OVER Nr. 9


LOVER Nr. 9

(erschien 08/96)

Auszüge:

[RE¤act¤or] - [RockReede] - [Wen liebst du?] - [Zitate] - [2  loud  voIces?] - [Wo's lang geht] - [Diotima] - [Die Wärme der Erde] - [Bob] - [Vagabundieren] - [Scherz für Kinder]

LOVER No. 9

RE ¤ act ¤ or

Roland: "Einzige LL-Reaktion hierher bisher von Sabine. ... Unsere Runde zum Thema Lapsus live 97 hier ergab bisher ein einstimmiges Ja. Thomas' Meinung steht noch aus und wird da wahrscheinlich auch bleiben. Gabi fände es im warmen Sommer besser..."

Regina: "Ich kann das (die Beiträge im LOVER) auch nicht lesen. Das versteht doch auch keiner. ... Könnt ihr nicht auch mal was für Leute mit niedrigerem IQ schreiben... Sonst schreibt euch doch lieber gleich Briefe, du und Roland."

LAPSUS LIVE '97 - Regina hat erste Beiträge angekündigt. Ich habe meine ausgeborgte Dylan-CD wiedergefunden. Frank probte schon mal den Senegal-Vortrag in Berlin. Mit anderen Worten: ab sofort werden die Voranmeldungen, Ideen, Forderungen und Versprechungen für LAPSUS LIVE '97 angenommen.
RE¤act¤or!

Greif zur Feder...

RockReede '97
LAPSUS LIVE Nr. 15

Auf einer Reede gehen Schiffe vor Anker, halten auf ihrer Fahrt um die Welt inne. Ein Ankerplatz für kurze Zeit. Das ist LAPSUS LIVE in gewissem Sinne auch, deshalb dieser Namensvorschlag für die Ausgabe 15. Welche Ladung man löschen oder an Bord nehmen kann, bestimmen die, die kommen, wie stets selbst. Ein Schifferklavier in der Schiffsjungengröße ist am Zarenhof ja vorhanden...
...
Vitalogy-Kurs '96 für Anfänger & Fortgeschrittene
Die Würze des Lebens ist nur für die Verrückten. Diese wohl ägyptische Spruchweisheit begleitet LAPSUS LIVE seit 15 Jahren. Würzige und verrückte Stunden sollten von und für die Lapsoten gestaltet werden. Jedes LAPSUS LIVE wies solche Stunden auf. Unterschiedliche sicherlich für jeden, auch im RockReservat anno
1996.
Die Kursteilnehmer mußten bei den Vorträgen zwar trotz Ankündigung im LOVER 8 auf Mikrophon und Mischpult verzichten, nahmen davon aber kaum Notiz. Es hätte aber auch leicht ins Auge/Ohr gehen können; irgendwie hatte ich einfach keine Hand mehr frei...
Ganz Ohr waren alle bei Wolfgangs Lesestunden. Ein HörSpiel geradezu. Wolfgangs dramaturgisches Talent wurde durch die Musikauswahl noch unterstrichen. Der Text konnte wahrhaftig nachklingen. Ich hoffe sehr, daß ihn das gebannte Publikum zur Suche nach einer neuen Perle fürs nächste Mal animieren konnte.
Ziemlich anstrengend für alle war wohl Solowjews Versuch, den Sinn der Liebe zu erklären. Noch schwerer dürfte es für alle sein, ihn für sich selbst zu ergründen. Gespräche mit meinen Töchtern offenbaren mir immer wieder wie erschreckend schnell allerorten ausgebreitete Denkmuster zum Thema kritiklos übernommen werden. Man fühlt sich informiert. Aber wie heißt's bei Zappa (in Joe's Garage):
"Information ist nicht Wissen.
Wissen ist nicht Weisheit.
Weisheit ist nicht Wahrheit.
Wahrheit ist nicht Schönheit.
Schönheit ist nicht Liebe.
Liebe ist nicht Musik --
Musik ist das Beste!"
Was'n Lapsus-Spruch!
Noch einer: "Liebe den Zelten - Krieg den Palästen!" Die Zeltwiese nahm eine Handvoll Plastiktipis auf, das Haus schien beliebig erweiterbare Schlafplätze zu bieten, so daß die Plätze in der Scheune nur für den Mittagsschlaf der Kinder genutzt wurde.
Von überraschtem Zueinanderfinden bemerkte ich - als stets letzter Mann an Bord - nichts. Dabei ist Vitalogy gerade in dieserart Begegnung zu finden. Zu lagerfeuriger Nacht lud das Wetter leider nicht sehr überzeugend ein. Ungenutzte Möglichkeiten für würzige, verrückte Stunden also zuhauf.
Die Anreise war nur für wenige Leseunwillige oder schlimmstenfalls deren gutgläubige 'Opfer' ein Problem. Züsedom kam so zu unnötigem Besuch mit fragendem Gesicht...

