OVER Nr. 25


LOVER Nr. 25

(erschien 03/2000)

Auszüge:

[Und nun?] - [Liebeslied] - [Reactor] - [Bitte Regen] - [Tiefe Wasser] - [Basar] - [Manifest] - [Preisausschreiben #10] - [Preisausschreiben #11] - [Sprüche] - [Interview] - [Dichtick] - [Bäume] - [Richtig liegen] - [Legende] - [Fliegeralarm] - [Es war einmal... Teil 1] - [Hörtip] - [Nebel] - [Heimatkunde] - [Environment] - [Neue Nebel] - [Uni-Stadt] - [Froh] - [Abwicklung] - [Kriegstagebuch] - [Führer-Schein] - [Richtigstellung] - [Zeitalter] - [Wahnmache] - [Free To] - [Liebe]

Du darfst nicht sagte die Eule
Du darfst nicht die Sonne besingen
Die Sonne ist nicht wichtig
Da nahm der Auerhahn die Sonne aus seinem Lied
Und schon ward es finster
(frei nach Kuhnert oder Kunze?)

LOver 25

Und nun?

Bis Fingsten wird es noch 2 Nummern geben. LOver 27 wird folglich hauptsächlich das LAPSUS live Nr. 18 Programm beinhalten. Ansonsten hoffe ich wie stets, daß der Lover weit genug nach innen geht, um der Sinnhaftigkeit des Lebens näher zu kommen. Was wohl die Love ist, oder?, Philoversoph?
Der 26. LOver bei Euch etwa am 8.5.0,   Redaktionsschluß 28.4.0, und Ostern kann hier jedeR herzlich mitmischen, spontane Einzeiler wie "Was hat er denn sonst noch vom Leben?" Ja, wer denn und was?
Worte, Bilder, Zeit, Blumen, Briefmarken:  Ro Li B., Akzep Tanz 19, 17121 ZarNektar [oder leopold.lapsus@gmx.net]

LIEBESLIED

The Cure

Wann auch immer ich mit dir allein bin,
gibst du mir das Gefühl,
wieder zu Hause zu sein.
Wann auch immer ich mit dir allein bin,
gibst du mir das Gefühl,
wieder heil zu sein.
Wann auch immer ich mit dir allein bin,
gibst du mir das Gefühl,
wieder jung zu sein.
Wann auch immer ich mit dir allein bin,
gibst du mir das Gefühl,
wieder voll Freude zu sein.

Welche Entfernungen uns auch trennen
ich werde dich immer lieben.
Wie lange ich auch bleibe,
ich werde dich immer lieben.
Was auch für Worte ich sage,
immer werde ich dich lieben.
Ich werde dich immer lieben.

Wann auch immer ich mit dir allein bin,
gibst du mir das Gefühl,
wieder frei zu sein.
Wann auch immer ich mit dir allein bin,
gibst du mir das Gefühl,
wieder klar zu sein.

Welche Entfernungen uns auch trennen
ich werde dich immer lieben.
Wie lange ich auch bleibe,
ich werde dich immer lieben.
Was auch für Worte ich sage,
immer werde ich dich lieben.
Ich werde dich immer lieben.

(1989, übersetzt von Roland)

Re ¤ act ¤ or

Prenzlauer Berg, Erde, Europa, den 31.1.0000000
Mensch Roli,
Erstmal habe 2000 mal Dank für die vielen Lapsus Lover Folgen, die mir unters Herz gehen. Die Bilder finde ich ergreifend und die Texte erholsam, nachdem ich den Tagesspiegel und die Bildzeitung gelesen habe. Wann ist wieder Lapsus??? Ich lese manchmal in alten Lapsus-Heften rum und denke oft an das Lapsus vor 2 Jahren. Sehr gern hätte ich es wieder in der Millionen-Blutegel-Am-Katzenhals-Stadt Zarnekla. Du wirst mich bedauern, aber die Natur habe ich das letzte Mal richtig da erlebt, vor 2 Jahren, so kurz kann das Leben sein - 3 Tage Zarnekla.
Die Gesellschaft wird sich wandeln müssen, weil Mutter Natur sich von Vater Staat immer mehr distanziert, emanzipiert. Vater Staat ist ein geisteskranker Verbrecher, der korrupt Spendengelder stiehlt, die Reichen reicher macht und die Armen im Süppchen ersäuft. Wer heute Kapital, Macht hat, muß um so mehr darum kämpfen, das zeigen die Konzernfusionen eindeutig. Der Kapitalismus wehrt sich wie ein angeschossenes Tier, Über...all knallt es in der 3. Welt. Wer behauptet, es geht in nichts an, wird als Egozentriker aus der Gehirnwaschmaschine geschleudert. Ich gebe diesem System nur noch 10 Jahre oder wenigstens 5 Jahre ... Wir werden's erleben -> kein Geld mehr!!!, keine Gesetze!!!, keine Politiker!!! Jeder Mensch, alle Menschen, ich bin mir sicher, können ohne diesen Scheiß leben, wenn es kein oben und kein unten mehr gibt. Und die Ausrede, der Mensch ist ein Schwein, er wird immer andere ausnutzen, vergessen wir es, der Mensch kann such anders, Stiefmutter Erde (Umweltkatastrophen) und Vater Staat (Obdach-, Arbeitslosigkeit, Kapitalismus) werden irgendwann auch den letzten Menschen von der Gesinnung überzeugen, die dem Miteinanderleben und -lernen zugewandt ist.
Jede freie Minute denke ich daran und bin mir sicher, bewußt, das Leben eines Menschen ist auf das "Überleben" spezialisiert, nicht auf die Zerstörung. Die vielen verwirrten Menschen, die handeln, als wäre es so, wissen das alle, auch, wenn sie es nicht zugeben. DAS LEBEN LEBT!!!
Viele Grüße vom Baum Thomas

Hör mal zu, Du sensib...
"Sensibelchen" hatte mal einer zu mir gesagt. Das wollte ich Dir jetzt nicht sagen...
Bei Sensib kam nur der Punkt... Aus... Erinnern...
Du beschreibst derart genau Ängste, Liebe, Kümmernisse...
Und: daß die Sensibleren diese Welt verändern werden.
Meine Träume drehen sich um ein... Daheim...
Ich finde Eure Gedichte - manche - himmlisch schön.
Und: Nathalies kleinen Löwen, der groß sein wollte... Wie ich - lacht es. Die Meisten fühlten sich ausgelacht.
Eure schönen Liebes Bekennungen zum Leben dahin. Danke, Nathalie! Danke Roland...
Euch alles Liebe Ute

Hallo Macher,
Ausgabe 24 beginnt mit einem schönen Vers und einer gelungenen Collage - ein inhaltliches Versprechen, das so ziemlich das ganze Heft hält. Allerdings scheint durch das Hetzen von Heft zu Heft gestalterisch manch bessere Lösung aus dem Blick geraten zu sein. (v.a. S. 26/27) Beeindruckend die Bilddokumentation über den bekifften Volksschreiber Walter U.. Kann so ein Gesicht lügen? Spannung bietet die Fortsetzungsgeschichte auf Seite 11. Was wird [22] [13] antworten? "Denkste!?"? Ich bin gespannt. Da Tina selbst wohl nicht schreiben wird, möchte ich wenigstens ihre Begeisterung für Oben ohne von [8] kundtun. Be-deutend durch-leuchtend die Zeilen zu Gut und Böse von [17] - unterbrochen von einem Foto auf Seite 18, das die Gedanken sehr ablenken kann. Ohnehin schwer verdaulicher Studienstoff. Erinnert mich irgendwie an das Wort zum Sonntag. Guck ich auch nur spaßeshalber.
Auch der fünffache Kinderreim stürzt sich so oft wiederholt selbst in eine Akzeptanzkrise. Zumal er sich nicht mal reimt. Im Unterschied zu meiner Schwester [3] finde ich die Legenden um AGs, Ersatzmode und -kassetten sehr lesenswert und passend. Vielleicht haben ja alle anderen die junge Welt abonniert. Ich nicht. Danke fürs Abtippen!
Deine Befürchtungen, daß die Netzversion lapsus LIVE kaputt machen könnte, teile ich nicht. Das Netz ist eigentlich eine schnelle Kommunikationsmöglichkeit, die leider auch Geld kostet (vor allem die Hartware) und die in unseren Reihen nicht eben üppig zur Verfügung steht. Kopierrechtsmäßig ist von den meist zitierten linken Quellen wohl kaum Gefahr zu erwarten. Im schwersten Falle eine Unterlassungsbitte. Beim Schallplattenmann beispielsweise heißt es ausdrücklich: Nicht-kommerzielle Publikationen dürfen Artikel unter vollständiger Quellenangabe wiedergeben. Eine konkrete Nachfrage führte bei "Es war einmal..." zum OK. Der Kopierrechtsquatsch interessiert doch sowieso nur bei kommerziellem Ausschlachten. Davon ist doch nun wirklich nichts zu spüren. Ich sehe also keinerlei Veranlassung, etwas an der ziemlichen Komplettübernahme der Hefte ins Netz zu ändern. Irgendwie wird hier (leider) die Wirksamkeit dieser Seiten völlig überschätzt - was die Einträge im Gästebuch eigentlich genügend beweisen dürften...
Die angebotenen digitalen Skripte von LAPSUS LIVE Vorträgen würde ich für die LAPSUS-Seiten im Netz gern entgegennehmen. Sowie Original-Bildmaterial, Dia-Scan ist (noch) nicht möglich. Und nicht nur von dir.
Mit gemischten Gefühlen las ich die eher nicht witzige Erklärung zur Organspende. Was soll das?
[Weiß ich auch nicht. War ein Beitrag Julias.]
Bahro tut zwar Bundesverdienstkreuzträger (warum wohl?) Gorbi wesentlich zuviel der Ehre, aber der Heimatkundebeitrag sei zumindest den Wunderkindern unter uns zum (noch harmlosen) Wundern ans Herz gelegt. Das dicke Ende zum Wundern braut sich (spärlich verdeckt vom Tamtam lächerlich-systemtypischer Affären) weiter zusammen. Selbst das beredte Bündnis für Arbeit, die Konzernzusammenrottungen, Zyanidauffangbecken, die sowenig dicht sind wie ihre Betreiber, oder der gewöhnliche Krieg im Kaukasus werden schnell zu Randglossen beim ungebremsten Inanspruchnehmen aller verwertbaren Ressourcen durch Kapital und/oder Nationalismus. Menschliches Versagen mit Tradition wie das italienische Singvögelmorden addieren sich nur noch dazu.
Tja, als die Mauer ging, ging mir vieles durch den Kopf, aber vor allem der Zweifel am Verstand der wortwörtlich Bekloppten unter ihren Autodächern. Meinten die wirklich "Wahnsinn", wie so oft geäußert!? Wußten sie mehr, als man ihnen ansah?
Achim

Hallo Roland,
daß ich mit meinem Abo-Antrag gleich im lover24 gelandet bin, hatte ich nicht erwartet. Ist die "Geklammerte Sieben" der Zusatzpunkt für den Sieger?! Mich kennt (k)einer! ;-) hi, hi--- Auf diese Art hast du mich zumindest ermuntert bei #10 mitzumachen. Ich kämpfe um einen unbekannten Ehrentitel. Ansonsten werde ich bleiben wie Lutz - außenstehend (aus lover23). (...)
Ach, nun reicht es mit dem Preisraussaugen. Ich möchte erstmal weiter lesen, den lover24. Mit meiner Meinung kann ich im Moment weder Lob noch Kritik wiedergeben. Es gefällt mir, was im Lover geschrieben und wie es im Lover eingestellt wird (ohne Knastgedanken!?). Oft frage ich mich, wieviel ihr vorher lest oder Artikel-Hefter wälzt, um dann Entsprechendes für einen lover krönen zu können. Die Beiträge sind nachdenkenswert und mir oft zu philosophisch. Und manchmal, wenn ich zuviel auf einmal geschmökert habe, rutscht mir brubbelnd resigniert die Bemerkung "lapsuse laberei" raus. Ich denke man muss euch kennen um zu verstehen. Und - viele junge Leute sollten bei Leopold einkehren (wobei ich uns nicht als alt aber doch als zweite Generation bezeichnen möchte)!! Ich vermisse die aktiven Söhne und Töchter (vielleicht hab ich sie ja auch noch nicht erkannt). Mir scheint vieles sehr tiefsinnig und wichtig zu sein, was im Lover steht. ...Aufklären nannte es Achim an irgend einer Stelle...
Tja, es ist online - und etwas Gutes neben vielem anderen Mist. Liebe Grüsse!
geklammerte Sieben

(Mails für Leopold:)
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großem Interesse und auch mit nicht geringem Vergnügen haben wir die letzten Ausgaben Ihres Unterhaltungsblatts "Liebhaber 2X" gelesen. Gelungen finden wir auch die Seiten im Zwischennetz www.glücksstadt.de/... Vielen Dank für die frohen Stunden!
Lasst uns weiter rollen! Lasst uns weiter steinigen!
Sigrid und Dirk
P.S.: Wie erstaunlich die Wahrnehmung verschiedener Menschen doch gleich ist! Auch wir haben bemerkt, dass Pfingsten näher kommt! Aber uns kommt es so vor, als ob auch Ostern, Weihnachten und der nächste Sonntag immer näher rücken.

Lieber Leopold,
die Post kam wie üblich an, sonst würde sie ja als "undelivered" zu dir zurückkommen. Zum Inhalt, das Heft hab ich erhalten, so gut wie alle "geklauten" Texte kannte ich, mit den Neuen kann ich weiterhin nicht allzuviel anfangen, den Kinderreim hatte ich dann beim dritten Lesen verinnerlicht, das Bewerbungsschreiben bei "NETTO" sehr lustig, leider sind Arbeitsplätze für unsere Ansprüche noch nicht erfunden, Konzerttermine stehen wöchentlich in "TIP" und "Zitty" und für Pfingsten sehe ich keine Öffnung der Grenzen um bestehende "Innercircles", nebst der Gefahr einer Überdosis an spontaner Lebensfreude werde ich mich stattdessen wie im letzten Jahr anonym ins Getümmel des Karneval der Kulturen stürzen.
MfG, Frank


Schönen Tag & langes Lieben!
Will ich doch gleich mal mit lapsuser Laberei beginnen: Katzengejammer (Kater-Jam-Session): "Zu mir! Probe! Alle Kater ma' ran hier! Wo bleibt denn Kater Pult?" - "Der kann nicht, der Kater rackt schon woanders. Sagte er & Du meinst, der Kater log?" - "Ach stimmt ja. Aber laß uns nicht lange labern, los Katers, Strophe 1 bis 4. Aber dalli! Nu los Kater, komm, beeil Dich!" & der Kater Lüsator hob den Taktstock & alle jammerten, jamten & dann? Die Kater leckten sich die Schnauzen & wollten, bis Kater Lonien & Kater Lase rollten. So. Weiter. &. Denn wozu muß ich jeden Furz in die Welt hinausposaunen? Posau? Arschschwein? Nicht aktiv sein, sondern attraktiv sein. Gut fand ich wiedermal, daß der nächste Sonntag wie immer schon vorbei ist. Übel wird's mir, wenn er am Klo vorbei... Denn mein Arbeitsplatz ist mein Kampftag und Nacht wird blau gemacht, Arbeit platzt eh immer dazwischen. Ich meine, gibt es überhaupt Arbeitsplätzchen? Wohl nicht. Als der Begriff entsprang, war die Welt eh schon krank. Da finde ich, das Dia log, Bereitschaft der Outer-Zirkel oder seine Austauschansätze nicht gerade notwendend. Es gibt ja keine Not. & der Lover ist so offen wie mein Mund. Oder??? "Eigentlich ist für mich auch LAPSUS live kein Überlebenstraining." (Zitat! Lover 8!) Heute hat er gesagt: ", obschon Überliebenstraining." Versteht das doch auch keiner? So. Symbol. Wer (oder doch besser was?) will denn die Symbolhaftigkeit der Welt beweisen oder das Gegenteil? Der Wille braucht ne Kur. Klar kann die Mensch sich zur Metapher machen. Aber ich empfinde gerade die Liebe als das, was uns die Welt eben nicht als Symbol sehen läßt & Gemeinschaft als Metapher. Also, Sony oder Tochter, während Du das hier liest, vergeht viel kostbare Zeit Deines Lebens. Jammerschade. Ich verschüße mich,
N.T.

BITTE REGEN

The Cure

Du machst mich fertig.
Hast mich erbarmungslos im Griff.
In deiner vernichtenden Hand.
Langsam wird mich das umbringen.
Du erstickst mich.
mir bleibt das virulente Gefühl von
Hoffnungslosigkeit
und nur noch Fürbitte um den Regen.

Es verschlägt mir den Atem,
ich ersticke im Schmutz.
Nirgends ein Schimmer.
Sondern trostlos und düster
wandern wieder die Stunden auf den Müll
dieser mörderischen Zeit.
Ach käme endlich der Regen.

Du zerbrichst mich.
Deine Hände machen mich platt.
So öde, aber es tötet.
Du würgst mich ab.
Nur noch Wirrnis.
Und versackt in Hoffnungslosigkeit.
Mein Gott, laß es regnen.

Ich habe genug.
Mein Leben ist einen Dreck wert.
Kein Funke noch glimmt.
Eintönig und erschöpft
verrecken die Stunden im Grab
dieser mörderischen Zeit.
Nur noch warten auf den Regen.

(1989, übersetzt von Roland)

das selbe tiefe wasser wie du

The Cure

Gib mir den Abschiedskuß,
schmeiß mich raus,
bevor ich im Schlaf versinke.
Kannst du nicht sehen?
Ich versuche ja zu schwimmen!
Das selbe tiefe Wasser wie du.
Das ist hart.
"Die überschwemmte Sandbank
verliert weniger als wir."
Du bringst die seltsamsten Wendungen
über deine Lippen:
"Und wir werden doch zusammensein..."

"Gib mir den Abschiedskuß,
beuge dein Haupt und komm mir nah."
Und das Gesicht spiegelt in ganzer Tiefe
das unfaßbare wieder,
das über deine Lippen weht.
Und die Falten glättet
und ein Lachen bringt dich ins Wanken.
Und Lachen richtet das Spiegelbild
zum süßen "So werden wir zusammensein..."

"Gib mir den Abschiedskuß",
schieb mich ab,
bevor ich schlafe.
Jetzt wird's tiefer, nunmehr wird's träger.
Seltsames äußerst du.
Doch ich verstehe nichts und fühle nichts.
Aber halte fest und still meine Hände,
bevor meine Augen erlöschen.
Und in meinen Augen wird dein Lächeln
das allerletzte sein,
das ich sehe bevor ich gehe...

Ich werde dich küssen!
Ich werde dich küssen!
Ich werde dich küssen
für alle Zeiten in Nächten wie dieser.
Ich werde dich küssen!
Ich werde dich küssen!
Und wir werden zusammensein...

(1989, übersetzt von Roland)

Basar

Bieten:
Land Ho! Ho he! Die ersten Salatpflanzen, Radieschen, Kohlrabi, die Fingsten verspeist werden können, haben in Zarnekla das Licht dieser Welt erblickt!
Und weiterhin gilt unsere Einladung, uns kurz, lang und länger zu besuchen zum Pflanzen und Tanzen, Jäten und Beten, Bauen und Schauen, Drillen und Stillen.
Suchen:
Anmeldungen speziell zwecks Ostern! Wir wären sehr froh über ein volles Haus!
Nathalie und Rolie B.

Suche:
Auf CDR gebrannt oder auch auf MC überspielt folgende CDs:
- The Cure: "bloodflowers"
- Roy Harper: "Death Or Glory" (aber auch alles andere von ihm außer "Once", "Valentine")
- Soundtrack: "Zabriskie Point" (Neue Version DCD mit bisher unveröffentlichten Tracks)
- Iron Butterfly: "Ball", "Metamorphosis" und / oder "In-A-Gadda-Da-Vida"
- Atari Teenage Riot: "60 Seconds Wipe Out"
- Renft: Klaus Renft Combo III (1999)
- Waco Brothers: "To The Last Dead Cowboy" oder andere CD
- Santana: "Supernatural"
- Stones: "Stripped"
Schön wären immer Kopien der Texte dazu...
Ro Ling

Geburtstag:
Und am 11. Merz ist Nina Hagen 45 geworden. Und ich empfehle wärmstens eines ihrer letzten musikalischen Werke, ihre kraftvolle und eigenwillige Interpretation indischer Mantras. Da ist Lebensenergie zu hören und wird geweckt. Wer Ohren hat und ... , der höre und ...

