OVER Nr. 26


LOVER Nr. 26

(erschien 05/2000)

Auszüge:

[Völker] - [Spur] - [Ditorial] - [Reactor] - [Manifest] - [Basar] - [Preisausschreiben #10] - [Preisausschreiben #11] - [Preisfrage] - [Preisausschreiben #12] - [Sprüche] - [Interview] - [Schwerer] - [Dichtick] - [Frau Nichtig] - [Predigt] - [GUZ] - [Dury] - [Trance Tanz] - [2 Akkorde pro Stunde] - [Es war einmal... Teil 2] - [Programm LAPSUS LIVE 2000] - [Liebe Leute] - [Es war einmal... Teil 3] - [Elliott] - [Filmzitate] - [FATA MORGANA] - [Liebe] - [Notmangel] - [Notizen] - [Kinder] - [Kriegstagebuch] - [Staat] - [Heimatkunde] - [Struwelsand] - [Hesse] - [Ciao] - [Lehmbau]

LOver 26

Völker, stört die Fanale!

Ich will nicht zu lange rumjammern, war gerade auf dem Umweltamt, Anzeige gegen unbekannt, sie haben's dann "sofort unterbunden", und jeder weiß ja, wer's war, die "Straßenunterhaltung"sfirmen haben die Lizenz zum Töten und erweisen sich derer würdig Tag und Nacht, wieder paar Kilometer Hecke weg hier. Dazu das endlose "Wertholz"-Massaker im Nachbarwald, das Ausrotten der "DDR-Hybrid-Pappeln" allerorten, und nun drehte auch noch der Förster des Lötzer Stattwalds durch und bringt den Drosedower Forst auf Westniveau: Waldränder auslichten, Waldwege kriegen das Profil von Bundesstraßen, alle alten, sich hervorhebenden Bäume werden rausgesägt, nicht gerade genug, zuviel Schatten, stand ja lange genug - nun kann auch ein kanadabewährtes, 16-achsiges Rückefahrzeug um jeden Baum rumheizen. Kurz und schmerzvoll.

So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen sterben.

Also los. Der I.G.E.L. e.V. (Getriebesand 19, 17121 Zarnekla), wir werden wieder aktiver, wollen uns nicht nur auf den grundeigenen Bereich beschränken und "Ausgleichmaßnahmen" auch ringsumher fußfassen lassen. D.h. FREIKAUF: der Verein strebt an, in der Umgebung weitere Grundstücke zu erwerben, dazu gehören Waldstücke, der Park in Drosedow, Wegstücke. Einmal um zumindest deren restlose Verwertung einzudämmen und natürlicher, störungsarmer Entwicklung wieder Raum zu geben, zum anderen um "bereinigten" Straßen- und Wegrändern wieder Leben einzuhauchen, wozu wir auch ohne eventuellen Grunderwerb in Absprache mit den Eigentümern professionelle (große Setzlinge, Wildschutzspiralen, Stützstangen...) BRUDER-BAUM-Pflanzungen machen werden. In Drosedow ginge es schlicht um den Schutz alter, eigentümlicher Bäume, von denen es weiß Gott immer weniger gibt. (Eine staatliche Unterschutzstellung bewirkt in ihrer Erhaltungs- und Wiederherstellungsgründlichkeit ja oft genug gerade die Zerstörung der "wildgewachsenen" Bäume.)
Dazu (und auch weiterhin für die weitere Belebung des jetzigen Vereinslandes) braucht der Verein Spenden. Um die wir hiermit bitten. Da der Verein kein eigenes Konto mehr hat, ist dafür mein Konto offen, einmal unter dem Verwendungszweck "IGEL-FREIKAUF", dann unter "IGEL-BRUDER-BAUM" (bitte vermerken!). Das Geld wird dann in zwei Töpfe kommen, die ausschließlich den o.g. Zwecken dienen. (Mir kam nach dem Er"leben" des ersten Absatzes der Gedanke: Bäume statt Plastik: Wer mir zukünftig aus irgendwelchen Anlässen etwas schenken möchte, CD's, Bücher oder ähnliche Konsumprodukte, kann das ja auch sein lassen und mich mit entsprechendem Moos für Bäume glücklich machen.)
Der Verein ist gemeinnützig, wir können Spendenbescheinigungen ausstellen.
Zum Mitschreiben:

Konto 1310095325,
Inhaber: Roland Gorsleben,
bei der KSK Demmin, BLZ 15050300.

Wer kein Geld hat, kann den Verein natürlich gern in Echtzeit mit Hand und Herz unterstützen. U.a. sollen paar hundert Meter Benjeshecken entstehen u.v.m. das ganze Jahr über.

Diesbezüglich noch neue Nachrichten vom I.G.E.L.: wir sind jetzt anerkannte FÖJ-Stelle. Und in den ersten 3 Augustwochen haben  wir ein internationales Lager für Arbeit und Erholung in Zarnekla (Ausrichterin: Vereinigung Junger Freiwilliger). Wir erwarten dann 12 bis 15 junge Leute zwischen 16 und 25 Jahre alt aus Island, Liechtenstein, Moldawien und Bayern oder so. Und suchen dafür noch einen "Teamer" ("Schieber").
Roland

Für die Linke Spur zu langsam

Tom Liwa
vom Album 'St. Amour' [April 2000]

"Für die linke Spur zu langsam", ein Song aus Melancholie, Melodie und Motorenrauschen, wird als Radio-Single ausgekoppelt. Und wenn es auf den Straßen dieser Welt mit rechten Dingen zugeht, dürfte Liwa an dem üblichen Mittelklasse-Deutschrock auf der Überholspur vorbeiziehen - u. a. auf seiner ausgedehnten Solo-Tournee zum neuen Album im April und Mai 2000 (18.5. Dresden Bärenzwinger, weitere Termine: www.spontan.de/moll).
Dr. Carl Hegemann, Dramaturg und philosophisches Mastermind der Volksbühne/Berlin

Für die linke Spur zu langsam

Seit Jahren sitzt du und feilst an
Deinem Geschenk für die Welt
Es kommt nur noch auf Details an
Irgendwas, damit es dir gefällt
Noch großartiger werden
Du hast noch nicht alles versucht
Bist längst besser als die andern
Ja, und noch lang nicht gut genug

Für die linke Spur zu langsam
Für die rechte Spur zu schnell
Jahrelang an den immer gleichen
Leitplanken, Schildern und Zeichen

Und die Frau, die ihr Leben
Mit dir teilt und dich liebt
Manchmal ist sie dir peinlich
Und dann denkst du, es gibt
Eine bessere Liebe für dich
Und dann fühlst du dich schlecht
Und hoffst, daß sie es nicht merken wird,
Doch klar, sie merkt es erst recht

Für die linke Spur zu langsam
Für die rechte Spur zu schnell
Entlang an immer gleichen
Leitplanken, Schildern und Zeichen

Und dann fahr ich ans Meer raus
So wie ich's immer mach'
Wenn ich allem entflieh'n will,
Das ich nicht mehr ertrag'
Und park' den Bus in den Dünen
und setz' mich irgendwo hin
Seh' raus aufs Wasser und warte
Bis ich jemand anders bin

Für die linke Spur zu langsam
Für die rechte Spur zu schnell
Entlang an immer den gleichen
Leitplanken, Schildern und Zeichen

Für die linke Spur zu langsam
Für die rechte Spur zu schnell
Und der Mittelstreifen
wird niemals für uns beide reichen

(Im LOver 26 steht statt "Leitplanken, Schildern und Zeichen" "Leitplankenschlitterzeichen" - so hatte ich es von der Promo-CD des Rolling Stone 'abgehört'. Im Konzert hörte ich dann den 'richtigen' Text. Meine Variante finde ich eigentlich besser...)

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Es ist doch schön, vom Leben gestreichelt zu werden, oder? Die ganzen Nächte und alle Tage lang singt der Sprosser. Und nicht allein. Und wir bekommen ein Kind! Nathalie ist schwanger und Weihnachten werden wir wohl ein Strohlager in der Küche aufschütten, eins unserer Schafe dazustellen...
Ich berühre also nicht mehr so oft wie gewohnt den Powerknopf am Schätzer, sondern eher Nathalies Bauch. Die LOverei wird Euch also hinkünftig nicht mehr so häufig mit einem Heftchen beglücken. Auch diese Nummer war ja für den Tag der Befreiung angekündigt und wird vor LAPSUS live auch die letzte bleiben. Doch die Qualität wird natürlich gehalten. Von Dirk schlummert schon die Fortsetzung seines Wilber-Beitrags auf der HD, Achim ließ sich auch was Gutes einfallen und schickte fertig layoutete Seiten. Und er bedauerte nach Ostern per Telefon, daß er nicht zu größerem Handanlegen bei dringend notwendigen Arbeiten hier in Zarnekla kam... Das ist tröstend. Und ermutigend und richtig gut war das Anpacken von Dirk, Sigrid und NIna. Und gerade, weil Dirk und Sigrid gar nicht Fingsten hier sein werden ganz großen Dank nochmal! Es ist für mich manchmal nicht so prickelnd, nur mit Tischdecken beschäftigt zu sein. Und es ist auch Unsinn zu denken, LAPSUS live ließe sich zum größten Teil aus dem Nichts improvisieren. Kommt Tat, kommt Zeit. Kommt LOver.
Roland

Re ¤ act ¤ or

Hallo Roland,
wie immer herzlichen Dank für die Lieferung des Lovers, der von mir wie stets aufmerksam studiert wurde. Auch wenn ja  mein Name nicht drunter stand, möchte ich noch mal ausdrücklich darauf hinweisen, daß ich aus Privatbriefen oder persönlichen Gesprächen nicht zitiert werden will, denn das dort Geäußerte ist nicht für den Lover gedacht. Ich denke, daß bisher immer eindeutig zu erkennen war, was ich dort von mir zu lesen wünsche (z.B. diesen Brief)!
Eigentlich schade, daß man nun erst im nächsten Lover erfahren wird, wer die Texte geschrieben hat, die man nicht zuordnen kann. Außerdem litten Aussage und Witzigkeit ein bißchen unter der Nummer mit den Nummern.
Ich hab' nichts dagegen, daß nur noch selbstverfaßte Texte ins Internet gestellt werden, zitieren ist ja erlaubt und alles andere im Heft nachlesbar. Das Internet interessiert mich sowieso nur am Rande - beim geistigen Aufstieg kann es nicht helfen, und der Zuwachs an breitem Wissen hat nur einen relativen, niemals einen absoluten Wert - meine Meinung dazu.
Lustig fand ich die verschiedenen Dylan-Verballhornungen, aber es ist vielleicht noch lustiger, wie ernsthaft da einige ihre Schularbeiten gemacht haben (mit welchen tollen Preisen wurde da gelockt?!).
Und danke für das absolut stimmige Bild zur Odyssee.
Regina (Reaction auf Lover 24)

Das Veröffentlichen privater Äußerungen wird grundsätzlich nicht mehr im LOver vorkommen. Vom prickelnden Klatsch bleiben die Nichtanwesenden also hinkünftig  ausgeschlossen...

Hallo Roland,
hier ist Tom aus Berlin. Ersteinmal vielen Dank für den neuen Lapsus-Lover!!! Ich kaufe mir keine Zeitschriften mehr. Ich halte sehr viel davon, sich so schnell wie möglich von diesem System abzuseilen. Der Kapitalismus wehrt sich wie ein wildes Tier, weil er am Ende ist!!! Und zwar bald!!! Endgültig.
Grüße an Deine Familie und ich Dich von mir, auf später - Euer Thomas

Hallo Roland,
nun habe ich lange diesen Brief vor mir hergeschoben. Mit ein Grund ist vermutlich die mir wenig vertraute Art, daß von Briefen direkt an Dich dann einiges auszugsweise abgedruckt wird.
Ich bedaure, daß Du Deinen Lapsus-Gästen bezüglich der "Wahrnehmungsreise" so wenig Ernsthaftigkeit zutraust und sie eher albern siehst. Ich entnehme dem, daß Du selbst das Ganze weniger willst. Sollte dem anders sein und Du selbst bist an den Auswirkungen der Wahrnehmungsreise für Dein "Revier" interessiert, dann informiere die Lapsoten von meinem Angebot, um dann anhand der Resonanz zu merken, was wirklich gewollt wird.
Ich danke Dir für die regelmäßige Zusendung all der Lover, bin immer wieder sehr beeindruckt und angeregt von dem, was da entsteht und wie Du es zusammenstellst. Zugleich verspüre ich das starke Bedürfnis zu Richtigstellung und Äußerungen bezüglich einiger Lover, in denen Nina ein wenig über mich äußerte als auch allgemein ich erwähnt wurde als der Störenfried der Lesung von Ginger.
Daß ich mich bei allem Anziehenden auch abgestoßen fühlte beim Lapsus-Treffen hab ich am letzten Abend wohl weithin hörbar geäußert. Die, wie ich es empfand, extremen Schwankungen zwischen herzlicher Wärme und kalter Abweisung haben mich sehr irritiert und beschäftigt und z.T. immer noch.. Was ich sah in Zarnekla, strahlte Wärme aus, das Haus mit Lehm, Räume mit Holz, Natur belassen, Gerüste zum Spielen. Und mir war kalt an den Abenden, ich war irritiert über soviel äußere Bilder, überlaute Töne dazu, fühlte mich davon erschlagen, mochte mich zurückziehen, schützen davor und doch zusammensein, mit denen ich zugleich Theater, Feuertanz, Fußball u.a. geteilt hatte.
Karsten, ein gemeinsamer Freund von Nina und mir, hatte von Nina auch den Hinweis, nach Zarnekla zu kommen. Ich gab ihm zur Information ein Lapsus-Heft. Daraufhin meinte er, "die sind ja da alle so sehr im Außen, die im Außen sind die Bösen und die Verantwortlichen, viel zu wenig werden die eigenen Verantwortlichkeiten und Anteile benannt", und daß er darauf wenig Bock habe. Ich hab das damals etwas bagatellisiert und gesagt, dann sei doch möglich und wichtig, die eigene Haltung umsomehr einzubringen. Ich habe das getan so weit ich konnte, besonders zum Thema Krieg meinen eigenen kriegerischen und faschistoiden Anteil benannt. Alles andere ist m.E. mehr vom Gleichen.
Jetzt gestehe ich mir ein, daß ich mich überfordert, mir eher schlecht getan habe und bestätige Karstens Einschätzung mehr als zuvor.
Daß ich hunderte Kilometer fahre zu einem Pfingstbeisammenseinangebot und "gern gesehen?" bin, solange ich mitspiel, wenn ich jedoch Schwierigkeiten habe, dann kann ich mich besser verpissen ("Wer nicht mehr kann, kann ja gehen." Zitat Nina, Lover 21), tat mir tierisch weh, dies als Grundhaltung hab ich wenig vermutet, gerade angesichts des zuvor mir sehr sensibel scheinenden und intensiven Zusammenspiels vieler, seis beim Theater, am Feuer oder beim Küchenmanagement. Sicher ist dies sehr stark mit von Dir als Gastgeber geprägt, meine Enttäuschung bezieht sich demzufolge auch auf Dich. [Das Küchenmanagement ist schon immer von mir geprägt, aber - um das mal klar zu stellen -  im Manifest Nr. 4, S. 251 habe ich beilaibe nur geschrieben "Wem schlecht ist, der soll sich nicht so bei mir stellen." Alles andere stammt maleider von Nina!]
Ich laß mir gerad nochmal die Absurdität auf der Zunge zergehen: "Wer nicht mehr kann, kann ja gehen", heißt auch, wer am Ende ist kann sich doch alleine helfen. Das find ich als Haltung hammerhart bei Menschen, die für einen bestimmten Zeitraum Gemeinschaft wollen, dies zumindest so erklären und auch vermuten lassen ["VerMutungen", Lover 4, von Vchim].
Während Gingers Vortrag waren die Kinder glückselig am Feuer spielend, Katrins Mann und ich bei ihnen. Als die wohl letzte Diareise begann, wollte er die gern sehen. Die Kinder allein am Feuer am Feuer lassen ging schlecht, ich mochte, egal wie wenig der Vortrag und Lautstärke mir zusagten, dennoch gerne mit allen zusammensein. Also Feuer löschen, obwohl die Kinder es viel lieber wollten, Milan verbrannte sich und schrie verständlicherweise. Als er dann im tierisch lauten Vortragsraum war tat mir echt leid, daß ich so zerrissen war und gern mit allen zusammensein wollte, statt daß ich allein mit den Kids am Feuer geblieben wäre. Als ich Milan anbot, mit ihm wieder rauszugehen, war er eher verstört und wollte nur noch die "Mama" - dies hat Nina fehlinterpretiert derart, daß er lieber den Vortrag sehen wollte. Er brauchte halt Nina, bei der Alternative mit anderen am Feuer zu sein bin ich mir sicher, daß er das wählt, nur interessierte das gerade niemanden. Wohin sollte ich eigentlich gehen, in den Wald?, 300 km nach Berlin?, in dieser Hilflosigkeit habe ich mich gefühlt, ich hab geschrien vor Schmerz und getrommelt.
Wenn "Der kleine Löwe" brüllt ist das ja noch ganz süß irgendwie (also im Ernst, von der Geschichte war ich total berührt), wenn dann jemand real rumbrüllt guckt die Regina mal kurz raus: "ach der", wahrscheinlich spinnt er, nervt auf jeden Fall, soll uns mal nicht stören in unserem Fahrplan und weiter gehts.
Vieles resultierte aus meinem "noch was mitmachen wollen", weil die richtige Konsequenz, zu gehen, wie Nina richtig empfahl, mir so kaum realisierbar erschien. Diese Not, in die ich begab, und meine geringe Kraft und Möglichkeit, wirklich zu gehen, tat mir am meisten weh.
Die Therapieablehnung verwundert mich etwas, heißt dies doch schlicht und ergreifend "bewußte Veränderung", etwas also, was ich schon als Dein Anliegen annahm. Glücklicherweise hab ich gute Erfahrungen mit der Maaz-Gruppentherapie gemacht. Kürzlich fand ich einen Text von Dir am Anfang einer "ICH"-Zeitung. "Eisenhans empfinde ich als ein sehr wertvolles Buch.
Angesichts einer Gemeinschaft auf so engem Raum war mir letztlich Deine und Nathalies Präsenz als die eigentlichen Gastgeber [Also nochmal: ich bin lediglich der Gasgeber!] manchmal zu wenig. So wichtig sicher auch die Vorbereitung für vieles war, empfand ich doch Euer Dabeisein bei dem "Eigentlichen", den verschiedenen Runden als sehr wertvoll.
Rainer, Freier Künstler u. Architekt

Lieber Roland, liebe Nathalie,
ich fange an aufzupassen, dass ich keine Lover mehr verschenke, irgendwo liegenlasse: der Sammeltrieb drückt durch.
In NB entsteht ein Zeitungsprojekt, etwas größer als Lover: die ZYPRESSE. Ihr seid herzlich eingeladen zu Austausch und Vernetzung.
Liebe Grüße von Lutz
Mut lohnt sich eben immer.

Lieber Roland,
Ich bin nicht der Ansicht von Krihnamurti: "Es stimmt nicht, daß verschiedene Wege zur Wahrheit führen, ...". Nach meiner Ansicht gibt es soviel verschiedene Wege zur Wahrheit wie es Menschen gibt. Kein Mensch kann sich in dieser Hinsicht aus der Verantwortung stehlen und die Suche anderen überlassen. Und selbst die Wahrheit, die dynamisch ewige, ist wie jede menschliche Persönlichkeit immer wieder neu und unverwechselbar und dennoch gleichermaßen von Freiheit, von geistiger Freiheit erfüllt.
Dirk

Und ein weiterer Nachtrag zum LOver 25, zu Seite 41 hatte Dirk noch einen Einführungstext geschrieben:

Egal wat - dau wat!

