OVER Nr. 24


LOVER Nr. 24

(erschien 01/2000)

Auszüge:

[Reactor] - [Anti] - [Basar] - [Manifest] - [Preisausschreiben #9] - [Preisausschreiben #10] - [Sprüche] - [Interview] - [Denken] - [VOR 100 JAHREN] - [Sirenen] - [Deutung (2)] - [Anfang] - [Sternenfrau] - [5 Affenschwänze] - [Unerhört] - [PUPERTERROR] - [Dichtick] - [Gift] - [Schätzerdeutsch (2)] - [Legende] - [Bessere Zeiten] - [Heimatkunde] - [Kurz] - [Bericht] - [Frau ? (5)] - [TÜR] - [Rolle] - [Und nun?]

         Herzenswunsch: Federleicht und doch felsenfest,
    vogelfrei und doch hautnah,
beflügelt und doch verwurzelt.
    (Jochen Mariss)

LOVER Nr. 24

Re ¤ act ¤ or

Lieber Roli,
ja den Lover habe ich auch fast ganz gelesen. Meine zitierte Meinung hört sich zwar etwas dumm an, stimmt aber größtenteils. Nur nehme ich nicht an, daß sich einige hinsetzen und überlegen, was könnte ich wohl schreiben, sondern eher staune, womit Ihr Euch so beschäftigt und tatsächlich oft nicht weiß, was damit gemeint ist. Aber die Fragen und die Antworten auf die Rätsel finde ich sehr amüsant und witzig. Meistens gucke ich zuerst, wer was geschrieben hat und lese dann, was [10], [2], [21], [14], [15].... geschrieben haben. So habe ich doch ein bißchen Anteil daran, was Euch wichtig ist. Ich habe schon früher darüber gestaunt, daß Ihr über Musiker, Lieder, Filme usw. lange sprechen konntet. Zuhören und anschauen ja, aber lange darüber reden?
Alles Gute! [1]

Lieber Roland!
Ich nahm Sigrid auf den Arm, indem ich ihr sagte, Du seist jetzt voll damit beschäftigt, den Lover auf Kassette zu sprechen - sie bekam einen Schreck! [2]

Lieber Roland,
tja, wie immer rächt es sich, wenn man sich nicht gleich nach Durchlesen des Lovers hinsetzt und reactort, aber immerhin fühlte ich mich sofort angeregt, den nächsten Teil der Odyssee zu verfassen (wie stolz das klingt). Ohne den Lover fiele es mir ungleich schwerer, mich überhaupt zu Derartigem (und Frechem) zu motivieren! Und ohne Lapsus sowieso. Kommunikation nur mit sich selbst oder dem Nachbarn (auch wenn der sehr lieb und kommunikativ ist) reicht mir eben nicht. Und so freue ich mich schon jetzt auf das nächste Heft, auch wenn ich nicht jeden Beitrag bejubele, aber das tut auch nicht not. Die Aufmachung ist wie immer originell und witzig (Roland als Fußballer im Lapsus-TV - rührende Selbstironie). Die Beiträge zu den Ex-DDR-Bands waren mir zu ausführlich und z.T. auch zu langweilig, um mein Interesse bis zur letzten Zeile wachzuhalten (trotz einiger witziger Details) - sicher eher was für Kenner der Szene. Mit Leopolds Gästebuch konnte ich auch nicht so viel anfangen. Manchmal wird mir da so www ums Herz, wie eine anonyme der persönlichen Verständigung vorgezogen wird.
Danke noch an [9] für die Übersetzung + Original des Clawfinger-Textes - ich hab' immer einiges nicht verstanden - ein geiler Song, der ja auch bei Lapsus schon zu hören war. Wo? Na bei Radio Robotron (natürlich die Kassette von [21]!)!
Bis demnächst, [3].

Lieber Roland,
wie jeder sich wohl noch erinnern kann (oder?!), hattest Du im Lover 17, glaube ich (ich kann ihn leider nicht mehr finden), die Behauptung in Zweifel gezogen, alles würde zum absoluten Bewußtsein hin vereint. "Schweren Herzens" würde ich Dir heute in diesem Punkte recht geben. In meinem bescheidenen Berdjajew-Studium bin ich zu der Erkenntnis gekommen, daß der Begriff des "Absoluten Bewußtseins", den Wilber in sein System aufgenommen hat, nicht angemessen ist. Mehr Klarheit finde ich hierzu eben bei Berdjajew. Nach Berdjajew gibt es kein "Absolutes Bewußtsein" als Wahrheit an sich. Es gibt überhaupt kein "Absolutes Bewußtsein". Bewußtsein ist immer relativ und begrenzt im Gegensatz zur Liebe. Die Wahrheit ist schöpferisch-dynamisch und bedarf des Menschen in Freiheit und Liebe, um Verwirklichung zu erfahren usw., usw.! Das "Absolute Bewußtsein" drückt etwas Statisches aus, wie überhaupt der Begriff des Absoluten etwas Unbewegliches hat. Man kann natürlich den Begriff des "Absoluten Bewußtsein" erweitern, in ihn mehr hineinlesen, als er verträgt. Und meiner Meinung nach tut das Wilber in diesem Fall, und das verwirrt.
... und das verwirrt.Meister Eckhart, der große deutsche Mystiker, hatte die Abgeschiedenheit als das Absolute gesetzt. Das Absolute ist nach ihm der Urgrund, aus dem alles hervorgeht - das Nichts als die Gottheit. Im Nichts, in der Gottheit ist alles vereint und potentiell. Und wenn Wilber über Eckhart referiert, vermischt er den Begriff der Gottheit als vollständigste, in sich alles vereinende Abgeschiedenheit mit dem Begriff des "Absoluten Bewußtseins". Und nach dem "Absoluten Bewußtsein" als dem unvorstellbaren Omega-Punkt nun streben wir letzten Endes - so meint Wilber. Aber ich frage: Weshalb dieser ganze Aufwand? Wozu diese ganze Welt, aus der der Mensch hervorgeht? Wozu hat das Nichts, die Gottheit, das "Absolute Bewußtsein" die Welt und uns Menschen nötig? Wenn das "Absolute Bewußtsein" (Eckhart - Abgeschiedenheit) in sich selbst alles beinhaltet, so braucht es doch keine zweite und in diesem Fall belanglose, sinnlose Erkenntnisinstanz in der Form des Menschen, der dieses Bewußtsein höchstens ergebenst zur Kenntnis nehmen kann.
Berdjajew meint: Die Gottheit muß aus sich hinaustreten in Freiheit und braucht den Menschen, um zu sich selbst finden zu können. Erst im Menschen, als das freie Wesen an sich, vereint sich das Diesseits mit dem Jenseits zur ewig bewegten Wahrheit hin. Das Mysterium des Nichts erfüllt sich im Menschen und durch den Menschen schöpferisch in der Liebe. In Freiheit und Liebe wird die Wahrheit geboren.
Bevor der Mensch die Bühne der Welt betrat, da konnte die Liebe nur unvollständig und unerfüllt sein! Der Mensch, jeder einzelne Mensch, hat in diesem Sinne nach Berdjajew absolute Bedeutung als ein Wesen, das der Liebe zur allumfassenden Wahrheit hin verhelfen kann, das sich in der Liebe selbst verwirklicht und Wahrheit schafft.
Verzeih mir, daß ich so ausführlich war. Vielleicht werde ich langsam verrückt?! Die Scheiß-Qualifizierungsmaßnahme, zu der ich vom Arbeitsamt verpflichtet wurde, treibt mich offensichtlich zusätzlich noch in diese Art philosophischen Wahnsinn. Es ist meine Antwort auf diese Welt materieller "Überfülle", die der geistigen Leere anhängt.
Auf jeden Fall bin ich fasziniert von Berdjajew. Und wenn ich hinsichtlich Wilber und Eckhart ein kleines bißchen ungerecht gewesen sein sollte, falls ich sie falsch interpretiere, so drängt es mich dennoch zu dieser Auseinandersetzung, die mir sinnvoller erscheint als der trostlose Wiedereingliederungsversuch.
Diese "Arbeitsamt-Maßnahme" gibt Helligkeit vor und ist dabei ein Auswuchs bitterer Dunkelheit.
[21] hatte uns auf der Heimfahrt von Tangermünde die Funktionsweise seines Laptops demonstriert. Und ganz nebenei konnten wir uns dabei auch zum ersten Mal die ganze Lover-Aufmachung im Internet anschauen. Das ist schon echt verrückt! Wilber schwört ja auch auf das Internet, auf die Vernetzung. Ob es letztendlich die Nähe und das Verständnis der Menschen untereinander befördern wird - wer weiß? [4]

KINDERREIM

Der Erste schenkt ihm
ein Gewehr
Der Zweite
Munition
Den Dritten
- schießt er tot [22]

Soeben holte ich den lover aus dem Briefkasten und fing sofort an, darin zu schmökern, wie immer.
Als ich dann allerdings [12]s Kritik unserer Vorträge las , war ich arg am Überlegen, ob ich nicht eingeschnappt sein sollte. Doch ich entschied mich dagegen und machte die Entdeckung, dass mich diese Kritik eigentlich gar nicht so hart traf, wie ich gedacht hatte (Der Lapsus-Leistungsdruck griff nicht.). Dass mein Englisch nicht perfekt ist, das wusste ich schließlich schon vorher und was das Oberflächliche angeht, da muss ich sagen... ach, was soll´s. Ich muss die CD nicht verteidigen und die Musik gefällt mir noch immer. Wenn Wakeman deutlicher hätte werden wollen, hätte er das sicher getan. Für mich geht die Thematik tief genug (die Fragen waren schon ein Ansatz), wenn das [23] nicht tief genug ist, so kann ich damit leben. Ich werde jedenfalls niemandem Tiefe vorgeben.
Aber genug damit. Es war trotzdem schön bei euch!
In diesem Lover fand ich seit langem wieder mal ein Interview, das mich wirklich interessierte - das von George Harrison. Das, was er über die Musik zu sagen hat, halte ich für völlig richtig.
Nur leider müsste ich dem Idol meiner Teeniezeiten entgegenhalten, dass dem zurückgezogenen Leben und der Beschäftigung mit den wirklich wichtigen Dingen desselben, leider bei der Abba- Sängerin, wie auch bei ihm, der so verabscheute Kommerz vorausging. Aber es gibt ja immerhin eine Menge Menschen, die trotz ihres Reichtums noch am Kommerz hängen und trotzdem für mich grässliche Musik machen. Diesen Vorwurf mussten sich George und die Beatles zum Glück selbst bei ihren kommerziellsten Songs nie machen lassen.
Frau M...äh ? hat mir wieder äußerst gut gefallen. Bin gespannt, welches Ende diese Odyssee nimmt. [5]

Lieber Roland,
vielen Dank für das Lapsus-Heftchen - etwas spät. Ich freue mich immer, von Euch zu hören - auch wenn ich bekanntermaßen wenig damit anfangen kann.
Ansonsten:
Den Unfrieden der Elstern
fressen die Krähen Aas
Pickt ein Kleiber Backstubendreck
An Metall-Rollis und Birkengezweig
hangeln ordinäre Kohlmeisen
während ein Pfauenauge
in die Wärme Feuchtigkeit
der Geschirrspülmaschine gondelt
wachsen uns keine Flügel.
Das Bussardpaar wie Hühner
auf herbstlichem Feld
Kein Doppeladler in Sicht
mein Täubchen.

sozialistischen Gruß [6]
...
daß ich im Loververteiler bin, hat man(n) mir schon bestätigt. Hier 10 x Frau Lüders. Das könnte für 2000 reichen. Nun wünscht Fanin [7] allen Lapzoten, vorangestellt Redakteur Ro Li (be)sinnliche Weihnacht und genügend Stoff für die nächsten Lover in der "Neuzeit"
P.S. Schafft Weihnachten ab! Josef hat alles zugegeben oder Parole!? [7]

Hey Roli!
Den Lover 23 habe ich mir nochmal zu Gemüte geführt. Bei "meinem Leben" ist dir ein Schreibfehler reingerutscht, der wirklich von mir hätte sein können: Es heißt da in der ersten Strophe nämlich einfach "Fatamorganen hinterher". Soviel Orgasmen hab ich ja nun auch wieder nicht...
Julias Karikaturen finde ich lustig & treffend: mehr davon! [9]s Kommentare stimmen mich immer sehr froh & nachdenklich. Ich hab ja auch mehr Lust auf Lapsus als auf Therapieseminare! In diesem Sinne : Buenos Dias, wer Ohren hat zu hören!
Interessante Passagen fand ich im Georg Harrison - Interview. Der Mann ist ja richtig sympathisch! Und bei deinen Texten, [10], sehe ich die Seele tanzen! Herzerfrischend die JW-Artikel über DDR-Underground-Bands. Der unverblümt schnoddrige Ton im Feeling B - Gespräch haut rein! Ich hab dauernd gelacht beim Lesen! Die Odyssee von Frau ? wird auch nie langweilig.
Nur die "Deutung" versuche ich nach dem 2. Lesen immernoch zu deuten. Ist mir zu schwerverdaulich, obwohl ich mit paar Brocken was anfangen konnte (broken Berdjajew?). Manches erinnert mich an Osho. Nur schreibt der klar & verständlich! Ich bin auch nicht der Meinung, daß ein gewaltfreies Leben spießbürgerlich öde & mittelmäßig sein wird. Ich arbeite daran, bewußter zu werden und empfinde es als große Bereicherung, aus dem ewigen Trauerspiel von Gut & Böse (und allen anderen Polaritäten) auszusteigen. Meine Freiheit liegt darin, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen, es als selbstgemacht anzuerkennen und eine neue Wahl treffen zu können. Nicht in Abspaltung von der Realität oder Teilen von mir, sondern fühlend in Verbindung bleiben mit allem was ist. Daß mein Leben immer spannender & vielschichtiger wird und daß ganz neuartige Erfahrungen zu mir kommen, zeigt mir, daß ich auf dem richtigen Wege bin.
Alles Liebe für dich & euch von [8]!

Hallo Roland! Gut Jahr!
Redaktionsschluß war leider nicht zu schaffen, vielleicht geht's trotzdem noch. Ich weiß schon nicht mal mehr, ob ich eine 3"-Diskette von Dir bekam...
Schlimm. So long. [9]

Schönen Tag auch!
Ewig währt am längsten, Ende gut, alles gut. Na was fiel mir als erstes zum Preisschreien ein?: Nur Totsein ist schöner. Ich bin ja soo frei. Und keinen Deut weiter. Aber lachen mußte ich öfter: das eingeschmuggelte Porträt vom Philoversophen [4] auf Seite 31; der "Fatamorgasmus" von [24], der ja natürlich sicher kein Tastfehler war sondern versuchte Deutung des Schlecksals; das Rennfahrerfoto auf Seite 33 - das ist doch nie im Leben "Lotte" Meister an seinem Hinterrad... - oder die Veröffentlichung der ec-Geheimzahl auf Seite 39... Es war unsagbar schön in der weiten, warmen Prärie. Eins und eins - und eins.
Ich schau aus dem Fenster in den stillen Zauber. Und möchte schweigen.
Achso: letztesmal habe ich mich mal richtig doll über den Preisausschreibenpreis gefreut - wer hat die abgeschnittene Hälfte der Einladung ("2 Personen" war doch ernstgemeint???) bekommen? Melden! [10]

Weißt Du...
... seit Weihnachten vorbei ist, rückt Pfingsten mit Riesenschritten näher...! Auch wenn noch einige Lover die Zeit bis dahin ausfüllen werden. Denn Lapsus hat dies Jahr die Chance, schön warm und sommerlich zu werden. Sommernachtsträume. (...sommernachts träume ich von Dir, das weißt Du...)
Jetzt ist's grau und dunkel zweigverhangen vorm Fenster, die Luft tropft und will nicht schneien. Und ich warte wohl vergeblich auf das weichflockende zartkristallne Glitzern, träume von endloser weißgleißender Weite und knirschenden Schritten, von den fröhlichen Atemwolken des Lachens in atemlos klarem Himmelsblau.
Was ist Heimat? Dunkle, fruchtbare Erde um meine Wurzeln. Du armes Samenschirmchen im Wind. Fast bis zum Horizont die endlose Ebene sumpfiger Traurigkeit.
Ich bau Dir einen Garten, eine Insel in dieser Wüste, inmitten schützender Mauern, die den Blick vorm Trübwerden bewahren. Dort kannst Du keimen.
Es ist die gleiche Sonne. Es ist die gleiche Mutter Erde.
Gelassenheit und Mut wünsche ich Dir!
...Dich öffnen und blühen... irgendwann...
(Hoffnung)
[11]