Wen liebst du?

So war die Hippieske betitelt, die 1996 auf dem Programm stand und stand und stand. Von den wagen Ideen blieben die meisten unbenutzt, einige fanden wenigstens die Startlöcher, wenige kamen ins Ziel.
Die Trommelnacht zu inspirierenden Klängen von QMS, Jimi Hendrix, CCR, Cream, Blind Faith und UFO schenkte mir meine würzigsten Stunden. Denn endlich wieder eine echte LAPSUS-Nacht auch in dem Punkt, daß die Dämmerung des nächsten Tages von lapsotischen Klängen begrüßt wurde. Das Miteinander der "Overdubs" war zwar leicht mit einem Nebeneinander zu verwechseln, aber einige wundervolle Momente lang spielten wir wirklich miteinander und mit Jimi auf Wolke 9.
Das Who Do You Love des Qicksilver Messenger Service wird bei nächster Gelegenheit erneut das musikalische Finale bilden. Ich werde mit denen, auf deren spontane Unterstützung ich gerechnet hatte, beim nächsten Mal vorher ein bißchen koalieren, vielleicht gar üben... Denn ein eigenartiger Improvisationsteil mit good vibrations von uns allen soll nicht mein großer Traum bleiben. It'll happen!
Die kommentarlose schamanische Reise brauchte auch nicht gegen die Befürchtung anzugehen, eine Massenveranstaltung zu werden. Den Tanzenden jedoch war die Reise ein Fest, wenngleich eine Powerdisco noch verlockender gewesen sein soll. Hopsiger Montag!
Kurzum, für diesmal blieb die Hippieske ein ungehobener Schatz, an deren Deckel nur gekratzt wurde. Aber wir kriegen den Deckel noch auf! Mal sehen, ob wir uns verheben...
Hier ein Nachschlag zum ErInnern. Mein Erinnern ist der Überzeugung, daß Radio Luxemburg, Soldatensender, DT 64 die ersten Boten des Rock'n'Roll waren. (Die Legende berichtet, daß bereits mein Vater bei der Gartenarbeit für das Dorf erschröckliche Musik in undörflicher Lautstärke gehört haben soll. Wer's glaubt...)
Musik, die abseits der Charts gemacht wurde, kam verstärkt mit RIAS 2 und SFB 2 in den Bergholzer Neubau und später in die Züsedomer Rockresidenz, in deren Garten die erste taufrische LAPSUS LIVE-Nacht aus den Rema-Boxen scholl. Im August 1980.
Geradezu sorgsam schnitt ich Ende der Siebziger bei Hey Music! für's ZK 120 mit, wurden die Perlen von den Erbsen getrennt. Noch heute stehe ich zu fast jeder dieser Entscheidungen. Die überraschenden Entdeckungen aber gab's beim SFBeat und dem ungeschlagenen Rock Over RIAS. Zwar stellten sich die dort auf den Plattenteller gelegten Perlen oft genug als Einzelstücke zwischen abgesonderter Kieselsäure heraus. Doch tat das ihrem Glanz bis heute keinen Abbruch.
Ganze Arsenale von Gedankensplitterbomben gingen bei Berry Graves Radiocollagen hoch. Was in diesen Stunden an hingebungsvoller Kunstfertigkeit und erhellendem Eintauchen in die Gründe der Rockmusik geboten wurde, ist bis heute Gradmesser für meinen Dilletantismus auf diesem Gebiet. Die Doors und die Fahrt zu ihnen durch den Underground, ja selbst der Planet der Traurigkeit wären ohne den Geist von Berry Graves im Nacken nie gebastelt worden.
Wie man den Zeitungen entnehmen kann, ist diese Landschaft erhöhter RadioAktivität nur noch schnell verblassende Erinnerung: nur einige Lokaltroubadoure versuchen, fantasie- und ideenreiches Hören nicht völlig aussterben zu lassen. Tief in der Nacht. Ab und zu. Kaum zu finden. Werbung allerzeiten. Halbsätze. Blödelorgien ohne Unterlaß. Unbedarfte Moderatoren im Dauertelefonat mit ebenbürtigen Weghörern.
Das digitale Gegenstück mit 24-h-CD-Computerprogramm ohne Unterbrechung huldigt dem selben Geist: Es gibt nichts zu erklären, denn es gibt nichts zu ändern... Kalkulierter Fatalismus für Freiheitssklaven mit Stummelhirn.
Einen wichtigen Ansporn habe ich bisher unterschlagen: Werner Sellhorn. Seine Beatles- und Pink Floyd-Plattenvorträge provozierten den unbändigen Willen, soetwas Unbetroffenes möglichst schnell überflüssig zu machen. Der Anlaß dazu war leider ein sehr trauriger: John Lennons Ermordung. Im Februar 1981 gab's in der rappelvollen Dresdner Scheune einen nahezu 3stündigen Musikvortrag (ohne Dias), der als "Glaubt nicht den Beatles - glaubt mir!" 1981 bei LAPSUS LIVE wiederholt wurde.
Öffentliche Aufführungen mit häufig leicht verwirrten Reaktionen waren später noch manch anderem LAPSUS-Stück vergönnt. Wall, Planet, Doors, Duke usw. Der Planet der Traurigkeit zum Beispiel sprengte 1984 völlig den FDJ-Kulturwettstreit der BWLer der TU Dresden. Eigentlich schaffte nur Tarkowskis Stalker den selben überforderten Gesichtsausdruck meines ach so kulturbeflissenen Professors.
Auf euer ErInnern bin ich immernoch gespannt...