Hallo Roland,
so geht es nicht (siehe den Beitrag LL 24 - Bewerbung auf S. 24)! Bei einem Jugendlichen mag es ja noch verständlich sein, wenn er sich an die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht 100 %ig anpassen will. Aber so allmählich müßte man sich doch dem Ernst des Lebens stellen. Dazu gehört eben vor allem eine solide berufliche Laufbahn. Davor darf sich niemand drücken, sonst zahlen wir alle drauf! Mit der nachfolgenden Bewerbung möchte ich in diesem Sinne ein positives Zeichen setzen, getreu meinem neuen Lebensmotto: Egal wat - dau wat!

P.S.: Für die Erstellung dieser Bewerbung bin ich dem Trainingscenter des Arbeitsamtes zu tausend Dank verpflichtet!

NINA-NOTIZEN ZUM LAPSUS LOVER 25:

- zum Lover-Interview:

Viel zu selten reden wir über die Verwes(sig)ung des Ostens, wo die Sonne aufgeht. Noch immer ist es mir wichtig beim Kennen Lernen, ob du Ossi- oder Wessibiest. Die Überntischziehung ist noch nicht vorbei.
Notschlachtungen von "Bravland" sind All täglich.
Neulich wurde mir wieder vor der Nase ein Wildwuchs gekillt:
Ein ehemaliges Schulgartengelände. Inmitten wilder Rasen & rasendes Wild (vornehmlich Hunde + Besitzer). Hinten alte Baracken zum Stöbern & Erinnern (alte Schultische & -stühle von damals, viereckige Quarkbecher, Garderobenleisten usw.). Ringsrum garniert mit Apfelbäumen, Birnbäumen, Pflaume, Pfirsich - alles da. Vorne wildduftende rosa Hecken- und Hundsrosen. Und ein riesiger Korkenzieherweidenbusch. Ich war da oft mit Milan schnuppern, ernten & Lust wandeln. Hab mit Freunden Schneebälle an ein Fenster der Hausfront hoch oben geworfen. Hab alle Freunde & Lover dahin entführt, um ihnen diese verträumte wilde Ecke zu zeigen: eine Perle im wüsten Friedelhain.
Und dann der Schock: Von heut auf morgen Bagger, Riesenkräne, Laster, nur noch ein Riesenloch - ich hab geheult wie ein Schloßhund, konnt mich kaum noch aufrecht halten!! Als ob mir ein Stück Fleisch herausgerissen würde, so fühlte sich das an. Ich war traurig, daß ich da nicht fotografiert hatte. Ein Bekannter erzählte mir, daß die Bäume 5 Uhr morgens herausgerissen wurden...
Bald gibt es da ein superwichtiges Sport- und Bowlingcenter. Fitness around the world!
So geht das Stadt-Land-Spiel also für mich weiter. Kommunegucken, Landurlaub so oft wie möglich. Je attraktiver Berlin wird, desto unl(i)ebenswerter wirds hier für mich! Soweit die Jammertiraden. Ich weiß ja: "Wie außen, so innen. Wie oben, so unten." Auch ich mache öfter Kahlschlagpolitik mit mir. Aber ich werde immer achtsamer & aufmerksamer - und siehe da, die Samen wachsen!!

- zu Hermann Hesses Bäumen:

Mein Leben als Stadtindianerin.
Ich sehe in jedem Baum Wesen, Gestalten.
Gehe vorüber & sehe:
Eine stolze Frau mit erhobenen Armen.
Ein schöner Männerarsch.
Baummösen ohne Ende in der Rinde.
Schenkel, die himmelwärts wachsen.
Tierdämonen. Brüste. Schöne & verzerrte & häßliche & traurige Gesichter.
Alle möglichen Haltungen: kerzengerade, vornübergebeugt, gebogen, spiralig, krutzlig, schief, Arme nach oben unten sonstwohin.
Oft ahme ich die Haltungen der Bäume nach. Das macht Spaß und macht mich fröhlich.
Ich sehe schwinge schweige. Und danke. Andächtig.

- zum Zeitalter der Dämmerung:

Ich werd traurig, wenn ich das alles so lese. Wann war ich "jugendlich"? Wann hab ich aufbegehrt? Ich bin allzu lange brav geblieben. In der Lehrzeit hab ich nach dem Wochenende zuhause geheult, wenn ich wieder ins Internat fahren mußte, statt mich zu freuen, frei zu sein & von den Alten wegzukommen (im Internat gings ja auch sehr repressiv zu - man mußte Angst haben, nach 10 abends noch im Jungszimmer zu sein - unter der Bettdecke verstecken war Usus!).
Ich wollte nie erwachsen werden, ich wollte Kind bleiben. Aber die Autoritätshörigkeit steckt mir bis heute noch in den Knochen. Oft merke ichs nicht mal oder erst hinterher am ohnmächtigen Wutzittern oder verzweifelt-gedemütigtem Weinen, was man(n) mir angetan hat.
Erst durchs Rumtrampen, so ab '81, begann ich aufzuwachen. So richtig aufmüpfig wurde ich aber erst '88, als ich lieber verrückt als vernünftig werden wollte. Meine gigantischen Ausbrüche waren tierischer Natur. Der mißglückte jahrzehntelange Dressurakt forderte seinen Tribut. Leider endete mein Aufbegehren in der Klapper, an allen 4 Gliedmaßen "fixiert", d.h. mit Lederriemen festgeschnallt & 4x täglich "Beruhigungs"-Spritzen. Isoliert im Einzelzimmer, damit ich "zur Ruhe komme". Ruhigstellung? Folter wäre das richtige Wort. Fastmord!!
Für Jahre war ich dann ruhig, verstummt, abgestumpft. Als lebende Tote mit dem Gedächtnis, daß ich mal springlebendig war, aber ohne Hoffnung, daß ich irgendwann wieder aufleben würde.
Jahre, in denen ich immer wieder aufblühte & verlorenging. Milan kam und wieder der Wahn: diese Ver-antwort-ung wollte ich nicht. Selbstschuld. Das ging bis '95 so, dann klappte der Hebel um. Ich wurde wieder lebendig. Und bin am Aufwachen. Das ist ein Prozeß, nicht mehr aufzuhalten. Das Leben atmet mich - ich atme Leben! Aber die Jugend? Die ist vorbei, nichts mehr nachzuholen. Viel zu brav, die ich war. Sinnlos, mich dagegen zu wehren, zu verwahren. Jetzt bin ich mitten im (V)erwachsensein und verantworte mich selber. Keiner, dem ich mehr die Schuld in die Schuhe schieben kann. Ich lerne zu antworten und Fragen zu stellen. Lerne zu bitten, meine Wünsche zu benennen, die Fallen zu erkennen, in die ich immer wieder tappe. Und mich Stück für Stück aus dem Fallen zu lösen.
Ich komme mir heute oft freakiger & jünger vor als noch vor Jahren. Was hole ich da eigentlich nach? Und geht das noch...?
Nina

Hallo Roland!
Der Reaktorunfall von Tschernobyl ('schwarz war's'?) jährte sich vor ein paar Tagen zum 14. Mal. Auch das fällt einem bei Re*act*or ein. Und es ist ein sehr unangenehmes Gefühl, wenn man vom geschäftigen Gefeilsche mit der Ukraine hört: kein Abschalten der restlichen Blöcke - dann kein Geld aus gemeinschaftlichen Europa-Töpfen für die Sicherung des Sarkophags. Soll'n die osteuropäischen Ukrainer doch ihre Schwarzerde draufkippen... Heller Wahnsinn selbst für Schwarzseher.
Heftig kommen anscheinend einige Autoren ob der kurzen Erscheinungsintervalle des LOvers in Bedrängnis. Was das Inhaltsverzeichnis schon befürchten ließ, war tatsächlich passiert: auch Frau Meyer hatte den Redaktionsschluß verpaßt. Noch eine Katastrophe in dem langen Reigen ihrer Schicksalsschläge. Aber das Heft hier wird doch wohl wieder die Neugier aller ?-Fans stillen.
Neben manchem anderen habe ich diesmal nicht verstanden, warum die Lösungen zu Preisausschreiben #10 'von 3en' kamen und doch bloß 2 gelistet waren. Gut verständlich dagegen die Rede von Bahro anno 1988. Erhellend die Grinsefratzen zum von Eckart Spoo abgewickelten Jahrhundert. Und bei Michael Venturas Seiten zum Heranwachsen (woran?) dämmerte es sicher nicht nur mir an mancher Stelle. Danke fürs Raussuchen. Tolles Heft.
Zu Ostern übergab mir Roland die Originale der in Zarnekla gezeugten Hefte, so daß sich die Bildchen auf den LOver-Internetseiten demnächst deutlich verschärfen und verbuntern werden. Ostern war der Zarenhof ja von einigen Lapsusen besucht worden. Statt schwerer Feldarbeit stand diesmal eher Tischtennis auf dem Programm. Und ein erstklassiges Lapsus-Wetter. Fast schon zu gut, um im Sonnenraum auszuharren, was ja diesmal auch nicht sein mußte. Rolands 'Der Mensch das Schwein' gab es in der Küche.
Gute Tage bis zum Fest. Keep On Rockin'.
Achim

Hallo Roland!
Klasse, daß ich immer noch den Lover kriege, aufrüttelnd, fragenschaffend, auch wenn ich mich etwas draußen fühle neben insidern. Es drängt mich, mal wieder dabeizusein, wenn ich das bloß im rechten Moment stark genug spüre. So long, Du Buchstabenartist und so anderer Dinge, sei gegrüßt von Eberhard

... Und guter Hoffnung bin ich nicht nur, was dieses Jahr Lapsus betrifft: da hat sich ein kleines Leben in mir verwurzelt - gerade recht zum Frühlingsanfang, wo alles keimt und sprießt. Eingeladen von Rolands und meiner Liebe, und nun bin ich schon voll Erwartung, es kennenzulernen, das kleine Wesen, das es sich vertrauensvoll in meinem Bauch gutgehen läßt und da in unglaublicher Geschwindigkeit sein kleines Körperchen entfaltet.
Sein kleines Herz pocht seit Wochen unter meinem und mein Körper meldet es jeden Tag wie aufs Neue erstaunt mit andauernder Übelkeit. Sonst ist noch nichts zu spüren, aber ich trag es behutsam und überlaß meinen Körper der Natur, sehe zu, wie er seiner Aufgabe nachkommt - manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren - der gehört nicht mehr mir, aber da meldet sich eine ungekannte Sanftheit: plötzlich lerne ich zu teilen.
Und irgendwann zur Wintersonnenwende, in den Rauhnächten, zur Zeit der Dunkelheit und Wiedergeburt des Lichts, da werde ich mich ganz loslassen müssen. Da wird etwas von mir sterben, damit auch ich mit diesem neuen Wesen zusammen wiedergeboren werden kann.
Ja, und ich leugne auch nicht meine Angst - erwachsen aus unzähligen Mondstunden Schmerz. Dieser wird der größte sein. Aber umso größer ist dann auch die Freude: diesmal ist es nicht umsonst: diesmal drängt mit dieser Macht ein kleines Wesen ans Licht: mein Kind. Und nichts wird mehr wie vorher sein.
Und weil ich nun höchstwahrscheinlich die Übelkeit und andere Anzeichen dieser Gewöhnungsphase meines Körpers noch bis Lapsus akzeptieren muß, die mir nicht viele tatkräftige Stunden zum Sensen und anderen Vorbereitungen lassen, und was mich auch sehr nach innen kehrt - seid Ihr dieses Mal besonders herzlich eingeladen, mal für ein paar Tage oder ein Wochenende vorbeizukommen, zum Vorlapsen, Mitstaunen oder einfach nur zur Unterstützung von Roland, der nun doppelte Alltagsarbeit leistet, an Lover, Lapsus, eigenen Beiträgen, Garten gleichzeitig arbeitet, dabei noch fröhlich mit den Kindern ist und mich befürsorgt und Zeit findet, mit einer Hand auf meinem Bauch und einer auf meinem Herzen mir stundenlang zuzuhören, mich zu streicheln, für mich Gitarre zu spielen.
Es ist einfach schön hier, die Wärme, das Duften und Leuchten unzähliger Blüten im Garten, der wuchert und grünt und wächst, wo wie durch ein Wunder die Blumen sich ablösen mit Duft und Farben, daß man sich kaum sattsehen kann, und nachts singt der Sprosser ganz nah am Haus, die Frösche quaken noch, und morgens ist die Luft übervoll von Vogelstimmen, die das morgenglühende Licht auf den Kastanienblütenkerzen feiern.
Nathalie

Manifest

Je


UNWIRTLICHER DIE WELT WIRD
desto virtueller wird sie.
Und je virtueller die Welt wird
desto unwirklicher wird sie!

Pina Sommergrün, 22.4.00

...Und
japsend rennt der Mann hinter dem abfahrenden Zug her. Wie der sich fühlt, wenn ...
"Schluß, aus, vorbei! Ich laß den Zug sausen, und dann schnauf ich mich aus. Und wie der Zug immer kleiner wird, so schwindet auch mein Gefühl, nicht genug zu sein. Tschüß Mama, tschüß Papa, tschüß Tarzan! Fahrt schön, wohin auch immer ihr wollt, ich schau mir derweil den Frühling an! Und sitz am Kirchplatz im Café und guck zufrieden den Frauen nach. Kein Bock mehr, König von Deutschland zu werden! Gar nichts muß aus mir werden, ich bin mir genug! Ich brauch nicht zu rennen, ich kann zu mir stehen! Und wenn du mich fragst, ob ich nun bequem werden will, dann sag ich dir eines: Aber sicher, mein Freund! Mich treibt nichts und niemand mehr, ein toller Mann zu werden. Aber keine Sorge, so stark und lebendig, wie gerade jetzt, habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt!"
(aus Schnack, Neutzling: "Die Prinzenrolle")

Basar

Wer ihn mal braucht: wir haben jetzt in Zarnekla einen Kleinbus, . 10 l Diesel Verbrauch, 1,2 t erlaubte Zuladung, Hängerkupplung, 6 Sitze, LKW-Zulassung.
Und einen Tandem-Anhänger mit erlaubten 1,3 t Zuladung, Spriegel, Plane.

Kaufen: ISBN 3-934391-03-6.

In der Nacht vom 31.5. zum 1.6. öffnen sich alle Kanäle und Frequenzen des Weltalls für die Infos unseres Sonnensystems. Vergeßt mir in Euren frohen Botschaften vom diesseitigen jenes Lebens nicht die Kunde von LAPSUS live...

Preisausschreiben #10

Wer zu spät kommt, den bestrafen die Preise... Oder?
Nachgereicht aus dem Innerzörkel von Kucki und Mucki und Zecki, deswegen wahrscheinlich so nah am wahren Nackedei:

Auflösung Preisrätsel 10 von Dirk:

Eckart: 1
Regina: 5,18,15
Ginger: 2,3,16
Roland: 9,21,10
Achim: 12,25,23,13,11
Nina: 22,11
Nathalie: 8,19,20,24
Mucki: 6  Ecki: 14  Lucki: 7  Kucki: 14,17,4
Ach Gott, hab' ich denn selber gar nichts geschrieben? Na beim nächsten Mal!

Und auch Regina kam noch ins Grübeln:

Doch hier nun (nachdem Du ja persönlich bei uns dafür geworben hast) die (teilweise) Auflösung des Preisrätsels:
Ginger: 5,18,15;
Roland: 12,25,23,13,11(?);
Nina: 8,19,20,24,;
Achim: 9,21,10(?);
Nathalie: 22,11(?);
Dirk: 14,17,4;
Anni: 1;
Kathrin G. (??),
auf jeden Fall weiblich: 6,7, zweite 14;
ich selber: 2,3,16

Was blieb mir übrig, als dafür je 44 Punkte zu vergeben, eine knappe 1 minus? Natürlich nur noch die Vergabe in der etwas besser gestellten Preisklasse. Klasse! Aber Lob von Achim? 42?
Roland

Preisausschreiben #11

Das war das Märchenrätsel für LAPSUS-Liliputaner von Achim. Und tatsächlich wird es wohl eine Preisverleihung geben:

Julias Lösungen:
1. Die Bremer Stadtmusikanten
2. Dornröschen
3. Schneewittchen und die 7 Zwerge
4. Hans im Glück
5. Frau Holle
6. Das Rumpelstilzchen
7. Der Wolf und die 7 Geißlein
8. Aschenputtel
Z. Man gehe Richtung nordost, dann schräg und um die Ecke links. So kann man es nicht verfehlen.

Und Ninas Lösungen:
1. Die Bremer Stadtmusikanten
2. Dornröschen
3. Schneewittchen
4. Hans im Glück
5. Frau Holle
6. Rumpelstilzchen
7. Der Wolf & die sieben Geislein
8. Aschenputtel
Z. Hinter den sieben Bergen

Hier die rechte Auflösung:
1. Die Bremer Stadtmusikanten (Beatquartett schlägt Gangster in die Flucht)
2. Dornröschen (Handverletzung führt zu Massenepedemie)
3. Schneewittchen (Adlige lebt mit Bergarbeitern in der Kommune)
4. Hans im Glück (Gammler verschleudert Eigentum)
5. Frau Holle (Bezahlung von Hausangestellten nach Leistung)
6. Rumpelstilzchen (Hässlicher Kidnapper zerfleischt sich selbst)
7. Der Wolf und die sieben Geißlein (Operation rettet bedrohte Herde)
8. Aschenputtel (Federvieh ermöglicht Partybesuch)
Z: Märchenland (Wo liegt Liliput?)

Und an der Stelle die Erinnerung:

You Can't Always Get What You Want

Zuschriften zu Preisausschreiben zum Beispiel. You Were Right von Build To Spill lieferte den Stoff für eine Preisfrage im LOver 25. Gefragt war nach Stück und Gruppe einiger in den Text eingeflochtener Zitate. Immerhin hat sich wenigstens der Preisträger an der Lösung versucht. Hier die komplette Lösung:

that all, that glitters, isn't gold - Led Zeppelin: Stairway To Heaven
all we are is dust in the wind - Kansas: Dust In The Wind
we are all just bricks in the wall - Pink Floyd: Another Brick In The Wall
manic depression is a frustrated mess - Jimi Hendrix: Manic Depression (Zusatzpunkt!)

you can't always get, what you want - Rolling Stones: You Can't Always Get What You Want
it's a hard rain's gonna fall - Bob Dylan: It's A Hard Rain's Gonna Fall
we're still running against the wind - Bob Seeger: Against The Wind
this is the end - The Doors: The End

An Roland geht trotz extrem einfacher Verlosung und weniger Lücken und Irrtümer in den Antworten eine Best-Of-CD der A Subtle Plague. Offizielle Preisverleihung ist zu Pfingsten.  Keep On Rockin'.
Achim

Preisausschreiben #12

Was sind schon "genug Zuschriften"? Hier gibt es also Teil 2 des Märchenrätsels.
Für die LAPSUS-Liliputaner.
Achso: unter allen richtigen Lösungen wird natürlich wieder ein märchenhafter Preis verlost. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen.

1. Tierquälerei führt zur Ehe
2. Listiger Handwerker erwirbt Ruhm und Reichtum
3. Gelungene Täuschung eines arroganten Läufers
4. Der Dritte hat die Lösung im Sack
5. Bewaffnete Altbundesbürger auf Hasenjagd
6. Kleine Dinge große Wirkung
7. Ein dünner Knochen täuscht entmenschte Rentnerin
8. Chirurgischer Eingriff von Laienhand rettet Menschenleben
Z: Was ist ein Güssel?
Achim

Und wer's wissen will - nun wieder einige Fangfragen für die LAPSUS-Lulatsche. Preise hierfür stifte ich und an den Fingern saugte ich auch für folgende Fragen:

1. Was möchtest du mal werden?
2. Bist du erwachsen?
3. Was ist dein Zuhause?
4. Was kannst du nicht?
5. Was willst du haben?
6. Was ist dein liebster Sachzwang?
7. Worauf würdest du gern verzichten?
Z: Wieso frag ich gerade dich?
Roland

LOver-Sprüche

Leben ist Humus
Reden ist Silber
Schweigen ist Gold
Sterben ist kristallklarer Diamant.