Anti-Copyright Anti-Copywrong

Jetzt stehen wir mit dem Lover mit einem Bein im Internet und mit einem Bein im Knast? Jeder böse Schnüffler kann uns nun für die scheißegale Weiterverbreitung sicherlich geschützter Texte und Fotos am Noors kriegen. Ich könnte keinen einzigen Pfennix Strafe zahlen, habe keinen über. Ich halte es all so für sinnvoll, die Lover-Internet-Ausgabe auf selbstverfaßte Texte zu beschränken, maximal noch auf vertretbare Zitate. Was meint ihr?
Die Literatur dazu sagt einerseits: wir müssen das Internet unbeherrschbar in diesem Sinne machen, andrerseits: die entsprechenden Konzerne und ihre Büttel wollen/werden sehr wohl alles abkassieren, was sich irgendwo geldfest machen läßt, andrerseits: das Nachgeben/Verzichten auf "Raub" birgt das gute, schöne, edle Potential, sich wieder nah zu kommen in direkter Kommunikation, sich zu begegnen, Austausch mit Augenblick und Handreichung, zusammenzukommen zum Geschichtenerzählen und Tanzen, Feuer entzünden, Musik und Theater machen.
Es besteht also durchaus die Gefahr, daß LAPSUS live von daher kaputt gemacht werden kann. [12]

Basar

Suche: die CD "turmoil" von Ballyhoo, hier liegt seit etwa Fingsten nur noch meine leere CD- Hülle. [13]

"Bei uns sagt man, die Pläne, die realisiert werden, sind die, von denen man niemandem etwas erzählt." (Peter Hoeg in "Die Frau und der Affe")

Man kann in anderen nur ertragen, was man in sich selbst ertragen kann. (James Baldwin)

Manifest

Grundsätzlich
bin ich da skeptisch. Es kommt doch eher darauf an, welcher Geist durch das Internet surft und mit welchem Ziel. Und dazu gehört, finde ich, viel mehr noch als bloß ein Internet und der Aufwand, der damit verbunden ist. Vielleicht so etwas wie der Lover und Lapsus? [14]

Letztlich
kommt es sowieso nicht darauf an, wie tief der Schöpfer eines Werkes dachte (was nicht heißen soll, dass man nun jeden Mist verinnerlichen sollte), sondern darauf, was derjenige, der es hört, sieht, liest... daraus für sich entnimmt. Sonst wären wir ganz schnell wieder bei der alten Schulfrage: Was wollte uns der Dichter damit sagen? [15]

Das Elend mit Zappa ist, er arbeitet und ich spiele. (Captain Beefheart)

Für mich ist er einer der ersten richtigen Rocker an der E-Gitarre. (Jeff Beck über Django Reinhard)

Während alle anderen Kunstrichtungen uns mit Überredung zu beeinflussen suchen, will uns die Musik überraschen. (Captain Beefheart)
/Roland /

Preisausschreiben #9

Die Wiederholung des vorhergehenden Geschehens:

#1: Wie heißen Dylans Zeilen im LAPSUS-Interview der Woche auf deutsch?
#2: Ergänze das 2. Wort in der ersten Zeile des Ditorials!
#3: Für welches berühmte und überaus lesens- und lobenswerte Fanzine war der folgende Titelbildvorschlag?
#4: "Ich hoffe, ich bin tot, wenn ich sterbe." - Wer sagte das?
#5: Wofür läßt Du alles stehen und liegen?
#6: Was sagst Du dazu: Die Worte wollen, sollen, können, dürfen, müssen haben alle dieselbe Wurzel?
#7: #3 - und wer schlug dies vor?
Z: Was wünschst Du Dir zu Weihnachten?

Und was geschah weiter? Zum lebendiglachen wie stets:
[16]:
#1: Ja, ja, Roland, wieder so 'ne gerissene Art, um an eine perfekte Übersetzung zu kommen, aber da spiel' ich nicht mit! Auf deutsch fallen mir sowieso nur folgende Zeilen ein:
Es ist der Robert Zimmermann
ein wirklich ganz, ganz schlimmer Mann.
Nur um des Ruhmes Willen
nennt er sich Bob Dylan.
Ich hör' ihn trotzdem nimmer an.
(Entschuldigung, aber es reimte sich so gut!)
[Auch wenn's ihm nich guttun tut.]
#2: Nur in Neustrelitz zu sein ist schöner. [Das weiß ich ja schon lange...]
#3: Für "Die Junge Welt" (Rubrik "Unter vier Augen"(?)) [Kontrolle ist alles.]
#4: Ein Scheintoter. [Hauptsache heilig.]
#5: Wichtiger ist doch die Frage, wen ich sitzenlasse und wofür das Ganze. [Wenn er nur sitzenbliebe... Für ein Lob von [9]]
#6: Haben wir nicht alle dieselbe Wurzel? [Und vergiß nie, daß du ein Gorsleben bist!]
#7: Jutta Sexy-Treuwerth.
Z. Scheißegal, her damit! [Das merk ich mir!]

[17]:
#1: Auf dem Rücken - fehlerhaft -
Ketten - müssen brechen -
durch die Wut - der Meisterhand -
Brot und Ähren - im Mutterboden -
Blumen - gestern vor einem Jahr -
wie in dem guten Krimi: - "good cheer" -
die Tür fällt - aus dem Rahmen -
ich pisse - auf den Namen
an der Tür - aufwärts -
komme ich
zum Unterstand -
und zähle mein spärliches Haar -
und greine oder weine (as you like it - you know) auf den Mutterboden.
(Im übrigen: Der hat aber auch schon mal bessere Texte gemacht. Und das soll eine moralische Botschaft sein? Was für ein Schwachsinn!) [Wir alle müssen irgendwann mal brechen... Aber nicht wir alle haben spärliches Haar.]
#2: Nur in Deinen Armen, Brunhilde, zu sein ist schöner. [#3]
#3: Po-Blitz. [Anal Fabet]
#4: Das kann doch jeder sagen! [Na frag lieber erstmal bei [9] nach!]
#5: Für ein Lob von [9]! [Und wenn der einen fahren läßt? Hauptsache anal, was?]
#6: Welche Wurzel haben die denn? [Rübe]
#7: Clemens. [Vergiß doch nicht einfach, daß er das unter deinem Kopfkissen fand.]
Z: Ein Lob von [21]! [Und???!]

[18]:
So, auf zum Reisausreißen!
#1: Fahre nicht in die Klinik und auch nicht zum Bäcker, Mister!
Lecke kein Ihhhh jetzt, Überhole schnell und bremse eventuell denn ich muss brechen!
Einen Moment früher und ich hätte keinen See auf meiner Hand.
Ein jeder lief fort, ein jeder grinste und ich lag im Sand.
In den Flaumfedern der indischen Ganz wischte ich meine Hände ab.
Das war gestern- Yeah.
Kriminelle mit hängenden, glibberigen, feuchten Zungen (sorry, hier übersetze ich wohl doch zu frei) kochten das !!! mit einem guten Käse.
Ihhhhhhhhhhhhh! Geh durch die Tür, so lange du noch kannst!
Zu einer anderen Zeit passt du vielleicht nicht mehr durch.
Ihhh, hier steht mein Name. (An der Tür oder auf der Zeitung?)
Ohne auf mein Journal zu warten, flüchte ich in den Unterstand.
Dort finde ich das Haar in der Suppe ziehe es heraus und nummeriere es und diesmal grinse ich im Sand.
(So jetzt habe ich frei übersetzt und auch einiges hinzugedichtet. Ich habe es geschafft. Danke, [12]) [Ich geh ja schon...]
#2: Gott [Woher weißt?]
#3: Für Klopapier [Wenn's nur nicht zu spät ist.]
#4: Graf Dracula
#5: Für das Chaos [Oder doch eher für #3?]
#6: Was ist denn das für ein Deutsch!? In einem Satz so viele Modalverben hintereinander zu reihen, zeugt von äußerst schlechtem Stil. Außerdem stimmt der Satzbau nicht. Das Verb haben muß an letzter Stelle stehen. [Das stimmt. Zusatzpunkt]
#7: irgendein Werbetexter für Klopapier [Laß das nicht [9] hören!]
Z: Ach, krieg´ ich ja doch nicht!

[19]:
#1: Jedes Körnchen Sand
Gehe nicht der Neigung nach,
auf jeden Fehler zurückzublicken.
Wie Kain betrachte ich die Kette von Ereignissen,
die ich zerbrechen muß.
In dem Zorn des Augenblicks kann ich sehen des Meisters Hand.
In jedem Blatt, das zittert! In jedem Körnchen Sand.
Oh, die Blumen der Vergebung und die Saat vergangener Zeit.
Wie Verbrecher haben sie erstickt den Hauch gewissen und lichte Heiterkeit. ...
Ich starre in den Torweg mit verlockend zorngem Rahmen.
Und jedesmal, wenn ich den Weg passiere
Leise höre ich immer meinen Namen.
Bis erwacht auf meiner reise
ich begreif mit dem Verstand,
Daß jedes Haar ist nummeriert
Wie jedes Körnchen Sand.
Ein Körnchen Wahrheit wird wohl dabei sein... [Hat meine Lehrerin auch gesagt...]
#2: Nur Lover-sein ist schöner. [Laß das keinen Mann hören.]
#3: "Ich & du & tausend Fragen" - Das Magazin aufs Kreuz gelegt. [Na Du wieder!...]
#4: Die Eintagsfliege vor der Umnachtung.
#5: Ich sag das immer anders: Lassen sie alles stehen & lieben! [Hauptsache er steht wohl, was?]
#6: Wollen wir das Preisausschreiben mitmachen, dann sollen wir auch können, dürfen aber noch lange nicht hoffen, gewinnen zu müssen! Jetzt muß ich aber aufhören. [Hören. Genau.]
#7: der Vorschlaghammer - Bingo! [Ich glaub auch bald...]
Z: Einen Lover zum Übernachten bei Kerzenschein & süßem Wein! [Und???]

Der Weihnachtsmann trägt seinen Sack bis heut noch immer Huckepack! [20]

AntWorte zum Preis aus Schreiben für
Roli A bis Z
Frühreife 19
17121 Zartnaklar!
von [26]:
#1: Frag sie doch selber! - Aber weil Du's bist, (auf) deine(t)wege(n):
Jedes Sandkorn
Neige nicht dazu, auf irgendwelche Irrtümer zurückzuschauen
Wie Kain betrachte ich nun diese Kette von Ereignissen, die ich brechen muß
In der Raserei des Augenblicks kann ich die Hand des Meisters erkennen
In jedem Blatt, das zittert! In jedem Sandkorn
Oh die Blumen der Nachsicht und das Unkraut des letzten Jahres
Wie Verbrecher haben sie den Lebenshauch des Gewissens und der Fröhlichkeit erstickt
...
Ich starre in die Toröffnung des zornigen Rahmens der Versuchung
und jedes Mal, wenn ich diesen Weg gehe
Höre ich immer meinen Namen
Dann weiter auf meiner Reise
komme ich zu der Erkenntnis
daß jedes Haar gezählt ist
so wie jedes Sandkorn
(PS: Übrigens ein mieser Trick, um uns zum Lesen Deines Beitrags zu kriegen! Auch nicht besser als die der Postkastenhausierer...) [Kann ich was dafür?]
#2: Etwas, das mit "nur" anfängt, kann gar nicht schön sein. Jedenfalls nicht für den, der es so ausdrückt. [Stimmt]
(Und wie wär's mit der Frage nach: "Sein ... ist schön"? Da würde mir schon was einfallen... hm...mmmmm...) [Mir auch!]
#3: Für [21]s Extralover. [Mal sehen]
#4: Keine Ahnung! Ist mir übrigens neu, daß Tote sterben können... [Zu spät, es geschah in irgendeinem 70er Jahr.]
#5: Das habe ich mich auch schon manchmal gefragt. Stimmt ja! [Wir werden schon sehen!]
#6: Also was nun?! [Sein.]
#7: Falls das ein MÄNNERhintern ist, auf dem Bild da, dann ich. Andernfalls [9]. [Wo hattest Du das Bild her, raus mit der Sprache!]
Z: Alles Liebendige und Gutmachende... alles Lieb-endlose und Gütige... alles Lieb-habende und Gut-tuende... alles Liebhab-niemals-endende und Gute...: ALLES Liebe und Güte...!

[21]:
#1: Don't have the inclination to look back on any mistakes /
Like Cain I now behold this chain of events that I must break /
In the fury of the moment I can see the master's hand /
In every leaf that trembles ! In every grain of sand /
Oh the flowers of indulgence and the weeds of yesteryear /
Like criminals they have choked the breath of conscience and good cheer /...
I gaze into the doorway of temptation's angry frame /
And every time I pass that way /
I always hear my name /
Then onward in my journey /
I come to understand /
That every hair is numbered /
Like every grain of sand.

Hab' nicht die Neigung zurückzuschauen auf alle Fehler /
wie Cain sehe ich jetzt auf diese Kette der Ereignisse, die ich brechen muß /
in der Raserei des Moments kann ich des Meisters Hand erkennen /
in jedem Blatt, das zittert! in jedem Sandkorn / oh die Blumen der Nachsicht und die Unkräuter des vorigen Jahres /
wie Verbrecher haben sie den Atem von Gewissen und gutem Mut gewürgt /...
ich starre in die drohende Zarge des Torwegs der Versuchung /
und jedesmal, wenn ich den Weg passiere /
höre ich stets meinen Namen /
dann fürderhin auf meiner Wanderung /
beginne ich zu verstehen /
daß jedes Haar numeriert ist /
wie jedes Sandkorn.
[Und mir fällt schon noch was ein...]
#2: (Nur) Hai (sein ist schöner.) [Wenn das mal gut geht.]
#3: LOver [Du mußt es ja wissen!]
#4: Cain E. Anung [16. Inkarnation]
#5: Für die Beantwortung dieser Frage. [Ich wünsch Dir Glück dabei.]
#6: Stimmt. [Daß Du das sagst...]
#7: Ein Anal-phabet? [Is ja schon alt...]
Z: Die LAPSUS-LIVE-CD. [Vom Weihnachtsmann?]

Nun haltet Euch fest, und der LOver wird gelesen!:

Preisausschreiben #10

#1: Von wem stammen die numerierten Leserbriefe und Artikel? Jede Nummer ein Name und manchmal derselbe. Wer alles richtig weiß, kommt in die gehobenere Preisklasse. Naa?
Zusatzpunkte vergebe ich zumindest für den richtigen Tip ob aus männlicher oder weiblicher Hand.
Fairerweise sind Telefon, postalische Nachfragen bei anderen Lappen und Zotteln u.ä. zu unterlassen.
Z: Naa, wer kommt denn nun in die gehobene Preisklasse?

Die Nieten gibt's bei [13], Grundlos 19, 17121 ZarNektar

LOver-Sprüche

Rauhnächte 99/00:
[22]:"Weißt Du, was ich für einen großen Vorteil habe...?"
[13]:" - Mich?""

LAPSUS-Interview der Woche

/Roland /

ADOLF MUSCHG

Schweizer Schriftsteller, geb. 1934. Schrieb u.a. "Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft" (1980) und "Die Schweiz am Ende. Am Ende die Schweiz" (1990). Büchner-Preis 1994.

WELTSICHT
Für welchen höheren Sinn lebt der Mensch?
Dafür, den Verzicht auf jeden "höheren Sinn" mit herzlicher Heiterkeit zu ertragen.
Was finden Sie liebenswert an diesem Jahrhundert ?
Ein Jahrhundert ist keine Meßgröße. Konkrete Menschen sind eine. Ihre Liebenswürdigkeit ist eine Zugabe, das Menschliche zeigt sich erst, wenn sie fehlt.
Sie stehen einer Weltregierung vor: Was würden Sie sofort abschaffen?
Ungeduld und Dummheit. Aber weil das Dekret zu ihrer Abschaffung ein Zeugnis von beiden wäre, müßte ich mich wohl auf den Krieg beschränken. Und die Götter um die Kunst bitten, das Schlimmste am Menschen abzuschaffen, ohne sein Bestes zu treffen.
Was ist links?
Das Prinzip Gerechtigkeit - und die Bereitschaft zum Widerspruch mit sich selbst. Denn Gleiches gleich zu behandeln, ist nicht einmal der Anfang von Gerechtigkeit; diese zeigt sich erst in der Kunst, Ungleiches ungleich zu behandeln. Das ist die Quadratur des Zirkels - aber auch das Einzige, was not tut. Darum darf die Bemühung darum nie aufhören. (Quia absurdum, wie ein Kirchenvater von seinem Glauben sagte.)

WELTREISE
Welches ist ihr liebster Platz auf der Welt?
Einer mit Ausblick auf etwas Lebendiges. Jetzt zum Beispiel auf die Frösche in unserem Teich; sie laichen gerade.
Mit welchen drei Begriffen charakterisieren Sie Deutschland?
Positiv: Konsequenz / Ehrfurcht / Empfindsamkeit. Dasselbe negativ: Rechthaberei / Unterwürfigkeit / Selbstmitleid.
Was ist für Sie Heimat?
Ein Ort, wo ich mit meinen Schwächen nicht weniger gelte als mit meinen Stärken.
Welches ist das Ziel Ihrer Traumreise?
Ein Ort, wo ich fabelhaft Tango tanzen könnte, ohne es lernen zu müssen.