Manifest

URTÖNE
Die Welt ist Klang. Das sagen nicht nur viele Weise Asiens und des Westens - Pythagoras, Kepler, Jakob Böhme - auch die Legenden und Mythen vieler Völker der Erde meinen es - und die moderne Wissenschaft bestätigt es.
Die Welt ist Klang in den Progressionen der Planeten und des Spins der Elementarteilchen, in Pulsaren, im Sonnenwind, im Erd-Magnetismus, in der Eigenschwingung der DNS, in der Photosynthese und in Tausenden anderer Vorgänge und Formen in unserem Universum - von der Struktur der Spiralnebel zu der eines Blütenblattes oder Kristalls.
Es gibt hörbare und unhörbare Klänge. Jeder Komponist hat die Erfahrung gemacht: Bereits beim Niederschreiben hört er die Musik, noch bevor sie in Wirklichkeit erklingt. Jedem musikalischen Menschen gehen Melodien durch den Kopf - oft nur ein Tagesschlager, den er viele Male gehört hat -, obwohl die betreffende Melodie im Augenblick nicht erklingt. Sie "klingt in ihm". Fledermäuse, Delphine, bestimmte Arten von Tiefseefischen, Hunde und andere Tiere hören Töne und Klänge in einem Tonbereich, in dem menschliche Ohren nichts oder fast nichts hören können.
Die Worte Klang und Ton definieren sich nicht durch das Hören sondern dadurch, daß ihre Frequenzen in ganzzahligen harmonikalen Proportionen schwingen, die denen der Obertonreihe entsprechen. Auch die Obertonreihe steigt aus dem Bereich der Hörbarkeit in den der Unhörbarkeit auf, bleibt aber auch dort weiterhin "die" Obertonreihe, also ein klangliches Phänomen. Insofern es unendlich viele Primzahlen gibt, ist die Obertonreihe unendlich.
"Unserem Ohr", sagt ein so konservativer, positivistischer Wissenschaftler wie E. v. Cyon, "verdanken wir den Begriff der Unendlichkeit".
Joachim-Ernst Berendt

Preisausschreiben #10

Das ist mir richtig doll peinlich: ihr konntet nie und nimmer in die first Preisclass! Nicht wegen der diversen IQs, sondern weil ich Trottel eine Nummer falsch geklammert hatte, Seite 10 hätte statt der 14 die 26 hingemußt... Asche.
Also werde ich korrigiert werten: Alle richtigen Namen 2 Punkte, alle richtigen Geschlechtsangaben 1 Punkt, Nummer 14 und 26 keinen Punkt.
Möglich sind also 24 x 2 Punkte = 48 für Frage 1. Die richtige Antwort auf die dumme Zusatzfrage ist 2 Punkte wert. Läßt sich gut rechnen... Das ganze wird dann wie in der Klipper benotet. Von 5 bis zu "Ausgezeichnet".
Und alles erschien mir einfach und klar, mir der Hauptpreis (Eine Nacht mit mir. Oder zwei. In der Redaktionsstube des Lovers. Letzte Nacht vor Ultimo. Tja...) und der Rest vom Grabbeltisch. Aber ich habe ja einen großen Bruder, ders irgendwie mit der Gestaltung des entwickelten, sozialistischen Lovers hat und schon fällt mir rein gar nichts mehr ein...
"Beim Preisausschreiben #10 bin ich gespannt auf die formale Gestaltung der Antwortenseite. Eine große Tabelle? Oder doch bloß die Lösung und die Anzahl der richtigen Treffer aller Teilnehmer?" (Achim)
Oh mein Gott, "Leistungsdruck" (Ginger), was mach ich nur? Wenigstens irgendeine Tabelle. Oder einen Zensurenspiegel. Oder ein Diagramm!! (Oder aufschreiben, was wer an Preisen kriegt, hähä.) Also bekommen haben das Rätsel etwa 38 Leute oder 38 Millionen via Indernett. Lösungen kamen von 3en, das sind 200% Planübererfüllung, der Zensurendurchschnitt ist ebenfalls viel höher als erwartet, ebenso der Anteil der "Passivisten", während der Anteil der Kinder bei guten kontinuierlichen 100% liegt (jedeR hat ja wohl eine Mutti, aber nicht jedeR ein Muttiheft...). So das alles mit dem Laserpointer auf CD rumgebrannt, in farbigen Käsetorten, Knorbel schlaffen nie.
Ich gebs auf.

Regina Flügge:
Wie sieht eure gehobene Preisklasse aus??
1: Anni - was für eine tolle Frau und (eure) Mutter [2]
2: Regina, Ginger und/oder [ja]
3: Regina, nur [2]
4: Dirk!? - der größte Lover-Philosoph [kein Wunder bei 1 90... 2]
5: ein lover-mann?! - wahrscheinlich hab ich noch nicht die nötige Lover-Tiefe, um zu erkennen, wer bei euch nicht englisch gut kann [Überlegen Männer, ob sie eingeschnappt sein sollten? Na also. 0]
6: Brunhilde, wer immer das auch sein mag [Ich mags nicht sein. 1]
7: Regina = geklammerte sieben [2]
8: eine lover-frau?! - ganz cool geraten [Das brauchte man nicht raten, Pina Fatamorgusw. 1]
9: Achim - ohne ps. (psst) [2]
10: loverin [0]
11: lover [0]
12, 13, 21: du, Roland [Naja, die 21? Ich äußere mich nie "abfällig" und wenn, dann nur ohne Grund. Außerdem habe ich überhaupt kein Laptop, kriege nie einen Extralover, beantworte die Preisausschreiben auch nie selbst, weil ich die Fragen nicht verstehe usw. 2]
24: Pina! und Dirk? [Seltsames Paar 2]

Macht 18 Punkte, gut genügend! Zweite!

Achim:
1 Anni [2]
2 Regina [2]
3 Regina [2]
4 Dirk H. [2]
5 Ginger [2]
6 weiblich [1]
7 weiblich [1]
8 Nina [2]
9 Achim [Sicher? 2]
10 weiblich [Wer hätte das gedacht! Und wer hätte sich wohl "Philoversoph" ausgedacht... 0]
11 Rose Ausländer [Scherz Keks 2]
12 Roland [2]
13 Roland [2]
14 Dirk H. [ja]
15 männlich [Was hat sie nur an sich??? 0]
16 Regina [2]
17 Dirk H. [2]
18 weiblich [1]
19 Nina [2]
20 Nina [2]
21 Achim [2]
22 Rose Ausländer [2]
23 Roland [2]
24 Nina [2]
25 Dirk H. [Na, ich muß doch bitten! Bin ich nicht unverwechselbar? Und Dirk männlich? Oder? 1]
Z: [23] [2]

Macht 42 Punkte, gut gut! Vorletzter, aber dafür Klassenbester!

Und nun wollt ihrs wissen, gelt? War es unlösbar?

1 Anni
2, 3, 16 Regina Gorsleben
4, 14, 17 Dirk
5, 15, 18 Judith
6 Astrid
7 Regina Flügge
8, 19, 20, 24 Nina
9, 21 Vchim
10, 12, 13, 23, 25 Ro Li B.
11, 22, 26 Nathalie

An Achim sowieso großen Dank! Er ließ sich was einfallen, damit ihr euch was einfallen lassen könnt. Und ich mal eine wohlverdiente Pause einlegen kann.
Das nächste Preisausschreiben also für die Lütten und die anderen können's mal mit "Richtig liegen" versuchen!

Preisausschreiben #11

Märchenrätsel für LAPSUS-Liliputaner
Teil 1

Zu den Zuschreibern für die LOver-Preisausschreiben gehört kaum der Kreis der LAPSUS-Liliputaner. Damit die sich vielleicht etwas mehr angesprochen fühlen, gibt's hier für sie das erste Märchenrätsel. Wie heißen die Märchen, auf die die folgenden 8 Kurzbeschreibungen zutreffen?
Wenn genug Zuschriften eintreffen, dann gibt es demnächst Teil 2 dieses Märchenrätsels.
Achso: unter allen richtigen Lösungen wird natürlich ein märchenhafter Preis verlost. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen.
Auf die Beantwortung der Zusatzfrage bin ich besonders gespannt.

1. Beatquartett schlägt Gangster in die Flucht
2. Handverletzung führt zu Massenepedemie
3. Adlige lebt mit Bergarbeitern in der Kommune
4. Gammler verschleudert Eigentum
5. Bezahlung von Hausangestellten nach Leistung
6. Hässlicher Kidnapper zerfleischt sich selbst
7. Operation rettet bedrohte Herde
8. Federvieh ermöglicht Partybesuch
Z: Wo liegt Liliput?
Achim

LOver-Sprüche

Die mit Spannung von Achim erwartete Fortsetzung:
[22]:"Ach Du! Ja. Ich weiß ja..." [...]
[13]:"Und ich meine es ohne Fragezeichen. Mit Punkt."

LOver-Interview der Woche

SIMMEL, JOHANNES UND MARIO
(Antworten auf Fragen, 9/99 in Rostock)

"Beim Verlauf der deutschen Einheit ist ein ganzes Land über den Tisch gezogen und abgewickelt worden. Vielen von Ihnen sind dabei unbeschreibliche Verletzungen zugefügt worden. Das nenne ich eine neue Form von Faschismus. Es ist ein Trugschluß zu glauben, daß wir in demokratischen Verhältnissen leben. [...] Der Kapitalismus trägt über dem Grind ein Toupet. Unsere Gesellschaft ist offensichtlich wahnsinnig. Wenn das noch schlimmer wird und immer mehr Menschen arbeitslos werden und in Armut verrecken, dann kommt der Punkt, an dem sie sagen: Nein danke, das wollen wir nicht. Und dann werden sie den Superreichen ihre Marmorpuppen über den Schädel hauen. [...] Die Literatur des Turbo-Kapitalismus besteht zu großen Teilen aus Information. [...] Vielleicht ist der Kommunismus zu früh gekommen. Vielleicht muß alles nur noch viel schlimmer werden, bis die Massen endlich aufstehen und etwas dagegen tun. Aufhören, nur an Gewinn zu denken, daran denken, daß alle Menschen gleich geboren sind, die Liebe entdecken als Mitgefühl und Mitleiden, wieder verkehren wie Brüder und Schwestern, als große Vereinigung von Menschen, gehen auf der Brücke der Liebe..."

Es ist schwer, die Welt verbessern zu wollen, mit dem Geld der Leute, die die Welt in Ordnung finden.
Mariposa

LOver-Dichtick

Menschenfänger ich fang dich auf

In den Sonnen den Strahlen.
Melodien auf die Tapeten gezaubert.
Bricht der Stab über dir dann mach das Licht aus.
Plastikworte wischen die kleinen Götter fort.
In der Sonne von Rumänien.
San Franzisco ist nicht weit.
Flugstunden entfernt wächst das große Fressen sich aus der feisten Scheiße raus.
Shit! Shit! Shit! Shit!
Gepuderte Nasen am Hofe Ludwigs besoffen ins Mikro gesteckt.
Popper Penner das war gestern schon
ohne mich.
Schone meine Nerven
mit den verzerrten Zeichen.
Kannst du gehen dann jetzt oder nie.
Oh Shit! Shit! Shit! Shit!
Deine Munti muntert mich auf.
Komm blase nur ins Unterholz &
laß die Hosen runter.
Pina Sommergrün

Du hast so schöne Augen Clara. Augenfische

Schwimmen im fettigen Unterholz im Seetang.
Dein Blaukraut riecht nach brauner Erde.
Nur der Essig erinnert an den Geschmack feuchter rissiger Kohlrippen.
Durchgeschürft mit dem Messer zu beiden Seiten der Brandung.
Branntweingeruch & Essig. Das ist es was ich nicht leiden mag.
Die Karpfen werden blau davon.
Blaugeäderte Halsmaserung wenn der Kragen enggebunden schwitzt.
Streng dich nicht so an bei der Durchtrennung der sehnigen Knorpelmuskulatur.
Fische haben keine Knochen. Die brauchen ja bloß schwimmen Clara.
Klar nehmen die noch einen.
Dreh bloß nicht deinen Kopf höher wenn die Locken zwinkern.
Deine nackten Halspartien irritieren mich trotz der blauen Äderung der Muster
in denen ich leicht Tiere erkennen kann & verschiedene Märchengestalten:
Verhutzelte Weiblein mit Körben auf der Suche nach dem Seelenheil.
Eine Windsbraut & die sieben Schwäne mit Kronenköpfen vorgereckt.
Räuberhauptmann Kruzifix die Möwe Leila & noch modernere Leute.
Sogar dich Clara wenn ich noch höher schaue.
Aber ich versinke wieder in der blaubraunen Soße deiner Mandelschalenaugen.
Klapp den Deckel zu Clara. Es ist genug für heute.
Pina Sommergrün

Fassungslos

Tag wie des Nachts,
des Abends wie nach Erwachen,
was fernt auf dunklen Bahnen?
Karger Gesten, harrter Nacken
einer trüben Alltäglichkeit.
Einkehr längst geschehenen,
beschämendes Verleben.
Nein! Nein. Sprung!

Fühlen, lauschen...

Wahr bleibt,
was inmitten ruft:
Weite warmer Nächte,
Wärme erlösender Küsse,
Erlösen lebendigen Atems,
Atmen friedlicher Sterne,
Friede geborgener Nähe,
Geborgenheit sanfter Hände,
Sanftheit offener Weite,
dort, wo Weinen glücklich macht.
Ro Li B.

TRAUMWEH

Dieser große, freie Platz,
diese sich öffnende Weite.
Ich muß wählen, wohin.
Muß ich, aufgefordert?
Ich weiß es nicht.
Und du bist da, ja da!
Es ist so schön, dich zu sehen.
Und ich kann's nicht finden,
der Schmerz treibt mich um,
und ich finde's nicht.
Dich zu verlassen. Hilflos.
Verlassend verlassen.
Liebevoll voll Trauer.
Wie kann ich nur
Verlassen
Es bleibt falsch
bis ins graue Morgen.

Wassn Schnee

Versenkt
Besser nicht
Schauen, was da alles rostet
Griff an die Säule, Wirbel
Hohles Wanken rund ums Kreuz
Blitze lenden mich
Rechts und links hinauf hinab
Ich gebs auf
Mein Kopf gibt Laut
Unaufhörlich
Unaufmerksam
Wirrlichkeit

Und dann kommt der Schnee,
gleich und weiß und weit und unaufhaltsam.
Als könntes niemals enden,
doch Vater wird sich wundern.

Die Erwartung der Berührung treibt mich
Den Schweiß auf die Stirn
Und ich gehe baden
Viel zu lau pustet die Musik durch
Meinen Kopf schüttelt meine Seele
Wider tropfts hinab
In die Versenkung

Ein Kuß so schön wie ein Tag.
Doch mir fehlen die Worte
Ro Li B.

Wer bist du?

Wer ist das, pflanzt den Baum?
Wer gibt dem Leben Heimat?
An sich selbst - wer ist das?
Ein Spatenstich ins Erdreich.
Reiche Erde!
Was grabe ich hinein?
Was ich zu vergraben habe.
Vom Zauber getrieben
und schon überholt,
ist der Schatten geblieben.
Der Grund für das Himmelslicht?
Grüner Tanz im Lied des Windes.
Wer ist mit dir verwurzelt?
Du, ich der Baum.
Wer pflanzt.
Ro Li B.
 

BÄUME

Bäume sind für mich immer die eindringlichsten Prediger gewesen. Ich verehre sie, wenn sie in Völkern und Familien leben, in Wäldern und Hainen. Und noch mehr verehre ich sie, wenn sie einzeln stehen. Sie sind wie Einsame. Nicht wie Einsiedler, welche aus irgendeiner Schwäche sich davongestohlen haben, sondern wie große, vereinsamte Menschen, wie Beethoven und Nietzsche. In ihren Wipfeln rauscht die Welt, ihre Wurzeln ruhen im Unendlichen; allein sie verlieren sich nicht darin, sondern erstreben mit aller Kraft ihres Lebens nur das Eine: ihr eigenes, in ihnen wohnendes Gesetz zu erfüllen, ihre eigene Gestalt auszubauen, sich selbst darzustellen. Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner, starker Baum.
Wenn ein Baum umgesägt worden ist und seine nackte Todeswunde der Sonne zeigt, dann kann man auf der lichten Scheibe seines Stumpfes und Grabmals seine ganze Geschichte lesen: in den Jahresringen und Verwachsungen steht aller Kampf, alles Leid, alle Krankheit, alles Glück und Gedeihen treu geschrieben, schmale Jahre und üppige Jahre, überstandene Angriffe, überdauerte Stürme. Und jeder Bauernjunge weiß, daß das härteste und edelste Holz die engsten Ringe hat, daß hoch auf Bergen und in immerwährender Gefahr die unzerstörbarsten, kraftvollsten, vorbildlichsten Stämme wachsen.
Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit. Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie predigen, um das Einzelne unbekümmert, das Urgesetz des Lebens.
Ein Baum spricht: In mir ist ein Kern, ein Funke, ein Gedanke verborgen, ich bin Leben vom ewigen Leben. Einmalig ist der Versuch und Wurf, den die ewige Mutter mit mir gewagt hat, einmalig ist meine Gestalt und das Geäder meiner Haut, einmalig das kleinste Blätterspiel meines Wipfels und die kleinste Narbe meiner Rinde. Mein Amt ist, im ausgeprägten Einmaligen das Ewige zu gestalten und zu zeigen.
Ein Baum spricht: Meine Kraft ist das Vertrauen. Ich weiß nichts von meinen Vätern, ich weiß nichts von den tausend Kindern, die in jedem Jahr aus mir entstehen. Ich lebe das Geheimnis meines Samens zu Ende, nichts anderes ist meine Sorge. Ich vertraue, daß Gott in mir ist. Ich vertraue, daß meine Aufgabe heilig ist. Aus diesem Vertrauen lebe ich.
Wenn wir traurig sind und das Leben nicht mehr gut ertragen können, dann kann ein Baum zu uns sprechen: Sei still! Sei still! Sieh mich an! Leben ist nicht leicht, Leben ist nicht schwer. Das sind Kindergedanken. Laß Gott in dir reden, so schweigen sie. Du bangst, weil dich dein Weg von der Mutter und Heimat wegführt. Aber jeder Schritt und Tag führt dich neu der Mutter entgegen. Heimat ist nicht da oder dort. Heimat ist in dir innen, oder nirgends.
Wandersehnsucht reißt mir am Herzen, wenn ich Bäume höre, die abends im Wind rauschen. Hört man still und lange zu, so zeigt auch die Wandersehnsucht ihren Kern und Sinn. Sie ist nicht Fortlaufenwollen vor dem Leide, wie es schien. Sie ist Sehnsucht nach Heimat, nach Gedächtnis der Mutter, nach neuen Gleichnissen des Lebens. Sie führt nach Hause, jeder Schritt ist Geburt, jeder Schritt ist Tod, jedes Grab ist Mutter.
So rauscht der Baum im Abend, wenn wir Angst vor unseren eigenen Kindergedanken haben. Bäume haben lange Gedanken, langatmige und ruhige, wie sie ein längeres Leben haben als wir. Sie sind weiser als wir, solange wir nicht auf sie hören. Aber wenn wir gelernt haben, die Bäume anzuhören, dann gewinnt gerade die Kürze und Schnelligkeit und Kinderhast unserer Gedanken eine Freudigkeit ohnegleichen. Wergelernt hat, Bäumen zuzuhören, begehrt nicht mehr, ein Baum zu sein. Er begehrt nichts zu sein, als was er ist. Das ist Heimat. Das ist Glück.
Hermann Hesse (1919)

"Nach der christlichen Religion heißt es doch, daß die Toten wiederauferstehen. Doch wenn man jemanden sehr tief eingrabt, dann verhindert man, daß er rauskommt. Und ökologisch ist es auch verkehrt. Einem Baum müßte es gestattet sein, das Leben des Menschen zu verlängern. Das heißt, wenn ein Baum auf einem Grab steht, dann steigen sicher Teile des Menschen in den Baum. Das wär schön, wenn der Baum von der Leiche profitiert."

(Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser, + 19.2.0. Er wurde beigesetzt auf seinem Landgut in Neuseeland, im "Garten der glücklichen Toten".)

YOU WERE RIGHT

(Build To Spill (Martsch, Piouf, Nelson))

you were wrong, when you said everything's gonna be alright
you were wrong, when you said everything's gonna be alright
you were right, when you said, that all, that glitters, isn't gold
you were right, when you said, all we are is dust in the wind
you were right, when you said, we are all just bricks in the wall
and when you said, manic depression is a frustrated mess

you were wrong, when you said everything's gonna be alright
yeah, you were wrong, when you said everything's gonna be alright
you were wrong, when you said everything's gonna be alright
you were right, when you said, you can't always get, what you want
you were right, when you said, it's a hard rain's gonna fall
you were right, when you said, we're still running against the wind
life goes on long after the thrill of living is gone
you were right, when you said, this is the end

do you ever think about it?
do you ever think about it?
do you ever think about it?
do you ever think about it?

DU LAGST RICHTIG

du lagst falsch, als du sagtest, alles würde gut werden
du lagst falsch, als du sagtest, alles würde gut werden
du lagst richtig, als du sagtest, das nicht alles, was glänzt, gold ist
du lagst richtig, als du sagtest, alles was wir sind, ist staub im wind
du lagst richtig, als du sagtest, wir sind alle steine in der mauer
und als du sagtest, manische depressionen sind ein frustrierter schlamassel

du lagst falsch, als du sagtest, alles würde gut werden
ja, du lagst falsch, als du sagtest, alles würde gut werden
du lagst falsch, als du sagtest, alles würde gut werden
du lagst richtig, als du sagtest, du kannst nicht immer kriegen, was du willst
du lagst richtig, als du sagtest, es ist ein schwerer regen, der niedergeht
du lagst richtig, als du sagtest, wir laufen immer noch gegen den wind
leben geht weiter, lang nach dem der kitzel des lebens gegangen ist
du lagst richtig, als du sagtest, dies ist das ende

denkst du je drüber nach?
denkst du je drüber nach?
denkst du je drüber nach?
denkst du je drüber nach?

P.S. Auf welche Stücke welcher Bands wird in diesem Text angespielt? Die betreffenden Textstellen sind unterstrichen.
Unter den richtigen Einsendungen wird eine CD verlost.
Achim

Die Legende

Ohne Wörterbuch

Mit Ton Steine Scherben zur anderen Seite durchgebrochen, erfanden die Musik für den vierten Stand der DDR:
Freygang

Was wird wohl einer, der nicht werden will,  was sein Alter ist, in einem Land, das die Alten fest im Griff haben? Zunächst einmal das selbe wie sein Alter - Musiker. Aber ganz anders. Seit 1977 mit Band. Laut und unartig. Ruppig und provokant. Steil und geil.
Der Typ heißt André Greiner-Pohl und seine Band Freygang. Hier handelt es sich um jene Band der achtziger Jahre im Osten, die am extremsten anders war. Magnet und Sammelbecken für die Underdogs, jene, die mit der offiziellen DDR nichts am Hut hatten. Mithin gab Freygang nicht einfach Konzerte, sondern zelebrierte musikalische Saturnalien, der Tanzsaal wurde zum exterritorialen Gebiet, der Abend zum ideologischen Freigang für das Publikum. Die CD "1983 Live in Ketzin" läßt erahnen, wie damals die Luft brannte.[Auch heute legt Greiner-Pohl keinen Wert auf Etikette, das brachte ihm den Ruf des verkommensten Ostrockmusikers ein. Und musikalisch jenseits des Mainstreams CDs "Steil und geil" , "Landunter" bei Buschfunk.]
Musikalisch starteten sie irgendwo zwischen Rolling Stones und Doors, doch der wahre Durchbruch zur anderen Seite kam mit der Musik von Ton Steine Scherben. Jetzt wurden die Texte immer deutlicher und waren ohne Wörterbuch zu verstehen. Doch während die Scherben im Westen mehrheitlich von Studenten gehört wurden, machte Freygang "Musik für den Vierten Stand", wie es jemand mal treffend bemerkte. Nur durfte es diesen "Vierten Stand" im Arbeiter- und Bauernstaat gar nicht geben. Verständlich, daß da die Staatsmacht aufhorchte, Kulturhausleiter kalte Füße bekamen, Konzerte absagten und die Band "... zu einer Aussprache in Kapellenangelegenheiten ..." in das "Berliner Haus für Kulturarbeit" einbestellt wurde.
Konnte das 1983 ausgesprochene zweijährige Auftrittsverbot [wegen "Rowdytums" bei einem "Vorkommnis" auf der Autobahn, 2 Musiker reisen infolge aus]  noch durch geschicktes Taktieren des zur Band gestoßenen Gitarristen Egon Kenner vorzeitig aufgehoben werden, war es nach einem Eklat während eines Auftrittes 1986 endgültig: "... obzöne Äußerungen, Belästigungen des Publikums, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Störung des sozialistischen Zusammenlebens ..." hieß das im Behördendeutsch. [Greiner-Pohl wird während eines Konzertes in der Nähe von Cottbus von der Volkspolizei abgeführt. "Sie werden die Bühnen unseres Landes nie wieder betreten", sagte der zuständige Stadtrat für Kultur Dr. Hartenhauer.]
Die Band war geerdet und der Mythos Freygang war geboren. Immer wieder ging ein Raunen durch die Szene, daß es einen Auftritt von "André und die Raketen", der "Egon Kenner Band" oder unter welchem Namen auch immer gäbe. Kamen die Musiker dann doch nicht, fand dennoch eine trotzige Party statt, wurden Aufkleber mit dem Motto "Ihr könnt mich mal. Freygang lebt!" herumgereicht. [Greiner-Pohl z.B. als Fahrer der Band Die Firma spielte dort Geige. Mit deren Musikern gründete er Tacheles - ein Projekt mit experimenteller Musik und selbstgebauten Instrumenten.]
Zum Sommerschlußverkauf 1989 hatten die Genossen sich dann um anderes zu kümmern, als darum, welche Band warum wo auftrat und Freygang begann wieder zu spielen. [Siehe dazu auch Konzertkritik im Lover 4, Seite 13 "Freylauf")
Um die Konkursmasse der Band Die Firma und andere Musiker bereichert, spielt sie noch heute. Oft mit einer unverhohlenen Wut darüber, daß sich so viel geändert hat und dennoch alles beim alten geblieben ist. Während aber die Weigerung vieler alter Ost-Bands, von der Bühne abzutreten heute nur noch lächerlich wirkt, ist sie bei Freygang nur eines - konsequent.
(Maik Hölzel, aus jW)

"Die Revolte ist älter als der Schall und jünger als der Alltag. Sie sagt Dir: 'Nimm die Gitarre, den Baß, die Drums, die Orgel und wenn mehr als die Hälfte der Leute, die Du kennst,  sagen, daß Du spinnst, dann weißt Du, daß Du auf dem richtigen Weg bist.' Du spielst nicht, weil viele wollen, daß Du spielst, sondern Du spielst erst recht. Du spielst so laut wie Du kannst, obwohl Du ahnst, daß der Schrei, den Du spielst, nur das kleinere Nein bedeutet. Der große Bruder dieses Neins wäre Selbstmord."
(Die Firma, CD "Kinder der Maschinenrepublik")

FLIEGERALARM

Das Programm von Herr Blum

Es war faszinierend. Thomas und Jürgen Wagner, Sohn und Vater, gaben eine Vorstellung oder wie man neuerdings sagt: Performance, die so bislang noch nicht zu sehen war.
Weitab von der Gigantomanie neuer und alter Affairen konnte man ein Solo-Konzert eines jungen Mannes sehen, das durch den malenden Vater mit einem optischen Kontrapunkt versehen wurde. Ich muß freilich gestehen, daß meine Aufmerksamkeit dem musikalischen Teil galt. Und das war notwendig.
Die Lieder von Thomas Wagner sind an sich schon von beeindruckender Dichte, wobei ein paar Ausnahmen den Regelfall nur bestätigen. Dazu kommt der optische Eindruck eines Typen, der mit seiner Gitarre in der Hand, vor einem billigen Mikrophon, ein paar verbeulten Schlagzeugteilen und einer Mülltonne seine Songs aus sich herauswringt, daß man den Eindruck hat, er würde sie sich gerade in diesem Moment aus dem Herzen reißen.
Von den eingespielten Backingtapes hört man neben dem Drumcomputer und gelegentlichen zusätzlichen Gitarren Stimmen von Kindern, Worte von Albert Schweitzer und Flöten. Und dann sind es die scheinbaren Kleinigkeiten, die den Abend unvergeßlich machen: der Moment nach jeder halben Stunde, wenn Thomas eigenhändig das abgelaufene Band gegen ein neues austauscht.
(DT 64, Parocktikum 3/89)

Herr Blum spricht:

Wie das Leben ein Gesicht prägt und zeichnet, so zeichnet der Zeichner sein Zeichenblatt. Die entstehenden Zeichen bestehen (ganz gleich bei welchem Materialeinsatz) aus Linien, die sich aus dem Punkt entwickeln und bis zur Fläche verbreitern können. Punkt-Linie-Fläche sind die Elemente der Zeichnung - also zeichnerische Elemente. Bilden die zeichnerischen Elemente ein organisches Ganzes im Verhältnis zur Zeichenfläche, welche im Zu- und Gegeneinander das Blatt so strukturieren und formen, daß sich in der Gesamtstrukturform die innere Kraft und seelische Energie des Zeichners zeigt, dann handelt es sich um ein Bild. Die zeichnerischen Elemente haben etwas gebildet, welches als Ganzheit betrachtbar ein Gleichnis der inneren Welt des Zeichners ist. Wir haben eine Bildschöpfung vor uns, deren Mittel Punkt, Linie, Fläche sind. Die zeichnerischen Elemente sind dann bildnerische Mittel, wenn sie die inneren seelischen Kräfte des Zeichners bergen und in diesem Sinne eine Gesamtstrukturform schöpfen, die als eine Einheit betrachtbar ist.
In diesem Sinne entstehen bei den Aktionen des HERRn BLUM farbige Zeichnungen als Stigmata gestischer Malhandlungen. Die Gesten der Malhandlungen sind durch Musik und Poesie stimuliert. Ich überlasse mich völlig dem Rausch der Rhythmen, Tonstrukturen und Worte. In dem Moment werden die Gesten Zeugen und Täter innerer seelischer Energie, die sich auf Grund konkreter Lebensbezüge bis zum Überquellen angestaut hat. Zuerst wird das Blatt behandelt: es muß dulden und leiden. Risse und Löcher sind nicht vermeidbar. Alles, was ich behandle durch meine freie Tat, wirkt zurück als eine meiner aufgewendeten Kraft adäquate Energie, die ich meinerseits dulden muß. Ich leide. Was leide ich? Ich leide die Härte des Untergrundes bis hin zu Stauchungen und Rissen in der Hand. Ich leide die mich umfliegenden Farbspritzer, die mich von oben bis unten bedecken und das Wichtigste: ich leide die Zeichen, Strukturen und Farben, die sofort auf meine Seele rückwirken. Es beginnt von vornherein eine abenteuerliche Reise meiner Augen in das Land der von mir gestisch geschöpften Zeichen, Flecken, Strukturen und Farben. Eine endlose Zahl von Figurationen eröffnet sich. Eine bestimmte Gesamtfiguration in Augenschein nehmend reagiere ich sofort dem Blatte dienend mit entsprechenden Gesten. Das bewirkt eine neue, von der ersten völlig verschiedene Figur, der ich mich beugen muß usw. usw.... Irgendwann erscheint meinem Auge eine geschlossene Gesamtstruktur, die farbig und zeichnerisch im Moment als fertig wirkt. Erschöpft höre ich auf zu handeln.
Obwohl mir eine geschlossene Gesamtstruktur erscheint, ist die Form offen. Es liegt jetzt am Betrachter, Figurationen seiner eigen Welt in der farbigen Linienstruktur des Blattes zu finden. Es wäre für den Betrachter ein lohnendes produktiv-geistiges Abenteuer - aber ohne materiellen Nutzen.
(Jürgen Wagner, 3/89)

Es war einmal...

ein Jahrhundert

Teil I
Die frühen Jahre - "Me And The Devil Blues"

"Es war einmal ein junger Mann/der trieb es leider ziemlich bunt/Der Teufel kam um ihn zu holen/dafür gab es manchen Grund..."
(Paola: "Die Geschichte vom Teufel und dem jungen Mann")

Ein musikalischer Rückblick aufs 20. Jahrhundert sollte eigentlich mit den Feldforschungen von Francis James Child beginnen, der zwischen 1882 und 1898 sein fünfbändiges Werk "The English and Scottish Popular Ballads" veröffentlichte und dadurch das Aussterben traditioneller Folk-Songs (heute bekannt als "Child Ballads") verhinderte; oder der Einstieg sollte am Anfang des Jahrhunderts erfolgen, als John Lomax die Lieder der Viehtreiber sammelte und diese 1910 im Buch "Cowboy Songs" verewigte -- ohne ihn wäre z.B. "Streets Of Laredo" heute unbekannt. Beide Forschungsarbeiten (und fortführende mit Alan Lomax und Charles Seeger) bilden heute den Grundstock des "Archive of American Folk Song at the Library of Congress in Washington", das im Mittelpunkt des Folk-Revivals am Ende der 50er-Jahre stand.
Der Rückblick könnte auch inmitten der "Crossroads" der Südstaaten beginnen -- mit der Legende von Robert Johnson, der mit dem Teufel um die Wette Gitarre spielte und gewann. Sogar dem deutschen Schlager ist diese nicht unbekannt, wenn sie auch dort bis zum Exzess verunstaltet wurde; und Keith Richards wollte von Brian Jones wissen, wer denn der zweite Gitarrist sei ("Das ist nur einer." - "Nur einer?" - "Nur einer!"), als die Rolling Stones zum ersten Mal Aufnahmen von Robert Johnson hörten, der es zeitlebens auf bloß 41 Aufnahmen von insgesamt 29 Kompositionen brachte, bevor er am 16. August 1938 vergiftet wurde. Ja, ja, die Eifersucht...
Diese drei Kurzbeispiele zeigen jedenfalls deutlich, dass sich die populäre Musik, so wie wir sie heute kennen, aus historischen Quellen speist; sei es in der Folk-Music, im Country oder im Blues, die seit jüngerer Gegenwart wiederum auch interdisziplinär verarbeitet werden -- wie die Verarbeitung des Songs "Stagger Lee" beweist (unter anderen verschiedenen, ähnlichen Schreibweisen bekannt): Tom Jones, Nick Cave, Sly & The Family Stone, The Clash, Neil Diamond, Johnny Rivers, Professor Longhair und unzählige mehr versuchten sich an einer definitiven Version...
Aber bleiben wir beim Blues: Originalaufnahmen aus den Anfangsjahren zu erhalten ist vermutlich unbezahlbar, aber dank der technischen Entwicklung und vor allem dank engagierter Musikliebhaber ist es nicht schwer, historische Aufnahmen auf digitaler Basis zu ergattern. Viele scheuen sich allerdings davor und geben sich mit Cover-Versionen zufrieden. Aber, und das sollte uns allen klar sein, ein Eric Clapton wird nie an ein Robert-Johnson-Original herankommen, selbst wenn er mit dem Teufel paktiert -- und das hat uns wohl auch Bob Dylan in einem seiner besten Songs ("Blind Willie McTell") mitzuteilen versucht, dass die Blues-Sängerinnen und -Sänger der Frühzeit unerreicht sind; technisch perfekter mögen all die Claptons und Knopflers sein, was aber deren Intensität anbelangt, haben sie vermutlich noch nicht mal Gesellenstatus erreicht.
Somit seien einige Kaufempfehlungen ausgesprochen:

In einer der nächsten Ausgaben gibt es an dieser Stelle eine Kurzübersicht bezüglich Folk- und Country-Music, damit wir darauffolgend frisch und fröhlich in die "Musik-Neuzeit" eintauchen können. Übrigens: Meine Blues-Leidenschaft begann 1980 im Alter von 14 Jahren: Eine englische Gruppe namens Nine Below Zero brachte mit "Live At The Marquee" (A&M Rec., 1980) ein R&B-Album heraus, worauf -- man staune und höre! -- ein einziger waschechter Blues zu hören ist, nämlich "I Can't Quit You Baby" von Willie Dixon -- dieser Song stellte bei mir die Weiche. Paola dürfte mir heute noch böse sein...
[Copyright 1999-2000 Manfred Horak. Alle Rechte vorbehalten.
Erschienen im Newsletter "Der Schallplattenmann sagt" #175. Teil 2 und 3 folgen in LOver 26.
(http://www.schallplattenmann.de/suchen.shtml?q=es+war+einmal)]

Der besondere Hörtip vom Schallplattenmann

"Und trotzdem haben wir immerzu geträumt davon"
von Sabine Ranzinger
(Audio-Art -- Feature, Der Audio Verlag)

Das faszinierende CD-Feature "Und trotzdem haben wir immerzu geträumt davon" berichtet über Leben, Lieben und Arbeiten des DDR-Schriftstellerpaares Brigitte Reimann ("Franziska Linkerhand") und Siegfried Pitschmann während der sechziger Jahre.
Feature-Spezialistin Sabine Ranzinger brachte Pitschmann zum Erzählen und lässt Passagen aus Brigitte Reimanns Tagebuch-Romanen "Ich bedaure nichts" und "Alles schmeckt nach Abschied" von der Theaterschauspielerin Susanne Bard lesen, während die melancholischen Klänge von John Claymans Solo-Saxophon diese Zuhör-Stunde begleiten. Die CD und das informative 16-Seiten-Booklet machen vor allem auch neugierig auf die literarischen Arbeiten dieser intensiven Jägerin nach Liebe, Sinnlichkeit und Intensität.

NEBEL

da wären wir wieder
die uhr läuft normal
das spiel heißt poker
und gespielt wird global
nach jedem krieg kam bisher frieden
europa bleibt dem nichts geweiht
zuhältergeist und partyleib
formatiert und löschbereit
trommel zusammen was übrigbleibt
gen osten gen osten
richtung nebel
hei mein nebel
mein durst kennt wüste
meine angst kennt sturm
mein eis treibt fieber
mein babel baut turm
nicht erklären nicht bedauern
ich bin haken und nicht wurm
ich reiß dir augen
ich brech dir zungen
zu kosten zu kosten
vom vom nebel
hei mein nebel hei mein nebel
halte kurz die welt an
für heute nacht
weck mich am achten morgen
und nicht gleich danach
vergiß von allem reichlich
nur sei bereit
färbt sich der nebel blaurot
spring durch die zeit
im westen gehen die sonnen ein
die nacht wird hier schier endlos sein
die nacht habt ihr verdient und kein
im westen fahren die sonnen
auf schiffen gen osten gen osten
richtung nebel
hei mein nebel hei mein nebel hei mein nebel

Heimatkunde

Das ist der Beweis #3

ÜBERBLICK ÜBER DEUTSCHLAND
(aus einem Geschichtsbuch vom Verlag Volk und Wissen 1952)

Die Westmächte haben in ihrem Besatzungsgebiet vor allem die Fabriken ausgebaut, in denen Kriegsmaterial hergestellt wird. Immer mehr Truppen haben sie nach Westdeutschland gebracht. Fruchtbare Felder haben sie in Truppenübungsplätze und Kriegsflugplätze verwandelt. Im Jahre 1948 spalteten sie das von ihnen besetzte Gebiet vom übrigen Deutschland ab, um ungestört ihre Kriegsvorbereitungen betreiben zu können. Sie setzten in Westdeutschland als Regierung eine Gruppe von Kapitalisten ein, die am Krieg verdienen wollen. Diese haben sich sogar verpflichtet, ihnen ein Söldnerheer zur Verfügung zu stellen. Daran erkennt das ganze Volk, daß sie Verräter sind.

