OVER
Nr. 19
LOVER Nr. 19
(erschien 03/99)
Auszüge:
[Ich] - [Ditorial] - [Der
Schnee von gestern] - [Hängengeblieben]
- [If You Want] - [Religion]
- [Antworten] - [Menschliches
Elende] - [Fortis Ut Mors Dilectio] - [Joiken]
- [Koan] - [Das Grundgesetz]
- [Blätterrauschen]
ICH BIN DU BIST ICH DU BIST ICH BIN DU
Ich tu, was ich tu; und Du tust, was Du tust.
Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach Deinen Erwartungen zu leben,
und Du bist nicht auf dieser Welt, um nach den meinen zu leben.
Du bist Du, und ich bin ich.
Und wenn wir uns zufällig finden - wunderbar.
Wenn nicht, kann man auch nichts machen.
(Fritz Perls)
Man macht, was Mann Macht, man tut, was man kann, man tut, was man will,
man lernt, man kann, was man macht, man lernt, was man will, man tut, was
man tut, man leert, was man tut.
DITORIAL
HaLLo ihr Lieben!
Wenn man erstmal wieder hier gelandet ist, blöderweise in die
Düsenmaschine eingestiegen... Schon habe ich kaum mehr die Bücher
über Portugal angeschaut, Geschweige dann: die Musik gehört auch
nicht.
Das, was ich sehe, was ist, ich hänge im Wind im Apfelbaum über
dem kleinen Grab, das sehe ich. Ich frag mich, ob ich's säe. Dann
des Morgens, die Kraniche schwingen auf in anderen Zeiten, das ist unwirklich,
das kann einen tragen. Oder 51?
:
Auch heute schneit's den Schnee von gestern. Die Schatten der Vergangenheit
(wer hat sich vergangen?). Vielleicht, wenn der Tag anbricht, vielleicht!
Und für die, die im letzten Loverditorial den aktuellen Buchauszug
gelesen hatten und es kaum erwarten können, hier weiteres daraus:
"Das ist endlos. Das nimmt kein Ende und wird immer so weitergehen.
Freude, Verzweiflung, Liebe, Haß, Kampf, Gelassenheit. Kein Ende
dafür! Es ist alles ein endloses Spiel des Egos. Was soll man machen.
Selbst die Liebe ist ein Tauschhandel. Wie kann es dann Liebe sein. Liebe
kann nur sein, wo die Zweiheit verschwindet, wo nur noch einer ist. [...]
Es ist unmöglich, aus einer Beziehung oder aus irgendetwas Bedeutung
für dein Leben zu gewinnen, da das einzige, was deinem Leben Freude
spenden kann, letztlich du selbst bist (jenseits des "Ichs"). [...] D.h.
nicht, daß man alle "Beziehungen" kappen soll. Sei gut zu dir, und
wenn sexuelles Leben erwacht, lebe es. Warum nicht. Aber alle die Frauen
werden dich unbefriedigt lassen. Zufriedenheit kann nur aus der Tiefe deines
Wesens steigen. [...] Befreiung liegt allein in Selbsterkenntnis, denn
du bist immer frei!"
In die N.
DER SCHNEE VON GESTERN
EINE GESCHICHTE ZUM BILDERRÄTSEL
Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf Karla DIE LIEBE.
Auf einer Disco im Studentenklub hatte sie IHN endlich gefunden: wunderschön
und kein bißchen blöde. Und das Unglaubliche daran war, daß
ER auch sie gefunden zu haben schien. Sie tauschten ihre Adressen, und
alles schien möglich. Der Himmel hing voller zarter Fragezeichen.
Da es kurz vor Weihnachten war, fuhr Karla zu ihren Eltern, um dort die
Feiertage zu verbringen. Sie platzte schier vor Euphorie.
Karla schwärmte ihrer Mutter, der sie sonst kaum noch was erzählte,
von ihrer überwältigenden Entdeckung vor. Diese hörte schweigend
zu, ohne ihre Hausarbeit zu unterbrechen, und fragte dann voller Mißbilligung:
"Und was ist mit Andy?"