WELTSCHMERZ
Wovor haben sie Angst?
Vor allem, was mir sehr wichtig ist - das ist meine Chance.
Wann haben Sie zuletzt geweint?
Vor dem Fernseher: über die Schönheit einer griechischen Insel, Zakynthos, glaube ich.
Was trauen Sie der Menschheit nicht mehr zu?
Das gemeinschaftliche Überleben.
Was empfinden Sie als Verrat?
Jede Sorte Indiskretion, besonders die von den Medien veranstaltete. Reißerische Menschenbilder, kurzschlüssige Pointen. Journalismus ohne Wahrheitsliebe. Aber auch - natürlich - meine Arbeit als Schriftsteller.

WELTKUNST
Welcher literarische Held steht Ihnen am nächsten? Warum?
Elektra, bei Sophokles oder Giraudoux. Weil sie GANZ ist in ihrer Passion. Im Leben wäre sie ein Inbegriff des Unerträglichen. Aber die Seele lebt nicht nur für das Leben.
Welches Kunstwerk haben Sie nie verstanden?
Jedes, das den Führertypus feiert, oder das Töten rechtfertigt, oder den Mißbrauch von Menschen; George, Ernst Jünger, de Sade. Weil ich sie nur zu gut verstehe.
Wie beschreiben Sie Lebenskünstler?
Befähigung zu voller Gegenwart in jedem Augenblick: unbekümmert ob es der erste sei oder der letzte.
Welche Kunst würden Sie gern beherrschen?
Die Kunst, Verachtung zu beherrschen. Aber eigentlich doch nicht.

Aber eigentlich doch nicht.

WELTWUNDER
Worüber wundern Sie sich?
Darüber, daß überhaupt etwas ist, und daß ich geschaffen bin, mir einen Vers darauf zu machen.
Was müßte unbedingt erfunden werden?
Die Katze, wenn es sie nicht schon gäbe.
Was ist an Ihnen bewundernswert?
Hoffentlich nichts. Oder der Reflex, über diese Frage zu lachen?
Apropos Wunder. Was ist ein wunder Punkt bei Ihnen?
Die Sucht, gefällig zu sein; die Angst, nein zu sagen.

WELTBÜRGER
Welchen Zeitgenossen würden Sie für Verdienste um die Menschheit auszeichnen?
Wenn er oder sie sich auszeichnen ließe, wäre die Auszeichnung hinfällig.
Finden Sie Marx überholt?
Nichts ist jemals überholt, was gewissenhaft gedacht und geistvoll ausgedrückt wurde. Überholen ist ein Wort aus dem Straßenverkehr oder der Reparaturwerkstatt. Es ist keine Gangart des Geistes.
Sind Sie für Geburtenkontrolle?
"Geburt" und "Kontrolle" sind Wörter aus verschiedenen Welten. Zusammengepreßt ergeben sie ein Monstrum. Seine Existenz ist nicht durch Zweckmäßigkeit zu rechtfertigen. Und seine Praxis ist monströs - natürlich bei bestem Willen, diesem Klassiker der Ahnungslosigkeit.
Mit welcher Persönlichkeit der Geschichte würden Sie gern in Briefwechsel treten?
Mit Jesus von Nazareth: über Kirche.
(ND, 4/94)
 
 

Binäres Denken

... Es sei denn, der Mensch lasse sich selbst nach dem Vorbild des Computers programmieren.
Der auf sein Sicherheitsbedürfnis reduzierte Mensch, den unsere Atomwerkspezialisten verlangen müssen, von dem auch hohe Polizeistellen träumen, kommt diesem unheimlichen Ideal schon recht nahe; die Rechner - auch die menschlichen - sehen keinen Widerspruch darin, daß sie uns auch die militärische Totrüstung unter dem Etikett "Sicherheit" anbieten. Auch die Unterhaltungselektronik, die s.g. Neuen Medien, arbeiten an der Konditionierung der Reflexe ihrer Empfänger nach dem Muster des technischen Trägers - der immer mehr über die Inhalte dessen bestimmt, was sich in ihm vermitteln läßt.
Orwells "Neusprache" ist der Versuch, den Code der Kommunikationspartner mit Gewalt einzuschränken; unsere schönen Neuen Medien haben keine Gewalt, nur noch den Sachzwang ihrer Technik nötig, um den menschlichen Empfänger in ihr System zu integrieren. Je mehr es das Zweiwegeverfahren beherrscht, also auch dem Empfänger erlaubt - natürlich im Zeichen des technischen Fortschritts -, seine Wünsche übers Kabel zurückzumelden und befriedigt zu bekommen, desto mehr wird es zum geschlossenen System. Auch die menschliche Arbeit, so viel davon übrigbleibt, wird immer mehr die von der Übermittlungstechnik verlangte Form annehmen. So wird das elektronische Netz zum Träger der Zivilisation, von dem sich niemand mehr ungestraft ausschließt.
Es wird die Bedürfnisse, die es zu bedienen scheint, durch fabrizierte Muster beherrschen. Daß es primitive Muster sind, wird angesichts ihrer Reichtum vortäuschenden Multiplikation immer weniger bemerkt werden. Die Wahl, die das elektronische Tischlein-deck-dich zu bieten hat, wird dem menschlichen Terminal immer erfolgreicher verbergen, daß es keine Wahl hat; daß das System selbst nicht abwählbar ist.
Immer mehr wird das Medium die Wirklichkeit selbst erzeugen, die sich zur Meisterung mit seinen Mitteln und zu seinen Bedingungen hergibt: nicht programmfähige Realitäten werden zuerst nicht mehr populär, dann gar nicht mehr denkbar sein. Wir selbst könnten zu Chips werden in einem System des "ausgeschlossenen Dritten". Der Mensch wird ausgeschlossen werden als Person - denn die Partnerschaft mit dem Netz tendiert zur Lückenlosigkeit; aber auch das Dritte wird ausgeschlossen und unvorstellbar: die ganz andere Entscheidung; die Option für ein Leben ohne Programm.
Wenn der Endverbraucher der Computersprache nach ihrem Muster der primitiven Entscheidung funktioniert; wenn er die ihm vom System abgenommene Entscheidung als Kommunikation erfährt, wird er der Welt gleichen, in der er funktioniert. Und er wird keine Antenne mehr übrig haben, die ihm meldet, daß das System zum Teufel geht, daß sich seine Programme zur allgemeinen Vernichtung addieren. Schon heute ist dafür gesorgt, daß niemand im strengen Sinne daran schuld wäre. Wir wissen schon nicht mehr, ob wir eine Panne der Computer, die uns verwalten, mehr zu fürchten haben oder ihre Logik. Auch im Großen, Globalen ist ihre Logik die der primitiven, also für unser Überleben und unser Leben erst recht untauglichen Wahl.
Der nach den Bedürfnissen seiner Computer codierte Mensch hat dem Rechner nicht nur sein Gedächtnis abgetreten. Er ist auf dem besten Weg, einem schlimmen Weg, zum Analphabeten in eigener Sache zu werden, der den Schlüssel zu seiner Existenz verloren hat.
(Adolf Muschg, 1985)

VOR 100 JAHREN

"Das große Thema war, wie heute, die Geschwindigkeit. Es gibt unglaublich viele Darstellungen und Artikel aus dieser Zeit über Unfälle. In den Zeitungen stand, daß man geisteskrank wird, wenn man über 40 Stundenkilometer fährt."
Wer will sagen, daß das nicht stimmt? Würden wir, geistesgesund, in dieser Geschwindigkeit fortfahren? Haben wir wirklich alle beisammen, wenn's an uns vorbeirauscht? Können wir dann (und dann und dann und dann...) noch etwas wahr nehmen?
Ich habe mal einen kurzen Film gesehen, aus einem fahrenden Zug und einem fahrenden Auto aufgenommen: die Kamera war jedoch - anders als unsere hinterherflackernden Augen - fest installiert: es entstand - klar - nur noch formloses Farbgewische ohne jeden Bezug zu Bekanntem (Erkennbarem?). Dieser Film wurde verschiedenen Gruppen von Leuten gezeigt, die an alle möglichen Meßgeräte angeschlossen waren: auf der biologischen Kernebene, ebenso in den Hirnbereichen der Sinnesverarbeitung gab es, schlicht ausgedrückt, aber als verheerend kommentiert, da unterschwellig, Dauerstreß.
Wie ist das mit der raschen Tonabfolge in der (harmonischen? Rock-) Musik? Was nicht alles macht geisteskrank? Was empfindest Du als krank? Was als krankmachend? Machst Du mit? Wobei?
[23]

Sirenen

was vorhanden ist verschleiern wir
was nicht vorhanden ist täuschen wir vor
kommt näher kommt näher
unsere klippen eure ufer unsere klippen eure ufer
WIR SIND DIE SIRENEN
schrecklich unsere schönheit
was du fürchtest wird geschehen
kommt unsere brüste stillen eure dürste
kommt wir betten eure (ge)beine
WIR SIND DIE SIRENEN WIR SIND DIE SIRENEN
unsere stimmen eure ohren bilden das orchester
unsere stimmen eure ohren vorspiel der geschl(a)echter
hört uns liebt uns hört uns liebt uns
WIR SIND DIE SIRENEN WIR SIND DIE SIRENEN

und sie sangen der tag ist ein meer
und sie sangen das meer ist voll wein
und sie sangen der wein reicht nicht mehr
BINDET EUCH VON DEN MASTEN LOS
und sie sangen vom schwindel im licht
und sie sangen von leuchtender gischt
und sie sangen wie engel so rein
BINDET EUCH VON DEN MASTEN LOS BINDET EUCH VON DEN MASTEN LOS
und sie sangen der suff ist ein schiff
und sie sangen das schiff fährt hinaus
und sie sangen draußen wird's hell
BINDET EUCH VON DEN MASTEN LOS
und sie sangen von heirat und tod
und sie sangen von glück und verrat
und sie sangen von küssen blutrot
BINDET EUCH VON DEN MASTEN LOS BINDET EUCH VON DEN MASTEN LOS
und sie sangen der tag ist wie schaum
und sie sangen der schaum schreit nach mehr
und sie sangen das rettet uns kaum
BINDET EUCH VON DEN MASTEN LOS
und sie sangen der tag ist wie holz
und sie sangen wir sinken bald
und sie sangen im sinken noch stolz
BINDET EUCH VON DEN MASTEN LOS BINDET EUCH VON DEN MASTEN LOS
(Sandow)

Versuch einer Deutung (2)

Letztlich ist auch das Böse gut, da es uns im Negativen das Gute weist!
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Liebe ist Offenbarung. Liebe ist Verzicht auf eine Welt, die vor lauter Notwendigkeit unerträglich wird. Liebe zieht uns fort aus dieser Welt und wirft uns so in einen tragischen Konflikt mit ihr! Liebe ist die einzige Kraft, die uns von Innen heraus zur wahrhaftigen Gemeinschaft bewegen kann.
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Liebe ist die vollständigste Bewegtheit in uns selbst. Aber sie ist auf keinen Fall subjektive Abgeschlossenheit, sondern bedeutet immer und vor allem ein Hinaustreten aus den engen Grenzen des Nur-Ich. Gewißheit, subjektive, ist noch statisch - ist statisch. Liebe ist nicht Gewißheit, sondern entspringt der schöpferischen Freiheit. Dieser Umstand stellt für einen noch vorrangig nach der begrenzt notwendigen Welt orientierten Menschen immer eine Gefahr und Bedrohung dar. Liebe ist keine abgesteckte Sicherheit, die man (erworben) hat. Liebe ist ein schöpferischer Akt, der keinen Stillstand duldet. In der Liebe erfüllt sich die Freiheit!
Die Liebe kann sich im Menschen offenbaren, wenn er vermag, der Gnade Gottes aus der Tiefe und der wahrhaftigsten Freiheit heraus zu antworten. Die Liebe ist nicht das Resultat eines wohldurchdachten, abgesteckten Wollens oder einer Technik, deren Anwendung mit Sicherheit zum Ziele führt. Auf wunderbare Weise und unerwartet werden wir ihrer gewahr. In ihrem ewigen Wirken ist sie das ewig unwiederholbare Mysterium an sich und die geheimnisvollste Erscheinung in unserer Existenz.
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Erst die Freiheit, die in Liebe aufgeht, ist geheilt vom Bösen.
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Das Böse ist das Prinzip der Macht. Das Gute ist das Prinzip der Machtlosigkeit. Das Böse wirkt immer Zerfall und schlechte Unendlichkeit. Das ist sein Schicksal. Das Böse kommt oft in scheinbar guter Absicht und ist verführerisch. Es apelliert letzten Endes an uns, der Liebe nicht zu glauben. Liebe setzt Freiheit voraus. Das Böse will keine Freiheit. Denn in der Freiheit des Menschen wird das Böse dem Guten weichen müssen, denn die Macht vernichtet sich selbst und nur die Liebe wirkt die Ewigkeit. In der Freiheit erstrahlen wir in lichter Klarheit. Das Böse wird niemals die Grenzen seiner Macht sprengen können!
Auch das Böse entwickelt sich und paßt sich den jeweiligen Bedingungen an, um wirksam sein zu können. Das Böse kann sich immer wieder neue Stärken zulegen und mächtig sein. Und dennoch: Erst im Durchgang durch das Böse konnten und können wir uns entscheiden in Freiheit. Und erst im Durchschreiten des Bösen gelangen wir zu jener wahrhaften Erkenntnis, die das Böse überwindet und es als eine zum Positiven relativierte Erfahrung in sich trägt. Denn ohne das Böse wüßten wir nicht, was gut ist, was die Liebe in uns wirkt.
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In der Natur ist der Geist noch sehr stark äußerlich symbolisiert.Die Natur ist ein sehr konservativer Organismus. Das Prinzip der Freiheit (Prüfung der Möglichkeiten, Versuch der Möglichkeiten) kann in ihr nur relativ langsam wirken. Eine einmalige Entscheidung, Versuchung, kann einen langen Zeitraum der Stagnation und vorwiegender Bewegungslosigkeit, ein träges Festhalten zur Folge haben in der Relation zur Dynamik des geistigen Wirkens und Wollens. Aber je näher der Organismus an den Geist heranreicht, der ihn bestimmt und drängt, um so weniger wird das konservative Festhalten Bestand haben. Die Abstände zwischen den katastrophischen Einbrüchen, z.B. in der natürlichen oder kulturell-geistigen Entwicklung, werden kürzer und kürzer. Aber erst im Menschen verändert sich die Situation grundlegend. Er selbst ist tief im Inneren vom Geiste beseelt. Der Geist ist auf der Suche nach sich selbst. Er ist immer weniger an äußerlich symbolische Beschränkungen gebunden und kann sich im Menschen und der Mensch im Geiste direkt offenbaren. Die Dynamik der Freiheit findet letzten Endes im geistig durchleuchteten Menschen ihre vollendete Wirkung.