Roland

Ein Krieger taugt nicht als König. Ein Krieger taugt nicht einmal in einer Partnerbeziehung. Ein Krieger wird rausgeschickt und hat zu kämpfen. Hinter ihm werden die Türen vermauert. Sein Pech, wenn er nicht fällt.

Roland

LOver-Interview für Wache

Mozart von "Umbra et Imago" mit OZelot

Nun habt ihr in eurer Vergangenheit durch gewagte Live-Shows und S/M-Performances schon öfter für Aufsehen gesorgt. Hatten die Eltern der Chorkinder da keine Angst?
Komischerweise überhaupt nicht. Aber ich hatte Bedenken im Vorfeld. Es waren 35 Kids im Alter zwischen 8 und 12. Da kommen die Muttis natürlich mit. Ich hab denen dann Kaffee serviert und ihnen erklärt, was für eine Band wir sind. Dabei entstand ein schönes Gespräch, und die Muttis haben sich total wohlgefühlt. Und die Kids wußten ganz genau, was Gruftis sind und was Gothic ist. Es hat richtig großen Spaß gemacht.
Machst du dich eigentlich, bewußt oder unbewußt, zum Sprachrohr der Gothicszene?
Ich bin ein Künstler, der ganz frei heraus sagt: "Ich mache Gothic". Ich versuche, den Leuten zu sagen, daß wir keine Spinner sind sondern Individualisten, die eine ernstzunehmende Kultur darstellen. Die Leute haben doch Angst vor uns, weil wir uns durch unser Äußeres auflehnen. Heute ist es total in, in Adidas- oder Nike-Klamotten rumzulaufen. Du könntest dir einen Müllsack anziehen, Hauptsache, der hat das Logo von Adidas, dann ist das in. Die Gothic-Bewegung hat ihren eigenen Stil.
Im "Teutonenlied" nimmst du die sogenannte "Neue Deutsche Härte" aufs Korn.
Es gab verschiedene Motivationen, dieses Lied zu machen. Zum einen hasse ich Hooligans und Fußball generell. Nicht wegen des Sports sondern wegen des Drumherums, diesem massigen Proletentreffen. Zum anderen hasse ich die deutsche Fernsehlandschaft. Scheinbar sind die Massen der Deutschen Idioten. Wenn so eine Hühnerscheiße wie "Big Brother" hohe Einschaltquoten hat, muß ich daraus schließen, daß die Zuschauer alle Idioten sind. Zum anderen habe ich gesehen, wie russische Rekruten, die für den Tschetschenien-Krieg einberufen waren, zu Rammstein-Musik gedrillt wurden. Die Vorstellung, daß aus Deutschland Lieder kommen, die für militante Zwecke verwendet werden können, kotzt mich an. Das wollte ich zynisch und ironisch darstellen.

Schwerer ist es heut

Schwerer ist es heut, genau zu hassen.
Und im Freund die Fronten klar zu scheiden.
Und die Unbequemen nicht zu meiden,
Und die Kälte nicht ins Herz zu lassen.

Denn es träumt sich leicht
 von Glückssemestern,
Aber Glück ist schwer in diesem Land.
Anders lieben müssen wir als gestern
Und mit schärferen Verstand.

Und die Träume ganz beim Namen nennen;
Und die ganze Last der Wahrheit kennen.

(Rainer Kirsch, 1962)

LOverDichtet


Schlummertrunken

Sternend neigt die Nacht
sich leis mir zu,
flüstert säuselnd Blütenträume
in mein Ohr.
So daß ich ganz es bin.
Die Nachtigall singt zwischendrin
von fern. Doch nah.
Süße Töne schlüpfen
unter meine Haut -
das dicke Fell,
das ich am Tage trug,
hängt unnütz über 'm Stuhl.
Der knarrt grad' so,
als wär er wieder Baum.
Er träumt wohl auch.

Regina

Kurze Romanze

Hingezogen.
Ausgezogen.
Ungezogen.
Angezogen.
Abgezogen.

Regina

EIN ABSCHIED

Betroffen von deinem glücklichen Weinen
lockt zurückgebunden
mein Versprechen von Traurigkeit und Sehnsucht.

Sprung in jeden Tag,
das Licht hinter Wolken.
All die Tage sagten: ich will nicht.
Was für die Liebe, eure Bilder,
die meine Finger - Zeichen ziehen lassen,
zerlaufene Wasserzeichen
an blinden Spiegeln.

Vielleicht unser Herzschlag,
ob der Himmel weint
oder mit seinen Tropfen die Erde küßt.
Entschieden.

Meine Pflicht zum Ideal. Mein Deal.
Und zerfloß ich in der Sternenflut,
und du verschwandest aufgelöst.
Ich bleibe übrig.
Tragend die Zeichnung,
fragend, wie nocheinmal.
In am Ende gültiger Angst
vorm schwarzen Loch.
Dem ich nicht erwachsen könnte.

Und nicht aus dem Wege gehen!

Während dessen Sonnen blumen
unterm düsenden Flug zukünftigen Todes.

Roland

WEITER

Im Schlepptau den Gedankensog
Schweigen gemeinsam in die Weite zu tragen,
mit gemeinsamen Worten Weite ins Leben.
Die Weite zwischen uns
nicht mit diesen Phrasen zu füllen.

Und ab:
Grenzen nur technische Werte die Geschwindigkeit!
Nicht Kaninchengedärm, um Bremsscheiben geschleudert,
nicht Schwalbenflug ins Kühlerfeuer,
nicht gassterbendes Chlorophyll,
nicht Schrei zerquetschter Kröte
und nicht das Winken meiner Hand.

Gleisige Straßen zerbrechen nicht
an Schalttafeln menschensatter Schlafcontainer.
Nicht an dunkler Nacht Kakteenwälder.
Gummiknüppel weisen Wahl an Weichen -
keuchend durch Ruinen durchzäunter Nachstädte,
in Galerien psychopathischer Porträts auf Rädern.

Tausend Regentröpfchen, Millionen Tränen
lassen nicht die Farben blättern,
die eingebrannt auf Gesichtern thronen.
Granit zerbröckelt an leeren Fenstern,
Ratten huschen in die rechten Winkel,
Rücklichte schrumpfen zu Bildern wie rote Sterne.

Bleibt der Platz im Dreck der todgesäumten Wege.
Wohin nach 70 Jahren mit den krummen Nägeln?
Schlägt endlich abgebrochne Nacht
Schlaf in meinen Schädel.

Roland
 

Er wacht, mit offenen Augen
Ausstieg, der endlose Blick aus dem Fenster
Schauspiel, schön, lachend, edel und elend
AuseinanderBruch, zu Grunde gehe ich
Nahrung zum Traum, Blumen auf freiem Boden.
Mit meiner Sehnsucht nach Sonne
Ein Tag es ging voran, kleine Hand in meiner
Nahrung vom Traum, bis ich tot sein will
Ausstieg, hin zur lebendigen Klarheit, brechen, zusammen, fallen.
Der Tod ist mir viel gleichgültiger als das Leben
Traumlose Heimat, erwacht
Zuhause, offene Tür

Roland

Spiel jetzt!

laß uns aus unserer Liebe
kein Trauerspiel machen
ich hab Lust auf Lustspiel
das süße Spiel
am Rande des Wahnsinns
an der Herzkante
entlang der Wasserlilie
ein Handkantenschlag
& schon ist es vorbei
verschon mich mit den Tiraden
dem Trockenvögeln
& dem ganzen theatralischen Mist
ich bin ne brünftige Frühlingssau
jetzt jetzt jetzt & jetzt
spiel ruhig weiter mit mir
erst der letzte Zug entscheidet

Pina Sommergrün, 29.3.00

Zehn Kelche

Und noch immer fällt glutrot die Asche
wenn der Vorhang fällt
und noch immer zitter ich wie Espenlaub
wenn ich deinen Anruf erwarte
und noch immer zernage ich die Hoffnung
zwischen meinen bebenden Lippen
& bete
daß ich es diesmal bessermache
einmal
einmal wenigstens
mich nicht mehr zurückhalten müssen
wenn deine segnende Hand
mein Gesicht berührt
bevor es vor deinen Augen
zu Staub zerfällt
& niederrieselt
im Aschenregen meiner Liebe
nach dem letzten Vulkanausbruch
Lava auf der Ebene
Kristalle wachsen empor
langsam
langsam hebt sich die Poebene
vor deinen Augen

Pina Sommergrün, 17.4.00
 

Ich will untertauchen
im Grün
ich möchte wieder blühn
ich möcht nicht mehr nach Männern gieren
hinterherkrauchen auf allen Vieren
ich möchte einen für mich haben
& mich an ihm dann laben.

Pina Sommergrün

Frau Nichtig

eine Odyssee, 6. Teil
aufgeschrieben von Regina
(1. Teil in LOVER 20, 2. Teil in LOVER 21, 3. Teil in LOVER 22, 4. Teil in LOVER 23, 5. Teil in LOVER 24)

Bevor Frau Nichtig das Obdachlosenheim in der Karl-Marx-Straße aufsuchte, überlegte sie kurz, ob sie ihre Einkaufstüten mit dem blaßlila Hosenanzug und den anderen Dingen, die sie noch als Frau Meyer erstanden hatte, aus der Pension abholen sollte. Aber nach allem, was sie im Sozialamt erfahren mußte, war ihr Scheck null und, tja (Frau Nichtig zuckte bei diesem Gedanken zusammen) eben nichtig, und sie hatte ja die 75,- DM für ihr Zimmer noch nicht bezahlt. Nach der Prasserei an der Würstchenbude waren ihr nur 50 Pfennig an Eigenkapital geblieben - damit konnte sie sich in der Pension nicht blicken lassen. Frau Nichtig hatte jedenfalls, soweit sie sich erinnern konnte, noch nie in ihrem Leben Schulden gemacht, und sie wußte genau, daß sie keine ruhige Minute haben würde, bis sie die 75,- DM entrichtet hätte.
Vielleicht würde ja das Sozialamt das Zimmer für sie zahlen? Doch diese aufkeimende Hoffnung zerschlug sich sofort, als Frau Nichtig sich das Axel-Schulz-Gesicht der Sachbearbeiterin Michailik in Erinnerung rief.
So schwer es ihr auch fiel, sie würde morgen noch einmal zu Horst, dieser Weichwurst, gehen und ihn um Hilfe bitten müssen. Sie hatte ja auch noch etliche Sachen bei ihm, von denen sie einige vielleicht verkaufen konnte. 'Gleich morgen früh werde ich diesem Verräter auf die Bude rücken, da kann er sich wenigstens nicht hinter dieser schrecklichen Klarsen verstecken, diesem Monsterweib!' beschloß Frau Nichtig und fühlte sich etwas beruhigt.
Als sie das Obdachlosenheim endlich ausfindig gemacht hatte, war es bereits dunkel. Die Baracke wirkte von außen nicht gerade anheimelnd - die Fenster hatten keine Gardinen, einige waren vergittert. Das Dach war gar mit Wellasbest gedeckt - bekam man davon nicht Lungenkrebs?! Unschlüssig horchte Frau Nichtig an der Tür - doch da wurde es ihr plötzlich eigentümlich warm um' s Herz. Eine süße Wehmut trieb Frau Nichtig Tränen in die Augen: Sie hatte eine Melodie von Gilbert & Gilbert erlauscht! 'Nein', dachte sie, 'böse Menschen hören solche Lieder nicht! Die Leute in diesem Haus mögen arm und ohne Obdach sein, aber im Grunde ihres Herzens haben sie sich ihre Güte und den Sinn für das Schöne bewahrt!'
Von der Großartigkeit ihres eigenen Gedankens völlig überwältigt, betrat Frau Nichtig wie in Trance das Obdachlosenheim. Der Gesang von Gilbert und Gilbert wies ihr den Weg - es war der ewige Nr. 1-Hit 'Du hast nichts gesagt', Frau Nichtigs Lieblingslied. Frau Nichtig fand sich auf einem langen, von Neonröhren gespenstisch erleuchteten Flur wieder. Rechts von ihr befand sich ein aus rohen Brettern gezimmerter Holzverschlag mit einem völlig verdreckten Schiebefenster - offensichtlich die Pförtnerloge. Dort stand auch das Radio, aus dem gerade in diesem Moment das bedeutungsschwere 'Naninaninanina' erklang. Der Pförtner, ein kleiner, gedrungener Kerl, schaute mißmutig von einer bunten Illustrierten auf; er kämpfte gerade verbissen mit dem Kreuzworträtsel. "Was woll'n sie denn?" knurrte er Frau Nichtig ungehalten an.
Doch Frau Nichtig ließ sich von dieser zur Schau getragenen Bärbeißigkeit nicht täuschen. "Guter Mann, widrige Umstände haben dazu geführt, daß ich das Dach über meinem Kopf verlor. Man sagte mir, hier könnte ich von der Unrast des Tages ausruhen." Ungläubig starrte der kleine, dicke Pförtner Frau Nichtig an, sein schwarzer Schnauzer fing bedrohlich an zu zucken. "Wollen sie mich verarschen oder sind sie eine von diesen Presseschnüfflern?" "Nein, nein, ich heiße eigentlich Meyer, aber meinen richtigen Namen weiß ich nicht, deshalb heiße ich jetzt Nichtig. Frau Michailik sagte ..." "Ach so, neu, was? Hat dein Alter dir rausjeschmissen! Man, man, sprech bloß deutsch mit die andern, sonst haste hier nischt zu lachen. Zimmer 13. Hast Glück, heute seid ihr nur zu viert." Frau Nichtig wollte sich gerade auf die Suche nach besagtem Zimmer machen, als der kleine, fette Pförtner sie zurückrief: "He, wissen sie vielleicht, wie dieser Teletubby heißt, der mit T anfängt?" "Tipsy?" "Mensch, der heißt doch Dipsy! Ich denke, sie sind gebildet! Is wohl och nich so weit her mit sie, wa?" Beleidigt wandte sich dieser feiste Kerl ab.
Frau Nichtig war mit einem Schlag wieder in der brutalen Realität angekommen. Wenn nicht mal Gilbert & Gilbert das Herz dieses kleinen, schwabbeligen Menschen erweichen konnten! Verunsichert und ängstlich näherte sich Frau Nichtig der Tür mit der Nummer 13. Zaghaft klopfte sie an, worauf nur ein undeutliches Brummen zu hören war, das Frau Nichtig als Aufforderung zum Eintreten interpretierte.
Auf 9 qm drängten sich 3 Doppelstockbetten aus Eisen, deren untere Plätze jeweils belegt waren. Zwei der Frauen rauchten, und da das Fenster geschlossen war, konnte Frau Nichtig trotz des grellen Neonlichts, das auch hier die Szenerie beherrschte, die Gesichter ihrer Zimmerkolleginnen nur schemenhaft durch den Zigarettennebel erkennen. "Guck mal, Hertha, der neue Raumteiler", ließ sich von dem Bett, das ganz rechts an der Wand stand, eine unangenehm kreischende Stimme vernehmen. "Laß mich in Ruhe", lautete von links die barsche Antwort, die der Tonlage zufolge von einem Mann hätte stammen können. Die Gestalt, die im mittleren Bett lag, knurrte einen Moment unbehaglich, um dann erneut laut zu schnarchen. Frau Nichtig fühlte, wie sich ein riesiger Kloß in ihrem Hals bildete, doch heroisch überwand sie ihre Scheu. "Guten Abend, mein Name ist Nichtig, und ich soll hier übernachten. Wo kann ich mich denn hinlegen?" "Das ist uns scheißegal, Hauptsache, du schnarchst nicht so wie die da oder furzt vielleicht noch." Frau Nichtig wurde urplötzlich übel, und sie hielt sich am Pfosten des rechten Bettgestells fest. "Nu, nu", meldete sich von dort die kreischende Stimme, "ich bin die Brigitte. Und wie heißt du?" "Hiltrud", hauchte Frau Nichtig dankbar. "Wenn du willst, kannst du über mir schlafen. Hast du Schnaps oder Zigaretten?" "Ich rauche und trinke nicht," empörte sich Frau Nichtig aufrichtig, setzte dann aber einlenkend hinzu: "Gegen ein Gläschen Wein in netter Atmosphäre ist natürlich nichts einzuwenden." "Ach du liebe Scheiße", stöhnte das Mannsweib. "Laß mal, das meint die Hertha nicht so", griff Brigitte besänftigend ein. "Aber ein Kräuterlikörchen wirste doch mittrinken?" Bei dem Wort 'Kräuterlikör' wurden in Frau Nichtig Erinnerungen an die ach so gemütlichen Fernsehabende mit Horst wach. Ab und an hatten sie sich schon einen Kleinen genehmigt. Horst war danach immer viel netter gewesen. "Na gut, aber nur einen." Frau Nichtig setzte sich vorsichtig zu Brigitte auf's Bett. Ein bißchen schmierig schien diese Person schon zu sein, außerdem fehlten ihr vorn zwei Schneidezähne und ihr linkes Auge war leicht bläulich verfärbt, was ihr ein etwas abenteuerliches Aussehen verlieh. Und beim Sprechen hätte sie ruhig den Glimmstengel aus dem Mund nehmen können, fand Frau Nichtig. Aber immerhin war sie nett, und Frau Nichtig sehnte sich nach etwas menschlicher Wärme. Mangels Gläser mußte Frau Nichtig mit ihrer neuen Bekannten aus einer Flasche trinken, wozu sie sich sehr überwinden mußte. Mein Gott, wenn sie sich nun mit irgendetwas Schrecklichem ansteckte?! Leicht angewidert nahm sie einen winzigen Schluck.
Der Kräuterlikör war gar nicht schlecht. Nach zwei weiteren Schlückchen wurde ihr Gitti zunehmend sympathisch, und der Zigarettenqualm störte sie überhaupt nicht mehr. Eigentlich war es hier doch ganz gemütlich! Bald kicherten Frau Nichtig und Brigitte wie zwei alte Freundinnen miteinander um die Wette. Hertha bölkte noch ein paar Mal grimmig herüber, aber selbst das amüsierte Frau Nichtig mittlerweile köstlich.
Diese Frauen waren richtig tolle Originale, nicht so langweilig wie Horst und längst nicht so eingebildet wie diese Larsen oder Klarsen. Und der Kräuterlikör schmeckte himmlisch. Allmählich verlor Frau Nichtig den Überblick. Das nette Gesicht Brigittes verschwamm vor ihren Augen, und plötzlich war es ihr, als schaukelte sie in einem Boot über das weite, weite Meer.
(Fortsetzung folgt)

Predigt zum Tag der Herren

"Denn bei dir ist der Quell unseres Lebens, und dein Widerschein unser Licht."
Psalm 36,10

Erinnert sich jemand zurück an seine Wanderungen? An Wanderungen z.B. durch den Thüringer Wald? An die nutzlose Stille, die zwecklose Schönheit ungestörter Flecken? Wer schon sagte sich nicht, wenn er an manchem Waldwinkel eine versteckte Quelle entdeckte, "Wie schön!". Sich zu erfrischen, man lebte gleichsam auf. Wie schön? Nur sich selbst einst zu laben und den steten Quell dem Walde zu überlassen?
Das war einmal! Heute. Tragen wir Sorge, daß kein noch so grundverdorbener Quell unnützem Wurzelgerank zum Opfer fällt. Dabei fällt einem ein, wie oft in der Schrift vom Wasser die Rede ist. Von Quellen, die uns beispielsweise die Frage, ob wir flüssig seien, beruhigt bejahen lassen können. Oder wie der Herr seinen dürstenden Geschöpfen immer neue Quellen entdecken und erschließen hilft. Aus Felsen in der 3. Welt schweres Wasser sprudeln läßt oder sogar beim Zug durchs dürre Tal der Regression es seinen verschworenen und strebsamen Gesellen zum Quellengrund werden läßt. (Psalm 84,7)
So weckt und stillt er ihnen aufs neue den Durst solchen Lebens. Es soll der Mensch nicht ohne Durst und Wasser leben. Dieser Quell wird zum Zeichen ewigen Bestands unserer Kommunität. Der Samaritanerin verheißt Jesus: Das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das tägliche Leben quillt, mehr zu werden.
Da zerbrechen sich die Menschen den Kopf darüber, wer Gott ist. Und übersehen, daß er den Markt voller Brunnen baut und Quellen sprudeln läßt! Nichts ist heute so wichtig, wie sie als erster aufzuspüren und zu unternehmen, aus ihnen zu schöpfen. Nicht jedem sind sie gegeben. Gewiß, manchvielen muß man es beibringen. Manchvielen muß man sich ihren angemessenen Teil holen lassen.
Die Schrift überliefert uns als 1. Herrenwort: "Es werde mehr!". Und es obliegt ihm, die schwarzen und dunklen Gestalten, die es sich in diesen oder jenen Nischen wohnlich eingerichtet haben, zu vertreiben. Es wird in diesem Schein hell, einsichtig werden die Sachzwänge, es kommt zur Ordnung, zu klaren Zirkeln. "Dies Wort ist meines Fußes Leuchte." - wer kennt nicht das Wort, aber nicht jeder unternimmt es beim Wort.
Immer wieder ist man versucht und läßt sich dazu verleiten, sich mit seinem eigenen Licht zu begnügen, statt hinauszugehen, den lichten Schein zu mehren. Wie ein Mensch vom Wasser lebt, so lebt besser er von mehr Wasser. Gott hat es uns bereitet - wir werden zulangen. Dann wird unser Licht der Dunkelheit und unser Durst gelöscht. Amen.
Roland, oh Gottogott
 
 
Dankbarkeit ist eine Pflicht, die erfüllt werden sollte, die aber zu erwarten keiner das Recht hat. 
Jean-Jacques Rousseau

Da hilft nur noch Musik!
Gesprüht im Prenzelberg Sommer 90...

