OVER
Nr. 25Du darfst nicht sagte die Eule
Du darfst nicht die Sonne besingen
Die Sonne ist nicht wichtig
Da nahm der Auerhahn die Sonne aus seinem Lied
Und schon ward es finster
(frei nach Kuhnert oder Kunze?)
Wann auch immer ich mit dir allein bin,
gibst du mir das Gefühl,
wieder zu Hause zu sein.
Wann auch immer ich mit dir allein bin,
gibst du mir das Gefühl,
wieder heil zu sein.
Wann auch immer ich mit dir allein bin,
gibst du mir das Gefühl,
wieder jung zu sein.
Wann auch immer ich mit dir allein bin,
gibst du mir das Gefühl,
wieder voll Freude zu sein.
Welche Entfernungen uns auch trennen
ich werde dich immer lieben.
Wie lange ich auch bleibe,
ich werde dich immer lieben.
Was auch für Worte ich sage,
immer werde ich dich lieben.
Ich werde dich immer lieben.
Wann auch immer ich mit dir allein bin,
gibst du mir das Gefühl,
wieder frei zu sein.
Wann auch immer ich mit dir allein bin,
gibst du mir das Gefühl,
wieder klar zu sein.
Welche Entfernungen uns auch trennen
ich werde dich immer lieben.
Wie lange ich auch bleibe,
ich werde dich immer lieben.
Was auch für Worte ich sage,
immer werde ich dich lieben.
Ich werde dich immer lieben.
(1989, übersetzt von Roland)
Prenzlauer
Berg, Erde, Europa, den 31.1.0000000
Hör mal zu, Du sensib...
"Sensibelchen" hatte mal einer zu mir gesagt. Das wollte ich Dir jetzt
nicht sagen...
Bei Sensib kam nur der Punkt... Aus... Erinnern...
Du beschreibst derart genau Ängste, Liebe, Kümmernisse...
Und: daß die Sensibleren diese Welt verändern werden.
Meine Träume drehen sich um ein... Daheim...
Ich finde Eure Gedichte - manche - himmlisch schön.
Und: Nathalies kleinen Löwen, der groß sein wollte... Wie
ich - lacht es. Die Meisten fühlten sich ausgelacht.
Eure schönen Liebes Bekennungen zum Leben dahin. Danke, Nathalie!
Danke Roland...
Euch alles Liebe Ute
Hallo Macher,
Ausgabe 24 beginnt mit einem schönen Vers und einer gelungenen
Collage - ein inhaltliches Versprechen, das so ziemlich das ganze Heft
hält. Allerdings scheint durch das Hetzen von Heft zu Heft gestalterisch
manch bessere Lösung aus dem Blick geraten zu sein. (v.a. S. 26/27)
Beeindruckend die Bilddokumentation über den bekifften Volksschreiber
Walter U.. Kann so ein Gesicht lügen? Spannung bietet die Fortsetzungsgeschichte
auf Seite 11. Was wird [22] [13] antworten? "Denkste!?"? Ich bin gespannt.
Da Tina selbst wohl nicht schreiben wird, möchte ich wenigstens ihre
Begeisterung für Oben ohne von [8] kundtun. Be-deutend durch-leuchtend
die Zeilen zu Gut und Böse von [17] - unterbrochen von einem Foto
auf Seite 18, das die Gedanken sehr ablenken kann. Ohnehin schwer verdaulicher
Studienstoff. Erinnert mich irgendwie an das Wort zum Sonntag. Guck ich
auch nur spaßeshalber.
Auch der fünffache Kinderreim stürzt sich so oft wiederholt
selbst in eine Akzeptanzkrise. Zumal er sich nicht mal reimt. Im Unterschied
zu meiner Schwester [3] finde ich die Legenden um AGs, Ersatzmode und -kassetten
sehr lesenswert und passend. Vielleicht haben ja alle anderen die junge
Welt abonniert. Ich nicht. Danke fürs Abtippen!
Deine Befürchtungen, daß die Netzversion lapsus LIVE kaputt
machen könnte, teile ich nicht. Das Netz ist eigentlich eine schnelle
Kommunikationsmöglichkeit, die leider auch Geld kostet (vor allem
die Hartware) und die in unseren Reihen nicht eben üppig zur Verfügung
steht. Kopierrechtsmäßig ist von den meist zitierten linken
Quellen wohl kaum Gefahr zu erwarten. Im schwersten Falle eine Unterlassungsbitte.
Beim Schallplattenmann beispielsweise heißt es ausdrücklich:
Nicht-kommerzielle Publikationen dürfen Artikel unter vollständiger
Quellenangabe wiedergeben. Eine konkrete Nachfrage führte bei "Es
war einmal..." zum OK. Der Kopierrechtsquatsch interessiert doch sowieso
nur bei kommerziellem Ausschlachten. Davon ist doch nun wirklich nichts
zu spüren. Ich sehe also keinerlei Veranlassung, etwas an der ziemlichen
Komplettübernahme der Hefte ins Netz zu ändern. Irgendwie wird
hier (leider) die Wirksamkeit dieser Seiten völlig überschätzt
- was die Einträge im Gästebuch eigentlich genügend beweisen
dürften...
Die angebotenen digitalen Skripte von LAPSUS LIVE Vorträgen würde
ich für die LAPSUS-Seiten im Netz gern entgegennehmen. Sowie Original-Bildmaterial,
Dia-Scan ist (noch) nicht möglich. Und nicht nur von dir.
Mit gemischten Gefühlen las ich die eher nicht witzige Erklärung
zur Organspende. Was soll das?
[Weiß ich auch nicht. War ein Beitrag Julias.]
Bahro tut zwar Bundesverdienstkreuzträger (warum wohl?) Gorbi
wesentlich zuviel der Ehre, aber der Heimatkundebeitrag sei zumindest den
Wunderkindern unter uns zum (noch harmlosen) Wundern ans Herz gelegt. Das
dicke Ende zum Wundern braut sich (spärlich verdeckt vom Tamtam lächerlich-systemtypischer
Affären) weiter zusammen. Selbst das beredte Bündnis für
Arbeit, die Konzernzusammenrottungen, Zyanidauffangbecken, die sowenig
dicht sind wie ihre Betreiber, oder der gewöhnliche Krieg im Kaukasus
werden schnell zu Randglossen beim ungebremsten Inanspruchnehmen aller
verwertbaren Ressourcen durch Kapital und/oder Nationalismus. Menschliches
Versagen mit Tradition wie das italienische Singvögelmorden addieren
sich nur noch dazu.
Tja, als die Mauer ging, ging mir vieles durch den Kopf, aber vor allem
der Zweifel am Verstand der wortwörtlich Bekloppten unter ihren Autodächern.
Meinten die wirklich "Wahnsinn", wie so oft geäußert!? Wußten
sie mehr, als man ihnen ansah?
Achim
Hallo Roland,
daß ich mit meinem Abo-Antrag gleich im lover24 gelandet bin,
hatte ich nicht erwartet. Ist die "Geklammerte Sieben" der Zusatzpunkt
für den Sieger?! Mich kennt (k)einer! ;-) hi, hi--- Auf diese Art
hast du mich zumindest ermuntert bei #10 mitzumachen. Ich kämpfe um
einen unbekannten Ehrentitel. Ansonsten werde ich bleiben wie Lutz - außenstehend
(aus lover23). (...)
Ach, nun reicht es mit dem Preisraussaugen. Ich möchte erstmal
weiter lesen, den lover24. Mit meiner Meinung kann ich im Moment weder
Lob noch Kritik wiedergeben. Es gefällt mir, was im Lover geschrieben
und wie es im Lover eingestellt wird (ohne Knastgedanken!?). Oft frage
ich mich, wieviel ihr vorher lest oder Artikel-Hefter wälzt, um dann
Entsprechendes für einen lover krönen zu können. Die Beiträge
sind nachdenkenswert und mir oft zu philosophisch. Und manchmal, wenn ich
zuviel auf einmal geschmökert habe, rutscht mir brubbelnd resigniert
die Bemerkung "lapsuse laberei" raus. Ich denke man muss euch kennen um
zu verstehen. Und - viele junge Leute sollten bei Leopold einkehren (wobei
ich uns nicht als alt aber doch als zweite Generation bezeichnen möchte)!!
Ich vermisse die aktiven Söhne und Töchter (vielleicht hab ich
sie ja auch noch nicht erkannt). Mir scheint vieles sehr tiefsinnig und
wichtig zu sein, was im Lover steht. ...Aufklären nannte es Achim
an irgend einer Stelle...
Tja, es ist online - und etwas Gutes neben vielem anderen Mist. Liebe
Grüsse!
geklammerte Sieben
(Mails für Leopold:)
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großem Interesse und auch mit nicht geringem Vergnügen
haben wir die letzten Ausgaben Ihres Unterhaltungsblatts "Liebhaber 2X"
gelesen. Gelungen finden wir auch die Seiten im Zwischennetz www.glücksstadt.de/...
Vielen Dank für die frohen Stunden!
Lasst uns weiter rollen! Lasst uns weiter steinigen!
Sigrid und Dirk
P.S.: Wie erstaunlich die Wahrnehmung verschiedener Menschen doch gleich
ist! Auch wir haben bemerkt, dass Pfingsten näher kommt! Aber uns
kommt es so vor, als ob auch Ostern, Weihnachten und der nächste Sonntag
immer näher rücken.
Lieber Leopold,
die Post kam wie üblich an, sonst würde sie ja als "undelivered"
zu dir zurückkommen. Zum Inhalt, das Heft hab ich erhalten, so gut
wie alle "geklauten" Texte kannte ich, mit den Neuen kann ich weiterhin
nicht allzuviel anfangen, den Kinderreim hatte ich dann beim dritten Lesen
verinnerlicht, das Bewerbungsschreiben bei "NETTO" sehr lustig, leider
sind Arbeitsplätze für unsere Ansprüche noch nicht erfunden,
Konzerttermine stehen wöchentlich in "TIP" und "Zitty" und für
Pfingsten sehe ich keine Öffnung der Grenzen um bestehende "Innercircles",
nebst der Gefahr einer Überdosis an spontaner Lebensfreude werde ich
mich stattdessen wie im letzten Jahr anonym ins Getümmel des Karneval
der Kulturen stürzen.
MfG, Frank
Schönen Tag & langes Lieben!
Will ich doch gleich mal mit lapsuser Laberei beginnen: Katzengejammer
(Kater-Jam-Session): "Zu mir! Probe! Alle Kater ma' ran hier! Wo bleibt
denn Kater Pult?" - "Der kann nicht, der Kater rackt schon woanders. Sagte
er & Du meinst, der Kater log?" - "Ach stimmt ja. Aber laß uns
nicht lange labern, los Katers, Strophe 1 bis 4. Aber dalli! Nu los Kater,
komm, beeil Dich!" & der Kater Lüsator hob den Taktstock &
alle jammerten, jamten & dann? Die Kater leckten sich die Schnauzen
& wollten, bis Kater Lonien & Kater Lase rollten. So. Weiter. &.
Denn wozu muß ich jeden Furz in die Welt hinausposaunen? Posau? Arschschwein?
Nicht aktiv sein, sondern attraktiv sein. Gut fand ich wiedermal, daß
der nächste Sonntag wie immer schon vorbei ist. Übel wird's mir,
wenn er am Klo vorbei... Denn mein Arbeitsplatz ist mein Kampftag und Nacht
wird blau gemacht, Arbeit platzt eh immer dazwischen. Ich meine, gibt es
überhaupt Arbeitsplätzchen? Wohl nicht. Als der Begriff entsprang,
war die Welt eh schon krank. Da finde ich, das Dia log, Bereitschaft der
Outer-Zirkel oder seine Austauschansätze nicht gerade notwendend.
Es gibt ja keine Not. & der Lover ist so offen wie mein Mund. Oder???
"Eigentlich ist für mich auch LAPSUS live kein Überlebenstraining."
(Zitat! Lover 8!) Heute hat er gesagt: ", obschon Überliebenstraining."
Versteht das doch auch keiner? So. Symbol. Wer (oder doch besser was?)
will denn die Symbolhaftigkeit der Welt beweisen oder das Gegenteil? Der
Wille braucht ne Kur. Klar kann die Mensch sich zur Metapher machen. Aber
ich empfinde gerade die Liebe als das, was uns die Welt eben nicht als
Symbol sehen läßt & Gemeinschaft als Metapher. Also, Sony
oder Tochter, während Du das hier liest, vergeht viel kostbare Zeit
Deines Lebens. Jammerschade. Ich verschüße mich,
N.T.
Du
machst mich fertig.
Hast mich erbarmungslos im Griff.
In deiner vernichtenden Hand.
Langsam wird mich das umbringen.
Du erstickst mich.
mir bleibt das virulente Gefühl von
Hoffnungslosigkeit
und nur noch Fürbitte um den Regen.
Es verschlägt mir den Atem,
ich ersticke im Schmutz.
Nirgends ein Schimmer.
Sondern trostlos und düster
wandern wieder die Stunden auf den Müll
dieser mörderischen Zeit.
Ach käme endlich der Regen.
Du zerbrichst mich.
Deine Hände machen mich platt.
So öde, aber es tötet.
Du würgst mich ab.
Nur noch Wirrnis.
Und versackt in Hoffnungslosigkeit.
Mein Gott, laß es regnen.
Ich habe genug.
Mein Leben ist einen Dreck wert.
Kein Funke noch glimmt.
Eintönig und erschöpft
verrecken die Stunden im Grab
dieser mörderischen Zeit.
Nur noch warten auf den Regen.
(1989, übersetzt von Roland)
Gib mir den Abschiedskuß,
schmeiß mich raus,
bevor ich im Schlaf versinke.
Kannst du nicht sehen?
Ich versuche ja zu schwimmen!
Das selbe tiefe Wasser wie du.
Das ist hart.
"Die überschwemmte Sandbank
verliert weniger als wir."
Du bringst die seltsamsten Wendungen
über deine Lippen:
"Und wir werden doch zusammensein..."
"Gib mir den Abschiedskuß,
beuge dein Haupt und komm mir nah."
Und das Gesicht spiegelt in ganzer Tiefe
das unfaßbare wieder,
das über deine Lippen weht.
Und die Falten glättet
und ein Lachen bringt dich ins Wanken.
Und Lachen richtet das Spiegelbild
zum süßen "So werden wir zusammensein..."
"Gib mir den Abschiedskuß",
schieb mich ab,
bevor ich schlafe.
Jetzt wird's tiefer, nunmehr wird's träger.
Seltsames äußerst du.
Doch ich verstehe nichts und fühle nichts.
Aber halte fest und still meine Hände,
bevor meine Augen erlöschen.
Und in meinen Augen wird dein Lächeln
das allerletzte sein,
das ich sehe bevor ich gehe...
Ich werde dich küssen!
Ich werde dich küssen!
Ich werde dich küssen
für alle Zeiten in Nächten wie dieser.
Ich werde dich küssen!
Ich werde dich küssen!
Und wir werden zusammensein...
(1989, übersetzt von Roland)
Suche:
Auf CDR gebrannt oder auch auf MC überspielt folgende CDs:
- The Cure: "bloodflowers"
- Roy Harper: "Death Or Glory" (aber auch alles andere von ihm außer
"Once", "Valentine")
- Soundtrack: "Zabriskie Point" (Neue Version DCD mit bisher unveröffentlichten
Tracks)
- Iron Butterfly: "Ball", "Metamorphosis" und / oder "In-A-Gadda-Da-Vida"
- Atari Teenage Riot: "60 Seconds Wipe Out"
- Renft: Klaus Renft Combo III (1999)
- Waco Brothers: "To The Last Dead Cowboy" oder andere CD
- Santana: "Supernatural"
- Stones: "Stripped"
Schön wären immer Kopien der Texte dazu...
Ro Ling
Geburtstag:
Und am 11. Merz ist Nina Hagen 45 geworden. Und ich empfehle wärmstens
eines ihrer letzten musikalischen Werke, ihre kraftvolle und eigenwillige
Interpretation indischer Mantras. Da ist Lebensenergie zu hören und
wird geweckt. Wer Ohren hat und ... , der höre und ...
URTÖNE
Regina Flügge:
Wie sieht eure gehobene Preisklasse aus??
1: Anni - was für eine tolle Frau und (eure) Mutter [2]
2: Regina, Ginger und/oder [ja]
3: Regina, nur [2]
4: Dirk!? - der größte Lover-Philosoph [kein Wunder bei
1 90... 2]
5: ein lover-mann?! - wahrscheinlich hab ich noch nicht die nötige
Lover-Tiefe, um zu erkennen, wer bei euch nicht englisch gut kann [Überlegen
Männer, ob sie eingeschnappt sein sollten? Na also. 0]
6: Brunhilde, wer immer das auch sein mag [Ich mags nicht sein. 1]
7: Regina = geklammerte sieben [2]
8: eine lover-frau?! - ganz cool geraten [Das brauchte man nicht raten,
Pina Fatamorgusw. 1]
9: Achim - ohne ps. (psst) [2]
10: loverin [0]
11: lover [0]
12, 13, 21: du, Roland [Naja, die 21? Ich äußere mich nie
"abfällig" und wenn, dann nur ohne Grund. Außerdem habe ich
überhaupt kein Laptop, kriege nie einen Extralover, beantworte die
Preisausschreiben auch nie selbst, weil ich die Fragen nicht verstehe usw.
2]
24: Pina! und Dirk? [Seltsames Paar 2]
Macht 18 Punkte, gut genügend! Zweite!
Achim:
1 Anni [2]
2 Regina [2]
3 Regina [2]
4 Dirk H. [2]
5 Ginger [2]
6 weiblich [1]
7 weiblich [1]
8 Nina [2]
9 Achim [Sicher? 2]
10 weiblich [Wer hätte das gedacht! Und wer hätte sich wohl
"Philoversoph" ausgedacht... 0]
11 Rose Ausländer [Scherz Keks 2]
12 Roland [2]
13 Roland [2]
14 Dirk H. [ja]
15 männlich [Was hat sie nur an sich??? 0]
16 Regina [2]
17 Dirk H. [2]
18 weiblich [1]
19 Nina [2]
20 Nina [2]
21 Achim [2]
22 Rose Ausländer [2]
23 Roland [2]
24 Nina [2]
25 Dirk H. [Na, ich muß doch bitten! Bin ich nicht unverwechselbar?
Und Dirk männlich? Oder? 1]
Z: [23] [2]
Macht 42 Punkte, gut gut! Vorletzter, aber dafür Klassenbester!