*  ZiTAte  *

"Ich fand's im großen und ganzen recht schön, nur die Lifebands nervten. ... Und statt Trance Dance lieber 'ne richtige Powerdisco, damit alle was davon haben..." (Regina)
"Ein schöner Sonnenuntergang, Astrids Frage 'Hast Du die mitgebracht (FdE)?' - die dann doch positiv gemeint war und der vorgestrige Anruf von Sabine, das waren meine Highlights." (Frank)

2  l o u d  v o I c e s ?

Wäre die Nr. 6 der vielzitierten Begleit-CDs des Rolling Stone (ich bekomme keine Prozente!) zwei Wochen früher erschienen, dann hätte die Pausen bei LAPSUS LIVE ein anderer Sound erfüllt: Spell Breaks With The Weather von David Torn. Wenn sich nicht noch würzigeres finden läßt, wird er '97 allen Interessierten (und natürlich auch Uninteressierten) präsentiert. Klar könnte man in den Pausen auch die Stille einziehen lassen, wie Roland es gutheißt, aber als Signal, daß in wenigen Minuten etwas anderes beginnt, ist der Pausenfüller gedacht und funktioniert er auch. Gerade angesichts der Meinung, daß auch völlig deplaciertes stattgefunden haben soll (und immer kann... - denn wo hing der Anti-Wunschbriefkasten?), ist so ein Signal doch zweckmäßig.
Das Pausenstück beim 14. war vom Instrumentalquartett The Henrys aus Kanada und hieß Adobe Abode. Die kleine Wortspielerei bedeutet 'Lehmheim' und das fand ich nun wieder sehr passend für den Aufführungsort.
Unüberhörbare Großstadtsignale gingen von FdE aus. Diese wurden von mehreren Seiten als nervend bezeichnet und es liegen Vorschläge auf dem Tisch, Bands an sich oder eben nur solche Bands nicht mehr einzuladen oder sie besser ins Nachmittagsprogramm zu stecken. Die Nächte wären zu kostbar.
Die Stunden nach 1 waren meist zu leer - trifft's eher. Für mich war es wie versprochen: tierisch frustrierend. Mit Momenten, in denen das Fell dünn und die Elchschaufel zur Antenne für`s Nordlicht wurde. Trotz vielleicht 2 loud voices.
(Aber von Musik hab' ich keine Ahnung - ich hör' sie bloß. (Wenn man mich läßt?))

LAPSUS LIVE

DAMIT DU WEISZT, WO'S LANG GEHT.

