OVER
Nr. 14
LOVER Nr. 14
(erschien 03/98)
Auszüge:
[Rock'n'Robota] - [RE ¤ act
¤ or] - [Mutter] - [Verschiedenes]
- [Preisausschreiben] - [Freude]
- [Alles] - [Eingeladen]
- [Apfeltraum] - [Gänsehaut]
- [Pusteblume] - [Anzeige]
- [Ersatzprojekte] - [Rückkehr]
- [Disko] - [Manipulationen]
- [Alexander] - [Plan B]
ROCK'N'ROBOTA '98
Wer wagt es (wieder), Ostern sein Herz mit allem drums&Dran an den
unerlösten Platz der Möglichkeiten "Zar Nektar" - wie auch immer
- zu bringen? Ich wünsche mir sehr einen frischen Schwung von Menschen,
die helfen, etwas Luft zu schaffen, den Rücken oder Bauch frei (wer's
nicht weiß - wir sind nur noch zu dritt all hier, und keiner weiß
wie lange). Wie jedes Jahr träume ich: ach, wäre das schön,
einmal das Fingsten stressfrei vorbereiten zu können...
Daß letztes Jahr der Familienclan hier nicht nur Erde bewegte,
bewegte mich sehr. Ich wünsche mir das wieder und nicht nur im Rahmen
der Gorscheibens. Bauen, Gärtnern, Nähen und gute Gelegenheit,
Fingstbeiträge generalzuproben. Oder gar der erste Schritt von der
Idee, LAPSUS LIVE zweimal im Jahr... Oder wegen refugialer Abwesenheiten
hier im Grünen auf kleinerer Flamme anwesend zu sein.
Bitte schreiben, Ihr seid eingeladen, Tage der Arbeit und Erholung!
Seid bereit!
Abholen vom Bahnhof Rakow kein Problem.
RE ¤ act ¤ or
Ich fand, es war diesmal 'ne ziemlich ausgewogene Mischung. Erfrischend
anders, lebendig und authentisch wirkten auf mich Ninas Beiträge.
Daß Spaß nicht auf perfekter Qualität fußen muß,
zeigte der Live-Auftritt von Hansi, Micha und Anja - schöne Gelegenheit
ein gutes Lapsus-Feeling aufblühen zu lassen. Und Gingers Märchenaufbereitung
mochte ich nicht nur, weil ich Ginger mag. Rolands Pink-Floyd-Vortrag sprach
wieder für sich: eindrucksvolle Textinterpretation + Bebilderung.
Schade, daß das Tanzbein erst so spät zucken konnte - gegen
Mitternacht sollte es immer was "Aufmunterndes" geben - wir werden älter...
Was ich mir noch wünsche ist weniger Distanz, mehr Aufeinanderzugehen.
Nicht nur innerhalb des Programms. Regina
MUTTER LIEBE UND HINAUS
Du ziehst mich durchs Wasser, ich schwimme wie lange schon nicht Meer?
Ich bin bei mir, und im Himmel, ich sehe deine klaren Augen und etwas sehr
liebes, mein Herz steigt aus, ich stolpere hinterher, an deiner Brust,
die Erde bebt und doch bist du da, die Erde bebt wie in meiner Brust, ich
war schon da, mein Herz, ich werde meine Ängste ausgießen über
dürstenden Boden, hatte ich schon lange ja gesagt, wie ich es höre,
Erde dir? Herz dir? Dir Kind? Dir Mutter?
Laß uns hinaustreten. Unter Bäume.
Verschiedenes
Erkenntnis
Seit dem Mega-Stau, und nicht erst seit dem letzten,
am Fahrkartenschalter, dem unterbesetzten,
hab' ich in meinem Reisekoffer
immer einen LOVER.
Is' doch am besten!
Noch mehr Werbung
Im Taxi sitz' ich ratlos kurz vor Pfingsten,
frag' mich laut: Wohin soll bloß die Reise geh'n?
