OVER Nr. 13


LOVER Nr. 13

(erschien 12/97)

Auszüge:

[RE ¤ act ¤ or] - [Basar] - [RockReede] - [Geschafft] - [Brief] - [Auszug] - [Fürchten] - [Røckspiegel] - [Verwirkt] - [Plan B] - [Vorab] - [Gebet]

LOVER No. 13

RE ¤ act ¤ or

... Sonntag früh um halb sechs waren wir dann endlich zu Hause,nachdem ich den Bus bis Altentreptow abgeschleppt habe (was der Astra gerade so tolerierte) und Maltes ADAC-Schutzbrief glücklicherweise in einem seiner vielen Koffer zu finden war. Mit Zwischenstopp in Neubrandenburg wurde der Bus dann nach NP geschleppt. Handicap - der Name macht Programm!
War aber bis auf diesen Umstand echt lustig bei Lapsus. Im nächsten Jahr dann hoffentlich mal ganz. Vielleicht schaffe ich bis dahin mal was elektronisches auf die Bühne?! Ach, da wollte ich Dir ja auch mal Kostproben schicken. Later! Beste Grüße Martin

Wie immer ist es, ¿unser? Fest, für mich noch nicht vorbei. Und ich kann inzwischen auch dabeisein, wenn ich nur hier bin und kaum zu sehen. (Weil mir in diesem Jahr einiges mehr an der Mitteilung eures Empfindens liegt, schreibe ich etwas mehr.) Rückschauend hängen noch zwei Krähtiken zum Lover 12 in mir rum.
Zum einen kann ich im Nach-Denken in Reginas "Nichtsnutze" noch weniger Identifikation für mich sehen. Ich denke schon fast an eine bestimmte Absicht, die du dabei hattest, ich hätte mir nicht einfach sowas anhören können wie Achim während der Tage. Das zum Klatsch. Zum anderen erboste mich die Quasifeststellung "LAPSUS LIVE 2000 in Senegal". Die Bedeutung dieser Idee, nicht wahr. Jedenfalls fliege ich nur irgendwohin, wenn ich auch den Rest dieses Lebens dableibe, das ist mal klar.
Do you know, what I mean?JedeR konnte eigentlich offensichten, daß das Programm sehrher flexibel war. Trotzdem wirkte es auf nicht nur Newkammer drückend professionell, von ebensolchen Vorträgen noch unterstrichen. Was machen wir da? Jeder Regung, Bewegung aus uns heraus Raum geben?
Live - na klar. Achten wir es bitte mehr, wenn wir vom Grund der Konserven abheben und ins Feiern kommen, bis bei LAPSUS LIVE alle Uhren vernichtet sein werden, die Programmzettel verbrannt.
Wann schimmerte es für mich aus den Zeitfalten, die wir um diese Tage legten: des Morgens die einfachen Wunder des Himmels, einatmen, erlösen, die Wärme des Daseins; im Anblick der Models vor der Modenschau, die Musik dabei, die Echtheit jeder Begeisterung/Befühlerung, eine Enthobenheit ins Ganze; in der tatsächlichen einen Nachfrage nach einem Text von Plán B; in der denkenden, horchenden Annahme der Kontextfragen um "Hat Liebe Sinn?" bezogen auf mein Leben; im bebilderten Kuß von Regina und Dirk; im Rundblick vom Dach bei Handicap, diesmal paßte die Musik ins Licht, in die Farben; weißgott: in deinen Augen, ein goldwarm schimmerndes Rund in die Tiefe; doch auch im ausbleibenden Chaos in unserem Zuhause (vergessene Klamotten nextmal) - ich brech's ab, es ist nicht zu viel passiert, ich fand Boden unter den Füßen ohne stundenlanges Stampfen (- wir hatten ja vorher tatsächlich die Sonnenraumdecke mit Balken abgefangen angesichts der Mauerbrüche).
Die 2 Rekorde: 54 Lapsusen waren dabei und die Finanzen: es war echt gut, wir hatten 120 Maak über, +80 von uns gingen an den BUND gegen die A20. :Roland

Ich müsste ein bischen ausholen, zu erklären wie und warum ich in Zarnekla war. Das würde jetzt glaube ich zu weit führen, deshalb nur soweit, es ging mir zu der Zeit beschissen und ich wollte so weit wie möglich von Halle und allem was sonst mein Leben bestimmt, weg sein. Daher wohl auch meine Wut (Enttäuschung). Als es zum Lapsus all zu normal wurde, ist das dann eskaliert.
Ich habe geschaut und habe gesehen. Schon die Zeit zuvor in Z. ist mir aufgefallen, daß sich die Menschen niemals berühren und dabei täte es so Not. Die Erwartung an das Fest war groß auch seitens der regelmäßigen Bewohner, denke ich.
Dann ist aber etwas passiert, was ich bis heute nicht verstehe, ca. fünfzig angereiste Gäste haben sich scheinbar einem Diktat unterworfen und haben, statt zu tanzen miteinander Hippie-Therapie-Spiele durchgeführt. Die Leute, die nach Pfingsten noch da waren (Imre etc.), wir haben auch darüber schon gesprochen und es stellt sich heraus, daß alles möglicherweise ein Irrtum war, was aber die Tatsachen nicht berührt.
Jetzt kann ich sagen, daß ich selbst nichts besser gemacht habe, halte mir aber zugute, neu im Camp gewesen zu sein.
Der Rahmen einer Familienfete ist wohl längst überschritten und ich freue mich, daß ich jetzt im Lover-Verteiler bin. Ich werde also das nächste Mal wieder dabei sein und dann wird alles anders, besser.
Es kann vorkommen, daß ich für die nächste Nummer noch was schreibe. Vielleicht bis dann, ansonsten bis irgendwann, spätestens Pfingsten 1998 Alles Gute Sven

BASAR

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Werbewirksame Fotos (postkartengroß, auch Dias) LL97 von Haus, Hof,  unseren Gärten, Wäldern und Feldern, der Umgebung, die was von unseren Visionen verdeutlichen. Es bittet: Roland

RockReede '97

LAPSUS LIVE Nr. 15
Über 30 Stunden Songs und Sounds, Spiel und Tanz standen auf dem Programmheft.
Einige der angekündigten Beiträge fanden ein begeistertes und begeisterndes Publikum, einige ließen die faszinierten Zuhörer und Zuschauer (wie wenig Sinne man erreicht...) die Schule vieler LAPSUS-Jahrgänge spüren, andere zeigten durch ihre Spontaneität und/oder Offenheit, wie dünn die Schale mancherorts auf beiden Seiten ist, einige wenige wurden ehrlichen Herzens vermißt (und werden deshalb vielleicht '98 nachgeholt), zumindest einer fand (fast) ohne Gast statt und war trotzdem Klasse...
Never change a winning team...Endlos könnte hier weiter über den Sinn von Programmheften, freier Energieentfaltung, über Familien- und Gruppenzwänge (eingebildete und wirkliche - im Effekt nahezu nicht zu unterscheiden), hohe Latten und tiefe Absicht philosophiert, sinniert, geschwafelt werden.
Aber letztlich sind eine Handvoll Leute bereit, Zeit (und wahrlich nicht nur die dieses Wochenendes!!), ziemlich viele Gedanken und manches Geld Jahr für Jahr in dieses seltsame, stets unpassende und gleichzeitig fordernde und fördernde Spektakel zu stecken; zumindest, um einmal im Jahr etwas Einzigartiges zu erleben. Darunter manche verstörte, anspruchsvolle, erwartungsschwere Reaktion.
Ein kurzer Blick nach Achtern auf die RockReede '97: Neben den im RE¤act¤or von den anderen gewürdigten Beiträgen sei an den (über)langen Eric erinnert, der sich keiner all zu großen Beliebtheit erfreute. Für mich war allerdings der Afrika-Hick-Hack, bei dem ich zu allem Überfluß als Schiedsrichter angerufen wurde, der mentale Tiefschlag dieses Jahrgangs. Meine Bemühungen, mit einem - auch ad hoc änderbaren - Programm genau solche Querelen zu vermeiden, gingen hier offensichtlich ziemlich nach hinten los. Mein Rückzieher von Quadrophenia sollte eigentlich den Platz für jene spontanen Sachen frei machen. Zu eben diesem Zweck baute ich solche Wiederholungen wieder ins Programm ein. Im nachhinein scheine ich jetzt als Hördienstverweigerer dazustehen... Und genau das ist der Punkt, über den ich überhaupt nicht lachen kann.
Herzerfrischend war die T-Shirt-Modenschau nebst Showband, die wie im richtigen Leben erst durch das Publikum zum Wahnsinn getrieben wurde. Musik vermag so vieles.
Ob Psychodelerict, der Lifehouse-Report vom English boy, nochmal auf einen Programmplatz rutscht, ist nicht so sicher, da Musik und Reflexionen des Rockurgesteins nicht viele zu interessieren scheint. Obwohl Quadrophenia in der Deutschlandhalle ja dann doch wieder (sehr berechtigte) Begeisterung entfachte... Viel Zeit kann ich in neue Geschichten leider nicht investieren, und da sich die alten noch allermeist als die interessanteren für mich herausstellten, muß ich die Überraschungen der Neuzeit all jenen überlassen, die sich noch austoben wollen.
Ein gehöriger Teil meiner verfügbaren Zeit geht für den allseits wenig vermißten LOVER drauf. Deshalb wird das hier die vorerst letzte Nummer aus Dresden sein. Da andere Lapsoten ebenfalls über die doch recht hilfreiche PC-Technik verfügen, läßt sich ja vielleicht ein neuer Redakteur finden.
Daß die Zettel nicht vergeblich dem Wald entrissen wurden, stellt der Inhalt diesmal hoffentlich wieder unter Beweis. Denn hier kann z.B. ebensogut vor- wie nachgelesen werden. Nicht nur Ginger sei Dank. Ein ganz herzliches Dankeschön geht an alle, die in Zarnekla die RockReede ermöglichten und an die, die mit ihren Zeilen zum LOVER 13 beigetragen haben. Bis dann. Achim

GESCHAFFT

Hab da ein Flimmern vor den Augen,
hab da ein' Schimmer angeklebt.
Die Honiggletscher niemals tauen,
auch wenn ihr Himmel runterfließt.