In Hamburg laufen jetzt weniger Schiffe ein und aus als früher. Tausende von Hafenarbeitern haben keine Arbeit. Die westlichen Besatzungsmächte haben verboten, daß Waren für die Deutsche Demokratische Republik in Hamburg in Flußschiffe oder Eisenbahnwagen umgeladen werden. Zur Vorbereitung eines dritten Weltkrieges bringen ausländische Schiffe Waffen und Munition nach Deutschland. Die Hamburger Hafenarbeiter haben sich mehrmals geweigert, diese Ladungen zu löschen. Sie wollen für den Frieden, nicht aber für den Krieg arbeiten. Viele von ihnen denken oft an Ernst Thälmann, der in Hamburg geboren wurde und dort lange Zeit lebte. Schon vor 50 Jahren kämpfte er in Hamburg für den Frieden und ein besseres Leben. Wenn die Einheit Deutschlands wiederhergestellt ist, wird Hamburg seine frühere Bedeutung wiedererlangen.
In ganz Deutschland sparen die Werktätigen Geld für den Neuaufbau ihrer Hauptstadt. Infolge der Spaltung unseres Heimatlandes durch die Westmächte kann der Aufbau zunächst nur im demokratischen Sektor Berlins erfolgen. Aber nach Wiederherstellung der Einheit Deutschlands werden auch in Westberlin neue Wohnviertel gebaut werden. Im demokratischen Sektor von Groß-Berlin haben alle Werktätigen Arbeit. Die Westmächte, hauptsächlich die USA, waren von Anfang an bestrebt, in ihrem Besatzungsgebiet Vorbereitungen für einen neuen Krieg zu treffen. In den Betrieben der Friedensindustrie stehen jedoch viele Maschinen still. Die amerikanischen Kriegstreiber haben viele Truppen nach Westberlin gebracht. Ihre Panzer richten bei Kriegsübungen im Grunewald großen Schaden an. Von Westberlin aus schicken die Kriegstreiber Verbrecherbanden in unsere Republik. Diese sollen durch Sprengungen und das Ausstreuen von Gerüchten unseren friedlichen Aufbau stören. Aber die Volkspolizisten und die Werktätigen sind wachsam und verhindern die Durchführung dieser Pläne.
Der demokratische Sektor der Hauptstadt Deutschlands ist der Mittelpunkt des Kampfes für Frieden, Einheit, Demokratie und Sozialismus. Hier tagen das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der Zentralrat der Freien Deutschen Jugend und der Bundesvorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes. Sie beraten, wie man den Aufbau weiter vorantreiben und wie man ihn gegen Angriffe sichern kann. In Berlin steht auch das Zentralhaus der Jungen Pioniere, in dem mehr als 80 Arbeitsgemeinschaften für die strebsamsten Pioniere stattfinden.
In Berlin finden oft große Versammlungen und Tagungen statt. Dabei bekennen Männer und Frauen, Jungen und Mädchen immer wieder, daß sie zusammen mit der Sowjetunion und allen friedliebenden Völkern für den Frieden kämpfen wollen. Das größte Treffen, das Berlin je erlebte, waren die III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten für den Frieden im August 1951. Hunderttausende Jungen und Mädchen aus ganz Deutschland kamen damals mit Jugendlichen aus allen Ländern der Erde zusammen. In einer großen Kundgebung legte die Jugend der Welt den Schwur ab, der Sache des Friedens treu zu bleiben.
In der Deutschen Demokratischen Republik setzen die Werktätigen mit Hilfe der Sowjetunion ihre friedliche Aufbauarbeit zielbewußt fort. Dadurch schaffen sie die Grundlage für ein einheitliches, friedliebendes Deutschland. Mit ihnen kämpfen alle friedliebenden Menschen im Westen unseres Heimatlandes und in der ganzen Welt. Nach der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands wird das ganze deutsche Volk seine Wirtschaft so aufbauen, daß sie dem Frieden und dem Wohle aller Werktätigen dient.

THE CONCERN FOR THE ENVIRONMENT - MORE EXTERNAL CONTROLS?

Eine Rede vor Managern der europäischen Chemieindustrie im Februar 1988
von Rudolf Bahro gehalten.

1.
Soll die Herausforderung, vor die sich die chemische Industrie gestellt sieht, nachdem sie sie selbst geschaffen hat, in einer konventionellen Debatte über mehr oder weniger unternehmerischer Autonomie, über mehr Markt oder mehr Staat weggearbeitet werden?
Das geht nicht mehr auf, obwohl Sie für diese drei Tage damit über die Runden kommen könnten. Übrigens teile ich in dem eben erwähnten, untergeordneten Punkt die Idee des deutschen ortholiberalen CDU-Vor- und Querdenkers Kurt Biedenkopf (siehe sein Werk "Die neue Sicht der Dinge", das von den Adressaten in Wirtschaft und Politik viel zu wenig zur Kenntnis genommen worden ist), daß es vor allem auf eine politökonomische Globalsteuerung des Umweltschutzes ankäme. Die würde der Industrie also die Initiative für einen Wettlauf um die relativ geringste Störung des Naturgleichgewichts überlassen, müßte sie ihr aber zugleich auch aufzwingen. Es müßte sehr teuer werden, es bei Flickwerk zu belassen. Es müßte teurer werden, verheerende Investitionen noch schnell amortisieren zu wollen, als sie vorzeitig abzuschreiben. Deshalb müßte so eine Globalsteuerung nicht über "zulässige Höchstwerte" regeln - wo auch Biedenkopf noch verhält -, sondern sie müßte jeden Ressourcenverbrauch und jede Umweltbelastung von Null an progressiv besteuern. Stellen Sie sich vor, Sie müßten die millionste Kilowattstunde weitaus teurer bezahlen als die tausendste! Ich bin dafür, soviel politischen Druck in der Öffentlichkeit zu organisieren, daß Sie sich das gefallen lassen müssen. Und falls Sie das industriefeindlich finden, muß öffentlich auch noch viel stärker klargestellt werden, wie menschenfeindlich, lebensfeindlich die bisherige Praxis ist. Sie müssen selbst ein Interesse haben, aus so einer unerfreulichen Alternative heraus oder vielmehr gar nicht erst in sie hineinzukommen.
Jedoch bedeutet "Umweltschutz" selbst in diesem relativ radikalen Sinne noch immer nicht den Ausbruch aus dem struktuellen Dilemma, in dem wir uns industriell bewegen. Der Physiker und Ökonom Nicolas Georgescu-Roegen hat gezeigt, Ökonomie steht insofern in einem grundlegenden und unvermeidlichen Gegensatz zur Ökologie, als industrielle Produktion auf jeden Fall Entropie vermehrt: Volles Recycling ist bekanntlich unmöglich, und andererseits ist die Erde eben begrenzt. Wir verkürzen gegenwärtig, auch falls wir nicht auf die zu befürchtende Totalkatastrophe zusteuern sollten, jedes Jahr die mögliche Lebensdauer des Menschen auf diesem Planeten um wenigsten eine ganze Generation.
Bisher heißt "Umweltschutz" sowieso selten mehr als daß wir, um Schaden zu vermeiden, noch mehr Material und Energie in den Prozeß hineinstecken, die Gesamtbelastung also noch vermehren. Wir setzen dem Industriesystem Filter auf, ein Stockwerk mehr. Der Kollaps kommt dann, während wir uns gerade wieder mal mit einer Umweltschutz-Investbilanz getröstet haben, um so heftiger.
"Umwelt" und "Umweltkrise" - die Worte täuschen offenbar in doppelter Hinsicht. Sie verdecken zum einen, es handelt sich um eine Krise "innen", nämlich um eine Krise der menschlichen Existenz und Zivilisation, von der wir uns ablenken, indem wir sie "außen" benennen. Zum anderen heben die Worte Symptome hervor, während wir uns die Tiefenstruktur der Phänomene, sozusagen um die Geologie der Selbstausrottung kümmern müßten, die wir betreiben. "Umweltkrise" verbirgt uns, daß wir eine ökologische Krise haben, d.h. eine Krise des Verhältnisses zwischen dem Menschen und seinem "Ökotop", der ganzen belebten Erde, die wir Ökologen "Gaia" nennen.
Warum sehen wir diese ökologische Krise gar nicht? Sagen Sie nicht zu schnell: "Alles bekannt!" Deutschlands universellster Philosoph Georg Hegel mag uns daran erinnern: "Bekannt ist noch lange nicht erkannt." Wir sehen diese ökologische Krise deshalb nicht, weil wir unserer egozentrischen Verfassung nach niemals zuerst auf den Baum achten werden, der nicht mit uns konkurriert, sondern immer zuerst auf den Rivalen. Sehen Sie sich Ihr Konferenzprogramm an! Ein Napoleon wird niemals die Natur oder auch nur den Mitmenschen ausgiebig ins Auge fassen, stets die meiste Zeit den anderen Napoleon, um wenigstens die halbe Welt gegen ihn zusammenzuraffen.
Es sitzt sehr tief. Schon der athenische Stadtbürger Sokrates sagte vor eben diesem zivilisierten Hintergrund des Machtkampfes unter Menschen, vorzüglich Männern: "Bäume können mich nichts lehren." Ebenso beichtet der sozialistische Dichter Bertolt Brecht: "Und die Natur sah ich ohne Geduld." Interessieren Sie sich für Tiere? Dann denken Sie zuerst daran, daß Ihre Industrie vor allem die Geduld hat, sie zu Millionen und Millionen in barbarischen Tierversuchen zu beobachten und umzubringen, zum Wohle des Menschen als Krone der Schöpfung und zum Zwecke der Konkurrenz bei der Produktion von Profit und Prestige!

2.
Für die Welt als ganze läßt sich die Frage nach externen Kontrollen bekanntlich überhaupt nicht stellen. Und Selbstkontrolle ist auch der einzige organische, ist zugleich der einzig verläßliche und hinreichende Weg, die Stabilität eines Systems zu wahren. Wo von außen manipuliert werden muß, ist auf einen beschränkten Steuermann innen zu schließen.
Indem Sie anerkennen, daß überhaupt externe Kontrolle notwendig ist, gehen Sie offenbar bewußt von der Beschränktheit (nehmen Sie den Begriff nicht moralisch, sondern philosophisch) der Interessen aus, die die chemische Industrie regieren. Es sind Interessen eines Teilsystems, die aber die Tendenz haben, sich verdammt souverän zu setzen, weil sie soviel Macht und Masse auf die Waage bringen. Es geht, wie Sie ja mit dem Konferenzprogramm auch zugeben, nicht um das Wohl des Lebens auf der Erde oder wenigstens um das Wohl des Menschen (ja, ja, das versteht sich natürlich von selbst, nicht wahr, davon müssen wir doch nicht mehr reden!), nein, es geht um Wachstum und Profitabilität Ihres Industriezweiges. Und Sie selbst definieren sich auf diese Weise keineswegs als komplette menschliche Individuen, sondern als interessierte Funktionäre, die natürlich auch noch ein privates Interesse daran haben, daß der Zug nicht aus dem Gleis springt, wohin er auch führe.
Immerhin können wir uns sicherlich einigen, die chemische Industrie und die Industrie überhaupt hat nicht die Eigenschaft des Mikrokosmos, der das ganze vertreten kann, sondern ist ein Teilsystem des Ganzen, und zwar bloß erst des sozialen Ganzen, das seinerseits mit anthropozentrischer Blindheit geschlagen ist, seinerseits im Gegensatz zum Naturganzen konstituiert ist. Dieses soziale Ganze - zudem in sich selbst tief gespalten, ich sage nur Nord-Süd! - funktioniert wirklich nicht als Mikrokosmos der Gesamtnatur, sondern vielmehr als Parasit an ihr. Wir testen herostratisch, was die "Gaia" aushält.
Wie die Gesellschaft insgesamt, und insbesondere unsere weiße Gesellschaft einstiger Kreuz-, heutiger industrieller Beuteritter, zur Erde steht, dabei spielt nun rückwirkend eine besondere Rolle, daß die Industrie ihrerseits das soziale Ganze einseitig dominiert. Wir haben verhängnisvollerweise eine Wirtschaftsgesellschaft, d.h. die Funktion des Gesamtsystems Gesellschaft wird andauernd durch das hypertrophe Teilsystem Wirtschaft überdeterminiert. Das Interesse an der Multiplikation von Geld als Machtmittel beherrscht den sozialen Organismus. Es wirkt wie ein Herbizid, das die Pflanze tötet, indem es sie zu schnellem Längenwachstum treibt.
Die vielgerühmte Genialität des Marktes als Regulator regelt - wenn man ihn, selten genug, läßt - nur Proportionen innerhalb dieses prinzipiell expansionistischen, damit prinzipiell exterministischen, selbstmörderischen Prozesses. Sie wissen, Adam Smith hat die Unsichtbare Hand der Marktkräfte gepriesen. Ja, er hat dem Markt die Fähigkeit des Großen Steuermannes zuerkannt, die der mittelalterliche Mensch dem Lieben Gott zuzudenken pflegte. Die Subjekte auf dem Markt hat er sozusagen nachträglich moralisch gerechtfertigt, weil am wachsenden Wohlstand für den immer ausgedehnteren Siebten Tag zu sehen war, was Gott über seine Schöpfung gesagt haben soll: Siehe, es war gut.
Der Konferenzplan unterstellt die chemische Industrie de facto als ein in sich selbst moralisches Subjekt, das dem kategorischen Imperativ des Gemeinwohls folgt. Nur unter dieser Bedingung nämlich muß er nicht fragen, ob es überhaupt weitergehen darf. In Wirklichkeit können Sie alle hier, zumal Sie nicht einmal als Vorstandsvorsitzender real die Herren auch nur dieses sozialen Teilbereichs Chemische Industrie wären, gar nicht verantworten, was beim MANAGING INTO THE FUTURE herauskommen wird. Sie wissen es gar nicht. Sie sind bereit, die Kaputtindustrialisierung der Welt billigend in Kauf zu nehmen, indem Sie diese Industrie managen. Natürlich verdrängen Sie gewöhnlich diese Realität und verteidigen sich noch mit überholten Phrasen, wonach die Wissenschaft schon das Unheil wieder einholen wird, das sie täglich erweitert reproduziert.
Ich will nicht im einzelnen mit Ihnen rechten, wieviel externe Kontrollen nun notwendig sind, um die chemische Industrie an die Überlebensbedingungen der Menschheit zurückzubinden. Schon auf den ersten Blick brauchte es dazu nicht so sehr mehr als vielmehr stärkeren Staat, nach dem das Volk denn auch bereits deutlich zu rufen begonnen hat. Dennoch ist gar nicht soviel Kontrolle staatlich realisierbar, wie nötig wäre, um verfassungskonform Schaden von der Bevölkerung abzuwenden. Haben Sie doch selbst erst 60 Jahre nach Produktionsaufnahme erfahren, daß Formaldehyd Krebs erzeugt.
So fällt die Verantwortung letztlich dennoch auf Sie zurück, aber auf Sie persönlich, auf Sie als Menschen, die beruflich einer insgesamt problematisch gewordenen Beschäftigung nachgehen. Sie sind da gewiß nicht die einzigen, aber das Selbstausrottungspotential der chemischen Industrie ist besonders hoch.

3.
Die wissenschaftlich-industrielle Massenproduktion ist die Ursache dafür, daß wir uns weltweit die Urelemente Erde, Wasser, Luft und Feuer vergiften und daß wir unseren atmosphärischen Kokon für die kosmischen Strahlen öffnen. Zumindest in Deutschland genügt es inzwischen, einen SPIEGEL-Jahrgang durchzusehen, um alles zusammen zu haben: Wir kippen den Wärmehaushalt der Erde, wir werden uns das Wasser bis an die Mittelgebirge holen. Wir Haben den Boden schon so versalzen und versäuert, daß die Experten 100 Jahre eine kurze Zeit finden, um den Wald wieder gedeihen zu lassen. Unsere industrieabhängige Landwirtschft ist eine einzige Ökokatastrophe, und es sind zu allerletzt die Bauern schuld. Das agrochemische Geschäft der "Grünen Revolution" hat sich weltweit als Rückschlag erwiesen. Wenn wir das Artensterben aufhalten wollen, müssen wir nach einschlägigen Berechnungen unseres Kilowattstundensatz pro Quadratkilometer (nur 1 Indikator) um mindestens 90% zurücknehmen. Soll das Erdmagnetfeld, das die kosmischen Teilchen um uns herumlenkt, nicht noch weiter nachlassen, muß die Grünmasse der Biosphäre wieder annähernd verdoppelt werden. Allein wegen der Ozonschicht muß sofort u.a. die ganze Polyurethan-Produktion eingestellt werden.
Niemand von Ihnen wird behaupten, daß es hier wirklich um gezielte Kleinkorrekturen geht. Es handelt sich letztlich nicht einmal um die Industrie, sondern um die Industriegesellschaft. So zeugt die Frage nach mehr oder weniger externen Kontrollen eigentlich für eine inadäquate Gesamtperspektive dieser Konferenzplanung. Sie lenkt vom Wesentlichen ab. Da diese Planung sicherlich von den besten Leuten gemacht worden ist - um so aufschlußreicher und herausfordernder! Wie viele von Ihnen halten eigentlich so eine Orientierung privat bereits für Nonsens?
Das Wesentlich ist industrielle Abrüstung, und zwar, wie wir aus dem Rüstungssektor wissen, einseitige Abrüstung. Die Überlegung, wer dann wohl in Südostasien oder anderswo aufkommen wird, muß entfallen. Es gilt, was der der CDU angehörende Fernsehjournalist Franz Alt zum militärischen Wettrüsten gesagt hat: "Einer muß anfangen aufzuhören." Anstatt, beispielsweise, den Sowjets unsere hervorragende nukleare Sicherheit zu verkaufen, damit sie tiefer in ihren auch uns bedrohenden Tschernobylismus hineinmarschieren können, sind unsere Spitzenpositionen in "sicheren" Atomkraftwerken ein Grund mehr, sie zuerst abzuschalten.
Ist es so schwer zu akzeptieren, daß unsere ganze Expedition seit der Renaissance eine falsche Phase mitführt? Mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt in der bisherigen Anlage, Grundrichtung und Massenkraft scheitert die Evolution des Menschen, scheitert die Evolution des Lebens auf der Erde. Wir benutzen unseren Geist, um uns materiell den möglichen guten Ausgang zu verstopfen. Ist es nicht an der Zeit, daß wir selbst nach dem Meister rufen, wir Zauberlehrlinge des Mehr, Schneller, Höher, Weiter?!

4.
Solange wir die ökologische, d.h. die zivilisatorische Krise, die Krise des materialistisch befangenen Menschengeistes bloß als Umweltkrise sehen, haben wir nicht verstanden, was die Uhr geschlagen hat. Wenn wir nichts tun als einige besonders auffällige spezifische Schadwirkungen propagandawirksam zu vermeiden, was werden wir ernten? Ein paar unliebsame dirigistische Maßnahmen und Umweltpolizeibesuche mehr, ausgehend von einem bürokratisch aufgeblasenen, aber politisch impotenten Nachtwächterstaat? Da wird es ein böses Erwachen geben! Wir werden eine von den wachsenden und sich summierenden Notständen auf den Plan gerufene Ökodiktatur erleben. Man wird, angetrieben durch drohende Massenkrawalle, Ihre Hauptproduktionslinien stoppen, da Sie nicht beweisen können, daß sie unschädlich sind. Und es werden auf Annoncen "Chemiker in gehobener Position sucht aufbauende liebe Frau" keine Antworten mehr eingehen, wenn nicht gar Verwünschungen kommen.
Wie lange noch, und es werden alle wissen, daß es sich nicht um Dioxine handelt, sondern um die Kohlenwasserstoffe insgesamt? Und auch nicht um die Kohlenwasserstoffe, sondern um die chemische Massenproduktion überhaupt? Nämlich um die mindestens zehnmal zu hohe Grundlast, mit der wir industriell das planetarische Gleichgewicht stören! Uns ist die Sensibilität dafür verloren gegangen, was die alten Griechen Hybris nannten. Und die rächende Nemesis, die von weit harmloseren Verstößen als unseren herbeigerufen wurde, wollen wir partout auch nicht mehr kennen. Uns ist deutlich die Flammenschrift an der Wand erschienen, aber wir veranstalten hier dieses quasimilitärische Planspiel. Am ersten Tag, nämlich heute, spielen wir zunächst die Feindlage durch: welche faktoren halten den Siegeszug der chemischen Massenproduktion auf? Naturreaktionen, Umweltschützer, neue Konkurrenten. Weitere Materialschlachten sind von vornherein einkalkuliert, liebenswerterweise bei gesenkten spezifischen Verbräuchen. Morgen wollen Sie dann die Ressourcen für den Gegenangriff Revue passieren lassen. Am dritten Tag geht es dann um das Kanaan, in dem der Eroberungszug ankommen soll: die schöne hellgrüne, hellblaue, hellrote Zukunftswelt der sanften Chemie, in der Sie mit Massenproduktion Profite machen wollen wie eh und je. Und der Manager, was tut der? Nun, er managt die wunderbare Geldvermehrung. Die himmlische Langeweile ist nichts gegen soviel Phantasielosigkeit. Über die Punkte, die da übermorgen genannt sind, wird doch schon seit 20 Jahren immer wieder ungefähr dasselbe erzählt. Haben das nicht selbst die vorgesehenen Referenten lange satt? Wozu dann noch das Ritual?