Ich weile dort, am Ort, wo wir vor zwei Tagen und Jahren noch gelegen haben, in Gedanken. Steine, die mich rufen, weiße Bäume mit schwarzen Linien, die mich erwarten, bittere Vogelbeeren, süße Himbeeren, das Glänzen deiner Augen. Dein Wogen im Atmen der Halme. Die erinnerten Gefühle, da bin ich losgelaufen über die leichte Wiese. Hier ist es. Ja, hier ist es. Der reife Rain, die Baumschatten im regungslosen Licht, das flimmernde Tönen des Lebenden, deine weichen Schritte im Grase, dein Raunen in einem Lufthauch, deine Hände im Tau meiner Tränen, ob wir beide losgehen wollen.
Und jetzt. Ich war wirklich dort. Ich träume von dir. Meine Wünsche über Zäune, hinweg in deine Arme, seit Kinderzeiten berühren sie dich. Fällt der Kopf mit Fallschirmhaaren ins samtene Grün, bis hinter die Wolken. Vielleicht kommst du mit der Fünfuhrsonne. In die Sonne nach dem Dämmern. Das Ufer zu sehen, irgendwo ein moosgeschmücktes Haus für uns. Heimat in Bäumen, Heimat im Wind, Heimat in der Bewegung eines Käferschillerns, im stillen Sprung eines Rehbocks. Wenige Worte, die uns die Liebe offenbaren, den Kopf freifluten. Ein Kräuseln auf die Wange flüstern, uns hineinatmen, uns einweben. Oh, wir sind frei des Hungers, schaue ich deinen dunklen Blick.
Niemand hat es mir beigebracht, ich kann meine Träume anfassen. Hände nehmen Angst aus dem Gesicht, sie riechen wie ein ungewaschener Kuß, sommerduftendes Haar. In Wellen fließt ein Gitarrenrhythmus, die Kehle hinabperlender Gesang, ein Geflunker im Bauch. Musik, löst den Nebel in allen Köpfen, der schwindet, war er jemals da, zwischen uns und dem All ist endlich jeder Stahlhelm verrostet.
Oft gingen wir zurück, unter den Puls, dem wachen. Ein Frost war das, was?
Danke dir, du erster sonnenbeschienener Fleck mitten im nicht endenden Sommer.
Ich habe dich so verdammt gebraucht.
Des Nachts gleitend durchs Wärmeblau auf dem blumenüberhangenen Strome, sacht tauchen die Ruder in den Fluß der malerischen Choräle des unsterblichen Getiers. Wo sind wir am schönsten Tag des Lebens? In der Nähe eines Wolkenbruchs, eines Frühlings, eines gewußten Morgens, in der Nähe unserer Kinder, so viele schöne, seltsame, freie Vögel.
Wir schwimmen durch das Gras, treiben lachend von uns selbst los. Nein, nein, keine Herrscher unsrer selbst. Der Heuhüpfer landet auf der Krone uns zu Häupten wie die fallenden Sterne aus weitem Geheimnis. Geboren aus unserer Schönheit wehen unsere langen Haare wie Blüten, wie Schmetterlinge, wie wir in die Sonne, über die Wärme unserer bloßen, weichen Körper. Wir werden es ein Leben nennen. Und in bunten, weiten Röcken tanzen Frauen über Klippen ins Offene. Ohja, Salamander zu ihren Füßen, des Himmels Schein spielt auf dem weißen Papier unserer verlorenen Schatten.
DAS WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR
Was LAPSUS live sein könnte. Daß wir weiters auf der Suche sind, es nicht das ist, was ich erträum', wird mir am deutlichsten am schwergewichtigen Konsumentendasein. Es spricht hier s.g.w. alles dafür, daß unser ZarInnenhof fürderhin die dauerhafte Heimstatt fürs fingstliche Zusammenkommen ist. Und wenn uns ein Geist trägt, unsere Herzen verbunden sind - wie entsteht die Gestalt dessen? Ich hatte im Wirken (¡) der Lover 6 & 7 sehr gehofft, hier würden übers Jahr 2 3 mal paar Lapsusen zum Bauen, Vorarbereiten, Proben und so ihre Zelte aufschlagen. Gut tat, daß Anfang April wenigstens Gorslebens in Sippenverhaftung hier am Schaffen waren. Als Fundament jedoch zu schmal, oder?
Mein Traum ging weiter. Oder sollten wir nicht vermischen: Familienbande, Gemeinschaft des ZarInnenhofes, Lapsusen & ihr Fest, das Programm, das Fanzine, das Manifest, die I.G.E.L.-Vereinssatzung, gar Publikum & Macher, Gartenarbeit & Mahlzeiten?¿? Das könnte es sein.
Was war, nicht wahr. Es tat mir sehr weh anzusehen, wie meine Kinder in eine extreme Esserei gezogen wurden. Dieses pausenlose Honigstullengestopfe (daß niemand sich über seine Säuferleber wundert: auch das gärt zu Alkohol), dieser elende Dreck, Schokolade genannt. Diese Kultivierung des Ersatzes (des Pseudolebens, das ist natürlich ein großes Feld - wozu LAPSUS...), die gedankenlosen Angriffe auf ein gesundes Leben. Wo muß ich die Kinder beschützen, wo müssen sie selber ihren Weg finden - es zerreißt mich immer wieder. Wahrscheinlich bin ich nicht bei mir.
Kultivierung von Besinnungslosigkeit; es mangelt an Gespür, an Mut, Alternativen zur Pausen(losen)-Musikberieselung zuzulassen, da wird viel weggedrückt (zudem war sie mir sehr langweilig), und ist Untätigsein so schrecklich? Das sollte dann doch Thema sein: wenn "nichts" passiert, daß wir uns auseinandersetzen, uns mitteilen zum Wollen, Wünschen, Träumen, zum Geschehen, Erwarten, Handeln. Auch Quatsch, denn Fingst'en ist die Zeit des Begeisterns. Des Befühlens, ach ja. Was ebenfalls zu den Simbowlen (z.B. neben der Schokoladenverklappung) des "Einbruchs der ersten Welt" zählt, war das Konzert der Großstadtband FDE. Der falsche Ort, vielleicht auch die falsche Zeit und viel zu laut. Kann man wirklich in diesem weiten grünen Gewalde, im nachtzarten Perlengesang des Gefieders, im Kobolden des Gequakes ohne was sein Ding durchziehen? Man kann.
Na, eine akustische Gitarre steht auch nicht unbedingt für Feingefühl. Oder ich.
Geht's mir jetzt besser? Zu war, um schön zu sein.
Clemens meinte, es war kaum was für die Kinder, nur son paar Bilder und immer dieselben. (Mal ganz frei betrachtet.) Und wir sangen heute in der Morgenrunde unverhofft und heftig "Let the sunshine in".