Seit meine Schatten in Kasernen toben,
Licht befohlen jedes Wort erquält,
was wellend, schillernd wie ein Ölfleckbogen
Halt verloren und tiefer noch entseelt.

Brücken geländert, Firmament dem Blick
verblieben oder anderen die ungangbaren Ufer.
Dazu Vermißtenanzeigen-schlecht geschrieben,
bin voll davon in Sammlerleidenschaft.

Schau an,
Wie toll im Aufundab der zähen Wässrigkeit,
bleib' ich wiederkauend
meiner Mutter wehleibende Zärtlichkeit.
Roland

Brief von Ginger

Hallo Achim,
es ist inzwischen Juli, der 8., und ich habe mich endlich durchgerungen, meinen seit einigen Wochen fertigen Brief nun auf Diskette zu bringen. Ich schreibe nun einmal immer noch lieber mit der Hand, vor allem Briefe. Das einzig Gute daran ist, daß ich mich jetzt gleich für die Lapsusbilder bedanken kann. Peter hat ja auch ein paar Bilder gemacht, ich weiß allerdings nicht, ob die schon entwickelt sind, davon laß` ich euch dann auch welche zukommen. Ich komme dann jetzt zu meiner Lapsusrückblende.

Mai `97
Wenn das Wetter in Berlin auch besser war, bin ich doch sehr froh, hier gewesen zu sein. Es war schön in Zarnekla, und ich war beflügelt und begeistert. Eine schöne Atmosphäre, leckeres Essen (das bei mir etwas weniger Blähungen als im Vorjahr hervorrief) und eine witzige Bauernolympiade. (Meine BSB-Aufkleber habe ich immer noch; das Stück Müsliriegel wurde sofort verzehrt.)
Besonders Reginas Vorträge waren wieder ein Augen- und Ohrenschmaus.
Franks Vortrag ließ mich die zugige Kälte des regnerischen zarneklanischen Abends vergessen und machte Lust auf das heiße Afrika.
Die Live- Musik war zumindest für mich, die ich dieser Kunst leider absolut nicht mächtig bin, wieder mal bewundernswert- ob es nun die etwas perfektere Musik von Handicap war oder die von Hans`, Anjas und Michas namenloser Formation.. So schnell haben die 3 noch nie an die Himmelstür geklopft.
Und Ninas Gedichte waren stark.
Schade nur, daß das Tanzen zu einer Zeit stattfand, zu der ich dazu nicht mehr in der Lage war. Tja, ich bin wohl aus der Form - früher wären der Zeitpunkt und Müdigkeit überhaupt kein Thema gewesen. Auf Quadrophenia hatte ich mich auch gefreut - aber das können wir ja nächstes Jahr genießen??? Es war jedenfalls sehr schade, daß der Beitrag ausfiel.
Wie ich mitbekommen habe, bekamen einige Lover- Leser Reginas kleinen Nichtsnutze- Beitrag in den falschen Hals. Um also noch mehr Verwirrung zu stiften, hier ein weiterer Beitrag zum Thema:
Bis zum vorigen Jahr war ich ein Nichtsnutz- zu nichts nütze als zu einigen Küchenarbeiten. Warum fuhr ich jedes Jahr wieder zu Lapsus? War ich nur Schmarotzer? Seit 10 Jahren Lapsusbesucher. Nicht Lapsusmacher! Hart war die jährlich erneute Einsicht: Wieder kein Vortrag!
Und nun der bitterböse Text von Regina. "Nichtsnutze!"  Ja, das war das Wort, das zutraf- auf mich und alle, die bisher ebensowenig geleistet hatten. Schließlich war Lapsus doch wirklich nicht zum Erholen da! Ich fühlte mich im Innersten getroffen.  Als ob ich nicht schon selbst dieses Gefühl gehabt hätte- zu nichts wirklich einen Beitrag zu leisten! Der Lapsus- Leistungsdruck war stark.
Nächte verschlief ich, und tagelang lag ich wach. Alles, was ich tat, begann mit der Frage : Was wirst du zu Pfingsten vorzuweisen haben?  Oder sollte ich vielleicht krank werden?
Doch es geschah, daß ich trotz des Leistungsdrucks oder vielleicht gerade deshalb, einen Beitrag fertig bekam.
Endlich fühlte ich mich wieder frei.  Ich hatte etwas zu sagen. Nicht nur einfach dasitzen und rezipieren. Nein, ich hatte sogar eine Zeile im Lapsusprogramm! Nur für mich - nach 10 Jahren!
Ich war und bin stolz auf mich. Ich habe mich aus dem Nichtsnutze- Schlamm herausgearbeitet. Jetzt gehöre ich dazu.

Das mußte ich einfach loswerden. Übrigens sollte vielleicht eine Lapsus- Leistungseinschätzung eingeführt werden, damit jeder auch gleich weiß, ob sein Vortrag der beste oder wenigstens besser als ähnliche gewesen ist. Punktwertung mit A -und B- Note. Werde ich jetzt zu böse? O.k., also Schluß mit den Sticheleien.
Noch was zu unserem Radio, das zu machen, zumindest Regina und mir, großen Spaß bereitet hat.(Es wollte auf keinen Fall in Konkurrenz zu dem Super-AnnaRadio treten und erhebt auch keinen Anspruch auf irgendwelche Punktwertungen.) Ich habe gerade als der Regen kam, meine literarischen Ergüsse zum Besten gegeben. Wahrscheinlich hat kaum einer was davon mitbekommen. Deshalb sende ich kurzerhand den gelesenen Teil mit. Vielleicht findet er ja einen Platz im nächsten Lover.
Tja, das wär`s dann für heute. Liebe Grüße an Euch alle.
Ginger, Hans und Elisa