5.
Ich mache Ihnen Vorschläge, wie wir die Konferenzzeit sinnvoll verbringen könnten:
Rest des Ersten Tages: Umfassender ad-hoc-Austausch über das Wesen der ökologischen Krise und über die wichtigsten Möglichkeiten, ihr zu begegnen - ohne vorschnelles Zurückkommen auf die besonderen Belange der chemischen Industrie. Ich stünde zur Verfügung, nicht nur über Logik der Selbstausrottung, sondern auch über Logik der Rettung zu sprechen.
Morgen: ein Planspiel unter der Vorgabe, daß wir, die einen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, die anderen Vorstandsvorsitzender der BASF, die dritten - und eigentlich alle zusammen - künftige Selbstversorger im Umland, sind. Vormittags hieße das: "Was wird aus Ludwigshafen, was wird aus der Pfalz, wenn wir die BASF abbauen, in eigener Initiative?" Nachmittags wäre dran: "In welchen Schritten müssen wir dann vorgehen, natürlich auch psychologisch überlegt?"
Dies, wohlgemerkt, nicht für eine Pressekonferenz zwecks gezielter Verängstigung der Beschäftigten und der umwohnenden Bevölkerung, sondern im Geiste von "positive Thinking": Die Umkehr ist machbar, Herr Nachbar (und besonders: Frau Nachbarin)! Wer, wenn nicht Sie, kann das bringen?!
Selbstverständlich dürfen Sie die Frage einschließen, wie, wozu, in welchem Umfang, bei welcher Verortung im neuen Gemeinwesen der Mensch weiterhin Chemie brauchen wird, wenn er in weitgehend selbstversorgerischen Gemeinschaften von, sage, 3000 Seelen lebt und nur die überschüssige Zeit in spezielle Produkte für den Austausch steckt? "Chemiker" werden dann vielleicht weniger gebraucht, aber viele Leute, die u.a. was von Chemie verstehen. So für die meisten anderen Fächer. Es mögen auch konviviale Werkzeuge genial gesteuert sein. Das neue soziale Subjekt, die überlebensfähige Gemeinschaft und Gesellschaft wird unter unser aller Mitwirkung neubestimmen, was wir mit unserem Wissen besseres als bisher anfangen können. Hochintelligente Kleinproduktion, die auch hochproduktiv ist - können Sie sich so etwas vorstellen?
Deshalb übermorgen: Rundgespräch über das Generalthema "Was würde ich in eine Heiratsannonce schreiben, wenn ich mich nicht mehr als Topmanager, Chefsekretärin, Chemikerin, Physiker, Ingenieur, Betriebswirtschaftlerin usw. verstünde? Bin ich als Mensch eigentlich mehr - oder weniger denn als Funktionär der Megamaschine in Ludwigshafen oder anderswo?"
Sie mögen lachen über diese Programmvorschläge. Aber ist es nicht lächerlicher, davon auszugehen, der an die 100.000 Jahre alte homo sapiens sapiens hinge unentrinnbar von den industriellen Errungenschaften und Strukturen ab, die er in den letzten 150 Jahren selbst geschaffen hat? Sind wir ein für allemal industrielle Götzendiener und müssen es bleiben? Gerade Sie, wie Sie hier versammelt sitzen, sind auch für ganz andere Perspektiven gut.

NEUE NEBEL

tür auf
bin geboren
schlag mit flügeln
freß kadaver
fall runter irgendwo
I was eagle

tür zu tür auf
hallelujah
wühl im schlamm
grunz mit schweinen
jäger im anmarsch
I was wildboar

NEUE NEBEL

klappe die nächste
neu geboren
plansch im wasser
wichs an korallen herum
krepier in netzen
die nicht für mich bestimmt
I was dolphin

NEUE NEBEL NEUE NEBEL

nächste tür auf
neuer laden
höre auf namen
zahle miete
töte männer
nichts passiert
I am human

NEUE NEBEL NEUE NEBEL NEUE NEBEL

el mayor delito
es hater nacido
der einzige fehler
ist geboren zu sein

NEUE NEBEL NEUE NEBEL NEUE NEBEL NEUE NEBEL
(Sandow, 1999)

NETTE KLEINE UNI-STADT

Betreff: Gibt es Menschenrettung??
Datum: Sun, 14 Mar 1999 16:15:53 GMT
Von:   dbdetreville@t-online.de (george)

Ich habe oft durch eine nette kleine Uni-stadt gelaufen, dabei von ein Penner/Bettler/z.T. Besoffener höfflich gefragt, "Haben Sie ein Paar Pfennige für mich."
Ich habe zuerst einfach weiter gelaufen, die ersten paar Mal, aber dann habe ich einige Mal etwas Zeit gehabt ihn eben näher zu betrachten.
Der war dreckig, aber wirklich. Sein Unterhemd war von weiss nach braun mit sein Leben verfärbt. er hat sich manchmal fast nicht hoch halten können, denn er fast bis zum Vergiftung besoffen gewesen ist.
Ich verweigert ihn Geld zu geben, weil er es eh nur versaufen würde, wenn ich es tat. Statt dessen hab ich ihn gefragt, ob er an dem Tag was zum Essen gehabt hatte. Was er verneint. Ich fragte ihn dann, ob er Hunger hat und mit mir Mittag essen wollte, und er sagte, "Ich hab kein Geld dafür, Sie müssen bezahlen." Ich sagte ihn, daß das für mich kein Problem wäre, wo wollte er dann essen? Er sagte, "Ich kann nirgendwo hier essen, ich bin zu dreckig."
Gleich daneben war ein kleine Restaurant, wo man Burgers & Grillhendl bekommen könnte, fall man eben nicht so dreckig wäre wie der arme Mann der auf wackelig Beine vor mir stand. Also, nichts wie hin.
"Der muß 'raus!", sagt der Wirt sofort, "Er schläft nachher nur ein, und keiner will neben ihn sitzen." Der Dreckige torkelt sich wieder um richtung Tür, und ich versproch dem Wirt der Man wieder mitzunehmen, wenn er bloß etwas essen darf, was ich auch bezahlen werden.
"Na, dann, OK," sagt er, und ich ging raus & holte der Dreckige wieder 'rein. Was willst Du essen fragte ich ihn, der sofort wieder sagte, "Aber ich hab kein Geld, Sie müssen zahlen." "Ich weiß", sagte ich, "willst Du ein Hendl?"
Also, er wollte zum Teller greifen, aber trotz sein Rausch, sah er seine dreckige Hände, und bat um den WC Schlüssel, um sein Hände waschen zu können. Bekamm er auch, und nachdem putz er den Papteller weitgehend leer.
Angeblich sind seine Frau & Kind in einem Unfall vor einige Jahren gestorben, und er hat selber ein Unfall mit Wirbelsäuleverletzung gehabt, und seitdem seinen Tischlerarbeit wegen gefühlosen Fingern nicht mehr ausüben können.
Arbeitlosengeld alle, dann A-losenhilfe alle, dann Sozialgeld. Er hat nun jetzt keine Wohnung, sondern nur die Kleider er an hat, und die Sozialamt hat sein 500/Monat abgeschaltet, also bekommt er jetzt gar nichts mehr. Mit 47 flach am Boden und ohne Zukünft.
Ich persönlich hab ein medizinische Hintergrund, und sehen kann, daß es nimmer lang dauern kann bis er körperlich nicht mehr zu retten ist. In Dezember hab ich ihm gelegentlich gefuttert, und versuchte ihn immer vergeblich, einzureden, daß er nicht mehr saufen soll.
Ich hab ihn angeboten zu mir kommen zu lassen, damit er sich sauber machen könnte und, daß ich auch seine Kleider in die Wasche reinigen werden. Der wollte, sah ich, hat aber nicht genugend Vertrauen, und hümpelt schnell weg.
Ende Januar, nach viele -5 bis -15Grad Tage & Nächte mit bloß eine dreckige Decke, war der plötzlich verschwunden. Ich suchte ihn überall, konnte ihn aber nicht finden. Ich hoffte, daß er die paar -20Grad Nächte überlebt hat.
Nach etwa 3 Wochen habe ich beim Rathaus nachgefragt, sie haben mir aber zum Charitas geschickt, wo ich erfahren konnte, daß der Man nur halbe Stunde früher dort gewesen sei, nach ein 22 Tägig Krankenhausaufenthalt. Er hat ein Kollaps gehabt, und war beim Polizei dort hingeliefert.
Vom Krankenhaus hat er sich gegen den Rat seines Arztes selbst entlassen, der war freiwillig drin. Danach hat er sich wieder zu trinken angefangen, und hörte für zwei Wochen fast nicht auf.
Ich habe ihn in die zwei Wochen öfter Essen gegeben, und Ende der  3. Woche war er bereit mich zu vertrauen, und ist mit mir per Bus nach Hause mitgefahren. Das war vorletze Woche, und er ist am ersten Nacht (Donnerstag) bei mir komplett gebadet (er hat's selber nicht tun können), und seinen Kleider gewaschen. Ich habe für ihn auch gekocht und verlangte nur, daß er wenig bzw. gar nichts trinkt.
Er ist sehr höfflich gewesen, und mit nur 6 Bier am (ganzen) Tag, weder besoffen noch zitterig. Er sah viel besser aus nach vier Tage gutes Essen, und wenig(er) trinken, und war auch ziemlich klar im Kopf. Er wüßte, daß er mit den Bus am Montag Abend zurückkommen könnte, und meinen extra Bett wieder nutzen dürfte.
Doch erschien er nicht. Ich dachte, der ist bestimmt wieder besoffen geworden, und vergaß, daß er einen freien Fahrschein hat. Ich habe ihn gesucht, als ich durch die Stadt ging, aber erst Donnerstag habe ich ihn gefunden, aber nochmal in solchen Zustand, daß man wundern muß, wie er bis jetzt überleben könnte.
Na ja, Donnerstag Abend wieder frisch gebadet, Kleider frisch gewaschen, und Freitag Mittag wieder fast besoffen. Das war Vorgestern. Es war Mittag, er wollte aber sein Betteleinnahme nicht entgehen lassen, und wüßte auch daß ich ihn nicht bzw. sehr wenig saufen lassen werde, falls er mit mir kamm, also wollte er nicht mitkommen.
Ich will nicht, daß er versäuft, und werde ihn gerne helfen. Ich kann ihn aber nicht vollzeitig aufpassen, was er allerdings einige Monate sicherlich braucht, um ganz sauber zu werden.
Danach braucht er Arbeit, egal was, damit er an sich wieder glauben kann, was er leider jetzt nicht tut, aber erst dann hätte er wieder eine Zukünft.
Ich wünsche es mir möglich wäre, ihn für 3-6 Monaten Entziehungskur einzusperren. Er ist keine schlechte Mensch, brauchte wirklich eine Chance. Ich werde gerne finaziell helfen (Anteil an Entziehungskosten) habe aber selber nicht sehr viel Gespartes.
Es muß ein eingewiesene Entziehung sein, denn er nicht nochmal nach 22 Tagen selbst entlassen darf. Wenn damit fertig, muß ein Tätigkeit her, damit er tagsüber nicht säuft, und vorläufig kann er Nachts in mein extra Bett schlaffen, bis er wieder selbstständig leben kann.
Maximal konnte ich 500 DM stiften, zuzüglich Wohnhilfe nach die Entziehung. Der ist Deutscher.
Kann irgendwer behilflich sein. den Mensch zu retten?????
Best wishes
/Achim /

NUN BIN ICH FROH

VOLKER BRAUN

Nun also bin ich froh.
Ich ziehe die Luft durch die Adern
Und habe noch meine fünf Sinne. -
In dieser sinnlosen Welt? -
Ich wohne dicht auf der Erde
Die keinem und mir gehört.
Ich sehe noch Baum und Fisch
Und schwimmende Meere. - Sterben
Siehst du sie. - Staaten
Aus gräßlichem Beton. Selber
Der Freieste, Untertan.
Die Tat noch tötet den Mann.
Ich fürchte mich vor dem Krieg. -
Volker, und des bist du froh? -
In der Gefahr größester
Gegenwart leben, der letzte
Oder der erste Mensch.
(1986)

Fast ein Jahr ist in dieses Land gegangen, seit der Krieg gegen Jugoslawien aus dem Land ging. Inzwischen ist die Erinnerung an das Geschehen anscheinend abgeschoben worden. Ohne nennenswerten Widerstand. Hier wird für sie ein Asyl eingerichtet. Es wird in den nächsten LOvern einige Rückblicke geben - auch wider das Vergessen, in was für einer Republik wir leben (müssen?).

ABWICKLUNG DES JAHRHUNDERTS

von Eckart Spoo

Vielleicht wird Deutschland kurz vor dem Ende des Jahrhunderts doch noch den Krieg gewinnen, den es zu Anfang des Jahrhunderts geplant hat. Vielleicht gelingt es - diesmal im Bunde mit Frankreich, Großbritannien und den USA -, die Ergebnisse der militärischen Niederlagen von 1918 und 1945 endgültig zu revidieren. Zum großen Teil ist das schon geschehen.
Der von Deutschland gewollte und verlorene erste Weltkrieg endete entgegen den Absichten seiner Verursacher mit internationalen Vereinbarungen zur Friedenssicherung (Völkerbund) und mit einer demokratischen Verfassung für Deutschland. Im zweiten Weltkrieg wollte Deutschland die Ergebnisse des ersten revidieren, aber die Sowjetunion (selbst eines dieser Ergebnisse) erwies sich als stärker, und nach der entscheidenden Schlacht von Stalingrad beteiligten sich auch die USA am Sieg über Deutschland. Die Sieger teilten das Land, entflochten die Konzerne, verboten die Wiederaufrüstung, trafen viele Vorkehrungen, um den deutschen Imperialismus und Militarismus endgültig zu zähmen. Zu den wichtigsten Vereinbarungen gehörte die Gründung der Vereinten Nationen mit einem demokratischen Völkerparlament und einem nach und nach erarbeiteten Völkerrecht. Die Sowjetunion vergrößerte sich, und auf dem Balkan entstand ein starker Bundesstaat Jugoslawien, dessen Völker im Frieden miteinander lebten.
Jetzt ist Deutschland wieder vereinigt. Die Sowjetunion und auch (was Ex-Kriegsminister Rupert Scholz schon 1991 offen proklamiert hatte) Jugoslawien sind zerlegt. Nunmehr zerbombt die NATO mit dem deutschen General Klaus Naumann an der Spitze ihres Militärapparates im widerspenstigen Rest-Jugoslawien Donau-Brücken, Eisenbahnlinien, Heizkraftwerke und Ölraffinerien, um es gefügig zu machen, und führt die "humanitäre Katastrophe" herbei, die es angeblich verhindern will; ähnliche Katastrophen wurden zuvor mit deutscher Unterstützung in der Krajina, in Anatolien und anderwärts herbeigeführt.
Nun geht, allen feierlichen Gelöbnissen zum Trotz, wieder Krieg von deutschem Boden aus. Mit dem Angriffskrieg verstößt die Bundesregierung gegen die UN-Charta, gegen die UNO-Völkermordkonvention, gegen das Umweltkriegsverbot der Genfer Konvention, gegen das Vertragswerk von Helsinki (OSZE), gegen den NATO-Vertrag, gegen den 2+4-Vertrag (die Grundlage der Vereinigung), gegen das Grundgesetz, gegen das Strafgesetzbuch, gegen das deutsche Soldatengesetz, gegen die Koalitionsvereinbarung, gegen die Grundsätze beider Koalitionsparteien und ihre Wahlprogramme. Über solche kleinlichen Einwände (wie sie in einer Strafanzeige von 41 Hamburger Rechtsanwälten gegen Schröder, Scharping u.a. formuliert sind), fühlen sich die großartigen Bonner, demnächst Berliner Politiker erhaben. Speziell an der Abwicklung des Grundgesetzes arbeiten sie schon seit langem erfolgreich. Nachdem sie Grundrechte wie Unverletzlichkeit der Wohnung (150 Jahre nachdem es in der Paulskirche formuliert worden war) und das Asylrecht durchlöchert haben, zerbomben sie nun rasch auch Artikel 26 GG, der die Vorbereitung eines Angriffskrieges für verfassungswidrig und strafbar erklärt. Offenbar vertrauen sie auf eine Justiz, die sich so obrigkeitskonform verhält wie in früheren Perioden unseres Jahrhunderts. Und die Gewerkschaften? Wieder im Jahre 1914 angekommen? Und die Kirchen?
Der Propagandaapparat ist mächtiger als je. Dennoch lassen sich Informationen nicht dauerhaft eliminieren. Vor allem Fragen nicht. Wie überzeugend wirken Politiker, die ihre Gewalttätigkeit damit begründen, daß sie mit Gewalt gedroht hätten und nun ihr Gesicht nicht verlieren dürften? Welche Perspektive hat der NATO-Krieg außer der Eskalation der Gewalt? Wer zahlt eigentlich für den Krieg? Die Überfallenen, weil sie die Schwächeren sind? Wir nicht? Haben deutsche Schülerinnen und Studenten, Rentner, Arbeitslose, Behinderte, Kranke und Krankenschwestern Grund, auf Politiker zu vertrauen, die sich so dumm und gewalttätig, rechtswidrig und geschichtsblind aufführen?
Wir wissen: Schröder fühlt sich von der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts unbelastet. Und wenn überhaupt noch irgendwo dieser Geschichte gedacht wird, dann soll es ein Ort sein, "wo man gern hingeht". Vielleicht ein Ruhmestempel für den Kanzler, der am Ende des Jahrhunderts Deutschland doch noch zum Sieg geführt hat. Vielleicht.
(aus Ossietzky 7/99)