Schmeißt mir nach hinten der Schofför
doch tatsächlich den LOVER.
Na, is' doch schön!
PREISAUSSCHREIBEN
Es gibt hier ein paar Fragen und wer die meisten richtig beantwortet per
Post, kriegt am meisten Punkte und kann totaltolle Preise gewinnen! Wetzt
das Messer, schärft das Hirn, lacht euch kaputt!
1. Frage: Wie heißt das Motto von Lapsus live?
2. Frage: Wieviele m² Papier wurden für Lapsus schon beschrieben?
3. Frage: Wieviele Lover-Nummern gibt es?
4. Frage: Wie oft soll es Lapsus live noch geben, wenn ja, warum nicht?
5. Frage: Wie oft wurde sich zu Lapsus live bisher verliebt?
6. Frage: Wie oft beiderseitig?
7. Frage: Was war die bisher größte Pleite während
Lapsus live?
8. Frage: Schreibe mir bitte: Wen liebst Du?
9. Frage: Was ist aus Alvaro geworden?
10. Frage: Was ist Dein Lapsus live Lieblingsessen?
Zusatzfrage: Was magst Du Lapsus live am liebsten? (2 Punkte!)
Schreibt an: Roland. Einsendeschluß ist der Ostersonntag.
Gewonnene Preise sind vom Austausch umgeschlossen! Und Roland ist von
der Ausnahme teilgeschlossen! (Denn der hat ja den ganzen Trödel schon
liegen hat.)
(DER FREUDE, DIE FREIHEIT)
Denn das Leben geht weiter,
ohne daß ein Rabe danach kräht.
Ach, emsig verflüchtigte Grasmücke -
Enten im Sturzflug!
Und Stare tragen den Wind...
Drücke das Korn doch, Du Regen!
... malt Sonne der Stieglitze Rot
und kein Distelchen (Gottes!) wankt
wenn himmelhoch Bussarde kreisen
liebkosend, kreisend schreien.
Der Zuruf!
Die Freude!
Die Freiheit!
Alles Nichts Oder
Atmen
Sehen
Hören
Fühlen
Riechen
Schmecken
Lieben
Alles oder nichts
WARUM ICH DICH NICHT EINGELADEN HABE
Für die LAPSUS, ihre guten Sitten, Manilose und andere Herzlichkeiten
wurden mittlerweile 2720 m² Papier beschrieben, bedrückt oder
zerknüllt. Das sind an die 5 Zentner - aber nicht am Stück. Es
sind Zettel, oder? Ich bin verzettelt, zumindest an diesen Tagen. Ich möchte
Dir nicht in diesem Zustand begegnen, unsere Nähe ist mir zu kostbar.
Und ich sammle mich für meine Vortritte, das kostet wahrlich Kraft,
mich dabei nicht in den Gefühlen zu verlieren, authentisch in der
Nacktheit zu ein, mir nah (auch das ist kostbar). Und mir bleibt dann manchmal
nur noch die Energie, Gast zu geben. Wenn, dann überhaupt. Natürlich
Blödsinn. Du weißt, die Liebe ist ein Kind der Freiheit.
Genau darum.
Und wenn sie wächst?