Auszug

..... Eva stand auf. Kümmern, ja das war das Wort, das auf so vieles paßte. Sich kümmern, aber auch verkümmern. Auch das Sich-Kümmern war verkümmert.. Sie fühlte sich plötzlich elend.
Eva lief ins Bad und hielt den Kopf unter die Dusche. Doch das half nur wenig. Sie lief zur Tür, ergriff im Gehen einen Hut und stürzte hinaus ins Freie. Die frische Luft tat gut. Es mußte geregnet haben. Eva hatte nichts davon bemerkt. Gut, daß Adam und Sophie nicht in der Stadt waren. So hatte sie für sich Zeit.
Die Straße war leer. Über dem alten Kirchturm ging die Sonne unter, und in den übriggebliebenen Wolken zeigten sich erstaunliche Landschaften und Figuren. Eva lief durch die Straßen, während ihre Phantasie am Himmel spazieren ging.
Ohne es zu merken, führten sie ihre Schritte zum Weniger-Normale-Zirkus. Sie haßte diese Bezeichnung und noch mehr diesen Ort. Er machte ihr Angst. Manchmal hatte sie das Gefühl, hierher zu gehören und genau das war für sie so abstoßend. Sie verstand diesen Ort auch nicht. Wie konnte man Leute einsperren, nur weil sie bunter waren als die anderen? Oder sperrten sich diese Leute selbst ein? Es gab keine Zäune, keine Tore, keine Wächter, - nur eine allen bekannte Tatsache:
daß, wer längere Zeit dort verbrachte, nicht mehr in den anderen Teil der Welt zurückkehrte. Widerstrebend überschritt Eva die unsichtbare Grenze.
Das Gehen wurde plötzlich einfacher. Es war dunkler als zuvor, zugleich aber leuchteten die Farben der Lichter. Es war dunkel und bunt.
Angstvoll, aber gespannt, setzte Eva einen Fuß vor den anderen. Es zog sie regelrecht in die bunte Dunkelheit hinein, die trotz des Unbekannten etwas Lichtes, beruhigendes hatte. Es war ihr, als fielen alle Lasten, Zweifel, Ängste von ihr ab, als könne sie tun und lassen, was sie wollte.
Es würde keine Folgen haben. Gereizt durch dieses Gefühl lief sie weiter. Sie wollte es ausprobieren. Hatte sie Lust auf Böses? Nein, etwas Freches, etwas, das gegen die Regeln verstieß, wollte sie tun. Sie begann mitten auf der Straße zu tanzen. Sie sang. Aber es war niemand da, der es bemerken konnte, das konnte sie zu Hause in ihrer Wohnung auch haben. Und dann - was war Widersetzliches am Tanzen und Singen?
Ihre Schritte führten sie weiter. Eva betrat ein Restaurant oder eher eine Kneipe. Hier war es ganz anders als draußen auf der lautlosen Straße. Es wimmelte geradezu von Menschen. Es war laut, hell und - bunt wie überall hier. Eine eigenartige Kälte lag über allem, obwohl niemand alleine dasaß, keiner einsam wirkte. Sogar sie, die sie ja gerade erst eingetreten war, wurde sofort in ein Gespräch einbezogen, als wäre sie hier ganz und gar nicht fremd. "Man sieht Ihnen an, Gnädigste, daß Sie zaubern können. Warum zeigen Sie uns nicht einiges davon?"
Erst nach einer Weile bemerkte Eva, daß sie gemeint war. "Unsinn, was reden Sie da, und ich kenne Sie doch gar nicht!" Dabei mußte sie lächeln. Lachend, als hätte er ihr Lächeln aufgenommen und verstärkt, antwortete der andere: "Ich bin Andre. Auch ich konnte einmal zaubern. Und jetzt kennen Sie mich, also, warum zaubern Sie nicht?" Reglos stand Eva da, immer noch lächelnd. Das Gefühl von vorhin hatte sich verstärkt. Sie wollte endlich ausprobieren, was hier los war. Warum nicht gleich jetzt und hier? Was redete dieser Andre? Sie nahm - wie in Trance - seinen Kopf zwischen ihre Hände und näherte sich ihm. Langsam, genießend legte sie ihre Lippen auf die seinen und küßte ihn. Wie lange wußte sie nicht. Er küßte leidenschaftlich wieder. Lange vermißte Gefühle stiegen in Eva auf. Wo waren sie gewesen? Dieses Kribbeln im Bauch, die Hitze in den Wangen, dieses ungestüme Verlangen. Als sie Andre losließ, lachte er und meinte: "Sehen Sie, von wegen Unsinn! Ich hole uns einen Drink."
Während er sich in Richtung Bar entfernte, lief Eva zur Tür. Sie brauchte etwas frische Luft. Es funktionierte. Sie konnte tun, was sie wollte und niemand scherte sich darum. Keiner erinnerte an Moral und Sitte und Anstand. Sie war frei. Frei von den Blicken anderer, frei von Konventionen, man ließ anscheinend jeden tun, was ihm beliebte. Mit Schrecken bemerkte Eva jedoch, daß sie auch frei von Erinnerung war. Zwar wußte sie noch, was sie gefühlt und getan hatte, aber sie konnte sich an den Mann nicht erinnern. Sein Gesicht, das sie eben noch zwischen ihren Händen gehalten hatte, die Augen, in die sie so tief geschaut hatte - sie konnte sich nicht mehr erinnern. Erschrocken ging Eva in die Bar zurück, um den Mann zu finden und die Erinnerung zu retten. Aber sie erkannte ihn nicht. Wie hieß er nur? Da saßen so viele! Eva zwang sich zur Ruhe, als sie langsam Tisch für Tisch abschritt. Irgendwo mußte er doch mit dem Drink auf sie warten. Doch alle schauten sie nur neugierig an, manch einer sagte etwas, auf das Eva kaum reagierte. Er mußte sich doch an sie erinnern! Doch niemand zeigte auch nur ein leises Anzeichen des Erkennens. Schließlich griff sie zu einer letzten Möglichkeit, stieg auf einen Tisch und rief verzweifelt: "Ich habe eben einen Mann geküßt, er sagte, ich könne zaubern, wo ist er?" Zu Evas Verblüffung erhoben sich mehrere Männer und fragten wie aus einem Munde: "War ich es vielleicht?" Sie schaute sich um. Alle sahen bekannt und unbekannt aus. Aber keiner erweckte ein Gefühl in ihr. Eva wurde kalt. Zitternd und hastig lief sie aus der Bar. Wieder auf der dunklen, ruhigen Straße ließ sich Eva auf dem Kopfsteinpflaster nieder. Sie war völlig durcheinander. Alles war leicht. Sogar in ihrem Kopf schien Schwerelosigkeit zu herrschen. Alles schwebte durcheinander. Keinen klaren Gedanken vermochte sie zu fassen. So saß Eva, wie lange, das wußte sie nicht. Ihr Zeitgefühl war ihr abhanden gekommen. ...

Von einem, der auszog, das Fürchten zu hören

Der Sommer besticht allenthalben durch angenehme Temperaturen und laue Winde. Deshalb verbinden junge Menschen ihre Freizeit mit der Gunst des Wetters und begeben sich an die frische Luft. Man sielt sich in öffentlichen Park- und Schwimmanlagen, tummelt sich in Biergärten oder promeniert. So what? Diese durchaus als sozial und kommunikativ einzustufende und eigentlich begrüßenswerte Eigenschaft des Jungvolks treibt aber auch seltsame Blüten. Sommerzeit ist Open-Air-Zeit. Diverse Veranstalter buhlen um die Veranlagung Begeisterter, die den Frischluftaspekt mit musikalischem Hörgenuß verbinden wollen, und laden zu wohlklingenden Happenings, wie Roskilde, Go Bang oder Rock Legends life in Herne-Wanne-Eickel. Dabei ist eine Festivalflut hereingebrochen, die auf dem Rezept beruht, jeden brachliegenden Sportplatz für die Menschen zwischen Clausthal-Zellerfeld und Altkötzschenbroda und deren Partygelüste urbar zu machen. Das Motto: Gebt mir eine Wiese, und ich organisiere das Love, Peace and Money 97. Nun geht aber die Quantität zu Lasten der Qualität, weshalb sich die musikalischen Akts - je weiter die Zeit am Abend fortschreitet - immer mehr zur Nebensache entwickelt. Was eigentlich zählt, ist der kollektive Taumel bzw. der Absturz in erstbenannten. Wann hat man schon mal die Chance, sich zeitgleich mit so vielen Gleichgesinnten in bewußtseinstrübende Zustände zu katapultieren? Der Weg ist das Ziel und dahin alles recht: einheimisches Rindfleisch mit schaumigem Bier in 0,33- l-Plastikbecher und eigens zu diesem Zweck teuer erworbenes Currypulver in der Zigarette. Am Ende des langen Tages spielt dann die Combo, die es umtriebig geschafft hat, am meisten populär zu sein (amtsdeutsch: Headliner). Sie zeichnet sich meistens dadurch aus, daß der Großteil der Veranstalteten die Texte kennt, was zu räudigen Mitgrölorgien im weiten Rund führt.
Vormals ein unberührtes Feuchtbiotop sieht der Austragungsort jetzt aus wie ein Schlachtfeld, auf dem eine Horde präpubertierender Primaner gefrühstückt hat. Doch so richtig gruslig wird's erst, wenn das Open Luft drei Tage regenfrei ist, länger dauert und Tausende heranströmen. Neben logistischen und versorgungstechnischen Herausforderungen spielen sich dann Szenen ab, die nach Artikel 1 des Grundgesetzes des Deutschen Volkes nicht passieren dürften. Spätestens nach einem Tag nämlich quellen die stillen Örtchen über, so daß die Bedürfnisse der Herangezogenen sonstwo und überall verrichtet werden.
Normalerweise gebildete und wohlerzogenen junge Menschen fäkalieren bevorzugt in und an grüne Flächen. Äcks! Nach drei Tagen entströmt man dann freiwillig, weil der Geruch rund um alle Bäume und Sträucher nicht mehr auszuhalten ist. Aber schön war's und nächstes Jahr kommen wir wieder.
(Rosebud, entnommen aus ad rem) P.S. Wo ist der Autor da bloß reingetreten?

