OVER
Nr. 24 Herzenswunsch:
Federleicht und doch felsenfest,
vogelfrei und doch hautnah,
beflügelt und doch verwurzelt.
(Jochen Mariss)
Lieber
Roli,
Lieber Roland!
Ich nahm Sigrid auf den Arm, indem ich ihr sagte, Du seist jetzt voll
damit beschäftigt, den Lover auf Kassette zu sprechen - sie bekam
einen Schreck! [2]
Lieber Roland,
tja, wie immer rächt es sich, wenn man sich nicht gleich nach
Durchlesen des Lovers hinsetzt und reactort, aber immerhin fühlte
ich mich sofort angeregt, den nächsten Teil der Odyssee zu verfassen
(wie stolz das klingt). Ohne den Lover fiele es mir ungleich schwerer,
mich überhaupt zu Derartigem (und Frechem) zu motivieren! Und ohne
Lapsus sowieso. Kommunikation nur mit sich selbst oder dem Nachbarn (auch
wenn der sehr lieb und kommunikativ ist) reicht mir eben nicht. Und so
freue ich mich schon jetzt auf das nächste Heft, auch wenn ich nicht
jeden Beitrag bejubele, aber das tut auch nicht not. Die Aufmachung ist
wie immer originell und witzig (Roland als Fußballer im Lapsus-TV
- rührende Selbstironie). Die Beiträge zu den Ex-DDR-Bands waren
mir zu ausführlich und z.T. auch zu langweilig, um mein Interesse
bis zur letzten Zeile wachzuhalten (trotz einiger witziger Details) - sicher
eher was für Kenner der Szene. Mit Leopolds Gästebuch konnte
ich auch nicht so viel anfangen. Manchmal wird mir da so www ums Herz,
wie eine anonyme der persönlichen Verständigung vorgezogen wird.
Danke noch an [9] für die Übersetzung + Original des Clawfinger-Textes
- ich hab' immer einiges nicht verstanden - ein geiler Song, der ja auch
bei Lapsus schon zu hören war. Wo? Na bei Radio Robotron (natürlich
die Kassette von [21]!)!
Bis demnächst, [3].
Lieber Roland,
wie jeder sich wohl noch erinnern kann (oder?!), hattest Du im Lover
17, glaube ich (ich kann ihn leider nicht mehr finden), die Behauptung
in Zweifel gezogen, alles würde zum absoluten Bewußtsein hin
vereint. "Schweren Herzens" würde ich Dir heute in diesem Punkte recht
geben. In meinem bescheidenen Berdjajew-Studium bin ich zu der Erkenntnis
gekommen, daß der Begriff des "Absoluten Bewußtseins", den
Wilber in sein System aufgenommen hat, nicht angemessen ist. Mehr Klarheit
finde ich hierzu eben bei Berdjajew. Nach Berdjajew gibt es kein "Absolutes
Bewußtsein" als Wahrheit an sich. Es gibt überhaupt kein "Absolutes
Bewußtsein". Bewußtsein ist immer relativ und begrenzt im Gegensatz
zur Liebe. Die Wahrheit ist schöpferisch-dynamisch und bedarf des
Menschen in Freiheit und Liebe, um Verwirklichung zu erfahren usw., usw.!
Das "Absolute Bewußtsein" drückt etwas Statisches aus, wie überhaupt
der Begriff des Absoluten etwas Unbewegliches hat. Man kann natürlich
den Begriff des "Absoluten Bewußtsein" erweitern, in ihn mehr hineinlesen,
als er verträgt. Und meiner Meinung nach tut das Wilber in diesem
Fall, und das verwirrt.
Meister
Eckhart, der große deutsche Mystiker, hatte die Abgeschiedenheit
als das Absolute gesetzt. Das Absolute ist nach ihm der Urgrund, aus dem
alles hervorgeht - das Nichts als die Gottheit. Im Nichts, in der Gottheit
ist alles vereint und potentiell. Und wenn Wilber über Eckhart referiert,
vermischt er den Begriff der Gottheit als vollständigste, in sich
alles vereinende Abgeschiedenheit mit dem Begriff des "Absoluten Bewußtseins".
Und nach dem "Absoluten Bewußtsein" als dem unvorstellbaren Omega-Punkt
nun streben wir letzten Endes - so meint Wilber. Aber ich frage: Weshalb
dieser ganze Aufwand? Wozu diese ganze Welt, aus der der Mensch hervorgeht?
Wozu hat das Nichts, die Gottheit, das "Absolute Bewußtsein" die
Welt und uns Menschen nötig? Wenn das "Absolute Bewußtsein"
(Eckhart - Abgeschiedenheit) in sich selbst alles beinhaltet, so braucht
es doch keine zweite und in diesem Fall belanglose, sinnlose Erkenntnisinstanz
in der Form des Menschen, der dieses Bewußtsein höchstens ergebenst
zur Kenntnis nehmen kann.
Berdjajew meint: Die Gottheit muß aus sich hinaustreten in Freiheit
und braucht den Menschen, um zu sich selbst finden zu können. Erst
im Menschen, als das freie Wesen an sich, vereint sich das Diesseits mit
dem Jenseits zur ewig bewegten Wahrheit hin. Das Mysterium des Nichts erfüllt
sich im Menschen und durch den Menschen schöpferisch in der Liebe.
In Freiheit und Liebe wird die Wahrheit geboren.
Bevor der Mensch die Bühne der Welt betrat, da konnte die Liebe
nur unvollständig und unerfüllt sein! Der Mensch, jeder einzelne
Mensch, hat in diesem Sinne nach Berdjajew absolute Bedeutung als ein Wesen,
das der Liebe zur allumfassenden Wahrheit hin verhelfen kann, das sich
in der Liebe selbst verwirklicht und Wahrheit schafft.
Verzeih mir, daß ich so ausführlich war. Vielleicht werde
ich langsam verrückt?! Die Scheiß-Qualifizierungsmaßnahme,
zu der ich vom Arbeitsamt verpflichtet wurde, treibt mich offensichtlich
zusätzlich noch in diese Art philosophischen Wahnsinn. Es ist meine
Antwort auf diese Welt materieller "Überfülle", die der geistigen
Leere anhängt.
Auf jeden Fall bin ich fasziniert von Berdjajew. Und wenn ich hinsichtlich
Wilber und Eckhart ein kleines bißchen ungerecht gewesen sein sollte,
falls ich sie falsch interpretiere, so drängt es mich dennoch zu dieser
Auseinandersetzung, die mir sinnvoller erscheint als der trostlose Wiedereingliederungsversuch.
Diese "Arbeitsamt-Maßnahme" gibt Helligkeit vor und ist dabei
ein Auswuchs bitterer Dunkelheit.
[21] hatte uns auf der Heimfahrt von Tangermünde die Funktionsweise
seines Laptops demonstriert. Und ganz nebenei konnten wir uns dabei auch
zum ersten Mal die ganze Lover-Aufmachung im Internet anschauen. Das ist
schon echt verrückt! Wilber schwört ja auch auf das Internet,
auf die Vernetzung. Ob es letztendlich die Nähe und das Verständnis
der Menschen untereinander befördern wird - wer weiß? [4]
Soeben holte ich den lover aus dem
Briefkasten und fing sofort an, darin zu schmökern, wie immer.
Als ich dann allerdings [12]s Kritik unserer Vorträge las , war
ich arg am Überlegen, ob ich nicht eingeschnappt sein sollte. Doch
ich entschied mich dagegen und machte die Entdeckung, dass mich diese Kritik
eigentlich gar nicht so hart traf, wie ich gedacht hatte (Der Lapsus-Leistungsdruck
griff nicht.). Dass mein Englisch nicht perfekt ist, das wusste ich schließlich
schon vorher und was das Oberflächliche angeht, da muss ich sagen...
ach, was soll´s. Ich muss die CD nicht verteidigen und die Musik
gefällt mir noch immer. Wenn Wakeman deutlicher hätte werden
wollen, hätte er das sicher getan. Für mich geht die Thematik
tief genug (die Fragen waren schon ein Ansatz), wenn das [23] nicht tief
genug ist, so kann ich damit leben. Ich werde jedenfalls niemandem Tiefe
vorgeben.
Aber genug damit. Es war trotzdem schön bei euch!
In diesem Lover fand ich seit langem wieder mal ein Interview, das
mich wirklich interessierte - das von George Harrison. Das, was er über
die Musik zu sagen hat, halte ich für völlig richtig.
Nur leider müsste ich dem Idol meiner Teeniezeiten entgegenhalten,
dass dem zurückgezogenen Leben und der Beschäftigung mit den
wirklich wichtigen Dingen desselben, leider bei der Abba- Sängerin,
wie auch bei ihm, der so verabscheute Kommerz vorausging. Aber es gibt
ja immerhin eine Menge Menschen, die trotz ihres Reichtums noch am Kommerz
hängen und trotzdem für mich grässliche Musik machen. Diesen
Vorwurf mussten sich George und die Beatles zum Glück selbst bei ihren
kommerziellsten Songs nie machen lassen.
Frau M...äh ? hat mir wieder äußerst gut gefallen.
Bin gespannt, welches Ende diese Odyssee nimmt. [5]
Lieber Roland,
vielen Dank für das Lapsus-Heftchen - etwas spät. Ich freue
mich immer, von Euch zu hören - auch wenn ich bekanntermaßen
wenig damit anfangen kann.
Ansonsten:
Den Unfrieden der Elstern
fressen die Krähen Aas
Pickt ein Kleiber Backstubendreck
An Metall-Rollis und Birkengezweig
hangeln ordinäre Kohlmeisen
während ein Pfauenauge
in die Wärme Feuchtigkeit
der Geschirrspülmaschine gondelt
wachsen uns keine Flügel.
Das Bussardpaar wie Hühner
auf herbstlichem Feld
Kein Doppeladler in Sicht
mein Täubchen.
sozialistischen Gruß [6]
...
daß ich im Loververteiler bin, hat man(n) mir schon bestätigt.
Hier 10 x Frau Lüders. Das könnte für 2000 reichen. Nun
wünscht Fanin [7] allen Lapzoten, vorangestellt Redakteur Ro Li (be)sinnliche
Weihnacht und genügend Stoff für die nächsten Lover in der
"Neuzeit"
P.S. Schafft Weihnachten ab! Josef hat alles zugegeben oder Parole!?
[7]
Hey Roli!
Den Lover 23 habe ich mir nochmal zu Gemüte geführt. Bei
"meinem Leben" ist dir ein Schreibfehler reingerutscht, der wirklich von
mir hätte sein können: Es heißt da in der ersten Strophe
nämlich einfach "Fatamorganen hinterher". Soviel Orgasmen hab ich
ja nun auch wieder nicht...
Julias Karikaturen finde ich lustig & treffend: mehr davon! [9]s
Kommentare stimmen mich immer sehr froh & nachdenklich. Ich hab ja
auch mehr Lust auf Lapsus als auf Therapieseminare! In diesem Sinne : Buenos
Dias, wer Ohren hat zu hören!
Interessante Passagen fand ich im Georg Harrison - Interview. Der Mann
ist ja richtig sympathisch! Und bei deinen Texten, [10], sehe ich die Seele
tanzen! Herzerfrischend die JW-Artikel über DDR-Underground-Bands.
Der unverblümt schnoddrige Ton im Feeling B - Gespräch haut rein!
Ich hab dauernd gelacht beim Lesen! Die Odyssee von Frau ? wird auch nie
langweilig.