Apfeltraum
EbenHier
ErlenGrund
GrünDung
Keimeswegs
Keimesfalls
Landhüter
Lenz
Naturtrüb
Ostgarten
StichInsGrüne
TrotzDem
Waldanschauung
Waldbewegung
Waldbürger
Waldniveau
Waldoffen
Waldruf
Weggefährten
Wir
Wurzelecht
Zar Nektar
(aus "Überhaupt" Nr. 7)
Gänsehaut
graue Gänse wandern über harschen Schnee
das viele Weiß tut ihren Augen weh
die spitzengrüne Saatenzeit
wartet hinterm Mond so weit
graue Gänse fliegen übern glatten See
tauchen ein in satten Klee
in lautenfroher Schar
der Blütentraum ist wahr
das Jahr treibt flink vorüber
mit Kirschenmond und Flieder
bis unter Wolken wieder
tönt Gänseschrei hernieder
(Nina, 4.6.87)
Pusteblume
natürlich können wir uns ewig lieben
doch geht uns die Puste aus
sag nicht es wäre meine Schuld
du weißt ja wie
jede dottergelbe Butterblume
endet
(Nina, 6.6.87)

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"Den Wald anschauen, bis er zurückschaut. Die Bewegung kommt aus dem
Wald, wir gehen in den Wald. Heimat Wald, ich komme nach Hause. Jetzt kann
ich den Wald hören. Zwischen den Bäumen ist Platz zum Leben,
jedes Blatt läßt noch Licht hindurch, Bäume tragen Räume
zum Wohnen, jedes Blatt läßt noch Luft hindurch.
Die Töne des Waldes berühren das Herz. Ich gebe meine Art
Klang zurück: Hehe jaoah, hejah, hejah, hejaoha, hou, houu, he jaja
ho ha!
Wir trotzen der Erosion. Dem Eros? Die Hände auf Mutter Erde,
die Finger dringen in den weichen Boden. Die Kräfte steigen auf, fließen
hinab, ich lasse mich davon berühren, werde aufmerksam, werde sorgsam,
es geschieht. Nektar.
Kulturtrüb tropfen Gewohnheiten in die Aura. Unsere Verwachsungen
sind so. Wir müssen nichts ändern. Können wir lieben. Autonome
Teilhaber, solange wir uns begegnen. Der Himmel streichelt das Land. Wir
können heilen - fühlen den Puls - das Land besetzen mit guten
Kräften. Nein? Geht nicht? Soll nicht? Sieh die grüne Spitze,
immer zum Licht. Tausende Samen an unserer Seite.
Setz die Segel ins Blätterrauschen. Hingabe"
(Vorab aus "Bruder Baum Baum Bruder", LL98)
Ersatzprojekte
... Aber die Zeit der Liebe zwischen Mann und Frau kommt erst herauf, die
Figur der Heiligen Hochzeit, die einst eine unindividuelle, kollektive
Metapher war, wird zum Mythos jeder gelungenen Individuation gehören.
Die Liebesvereinigung wird sich als Königsweg des millionenfachen
Aufstiegs zu einem höheren Bewußtseinszustand erweisen.
Weil es nichts Schmerzhafteres gibt als den Haß der Egos, die
wirklich intim miteinander geworden sind, werden Mann und Frau aneinander
die Grenzüberschreitung vom machtkämpferischen Ich zum liebenden
Selbst erlernen. Die Liebe überhaupt, zentral aber erotische Liebe
ist der Weg. ...
An der Aufgabe vorbei, eine Liebeskultur zu schaffen, die nicht metaphorisch
bleibt, sondern sich sinnlich realisiert, kann die ökologische Krise
schon deshalb nicht gelöst werden, weil dann die Krieger (inzwischen
beiderlei Geschlechts) weitermachen müssen mit ihren diversen Ersatzprojekten,
an denen sie sich dennoch niemals sättigen können. ...
Nur zwei Menschen, die ihre innere Unabhängigkeit und Freiheit
wirklich erlangt haben und ihren Wünschen nicht mehr verhaftet sind,
die also halbwegs Arroganz und Eifersucht hinter sich haben und vom Nächsten
nicht vor allem fordern, sind fähig, sich zum Paar zu verbinden. Vorher
ist die Liebe ebenso ein Ersatzprojekt, bevorzugt von der Frau, wie andere,
logozentrische Ersatzprojekte des Mannes auch, und auf der Schwelle zur
psychischen Intimität beginnt der Machtkampf, beginnt das Alte von
neuem: Gibst du mir, geb ich dir.