Jörn und Gehli

IN DIOTIMAS GARTEN (Aus Hölderlins Hyperion)

Wir saßen einst mit Notara - so hieß der Freund, bei dem ich lebte - und einigen andern, die auch, wie wir, zu den Sonderlingen in Kalaurea gehörten, in Diotimas Garten, unter blühenden Mandelbäumen, und sprachen unter andrem über die Freundschaft.
Ich hatte wenig mitgesprochen, ich hütete mich seit einiger Zeit, viel Worte zu machen von Dingen, die das Herz zunächst angehn, meine Diotima hatte mich so einsilbig gemacht -.
"Da Harmodius und Aristogiton lebten", rief endlich einer, "da war noch Freundschaft in der Welt." Das freute mich zu sehr, als daß ich hätte schweigen mögen.
"Man sollte dir eine Krone flechten um dieses Wortes willen!" rief ich ihm zu; "Hast du denn wirklich eine Ahnung davon, hast du ein Gleichnis für die Freundschaft des Aristogiton und Harmondius? Verzeih mir! Aber beim Äther! Man muß Aristogiton sein, um nachzufühlen, wie Aristogiton liebte, und die Blitze durfte wohl der Mann nicht fürchten, der geliebt sein wollte mit Harmodius' Liebe, denn es täuscht mich alles, wenn der furchtbare Jüngling nicht mit Minos' Strenge liebte. Wenige sind in solcher Probe bestanden, und es ist nicht leichter, eines Halbgotts Freund zu sein, als an der Götter Tische, wie Tantalus, zu sitzen. Aber es ist auch nichts Herrlicheres auf Erden, als wenn ein stolzes Paar, wie diese, so sich untertan ist.
Das ist auch meine Hoffnung, meine Lust in einsamen Stunden, daß solche großen Töne und größere einst wiederkehren müssen in der Symphonie des Weltenlaufs.
Die Liebe gebar Jahrtausende voll lebendiger Menschen; die Freundschaft wird sie wiedergebären. Von Kinderharmonie sind einst die Völker ausgegangen, die Harmonie der Geister wird der Anfang einer neuen Weltgeschichte sein. Von Pflanzenglück begannen die Menschen und wuchsen auf, und wuchsen, bis sie reiften; von nun an gärten sie unaufhörlich fort, von innen und außen, bis jetzt das Menschengeschlecht, unendlich aufgelöst, wie ein Chaos daliegt, daß alle, die noch fühlen und sehen, Schwindel ergreift; aber die Schönheit flüchtet aus dem Leben der Menschen sich herauf in den Geist; Ideal wird, was Natur war, und wenn von unten gleich der Baum verdorrt ist und verwittert, ein frischer Gipfel ist noch hervorgegangen aus ihm, und grünt im Sonnenglanze, wie einst der Stamm in den Tagen der Jugend; Ideal ist, was Natur war. Daran, an diesem Ideale, dieser verjüngten Gottheit, erkennen die Wenigen sich und e i n s sind sie, denn es ist Eines in ihnen, und von diesen, diesen beginnt das zweite Lebensalter der Welt - ich habe genug gesagt, um klar zu machen, was ich denke."
Da hättest du Diotima sehen sollen, wie sie aufsprang und die beiden Hände mir reichte und rief: "Ich hab es verstanden, Lieber, ganz verstanden, so viel es sagt.
Die Liebe gebar die Welt, die Freundschaft wird sie wieder gebären.
O dann, ihr künftigen, ihr neuen Dioskuren, dann weilt ein wenig, wenn ihr vorüberkömmt, da, wo Hyperion schläft, weilt ahnend über des vergeßnen Mannes Asche, und sprecht: er wäre, wie unser einer, wär er jetzt da."