Nur die "Deutung" versuche ich nach dem 2. Lesen immernoch zu deuten.
Ist mir zu schwerverdaulich, obwohl ich mit paar Brocken was anfangen konnte
(broken Berdjajew?). Manches erinnert mich an Osho. Nur schreibt der klar
& verständlich! Ich bin auch nicht der Meinung, daß ein
gewaltfreies Leben spießbürgerlich öde & mittelmäßig
sein wird. Ich arbeite daran, bewußter zu werden und empfinde es
als große Bereicherung, aus dem ewigen Trauerspiel von Gut &
Böse (und allen anderen Polaritäten) auszusteigen. Meine Freiheit
liegt darin, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen, es als
selbstgemacht anzuerkennen und eine neue Wahl treffen zu können. Nicht
in Abspaltung von der Realität oder Teilen von mir, sondern fühlend
in Verbindung bleiben mit allem was ist. Daß mein Leben immer spannender
& vielschichtiger wird und daß ganz neuartige Erfahrungen zu
mir kommen, zeigt mir, daß ich auf dem richtigen Wege bin.
Alles Liebe für dich & euch von [8]!
Hallo Roland! Gut Jahr!
Redaktionsschluß war leider nicht zu schaffen, vielleicht geht's
trotzdem noch. Ich weiß schon nicht mal mehr, ob ich eine 3"-Diskette
von Dir bekam...
Schlimm. So long. [9]
Schönen Tag auch!
Ewig währt am längsten, Ende gut, alles gut. Na was fiel
mir als erstes zum Preisschreien ein?: Nur Totsein ist schöner. Ich
bin ja soo frei. Und keinen Deut weiter. Aber lachen mußte ich öfter:
das eingeschmuggelte Porträt vom Philoversophen [4] auf Seite 31;
der "Fatamorgasmus" von [24], der ja natürlich sicher kein Tastfehler
war sondern versuchte Deutung des Schlecksals; das Rennfahrerfoto auf Seite
33 - das ist doch nie im Leben "Lotte" Meister an seinem Hinterrad... -
oder die Veröffentlichung der ec-Geheimzahl auf Seite 39... Es war
unsagbar schön in der weiten, warmen Prärie. Eins und eins -
und eins.
Ich schau aus dem Fenster in den stillen Zauber. Und möchte schweigen.
Achso: letztesmal habe ich mich mal richtig doll über den Preisausschreibenpreis
gefreut - wer hat die abgeschnittene Hälfte der Einladung ("2 Personen"
war doch ernstgemeint???) bekommen? Melden! [10]
Weißt Du...
... seit Weihnachten vorbei ist, rückt Pfingsten mit Riesenschritten
näher...! Auch wenn noch einige Lover die Zeit bis dahin ausfüllen
werden. Denn Lapsus hat dies Jahr die Chance, schön warm und sommerlich
zu werden. Sommernachtsträume. (...sommernachts träume ich von
Dir, das weißt Du...)
Jetzt ist's grau und dunkel zweigverhangen vorm Fenster, die Luft tropft
und will nicht schneien. Und ich warte wohl vergeblich auf das weichflockende
zartkristallne Glitzern, träume von endloser weißgleißender
Weite und knirschenden Schritten, von den fröhlichen Atemwolken des
Lachens in atemlos klarem Himmelsblau.
Was ist Heimat? Dunkle, fruchtbare Erde um meine Wurzeln. Du armes
Samenschirmchen im Wind. Fast bis zum Horizont die endlose Ebene sumpfiger
Traurigkeit.
Ich bau Dir einen Garten, eine Insel in dieser Wüste, inmitten
schützender Mauern, die den Blick vorm Trübwerden bewahren. Dort
kannst Du keimen.
Es ist die gleiche Sonne. Es ist die gleiche Mutter Erde.
Gelassenheit und Mut wünsche ich Dir!
...Dich öffnen und blühen... irgendwann...
(Hoffnung)
[11]
"Bei uns sagt man, die Pläne, die realisiert werden, sind die, von denen man niemandem etwas erzählt." (Peter Hoeg in "Die Frau und der Affe")
Man kann in anderen nur ertragen, was man in sich selbst ertragen kann. (James Baldwin)
Letztlich
kommt es sowieso nicht darauf an, wie tief der Schöpfer eines
Werkes dachte (was nicht heißen soll, dass man nun jeden Mist verinnerlichen
sollte), sondern darauf, was derjenige, der es hört, sieht, liest...
daraus für sich entnimmt. Sonst wären wir ganz schnell wieder
bei der alten Schulfrage: Was wollte uns der Dichter damit sagen? [15]
Das Elend mit Zappa ist, er arbeitet und ich spiele. (Captain Beefheart)
Für mich ist er einer der ersten richtigen Rocker an der E-Gitarre. (Jeff Beck über Django Reinhard)
Während alle anderen Kunstrichtungen uns mit Überredung zu
beeinflussen suchen, will uns die Musik überraschen. (Captain Beefheart)
/Roland
/
#1: Wie heißen Dylans Zeilen im LAPSUS-Interview der Woche auf
deutsch?
#2: Ergänze das 2. Wort in der ersten Zeile des Ditorials!
#3: Für welches berühmte und überaus lesens- und lobenswerte
Fanzine war der folgende Titelbildvorschlag?
#4: "Ich hoffe, ich bin tot, wenn ich sterbe." - Wer sagte das?
#5: Wofür läßt Du alles stehen und liegen?
#6: Was sagst Du dazu: Die Worte wollen, sollen, können, dürfen,
müssen haben alle dieselbe Wurzel?
#7: #3 - und wer schlug dies vor?
Z: Was wünschst Du Dir zu Weihnachten?
Und was geschah weiter? Zum lebendiglachen wie stets:
[16]:
#1: Ja, ja, Roland, wieder so 'ne gerissene Art, um an eine perfekte
Übersetzung zu kommen, aber da spiel' ich nicht mit! Auf deutsch fallen
mir sowieso nur folgende Zeilen ein:
Es ist der Robert Zimmermann
ein wirklich ganz, ganz schlimmer Mann.
Nur um des Ruhmes Willen
nennt er sich Bob Dylan.
Ich hör' ihn trotzdem nimmer an.
(Entschuldigung, aber es reimte sich so gut!)
[Auch wenn's ihm nich guttun tut.]
#2: Nur in Neustrelitz zu sein ist schöner. [Das weiß ich
ja schon lange...]
#3: Für "Die Junge Welt" (Rubrik "Unter vier Augen"(?)) [Kontrolle
ist alles.]
#4: Ein Scheintoter. [Hauptsache heilig.]
#5: Wichtiger ist doch die Frage, wen ich sitzenlasse und wofür
das Ganze. [Wenn er nur sitzenbliebe... Für ein Lob von [9]]
#6: Haben wir nicht alle dieselbe Wurzel? [Und vergiß nie, daß
du ein Gorsleben bist!]
#7: Jutta Sexy-Treuwerth.
Z. Scheißegal, her damit! [Das merk ich mir!]
[17]:
#1: Auf dem Rücken - fehlerhaft -
Ketten - müssen brechen -
durch die Wut - der Meisterhand -
Brot und Ähren - im Mutterboden -
Blumen - gestern vor einem Jahr -
wie in dem guten Krimi: - "good cheer" -
die Tür fällt - aus dem Rahmen -
ich pisse - auf den Namen
an der Tür - aufwärts -
komme ich
zum Unterstand -
und zähle mein spärliches Haar -
und greine oder weine (as you like it - you know) auf den Mutterboden.
(Im übrigen: Der hat aber auch schon mal bessere Texte gemacht.
Und das soll eine moralische Botschaft sein? Was für ein Schwachsinn!)
[Wir alle müssen irgendwann mal brechen... Aber nicht wir alle haben
spärliches Haar.]
#2: Nur in Deinen Armen, Brunhilde, zu sein ist schöner. [#3]
#3: Po-Blitz. [Anal Fabet]
#4: Das kann doch jeder sagen! [Na frag lieber erstmal bei [9] nach!]
#5: Für ein Lob von [9]! [Und wenn der einen fahren läßt?
Hauptsache anal, was?]
#6: Welche Wurzel haben die denn? [Rübe]
#7: Clemens. [Vergiß doch nicht einfach, daß er das unter
deinem Kopfkissen fand.]
Z: Ein Lob von [21]! [Und???!]
[18]:
So, auf zum Reisausreißen!
#1: Fahre nicht in die Klinik und auch nicht zum Bäcker, Mister!
Lecke kein Ihhhh jetzt, Überhole schnell und bremse eventuell
denn ich muss brechen!
Einen Moment früher und ich hätte keinen See auf meiner Hand.
Ein jeder lief fort, ein jeder grinste und ich lag im Sand.
In den Flaumfedern der indischen Ganz wischte ich meine Hände
ab.
Das war gestern- Yeah.
Kriminelle mit hängenden, glibberigen, feuchten Zungen (sorry,
hier übersetze ich wohl doch zu frei) kochten das !!! mit einem guten
Käse.
Ihhhhhhhhhhhhh! Geh durch die Tür, so lange du noch kannst!
Zu einer anderen Zeit passt du vielleicht nicht mehr durch.
Ihhh, hier steht mein Name. (An der Tür oder auf der Zeitung?)
Ohne auf mein Journal zu warten, flüchte ich in den Unterstand.
Dort finde ich das Haar in der Suppe ziehe es heraus und nummeriere
es und diesmal grinse ich im Sand.
(So jetzt habe ich frei übersetzt und auch einiges hinzugedichtet.
Ich habe es geschafft. Danke, [12]) [Ich geh ja schon...]
#2: Gott [Woher weißt?]
#3: Für Klopapier [Wenn's nur nicht zu spät ist.]
#4: Graf Dracula
#5: Für das Chaos [Oder doch eher für #3?]
#6: Was ist denn das für ein Deutsch!? In einem Satz so viele
Modalverben hintereinander zu reihen, zeugt von äußerst schlechtem
Stil. Außerdem stimmt der Satzbau nicht. Das Verb haben muß
an letzter Stelle stehen. [Das stimmt. Zusatzpunkt]
#7: irgendein Werbetexter für Klopapier [Laß das nicht [9]
hören!]
Z: Ach, krieg´ ich ja doch nicht!
[19]:
#1: Jedes Körnchen Sand
Gehe nicht der Neigung nach,
auf jeden Fehler zurückzublicken.
Wie Kain betrachte ich die Kette von Ereignissen,
die ich zerbrechen muß.
In dem Zorn des Augenblicks kann ich sehen des Meisters Hand.
In jedem Blatt, das zittert! In jedem Körnchen Sand.
Oh, die Blumen der Vergebung und die Saat vergangener Zeit.
Wie Verbrecher haben sie erstickt den Hauch gewissen und lichte Heiterkeit.
...
Ich starre in den Torweg mit verlockend zorngem Rahmen.
Und jedesmal, wenn ich den Weg passiere
Leise höre ich immer meinen Namen.
Bis erwacht auf meiner reise
ich begreif mit dem Verstand,
Daß jedes Haar ist nummeriert
Wie jedes Körnchen Sand.
Ein Körnchen Wahrheit wird wohl dabei sein... [Hat meine Lehrerin
auch gesagt...]
#2: Nur Lover-sein ist schöner. [Laß das keinen Mann hören.]
#3: "Ich & du & tausend Fragen" - Das Magazin aufs Kreuz gelegt.
[Na Du wieder!...]
#4: Die Eintagsfliege vor der Umnachtung.