Røckspiegel '97

Wenn sich seit vielen Jahren Leute unter der Überschrift "Liga zur Aufführung Progressiver Songs Und Sounds" an ein paar lauten Tagen treffen, so sollte die im Motto stets präsente Rock-Musik wenigstens einige soweit interessieren, daß ab und an ein Statement zu Papier und in den LOVER gebracht werden könnte, hofft man ... Ein Muster für (zumindest den Autor) wenig anstrengende Reflexionen, die trotzdem mit dem Interesse der Allgemeinheit rechnen dürften, war z.B. der Røckspiegel '96 in LOVER 11. Von den wenigen jetzt eingetroffenen Zeilen befaßt sich aber nicht eine einzige mit diesem Themenkreis. Hört Ihr gar nichts an den anderen Tagen des Jahres? Ist Euch bei keinem Anlaß der Gedanke gekommen: Hey, das müßten die anderen auch erleben!? Hat jeder seine Szenezeitung abonniert und überläßt dieser seine Reflexionen? Soweit das Muffeln des Steinbocks. Hier mein Blick in den Røckspiegel '97.
Von den überwältigenden Januar-Acts A Subtle Plague und Vic Chesnutt im StarClub berichtete ich bereits zu LAPSUS LIVE. Die erstandene ASP-CD drehte sich seit dem sehr oft in der Lade, denn nicht nur my horizon ist ein kräftiger Bringer. Vic verkaufte leider nichts; so ist Old Hotel von der Rare Trax des Rolling Stone der einzige verfügbare Song - ebenso anrührend wie sein Konzert. (Mehr zu Vic in LOVER 12) Großereignis kurz vor Pfingsten war Quadrophenia - performed by The WHO. Mein absoluter Ohrgasmus dieses Jahrgangs. Da kann man dann ruhig 40 werden, wenn Pete mit knapp 52 ohne Spur von Deplaciertheit heftigst abrockt.
Die miese Akustik der Prenzlberger Kulturfabrik-Kesselhalle machte den Auftritt von J. Mascis und seinem Dinosaur Jr. leider nicht zu dem Ohrenschmaus, den die Alben rundweg bieten. Positive Überraschung waren für mich die filigraner zu Werke gehenden Veruca Salt. Stimmgewaltige Gitarristinnen mit Sinn für opulenten und witzigen Partyrock. Stark.
Im Juli boten die kalifornischen Trance Mission im Bärenzwinger, der demnächst einem Altenheim weichen muß, die fröhlichere Ausgabe von Dead Can Dance. Geheimtip für einen verhopst-sonnigen Didgeridoo-World-Beat.
2 Tage drauf in der Garde Jethro Tull: schlechte Stehplätze, schlechte Sangesleistung und/oder Mikrotechnik, kraftvolle Musik in erwarteter Perfektion - gemischte Gefühle. Aber Locomotive Breath allein war das Geld wert und rollt zwischen den Hügeln der Gänsehaut ungestüm auf und ab.
Die Dresdner Amateurrocker Seven Days suchte ich auf, weil ich wissen wollte, ob der Name tatsächlich vom 79er Ron-Wood-Klassiker stammt. Und siehe und höre, er eröffnete den Oldiereigen, konnte aber den Swing des Originals nicht mal erahnen lassen. Im Zugabeteil dann die Wiederholung (tja, das leidige Repertoire) schon sehr viel besser. Aber richtig amüsant war die aufgeregte Fröhlichkeit der mitgebrachten weiblichen Fangemeinde.
Tagsdrauf spielten Emerson, Lake & Palmer am Elbufer ein - wider mein Erwarten - famoses, verschwitzt professionelles Konzert. Ich war nicht dabei. Schade.
Eine Woche später trat Fischer-Z-Kopf John M. Watts vor den Dresdner "Wänden" auf. Marlies und so. Rechte New-Wave-Laune wollte aber wegen eines angetrunkenen und geltungsbedürftigen Mundi-Amateurs bei diesem Free-Event nicht aufkommen. Armer John. Armes Dresden.
Hypnotisierend - wie im Namen versprochen - waren die edlen Folk-Rockhäppchen von OP8 (sprich nicht Opacht sondern Ou Pi Eight - dämmert's?) im StarClub. Obwohl Howe Gelb wegen seines krebskranken Freundes bereits im Flieger nach USA saß, boten die 2 restlichen Giant Sand-Mannen Joe Burnes und John Convertino sowie ein Dritter mit Keyboarderin und Sängerin Lisa Germano verträumte Perlen von Slush, dem 1. OP8-Album.
Ende Oktober dann an selber Stelle Chris Cacavas & Junk Yard Love - die besseren Crazy Horse, wie im Sax zu lesen war. Chris - ehemals auch Mitstreiter bei Giant Sand - singt mit deutlich eigener Stimme, seine Gitarre türmt jedoch bisweilen mit gleicher Schwermut beladene Soundwände auf, wie man sie auf dem Young-Edelbrett Zuma findet. Der nächste Guitar-Jamboree-Act ist ihm sicher.
Abschließend noch der Blick in die CD-Regale: neu aus dem 97er Jahrgang: SARDH - stuur (Klänge aus Sand von unserem ehemaligen Künstler-Nachbarn Detlef Schweiger & Co.), Crossover Nr. 5 - 15 DM für die heftigste Compilation des Jahres mit allem, was Mutti nicht gerne hört und so'n Spaß macht! Das war's... Weder Stones noch Dylan, nicht Oasis oder John Fogerty, kein Morrissey, nicht mal Robert Wyatt oder Neil Young konnten mit ihren 97er Editionen bisher mein Geld locker machen. Da warte ich dann doch die Preisreduzierungen ab. Relativ neu immerhin die Konzertmitbringsel von Giant Sand und Chris Cacavas. Außerdem wie stets starker Zugang in der Klassik-Abteilung: Led Zeppelin, Jimi, Janis, Van the Man, Tull, Gabriel, Iggy, Genesis, King Crimson und und und (was man halt so am PKW einspart...) Achim

VERWIRKT

Und ich soll, wie unschön,
Nichts davon!, jeden Schuß tun,
Zerstören, Selbstgrenzen plattgemacht.
Doch no body darf es wissen,
Nichts davon nach draußen dringen.
Verwirkt, und ich drück ab.

Intonationen beschlagener Brillen:
Ich bin verklemmt, die Zunge,
Die sollte meinen Nippel kitzeln
Und nicht lachen oder weinen.
Ja, aus der Pistole geschossen
die Kontur vor dir!

Was ist da zu entinnern,
Jeder Gewißheit erhaben.
Und alles Glauben ausgeräumt,
Bewältigung, liebend, ausgeträumt.
Ich schieße unglaublich gern
Mein ungezogenes und Los.
Roland

PLAN B

(Musik von Dakota, CD "The nexxt step")
Das Leben hält nicht viel bereit. Man muß es sich nehmen, solange man jung ist.
Das Leben ist vorbei. Neindoch! Im wüsten Flimmern die Raupe, gelblich staubbedeckt. Ich hatte den Planierschild beim letzten Gang hochgefahren, felsigen Untergrund krachknirschend freigelegt. Jetzt glänzte der ölig in Margenta schimmernd, ein Dichtungsringgefüge der Hydraulik unterteilte den makellos glatten Stahl des Kolbens. Noch immer troff Öl aus dem Zylinder. 200 Liter im Reservefaß am Heck, es ist die erste derartige Panne.
Sie im Stammesquartier - als ob ich dahin je zurück könnte! - hatten mir neue Weisungen gegeben, irgendeine Tür, irgendwas mit Meer, oder war es mehr? Der Gestank klebt unverrückbar in der Nase, der Stirnhöhle: mir wird heiß von innen, die Aussicht, einen Tag oder länger mit der Reparatur der Dichhtung rumzumachen, auf der Stelle zu stehen, schutzlos allen möglichen Anfeindungen.
Was sollte ich an den Felsen? Ich habe nicht die Zeit, 17 Meilen. Nein, nicht in der Stunde, bis zum Ziel. Sagen sie. Glaube ich.
Hinterm Staub vor mir irgendwann wieder salziger Morast, Krüppelwälder. Nein, zum Krüppel wird sie meine Spur machen. Wenn ich eins mit dem röhrenden Ungetüm Vollgas gebe, Boden zermalme, Platz schaffe, Zeit gewinne. Für sie.
Der Stammesplatz, irgendwo hinter mir an der Piste. Kann sein, daß ich da mal zuhause war, ich weiß nicht mehr. Der Weg, den ich bahne, er ist gut. Ich habe da eine Karte und kriege ab und an neue Infos. Satelitenbilder, Befehle, oder ich fahre meiner Rauchfahne nach, ich muß vorwärts.
Der Schild hat 2 Zähne verloren. Ich streichle mit den Fingern über die grimmige Bruchstelle, in dem Moment fahre ich zusammen, eine Frauenstimme aus dem Off: "Glaubst du wirklich?" Eine Hand schauert auf meinem gebeugten Rücken. Ich zerre den Sprechfunker raus, sprachlos: sie fragen mich, was ich brauche, ja: "Was brauchst du?" - ich fass' es nicht. Hier allein mit dieser Frau, einer Wilden. Die irgendwo in den Wäldern hausen, sie drucken wunderschönes Zeug, es soll eine Menge davon illegal kursieren. Ich plättete vor Jahren, nein nicht allzulange her, ein kleines Haus nieder, Wildnis oder Garten, es waren noch so viele Meilen, Möbel, Kisten, ein Blatt Papier hing verdammt vor mir an der Scheibe wie festgesaugt:

 Wilder Nachtschwärmer
 Gebunden ans Papier
 Gedankenleer wird die Hand
 Schwer die Flüge zu dir
 Leicht zum Firmament
 In die Ferne Unerreichbare
 Und die Sehnsucht durch die Luft
 Und das Leben durch den Stift
 Morgen grauen vor der Liebe