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In der Natur ist der Geist noch sehr stark äußerlich symbolisiert. Natürlich-naturhaften Symbolen haftet immer etwas Feststehendes an. Symbole sind im Gegensatz zum immanenten Geist nicht ewig. Sie werden durch neue Symbole ersetzt oder gewinnen inhaltlich eine größere Bedeutung; sie kommen dem Geiste näher oder werden zum erstarrten Ausdruck des Bösen. Das Symbol als ein Ausdruck der Gesetzlichkeit der natürlich-naturhaften Welt beschränkt sich auf das Notwendige und Begrenzte. Und immer, wenn das naturhafte Symbol an das Ende seines Bestehens gelangt, zeigt sich in ihm das Vergängliche dieser Welt. Ganz am Anfang hat sich der Geist im Symbol veräußert. Und mit jedem Augenblick verliert es an Gültigkeit und vergeht oder verkehrt sich in das Gegenteil. Es wird zum Hindernis. Es begrenzt den Geist in seinem ewigen Wirken und Wollen, in seiner Freiheit und Dynamik. Das natürlich-naturhafte Symbol war wahrhaftig gut im Augenblicke seines Entstehens. Es wird schlechter von Augenblick zu Augenblick und verkehrt sich zur Lüge, zum Bösen hin. In der natürlichen und in der nach außen gerichteten Welt (auch geistigen Welt) wird das Symbol immer zwiespältig sein. Die zeitweilig ausschließliche Bedeutung natürlich-naturhafter Symbole verdunkelt fortlaufend den allumfassenden Sinn.
Erst der Mensch kann Kraft seiner immanenten Freiheit den direkten Weg zum Geist, zu Gott, suchen und finden. Erst der Mensch kann letzten Endes die Symbolhaftigkeit dieser Welt in einem freien geistigen Akt innerlich überwinden und ganz aus der Freiheit heraus wirken. Und dieses Wirken aus dem Geiste, aus dem Menschen heraus erst würde die Welt ganz anders erscheinen lassen. Durch den schöpferisch geistigen Akt würde das Symbol immer wieder in einem unvergleichlich neuen Lichte erstrahlen.
Und alles, was das geistig Schöpferische in dieser ganzen Welt symbolisiert, stellt als Symbol die ewige Wahrheit dar. Aber auch in diesem Sinne wird das Symbol immer nur von sekundärer Bedeutung sein! Die Wahrheit selbst offenbart sich im Menschen immer wieder als ein unvergleichlich neues mystisches Erlebnis (Liebe). Größte Bedeutung allerdings hat das geistig schöpferische Symbol als ein verbindendes Element unter den Menschen, als vermittelnder, mitzuteilender Ausdruck, als kommunikatives Mittel an sich, um uns grundsätzlich den Weg zu und das Leben in einer geistig schöpferischen Gemeinschaft zu
ermöglichen. Der Begriff der "Geistig-schöpferischen-Gemeinschaft" symbolisiert eine ewig bewegte Wahrheit. Er bringt in idealer Weise das sinnvolle Ziel des Menschen zum Ausdruck: ein Leben in Liebe und Freiheit. Der Begriff der "Geistig-schöpferischen-Gemeinschaft" deutet auf die schöpferische Geisteskraft des Menschen hin. Doch auch schon das Symbol einer Blume ist als geistig-schöpferisches Symbol ewig wahr. Und selbst das scheinbar unbedeutendste Staubkörnchen! Der ganze Mensch ist voller Symbolhaftigkeit in allen seinen Äußerungen. Auf diese Weise erst kann er in die Gemeinschaft eintreten und mit ihr und in ihr seine umfassende Bestimmung zur allumfassenden Liebe hin verwirklichen. Der Mensch sucht vor allem die ganze Persönlichkeit in sich als vollkommenes Sinnbild einer wahrhaftigen Welt. Der Mensch versinnbildlicht die Welt. Aus diesem Grunde ist er in der Lage, aus sich herauszutreten und sich in der Liebe zur existierenden Wahrheit hin zu offenbaren als der liebende, Natur und Geist (Gott) in sich vereinende, Geist- bzw. Gottmensch. Wir Menschen sind dazu bestimmt, in der Liebe zu leben!
Im Menschen findet erst der fließende Übergang vom natürlich Symbolischen über das geistig Symbolische zum eigentlich schöpferisch Geistigen statt. Der Mensch ist in Wahrheit nicht einfach ein aus vielen materiellen und geistigen Einheiten zusammengesetztes Puzzle, sondern ein einheitliches Wesen, daß das Viele schöpferisch in sich vereint. Aber erst in der Liebe ist der Mensch vollkommen; in der Liebe offenbart sich ihm die Wahrheit als vollständigste Bewegtheit und Fülle in ihm und außerhalb von ihm. Alles wird lauter existierende Wahrheit!
Auch das Symbol bleibt solange wahr, solange es das geistig-schöpferische Prinzip verkörpert und nicht als die Wahrheit an sich durch einen verdunkelten Geist des Menschen verabsolutiert wird! Das Symbol kann uns die Höhe und Tiefe des Geistes symbolisieren; es ist aber nicht der Geist!
Das technische Zeitalter dagegen ist ein Ausdruck trägen Verharrens in symbolisierter Äußerlichkeit und wird fast schon als die Wahrheit verabsolutiert. Die Technik symbolisiert gegenwärtig vor allem den Mißbrauch der schöpferischen Kräfte des Menschen, durch den Menschen zur Macht hin. Durch den Technikwahn demonstrieren wir unsere Machtbesessenheit; wir wollen alles beherrschen. Die Technik wird als Symbol verkompliziert und in ihrer schlechten
Bedeutung scheinbar unendlich erweitert, aber nicht im wahrhaften Sinne eingeordnet und vertieft. Die Technik wird durch den Menschen vergottet und usurpiert das Leben. Die technischen Raffinessen sind so immer nur wieder ein versteiftes Festhalten an einem überstrapazierten Symbol, hervorgerufen durch jene schlechte, vorrangig nach außen verlegte Schöpferkraft.
Wir begreifen einfach immer noch nicht, daß jede schöpferische Verausgabung in die äußere Welt hinein nichts bewirken wird, was uns der Sinnhaftigkeit der ganzen Welt näher bringen könnte. Auf diese Weise sanktionieren wir nur immer wieder die symbolische Schwere, die als zivilisatorisches Monstrum auf uns lastet und uns bedrückt, die uns unglücklich und unzufrieden macht und letzten Endes zu einer uns vernichtenden Gefahr ausufert.
(Literatur u.a.: Nikolai Berdjajew: Philosophie des freien Geistes; Wladimir Solowjew: Der Sinn der Liebe)
[17]

Anfang

Gedanken über die Entstehung der Schöpfung...

Am Anfang war hier nur das Selbst; es war wie ein Mensch. Es blickte um sich und sah nichts anderes als sich selbst. >Das bin ich>, war sein erstes Wort. Daher erhielt es den Namen >Ich<. (Darum sagt auch jetzt jemand, der begrüßt worden ist, zuerst, >ich bin der< und nennt dann den anderen Namen, den er führt.)
...
Es fürchtete sich. (Darum fürchtet sich einer, der allein ist.) Er überlegte: >Wenn es da nichts anderes gibt als mich, vor wem fürchte ich mich denn da?< Da wich seine Furcht; (denn vor wem hätte er sich fürchten sollen? Man fürchtet sich doch nur vor einem Zweiten.)
Es empfand keine Freude. (Darum empfindet ein Einsamer keine Freude.) Es wünschte sich einen Zweiten. Es war so groß wie Mann und Frau bei der Umarmung.
Es ließ sich in zwei Teile zerfallen. So entstanden Gatte und Gattin. (>Darum sind wir beide hier nur wie ein Halbstück<, sprach Yajnavalkya. Darum wird dieser Raum durch die Frau ausgefüllt.) Er nahte ihr. Darauf entstanden die Menschen.
Sie überlegte: >Wie kann er mir nahen, nachdem er mich aus sich selbst geschaffen hat? Wohlan, ich will mich verbergen.<
Sie wurde eine Kuh, er ein Stier. Wieder nahte er ihr, darauf entstanden die Rinder.
Sie ward zu einer Stute, er zu einem Hengste, sie zu einer Eselin, er zu einem Esel. Wiederum nahte er ihr. Darauf entstanden die Einhufer.
Sie wurde eine Ziege, er ein Bock; sie eine Schafmutter, er ein Widder. Wieder nahte er ihr, darauf entstanden Ziegen und Schafe. In dieser Weise erschuf es alles, was sich paart, bis hin zu den Ameisen...
(aus den Upanishaden)

Die Sternenfrau

Es war einmal ein Mann, der hatte eine wunderschöne Rinderherde. Alle Tiere trugen ein schwarz-weißes Fell; das war geheimnisvoll wie die Nacht.
Der Mann liebte seine Kühe und führte sie immer auf die besten Weiden. Wenn er abends die Kühe beobachtete, wie sie zufrieden waren und wiederkäuten, dachte er: "Morgen früh werden sie viel Milch geben!"
Eines Morgens jedoch, als er seine Kühe melken wollte, waren die Euter schlaff und leer. Er glaubte, es habe an Futter gefehlt, und führte seine Herde am nächsten Tag auf saftigen Weidegrund. Er sah, wie sie sich satt fraßen und zufrieden waren, aber am nächsten Morgen hingen die Euter wieder schlaff und leer. Da trieb er die Kühe zum drittenmal auf neue Weide, doch auch diesmal gaben die Kühe keine Milch.
Jetzt legte er sich auf die Lauer und beobachtete das Vieh. Als um Mitternacht der Mond weiß am Himmel stand, sah er, wie sich eine goldene Strickleiter von den Sternen heruntersenkte. Auf ihr schwebten zwölf Sternenfrauen aus dem Himmelsvolk herab. Sie waren schön und fröhlich, lachten einander zu und gingen zu den Kühen, um sie leer zu melken.
Da sprang er auf und wollte sie fangen, aber sie stoben auseinander und flohen zum Himmel hinauf.
Es gelang ihm aber, eine von ihnen festzuhalten, die allerschönste. Er behielt sie bei sich und machte sie zu seiner Frau.
Täglich ging nun seine Frau auf die Felder und arbeitete für ihn, während er sein Vieh hütete. Sie waren glücklich, und die gemeinsame Arbeit machte sie reich. Eines aber quälte ihn: Als er seine Frau eingefangen hatte, trug sie einen Korb bei sich.
"Niemals darfst du da hineinschauen!" hatte sie gesagt. "Wenn du es dennoch tust, wird uns beide großes Unglück treffen."
Nach einiger Zeit vergaß der Mann sein Versprechen. Als er einmal alleine im Hause war, sah er den Korb im Dunkeln stehen, zog das Tuch davon und brach in lautes Lachen aus.
Als seine Frau heimkehrte, wußte sie sofort, was geschehen war. Sie schaute ihn an und sagte weinend: "Du hast in den Korb geschaut!"
Der Mann aber lachte nur und sagte: "Du dummes Weib, was soll das Geheimnis um diesen Korb? Da ist ja gar nichts drin!"
Da sprach sie traurig: "Ich muß dich nun verlassen, doch nicht weil du in den Korb geblickt hast, sondern weil du nichts darin gesehen hast." Und noch während sie dies sagte, wendete sie sich von ihm ab, ging in den Sonnenuntergang und wurde auf Erden nie wieder gesehen.
(Märchen aus Afrika - aus: "Die Frau, die auszog, ihren Mann zu erlösen" Fischer V.)

5 Affenschwänze

**Grateful Dead: "So Many Roads (1965-1995)"**
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Das langerwartete 5CD-Box-Set der etwas anderen American Band hebt sich deutlich von den üblichen Greatest-Hits-Anthologien plus Best-Of-The-Rest-Outtakes ab. Da fast alle Studio-Alben ein mehr oder minder notwendiges Übel für die "als Rock-Band verkleidete Jazz-Combo" darstellten, zeichnet das Produzenten-Team aus dem Inner Circle der Dead-Community, David Gans, Blair Jackson, Steve Silberman und Dick Latvala, hier dreissig Jahre Band-Geschichte anhand von einer handverlesenen Auswahl bisher (zumindest legal) unveröffentlichter Soundboard-Mitschnitte nach: Von den munter folk- und blues-rockenden Warlocks, die Harry Smith ebenso leidenschaftlich studiert hatten wie sie Trips einschmissen, bis hin zum jähen Ende der erfolgreichsten Live-Band aller Zeiten durch Jerry Garcias Tod -- die Live-Shows standen stets im Zentrum des Schaffens der Grateful Dead, die Grundideen für fast alle Original-Kompositionen wurzelten in den regen Kollektiv-Improvisationen.
"So Many Roads" erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern versteht sich als Appetizer auf die Vielzahl der kompletten Konzertmitschnitte und vornehmlich die "Dick's Picks" Serie. Sound und Aufmachung der leinengebundenen 5CD-Box mit 60seitigem Booklet und ca. sechs Stunden Gesamtspielzeit sind hervorragend -- ein vorgezogenes Weihnachtsfest für Deadheads und nach allen Seiten offene Musikliebhaber, die bereit sind, den Dead auf ihren Exkursionen in das weite Land der unbegrenzten musikalischen Möglichkeiten zu folgen.
P.S.: Als ideale Begleitlektüre sei hier noch die Biografie "An American Odyssey" (Hannibal, 1996) des langjährigen Grateful Dead Managers Rock Scully mit David Dalton als Co-Autor empfohlen. [bs im Schallplattenmann #179 vom 12.12.99]

**Bruce Cockburn: "Breakfast In New Orleans Dinner In Timbuktu"**
@@@@@
Der in Deutschland immer noch relativ wenig bekannte Singer-Songwriter aus Kanada veröffentlicht spektakulär unspektakulär sein mittlerweile 25. (!) Studioalbum. Die CD enthält einen bunten Mix aus Singer-Songwriter-Anleihen ("Last Night Of The World"), Ethno-Klängen ("Mango"), Tex-Mex und angerockten Stücken ("When You Give It Away"). Die Gitarre, die Bruce Cockburn hervorragend spielt, steht auf diesem Album mehr im Vordergrund. Auch zwei rein instrumentale Stücke sind zu finden sowie das Top-Cover "Blueberry Hill" von Fats Domino. Bruce Cockburn hält in allen Stücken das hohe Niveau durch. Zusammen mit Gästen wie Lucinda Williams und einem knackigen Klang setzt Bruce Cockburn die Messlatte auf seinem neuesten Album wieder so hoch wie für sein letztes 97er Meisterwerk "The Charity Of Night" [#045: @@@@@]! [Tobias Lampmann im Schallplattenmann #179 vom 12.12.99]

Unerhört

Die Musik der schwedischen Blumenkönige.

Von den schwedischen Flower Kings habe ich noch nie etwas gehört. Die überaus euphorische Bewertung legt jedoch nahe, dies schleunigst nachzuholen. Wem die beschriebene Musik etwas sagt, der kann ein gleiches ja bei seinem Plattenhändler des Vertrauens versuchen oder sich bei Karstadt anstellen. [21]

**Roine Stolt: "The Flower King"**
@@@@@
(Prog-Rock -- Der Beginn der Wiedergeburt des Prog, InsideOut/Foxtrot)
Wiederveröffentlicht -- und jetzt endlich auch mühelos im freien Handel erhältlich -- ist die komplette Discographie der schwedischen Prog-Meister The Flower Kings. Das Debut-Album, noch unter dem Namen des Flower Kings-Vordenkers veröffentlicht, enthält schon alle Elemente, die dieser Formation in der Szene so viele Fans und so viel Sympathie einbrachten: Vorzügliche Kompositionen, exzellente Instrumentalisten, hinreißende Melodien, klangvolle Vocals. Für alle Freunde der klassischen progressiven Rockmusik der 70er Jahre ein Muss. [sal]

**The Flower Kings: "Back in the World of Adventures"**
@@@@@
(Prog-Rock -- Grandioser Nachfolger des "Flower King", InsideOut/Foxtrot)
Das erste Album, das unter dem Bandnamen The Flower Kings aufgenommen wurde, bietet -- und diese Steigerung mag wirklich nicht leicht gefallen sein -- fast noch mehr, als das Debut "The Flower King". Stolt & Co. ergänzten die bewährten Ingredentien des Debuts mit Neuem: Das Sopran-Saxophon von Ulf Wallander setzt wundervolle muskalische Akzente, die Kompositionen werden nun noch komplexer ausgearbeitet, ohne das nervende Längen entstehen, exquisit auch die Vokal-Arrangements. [sal]

**The Flower Kings: "Retropolis"**
@@@@@
(Prog-Rock -- Der dritte Genie-Streich der Schweden, InsideOut/Foxtrot)
In der Reihe der allesamt vorzüglichen Alben der Flower Kings ist "Retropolis" das vielleicht gelungenste, das Album, das die Musik der Schweden am besten repräsentiert. Stolts Kompositionen werden immer mehr durch die musikalischen Qualitäten des klassisch ausgebildeten Keyboarders Tomas Bodin unterstützt. Die Musik wird symphonischer, kunstvoller, das Konzept des Albums wird nun noch dichter. Erneut setzt Ulf Wallander am Sopran-Saxophon wundervolle musikalische Akzente und der Rhythmus-Gitarrist Hans Froeberg steuert mit seinen Lead Vocals (die er sich mit Roine Stolt teilt) einen nicht unbeträchtlichen Anteil an dieser atemberaubenden Produktion bei. [sal]

**The Flower Kings: "Stardust We Are"**
@@@@@
(Prog-Rock -- Die Schweden in höheren Sphären -2CD, InsideOut/Foxtrot)
Das vierte Album der Flower Kings war ihr erstes Doppelalbum und bietet neben der perfekten musikalischen Dichte wie beim Vorgänger "Retropolis", instrumentale Atempausen, Inseln, auf den sich der Zuhörer von der Flut der Musik ausruhen kann, um danach mit den Blumenkönigen wieder in den Sternenhimmel eintauchen zu können. Zum ersten Mal hört man auch deutlich härtere Komponenten, etwa bei "In The Eyes Of The World", auch neu sind düstere, schwermütige Elemente, wie bei "The End Of Innocence". Das Titelstück, eine 25-minütige, dreiteilige Suite ist der Klassiker im Flower Kings-Repertoire überhaupt -- krönend abgeschlossen durch die wundervolle Stimme Hans Froebergs. [sal]

"PUPERTERROR"

Teenager brauchen die Liebe ihrer Eltern - was immer auch geschieht.
Fordern Sie nicht zuviel!
Kritisieren Sie nie ihre Hobbys, Kleidung, Musik oder Clique!
Besonders nicht seine Freundin oder ihren Freund!
Machen Sie sich nicht lächerlich, indem Sie plötzlich zum Jugendlichen mutieren und Rollerblades oder Heavy Metal "geil" finden!
Lassen Sie sich niemals an Orten, bei Partys oder in Discos blicken, in denen Ihr Teenager "abhängt"!
Sagen Sie ihm nie, wann er genau zu Hause sein muß, er kommt sowieso zu spät!
Räumen Sie Ihre Spülmaschine gefälligst selber aus!
Geben Sie ihm immer recht!
Halten Sie sich die nächsten Jahre vertrauensvoll aus seiner Privatsphäre heraus!
Der entscheidende Merksatz ist ebenso schlicht wie einprägsam: Teenager brauchen die Liebe ihrer Eltern - was immer auch geschieht.
(Thomas Baier)