Konnte das sein? Karla versuchte ihrer Mutter klarzumachen, daß
sie die andere Hälfte ihrer Seele gefunden zu haben glaubte, und diese
kam ihr mit dieser unwichtigen Beziehung, in die sie sich im Sommer zuvor
vor lauter entsetzlicher Einsamkeit geflüchtet hatte! "Mensch Mutti,
das ist doch der Schnee von gestern!" "Ach und dies ist wohl der Schnee
von heute?!"
Wieder hatte Karla moralisch versagt. Jede neue Beziehung ließ
deutlicher werden, daß sie nicht solide war. Einen hoffnungsvollen
Kandidaten für den dringend zu besetzenden Posten des Schwiegersohns
(Karla war Mitte 20!) hatte sie - nach Ansicht ihrer Mutter - schon leichtfertig
durch ihr schlechtes Betragen vertrieben. Dem Wunsch der Mutter nach geordneten
Verhältnissen widersetzte sie sich durch ihre "Abenteuer".
Karla gönnte ihrer Mutter keine Ruhe, lieferte keine vorzeigbaren
Fotos für die Verwandtschaft und stellte eine permanente Bedrohung
ihres Seelenfriedens dar.
Egoistisch, wie Karla war, suchte sie nur, ihr eigenes Glück zu
verwirklichen, und dachte dabei nicht an das Glück ihrer Mutter.
Diese wollte nun nichts mehr von all diesen Eskapaden hören. Karla
redete noch auf ihre Mutter ein, vonwegen daß die Zeiten sich geändert
hätten usw. Doch ihre Freude war erstmal pfutsch. Ihre frohe Hoffnung
hat sich später nicht erfüllt.
Ihren Kummer behielt Karla für sich.
Regina
HÄNGENGEBLIEBEN
"Wesensbestimmt" meint: vom Wesen her bestimmt, vom Kern. Ich hatte mal
einen Freund. Mit der Freundschaft sehe ich es heute etwas anders, vielleicht
auch umständlicher, beladener, von Einwänden belastet, deshalb
hatte ich einen Freund. Vom Wesen her jedoch würde ich mir meine Sympathien
sicher sein und auch an dieser Freundschaft nicht zweifeln können.
Ich gehe meinem Freund nicht aus dem Wege, aber ich bemühe mich auch
nicht um diese Freundschaft. Ihm geht es vermutlich ebenso. Irgendwann
trennten sich unsere Wege dahingehend, daß ich eine Art karrierebewußte
Energie nicht mehr wirklich aufzubringen vermochte, was mich in einen Zustand
versetzte, der mich an meine Kindheit erinnerte. Unsere Wege trennten sich,
als ich den Sinn des ganzen Gesellschaftsbetriebes in Frage zu stellen
begann und mich "hängen" ließ.
In der Kindheit ließ ich mich auch "hängen", aber die Vergangenheit
ist für unsere Freundschaft kein Maßstab mehr, weil wir die
Verantwortung für unser Handeln, für unsere Entscheidungen jetzt
selber tragen müssen. Und hier komme ich zum Punkt: Im physischen
Sinne haben sich die Abhängigkeiten zwar nur verschoben, sie bestehen
also noch, jedoch können wir uns als Erwachsene zu der Einsicht durchringen,
daß es zwischen einer physischen und einer geistigen Abhängigkeit
einen gewaltigen, einen grundsätzlichen Unterschied gibt. Aber solange
wir den Unterschied nicht bemerken, werden wir eine Unterscheidung wohl
auch nicht treffen wollen.
Der Zustand der geistigen Abhängigkeit ist nicht wirklich begründet,
er ist nicht wahr. Im Zustand, in dem wir der Wahrheit nicht trauen, setzen
wir die physische Abhängigkeit als alles usurpierenden Maßstab.
Das Unvermögen, welches sich in der Gleichsetzung von physischer und
geistiger Abhängigkeit als unumstößlich Gegebenes ausdrückt,
hält uns gefangen in einer Angst, die ein Anderes nicht dulden will
und kann, ein Anderes, das eine Sicherheit, die in ihrer Art immer nur
das Gegenteil bewirken kann, eben nicht ständig beschwören muß.