KRIEGSTAGEBUCH

von Dietrich Kittner

Eine der ersten Angriffswellen traf Kragujevac und die dortige Autofabrik. So sah man es im Fensehen. VW und Opel (General Motors) werden sich freuen: Die Balkan-Billigkonkurrenz Yugo und Zastava ist weg. Was das deutsche Fernsehen nicht zeigte: die Gedenkstätte für dir Opfer eines der schlimmsten Massaker, das die deutsche Wehrmacht im zweiten Weltkrieg auf dem Balkan angerichtet hat. Etwa 7000 Jugoslawen (deutsche Historiker geben gern niedrigere Zahlen an) wurden dort erschossen, darunter alle Schüler des dortigen Gymnasiums, klassenweise, samt ihren Lehrern. Zielgenau auf das an der Mordstätte errichtete Mahnmal fielen in Kragujevac jetzt die ersten Bomben. So kann man die deutsche Schande auch bewältigen. Einen Kranz hat meines Wissens noch kein Bonner Politiker dort niedergelegt. Dafür jetzt Bomben.
*
Das Kosovo ist traditionelles deutsches Einflußgebiet. Im zweiten Weltkrieg sorgten deutsche Friedenstruppen unterm Hakenkreuz per ethnischer Säuberung dafür, daß aus der bis dahin dort bestehenden serbischen Bevölkerungsmehrheit eine Minderheit wurde. Eine albanische SS gab es übrigens auch. Nun hat die Bundesrepublik Deutschland die albanischen Terroristen (so noch vor sechs Monaten die offizielle Bezeichnung der US-Administration für die UÇK) erstmal mit Waffen ausgerüstet (s. OSSIETZKY 2/)): "Milchpulver und Panzerfäuste"); die Ausbildung übernahmen laut Erstem Deutschen Fernsehen Instrukteure der Geheimdienste BND und MAD. (Treppenwitz: Der MAD darf laut deutschem Gesetz nur im Inland tätig werden. Aber im Kosovo gelten die deutschen Gesetze ja nicht - oder es wird wohl schon als Inland betrachtet.) Schießen mußte die UÇK allerdings zunächst allein. Und zwar im Bodeneinsatz. Ihre Luftwaffe - auch NATO genannt - erhielt sie erst am 24. März 1999.
Bekannt sind jene psychopathischen Feuerwehrmänner, die Feuer legen, um dann als Helden den Brand zu bekämpfen. Diesmal löschen sie mit Benzin.
*
Die Zielgenauigkeit der "chirurgischen Eingriffe" (mit sauberem Tötungseffekt) scheint so präzise nun auch wieder nicht zu funktionieren. Oder gerade doch? Jedenfalls werden "militärische Ziele" wie Wohnblocks, Klöster, ein Personenzug, Lebensmittelfabriken, Heizkraftwerke, Dörfer wie einzeln stehende Bauerngehöfte und (bisher 14) Krankenhäuser stets sauber getroffen und zerstört. Nicht weit von Belgrad befinden sich (noch) ein atomarer Versuchsreaktor und ein Atommüllager. Ein Treffer - notfalls versehentlich - und ganz Europa, nicht "nur" Jugoslawien, wäre endgültig befriedet. Da könnte man dann nur um Südostwind beten, der das Sterben für Österreicher, Tschechen und Deutsche ein wenig humaner gestalten, weil beschleunigen würde. (Vorläufig schießen die A-10-Flugzeuge der USA auf dem Balkan menschlich großzügig nur mit Munition, die pro Granate 272 Gramm schwach radioaktives Uran enthält und beim Auftreffen freisetzt - noch nicht flächendeckend. Nach dem Golfkrieg gab es in der US-Armee 4000 "ungeklärte Todesfälle", die dem "Golfkriegssyndrom" angelastet werden.) Vielleicht sehen die deutschen Olivgrünen hier einen positiven Nebeneffekt des Krieges: ein Reaktor weniger in Europa! Und die restlichen AKW's würden den Menschen dann auch nicht mehr so gefährlich werden - weil letztere danach in größerer Anzahl nicht mehr vorhanden wären.
Ich weise einen Presseoffizier des Bonner Kriegsministeriums am Telefon auf die Reaktorgefahr hin. Er sagt mir: "Das habe ich nicht gewußt. Da machen Sie mich aber betroffen." Und auf die Frage, ob er als Sprecher der Regierung offiziell die Gefahr ausschließen könne: "Selbstverständlich. Das ist ja heute nicht mehr wie im zweiten Weltkrieg. Wir machen chirurgische Eingriffe. Aber hundertprozentig ist natürlich nie etwas. Sie wissen ja, wie das manchmal so geht..."
*
"Milosevic ist schuld. Der hätte doch einfach den ausgehandelten Vertrag unterschreiben können", sagt man in einer Kneipe. Er hat es wohl aus dem Fernsehen. Ausgehandelt? Ein Ultimatum wird nicht ausgehandelt. Man hat den Jugoslawen ein fertiges Papier hingelegt: Unterschreiben oder Krieg! Die UÇK-Unterhändler sperrten sich erst. Ihnen ging die Sezession nicht weit genug. nach 14 Tagen hatte man sie dann wohl davon überzeugt, daß die Unterschrift doch nur der besseren Optik diene. Die Angriffspläne standen ohnehin schon fest. Für Belgrad hatte man über die Artikel 6, 8 und 10 im Anhang B sicherheitshalber eine Klausel eingebaut, von der man wußte, daß Jugoslawien sie nie würde unterschreiben können, wollte es nicht seine staatliche Souveränität restlos aufgeben und die eigene Regierung im jugoslawischen Staatsgebiet zu einer Art Kommunalverwaltung unter NATO-Hoheit degradieren. Wie 1914: ein unannehmbares Ultimatum an die Serbien: Vollständige Kapitulation - oder es kracht! Erpressung heißt das im Klartext. Kaum bessere Bedingungen stellt die Bundesregierung heute in ihrem "Friedensplan". Kapitulation - oder das Bomben und Töten geht weiter. Friedenserzwingend.
*
"Das globale Gewaltmonopol zur Sicherheit des Weltfriedens liegt ausschließlich bei den Vereinten Nationen. Die NATO ist und bleibt ein Verteidigungsbündnis" (Wahlprogramm der SPD für die Bundestagswahl 98). Schwindel, um vielleicht doch noch ein paar Wahlstimmen allzu vertrauensseliger Friedensfreunde einzuheimsen? Die Verfassungsklage der Sozialdemokraten gegen Bundeswehr-Auslandseinsätze - nur wahltaktisches Scheingefecht? Schon damals hatten sie doch im deutschen Bundestag von CDU-MdB Stefan Schwarz - für sie sicher glaubwürdig - erfahren, daß Serben (allen Ernstes!) Kinder im Ofen braten. Später enthüllte der Herr Schwarz sogar noch, daß Serben Frauen der Kriegsgegner Hundeföten in die Gebärmutter pflanzten.
Die als Beweis versprochenen Videos hat er bis heute bloß vergessen vorzuführen. Das holt jetzt sicher Herr Scharping nach, dessen Gesichtsausdruck beim Schreien auf den Pressekonferenzen mir immer besorgniserregender vorkommt. Und Josef Fischers Vokabular übertrifft längst die Hetztriaden verflossener kalter Krieger. Schlechtes Gewissen?
Als Gregor Gysi im Bundestag gegen den Krieg redet, feixen Schröder und Fischer krampfhaft wie bei einer Lumperei ertappte Schulbuben. Manchmal wirkt Fernsehen doch erhellend.
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder die neu Regierenden bei uns glauben jede noch so löchrige, zum Zwecke der Kriegserzwingung von dafür hochbezahlten PR-Agenturen verbreitete Greuelstory, oder sie spielen das Spiel der Kriegspropaganda zynisch mit, also lügen bewußt.
*
Musterbeispiel Irak - dieser Krieg läuft ja immer noch routinemäßig nebenher. Den USA ging es um Öl. Schon 1989 war der Kriegsplan CENTKOM 1002-90 (Oberbefehl bereits: General Norman Schwarzkopf) fertig, genauer nachzulesen in Mira Behams Buch "Kriegstrommeln". Zielstrebig begann man, den einstigen Lieblingsverbündeten Saddam Hussein zum "Hitler des Nahen Ostens" aufzubauen. Das Scheichtum Kuweit, bis Ende des ersten Weltkrieges zum Irak gehörig, wurde zu Grenzprovokationen veranlaßt, etwa zum illegalen Anzapfen irakischer Ölvorräte per Schrägbohrung. Die USA wollten - nach offizieller Einschätzung des amerikanischen Zentrums für strategische und internationale Studien (CSIS) - den Irak dazu bringen, ihnen Eingreifvorwände zu liefern. Als alles nicht fruchtete, gab die amerikanische Botschafterin in Bagdad, April Glaspie, im persönlichen Gespräch mit Saddam Hussein auf ausdrückliche Weisung ihres Außenministers James Baker und im Namen des US-Präsidenten zweimal offiziell und unmißverständlich grünes Licht für die Besetzung Kuweits (SPIEGEL 24.9.90). Saddam ergriff die angebotene Gelegenheit, angestammtes irakisches Gebiet "heimzuholen". Die Falle schnappte zu.
Noch langte die moralische Empörung der Öffentlichkeit nicht zum Krieg. Da sagte vor der UNO und - was noch wichtiger war - vor dem US-Senat eine 15-jährige kuwaitische Krankenschwester als Augenzeugin unter Tränen aus, wie entmenschte irakische Soldaten in einem Krankenhaus 300 kuwaitische Babies aus Brutkästen gerissen und auf den Boden geklatscht hätten. Manchen Säuglingen habe man auch nur die Sauerstoffzufuhr gesperrt. Sieben Senatoren, deren Stimmen bei der Entscheidung über Krieg und Frieden das Zünglein an der Waage gewesen waren, erklärten später, die ergreifende Erzählung habe bei ihnen den Ausschlag für die Zustimmung zum Angriff gegeben.
Die Greuelstory war frei erfunden, von der PR-Firma Hill and Knowlton gegen elf Millionen Dollar inszeniert. Später, nach dem Golfkrieg, flog der Schwindel auf, und die "Krankenschwester" entpuppte sich als Tochter des kuwaitischen Botschafters bei der UNO. Sie gab öffentlich zu, die USA während der letzten Jahre nicht ein einziges Mal verlassen zu haben.
(aus Ossietzky 8-13/99, wird fortgesetzt)

Führer-Schein

"Tierführerschein?", so fragte vor einiger Zeit unsere Blitz-Zeitung. "Lorenz Haut, Geschäftsführer des Bundesverbandes für fachgerechten Natur- und Artenschutz e. V., erläuterte den Sinn eines Tierführerscheins. Der Umgang mit lebenden Tieren erfordere neben den örtlichen Gegebenheiten eine je nach Art unterschiedlich hohe Kompetenz. Diese müsse der Tierhalter bei der Prüfung nachweisen. Die Aquarianer haben diesen Führerschein schon eingeführt, die anderen Zuchtgemeinschaften würden in Kürze folgen - im Interesse von Tier, Züchter und nicht zuletzt Nachbar."
Wofür wir in der fruchtlosen Hochblüte unserer HöherSchnellerWeiterKultur so alles Scheine vom Führer brauchen... Außer: Kinderhochziehen darf natürlich jedeR, was sollten Kinder schon für Interessen haben? Ist das Begleiten des Heranwachsens eines Guppies doch ungleich komplizierter, na wenigstens hält der die Goschen. Und heiraten darf natürlich auch jedeR (scheiden ist schon etwas schwieriger), egal ob er oder sie die Prüfung für das Halten eines Schoßhündches, einer Kuschelmaus oder eines Pantoffeltierchens bestanden hat. Da fragt kein Schwein nach.
Oder ob die Kinder in der Schule Gewaltfreiheit trainiert haben. Aber zur Bundeswehrmacht darf jeder, wenn er nur will, aber schießen nur, wenn er es auch wirklich kann und unter Beweis stellt. An Gelegenheiten dazu herrscht ja kein Mangel.
Und was muß ich für einen Schein haben, wenn ich einen Konzern führen will? Ob ich wohl global denken kann? Ob ich am Wohl der Mitmenschen interessiert bin? Am Bewahren des Lebens? Da interessiert auch nur das Führen von Geldscheinen. Macht kaputt, was hindert.
Aber wenn du zu viel säufst, wirst du vielleicht deinen Führerschein los. Aber wohl kaum deine Berechtigung zum Kinderersäugen. Erlaubt. Und sie laubt.
Aber denkt nicht, ihr seid auf der sicheren Seite! Nein, niemand will euch euren Hund wegnehmen. Aber die viel zu vielen Sozialfälle, Überflüssigen, Arbeitslosen, Serben und Asozialen - und nicht nur die, Zwangssterilisation läuft längst! Nicht "nur" bei den "Indianern", von wegen Kinderkriegen ist frei, für wachsende Unfruchtbarkeit sorgen - offenbar ohne Führerschein gern in Kauf genommen von den "Verantwortlichen" (haha, welch Hohn, diese Verbrecher...) in Industrie, Pharmazie, Landwirtschaft, Armee usw. - freigesetzte Hormone, Giftstoffe, Radioaktivität, Funkstrahlung, Radar, die völlig denaturierte Nahrung usw. Und man verdient sich sogar noch an der Forschung dazu dümmer und dämlicher.
Obwohl das alles ganz klar ist.
Freiheit.
Alles ist erlaubt. Alles wird entlaubt. Nur nicht das Halten von Ratten.
Roland

RICHTIGSTELLUNG

(an das Arbeitsant Demmin, 19.12.96, nach meinem Rausschmiß aus der Maßnahme, siehe Lover 24 Seite 43)

Heute wurde mir eine "Führungs- und Leistungseinschätzung" durch das Integrationszentrum (IZ) für das erste Modul der Maßnahme zur Kenntnisnahme vorgelegt.  offenbar ging dieses Schreiben, das weder Datum noch Namen des Verfassers bzw. Unterschrift trägt, auch an das Arbeitsamt.
Die Einschätzung entspricht m.E. in vielen Punkten nicht der Wahrheit.
Wahr ist, daß ich nach 2 Jahren als Forschungsingenieur nicht arbeitslos wurde, sondern 14 Monate als Bauingenieur und danach 15 Monate als Projektleiter arbeitete.
Wahr ist, daß ich durchaus leistungsbereit bin und nicht nur, wenn Leistung gefordert wird, sondern wenn auch vorausgesetzt ist, daß das Handeln Sinn hat.
Wahr ist, daß mein Interesse an den Lehrinhalten an deren Niveau gekoppelt ist. Von "Desinteresse" kann keine Rede sein. Meine Auffassungsgabe ermöglicht es mir, ohne umfangreiche Mitschriften Lehrstoffen zu folgen und zu behalten.
Wahr ist, daß ich in einem vorgelegten Buch keine Berufsbilddefinition fand, die meinem Profil entsprach, jedoch den Auftrag derart (und nicht "nicht") realisierte, daß ich ein Berufsbild in eigener Schreibe entwarf, das meinen Vorstellungen entspricht.
Wahr ist, daß mich nicht so "häufig Müdigkeit" plagte, sondern tagtäglich Langeweile und Ödnis angesichts der Lehrinhalte, die für mich häufig keinerlei Relevanz haben oder nach kurzer Zeit (Mathe 4. Klasse) erledigt sind.
Wahr ist, daß ich sehr wohl bereit bin, meine "guten Fachkenntnisse" für eine "arbeitsmarktbezogene Tätigkeit" einzusetzen, gerade zu einer Zeit, wo das Thema Ökologie immer größeren Raum einnimmt. Meine Praktikumstätigkeit bei Ökotech wurde vom Betriebsmentor gelobt.
Wahr ist, daß meine Ablehnung der Tätigkeiten vieler "herkömmlicher Unternehmen" auf dem Einsatz biologisch schädlicher Baustoffe und ebensolcher Bauweisen gründet. Ich habe niemals gesagt "die Arbeitsplätze sind schädlich". Ich "vermute" nicht "überall Umweltgifte".
Wahr ist, daß ich nicht "Arbeit am PC ablehne", sondern eine ununterbrochene oder hauptsächliche Arbeit am PC. Demzufolge bin ich weiterhin "als Hochbauingenieur vermittelbar".
Wahr ist, daß meine "extremen Einstellungen", die mich schon über Jahre begleiten, nicht daran hinderlich waren, um 2 Jahre an der Bauakademie der DDR zu arbeiten und nach der Wende in einer westberliner Firma als Bauingenieur und anschließend als Projektleiter. Ich bin sehr wohl in der Lage, ein "realistisches Arbeitsverhältnis einzugehen".
Wahr ist, daß ich oft den Eindruck habe, daß diese Gesellschaft mich mit meinen Fähigkeiten, Erfahrungen, Kenntnissen nicht braucht. Der Verfasser der Einschätzung ist m.E. nicht in der Lage, Beurteilungen über meine "Identifikationen mit gesellschaftlich Normen und Werten" abzugeben, zumal er diese nicht definiert und/oder eingrenzt auf relevante.
Wahr ist, daß ich nach dem ersten Gespräch im Oktober beim Arbeitsamt, wo die "Integrationsmaßnahme" vorgestellt wurde, ahnte, wie wenig Sinn diese wahrscheinlich für mich haben wird. Aufgrund der angedrohten Sperrfrist und in der Hoffnung, vielleicht neue Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt auf diese Weise zu entdecken, sagte ich meine Teilnahme zu.
Wahr ist, daß ich mich durch "Erscheinen und Auftreten" zwar abhebe jedoch nicht "abgrenze".
Die bisher dargebrachten Lehrinhalte der Maßnahme vermittelten mir so gut wie keine neuen Fertigkeiten oder neues Wissen. Aus meiner Sicht erfolgt der Unterricht oft planlos und manchmal inhaltsleer. Offensichtlich greift das Konzept des IZ nicht bei Menschen wie mir.
Obwohl es laut Einschätzung durch das IZ anscheinend Probleme mit mir gab, wurde - bis auf den Austausch von 2 oder 3 Sätzen nach meinem unentschuldigten Überziehen einer Mittagspause - kein Gespräch mit mir gesucht oder die Probleme als solche angedeutet.
Abgesehen von meiner Person halte ich die Förderung - meines Wissens 5000,- Mark, die das Arbeitsamt pro Teilnehmer und Vierteljahr bezahlt - des Integrationszentrums für zum Fenster rausgeschmissenes Geld.

(meine Unterschrift) Roland

"For ever young", wir ewigen Lapsembryonen, for ever unerwachsen, for ever auf der Suche und auf der Flucht, for ever unausgegoren, for ever nicht ankommen, heimatlos, for ever werden, never sein, for ever trau keinem über 60. Und uns fragen die Jugendlichen drum überhaupt nichts niemals, und wir fragen höchstens uns selbst, aber wollen ja keine Antwort hören, Lapsus for ever infantil ventil.