Wenn es wahr ist, daß Sexualität und Geist in den Individualitäten
der beiden Geschlechter polar, aber untrennbar zusammenhängen, dann
kann die Liebesbegegnung - wo doch beide vom Baum der Erkenntnis gegessen
haben - nicht mehr unreflektiert auf Dauer gelingen, nicht mehr ohne den
Willen zur Transzendenz [Überschreiten] des Machtspiels, d. h. beiderseits
zu einseitiger Abrüstung. Deshalb geht die Selbstfindung beider Geschlechter,
die Annahme der Einsamkeit, die mit der unumkehrbaren immer radikaleren
Individualisierung verbunden ist, das Verlernen der auf den anderen projizierten
Erwartungen - geht all das ihrer Kommunion immer wieder als Moment voraus.
...
[Bahro zitiert Lewis Mumford aus "Hoffnung oder Barbarei" (1956):]
Liebe hat wie der Verstand nur langsam an Wirkung in der organischen Welt
gewonnen; da sie erst spät in dem Drama auftrat, das der Mensch selbst
geschrieben hatte und inszenierte, erfüllt sie erst einen kleinen
Teil seines Denkens, Lernens und Tuns. Doch in der kommenden Verwandlung
des Menschen wird die Liebe das zentrale Element der Integration sein,
Liebe als erotisches Begehren und als Zeugungskraft, Liebe als Leidenschaft
und ästhetisches Genießen im Betrachten des Schönen und
in seiner Neuschöpfung, Liebe als Kameradschaft und nachbarliche Hilfe,
Liebe als elterliche Fürsorge und als Opfermut und schließlich
Liebe mit ihrer wunderbaren Gabe, das geliebte Objekt über alles zu
stellen, es zu verherrlichen und zu verklären. Ohne Steigerung unserer
Liebesfähigkeit in all ihren Möglichkeiten können wir kaum
hoffen, die Erde und alle Geschöpfe, die sie bewohnen, vor den gefühllosen
Mächten des Hasses, der Gewalt und der Zerstörung zu bewahren,
die sie jetzt bedrohen. Und wer wagt von Liebe zu sprechen ohne eine Philosophie,
die den Menschen in ihren Mittelpunkt stellt? ...
von Regina ausgewählt aus "Logik der Rettung" von
Rudolf Bahro (1935-1997)
Die Rückkehr zum menschlichen Maß der
Dinge
Virtuose Langsamkeit in der Rockmusik: Neil Young, Killdozer, Smog, Tortoise,
Souled American und kein Ende
von Bernd Gürtler (aus Sächsische Zeitung vom 24.12.97)
Ein denkwürdiger Moment 1988 bei Killdozer und ihrem Album "12
Point Buck": Michael Gerald, der Sänger, zugleich Bassist der Band,
zählt Seite zwei ein und klingt schon so träge. Gebremst haut
der Schlagzeuger in seine Trommeln, für Michael Geralds Empfinden
aber trotzdem noch zu schnell. "Stop! It's too fast", ruft er, dann erst,
nach kurzem Innehalten, geht es richtig los. Ähnlich einer Blechlawine
vom Autofriedhof am Rande der Stadt, kommt der Song von der Stelle, genau
so unbeirrbar und ganz, ganz langsam.
Das war ein Signal. Wurde bis dahin durch stetiges Erhöhen des
Tempos seinen Verfolgern zu entkommen versucht, drosselte man die Geschwindigkeit
fortan des öfteren - einsehend, daß es kein Entkommen gibt.
Seit in den westlichen Industrienationen die Wahrnehmung in der Tat globaler
geworden ist, schwindet die Hoffnung auf einen Flecken Erde, wo der
Mensch sich eigenhändig noch keine Lebensumstände schuf, die
denen aus der Zeit seiner Erschaffung grundlegend zuwiderlaufen. Ein Mehr
an Information, das bewältigt werden muß, ein Mehr an bunten
Verheißungen, die einem den Nerv töten, ein Mehr an Leistungsdruck
- gegen all das macht der Mensch sich und sein angeborenes Empfinden wieder
zum Maß der Dinge und sieht zu, wie er mit seiner grellen Umwelt
zurechtkommt.