Lover - Dichtick

Ein Schrei sind meine Worte - Ein Schreiben

° Schreiben ist Atmen. Ein- und Ausatmen, es nimmt kein Ende.
° Schreiben ist Archäologie. Bis zum Muttergestein vordringen. In die Tiefe wurzeln. An den Urquell zurückgehen. Freischaufeln.
° Schreiben ist die Wiedervereinigung all meiner Sinne & Unsinne.
° Schreiben macht mich wach. Es entwirrt die Fäden, legt die Muster frei, die darunter verborgen sind. Schreiben heilt.
° Schreiben ist ein Überlaufventil & ein Vulkan. Schreiben ist elementar & geht an die Substanz. Ich kann mich da nicht außen vor lassen. Aber ich kann mich darauf verlassen: es funktioniert immer. Wenn ich seiner Fährte folge, gelange ich unweigerlich in andere Räume. Es ist jedesmal ein Abenteuertrip, ein Rausch.
° Schreiben ist Gebären. Klar ist das schmerzhaft & bedrohlich, aber auch wunderschön. Ich kenne keine Langeweile. Jeder Augenblick erfüllt mich & und ich erfülle mich in jedem Augenblick.
° Schreiben ist die Schaltstelle nach innen & außen. Es ist eine Möglichkeit, den Schaltkreis zu schließen. Aus dem Vollen zu schöpfen. Schreib Wut.
° Schreiben bringt mich ins Fließen. So wie ein Fluß nicht aufhören kann zu fließen, weil sonst seine Wasser faulen. So schreibe ich. Von der Quelle zum Ozean.
[20]

oben ohne

ohne besonderes Getue
ohne Hüftschaden
ohne die Möglichkeit
einer herzzerreißenden Nacht
ohne die Traurigkeit danach
ohne blödsinniges Rumgegackere
ohne sorgsame Streicheleien
der Nackengegend
ohne Lendenwirbelsäule
& diverse Nebengeräusche
könntest du den ganzen Rest
schlichtweg vergessen
[8]

Im Kreuzgang zwischen dir & mir

Im Kreuzgang zwischen dir & mir da blühen wilde Rosen.
Im Kreuzgang zwischen dir & mir da liegt die Liebe begraben.
Ich gehe durch den Garten unserer Düfte. Der Kirschbaum leuchtet dunkelrot.
Seine Zweige neigen sich herab voll praller süßer Früchte. Ich melke ihn begeistert & der Morgen erwacht.
Steige auf die Mauer doch Krieger liegen auf der Lauer. Ihre Schwerter glänzen in der Sonne.
Bis hoch in die Zweige bis zu mir.
Ich darf den Garten nicht verlassen. Die Königin hat es befohlen. Die Königin & du bist ihr Untertan. Sie hat deine Waffen geschmolzen im Hochofen der Liebe. Jetzt liegen ihre Krieger ringsum auf den Wiesen. Ein christliches Lager.
Ich kann den Garten nicht verlassen. Die Kirschen platzen mir süß in meinen Mund.
Ich wasche mich am Brunnen doch meine Hände bleiben blau. Ich wollt ich könnte alles vertuschen. Doch ich will den Garten nicht verlassen Liebster.
Und willst du zu mir kommen dann gehe nicht durchs Tor. Sie werden dich ermorden. Sie haben scharfe Augen & scharfe Klingen.
Und willst du zu mir kommen so mußt du über die Mauer klettern. Ganz hinten im dunkelsten Teil. Dort wo sie mit Efeu bewachsen ist. Nur von dort kannst du kommen.
Ich lebe hier im Garten. Und ich kämme schon mein Haar. Die Rosen blühen.
[20]

Ein leckerer Spaziergang

Den knotigen Spazierstock habe ich unter Wurzeln im Wald vergraben.
Der Specht hämmert im Stamm drüber poch - poch seine Höhle. Höhlenbrut kann warten.
Mein Magen knurrt, das Herz pocht hohl im Leib: auch eine Höhle. Mein Herz liegt darin begraben, liegt brach.
Liebt brav? Bloß da ist niemand. Niemand, der mich auffängt, wenn es hart auf hart kommt.
Niemand, der das Wasser meines Leibes in der Höhlung seiner Hände auffängt.
Lions Feuchtwange preßt sich an meine. Wannenschmiegsam plätschert das Wasser an deine Ufer. Umspült den warmen Sand & raschelt im Schilf. Eine ruhige Küste ist dein Land.
Ich habe es heimlich betreten, als ich nachts die Ruder einzog & an Land schwappte.
Nun liege ich bäuchlings in der Sonne & wärme mich in Vorfreude. Puckern unter meiner Haut. Gleichmäßig wie ein Treckermotor. Das Feld wird gepflügt. Zeile um Zeile gerade Furchen.
Ich ziehe meine Stirn kraus & schaue einem vorbeifliegenden Kranichpärchen zu. Ihre kraftvollen Schreie hallen nach in den endlosen Hallen meines Bauches. Nachhall.
Eine Nachtigall trällert & schon wird es Nacht. Ich übernachte.
Schaum treibt ans Ufer. Der See aufgerührt bis auf den Grund. Blasen steigen auf.
Blasensträucher treiben ans Ufer. Tragen Strauchdiebe im Gewölk ihrer Äste. Zweige im Haar & Algen. Überm See war es weit. Landzunge.
Rehe warten im Wald. Äugen, äsen, das Gras wächst friedlich höher & höher.
Die Augen gehen nach oben, wo der Mond durchs Geäst immer höher schlüpft. Bis er sich aus den Bäumen rappelt & leuchtet, leuchtet. Ich wende mein Gesicht wieder dem Erdboden zu. Meine Augen verlieren sich im dickichten Wald. Vorhängschloß.
Die Erde tut sich auf so ganz ohne Beben. Eine Schatztruhe & mit leichtem Knarren öffnet sich der schwarze Deckel meinen Blicken. Unsichtbare Hände greifen mitten in die Schätze hinein: Perlenketten, Perlmuscheln, Regenbogenfarben & ganz viel Mattweiß. Mattes Weiß in der Farbe des falben Mondes.
Mondmatten. Im Lichtschatten der Wiese taste ich die Nacht mit den Fingern ab. Tasten wie auf einem Klavier: weiße & schwarze Tasten. Jeder Finger bringt einen neuen Akkord. Der ganze Wald tönt. In mir summt die Nacht. Kling - Klang.
[24]

Das Ende vom Traum

Ja, ich lebe noch.
Wünsch manchmal,
nicht tot zu sein,
ist es zu Ende.
Vielleicht bekomme ich dann
irgendwelche Klarheit.
Aber ich frage nicht nach dem Wozu.
Wozu auch.
Und ich schaue und vergess' nicht:
wie schön das ist.
Ungehofft, aber wahr,
und bin ganz und froh dabei:
ich träume nicht mehr.
Davon war genug.
Freigegeben.
Freigenommen.

Nun, hundert Jahre danach,
dem Maueröffnen, hat das
sogar für mich was Gutes.
(Ändert ja nichts dran,
daß es schon hundert Jahre zu spät ist.
Das alles wird ewig sein & ist schon vorbei.)
War viel zu kalt in Alaska.
Und dann leuchtet die Wärme,
das Liebe, der dunkle Glanz
direkt in mein Herz.

Das ist schon alles.
Geradebiegen
macht nur müde bis zum Brechen.
Die Maschinen sind zu schwer alle
zum Fliegen.
Immerzu muß man da einen Schritt zurück.
Anlauf. Falle.

Steig ich mal dahinter?
Fühle das Unverhüllte zu oft wie bloße Hülle.
Ich hülle mich in ?
Nein, ich hüllt.

Aber ohne Nachzudenken,
sag ich Ja.
[10]

KINDERREIM

Der Erste schenkt ihm
  ein Gewehr
Der Zweite
  Munition
Den Dritten
- schießt er  tot

Was sonst

Es sonnt, es weht, nährt, naht.
Es häutet, schwingt, wärmt, steigt.
Es erdet, schiebt, wonnt, streicht.
Es rührt, singt, tropft, blüht.
Es klärt, strahlt, sinkt, tönt, schmilzt.
Was sonst.
Hier im Leben. Wo sonst.
Liebe. Warum sonst.
[23]
 
Geliebt wirst du einzig, wo schwach du dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren. 
(Adorno)

Die Seele wird vom 
Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man 
wie mit Brüdern reden 
und tauscht bei ihnen 
seine Seele um. 
(Erich Kästner)

Gift

Wieren machen krank. Geisteskrank: Wieren verursachen Krankheiten. Wieren - wier sind seit 17 Milliarden Jahren daran gewöhnt und niemand kann sie von Trümmerbruchstücken alter, halbabgebauter eigener Zellenbestandteile unterscheiden, bevor er nicht Hipp! (Oder HIV!) gesagt hat. Niemand hat sie je gesehen - außer durch ein Elektronenfernrohr oder von der Festplattenzucht geschabt auf den Schätzerbildschirm gebannt. Vom Neandertaler übern Thaler zum Digitaler. Und Goethe weigerte sich nicht grundlos (besser: wahrhaftig), je durch ein Mikrofonskop oder ein Sternglas zu schauen.
Aber ihre 1,0067 µg Lebend(?)-Gewicht wiegen schwer. Schwerer jeden Hals, als die kiloweise Tot(!)-Gewicht des Erwerbs, den wier, "Essen" genannt, täglich betreiben. Und die Wurzel von Aas (und viel treffenderen Ausdruck gibt es kaum, maybe Asche, Müll?) heißt Speise, gar-&:Essen. Tja. Aber hauptsache es macht nicht krank. Und schmeckt. Denn es liegt ja auf der Hand und beim Aasen, äh, Speisen ißt alles anders, als es sonst so leben will: natürlich Stahlbeton stadt Lehm, natürlich Poly-Esther stadt Hanf, natürlich das Auto umhergurken stadt laufen, natürlich PVC stadt Hobeldielen, natürlich ChemoteeRAPie stadt Kräutertee, natürlich Gummipuppe stadt Weibchen usw. und so weit fort, natürlich Aas stadt Leben.
Wieren sind schuld, wier haben rächt. Ich laß mich impfen ("beschneiden"), wenn ich eh schon geisteskrank bin. Hauptsache, wier lassen aas uns gut schmecken, geruchlos.
[13]

KINDERREIM

Der Erste
schenkt ihm ein Gewehr
Der Zweite
    Munition
Den Dritten - schießt er
tot

Schätzerdeutsch

/Achim /
Teil 2:
Die Weichware - Winzigweich und Kraftpunkt (zum Eingewöhnen: Microsoft und PowerPoint)

Mit der richtigen Hartware sind die optimalen Grundlagen für Einbau und Betrieb der Weichware geschaffen! Damit die Weichware überhaupt laufen kann, braucht es ein Betriebssystem. Es empfiehlt sich heute, ein solches mit einem grafischen Benutzer-Zwischengesicht zu installieren. Besonders weit verbreitet ist das System Winzigweich-Fenster. (Der in der neuesten Version integrierte Zwischennetz - Erforscher ist ärgerlich für Leute, die lieber mit dem Netzschaft-Schiffsführer wellenreiten wollen.) Winizgweich-Systeme haben die Eigenart, öfter mal einen Krach zu verursachen. Dann müssen sie neu gestiefelt werden. Schläger verzichten auf ein grafisches Zwischengesicht und bevorzugen ein altes, Befehlslinien-Ausdeuter-ausgerichtetes Vielfachbeaufgabungs-Betriebssystem namens Einheitlix, weil sie behaupten, sie wüßten schon, was sie tun. Einheitlix hat den Vorteil, dass es auf verschiedenen Schätzern mit unterschiedlichen ZVEs (Zentrale Voranschreitungs-Einheit) läuft.
Auch auf älteren Geräten hat es eine gute Vorführung. Einheitlix ist furchtbar umständlich zu bedienen, aber der Schläger kann damit alles machen, was er will. Zum Beispiel ganz schnell den Schätzer kaputt. Für Leute, die mit ihrem Schätzer anspruchsvolle Arbeiten erledigen wollen, gibt es unter Fenster 95 das berühmte Büro fachmännisch 97. Dieses Erzeugnis besteht aus den neuesten Ausgaben der Weichwaren Wort, Übertreff, Kraftpunkt und Zugriff. Damit stehen dem Benutzer alle wichtigen Funktionen wie Wortveredelung, Ausbreitblatt, Präsentationsgrafik und Datenstützpunkt-Behandlung zur Verfügung. Viel billiger ist das Sternen-Büro von der Hamburger Firma Sternen-Abteilung, das es auch für Einheitlix gibt. Sehr beliebt sind auch der Sumpfblüten-Organisierer und Schichtkäse-Ausdrück, das für Tischplatten-Veröffentlichung gebraucht wird.
Die Weichware muss zuerst via Aufsteller oder Einsetzer auf der Hartscheibe eingerichtet werden. Das kann sehr viel Zeit brauchen, wenn sie ursprünglich auf Schlappscheiben geliefert wurde. Das Einrichten ab Dichtscheibe ist sehr viel angenehmer und schneller. Leider stellen aber auch hier die Aufsteller oft Fragen, die von vielen unverständlichen Begriffen nur so wimmeln und auch englische Muttersprachler vor unlösbare Rätsel stellen.

Die Legende

Glückliche Astronauten
machten Hausmusik aus der Retorte - ohne Botschaft, aber mit Staubsaugermotor:
AG. Geige

Im Rockzirkus der DDR gab es eine Menge unfreiwilliger Clowns, aber die wirklich echten waren AG. Geige aus Karl-Marx-Stadt. Bei ihren dadaistischen Auftritten standen auf der Bühne vier schwarze Kästen, dahinter Gestalten in bunten, sackartigen Kostümen, mit überdimensionierten Masken und Hüten. In weiteren Hauptrollen: eine knallrote Gitarre, die ausgiebig gequält wurde, elektronisches Equipment für schön-schreckliche Sounds und eine Rhythmusmaschine für den geradlinigen Beat im unruhigen Elektropop.
Parallel projizierte 16mm-Filme, Dias und später Videos waren gleichberechtigter Teil der Show: ein Maler, gestikulierend vor einer Leinwand, selbst verziert von zuckenden Strichen; wild gecuttete Farb- und Filmcollagen, Bilder von Maschinen. Über alldem die von Echos durchzogene, sonore Stimme von Jan Kummer, die teilweise hysterisch gefärbt, Texte voller durchtriebener Naivität aufführte: "Der Tag ist warm, die Sonne scheint hell / Die Leute schauen, ich laufe zu schnell / am Himmel fliegt glitzernd ein Raumschiff vorbei / Darin Astronauten, glücklich und frei // Ich will zum Meer, gehe runter zum Strand / Der Wind treibt Elektrogitarren an Land / Ein Krake ragt fragend aus Wellen heraus / Erst jetzt schalte ich das Computerspiel aus" ("Astronauten", 1987).
Gitarrist Frank Bretschneider erinnert sich nur undeutlich an die Anfänge: "Ich habe mir eine alte Gitarre im A&V gekauft, dann hatte ich so eine Orgel mit Staubsaugermotor und von der TU, wo ich damals gearbeitet habe, einen geborgten Oszillograph. Damit habe ich auf Tonbandgeräten aufgenommen und immer hin und her gespielt. Da gab es eine interessante Sendung, die kennt heute gar niemand mehr, auf Radio DDR, glaube ich, lange bevor es 'Parocktikum' gab, die nannte sich 'Hausmusik aus der retorte'. Das war so eine Sendung für Leute, die selber zu Hause gebastelt haben, aber nicht im herkömmlichen Sinne in einem Bandkontext, sondern wirklich Tapes geschnitten haben. Aus diesem Homerecording ist irgendwann 1986 die Band entstanden."
Musikalisch und konzeptionell von den Residents, Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire, Laurie Anderson und der Free-Jazz-Szene beeinflußt, rekrutierte sich AG. aus den bohemistischen Zirkeln Karl-Marx-Stadts. Ein freies Bastel- und Freakding: "Wir haben unsere Texte so surreal wie möglich gehalten. Da konntest du alles Mögliche reindeuten. Wir wollten nie, weder damals noch heute, irgendwo eine Message. Was willst du den Leuten erzählen, das wissen die alles selber" (Bretschneider).
Die 1986 im hauseigenen Tapelabel "KlangFarBe" veröffentlichte Kassette "Yachtclub und Buchteln" ist ein Klassiker der ostdeutschen Tapekultur und erinnert an die frühen Kraftwerk. Lutz Schramm, der als John Peel der DDR damals auf DT64 die Sendung "Parocktikum" moderierte, war von der AG. dermaßen angetan, daß er 1987 mit einem mobilen Studio ihre ersten vier professionell aufgenommenen Stücke für den Rundfunk produzierte. 1990 erschien die LP "Trickbeat" auf AMIGA, der Nachfolger "Raabe?" 1991 auf dem Westberliner Label Zensor. 1993 löste sich die Band auf - als man zum erstenmal einen eigenen Proberaum, modernes Equipment und sogar die Option auf eine dritte Platte hatte. Der Sänger gründete einen Schallplattenladen in Chemnitz, der Gitarrist betreibt seit 1996 das Electronic-Label "rastermusic" (www.rastermusic.com).
Ein Versuch, das trickreiche Changieren der Künstlergruppe AG. Geige zwischen Musik, Wort, Film, Performance und Grafik zu erfassen, muß scheitern. Eins steht jedoch fest: Sie waren die Vorreiter der "elektronischen Lebensaspekte".
(Kito Nedo, aus jW)