Wie weiße Flecken Blutes im Multigrün der geraden Schneise. "Du Lieber, du."
Ein Schatten, ich fuhr zurück, breitete die Arme aus, ein Schuppen, Gesträuch, Bäume. Ausweichstellen gehören dazu. Zum Pistenplan. Gerade hier. Wieder zurück, Vollgas, ein Brummen, ein Zucken, wieder zurück, ich schrie, ich biß mir auf die Lippen, ich heulte in Schmerz Tränen, Blut, Schrei: ein Brüllen erstarrte mich bis zum letzten Quentchen zitternder Luft meiner Lungen. Das drang nicht aus der Kabine oder hinter den Wald. Auf dem harten Kühler, breitbeinig, es sah gut aus. Da wäre nix nachzubessern, wie sie dagegen immer behaupten. Ich pißte auf eines der verwehenden Blätter.
Grünes Papier, ein rotes Mal. Oh, ich erinnere mich: vor meinem ersten Gang ins Hauptquartier der Weg zur Vergatterung: die breite, baumige Allee, die Sonne wärmte tief auf mein Herz. Nein, tu es nicht - in meinem Kopf - es ist falsch. Und ich lächelte und schritt begütigend weiter. Ich wußte nicht, was das ist: ein Leben lang. Alles wird gut.
Eine der Fragen, die geworden sind: Aber wer denn? Aber werden. Das heißt, es gibt keinen Ausweg.
Im Spiegel die alten, verzerrten Bilder. Bilder des durchhängenden Seiltanzes zum Abgrund der Illusionen. Was geht los in jeder Stadt? Nur ins Hotelwaschbecken gespuckt oder auf jedes Dach, jede Straße? An der langen einsamen Straße der Tod des Tramps. Wie bitter wird der Geschmack der Ziellosigkeit der verschlossenen Gegenwart? Freie Gedanken und schrankenloses Empfinden der Berührungen des Augenblicks. Der Morgen bringt das Heute deiner Gedanken. Immer unterwegs, nirgends zuhause. Die Welt ist noch größer. - Soll ich mir das immer noch sagen/anhören?
Die Arme auf dem Armaturenbrett, mein Kopf sinkt in ihre Beuge, Dunkelheit empfängt die Augen, es tut gut. Ich möchte mich nicht mehr rühren. Der Zündschlüssel, zieh den Schlüssel ab, denke ich, der Motor vibriert im Leerlauf. Mach ihn aus, denke ich kann nicht. Oder das Fenster, das Fenster muß zu, es stinkt, der Qualm, der Motor. Ich bin so müde. !: Ein Geräusch, das nicht sein sollte, ich bin sofort hoch, inzwischen draußen die Dunkelheit der beginnenden Nacht. Ich mache den Motor aus. Es kommt vom Monitor. Auf dem Bildschirm ein Plastikplanschbecken mit nackten - da! die Tür! - Kindern. Ein Augenblick Einhalt, ich atme schwer aus. Das naßfrohe Spiel, laut und glücklich. Ein Kameraschwenk auf einen Jungen, der über den Boden zu einem Handtuch galoppiert, "Guck doch mal den ganzen Dreck an deinen Füßen! Du machst doch alles auf das Handtuch, alles saumistig!" - Wahn in meinen Augen.
Ich muß den Ton leiser machen, es tut weh und war doch ganz anders:
[...]
Und nicht so weit weg, die haben's auch nicht lange gezeigt: Erschießungskommandos, vermummt roten Overalls, kurzer Prozeß mit allem, was fett, häßlich, alt war, dumm dreinschaute, die waren selten zu sehen und immer gegenwärtig. Die Tür jeder S-Bahn lud sie ein. Einige mußten sie rauszerren in die kurzen Feuerstöße ihrer Kalaschnikows, die meisten wußten nicht, wie es ihnen geschah. Was machten sie mit den Leichen? Keine Ahnung, sicher Schminke draus. Fakt war die genaue Erfassung der Wers, die exakten Abmeldescheine, der schrumpfende Ausstoß der Produktion, die Verwertung der Hinterlassenschaften, Aufräumen, Platzschaffen, kaum Lücken von irgendwem bemerkt. Mitten auf dem Bürgersteig zu beliebiger Zeit: wieder 13 Tote, oder es blieben 13 am Leben.
Die abwertenden, kurzen Blicke der Kommandos setzten jedes Gespräch, jeden verzogenen Mund in Zeitlupe. Was? Ich?? Dann das stehende Bild der Leichen.
Immer die anderen. Viel zu viele Waffen, die Chemie- oder Nahrungsmittelindustrie, niemand blieb übrig. Die Erde entgiftet.
Warm läuft mir die Puller am Bein entlang, das eine ist eingeschlafen. Immer wieder dieses brennende, als ob ich mittendrin versuche aufzuhören. Das Wässerchen trübt keinen Boden, und ich werde nicht wach, denk mal einer an.
Eine Gasse, an beiden Seiten stehen Tische aufgereiht, betürmt mit Kuchen, Törtchen, Süßem aller Art, auf Tellern zurechtgeschnitten zwischen Tassen und dem Handwerkzeug unendlicher Kaffeetafel, den Händen von Frauen und Kindern, die an den Tischen stehen oder sitzen. Sie bieten mir von allem an oder bedienen sich selbst wie ich. Ich finde kein Ende in den Süßigkeiten, nasche an jedem Tisch, obwohl das sonst von den Passanten kaum jemand macht, kein Gedränge. Die Gasse wird enger, zum Gang. Bis zum Vorhang an seinem Ende. Ich lüfte ihn ohne zu zögern. Dahinter steht mir ein Mann gegenüber, ist es dunkel, leere Tische ohne Durchgang, an denen Männer und Jungen sitzen.
Wahrscheinlich mein Vater, mir zugewandt, als ob er was erklären wolle, ich lasse den Vorhang fallen, nicht mal eine Sekunde lang. Halt dich da raus.
Und ich muß weiter. Keine Frage. Was weiß ich, ob die Piste schon wieder zuwächst. Jetzt ist alles aus. Was wußte ich denn noch von früher? Jeder Baum, den ich gepflanzt habe: sie war dabei. Ihre Hingabe wie greifbar. Die Spur der Tränen auf ihrer Wange.
Ich weine. Raus und ramme mir den Schädel an der Türöffnung, ein wilder Orangenbaum: mit dem ersten Biß in eine Frucht erfüllt mich ihre Frische, ihre Klarheit, ihr Leben. Es gibt nichts schöneres, mit geschlossenen Augen, für unter meiner Haut. Ich habe sie geküßt. Auch ihre Zähne waren kaputt. Sie wurde fast zum Kind, und ich erfuhr zum ersten Mal vom Strudel, als ob es nichts anderes gäbe.
Den Monitor dunkel, er läßt sich nicht abschalten. Ich gehe mit dem Schlafsack nach draußen. Mir rinnt der Schweiß, wie Zerfließen, tropft mich unendlich leer, ununterbrochen in die gesteppten Fasern. Mit jedem Tropfen werde ich wacher. Ohne Unterbrechung dröhnt, rauscht, klappert ein Tageabbau, die haben keinen Plan, da kommt alles weg. Schnur die Gerade, der Entwässerungskanal neben mir, ich liege auf dem baumlosen Deich. Ich habe hier nichts verloren, sie war nicht da gewesen. Es passiert nicht einfach. Der Schlaf verrinnt. Wozu sollte ich jetzt hier schlafen. Der finstere Himmel. Wie Pickel des Industrietumors der Umgebung die paar Sterne.
Wie ich lag, auf die Schwärze über mir starrend, belichtet vom Natriumgelb der künstlichen Widerfinsternis hofdraußen, das offenen Fenster noch dazwischen.
Ich konnte es nicht fassen, meine weiche Haut ins Nichts. Spüren können, spüren wollen. War es nicht umsonst? Zusammengehören, ein Glück. Und die nächste Nacht der übernächsten kam, zart, duftend, fast vorm Schmelzen. Die Haut hat keine Oberfläche: Unterräume, in die ich mich auflöse. Ich hielt den Atem an, winselte ihn hin und her in die Nacht der übernächsten. Warum - wimmerte ich. Bar. Und ich flehte den Tod herbei. Komm! So gerne. Nahe daran zu erblinden.
Ich bekomme die Augen nicht auf. Ein Bergwerk öffnete plötzlich Schächte einer untergegangenen Kultur. Atlantis. Die Forscher waren außer sich, ich glaube, es waren deutsche, die da am Boden des Atlantik nach Schätzen suchten wie Öl, Uran oder Kupfer. Im Vordringen stießen sie sogar auf Stollen und hallenartige Bergbauten, die über die Jahrtausende die Luft gehalten hatten. Offenbar wurde hier einmal Salz abgebaut, offenbar hatten die Atlanter einige ihrer Kulturgüter untertage vergessen, man hielt Funde in den Händen, wovon bislang nur geträumt wurde. In einem der Gewölbe entdeckten sie gar hermetisch dichte Edelstahlbehälter in einem halb geordneten Haufen, nur leicht angerostet.