Aber diejenigen, die sich bei ihrem Selbstverständnis in erster
Linie von einer Befreiung von der physischen Abhängigkeit als unbedingte
Voraussetzung für ihre geistige Unabhängigkeit leiten lassen
(nach dem Motto: Selbst ist der Mann!), werden in ihrer "Idylle" Unfrieden
und seelisches Chaos erleben. Ist nicht all der Hick-Hack in diesem Land,
in der Welt, nicht auch nur eine Form dieses letztgenannten Selbstverständnisses?
Warum müssen wir denn ständig einen Beweis für unsere auf
einsame Unabhängigkeit beruhende Lebensfähigkeit abliefern?
Was ist denn wirklich Schlimmes daran, daß ich scheinbar im großen
und ganzen versagt habe und rumhänge? Hänge ich denn wirklich
rum, wenn ich kein Beweisstück erbringe? Und ist unsere ganze verzweifelte
Einsamkeit nicht doch bloß eine Illusion, von der wir nicht lassen,
die wir nähren und blähen durch unseren endlosen Versuch, ihr
durch traditionsbewußten Tatendrang zu entkommen?
Ich habe in dieser Gesellschaft die Möglichkeit, mich hängen
zu lassen. Diese Gesellschaft hat eine solch monströse Gestalt angenommen,
daß sie nicht wirklich mehr dazu in der Lage ist, mich, jeden einzelnen
wahrzunehmen. Zur Zeit ist das jedenfalls so. Und solange das noch so ist,
haben wir noch eine Chance, zu uns zu kommen - sind wir nur dazu bereit!
Dann jedoch wird die geistige Abhängigkeit nicht in eine geistige
Unabhängigkeit verwandelt werden, sondern in eine geistige Freiheit
entlassen, die als Wahrheit existiert.
Dirk
If You want to know how things really are - try to
change them!
Und wenn es noch eines Beweises bedarf, daß wir nicht alle gemein
sind, so findet ihr ihn hier:
"Ich bin dermaßen dissident zu den herrschenden Verhältnissen,
daß es mir nicht mehr möglich erscheint, mich so, daß
es allgemein verständlich wäre, dazu zu äußern." (Franz
Josef. Degenhardt.)
Denn wir äußern uns sogar dazu: RELIGION
RELIGION
DIE ZÄHMGEBOTE
Ich bin ich, mein Gott.
1. Ich soll niemanden neben mir haben! Ich will, daß wir an mich
glauben und mich lieben und jeden Tag zu mir beten.
2. Ich soll den meinen Namen nicht verunehren! Ich will, daß
wir mich achten und ehren und Ehrfurcht haben vor allem, was zu mir gehört.
3. Gedenk, daß ich den Sabbat heilige! Ich will, daß wir
am Sonntag und an Feiertagen ausruhen und die heilige Messe mitfeiern.
4. Ich soll Vater und Mutter ehren! Ich will, daß wir immer gut
zu meinen Eltern sind, ihnen gehorchen und Freude machen.
5. Ich soll nicht töten! Ich will, daß wir die Menschen
lieben, ihnen nichts Böses tun und alles Leben schützen.
6. Ich soll nicht ehebrechen!
9. Ich soll nicht begehren meines Nächsten Frau! Ich will, daß
wir schamhaft sind und in der Ehe treu bleiben.
7. Ich soll nicht stehlen!
10. Ich soll nicht begehren meines Nächsten Hab und Gut! Ich will,
daß wir andern nichts wegnehmen und gut mit meinen und fremden Sachen
umgehen.
8. Ich soll kein falsches Zeugnis geben wider meinen Nächsten!
Ich will, daß wir nicht lügen, sondern immer die Wahrheit sagen
und tun.
DAS GEBET MIR
Ich, mein Ich im Himmel.
Geheiligt werde mein Name.
Mein Reich komme.