Frühzeitig damit angefangen hat Neil Young, Urvater des Grunge
und aller Verlierer obendrein. Freimütig gesteht er, daß er
überhaupt nicht schnell spielen kann, daß seine Stücke
zumeist aus nicht mehr als drei, vier Noten bestehen, die sich allmählich
im Kreise zu drehen beginnen. Trotzdem, ein Rocker alter Schule bleibt
Neil Young. Fundament bei ihm ist ein stetiger Rhythmus, der Zuversicht
ausdrückt. Seine Enkel, Dinosaur Jr./J. Mascis zum Beispiel, glauben
gar nicht, daß es etwas zu erreichen gibt. Vor dem ersten Versuch
haben sie schon aufgegeben. Besonders ausgeprägte Verwandtschaft mit
dem Vorbild zeigt sich dort, wo sie dessen Trägheit teilen. Versuche,
Tempo zu machen, wirken unsicher und fahrig. Ein kleiner Schritt auch nur
von Neil Young bis zu Souled American, die das Gemütliche
des Country zur Entschleunigung des Lebens ausnutzen und drahtige,
schleppende Klanggeflechte knüpfen. Unmittelbar nebenan wohnen die
Traurigen, Leute wie Bill Calahan/Smog oder Will Oldham mit seinen Palace
Music. Eines Tages beschlossen sie, die Rolläden nicht mehr hochzuziehen.
Es ist zuträglicher so. Zwar physisch anwesend, gehört ihre Aufmerksamkeit
den Hirnfilmen im eigenen Kopf. Verbindungen zur Außenwelt sind abgebrochen
oder bestanden noch nie.
Ist das Bedürfnis nach Langsamkeit abhängig vom Alter? Scheint
nicht so. Denn Bands wie Gastr del Sol, Tortoise oder The Sea & Cake,
die bedächtig, zugleich auch virtuos spielen und in die Tiefe schauen
lassen, statt nur auf die Oberfläche, rekrutieren sich nicht aus betagten
Männern.
Betagt ist schon die Aufnahme des letzten Nico-Konzertes vom 6.6.1988.
Jedoch neulich erst enthört. Musik, die unmittelbar die Assoziationen
hervorruft, die gemeint sind. Der Rhythmus ist nicht auf der Flucht, sondern
auf dem Weg zum Hörer. Doch das menschliche Maß wird stetig
mehr zur "fata morgana". In der Wüste.
Nico starb am 18.7.1988, sie war in der Mittagshitze mit dem Fahrrad
unterwegs nach Ibiza-Stadt, etwas Haschisch zu kaufen.
Schön langsam: Platten
Killdozer: 12 Point Buck; Dinosaur Jr.: Bug; Souled American: Notes
Campfire; Lambchop: Thriller; Tortoise: Tortoise; Smog: The Doctor Came
At Dawn; Neil Young: Everybody Knows This Is Nowhere
Artikel ausgewählt von Achim
DISKO UND SO
Niemandem nahe kommen.
Tanze ich?
im flirrenden, klirrenden Krach
um meinen Wunsch
im Auf und Ab
der Maskenmonotonie nie nie - #
Licht spricht, bricht, brüllt.
Licht zerhackt das Bild
im Takt in den Augen.
Zu dir nun -
was trägt mein Gefühl?
Mit jedem Ton
zappelt es an der Leine.
Nie ungezogen, nicht wahr,
im Wesen geteilt.
Irgendteil blieb immer da.
Jemand bleibt allein.
Soll so sein.
MANIPULATIONEN IM LOVER
Haben wir alles unter Kontrolle?
Oder geht's eher wie dem 1000füßler in Meyrinks Geschichte
(der sich nicht mehr rühren konnte, als die boshafte Spinne ihn fragte,
in welcher Reihenfolge er seine Beine setze, das 437 vor dem 168 oder?)?