DAS ZEITALTER DER DÄMMERUNG

Michael Ventura

Das Wort Heranwachsende ist ein grausames. Die Grausamkeit versteckt sich hinter der quasi offiziellen Diagnose eines temporären Zustandes. Zu sagen, jemand wüchse heran, er befinde sich in der Phase des Heranwachsens, oder, noch schlimmer, er sei ein Heranwachsender, bedeutet, die Gefühlswelt der betreffenden Person zu mißachten. Dieser Begriff verniedlicht die realen Schwierigkeiten, die man in jener Lebensphase zu bewältigen hat. Hast du selber Kinder, bist also ein Betroffener, willst du dich vielleicht nur vor deren gnadenlosem Aufbegehren schützen. Noch übler sind Verniedlichungen wie Teenager oder Teenie. Sie tragen einen penetranten Pesthauch von Nettigkeit und falschem Reiz. Wir wissen doch alle, daß es gar nicht so reizend ist, ein junger Mensch zu sein. Gleichaltrige benützen diese Ausdrücke nur äußerst selten. Eher nennen sie sich selber Kids, wenn sie sich schon selber klassifizieren und abgrenzen müssen. "Woher nimmst du dir das Recht zu glauben, du wüßtest über Kids Bescheid, wenn du kaum etwas über mich weißt!" Sie kleiden und benennen sich mit den jeweils aktuellen Stammesnamen wie Punks oder Raver oder sonstwie. Flash-backs an Bezeichnungen wie Gammler, Rocker und Hippies sollten uns daran erinnern, wie flüchtig, wie gefährlich, wie ausgeflippt, radikal, beschissen, grauenhaft und affengeil diese Lebensjahre in Wirklichkeit sind.
Manchmal fehlen uns dafür die Worte. Es mag daran liegen, daß wir einem unausgesprochenen kollektiven Zwang unterliegen, uns dazu keine Gedanken zu machen, zu verdrängen. So abschreckend wirkt unsere eigene Zeit des Heranwachsens noch im Nachhinein. Wenn wir dann endlich jene Lebensphase hinter uns haben (bei manchen geschieht das nicht, bevor sie Vierzig sind), drehen wir uns um, sehen diese Jugendlichen und tun so, als ob sie Fremde für uns seien, als wüßten wir nicht, was sie durchmachen. Von ihrer Musik, ihren Moden, ihren Ausdrücken haben wir null Ahnung. James Baldwin meinte: "Man kann in anderen nur das akzeptieren, was man in sich selber zu akzeptieren bereit ist." Das, was wir nicht ertragen, wenn uns Jugendliche nerven, sind wir selber. So hört sich oft der Soundtrack vieler Familien entsprechend schräg an. Wenn diese jungen Menschen tief in unsre erwachsenen Augen schauen, werden in unserem Inneren all unsere Geheimnisse, unsere Kompromisse, unsere ungestillten Bedürfnisse, unsere Macken, unsere Fehler und unsere Ängste zu versagen aufgewühlt und fangen an zu blubbern und schmerzerfüllt zu stöhnen. Als wüßten die Jungen etwas über uns, das uns selbst bislang nebulös unbekannt war, über das wir aber zu gerne selber Klarheit hätten.  Als ob sie irgendwie, auf eine dunkle Art und Weise, in unsere Geheimnisse eingeweiht seien. Wenn sie uns so anschauen, steigt in uns die alte Panik auf. Jene Dämonen, die wir innerlich schon lange abgehakt hatten, denen wir entwachsen, entkommen schienen, sie grinsen uns an. Ein Blick von diesen verdammten Jugendlichen und schon erwacht dieses Biest in dir wie ein Phönix in der Asche. Als Vater oder als Mutter kannst du deine Ängste anhand der Distanz zu deinem Kind oder deinen Kindern abschätzen.
Wenn wir sie lieben, mag es unsere größte Angst sein, ihnen nicht helfen zu können, keinen Weg zu wissen, wie wir sie beschützen können. Die Ohnmacht, daß wir ihnen nichts wirklich Reales mitgeben können. Und ihre größte Wut wächst genau aus dieser ihrer Erkenntnis, daß wir ihnen nicht helfen, sie nicht beschützen, ihnen ihren Weg nicht weisen können.
Wenn so eine Wahrheit auf so ziemlich jeden zutrifft, scheint es unwahrscheinlich, daß hier ein individueller Fehler vorliegt. Trotzdem fühlen und fürchten wir, sowohl die Älteren wie auch die Kids, den Frust zu versagen sehr persönlich. Den Kids bleibt, individuell, nichts anderes übrig, als uns für diesen Zustand verantwortlich zu machen. Und wir haben keine Chance, ihrem Urteil zu entkommen. Es bleibt uns nichts, als mit in ihr Geschrei einzustimmen: "Das ist nicht fair!" Dabei platzen wir von der Fülle guter Ratschläge, mit denen wir ihnen helfen könnten, wenn sie uns doch nur einmal zuhören und unseren Rat akzeptieren könnten. Allein das erscheint unmöglich. Individuell erleben wir ihren Widerstand gegen unseren guten Rat als bewußt störrisch. Wenn wir sie jedoch als Kollektiv anschauen, müssen wir erkennen, daß sie ihre störrische Abwehr nicht selbst kontrollieren. Sie scheinen unter einem Gruppenzwang zu stehen, der sie offensichtlich dazu bringt, abzulehnen, was wir ihnen zu bieten haben - mag es ihnen persönlich innerlich noch so peinlich sein. Dieses Schuldgefühl erfolglos bekämpfend, erscheinen sie uns noch widerlicher, im selben Grad, wie wir in ihrer Wahrnehmung immer ekelhafter werden. Es scheint kein Weg daran vorbeizuführen: Spätestens, wenn das jugendliche Alter erreicht ist, wirft die Erziehung sowohl Kinder wie auch Eltern in negative Extreme.
Kann es sein, daß Kinder ein fundamentales Bedürfnis haben, die Beziehungen zu ihren Eltern oder anderen Erwachsenen generell mit negativen Verhaltensprogrammen zu blockieren? Kaum etwas scheint sie dabei aufhalten zu können, und wir haben (inoffiziell) gelernt, das zu akzeptieren. "Wie alt ist dein Kind?" - "Fünfzehn." - "Oh, mein Gott!" Und jeder weiß, was gemeint ist.
Natürlich haben wir Vorstellungen davon, wie man mit diesen Situationen umgehen könnte, aber die sind rein psychologischer Natur. Man kann ein solches klassen- und kulturübergreifendes Phänomen, dessen fundamentale Auswirkungen in Harlem und Beverly Hills, in Woodstock und auf dem Platz des Himmlischen Friedens, auf den Tribünen von Fußballstadien, bei Techno-Raves in Berlin und bei steinewerfenden jungen Palästinensern zu beobachten sind, auf persönliche oder familiäre Ursachen zurückführen. Das würde jedoch bedeuten, daß wir die wichtigsten Information, die wir über dieses Phänomen besitzen, einfach ignorieren und darüber hinweggehen: Den Fakt, daß trotz unterschiedlicher Herkunft, Geschichte, Kulturen, Technologien und wirtschaftlichen Voraussetzungen überall allen grundsätzlich das selbe geschieht - oft überkommt es uns gar wie eine global-simultane Flutwelle.
In meinen Augen haben zwei Schreiber das Phänomen der Heranwachsenden am nachvollziehbarsten formuliert. Zum einen der Erzieher Mike Rose in L.A. in seinem wichtigen Buch "Lives On The Boundary" (Free Press/MacMillan, 1989): "Kids bleibt nichts anderes übrig, als in Extremen zu reden, werden sie doch innerlich durcheinandergeschüttelt und ausgewrungen, wie von systematisch vorgehenden Schlägertypen ins Genick geschlagen." Der Rockkritiker Michael Corcoran hat die Gedankengänge von Rose weitergesponnen: "Rap ebenso wie sein Gegenpol aber auch zeitweiliger Bettgeselle Heavy Metal sind zeitgemäße Gegenstücke zum Rock'n'Roll der 50er Jahre und dem Punk der 70er. Rebellenmusik, Musik der Seele, Musik der Kids. Musik, die versteht, was Eltern und Lehrer nicht raffen können: Das Pubertät nichts mit Frisuren und Pickeln oder dem Stimmbruch zu tun hat. Die Pubertät ist ein Biest, ein Dämon, der blanke Horror. Es handelt sich um ein wundervolles Aufbegehren, eine gesunde Wut, die manchmal eine Heimat sucht und diese dann oft nur in einer dumpfen, einfachen und aufmüpfigen Musik findet. Weder Rap noch Heavy Metal verursachen Gewaltausbrüche. Sie erwecken tiefe Emotionen, die manchmal unkontrollierbar entgleiten. Sie entflammen den selben Geist, der uns die Verliebtheit bringt, uns Kinder haben und an Gott glauben läßt."
Zu odt lassen wir uns, vor allem in heutigen Zeiten, diesen Jugendextremismus als etwas Neues andrehen, als sei er erst durch die Popmusik, das Fernsehen oder den Zusammenbruch traditioneller Werte aufgekommen. Die Geschichte lehrt es uns anders. Wie viele andere, so haben uns auch Robert Bly und Michael Meade daran erinnert, daß seit zehntausenden von Jahren Stammesvölker das Einsetzen der Pubertät vor allem bei männlichen Jugendlichen mit einer ausschweifenden und oft fürchterlichen Initiation begrüßten. Wären diese Riten notwendig, wenn deren Jugendliche nicht ebenso extrem wären wie die unsrigen? Diese Erkenntnis ist nun wirklich wichtig. Bedeutet sie doch, daß wir alle den selben Fehler begehen. Es bleibt sich gleich, ob Erzkonservative behaupten, Rockmusik untergrabe die Moral der Jugend, oder daß Liberale erkannt haben, daß Rock die Jugend befreie. Mögen postmoderne Technokraten erzählen, daß die heutige elektronische Umwelt 'die Software einer neuen Generation neu programmiert'. Eines ist allen gemein: Sie sind nicht in der Lage zu verstehen, daß eine seit einhunderttausend Jahren verankerte psychische Struktur nicht einfach durch oberflächliche Stimulatien innerhalb einer Generation grundlegend verändert werden kann. In Wirklichkeit spielt sich doch etwas ganz anderes ab. Es handelt sich damals wie heute um die selben herben, alten Probleme, die sich durch die Psyche der Jugendlichen fressen. Im Laufe der letzten Jahrhunderte hat die westliche Erwachsenenkultur verdrängt, wie man mit dieser mächtigen Welle, mit dieser wahren Jugend-Bewegung zurecht kommt, sie angemessen begrüßt, sie zu leiten und zu ergänzen vermag.
Anders als wir, begegnen Stammesvölker dem Extremismus ihres Nachwuchses (Ich verwende hier den Begriff Extremismus bewußt als globalen Begriff für die intensive psychische Kakophonie der Jugendlichen) mit einem sehr ähnlichen, wenn auch zielgerichteten Erwachsenen-Extremismus. Die Eltern in intakten Stammesverbänden rennen nicht wie wir von diesem wichtigen Lebensabschnitt ihrer Kinder davon. Sie feiern dieses Ereignis, heißen es willkommen. Möglicherweise überfallen sie ihre Kinder mit einem geradezu sprichwörtlichen Heiligen Terror, mit Ritualen, deren Verlauf und Bedeutung den Jungen bis zu dem entscheidenden Augenblick vorenthalten wurde. Rituale, bei denen sie dem geballten Licht und Schatten der kollektiven Psyche des Stammes ausgesetzt werden, all den traditionellen Mysterien, all ihren Fragen und all den Geschichten, die sowohl die Fragen wie auch die Antworten darauf beinhalten. Das entscheidende, in diesem Zusammenhang gar magische Wort: zielgerichtet. Die Stammesmenschen haben etwas zu erzählen und zu vermitteln: Überlieferungen, Fähigkeiten, Magie, Tänze, Visionen, Rituale. Kaum ein Stamm war auf Dauer überlebensfähig, der solcherlei Wissen nicht besaß oder gar vergaß. Jene Erwachsenen gehen bewußter und sparsamer mit derlei Informationen um. Wir dagegen schütten sie unseren Kindern von Geburt an im Gießkannenprinzip über. Die Anderen fokussieren die Informationen. Sie sind wählerisch in dem, was sie erzählen und lehren und dem Zeitpunkt. Sie warten, bis die Kinder die Intensität der Phase erreicht haben, in der sie ein großer innerer Hunger befällt. Diese ungestillte Aufnahmewilligkeit, dieses Verzehren nach einer neuen Rolle, dieses verlangen nach Tiefe, nach Dunkelheit, nach tabuisiertem Wissen, nach all den Qualitäten, die wir in unseren Kindern am meisten fürchten - die Altvorderen benutzten genau diese Weise als Lehrmittel.
Dem bis dahin ungestillten Verlangen der Kids wird gegeben, was es braucht. Kinder in jugendlichen Alter sehen sich nach extremen Erfahrungen und Experimenten. Dieses Verlangen überkommt sie plötzlich und ist total. Sie sind davon geradezu besessen. Das kann ihnen nicht einfach ausgeredet werden. Keine Erziehung wird ihnen dies austreiben können. Die Information, in diesem Lebensabschnitt nach extremen Erfahrungen zu lechzen, ist in unserem genetischen Code verankert. (Natürlich müssen die Kids zornig werden, wenn ihnen die Erwachsenen in unserem Kulturkreis weismachen wollen, diese Sehnsüchte seien falsch). Was die Jugendliche brauchen, ist eine stimmige Kosmologie und entsprechende Hilfsmittel, um in dieser Welt überleben zu können. Für ihre Extremerlebnisse sorgen die Kids schon selber, daran hapert es nicht. Was ihnen fehlt, sind nicht eigene Ideen und Aktivitäten, sondern eine sie dabei begleitende Kosmologie. Ohne diese Begleitung besteht die Gefahr, daß sie ins Taumeln geraten, wenn sich ihnen die dunklen Abgründe auftun. Vielleicht führt sie ein dunkler Pfad geradewegs hin bis zu ihrer Seele. Trotzdem wird ihr Drang nicht befriedigt, weil ihnen der Sinn für das Ganze abgeht. Also wird dieser frustrierende Akt immer wiederholt, ohne daß die entsprechende Befriedigung eintritt. (Und sie kreieren so, wenn auch nur als Nebenprodukt, das was man Moderne Kultur nennt). Dieses Verlangen nach dunkler Energie wurde von unseren Vorfahren irgendwie erfüllt, indem sie diese mit einer zugehörigen Kosmologie und dem entsprechenden Wissen ergänzten. So kam es zu dem, was wir Initiation nennen. Diese Praktiken waren so effektiv, daß einE StammesjugendlicheR im Alter von meist fünfzehn Jahren in der Lage war, ihren/seinen Platz in der Gesellschaft als voll verantwortlicheR ErwachseneR einzunehmen.
Wir sind nicht in der Lage, solches Verlangen zu stillen, weil unsere Gesellschaft dieses unterminiert. So werden viele von uns in ihrem Herzen nie richtig erwachsen, noch fühlen sie sich so. Wie hat unsere Gesellschaft reagiert? Seit über vierzig Jahren entwickeln Jugendliche eigene Kulturformen - Musik, Mode, Verhalten -, die den initiativen Moment hinauszögern und verlängern. Oder anders: Wir sind von der Phase des Heranwachsens (oder der Einweihungs-Empfänglichkeit) so fasziniert, daß wir sie in die Länge ziehen. Als hofften wir, doch irgendwo unterwegs rein zufällig eine Initiation zu erleben. Für Menschen in Stammesgesellschaften ist die Initiation, die meist nur wenig länger als Wochen, selten ein Jahr dauert, die absolut intensivste Zeit ihres Lebens. Bei uns zieht sich dieser Prozeß heute über Jahre, ja, sogar Jahrzehnte hin. Dabei scheint sich das ihm eigene Gewaltpotential, dem zunehmenden Druck, diesen Prozeß hinauszuzögern, entsprechend zu steigern. Diese Verlängerung des Initiationsprozesses trägt schließlich dazu bei, uns alle in den Wahnsinn zu treiben.
In Europa verschwand das Stammesleben vor über eintausend Jahren. Warum aber taucht das Problem mit der 'verschleppten  Jugendzeit' erst Mitte des 20. Jahrhunderts auf? Vor dem 2. Weltkrieg lebten wir in einer Art Übergangswelt. In den Jahrhunderten vor dem Krieg lebten die Menschen in einer zutiefst repressiven und geradezu gemein ausbeuterischen Zeit, die in sich jedoch geordnet war. Im Gegensatz zu heute geordnet genug, um sowohl auf spiritueller wie auch politischer Ebene gnadenlose Repressionen durchzusetzen. Die traditionellen Überlieferungen der Altvorderen haben nicht überlebt, sie wurden vor langer, langer Zeit eliminiert und wir dadurch geistig entwurzelt. Alle Sehnsüchte in jener Phase des dunklen Verlangens reifender Jugendlicher wurden ihnen gnadenlos abgesprochen und unterdrückt. So wurde aus ihnen eine Art Zombie, lebendige Tote. Die damit einhergehende Verklemmtheit nannte man fortan Erwachsensein oder Reife. Die meisten Jugendliche waren mit 17 Jahren durch die Repressionen, zu denen es keine Alternative gab, schon so abgestumpft, daß sie bereit waren, die ihnen von der Gesellschaft aufgedrängten Pflichten zu ertragen. Menschliche Kälte wurde (und ist es vielerorten noch heute) als Zeichen der Stärke umgedeutet. In diesem leblosen Leben erfüllte man seine Pflichten und erklärte den Gleichmut zur Tugendhaftigkeit. Ob sich solche Menschen ihres Schattendaseins bewußt waren oder nicht, es blieb ihnen keine andere Möglichkeit als zu erledigen, was zu tun war. Von der Gesellschaft wurden sie beruhigt, daß dies ausreichend sei. Nicht nur in fundamentalistischen Gesellschaften wird das heute noch versucht.
In Europa kam es ab und an zu einem Aufstand, meist in Form einer rebellischen, politischen Revolution gegen solcherlei Verhältnisse. (Politik muß immer als Entschuldigung für etwas herhalten, das tieferen Ursprungs ist). Diese Aufstände waren meist nur sehr kurzlebig und schon bald kehrte der normale Zustand wieder ein.
Eine besondere Rolle nimmt in diesem Zusammenhang die Amerikanische Revolution ein. Als sich das weiße Amerika von Europa löste, stand einer relativ kleinen Bevölkerung ein ganzer Kontinent zum Erobern zur Verfügung. Den Unterdrückten Europas stand plötzlich ein Platz, ein Land, ja, eine Neue Welt mit schier unbegrenzten Möglichkeiten zur Verfügung. Hier konnten sie ihre Sehnsüchte, ihre dunkle Energie rücksichtslos kollektiv ausleben. Das, was wir heute elitär Amerika nennen, ist das Resultat dieser gebündelten, dunklen Energien.
Amerika erlaubte es, diesen unbefriedigten Zustand jugendlichen Verlangens bis zum Exzess auszuleben und durch Ersatzhandlungen zu stillen. Man nannte dies Freiheit oder Freier Handel. Dieses Spektakel verlockte und erregte die Europäer. Sie erlebten eine Erregung, wie ein Priester, der heimlich einem Paar im Nebenzimmer beim Vögeln zuschaut. Als man eine neue Möglichkeit der Ausdehnung, die Technologie, erfand, spitzten sich die Dinge in Europa wie  auch in Amerika zu.
Wir machen heute die Technologie für eine Menge Veränderungen verantwortlich und vergessen dabei, daß Technologie zu allererst und vor allem ein Ausdruck menschlichen Strebens ist. Wie alle  menschlichen Expressionen, spiegelt Technologie ein Verlangen der menschlichen Seele wider. Sie ist ein Ergebnis, bevor sie zur Ursache wird. Ursprünglich war Technologie Ausdruck einer Sehnsucht, eines bodenlosen Wunsches, nicht mehr länger im westlichen Lebensstil gefangen zu bleiben. Darum machten auch nicht andere Kulturen diese Erfindungen. Nicht weil sie primitiver oder nicht schlau genug waren, sondern weil sie ihr Leben mehr liebten. (Welch zwanghaftem Glücksstreben müssen die Deutschen unterliegen, wenn man sich in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß alle harten Drogen im deutschsprachigen Raum erfunden wurden. Anm. des Übersetzers.)
So fanden schließlich ein- bis zweitausend Jahre angestaute westliche Energie einen fundamentalen Ausweg, ein Überdruckventil: die Technologie. So gesehen ist die uns umgebende Macht nicht mal etwas Neues. Sie ist die Manifestation der geballten Macht unserer Vergangenheit. Einer vor sich hin blubbernden, inneren Macht, die nicht mit dem individuellen Menschen stirbt, sondern sich, Generation für Generation, in einer Gesellschaft aufbaut. Bis die Blase platzt. Technologie rekrutiert sich aus dem ungenutzten Potential unserer Vorfahren. Der wahre Geist in der Flasche. Die kollektive Psyche versteckt sich in Dingen: in Computern, in Autos, im Fernsehen und tobt sich dort ungebändigt aus.
Wegen dieser Maschinen, diesen metallgewordenen Geistern, wurden die beiden Weltkriege ausgefochten, darum waren sie so verheerend. Es gingen nicht nur lebende Menschen mordlüstern aufeinander los, sondern ebenso die unkontrollierbare, angestaute Energie vergangener Generationen. Nach den beiden Kriegen war auch diese Phase, in der sich die Menschen öffneten und ihre Seelen ausschütteten, vorbei. Nun kam die Zeit, in der sich menschliche Wesen aufmachten, den ein für allemal befreiten Energien gerecht zu werden.
Unmittelbarer Ausdruck davon im Privaten, nicht nur im Westen, war, daß auf Familienebene die gewaltschwangeren Repressalien unmöglich wurden. Der 2.  Weltkrieg erschütterte die ganze Welt. Inzwischen wissen wir, daß diese zwangsverordneten Repressalien innerhalb der Familie auch in absolut nichtwestlich programmierten Kulturen bzw. in politisch stark unterdrückten Regionen nicht mehr funktionierten. Was wäre wohl mit Mao geschehen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, die plötzlich freigesetzte Energie der chinesischen Jugend unter dem Deckmantel der Kulturrevolution für seine Zwecke einzuspannen? Mao war clever genug, sich als Ziel aus dem Visier der aufmüpfigen jungen Chinesen zu stehlen und deren Zorn auf seine Feinde umzuleiten. In Kambodscha geschah wenige Jahre später ähnliches, wenn man einmal die genaueren politischen Definitionen außen vor läßt. Dort ermordeten Kids die Erwachsenen, während in Mexiko und Chile die Kids von Erwachsene umgebracht wurden. In den USA und Europa hatten wir es mit idealistischen Angebern zu tun.
Fakt ist, daß während oder nach dem Krieg geborene Menschen mit einer solch vehementen Kraft und Verbissenheit, inklusive aller positiven und negativen Implikationen, weltweit das Alter der Initiationsreife erreichten, daß die Erwachsenen überfordert ausflippten und sich gegen diese Flutwelle sträubten. Bitte versuch jetzt nicht, die Ursprünge dieser Vorgänge in psychologischen Momenten des Individuums oder einzelner Familien zu rationalisieren oder soziologisch und politisch zu erklären.  Es handelte sich um sehr unterschiedliche Gesellschaftsformen. Bis heute fehlen uns die Erklärungen für diese wahrhaft mysteriösen Verhaltensmuster und Gesetzmäßigkeiten des Handelns der Menschen, die global zu einem urplötzlich neuen Spiel führten.
Ein Ergebnis des 2. Weltkrieges war, daß die Sehnsuchtsphase, diese potentiell initiationsschwangere Zeit der Jugend nicht mehr vorenthalten werden konnte. Durch den Krieg hatte sich die technologische Entwicklung derart beschleunigt, daß selbst Erwachsene nicht mehr in der Lage waren, den damit einhergehenden Veränderungen zu folgen. Sie verloren die totale Autorität über ihre Kinder, wurden unfähig, diese im Zaum zu halten. Die Kids waren erstmals in der Geschichte der westlichen Welt auf sich selber angewiesen. Sie erfanden eigene Ausdrucksformen: Musik, Moden, Bräuche. Mit dem Ziel, die Phase der Initiations-Sehnsucht zu verlängern, entstand eine völlig neue Kultur. (Daß dies nicht bewußt geschah, bedeutet nicht, daß es nicht geplant war. Instinkt ist nicht gleich Bewußtsein, hat aber einen eigenen definitiven, spezifischen Sinn und Zweck).
Dieses Phänomen, oder besser, diese komplexen Phänomene, haben sich im Laufe der Jahre vervielfacht. Aus einem kulturellen Hauch wurden weltweite Turbulenzen. Überall atmen wir diese Luft, die nach der bedrückenden, dunklen Sehnsuchtszeit der Heranwachsenden riecht. Zwar werden inzwischen die meisten neuen Entwicklungen der Jugendkultur von den Multis sofort aufgesogen und kontrolliert, aber wichtig ist, daß sich diese an der Basis entwickelten, nicht den Jugendlichen von oben herab aufdiktiert wurden. Die Ideen wurden den Jugendlichen von Firmen abgekupfert, die von Menschen beherrscht werden, welche zur ersten Generation freigelassener Jugendlicher gehörten.
Das Ergebnis? Unter dem Deckmantel des Entertainment (also Musik, Filme, Fernsehen) wird heute ein Gefühl ewiger Jugend propagiert und durchgesetzt, ähnlich total wie das alte Bild erwachsener Steifheit. Früher konnte eine isolierte Gesellschaftsklasse unwidersprochen für sich reklamieren, normal zu sein. Nur einigen wenigen Künstlern war es erlaubt, eine vertretbare und überschaubare Dosis meist harmloser, initiatorischer Macht auszuführen. (Während sich das Militär und sie Armen in wahrhaft irrsinnigen Auseinandersetzungen begegneten.) Heute erübrigen sich solcherlei Unterscheidungen. Chaotische Ausbrüche  jugendlicher Wut, extreme Erlebnisse in den Zwischenzonen geistiger Düsternis, halluzinatorische Verwirrungen, all das gehört inzwischen doch zum Alltagsleben. Aus diesem Stoff setzt sich das Leben ebenso wie die Kunst zusammen. Total normal. Alles. Pop, Rap, TV, Filme, Gedichte und Romane werfen Schatten aus ihrer Schattenwelt. Wirkungsvoller als jedes Schattenkabinett. Werbung klärt dich auf. Es gibt kein Entrinnen mehr.
Die Menschen der Stammesgesellschaften kannten Wege, ihre Jugendlichen durch genau festgelegte Rituale jener Realität auszusetzen, die von den australischen Aborigines Dreamtime genannt wird - den Mysterien menschlicher Psyche in ihrer reinsten, ursprünglichen Form. Schon bevor diese Wege durch einen kommenden Informations-Highway ersetzt werden, spielt heute die Medienautobahn diese Rolle. Die Welt ist global einem geistigen, elektronisch verstärkten Bombardement ausgesetzt. Strukturiert wurde dieses von ehemaligen Heranwachsenden, ohne jegliche Anleitungen von initiierten Älteren. Diesen Mysterienkitzlern der Psyche in ihrer ursprünglichen Form sind wir alle schutzlos ausgeliefert.
Wir leben in einem überschatteten Zeitalter. Die Welt wird von einer dunklen, klebrigen, psychoaktiven Masse überschwemmt. Alles ist damit behaftet. Wir geben zwar vor, sie nicht zu mögen, gleichzeitig aber suhlen wir uns darin. Was wäre unser Leben ohne diese unwiderstehliche kollektive Sehnsucht nach diesen Schatten, dieser Dunkelheit? Solch ein profundes Massenphänomen ist weit jenseits von gut und böse angesiedelt, von richtig oder falsch, gerecht oder ungerecht, bar jeglicher politischer Einflußnahme. Es wird eine ganze Weile dauern, bis sich diese Dinge von selber klären und ins Lot kommen. Vielleicht ein Jahrhundert oder auch zwei. Was meinte Bob Dylan vor fünfundzwanzig Jahren? "Come on out, the dark is just beginnin'."
(aus "Der Grüne Zweig 178")