Und nun wollt ihrs wissen, gelt? War es unlösbar?
1 Anni
2, 3, 16 Regina Gorsleben
4, 14, 17 Dirk
5, 15, 18 Judith
6 Astrid
7 Regina Flügge
8, 19, 20, 24 Nina
9, 21 Vchim
10, 12, 13, 23, 25 Ro Li B.
11, 22, 26 Nathalie
An Achim sowieso großen Dank! Er ließ sich was einfallen,
damit ihr euch was einfallen lassen könnt. Und ich mal eine wohlverdiente
Pause einlegen kann.
Das nächste Preisausschreiben also für die Lütten und
die anderen können's mal mit "Richtig liegen" versuchen!
Zu den Zuschreibern für die LOver-Preisausschreiben gehört
kaum der Kreis der LAPSUS-Liliputaner. Damit die sich vielleicht etwas
mehr angesprochen fühlen, gibt's hier für sie das erste Märchenrätsel.
Wie heißen die Märchen, auf die die folgenden 8 Kurzbeschreibungen
zutreffen?
Wenn genug Zuschriften eintreffen, dann gibt es demnächst Teil
2 dieses Märchenrätsels.
Achso: unter allen richtigen Lösungen wird natürlich ein
märchenhafter Preis verlost. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen.
Auf die Beantwortung der Zusatzfrage bin ich besonders gespannt.
1. Beatquartett schlägt Gangster in die Flucht
2. Handverletzung führt zu Massenepedemie
3. Adlige lebt mit Bergarbeitern in der Kommune
4. Gammler verschleudert Eigentum
5. Bezahlung von Hausangestellten nach Leistung
6. Hässlicher Kidnapper zerfleischt sich selbst
7. Operation rettet bedrohte Herde
8. Federvieh ermöglicht Partybesuch
Z: Wo liegt Liliput?
Achim
"Beim Verlauf der deutschen Einheit ist ein ganzes Land über den Tisch gezogen und abgewickelt worden. Vielen von Ihnen sind dabei unbeschreibliche Verletzungen zugefügt worden. Das nenne ich eine neue Form von Faschismus. Es ist ein Trugschluß zu glauben, daß wir in demokratischen Verhältnissen leben. [...] Der Kapitalismus trägt über dem Grind ein Toupet. Unsere Gesellschaft ist offensichtlich wahnsinnig. Wenn das noch schlimmer wird und immer mehr Menschen arbeitslos werden und in Armut verrecken, dann kommt der Punkt, an dem sie sagen: Nein danke, das wollen wir nicht. Und dann werden sie den Superreichen ihre Marmorpuppen über den Schädel hauen. [...] Die Literatur des Turbo-Kapitalismus besteht zu großen Teilen aus Information. [...] Vielleicht ist der Kommunismus zu früh gekommen. Vielleicht muß alles nur noch viel schlimmer werden, bis die Massen endlich aufstehen und etwas dagegen tun. Aufhören, nur an Gewinn zu denken, daran denken, daß alle Menschen gleich geboren sind, die Liebe entdecken als Mitgefühl und Mitleiden, wieder verkehren wie Brüder und Schwestern, als große Vereinigung von Menschen, gehen auf der Brücke der Liebe..."
Es ist schwer, die Welt verbessern zu wollen, mit dem Geld der Leute,
die die Welt in Ordnung finden.
Mariposa
In den Sonnen den Strahlen.
Melodien auf die Tapeten gezaubert.
Bricht der Stab über dir dann mach das Licht aus.
Plastikworte wischen die kleinen Götter fort.
In der Sonne von Rumänien.
San Franzisco ist nicht weit.
Flugstunden entfernt wächst das große Fressen sich aus der
feisten Scheiße raus.
Shit! Shit! Shit! Shit!
Gepuderte Nasen am Hofe Ludwigs besoffen ins Mikro gesteckt.
Popper Penner das war gestern schon
ohne mich.
Schone meine Nerven
mit den verzerrten Zeichen.
Kannst du gehen dann jetzt oder nie.
Oh Shit! Shit! Shit! Shit!
Deine Munti muntert mich auf.
Komm blase nur ins Unterholz &
laß die Hosen runter.
Pina Sommergrün
Du hast so schöne Augen Clara. Augenfische
Schwimmen im fettigen Unterholz im Seetang.
Dein Blaukraut riecht nach brauner Erde.
Nur der Essig erinnert an den Geschmack feuchter rissiger Kohlrippen.
Durchgeschürft mit dem Messer zu beiden Seiten der Brandung.
Branntweingeruch & Essig. Das ist es was ich nicht leiden mag.
Die
Karpfen werden blau davon.
Blaugeäderte Halsmaserung wenn der Kragen enggebunden schwitzt.
Streng dich nicht so an bei der Durchtrennung der sehnigen Knorpelmuskulatur.
Fische haben keine Knochen. Die brauchen ja bloß schwimmen Clara.
Klar nehmen die noch einen.
Dreh bloß nicht deinen Kopf höher wenn die Locken zwinkern.
Deine nackten Halspartien irritieren mich trotz der blauen Äderung
der Muster
in denen ich leicht Tiere erkennen kann & verschiedene Märchengestalten:
Verhutzelte Weiblein mit Körben auf der Suche nach dem Seelenheil.
Eine Windsbraut & die sieben Schwäne mit Kronenköpfen
vorgereckt.
Räuberhauptmann Kruzifix die Möwe Leila & noch modernere
Leute.
Sogar dich Clara wenn ich noch höher schaue.
Aber ich versinke wieder in der blaubraunen Soße deiner Mandelschalenaugen.
Klapp den Deckel zu Clara. Es ist genug für heute.
Pina Sommergrün
Fassungslos
Tag wie des Nachts,
des Abends wie nach Erwachen,
was fernt auf dunklen Bahnen?
Karger Gesten, harrter Nacken
einer trüben Alltäglichkeit.
Einkehr längst geschehenen,
beschämendes Verleben.
Nein! Nein. Sprung!
Fühlen, lauschen...
Wahr bleibt,
was inmitten ruft:
Weite warmer Nächte,
Wärme erlösender Küsse,
Erlösen lebendigen Atems,
Atmen friedlicher Sterne,
Friede geborgener Nähe,
Geborgenheit sanfter Hände,
Sanftheit offener Weite,
dort, wo Weinen glücklich macht.
Ro Li B.
TRAUMWEH
Dieser große, freie Platz,
diese sich öffnende Weite.
Ich muß wählen, wohin.
Muß ich, aufgefordert?
Ich weiß es nicht.
Und du bist da, ja da!
Es ist so schön, dich zu sehen.
Und ich kann's nicht finden,
der Schmerz treibt mich um,
und ich finde's nicht.
Dich zu verlassen. Hilflos.
Verlassend verlassen.
Liebevoll voll Trauer.
Wie kann ich nur
Verlassen
Es bleibt falsch
bis ins graue Morgen.
Wassn Schnee
Versenkt
Besser nicht
Schauen, was da alles rostet
Griff an die Säule, Wirbel
Hohles Wanken rund ums Kreuz
Blitze lenden mich
Rechts und links hinauf hinab
Ich gebs auf
Mein Kopf gibt Laut
Unaufhörlich
Unaufmerksam
Wirrlichkeit
Und dann kommt der Schnee,
gleich und weiß und weit und unaufhaltsam.
Als könntes niemals enden,
doch Vater wird sich wundern.
Die Erwartung der Berührung treibt mich
Den Schweiß auf die Stirn
Und ich gehe baden
Viel zu lau pustet die Musik durch
Meinen Kopf schüttelt meine Seele
Wider tropfts hinab
In die Versenkung
Ein Kuß so schön wie ein Tag.
Doch mir fehlen die Worte
Ro Li B.
Wer bist du?
Wer ist das, pflanzt den Baum?
Wer gibt dem Leben Heimat?
An sich selbst - wer ist das?
Ein Spatenstich ins Erdreich.
Reiche Erde!
Was grabe ich hinein?
Was ich zu vergraben habe.
Vom Zauber getrieben
und schon überholt,
ist der Schatten geblieben.
Der Grund für das Himmelslicht?
Grüner Tanz im Lied des Windes.
Wer ist mit dir verwurzelt?
Du, ich der Baum.
Wer pflanzt.
Ro Li B.
"Nach der christlichen Religion heißt es doch, daß die Toten
wiederauferstehen. Doch wenn man jemanden sehr tief eingrabt, dann verhindert
man, daß er rauskommt. Und ökologisch ist es auch verkehrt.
Einem Baum müßte es gestattet sein, das Leben des Menschen zu
verlängern. Das heißt, wenn ein Baum auf einem Grab steht, dann
steigen sicher Teile des Menschen in den Baum. Das wär schön,
wenn der Baum von der Leiche profitiert."
(Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser, + 19.2.0.
Er wurde beigesetzt auf seinem Landgut in Neuseeland, im "Garten der glücklichen
Toten".)
you were wrong, when you said everything's gonna be alright
you were wrong, when you said everything's gonna be alright
you were right, when you said, that all, that glitters, isn't gold
you were right, when you said, all we are is dust in the wind
you were right, when you said, we are all just bricks in the wall
and when you said, manic depression is a frustrated mess
you were wrong, when you said everything's gonna be alright
yeah, you were wrong, when you said everything's gonna be alright
you were wrong, when you said everything's gonna be alright
you were right, when you said, you can't always get, what you want
you were right, when you said, it's a hard rain's gonna fall
you were right, when you said, we're still running against the wind
life goes on long after the thrill of living is gone
you were right, when you said, this is the end
do you ever think about it?
do you ever think about it?
do you ever think about it?
do you ever think about it?
DU LAGST RICHTIG
du lagst falsch, als du sagtest, alles würde gut werden
du lagst falsch, als du sagtest, alles würde gut werden
du lagst richtig, als du sagtest, das nicht alles, was glänzt,
gold ist
du lagst richtig, als du sagtest, alles was wir sind, ist staub im
wind
du lagst richtig, als du sagtest, wir sind alle steine in der mauer
und als du sagtest, manische depressionen sind ein frustrierter schlamassel
du lagst falsch, als du sagtest, alles würde gut werden
ja, du lagst falsch, als du sagtest, alles würde gut werden
du lagst falsch, als du sagtest, alles würde gut werden
du lagst richtig, als du sagtest, du kannst nicht immer kriegen, was
du willst
du lagst richtig, als du sagtest, es ist ein schwerer regen, der niedergeht
du lagst richtig, als du sagtest, wir laufen immer noch gegen den wind
leben geht weiter, lang nach dem der kitzel des lebens gegangen ist
du lagst richtig, als du sagtest, dies ist das ende
denkst du je drüber nach?
denkst du je drüber nach?
denkst du je drüber nach?
denkst du je drüber nach?
P.S. Auf welche Stücke welcher Bands wird in diesem Text angespielt?
Die betreffenden Textstellen sind unterstrichen.
Unter den richtigen Einsendungen wird eine CD verlost.
Achim
Mit Ton Steine Scherben zur anderen Seite durchgebrochen, erfanden die
Musik für den vierten Stand der DDR:
Freygang
Was
wird wohl einer, der nicht werden will, was sein Alter ist, in einem
Land, das die Alten fest im Griff haben? Zunächst einmal das selbe
wie sein Alter - Musiker. Aber ganz anders. Seit 1977 mit Band. Laut und
unartig. Ruppig und provokant. Steil und geil.
Der Typ heißt André Greiner-Pohl und seine Band Freygang.
Hier handelt es sich um jene Band der achtziger Jahre im Osten, die am
extremsten anders war. Magnet und Sammelbecken für die Underdogs,
jene, die mit der offiziellen DDR nichts am Hut hatten. Mithin gab Freygang
nicht einfach Konzerte, sondern zelebrierte musikalische Saturnalien, der
Tanzsaal wurde zum exterritorialen Gebiet, der Abend zum ideologischen
Freigang für das Publikum. Die CD "1983 Live in Ketzin" läßt
erahnen, wie damals die Luft brannte.[Auch heute legt Greiner-Pohl keinen
Wert auf Etikette, das brachte ihm den Ruf des verkommensten Ostrockmusikers
ein. Und musikalisch jenseits des Mainstreams CDs "Steil und geil" , "Landunter"
bei Buschfunk.]
Musikalisch starteten sie irgendwo zwischen Rolling Stones und Doors,
doch der wahre Durchbruch zur anderen Seite kam mit der Musik von Ton Steine
Scherben. Jetzt wurden die Texte immer deutlicher und waren ohne Wörterbuch
zu verstehen. Doch während die Scherben im Westen mehrheitlich von
Studenten gehört wurden, machte Freygang "Musik für den Vierten
Stand", wie es jemand mal treffend bemerkte. Nur durfte es diesen "Vierten
Stand" im Arbeiter- und Bauernstaat gar nicht geben. Verständlich,
daß da die Staatsmacht aufhorchte, Kulturhausleiter kalte Füße
bekamen, Konzerte absagten und die Band "... zu einer Aussprache in Kapellenangelegenheiten
..." in das "Berliner Haus für Kulturarbeit" einbestellt wurde.
Konnte das 1983 ausgesprochene zweijährige Auftrittsverbot [wegen
"Rowdytums" bei einem "Vorkommnis" auf der Autobahn, 2 Musiker reisen infolge
aus] noch durch geschicktes Taktieren des zur Band gestoßenen
Gitarristen Egon Kenner vorzeitig aufgehoben werden, war es nach einem
Eklat während eines Auftrittes 1986 endgültig: "... obzöne
Äußerungen, Belästigungen des Publikums, Widerstand gegen
die Staatsgewalt, Störung des sozialistischen Zusammenlebens ..."
hieß das im Behördendeutsch. [Greiner-Pohl wird während
eines Konzertes in der Nähe von Cottbus von der Volkspolizei abgeführt.
"Sie werden die Bühnen unseres Landes nie wieder betreten", sagte
der zuständige Stadtrat für Kultur Dr. Hartenhauer.]
Die Band war geerdet und der Mythos Freygang war geboren. Immer wieder
ging ein Raunen durch die Szene, daß es einen Auftritt von "André
und die Raketen", der "Egon Kenner Band" oder unter welchem Namen auch
immer gäbe. Kamen die Musiker dann doch nicht, fand dennoch eine trotzige
Party statt, wurden Aufkleber mit dem Motto "Ihr könnt mich mal. Freygang
lebt!" herumgereicht. [Greiner-Pohl z.B. als Fahrer der Band Die Firma
spielte dort Geige. Mit deren Musikern gründete er Tacheles - ein
Projekt mit experimenteller Musik und selbstgebauten Instrumenten.]
Zum Sommerschlußverkauf 1989 hatten die Genossen sich dann um
anderes zu kümmern, als darum, welche Band warum wo auftrat und Freygang
begann wieder zu spielen. [Siehe dazu auch Konzertkritik im Lover 4, Seite
13 "Freylauf")
Um die Konkursmasse der Band Die Firma und andere Musiker bereichert,
spielt sie noch heute. Oft mit einer unverhohlenen Wut darüber, daß
sich so viel geändert hat und dennoch alles beim alten geblieben ist.
Während aber die Weigerung vieler alter Ost-Bands, von der Bühne
abzutreten heute nur noch lächerlich wirkt, ist sie bei Freygang nur
eines - konsequent.
(Maik Hölzel, aus jW)
"Die Revolte ist älter als der Schall und jünger als der Alltag.
Sie sagt Dir: 'Nimm die Gitarre, den Baß, die Drums, die Orgel und
wenn mehr als die Hälfte der Leute, die Du kennst, sagen, daß
Du spinnst, dann weißt Du, daß Du auf dem richtigen Weg bist.'
Du spielst nicht, weil viele wollen, daß Du spielst, sondern Du spielst
erst recht. Du spielst so laut wie Du kannst, obwohl Du ahnst, daß
der Schrei, den Du spielst, nur das kleinere Nein bedeutet. Der große
Bruder dieses Neins wäre Selbstmord."
(Die Firma, CD "Kinder der Maschinenrepublik")
Es war faszinierend. Thomas und Jürgen Wagner, Sohn und Vater,
gaben eine Vorstellung oder wie man neuerdings sagt: Performance, die so
bislang noch nicht zu sehen war.
Weitab von der Gigantomanie neuer und alter Affairen konnte man ein
Solo-Konzert eines jungen Mannes sehen, das durch den malenden Vater mit
einem optischen Kontrapunkt versehen wurde. Ich muß freilich gestehen,
daß meine Aufmerksamkeit dem musikalischen Teil galt. Und das war
notwendig.
Die Lieder von Thomas Wagner sind an sich schon von beeindruckender
Dichte, wobei ein paar Ausnahmen den Regelfall nur bestätigen. Dazu
kommt der optische Eindruck eines Typen, der mit seiner Gitarre in der
Hand, vor einem billigen Mikrophon, ein paar verbeulten Schlagzeugteilen
und einer Mülltonne seine Songs aus sich herauswringt, daß man
den Eindruck hat, er würde sie sich gerade in diesem Moment aus dem
Herzen reißen.
Von den eingespielten Backingtapes hört man neben dem Drumcomputer
und gelegentlichen zusätzlichen Gitarren Stimmen von Kindern, Worte
von Albert Schweitzer und Flöten. Und dann sind es die scheinbaren
Kleinigkeiten, die den Abend unvergeßlich machen: der Moment nach
jeder halben Stunde, wenn Thomas eigenhändig das abgelaufene Band
gegen ein neues austauscht.