#5: Ich sag das immer anders: Lassen sie alles stehen & lieben!
[Hauptsache er steht wohl, was?]
#6: Wollen wir das Preisausschreiben mitmachen, dann sollen wir auch
können, dürfen aber noch lange nicht hoffen, gewinnen zu müssen!
Jetzt muß ich aber aufhören. [Hören. Genau.]
#7: der Vorschlaghammer - Bingo! [Ich glaub auch bald...]
Z: Einen Lover zum Übernachten bei Kerzenschein & süßem
Wein! [Und???]
Der Weihnachtsmann trägt seinen Sack bis heut noch immer Huckepack! [20]
AntWorte zum Preis aus Schreiben für
Roli A bis Z
Frühreife 19
17121 Zartnaklar!
von [26]:
#1: Frag sie doch selber! - Aber weil Du's bist, (auf) deine(t)wege(n):
Jedes Sandkorn
Neige nicht dazu, auf irgendwelche Irrtümer zurückzuschauen
Wie Kain betrachte ich nun diese Kette von Ereignissen, die ich brechen
muß
In der Raserei des Augenblicks kann ich die Hand des Meisters erkennen
In jedem Blatt, das zittert! In jedem Sandkorn
Oh die Blumen der Nachsicht und das Unkraut des letzten Jahres
Wie Verbrecher haben sie den Lebenshauch des Gewissens und der Fröhlichkeit
erstickt
...
Ich starre in die Toröffnung des zornigen Rahmens der Versuchung
und jedes Mal, wenn ich diesen Weg gehe
Höre ich immer meinen Namen
Dann weiter auf meiner Reise
komme ich zu der Erkenntnis
daß jedes Haar gezählt ist
so wie jedes Sandkorn
(PS: Übrigens ein mieser Trick, um uns zum Lesen Deines Beitrags
zu kriegen! Auch nicht besser als die der Postkastenhausierer...) [Kann
ich was dafür?]
#2: Etwas, das mit "nur" anfängt, kann gar nicht schön sein.
Jedenfalls nicht für den, der es so ausdrückt. [Stimmt]
(Und wie wär's mit der Frage nach: "Sein ... ist schön"?
Da würde mir schon was einfallen... hm...mmmmm...) [Mir auch!]
#3: Für [21]s Extralover. [Mal sehen]
#4: Keine Ahnung! Ist mir übrigens neu, daß Tote sterben
können... [Zu spät, es geschah in irgendeinem 70er Jahr.]
#5: Das habe ich mich auch schon manchmal gefragt. Stimmt ja! [Wir
werden schon sehen!]
#6: Also was nun?! [Sein.]
#7: Falls das ein MÄNNERhintern ist, auf dem Bild da, dann ich.
Andernfalls [9]. [Wo hattest Du das Bild her, raus mit der Sprache!]
Z: Alles Liebendige und Gutmachende... alles Lieb-endlose und Gütige...
alles Lieb-habende und Gut-tuende... alles Liebhab-niemals-endende und
Gute...: ALLES Liebe und Güte...!
[21]:
#1: Don't have the inclination to look back on any mistakes /
Like Cain I now behold this chain of events that I must break /
In the fury of the moment I can see the master's hand /
In every leaf that trembles ! In every grain of sand /
Oh the flowers of indulgence and the weeds of yesteryear /
Like criminals they have choked the breath of conscience and good cheer
/...
I gaze into the doorway of temptation's angry frame /
And every time I pass that way /
I always hear my name /
Then onward in my journey /
I come to understand /
That every hair is numbered /
Like every grain of sand.
Hab' nicht die Neigung zurückzuschauen auf alle Fehler /
wie Cain sehe ich jetzt auf diese Kette der Ereignisse, die ich brechen
muß /
in der Raserei des Moments kann ich des Meisters Hand erkennen /
in jedem Blatt, das zittert! in jedem Sandkorn / oh die Blumen der
Nachsicht und die Unkräuter des vorigen Jahres /
wie Verbrecher haben sie den Atem von Gewissen und gutem Mut gewürgt
/...
ich starre in die drohende Zarge des Torwegs der Versuchung /
und jedesmal, wenn ich den Weg passiere /
höre ich stets meinen Namen /
dann fürderhin auf meiner Wanderung /
beginne ich zu verstehen /
daß jedes Haar numeriert ist /
wie jedes Sandkorn.
[Und mir fällt schon noch was ein...]
#2: (Nur) Hai (sein ist schöner.) [Wenn das mal gut geht.]
#3: LOver [Du mußt es ja wissen!]
#4: Cain E. Anung [16. Inkarnation]
#5: Für die Beantwortung dieser Frage. [Ich wünsch Dir Glück
dabei.]
#6: Stimmt. [Daß Du das sagst...]
#7: Ein Anal-phabet? [Is ja schon alt...]
Z: Die LAPSUS-LIVE-CD. [Vom Weihnachtsmann?]
Nun haltet Euch fest, und der LOver wird gelesen!:
Die Nieten gibt's bei [13], Grundlos 19, 17121 ZarNektar
WELTSICHT
Für welchen höheren Sinn lebt der Mensch?
Dafür, den Verzicht auf jeden "höheren Sinn" mit herzlicher
Heiterkeit zu ertragen.
Was finden Sie liebenswert an diesem Jahrhundert ?
Ein Jahrhundert ist keine Meßgröße. Konkrete Menschen
sind eine. Ihre Liebenswürdigkeit ist eine Zugabe, das Menschliche
zeigt sich erst, wenn sie fehlt.
Sie stehen einer Weltregierung vor: Was würden Sie sofort abschaffen?
Ungeduld und Dummheit. Aber weil das Dekret zu ihrer Abschaffung ein
Zeugnis von beiden wäre, müßte ich mich wohl auf den Krieg
beschränken. Und die Götter um die Kunst bitten, das Schlimmste
am Menschen abzuschaffen, ohne sein Bestes zu treffen.
Was ist links?
Das Prinzip Gerechtigkeit - und die Bereitschaft zum Widerspruch mit
sich selbst. Denn Gleiches gleich zu behandeln, ist nicht einmal der Anfang
von Gerechtigkeit; diese zeigt sich erst in der Kunst, Ungleiches ungleich
zu behandeln. Das ist die Quadratur des Zirkels - aber auch das Einzige,
was not tut. Darum darf die Bemühung darum nie aufhören. (Quia
absurdum, wie ein Kirchenvater von seinem Glauben sagte.)
WELTREISE
Welches ist ihr liebster Platz auf der Welt?
Einer mit Ausblick auf etwas Lebendiges. Jetzt zum Beispiel auf die
Frösche in unserem Teich; sie laichen gerade.
Mit welchen drei Begriffen charakterisieren Sie Deutschland?
Positiv: Konsequenz / Ehrfurcht / Empfindsamkeit. Dasselbe negativ:
Rechthaberei / Unterwürfigkeit / Selbstmitleid.
Was ist für Sie Heimat?
Ein Ort, wo ich mit meinen Schwächen nicht weniger gelte als mit
meinen Stärken.
Welches ist das Ziel Ihrer Traumreise?
Ein Ort, wo ich fabelhaft Tango tanzen könnte, ohne es lernen
zu müssen.
WELTSCHMERZ
Wovor haben sie Angst?
Vor allem, was mir sehr wichtig ist - das ist meine Chance.
Wann haben Sie zuletzt geweint?
Vor dem Fernseher: über die Schönheit einer griechischen
Insel, Zakynthos, glaube ich.
Was trauen Sie der Menschheit nicht mehr zu?
Das gemeinschaftliche Überleben.
Was empfinden Sie als Verrat?
Jede Sorte Indiskretion, besonders die von den Medien veranstaltete.
Reißerische Menschenbilder, kurzschlüssige Pointen. Journalismus
ohne Wahrheitsliebe. Aber auch - natürlich - meine Arbeit als Schriftsteller.
WELTKUNST
Welcher literarische Held steht Ihnen am nächsten? Warum?
Elektra, bei Sophokles oder Giraudoux. Weil sie GANZ ist in ihrer Passion.
Im Leben wäre sie ein Inbegriff des Unerträglichen. Aber die
Seele lebt nicht nur für das Leben.
Welches Kunstwerk haben Sie nie verstanden?
Jedes, das den Führertypus feiert, oder das Töten rechtfertigt,
oder den Mißbrauch von Menschen; George, Ernst Jünger, de Sade.
Weil ich sie nur zu gut verstehe.
Wie beschreiben Sie Lebenskünstler?
Befähigung zu voller Gegenwart in jedem Augenblick: unbekümmert
ob es der erste sei oder der letzte.
Welche Kunst würden Sie gern beherrschen?
Die Kunst, Verachtung zu beherrschen. Aber eigentlich doch nicht.
WELTWUNDER
Worüber wundern Sie sich?
Darüber, daß überhaupt etwas ist, und daß ich
geschaffen bin, mir einen Vers darauf zu machen.
Was müßte unbedingt erfunden werden?
Die Katze, wenn es sie nicht schon gäbe.
Was ist an Ihnen bewundernswert?
Hoffentlich nichts. Oder der Reflex, über diese Frage zu lachen?
Apropos Wunder. Was ist ein wunder Punkt bei Ihnen?
Die Sucht, gefällig zu sein; die Angst, nein zu sagen.
WELTBÜRGER
Welchen Zeitgenossen würden Sie für Verdienste um die
Menschheit auszeichnen?
Wenn er oder sie sich auszeichnen ließe, wäre die Auszeichnung
hinfällig.
Finden Sie Marx überholt?
Nichts ist jemals überholt, was gewissenhaft gedacht und geistvoll
ausgedrückt wurde. Überholen ist ein Wort aus dem Straßenverkehr
oder der Reparaturwerkstatt. Es ist keine Gangart des Geistes.
Sind Sie für Geburtenkontrolle?
"Geburt" und "Kontrolle" sind Wörter aus verschiedenen Welten.
Zusammengepreßt ergeben sie ein Monstrum. Seine Existenz ist nicht
durch Zweckmäßigkeit zu rechtfertigen. Und seine Praxis ist
monströs - natürlich bei bestem Willen, diesem Klassiker der
Ahnungslosigkeit.
Mit welcher Persönlichkeit der Geschichte würden Sie gern
in Briefwechsel treten?
Mit Jesus von Nazareth: über Kirche.
(ND, 4/94)
Orwells
"Neusprache" ist der Versuch, den Code der Kommunikationspartner mit Gewalt
einzuschränken; unsere schönen Neuen Medien haben keine Gewalt,
nur noch den Sachzwang ihrer Technik nötig, um den menschlichen Empfänger
in ihr System zu integrieren. Je mehr es das Zweiwegeverfahren beherrscht,
also auch dem Empfänger erlaubt - natürlich im Zeichen des technischen
Fortschritts -, seine Wünsche übers Kabel zurückzumelden
und befriedigt zu bekommen, desto mehr wird es zum geschlossenen System.
Auch die menschliche Arbeit, so viel davon übrigbleibt, wird immer
mehr die von der Übermittlungstechnik verlangte Form annehmen. So
wird das elektronische Netz zum Träger der Zivilisation, von dem sich
niemand mehr ungestraft ausschließt.