"Sicher gibt es bessere Zeiten, doch diese war die unsere"

(Schluß, Teil 1 im Lover 23)
/Roland /

Mode

Meine ersten Erinnerungen in bezug auf Kleidung der Zonen-Menschen sind völlig hippiesk: Blumenblusen, Trompetenhosen und Jesuslatschen. Es war ein reiner 68er-Import. Die DDR war jung, fühlte sich in den 70ern auch so an und hatte rein zufällig die richtigen Stoffe auf Lager. Die Legende "Präsent 20" kam sogar aus meiner Heimatstadt Cottbus, aus dem unschlagbaren Textilkombinat TKC.
Jesuslatschen wurden im Knast hergestellt und da im DDR-Knast noch richtig gearbeitet wurde, hielt die Produktion sogar mit der Nachfrage mit. Die Zeitschriften "Für Dich", "Pramo" und "Sybille" warteten mit realistischen Strick- und Schnittmustern auf. Also Haute Couture war machbar. Für die Szene waren die Bedingungen ungleich härter. Anfang der 80er strömten brav mit dem Westfernsehen immer größere Wellen der zunehmenden Individualisierung in den durstigen Mangelstaat. Die neuen Probleme, die es einzukleiden galt, hießen Punk, Popper und New Romantic: Hier war nicht nur Muttis Phantasie am Nähpult gefragt, und die Zonis entdeckten trickreiche Ableitungen der vorgegebenen Westidentitäten. Die Punks hatten es wie immer am einfachsten: Trash war auch in der DDR nie ein Manko und allerorten erhältlich. Für die Popper gab es allerdings eine Menge zu tun. Dauerwellen mußten ins Haar (20 M), Kreolen gab es auf dem Sonntagsmarkt, Stehkragenhemden und Shirts mit Dreieckklappversatz wurden zu zig Tausenden aus Ungarn eingeflogen und wer auf die DDR-Jeansmarken "Wisent" und "Steppke" lieber verzichten wollte, trug Thirdhand-Ware aus dem Westpaket oder ließ beim Vietnamesen schwarz schneidern. Die Geschäftskette "Jugendmode" versuchte behäbig, auf den abgefahrenen Zug zu springen, mit Kreationen wie den unvergeßlichen "Action"- und "Tonic"-Pullovern oder den Versuch einer Stonewashedjeans namens "Schneehase".
Die Szene fummelte lieber selber. Am verbreitetsten war der Volkssport Färben. OP-Kleidung, Bauhosen, Mullwindeln und Netzhemden fanden den Weg in die elterlichen Waschmaschinen. Aquariumschläuche wurden mit farbigen Flüssigkeiten gefüllt, zum Ring geschlossen und um Hals- und Handgelenke gelegt. Schwarze DRK-Dreieckstücher, schwarze Turnhemden, schwarze Baskenmützen, schwarze Sportpantalons: null Problemo! Wir hatten einfach alles. Es gab für jedes Westmuß ein Ostkann. Wem die Omi aus Hannover keine "Doc Martens" (Schwarzpreis 350 M) schickte, der trug vornehm Arbeitsschuhe (Ladenpreis 7,50 M oder einfach auf Arbeit klauen). Bomberjacken waren wichtig, Russenuniformen taten es auch. Der Vorzug und der unausgesprochene Genuß war allerdings das Bewußtsein, , nicht irgendeiner Szene anzugehören, sondern zu der Szene schlechthin. Die abgekapselte Staatsform und die unglaublich langsamer tickenden Uhren schufen jene Vorzüge eines Ameisenhaufens, in dem jeder bunte Mistkäfer auffällt und sein Anrecht auf Eitelkeit auf Händen weggetragen wird.
(Kai-Uwe Kohlschmidt, aus jW)
[Und was fällt euch so ein?]

Kassette

Vor langer, langer Zeit, als das Wünschen noch nicht geholfen hat, lag hinter sieben bergen, betrieben von sieben Zwergen das VEB Chemiefaserwerk Premnitz. Hier entstand ein gar eigenartiges Gebilde, ORWO K60 geheißen. Äußerlich erinnerte es an eine normale Magnetband-Kompaktkassettte, doch während der auf dem blauschwarzem Etikett gedruckte Hinweis "low noise" im restlichen Teil der Welt auf die geringen Eigengeräusche des Bandmaterials hinwies, signalisierte er hier die niedrige Aussteuerbarkeit desselben. Abgespielt wurde ORWO K60 auf Dampfmaschinen mit eigentümlichen Namen wie "Stern-Rekorder", "Sonett" oder "Mira". Mira deswegen, weil die innewohnende Technologie im Geburtsjahr der gleichnamigen Schauspieloma entstand, ähnlich zischelnd wie deren Aussprache war auch die Wiedergabe hoher Frequenzen.
Mit einem Preis, der in etwa einem Zehntel eines Lehrlingsentgeltes entsprach, war ORWO K60 nicht eben wohlfeil, dennoch heiß begehrt, bot sie doch die Möglichkeit, die Segnungen moderner Tanzmusik zu konservieren und alleweil verfügbar zu machen. Diese Musik entstand teils im Lande selbst, teils brandete sie mittels Rundfunkwellen - inklusive UKW-Störgeräuschen - über die sieben Berge oder wurde von unerschrockenen Rittern der Landstraße bzw. der sieben Weltmeere [z.B. Balaton...] von deren abenteuerlichen Reisen mitgebracht. Auch war die gute Fee AMIGA hin und wieder hold und gebar das eine oder andere Polyvinylchlorid. Wer dann bei Frau Holle vom staatlichen Schallplattenhandel tagein tagaus harte Fron leistete, wurde um Jahresfrist mit dem schwarzen Gold belohnt.
Nun war es damit aber wie mit jeglichen Segnungen, es reichte nicht für alle Bedürftigen. Hier nun kam ORWO K60 ins Spiel; das Material der Bands und Platten wurde auf sie überspielt und mußte oft wie das vielbesungene Ringlein wandern, von einem Rekorder zum andern...
So gedieh hinter den sieben Bergen eine Low-Fi-Generation nach der anderen, lange bevor derlei in Mode kam. Auch entwickelte sich ein schwunghafter Kauf- und Tauschhandel mit bespielten Kassetten, wie er heute wohl nur noch auf den Märkten von Harare oder Kuala Lumpur beobachtet werden kann.
Das Ende ist indes schnell erzählt: Über die sieben Berge kam schließlich ein dicker Zauberer und vertrieb die sieben Zwerge, die Fee AMIGA, Frau Holle und mit ihnen ORWO K60. Statt dessen ließ er es runde Silberlinge über die Bedürftigen regnen, daß es nur so eine Art hatte. Die Glitzerdinger stapeln sich nun zuhauf in den Regalen, werden aber kaum so wertgeschätzt wie das sperrige Ding aus Premnitz.
Doch Obacht, Kinder! Solltet ihr irgendwo noch ein häßliches kleines Kassettlein mit dem Warnhinweis "Made in GDR" finden, schiebt es nicht ins Rekorderfach, denn: Es war nicht alles gut, damals.
(Maik Hölzel, aus jW)

Unterwegs

Da hätte Jack Kerouac noch was lernen können. Zwischen Ahlbeck und Zittau wußten schon die Altvorderen: "Eine Woche Hammerschlag, eine Woche Häuserquadern / zittern noch in unsern Adern, / aber keiner wagt zu ha-ha-dern..." Wer hätte da auch hadern wollen und vor allem: Wo? Eigene Wohnung, wo man hadern oder andere schöne Dinge hätte machen können, gab's nur mit Trauschein - wenn eh alles zu spät war. Hinaus zog es da den jungen Menschen. Gestern noch Vierkantblöcke an der Werkbank gefeilt und heut schon den Daumen in industriegeschwängerten Wind gehalten, F 97, nimm mich auf! Welt, ich komme!
unterwegsWelt war Cantdorf oder auch Werben und Ketzin, ja bis ins große Dresden ging die Reise. Sie endete zumeist in stickigen und stinkigen Dorfgasthöfen, wo die 125jährige Großmutter des Kneipers alle Ankommenden mir Handschlag begrüßte und Bockwurst warm machte. Wo sich überhaupt immer alle kannten. Denn alle waren on se rood. Dazu bedurfte es ja auch nicht viel. Der Isomatte, welche in Konsistenz, Liegekomfort und Gewicht einem ordentlichen Stück Dachpappe in nichts nachstand. Des Schlafsacks, groß und schwer wie ein Kindersarg. Der Rotweinflasche für unterwegs (gern auch härter, z.B. das berühmte Getränk für 14,50).
Nach Belieben Zahnbürste (für die Morgentoilette tat es auch ein Gläschen Pfefferminzlikör) und Wechselwäsche. Nicht gewechselt werden durften: Fleischerhemd, Jeans, Wollpullover, Jesuslatschen/Tramper. Dann schon eher der Partner/die Partnerin. Nicht umsonst machte das Wort vom ABBA-Ritual die Runde: Ankommen, Begrüßen, Bumsen, Abfahren.
Da war doch noch was?! Selbstverständlich fuhr man wegen der Musik. Freygang spielten in Straßgräbchen?
Gut, fahren wir eben dorthin. Laufen, wenn es sein muß und uns auch nicht der letzte W 50 mitnimmt, auf einsamen Straßen durch dunkle Wälder - freygang spielten ja. Ankommen, in verschiedene Arme und Bierrunden fallen, nach der zehnten ist alles groß und weit, die Arme flugzeugartig vom Körper strecken und sich drehen: Welt, ich fliege! Irgendwie ist da Musik. Am Ende gerade noch so mitbekommen, wo Freygang nächste Woche spielten. Klar, fahren wir hin.
Beim Kneiper ein paar Flaschen Wein erstehen, "Gastsstättenpreis" (lang vor der segensreichen Erfindung des Tankstellen-Nachtschalters), in fremde Wohnungen gerade kennengelernter Menschen einfallen: Dein Wohnzimmerteppich soll auch meiner sein, laß uns zusammen darauf liegen!
Gesetz war: Sonntagmittag wieder am Familientisch erscheinen. Dann fragten besorgte Mütter ihre blassen mittzwanzigjährigen Söhne und Töchter, bevor diese sich ins Zwölf-Quadratmeter-Kinderzimmer verziehen konnten: "Wo warst du denn schon wieder?" Da hätte Kerouac lernen können, wie es ist, wenn alle unterwegs sind und nichts sich bewegt.
(Grit Lemke, aus jW)

[Und was hat dich deine Mutti gefragt, wie war's bei dir unterwegs?]