(DT 64, Parocktikum 3/89)
Herr Blum spricht:
Wie
das Leben ein Gesicht prägt und zeichnet, so zeichnet der Zeichner
sein Zeichenblatt. Die entstehenden Zeichen bestehen (ganz gleich bei welchem
Materialeinsatz) aus Linien, die sich aus dem Punkt entwickeln und bis
zur Fläche verbreitern können. Punkt-Linie-Fläche sind die
Elemente der Zeichnung - also zeichnerische Elemente. Bilden die zeichnerischen
Elemente ein organisches Ganzes im Verhältnis zur Zeichenfläche,
welche im Zu- und Gegeneinander das Blatt so strukturieren und formen,
daß sich in der Gesamtstrukturform die innere Kraft und seelische
Energie des Zeichners zeigt, dann handelt es sich um ein Bild. Die zeichnerischen
Elemente haben etwas gebildet, welches als Ganzheit betrachtbar ein Gleichnis
der inneren Welt des Zeichners ist. Wir haben eine Bildschöpfung vor
uns, deren Mittel Punkt, Linie, Fläche sind. Die zeichnerischen Elemente
sind dann bildnerische Mittel, wenn sie die inneren seelischen Kräfte
des Zeichners bergen und in diesem Sinne eine Gesamtstrukturform schöpfen,
die als eine Einheit betrachtbar ist.
In diesem Sinne entstehen bei den Aktionen des HERRn BLUM farbige Zeichnungen
als Stigmata gestischer Malhandlungen. Die Gesten der Malhandlungen sind
durch Musik und Poesie stimuliert. Ich überlasse mich völlig
dem Rausch der Rhythmen, Tonstrukturen und Worte. In dem Moment werden
die Gesten Zeugen und Täter innerer seelischer Energie, die sich auf
Grund konkreter Lebensbezüge bis zum Überquellen angestaut hat.
Zuerst wird das Blatt behandelt: es muß dulden und leiden. Risse
und Löcher sind nicht vermeidbar. Alles, was ich behandle durch meine
freie Tat, wirkt zurück als eine meiner aufgewendeten Kraft adäquate
Energie, die ich meinerseits dulden muß. Ich leide. Was leide ich?
Ich leide die Härte des Untergrundes bis hin zu Stauchungen und Rissen
in der Hand. Ich leide die mich umfliegenden Farbspritzer, die mich von
oben bis unten bedecken und das Wichtigste: ich leide die Zeichen, Strukturen
und Farben, die sofort auf meine Seele rückwirken. Es beginnt von
vornherein eine abenteuerliche Reise meiner Augen in das Land der von mir
gestisch geschöpften Zeichen, Flecken, Strukturen und Farben. Eine
endlose Zahl von Figurationen eröffnet sich. Eine bestimmte Gesamtfiguration
in Augenschein nehmend reagiere ich sofort dem Blatte dienend mit entsprechenden
Gesten. Das bewirkt eine neue, von der ersten völlig verschiedene
Figur, der ich mich beugen muß usw. usw.... Irgendwann erscheint
meinem Auge eine geschlossene Gesamtstruktur, die farbig und zeichnerisch
im Moment als fertig wirkt. Erschöpft höre ich auf zu handeln.
Obwohl mir eine geschlossene Gesamtstruktur erscheint, ist die Form
offen. Es liegt jetzt am Betrachter, Figurationen seiner eigen Welt in
der farbigen Linienstruktur des Blattes zu finden. Es wäre für
den Betrachter ein lohnendes produktiv-geistiges Abenteuer - aber ohne
materiellen Nutzen.
(Jürgen Wagner, 3/89)
Teil I
Die frühen Jahre - "Me And The Devil Blues"
"Es war einmal ein junger Mann/der trieb es leider ziemlich bunt/Der
Teufel kam um ihn zu holen/dafür gab es manchen Grund..."
(Paola: "Die Geschichte vom Teufel und dem jungen Mann")
Ein
musikalischer Rückblick aufs 20. Jahrhundert sollte eigentlich mit
den Feldforschungen von Francis James Child beginnen, der zwischen 1882
und 1898 sein fünfbändiges Werk "The English and Scottish Popular
Ballads" veröffentlichte und dadurch das Aussterben traditioneller
Folk-Songs (heute bekannt als "Child Ballads") verhinderte; oder der Einstieg
sollte am Anfang des Jahrhunderts erfolgen, als John Lomax die Lieder der
Viehtreiber sammelte und diese 1910 im Buch "Cowboy Songs" verewigte --
ohne ihn wäre z.B. "Streets Of Laredo" heute unbekannt. Beide Forschungsarbeiten
(und fortführende mit Alan Lomax und Charles Seeger) bilden heute
den Grundstock des "Archive of American Folk Song at the Library of Congress
in Washington", das im Mittelpunkt des Folk-Revivals am Ende der 50er-Jahre
stand.
Der Rückblick könnte auch inmitten der "Crossroads" der Südstaaten
beginnen -- mit der Legende von Robert Johnson, der mit dem Teufel um die
Wette Gitarre spielte und gewann. Sogar dem deutschen Schlager ist diese
nicht unbekannt, wenn sie auch dort bis zum Exzess verunstaltet wurde;
und Keith Richards wollte von Brian Jones wissen, wer denn der zweite Gitarrist
sei ("Das ist nur einer." - "Nur einer?" - "Nur einer!"), als die Rolling
Stones zum ersten Mal Aufnahmen von Robert Johnson hörten, der es
zeitlebens auf bloß 41 Aufnahmen von insgesamt 29 Kompositionen brachte,
bevor er am 16. August 1938 vergiftet wurde. Ja, ja, die Eifersucht...
Diese drei Kurzbeispiele zeigen jedenfalls deutlich, dass sich die
populäre Musik, so wie wir sie heute kennen, aus historischen Quellen
speist; sei es in der Folk-Music, im Country oder im Blues, die seit jüngerer
Gegenwart wiederum auch interdisziplinär verarbeitet werden -- wie
die Verarbeitung des Songs "Stagger Lee" beweist (unter anderen verschiedenen,
ähnlichen Schreibweisen bekannt): Tom Jones, Nick Cave, Sly &
The Family Stone, The Clash, Neil Diamond, Johnny Rivers, Professor Longhair
und unzählige mehr versuchten sich an einer definitiven Version...
Aber bleiben wir beim Blues: Originalaufnahmen aus den Anfangsjahren
zu erhalten ist vermutlich unbezahlbar, aber dank der technischen Entwicklung
und vor allem dank engagierter Musikliebhaber ist es nicht schwer, historische
Aufnahmen auf digitaler Basis zu ergattern. Viele scheuen sich allerdings
davor und geben sich mit Cover-Versionen zufrieden. Aber, und das sollte
uns allen klar sein, ein Eric Clapton wird nie an ein Robert-Johnson-Original
herankommen, selbst wenn er mit dem Teufel paktiert -- und das hat uns
wohl auch Bob Dylan in einem seiner besten Songs ("Blind Willie McTell")
mitzuteilen versucht, dass die Blues-Sängerinnen und -Sänger
der Frühzeit unerreicht sind; technisch perfekter mögen all die
Claptons und Knopflers sein, was aber deren Intensität anbelangt,
haben sie vermutlich noch nicht mal Gesellenstatus erreicht.
Somit seien einige Kaufempfehlungen ausgesprochen:
Das faszinierende CD-Feature "Und trotzdem haben wir immerzu geträumt
davon" berichtet über Leben, Lieben und Arbeiten des DDR-Schriftstellerpaares
Brigitte Reimann ("Franziska Linkerhand") und Siegfried Pitschmann während
der sechziger Jahre.
Feature-Spezialistin Sabine Ranzinger brachte Pitschmann zum Erzählen
und lässt Passagen aus Brigitte Reimanns Tagebuch-Romanen "Ich bedaure
nichts" und "Alles schmeckt nach Abschied" von der Theaterschauspielerin
Susanne Bard lesen, während die melancholischen Klänge von John
Claymans Solo-Saxophon diese Zuhör-Stunde begleiten. Die CD und das
informative 16-Seiten-Booklet machen vor allem auch neugierig auf die literarischen
Arbeiten dieser intensiven Jägerin nach Liebe, Sinnlichkeit und Intensität.
ÜBERBLICK ÜBER DEUTSCHLAND
(aus einem Geschichtsbuch vom Verlag Volk und Wissen 1952)
Die Westmächte haben in ihrem Besatzungsgebiet vor allem die Fabriken
ausgebaut, in denen Kriegsmaterial hergestellt wird. Immer mehr Truppen
haben sie nach Westdeutschland gebracht. Fruchtbare Felder haben sie in
Truppenübungsplätze und Kriegsflugplätze verwandelt. Im
Jahre 1948 spalteten sie das von ihnen besetzte Gebiet vom übrigen
Deutschland ab, um ungestört ihre Kriegsvorbereitungen betreiben zu
können. Sie setzten in Westdeutschland als Regierung eine Gruppe von
Kapitalisten ein, die am Krieg verdienen wollen. Diese haben sich sogar
verpflichtet, ihnen ein Söldnerheer zur Verfügung zu stellen.
Daran erkennt das ganze Volk, daß sie Verräter sind.
In Hamburg laufen jetzt weniger Schiffe ein und aus als früher.
Tausende von Hafenarbeitern haben keine Arbeit. Die westlichen Besatzungsmächte
haben verboten, daß Waren für die Deutsche Demokratische Republik
in Hamburg in Flußschiffe oder Eisenbahnwagen umgeladen werden. Zur
Vorbereitung eines dritten Weltkrieges bringen ausländische Schiffe
Waffen und Munition nach Deutschland. Die Hamburger Hafenarbeiter haben
sich mehrmals geweigert, diese Ladungen zu löschen. Sie wollen für
den Frieden, nicht aber für den Krieg arbeiten. Viele von ihnen denken
oft an Ernst Thälmann, der in Hamburg geboren wurde und dort lange
Zeit lebte. Schon vor 50 Jahren kämpfte er in Hamburg für den
Frieden und ein besseres Leben. Wenn die Einheit Deutschlands wiederhergestellt
ist, wird Hamburg seine frühere Bedeutung wiedererlangen.
In ganz Deutschland sparen die Werktätigen Geld für den Neuaufbau
ihrer Hauptstadt. Infolge der Spaltung unseres Heimatlandes durch die Westmächte
kann der Aufbau zunächst nur im demokratischen Sektor Berlins erfolgen.
Aber nach Wiederherstellung der Einheit Deutschlands werden auch in Westberlin
neue Wohnviertel gebaut werden. Im demokratischen Sektor von Groß-Berlin
haben alle Werktätigen Arbeit. Die Westmächte, hauptsächlich
die USA, waren von Anfang an bestrebt, in ihrem Besatzungsgebiet Vorbereitungen
für einen neuen Krieg zu treffen. In den Betrieben der Friedensindustrie
stehen jedoch viele Maschinen still. Die amerikanischen Kriegstreiber haben
viele Truppen nach Westberlin gebracht. Ihre Panzer richten bei Kriegsübungen
im Grunewald großen Schaden an. Von Westberlin aus schicken die Kriegstreiber
Verbrecherbanden in unsere Republik. Diese sollen durch Sprengungen und
das Ausstreuen von Gerüchten unseren friedlichen Aufbau stören.
Aber die Volkspolizisten und die Werktätigen sind wachsam und verhindern
die Durchführung dieser Pläne.
Der demokratische Sektor der Hauptstadt Deutschlands ist der Mittelpunkt
des Kampfes für Frieden, Einheit, Demokratie und Sozialismus. Hier
tagen das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands,
der Zentralrat der Freien Deutschen Jugend und der Bundesvorstand des Freien
Deutschen Gewerkschaftsbundes. Sie beraten, wie man den Aufbau weiter vorantreiben
und wie man ihn gegen Angriffe sichern kann. In Berlin steht auch das Zentralhaus
der Jungen Pioniere, in dem mehr als 80 Arbeitsgemeinschaften für
die strebsamsten Pioniere stattfinden.
In Berlin finden oft große Versammlungen und Tagungen statt.
Dabei bekennen Männer und Frauen, Jungen und Mädchen immer wieder,
daß sie zusammen mit der Sowjetunion und allen friedliebenden Völkern
für den Frieden kämpfen wollen. Das größte Treffen,
das Berlin je erlebte, waren die III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten
für den Frieden im August 1951. Hunderttausende Jungen und Mädchen
aus ganz Deutschland kamen damals mit Jugendlichen aus allen Ländern
der Erde zusammen. In einer großen Kundgebung legte die Jugend der
Welt den Schwur ab, der Sache des Friedens treu zu bleiben.
In der Deutschen Demokratischen Republik setzen die Werktätigen
mit Hilfe der Sowjetunion ihre friedliche Aufbauarbeit zielbewußt
fort. Dadurch schaffen sie die Grundlage für ein einheitliches, friedliebendes
Deutschland. Mit ihnen kämpfen alle friedliebenden Menschen im Westen
unseres Heimatlandes und in der ganzen Welt. Nach der Wiederherstellung
der Einheit Deutschlands wird das ganze deutsche Volk seine Wirtschaft
so aufbauen, daß sie dem Frieden und dem Wohle aller Werktätigen
dient.
1.
Soll die Herausforderung, vor die sich die chemische Industrie gestellt
sieht, nachdem sie sie selbst geschaffen hat, in einer konventionellen
Debatte über mehr oder weniger unternehmerischer Autonomie, über
mehr Markt oder mehr Staat weggearbeitet werden?
Das geht nicht mehr auf, obwohl Sie für diese drei Tage damit
über die Runden kommen könnten. Übrigens teile ich in dem
eben erwähnten, untergeordneten Punkt die Idee des deutschen ortholiberalen
CDU-Vor- und Querdenkers Kurt Biedenkopf (siehe sein Werk "Die neue Sicht
der Dinge", das von den Adressaten in Wirtschaft und Politik viel zu wenig
zur Kenntnis genommen worden ist), daß es vor allem auf eine politökonomische
Globalsteuerung des Umweltschutzes ankäme. Die würde der Industrie
also die Initiative für einen Wettlauf um die relativ geringste Störung
des Naturgleichgewichts überlassen, müßte sie ihr aber
zugleich auch aufzwingen. Es müßte sehr teuer werden, es bei
Flickwerk zu belassen. Es müßte teurer werden, verheerende Investitionen
noch schnell amortisieren zu wollen, als sie vorzeitig abzuschreiben. Deshalb
müßte so eine Globalsteuerung nicht über "zulässige
Höchstwerte" regeln - wo auch Biedenkopf noch verhält -, sondern
sie müßte jeden Ressourcenverbrauch und jede Umweltbelastung
von Null an progressiv besteuern. Stellen Sie sich vor, Sie müßten
die millionste Kilowattstunde weitaus teurer bezahlen als die tausendste!
Ich bin dafür, soviel politischen Druck in der Öffentlichkeit
zu organisieren, daß Sie sich das gefallen lassen müssen. Und
falls Sie das industriefeindlich finden, muß öffentlich auch
noch viel stärker klargestellt werden, wie menschenfeindlich, lebensfeindlich
die bisherige Praxis ist. Sie müssen selbst ein Interesse haben, aus
so einer unerfreulichen Alternative heraus oder vielmehr gar nicht erst
in sie hineinzukommen.
Jedoch bedeutet "Umweltschutz" selbst in diesem relativ radikalen Sinne
noch immer nicht den Ausbruch aus dem struktuellen Dilemma, in dem wir
uns industriell bewegen. Der Physiker und Ökonom Nicolas Georgescu-Roegen
hat gezeigt, Ökonomie steht insofern in einem grundlegenden und unvermeidlichen
Gegensatz zur Ökologie, als industrielle Produktion auf jeden Fall
Entropie vermehrt: Volles Recycling ist bekanntlich unmöglich, und
andererseits ist die Erde eben begrenzt. Wir verkürzen gegenwärtig,
auch falls wir nicht auf die zu befürchtende Totalkatastrophe zusteuern
sollten, jedes Jahr die mögliche Lebensdauer des Menschen auf diesem
Planeten um wenigsten eine ganze Generation.
Bisher heißt "Umweltschutz" sowieso selten mehr als daß
wir, um Schaden zu vermeiden, noch mehr Material und Energie in den Prozeß
hineinstecken, die Gesamtbelastung also noch vermehren. Wir setzen dem
Industriesystem Filter auf, ein Stockwerk mehr. Der Kollaps kommt dann,
während wir uns gerade wieder mal mit einer Umweltschutz-Investbilanz
getröstet haben, um so heftiger.
"Umwelt" und "Umweltkrise" - die Worte täuschen offenbar in doppelter
Hinsicht. Sie verdecken zum einen, es handelt sich um eine Krise "innen",
nämlich um eine Krise der menschlichen Existenz und Zivilisation,
von der wir uns ablenken, indem wir sie "außen" benennen. Zum anderen
heben die Worte Symptome hervor, während wir uns die Tiefenstruktur
der Phänomene, sozusagen um die Geologie der Selbstausrottung kümmern
müßten, die wir betreiben. "Umweltkrise" verbirgt uns, daß
wir eine ökologische Krise haben, d.h. eine Krise des Verhältnisses
zwischen dem Menschen und seinem "Ökotop", der ganzen belebten Erde,
die wir Ökologen "Gaia" nennen.
Warum
sehen wir diese ökologische Krise gar nicht? Sagen Sie nicht zu schnell:
"Alles bekannt!" Deutschlands universellster Philosoph Georg Hegel mag
uns daran erinnern: "Bekannt ist noch lange nicht erkannt." Wir sehen diese
ökologische Krise deshalb nicht, weil wir unserer egozentrischen Verfassung
nach niemals zuerst auf den Baum achten werden, der nicht mit uns konkurriert,
sondern immer zuerst auf den Rivalen. Sehen Sie sich Ihr Konferenzprogramm
an! Ein Napoleon wird niemals die Natur oder auch nur den Mitmenschen ausgiebig
ins Auge fassen, stets die meiste Zeit den anderen Napoleon, um wenigstens
die halbe Welt gegen ihn zusammenzuraffen.
Es sitzt sehr tief. Schon der athenische Stadtbürger Sokrates
sagte vor eben diesem zivilisierten Hintergrund des Machtkampfes unter
Menschen, vorzüglich Männern: "Bäume können mich nichts
lehren." Ebenso beichtet der sozialistische Dichter Bertolt Brecht: "Und
die Natur sah ich ohne Geduld." Interessieren Sie sich für Tiere?