Die
Natur ist ein sehr konservativer Organismus. Das Prinzip der Freiheit (Prüfung
der Möglichkeiten, Versuch der Möglichkeiten) kann in ihr nur
relativ langsam wirken. Eine einmalige Entscheidung, Versuchung, kann einen
langen Zeitraum der Stagnation und vorwiegender Bewegungslosigkeit, ein
träges Festhalten zur Folge haben in der Relation zur Dynamik des
geistigen Wirkens und Wollens. Aber je näher der Organismus an den
Geist heranreicht, der ihn bestimmt und drängt, um so weniger wird
das konservative Festhalten Bestand haben. Die Abstände zwischen den
katastrophischen Einbrüchen, z.B. in der natürlichen oder kulturell-geistigen
Entwicklung, werden kürzer und kürzer. Aber erst im Menschen
verändert sich die Situation grundlegend. Er selbst ist tief im Inneren
vom Geiste beseelt. Der Geist ist auf der Suche nach sich selbst. Er ist
immer weniger an äußerlich symbolische Beschränkungen gebunden
und kann sich im Menschen und der Mensch im Geiste direkt offenbaren. Die
Dynamik der Freiheit findet letzten Endes im geistig durchleuchteten Menschen
ihre vollendete Wirkung.
Am Anfang war hier nur das Selbst; es war wie ein Mensch. Es blickte
um sich und sah nichts anderes als sich selbst. >Das bin ich>, war sein
erstes Wort. Daher erhielt es den Namen >Ich<. (Darum sagt auch jetzt
jemand, der begrüßt worden ist, zuerst, >ich bin der< und
nennt dann den anderen Namen, den er führt.)
...
Es fürchtete sich. (Darum fürchtet sich einer, der allein
ist.) Er überlegte: >Wenn es da nichts anderes gibt als mich, vor
wem fürchte ich mich denn da?< Da wich seine Furcht; (denn vor
wem hätte er sich fürchten sollen? Man fürchtet sich doch
nur vor einem Zweiten.)
Es empfand keine Freude. (Darum empfindet ein Einsamer keine Freude.)
Es wünschte sich einen Zweiten. Es war so groß wie Mann und
Frau bei der Umarmung.
Es ließ sich in zwei Teile zerfallen. So entstanden Gatte und
Gattin. (>Darum sind wir beide hier nur wie ein Halbstück<, sprach
Yajnavalkya. Darum wird dieser Raum durch die Frau ausgefüllt.) Er
nahte ihr. Darauf entstanden die Menschen.
Sie überlegte: >Wie kann er mir nahen, nachdem er mich aus sich
selbst geschaffen hat? Wohlan, ich will mich verbergen.<
Sie wurde eine Kuh, er ein Stier. Wieder nahte er ihr, darauf entstanden
die Rinder.
Sie ward zu einer Stute, er zu einem Hengste, sie zu einer Eselin,
er zu einem Esel. Wiederum nahte er ihr. Darauf entstanden die Einhufer.
Sie wurde eine Ziege, er ein Bock; sie eine Schafmutter, er ein Widder.
Wieder nahte er ihr, darauf entstanden Ziegen und Schafe. In dieser Weise
erschuf es alles, was sich paart, bis hin zu den Ameisen...
(aus den Upanishaden)
**Bruce Cockburn: "Breakfast In New Orleans Dinner In Timbuktu"**
@@@@@
Der in Deutschland immer noch relativ wenig bekannte Singer-Songwriter
aus Kanada veröffentlicht spektakulär unspektakulär sein
mittlerweile 25. (!) Studioalbum. Die CD enthält einen bunten Mix
aus Singer-Songwriter-Anleihen ("Last Night Of The World"), Ethno-Klängen
("Mango"), Tex-Mex und angerockten Stücken ("When You Give It Away").
Die Gitarre, die Bruce Cockburn hervorragend spielt, steht auf diesem Album
mehr im Vordergrund. Auch zwei rein instrumentale Stücke sind zu finden
sowie das Top-Cover "Blueberry Hill" von Fats Domino. Bruce Cockburn hält
in allen Stücken das hohe Niveau durch. Zusammen mit Gästen wie
Lucinda Williams und einem knackigen Klang setzt Bruce Cockburn die Messlatte
auf seinem neuesten Album wieder so hoch wie für sein letztes 97er
Meisterwerk "The Charity Of Night" [#045: @@@@@]! [Tobias Lampmann im Schallplattenmann
#179 vom 12.12.99]
Von den schwedischen Flower Kings habe ich noch nie etwas gehört. Die überaus euphorische Bewertung legt jedoch nahe, dies schleunigst nachzuholen. Wem die beschriebene Musik etwas sagt, der kann ein gleiches ja bei seinem Plattenhändler des Vertrauens versuchen oder sich bei Karstadt anstellen. [21]
**Roine
Stolt: "The Flower King"**
@@@@@
(Prog-Rock -- Der Beginn der Wiedergeburt des Prog, InsideOut/Foxtrot)
Wiederveröffentlicht -- und jetzt endlich auch mühelos im
freien Handel erhältlich -- ist die komplette Discographie der schwedischen
Prog-Meister The Flower Kings. Das Debut-Album, noch unter dem Namen des
Flower Kings-Vordenkers veröffentlicht, enthält schon alle Elemente,
die dieser Formation in der Szene so viele Fans und so viel Sympathie einbrachten:
Vorzügliche Kompositionen, exzellente Instrumentalisten, hinreißende
Melodien, klangvolle Vocals. Für alle Freunde der klassischen progressiven
Rockmusik der 70er Jahre ein Muss. [sal]
**The Flower Kings: "Back in the World of Adventures"**
@@@@@
(Prog-Rock -- Grandioser Nachfolger des "Flower King", InsideOut/Foxtrot)
Das erste Album, das unter dem Bandnamen The Flower Kings aufgenommen
wurde, bietet -- und diese Steigerung mag wirklich nicht leicht gefallen
sein -- fast noch mehr, als das Debut "The Flower King". Stolt & Co.
ergänzten die bewährten Ingredentien des Debuts mit Neuem: Das
Sopran-Saxophon von Ulf Wallander setzt wundervolle muskalische Akzente,
die Kompositionen werden nun noch komplexer ausgearbeitet, ohne das nervende
Längen entstehen, exquisit auch die Vokal-Arrangements. [sal]
**The Flower Kings: "Retropolis"**
@@@@@
(Prog-Rock -- Der dritte Genie-Streich der Schweden, InsideOut/Foxtrot)
In der Reihe der allesamt vorzüglichen Alben der Flower Kings
ist "Retropolis" das vielleicht gelungenste, das Album, das die Musik der
Schweden am besten repräsentiert. Stolts Kompositionen werden immer
mehr durch die musikalischen Qualitäten des klassisch ausgebildeten
Keyboarders Tomas Bodin unterstützt. Die Musik wird symphonischer,
kunstvoller, das Konzept des Albums wird nun noch dichter. Erneut setzt
Ulf Wallander am Sopran-Saxophon wundervolle musikalische Akzente und der
Rhythmus-Gitarrist Hans Froeberg steuert mit seinen Lead Vocals (die er
sich mit Roine Stolt teilt) einen nicht unbeträchtlichen Anteil an
dieser atemberaubenden Produktion bei. [sal]
**The Flower Kings: "Stardust We Are"**
@@@@@
(Prog-Rock -- Die Schweden in höheren Sphären -2CD, InsideOut/Foxtrot)
Das vierte Album der Flower Kings war ihr erstes Doppelalbum und bietet
neben
der perfekten musikalischen Dichte wie beim Vorgänger "Retropolis",
instrumentale Atempausen, Inseln, auf den sich der Zuhörer von der
Flut der Musik ausruhen kann, um danach mit den Blumenkönigen wieder
in den Sternenhimmel eintauchen zu können. Zum ersten Mal hört
man auch deutlich härtere Komponenten, etwa bei "In The Eyes Of The
World", auch neu sind düstere, schwermütige Elemente, wie bei
"The End Of Innocence". Das Titelstück, eine 25-minütige, dreiteilige
Suite ist der Klassiker im Flower Kings-Repertoire überhaupt -- krönend
abgeschlossen durch die wundervolle Stimme Hans Froebergs. [sal]
ohne Hüftschaden
Nun, hundert Jahre danach,
dem Maueröffnen, hat das
sogar für mich was Gutes.
(Ändert ja nichts dran,
daß es schon hundert Jahre zu spät ist.
Das alles wird ewig sein & ist schon vorbei.)
War viel zu kalt in Alaska.
Und dann leuchtet die Wärme,
das Liebe, der dunkle Glanz
direkt in mein Herz.
Das ist schon alles.
Geradebiegen
macht nur müde bis zum Brechen.
Die Maschinen sind zu schwer alle
zum Fliegen.
Immerzu muß man da einen Schritt zurück.
Anlauf. Falle.
Steig ich mal dahinter?
Fühle das Unverhüllte zu oft wie bloße Hülle.
Ich hülle mich in ?
Nein, ich hüllt.
Aber ohne Nachzudenken,
sag ich Ja.
[10]
KINDERREIM| Geliebt wirst du einzig, wo schwach du dich zeigen
darfst, ohne Stärke zu provozieren.
(Adorno) |
Die Seele wird vom Pflastertreten krumm. Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um. (Erich Kästner) |
Wieren machen
krank. Geisteskrank: Wieren verursachen Krankheiten. Wieren - wier sind
seit 17 Milliarden Jahren daran gewöhnt und niemand kann sie von Trümmerbruchstücken
alter, halbabgebauter eigener Zellenbestandteile unterscheiden, bevor er
nicht Hipp! (Oder HIV!) gesagt hat. Niemand hat sie je gesehen - außer
durch ein Elektronenfernrohr oder von der Festplattenzucht geschabt auf
den Schätzerbildschirm gebannt. Vom Neandertaler übern Thaler
zum Digitaler. Und Goethe weigerte sich nicht grundlos (besser: wahrhaftig),
je durch ein Mikrofonskop oder ein Sternglas zu schauen.
Mit der richtigen Hartware sind die optimalen Grundlagen für Einbau
und Betrieb der Weichware geschaffen! Damit die Weichware überhaupt
laufen kann, braucht es ein Betriebssystem. Es empfiehlt sich heute, ein
solches mit einem grafischen Benutzer-Zwischengesicht zu installieren.
Besonders weit verbreitet ist das System Winzigweich-Fenster. (Der in der
neuesten Version integrierte Zwischennetz - Erforscher ist ärgerlich
für Leute, die lieber mit dem Netzschaft-Schiffsführer wellenreiten
wollen.) Winizgweich-Systeme haben die Eigenart, öfter mal einen Krach
zu verursachen. Dann müssen sie neu gestiefelt werden. Schläger
verzichten auf ein grafisches Zwischengesicht und bevorzugen ein altes,
Befehlslinien-Ausdeuter-ausgerichtetes Vielfachbeaufgabungs-Betriebssystem
namens Einheitlix, weil sie behaupten, sie wüßten schon, was
sie tun. Einheitlix hat den Vorteil, dass es auf verschiedenen Schätzern
mit unterschiedlichen ZVEs (Zentrale Voranschreitungs-Einheit) läuft.
Auch auf älteren Geräten hat es eine gute Vorführung.
Einheitlix ist furchtbar umständlich zu bedienen, aber der Schläger
kann damit alles machen, was er will. Zum Beispiel ganz schnell den Schätzer
kaputt. Für Leute, die mit ihrem Schätzer anspruchsvolle Arbeiten
erledigen wollen, gibt es unter Fenster 95 das berühmte Büro
fachmännisch 97. Dieses Erzeugnis besteht aus den neuesten Ausgaben
der Weichwaren Wort, Übertreff, Kraftpunkt und Zugriff. Damit stehen
dem Benutzer alle wichtigen Funktionen wie Wortveredelung, Ausbreitblatt,
Präsentationsgrafik und Datenstützpunkt-Behandlung zur Verfügung.