DIE WÄRME DER ERDE

Die Jugend extremierte ihre Kleidung. Auch die seine. Eine alte Anzughose seines Onkels im warmen Sommerlicht, vom Opa ein altes, angerauhtes Unterhemd mit Knopfleiste, ein Originalschornsteinfegertuch um den Hals.
"Bringe mit, wen du willst, es wird eine großartige Sache!"
Was hat man mit 19 schon erlebt? Das einem die grenzenlose Hoffnung verdüstern könnte? Die Seele ist noch bereit zur totalen Hingabe und zu absoluten Empfindungen. Die Rockmusik ist anpackendes Leben, die letzte Sprache vorm lauten Sagen 'Ich liebe dich.', und keine wehmütige Erinnerung an Verlorenes.
Äußere dich, die Welt ist groß.
Seine Freunde waren alle gekommen. "Hi Jens!". (Sein Name war Jens, und seine Alten hörte er am liebsten, wenn sie nicht mit ihm redeten oder so.) Das waren verdammt gute, laute Tage, doch eines Mädchens stiller Blick - ungeahnte Gefühle verdüsterten seine spontanen Traurigkeiten.
'Du brauchst es eigentlich nur versuchen', dachte er. Was ist das, was so leicht zu haben ist?
Mit seinen Freunden zog vorbehaltfreies Leben über die Wiesen am See. Was verbergen? Jens war wie sie ein alter Held des Rock in einer Lederjacke. Doch des Nachts, obschon die Boxen noch lange nicht schwiegen, kam die kühle Dunkelheit dazwischen. 'Du brauchst es nur versuchen', dachte er wieder. Was dann, wußte er nicht. Er sah ja, wie einfach es war. Nun, schon immer lag ihm wenig daran, sich ohne greifbares einfach so zu unterhalten, und er blieb allein, abseits des Mädchens sitzen. 'Guck's dir an, hättest es nur versuchen brauchen.'
Allmählich waren die Sterne oben zwei Kilometer weitergerückt.
Jens wurde traurig, als er sah, wie leicht die Menschen augenscheinlich austauschbar waren. 'Da könnte ich auch sitzen', dachte er, 'was wäre da schon der Unterschied. Nur daß der da es eben gemacht hat.' Er wollte ein Stück weiter weg. In seinem Schlafsack lag irgendwer und lachte über irgendeinen flachen
Blödsinn. 'Mann, wie romantisch! Und morgen biste wieder der kleine Furz wie je.' Jens verkniff sich einen üblen Kommentar, die Stille der Sterne war es ihm allemal wert. Und schließlich fand er einen Platz für sich.
Die Wärme der Erde. Die Wärme der Erde empfing ihn.
Sie konnte er von hier gut sehen. Das blöde Gequatsche aus seinem Schlafsack nahm er nicht lange wahr. Ja, wie einfach das war. An den Gesichtern der anderen sah er, daß sie lebhaft miteinander sprachen, die Musik war schön, auch wenn sie sich küßten. Die Wärme der Erde, daß er die Kühle der Luft nicht spürte? Die Wärme der Erde war da, die ganze Nacht. 'Wie würden ihre Augen morgen aussehen?'
Er war der einzige, der die Nacht ohne Decke oder so draußen schlief. Morgens räumte er paar leere Flaschen weg und half dabei, was gutes aus den Boxen zu bringen.
(Das war vor Jahren? LAPSUS live 1980.)