Aus einem GUZ

Einem Klang-Partisanen bei der Arbeit zuhören

Es ist schon merkwürdig: Da prahlt so ein Eidgenosse damit, Genforscher zu sein, im gleichen Atemzug beschwert er sich aber lautstark, daß "Genforscher keine Freundin kriegen". Einfach so. Und deshalb bleibt GUZ also alleine und ihm nichts anderes übrig, als in seinem Gen-, oder besser gesagt: Klanglabor in Schaffhausen ein Musikstück nach dem anderen aufzunehmen. In seiner skurrilen kleinen Welt. Das alles erscheint auf den ersten Blick banal und ist es eigentlich auch - wenn dieser Herr GUZ nur nicht so eine ebenso sonderbar erfrischende wie bezaubernde Musik machen würde!
GUZ ist schon ein sehr komischer Kauz und gerade deshalb lieben wir ihn. Spätestens, nachdem man ihm bei der schweißtreibenden Arbeit auf der Bühne zugesehen hat, was mir am 12. April im Bärenzwinger für 12 DM vergönnt war. Einem Ort übrigens, dem GUZ ausdrücklich absprach, in einem Idiotental zu liegen, wie es in einem seiner Lieder besungen wird. Seltsamer Weise würde das Publikum immer denken, es wäre das eigene Tal gemeint...
Aber jetzt lassen wir doch einfach mal seinen größten Fan persönlich zu Worte kommen ...

In GUZ I trust !

Es war im Februar des kalten Winters 1985, als im Bahnhofbuffet Romanshorn das Schicksal beschloss, GUZ in mein Leben treten zu lassen. Der Grund, weshalb ich an diesem frühen Samstagabend in einem gottverlassenen Nest am Bodensee unter depressiven Trinkern Zeit totschlug, ist mir entfallen; wie ich jedenfalls in einen dünnen Milchkaffee starrend so dasitze, kommt eine merkwürdige Gestalt zur Türe herein, die sich an meinen Tisch setzt und eines dieser mühseligen Gespräche über Musik anfängt. Wahrscheinlich muß ich so ausgesehen haben, als würde mich Musik interessieren. Das Gespräch gipfelte darin, dass mir der der Typ eine Kassette andrehte, von der er nicht nur behauptete, er hätte sie selbst aufgenommen und alle Instrumente gespielt, sondern auch noch anmaßend unbescheiden betonte, dass die Musik 'super' wäre. Es kostete mich sieben Franken, die Kassette zu erstehen und mir damit wieder freie Sicht in den Milchkaffee zu verschaffen.
Einige Wochen später fiel mir zufällig zu Hause beim Aufräumen die Kassette wieder in die Hände und ich legte sie zum Abwaschen in den Rekorder. Es war, wie ich heute weiß, eines der wenigen Ereignisse in meinem Leben, die mein Dasein radikal verändern sollten.
Die Musik war von grandioser Verschrobenheit, rumplig gespielt, rücksichtslos phantasievoll, erhaben kindisch und mit einer WC-Bürste aufgenommen. Ich war begeistert. Dieser Typ schien sich nicht nur keinen Deut um die Regeln zu scheren, die üblicherweise in Bahnhofsbuffets gelten, sondern auch in der Musik eine Rolle spielen. Es war wie Punk mit anderen Mitteln. Wenn ich mir das heute überlege, war es vielleicht nur so, daß dieser Herr GUZ einfach versuchte, Musik nachzumachen und im debakulösen Scheitern dieses Versuchs entstand plötzlich eine eigene, große, selber erfundene Welt. Sie war bevölkert mit viereckigen Frauen, schlafenden Füßen, sinnlos herumballernden Cowboys, Frauenfelder Frauenhelden, Kiffern am See; mit Typen, die keine Freundin kriegen, am Bahnhof rumstehen und sich erzählen, dass ihnen nichts einfällt.
Kurz: Eine Welt, die genauso von diesem pubertärem Schlamassel durchdrungen war wie meine eigene. Und die Musik sagte mir: Unternimm etwas dagegen. Ich schmiss die dreckigen Teller an die Wand, zündete die Wohnung an und beschloss, GUZ-Fan zu werden.
Das ist bis heute, mehr als zehn Jahre später, so geblieben. Zwar werfe ich nicht mehr Teller an Wände oder zünde Wohnungen an und obwohl ich äußerlich den Anschein erwecken mag, ein vernünftiges Mitglied der Gesellschaft geworden zu sein, ist der Schlamassel natürlich genau derselbe geblieben. Denn der Schlamassel hört nie auf. Genau wie ich selber im Laufe der Zeit einige Dinge begreifen lernen musste, weiß GUZ mittlerweile sehr genau, wie Musik funktioniert. Ich würde sogar behaupten, GUZ ist ein ordentlicher Schlagzeuger, prima Gitarrist und klasse Sänger in profan musikhandwerklichem Sinn geworden. Hören sie sich als Beispiel die Nummer 'Musik' auf dieser CD an: Das Stück ist ein Prachtexemplar an Überschwang, Euphorie und musikalischer Phantasie, man achte etwa auf den liebevoll präzis ausgepfriemelten Fenderhall auf der Rhythmusgitarre- gleichzeitig beschwert sich dieser feine Herr GUZ krakeelend, wie sehr ihm doch "Musik auf den Sack geht".
Nicht nur, dass sich der Text an der Musik verrät, sondern hier wird im weiteren ganz explizit Musikgeschichte mitgedacht, ihre für GUZ zentralen ästhetischen Momente (also Childish, New Wave, R&B, Volksmusiken etc.) musikalisch formuliert und damit letztlich die Bedingungen, unter denen GUZ arbeitet: Ein einsamer Spinner hockt in seinem dunklen Keller vor einem Aufnahmegerät und erfindet sich eine eigene, kleine Welt aus Musik, die dadurch ihre wunderbare Größe bekommt, indem die andere Welt und die andere Musik außerhalb dieses Spinner-Kellers verschluckt und zum Verschwinden gebracht wird. Das ist zwar ein schwacher Trost, doch er hat mich am Leben erhalten und aber auch Spaß gemacht, gestern wie heute. Deshalb glaube ich an GUZ - und wer nicht will, der muss.

Rämi Hämorrid

Ian Dury hat den Kampf verloren

Im Alter von 57 Jahren ist Ian Dury am 27.3. an den Folgen eines Leberkrebsleidens gestorben. Der Sänger war mit seiner Band Ian Dury & The Blockheads und ihrer einmaligen Mischung aus Punkrock und Discobeat einer der beliebtesten Stars der englischen Musikszene der späten 70er Jahre. Mit Hits wie "Reasons To Be Chearful", "New Boots And Panties", "Hit Me With Your Rhythm Stick" und natürlich "Sex & Drugs & Rock & Roll" schaffte die Band über 10 Top-Ten-Hits in Großbritannien.
Aufsehen erregte auch sein Song "Spasticous Autisticous" (oder so ähnlich), der von der BBC auf den Index gesetzt wurde, weil sich die Behinderten veralbert vorkommen könnten. Ian selbst war nach überstandener Kinderlähmung leicht spastisch...

TRANCE TANZ
DER TANZ DES LEBENS

Anleitung von Frank Natale

Die wichtigste Anleitung, die ich dir über Trance Tanz geben kann, ist ganz einfach: Vertraue dem Prozeß, laß die Bewegungen geschehen und erlaube dem allumfassenden Bewußtsein, in deinen Körper einzudringen. So wirst du ein vollkommenes und ganzheitliches Gefühl dafür erlangen, wer du wirklich bist - physisch und metaphysisch.
Es mag sein, daß du ein wenig ängstlich oder aufgeregt bist, wenn du dich auf deinen ersten Trance Tanz vorbereitest. Vergegenwärtige dir dann, daß sich diese Angst bald in Freude verwandeln wirst, sobald du den inneren Tanz zu spüren beginnst.
Trage lockere Kleidung, in der du dich wohl und schön fühlst und ungehindert bewegen kannst. Es sollte Kleidung sein, die du leicht ablegen kannst, wenn dir beim Tanzen danach ist. Bringe eine Augenbinde mit. Am besten ist eine bandana, die deine Persönlichkeit zum Ausdruck bringt. Iß vorher nur wenig und leicht. Mit vollem Magen ist es sicher schwieriger, umherzutanzen. Wenn du normalerweise Make-up trägst, nimm diesmal nur wenig oder laß es ganz weg, damit deine Haut schwitzen kann.
Am besten ist es, barfuß zu tanzen. Wenn der Untergrund dies nicht zuläßt, so trage möglichst weiche Schuhe. Wenn du im Freien auf der Erde tanzen kannst, so ist es - abgesehn von ästhetischen Gesichtspunkten - besonders gut, mit nackten Füßen zu tanzen, damit die spirituelle Energie von Mutter Erde ungehindert in deinen Körper einströmen kann.
Trage keine schweren Gürtel, breite Ringe, Ohrringe und anderen Schmuck - es sei denn, es handelt sich um Kraftobjekte. Du schützt dadurch nicht nur dich, sondern auch die anderen, die um dich herum tanzen, vor Verletzungen. Am besten ist es, alles zu entfernen, was deinen Körper ständig berührt und dich damit immer wieder an deinen Körper erinnert. Bringe persönliche Kraftobjekte mit. Wir brauchen sie für jene Zeiten, in denen wir zusammensitzen, meditieren, unsere Erlebnisse austauschen und verarbeiten. Vielleicht willst du deine Lieblingsdecke mitbringen, um dir einen besonderen Heiligen Platz zu schaffen, an dem du dich nach dem Tanzen ausruhst.
Ich empfehle dir, ohne irgendwelche bewußtseinsverändernden Substanzen zu deinem ersten Trance Tanz zu kommen. An einem bestimmten Punkt der Erfahrung ist es in Ordnung, sanfte Halluzinogene, wie etwa Lehrerpflanzen, zu benutzen. Du wirst jedoch spüren, daß es nicht wirklich nötig ist. Einmal durch den Spirit erweckt, werden die Bilder, Gefühle, Düfte, Geschmäcker, Klänge und Gedanken aus anderen Zeiten frei fließen. Zum Trance Tanzen brauchst du nicht unbedingt viel Platz, es sei denn, du willst Freistil Trance Tanz ausführen. Dann allerdings brauchst du sehr viel Raum. Da der eigentliche Trance Tanz in deinem Inneren stattfindet, brauchst du im allgemeinen jedoch nicht viel Platz.
Die Körperhaltung ist ganz ähnlich, wie du sie vielleicht aus anderen Formen der Körperarbeit kennst:
Halte deine Augen geschlossen und verbinde sie mit einer Augenbinde (bandana). Halte deine Füße etwa in Schulterbreite, fest verwurzelt auf Mutter Erde oder dem Boden, auf dem du tanzt. Achte auf einen guten Kontakt zum Boden, auf gutes grounding. Deine Knie sind leicht gebeugt, damit Gaias Energie ungehindert nach oben strömen kann. Laß deinen Bauch leicht hervortreten, deine Brust fällt sanft nach innen, und du läßt Schultern, Arme und Hände sinken und entspannt herabhängen. Der Kopf ruht sanft auf deinem Hals. Bewege ihn leicht und fange an, tief zu atmen.
Experimentiere mit dem Atemmuster des Feueratems: zweimal durch die Nase ein- und einmal durch den Mund ausatmen. Du brauchst dich nicht streng an dieses Muster zu halten und kannst genauso gut irgendein anderes bewußtes Atemmuster nutzen, das deine gesamten Lungen mit sauerstoffreicher Luft und Energie füllt.
Für etwa 3 bis 5 Minuten solltest du dieses bewußte Atemmuster fortsetzen und in dieser Zeit deinem Körper erlauben, in seinen Bewegungen den Gedanken und Gefühlen zu folgen, die in deinem Innern aufsteigen.
Wenn du Töne hörst, verleihe ihnen eine Stimme. Wenn Tränen fließen, betrachte sie als heilenden Inneren Regen, der dich reinigt. Töne und Klänge von Freude, Lachen, Schmerz, Angst und Traurigkeit sind alle willkommen, so lange sie aus deinem Inneren entstehen und nicht von deinem Ego gesteuert sind, das dadurch die Aufmerksamkeit der anderen Tänzer auf sich ziehen will.
Nach einer gewissen Zeit wirst du eine vibrierende Energie spüren, die durch deinen Körper pulsiert und unwillkürliche Bewegungen verursacht. Meist ist dies das Zeichen dafür, daß dein Bewußtsein, dein Spirit, erweckt wird und beginnt, sich in dir zu verkörpern. Wenn dies geschieht, hast du keine Kontrolle mehr über deinen Körper. Dann beginnt dein Bewußtsein die Grenzen von Raum und Zeit zu überschreiten. Vielleicht nimmt dein Körper in seinen Bewegungen auch andere Formen an. Dies können ganz neue oder auch sehr, sehr alte Formen sein - so, wie sich deine schamanischen Ahnen während des Tanzens in Krafttiere verwandelten.
Du wirst tiefe Gefühle spüren - Gefühle der Freude und auch solche, die du normalerweise als negativ bezeichnen würdest. Du bist dann in einem besonderen Bewußtseinszustand, in dem du gleichzeitig wach bist und deine negativen Gefühle beobachten kannst, während du sie erlebst: ein heilender Prozeß, der als Bi-Lokalisation bezeichnet wird.
Dies verleiht dir ein außergewöhnliches Gefühl von Sicherheit und Frieden. Ein Gefühl von Gelassenheit, das du in der 'normalen' Realität, in der du oft völlig deinen Emotionen ausgeliefert bist, nicht erlebst. Krafttiere, Erscheinungsformen der Natur, Stammesrituale - all das kann vor dir auftauchen. Wenn sich an bestimmten Stellen deines Körpers Schmerzen bemerkbar machen, so kann dies ein Hinweis auf Verletzungen sein, die dir in diesem oder früheren Leben zugefügt worden sind, ohne daß du dir darüber bewußt sein mußt.
All dies geschieht in einer sehr kurzen Zeitspanne. Deine Wahrnehmung von Zeit wird meist so beschleunigt, daß dir 45 Minuten Tanz wie 15 Minuten erscheinen.

Zwei Akkorde pro Stunde

Sie machen alles anders: Godspeed You Black Emperor aus Kanada. (siehe auch LOver 18 & Vortrag zu LAPSUS live 2000)
Rockstücke dauern wieder 20 Minuten, Streicher erleben auf der Bühne Konjunktur und Sampler bleiben manchmal draußen. Godspeed You Black Emperor, das mysteriöse Tentett aus Montreal (Filmvorführer inklusive) bewiesen mit einem Album und einer EP, daß die neue Symphonik alles andere als von gestern klingen kann. Kurz vor ihrem 98er Konzert in der Berlin überwanden sie sogar mal ihre Abstinenz gegenüber Interviewern. Rede und Antwort gab Gitarrist Efrim.

Kaum jemand hier weiß etwas über Euch, deswegen: Wie seid Ihr zusammengekommen?
Wir begannen vor ungefähr 1994 zu dritt, mit zwei Gitarren und einem Baß. Langsam kamen weitere dazu, eine Weile waren wir 15 Leute, das reduzierte sich dann wieder auf neun und blieb dann so.
Und wie war die musikalische Entwicklung?
Jemand hat uns einen Gig angeboten, also formierten wir zu dritt eine Band und entschieden gemeinsam, daß jeder von uns eine halbe Stunde lang nur einen Akkord spielen sollte. Das haben wir gemacht, und ungefähr drei oder vier Leuten hat es gefallen, und so dachten wir, wir sollten vielleicht so weitermachen. Also traten wir etwa ein Jahr lang zu dritt auf und spielten eine halbe Stunde lang einen Akkord. Später kamen andere Akkorde dazu und im gleichen Maße kamen andere Mitglieder dazu.
War das eine mathematische Notwendigkeit?
Nein, es lag eher daran, daß die neuen Mitglieder bessere Musiker waren als die ursprünglichen drei.
Unbedingt ein interessantes Konzept. War es eine Reaktion auf irgendetwas?
Es war eine Reaktion auf Bands, die normale Songs mit normalen Akkorden immer wieder übten und so lange spielten, bis keiner sie mehr hören konnte. Aber es war auch eine Reaktion auf den Umstand, daß alles was du als Band oder im privaten Leben treibst, zur Bewegung, zum Style ausgerufen wurde. Die Geschichte mit dem einen Akkord sollte das umgehen.
Hat das geklappt? Oder gab es nicht doch jemand in Montreal, dem das gefallen hat?
Wie ich sagte, es gab immer einige wenige...
...die sofort Mitglied der Band wurden.
Ja, meistens. Mittlerweile sind es in Montreal ein paar hundert, die uns mögen.
Über Montreal wissen wir nicht allzuviel. Wie ist die strukturelle Beschaffenheit, welche Szenen gibt es, wie interagieren sie?
Es gibt, wie in jeder größeren Stadt eine ganze Menge Szenen. Es gibt eine starke Improvisations/Jazz-Szene. Wir selbst betreiben das sogenannte Hotel to Tango. Wir wohnen dort und machen Veranstaltungen, seit ungefähr drei Jahren, weil es wenige Plätze für Performances und Konzerte gibt. Ungefähr sechs oder sieben Bands und Projekte treten dort auf, mit einer recht großen stilistischen Bandbreite, von Jazz bis Tanzmusik. Es gibt also eine ganz gesunde Szene. Ich weiß nicht wie's woanders ist. Die einzige Szene, die wir wirklich kennen, ist die, die in unserem Laden stattfindet, eigentlich alles Freunde.
Meine Erfahrung ist, daß die Presse manchmal der Einfachheit halber alle möglichen Szenen einer Stadt zu einer einzigen subsumiert und damit erst Dinge in Bewegung setzt.
Ganz genau. Nur mit Montreal ist das noch nicht passiert.
Welche Sorte Tanzmusik passiert im Hotel to Tango?
Wir machen, oh, du meinst TANZmusik, nein wir machen eher Musik für Tanz, Tanzperformances. Was Clubmusik betrifft, ja, da gibt's in Montreal schon eine Menge. Ninja Tune zum Beispiel haben ein Büro in Montreal und bewegen so einiges, aber ich weiß nicht viel darüber.
Ihr benutzt zwar Filmprojektionen und Tapes, aber kein digitales Gerät. Ist das eine Reaktion auf irgendwas?
Nun, in erster Linie sind wir alles irgendwie Punkrock-Kids, wir benutzen die gleichen Werkzeuge, die wir benutzen, seit wir fünfzehn Jahre alt sind. Adrian, unser Drummer spielt in einer Band namens Exhaust und benutzt dort Samples. Und Roger, einer unserer Gitarristen spielt in einer anderen, wo einige Analogsynthesizer benutzt werden, aber im großen und ganzen sind wir eben stark im Punkrock, amerikanischem Hardcore verwurzelt. Wir respektieren Typen wie Aphex Twin, aber wir haben uns für eine andere Arbeitsweise entschieden, mit Gitarren und dicken Verstärkern.