Viel billiger ist das Sternen-Büro von der Hamburger Firma Sternen-Abteilung,
das es auch für Einheitlix gibt. Sehr beliebt sind auch der Sumpfblüten-Organisierer
und Schichtkäse-Ausdrück, das für Tischplatten-Veröffentlichung
gebraucht wird.
Die Weichware muss zuerst via Aufsteller oder Einsetzer auf der Hartscheibe
eingerichtet werden. Das kann sehr viel Zeit brauchen, wenn sie ursprünglich
auf Schlappscheiben geliefert wurde. Das Einrichten ab Dichtscheibe ist
sehr viel angenehmer und schneller. Leider stellen aber auch hier die Aufsteller
oft Fragen, die von vielen unverständlichen Begriffen nur so wimmeln
und auch englische Muttersprachler vor unlösbare Rätsel stellen.
Im Rockzirkus der DDR gab es eine Menge unfreiwilliger Clowns, aber
die wirklich echten waren AG. Geige aus Karl-Marx-Stadt. Bei ihren dadaistischen
Auftritten standen auf der Bühne vier schwarze Kästen, dahinter
Gestalten in bunten, sackartigen Kostümen, mit überdimensionierten
Masken und Hüten. In weiteren Hauptrollen: eine knallrote Gitarre,
die ausgiebig gequält wurde, elektronisches Equipment für schön-schreckliche
Sounds und eine Rhythmusmaschine für den geradlinigen Beat im unruhigen
Elektropop.
Parallel
projizierte 16mm-Filme, Dias und später Videos waren gleichberechtigter
Teil der Show: ein Maler, gestikulierend vor einer Leinwand, selbst verziert
von zuckenden Strichen; wild gecuttete Farb- und Filmcollagen, Bilder von
Maschinen. Über alldem die von Echos durchzogene, sonore Stimme von
Jan Kummer, die teilweise hysterisch gefärbt, Texte voller durchtriebener
Naivität aufführte: "Der Tag ist warm, die Sonne scheint hell
/ Die Leute schauen, ich laufe zu schnell / am Himmel fliegt glitzernd
ein Raumschiff vorbei / Darin Astronauten, glücklich und frei // Ich
will zum Meer, gehe runter zum Strand / Der Wind treibt Elektrogitarren
an Land / Ein Krake ragt fragend aus Wellen heraus / Erst jetzt schalte
ich das Computerspiel aus" ("Astronauten", 1987).
Gitarrist Frank Bretschneider erinnert sich nur undeutlich an die Anfänge:
"Ich habe mir eine alte Gitarre im A&V gekauft, dann hatte ich so eine
Orgel mit Staubsaugermotor und von der TU, wo ich damals gearbeitet habe,
einen geborgten Oszillograph. Damit habe ich auf Tonbandgeräten aufgenommen
und immer hin und her gespielt. Da gab es eine interessante Sendung, die
kennt heute gar niemand mehr, auf Radio DDR, glaube ich, lange bevor es
'Parocktikum' gab, die nannte sich 'Hausmusik aus der retorte'. Das war
so eine Sendung für Leute, die selber zu Hause gebastelt haben, aber
nicht im herkömmlichen Sinne in einem Bandkontext, sondern wirklich
Tapes geschnitten haben. Aus diesem Homerecording ist irgendwann 1986 die
Band entstanden."
Musikalisch und konzeptionell von den Residents, Throbbing Gristle,
Cabaret Voltaire, Laurie Anderson und der Free-Jazz-Szene beeinflußt,
rekrutierte sich AG. aus den bohemistischen Zirkeln Karl-Marx-Stadts. Ein
freies Bastel- und Freakding: "Wir haben unsere Texte so surreal wie möglich
gehalten. Da konntest du alles Mögliche reindeuten. Wir wollten nie,
weder damals noch heute, irgendwo eine Message. Was willst du den Leuten
erzählen, das wissen die alles selber" (Bretschneider).
Die 1986 im hauseigenen Tapelabel "KlangFarBe" veröffentlichte
Kassette "Yachtclub und Buchteln" ist ein Klassiker der ostdeutschen Tapekultur
und erinnert an die frühen Kraftwerk. Lutz Schramm, der als John Peel
der DDR damals auf DT64 die Sendung "Parocktikum" moderierte, war von der
AG. dermaßen angetan, daß er 1987 mit einem mobilen Studio
ihre ersten vier professionell aufgenommenen Stücke für den Rundfunk
produzierte. 1990 erschien die LP "Trickbeat" auf AMIGA, der Nachfolger
"Raabe?" 1991 auf dem Westberliner Label Zensor. 1993 löste sich die
Band auf - als man zum erstenmal einen eigenen Proberaum, modernes Equipment
und sogar die Option auf eine dritte Platte hatte. Der Sänger gründete
einen Schallplattenladen in Chemnitz, der Gitarrist betreibt seit 1996
das Electronic-Label "rastermusic" (www.rastermusic.com).
Ein Versuch, das trickreiche Changieren der Künstlergruppe AG.
Geige zwischen Musik, Wort, Film, Performance und Grafik zu erfassen, muß
scheitern. Eins steht jedoch fest: Sie waren die Vorreiter der "elektronischen
Lebensaspekte".
(Kito Nedo, aus jW)
Vor
langer, langer Zeit, als das Wünschen noch nicht geholfen hat, lag
hinter sieben bergen, betrieben von sieben Zwergen das VEB Chemiefaserwerk
Premnitz. Hier entstand ein gar eigenartiges Gebilde, ORWO K60 geheißen.
Äußerlich erinnerte es an eine normale Magnetband-Kompaktkassettte,
doch während der auf dem blauschwarzem Etikett gedruckte Hinweis "low
noise" im restlichen Teil der Welt auf die geringen Eigengeräusche
des Bandmaterials hinwies, signalisierte er hier die niedrige Aussteuerbarkeit
desselben. Abgespielt wurde ORWO K60 auf Dampfmaschinen mit eigentümlichen
Namen wie "Stern-Rekorder", "Sonett" oder "Mira". Mira deswegen, weil die
innewohnende Technologie im Geburtsjahr der gleichnamigen Schauspieloma
entstand, ähnlich zischelnd wie deren Aussprache war auch die Wiedergabe
hoher Frequenzen.
Welt
war Cantdorf oder auch Werben und Ketzin, ja bis ins große Dresden
ging die Reise. Sie endete zumeist in stickigen und stinkigen Dorfgasthöfen,
wo die 125jährige Großmutter des Kneipers alle Ankommenden mir
Handschlag begrüßte und Bockwurst warm machte. Wo sich überhaupt
immer alle kannten. Denn alle waren on se rood. Dazu bedurfte es ja auch
nicht viel. Der Isomatte, welche in Konsistenz, Liegekomfort und Gewicht
einem ordentlichen Stück Dachpappe in nichts nachstand. Des Schlafsacks,
groß und schwer wie ein Kindersarg. Der Rotweinflasche für unterwegs
(gern auch härter, z.B. das berühmte Getränk für 14,50).
[Und was hat dich deine Mutti gefragt, wie war's bei dir unterwegs?]
Wenn Erich heimkommt
oder
Von der Legitimität der DDR
Daß es das Warten und Rätselraten gibt - kriegen sie ihn
nun oder kriegen sie ihn nicht -, ist schade um der Sache willen. Es wäre
besser, Erich Honecker hätte sich der Justiz des Gegners einfach gestellt,
um vor der Mitwelt noch einmal zu vertreten, wofür er gekämpft
und gelebt hat, so gut, so schlecht und recht er eben vermochte.
Diese Biographie bleibt doch repräsentativ, und zwar auch darin,
daß da der Königsmantel- doch nicht zufällig! - auf die
schmalen Schultern des Dachdeckers, des "kleinen Trompeters" und schließlichen
Mauerbaumeisters gefallen war. Es gab da jedenfalls ein Mandat, es gab
da die Würde eines Lebensentwurfs, kurzum, es gibt da was zu verteidigen,
das grundsätzlich über die Beschränktheit dieser wie jener
anderen individuellen Existenz hinausreicht.
Selbst jetzt noch, wenn er sich unfreiwillig gestellt sähe, lohnte
die Frage, welche die juristischen Zwerge der Siegerseite aufs Tapet bringen
wollen, die Verteidigung: Ob es denn etwa nicht legitim war, die Mauer
zu bauen und ihr also bis zur ultima ratio des Schießbefehls Respekt
zu verschaffen? Läse man mal bei Carl Schmitt nach, keinem Zwerg jedenfalls,
würde man finden, daß es hinterher prinzipiell nicht peinlich
sein muß, ihn einst als Staatsgast empfangen zu haben; es sei denn,
man wollte schließen, da seien Verbrecher unter sich gewesen.
Die Sieger in ihrer Rechtsheuchelei - weder wagen sie es, unverblümt
das "Wehe den Besiegten!" zu rufen, noch, was die andere Möglichkeit
wäre, wagen sie, sich anrufen zu lassen: "Wer unter euch frei von
Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Wohl ist es nach einer anderen
Moral als der herrschenden denkbar, Honecker anzuklagen. Aber ich sehe
keine befugte Besetzung für ein entsprechendes Gericht. Und käme
sie doch zustande, so würde sich zeigen, daß seine Untaten geradezu
verschwinden im Vergleich etwa zu den Leistungen jenes Teams, das den noch
gar nicht verflossenen Golfkrieg zuerst jahrelang vorbereitet, anschließend
seine Vermeidung unmöglich gemacht hat, um schließlich hochverlogen
eine Orgie der Zerstörung zu zelebrieren, die nur die Völker
dort quälte, in einen Schrecken ohne absehbares Ende stürzte.
Anfangs,
als er noch nicht fort war, empfand ich nicht nur eine Art Pflicht, sondern
hatte auch Lust, ihm bei der Verteidigung zu helfen und zwar in allem Ernst.
Ich sagte dies seinem Anwalt Vogel, aber es ist wohl so, daß Honecker
und seine Frau von einem wie mir nichts annehmen wollen. Es hatte natürlich
nichts genutzt, daß ich ihm 1987, Gorbatschow im Auge, zwar selbstbewußt,
aber keineswegs feindselig oder unerehrbietig die Frage nahebrachte, ob
mich die DDR nicht wiederhaben will. Ihm war ich halt der Hauptverräter
seiner Ära, ehe mich dann Freund Michail und alle die anderen Liquidatoren
bei weitem übertrafen. Mit mindestens 10 Jahren hatte er mir's vergelten
wollen, ganz persönlich.
Aber das ist nicht mehr wichtig. Jetzt will ich in seiner Person etwas
würdigen, was von kaum zu überschätzender Bedeutung dafür
ist, wie das ganze politische Deutschland den Untergang der DDR versteht,
und wie ihn insbesondere diejenigen Menschen seelisch verarbeiten, die
mehr oder minder positiv mit dem anderen deutschen Staat, seinem wesentlichen
Anliegen identifiziert waren - die ökosozialistische Opposition eingeschlossen,
mag es da auch noch Rachegefühle geben.
Es geht um nichts anderes als die lange überfällige, aber
nachträglich alles andere als überflüssige geistige Anerkennung
der DDR, nämlich ihrer ganz unzweifelhaften historischen Legitimität.