Dann denken Sie zuerst daran, daß Ihre Industrie vor allem die Geduld
hat, sie zu Millionen und Millionen in barbarischen Tierversuchen zu beobachten
und umzubringen, zum Wohle des Menschen als Krone der Schöpfung und
zum Zwecke der Konkurrenz bei der Produktion von Profit und Prestige!
2.
Für die Welt als ganze läßt sich die Frage nach externen
Kontrollen bekanntlich überhaupt nicht stellen. Und Selbstkontrolle
ist auch der einzige organische, ist zugleich der einzig verläßliche
und hinreichende Weg, die Stabilität eines Systems zu wahren. Wo von
außen manipuliert werden muß, ist auf einen beschränkten
Steuermann innen zu schließen.
Indem Sie anerkennen, daß überhaupt externe Kontrolle notwendig
ist, gehen Sie offenbar bewußt von der Beschränktheit (nehmen
Sie den Begriff nicht moralisch, sondern philosophisch) der Interessen
aus, die die chemische Industrie regieren. Es sind Interessen eines Teilsystems,
die aber die Tendenz haben, sich verdammt souverän zu setzen, weil
sie soviel Macht und Masse auf die Waage bringen. Es geht, wie Sie ja mit
dem Konferenzprogramm auch zugeben, nicht um das Wohl des Lebens auf der
Erde oder wenigstens um das Wohl des Menschen (ja, ja, das versteht sich
natürlich von selbst, nicht wahr, davon müssen wir doch nicht
mehr reden!), nein, es geht um Wachstum und Profitabilität Ihres Industriezweiges.
Und Sie selbst definieren sich auf diese Weise keineswegs als komplette
menschliche Individuen, sondern als interessierte Funktionäre, die
natürlich auch noch ein privates Interesse daran haben, daß
der Zug nicht aus dem Gleis springt, wohin er auch führe.
Immerhin können wir uns sicherlich einigen, die chemische Industrie
und die Industrie überhaupt hat nicht die Eigenschaft des Mikrokosmos,
der das ganze vertreten kann, sondern ist ein Teilsystem des Ganzen, und
zwar bloß erst des sozialen Ganzen, das seinerseits mit anthropozentrischer
Blindheit geschlagen ist, seinerseits im Gegensatz zum Naturganzen konstituiert
ist. Dieses soziale Ganze - zudem in sich selbst tief gespalten, ich sage
nur Nord-Süd! - funktioniert wirklich nicht als Mikrokosmos der Gesamtnatur,
sondern vielmehr als Parasit an ihr. Wir testen herostratisch, was die
"Gaia" aushält.
Wie die Gesellschaft insgesamt, und insbesondere unsere weiße
Gesellschaft einstiger Kreuz-, heutiger industrieller Beuteritter, zur
Erde steht, dabei spielt nun rückwirkend eine besondere Rolle, daß
die Industrie ihrerseits das soziale Ganze einseitig dominiert. Wir haben
verhängnisvollerweise eine Wirtschaftsgesellschaft, d.h. die Funktion
des Gesamtsystems Gesellschaft wird andauernd durch das hypertrophe Teilsystem
Wirtschaft überdeterminiert. Das Interesse an der Multiplikation von
Geld als Machtmittel beherrscht den sozialen Organismus. Es wirkt wie ein
Herbizid, das die Pflanze tötet, indem es sie zu schnellem Längenwachstum
treibt.
Die vielgerühmte Genialität des Marktes als Regulator regelt
- wenn man ihn, selten genug, läßt - nur Proportionen innerhalb
dieses prinzipiell expansionistischen, damit prinzipiell exterministischen,
selbstmörderischen Prozesses. Sie wissen, Adam Smith hat die Unsichtbare
Hand der Marktkräfte gepriesen. Ja, er hat dem Markt die Fähigkeit
des Großen Steuermannes zuerkannt, die der mittelalterliche Mensch
dem Lieben Gott zuzudenken pflegte. Die Subjekte auf dem Markt hat er sozusagen
nachträglich moralisch gerechtfertigt, weil am wachsenden Wohlstand
für den immer ausgedehnteren Siebten Tag zu sehen war, was Gott über
seine Schöpfung gesagt haben soll: Siehe, es war gut.
Der Konferenzplan unterstellt die chemische Industrie de facto als
ein in sich selbst moralisches Subjekt, das dem kategorischen Imperativ
des Gemeinwohls folgt. Nur unter dieser Bedingung nämlich muß
er nicht fragen, ob es überhaupt weitergehen darf. In Wirklichkeit
können Sie alle hier, zumal Sie nicht einmal als Vorstandsvorsitzender
real die Herren auch nur dieses sozialen Teilbereichs Chemische Industrie
wären, gar nicht verantworten, was beim MANAGING INTO THE FUTURE herauskommen
wird. Sie wissen es gar nicht. Sie sind bereit, die Kaputtindustrialisierung
der Welt billigend in Kauf zu nehmen, indem Sie diese Industrie managen.
Natürlich verdrängen Sie gewöhnlich diese Realität
und verteidigen sich noch mit überholten Phrasen, wonach die Wissenschaft
schon das Unheil wieder einholen wird, das sie täglich erweitert reproduziert.
Ich will nicht im einzelnen mit Ihnen rechten, wieviel externe Kontrollen
nun notwendig sind, um die chemische Industrie an die Überlebensbedingungen
der Menschheit zurückzubinden. Schon auf den ersten Blick brauchte
es dazu nicht so sehr mehr als vielmehr stärkeren Staat, nach dem
das Volk denn auch bereits deutlich zu rufen begonnen hat. Dennoch ist
gar nicht soviel Kontrolle staatlich realisierbar, wie nötig wäre,
um verfassungskonform Schaden von der Bevölkerung abzuwenden. Haben
Sie doch selbst erst 60 Jahre nach Produktionsaufnahme erfahren, daß
Formaldehyd Krebs erzeugt.
So fällt die Verantwortung letztlich dennoch auf Sie zurück,
aber auf Sie persönlich, auf Sie als Menschen, die beruflich einer
insgesamt problematisch gewordenen Beschäftigung nachgehen. Sie sind
da gewiß nicht die einzigen, aber das Selbstausrottungspotential
der chemischen Industrie ist besonders hoch.
3.
Die wissenschaftlich-industrielle Massenproduktion ist die Ursache
dafür, daß wir uns weltweit die Urelemente Erde, Wasser, Luft
und Feuer vergiften und daß wir unseren atmosphärischen Kokon
für die kosmischen Strahlen öffnen. Zumindest in Deutschland
genügt es inzwischen, einen SPIEGEL-Jahrgang durchzusehen, um alles
zusammen zu haben: Wir kippen den Wärmehaushalt der Erde, wir werden
uns das Wasser bis an die Mittelgebirge holen. Wir Haben den Boden schon
so versalzen und versäuert, daß die Experten 100 Jahre eine
kurze Zeit finden, um den Wald wieder gedeihen zu lassen. Unsere industrieabhängige
Landwirtschft ist eine einzige Ökokatastrophe, und es sind zu allerletzt
die Bauern schuld. Das agrochemische Geschäft der "Grünen Revolution"
hat sich weltweit als Rückschlag erwiesen. Wenn wir das Artensterben
aufhalten wollen, müssen wir nach einschlägigen Berechnungen
unseres Kilowattstundensatz pro Quadratkilometer (nur 1 Indikator) um mindestens
90% zurücknehmen. Soll das Erdmagnetfeld, das die kosmischen Teilchen
um uns herumlenkt, nicht noch weiter nachlassen, muß die Grünmasse
der Biosphäre wieder annähernd verdoppelt werden. Allein wegen
der Ozonschicht muß sofort u.a. die ganze Polyurethan-Produktion
eingestellt werden.
Niemand
von Ihnen wird behaupten, daß es hier wirklich um gezielte Kleinkorrekturen
geht. Es handelt sich letztlich nicht einmal um die Industrie, sondern
um die Industriegesellschaft. So zeugt die Frage nach mehr oder weniger
externen Kontrollen eigentlich für eine inadäquate Gesamtperspektive
dieser Konferenzplanung. Sie lenkt vom Wesentlichen ab. Da diese Planung
sicherlich von den besten Leuten gemacht worden ist - um so aufschlußreicher
und herausfordernder! Wie viele von Ihnen halten eigentlich so eine Orientierung
privat bereits für Nonsens?
Das Wesentlich ist industrielle Abrüstung, und zwar, wie wir aus
dem Rüstungssektor wissen, einseitige Abrüstung. Die Überlegung,
wer dann wohl in Südostasien oder anderswo aufkommen wird, muß
entfallen. Es gilt, was der der CDU angehörende Fernsehjournalist
Franz Alt zum militärischen Wettrüsten gesagt hat: "Einer muß
anfangen aufzuhören." Anstatt, beispielsweise, den Sowjets unsere
hervorragende nukleare Sicherheit zu verkaufen, damit sie tiefer in ihren
auch uns bedrohenden Tschernobylismus hineinmarschieren können, sind
unsere Spitzenpositionen in "sicheren" Atomkraftwerken ein Grund mehr,
sie zuerst abzuschalten.
Ist es so schwer zu akzeptieren, daß unsere ganze Expedition
seit der Renaissance eine falsche Phase mitführt? Mit dem wissenschaftlich-technischen
Fortschritt in der bisherigen Anlage, Grundrichtung und Massenkraft scheitert
die Evolution des Menschen, scheitert die Evolution des Lebens auf der
Erde. Wir benutzen unseren Geist, um uns materiell den möglichen guten
Ausgang zu verstopfen. Ist es nicht an der Zeit, daß wir selbst nach
dem Meister rufen, wir Zauberlehrlinge des Mehr, Schneller, Höher,
Weiter?!
4.
Solange wir die ökologische, d.h. die zivilisatorische Krise,
die Krise des materialistisch befangenen Menschengeistes bloß als
Umweltkrise sehen, haben wir nicht verstanden, was die Uhr geschlagen hat.
Wenn wir nichts tun als einige besonders auffällige spezifische Schadwirkungen
propagandawirksam zu vermeiden, was werden wir ernten? Ein paar unliebsame
dirigistische Maßnahmen und Umweltpolizeibesuche mehr, ausgehend
von einem bürokratisch aufgeblasenen, aber politisch impotenten Nachtwächterstaat?
Da wird es ein böses Erwachen geben! Wir werden eine von den wachsenden
und sich summierenden Notständen auf den Plan gerufene Ökodiktatur
erleben. Man wird, angetrieben durch drohende Massenkrawalle, Ihre Hauptproduktionslinien
stoppen, da Sie nicht beweisen können, daß sie unschädlich
sind. Und es werden auf Annoncen "Chemiker in gehobener Position sucht
aufbauende liebe Frau" keine Antworten mehr eingehen, wenn nicht gar Verwünschungen
kommen.
Wie
lange noch, und es werden alle wissen, daß es sich nicht um Dioxine
handelt, sondern um die Kohlenwasserstoffe insgesamt? Und auch nicht um
die Kohlenwasserstoffe, sondern um die chemische Massenproduktion überhaupt?
Nämlich um die mindestens zehnmal zu hohe Grundlast, mit der wir industriell
das planetarische Gleichgewicht stören! Uns ist die Sensibilität
dafür verloren gegangen, was die alten Griechen Hybris nannten. Und
die rächende Nemesis, die von weit harmloseren Verstößen
als unseren herbeigerufen wurde, wollen wir partout auch nicht mehr kennen.
Uns ist deutlich die Flammenschrift an der Wand erschienen, aber wir veranstalten
hier dieses quasimilitärische Planspiel. Am ersten Tag, nämlich
heute, spielen wir zunächst die Feindlage durch: welche faktoren halten
den Siegeszug der chemischen Massenproduktion auf? Naturreaktionen, Umweltschützer,
neue Konkurrenten. Weitere Materialschlachten sind von vornherein einkalkuliert,
liebenswerterweise bei gesenkten spezifischen Verbräuchen. Morgen
wollen Sie dann die Ressourcen für den Gegenangriff Revue passieren
lassen. Am dritten Tag geht es dann um das Kanaan, in dem der Eroberungszug
ankommen soll: die schöne hellgrüne, hellblaue, hellrote Zukunftswelt
der sanften Chemie, in der Sie mit Massenproduktion Profite machen wollen
wie eh und je. Und der Manager, was tut der? Nun, er managt die wunderbare
Geldvermehrung. Die himmlische Langeweile ist nichts gegen soviel Phantasielosigkeit.
Über die Punkte, die da übermorgen genannt sind, wird doch schon
seit 20 Jahren immer wieder ungefähr dasselbe erzählt. Haben
das nicht selbst die vorgesehenen Referenten lange satt? Wozu dann noch
das Ritual?
5.
Ich mache Ihnen Vorschläge, wie wir die Konferenzzeit sinnvoll
verbringen könnten:
Rest des Ersten Tages: Umfassender ad-hoc-Austausch über das Wesen
der ökologischen Krise und über die wichtigsten Möglichkeiten,
ihr zu begegnen - ohne vorschnelles Zurückkommen auf die besonderen
Belange der chemischen Industrie. Ich stünde zur Verfügung, nicht
nur über Logik der Selbstausrottung, sondern auch über Logik
der Rettung zu sprechen.
Morgen: ein Planspiel unter der Vorgabe, daß wir, die einen Ministerpräsidenten
von Rheinland-Pfalz, die anderen Vorstandsvorsitzender der BASF, die dritten
- und eigentlich alle zusammen - künftige Selbstversorger im Umland,
sind. Vormittags hieße das: "Was wird aus Ludwigshafen, was wird
aus der Pfalz, wenn wir die BASF abbauen, in eigener Initiative?" Nachmittags
wäre dran: "In welchen Schritten müssen wir dann vorgehen, natürlich
auch psychologisch überlegt?"
Dies, wohlgemerkt, nicht für eine Pressekonferenz zwecks gezielter
Verängstigung der Beschäftigten und der umwohnenden Bevölkerung,
sondern im Geiste von "positive Thinking": Die Umkehr ist machbar, Herr
Nachbar (und besonders: Frau Nachbarin)! Wer, wenn nicht Sie, kann das
bringen?!
Selbstverständlich dürfen Sie die Frage einschließen,
wie, wozu, in welchem Umfang, bei welcher Verortung im neuen Gemeinwesen
der Mensch weiterhin Chemie brauchen wird, wenn er in weitgehend selbstversorgerischen
Gemeinschaften von, sage, 3000 Seelen lebt und nur die überschüssige
Zeit in spezielle Produkte für den Austausch steckt? "Chemiker" werden
dann vielleicht weniger gebraucht, aber viele Leute, die u.a. was von Chemie
verstehen. So für die meisten anderen Fächer. Es mögen auch
konviviale Werkzeuge genial gesteuert sein. Das neue soziale Subjekt, die
überlebensfähige Gemeinschaft und Gesellschaft wird unter unser
aller Mitwirkung neubestimmen, was wir mit unserem Wissen besseres als
bisher anfangen können. Hochintelligente Kleinproduktion, die auch
hochproduktiv ist - können Sie sich so etwas vorstellen?
Deshalb übermorgen: Rundgespräch über das Generalthema
"Was würde ich in eine Heiratsannonce schreiben, wenn ich mich nicht
mehr als Topmanager, Chefsekretärin, Chemikerin, Physiker, Ingenieur,
Betriebswirtschaftlerin usw. verstünde? Bin ich als Mensch eigentlich
mehr - oder weniger denn als Funktionär der Megamaschine in Ludwigshafen
oder anderswo?"
Sie mögen lachen über diese Programmvorschläge. Aber
ist es nicht lächerlicher, davon auszugehen, der an die 100.000 Jahre
alte homo sapiens sapiens hinge unentrinnbar von den industriellen Errungenschaften
und Strukturen ab, die er in den letzten 150 Jahren selbst geschaffen hat?
Sind wir ein für allemal industrielle Götzendiener und müssen
es bleiben? Gerade Sie, wie Sie hier versammelt sitzen, sind auch für
ganz andere Perspektiven gut.
tür zu tür auf
hallelujah
wühl im schlamm
grunz mit schweinen
jäger im anmarsch
I was wildboar
NEUE NEBEL
klappe die nächste
neu geboren
plansch im wasser
wichs an korallen herum
krepier in netzen
die nicht für mich bestimmt
I was dolphin
NEUE NEBEL NEUE NEBEL
nächste tür auf
neuer laden
höre auf namen
zahle miete
töte männer
nichts passiert
I am human
NEUE NEBEL NEUE NEBEL NEUE NEBEL
el mayor delito
es hater nacido
der einzige fehler
ist geboren zu sein
NEUE NEBEL NEUE NEBEL NEUE NEBEL NEUE NEBEL
(Sandow, 1999)
Ich habe oft durch eine nette kleine Uni-stadt gelaufen, dabei von ein
Penner/Bettler/z.T. Besoffener höfflich gefragt, "Haben Sie ein Paar
Pfennige für mich."
Ich habe zuerst einfach weiter gelaufen, die ersten paar Mal, aber
dann habe ich einige Mal etwas Zeit gehabt ihn eben näher zu betrachten.
Der war dreckig, aber wirklich. Sein Unterhemd war von weiss nach braun
mit sein Leben verfärbt. er hat sich manchmal fast nicht hoch halten
können, denn er fast bis zum Vergiftung besoffen gewesen ist.
Ich
verweigert ihn Geld zu geben, weil er es eh nur versaufen würde, wenn
ich es tat. Statt dessen hab ich ihn gefragt, ob er an dem Tag was zum
Essen gehabt hatte. Was er verneint. Ich fragte ihn dann, ob er Hunger
hat und mit mir Mittag essen wollte, und er sagte, "Ich hab kein Geld dafür,
Sie müssen bezahlen." Ich sagte ihn, daß das für mich kein
Problem wäre, wo wollte er dann essen? Er sagte, "Ich kann nirgendwo
hier essen, ich bin zu dreckig."
Gleich daneben war ein kleine Restaurant, wo man Burgers & Grillhendl
bekommen könnte, fall man eben nicht so dreckig wäre wie der
arme Mann der auf wackelig Beine vor mir stand. Also, nichts wie hin.