Jeder einzelne von der Größe eines Busses. Man vermutete und war sich doch eigentlich sicher, daß es sich um eine Art Archiv handeln müsse, der Aufbewahrungsort von Gütern, die die atlantische Gesellschaft überdauern sollten. Die ganze verkabelte Welt war dabei, als einige der Behälter geöffnet wurden, man fand tonnenweise Plutonium, weiteren hochgradig radioaktiven Müll und einen schnellen Tod, was die unmittelbar Beteiligten betraf. Die Überlebenden sorgten in verständlicher Panik für eine Havarie, infolge derer Atlantikwasser in alle Schächte brach. Gewiß, nicht nur Deutschland. Ein Lapsus.
Ich hatte doch leise gedreht, will es denn nicht hell werden? Die Stimme macht Sinn. Ihre Stimme. Ich habe die nicht gesucht. Ich folge dem Klang. Sanft und klar, etwas sehr liebes. Und dann ist es in mir.: wie ich richtig, bin ein Klangkörper. Ich will ihr gehören. Meinen Namen. Die Stimme wischt mich aus dem Schleier, so nah, so will ich leben. Dein Raunen holt mich dein Atem ins Leben. Wo werde ich sterben? In deinen Armen allein im Wald von Ketten zerrissen. Kein Fluch holt mir dich her.
Ich fluche. Mein Gott, diese Ödnis! Na klar bin ich da, ihr Hornochsen! Spart euch endlich den Peilstrahl, meint ihr, ich haue ab? Ich verschwinde.
Ich soll wieder warten. Für irgendwas bereit sein, was sowieso nicht geschieht, ich habe so oft gewartet.Vielleicht merken sie es nicht einmal, es fehlt einfach ein Zeichen, wie es weitergeht, sie blenden mir den Plan aus.
Kriegen die ihre Satelitenschüsseln nicht gedreht? Ich hänge in dieser Affenglut, und es geht zur Neige, es geht zur Neige, es geht zur Neige. Ihr seht bloß das beulige Dach, den abgewetzten Schild, die zerknitterten Reflexe der Scheiben. Ich bin hier! Ich bin Hier! Ich brülle aufs Pedal, schwarz sprüht es aus dem Auspuffrohr wie Schatten und schon verflogen. Die Ketten zittern im Stand, der Staub zittert mir zu.
War ich je tanken? Ich fuhr doch los. Es ist immer genug da. Wann brach ich je zusammen, und wie ging es dann weiter - meine nimmer leeren Tanks. Ich muß mich an sie erinnern oder eben das Pedal runtertreten. Füßeln. Sobald ich den Fuß niederdrücke springt der Zeiger ins weiße Feld.
Keine Hand frei. Was sonst. Ich kenne das, weiß das schon tausendmal und mehr.
Aber bevor der Nachtnebel in die Luft tritt, schwingt sich das Wimmern der Eulen an meine Rinde. Tränentropfen aus der gequetschten Pflanze, will ich dadurch. Der Gang klemmt, die Sperre: erst anschnallen. So was ist hier nicht drin. Auf festem Grund, Schicht um Schicht der Krüppelwälder, der Wind treibt Sand um Sand um Salz über die Ränder, mir aus den Augen, Edelsteine wie Perlen aus der Kinder Augen, mir aus dem Blick. Endlich färbt sich der Boden rot. Ich bin unten. Im Rückspiegel oder draußen der Qualm, ich drehe mich um, der Wind legt den Sand und nimmt den Rauch. Plötzlich ruckt die Raupe vor unter mir, mein Fuß war von der Kupplung gerutscht, ich fege herum, reiße mir die Haut am Sanikasten am Unterarm auf. Gang raus, ich fleddere irgendwas aus dem Kasten, den Motor aus. Der Zeiger sinkt übers rote Feld ins Leere. Ich mache den Schritt raus, falle in den Sand, halte mir den Arm, mir ist so schlecht. Hört das nie auf? Sie redet mit mir.
[...]
Ich konnte nicht, diese Unschuld, dies zarte, wehrlose, dies Raschheit fordernde, Sachtheit, Behutsamkeit. Das Gefühl, zu verletzen, da nicht hineinzugehören.
Trotzdem, sie wissen nicht, wovon sie reden, wenn sie von der Sublimierung ins Geistige sprechen, denn das ist nicht alles. Du mußt mir nicht sagen, daß ich das meine tun sollte. Du mußt mir nichts sagen. Und dann bin ich weg. In meiner Mördergrube verschwunden.
"Laß dich berühren." Ach weißt du, ich steh hier nur mal so in der Gegend rum.
Ich schalte mal ab. Ich schalte mal an. Ich kappe mal eben die Verbindung und schweige hinterm Hunger. Wirklich vollgefressen.
Das sollte eine Oase sein. Ein Unterschied. Eine Insel im beginnenden Chaos. Ein Gewächshaus für unsere Kinder. Wie kann ich sie nur fallenlassen. Was denke ich ihnen? Was tue ich ihnen? Was bedeute ich ihnen? Ich war drinnen. In ihrer Haut. Ihre Ohren. Und? Ich fahre weiter. Wieso bin ich allein? Das Blut sickert durch.
Ich schaue kurz auf den Kilometerzähler, ich habe es in der Hand, ich drücke den Pickel aus. Der ruckt: 8 - 9 - 8 - 9 - 8 - 9, der will nicht weiter.
Niemand fragte, wie oft die Ketten keinen Halt fanden. Durchgedreht. Man sah die Spuren und Klappe zu.
Sie wollten mich in ein Heim schaffen die nie, und dann waren alle Wege abgeschnitten, als ich aufblickte. Das Wärterpersonal war sich stillschweigend einig: der kommt hier nie mehr raus. Ich weiß nicht mehr, wer es war.
Mitgefangene: Kinder, Jugendliche, Alte. Im Gegensatz zu diesen fehlte mir nichts, ich war völlig unversehrt. Für mein offensichtliches Einsperren gab es mir unbekannte Gründe. Mehrere Etagen, ich wollte natürlich abhauen, die Kinder wollten mir, so gut sie konnten, helfen, schwach, wie sie waren. Ganz stark.
Da war ein Erdkeller, baubiologisch - der Therapieraum. Ökodorf mit Gummizelle. Fördern. Pausenlos leben. Sieh dir meine Stirn an. Trotzdem ich die Sonnenblende runterhabe. Denk nur. Wenn das nötig ist, wie dünn ist - ich kann's nicht mehr erwarten. Mein Sonnengeflecht zieht sich zusammen, strömt aus, mein springender Punkt, die Klarheit meines Lebens. Ich war frei und wurde gemocht. Ich wollte nicht fliehen wie nötig. Ich war für sie da. Sie war für mich da. Wir waren frei zum Jasagen. Mein Zuhause öffnete sich in ihren Gesten, ihren Bewegungen, ihren Worten, die Berührung unseres Eingefühltseins.
Scharnweberstraße 17, sagte sie, als sie meine Wehmut verließ, die Liebe blieb. Nach etlichen Tagen stand ich davor. Flugzeuge gingen nieder, mir blieben 18 Minuten Zeit. Ich konnte den Tag nicht verlassen, aus dem Traum in das Wunder. Etwas greifbares, einen Laut für mich, aus den Augenwinkeln in mein Herz - . "Na komm!". - Ich werde sie immer lieben.
Zum Jemand geworden, vor Augen mein Zeugnis voller 5en. Es werden trotzdem mehr: Ich kann mich nicht rühren, starre auf die paar Meter, die mir heute reichen würden, es wäre so einfach - aber und dann? Würde ich weiterfahren.
Sie haben mir das alles nochmals detailiert gezeigt: da hätte ich nicht so tief dürfen, einen Sumpf eröffnet.
[...]
Jahre später, oh, ich hastete durch die Stadt, nicht zu spät zu kommen, ich verschwitzte den Regen in meinen nassen Sachen. Immer wieder unfallfrei - zwischendurch. Die Stirn frei, das reichte,wenn's in die Augen brannte.
Achscheiß, der Laden! falle ich ins Laufen, fast vergessen, schmerzen die Beine. Wir hatten die Fassade fertig. Ich hatte den Einkauf fertig. Mich macht die Hundescheiße am Schuh fertig. Oder? Die Treppe hoch im Doppelschritt, morgen anders wie gestern. Ich höre schon, meine gute Kondition und lerne das Zittern.
Ich schau kaum mal zum Monitor. Es ist so vieles passiert. Bilder aus Deutschland, seinem Norden. Gitterstahl, Strommasten in unabsehbaren Reihen lückenlos im Küstenbereich. Die Leitungen straffen zu Boden, verankert, alles mit Tarnnetzen aus Armeebeständen behängt, mit Plastiknetzen, sicher recyceltes Zeug, vom Boden bis zu den Quertraversen dicht genug für Wind und Kletterpflanzen. Windschutzzäune. Sie scheinen überdimensioniert. Aber es sind Orkanschutzzäune hinter den neu aufgeschütteten Deichen hinter Hamburg, hinter Stralsund. Oder davor, ich will das besser nicht wissen. Solche Ideen haben die da wieder genug, was sollten denn auch die unzähligen Hochspannungsmasten weiter sinnlos den Horizont im Land zerstückeln, kaum noch Kraftwerke am Netz, trotzdem chancenlos dem nahenden Gau geliefert. Vulkanausbruch im Rheinland, wer hatte das gedacht. Schnell waren die Deutschen jetzt, nicht mehr auf den Autobahnen, nein, da wollten sie nicht mal eine als Museum erhalten. Die Bundeswehr flog die Masten mit Hubschraubern. Auch Blauhelme waren dabei, seit die UNO Deutschland zum Katastrophengebiet erklärte, was es lange vorher war.