Was für Film wird während der Show gezeigt?
Zum Teil altes Material, aus einem unvollendeten Film, an dem einer von uns beteiligt war.
Eure Musik wird ihrerseits oft mit Filmmusik in Verbindung gebracht. Speziell mit Ennio Morricone. Bezieht ihr euch dabei auch auf eine Tradition?
Film war immer auch ein Element unserer Arbeit, seid wir angefangen haben. Eine Zeit lang haben wir mit zwei Leuten zusammengearbeitet, die ein ziemlich großes Archiv haben, und Material daraus mit zwei Projektoren über uns an die Wand warfen. Als die Zusammenarbeit endete, haben wir angefangen, eigenes Material zusammenzustellen. Zu der anderen Connection: Beinahe jede Instrumentalmusik, die einen recht unmittelbaren emotionalen Affekt ausübt, wird schnell als Soundtrack bezeichnet, ohne es notwendigerweise wirklich zu sein.
Was macht dieses speziell Soundtrackartige aus?
Repetitive Phrasen, der Umstand, daß es rein instrumentale Musik ist, daß jedes Stück eine eigene Stimmung hat.
Die Abwesenheit von Solisten, das kollektive Interesse an einer Stimmung.
Genau.
Ist Eure Musik ohne Bilder nur eine fragmentarische Version?
Ich denke nicht. Fragment von was?
Das Stück, das auf Platte, ohne Bilder, erklingt, hat notwendigerweise einen anderen Effekt auf die Zuhörer, als die Live-Version mit Bildern.
Der Unterschied zwischen Platte und Live-Show ist: die Live-Show ist lauter. Das ist genauso ein Unterschied wie, daß auf der Bühne eine Menge unterernährter, schlecht gekleideter Typen aus Montreal zu sehen sind. Live spielen ist aber immer spannend, vor allem in den USA, wo jeder ein ziemlich präzises Bild davon hatte, wie wir auszusehen hatten. Es macht immer Spaß, daß zu unterwandern.
Es ist ziemlich selten, daß es keine Bandphotos gibt. Jeder Promoter besteht doch darauf.
Nun, mittlerweile gibt es Bedarf dafür, aber wir sträuben uns noch etwas dagegen. Tatsächlich haben wir erst vor einem Monat einem Magazin aus Montreal unser erstes Interview gegeben. Und das nach schmerzhafter Entscheidungsfindung innerhalb der Band.
Gab es schlechte Erfahrungen?
Nicht wirklich. Aber in der Band besteht ein Konsens darüber, daß es in Amerika kein Forum gibt, in dem musikalische und soziale Belange angemessen diskutiert werden. Wie das in Europa aussieht, weiß ich nicht. Es gibt zwar Diskussionen über strukturelle Bedingungen des Musikmachens, speziell für "Gitarrenbands". Aber es gibt keine Interviews, die tatsächlich abseits des Promotion-Wertes für irgendeinen Beteiligten gewinnbringend sind.
Woher wißt ihr das, wenn ihr es nicht versucht?
Haben wir uns auch gedacht, weswegen wir in Montreal einen Versuch gestartet haben, weil wir dachten, wir könnten auf diese Weise mit der Stadt kommunizieren, in der wir leben... andere Bands damit ansprechen. Aber es lief furchtbar.
Wir haben das Interview per Email gemacht und zwölf Stunden damit verbracht, die ganzen Fragen zu beantworten, haben es ganz schön ernst genommen. Aber die Autorin hat nur einige Teile benutzt, um das auszudrücken, worum es in unserer Musik ihrer Meinung nach geht...statt eigene Worte für ihre Erfahrung zu finden. Ich denke, so läuft das Geschäft, zumindest in USA. Mit Fanzines ist es etwas besser. Aber sonst ist Amerika in dieser Beziehung kulturelles Ödland, mit Musik wird gedealt wie mit Kokain. Und wir wollen da nicht mitmachen.
Aber ist es nicht unerläßlich für irgendeine Form von Aufmerksamkeit?
In unserer Stadt ist der Grad an Interesse für unsere Arbeit größer, gerade weil wir es nicht jedem erzählt haben. Das ist nicht der Grund, warum wir es getan hatte, aber es hatte nun einmal diesen Effekt.
In der eigenen Stadt läuft ja auch mehr über direkte Kommunikation.
Aber darüber hinaus ist es eine kurzlebige Stadt , in der Leute auch mal nur für ein Jahr leben und dann wieder abhauen. Und wir spielten immer nur für Freunde und deren Freunde. Zwei Jahre lang, und im letzten Jahr kamen dann Leute, die wir nicht kannten. Und ohne prätentiös zu werden: auf diese Weise haben wir nur musikalisch miteinander kommuniziert. Was großartig war. Aber außerhalb davon haben die Leute sehr wenig Ahnung, wer wir sind und was wir tun. Es ist wie sich auf einer Party zu verlieben, und sobald die betreffende Person den Mund aufmacht, ist es vorbei. Also ist es besser, ruhig zu sein und nicht in anderer Leute musikalische Prozesse einzugreifen.
Ein schwerer Stand, wenn man von der Musik leben will.
Das ist richtig, aber innerhalb der Band herrscht Einigkeit darüber, diesen Weg zu gehen. Unabhängig davon, was jeder außerhalb der Band für Aktivitäten verfolgt.
Wie kam es denn trotzdem zu dem Schritt, außerhalb Montreals, auch in Europa zu touren?
Der Kontakt nach Europa kam über den britischen Vertrieb zustande. Und in Kanada hatten wir Glück mit einem bestimmten Zuschußsystem, von dem normalerweise nur die furchtbarsten Bands, die du dir vorstellen kannst oder Millionäre profitieren, Brian Adams zum Beispiel. Wir haben es für eine US-Tour beantragt, einfach mal, um es zu versuchen. Wir hätten die Tour sowieso gemacht, wir haben schon ohne Geld in den USA getourt. Aus irgendeinem Grunde haben wir den Zuschlag bekommen, sind getourt, und von dem was übrig blieb, machen wir Shows wie diese hier...und werden zurückkehren mit dem, womit wir aufgebrochen sind: unseren Instrumenten.
Tourst du gerne?
In Europa, ja. Amerika ist schrecklich, ich weiß nicht, ob wir das noch mal machen werden. Aber hier...anstrengend mit zehn Leuten, aber okay. Verglichen mit Montreal ist es warm hier, trotz Winter. Mir gefällt's, einigen aus der Band nicht ganz so. Ich mach mir etwas weniger Sorgen um alles.
Wie seid ihr organisiert? Eine Band auf Tour ist ja ein Sack Flöhe.
In Europa haben wir ja einen Tourmanager. In Amerika, wo wir auf uns selbst aufpassen mußten, gingen nach der Show regelmäßig zwei von uns verloren. Etwas chaotisch.
Und am Ende des Tages ist's Musik.
Klar, eigentlich ganz einfach. Manchmal aber eben einfach furchtbar. In Amerika hatten wir unausgesetzt das Gefühl, daß weder Musik, noch irgendetwas das wir tun irgendeinen Wert hat.
Was gefällt Dir nicht an den USA?
Paranoia! In den Clubs behandeln sie dich wie Scheiße, die Leute dort sind Aliens, völlig entfremdet...sie sehen aus wie du und ich, aber sobald du näher mit ihnen zu tun hast, ist nichts davon übrig, nichts dahinter. Es ist einem so fern, a fucked up place, very very fucked up...the devil's nightmare.
Interview: Tobi Honest/Eric Mandel

Es war einmal... ein Jahrhundert

Teil 2: Country & Folk-Music, American Yodeling 'Round And 'Round Hitler's Grave -- The Early Years

"Mein Vater streichelt mir den blonden Schopf / Er wollte, dass ich mal Minister werde / Doch Kinder haben einen eig'nen Kopf..."
(Howard Carpendale: "Bilder meines Lebens")

"Hankville 1952"
In der Nacht in der Hank Williams im Alter von 29 Jahren starb, begann das Jahr 1953 -- die Country-Music war, wie sein bis heute wohl einflussreichster "Honky Tonker", noch keine 30 Jahre alt, denn der offizielle Startschuss für den Musikstil "Country-Music" fiel mit einer Handvoll Aufnahmen am 1. August 1927, abgegeben von einem gewissen James Charles Rodgers, allgemein bekannt als Jimmie Rodgers, der hier auch gleich einen seiner berühmten "Blue Yodels" einspielte, nämlich "Blue Yodel #1 -- T For Texas". Am gleichen Tag -- denn doppelt hält ja bekanntlich besser -- stand im Studio auch die wohl berühmteste Country-Music-Familie: The Carter Family. Insgesamt vielleicht ein Dutzend Songs, die den Boden für eine der besten Geldquellen der Musik-Industrie bereiteten. Szenenwechsel: John Lomax stiess bei seinen Feldforschungen in einem Gefängnis auf Huddie Ledbetter (1888-1949), der aufgrund seiner Performance begnadigt wurde. Die Tagespresse kündigte ihn bei seinem ersten öffentlichen Auftritt (4.1.1935, Hotel Montclair, N.Y.) noch als "Murderous Minstrel" an, tags darauf jedoch feierten sie ihn als "King of the 12-String-Guitar". Die Rede ist vom Folk-Sänger Leadbelly, der wie kaum ein anderer die Musik-Szene beeinflusste. Ohne ihn stünden Sänger wie Van Morrison heute vielleicht nicht im Bühnenlicht, sondern... müssig, darüber nachzudenken. Zwei Beispiele von vielen, die gewissermassen auch für eine Neuorientierung in der damaligen Musikszene stehen.

"Smithville 1952"
Der Begriff Folk-Music erklärt sich von selbst, wenn man vor allem ein Werk in Betracht zieht, nämlich die "Anthology Of American Folk-Music", editiert von Harry Smith. Mit dieser Compilation, erstmals 1952 auf 6 LPs erschienen und 1997 wiederveröffentlicht in einer 6CD-Box (jeweils von Smithsonian Folkways), eröffnet sich den Hörern eine längst vergessen geglaubte Welt, die zudem der Musikwelt nachhaltig ungeahnte Möglichkeiten zur Weiterentwicklung bot. Von dieser "Bibel" lernte Bob Dylan ebenso wie Beck, Kurt Cobain oder Elvis Costello, um nur einige wenige zu nennen; O-Zitat Dave Van Ronk 1991: "We all knew every word of every song on it, including the ones we hated..." Was ist das Besondere gerade an diesem Kompendium von Songs -- es gibt ja so viele?! Da spielen sicherlich mehrere Faktoren zusammen: Zum einen erschien das Original, wie bereits erwähnt, 1952, also in jenem Jahr, in dem die berüchtigte McCarthy-Ära ihren Höhepunkt fand, und Amerika führte nicht nur Krieg mit sich selbst, den eigenen Landsleuten, sondern auch Krieg gegen Korea. Zum anderen finden sich auf der Anthologie höchst unterschiedliche Songs, die 1952 bereits zwanzig Jahre und noch älter waren und schon zum Zeitpunkt der Einspielung teilweise als "altmodisch" galten. Der gesamte Farbenreichtum Amerikas fand hier Unterschlupf, keine Stilrichtung, die hier verdrängt oder vergessen wurde. Zusätzlich war es die Ausnützung eines neuen Mediums: der Langspielplatte. Zurück zu Jimmie Rodgers: Gemeinsam mit zwei befreundeten Musikern, Lucien "Piggy" Parks und Goebel Reeves, fuhr der noch unbekannte "Singing Brakeman" in einem Ford Model T quer durch die Staaten und tourte. Lange vor 1927 passierte diese Tour und Jimmie Rodgers nutzte den Kunstgriff, den er von Goebel Reeves lernte, am besten, machte ihn schlussendlich bekannt und wurde dadurch berühmt: American Yodeling. Goebel Reeves, der in einem seiner seltenen Radio-Interviews erklärte "I made it a rule never to stay in one place longer than six months", reiste logischerweise viel herum, mit dem Eintritt Amerikas in den Ersten Weltkrieg kam er sogar bis nach Europa. In Europa hörte er zum ersten Mal Menschen jodeln, und das nahm er -- neben einer Schusswunde -- mit zurück in die Staaten. Nach Beendigung der Tour mit Rodgers und Parks heuerte Reeves an, um nochmals nach Europa zu gelangen. Irgendwo in Italien, so um 1928, kurz vor der Rückreise, hörte er eine vertraute Stimme aus einem Grammophon-Laden: Jimmie Rodgers, jodelnd... Goebel Reeves' erste Reaktion: "Wenn Jimmie damit erfolgreich ist, warum nicht auch ich?" Zurück in den U.S.A. nahm er Dutzende von Songs auf, die mit einer Ausnahme ("Hobo's Lullaby", das spätere Lieblingslied von Woody Guthrie) keine besonders grosse Resonanz hervorriefen...

The Yodeling Teachers
Plattentips

Die erste empfehlenswerte CD-Box ist die oben ausführlicher beschriebene "Anthology Of American Folk Music", die als Standardwerk einfach unentbehrlich ist.

Gleich daneben und danach sollte die bei Bear Family erschienene 10CD-Box (ja, ja, die armen Verwandten!) "Songs For Political Action -- Folkmusic, Topical Songs And The American Left, 1926-1953" den Plattenschrank füllen. Diese umfasst im wesentlichen frühe Protest-Songs und bietet neben Musik auch ein umfassendes, 208-seitiges Nachschlagewerk mit sämtlichen Texten und der Geschichte über Aunt Molly Jackson, die verantwortlich für das erste Folk-Revival der Musikgeschichte überhaupt war. Aunt Molly Jackson gilt als Entdeckerin von Woody Guthrie und Pete Seeger und ist neben der ersten Folk-Music-Gruppe (Almanac Singers), Josh White, Earl Robinson, Sis Cunningham uvam. auch als Sängerin auf dieser Box vertreten -- ein Erlebnis, das man nicht versäumen sollte! Aber auch was Country-Music angeht, sind teure Boxen keine Seltenheit, wenn auch nicht in Form von Compilations. Zwei sehr liebevolle Zusammenstellungen seien daher primär empfohlen:

Jimmie RodgersJimmie Rodgers: "The Singing Brakeman" (Bear Family, 6CD & Buch, 1994) -- bevor man einzelne Sachen kauft, sollte man es sich gut überlegen, denn früher oder später wird man alles kennen wollen von J.R.!

Ein Box-Set von Hank Williams Sr. darf natürlich auch nicht fehlen und ist eigentlich ein Muss: "The Complete Hank Williams" (10CD, Polygram 1998) heisst das gute und teure Stück Musikgeschichte. Einen kompletten Hank Williams kann man mit viel Glück auch noch auf LP ergattern: In schmuckem Ledergewand präsentiert sich die 12LP-Box mit dem Titel "The Immortal Hank Williams" (MGM) für uns Mitteleuropäer recht skurril, da die in japanischer Sprache abgedruckten Texte das Mitsingen erheblich erschweren.

Leadbelly Auch Leadbelly (Huddie Ledbetter) kann man sich einiges Geld kosten lasen, denn die von Smithsonian Folkways herausgegebenen "Last Sessions" (4CD, 1994) mit umfangreichem Booklet bieten so ziemlich das Feinste an "alter" Musik.

Wooday GuthrieVon Woody Guthrie und Pete Seeger gibt's ebenfalls jede Menge, wobei Pete Seeger auf oben erwähnter 10CD-Box mit Political Songs eine ganze CD gewidmet ist. Wer's sparsamer angehen möchte, dem sei viel Glück gewünscht, denn die alten Sachen finden sich leider nur mehr auf Plattenbörsen zu teilweise doch recht unverschämten Preisen. Trotzdem einige Empfehlungen:

Pete Seeger and Sonny Terry: "Recorded At Their Carnegie Hall Concert" (Folkways, 1957)

"American Favourite Ballads" (Folkways, 1957) sowie

"Darling Corey" (Folkways, 1950); "Darling Corey/Goofing-Off Suit" ist seit 1993 auch wieder auf CD erhältlich.

Bei Woody Guthrie wird das Ganze leider etwas unübersichtlich; Unmengen von "Best - Of" -Compilations überschwemmen den Markt; die wenigsten sind wirklich zu gebrauchen, aber es gibt auch Ausnahmen, natürlich von Smithsonian Folkways:

"Vol. 1-4 -- Asch Recordings" (Asch = Moses Asch, der Gründer von Smithsonian Folkways Recordings): 1997 erschien die erste Folge, seit neuestem ist diese Sammlung von Guthrie-Songs auch als Set erhältlich -- das Wesentlichste, wenn man so will.

Essentiell und als Ergänzung zur Guthrie-Sammlung sei noch "12 Balladen über Sacco und Vanzetti" erwähnt (Pläne, 1979). Die Platte ist wie eine 4-seitige Extra-Ausgabe einer Tageszeitung aufgemacht, die Songs selbst stammen aus den Jahren 1946/47.

Zu guter Letzt noch zwei Tips:

"The Original And Great Carter Family" (RCA 1962): Die ursprüngliche Zusammensetzung, bevor sie in die Brüche ging. Eine schöne Zeichnung ziert das Cover und mit "Little Moses" und "Wabash Cannon Ball" sind zwei der besten Carter-Songs auf dem Album vertreten.

Last but not least: The Yodeling Teacher, Goebel Reeves, mit den vermutlich einzigen noch regulär erhältlichen Tonaufnahmen: "Hobo's Lullaby" (Bear Family, 1994) enthält 26 Edel-Kuriositäten. Das feinste und schärfste American Yodeling ever und dann noch die Texte! "I know the police cause you trouble they make trouble everywhere/But when you die and go to heaven, you'll find no policemen there."