Mein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Mein tägliches Obst geb ich mir heute.
Und ich vergebe mir meine Schuld,
Wie auch ich vergebe meinen Schuldigern.
Und ich führe mich nicht in Versuchung,
Sondern erlöse mich vom Bösen.
Denn mein ist das Reich
Und die Kraft und die Herrlichkeit
In Ewigkeit. Omm.
Antworten zum PREIS-AUSSCHREIBEN # 4
Hier präsentieren wir die Antworten zum PREIS-AUSSCHREIBEN # 4:
Vorab zur Erinnerung die Fragen:
1: Was ist die ultranative Warheut von LL 1996?
2: 1999 wird es vom 22.5. 7.34 - 24.5. 1.03 in der gesamten Gemeinde
Dü4 Stromausfall geben. Und was wird passieren?
3: Was hast Du verdient?
4: Womit?
5: Wann würdest Du nochmal anfangen?
6: Womit?
7: Deine ersten Gedanken des Morgens?
8: Welcher Name ist Dir für Dich am liebsten?
9: In diesem Heft gibt es einige Rocktextübersetzungen, welcher
Text berührt Dich mehr?
10: Würdest Du gern ab- oder zunehmen?
Z: Hast Du soeben gelacht?
JUJA schrieb drauflos:
1: weiß nich mehr
2: Es wird bei uns so schrecklich laut Musik gehört, dass es sogar
dem lieben Gott zuviel wird, Er sich erzürnt und ein paar Blitze schleudert,
die uns jedoch verfehlen und nur den Strom lahmlegen.
3: Dass diese Antworten die interessantesten, lehrreichesten und wunderbarsten
sind.
4: Um das zu beantworten bin ich doch viel zu bescheiden!
5: Heute nicht mehr. Ich muss bald in's Bett.
6: Wüsste ich selber gern.
7: in der Schulzeit: "Was'n los? in den Ferien/am Wochenende: "Oh welch
herrlich weiches Bett läd mich zum liegenbleiben ein...
8: Ich muss dir nicht alles auf die Nase binden!
9: Der, den ich gerade in der Hand halte.
10: Wenn du ein sehr schönes Buch hast, würde ich es gern
ab und zu nehmen.
Z: Worüber?
A:
1: Wir amüsieren uns zu Tode.
2: Wir bleiben am Leben. Sicher.
3: Mein Leben. (Sieht jedenfalls so aus.)
4: Achtlosigkeit
5: Wenn's besser werden kann.
6: Mit allem, was es ein weiteres Mal geben kann.
7: Endlich ins Bett!
8: Achim.
9: Netter Schatten von Grau #6
10: Weder noch.
Z: Nein.
Auch Regina war mutig. Auch verzweifelt?
1: Und wenn man's auf den Kopf stellt. 96 bleibt 96.
2: Etwas Schreckliches!
3: Einen Schlag ins Kreuz.
4: Mit 'nem Knüppel.
5: Mit der Beantwortung der Frage am liebsten gleich.
6: Alzheimer?
7: Scheiße. Scheiße. Scheiße.
8: Mäuschen.
9: Der Aufdruck auf meinem T-Shirt!
10: Fragt sich, wo.
Z: Da gibt's nichts zu lachen!
Hier wird jetzt was verraten, aber was, das verrat ich nicht...
Name: Hübner
Vorname: Dirk
Tätigkeit: Arbeitslosenhilfeempfänger
1: Bei Lapsus bin ich dabei!
2: Wir werden einfach nur dasitzen.
3: Viel zu wenig! Das habe ich doch gar nicht verdient!
4: Ich melde mich jedenfalls regelmäßig!
5: Warum denn?
6: Fragen 1 bis 6 sind doch schon beantwortet!
7: Frisch ans Werk!
8: Erbskopf.
9: Platz 1: S. 8 r., Platz 2: S. 12 l., Platz 3: S. 12 l., Platz 4:
S. 21 ff, Platz 5: S. 18 l., Platz 6: S. 18 r., Platz 7: S. 20 l., Platz
8: S. 20 r.