Nachfeier für Bob

Bob DylanDylan, Bob (voc, g, harm), am 24. Mai vor 55 Jahren unter dem Namen Robert Zimmermann in Duluth, Minnesota, geboren und in der nahe gelegenen Grubenstadt Hibbing aufgewachsen, ist der schlechthin vollendete Rock-Solointerpret - in seinem Einfluß auf die Entwicklung dieser Musik nur mit den Beatles vergleichbar. Mehrmals hat er mit einer künstlerischen Kraft ohnegleichen und einer Stimme, die "klingt, als käme sie über die Mauern eines Tuberkulose-Sanatoriums" ('Time'), Popmusik-Trends ausgelöst, die sich binnen kurzem als die dominierenden erwiesen. 1961 bis 1964, nach Wanderjahren in Minnesota, Dakota, Kansas und einem abgebrochenen Studium an der Universität of Minnesota, setzte er sich in New York/Greenwich Village an die Spitze der Folksong-Bewegung und verdichtete das politisch-soziale Klima der USA sowie die Gemütslage seiner Generation zu archetypischen Song-Chiffren wie The Times They Are A-Changin', Blowing In The Wind, With God On Our Side, A Hard Rain's A-Gonna Fall, Chimes Of Freedom und vielen anderen.
Kritiker Gordon Friesen nannte Dylans Protestlieder damals "nicht nur potentielle Klassiker als Songs, sondern als Dichtung", und sein Masters Of War "eine der eindringlichsten Anklageschriften in der amerikanischen Literatur". 1965 schloß Dylan, dessen Pseudonym auf den an Trunksucht verendeten walisischen Lyriker Dylan Thomas verweist, seine Gitarre beim Newport Folk Festival an einen Elektroverstärker an und gab damit das Signal für den von einem Heer Folklore-Interpreten nachvollzogenen Übergang vom Folksong zum Rock. Seine Stücke Mr. Tambourine Man, It's Alright Ma I'm Only Bleeding, Like A Rolling Stone, Highway 61 Revisited, Gates Of Eden, It's All Over Now Baby Blue, Visions Of Johanna, Rainy Day Women sowie das Doppelalbum Blonde On Blonde reflektierten in ihren dunklen, vieldeutigen Versen den durch Rauschmittel wie LSD und Marihuana bewirkten Aufbruch der Rock-Jugend in die eigene Psyche. In den Liedern, die er fortan vortrug, zeichnete er mit dunklen Tonfarben ein apokalyptisches Zivilisationsporträt voller Drogen-Metaphern, surrealistischer Satire und wüste Traum-Poesie. "Seine Lyrik", urteilte 'Time', sei ein "kunstvolles Chaos, das klang, als sänge Rimbaud Rock'n'Roll."
Nach einem schweren Motorradunfall, von dem er sich durch einen gebrochenen Halswirbel nur langsam erholte, ging er '66 in Woodstock bei New York in eine Art innere Emigration, probierte zusammen mit The Band im Keller seines Hauses neue Stücke wie I Shall Be Released, Mighty Quinn, This Wheel's On Fire, die mitgeschnitten, von Plattenpiraten später auf Raubpressungen veröffentlicht (Basement Tapes) und in den Versionen von Manfred Mann, Julie Driscoll und anderen zu Welthits wurden. Dylans Comeback mit der in Nashville produzierten Country-LP John Wesley Harding (1968) ließ einen zu genialer Einfachheit gereiften Rockmoralisten erkennen, der als Vorbild abermals die gesamte Szene veränderte. Wegen seines Albums Self Portrait (1970), auf dessen selbstgemaltem Cover er sich als Clown darstellte, und das unter anderem abgesungene Schlager und Folk-Evergreens wie Blue Moon und Gotta Travel On enthielt, wurde er hart kritisiert. Doch der sogenannte künstlerische Ausverkauf erwies sich kurze Zeit später als Prophetie: Dylan hatte den resignierten Abschied des Rock-Volks von der Politik und den Beginn der Ego-Trips vorausgeahnt und mit autobiographischer Aufrichtigkeit beschrieben. Kein Popmusik-Autor vermochte es, die kollektiven Mythen und Emotionen seiner Zeit mit einem solchen Bilder- und Assoziationsreichtum auszudrücken wie Dylan, keiner ist in dem selben Ausmaß wie er selber zu einem Mythos geworden. Schon immer war er ein geschickter "Manipulator von Ereignissen, Medien und Menschen" (Anthony Scaduto). Alles, was Dylan über seine Herkunft verbreitete, als er im Januar 1961 die Folk-Szene von Greenwich Village betrat, hatte nur den einen Sinn, ihn den Blues-Outcasts und Folk-Desperados ähnlich zu machen, die der Humus der amerikanischen Popkultur sind. Kaum eine der Legenden, die er kolportierte, entsprach den Tatsachen: nicht, das er ein Waisenkind aus Oklahoma sei; nicht, daß er aus Gallup, New Mexico stamme und schon als Kind mit wandernden Schaustellern durch den Süden gezogen sei, nicht seine sieben vorgeblichen Fluchtversuche aus dem Elternhaus, auch nicht seine Teilnahme an Rock'n'Roll-Plattenaufnahmen von Elvis Presley und Bobby Vee. Dylan stahl in dieser Frühphase unbedenklich Mythen, Storys, Lieder und Stilelemente von anderen Interpreten. Aber er transformierte all diese Dinge in einen unverwechselbaren Dylan-Stil und baute aus Täuschungen und Maskerade seine eigene, sorgsam gehegte Wahrheit auf. "Die Klänge von François Villon hallen durch meine verrückten Straßen", hatte er einst geschrieben: "Ich stolpere über die verlorenen Zigarren von Brecht, eine leere Flasche von Brendan Behan..." Seine wahren Musik- und Textvorbilder waren andere: Dylan verschmolz die Song-Diktion seines Idols Woody Guthrie, die Bluesfarben von Leadbelly, das Rhythmusverständnis von Chuck Berry und Buddy Holly, die Country & Western-Phrasierung von Hank Williams und Jimmie Rodgers und die Piano-Technik von Little Richard zu einer überraschend originellen und neuartigen Ausdrucksform. Seine Poetik verdankt einiges den englischen Dichtern John Bunyan, William Blake und der assoziativen Methode von James Joyce. ...
"Ich bin gegen alles, was die menschliche Intelligenz bedroht. Wir müssen alle dagegen sein, oder es gibt keinen Raum mehr für uns. Dieses kann nicht der Kampf eines einzelnen sein, es ist die Sache von allen." ... "Musiker sein bedeutet - abhängig davon, wie weit du gehen willst -, durch die Tiefen deines Daseins zu gehen. Die meisten Musiker versuchen, irgend etwas aus diesen Tiefen zu vermitteln. Denn Musikmachen ist unmittelbar. Dein Geist arbeitet, während du spielst. Du schaust tiefer und tiefer in dich selbst hinein."
(aus das neue rocklexikon)