Hank WilliamsIn Folge 3 geht's dann schon fast in die Gegenwart: Die ersten Stromstecker tauchen auf, die "Traditionalisten" begeben sich auf die Suche nach "Judassen" und Nashville wird Dividenden-Hauptstadt -- die 60er Jahre also. Zur Einstimmung noch ein Hörstück-Tipp: XTCs "The History Of Rock & Roll", zu finden auf "Rag & Bone Buffet" (Geffen 1990). [mh]

Various: "The Songs Of Jimmie Rodgers - A Tribut... [#072: @@@@@]
Various: "Anthology Of American Folk Music" [#093: @@@@@]
Various: "American Yodeling" [#105: @@@]
Hank Williams: "The Complete Hank Williams" [#127: @@@@@]

[(c) 1999-2000 Manfred Horak. Alle Rechte vorbehalten. Erschienen bei "Der Schallplattenmann sagt" #177. (http://www.schallplattenmann.de/suchen.shtml?q=es+war+einmal)]

20 Jahre LAPSUS & live

RockRosarium 2000
LAPSUS LIVE Nº 18

Da sind wir aber immer noch! Und sogar meine Eltern haben es seit damals überstanden und sind dies Jahr wieder als Zuschauer und -hörer dabei. Haben wir was bewegt? Potential genährt? Waren wir anWesend? Und wir bewegen uns und wir wollen und wir sind. Was, das werden wir sehen und hören, ihr seid wiedermal eingeladen zu etwa 30 Stunden guttuenden Nutzlosigkeiten. Vorab noch in Kürze:

Auf- und Abbau:
Gern gesehen sind alle Formen von Hilfe vorher, nachher und dabei.
Unterkunft:
Gästezimmer, 2 möblierte Bauwagen, unmöblierte Scheune oder Zelte (mitbringen)
Gebrauchen:
Können wir noch gut Klappstühle, Geschirr - wer was über hat...
Essen:
Wie immer vegetarisch und etwas schlichter als gewöhnlich. Teller ablecken wäre gut. Unsere Katzen bitte nicht füttern.
Andere Drogen:
Alkohol komplett unerwünscht, Rauchen überall verboten bis auf den Lagerfeuerplatz hinter der Scheune.
Anreise:
Möglichst Bahn: Bahnhof Rakow, Strecke 185/205. Busse ab Bahnhof nach Zarnekla jeden Tag 14.45 und 17.45, bitte nutzen! Wir können aber auch abholen, dann bitte Ankunftszeit mitteilen! Trampen/Auto: A19.F104.Stavenhagen.F194.Lötz.Dü4 oder so.
Kosten:
10 M Beteiligung pro Erwachsenem und Tag
Anmeldung:
Nötig wegen Naturkostgroßeinkauf  bis 31.5.!
Bitte 039998/10487 oder - Lover 19, 17121 Zarnekla.
Spontanbesucher sind Selbstversorger.

Natürlich ist Teilnahme nicht Pflicht. Ich meine am Programm. Wer mag, kann auch einfach das ruhige Sein in der Umgebung genießen, tagelang spazierengehen, an die Ostsee fahren oder auch ackern. Ich gebe gern Tips, wo bemerkenswerte Bäume stehen, uralte Steinkreise liegen oder die ältesten Comics an Kirchenwänden sind.
Landrausch.
Wir freuen uns auf Euch!
Roland und Nathalie

Die Würze des Lebens ist nur für die Verrückten

RockRosarium '0

LAPSUS live Nº 18

Das Programm wird präsentiert von der
Liga zur Aufführung Progressiver Songs Und Sounds - LAPSUS e.V. (ein Versuch seit 20 Jahren)

Freitag, 9. Juni

16.00 Røckspiegel
  Abhördienst - eine Sendung von Randaleradio AFC

18.00 Guitar Jamboree Nº 22
  Doug Martsch
  Präsentiert von Randaleradio AFC

19.30 Es war einmal ein Jahrhundert... (Teil 1)
  Die Ahnen des Blues

21.00 Musikexperimente
  Töne aus Dirks Schaffen mit Bildern
  (erhältlich auch auf CD, ohne Bilder)

22.15 FATA MORGANA
  Nicos letztes Konzert

24.00 Blütenträume
 

Samstag, 10. Juni

10.00 Radio Robotron
  Mit Ginger & Regina und anderen Extras
  wie Hitparade der brandneuen Songs aus dem Hause Geilbert und Gilbert - die Hörer wählen, für die beste Schätzung winkt eine CD mit allen neuen & alten Hits.

anschl.  LAPSUS Livegerichte

(14.00 Nichtöffentliche Generalprobe im Sonnenraum)

15.00 Karl-Heinz wird 14
  Unvermeidliches Theater

16.00 7. Bauernolympiade
  Nicht einer kennt die Regeln

17.00 Jungfer im Grünen
  Nina schafft sich. Lesung.

18.00 Die vier glorreichen Sieben
  The Clash verkünden die Apokalypse
  LAPSUS-REPRISE (1983) vom Randaleradio AFC

20.00 Die Hans-Kapelle spielt Zar Nekla live!

20.30 Dirk Can Dance

21.30 Godspeed You Black Emperor! (Teil 1)
  f#a#.

23.00 Was will das kann, wir werden sehen.
 

Sonntag, 11. Juni

10.00 Rock-Radio
  Anna legt ab

anschl.  LAPSUS mal Zeit

14.30 Monikas großer Aufstieg
  Noch mehr Theater

16.00 LAPSUS-Liga
  Bolzen in Dü4, Zuschauer erbeten

17.30 KlangKörper
  Imre und Nina experimentieren

18.30 Es war einmal ein Jahrhundert... (Teil 2)
  Die Erben des Blues

20.00 Strömungen
  Versuch einer sehr persönlichen Umsetzung des Romans von Margaret At Wood. (Texte und Lichtbilder)

22.00 Godspeed You Black Emperor! (Teil 21)
  Slow Riot For New Zero Kanada

22.30 Stachelhaut
  Sandows letzte Musik

anschl.  Blütenträume
  LAPSUS REPRISE (2000)
  (oder anderes)
 

Montag, 12. Juni

10.00 Da sind wir aber immer noch
  Abschietsservice mit Musik

Änderungen sind wie stets unvermeidlich.

So, liebe Leute,

nicht erschrecken, jetzt kommt er doch noch, der vorsorgliche Frustausbruch, ich bin hinterher auch wieder friedlich und die Adressaten könnt Ihr Euch sogar selbst aussuchen, ich möchte da keinem Unschuldigen Unrecht tun. Aber es gibt da immer wieder diese ach so erstaunten Gesichter mit den in "gerechter" Empörung hochgezogenen Augenbrauen, die dann irgendwelche gutgemeinten oder beleidigte Vorwürfe von sich geben, die mich beim Anhören erstmal angesichts des offensichtlichen totalen Unverständnisses sprachlos zurücklassen - mit einem halbherzigen "Aber..." auf den Lippen, das allzuleicht vom Tisch gewischt wird.
Also Klartext, mir reicht Rolands Versuch einer Erklärung nämlich nicht - der ufert meiner Meinung nach aus und verwässert dadurch das Konkrete mit anderen Ebenen - mir geht's aber um die handfeste. Und das ist so: Man hat über Monate hauptsächlich Lapsus im Kopf, man freut sich und man guckt sich um: Wir haben auch unsere Vorstellungen von Lapsus und wie alle, die welche haben, wünschen wir uns deren Umsetzung. Z:B: denke ich dann: dieses oder jenes sollte bis LL erledigt sein, damit es hier schöner ist, damit es nicht im Wege rumliegt, damit man nicht allen sagen muß: tritt da nicht rauf, das ist gefährlich; damit es duftet und blüht; damit etwas unkomplizierter wird oder bequemer etc. Daraus wird eine Liste. Zusammen mit dem unbedingt oder üblich Notwendigen. Und die hängt uns dann hier vor Augen. Und die Wochen vergehen. Und unser Leben besteht auch noch aus anderen Dingen (wundert das wen?), als diese Liste abzuhaken.
Und naturgemäß rutschen dann viele Punkte gedrängt in die letzten Wochen, Tage, der Druck wird immer größer, die helfenden Leute eher weniger (die werden schon ihre Gründe haben - wir auch). Druck erzeugt Streß erzeugt Spannung, denn wir sind auch nur Menschen und nur noch 2 (kein sensender Micha mehr, keine Leinwand und Vorhänge bastelnden Gäste, keiner, der mal Abwasch, Kochen etc. übernimmt...). Was sich da staut, kommt zur Eruption, wenn der Druck plötzlich wegfällt: 1. Lapsustag - plötzlich viele Hände, na klar, den Abwasch machen wir, die Kinder fröhlich im Tantentrubel, fröhliche Gesichter, Stimmengewirr, Hallo und Gelächter... und wir: pfffft - das Wichtigste wiedermal geschafft. Irgendwo war da auch Freude. Aber eigentlich bräuchte ich erstmal Urlaub - wieso mein Lächeln so müde ist? Warum ich mich nicht an den fröhlichen Kindern freuen kann - habe ich doch das Chaos im Sonnenraum noch vor Augen, der schon fix und fertig aufgeräumt war und sauber: "Mir doch egal"
Dann noch zu hören: nun guck doch nicht so finster,
ihr seid als Gastgeber viel zu wenig für die persönlichen Problemkisten der Gäste da,
finde ich mies, daß du nicht bei meinem Vortrag warst,
nun laß doch mal los,
sei doch mal fröhlich
('Und das sagen die, die nicht helfen kamen', denke ich dann).
Irgendwann reicht's. (Wundert das wen?) und weil man ja nicht die Stimmung stören will, das wohlmeinend ratschlagende Lächeln nicht als Blitzableiter benutzen möchte - denn wem soll man vorwerfen, daß er halt auch keine Zeit hatte und sich jetzt, angesichts des Ortswechsels, seinen Streß zurücklassend, entspannt und abgelenkt fühlt? Ist ja gut so. Bleibt nur Roland, dem ich mein Herz ausschütte - der versteht's womöglich als Anklage und sieht die Zeit verrinnen, in der er gerade noch letzte Hände und Blicke an seinen Vortrag legen wollte - den Rest könnt Ihr Euch denken. Außerdem dämpft man die Stimme, denn was könnten die nebenan fröhlich singenden Gäste dafür.
Na, kennt einer die Situation nicht? Dann habt Ihr entweder noch nie Lapsus vorbereitet (in Eurem Zuhause) oder noch keine Beziehung gehabt oder beides oder Ihr habt den Stein der Weisen gefunden - Glückwunsch. Wer den Streß nicht versteht und mir nicht glaubt, soll sich doch mal selbst ein Bild machen in den nächsten Tagen. Hier, vor Ort natürlich.
Und zur besonderen Situation dieses Jahr: Da sich das Kind bei mir auch gedanklich in den Mittelpunkt eingewurzelt hat und mir durch die Hormone oder sonstwie trotz der Übelkeit viel Ausgeglichenheit beschert, nehme ich's sowieso cooler. Wir haben auch die Ansprüche runtergefahren, vereinfacht, wo es ging (da gab es sogar einige liebe Vorschläge von wohlmeinenden Lapsen), was bleibt, ist aber trotzdem: von 2 Vorbereitenden ist eine fast ständig im Ausfall, denn pausenlose Übelkeit ist keine Freude und motiviert sehr zum Herumsitzen und der andere rotiert ständig in auch doppelter Alltagsarbeit - der Lover entstand trotz Optimierung allen Alltagskrams wiedermal zum Großteil in 2 nicht nachgeholten Nächten. Zum Glück für den Garten ist Christiane hier oft der rettende Engel. Vielleicht wird jetzt einigen einiges nicht nur verständlicher.
Ich bin jedenfalls kein Roboter: Knopfdruck: Arbeiten: Knopfdruck: Gefühle: Knopfdruck: Fröhlichkeit: Knopfdruck: kühle Vernunft - ich bin ein Mensch, ich funktioniere nicht, sondern ich lebe!
Und den ewig Verständnislosen sei gesagt: denkt meinetwegen, was ihr wollt von mir, aber laßt mich in Ruhe! (falls es solche Leute überhaupt gibt)
Fazit: Wir machen's gerne, ich will Euch kein schlechtes Gewissen machen und macht bitte auch uns keine Vorwürfe. Laßt uns einfach Lapsus-Teilnehmer sein wie die anderen auch.
Und wenn wir ausgerechnet bei DEINEM tollen Vortrag durch Abwesenheit geglänzt haben: gönne uns doch, daß wir vielleicht die erste ungestörte, streßlose gemeinsame Stunde seit langem hatten - und wenn wir da noch Streßabbau betreiben mußten, schick uns doch lieber einige gütige Gedanken, damit wir schneller vom Frust ins Konstruktive kommen. Das wäre mir ein Herzenswunsch.
Ich beziehe mich hier jetzt auf die Erfahrungen des letzten oder sogar vorletzten Jahres. Vielleicht wird dies Jahr auch alles anders, und wir erwarten Euch von Donnerstag an schon ausgeruht und vorfreudig. Der Grundstreßpegel ist ja hier erfreulicherweise schon seit langem wieder aufs Normalmaß zurückgekehrt und wir arbeiten noch weiter daran - ich seh's auch an den ausbleibenden Allergiereaktionen und im Moment - 4 Wochen vor Lapsus - geht's hier noch so. Ist ja noch Zeit.
Ich wünsch' mir einfach Verständnis, will keine(n) verärgern. Na und jetzt, wo ich's mir von der Seele geschrieben habe, ist die Luft auch raus. Ich freu mich auf Lapsus und aufs Vorbereiten auch. Es macht mir Spaß. Ich werde in Gedanken viel bei dem Kleinen in meinem Bauch sein, das jetzt in diesen Tagen seine allerersten Bewegungen übt. Zu Lapsus wird es schon Fäustchen machen und die Stirn runzeln (wie Roli) und strampeln und ich werd' es noch nicht spüren, weil's dann erst 5-7 cm groß ist und wie ein kleiner Astronaut recht frei in seiner Fruchtblase schwebt. Und es wird indirekt über mich sein erstes Lapsus miterleben, wenn es wie in einer kleinen Sänfte von mir überallhin mitgetragen meine Gefühle spürt.
Froh gemut und im Moment fast übellos freut sich auf Euch Nathalie

P.S. Noch eines: Ich bin nicht automatisch Privattherapeut und persönlicher Tröster für mit ihrer Umwelt nicht klarkommenden Lapsoten - und werde trotzdem weiter herzlich einladen zu Lapsus - für mich besteht da kein Zusammenhang oder eine Verpflichtung. Bei 50 Leuten geht das doch wirklich nicht. - Was nicht heißt, daß man mich im Notfall nicht ansprechen kann. Dann aber bitte in der Situation und direkt. Als Ersatzblitzableiter stehe ich jedoch nicht zur Verfügung, schon gar nicht im nachträglichen Vorwurf, wenn die "richtige Adresse" sogar anwesend war!
(Der/Die Angesprochene weiß bescheid.)

Es war einmal... ein Jahrhundert

Teil 3: Ich will nicht wie mein Alter werden - Die 60er Jahre, oder:
Everybody Must Get Stoned

"Ihr lungert herum in Parks und Gassen / Wer kann Eure sinnlose Faulheit nur hassen? / Wir!"
(Freddy Quinn; "Wir", 1967)

"Sie haben unsere Narren eingesperrt, damit sie selbst als weise dastehen."
(Roy Harper, 1969)

Was bisher geschah: 1948 erschien Slim Whitmans "I'm Casting My Lasso Towards The Sky"; dieser Song sollte 1997 die Menschheit vor den "Mars Attacks!" bewahren. 1923 experimentierte Lloyd Loar als Erster mit einer elektrisch verstärkten Gitarre und in den späten 30ern benützte Les Paul bereits erfolgreich die E-Gitarre als Live-Instrument -- somit war alles anders, die Folgen daraus kennen wir alle. Die Musikwelt hatte sich neu zu orientieren. Mitte der 50er Jahre erfolgte in den Sun-Studios (Memphis, Tennessee) offiziell die Geburt einer neuen, stilprägenden Musik-Epoche namens Rock'n'Roll. Und: 1959 war das Geburtsjahr des vorläufig letzten Folk-Revivals: in Newport geboren, eben dort 1965 zu Grabe getragen. Somit sind wir mitten in den 60ern und bei einem Phänomen, mit dem die Folk-Puristen einige Zeit haderten -- dem Folk-Rock: "Ich saß da in diesem Cafe, schnippte mit den Fingern und sagte: Folk-Rock!" (Bob Dylan auf die Frage, wie Folk-Rock entstanden sei). Bevor es aber dazu kam, schien die Folk-Welt noch in Ordnung. Da standen sie auf der Bühne und spielten wie ehedem und immer die Traditionals ihrer Großmütter und -väter. Von Joan Baez, recht bald zur Folk-Queen erkoren, bis hin zu Pete Seeger -- die Namensliste ist kürzer als sie sein könnte: Martin Carthy, Leonard Cohen, Judy Collins, Donovan, Ramblin' Jack Elliot, Kingston Trio, Joni Mitchell, Maria Muldaur, Phil Ochs, Odetta, Peter, Paul & Mary, Dave Van Ronk, Eric Von Schmidt, Simon & Garfunkel, The Weavers u.v.v.m. In ihren Grundmauern erschüttert wurde die Folk-Scene, als ein halbwüchsiger, vor Selbstvertrauen strotzender Jüngling daherkam, der (angeblich) kaum Gitarre spielen konnte und dessen Gesang sich eher ungewöhnlich anhörte. Zudem versuchte er erst gar nicht, Note für Note nachzuspielen, sondern den Songs Individualität einzuhauchen. So einer hat uns gerade noch gefehlt -- wer weiß, wie oft dieser Satz (un)ausgesprochen in der Folk-Szene herumschwirrte. So mir nichts dir nichts begann er außerdem Songs zu schreiben -- ja, darf er denn das? Bob Dylan tat jedenfalls, was er tun musste und wir können eigentlich nur dankbar sein. Irgend jemand musste ja den Anfang machen. Bob Dylan war plötzlich begehrt -- nur John F. Kennedy war beliebter -- und wurde zum "Sprecher" einer ganzen Generation "gekürt", was ihm gar nicht recht war. Mit "Another Side Of Bob Dylan" stellte er die Puristen zum ersten Mal auf die Probe -- aber es war eben "Another Side" und akustisch -- Glück gehabt! Die darauffolgenden 3 Alben ("Bringing It All Back Home", "Highway 61", "Blonde On Blonde") und vor allem seine Auftritte beim Newport Folk Festival 1965 und seine Tour mit The Band lösten eine Kontroverse zwischen Publikum und Künstler aus, die ihresgleichen suchte. Dies kann man in unzähligen Büchern ausführlichst nachlesen -- und, was viel wichtiger ist, seit kurzem auch offiziell nachhören (Bob Dylan: "Live At The Albert Hall - Official Bootleg Series Vol.4"). Der Sound der 60er Jahre -- wir kennen ihn alle, aber es ist mehr ein Gefühl denn etwas (Be)greifbares. Auf unzähligen Platten dokumentiert, auf Vinyl trotz, und vermutlich sogar aufgrund tontechnischer Mängel intensiver nachvollziehbar als per Laser-Konserve, brachte uns dieses Jahrzehnt den grossen musikalischen Aufbruch in bis dahin undenkbare Klangwelten: Bob Dylan (akustisch und elektrisch), Van Morrison (mit und ohne Them), The Beatles (mit und ohne LSD), The Rolling Stones (mit und ohne Brian Jones), The Velvet Underground (mit und ohne Nico), The Doors (nur mit Jim Morrison) als Speerspitze des 60's Groove. Aber auch (heute noch) unbekanntere Gruppen wie "The Fugs", die in all ihrer Unberechenbarkeit diese Dekade zur wertvollsten der Pop-History werden ließen. Sie alle griffen wie selbstverständlich auf bereits Bestehendes zurück (s.a. Teil 1 & 2 dieser Serie), um etwas Neues zu schaffen. Die 60er waren auch das Jahrzehnt der großen Schatten -- Vietnamkrieg, Kalter Krieg, das unüberwundene Trauma der NS-Vergangenheit: Mauern wurden errichtet. Rassismus war beliebt wie immer. Protest entstand: "Remember the war against Franco?/ That's the kind where each of us belongs/ Though he may have won all the battles/ We had all the good songsè" -- zynisch spöttelnd wie bei Tom Lehrer oder mit unbeantwortbaren Fragen, deren Antworten der Wind transportiert; oder Solidarität wie jene in "We Shall Overcome", eine (mittlerweile fast vergessene) Hymne der 60er-Folkies. Allen Ginsberg prägte den Terminus "Flower Power", aber da waren die 60er schon fast vorüber: "...There was a time/ When the river was wide/ And the water came running down/ To the rising tide/ But the wooden ships/ Were just a hippie dream/.../ If you know what I meanè" wird Neil Young 1986 zu singen wissen. Am Ende der Dekade erschien noch mit Van Morrisons "Astral Weeks" eines der imponierendsten Klanggemälde, eine Mixtur aus Rock, Folk, Jazz und Blues -- eine Zusammenfassung dieser Zeit sozusagen, mittlerweile längst zum Mythos erklärt. Das Medium Schallplatte, meinte Jerry Garcia, begrenze Musik. Gut, dass es das Festival bei Woodstock (13.-15. August 1969) gab. Auch eine Erfahrung, die neu war und zugleich stolz machte: "...by the time we got to Woodstock/ we were half a million strong..." (Joni Mitchell, 1970). Aber die Träume, dass es so weitergehen könnte, zerplatzten. Die ersten (Drogen)-Opfer waren zu beklagen: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison; Dylan rettete sich, indem er eine Familie gründete, The Beatles lösten sich auf -- und so begannen die 70er eher desillusionierend...