Gewiß, in meinem damaligen Fall hat der Staat auch noch sein eigenes,
ohnehin machtwillkürlich gesetztes Recht gebrochen. "Unrechtsstaat"
- wenn ich mich mit der Froschperspektive begnüge. Aber laut Goethes
"Faust" wurden Ketzer meiner Art kaum wohl bloß eingesperrt, sondern
"von je gekreuzigt und verbrannt".
Weder die juristische Farce noch die Farce, die das greise Politbüro
als Corpus war, reicht in jene Dimension, in der sich historische Legitimität
entscheidet. Freilich kann Legitimität aufhören, und die DDR
hat irgendwann aufgehört. Den Grund sah Hegel, auf Robbespierre bezogen,
etwa so: "Seine Kraft hat ihn verlassen, weil die Notwendigkeit" ihn verlassen
hatte.
Zunächst verteidige ich mit der einstigen Legitimität der
DDR, wenngleich nur nebenbei, auch mich selbst. Sofern Honecker und ein
paar andere für die Schüsse an der Mauer vor Gericht sollen,
gehöre ich zu den Mitangeklagten. Denn an jenem Augusttag 1961, an
dem die Mauer kam, habe ich, in Greifswald fern vom Schuß, innerlich
ausgerufen: "Endlich!" Also trage ich wesentlich dieselbe Verantwortung.
Ich war mit knapp 26, wie mich das Ereignis traf, wohl wie auch heute noch
oft recht naiv, aber nicht so naiv, daß ich als politischer Mensch
nicht gewußt hätte oder nicht hätte wissen müssen,
das wird nicht ohne Opfer abgehen.
Blindwütig war das freilich unheimliche, unnatürliche und
unmenschliche Grenzregime zu keiner Zeit konzipiert. Schließlich
war das Ganze eine militärische Aktion, im Weltbürgerkrieg, an
der geladensten Front der zwei Blöcke. Ich wollte die DDR, die ich
um des mit ihr Versprochenen willen, und nicht ohne manichäischen
Haß auf den nie gesehenen Feind, liebte, halten. Daraus folgte damals
unweigerlich die Mauer. Ich möchte sehen, ob mir jemand zeigen kann,
ich sei da abartiger gewesen als etwa auf der anderen Seite ein Karl Jaspers.
Dieser Denker wußte um jene Zeit schon besser als ich, was die Atombombe
bedeutet, und war, hinter dem Totalitarismusbegriff versteckt, zu feige,
ohne ihren Schutz leben zu wollen.
Als noch vor Ende von Weltkrieg II über die Konstellation des
Kalten Krieges entschieden wurde, dessen Episode der Mauerbau war, saß
der Mann jener kommenden Stunde noch im Nazizuchthaus Brandenburg. Er hoffte
naturgemäß auf einen anderen Weltzustand als den, der aufkam,
und in dem er dann gut anderthalb Jahrzehnte später einen logischen
nächsten Zug vollführte. Übrigens einen Verteidigungszug
in der prekären Bauernstellung. Der 13. August war weder eine große,
noch eine kleine Rochade, schon gar kein Angriff am Königsflügel.
Da ist es - mit Verlaub gesagt - moralischer und intellektueller Verhältnis-Schwachsinn,
ist es - mit noch mehr Verlaub für die olle Kamelle - eine erneute
unbußfertig-revanchistische Anmaßung, sich überhaupt mit
Prozeßvorbereitung zu befassen. Es ist noch einmal der Ungeist vom
17. Juni als BRD-Staatsfeiertag. Während man selbst mit Wiederbewaffnung
gegen die Sowjetunion beschäftigt war, wurde für "die Zone" Selbstbestimmung
der Landsergeneration von gestern eingefordert, um, wohl doch ein wenig
verfrüht, das Weltgericht von Stalingrad zu korrigieren.
Nun, da es tatsächlich korrigiert ist, wäre erst einmal angesagt,
sich um so gründlicher eines Erfolges zu schämen, der mit nichts
als ökonomischen Verdiensten bezahlt ward. Fällt denn niemanden
Schillers "Ring des Polykrates" ein? Als der Grieche den Ring wiedergebracht
bekam, wandte sich sein Gast mit Grausen, weil er daran ablas: "Die Götter
wollen dein Verderben".
Aber zurück zur Hauptlinie der Verteidigung, Honeckers und meiner.
Was meinen wir mit der Legitimität der DDR? Honecker selbst hat eigennützig
nicht wenig Schindluder mit den Namen von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg
getrieben. Dennoch ist da eine Linie, die vom Widerstand gegen den I. Weltkrieg
über die Ausrufung der sozialistischen Republik (von jenem Schloßbalkon,
der später das Staatsratsgebäude zierte) und die Gründung
der KPD ("Wir sind wieder bei Marx") zur Entstehung der DDR führte.
Wer wie Honecker in dieser Tradition gegen Hitler gekämpft hatte,
wollte nachher mit Recht einen neuen deutschen Staat. Wer ihn wollte, mußte
auch bereit sein, ihn zu führen, sei es mit unzulänglichem Gepäck.
War es etwa nicht legitim, nach dem Desaster jener 12 Jahre ein neues Deutschland
anzufangen, statt wie im Westen die alte Grundstruktur neu aufzuputzen?
Allerdings hat die DDR nicht wirklich auf dieser Basis - einer massenhaft
gar nicht vorhandenen deutschen revolutionären Kontinuität -
existiert. Sondern mit dem Oderübergang der Roten Armee hob ihre eigentliche
Begründung an. Nicht Bechers "Auferstanden aus Ruinen" war die wirkliche
Staatshymne, sondern sein anderes Lied "Sterne unendliches Glühn":
"Wer hat vollbracht all die Taten,
die uns befreit von der Fron?
Es waren die Sowjetsoldaten,
die Helden der Sowjetunion."
1941 vor Moskau, in dem 3-jährigen Standhalten Leningrads und
in der Schlacht von Stalingrad, mit den westwärts rollenden T 34-Geschwadern
(anstelle der nötigen Traktorenkolonnen gebaut) und, unter fernerliefen,
mit Flugblatt- und Lautsprechereinsätzen von ein paar deutschen Emigranten
in den Lärmpausen - da wurde das Recht auf die Gründung der DDR
statuiert. Warum hat denn das Nachkriegs-Westdeutschland jahrzehntelang
schlottern müssen "Die Russen kommen", wenn nicht aus dem untergründigen
Wissen, nicht in irgendeiner ostpreußischen Wolfsschanze, sondern
direkt unterm deutschen Reichstag mußte das Ungeheuer zur Strecke
gebracht werden. Nicht mit der Bombe aus Stauffenbergs Aktentasche ist
es geschehen, sondern mit dem größten und opferreichsten Heereszug
aller Zeiten.
Als ich 17 war an der Oder, hieß meine Stadt und hieß das
an ungünstiger Stelle gebaute neue Hüttenwerk nicht ohne zureichenden
Grund nach Josef Stalin. Dort habe ich 1953 verzweifelt seinen Tod beweint,
hatte zuvor gläubig Bechers monströses Abschiedsgedicht für
den Vater der Völker rezitiert unter der auf Halbmast gesetzten blauen
Fahne der FDJ. Wie die Geschichte der DDR war meine eigene eine Kreuzung
aus russischer Revolution und deutscher Klassik, trotz und wegen Becher.
Unterm Strich kam bei mir viel mehr Lenin als Stalin, nachher beim
ML-Philosophiestudium viel mehr Marx als Lenin rüber. Und es war nicht
ohne Realität, was Thomas Mann sich 1949 in Weimar gewünscht
hatte: einen Karl Marx, der den Friedrich Hölderlin gelesen hätte,
und umgekehrt. Am Ende hat der deutsche Geist doch auch etwas daran zu
gewinnen, daß eine kleine Zeit lang in den östlichen Landstrichen
nicht Martin Luther, sondern Thomas Müntzer der Mann fürs Senkrechte
war.
Wenn die rote Fahne auf dem Reichstag 1945 legitim und mehr als legitim
war, dann hat die DDR nicht nur sein dürfen, sondern sein müssen.
Daß sie ebenso unvermeidlich den Zusammenbruch der russischen Revolution
nicht überlebte, widerlegt die lebendigen Kräfte nicht unbedingt,
die in das gescheiterte Experiment eines implantierten Sozialismus auf
deutschem Boden eingingen. Unser Impuls war mit dem Herzen gedacht, und
es geht kein solcher Impuls je ganz verloren.
Anders als Deutschland hat die Sowjetunion den Despotismus von innen
heraus überwunden. Eben dies war das Wunder Gorbatschow. Ich stehe
mit meiner Biografie dafür, daß wir dies auch in Ostdeutschland
versucht hätten. Wenn ich Honecker - obwohl das sinnlos ist - doch
etwas übelnehme, dann, daß er nicht mit Gorbatschow gegangen
ist, um dies einzuleiten, dem freien Raum zu geben. Wir hätten die
DDR auch damit nicht halten können, aber wir hätten noch anzuzeigen
vermocht, daß unsere Idee wie 1968 in Prag auch in Berlin mit der
Achtung des Individuums vereinbar ist, erst darin zu sich kommt.
Die Westdeutschen, zynischer und materialistischer, verstehen wenig
von dieser inneren Dimension, können sich deshalb im Osten nur Politbürokraten,
karrieristische Mitläufer und Unterdrückte vorstellen. Was den
alltäglichen Kolonialismus des eigenen Lebensstils betrifft, sind
oder tun sie ahnungslos. So lesen sie sie Illegitimität der DDR an
ihrem ökonomisch-ökologischen Schrott und Müll ab. Sie selber
haben damit natürlich absolut nichts zu schaffen.
Ja,
die Bevölkerung der DDR ist von ihrer Führung z.B. um die 14
Milliarden Ost betrogen, die das Politbüro in die Mikroelektronik
investieren ließ. Aber warum? Solange die militärische Konfrontation
bestand, war die Sowjetarmee auf die relativ feinere Produktionskultur
der DDR angewiesen. Ich habe eine Weile mit jemandem zusammengelebt, der,
seinerseits Beobachter auf dem amerikanischen Pendant, im Mittelmeer eine
Begegnung mit dem Flugzeugträger Kirow hatte. In der Zeit, in der
das amerikanische Monstrum 20 Maschinen in der Luft hatte, brachte das
sowjetische 2 nach oben - und nicht ohne die Kameradenhilfe des Feindes
wieder herunter aufs eigene Deck. So aussichtslos war das mit den Chips
made in GRD.
Aber die stärkste Ursache in diesem ganzen blöden Spiel,
wo bitte lag die? Im ganzen Osten nicht. Und angefangen hatte die neue
Runde mit den als Denkzettel für Moskau gedachten Bomben auf Hiroshima
und Nagasaki.
Wie wäre es, die Bevölkerung der DDR - wie noch viel mehr
die übrige, stärker "unterentwickelte" Menschheit - generös
für das zu entschädigen, was die noch immer unentrinnbare Dominanz
des einen Systems rund um den Erdball teils direkt, teils indirekt an sozialer
und ökologischer Katastrophe nach sich zieht? Abgesehen davon steht
den westlichen Wunderkindern das Wundern noch bevor, was für schweres
Geschirr ihnen auf den Kopf fallen und wie real um sie herum "das Nichts
nichten" wird.