10: Onkel Bruno hat gesagt: Junge, iß mehr Fleisch! Das gibt
Widerstandskraft!
Z: Nein, aber Du, Du alberner Kerl!
MENSCHLICHES ELENDE
Was sind wir Menschen doch!
Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,
Ein Ball des falschen Glücks,
ein Irrlicht dieser Zeit,
Ein Schauplatz aller Angst
und Widerwärtigkeit,
Ein bald verschmelzter Schnee
und abgebrannte Kerzen.
Dies Leben fleucht davon
wie ein Geschwätz und Scherzen
Die vor uns abgelegt
des schwachen Leibes Kleid
Und in das Totenbuch
der großen Sterblichkeit
Längst eingeschrieben sind.
Sind uns Sinn und Herzen.
Gleich wie ein eitel Traum
leicht aus der Acht hinfällt
Und wie ein Strom verfleußt,
den keine Macht aufhält,
So muß auch unser Nam,
Lob, Ehr und Ruhm verschwinden.
Was itzund Atem holt,
fällt unversehns dahin,
Was nach uns kommt,
wird auch der Tod ins Grab hinziehn.
So werden wir verjagt
gleich wie ein Rauch von Winden.
FORTIS UT MORS DILECTIO
Reine Lieb ist's, die nichts zwinget,
Ob der Erden Abgrund kracht,
Ob durch schwarze Lüfte dringet
der entbrannten Strahlen Macht.
Keiner Taten Wunderwerke
Dämpfen treuer Liebe Stärke.
Spannet der Tod schon seinen Bogen,
Steckt er Trauerfackeln an.
Sie hat ihre Sehn gezogen,
Der nichts widerstehen kann.
Ihre Glut brennt, wenn wir Erden
Und zur Handvoll Aschen werden.
Wenn die Helle sich erschüttert
Und mit Ach und Folter schreckt,
Und der Ängsten Angst sich wüttert,
Wird ihr Eifer mehr entsteckt.
Lieb ist nichts denn Glut und Flammen,
Wie Gott Licht und Feur zusammen.
Laßt die stolzen Wellen toben,
Schäumt, ihr Meere, braust und schmeißt,
Wenn der strenge Nord von oben
In des Salzes Täuf einreißt!
Wird doch Wind und Wassers kämpfen
Nicht den Brand der Liebe dämpfen.
Lieb ist, der nichts gleich zu schätzen,
Wenn man alles Gold der Welt
Gleich wollt auf die Waage setzen.
Lieb ist, die den Ausschlag hält.
Lieb ist trotz der Silberhaufen
Nur durch Liebe zu erkaufen.
Andreas Gryphius (1616 - 1664)
JOIKEN
"Aus
dem letzten Jahrhundert ist die Geschichte eines italienischen Forschers
überliefert, der meine Heimat besuchte. Seinem König soll er
später erschrocken von einem furchtbaren Land berichtet haben, in
dem sogar die Frauen jagen dürfen. Stundenlang zu Fuß, von einem
Haus zum nächsten. Dazwischen nichts als Weite, wunderschöne
Unendlichkeit. Dabei entstehen Traurigkeit und Melancholie.
Und dann lauschen wir den Stimmen in unserem Innern, dann improvisieren
wir, ein bißchen Rhythmus hier, Melodiefetzen dort. So einfach ist
das. Doch am Ende stehen klingende Landschaftsbilder von monumentaler Wucht
und zauberhafter Bescheidenheit zugleich. Mysterien in Moll, eben die Kontraste
meiner Heimat, wo die Menschen zwei Monate jedes Jahr ohne Licht, zwei
weitere ohne Nacht auskommen müssen. Lieder von Magie und der Tragödie
eines Volkes, das unter dem Joch der christlichen Kolonisatoren fast seine
Sprache, seine Musik verloren hat.
Auf Trends und Märkte gucken meine Band und ich dabei nie, wir
improvisieren lieber über unsere Ideen und Erfahrungen, die manchmal
nur eine Zeile, eine sekundenlange Melodie sind.