"Der muß 'raus!", sagt der Wirt sofort, "Er schläft nachher
nur ein, und keiner will neben ihn sitzen." Der Dreckige torkelt sich wieder
um richtung Tür, und ich versproch dem Wirt der Man wieder mitzunehmen,
wenn er bloß etwas essen darf, was ich auch bezahlen werden.
"Na, dann, OK," sagt er, und ich ging raus & holte der Dreckige
wieder 'rein. Was willst Du essen fragte ich ihn, der sofort wieder sagte,
"Aber ich hab kein Geld, Sie müssen zahlen." "Ich weiß", sagte
ich, "willst Du ein Hendl?"
Also, er wollte zum Teller greifen, aber trotz sein Rausch, sah er
seine dreckige Hände, und bat um den WC Schlüssel, um sein Hände
waschen zu können. Bekamm er auch, und nachdem putz er den Papteller
weitgehend leer.
Angeblich sind seine Frau & Kind in einem Unfall vor einige Jahren
gestorben, und er hat selber ein Unfall mit Wirbelsäuleverletzung
gehabt, und seitdem seinen Tischlerarbeit wegen gefühlosen Fingern
nicht mehr ausüben können.
Arbeitlosengeld alle, dann A-losenhilfe alle, dann Sozialgeld. Er hat
nun jetzt keine Wohnung, sondern nur die Kleider er an hat, und die Sozialamt
hat sein 500/Monat abgeschaltet, also bekommt er jetzt gar nichts mehr.
Mit 47 flach am Boden und ohne Zukünft.
Ich persönlich hab ein medizinische Hintergrund, und sehen kann,
daß es nimmer lang dauern kann bis er körperlich nicht mehr
zu retten ist. In Dezember hab ich ihm gelegentlich gefuttert, und versuchte
ihn immer vergeblich, einzureden, daß er nicht mehr saufen soll.
Ich hab ihn angeboten zu mir kommen zu lassen, damit er sich sauber
machen könnte und, daß ich auch seine Kleider in die Wasche
reinigen werden. Der wollte, sah ich, hat aber nicht genugend Vertrauen,
und hümpelt schnell weg.
Ende Januar, nach viele -5 bis -15Grad Tage & Nächte mit bloß
eine dreckige Decke, war der plötzlich verschwunden. Ich suchte ihn
überall, konnte ihn aber nicht finden. Ich hoffte, daß er die
paar -20Grad Nächte überlebt hat.
Nach etwa 3 Wochen habe ich beim Rathaus nachgefragt, sie haben mir
aber zum Charitas geschickt, wo ich erfahren konnte, daß der Man
nur halbe Stunde früher dort gewesen sei, nach ein 22 Tägig Krankenhausaufenthalt.
Er hat ein Kollaps gehabt, und war beim Polizei dort hingeliefert.
Vom Krankenhaus hat er sich gegen den Rat seines Arztes selbst entlassen,
der war freiwillig drin. Danach hat er sich wieder zu trinken angefangen,
und hörte für zwei Wochen fast nicht auf.
Ich
habe ihn in die zwei Wochen öfter Essen gegeben, und Ende der
3. Woche war er bereit mich zu vertrauen, und ist mit mir per Bus nach
Hause mitgefahren. Das war vorletze Woche, und er ist am ersten Nacht (Donnerstag)
bei mir komplett gebadet (er hat's selber nicht tun können), und seinen
Kleider gewaschen. Ich habe für ihn auch gekocht und verlangte nur,
daß er wenig bzw. gar nichts trinkt.
Er ist sehr höfflich gewesen, und mit nur 6 Bier am (ganzen) Tag,
weder besoffen noch zitterig. Er sah viel besser aus nach vier Tage gutes
Essen, und wenig(er) trinken, und war auch ziemlich klar im Kopf. Er wüßte,
daß er mit den Bus am Montag Abend zurückkommen könnte,
und meinen extra Bett wieder nutzen dürfte.
Doch erschien er nicht. Ich dachte, der ist bestimmt wieder besoffen
geworden, und vergaß, daß er einen freien Fahrschein hat. Ich
habe ihn gesucht, als ich durch die Stadt ging, aber erst Donnerstag habe
ich ihn gefunden, aber nochmal in solchen Zustand, daß man wundern
muß, wie er bis jetzt überleben könnte.
Na ja, Donnerstag Abend wieder frisch gebadet, Kleider frisch gewaschen,
und Freitag Mittag wieder fast besoffen. Das war Vorgestern. Es war Mittag,
er wollte aber sein Betteleinnahme nicht entgehen lassen, und wüßte
auch daß ich ihn nicht bzw. sehr wenig saufen lassen werde, falls
er mit mir kamm, also wollte er nicht mitkommen.
Ich will nicht, daß er versäuft, und werde ihn gerne helfen.
Ich kann ihn aber nicht vollzeitig aufpassen, was er allerdings einige
Monate sicherlich braucht, um ganz sauber zu werden.
Danach braucht er Arbeit, egal was, damit er an sich wieder glauben
kann, was er leider jetzt nicht tut, aber erst dann hätte er wieder
eine Zukünft.
Ich wünsche es mir möglich wäre, ihn für 3-6 Monaten
Entziehungskur einzusperren. Er ist keine schlechte Mensch, brauchte wirklich
eine Chance. Ich werde gerne finaziell helfen (Anteil an Entziehungskosten)
habe aber selber nicht sehr viel Gespartes.
Es muß ein eingewiesene Entziehung sein, denn er nicht nochmal
nach 22 Tagen selbst entlassen darf. Wenn damit fertig, muß ein Tätigkeit
her, damit er tagsüber nicht säuft, und vorläufig kann er
Nachts in mein extra Bett schlaffen, bis er wieder selbstständig leben
kann.
Maximal konnte ich 500 DM stiften, zuzüglich Wohnhilfe nach die
Entziehung. Der ist Deutscher.
Kann irgendwer behilflich sein. den Mensch zu retten?????
Best wishes
/Achim
/
Nun also bin ich froh.
Ich ziehe die Luft durch die Adern
Und habe noch meine fünf Sinne. -
In dieser sinnlosen Welt? -
Ich wohne dicht auf der Erde
Die keinem und mir gehört.
Ich sehe noch Baum und Fisch
Und schwimmende Meere. - Sterben
Siehst du sie. - Staaten
Aus gräßlichem Beton. Selber
Der Freieste, Untertan.
Die Tat noch tötet den Mann.
Ich fürchte mich vor dem Krieg. -
Volker, und des bist du froh? -
In der Gefahr größester
Gegenwart leben, der letzte
Oder der erste Mensch.
(1986)
Fast
ein Jahr ist in dieses Land gegangen, seit der Krieg gegen Jugoslawien
aus dem Land ging. Inzwischen ist die Erinnerung an das Geschehen anscheinend
abgeschoben worden. Ohne nennenswerten Widerstand. Hier wird für sie
ein Asyl eingerichtet. Es wird in den nächsten LOvern einige Rückblicke
geben - auch wider das Vergessen, in was für einer Republik wir leben
(müssen?).
Vielleicht wird Deutschland kurz vor dem Ende des Jahrhunderts doch
noch den Krieg gewinnen, den es zu Anfang des Jahrhunderts geplant hat.
Vielleicht gelingt es - diesmal im Bunde mit Frankreich, Großbritannien
und den USA -, die Ergebnisse der militärischen Niederlagen von 1918
und 1945 endgültig zu revidieren. Zum großen Teil ist das schon
geschehen.
Der von Deutschland gewollte und verlorene erste Weltkrieg endete entgegen
den Absichten seiner Verursacher mit internationalen Vereinbarungen zur
Friedenssicherung (Völkerbund) und mit einer demokratischen Verfassung
für Deutschland. Im zweiten Weltkrieg wollte Deutschland die Ergebnisse
des ersten revidieren, aber die Sowjetunion (selbst eines dieser Ergebnisse)
erwies sich als stärker, und nach der entscheidenden Schlacht von
Stalingrad beteiligten sich auch die USA am Sieg über Deutschland.
Die Sieger teilten das Land, entflochten die Konzerne, verboten die Wiederaufrüstung,
trafen viele Vorkehrungen, um den deutschen Imperialismus und Militarismus
endgültig zu zähmen. Zu den wichtigsten Vereinbarungen gehörte
die Gründung der Vereinten Nationen mit einem demokratischen Völkerparlament
und einem nach und nach erarbeiteten Völkerrecht. Die Sowjetunion
vergrößerte sich, und auf dem Balkan entstand ein starker Bundesstaat
Jugoslawien, dessen Völker im Frieden miteinander lebten.
Jetzt ist
Deutschland wieder vereinigt. Die Sowjetunion und auch (was Ex-Kriegsminister
Rupert Scholz schon 1991 offen proklamiert hatte) Jugoslawien sind zerlegt.
Nunmehr zerbombt die NATO mit dem deutschen General Klaus Naumann an der
Spitze ihres Militärapparates im widerspenstigen Rest-Jugoslawien
Donau-Brücken, Eisenbahnlinien, Heizkraftwerke und Ölraffinerien,
um es gefügig zu machen, und führt die "humanitäre Katastrophe"
herbei, die es angeblich verhindern will; ähnliche Katastrophen wurden
zuvor mit deutscher Unterstützung in der Krajina, in Anatolien und
anderwärts herbeigeführt.
Nun geht, allen feierlichen Gelöbnissen zum Trotz, wieder Krieg
von deutschem Boden aus. Mit dem Angriffskrieg verstößt die
Bundesregierung gegen die UN-Charta, gegen die UNO-Völkermordkonvention,
gegen das Umweltkriegsverbot der Genfer Konvention, gegen das Vertragswerk
von Helsinki (OSZE), gegen den NATO-Vertrag, gegen den 2+4-Vertrag (die
Grundlage der Vereinigung), gegen das Grundgesetz, gegen das Strafgesetzbuch,
gegen das deutsche Soldatengesetz, gegen die Koalitionsvereinbarung, gegen
die Grundsätze beider Koalitionsparteien und ihre Wahlprogramme. Über
solche kleinlichen Einwände (wie sie in einer Strafanzeige von 41
Hamburger Rechtsanwälten gegen Schröder, Scharping u.a. formuliert
sind), fühlen sich die großartigen Bonner, demnächst Berliner
Politiker erhaben. Speziell an der Abwicklung des Grundgesetzes arbeiten
sie schon seit langem erfolgreich. Nachdem sie Grundrechte wie Unverletzlichkeit
der Wohnung (150 Jahre nachdem es in der Paulskirche formuliert worden
war) und das Asylrecht durchlöchert haben, zerbomben sie nun rasch
auch Artikel 26 GG, der die Vorbereitung eines Angriffskrieges für
verfassungswidrig und strafbar erklärt. Offenbar vertrauen sie auf
eine Justiz, die sich so obrigkeitskonform verhält wie in früheren
Perioden unseres Jahrhunderts. Und die Gewerkschaften? Wieder im Jahre
1914 angekommen? Und die Kirchen?
Der Propagandaapparat ist mächtiger als je. Dennoch lassen sich
Informationen nicht dauerhaft eliminieren. Vor allem Fragen nicht. Wie
überzeugend wirken Politiker, die ihre Gewalttätigkeit damit
begründen, daß sie mit Gewalt gedroht hätten und nun ihr
Gesicht nicht verlieren dürften? Welche Perspektive hat der NATO-Krieg
außer der Eskalation der Gewalt? Wer zahlt eigentlich für den
Krieg? Die Überfallenen, weil sie die Schwächeren sind? Wir nicht?
Haben deutsche Schülerinnen und Studenten, Rentner, Arbeitslose, Behinderte,
Kranke und Krankenschwestern Grund, auf Politiker zu vertrauen, die sich
so dumm und gewalttätig, rechtswidrig und geschichtsblind aufführen?
Wir wissen: Schröder fühlt sich von der deutschen Geschichte
dieses Jahrhunderts unbelastet. Und wenn überhaupt noch irgendwo dieser
Geschichte gedacht wird, dann soll es ein Ort sein, "wo man gern hingeht".
Vielleicht ein Ruhmestempel für den Kanzler, der am Ende des Jahrhunderts
Deutschland doch noch zum Sieg geführt hat. Vielleicht.
(aus Ossietzky 7/99)
Eine der ersten Angriffswellen traf Kragujevac und die dortige Autofabrik.
So sah man es im Fensehen. VW und Opel (General Motors) werden sich freuen:
Die Balkan-Billigkonkurrenz Yugo und Zastava ist weg. Was das deutsche
Fernsehen nicht zeigte: die Gedenkstätte für dir Opfer eines
der schlimmsten Massaker, das die deutsche Wehrmacht im zweiten Weltkrieg
auf dem Balkan angerichtet hat. Etwa 7000 Jugoslawen (deutsche Historiker
geben gern niedrigere Zahlen an) wurden dort erschossen, darunter alle
Schüler des dortigen Gymnasiums, klassenweise, samt ihren Lehrern.
Zielgenau auf das an der Mordstätte errichtete Mahnmal fielen in Kragujevac
jetzt die ersten Bomben. So kann man die deutsche Schande auch bewältigen.
Einen Kranz hat meines Wissens noch kein Bonner Politiker dort niedergelegt.
Dafür jetzt Bomben.
*
Das Kosovo ist traditionelles deutsches Einflußgebiet. Im zweiten
Weltkrieg sorgten deutsche Friedenstruppen unterm Hakenkreuz per ethnischer
Säuberung dafür, daß aus der bis dahin dort bestehenden
serbischen Bevölkerungsmehrheit eine Minderheit wurde. Eine albanische
SS gab es übrigens auch. Nun hat die Bundesrepublik Deutschland die
albanischen Terroristen (so noch vor sechs Monaten die offizielle Bezeichnung
der US-Administration für die UÇK) erstmal mit Waffen ausgerüstet
(s. OSSIETZKY 2/)): "Milchpulver und Panzerfäuste"); die Ausbildung
übernahmen laut Erstem Deutschen Fernsehen Instrukteure der Geheimdienste
BND und MAD. (Treppenwitz: Der MAD darf laut deutschem Gesetz nur im Inland
tätig werden. Aber im Kosovo gelten die deutschen Gesetze ja nicht
- oder es wird wohl schon als Inland betrachtet.) Schießen mußte
die UÇK allerdings zunächst allein. Und zwar im Bodeneinsatz.
Ihre Luftwaffe - auch NATO genannt - erhielt sie erst am 24. März
1999.
Bekannt sind jene psychopathischen Feuerwehrmänner, die Feuer
legen, um dann als Helden den Brand zu bekämpfen. Diesmal löschen
sie mit Benzin.
*
Die Zielgenauigkeit der "chirurgischen Eingriffe" (mit sauberem Tötungseffekt)
scheint so präzise nun auch wieder nicht zu funktionieren. Oder gerade
doch? Jedenfalls werden "militärische Ziele" wie Wohnblocks, Klöster,
ein Personenzug, Lebensmittelfabriken, Heizkraftwerke, Dörfer wie
einzeln stehende Bauerngehöfte und (bisher 14) Krankenhäuser
stets sauber getroffen und zerstört. Nicht weit von Belgrad befinden
sich (noch) ein atomarer Versuchsreaktor und ein Atommüllager. Ein
Treffer - notfalls versehentlich - und ganz Europa, nicht "nur" Jugoslawien,
wäre endgültig befriedet. Da könnte man dann nur um Südostwind
beten, der das Sterben für Österreicher, Tschechen und Deutsche
ein wenig humaner gestalten, weil beschleunigen würde. (Vorläufig
schießen die A-10-Flugzeuge der USA auf dem Balkan menschlich großzügig
nur mit Munition, die pro Granate 272 Gramm schwach radioaktives Uran enthält
und beim Auftreffen freisetzt - noch nicht flächendeckend. Nach dem
Golfkrieg gab es in der US-Armee 4000 "ungeklärte Todesfälle",
die dem "Golfkriegssyndrom" angelastet werden.) Vielleicht sehen die deutschen
Olivgrünen hier einen positiven Nebeneffekt des Krieges: ein Reaktor
weniger in Europa! Und die restlichen AKW's würden den Menschen dann
auch nicht mehr so gefährlich werden - weil letztere danach in größerer
Anzahl nicht mehr vorhanden wären.
Ich weise einen Presseoffizier des Bonner Kriegsministeriums am Telefon
auf die Reaktorgefahr hin. Er sagt mir: "Das habe ich nicht gewußt.
Da machen Sie mich aber betroffen." Und auf die Frage, ob er als Sprecher
der Regierung offiziell die Gefahr ausschließen könne: "Selbstverständlich.
Das ist ja heute nicht mehr wie im zweiten Weltkrieg. Wir machen chirurgische
Eingriffe. Aber hundertprozentig ist natürlich nie etwas. Sie wissen
ja, wie das manchmal so geht..."
*
"Milosevic ist schuld. Der hätte doch einfach den ausgehandelten
Vertrag unterschreiben können", sagt man in einer Kneipe. Er hat es
wohl aus dem Fernsehen. Ausgehandelt? Ein Ultimatum wird nicht ausgehandelt.
Man hat den Jugoslawen ein fertiges Papier hingelegt: Unterschreiben oder
Krieg! Die UÇK-Unterhändler sperrten sich erst. Ihnen ging
die Sezession nicht weit genug. nach 14 Tagen hatte man sie dann wohl davon
überzeugt, daß die Unterschrift doch nur der besseren Optik
diene. Die Angriffspläne standen ohnehin schon fest. Für Belgrad
hatte man über die Artikel 6, 8 und 10 im Anhang B sicherheitshalber
eine Klausel eingebaut, von der man wußte, daß Jugoslawien
sie nie würde unterschreiben können, wollte es nicht seine staatliche
Souveränität restlos aufgeben und die eigene Regierung im jugoslawischen
Staatsgebiet zu einer Art Kommunalverwaltung unter NATO-Hoheit degradieren.
Wie 1914: ein unannehmbares Ultimatum an die Serbien: Vollständige
Kapitulation - oder es kracht! Erpressung heißt das im Klartext.
Kaum bessere Bedingungen stellt die Bundesregierung heute in ihrem "Friedensplan".
Kapitulation - oder das Bomben und Töten geht weiter. Friedenserzwingend.