Die Geschichte der DDR ist keineswegs schon so ganz zu Ende, und es
müßte nicht sein, daß der Versuch, sie auszulöschen,
umschlägt in ein Debakel des Siegers. Deutschland hätte etwas
zu gewinnen - nicht an irgendwelchen zweifelhaften Errungenschaften (á
la Kinderkrippen etc.), sondern an der menschlichen Substanz der DDR als
einen Beitrag zur nationalen Identität. Was jetzt passiert, ist neue,
weitere Störung des nationalen Selbstbewußtseins, nicht nur
im Osten. Der sozialen Energie, die sich jetzt in der Ex-DDR verbirgt und
zusehends böse wird, würden Zeichen nachlassender Selbstgerechtigkeit
aus dem Westen guttun.
Hier schlage ich vor, nicht nur den anderen deutschen Staat nachträglich
gelten zu lassen, sondern auch die Leistung der SED. Denn die Partei war
schließlich die Essenz dieser Staatsgewalt. Ihrem letzten Generalsekretär
(vom allerletzten darf man durchaus schweigen) gebührt ein anständiger
Alterssitz in Brandenburg oder in seinem Saarland, wie gehabt mit einem
Posten zu seiner Ehre und Sicherheit davor.
(Rudolf Bahro 1990/91)
(Und was hast Du als erstes innerlich ausgerufen, als an jenem Novembertag 1989 die Mauer ging? Ich: "Jetzt kommt die ganze Scheiße auch zu uns!...")
Mir gefiel der Beitrag von Robert Kurz "Die verlorene Ehre der Arbeit"
ausgezeichnet. Daran anzuknüpfen ist eine Freude für mich! Daran
anknüpfend stelle ich die Frage:
Wofür, weshalb leben wir überhaupt?! Kann es ein Leben geben,
das auf der Selbstverwirklichung des Menschen gegründet ist? Kann
es ein Leben geben, in dem wir bemüht sind, uns einzig zu einem solchen
Lebenszusammenhang hin zu befreien, der eine vom Menschen gelebte Wahrhaftigkeit
zur Folge haben könnte, wo es keine Arbeit (im Sinne eines Sklaven-
bzw. Leidensdienstes) mehr gibt? Kann es ein Leben geben außerhalb
der Aufsplitterung des Lebens in einen meist ziemlich sinnlosen Arbeits-,
Funktions- bzw. Gehorsamkeitsdienst auf der einen Seite und einen oft nur
sinnlosen Verbrauch von Freizeit auf der anderen?
Wozu betreiben wir diesen Aufwand an Entfremdung, an Entäußerung
des Lebens an sich? Warum halten wir fest an diesem ausbeuterischen Wahnsinn
in jederlei Hinsicht - physisch und psychisch?
Ich bin der Ansicht, daß wir uns mitten in einer folgenschweren
Entscheidungsphase befinden, in erster Linie geschuldet unserem fortwährend
tiefergreifenden Bewußtsein, welches uns Einsichten eröffnet,
die unser gegenwärtiges gesellschaftliches Sein immer mehr in Frage
zu stellen beginnen. Es dämmert uns eine Ahnung von einem Leben, welches
wir bewußt gestaltend nicht mehr zwanghaft durch die massenhafte
Produktion toter Materialien, Gebäude, Autos usw. ständig entäußern,
von uns weisen, vernichten müssen. Es dämmert uns eine Ahnung
von einem Leben, in dem Wissen nicht mehr vorrangig nach der ökonomischen
Verwertbarkeit bemessen, sondern eingefügt wird in die Verwirklichung
eines Lebenszusammenhanges, in welchem der Mensch einen Zuwachs an Fülle
und Ganzheitlichkeit in sozialer und individueller Hinsicht spürbar
erleben, erfahren kann.
Doch die meisten Menschen in der "modernen" westlichen Gesellschaft
halten immer noch zwanghaft fest an ihren gewohnten Arbeits- und Lebensverhältnissen,
auch wenn diese oft nur Widerwillen und Unzufriedenheit erzeugen. Die Angst
vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ist hierfür symptomatisch.
Die Beherrschung unseres Lebens durch das Geld und die Wirtschaft und
der materiell anspruchsvolle Lebensstil, den wir uns leisten und von welchem
vor allem unser ständig kränkelndes Selbstwertgefühl abhängig
gemacht wird, haben uns in die Sackgasse geführt.
Ich würde nicht unbedingt sagen, daß nach dem Zweiten Weltkrieg
ein stetig wachsender Teil der sogenannten Arbeit nur noch dem Systemerhalt
diente, ohne sonst noch irgend einen erkennbaren Sinn zu machen. Ich würde
eher sagen, daß die Arbeit über den Systemerhalt hinaus in wachsendem
Maße eine kompensatorische Schutzfunktion übernommen hat vor
allem für all unsere inneren Defizite, die sich aus unserer weltzerstörerischen
Arbeits- und Lebensweise täglich ergeben. Ja, viele Menschen jammern
förmlich nach irgend einer Beschäftigung, selbst wenn diese nur
ein stumpfsinniges, roboterhaftes bzw. totes Dahinarbeiten bedeutet. Auch
wenn die Menschen mit ihrer Arbeit äußerst unzufrieden sein
sollten, in den meisten Fällen bleibt ihnen eine für sie akzeptable
Alternative verwehrt. Und eine akzeptable Alternative wäre dann für
sie oft nur eine etwas weniger roboterhafte Tätigkeit mit der Möglichkeit,
mehr Geld zu verdienen, um gerade ihren äußeren Lebensstil und
ihr
damit fest verwobenes Selbstwertgefühl aufrechterhalten zu können.
Es ist ein Teufelskreis. Die Arbeit in dieser Gesellschaft entzieht
uns in einem fort die Lebensenergie, die wir an anderer Stelle mehr denn
je benötigen (z.B. inneres Wachstum), aber oft nicht mehr aufbringen
können. Diese Arbeit hält uns gefangen und hat damit unter anderem
einen systemerhaltenen Charakter. Und in diesem Sinne kann eine theoretische
Neudefinition der Arbeit gar nichts bewirken, weil das Leben als Ganzes,
der Mensch als ganzes Wesen, der Lebenszusammenhang in erster Linie hinterfragt
werden müssen. Gefordert ist die Selbsterkenntnis im weitesten Sinne.
Und da die Selbsterkenntnis oft ganz andere Fragen aufwirft und ganz andere
Konsequenzen nach sich zieht, als wir gewohnt sind, sträuben wir uns
davor, haben Angst davor und arbeiten lieber den lieben, langen Tag für
eine scheinbar unproblematische Mehrung unseres äußeren Reichtums.
Und auch den durch die Arbeit geschaffenen, hergestellten Reichtum nutzen
wir wiederum nur dazu, um die bohrenden Fragen zu verdrängen, um uns
abzulenken, indem wir fast schon unbewußt und automatisch mit dem
Reichtum fortlaufend kokettieren.
Die Arbeit in dieser Gesellschaft ist nach meiner Ansicht einerseits
zunehmend eine Reaktion auf die Angst vor der Selbsterkenntnis und deren
Konsequenzen. Andererseits schützt uns die Arbeit vor den Perversionen,
die durch eine zu kurz gekommene und verhinderte Selbsterkenntnis mittlerweile
entstanden sind. Wir haben nur noch einen unvollkommenen Bezug zu unserer
inneren, psychischen Realität. Natürlich spielt dabei auch unsere
seit der Aufklärung traditionell positivistische Weltanschauung eine
große Rolle, die wohl überwiegend für unsere derzeitige
geistige Verfassung verantwortlich ist. Diese Weltanschauung mißt
unseren subjektiven Empfindungen und Befindlichkeiten nur eine Randbedeutung
bei. Das Nützlichkeitsdenken hat hier seine Wurzeln: Wer keinen sichtbaren,
meßbaren Nutzen erbringt ist selber von geringem Nutzen oder Wert.
Dieses Denken vor allem setzt uns unter Druck. Ein ständig schlechtes
Gewissen treibt uns zur Arbeit an und fordert unser uneingeschränktes
Funktionieren. So gesehen ist es wohl kein Wunder, daß die innere
Realität zum Teil nur noch ein Schattendasein fristet. Sie kommt häufig
nur noch in pervertierter Form zum Ausbruch; sie kann sich äußern
in der Kälte und Distanziertheit der Menschen im Umgang miteinander,
oft hervorgerufen durch fehlendes Einfühlungsvermögen, was eine
Isolation und fortschreitende Vereinsamung zur Folge haben kann; sie offenbart
sich in der Gewalt - physisch und psychisch - innerhalb der Gesellschaft
ganz allgemein (am Arbeitsplatz!), in der Gewalt, die sich durch alle Fernsehsender
zieht und ganz anonym in der Bereitschaft für angeblich humane Kriegseinsätze
- um nur einige Beispiele zu nennen. Wir arbeiten stumpfsinnig dahin und
produzieren Krieg - innerlich und äußerlich - weil wir uns die
Zeit, die Muße, die Faulheit nicht gönnen wollen, um endlich
zu uns selbst als Mensch, zu unseren wahren, lebensbejahenden Potentialen
zu finden. Wir gönnen uns die Ruhe nicht, weil die Anstrengungen,
die wir unternehmen müßten, um aus der Sackgasse herauszukommen,
uns zu überfordern drohen. Verlieren wir einmal den Arbeitplatz und
eröffnen sich uns Freiräume, die wir nicht unmittelbar mit anderer
Arbeit oder anderen ablenkenden Tätigkeiten ausfüllen können,
dann kann es schon mal passieren, daß wir plötzlich vor einem
Nichts stehen, und ein Gefühl der Wertlosigkeit, der Bedeutungslosigkeit
macht sich in uns breit, wovor wir große Angst haben. Und die Angst
bleibt solange bestehen, bis wir begreifen, daß wir auch ohne all
die ständig im Überfluß produzierten Krücken einen
Wert besitzen, der uns über das bisher Gewesene hinausweisen könnte!
Notwendige Tätigkeiten wird es immer geben. Doch brauchen wir
keinen anderen, umdefinierten, "sinnvollen" Arbeitsbegriff, so wie es auch
Herr Kurz in seinem Artikel eindrucksvoll klarzustellen vermochte. Die
notwendige Tätigkeit würde sich in einer Gesellschaft, in der
der Mensch zu sich selbst finden kann, einfügen in den Lebensprozeß
und nicht mehr als Arbeit wahrgenommen werden - davon bin ich überzeugt.
Ich möchte sogar soweit gehen und sagen, daß es notwendige Tätigkeiten
im eigentlichen Sinne dann gar nicht mehr geben würde. Alles was der
Mensch täte, äußerlich und innerlich, würde ihn als
ganzen Menschen betreffen und ihm Lebensfülle verleihen. Ob es je
zu solch einer Gesellschaft kommen wird, darüber entscheidet jeder
einzelne bereits heute!
Die Entscheidungsphase ist angebrochen. Der Mensch wird sich seiner
mißlichen Lage immer mehr bewußt und sucht verzweifelt nach
Wegen aus dieser deutlich spürbaren Krise. Ob die Selbstheilungskräfte
stark genug sein werden, um sich gegen das zweifellos Böse dieser
Welt behaupten und es relativieren zu können, sei dahingestellt. Ich
sehe immer mehr Menschen, die nicht mehr bereit sind, sich "hingebungsvoll"
ihrem Schicksal zu fügen, um irgendeinem Arbeitsethos genüge
zu tun. Kinder in der Schule verlieren zunehmend Respekt vor den "Autoritäten",
die sie fit machen wollen für den Gehorsamkeits- und Funktionsdienst,
der sie später erwartet. Und selbst die hohe Arbeitslosigkeit halte
ich in dieser Phase des gesellschaftlichen Lebens für einen Segen
und eine Chance, diese verkrustete Gesellschaft wenigstens ein bißchen
aufzubrechen.