Bevor alles beginnt, beginnt schon alles. Z.B. sagt beim Wochenendsemishop
der Schamane, ihr werdet dies und jenes erleben und euch so und so fühlen,
genau dies und das wird geschehen.
Das anschließende Ritual wird verabreicht. Und jedeR hat danach
zu erzählen, daß es ihMR genau so erging, dieser Art Gefühle,
diese Bilder, gar Visionen (die Art der Beschreibung unterscheidet sich
natürlich im vorgegebenen Rahmen, und bei jedeMR war es ganz besonders).
Die nächste Runde wird eingeläutet. Die nächste Heilungskiste.
Ich stelle nicht in Abrede, daß auch authentisches passiert, jedoch
denke ich nach eigenen Erfahrungen, daß uns ohne diese Vorabmanipulationen
der Therapeuten, Bioenergetiker, Indianer und Hexen anderes widerfahren
würde, vielleicht überhaupt erst was aus unseren Tiefen erwachsen
(für dieses Vielleicht mag man nicht so viel Geld ausgeben, nicht
wahr?). Wie steht's mit der Freiheit, mit der Hingabe, der Bewußtheit,
dem Ich, dem Selbst? Hat der Schamane mit einem Wort alles in der Hand?
Oder ist gar gleich alles Show, Du?
Meine erste angeleitete Meditation (1990): "...stellt euch vor, weißes
Licht... die Erde... die Sonne... der ganze Weltraum... " Ich kann mir
wirklich alles mögliche vorstellen. Gar kein Problem. Aber diese Bilder
müssen von allein kommen. Sonst sind sie tot, ohne Energie für
Veränderungen.
Und wie stand's in der Einladung zur Primärtherapie?: "... der
Patient sollte... Janov... gelesen haben..." Klar doch.
Und was Macht der Lover. Over? Lapsus? Verhältnisse?
ALEXANDER DAS MEDIUM
(Paul Kantner, Jefferson Airplane)
Des Nachts gehe ich in die Versenkung,
die rechte Zeit naht wieder,
alte Tage scheinen wieder klar herauf.
Was Traum ist, wird vom Licht zum Ende gebracht.
Ja, all ihr Menschen werdet gehen,
Würfe des Schicksals, ein Bogenschuß, von dannen.
Laß mich dir jetzt erzählen,
eine Sage von Herrlichkeit und der Kraft.
Und ich weiß nichtmal deinen Namen,
aber ich denke, ich werde dir alles offenbaren,
es bleibt doch gleich.
Wir alle sind gerufen,
Geschöpfe von Licht und Freiheit.
In den antiken Zeiten der griechischen Frauen
und der Blüte der Reiche der Mittelmeerküste
konnten die Priester von Karnak und Theben
die Ozeane durchschreiten und die Meere.
Und angesichts der Pyramiden würde sie seufzen,
und die Wässer tränen vom Himmel, über die Haut.
Du weißt, der Ozean ist dein vertrauter Freund,
dein Bruder, deine Schwester,
so sicher wie die Sünde.
Tauche deine Hände ins Wasser,
das Meer umspült deine Füße,
ich sehe, ich sehe es.
Du mußt nicht deinen Körper sterben lassen,
oh nein, oh nein.
Du kannst wieder zurückkommen,
wenn du es versuchst. Wenn du es versuchst.
Wir beide machten damals dieses Lied,
eine Billion Jahre vor heutiger Wellen Brandung.
Oh, ich kann dich wieder sehen, feurig strahlend,
du leuchtest wie Siber, wie das Sonnengold.
Und schau ich Hundert Jahre weiter,
werdet all ihr Menschen von dannen sein,
nieder ins tiefe Herz des Meeres,
zurück in die Zeit der Wunder:
warum fanden wir uns, du und ich.
Und ich weiß nichtmal deinen Namen,
aber ich werde mich dir offenbaren,
auf mich kommt's nicht an.
Wenn du lachst aus ganzer Seele,
gewinnst du das Spiel mühelos.