*
"Das globale
Gewaltmonopol zur Sicherheit des Weltfriedens liegt ausschließlich
bei den Vereinten Nationen. Die NATO ist und bleibt ein Verteidigungsbündnis"
(Wahlprogramm der SPD für die Bundestagswahl 98). Schwindel, um vielleicht
doch noch ein paar Wahlstimmen allzu vertrauensseliger Friedensfreunde
einzuheimsen? Die Verfassungsklage der Sozialdemokraten gegen Bundeswehr-Auslandseinsätze
- nur wahltaktisches Scheingefecht? Schon damals hatten sie doch im deutschen
Bundestag von CDU-MdB Stefan Schwarz - für sie sicher glaubwürdig
- erfahren, daß Serben (allen Ernstes!) Kinder im Ofen braten. Später
enthüllte der Herr Schwarz sogar noch, daß Serben Frauen der
Kriegsgegner Hundeföten in die Gebärmutter pflanzten.
Die als Beweis versprochenen Videos hat er bis heute bloß vergessen
vorzuführen. Das holt jetzt sicher Herr Scharping nach, dessen Gesichtsausdruck
beim Schreien auf den Pressekonferenzen mir immer besorgniserregender vorkommt.
Und Josef Fischers Vokabular übertrifft längst die Hetztriaden
verflossener kalter Krieger. Schlechtes Gewissen?
Als Gregor Gysi im Bundestag gegen den Krieg redet, feixen Schröder
und Fischer krampfhaft wie bei einer Lumperei ertappte Schulbuben. Manchmal
wirkt Fernsehen doch erhellend.
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder die neu Regierenden bei uns
glauben jede noch so löchrige, zum Zwecke der Kriegserzwingung von
dafür hochbezahlten PR-Agenturen verbreitete Greuelstory, oder sie
spielen das Spiel der Kriegspropaganda zynisch mit, also lügen bewußt.
*
Musterbeispiel Irak - dieser Krieg läuft ja immer noch routinemäßig
nebenher. Den USA ging es um Öl. Schon 1989 war der Kriegsplan CENTKOM
1002-90 (Oberbefehl bereits: General Norman Schwarzkopf) fertig, genauer
nachzulesen in Mira Behams Buch "Kriegstrommeln". Zielstrebig begann man,
den einstigen Lieblingsverbündeten Saddam Hussein zum "Hitler des
Nahen Ostens" aufzubauen. Das Scheichtum Kuweit, bis Ende des ersten Weltkrieges
zum Irak gehörig, wurde zu Grenzprovokationen veranlaßt, etwa
zum illegalen Anzapfen irakischer Ölvorräte per Schrägbohrung.
Die USA wollten - nach offizieller Einschätzung des amerikanischen
Zentrums für strategische und internationale Studien (CSIS) - den
Irak dazu bringen, ihnen Eingreifvorwände zu liefern. Als alles nicht
fruchtete, gab die amerikanische Botschafterin in Bagdad, April Glaspie,
im persönlichen Gespräch mit Saddam Hussein auf ausdrückliche
Weisung ihres Außenministers James Baker und im Namen des US-Präsidenten
zweimal offiziell und unmißverständlich grünes Licht für
die Besetzung Kuweits (SPIEGEL 24.9.90). Saddam ergriff die angebotene
Gelegenheit, angestammtes irakisches Gebiet "heimzuholen". Die Falle schnappte
zu.
Noch langte die moralische Empörung der Öffentlichkeit nicht
zum Krieg. Da sagte vor der UNO und - was noch wichtiger war - vor dem
US-Senat eine 15-jährige kuwaitische Krankenschwester als Augenzeugin
unter Tränen aus, wie entmenschte irakische Soldaten in einem Krankenhaus
300 kuwaitische Babies aus Brutkästen gerissen und auf den Boden geklatscht
hätten. Manchen Säuglingen habe man auch nur die Sauerstoffzufuhr
gesperrt. Sieben Senatoren, deren Stimmen bei der Entscheidung über
Krieg und Frieden das Zünglein an der Waage gewesen waren, erklärten
später, die ergreifende Erzählung habe bei ihnen den Ausschlag
für die Zustimmung zum Angriff gegeben.
Die Greuelstory war frei erfunden, von der PR-Firma Hill and Knowlton
gegen elf Millionen Dollar inszeniert. Später, nach dem Golfkrieg,
flog der Schwindel auf, und die "Krankenschwester" entpuppte sich als Tochter
des kuwaitischen Botschafters bei der UNO. Sie gab öffentlich zu,
die USA während der letzten Jahre nicht ein einziges Mal verlassen
zu haben.
(aus Ossietzky 8-13/99, wird fortgesetzt)
"Tierführerschein?",
so fragte vor einiger Zeit unsere Blitz-Zeitung. "Lorenz Haut, Geschäftsführer
des Bundesverbandes für fachgerechten Natur- und Artenschutz e. V.,
erläuterte den Sinn eines Tierführerscheins. Der Umgang mit lebenden
Tieren erfordere neben den örtlichen Gegebenheiten eine je nach Art
unterschiedlich hohe Kompetenz. Diese müsse der Tierhalter bei der
Prüfung nachweisen. Die Aquarianer haben diesen Führerschein
schon eingeführt, die anderen Zuchtgemeinschaften würden in Kürze
folgen - im Interesse von Tier, Züchter und nicht zuletzt Nachbar."
Heute wurde mir eine "Führungs- und Leistungseinschätzung"
durch das Integrationszentrum (IZ) für das erste Modul der Maßnahme
zur Kenntnisnahme vorgelegt. offenbar ging dieses Schreiben, das
weder Datum noch Namen des Verfassers bzw. Unterschrift trägt, auch
an das Arbeitsamt.
Die Einschätzung entspricht m.E. in vielen Punkten nicht der Wahrheit.
Wahr ist, daß ich nach 2 Jahren als Forschungsingenieur nicht
arbeitslos wurde, sondern 14 Monate als Bauingenieur und danach 15 Monate
als Projektleiter arbeitete.
Wahr ist, daß ich durchaus leistungsbereit bin und nicht nur,
wenn Leistung gefordert wird, sondern wenn auch vorausgesetzt ist, daß
das Handeln Sinn hat.
Wahr ist, daß mein Interesse an den Lehrinhalten an deren Niveau
gekoppelt ist. Von "Desinteresse" kann keine Rede sein. Meine Auffassungsgabe
ermöglicht es mir, ohne umfangreiche Mitschriften Lehrstoffen zu folgen
und zu behalten.
Wahr ist, daß ich in einem vorgelegten Buch keine Berufsbilddefinition
fand, die meinem Profil entsprach, jedoch den Auftrag derart (und nicht
"nicht") realisierte, daß ich ein Berufsbild in eigener Schreibe
entwarf, das meinen Vorstellungen entspricht.
Wahr ist, daß mich nicht so "häufig Müdigkeit" plagte,
sondern tagtäglich Langeweile und Ödnis angesichts der Lehrinhalte,
die für mich häufig keinerlei Relevanz haben oder nach kurzer
Zeit (Mathe 4. Klasse) erledigt sind.
Wahr ist, daß ich sehr wohl bereit bin, meine "guten Fachkenntnisse"
für eine "arbeitsmarktbezogene Tätigkeit" einzusetzen, gerade
zu einer Zeit, wo das Thema Ökologie immer größeren Raum
einnimmt. Meine Praktikumstätigkeit bei Ökotech wurde vom Betriebsmentor
gelobt.
Wahr ist, daß meine Ablehnung der Tätigkeiten vieler "herkömmlicher
Unternehmen" auf dem Einsatz biologisch schädlicher Baustoffe und
ebensolcher Bauweisen gründet. Ich habe niemals gesagt "die Arbeitsplätze
sind schädlich". Ich "vermute" nicht "überall Umweltgifte".
Wahr ist, daß ich nicht "Arbeit am PC ablehne", sondern eine
ununterbrochene oder hauptsächliche Arbeit am PC. Demzufolge bin ich
weiterhin "als Hochbauingenieur vermittelbar".
Wahr ist, daß meine "extremen Einstellungen", die mich schon
über Jahre begleiten, nicht daran hinderlich waren, um 2 Jahre an
der Bauakademie der DDR zu arbeiten und nach der Wende in einer westberliner
Firma als Bauingenieur und anschließend als Projektleiter. Ich bin
sehr wohl in der Lage, ein "realistisches Arbeitsverhältnis einzugehen".
Wahr ist, daß ich oft den Eindruck habe, daß diese Gesellschaft
mich mit meinen Fähigkeiten, Erfahrungen, Kenntnissen nicht braucht.
Der Verfasser der Einschätzung ist m.E. nicht in der Lage, Beurteilungen
über meine "Identifikationen mit gesellschaftlich Normen und Werten"
abzugeben, zumal er diese nicht definiert und/oder eingrenzt auf relevante.
Wahr ist, daß ich nach dem ersten Gespräch im Oktober beim
Arbeitsamt, wo die "Integrationsmaßnahme" vorgestellt wurde, ahnte,
wie wenig Sinn diese wahrscheinlich für mich haben wird. Aufgrund
der angedrohten Sperrfrist und in der Hoffnung, vielleicht neue Möglichkeiten
auf dem Arbeitsmarkt auf diese Weise zu entdecken, sagte ich meine Teilnahme
zu.
Wahr ist, daß ich mich durch "Erscheinen und Auftreten" zwar
abhebe jedoch nicht "abgrenze".
Die bisher dargebrachten Lehrinhalte der Maßnahme vermittelten
mir so gut wie keine neuen Fertigkeiten oder neues Wissen. Aus meiner Sicht
erfolgt der Unterricht oft planlos und manchmal inhaltsleer. Offensichtlich
greift das Konzept des IZ nicht bei Menschen wie mir.
Obwohl es laut Einschätzung durch das IZ anscheinend Probleme
mit mir gab, wurde - bis auf den Austausch von 2 oder 3 Sätzen nach
meinem unentschuldigten Überziehen einer Mittagspause - kein Gespräch
mit mir gesucht oder die Probleme als solche angedeutet.
Abgesehen von meiner Person halte ich die Förderung - meines Wissens
5000,- Mark, die das Arbeitsamt pro Teilnehmer und Vierteljahr bezahlt
- des Integrationszentrums für zum Fenster rausgeschmissenes Geld.
(meine Unterschrift) Roland
"For ever young", wir ewigen Lapsembryonen, for ever unerwachsen, for ever auf der Suche und auf der Flucht, for ever unausgegoren, for ever nicht ankommen, heimatlos, for ever werden, never sein, for ever trau keinem über 60. Und uns fragen die Jugendlichen drum überhaupt nichts niemals, und wir fragen höchstens uns selbst, aber wollen ja keine Antwort hören, Lapsus for ever infantil ventil.
Das Wort Heranwachsende ist ein grausames. Die Grausamkeit versteckt
sich hinter der quasi offiziellen Diagnose eines temporären Zustandes.
Zu sagen, jemand wüchse heran, er befinde sich in der Phase des Heranwachsens,
oder, noch schlimmer, er sei ein Heranwachsender, bedeutet, die Gefühlswelt
der betreffenden Person zu mißachten. Dieser Begriff verniedlicht
die realen Schwierigkeiten, die man in jener Lebensphase zu bewältigen
hat. Hast du selber Kinder, bist also ein Betroffener, willst du dich vielleicht
nur vor deren gnadenlosem Aufbegehren schützen. Noch übler sind
Verniedlichungen wie Teenager oder Teenie. Sie tragen einen penetranten
Pesthauch von Nettigkeit und falschem Reiz. Wir wissen doch alle, daß
es gar nicht so reizend ist, ein junger Mensch zu sein. Gleichaltrige benützen
diese Ausdrücke nur äußerst selten. Eher nennen sie sich
selber Kids, wenn sie sich schon selber klassifizieren und abgrenzen müssen.
"Woher nimmst du dir das Recht zu glauben, du wüßtest über
Kids Bescheid, wenn du kaum etwas über mich weißt!" Sie kleiden
und benennen sich mit den jeweils aktuellen Stammesnamen wie Punks oder
Raver oder sonstwie. Flash-backs an Bezeichnungen wie Gammler, Rocker und
Hippies sollten uns daran erinnern, wie flüchtig, wie gefährlich,
wie ausgeflippt, radikal, beschissen, grauenhaft und affengeil diese Lebensjahre
in Wirklichkeit sind.
Manchmal fehlen uns dafür die Worte. Es mag daran liegen, daß
wir einem unausgesprochenen kollektiven Zwang unterliegen, uns dazu keine
Gedanken zu machen, zu verdrängen. So abschreckend wirkt unsere eigene
Zeit des Heranwachsens noch im Nachhinein. Wenn wir dann endlich jene Lebensphase
hinter uns haben (bei manchen geschieht das nicht, bevor sie Vierzig sind),
drehen wir uns um, sehen diese Jugendlichen und tun so, als ob sie Fremde
für uns seien, als wüßten wir nicht, was sie durchmachen.
Von ihrer Musik, ihren Moden, ihren Ausdrücken haben wir null Ahnung.
James Baldwin meinte: "Man kann in anderen nur das akzeptieren, was man
in sich selber zu akzeptieren bereit ist." Das, was wir nicht ertragen,
wenn uns Jugendliche nerven, sind wir selber. So hört sich oft der
Soundtrack vieler Familien entsprechend schräg an. Wenn diese jungen
Menschen tief in unsre erwachsenen Augen schauen, werden in unserem Inneren
all unsere Geheimnisse, unsere Kompromisse, unsere ungestillten Bedürfnisse,
unsere Macken, unsere Fehler und unsere Ängste zu versagen aufgewühlt
und fangen an zu blubbern und schmerzerfüllt zu stöhnen. Als
wüßten die Jungen etwas über uns, das uns selbst bislang
nebulös unbekannt war, über das wir aber zu gerne selber Klarheit
hätten. Als ob sie irgendwie, auf eine dunkle Art und Weise,
in unsere Geheimnisse eingeweiht seien. Wenn sie uns so anschauen, steigt
in uns die alte Panik auf. Jene Dämonen, die wir innerlich schon lange
abgehakt hatten, denen wir entwachsen, entkommen schienen, sie grinsen
uns an. Ein Blick von diesen verdammten Jugendlichen und schon erwacht
dieses Biest in dir wie ein Phönix in der Asche. Als Vater oder als
Mutter kannst du deine Ängste anhand der Distanz zu deinem Kind oder
deinen Kindern abschätzen.
Wenn wir sie
lieben, mag es unsere größte Angst sein, ihnen nicht helfen
zu können, keinen Weg zu wissen, wie wir sie beschützen können.
Die Ohnmacht, daß wir ihnen nichts wirklich Reales mitgeben können.
Und ihre größte Wut wächst genau aus dieser ihrer Erkenntnis,
daß wir ihnen nicht helfen, sie nicht beschützen, ihnen ihren
Weg nicht weisen können.
Wenn so eine Wahrheit auf so ziemlich jeden zutrifft, scheint es unwahrscheinlich,
daß hier ein individueller Fehler vorliegt. Trotzdem fühlen
und fürchten wir, sowohl die Älteren wie auch die Kids, den Frust
zu versagen sehr persönlich. Den Kids bleibt, individuell, nichts
anderes übrig, als uns für diesen Zustand verantwortlich zu machen.
Und wir haben keine Chance, ihrem Urteil zu entkommen. Es bleibt uns nichts,
als mit in ihr Geschrei einzustimmen: "Das ist nicht fair!" Dabei platzen
wir von der Fülle guter Ratschläge, mit denen wir ihnen helfen
könnten, wenn sie uns doch nur einmal zuhören und unseren Rat
akzeptieren könnten. Allein das erscheint unmöglich. Individuell
erleben wir ihren Widerstand gegen unseren guten Rat als bewußt störrisch.
Wenn wir sie jedoch als Kollektiv anschauen, müssen wir erkennen,
daß sie ihre störrische Abwehr nicht selbst kontrollieren. Sie
scheinen unter einem Gruppenzwang zu stehen, der sie offensichtlich dazu
bringt, abzulehnen, was wir ihnen zu bieten haben - mag es ihnen persönlich
innerlich noch so peinlich sein. Dieses Schuldgefühl erfolglos bekämpfend,
erscheinen sie uns noch widerlicher, im selben Grad, wie wir in ihrer Wahrnehmung
immer ekelhafter werden. Es scheint kein Weg daran vorbeizuführen:
Spätestens, wenn das jugendliche Alter erreicht ist, wirft die Erziehung
sowohl Kinder wie auch Eltern in negative Extreme.
Kann es sein, daß Kinder ein fundamentales Bedürfnis haben,
die Beziehungen zu ihren Eltern oder anderen Erwachsenen generell mit negativen
Verhaltensprogrammen zu blockieren? Kaum etwas scheint sie dabei aufhalten
zu können, und wir haben (inoffiziell) gelernt, das zu akzeptieren.
"Wie alt ist dein Kind?" - "Fünfzehn." - "Oh, mein Gott!" Und jeder
weiß, was gemeint ist.
Natürlich haben wir Vorstellungen davon, wie man mit diesen Situationen
umgehen könnte, aber die sind rein psychologischer Natur. Man kann
ein solches klassen- und kulturübergreifendes Phänomen, dessen
fundamentale Auswirkungen in Harlem und Beverly Hills, in Woodstock und
auf dem Platz des Himmlischen Friedens, auf den Tribünen von Fußballstadien,
bei Techno-Raves in Berlin und bei steinewerfenden jungen Palästinensern
zu beobachten sind, auf persönliche oder familiäre Ursachen zurückführen.
Das würde jedoch bedeuten, daß wir die wichtigsten Information,
die wir über dieses Phänomen besitzen, einfach ignorieren und
darüber hinweggehen: Den Fakt, daß trotz unterschiedlicher Herkunft,
Geschichte, Kulturen, Technologien und wirtschaftlichen Voraussetzungen
überall allen grundsätzlich das selbe geschieht - oft überkommt
es uns gar wie eine global-simultane Flutwelle.