Plattentips:
Tom Lehrer: "That Was The Year That Was" (1965) -- Satirischer Zynismus par excellence!
The Fugs: "First Album" ('65), Virgin Fugs: "For Adult Minds Only" (1965) und The Fugs: "The Fugs" (1966; alle Base Records - ESP Folk Archive Recordings 1018, 1028, 1038) Tuli Kupferberg, Ed Sanders und Ken Weaver, The Fugs eben, waren bewusst radikaler, dafür weniger musikalisch als Zappas Mothers Of Invention, deren Alben -- neben weiteren -- ebenso in jedem Plattenschrank zu finden sein sollen:
Mothers Of Invention: "Freak Out!" (1966) und "We're Only In It For The Money" ('68)
Roy Harper: "The Sophisticated Beggar" ('67; Strike JHL 105) & "Folkjokeopus"  ('69; Liberty)
Live eine Sensation, im Studio meistens gescheitert:
Grateful Dead: "Workingman's Dead" ist die löbliche Ausnahme. Das Album erschien zwar erst im Mai 1970, besitzt jedoch das Feeling und den Sound der 60er Jahre.
Johnny Cash: "At Folsom Prison" (1968, aktuell wiederveröffentlicht) und "At San Quentin" (1969) -- Outlaw-Country-Rock at its best
The Band: "Music From Big Pink" (1968; Capitol) sowie
Bob Dylan & The Band: "The Basement Tapes" (1967 aufgenommen, erschienen 1975, Columbia/Sony)
Amerika mag groß sein, aber diese Musik ist noch um einiges vielfältiger, mythisch und inspirierend:
Van Morrison: "Astral Weeks" (Warner 1968).
Ebenfalls aus GB:
Fairport Convention: zumindest "Unhalfbricking" (Hannibal 1969)
Sandy Denny & The Strawbs (Hannibal 1967, erschienen 1973).

Und sonst? "...take what you need, you think will last / But whatever you wish to keep, you better grab it fast..."

[(c) 1999-2000 Manfred Horak. Alle Rechte vorbehalten. Erschienen bei "Der Schallplattenmann sagt" #181. Teil 4 und 5 folgen in LOver 27.
(http://www.schallplattenmann.de/suchen.shtml?q=es+war+einmal)]

Im Bärenzwinger dem Affen Zucker geben

Am 16. März spielte Elliott Murphy mit seinem französischen Partner Olivier Durand im Dresdner Bärenzwinger. Im Gepäck das neue Studioalbum Rainy Season, das wiederum allerbeste Kritiken erfährt (die vollkommen deplazierte und musikalisch und sachlich unrichtige 2 Sterne - Besprechung im "Rolling Stone" (Heft 3/99, S. 89) mal außen vor.). Für schlappe 12 Marx konnte ich mir selbst ein Urteil bilden: dieser Mann hat's drauf. Und er selbst findet die Beschreibung für sich in einem der vielen netten Statements zwischen den heftig geklampften Songs: 'Als ich 16 war, wollte ich viel rumkommen und Musik machen, scheint so, als hätte ich's geschafft...' Beide boten dem Publikum ein Liveerlebnis, bei dem man das Schlagwerk und den Bass nie vermißte.
Aquashow, Elliott Murphy's Debütalbum, wurde im November 1973 auf Polydor veröffentlicht. Außergewöhnliche Reaktionen folgten auf dem Fuß, und Artikel erschienen in Rolling Stone, Newsweek, The New Yorker und anderswo. Seine Musik wurde sowohl im Fernsehen als auch im Radio gespielt, und er wurde zum neuen Dylan gekrönt, zum neuen Lou Reed und zum F. Scott Fitzgerald des Rock'n'Roll. Aber wie so vielen neuen und echten Künstlern vergaßen die Medien, ihn so zu sehen, wie er war - als Elliott Murphy, und nicht wie irgendjemand. Was er war - und nach mehr als 25 Jahren noch immer ist - ist ein außergewöhnlicher Songwriter, ein aggressiver Sänger und ein talentierter Gitarrist; ein aufopfernder Musiker, immer "on the road", der zu seiner eigenen musikalischen Vision seit nunmehr 17 Alben steht.
Die mittlerweile zu Klassikern gewordenen Alben Lost Generation und Night Lights auf RCA folgten 1975 und 1976, Just A Story From America auf Columbia im Jahre 1977. 1980 veröffentlichte Murphy die 6-Song-EP Affairs auf seinem eigenen Label und begann, regelmäßig in Europa auf Tour zu gehen.
"Ich wußte nicht, ob mich überhaupt jemand kannte," sagt er rückblickend, "bis ich in Paris mein erstes Konzert gab und sechs Zugaben geben mußte." Weitere Alben folgten: Murph The Surf (1982) , Party Girls/Broken Poets (1984 - nominiert für einen New York Music Award) und 1986 das wuchtige Milwaukee, produziert vom ex-Talking Head Jerry Harrison, gefolgt von Change Will Come und 1989 von einem langerwarteten Livealbum, Hot Point, mit "special guest" Chris Spedding an der Leadgitarre.
Nachdem er 1990 nach Paris gezogen war, veröffentlichte Murphy die sehr persönliche 24-Song-CD 12 (erschienen in den USA unter dem Titel Unreal City). Ständiges Interesse an seinen früheren Werken sorgten für insgesamt drei Best-Of-Compilations, Paris/New York, Diamonds By The Yard und erst kürzlich Going Through Something (78-92). Selling The Gold aus dem Jahr 1995 sah Murphy mit einem beeindruckenden neuen Team an Musikern: Andy Newmark (Roxy Music) am Schlagzeug; Chucho Merchan (Eurythmics) am Bass; Luis Jardim (Rolling Stones) an den Percussioninstrumenten und ganz speziellen Gästen wie Bruce Springsteen oder The Violent Femmes.
Sein neuestes Album Beauregard markiert eine Rückkehr zu einem intimeren akustischen Sound und einer Band mit akustischen Gitarren, Bass, Mandoline, Violine und Schlagzeug. Es ist sein bisher provokativstes und lyrischstes Album, was Story-Songs wie "Sonny", "Small Room" und "Somebodies Anniversaries" oder das radiofreundliche "Hard-Core" bestens demonstrieren. "Literatur ist meine Religion," sagte Murphy kürzlich in einer TV-Show, "aber Rock'n'Roll ist meine Sucht." Der kristallklare Sound des Albums, mit ein Verdienst des neuartigen HDCD-Masterings, orientiert sich vor allem auf Murphy's unglaublich ausdrucksstarke Stimme, die sich im Laufe der Zeit nur in Charakter, Tiefe und Nuance verändert hat. Sowohl die langjährigen Fans als auch die "Neueinsteiger" in die Welt des Elliott Murphy werden Beauregard als ein vielschichtiges Werk anerkennen, welches zweifellos wiederholtes Anhören verdient.
Heute lebt Elliott Murphy zusammen mit seiner Frau Francoise und seinem jungen Sohn Gaspard in Paris. Er tourt regelmäßig sowohl solo als auch mit Band, und neben seinem eindrucksvollen musikalischen Schaffen hat er Kurzgeschichten und einen Roman (Cold and Electric) in verschiedenen Sprachen veröffentlicht. Er schrieb die klassischen Liner Notes zum "69 Live"-Album von Velvet Underground, spielte eine kleine Rolle im Fellini-Film "Roma" und ist zweifellos eine der bemerkenswertesten Gestalten des Rock'n'Roll - and the story goes on...

Hörempfehlung
Going Through Something: Best Of Elliott Murphy 1978-1991 (Blue Rose CD0048)
16 Stücke (über 74 Minuten Musik) von einem der außergewöhnlichsten Songwriter unserer Zeit, die die Jahre 1978 bis 1991 einschließen. Dabei sind Songs aus den Alben "Affairs", "Murph The Surf", "Milwaukee", "Party Girls/Broken Poets", "Change Will Come", "Après le Déluge", "12 and If Poets Were King".
Enthält ein 20-Seiten-Booklet mit allen Texten, Anmerkungen von Elliott sowie viele Fotos.
Trackliste: 1. Going Through Something (Don't Know What It Is), 2. Change Will Come, 3. Continental Kinda Girl, 4. Party Girls And Broken Poets, 5. You're Gonna Chase Love Away, 6. Veronique The Actress, 7. The Fall Of Saigon, 8. It Feels Like, 9. (And That's Called) Insanity, 10. Out For The Killing, 11. Winners, Losers, Beggars, Choosers, 12. 'Cause I Saw You, 13. Running Around, 14. The Eyes Of The Children Of Maria, 15. If Poets Were King, 16. The Loser

Klassische Filmzitate

"Ist das ein Hase in deiner Tasche, oder freust du dich nur, mich zu sehen?"
Dolores in "Falsches Spiel mit Roger Rabbit"

"Ich hatte noch nie so viel Spaß, ohne zu lachen."
Woody Allen nach dem Sex in "Der Stadtneurotiker"

Er: "Liebchen, äh Sweetheart, what watch?"
Sie: "Ten watch."
Er: "Such much?"
Älteres Emigrantenpaar in "Casablanca"

"Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte und mir ein Talent wünschen dürfte, dann wäre ich sehr gerne Musiker. Musik gefällt mir mehr als alles andere. Es ist die Kunst, die am meisten Vergnügen bereitet. Sie ist am wenigsten intellektuell und am meisten emotional. Es gibt nichts Vergleichbares."
Woody Allen auf die Frage "Sind Sie unglücklich in Ihrem Beruf?" in einem Interview zu seinem aktuellen Film "Sweet And Lowdown" (UNICUM 4/0).

FATA MORGANA

Der Klang
Solang der Klang mich tragen wird
Zu anderem Sand, der mich verschlingen kann
Solang mein Schatten die nächste Kreuzung erreicht
Mich zurücklassend - starrend auf den Mond

La la la la

Hängende Gärten
Ein dunstiger Horizont schließt
Den Vorhang zu unserer vollendeten Bühne
Ich stolperte, etwas verdreht
Gräßlich landet der Vogel mir zu Füßen

Welches all der anderen Gesichter kann es sein
Wo von allen anderen Plätze soll es sein
Lachend und hustend
Hustend und lachend
In den hängenden Gärten von Semiramis

Deine Stimme
Deine Stimme trägt meine Stimme vor
Deine Stimme trägt meine Stimme vor
Bin ich das Ziel, das deiner Wahl näher kommt?
Eine natürliche Vertrautheit liegt in deiner Stimme Ton

Oh no no no no no no no no

Ich werde sieben sein
Ich
Ich werde sieben sein
Wenn wir uns im Himmel seh'n

Do do do do do do do do do do do...

Du vergißt zu antworten
Wenn ich mich erinnere, was zu sagen ist
Wirst du mich erneut erkennen
Und du vergißt zu antworten,
Oh oh oh, oh oh oh oh
Du scheinst nicht zu lauschen
Die Flut nimmt alles
Und du vergißt zu antworten,
Oh oh oh, oh oh oh oh

Texte: Nico - vom Live-Album FATA MORGANA
Aufführung zu LAPSUS LIVE 2000

Über die Liebe

Aus: Der Sinn des Schaffens, 9. Kap. von Nikolai Berdjajew
Ausgesucht von Regina

Die Liebe ist weder Ordnung des Sexualaktes zwecks Kindererzeugung und sozialer Wohlfahrt der Gattung, noch asketische Verneinung jeglichen Geschlechtslebens, noch endlich hemmungslose Entfesselung des sexualen Aktes.
+
In der Liebe ist ein aristokratisches und schöpferisches, ein tief individuelles, nicht kanonisches, nicht normatives Etwas enthalten; sie ist dem durchschnittlichen Gattungsbewußtsein nicht zugänglich. Die Liebe liegt bereits in irgendeinem anderen Seinsplane, nicht in jenem, in dem das Menschengeschlecht lebt und sich einrichtet. Die Liebe liegt außerhalb des Menschengeschlechts und geht über das Bewußtsein des Menschgeschlechts hinaus. Die Liebe ist der Menschenart, der Perspektive ihrer Fortpflanzung und ihrer Einrichtung nicht vonnöten. Sie bleibt irgendwo abseits. Sexuelle Unzucht ist der Menschenart näher und verständlicher als Liebe, ist ihr in gewissem Sinne annehmbarer und sogar weniger gefährlich. Mit der Unzucht kann man sich in der "Welt" einrichten, man kann sie begrenzen und ordnen. Mit der Liebe kann man sich nicht einrichten, und sie läßt sich gar keiner Ordnung subsumieren. In der Liebe ist keine Perspektive auf ein in dieser "Welt" wohleingerichtetes Leben enthalten.
+
Die Liebe verheißt den Liebenden Untergang in dieser Welt, nicht aber Einrichtung des Lebens. Und das Größte an der Liebe, das, was ihre geheimnisvolle Heiligkeit bewahrt, ist der Verzicht auf jede Lebensperspektive, ist das Opfer des Lebens. Dieses Opfer verlangt jedes Schaffen; Opfer verlangt auch die schöpferische Liebe. Wohlfahrt im Leben, familienhafte Wohlfahrt ist das Grab der Liebe. Der durch das Opfer bedingte Untergang im Leben prägt auch der Liebe das Siegel der Ewigkeit auf. Die Liebe ist enger, intimer, tiefer mit dem Tode verbunden als mit der Geburt, und diese Verbindung, die von den Dichtern der Liebe erschaut worden ist, ist das Unterpfand ihrer Ewigkeit.
+
In der Liebe macht sich nichts Wirtschaftliches, auch keine Sorge geltend. Und diese Freiheit wird nur durch Opferbereitschaft erkauft. Die Freiheit der Liebe ist eine Himmelswahrheit. Man macht aus der Freiheit der Liebe aber auch eine vulgäre Wahrheit. Vulgär ist jene Freiheit der Liebe, die vor allen Dingen am sexuellen Akte interessiert ist. Das ist nicht Freiheit, sondern Knechtschaft der Liebe; das ist jedem Aufstieg des Geschlechts, jedem Aufflug der Liebe, jedem Siege über die Schwere des natürlichen Geschlechts feindlich. In der Liebe herrscht ein ekstatisch-orgiastisches, nicht aber ein natürlich-gattunghaftes Element. Die orgiastische Ekstase der Liebe ist übernatürlich; in ihr öffnet sich ein Ausweg in die andere Welt.
Im schöpferischen Liebesakt erschließt sich das schöpferische Mysterium der geliebten Person. Der Liebende erschaut den Geliebten durch die Hülle der natürlichn Welt, durch die Rinde, die jede Person umschließt, hindurch. Die Liebe ist der Weg zur Erschließung des Mysteriums der Person, zur Aufnahme der Person in der Tiefe ihres Seins. Der Liebende weiß von der Person des Geliebten, was die ganze Welt nicht weiß, und der Liebende hat stets richtiger gesehen, als die ganze Welt. Nur der Liebende nimmt die Persönlichkeit wahrhaft auf, nur er enträtselt ihre Genialität. Wir alle - die Nicht-Liebenden - kennen nur die Oberfläche der Person, kennen ihr letztes Mysterium nicht.
+
Nicht in der Gattung, nicht durch den sexuellen Akt vollzieht sich die Liebesvereinigung, die ein anderes, neues Leben, das ewige Leben der Person erschafft. In Gott trifft der Liebende mit dem Geliebten zusammen, in Gott schaut er die geliebte Person. In der natürlichen Welt trennen sich die Liebenden voneinander. Die Natur der Liebe ist kosmisch, überindividuell. Das Mysterium der Liebe läßt sich im Lichte der individuellen Psychologie nicht erfassen. Die Liebe macht der kosmischen Weltenhierarchie teilhaft; sie vereinigt kosmisch im androgynen Bilde jene, die in der natürlichen Ordnung auseinandergerissen waren. Die Liebe ist der Weg, auf welchem jeder in sich selber den androgynen Menschen erschließt. In der wahren Liebe kann es keine Willkür geben, - in ihr ist Sortenbestimmung und Berufung. Die Welt vermag aber das Mysterium der Zwei, das Ehemysterium nicht zu beurteilen, - in ihm ist nichts Soziales enthalten. Das wahre Mysterium der Ehe wird nur von wenigen erreicht und nur für wenige ist es da, es ist aristokratisch und setzt Erwählung voraus.
+
Die wahre Liebe ist schöpferischer Durchbruch in eine andere Welt, ist Überwindung der Notwendigkeit, und jene, die auch die Liebe in Gehorsam verwandeln wollen, wissen nicht, was sie tun. Das bedeutet ja, daß die Freiheit in Notwendigkeit, das Schaffen in Anpassung, der Berg in eine Ebene verwandelt werden soll. Die Liebe ist ein Gipfelriese; sie hat nichts mit der Ebene zu tun; jene, die eine Anpassung an die Ebene des Lebens einrichten wollen, haben nicht das mindeste mit der Liebe gemein. Die Liebe läßt sich nicht in der Ebene festhalten; dort stirbt sie ab und verwandelt sich in ein anderes. Die Liebe ist nicht Bewohnerin der Ebene des Lebens. In der Liebe ist nichts Statisches enthalten; sie richtet nichts ein. Die Liebe ist ein Flug, der jedes Sich-einrichten-wollen zertrümmert.
+
Ist der geheimnisvolle Zusammenhang zwischen Liebe und Androgyneität hinreichend klar? Aus diesem Zusammenhang heraus erschließt sich der endgültige Sinn der Liebe. Androgyneität ist eben die endgültige Vereinigung vom Männlichen und Weiblichen im höchsten, gottähnlichen Sein, ist endgültige Überwindung von Zerfall und Zwist, Wiederherstellung der Gottebenbildlichkeit im Menschen. Die Liebe ist Rückerstattung der verlorengegangenen Jungfrau Sophia an den Menschen. Durch die Liebe vereinigt sich die entfremdete weibliche Natur aufs Neue mit der Natur des Mannes, durch sie wird die Ganzheit der menschlichen Gestalt wiederhergestellt. Und in der Liebe ist diese Wiedervereinigung immer mit der Person des Menschen, mit der Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit der Person verbunden. Darum ist die Liebe ein Aufstieg des gefallenen Menschen zur Gottebenbildlichkeit. In der Erotik findet Erlösung des Menschen von der geschlechtlichen Sünde statt, eine verwirklichte und ins Schöpfertum übergehende Erlösung. Die Sünde des gefallenen Geschlechts wird negativ durch die Askese und schöpferisch-positiv durch die Liebe überwunden. Die natürliche, wenn auch verzerrte Bisexualität jedes menschlichen Wesens erhält in der Androgyneität ihren übernatürlichen, mystischen Sinn. In der Androgyneität verwirklicht sich die gegenseitige Durchdringung aller Zellen der männlichen und weiblichen Natur, d.h. es findet allerletzte, entgültige Verschmelzung statt. Jede Zelle des menschlichen Wesens ist androgynisch, trägt den Abglanz der göttlichen Natur in sich. Und die Vereinigung vom Männlichen Weiblichen muß tief, nicht oberflächlich sein. Das entgültige Mysterium des androgynen Seins wird in den Grenzen dieser Welt nie völlig enträtselt werden. Aber die Erfahrung der erotischen Liebe macht dieses Mysteriums teilhaft. Der Zusammenhang der erotischen Liebe mit der Androgyneität ist ja gerade deren Zusammenhang mit der Persönlichkeit. Denn in Wahrheit - jede Persönlichkeit ist androgyn. In der Liebe soll sich nicht das Mysterium des Weiblichen und nicht das Mysterium des Männlichen, sondern das Mysterium des Menschen erschließen. Aber auf dem Wege zur Erschließung dieses Mysteriums ist der revolutionäre Umsturz der Familie ebensosehr eine Lüge, wie der revolutionäre Umsturz des Staates Lüge ist. Das Gesetz muß erfüllet sein, es gibt aber eine Welt,die über dem Gesetze steht. Ebenso unauflösbar ist die Erotik mit dem Schaffen verbunden. Die erotische Energie ist die ewige Quelle des Schöpfertums. Und die erotische Vereinigung findet um des schöpferischen Aufstieges willen statt. Ebenso unauflöslich ist die Erotik mit der Schönheit verbunden. Die erotische Erschütterung ist der Weg der Erschließung der Schönheit in der Welt.