Vor dem großen Alexander,
damals nicht anders wie jetzt,
ich höre, sprich!
Kriegst du eine Ahnung,
was Ruhm, Erleuchtung und Freiheit bedeuten.
Durch alle Zeiten, du und ich.
(1972)
PLAN B
[Die Vorgeschichte]
Ich
muß aufpassen, daß der sich aufbäumende Felsblock mir
nicht über den Rand des Planierschildes entgegenkommt, so schnell
käme ich nicht raus aus der Kabine. Ich kann im Staub des zermalenen
Felsens kaum sehen, wie weit es noch bis oben ist. Dann, endlich kippt
mir der Horizont in die Augen, und ich lasse die Hände sinken: ich
sehe den Strudel. In mir erstirbt jede Bewegung.
Der Felsbrocken vor mir rutscht nun unaufhaltsam hinab, nicht weit
vor mir knicken plötzlich Bäume weg, legen sich in ein langsames
Gleiten. Rechts kippt ein riesiger roter Stein aus seiner Lage wie in einen
Sumpf, der keine Eile mit seiner Mahlzeit hat. Was brülle ich?: Zurück!
Wieso geht der Rückwärtsgang immer so schwer? Ich krache gegen
ein Stück Felswand seitlich. Oh nein! Die gibt kippend nach! Warum
geht das nicht vorbei - ach Mann, den Schild hoch!
Gleichzeitig zuckt durch mich ein Ruck, ein unabänderliches Rutschen,
die Raupe dreht sich zur Seite, es geht abwärts. Kaum noch kriege
ich die Tür auf. Raus! Mein Gott, geht das schnell.
Ich klammere mich ans Dach, stehe auf der Kante des Öltanks. Da
hinten ist sogar Feuer, da dreht sich was im Kreis, ein leeres Faß.
Ringsum wird der Horizont gefressen. Der Motor säuft ab. Klar und
warm scheint die Sonne, die sich im Sinken beständig dem Rand des
Strudels nähert. Wer geht hier unter?
Das versinkende Schild wird zwischen zwei Felsen mit schmerzendem Krachen
zerbrochen. Ich springe zu Tode erschrocken von der Raupe, muß einem
kippendem Baum ausweichen, Obacht gebend, nicht mit meinen Füßen
unter einen der rollenden Steine zu kommen. Die Finger krallen sich in
entgegenkommendes Erdreich, treiben es noch schneller in die Tiefe. Ich
sehe hinauf zum Rand, der sich beständig wegdreht. Schräg unter
mir ist die Raupe mit einigen großen Felsbrocken auf einem viel steileren
Weg am Sinken, dreht sich aber ebenso in einer Spirale. Den Blick wieder
nach oben. Der Rand ändert sich beständig, Bäume, Steinbrocken,
Sträucher, abgebrochene Äste schieben sich in den riesigen Erdkreisel.
Das gibt es doch gar nicht. Warum wach' ich nicht endlich auf?
In der Rille weiter nach oben!? Der Weg ist weiter, aber in den Furchen
ist kaum Bewegung, nur ein Gleiten, Aufbäumen und Versinken. Dort
kommt man bestimmt ganz gut voran. Größere Brocken halten sich
an keine Rillen, ich muß ihnen ausweichen. Der Rand kommt nicht näher.
Ich renne doch schon, verdammt. Ein Vogel sitzt auf dem Zweig eines sanft
dahinfließenden Baumes, hüpft bei jeder Erschütterung,
um besseren Halt zu finden. Klagendes Pfeifen und Krächzen. In einer
Astgabel ist ein Nest zu sehen. Leer.
[...]
Schneller. Schneller! Mein Knie wird von einem zerfetzten Zweig geritzt.
Die Hose reißt auf. Das Knie brennt. Keine Zeit für Schmerz.
Schneller! Die könn' sich was anhör'n. Schnelles Geld... Ein
Baum neben mir dreht sich plötzlich, das Wurzelwerk schlägt mich
nieder. Hoch, ich muß hoch. Schneller. Dreck verklebt mir die Sicht.