Wie man es nimmt. Die 6 m hohen Zäune an den Grenzen im Osten jedenfalls lockten niemanden mehr zum Überwinden. Die Grenze hatte sich an die Küste verlagert, Sylt war verschwunden, Hamburg genommen, die Deutschen traten gegen die Natur an, man sagt, sie wußten das nicht. Es ist grün auf dem Bildschirm.
Hinter jeder Mastenreihe trotzen die Aufforstungen, halten sich Baumschulen für den Rest.
Im Osten halfen lange Zeit Infrarotsensoren, Bewegungsmelder, Minenfelder, Stacheldraht, Starkstrom. Sie hatten etwas länger nachgedacht, was sie gegen Stürme, gegen Fluten einsetzen würden. Und bekamen freie Himmel über ihrem Land. Für wen? Die Grundeigentümer an der Küste mußte die UNO enteignen. Außer die, die jetzt Unterwassergrundstücke hatten. Meine Trasse, wenn sie zum Meer führt - ich weiß nichts über die Höhe, ich habe es vergessen.
Viel Spaß! Wie ich diese Worte verabscheue, die bodenlose Blödheit dahinter. Es geht alles in Arsch, aber hauptsache auch dabei noch viel Spaß. So blind.
Nur noch Hülse, was soll die schon merken. Ekelhafte Floskel: Viel Spaß!
Bleibt mir damit weg!
Dieser Morgen ist licht - die Hosen hoch, die Hosen hoch! Verkehrt rum, egal! Ich stolpere los, ich verstehe kaum, wo muß ich hin, es ist schon geschehen, frag' nicht, denn es wird anders.
Wo ist das Ende, wo ist der Weg dorthin? Ich bin zu langsam, ich hänge rum.
Ich höre nicht mehr, ich habe Angst. Vor dir, vor den heitren Himmeln. Ich bin am Ende. Ich hatte keinen Weg, war nie unterwegs. Ich gehorche nicht mehr, mich treibt nicht die Angst, womit ich das verdient habe. Jetzt an den Kindern, Schikane, Schicksal, geschickt. Habe ich getrauert, um die Idee, mein Lächeln, meine strahlenden Augen? Als ich ins Leere lief. Ich hab's vorgeweint. Verstehste eben nicht, in Ordnung, aber mir dafür ins Kreuz zu treten - erwarte keine Gnade. Ich werde mich später rächen, und ihr werdet da sein! Ihr Bösen in der Überzahl meinem Manko an Güte. Wieviele denn noch? Bin ich denn nie an der Reihe?
Laß mich los! Du sollst verschwinden! In die NebelFinsternis, ja? Ich würde nicht zurückfinden.
[...]
Klar. Als ich mich für irgendwas verteidigen sollte in der Runde beim Stamm, "Arschloch!" war alles, was sie für mich übrig hatten. Und was passierte denn mit euch? Habt ihr die Zahlen für Neid und Mißgunst? Für die Ängstlichkeit, sich in der Reibung zu spüren und überhaupt sichtbar zu werden? Was ist das Werden? Was wird denn da? Anders als Flucht! Weggehen oder die anderen weg brüllen. Man richtet sich ja ein, nicht wahr? Na klar, ihr habt den Strudel nicht gesehen. Ich muß aussteigen, wieder ein Baum, die Krone will nicht rutschen. Der Horizont der Waldkontur gleitet hinüber in eine gelbbraune Wolkenlandschaft. Ich muß lachen: Gott und der Herr schieben mit ihrer Raupe die Wolkenmassen vor sich her über mich hin. Du brauchst das nicht glauben.
Niemand. Wen ich gesehen habe? Meine Brüder. Überall auf diesem Planeten, die Hände in der Erde. Geblieben. Die im Wesen eine Bestimmtheit tragen und offensichtlich - nicht zu ertragen, nicht wahr? Ich frage nicht lange.
Na, die auch nicht. Wieder der Plan ausgeblendet. Und draußen steigt der Nebel aus den Pflanzen in die Finsternis. Es geht nicht weiter, ich muß mir was zur Unterhaltung auf den Schirm holen. Obwohl, der ist ernst gemeint: ein Lehrfilm zur vorbereitenden Schulung von ABM-Kräften. oder war das gewollt?
Gibt es noch solchen Geist?: Der Ton lief etwa 1 Minute vor den Bildern. Es war zum Totlachen, das sinnlose Gequatsche entlarvte noch jedes Handanlegen in seiner Dummheit, seiner Leere. Ich sehe sie noch im nächsten Traum vor mir, eine Frau und ein Mann, nicht einmal habe ich richtig getippt, welches Bild ihren Worten folgen würde.
Das ist selten, daß die mich wecken. Mich graust der Ton plötzlich in die Kabine zusammen. Ich bin schon länger wach. In der Frühe konnte ich aus einer Quelle trinken, sie strömte ihr Wasser fast zum Fenster herein. Mutter Erde stillt mich. Lange kann ich nicht weiterfahren. Die Stille. Was meint sie? Es wäre genügend da? Das Wasser, mit Beeren besäumt, der Schatten einer Jackfrucht in der Höhe der alten Bäume nimmt der ganzen Raupe die lackende Farbe. War ich glücklich? Mit einer davon kam ich mal 4 Tage lang aus. Ein köstlicher Frieden. Ich muß die Augen zu machen, um den Zündschlüssel zu drehen. Der Qualm, der Lärm, erschüttert stürzt die Frucht hinab. Na los.
Rechts und links ist alles dicht. Gestrüpp, Granit, riesenhafte Bäume. Vorm Schild türmt sich das Erdreich auf. Ich brauche einen zweiten Anschub, um ein Stück vorwärts zu kommen. Ich rutsche mehr zurück, als das ich fahre. Ich muß nun bereits vier- fünfmal an den Berg, der vor mir wächst. Die Piste, hier darf doch kein Hügel sein. Der Monitor: eine Raupe, gelblich staubbedeckt aus der Vogelperspektive, eingeschluchtet in unabsehbares Dickicht, am Ende eines geraden Weges, immer und immer wieder den Berg vorm Schild angehend, von einer Verschiebung ist so gut wie nichts zu erkennen, Weiterkommen - soll das ein Witz sein, wollen die mich irre machen? Ha, der Sprechfunker macht keinen Pieps mehr, das kann doch nicht wahr sein! Die sollen dieses bescheuerte Bild wegnehmen! Ich will das
nicht sehen. Ist das - das Meer? Ich werd' nochmal blöde: Mir rutscht ein großer Felsbrocken langsam entgegen, Scheiße!, Vollgas, ich zerre das Tuch vom Hals, breche die Fensterkurbel ab, ist mir heiß! Den hatte ich doch schon! Er schrappt an den Schild, ich laß das Pedal nicht locker, ein Blick auf die Treibstoffkontrolle, ein Glück, fast voll, Vollgas dröhnt die Kabine, zittert der Knüppel in meinen Händen. Ich spüre, wie die Raupe langsam versinkt, sich merklich einwühlt. Ein Ruck, ich gehe mit dem Gas runter und die Ketten fassen irgendwas festes, ach den Baumstamm von gestern. Der Block bewegt sich wieder nach oben.
[...]
Ich muß aufpassen, daß er mir nicht über den Rand entgegen kommt, so schnell käme ich nicht raus hier. Ich kann kaum sehen, wie weit es noch ist. Dann, endlich kippt mir der Horizont in die Augen, und ich lasse die Hände sinken: ich sehe den Strudel. In mir erstirbt jede Bewegung.
Der Felsbrocken vor mir rutscht unaufhaltsam hinab, nicht weit vor mir knicken plötzlich Bäume weg, legen sich in ein langsames Gleiten. Rechts kippt ein riesiger roter Stein aus seiner Lage wie in einen Sumpf, der keine Eile mit seiner Mahlzeit hat. Was brülle ich?: Zurück! Wieso geht der Rückwärtsgang immer so schwer? Ich krache gegen ein Stück Felswand seitlich. Oh nein! Die gibt kippend nach! Warum geht das nicht vorbei - ach Mann, den Schild hoch!
Gleichzeitig zuckt durch mich ein Ruck, ein unabänderliches Rutschen, die Raupe dreht sich zur Seite, es geht abwärts. Kaum noch kriege ich die Tür auf.
Raus! Mein Gott, geht das schnell. Ich klammere mich ans Dach, stehe auf der Kante des Öltanks. Da hinten ist sogar Feuer, da dreht sich was im Kreis, ein leeres Faß. Ringsum wird der Horizont gefressen. Der Motor säuft ab. Klar und warm scheint die Sonne.
[Und Du erzählst/schreibst mir bitte, wie es weiter geht!]