Nina P.

Ein Scherz für Kinder

Standen die Kinder (wieder mal) zu sehr am Rande? Ich brachte Märchendias mit, obwohl meine Mädchen darauf keinen Wert mehr legen, und zeigte einige davon auch mehrfach auf mehrfachen Wunsch. Anna und Maria waren wie stets sehr offen für die Spiel- und sonstigen Wünsche der jüngeren Semester. Sie selbst schwärmen von LAPSUS LIVE '96 und haben nichts vermißt.
Ideen für die Kindersparte, wie geführte Waldwanderung mit Spurensuche und Vogelkunde oder ähnliches hatte ich von anderer Seite erwartet - von den Kundigen halt. Das Spielen kam nicht nur mir mit Bauernolympiade und Fußball zu zaghaft daher. Fehlte es wirklich an den großen Spielern oder mehr an deren Willen?
Denn gerade das Spiel hätte auch mehr Gelegenheit gegeben, sich näher zu kommen als beim Zuhören, Zuschauen und Essen... Wobei mit dem Näherkommen die Kinder selbst keine Probleme zu haben schienen. Jedenfalls weniger, als ich für wahrscheinlich hielt.
Wolfgangs Lesung gehörte zwar nicht in die Kinderabteilung, hat dort aber auch spürbar beeindruckt.
Ein heißer Samba-Rhythmus-Schnellkurs für Kids wär' natürlich toll gewesen, Sabine...

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