In meinen Augen haben zwei Schreiber das Phänomen der Heranwachsenden
am nachvollziehbarsten formuliert. Zum einen der Erzieher Mike Rose in
L.A. in seinem wichtigen Buch "Lives On The Boundary" (Free Press/MacMillan,
1989): "Kids bleibt nichts anderes übrig, als in Extremen zu reden,
werden sie doch innerlich durcheinandergeschüttelt und ausgewrungen,
wie von systematisch vorgehenden Schlägertypen ins Genick geschlagen."
Der Rockkritiker Michael Corcoran hat die Gedankengänge von Rose weitergesponnen:
"Rap ebenso wie sein Gegenpol aber auch zeitweiliger Bettgeselle Heavy
Metal sind zeitgemäße Gegenstücke zum Rock'n'Roll der 50er
Jahre und dem Punk der 70er. Rebellenmusik, Musik der Seele, Musik der
Kids. Musik, die versteht, was Eltern und Lehrer nicht raffen können:
Das Pubertät nichts mit Frisuren und Pickeln oder dem Stimmbruch zu
tun hat. Die Pubertät ist ein Biest, ein Dämon, der blanke Horror.
Es handelt sich um ein wundervolles Aufbegehren, eine gesunde Wut, die
manchmal eine Heimat sucht und diese dann oft nur in einer dumpfen, einfachen
und aufmüpfigen Musik findet. Weder Rap noch Heavy Metal verursachen
Gewaltausbrüche. Sie erwecken tiefe Emotionen, die manchmal unkontrollierbar
entgleiten. Sie entflammen den selben Geist, der uns die Verliebtheit bringt,
uns Kinder haben und an Gott glauben läßt."
Zu odt lassen wir uns, vor allem in heutigen Zeiten, diesen Jugendextremismus
als etwas Neues andrehen, als sei er erst durch die Popmusik, das Fernsehen
oder den Zusammenbruch traditioneller Werte aufgekommen. Die Geschichte
lehrt es uns anders. Wie viele andere, so haben uns auch Robert Bly und
Michael Meade daran erinnert, daß seit zehntausenden von Jahren Stammesvölker
das Einsetzen der Pubertät vor allem bei männlichen Jugendlichen
mit einer ausschweifenden und oft fürchterlichen Initiation begrüßten.
Wären diese Riten notwendig, wenn deren Jugendliche nicht ebenso extrem
wären wie die unsrigen? Diese Erkenntnis ist nun wirklich wichtig.
Bedeutet sie doch, daß wir alle den selben Fehler begehen. Es bleibt
sich gleich, ob Erzkonservative behaupten, Rockmusik untergrabe die Moral
der Jugend, oder daß Liberale erkannt haben, daß Rock die Jugend
befreie. Mögen postmoderne Technokraten erzählen, daß die
heutige elektronische Umwelt 'die Software einer neuen Generation neu programmiert'.
Eines ist allen gemein: Sie sind nicht in der Lage zu verstehen, daß
eine seit einhunderttausend Jahren verankerte psychische Struktur nicht
einfach durch oberflächliche Stimulatien innerhalb einer Generation
grundlegend verändert werden kann. In Wirklichkeit spielt sich doch
etwas ganz anderes ab. Es handelt sich damals wie heute um die selben herben,
alten Probleme, die sich durch die Psyche der Jugendlichen fressen. Im
Laufe der letzten Jahrhunderte hat die westliche Erwachsenenkultur verdrängt,
wie man mit dieser mächtigen Welle, mit dieser wahren Jugend-Bewegung
zurecht kommt, sie angemessen begrüßt, sie zu leiten und zu
ergänzen vermag.
Anders als wir, begegnen Stammesvölker dem Extremismus ihres Nachwuchses
(Ich verwende hier den Begriff Extremismus bewußt als globalen Begriff
für die intensive psychische Kakophonie der Jugendlichen) mit einem
sehr ähnlichen, wenn auch zielgerichteten Erwachsenen-Extremismus.
Die Eltern in intakten Stammesverbänden rennen nicht wie wir von diesem
wichtigen Lebensabschnitt ihrer Kinder davon. Sie feiern dieses Ereignis,
heißen es willkommen. Möglicherweise überfallen sie ihre
Kinder mit einem geradezu sprichwörtlichen Heiligen Terror, mit Ritualen,
deren Verlauf und Bedeutung den Jungen bis zu dem entscheidenden Augenblick
vorenthalten wurde. Rituale, bei denen sie dem geballten Licht und Schatten
der kollektiven Psyche des Stammes ausgesetzt werden, all den traditionellen
Mysterien, all ihren Fragen und all den Geschichten, die sowohl die Fragen
wie auch die Antworten darauf beinhalten. Das entscheidende, in diesem
Zusammenhang gar magische Wort: zielgerichtet. Die Stammesmenschen haben
etwas zu erzählen und zu vermitteln: Überlieferungen, Fähigkeiten,
Magie, Tänze, Visionen, Rituale. Kaum ein Stamm war auf Dauer überlebensfähig,
der solcherlei Wissen nicht besaß oder gar vergaß. Jene Erwachsenen
gehen bewußter und sparsamer mit derlei Informationen um. Wir dagegen
schütten sie unseren Kindern von Geburt an im Gießkannenprinzip
über. Die Anderen fokussieren die Informationen. Sie sind wählerisch
in dem, was sie erzählen und lehren und dem Zeitpunkt. Sie warten,
bis die Kinder die Intensität der Phase erreicht haben, in der sie
ein großer innerer Hunger befällt. Diese ungestillte Aufnahmewilligkeit,
dieses Verzehren nach einer neuen Rolle, dieses verlangen nach Tiefe, nach
Dunkelheit, nach tabuisiertem Wissen, nach all den Qualitäten, die
wir in unseren Kindern am meisten fürchten - die Altvorderen benutzten
genau diese Weise als Lehrmittel.
Dem bis dahin
ungestillten Verlangen der Kids wird gegeben, was es braucht. Kinder in
jugendlichen Alter sehen sich nach extremen Erfahrungen und Experimenten.
Dieses Verlangen überkommt sie plötzlich und ist total. Sie sind
davon geradezu besessen. Das kann ihnen nicht einfach ausgeredet werden.
Keine Erziehung wird ihnen dies austreiben können. Die Information,
in diesem Lebensabschnitt nach extremen Erfahrungen zu lechzen, ist in
unserem genetischen Code verankert. (Natürlich müssen die Kids
zornig werden, wenn ihnen die Erwachsenen in unserem Kulturkreis weismachen
wollen, diese Sehnsüchte seien falsch). Was die Jugendliche brauchen,
ist eine stimmige Kosmologie und entsprechende Hilfsmittel, um in dieser
Welt überleben zu können. Für ihre Extremerlebnisse sorgen
die Kids schon selber, daran hapert es nicht. Was ihnen fehlt, sind nicht
eigene Ideen und Aktivitäten, sondern eine sie dabei begleitende Kosmologie.
Ohne diese Begleitung besteht die Gefahr, daß sie ins Taumeln geraten,
wenn sich ihnen die dunklen Abgründe auftun. Vielleicht führt
sie ein dunkler Pfad geradewegs hin bis zu ihrer Seele. Trotzdem wird ihr
Drang nicht befriedigt, weil ihnen der Sinn für das Ganze abgeht.
Also wird dieser frustrierende Akt immer wiederholt, ohne daß die
entsprechende Befriedigung eintritt. (Und sie kreieren so, wenn auch nur
als Nebenprodukt, das was man Moderne Kultur nennt). Dieses Verlangen nach
dunkler Energie wurde von unseren Vorfahren irgendwie erfüllt, indem
sie diese mit einer zugehörigen Kosmologie und dem entsprechenden
Wissen ergänzten. So kam es zu dem, was wir Initiation nennen. Diese
Praktiken waren so effektiv, daß einE StammesjugendlicheR im Alter
von meist fünfzehn Jahren in der Lage war, ihren/seinen Platz in der
Gesellschaft als voll verantwortlicheR ErwachseneR einzunehmen.
Wir sind nicht in der Lage, solches Verlangen zu stillen, weil unsere
Gesellschaft dieses unterminiert. So werden viele von uns in ihrem Herzen
nie richtig erwachsen, noch fühlen sie sich so. Wie hat unsere Gesellschaft
reagiert? Seit über vierzig Jahren entwickeln Jugendliche eigene Kulturformen
- Musik, Mode, Verhalten -, die den initiativen Moment hinauszögern
und verlängern. Oder anders: Wir sind von der Phase des Heranwachsens
(oder der Einweihungs-Empfänglichkeit) so fasziniert, daß wir
sie in die Länge ziehen. Als hofften wir, doch irgendwo unterwegs
rein zufällig eine Initiation zu erleben. Für Menschen in Stammesgesellschaften
ist die Initiation, die meist nur wenig länger als Wochen, selten
ein Jahr dauert, die absolut intensivste Zeit ihres Lebens. Bei uns zieht
sich dieser Prozeß heute über Jahre, ja, sogar Jahrzehnte hin.
Dabei scheint sich das ihm eigene Gewaltpotential, dem zunehmenden Druck,
diesen Prozeß hinauszuzögern, entsprechend zu steigern. Diese
Verlängerung des Initiationsprozesses trägt schließlich
dazu bei, uns alle in den Wahnsinn zu treiben.
In Europa verschwand das Stammesleben vor über eintausend Jahren.
Warum aber taucht das Problem mit der 'verschleppten Jugendzeit'
erst Mitte des 20. Jahrhunderts auf? Vor dem 2. Weltkrieg lebten wir in
einer Art Übergangswelt. In den Jahrhunderten vor dem Krieg lebten
die Menschen in einer zutiefst repressiven und geradezu gemein ausbeuterischen
Zeit, die in sich jedoch geordnet war. Im Gegensatz zu heute geordnet genug,
um sowohl auf spiritueller wie auch politischer Ebene gnadenlose Repressionen
durchzusetzen. Die traditionellen Überlieferungen der Altvorderen
haben nicht überlebt, sie wurden vor langer, langer Zeit eliminiert
und wir dadurch geistig entwurzelt. Alle Sehnsüchte in jener Phase
des dunklen Verlangens reifender Jugendlicher wurden ihnen gnadenlos abgesprochen
und unterdrückt. So wurde aus ihnen eine Art Zombie, lebendige Tote.
Die damit einhergehende Verklemmtheit nannte man fortan Erwachsensein oder
Reife. Die meisten Jugendliche waren mit 17 Jahren durch die Repressionen,
zu denen es keine Alternative gab, schon so abgestumpft, daß sie
bereit waren, die ihnen von der Gesellschaft aufgedrängten Pflichten
zu ertragen. Menschliche Kälte wurde (und ist es vielerorten noch
heute) als Zeichen der Stärke umgedeutet. In diesem leblosen Leben
erfüllte man seine Pflichten und erklärte den Gleichmut zur Tugendhaftigkeit.
Ob sich solche Menschen ihres Schattendaseins bewußt waren oder nicht,
es blieb ihnen keine andere Möglichkeit als zu erledigen, was zu tun
war. Von der Gesellschaft wurden sie beruhigt, daß dies ausreichend
sei. Nicht nur in fundamentalistischen Gesellschaften wird das heute noch
versucht.
In Europa kam es ab und an zu einem Aufstand, meist in Form einer rebellischen,
politischen Revolution gegen solcherlei Verhältnisse. (Politik muß
immer als Entschuldigung für etwas herhalten, das tieferen Ursprungs
ist). Diese Aufstände waren meist nur sehr kurzlebig und schon bald
kehrte der normale Zustand wieder ein.
Eine besondere Rolle nimmt in diesem Zusammenhang die Amerikanische
Revolution ein. Als sich das weiße Amerika von Europa löste,
stand einer relativ kleinen Bevölkerung ein ganzer Kontinent zum Erobern
zur Verfügung. Den Unterdrückten Europas stand plötzlich
ein Platz, ein Land, ja, eine Neue Welt mit schier unbegrenzten Möglichkeiten
zur Verfügung. Hier konnten sie ihre Sehnsüchte, ihre dunkle
Energie rücksichtslos kollektiv ausleben. Das, was wir heute elitär
Amerika nennen, ist das Resultat dieser gebündelten, dunklen Energien.
Amerika erlaubte es, diesen unbefriedigten Zustand jugendlichen Verlangens
bis zum Exzess auszuleben und durch Ersatzhandlungen zu stillen. Man nannte
dies Freiheit oder Freier Handel. Dieses Spektakel verlockte und erregte
die Europäer. Sie erlebten eine Erregung, wie ein Priester, der heimlich
einem Paar im Nebenzimmer beim Vögeln zuschaut. Als man eine neue
Möglichkeit der Ausdehnung, die Technologie, erfand, spitzten sich
die Dinge in Europa wie auch in Amerika zu.
Wir machen heute die Technologie für eine Menge Veränderungen
verantwortlich und vergessen dabei, daß Technologie zu allererst
und vor allem ein Ausdruck menschlichen Strebens ist. Wie alle menschlichen
Expressionen, spiegelt Technologie ein Verlangen der menschlichen Seele
wider. Sie ist ein Ergebnis, bevor sie zur Ursache wird. Ursprünglich
war Technologie Ausdruck einer Sehnsucht, eines bodenlosen Wunsches, nicht
mehr länger im westlichen Lebensstil gefangen zu bleiben. Darum machten
auch nicht andere Kulturen diese Erfindungen. Nicht weil sie primitiver
oder nicht schlau genug waren, sondern weil sie ihr Leben mehr liebten.
(Welch zwanghaftem Glücksstreben müssen die Deutschen unterliegen,
wenn man sich in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß alle harten
Drogen im deutschsprachigen Raum erfunden wurden. Anm. des Übersetzers.)
So fanden schließlich ein- bis zweitausend Jahre angestaute westliche
Energie einen fundamentalen Ausweg, ein Überdruckventil: die Technologie.
So gesehen ist die uns umgebende Macht nicht mal etwas Neues. Sie ist die
Manifestation der geballten Macht unserer Vergangenheit. Einer vor sich
hin blubbernden, inneren Macht, die nicht mit dem individuellen Menschen
stirbt, sondern sich, Generation für Generation, in einer Gesellschaft
aufbaut. Bis die Blase platzt. Technologie rekrutiert sich aus dem ungenutzten
Potential unserer Vorfahren. Der wahre Geist in der Flasche. Die kollektive
Psyche versteckt sich in Dingen: in Computern, in Autos, im Fernsehen und
tobt sich dort ungebändigt aus.
Wegen dieser Maschinen, diesen metallgewordenen Geistern, wurden die
beiden Weltkriege ausgefochten, darum waren sie so verheerend. Es gingen
nicht nur lebende Menschen mordlüstern aufeinander los, sondern ebenso
die unkontrollierbare, angestaute Energie vergangener Generationen. Nach
den beiden Kriegen war auch diese Phase, in der sich die Menschen öffneten
und ihre Seelen ausschütteten, vorbei. Nun kam die Zeit, in der sich
menschliche Wesen aufmachten, den ein für allemal befreiten Energien
gerecht zu werden.
Unmittelbarer Ausdruck davon im Privaten, nicht nur im Westen, war,
daß auf Familienebene die gewaltschwangeren Repressalien unmöglich
wurden. Der 2. Weltkrieg erschütterte die ganze Welt. Inzwischen
wissen wir, daß diese zwangsverordneten Repressalien innerhalb der
Familie auch in absolut nichtwestlich programmierten Kulturen bzw. in politisch
stark unterdrückten Regionen nicht mehr funktionierten. Was wäre
wohl mit Mao geschehen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, die plötzlich
freigesetzte Energie der chinesischen Jugend unter dem Deckmantel der Kulturrevolution
für seine Zwecke einzuspannen? Mao war clever genug, sich als Ziel
aus dem Visier der aufmüpfigen jungen Chinesen zu stehlen und deren
Zorn auf seine Feinde umzuleiten. In Kambodscha geschah wenige Jahre später
ähnliches, wenn man einmal die genaueren politischen Definitionen
außen vor läßt. Dort ermordeten Kids die Erwachsenen,
während in Mexiko und Chile die Kids von Erwachsene umgebracht wurden.
In den USA und Europa hatten wir es mit idealistischen Angebern zu tun.
Fakt ist,
daß während oder nach dem Krieg geborene Menschen mit einer
solch vehementen Kraft und Verbissenheit, inklusive aller positiven und
negativen Implikationen, weltweit das Alter der Initiationsreife erreichten,
daß die Erwachsenen überfordert ausflippten und sich gegen diese
Flutwelle sträubten. Bitte versuch jetzt nicht, die Ursprünge
dieser Vorgänge in psychologischen Momenten des Individuums oder einzelner
Familien zu rationalisieren oder soziologisch und politisch zu erklären.
Es handelte sich um sehr unterschiedliche Gesellschaftsformen. Bis heute
fehlen uns die Erklärungen für diese wahrhaft mysteriösen
Verhaltensmuster und Gesetzmäßigkeiten des Handelns der Menschen,
die global zu einem urplötzlich neuen Spiel führten.
Ein Ergebnis des 2. Weltkrieges war, daß die Sehnsuchtsphase,
diese potentiell initiationsschwangere Zeit der Jugend nicht mehr vorenthalten
werden konnte. Durch den Krieg hatte sich die technologische Entwicklung
derart beschleunigt, daß selbst Erwachsene nicht mehr in der Lage
waren, den damit einhergehenden Veränderungen zu folgen. Sie verloren
die totale Autorität über ihre Kinder, wurden unfähig, diese
im Zaum zu halten. Die Kids waren erstmals in der Geschichte der westlichen
Welt auf sich selber angewiesen. Sie erfanden eigene Ausdrucksformen: Musik,
Moden, Bräuche. Mit dem Ziel, die Phase der Initiations-Sehnsucht
zu verlängern, entstand eine völlig neue Kultur. (Daß dies
nicht bewußt geschah, bedeutet nicht, daß es nicht geplant
war. Instinkt ist nicht gleich Bewußtsein, hat aber einen eigenen
definitiven, spezifischen Sinn und Zweck).
Dieses Phänomen, oder besser, diese komplexen Phänomene,
haben sich im Laufe der Jahre vervielfacht. Aus einem kulturellen Hauch
wurden weltweite Turbulenzen. Überall atmen wir diese Luft, die nach
der bedrückenden, dunklen Sehnsuchtszeit der Heranwachsenden riecht.