Der Rücken schmerzt, noch unerträglicher, als ich mich aus den
Wurzeln drücke. Ein Schuh ist hängengeblieben. Ich stürze
weiter.
Der Rand scheint immernoch erreichbar. Ich übersteige ein, zwei
Rillen nach oben, durch drehendes Geäst. Dauert zu lange. Weiter in
der Rille zwischen den treibenden Stämmen. Trotzdem: die Sonne kreist
auf ihren Untergang zu, verliert aber nicht an Höhe. Ich steige auf.
Das wird ewig dauern. Ein Abstrampeln ohne sichtbaren Erfolg. Dann lieber
Schneisen durch den Wald brechen. Schneisen, die in Spiralen enden...
Der Horizont liefert wie ein übervolles Fließband ständig
neue Silhouetten. Wo verschwindet das alles unter mir? Streben mir hinterm
Rand auch nur Spiralen entgegen? Wird die Ebene ringsum bereits in berstende
Streifen zerrissen?
Hinterm Rand stürze ich in Wasser; ein Bach, dessen Kiesel ins
Rollen kommen wie in der Regenzeit. Nur schnell den Dreck aus dem Gesicht.
Ein panischer Blick zurück, der Bach wird zerrissen. Vor mir Wildnis,
die Schneise muß irgendwo rechts von mir sein. Gewesen sein?
[...]
wir waren hier
haben die erd verdreckt
was hat man mit
uns andres denn bezweckt
Hatte ich das nicht erst gestern wieder in dem zerschlissenen Jandl-Büchlein
gelesen? Verdreckt! Verreckt wird hier. Auch das hab' ich mit mir machen
lassen. Fremder Zweck, der uns verreckt! Ich wollte doch bloß noch
ein, zwei Jahre richtig ranklotzen. Mann, all' die Zuschläge und einmal
im Jahr 8 Wochen frei mit freiem Heimflug. Kannte einen zwar kaum noch
jemand, aber meine Freigiebigkeit sorgte schon für Gesellschaft. War
damals bei der Bohrinsel auch nicht anders. Ein Zweig klatscht mir ins
Gesicht. Die Lippe schwillt. Verflucht, verflucht!..
Rechts vor mir plötzlich ein bekanntes Geräusch, kratzendes,
schweres Metall. Motorenkreischen. Dumpfes Brummen. Ich hetze kopfüber.
Das kann doch nicht sein, eine Schneise, eine Raupe auf dem Vormarsch.
Oben auf dem Rand des Erdkreisels kippt sie weg nach vorn. Wieso ...? Woher
...? Nachsehen? Doch vor mir das selbe Geräusch aus dem Blättermeer.
Ich drehe durch oder was? Ich stürze durch die Stämme und Sträucher,
falle in grüne Schlingen, ziehe mich an grünen Schlingen hoch.
Vor mir das gleichmäßig dunkle Band einer Schneise, meiner Schneise.
Doch rechts das Geräusch, ich presse mir die Hände an die Ohren,
das Bild wirkt noch unwirklicher. Eine Raupe schiebt sich durch die eigene
schwarze Dieselwolke auf den Rand, nickt kurz und verschwindet. Die Arme
sinken. Ein langes Hupen, das dumpfer wird und verstummt. Die dritte Schneise.
Das Basislager war doch nur für zwei Trupps eingerichtet. Wievielen
haben die noch erzählt, daß sie die einzigen weit und breit
sind? Mit Spielchen auf törichten Monitoren!
[...]
Meine Hand greift nach der Brusttasche mit den Kapseln. Für den
letzten Notfall. Ich fingere sie hervor. Starre auf das gelbe Zeug. Stecke
sie zurück in die Brusttasche. Das hier ist nicht der letzte Notfall.
Ich werde die anderen finden, und wir werden die finden. Jeden von ihnen.
V.
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