VORAB

Und nun vorab ein Auszug aus der neuen Fassung vom "Schein des Diamanten", den Roland für Fingsten ankündigt:
Wer auch sonst: Er besteigt den Raumgleiter, dem Rendevouz entgegen. Oder dem Kontakt oder der Nähe? Alle wissen doch um die Fülle der Leere, darum flog auch keiner. Klar bleiben die Schirme dunkel, es ist tiefste Nacht. Er reguliert die Heizung runter und bleibt doch müde, was werden die nur denken.
Nein, nicht die Automatik, er schließt einen Impulsgeber ans Handgelenk und bleibt wach. Es wird schon langsam hell. Quatsch! Was soll hier mitten am Rande des Kosmos hell werden? Die Bildschirme! Schon da? So früh? Aber da ist gar nichts zu erkennen. Ein Schweifen des Blicks über die Anzeigen, genau die Hälfte: des Weges oder der Zeit oder des Beginns oder des Kontakts. Was kann das sein, das da alle Ortungsstrahlen schluckt, die Schirme blind macht? Nein, doch nicht hier! Sogar hier? Hört das nie auf? Langsam, wie ersterbend löst er den Impulsgeber vom Handgelenk, er ist so sinnlos wach. Und will schon das Triebwerk abschalten. Sein Hand zögert an der Empfangseinheit: ist da viel aufgelaufen vom Mutterschiff, er öffnet die Schleuse und gibt in seinem trägen Reflex den Bremstriebwerken Saft, alles, was da ist: Komm zurück! Wir müssen es neu versuchen, ein blind direkt auf deinem Kurs... Was??? Aber die Strecke war doch frei! Ein blind? Nein. Nein! Er starrt immer noch auf die Meldung, der Finger weiß und vor Anstrengung verbogen auf dem Schalter der Bremstriebwerke (obwohl die mentale Steuerung gut funktionierte). Ausweichen!
Aber das haben schon viele versucht: Bremsen, Richtungswechsel, sanfte Kurve, voller Schub - sie alle tauchten nie wieder auf. Jedenfalls nicht die nächsten paar tausend Jahre. Au verdammt. Au verdammtes Elend! Ich will nicht mehr! Das Leben sollte keine Wendung nehmen. Nein,  e r  wollte weiter,  e r  hatte ein Ziel.
Da war doch das Licht. Aber er fühlt nicht mehr, das läßt er nicht zu.
Nun, sie sind alle nicht zurückgekehrt. Er läßt seinen Gedanken freien Lauf, deutlich die innere Stimme. Das Bremsen endet, die Triebwerke bekommen vollen Schub. Ein gutes Gefühl. Was sind das für Farben, ein grünliches Licht. Wo kommen die Bilder her? Kinder, Bäume, windbewegtes Wasser, almblatterdekäferwolken, Wald, Erde, Mutter Erde. Er starrt noch auf den Schirm, als sich die Triebwerke schon wieder abgeschaltet haben, reflexlose Schwärze die Schirme ausmacht. Was passiert jetzt? Er hat Angst, ohja. Wie geht es jetzt weiter? Er holt alle Anzeigen auf den Schirm: der Gleiter wird beschleunigt, klar in Richtung blind, was immer das ist. Auf halben Wege. Die Automatik macht alle Schotten dicht, jedes Auge nach draußen, sie kommt mit dem absoluten Nichts nicht klar. Aber da ist diese Anziehungskraft. Jede der Zahlen sagt es, da kann gar niemand vorbei, ohne zu verrecken. Wer ist das?
Fremd sieht er seine Hand am Regler, voller Schub. Nein, das ist ja zwecklos.
Langsam schnallt er alle Gurte ab. Noch mehr rote Warnlichter, das Alarmschrillen. Plötzlich wie freier Fall, er schreit auf, ganz deutlich spürt er, wie sich sein Körper in einzelne Prickelpunkte auflöst, nichts verbindendes. Dann fährt ein Kraftstoß dazwischen treibt das auseinander wie ein explodierendes Verdampfen. Im Geiste ist nur noch die Angst. Nein, das soll zu Ende. Plötzlich fällt die Energie zusammen, Implosion. Wovon? Leere.
Die leer bleiben will. Liebe, die frei bleiben will, die nur frei sein kann.
Ich nicht. Kein Ich.

GEBET KARMA VERSICHERUNG

Nanu. War das ernstzunehmen? Steckte was dahinter? Ich hielt den Lover 15 in der Hand, die Seite mit dem Programm vor Augen, Sonntagabend, es klang so unpassend, so übertrieben: "23.30 Selbstmord. Real. Und ganz." Gibt es denn halben Selbstmord? Oder soll das auf die Zeit bezogen sein, wir essen uns zu Tode (Na klar Thema Essen, ich ahnte schon, wer der Macher dieser Sache war...) das Leben lang? Der Untertitel wirkte da schon wieder normal: "Nix Musik, gute Lichtbilder, noch paar Worte." Danach sollte Körperbemalung und Tanzen sein. Mangold lief mir über den Weg, ich fragte nach, hatte richtig vermutet, Dietmar würde den Vortrag machen. Naja, eigentlich bin ich erfahrungsweise am Sonntagabend immer ziemlich grocki, sehe mir kaum noch was an, sitze lieber in der Küche bei Leuten, die sich auch austauschen wollen oder sich einfach nur unterhalten. Aber das werde ich mir nun doch anschauen.
Auf jeden Fall ist ja auch noch Zeit, Dietmar anzuquatschen, was es damit auf sich hat. Ich holte wieder das Programmheft vor, was hatte Mangold gesagt, was machte er noch alles? Heute "Wir gehören zusammen. Und die Musik? Reinkarnationen." Hm, sagt mir nicht viel. Oder besser: als hätten wir das schon paarmal gehabt. Dann Samstagfrüh "Jugendradio", Samstagabend "Weichen Türen Licht" ??? Bestimmt wieder was selbstgeschriebenes, was keiner versteht.
Samstagnacht "Urtöne. Monochord stundenlang Lichtbilder." Ohgott, hoffentlich nicht dieses Meditationszeug. Moment, ja, bei "Selbstmord" ist Schluß. Hm.
Moment, oh gut, heute bin ich gleich nach ihm dran. Hätte meinen Vortrag anders nennen sollen, "Ärzte" liest sich komisch an der Stelle.
(Später:) Meingott, bin ich aufgeregt, hoffentlich geht alles gut, "Kampi, sind die Dias klar? Mach mal das kleine Licht wieder an." Ein Glück, mit Kampi, das geht gut, der ist so schön ruhig. Die Reinkarnationen, selbst wenn's so wäre, ich verstehe nicht, warum der Dietmar so oft weinen muß, wenn er was macht.
Mann, der sieht ja auch echt traurig aus. "Du, Dietmar, kann ich dich mal was fragen wegen Sonntag? Ich" "Zwischen der siebenten und achten Rippe. Nunja, doch Annegret, von oben oder von unten?" "?" "Von vorne." Weg war er.
(Später:) Ja, das hätte ich auch nicht gedacht. Ich hatte mich auf der Wiese in der Vormittagssonne langgemacht, Kampi las mir nochmal die Reihenfolge in unserem nächsten Vortrag vor, da gingen zwei vorüber, den einen kannte ich nicht, die Frau, das war die Frau von dem Reiner: "...das hätte ich ja nicht gedacht du, der Dietmar hat echt vorn paar Monaten ne Lebensversicherung abgeschlossen. Ich weiß nicht, wer das erzählt hat. Irgendwann kriegen sie..."
Das Herz(Später:) Es ist ziemlich voll, aber alle sind nicht gekommen. An der Tür drängeln sich welche, wohl unentschlossen, ob sich das Bleiben lohnt. Es ist erstaunlich still. Dahinten steht ein offener Koffer mit Körperfarben drin, Mangold wühlt darin rum, lacht jemandem zu. Dietmar kommt. Rasch. Er legt ein grünes Samttuch auf den Hocker davorne. Und jetzt ein langes Messer.
Tatsächlich, ein Küchenmesser mit rotem Plastikgriff. "Ey!?" ruft jemand.
Dietmar schaut kurz auf, nimmt das Messer auf, streicht mit dem Daumen über die Klinge, legt es wieder hin, setzt sich an die Seite vor der weißen Leinwand. Die Dias zeigt wohl Stefanie, sie ist noch nicht so weit. Dietmar im weißen, langen Hemd, hebt sich kaum ab vorm Hintergrund, die Brust halb offen.
Ach, das ist so übertrieben. Vergangene Nacht, ich weiß nicht, irgendwie, also für mich paßte das nicht zu LAPSUS, ja, diese endlose Meditationsmusik, aber was er da vorgelesen hat, das war alles nur Sex (Kampi sagte natürlich Erotik), und solche doofen Fotos, nackte Frauen und sowas. Daß dann da welche anfingen rumzuschmusen. Ich muß da nochmal mit Kampi drüber reden. Es ist wohl soweit, das Licht geht aus, da steht ja Dietmar, die haben irgendsoeine rote Lampe auf ihn gerichtet, rotes Hemd. Die Dias fangen an, obwohl, Stefanie hat sich hingesetzt. Ja, die gehen automatisch immer im selben Abstand, mit dem roten Licht ist es wieder etwas lauter geworden. Das sind alles Bilder von da, wo er wohnt, vieles erkenne ich wieder. Nanu, wer ist das? Was war das für eine Frau? Eine Fee? Höre sowas wie "Ellen" hinter mir. Kenn ich nicht.
Ach Mensch, Dietmar redet ja und ich kriege also wieder nur die Hälfte mit, aber das klingt gar nicht so vorwurfsvoll wie sonst bei ihm "... Wir sind jetzt fast am Ende für dieses Jahr. Und ich kann mir nicht vorstellen, wie LAPSUS live ohne mich wäre." (Da pfeifen welche, rufen lachend Buh) "... wollte nicht, daß das einfach so weiterläuft. Auch da will ich den Schlußpunkt. Ihr werdet neu anfangen müssen." "Was soll dieser Blödsinn?" ruft Dagmar. Ein Dia bleibt jetzt stehen, ganz rot, eine Mohnblüte, nein, Rose, spiralig, Strudel, die rote Lampe ist aus. Aber das kann er doch nicht machen! Der hat ja wirklich das Messer in der Hand! Nein, mensch Dietmar! Ich will den Reißverschluß vom Schlafsack öffnen, das kann er doch nicht machen! Neben mir stürzt Stefanie, sie ist im Kabel vom Bildwerfer hängengeblieben, der kippt von der Leiter, im letzten Licht sehe ich mit Entsetzen, wie Dietmar zustößt, das große Licht geht an, das Hemd wird wieder rot, Stefanie schreit: ich komme mit. Ich kippe weg ins Dunkle, Kreislauf.
(Das war LAPSUS und live und 1998. Entnommen aus Lover 16.)

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