Zwar werden inzwischen die meisten neuen Entwicklungen der Jugendkultur
von den Multis sofort aufgesogen und kontrolliert, aber wichtig ist, daß
sich diese an der Basis entwickelten, nicht den Jugendlichen von oben herab
aufdiktiert wurden. Die Ideen wurden den Jugendlichen von Firmen abgekupfert,
die von Menschen beherrscht werden, welche zur ersten Generation freigelassener
Jugendlicher gehörten.
Das Ergebnis? Unter dem Deckmantel des Entertainment (also Musik, Filme,
Fernsehen) wird heute ein Gefühl ewiger Jugend propagiert und durchgesetzt,
ähnlich total wie das alte Bild erwachsener Steifheit. Früher
konnte eine isolierte Gesellschaftsklasse unwidersprochen für sich
reklamieren, normal zu sein. Nur einigen wenigen Künstlern war es
erlaubt, eine vertretbare und überschaubare Dosis meist harmloser,
initiatorischer Macht auszuführen. (Während sich das Militär
und sie Armen in wahrhaft irrsinnigen Auseinandersetzungen begegneten.)
Heute erübrigen sich solcherlei Unterscheidungen. Chaotische Ausbrüche
jugendlicher Wut, extreme Erlebnisse in den Zwischenzonen geistiger Düsternis,
halluzinatorische Verwirrungen, all das gehört inzwischen doch zum
Alltagsleben. Aus diesem Stoff setzt sich das Leben ebenso wie die Kunst
zusammen. Total normal. Alles. Pop, Rap, TV, Filme, Gedichte und Romane
werfen Schatten aus ihrer Schattenwelt. Wirkungsvoller als jedes Schattenkabinett.
Werbung klärt dich auf. Es gibt kein Entrinnen mehr.
Die Menschen der Stammesgesellschaften kannten Wege, ihre Jugendlichen
durch genau festgelegte Rituale jener Realität auszusetzen, die von
den australischen Aborigines Dreamtime genannt wird - den Mysterien menschlicher
Psyche in ihrer reinsten, ursprünglichen Form. Schon bevor diese Wege
durch einen kommenden Informations-Highway ersetzt werden, spielt heute
die Medienautobahn diese Rolle. Die Welt ist global einem geistigen, elektronisch
verstärkten Bombardement ausgesetzt. Strukturiert wurde dieses von
ehemaligen Heranwachsenden, ohne jegliche Anleitungen von initiierten Älteren.
Diesen Mysterienkitzlern der Psyche in ihrer ursprünglichen Form sind
wir alle schutzlos ausgeliefert.
Wir leben in einem überschatteten Zeitalter. Die Welt wird von
einer dunklen, klebrigen, psychoaktiven Masse überschwemmt. Alles
ist damit behaftet. Wir geben zwar vor, sie nicht zu mögen, gleichzeitig
aber suhlen wir uns darin. Was wäre unser Leben ohne diese unwiderstehliche
kollektive Sehnsucht nach diesen Schatten, dieser Dunkelheit? Solch ein
profundes Massenphänomen ist weit jenseits von gut und böse angesiedelt,
von richtig oder falsch, gerecht oder ungerecht, bar jeglicher politischer
Einflußnahme. Es wird eine ganze Weile dauern, bis sich diese Dinge
von selber klären und ins Lot kommen. Vielleicht ein Jahrhundert oder
auch zwei. Was meinte Bob Dylan vor fünfundzwanzig Jahren? "Come on
out, the dark is just beginnin'."
(aus "Der Grüne Zweig 178")
Ich glaube nie.
Und wenn, dann nur, was ich will.
Roland
Freiheit ist die Freiheit, etwas nicht zu tun. Und die LOver-Serie "Na dann tu doch mal was anderes! Ha, haha, haha..." bekommt heute wieder eine ihrer unendlichen Fortsetzungen, diesmal von einem Mann, der auch was über Haare schreibt. Ich meine Tanzen. Oder Unterschied?
"Mein/e Freund/in-Therapeut-Anwalt sagt, Du solltest öfter über
Lösungen und nicht nur immer über die üblen Seiten des Lebens
schreiben." Ja, vielleicht reicht es nicht, meine Meinung zu sagen, meine
Visionen aufzuschreiben, ohne dem Leser und der Leserin Anleitungen mitzugeben,
was sie damit anfangen sollen. Vielleicht gibt es ja Lösungen, und
ich sollte sie kennen.
Also setzte ich mich hin und dachte angestrengt darüber nach.
Hier sind sie nun, meine Lösungen für alles. Um es dir leichter
zu machen, sogar der Reihe nach durchnumeriert.
0. Ergebe dich deinen Geheimnissen. Ohne ein oder zwei wichtige Geheimnisse
wird dir dein Leben mit Sicherheit entgleiten. (Solltest du über vierzig
sein und nicht verstehen, wovon ich rede ... dann steckst du in tiefen
Schwierigkeiten.)
Eine Denksportaufgabe: Geheimnisse sind keine Lügen - es sind
Mysterien, Häfen, Durchgangsstationen. Lügen verderben das Leben,
Geheimnisse können Leben retten. Aber manchmal muß man lügen,
um ein Geheimnis zu wahren. Mh, ah ...
1. Mach Fehler. Wie sagte es Coleman Hawkins so treffend: "Wenn du keine Fehler machst, versuchst du es nicht wirklich."
2. Hör auf, Lügen über dich selbst zu verbreiten. Dir selber. Deinen Freunden. Deiner Familie. Deinen Geschäftspartnern. Vielleicht sogar deinen Feinden. (Deine Feinde unterdrücken dich genau so arg durch deine Treue zu deinen Lügen, wie durch sonst was.)
3. Hör auf in deinen Führern zu tolerieren, was du nicht mal deinen Freunden durchgehen lassen würdest. Aber ...
4. Toleriere Unsauberkeiten. Purist in irgendeiner Form zu sein bedeutet, sich potentiell zum Versager zu machen. Von anderen Menschen Purheit zu erwarten bedeutet, sie hereinlegen zu wollen.
5. Lies jeden Monat ein Buch. Ein Buch, über das du nicht in einem Magazin oder einer Zeitung gelesen hast. Wühl im Grabbeltisch eines Antiquariats oder eines kleinen Buchladens herum und warte, bis dich ein Buch anmacht "Lies mich!" Lies es.
6. Höre auf Stimmen. Den kaum verständlichen inneren Stimmen. Selbst wenn sie nicht reden, sondern nur wie ein schmutziger Anrufer, kaum hörbar, atmen. Tu was sie dir sagen. Folge ihnen, es sei denn, sie reden von Vergewaltigung, Mord oder Plünderung. (Manchmal machen auch innere Stimmen Fehler. Aber ihre Fehler sind nie langweilig.)
7. Laß Menschen, die darum bitten, in Ruhe gelassen zu werden, wirklich in Ruhe. Wenn sie das ehrlich meinen, brauchen sie ihre Ruhe. Sollten sie es nicht so meinen, versuchen sie, dich zu manipulieren. Dann können sie dir allemal den Buckel runterrutschen. (Beachte: Diese Regel gilt nur für Erwachsene.)
8. Unterwirf dich nicht dem blasierten Fehler, eine negative Stimme sei automatisch schlauer als eine positive.
9. Iß gesunde Nahrungsmittel. Vermeide es, in dieser Frage fanatisch zu sein.
10. Sei niemals ein Fanatiker.
11. Habe nur etwas für körperliche Ertüchtigung übrig, wenn sie dich irgendwo hin führt. Geh zu Fuß, fahr mit dem Fahrrad oder mit Rollschuhen, schwimm. Alle anderen Leibesübungen sind vom Ego und/oder von Angst motiviert. Wenn du dich dem Ego oder der Angst unterwirfst, erstickst du just jene inneren Stimmen, deren Rat du am dringendsten benötigst.
12. Laufe nicht. Ehrlich, laß es. Vor allem Amerikaner lieben es, vor ................ (füll dir diesen Freiraum selber aus) davon zu laufen. Darin sind wir sehr gut. Jeder, der läuft, rennt vor etwas Schlimmen davon. Hör auf, zu laufen oder zu joggen. Finde stattdessen heraus, was dich so antreibt. Erkenne, was du eigentlich hinter dir lassen möchtest.
13. Färbe deine Haare nicht, es sei denn, du bist eine Frau über vierzig und färbst sie in der Farbe, nach der ich versessen bin. Selbst dann, übertünche nicht alle grauen Haare. Grau ist wundervoll. Das gilt insbesondere, wenn du ein Mann bist. Laß Grau grau sein. Bedenke: es wissen sowieso alle Bescheid. Wirklich! Wenn du etwas wegfärben willst, reden sie hinter deinem Rücken abfällig über dich. Nein, ich verarsche dich nicht.
14. Favorisiere die italienische Küche. Die Menschen vom Stiefel wandelten sich von römischen Unterdrückern zu den ineffizienten, wunderbaren Italienern, die sie heute sind. Das liegt höchstwahrscheinlich an ihrem Essen.
15. Diese Lösung ist überholt.
16. Wenn du in einer Stadt wohnst, in der das Auto für dich unersetzbar
ist, folge meinem Rat: Lerne fahren! Du meinst wahrscheinlich, du würdest
den Stadtverkehr beherrschen, aber meine Erfahrungen verraten mir, daß
du es trotzdem nicht richtig machst. Also will ich dir verraten, wie es
geht: Fahr auf Abstand und nicht auf Geschwindigkeit. Will sagen, das Sicherste,
was du am Auto haben kannst, ist der Freiraum vor deiner Stoßstange.
Es bringt dir gar nichts, dauernd die Spur zu wechseln, außer daß
es dich altern läßt. Dem durchschnittlichen Verkehr in einer
Stadt oder auch auf der Autobahn kannst du kaum mehr als fünf Minuten
abluchsen. Und auf die kommt es doch höchstens an, wenn du ein Baby
erwartest. Außerdem fühlst du dich an der nächsten Ampel,
wenn jene sechs Autos zu dir aufschließen, die du eben kamikazemäßig
überholt hast, wie der letzte Depp. Die lachen dich doch aus. Oder
sie hassen dich. Das wäre nicht gut für dich. Also fahr auf Abstand
und Raum.
Wenn du dich nicht zügig fortbewegst, stimmt etwas nicht. Für
abruptes Drehen, Anhalten oder Beschleunigen gibt es keine Entschuldigung.
Es schadet dem Wagen, nervt die Beifahrer, verwirrt andere Verkehrsteilnehmer
und sieht auch nicht ästhetisch aus. Heb dir solche Aktionen für
Notfälle auf.
Neunzig Prozent der Zeit fährst du mit innerem Autopilot, gewohnheitsgemäß,
ohne den Verstand zu aktivieren. Finde heraus, was deine schlechte Angewohnheiten
sind. Bei Gelb über die Ampel? Nicht blinken? Zu eng auffahren? Es
sind die dümmsten Angewohnheiten, die dir die schlimmsten Unfälle
einhandeln werden. Also hör sofort damit auf. Halte genügend
Abstand. Ende der Durchsage.
17. Tanze. Jesus sagte in einer der gnostischen Schriften: "Jene, die nicht tanzen, wissen nicht, was los ist."
18. Sorge dich nicht wegen deinem Fett. Fett fühlt sich im Bett wundervoll an.
19. Laß außer dir noch ein lebendiges Wesen in deiner Wohnung leben. Rhododendren sind z.B. fantastische Geschöpfe. Sie geben dir viel und erwarten wenig. Sie haben einen betörenden Namen und scheißen nicht auf den Teppich, über den du immer gehst.
20. Schau anderen Menschen in die Augen, wenn sie mit dir reden.
21. Sprich deine Eltern, wenn du sie das nächste Mal siehst, bei ihren Vornamen an. Versuche es einfach. Beobachte ihre Gesichter dabei. Gewöhn' es dir an, sie mindestens jedes zweite Mal mit ihren Vornamen anzusprechen. (Wenn das die Menschen überall auf der Erde machen würden, zögen Nationen in keine Kriege mehr.)
22. Schau, daß in deinem Leben Kerzen leuchten. (Das bietet sich sowieso an, wenn du dich auf Rituale einläßt.)
23. Wie gedrängt dein täglicher Terminplan auch sein mag, gönne dir frühmorgens vor dem Aufstehen noch mindestens fünf Minuten mit deiner Liebe im Bett. Seid zärtlich miteinander. Trinkt z.B. gemeinsam Tee.
24. Sage deiner Mutter, deinem Vater (getrennt), und, wenn du welche hast, deinen Kindern, was du wirklich denkst. Mindestens einmal im Jahr. Täten dies mehr Menschen, würde das mehr Leben retten, als wenn alle besoffenen Autofahrer eingesperrt würden.
25. Weiche nicht den direkten Augen-Blicken Obdachloser aus.
26. Wenn du meinst, daß etwas in deiner Familie, bei deiner Arbeit, in deinem Inneren, in deinem Land schief läuft, bemühe dich darum, daß es sich ändert. Tust du das nicht, ist es völlig gleich, wie braungebrannt du bist.
27. Bezieht sich auf 23. Angenommen, du würdest gerne lieben, weißt aber nicht wen. Ich möchte wetten, daß dies nicht daher rührt, daß du fett, häßlich, verrückt, alt, ein Versager, ein Trunkenbold, ein Dussel oder Trampel bist. Viele fette, häßliche, verrückte, ältere, besoffene und dusselige Versager haben einen liebevollen Partner. Viele einsame Menschen hätten gerne einen Partner wie dich. Von all den vielen einsamen Menschen würden es wahrscheinlich sogar die meisten mit dir versuchen. Also liegt im Herzen deiner Einsamkeit eine Lüge begraben. Eine Partnerschaft würde diese Lüge aufdecken, und dem weichst du aus.
28. Kleb folgende Botschaft an deinen Badezimmerspiegel: "Man kann in anderen nur ertragen, was man in sich selber ertragen kann." (James Baldwin)
29.Arbeit ist ein Sakrament. Verachte niemandens Arbeit.
30. Sprich zu Kindern nicht herablassend.
31. Sei kein Feigling, wenn es um Sex geht. Vorausgesetzt, du bist mit einem Erwachsenen zusammen, der sich freiwillig auf dich eingelassen hat, laß deiner Fantasie freien Lauf. Dies ist ungleich wichtiger, als mit dem Rauchen aufzuhören.
32. Schau dir jeden Monat mindestens einen Schwarzweiß-Film an.
33. Bezugnehmend auf Nr. 6: Befreunde dich mit dem Gedanken, daß es diese ... Stimmen wirklich gibt. Manchmal sprechen sie aus deinem Inneren, manchmal durch Pflanzen, Tiere und Objekte, die dich umgeben. Einige erschallen, wie ich es kurz und bündig nenne, aus der Unendlichkeit. Solltest du ihnen nicht lauschen, so wird dein Leben schwieriger sein, als es sein müßte.
34. Zahl mehr Steuern - und setz dich dafür ein, daß diese
Steuern, wie auch die Steuern, die du ohnehin zahlst, ins Ausbildungs-
und Schulwesen gehen.
Eine lebendige, wahrhafte und gründliche Ausbildung ist heute
der wichtigste Beitrag für eine bessere Umwelt. Wichtiger noch als
der saure Regen, die tropischen Regenwälder und das Ozonloch.
35. Das möchte ich etwas ausführen. Recycling und ökologisch-bewußtes Handeln sind geradezu sinnlos, wenn ein Drittel der amerikanischen Oberschüler die Schule abbrechen, die meisten Kinder trotz Schulabschluß nicht lesen können und keinerlei nennenswerte Fähigkeiten erlernen. Wie können diese Menschen einstmals die Erde erben? Werden sie in der Lage sein, diese zu erhalten, selbst wenn wir sie ihnen etwas grüner übergeben? Du willst eine Lösung? Hier hast du die Lösung: geh für eine bessere Ausbildung der Kinder auf die Straße.
36. Bete.
37. Hör auf, von anderen Menschen Lösungen zu erhoffen oder zu erwarten. Du bist die Lösung. Wenn nicht, gibt es keine.
38. Sei dir des Netzwerkes bewußt. Wir leben in einem Netzwerk der Connections und Querverbindungen, ja, wir sind ein Teil davon. Du unterhältst Verbindungen zu dir selbst, deiner Familie, deinen Freunden, dem Ort, an dem du dich aufhältst, mit dem Kollektiv, mit dem Planeten, mit der Unendlichkeit. Jede dieser Vorstellungen hat ihren Sinn. Genauso kraftvoll ist die Verbindung vom Kollektiv zu dir (wenn auch nicht unbedingt so ausgeprägt wie andersherum), zu Gruppen von Freunden, zu sich selber, zum Planeten, zur Unendlichkeit. All diese Ebenen und Beziehungen sind zu einem InterNet versponnen. Alle sind gleich wichtig.
Alle Verbindungsstücke und Knotenpunkte des Netzwerkes (nenne sie ruhig die Akupunktur-Punkte des Universums) nehmen und geben gleichermaßen Energie. Sie verbrauchen Energie, sie erzeugen sie zugleich. Jedes Glied, daß nicht im Einklang mit den anderen schwingt, schwächt alle. (Der Westen konzentrierte sich z.B. zu arg auf das Individuum, der Osten zu arg auf das Kollektiv. Beide Richtungen haben auf das gesamte Netzwerk katastrophale Auswirkungen gehabt.)
Dieses Netzwerk, das sich von dir bis hin zu den Außenposten der Unendlichkeit erstreckt, ist ein lebendiges Ganzes. Es verändert sich unaufhörlich. Für einige dieser Veränderungen braucht es Millionen von Jahren. Andere geschehen augenblicklich.
Mögen
die Verbindungen deines Netzwerkes strahlen.
(Michael Ventura, u.a. Kolumnist der L.A Weekly, in "Der Grüne Zweig 178")
Es gibt keinen persönlichen Ansatz zur Wahrheit, genauso wie
es keinen für die Entdeckung wissenschaftlicher Fakten geben kann.
Es stimmt nicht, daß verschiedene Wege zur Wahrheit führen,
daß Wahrheit verschiedene Aspekte hat.
(Krishnamurti)