[14]
(von wegen zu Robert kurz...)
Ich fragte - mich - , warum muß ich da hin, was soll ich da? Und
wartete auf die Abfahrt. Die Fahrt führte über Glatteis und an
Basepohl vorbei, wo ich 18 nette Monate bei der NVA verbrachte, finstere
Zeit, schwarze Erinnerungen, kein Fahnenwechsel verändert das Geschehen
an diesen Ort. Stavenhagen und Basepohl vereinigen allmählich ihre
versiegelten Flächen, natürlich unnatürlich beleuchtet,
auf einem Boden, wo vor Jahren noch Kohl und Zwiebeln wuchsen. Mittendrin
in diesem Gewerbe-"Park"(!) die Netto-Hallen auf 1,5 ha Mutter Erde, umgeben
von Straßen und Plätzen für gut 100 Autos. (Die warten
auch.) Sammeln und Empfang im Foyer, Marsch in den Neondämmer des
Lagers. Kaum mal ein Wort zu verstehen (den Sinn der Unternehmensausdänung
schon eher, aber da wird mir immer wieder himmelangst um "unsere" Zukunft),
permanentes Abgedudel dB-starker und schwach-sinniger Popmusik aus dem
Lagerfunk + Lärm der AM, AG und AK. Kein Licht, Kiste hier hin, Kiste
dort hin, Räderwerk.
80.000 m3 voller überdachtem Müll und ähnlichem, über
das Land rollende Trucks. Von hier nach da und da nach hier und bis zum
Ende der Welt. Minus 24°C mitten im nicht endenden Sommer - oder Europa
wird wegen einer Eiszeit versteppen, das bleibt doch gleich gültig.
Wie konnten unsere Ahnen überhaupt leben ohne Kühlschrank? Aber
sauber und ordentlich und rechnergestützt und wirwarendiebesten: Netto:
ich kaufe, also bin ich. Aber warum nur das Rattengift in den Regalen?
Zurück ins Foyer, die Vertreter warten schon und auf ihren Kaffe,
den gibt's auch in der Kantine, aber nur für Betriebsangehörige.
Fast eine Stunde. Warten auf die Abfahrt. Wozu mußte ich da hin?
Was sollte ich da?
Betrifft Bewerbung auf Ihre Werbung
Sehr geehrter Herr Hacker,
beeindruckt von Ihrer beeindruckenden ununterbrochenen Führung
durch die kühl-erhabenen Lagerhallen und vom straffen Rackern Ihrer
Untergebenen zur immer besseren Befriedigung der ständig wachsenden
Bedürfnisse unseres greisen Volkes, erglühte in mir der Wunsch,
mich einzureihen in die Kolonne auf dem Marsch in eine lichtere Zukunft,
die sie um sich gescharrt haben.
Ich bin sehr anpassungsfähig, das betrifft u.a. das krankmachende
Neonlicht und die schwachsinnige Hubbahubba-Musik und frage nicht groß
nach dem Sinn, was ich tue. Hauptsache, die Firma expandiert.
Ich freue mich schon sehr auf ein vorstellendes Gespräch mit Ihnen.
Mit sozialistischem Gruß! (meine Unterschrift)
Tja, ich wurde natürlich sofort ans Arbeitsamt verpetzt, die beiden Schreiben dorthin gefaxt, was mir die Streichung der ALH einbringen sollte. (Erklärter Maßen dient das "Integrationszentrum" lediglich dazu, Arbeitsunwillige auszusieben.) Das ließ ich mit mir so nicht machen, und Ergebnis war, daß das Integrieren an mir nicht weiter statuiert wurde und ich auch nicht meinen Status verlor, obwohl die Spaßnahme für mich sehr vorfristig vorbei war. [25]
Auch beim Einwohnermeldeamt wurde man nicht fündig. Um nähere
Angaben zu ihrer Person zu finden, so wurde Frau ? von dem Polizeibeamten
Strunz erklärt, bräuchte man zunächst einmal ihren Namen.
In der Verbrecherkartei tauchte Frau ?s Gesicht Gott sei Dank ebenfalls
nicht auf - als der Beamte Strunz gar nicht aufhören wollte, darin
zu wühlen, konnte sich Frau ? die Frage, ob sie zu einem Mord oder
Schlimmerem überhaupt fähig sei, nicht eindeutig mit 'Nein' beantworten.
Einen Moment lang graute es Frau ? vor sich selbst, bluttriefende Phantasien
- u.a. sah sie sich bei einem Doppelmord an Horst und dieser Meyer-Klarsen
- liefen vor ihrem inneren Auge ab.
"Tja,
ich muß ihnen nach dem Sozialamt verweisen", unterbrach Strunz ihre
düsteren Visionen. Kam es Frau ? nur so vor, oder blickte er ihr tatsächlich
voller Mitleid nach? Als Frau ? beim Sozialamt angekommen war, spürte
sie, wie sie die Kräfte verließen. Seit dem gestrigen Nachmittag
hatte sie nicht mehr gegessen, wachsende Zukunftsängste zerrten an
ihren zermürbten Nerven. Frau ? riß sich zusammen und steuerte
mit dem Mut der Verzweiflung auf die erstbeste Bürotür zu. "Nu
guck sich einer die vornehme Tussi an. Bist wohl das erste Mal hier, wa?
Immer hübsch hinten anstellen", schnarchte sie ein offensichtlich
dem Alkohol verfallener Mensch an.
Frau ? sah sich um, alle Stühle waren besetzt, bis auf den neben
besagtem Trunksüchtigen. Seufzend ließ sich Frau ? nieder. Eine
Dunstwolke aus Fusel, Schweiß und altem Urin nebelte sie ein. 'Wie
hatte ich nur annehmen können, die nette Frau Schneider stinke?' -
dies war ihr letzter Gedanke, bevor Frau ? in eine gnadenreiche Ohnmacht
fiel.
"He, sie, wollen sie nicht oder können sie nicht?" Frau ? kam
nur allmählich zu sich; vor ihr hatte sich eine robuste Mitarbeiterin
des Sozialamts aufgebaut. "In fünf Minuten ist Feierabend, also wenn
sie noch was wollen ..." - "Aber natürlich, ich soll mich hier melden.
Mich schickt das Arbeitsamt, nein, der Polizeibeamte Strunz schickt mich.
Ich weiß ja meinen Namen nicht. Schuld daran ist nur die Klarsen-Meyer.
Aber in der Verbrecherkartei haben sie mich nicht gefunden. - Haben sie
vielleicht irgendwas zu essen?" sprudelte es unkontrolliert aus Frau ?
hervor. - "Sagen sie mal, haben sie was getrunken? Und auf Mitleid brauchen
sie hier gar nicht zu machen - was zu essen, daß ich nicht lache!
Geben sie ihr Geld nicht für Schnaps und Zigaretten aus, dann haben
sie auch genug zu futtern!"
Es dauerte eine ganze Weile, bis Frau ? ihr Anliegen deutlich machen
konnte. Frau Michailik - die Mitarbeiterin des Sozialamts, welche übrigens
eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit mit Axel Schulz aufwies
- würde wieder einmal nicht pünktlich nach Hause kommen. Kein
Wunder also, daß sie dieser verworrene Fall nur noch mürrischer
stimmen konnte.
"Erst einmal müssen wir ihnen einen Namen verpassen. Laut §
68 - Art. I, Absatz d des Sozialgesetzbuches sind für derartige Fälle
folgende Namen vorgesehen, wovon sie einen frei auswählen können:
Null, Keiner, Nichtig, Niemand, Nichtsnutz, Drückeberger, Wehrdienstverweigerer,
na, den Rest erspare ich ihnen lieber. Haben sie sich entschieden?"
Beim Verlesen eines jeden Namens war Frau ? aufs neue schamvoll zusammengezuckt.
Doch der bohrende Hunger erstickte all ihren Widerstand im Keim.
"Nichtig", hauchte sie ergeben. "Na, daran werden sie sich schon gewöhnen.
Haben sie Vermögen?" - "Ja, ein paar Schecks über 2000 Mark."
- "Auf welchen Namen?" - "Na auf Meyer." - "Dann vergessen sie die ganz
schnell. Bargeld?" Frau ? kramte völlig mutlos in ihrer Geldbörse.
"7,50 DM" - "Als Tagessatz stehen ihnen 16,10 DM zu, da kriegen sie heute
also noch ..., warten sie mal ... Herrgott, wo ist denn der Taschenrechner
schon wieder hin?" "8,60 DM", wisperte Frau Nichtig. "Was?!" - "8,60 DM",
wiederholte Frau Nichtig ängstlich, während sich ihr das Gesicht
von Axel Schulz bedrohlich näherte. "Wollen sie auch noch frech werden?
Wenn ich's recht bedenke, ist der Tag ja schon fast rum, da kommen sie
auch gut mit ihren 7,50 DM aus." - "Aber wie soll ich denn da die Übernachtungskosten
für die Pension aufbringen?" brach es weinerlich aus Frau Nichtigs
Kehle. "Pension? Nix Pension. Obdachlosenheim, Karl-Marx-Str. 15. Abmarsch
sofort. Und denken sie daran, sich jeden Morgen pünktlich um 8 Uhr
ihr Tagegeld abzuholen, sonst ist das null und nichtig, Frau Nichtig! Und
jetzt raus. Die Überstunden bezahlt mir keiner!"
Frau Nichtig schleppte sich aus dem Sozialamt. Der immer wütender
sich bemerkbar machende Hunger wies ihr die Richtung. Gott sei Dank war
die Würstchenbude an der Ecke noch auf. Gestärkt mit einer köstlichen
Currywurst, knusprigen Pommes Frites und einer prickelnden Fanta war Frau
Nichtig erneut bereit, sich ihrem harten Schicksal zu stellen.
(Fortsetzung folgt)
Die Tür
nicht das Ding aus Holz
Die Tür
offen zu offnen Türen
zu offnen Wegen
zum Wald
Der Wald
nicht Bäume aus Holz
Der Wald aus atmenden Bäumen
Bäume aus atmendem Grün
Bruderberührung der Luft
Luft geatmet
in die offne Tür
Die Tür
nicht das Ding aus Holz
(Rose Ausländer)
Der Ärger brennt mich aus wie Fieber.
Keiner sollte mir in den Weg treten.
Der Part, den ich zu spielen habe, läßt mich schweigen.
Alles, wonach ich frage ist, ob du mich wegschieben wirst.
Versuch nicht, mich zu erwischen, bitte gib mich nicht auf.
Alles, wonach ich frage: willst du, daß ich bei dir bleibe?
Ich versuchte, dir zu helfen, versuchte, dich zu beschützen.
Alles, was du tatest war, mich wegzuschieben.
Meine strahlenden Augen erloschen im Schlamm.
Weiß nicht, wohin ich heut' noch geh'.
Mein Herz sagt, bitte spiel' nicht mit mir.
Mehr ist da nicht, was noch Verbindung halten kann.
Bitte starre mich nicht so an, mehr bring' ich nicht zustande.
Bitte, mach' mich nicht fertig, ich will niemals erfahren müssen,
wie es ist, aus dem Leben zu fliegen.
(Ghosthouse, 1995)
[PS:...stand da nicht irgendwo: "...die Frau, die sich auszog, um ihren
Mann zu erlösen..." ...oder so ähnlich?...]
[22]
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