Heimatkunde

Das ist der Beweis #2

Wenn Erich heimkommt
oder
Von der Legitimität der DDR

Daß es das Warten und Rätselraten gibt - kriegen sie ihn nun oder kriegen sie ihn nicht -, ist schade um der Sache willen. Es wäre besser, Erich Honecker hätte sich der Justiz des Gegners einfach gestellt, um vor der Mitwelt noch einmal zu vertreten, wofür er gekämpft und gelebt hat, so gut, so schlecht und recht er eben vermochte.
Diese Biographie bleibt doch repräsentativ, und zwar auch darin, daß da der Königsmantel- doch nicht zufällig! - auf die schmalen Schultern des Dachdeckers, des "kleinen Trompeters" und schließlichen Mauerbaumeisters gefallen war. Es gab da jedenfalls ein Mandat, es gab da die Würde eines Lebensentwurfs, kurzum, es gibt da was zu verteidigen, das grundsätzlich über die Beschränktheit dieser wie jener anderen individuellen Existenz hinausreicht.
Selbst jetzt noch, wenn er sich unfreiwillig gestellt sähe, lohnte die Frage, welche die juristischen Zwerge der Siegerseite aufs Tapet bringen wollen, die Verteidigung: Ob es denn etwa nicht legitim war, die Mauer zu bauen und ihr also bis zur ultima ratio des Schießbefehls Respekt zu verschaffen? Läse man mal bei Carl Schmitt nach, keinem Zwerg jedenfalls, würde man finden, daß es hinterher prinzipiell nicht peinlich sein muß, ihn einst als Staatsgast empfangen zu haben; es sei denn, man wollte schließen, da seien Verbrecher unter sich gewesen.
Die Sieger in ihrer Rechtsheuchelei - weder wagen sie es, unverblümt das "Wehe den Besiegten!" zu rufen, noch, was die andere Möglichkeit wäre, wagen sie, sich anrufen zu lassen: "Wer unter euch frei von Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Wohl ist es nach einer anderen Moral als der herrschenden denkbar, Honecker anzuklagen. Aber ich sehe keine befugte Besetzung für ein entsprechendes Gericht. Und käme sie doch zustande, so würde sich zeigen, daß seine Untaten geradezu verschwinden im Vergleich etwa zu den Leistungen jenes Teams, das den noch gar nicht verflossenen Golfkrieg zuerst jahrelang vorbereitet, anschließend seine Vermeidung unmöglich gemacht hat, um schließlich hochverlogen eine Orgie der Zerstörung zu zelebrieren, die nur die Völker dort quälte, in einen Schrecken ohne absehbares Ende stürzte.
Anfangs, als er noch nicht fort war, empfand ich nicht nur eine Art Pflicht, sondern hatte auch Lust, ihm bei der Verteidigung zu helfen und zwar in allem Ernst. Ich sagte dies seinem Anwalt Vogel, aber es ist wohl so, daß Honecker und seine Frau von einem wie mir nichts annehmen wollen. Es hatte natürlich nichts genutzt, daß ich ihm 1987, Gorbatschow im Auge, zwar selbstbewußt, aber keineswegs feindselig oder unerehrbietig die Frage nahebrachte, ob mich die DDR nicht wiederhaben will. Ihm war ich halt der Hauptverräter seiner Ära, ehe mich dann Freund Michail und alle die anderen Liquidatoren bei weitem übertrafen. Mit mindestens 10 Jahren hatte er mir's vergelten wollen, ganz persönlich.
Aber das ist nicht mehr wichtig. Jetzt will ich in seiner Person etwas würdigen, was von kaum zu überschätzender Bedeutung dafür ist, wie das ganze politische Deutschland den Untergang der DDR versteht, und wie ihn insbesondere diejenigen Menschen seelisch verarbeiten, die mehr oder minder positiv mit dem anderen deutschen Staat, seinem wesentlichen Anliegen identifiziert waren - die ökosozialistische Opposition eingeschlossen, mag es da auch noch Rachegefühle geben.
Es geht um nichts anderes als die lange überfällige, aber nachträglich alles andere als überflüssige geistige Anerkennung der DDR, nämlich ihrer ganz unzweifelhaften historischen Legitimität. Gewiß, in meinem damaligen Fall hat der Staat auch noch sein eigenes, ohnehin machtwillkürlich gesetztes Recht gebrochen. "Unrechtsstaat" - wenn ich mich mit der Froschperspektive begnüge. Aber laut Goethes "Faust" wurden Ketzer meiner Art kaum wohl bloß eingesperrt, sondern "von je gekreuzigt und verbrannt".
Weder die juristische Farce noch die Farce, die das greise Politbüro als Corpus war, reicht in jene Dimension, in der sich historische Legitimität entscheidet. Freilich kann Legitimität aufhören, und die DDR hat irgendwann aufgehört. Den Grund sah Hegel, auf Robbespierre bezogen, etwa so: "Seine Kraft hat ihn verlassen, weil die Notwendigkeit" ihn verlassen hatte.
Zunächst verteidige ich mit der einstigen Legitimität der DDR, wenngleich nur nebenbei, auch mich selbst. Sofern Honecker und ein paar andere für die Schüsse an der Mauer vor Gericht sollen, gehöre ich zu den Mitangeklagten. Denn an jenem Augusttag 1961, an dem die Mauer kam, habe ich, in Greifswald fern vom Schuß, innerlich ausgerufen: "Endlich!" Also trage ich wesentlich dieselbe Verantwortung. Ich war mit knapp 26, wie mich das Ereignis traf, wohl wie auch heute noch oft recht naiv, aber nicht so naiv, daß ich als politischer Mensch nicht gewußt hätte oder nicht hätte wissen müssen, das wird nicht ohne Opfer abgehen.
Blindwütig war das freilich unheimliche, unnatürliche und unmenschliche Grenzregime zu keiner Zeit konzipiert. Schließlich war das Ganze eine militärische Aktion, im Weltbürgerkrieg, an der geladensten Front der zwei Blöcke. Ich wollte die DDR, die ich um des mit ihr Versprochenen willen, und nicht ohne manichäischen Haß auf den nie gesehenen Feind, liebte, halten. Daraus folgte damals unweigerlich die Mauer. Ich möchte sehen, ob mir jemand zeigen kann, ich sei da abartiger gewesen als etwa auf der anderen Seite ein Karl Jaspers. Dieser Denker wußte um jene Zeit schon besser als ich, was die Atombombe bedeutet, und war, hinter dem Totalitarismusbegriff versteckt, zu feige, ohne ihren Schutz leben zu wollen.
Als noch vor Ende von Weltkrieg II über die Konstellation des Kalten Krieges entschieden wurde, dessen Episode der Mauerbau war, saß der Mann jener kommenden Stunde noch im Nazizuchthaus Brandenburg. Er hoffte naturgemäß auf einen anderen Weltzustand als den, der aufkam, und in dem er dann gut anderthalb Jahrzehnte später einen logischen nächsten Zug vollführte. Übrigens einen Verteidigungszug in der prekären Bauernstellung. Der 13. August war weder eine große, noch eine kleine Rochade, schon gar kein Angriff am Königsflügel.
Da ist es - mit Verlaub gesagt - moralischer und intellektueller Verhältnis-Schwachsinn, ist es - mit noch mehr Verlaub für die olle Kamelle - eine erneute unbußfertig-revanchistische Anmaßung, sich überhaupt mit Prozeßvorbereitung zu befassen. Es ist noch einmal der Ungeist vom 17. Juni als BRD-Staatsfeiertag. Während man selbst mit Wiederbewaffnung gegen die Sowjetunion beschäftigt war, wurde für "die Zone" Selbstbestimmung der Landsergeneration von gestern eingefordert, um, wohl doch ein wenig verfrüht, das Weltgericht von Stalingrad zu korrigieren.
Nun, da es tatsächlich korrigiert ist, wäre erst einmal angesagt, sich um so gründlicher eines Erfolges zu schämen, der mit nichts als ökonomischen Verdiensten bezahlt ward. Fällt denn niemanden Schillers "Ring des Polykrates" ein? Als der Grieche den Ring wiedergebracht bekam, wandte sich sein Gast mit Grausen, weil er daran ablas: "Die Götter wollen dein Verderben".
Aber zurück zur Hauptlinie der Verteidigung, Honeckers und meiner. Was meinen wir mit der Legitimität der DDR? Honecker selbst hat eigennützig nicht wenig Schindluder mit den Namen von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg getrieben. Dennoch ist da eine Linie, die vom Widerstand gegen den I. Weltkrieg über die Ausrufung der sozialistischen Republik (von jenem Schloßbalkon, der später das Staatsratsgebäude zierte) und die Gründung der KPD ("Wir sind wieder bei Marx") zur Entstehung der DDR führte. Wer wie Honecker in dieser Tradition gegen Hitler gekämpft hatte, wollte nachher mit Recht einen neuen deutschen Staat. Wer ihn wollte, mußte auch bereit sein, ihn zu führen, sei es mit unzulänglichem Gepäck. War es etwa nicht legitim, nach dem Desaster jener 12 Jahre ein neues Deutschland anzufangen, statt wie im Westen die alte Grundstruktur neu aufzuputzen?
Allerdings hat die DDR nicht wirklich auf dieser Basis - einer massenhaft gar nicht vorhandenen deutschen revolutionären Kontinuität - existiert. Sondern mit dem Oderübergang der Roten Armee hob ihre eigentliche Begründung an. Nicht Bechers "Auferstanden aus Ruinen" war die wirkliche Staatshymne, sondern sein anderes Lied "Sterne unendliches Glühn":
"Wer hat vollbracht all die Taten,
die uns befreit von der Fron?
Es waren die Sowjetsoldaten,
die Helden der Sowjetunion."
1941 vor Moskau, in dem 3-jährigen Standhalten Leningrads und in der Schlacht von Stalingrad, mit den westwärts rollenden T 34-Geschwadern (anstelle der nötigen Traktorenkolonnen gebaut) und, unter fernerliefen, mit Flugblatt- und Lautsprechereinsätzen von ein paar deutschen Emigranten in den Lärmpausen - da wurde das Recht auf die Gründung der DDR statuiert. Warum hat denn das Nachkriegs-Westdeutschland jahrzehntelang schlottern müssen "Die Russen kommen", wenn nicht aus dem untergründigen Wissen, nicht in irgendeiner ostpreußischen Wolfsschanze, sondern direkt unterm deutschen Reichstag mußte das Ungeheuer zur Strecke gebracht werden. Nicht mit der Bombe aus Stauffenbergs Aktentasche ist es geschehen, sondern mit dem größten und opferreichsten Heereszug aller Zeiten.
Als ich 17 war an der Oder, hieß meine Stadt und hieß das an ungünstiger Stelle gebaute neue Hüttenwerk nicht ohne zureichenden Grund nach Josef Stalin. Dort habe ich 1953 verzweifelt seinen Tod beweint, hatte zuvor gläubig Bechers monströses Abschiedsgedicht für den Vater der Völker rezitiert unter der auf Halbmast gesetzten blauen Fahne der FDJ. Wie die Geschichte der DDR war meine eigene eine Kreuzung aus russischer Revolution und deutscher Klassik, trotz und wegen Becher.
Unterm Strich kam bei mir viel mehr Lenin als Stalin, nachher beim ML-Philosophiestudium viel mehr Marx als Lenin rüber. Und es war nicht ohne Realität, was Thomas Mann sich 1949 in Weimar gewünscht hatte: einen Karl Marx, der den Friedrich Hölderlin gelesen hätte, und umgekehrt. Am Ende hat der deutsche Geist doch auch etwas daran zu gewinnen, daß eine kleine Zeit lang in den östlichen Landstrichen nicht Martin Luther, sondern Thomas Müntzer der Mann fürs Senkrechte war.
Wenn die rote Fahne auf dem Reichstag 1945 legitim und mehr als legitim war, dann hat die DDR nicht nur sein dürfen, sondern sein müssen. Daß sie ebenso unvermeidlich den Zusammenbruch der russischen Revolution nicht überlebte, widerlegt die lebendigen Kräfte nicht unbedingt, die in das gescheiterte Experiment eines implantierten Sozialismus auf deutschem Boden eingingen. Unser Impuls war mit dem Herzen gedacht, und es geht kein solcher Impuls je ganz verloren.
Anders als Deutschland hat die Sowjetunion den Despotismus von innen heraus überwunden. Eben dies war das Wunder Gorbatschow. Ich stehe mit meiner Biografie dafür, daß wir dies auch in Ostdeutschland versucht hätten. Wenn ich Honecker - obwohl das sinnlos ist - doch etwas übelnehme, dann, daß er nicht mit Gorbatschow gegangen ist, um dies einzuleiten, dem freien Raum zu geben. Wir hätten die DDR auch damit nicht halten können, aber wir hätten noch anzuzeigen vermocht, daß unsere Idee wie 1968 in Prag auch in Berlin mit der Achtung des Individuums vereinbar ist, erst darin zu sich kommt.
Die Westdeutschen, zynischer und materialistischer, verstehen wenig von dieser inneren Dimension, können sich deshalb im Osten nur Politbürokraten, karrieristische Mitläufer und Unterdrückte vorstellen. Was den alltäglichen Kolonialismus des eigenen Lebensstils betrifft, sind oder tun sie ahnungslos. So lesen sie sie Illegitimität der DDR an ihrem ökonomisch-ökologischen Schrott und Müll ab. Sie selber haben damit natürlich absolut nichts zu schaffen.
Wladimir Bykowski und Siegmund Jähn (erster Deutscher im All)Ja, die Bevölkerung der DDR ist von ihrer Führung z.B. um die 14 Milliarden Ost betrogen, die das Politbüro in die Mikroelektronik investieren ließ. Aber warum? Solange die militärische Konfrontation bestand, war die Sowjetarmee auf die relativ feinere Produktionskultur der DDR angewiesen. Ich habe eine Weile mit jemandem zusammengelebt, der, seinerseits Beobachter auf dem amerikanischen Pendant, im Mittelmeer eine Begegnung mit dem Flugzeugträger Kirow hatte. In der Zeit, in der das amerikanische Monstrum 20 Maschinen in der Luft hatte, brachte das sowjetische 2 nach oben - und nicht ohne die Kameradenhilfe des Feindes wieder herunter aufs eigene Deck. So aussichtslos war das mit den Chips made in GRD.
Aber die stärkste Ursache in diesem ganzen blöden Spiel, wo bitte lag die? Im ganzen Osten nicht. Und angefangen hatte die neue Runde mit den als Denkzettel für Moskau gedachten Bomben auf Hiroshima und Nagasaki.
Wie wäre es, die Bevölkerung der DDR - wie noch viel mehr die übrige, stärker "unterentwickelte" Menschheit - generös für das zu entschädigen, was die noch immer unentrinnbare Dominanz des einen Systems rund um den Erdball teils direkt, teils indirekt an sozialer und ökologischer Katastrophe nach sich zieht? Abgesehen davon steht den westlichen Wunderkindern das Wundern noch bevor, was für schweres Geschirr ihnen auf den Kopf fallen und wie real um sie herum "das Nichts nichten" wird.
Die Geschichte der DDR ist keineswegs schon so ganz zu Ende, und es müßte nicht sein, daß der Versuch, sie auszulöschen, umschlägt in ein Debakel des Siegers. Deutschland hätte etwas zu gewinnen - nicht an irgendwelchen zweifelhaften Errungenschaften (á la Kinderkrippen etc.), sondern an der menschlichen Substanz der DDR als einen Beitrag zur nationalen Identität. Was jetzt passiert, ist neue, weitere Störung des nationalen Selbstbewußtseins, nicht nur im Osten. Der sozialen Energie, die sich jetzt in der Ex-DDR verbirgt und zusehends böse wird, würden Zeichen nachlassender Selbstgerechtigkeit aus dem Westen guttun.
Hier schlage ich vor, nicht nur den anderen deutschen Staat nachträglich gelten zu lassen, sondern auch die Leistung der SED. Denn die Partei war schließlich die Essenz dieser Staatsgewalt. Ihrem letzten Generalsekretär (vom allerletzten darf man durchaus schweigen) gebührt ein anständiger Alterssitz in Brandenburg oder in seinem Saarland, wie gehabt mit einem Posten zu seiner Ehre und Sicherheit davor.
 (Rudolf Bahro 1990/91)

(Und was hast Du als erstes innerlich ausgerufen, als an jenem Novembertag 1989 die Mauer ging? Ich: "Jetzt kommt die ganze Scheiße auch zu uns!...")

Zu Robert Kurz

(geschrieben an das ND im Sommer 99, zum Anknüpfen siehe auch Lover 22.)

Mir gefiel der Beitrag von Robert Kurz "Die verlorene Ehre der Arbeit" ausgezeichnet. Daran anzuknüpfen ist eine Freude für mich! Daran anknüpfend stelle ich die Frage:
Wofür, weshalb leben wir überhaupt?! Kann es ein Leben geben, das auf der Selbstverwirklichung des Menschen gegründet ist? Kann es ein Leben geben, in dem wir bemüht sind, uns einzig zu einem solchen Lebenszusammenhang hin zu befreien, der eine vom Menschen gelebte Wahrhaftigkeit zur Folge haben könnte, wo es keine Arbeit (im Sinne eines Sklaven- bzw. Leidensdienstes) mehr gibt? Kann es ein Leben geben außerhalb der Aufsplitterung des Lebens in einen meist ziemlich sinnlosen Arbeits-, Funktions- bzw. Gehorsamkeitsdienst auf der einen Seite und einen oft nur sinnlosen Verbrauch von Freizeit auf der anderen?
Wozu betreiben wir diesen Aufwand an Entfremdung, an Entäußerung des Lebens an sich? Warum halten wir fest an diesem ausbeuterischen Wahnsinn in jederlei Hinsicht - physisch und psychisch?
Ich bin der Ansicht, daß wir uns mitten in einer folgenschweren Entscheidungsphase befinden, in erster Linie geschuldet unserem fortwährend tiefergreifenden Bewußtsein, welches uns Einsichten eröffnet, die unser gegenwärtiges gesellschaftliches Sein immer mehr in Frage zu stellen beginnen. Es dämmert uns eine Ahnung von einem Leben, welches wir bewußt gestaltend nicht mehr zwanghaft durch die massenhafte Produktion toter Materialien, Gebäude, Autos usw. ständig entäußern, von uns weisen, vernichten müssen. Es dämmert uns eine Ahnung von einem Leben, in dem Wissen nicht mehr vorrangig nach der ökonomischen Verwertbarkeit bemessen, sondern eingefügt wird in die Verwirklichung eines Lebenszusammenhanges, in welchem der Mensch einen Zuwachs an Fülle und Ganzheitlichkeit in sozialer und individueller Hinsicht spürbar erleben, erfahren kann.
Doch die meisten Menschen in der "modernen" westlichen Gesellschaft halten immer noch zwanghaft fest an ihren gewohnten Arbeits- und Lebensverhältnissen, auch wenn diese oft nur Widerwillen und Unzufriedenheit erzeugen. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ist hierfür symptomatisch.
Die Beherrschung unseres Lebens durch das Geld und die Wirtschaft und der materiell anspruchsvolle Lebensstil, den wir uns leisten und von welchem vor allem unser ständig kränkelndes Selbstwertgefühl abhängig gemacht wird, haben uns in die Sackgasse geführt.
Ich würde nicht unbedingt sagen, daß nach dem Zweiten Weltkrieg ein stetig wachsender Teil der sogenannten Arbeit nur noch dem Systemerhalt diente, ohne sonst noch irgend einen erkennbaren Sinn zu machen. Ich würde eher sagen, daß die Arbeit über den Systemerhalt hinaus in wachsendem Maße eine kompensatorische Schutzfunktion übernommen hat vor allem für all unsere inneren Defizite, die sich aus unserer weltzerstörerischen Arbeits- und Lebensweise täglich ergeben. Ja, viele Menschen jammern förmlich nach irgend einer Beschäftigung, selbst wenn diese nur ein stumpfsinniges, roboterhaftes bzw. totes Dahinarbeiten bedeutet. Auch wenn die Menschen mit ihrer Arbeit äußerst unzufrieden sein sollten, in den meisten Fällen bleibt ihnen eine für sie akzeptable Alternative verwehrt. Und eine akzeptable Alternative wäre dann für sie oft nur eine etwas weniger roboterhafte Tätigkeit mit der Möglichkeit, mehr Geld zu verdienen, um gerade ihren äußeren Lebensstil und ihr damit fest verwobenes Selbstwertgefühl aufrechterhalten zu können.
Es ist ein Teufelskreis. Die Arbeit in dieser Gesellschaft entzieht uns in einem fort die Lebensenergie, die wir an anderer Stelle mehr denn je benötigen (z.B. inneres Wachstum), aber oft nicht mehr aufbringen können. Diese Arbeit hält uns gefangen und hat damit unter anderem einen systemerhaltenen Charakter. Und in diesem Sinne kann eine theoretische Neudefinition der Arbeit gar nichts bewirken, weil das Leben als Ganzes, der Mensch als ganzes Wesen, der Lebenszusammenhang in erster Linie hinterfragt werden müssen. Gefordert ist die Selbsterkenntnis im weitesten Sinne. Und da die Selbsterkenntnis oft ganz andere Fragen aufwirft und ganz andere Konsequenzen nach sich zieht, als wir gewohnt sind, sträuben wir uns davor, haben Angst davor und arbeiten lieber den lieben, langen Tag für eine scheinbar unproblematische Mehrung unseres äußeren Reichtums. Und auch den durch die Arbeit geschaffenen, hergestellten Reichtum nutzen wir wiederum nur dazu, um die bohrenden Fragen zu verdrängen, um uns abzulenken, indem wir fast schon unbewußt und automatisch mit dem Reichtum fortlaufend kokettieren.
Die Arbeit in dieser Gesellschaft ist nach meiner Ansicht einerseits zunehmend eine Reaktion auf die Angst vor der Selbsterkenntnis und deren Konsequenzen. Andererseits schützt uns die Arbeit vor den Perversionen, die durch eine zu kurz gekommene und verhinderte Selbsterkenntnis mittlerweile entstanden sind. Wir haben nur noch einen unvollkommenen Bezug zu unserer inneren, psychischen Realität. Natürlich spielt dabei auch unsere seit der Aufklärung traditionell positivistische Weltanschauung eine große Rolle, die wohl überwiegend für unsere derzeitige geistige Verfassung verantwortlich ist. Diese Weltanschauung mißt unseren subjektiven Empfindungen und Befindlichkeiten nur eine Randbedeutung bei. Das Nützlichkeitsdenken hat hier seine Wurzeln: Wer keinen sichtbaren, meßbaren Nutzen erbringt ist selber von geringem Nutzen oder Wert. Dieses Denken vor allem setzt uns unter Druck. Ein ständig schlechtes Gewissen treibt uns zur Arbeit an und fordert unser uneingeschränktes Funktionieren. So gesehen ist es wohl kein Wunder, daß die innere Realität zum Teil nur noch ein Schattendasein fristet. Sie kommt häufig nur noch in pervertierter Form zum Ausbruch; sie kann sich äußern in der Kälte und Distanziertheit der Menschen im Umgang miteinander, oft hervorgerufen durch fehlendes Einfühlungsvermögen, was eine Isolation und fortschreitende Vereinsamung zur Folge haben kann; sie offenbart sich in der Gewalt - physisch und psychisch - innerhalb der Gesellschaft ganz allgemein (am Arbeitsplatz!), in der Gewalt, die sich durch alle Fernsehsender zieht und ganz anonym in der Bereitschaft für angeblich humane Kriegseinsätze - um nur einige Beispiele zu nennen. Wir arbeiten stumpfsinnig dahin und produzieren Krieg - innerlich und äußerlich - weil wir uns die Zeit, die Muße, die Faulheit nicht gönnen wollen, um endlich zu uns selbst als Mensch, zu unseren wahren, lebensbejahenden Potentialen zu finden. Wir gönnen uns die Ruhe nicht, weil die Anstrengungen, die wir unternehmen müßten, um aus der Sackgasse herauszukommen, uns zu überfordern drohen. Verlieren wir einmal den Arbeitplatz und eröffnen sich uns Freiräume, die wir nicht unmittelbar mit anderer Arbeit oder anderen ablenkenden Tätigkeiten ausfüllen können, dann kann es schon mal passieren, daß wir plötzlich vor einem Nichts stehen, und ein Gefühl der Wertlosigkeit, der Bedeutungslosigkeit macht sich in uns breit, wovor wir große Angst haben. Und die Angst bleibt solange bestehen, bis wir begreifen, daß wir auch ohne all die ständig im Überfluß produzierten Krücken einen Wert besitzen, der uns über das bisher Gewesene hinausweisen könnte!
Notwendige Tätigkeiten wird es immer geben. Doch brauchen wir keinen anderen, umdefinierten, "sinnvollen" Arbeitsbegriff, so wie es auch Herr Kurz in seinem Artikel eindrucksvoll klarzustellen vermochte. Die notwendige Tätigkeit würde sich in einer Gesellschaft, in der der Mensch zu sich selbst finden kann, einfügen in den Lebensprozeß und nicht mehr als Arbeit wahrgenommen werden - davon bin ich überzeugt. Ich möchte sogar soweit gehen und sagen, daß es notwendige Tätigkeiten im eigentlichen Sinne dann gar nicht mehr geben würde. Alles was der Mensch täte, äußerlich und innerlich, würde ihn als ganzen Menschen betreffen und ihm Lebensfülle verleihen. Ob es je zu solch einer Gesellschaft kommen wird, darüber entscheidet jeder einzelne bereits heute!
Die Entscheidungsphase ist angebrochen. Der Mensch wird sich seiner mißlichen Lage immer mehr bewußt und sucht verzweifelt nach Wegen aus dieser deutlich spürbaren Krise. Ob die Selbstheilungskräfte stark genug sein werden, um sich gegen das zweifellos Böse dieser Welt behaupten und es relativieren zu können, sei dahingestellt. Ich sehe immer mehr Menschen, die nicht mehr bereit sind, sich "hingebungsvoll" ihrem Schicksal zu fügen, um irgendeinem Arbeitsethos genüge zu tun. Kinder in der Schule verlieren zunehmend Respekt vor den "Autoritäten", die sie fit machen wollen für den Gehorsamkeits- und Funktionsdienst, der sie später erwartet. Und selbst die hohe Arbeitslosigkeit halte ich in dieser Phase des gesellschaftlichen Lebens für einen Segen und eine Chance, diese verkrustete Gesellschaft wenigstens ein bißchen aufzubrechen.
[14]
(von wegen zu Robert  kurz...)

