeiten für Bedürftige zu bieten, Welt- und
Lebensgefühle in unterschiedlichsten Formen verarbeitet mitteilen
zu können.
Außerdem widmet sie sich in gemeinschaftlichen Aktionen dem künstlerischen
Kampf gegen die Entfremdung, indem sie möglichst grenzenlose Denkanstöße
vermittelt. Sie versucht sich an den Bemühungen zu beteiligen, existentielle
Ideen hervorzubringen, aufzuspüren, zu reflektieren und zu verbreiten.
Die Lapsus bekennt sich - nomen est omen - zum Irrtum wie zur Lernfähigkeit.
Die Lapsus bezweifelt, daß der Zweck die Mittel heiligt und hofft,
daß Unzweckmäßigkeit nur die Beschränkten schreckt.
Die Würze des Lebens ist nur für die Verrückten. Nur für
Verrückte. Lapsus.
Die Liga bekennt sich zur Stärkung der Souveränität
des einzelnen Menschen in jeder Beziehung. Deshalb wird der Rahmen jeder
Äußerung in die Nähe menschlicher/ natürlicher/ gesunder/
progressiver Prinzipien gestellt.
(aus LOVER 2 vom Oktober 1989)
P.S.: Aus diesen Prinzipien heraus einige Bitten an alle, die LAPSUS-LIVE
'96 am Hofe von Zar Nekla erleben wollen:
Durch die ZarInnen wird die allgemeine Versorgung organisiert, Helfer
sind stets willkommen. Die gemeinsamen Mahlzeiten werden vegetarisch sein.
Pro Tag sind 7 DM für die Verpflegung zu zahlen.
Das Pumpenwasser ist gut zum Waschen, aber nicht zum Trinken geeignet.
Mit dem Trinkwasser aus der Leitung ist sparsam umzugehen.
Die Plumpsklos und andere Bedürfnisstätten erwarten dich
bestenfalls so, wie du sie verläßt.
Die kleine Mülltonne freut sich über nichts.
Das Rauchverbot in allen Gebäuden und auf dem Hof ist zu beachten.
Die Feuerwehr kommt garantiert zu spät.
Im Ereignisreich der Scheune und im Haus sind - gerade bei Regen -
Straßenschuhe nicht erwünscht. Bitte Füßlinge für
drinnen mitbringen.
Der Bahnhof heißt noch Düvier. Ab dort ca. 4 km zu Fuß.
Große Bitte zum Schluß: der Zarenhof würde sich über
spendable Hinterlassenschaften insbesondere in Form von daheim überzähligem
Geschirr und Besteck freuen.
NIE?
Alles pfeift, wenn ich tanze. Schicke das Herz auf die Reise, du findest
nicht zurück. Steckdosen und Steckdosen und ohne Nulleiter.
Was wächst? Nicht die Ängste - es wächst die Erstarrung.
Als alle Stricke reißen!
Was Stricke! Biegsam? Wellend?
Ich habe mich verirrt! Ich gehe immer rechts herum, ich las davon,
das dies hinausführt. Immer rechts herum, es kann zwar der längste
Weg sein. Es war zu lange, ich öde mich, ich veröde mich, ich
öde mich. Die Worte regnen mich Zitternden naß, aus meinen Quellen.
Den Augen. Ich kann die Schrift nicht entziffern, abgewaschen, in Lachen
zerlaufen. Ob ich mich entferne? Woher? Ja, ich entferne mich. Weg mit
mir.
Aus der Vogelperspektive: immer nah am Punkt. Nah der öden Wand.
Außergewöhnlich zart und fad' die Töne. Irgendwo. Irgendwann.
Nur immer zu. Ich sehe es nicht. Ich sehe die Spuren im Sand. Meine. Die
Pflastersteine? Drunter? Neben mir? Die Wände?
Die Pflanzen? Klettern, Klimmen? Abrutschen? Darf ich denn nochmal?
Ich muß nochmal.
Schritten. Kristallieren. Wachsende - Enge. Was zu spüren - Substanzloser.
Loser.
Verdammter Irrtum! Ich bin nie mit ihr in den Mond gegangen! Und ich
blieb nicht dort! Jeder fußbreit Tritt ist zu sehen. Mich öden
die Spuren. Die Reizwörter.
Abgehört. Verhört. Geschichte. Geschichtet. Ich habe den
Sand, ich grabe nicht.
Meine Hände...
Ich muß doch rechts herum! Tastend. Ich kann nicht stillhalten.
Nicht mehr. Ich halte still. Und versteinere. Ich habe mir viel vorgestellt,
alles mögliche. Es steht da. Vor mir. Zu hoch. Es fühlt mich
nicht, mich Mann. Ich finde die Sprache nicht recht und zeitig. Sie tönt
an mir vorüber. Wie könnte ich sie auch halten!
Wie wäre sie aus Fleisch und Blut!
Ich doch nicht, ich liege nicht wach. Und du glaubst, woraus die Träume
sind? Meinst', die sehen mehr? Ein Meer? Gezeiten? Wie öde!
(Zu Ostern trafen sich in Zarnekla bei herrlichem Wetter einige von
Vorfreude getriebene Lapsoten zum Landbau-Weekend. Neben anderen Kultivierungsaktionen
gab's u. a. eine Voraufführung von Rolands Becanungen, in denen
auch NIE? vorgetragen wurde. An zwei anderen Abenden las Achim Texte von
E.
A. Poe und Entiemble vor. Letzterer berührte mit seinem
Lob
eines Körpers, unterstützt von Musik der
Soft Machine.)
Im LOVER 8 erschien auch das Programm für
LAPSUS LIVE 1996.
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