WAHNMACHE


Ich muß gestehen, ich kann solche Ansinnen nicht ernst nehmen. Und bin auch nicht zuvorkommender, wenn ich Leute im Rollstuhl daherkommen sehe oder Leute mit Brille oder Leute im Auto. Denn es wird ja hundertpro behindertengerecht gebaut. Oder wozu gibt es Fahrstühle, Autobahnen, Ampeln, Panzer, Computer, Lautsprecher, Geschirrspüler, Lichtschalter, Antibabypillen, Kochherde, wenn wir nicht hundertpro behindert wären. Von der geistigen gar nicht zu reden. Wozu gibt es denn Staat, Nation, Kirche, Polizei, Fernsehen, Werbung, Wachstum, NATO, Schulpflicht, Marktwirtschaft? Was machen da paar abgesenkte Bordsteine mehr oder weniger! Nichts.
Roland

Ich glaube nie.
Und wenn, dann nur, was ich will.
Roland

Freiheit ist die Freiheit, etwas nicht zu tun. Und die LOver-Serie "Na dann tu doch mal was anderes! Ha, haha, haha..." bekommt heute wieder eine ihrer unendlichen Fortsetzungen, diesmal von einem Mann, der auch was über Haare schreibt. Ich meine Tanzen. Oder Unterschied?

EVERYBODY'S FREE TO

LÖSUNGEN FÜR ALLES

"Mein/e Freund/in-Therapeut-Anwalt sagt, Du solltest öfter über Lösungen und nicht nur immer über die üblen Seiten des Lebens schreiben." Ja, vielleicht reicht es nicht, meine Meinung zu sagen, meine Visionen aufzuschreiben, ohne dem Leser und der Leserin Anleitungen mitzugeben, was sie damit anfangen sollen. Vielleicht gibt es ja Lösungen, und ich sollte sie kennen.
Also setzte ich mich hin und dachte angestrengt darüber nach. Hier sind sie nun, meine Lösungen für alles. Um es dir leichter zu machen, sogar der Reihe nach durchnumeriert.

0. Ergebe dich deinen Geheimnissen. Ohne ein oder zwei wichtige Geheimnisse wird dir dein Leben mit Sicherheit entgleiten. (Solltest du über vierzig sein und nicht verstehen, wovon ich rede ... dann steckst du in tiefen Schwierigkeiten.)
Eine Denksportaufgabe: Geheimnisse sind keine Lügen - es sind Mysterien, Häfen, Durchgangsstationen. Lügen verderben das Leben, Geheimnisse können Leben retten. Aber manchmal muß man lügen, um ein Geheimnis zu wahren. Mh, ah ...

1. Mach Fehler. Wie sagte es Coleman Hawkins so treffend: "Wenn du keine Fehler machst, versuchst du es nicht wirklich."

2. Hör auf, Lügen über dich selbst zu verbreiten. Dir selber. Deinen Freunden. Deiner Familie. Deinen Geschäftspartnern. Vielleicht sogar deinen Feinden. (Deine Feinde unterdrücken dich genau so arg durch deine Treue zu deinen Lügen, wie durch sonst was.)

3. Hör auf in deinen Führern zu tolerieren, was du nicht mal deinen Freunden durchgehen lassen würdest. Aber ...

4. Toleriere Unsauberkeiten. Purist in irgendeiner Form zu sein bedeutet, sich potentiell zum Versager zu machen. Von anderen Menschen Purheit zu erwarten bedeutet, sie hereinlegen zu wollen.

5. Lies jeden Monat ein Buch. Ein Buch, über das du nicht in einem Magazin oder einer Zeitung gelesen hast. Wühl im Grabbeltisch eines Antiquariats oder eines kleinen Buchladens herum und warte, bis dich ein Buch anmacht "Lies mich!" Lies es.

6. Höre auf Stimmen. Den kaum verständlichen inneren Stimmen. Selbst wenn sie nicht reden, sondern nur wie ein schmutziger Anrufer, kaum hörbar, atmen. Tu was sie dir sagen. Folge ihnen, es sei denn, sie reden von Vergewaltigung, Mord oder Plünderung. (Manchmal machen auch innere Stimmen Fehler. Aber ihre Fehler sind nie langweilig.)

7. Laß Menschen, die darum bitten, in Ruhe gelassen zu werden, wirklich in Ruhe. Wenn sie das ehrlich meinen, brauchen sie ihre Ruhe. Sollten sie es nicht so meinen, versuchen sie, dich zu manipulieren. Dann können sie dir allemal den Buckel runterrutschen. (Beachte: Diese Regel gilt nur für Erwachsene.)

8. Unterwirf dich nicht dem blasierten Fehler, eine negative Stimme sei automatisch schlauer als eine positive.

9. Iß gesunde Nahrungsmittel. Vermeide es, in dieser Frage fanatisch zu sein.

10. Sei niemals ein Fanatiker.

11. Habe nur etwas für körperliche Ertüchtigung übrig, wenn sie dich irgendwo hin führt. Geh zu Fuß, fahr mit dem Fahrrad oder mit Rollschuhen, schwimm. Alle anderen Leibesübungen sind vom Ego und/oder von Angst motiviert. Wenn du dich dem Ego oder der Angst unterwirfst, erstickst du just jene inneren Stimmen, deren Rat du am dringendsten benötigst.

12. Laufe nicht. Ehrlich, laß es. Vor allem Amerikaner lieben es, vor ................ (füll dir diesen Freiraum selber aus) davon zu laufen. Darin sind wir sehr gut. Jeder, der läuft, rennt vor etwas Schlimmen davon. Hör auf, zu laufen oder zu joggen. Finde stattdessen heraus, was dich so antreibt. Erkenne, was du eigentlich hinter dir lassen möchtest.

13. Färbe deine Haare nicht, es sei denn, du bist eine Frau über vierzig und färbst sie in der Farbe, nach der ich versessen bin. Selbst dann, übertünche nicht alle grauen Haare. Grau ist wundervoll. Das gilt insbesondere, wenn du ein Mann bist. Laß Grau grau sein. Bedenke: es wissen sowieso alle Bescheid. Wirklich! Wenn du etwas wegfärben willst, reden sie hinter deinem Rücken abfällig über dich. Nein, ich verarsche dich nicht.

14. Favorisiere die italienische Küche. Die Menschen vom Stiefel wandelten sich von römischen Unterdrückern zu den ineffizienten, wunderbaren Italienern, die sie heute sind. Das liegt höchstwahrscheinlich an ihrem Essen.

15. Diese Lösung ist überholt.

16. Wenn du in einer Stadt wohnst, in der das Auto für dich unersetzbar ist, folge meinem Rat: Lerne fahren! Du meinst wahrscheinlich, du würdest den Stadtverkehr beherrschen, aber meine Erfahrungen verraten mir, daß du es trotzdem nicht richtig machst. Also will ich dir verraten, wie es geht: Fahr auf Abstand und nicht auf Geschwindigkeit. Will sagen, das Sicherste, was du am Auto haben kannst, ist der Freiraum vor deiner Stoßstange. Es bringt dir gar nichts, dauernd die Spur zu wechseln, außer daß es dich altern läßt. Dem durchschnittlichen Verkehr in einer Stadt oder auch auf der Autobahn kannst du kaum mehr als fünf Minuten abluchsen. Und auf die kommt es doch höchstens an, wenn du ein Baby erwartest. Außerdem fühlst du dich an der nächsten Ampel, wenn jene sechs Autos zu dir aufschließen, die du eben kamikazemäßig überholt hast, wie der letzte Depp. Die lachen dich doch aus. Oder sie hassen dich. Das wäre nicht gut für dich. Also fahr auf Abstand und Raum.
Wenn du dich nicht zügig fortbewegst, stimmt etwas nicht. Für abruptes Drehen, Anhalten oder Beschleunigen gibt es keine Entschuldigung. Es schadet dem Wagen, nervt die Beifahrer, verwirrt andere Verkehrsteilnehmer und sieht auch nicht ästhetisch aus. Heb dir solche Aktionen für Notfälle auf.
Neunzig Prozent der Zeit fährst du mit innerem Autopilot, gewohnheitsgemäß, ohne den Verstand zu aktivieren. Finde heraus, was deine schlechte Angewohnheiten sind. Bei Gelb über die Ampel? Nicht blinken? Zu eng auffahren? Es sind die dümmsten Angewohnheiten, die dir die schlimmsten Unfälle einhandeln werden. Also hör sofort damit auf. Halte genügend Abstand. Ende der Durchsage.

17. Tanze. Jesus sagte in einer der gnostischen Schriften: "Jene, die nicht tanzen, wissen nicht, was los ist."

18. Sorge dich nicht wegen deinem Fett. Fett fühlt sich im Bett wundervoll an.

19. Laß außer dir noch ein lebendiges Wesen in deiner Wohnung leben. Rhododendren sind z.B. fantastische Geschöpfe. Sie geben dir viel und erwarten wenig. Sie haben einen betörenden Namen und scheißen nicht auf den Teppich, über den du immer gehst.

20. Schau anderen Menschen in die Augen, wenn sie mit dir reden.

21. Sprich deine Eltern, wenn du sie das nächste Mal siehst, bei ihren Vornamen an. Versuche es einfach. Beobachte ihre Gesichter dabei. Gewöhn' es dir an, sie mindestens jedes zweite Mal mit ihren Vornamen anzusprechen. (Wenn das die Menschen überall auf der Erde machen würden, zögen Nationen in keine Kriege mehr.)

22. Schau, daß in deinem Leben Kerzen leuchten. (Das bietet sich sowieso an, wenn du dich auf Rituale einläßt.)

23. Wie gedrängt dein täglicher Terminplan auch sein mag, gönne dir frühmorgens vor dem Aufstehen noch mindestens fünf Minuten mit deiner Liebe im Bett. Seid zärtlich miteinander. Trinkt z.B. gemeinsam Tee.

24. Sage deiner Mutter, deinem Vater (getrennt), und, wenn du welche hast, deinen Kindern, was du wirklich denkst. Mindestens einmal im Jahr. Täten dies mehr Menschen, würde das mehr Leben retten, als wenn alle besoffenen Autofahrer eingesperrt würden.

25. Weiche nicht den direkten Augen-Blicken Obdachloser aus.

26. Wenn du meinst, daß etwas in deiner Familie, bei deiner Arbeit, in deinem Inneren, in deinem Land schief läuft, bemühe dich darum, daß es sich ändert. Tust du das nicht, ist es völlig gleich, wie braungebrannt du bist.

27. Bezieht sich auf 23. Angenommen, du würdest gerne lieben, weißt aber nicht wen. Ich möchte wetten, daß dies nicht daher rührt, daß du fett, häßlich, verrückt, alt, ein Versager, ein Trunkenbold, ein Dussel oder Trampel bist. Viele fette, häßliche, verrückte, ältere, besoffene und dusselige Versager haben einen liebevollen Partner. Viele einsame Menschen hätten gerne einen Partner wie dich. Von all den vielen einsamen Menschen würden es wahrscheinlich sogar die meisten mit dir versuchen. Also liegt im Herzen deiner Einsamkeit eine Lüge begraben. Eine Partnerschaft würde diese Lüge aufdecken, und dem weichst du aus.

28. Kleb folgende Botschaft an deinen Badezimmerspiegel: "Man kann in anderen nur ertragen, was man in sich selber ertragen kann." (James Baldwin)

29.Arbeit ist ein Sakrament. Verachte niemandens Arbeit.

30. Sprich zu Kindern nicht herablassend.

31. Sei kein Feigling, wenn es um Sex geht. Vorausgesetzt, du bist mit einem Erwachsenen zusammen, der sich freiwillig auf dich eingelassen hat, laß deiner Fantasie freien Lauf. Dies ist ungleich wichtiger, als mit dem Rauchen aufzuhören.

32. Schau dir jeden Monat mindestens einen Schwarzweiß-Film an.

33. Bezugnehmend auf Nr. 6: Befreunde dich mit dem Gedanken, daß es diese ... Stimmen wirklich gibt. Manchmal sprechen sie aus deinem Inneren, manchmal durch Pflanzen, Tiere und Objekte, die dich umgeben. Einige erschallen, wie ich es kurz und bündig nenne, aus der Unendlichkeit. Solltest du ihnen nicht lauschen, so wird dein Leben schwieriger sein, als es sein müßte.

34. Zahl mehr Steuern - und setz dich dafür ein, daß diese Steuern, wie auch die Steuern, die du ohnehin zahlst, ins Ausbildungs- und Schulwesen gehen.
Eine lebendige, wahrhafte und gründliche Ausbildung ist heute der wichtigste Beitrag für eine bessere Umwelt. Wichtiger noch als der saure Regen, die tropischen Regenwälder und das Ozonloch.

35. Das möchte ich etwas ausführen. Recycling und ökologisch-bewußtes Handeln sind geradezu sinnlos, wenn ein Drittel der amerikanischen Oberschüler die Schule abbrechen, die meisten Kinder trotz Schulabschluß nicht lesen können und keinerlei nennenswerte Fähigkeiten erlernen. Wie können diese Menschen einstmals die Erde erben? Werden sie in der Lage sein, diese zu erhalten, selbst wenn wir sie ihnen etwas grüner übergeben? Du willst eine Lösung? Hier hast du die Lösung: geh für eine bessere Ausbildung der Kinder auf die Straße.

36. Bete.

37. Hör auf, von anderen Menschen Lösungen zu erhoffen oder zu erwarten. Du bist die Lösung. Wenn nicht, gibt es keine.

38. Sei dir des Netzwerkes bewußt. Wir leben in einem Netzwerk der Connections und Querverbindungen, ja, wir sind ein Teil davon. Du unterhältst Verbindungen zu dir selbst, deiner Familie, deinen Freunden, dem Ort, an dem du dich aufhältst, mit dem Kollektiv, mit dem Planeten, mit der Unendlichkeit. Jede dieser Vorstellungen hat ihren Sinn. Genauso kraftvoll ist die Verbindung vom Kollektiv zu dir (wenn auch nicht unbedingt so ausgeprägt wie andersherum), zu Gruppen von Freunden, zu sich selber, zum Planeten, zur Unendlichkeit. All diese Ebenen und Beziehungen sind zu einem InterNet versponnen. Alle sind gleich wichtig.

Alle Verbindungsstücke und Knotenpunkte des Netzwerkes (nenne sie ruhig die Akupunktur-Punkte des Universums) nehmen und geben gleichermaßen Energie. Sie verbrauchen Energie, sie erzeugen sie zugleich. Jedes Glied, daß nicht im Einklang mit den anderen schwingt, schwächt alle. (Der Westen konzentrierte sich z.B. zu arg auf das Individuum, der Osten zu arg auf das Kollektiv. Beide Richtungen haben auf das gesamte Netzwerk katastrophale Auswirkungen gehabt.)

Dieses Netzwerk, das sich von dir bis hin zu den Außenposten der Unendlichkeit erstreckt, ist ein lebendiges Ganzes. Es verändert sich unaufhörlich. Für einige dieser Veränderungen braucht es Millionen von Jahren. Andere geschehen augenblicklich.

Mögen die Verbindungen deines Netzwerkes strahlen.

(Michael Ventura, u.a. Kolumnist der L.A Weekly, in "Der Grüne Zweig 178")

LIEBE

Die Liebe ist langmütig, sie ist gütig; die Liebe eifert nicht, die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf, sie tut nichts Unschickliches, sie sucht nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht an; sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber mit der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.
[NT, 1. Korintherbrief]
 
 

Es gibt keinen persönlichen Ansatz zur Wahrheit, genauso wie es keinen für die Entdeckung wissenschaftlicher Fakten geben kann. Es stimmt nicht, daß verschiedene Wege zur Wahrheit führen, daß Wahrheit verschiedene Aspekte hat.
(Krishnamurti)

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