BERICHT

Über den Besuch im Netto-Hauptlager in Stavenhagen im Rahmen einer Integrationsmaßnahme des Arbeitsamtes für Langzeitarbeitslose 12/96

Ich fragte - mich - , warum muß ich da hin, was soll ich da? Und wartete auf die Abfahrt. Die Fahrt führte über Glatteis und an Basepohl vorbei, wo ich 18 nette Monate bei der NVA verbrachte, finstere Zeit, schwarze Erinnerungen, kein Fahnenwechsel verändert das Geschehen an diesen Ort. Stavenhagen und Basepohl vereinigen allmählich ihre versiegelten Flächen, natürlich unnatürlich beleuchtet, auf einem Boden, wo vor Jahren noch Kohl und Zwiebeln wuchsen. Mittendrin in diesem Gewerbe-"Park"(!) die Netto-Hallen auf 1,5 ha Mutter Erde, umgeben von Straßen und Plätzen für gut 100 Autos. (Die warten auch.) Sammeln und Empfang im Foyer, Marsch in den Neondämmer des Lagers. Kaum mal ein Wort zu verstehen (den Sinn der Unternehmensausdänung schon eher, aber da wird mir immer wieder himmelangst um "unsere" Zukunft), permanentes Abgedudel dB-starker und schwach-sinniger Popmusik aus dem Lagerfunk + Lärm der AM, AG und AK. Kein Licht, Kiste hier hin, Kiste dort hin, Räderwerk.
80.000 m3 voller überdachtem Müll und ähnlichem, über das Land rollende Trucks. Von hier nach da und da nach hier und bis zum Ende der Welt. Minus 24°C mitten im nicht endenden Sommer - oder Europa wird wegen einer Eiszeit versteppen, das bleibt doch gleich gültig. Wie konnten unsere Ahnen überhaupt leben ohne Kühlschrank? Aber sauber und ordentlich und rechnergestützt und wirwarendiebesten: Netto: ich kaufe, also bin ich. Aber warum nur das Rattengift in den Regalen? Zurück ins Foyer, die Vertreter warten schon und auf ihren Kaffe, den gibt's auch in der Kantine, aber nur für Betriebsangehörige. Fast eine Stunde. Warten auf die Abfahrt. Wozu mußte ich da hin? Was sollte ich da?

BEWERBUNG

Nach dem Besuch sollten Probebewerbungen an Netto geschrieben werden:

Betrifft Bewerbung auf Ihre Werbung

Sehr geehrter Herr Hacker,
beeindruckt von Ihrer beeindruckenden ununterbrochenen Führung durch die kühl-erhabenen Lagerhallen und vom straffen Rackern Ihrer Untergebenen zur immer besseren Befriedigung der ständig wachsenden Bedürfnisse unseres greisen Volkes, erglühte in mir der Wunsch, mich einzureihen in die Kolonne auf dem Marsch in eine lichtere Zukunft, die sie um sich gescharrt haben.
Ich bin sehr anpassungsfähig, das betrifft u.a. das krankmachende Neonlicht und die schwachsinnige Hubbahubba-Musik und frage nicht groß nach dem Sinn, was ich tue. Hauptsache, die Firma expandiert.
Ich freue mich schon sehr auf ein vorstellendes Gespräch mit Ihnen.

Mit sozialistischem Gruß! (meine Unterschrift)

Tja, ich wurde natürlich sofort ans Arbeitsamt verpetzt, die beiden Schreiben dorthin gefaxt, was mir die Streichung der ALH einbringen sollte. (Erklärter Maßen dient das "Integrationszentrum" lediglich dazu, Arbeitsunwillige auszusieben.) Das ließ ich mit mir so nicht machen, und Ergebnis war, daß das Integrieren an mir nicht weiter statuiert wurde und ich auch nicht meinen Status verlor, obwohl die Spaßnahme für mich sehr vorfristig vorbei war. [25]

Frau ? - eine Odyssee, 5. Teil

aufgeschrieben von [2]
(1. Teil in LOVER 20, 2. Teil in LOVER 21, 3. Teil in LOVER 22, 4. Teil in LOVER 23)

Auch beim Einwohnermeldeamt wurde man nicht fündig. Um nähere Angaben zu ihrer Person zu finden, so wurde Frau ? von dem Polizeibeamten Strunz erklärt, bräuchte man zunächst einmal ihren Namen. In der Verbrecherkartei tauchte Frau ?s Gesicht Gott sei Dank ebenfalls nicht auf - als der Beamte Strunz gar nicht aufhören wollte, darin zu wühlen, konnte sich Frau ? die Frage, ob sie zu einem Mord oder Schlimmerem überhaupt fähig sei, nicht eindeutig mit 'Nein' beantworten. Einen Moment lang graute es Frau ? vor sich selbst, bluttriefende Phantasien - u.a. sah sie sich bei einem Doppelmord an Horst und dieser Meyer-Klarsen - liefen vor ihrem inneren Auge ab.
...bluttriefende Phantasien..."Tja, ich muß ihnen nach dem Sozialamt verweisen", unterbrach Strunz ihre düsteren Visionen. Kam es Frau ? nur so vor, oder blickte er ihr tatsächlich voller Mitleid nach? Als Frau ? beim Sozialamt angekommen war, spürte sie, wie sie die Kräfte verließen. Seit dem gestrigen Nachmittag hatte sie nicht mehr gegessen, wachsende Zukunftsängste zerrten an ihren zermürbten Nerven. Frau ? riß sich zusammen und steuerte mit dem Mut der Verzweiflung auf die erstbeste Bürotür zu. "Nu guck sich einer die vornehme Tussi an. Bist wohl das erste Mal hier, wa? Immer hübsch hinten anstellen", schnarchte sie ein offensichtlich dem Alkohol verfallener Mensch an.
Frau ? sah sich um, alle Stühle waren besetzt, bis auf den neben besagtem Trunksüchtigen. Seufzend ließ sich Frau ? nieder. Eine Dunstwolke aus Fusel, Schweiß und altem Urin nebelte sie ein. 'Wie hatte ich nur annehmen können, die nette Frau Schneider stinke?' - dies war ihr letzter Gedanke, bevor Frau ? in eine gnadenreiche Ohnmacht fiel.
"He, sie, wollen sie nicht oder können sie nicht?" Frau ? kam nur allmählich zu sich; vor ihr hatte sich eine robuste Mitarbeiterin des Sozialamts aufgebaut. "In fünf Minuten ist Feierabend, also wenn sie noch was wollen ..." - "Aber natürlich, ich soll mich hier melden. Mich schickt das Arbeitsamt, nein, der Polizeibeamte Strunz schickt mich. Ich weiß ja meinen Namen nicht. Schuld daran ist nur die Klarsen-Meyer. Aber in der Verbrecherkartei haben sie mich nicht gefunden. - Haben sie vielleicht irgendwas zu essen?" sprudelte es unkontrolliert aus Frau ? hervor. - "Sagen sie mal, haben sie was getrunken? Und auf Mitleid brauchen sie hier gar nicht zu machen - was zu essen, daß ich nicht lache! Geben sie ihr Geld nicht für Schnaps und Zigaretten aus, dann haben sie auch genug zu futtern!"
Es dauerte eine ganze Weile, bis Frau ? ihr Anliegen deutlich machen konnte. Frau Michailik - die Mitarbeiterin des Sozialamts, welche übrigens eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit mit Axel Schulz aufwies - würde wieder einmal nicht pünktlich nach Hause kommen. Kein Wunder also, daß sie dieser verworrene Fall nur noch mürrischer stimmen konnte.
"Erst einmal müssen wir ihnen einen Namen verpassen. Laut § 68 - Art. I, Absatz d des Sozialgesetzbuches sind für derartige Fälle folgende Namen vorgesehen, wovon sie einen frei auswählen können: Null, Keiner, Nichtig, Niemand, Nichtsnutz, Drückeberger, Wehrdienstverweigerer, na, den Rest erspare ich ihnen lieber. Haben sie sich entschieden?"
Beim Verlesen eines jeden Namens war Frau ? aufs neue schamvoll zusammengezuckt. Doch der bohrende Hunger erstickte all ihren Widerstand im Keim.
"Nichtig", hauchte sie ergeben. "Na, daran werden sie sich schon gewöhnen. Haben sie Vermögen?" - "Ja, ein paar Schecks über 2000 Mark." - "Auf welchen Namen?" - "Na auf Meyer." - "Dann vergessen sie die ganz schnell. Bargeld?" Frau ? kramte völlig mutlos in ihrer Geldbörse. "7,50 DM" - "Als Tagessatz stehen ihnen 16,10 DM zu, da kriegen sie heute also noch ..., warten sie mal ... Herrgott, wo ist denn der Taschenrechner schon wieder hin?" "8,60 DM", wisperte Frau Nichtig. "Was?!" - "8,60 DM", wiederholte Frau Nichtig ängstlich, während sich ihr das Gesicht von Axel Schulz bedrohlich näherte. "Wollen sie auch noch frech werden? Wenn ich's recht bedenke, ist der Tag ja schon fast rum, da kommen sie auch gut mit ihren 7,50 DM aus." - "Aber wie soll ich denn da die Übernachtungskosten für die Pension aufbringen?" brach es weinerlich aus Frau Nichtigs Kehle. "Pension? Nix Pension. Obdachlosenheim, Karl-Marx-Str. 15. Abmarsch sofort. Und denken sie daran, sich jeden Morgen pünktlich um 8 Uhr ihr Tagegeld abzuholen, sonst ist das null und nichtig, Frau Nichtig! Und jetzt raus. Die Überstunden bezahlt mir keiner!"
Frau Nichtig schleppte sich aus dem Sozialamt. Der immer wütender sich bemerkbar machende Hunger wies ihr die Richtung. Gott sei Dank war die Würstchenbude an der Ecke noch auf. Gestärkt mit einer köstlichen Currywurst, knusprigen Pommes Frites und einer prickelnden Fanta war Frau Nichtig erneut bereit, sich ihrem harten Schicksal zu stellen.
(Fortsetzung folgt)

DIE TÜR

(für [13])

Die Tür
nicht das Ding aus Holz
Die Tür
offen zu offnen Türen
zu offnen Wegen
zum Wald

Der Wald
nicht Bäume aus Holz
Der Wald aus atmenden Bäumen
Bäume aus atmendem Grün
Bruderberührung der Luft
Luft geatmet
in die offne Tür

Die Tür
nicht das Ding aus Holz

(Rose Ausländer)

KINDERREIM

Der Erste
  schenkt ihm            ein Gewehr
Der Zweite
                                    Munition
Den Dritten
  schießt er                            tot

DIE ROLLE DIE ICH SPIELE

Kriegte keine Fragen, kriegte keine Antworten.
Hab keinen Grund, es noch mal zu tun.
Zu müde, länger zuzuhören, zu kaputt, 'ne Maske zu tragen.
Ich versteh' nicht, was du mir sagen möchtest.
Mein Schädel dröhnt, meinen Körper schüttelt's.
Die Sachen, die wir sagen, wir werden sie wieder sagen.
Jetzt erinnere ich mich dessen, was du mir gabst.
Ich kann's nicht zulassen, daß du sie fortnimmst.

Der Ärger brennt mich aus wie Fieber.
Keiner sollte mir in den Weg treten.
Der Part, den ich zu spielen habe, läßt mich schweigen.
Alles, wonach ich frage ist, ob du mich wegschieben wirst.

Versuch nicht, mich zu erwischen, bitte gib mich nicht auf.
Alles, wonach ich frage: willst du, daß ich bei dir bleibe?
Ich versuchte, dir zu helfen, versuchte, dich zu beschützen.
Alles, was du tatest war, mich wegzuschieben.

Meine strahlenden Augen erloschen im Schlamm.
Weiß nicht, wohin ich heut' noch geh'.
Mein Herz sagt, bitte spiel' nicht mit mir.
Mehr ist da nicht, was noch Verbindung halten kann.

Bitte starre mich nicht so an, mehr bring' ich nicht zustande.
Bitte, mach' mich nicht fertig, ich will niemals erfahren müssen,
wie es ist, aus dem Leben zu fliegen.

(Ghosthouse, 1995)

Und nun?

Habt ein wonniges Leben bis zum nächsten! Zwischen Euren Schweißperlen wegen des Preisausschreibens und den Lachern über [?] wünsch ich Euch auch die Lust und Liebe, was von Euch zu geben.
An Musik beim Machen beeindruckten mich v.a. Ghosthouse, Jacobites und Steve Wynn.
Der 25. Lover jeden Hals bei Euch etwa am 15.3.0,
  Redaktionsschluß 4.3.0
Ro Li B., Subs Tanz 19, 17121 ZarneKlar

[PS:...stand da nicht irgendwo: "...die Frau, die sich auszog, um ihren Mann zu erlösen..."  ...oder so ähnlich?...]
[22]

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...oder so ähnlich?...