In einem Land, wo das Wetter in Sekunden umschlägt, wo ungeheure
Weite dir das Gefühl gibt, unbedeutend klein und unendlich frei zu
sein, dort entstehe auch Musik, die sich nicht in ein Schema drängen
lasse wie ein Großstädter in eine Umwelt aus Beton, Stahl und
Lärm. Komponieren und texten könnte ich niemals in der Stadt,
dafür ziehe ich mich nach Samiland zum Angeln und Schafehüten
zurück und singe meine Phantasien auf ein kleines Diktiergerät.
Unser Interesse gilt auch dem Stadtmenschen und unserem Wunsch, auch
er möge - statt gestreßt zu irgendwelchen Sekten zu rennen und
die Umwelt weiter zu zerstören - zur Spiritualität finden.
Diese Ruhe möchte ich auch mit meiner Musik vermitteln: Nimm'
Dir Zeit, sei Du selbst. Meine Musik soll den Zuhörern die Möglichkeit
geben, abzuheben und wegzufliegen.
Darin drückte sich auch unser neues Selbstbewußtsein aus.
Ich dachte zwar nie puristisch, war aber dennoch in meinen künstlerischen
Entscheidungen ziemlich strikt und ließ auch kaum Experimente in
der Musik zu.
Ich wollte ausschließlich meine Gefühle zum Ausdruck bringen.
Aber was gesagt werden mußte, ist gesagt. Und ich will mich nicht
mehr wiederholen. Jetzt bin ich offen für alles, was sonst so in der
Welt passiert.
Wenn man einen Samen fragt, wie geht es Dir, sagt man in etwa: In welchem
Raum bewegst Du Dich heute?
Die Musik selbst hat mich über das Schamanistische in der Musik
gelehrt. Die Musik hat für mich einen heilenden Effekt gehabt. Indem
ich mich mit dem Joik-Gesang beschäftigte und selber joikte, konnte
ich die Verletzungen, die die norwegische Gesellschaft den Samen zugefügt
hat, verarbeiten. Ich heile mich durch meine Musik, indem ich in ihren
Rhythmus eintauche. ... Musik muß man fühlen, dann hat sie heilende
Wirkung. Das ist ein altes schamanisches Prinzip. Deshalb betrachte ich
mich durchaus als moderne Schamanin. ... Es war eine Rückbesinnung
auf meine Wurzeln. Ich wuchs in Sami-Land auf, dem nördlichsten Zipfel
Norwegens, von wo ich in den 70er Jahren wegging, um in der Großstadt
Oslo zu landen. ... Bezeichnenderweise spielte ich in Oslo dann anglo-amerikanische
Folk-Musik. Ich war identitätslos. Meine Identität fand ich erst,
als ich Mitte der 80er Jahre die traditionelle Musik meines Volkes entdeckte.
... Eines Tages versuchte ich mich selbst am Joiken. Ich sang also einige
Lieder in dieser merkwürdigen Rhythmik - und plötzlich hatte
er mich gepackt, der schamanische Geist.
Meine Musik hat mir geholfen und ich möchte, daß sie auch
anderen Menschen hilft.
Ich verstehe mich nicht als Traditionalistin. Ich greife zwar alte
Traditionen aus meinem Volk auf, entwickle sie aber weiter, und mache etwas
Eigenständiges daraus.
Ich habe in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, daß die
Musik ihren Weg findet. Ich bin nicht in Eile und muß nicht die Massen
erreichen, da diese Musik kein pures Entertainment ist. Sie ist für
Menschen, die sich öffnen können.
KOAN
- "Ed, was aber ist wertvoll? Etwas. In das viel reingesteckt wurde?"
* "An Gedanken? An Lebendigkeit? Hm? Dem Toten."
- "Wo bleibt das Leben in der Wertlosigkeit?"
* "Ist dir schwindelig? Schwindelst du?"
- "Wen bewegen die Fragen, die für uns alle wichtig sind? So gut
es steht."
* "Es gibt keine andere Möglichkeit, als das, was wir tun."
- "Wo sind die Trümmer, da ich doch ein neuer Mensch bin? Wo sind
die Mauerreste? Was? Nur Kulisse?"
* "Veränderung des Empfindens - wieso bedeutet dies Krankheit?
Heißt lähmendes Gespür von Freude, Liebe, Schmerz nicht
- krank sein?"
- "Ja und geschliffen sein? Mein - Diamant."
* "Auf der Suche nach dem Sehnen. Doch - findest du?"
- "Die Sucht. Die Flucht. Du bleibst in jedem Falle frei. Auch in jeder
Lüge."
* "Symbolfreie Träume des Nachts, und die Tagträume, Wünsche,
die drücken wie Lasten den Rücken krumm. Als unerreichbares.
Angst, die schweren wie fette Diktatoren abzuschießen? Arschtritt?"
- "ParaDiese, alle die Menschen, lassen sich nur nackt betreten. Forderung
ihrer Wirklichkeit."
* "Man kann sich auch aus dem ParaDies reden."
- "Ausrede: Verdrängung anderer Art. Ersatz - Teile? Wohl und
welcher Werbung verfallen? Welche Medien finden Antennen? Welche Antennen."
* "Und wenn das ParaDies grenzenlos ist?"
- "Wenn du schweigst, werden wenige Worte wiederkehren, die dich empören."
DAS GRUNDGESETZ
1. Geld ist abgeschafft. Für vegetarische Grundnahrungsmittel, Kleidung
und Unterbringung sorgt der Staat.
2. Zeitungen, Zeitschriften sowie jede Art von Print- und elektronischen
Medien sind verboten. Als Informationsquelle dient das Staatsarchiv.
3. Tiere und Pflanzen genießen unseren Schutz. Schlachthäuser
und Zoos sind geschlossen.
4. Es besteht Arbeitspflicht. Jeder hat seine Arbeitskraft dort einzusetzen,
wo er im ökologischen Neuaufbau gebraucht wird.
5. Es herrscht Reiseverbot. Ausgenommen sind Dienstreisen. Sie werden
mit der Bahn getätigt. Privatfahrzeuge sind verboten.
6. Es herrscht absolutes Bauverbot. Die vorhandenen Bestände werden
bei Bedarf instandgehalten.
7. Strom und Wasser sind rationiert. Es wird ausschließlich Sonnen-
und Windenergie verwendet.
8. Jede Frau zwischen 18 und 30 Jahren hat das Recht auf eine Entbindung.
Voraussetzung ist ein Gebärgutschein. Dieser Schein ist übertragbar.
9. Meditationskommunen sind autonom, ihre Gebietsansprüche werden
berücksichtigt.
10. Wer mit dem Grundgesetz bricht, wird in Stadtlager verwiesen. Stadtlager
stehen auch Freiwilligen offen.
DIE ERDE GEHÖRT NICHT DEN MENSCHEN, SIE GEHÖRT SICH SELBST.
D.net, Jenner 2041, Das Informationsministerium
(aus Fleck: "GO! Die Ökodiktatur")
BLÄTTERRAUSCHEN IN ADERN, RAUSCH IM OHR
Linden strecken ihre Arme aus, grün funkelts von Brust und Himmel,
wollen berühren, sanfte Berührung. Überdachter Schritt,
Hinweg. Aus den Bücherseiten ragt wie ein Abschied ein lindgrünes
Blatt, ein kleiner Baum zu begrüßen, zu pflanzen. Tränenglück.
Nochmals die Worte, umrahmt von prograssiver Musik.
Dder eindruck, als ich dir das erstemal das Büchlein vorlas, belebte
sich nicht in dieser Kraft des Abends im Sonnenraum, da ergriffen mich
die anwesenden Geister, deine Hand, dein Augenschauen, deine Bewegungen,
mein Getragensein mehr als der Text, ich komme mir in dir ganz nah. LAPSUS
so lebendig, wie wir wehrlos lieben, es ist nicht die Linde allein, es
ist das Heimatbetreten - LIVE. Ich liebe dich.
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