Notmangel

The Cure

Immer will ich mehr
Irgend etwas das ich nicht habe
Alles mögliche
Ich möchte alles
Ich kann halt kein Ende finden
Verplane alle meine Tage
Aber nie finde ich einen Weg mal irgendwo zu bleiben
Oder jemals für den Tag genug zu haben
Morgen muß es schon mehr sein
Zu trinken mehr Träume mehr Betten mehr Pillen
Mehr Lust mehr Lügen mehr Verstand mehr Liebe
Mehr Sorgen mehr Spaß mehr Schmerzen mehr Fleisch
Mehr Sterne mehr Lächeln mehr Ruhm mehr Sex
Doch wie ich auch geiere
Ich weiß da tief unten in mir:
Ich werde wirklich niemals mehr Hoffnung kriegen
Oder noch mehr Zeit
Noch mehr Zeit
Noch mehr Zeit
Noch mehr Zeit

Ich will den Himmel um reinzufallen
Ich will Blitze und Donner
Ich will Blut statt Regen
Ich will die Welt zum Staunen
Ich will auf Wasser gehen
Einen Tripp zum Mond
Gib mir das alles und gib es mir schnell
Mehr Drinks mehr Träume mehr Drogen
Mehr Lust mehr Lügen mehr Liebe
Doch wie ich auch geiere
Ich weiß da tief unten in mir:
Ich werde wirklich niemals mehr Hoffnung kriegen
Oder noch mehr Zeit
Noch mehr Zeit
Noch mehr Zeit
Noch mehr Zeit

(1996, übersetzt von Roland)

Notizen

zu Ken Wilbers Wahrem, Schönem, Gutem
In starker Anlehnung an Nikolai Berdjajew

(Die aktuelle und vollständig überarbeitete Version von "Notizen zu Ken Wilber" ist unter dem folgenden Link zu finden:
http://dirkhuebner66.de/wilberberdjajew.htm)

Vorabbemerkung

In meiner Auseinandersetzung beziehe ich mich auf Ken Wilbers Buch: Das Wahre, Schöne, Gute; deutsche Ausgabe, herausgegeben in Frankfurt am Main, Wolfgang Krüger Verlag, 1999. Alle Zitate aus diesem Buch werde ich durch Anführungsstriche kennzeichnen, in Klammern gebe ich die entsprechenden Seiten an. Alle Zitate aus anderen Büchern, falls ich diese für notwendig erachte, werde ich vollständig an Ort und Stelle angeben.
Ich habe Wilbers Buch unter dem religionsphilosophischen Gesichtspunkt Nikolai Berdjajews gelesen. Ob ich Berdjajews Gedanken völlig gerecht werde, muß ich selber stark bezweifeln. Berdjajews Werk ist zu umfangreich und komplex, um zu behaupten, genau in seinem Sinne z.B. Wilbers Buch beurteilen zu können. Darüber hinaus sind unter anderem meine allgemeinen philosophischen Kenntnisse arg begrenzt.
Für mich stellt das Werk Nikolai Berdjajews die größte Entdeckung dar, die ich in philosophischer Hinsicht bisher machen konnte. Ich fühle mich durch Berdjajews Werk in einer philosophischen Denkrichtung bestärkt, die auf unvergleichlich umfassende Weise mein Herz anspricht, worauf es mir persönlich immer am meisten ankommt. Berdjajews Sprache ist die Sprache der Klarheit, die vom GEISTE her erschaffen wird. Seine Gedanken sind auf wunderbare Art mit der Tiefe seiner Persönlichkeit, der Persönlichkeit überhaupt verwoben und schweben nicht irgendwo "kunstvoll" im Raum umher. Und die Persönlichkeit war für Berdjajew die eigentlichste und wahrhaftigste Stätte Gottes, dem er seine ganz persönliche, göttlich freie und unverwechselbare Antwort gab. Und aus seiner göttlichen Persönlichkeit heraus schuf er sein Werk.
Wie gesagt, ich werde Nikolai Berdjajew bestimmt nicht gerecht werden! Letzten Endes kommt es jedoch darauf an, daß jeder Mensch erneut aus den Tiefen seiner Persönlichkeit in einem schöpferischen Prozeß der göttlichen Wahrheit überall zur Wirklichkeit verhilft. Und auf diese Weise kann jeder wahrhaft allem schöpferisch gerecht werden.

1

"Meine Gedanken werden richtig verstanden, wenn sie dynamisch aufgefaßt werden. Jede statische Auffassung wird falsch sein. Mich interessiert nur das Schicksal der menschlichen Gesellschaft in der Bewegung" (Berdjajew,N.: Das Neue Mittelalter, Otto Reichl Verlag Tübingen, 1950, Vorwort des Verfassers).
Ich möchte mit diesem vorangestellten Zitat nur eine der wesentlichsten philosophischen Herangehensweisen Berdjajews andeuten. Er hat konsequent die Dynamik des GEISTES behauptet und so, ausgehend von Ihm, auf eine für mich geniale Weise einen beziehungs- und sinnreichen Bogen zu unserem ganzen Leben spannen können. Bewegung ist, wenn man das überhaupt so sagen kann, die Essenz in Berdjajews Philosophie. Ausgehend davon werde ich mich nun auf das oben genannte Buch von Ken Wilber konzentrieren.
Wilber ist ein systematisch-analytischer Denker und erzeugt in seinen Darstellungen eine große Übersichtlichkeit. Dies ist unzweifelbar von großem Vorteil. Er möchte unter anderem eine Theorie entwickeln, die uns sozusagen als ein Werkzeug auf unserem Weg zu den sogenannten höheren Bewußtseinsstufen behilflich sein soll, um letzten Endes den Sprung in den transzendentalen GEIST  schaffen zu können. Es ist eine Theorie, und darauf legt Wilber besonderen Wert, die nicht aus rein analytisch-wissenschaftlichen Erwägungen, sondern aus einer Art Meditation, Paradigma oder Wesensschau heraus in der anschließend gemeinschaftlichen Auseinandersetzung erstellt wird. Abgesehen davon, daß eine Theorie immer viele Gefahren in sich birgt hinsichtlich ihres Hanges zum Dogmatismus, würde ich sie als Orientierungshilfe grundsätzlich begrüßen - z.B. als eine integrale Philosophie, was immer man darunter auch verstehen mag. Es kommt darauf an, daß eine Theorie immer nur einen relativen Wert besitzt und nicht zur absoluten Größe erhoben wird, die genau das Gegenteil bewirken würde - Oberfläche statt Tiefe, Leblosigkeit statt Lebendigkeit. Aber auf diese Aspekte komme ich später noch einmal zurück, wenn es um die sogenannte Transzendentale Meditation geht.
Als Grundgerüst einer Theorie sind sogenannte Grundaussagen bzw. Prämissen unverzichtbar. Das folgende Zitat enthält einige wenige davon hinsichtlich des GEISTES. Ich werde anschließend einige erste Behauptungen diesem Zitat entgegenstellen und hoffe, daß im Verlaufe weiterer Darlegungen meine Sichtweise verständlich wird.
"In diesem Sinne ist der GEIST der Gipfelpunkt des Seins, die oberste Sprosse auf der Leiter der Evolution. Zugleich gilt aber auch, daß der GEIST das Holz ist, aus dem die ganze Leiter und alle ihre Sprossen gemacht sind. Der GEIST ist die Soheit, die Seinsheit, die Essenz von allem Seienden.
Der erste Aspekt, derjenige der obersten Sprosse, steht für die transzendentale Natur des GEISTES, die über alles 'Weltliche', Geschöpfliche und Endliche hinausgeht. Selbst wenn man die ganze Erde oder auch das Universum zerstören würde, würde der GEIST bleiben. Der zweite Aspekt, der in die Analogie des Leiterholzes gekleidet ist, steht für die immanente Natur des GEISTES: der GEIST ist unparteiisch gleichermaßen und vollständig in allen manifesten Dingen und Ereignissen vorhanden, in der Natur, in der Kultur, im Himmel und auf der Erde. Aus diesem Blickwinkel ist keine Erscheinung dem GEIST näher als irgendeine andere, denn alles ist gleichermaßen 'aus GEIST gemacht'. Der GEIST ist also sowohl das höchste Ziel aller Entwicklung und Evolution als auch der Grund der ganzen Abfolge, am Anfang so gegenwärtig wie am Ende. Der GEIST ist vor dieser Welt, aber nicht jenseits von ihr.
Daß diese beiden paradoxen Aspekte des GEISTES oft nicht berücksichtigt wurden, hat historisch zu einigen erheblich verzerrten (und politisch gefährlichen) Auffassungen vom GEIST geführt. Traditionell haben die patriarchalen Religionen die transzendente Natur des GEISTES eher überbetont und damit die Erde, die Natur, den Körper und die Frauen zu einem minderwertigen Status verdammt. Davor haben die matriarchalen Religionen die immanente Natur des GEISTES in den Vordergrund gerückt, und die daraus entstehende pantheistische Weltsicht setzte die endliche und geschaffene Erde mit dem unendlichen und ungeschaffenen GEIST gleich. Es ist jedem erlaubt, sich mit einer endlichen und begrenzten Erde zu identifizieren, aber es ist nicht erlaubt, sie unendlich und unbegrenzt zu nennen." (S. 83)
Obwohl ich das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen habe, kommen hier unabhängig davon zunächst einmal ein paar ganz wesentliche Ansatzpunkte Wilbers zum Ausdruck, die ich persönlich für problematisch halte.
Wilber behauptet den ewig ungeschaffenen GEIST, der auch vorhanden ist, wenn die Erde oder auch das Universum zerstört werden würden. Der GEIST ist für ihn das grundlegende Mysterium und bleibt, wie Er ist, ewig da. Er ist die Essenz des Seienden überhaupt und ruht in allem, sofern es nicht zerstört worden ist - dann aber ist der GEIST ganz auf sich selbst angewiesen, wie auch immer. Hier jedoch fängt es für mich erst an, interessant zu werden. Wie kommt es, daß ein bereits in sich selbst vollständiger GEIST soetwas wie die Erde oder das Universum, die etwas Niederes darstellen, hervorruft bzw. wahrzunehmen bereit ist? Oder anders gefragt: Ist die Erde und das Universum bereits soviel GEIST, das sie eigentlich nur eine Täuschung oder Illusion sind, um die man sich letzten Endes keine Gedanken machen sollte, und sofern man sich dennoch Gedanken um sie macht, dem GEIST nicht gerecht werden kann? Die Frage, die mich am meisten interessiert, ist die Frage nach dem Sinn von allem! Und unter diesem Aspekt kann man den GEIST nicht einfach nur als überall gegenwärtig behaupten und mehr nicht. Dieser GEIST ist sinnlos. Wir müssen die Frage nach dem GEIST mit der Frage nach dem Sinn verbinden. Der GEIST ist für mich vor allem eine, sagen wir, Sinn-heit. Die Soheit des GEISTES ist nur im NICHTS als die Leerheit möglich. Sie steht für sich allein, und in ihr ist der GEIST ungeschaffen. Der GEIST ist vor dieser Welt in das NICHTS eingefaltet, das man meinetwegen auch als eine zustandslose Leerheit bezeichnen kann, aber jenseits von ihr ist der GEIST die erfüllte, die durch diese Welt gegangene, die sie allumfassende Liebe. Und erst aus dieser Liebe heraus sind wir Menschen zur Wahrheit an sich fähig. Der GEIST ist dieser Welt im tiefsten Sinne immanent. Aber er ist auch das so völlig vom Diesseitigen verschiedene jenseitige, transzendente Prinzip als das Sinngebende überhaupt.
Für Wilber liegt die Schwierigkeit des Problems meines Erachtens darin, daß er keine weitere Aussage zum GEIST als eine für ihn zustandslose Leerheit bzw. unqualifizierbare, unhinterfragbare Einheit machen will und somit in Erklärungsnot gerät, wenn es um die tiefen Beziehungen geht, die sich zwischen dem GEIST und der manifesten Welt und der Welt der Ereignisse vollziehen. Dazu reicht es auch nicht aus, wenn Wilber an anderer Stelle die Begriffe von Eros (Liebe zum Höheren) und Agape (Liebe, Mitleid zum Niederen) mit heranzieht. Denn die Liebe von Eros und von Agape lösen sich beide in der zustandslosen Leerheit auf. Was diesen GEIST noch bewegen kann, bleibt ein Rätsel, aber er soll ja auch der Bewegung abhold sein. Woher eigentlich Eros und Agape ihre Kraft nehmen, wird aus einem zustandslosen GEIST heraus nicht klar. Sie tauchen in unserer Welt auf und verschwinden im GEIST und mit ihnen die Liebe.
Geht man jedoch davon aus, daß GEIST vor allem auch FREIHEIT ist, stellt sich dieses Problem schon ganz anders dar, da diese FREIHEIT das beziehungsfähige, dynamische Prinzip in Vollkommenheit ist. Am Anfang jedoch ist der GEIST NICHTS. Der GEIST ist im NICHTS ungeschaffen, d.h., im NICHTS existiert kein sinnvoller GEIST. Im NICHTS existiert ausschließlich die Freiheit in einem vorseienden Stadium. Oder anders gesagt: Im NICHTS ist der GEIST ausschließlich als unendlich "sinnlose" Freiheit existent. Diese "Sinnlosigkeit" darf man in diesem Zusammenhang nicht mit irgendeiner Art Sinnlosigkeit auf "dieser Welt" gleichsetzen. Die jenseitige "Sinnlosigkeit" ist der mystische Grund an sich und entzieht sich jeglicher Wertung. Nach Berdjajew existiert eine dunkle, irrationale Freiheit, die sinngemäß dem Menschen immer wieder zum Verhängnis werden kann, wenn er nicht im Stande ist, sie liebend zu vergeistigen. Berdjajew sagt: "Der Geist ist die Freiheit, die eine Gewähr für den Triumph des Sinnes bietet. Die Geistigkeit ist eben jene Kraft, die die Freiheit verklärt und den Sinn in sie eindringen läßt. Die Geistigkeit ist auch die Vereinigung der Freiheit mit der Liebe" (Geist und Wirklichkeit, Heliand Verlag Lüneburg, 1949). Im NICHTS existiert eine irrationale Freiheit - bar jeglichen Sinns. Sobald diese Freiheit jedoch in Erscheinung tritt, beginnt unmittelbar ein diesseitiges Ringen zwischen dem Bösen und dem Guten, das der manifesten Welt der Notwendigkeiten, der Gesetze immanent ist. Am Anfang ist das Böse übermächtig, welches zur Sinnlosigkeit drängt. Das Gute steht für den Sinn. Es gibt jedoch kein absolutes Böses oder Gutes im Sinne "dieser Welt". In "dieser Welt" sind das Böse und Gute immer nur relativ und können sich auch in ihr Gegenteil verkehren, worauf ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen möchte.
Aber warum tritt die Freiheit überhaupt in Erscheinung? Als bewegte Freiheit ist es ihr Schicksal! Die absolute Bewegung, und das ist die grundlegendste Eigenschaft der Freiheit, kann niemals in einem  vorseienden NICHTS verharren und stößt immer wieder in die manifeste Welt vor, in der sie wiederum vom Sinn her ergriffen wird, in der sie nicht ohne Sinn existieren kann, den sie selbst hervorbringt. Ich behaupte, daß es einen zeitlichen und einen zeitlosen Prozeß, daß es eine unvollständige, begrenzte Bewegung in der Zeit und eine vollständige, absolute Bewegung außerhalb der Zeit zur Fülle hin gibt, deren existentielle Realität erst der Gottmensch in der allumfassenden Liebe bewußt wahrnehmen kann. Die zeitlose Bewegung ist der zeitlich begrenzten Bewegung nicht nachgeordnet. Beide Bewegungen stehen in unmittelbarer Beziehung zueinander, und die eine ist auf die andere angewiesen! Die zeitlich begrenzte Bewegung ist vollständig äußerlich, dagegen ist nur die zeitlose Bewegung in der Lage, von innen heraus über die inneren Grenzen hinweg in Beziehung zur Zeit zu treten. Darauf bezogen können wir den in der Seele wirkenden zeitlos bewegten GEIST intuitiv wahrnehmen. Er überschreitet die Grenzen zum Diesseits und offenbart sich in unserem Denken und unserer Vernunft als wahrhaftig sinnvoll und schöpferisch. Aber das Denken und die Vernunft können dem äußeren Determinismus anheimfallen, werden sie vom geistigen Herzen abgetrennt. Die Freiheit kann nur in der Zeit zur Ewigkeit (als zeitloser Prozeß) gelangen. Die Ewigkeit tritt nicht nach, sondern in der Zeit augenblicklich in Erscheinung als unermeßliche, dynamisch vollständige und deshalb ewig neue Freiheit. Und diese Freiheit ist in der jenseitigen Liebe und Gnade Gottes vollständig inbegriffen. Freiheit und Gott streben einander entgegen und vereinigen sich im Menschen als der materiell-physische, psychisch-seelische und geistige Gottmensch zur schöpferischen Wahrheit hin. Der Tröger der Wahrheit ist letzten Endes die göttlich-menschliche Persönlichkeit. In ihr findet die Begegnung der göttlichen und der menschlichen Persönlichkeit statt. Das heißt, in der schöpferischen Wahrheit findet der Mensch seine Gottebenbildlichkeit wieder.
Es gibt also eine vorseiende, irrationale Freiheit im NICHTS - außerhalb der Zeit, die sich in einem historischen Prozeß zu einer vom SINN-GEIST verklärten, überseienden FREIHEIT zur göttlichen Wahrheit hin erfüllt, und es gibt eine bedingte Freiheit in der Zeit, die von der Notwendigkeit und dem Gesetz eingegrenzt wird und im eigentlichen Sinne eine Unfreiheit ist. Die Wahrheit ist in der Zeit bedingt und zeitlich begrenzt und in der Freiheit unbegrenzt und ewig. In der Zeit ist die Wahrheit lügenhaft. Erst in der ewig göttlichen Wahrheit wird die Freiheit als FREIHEIT zum GEIST. Die Freiheit tritt in dieser Welt ständig in Erscheinung, weil sie der wahrhaftig dynamisch-ewige Grund des Seins an sich ist. Nach Wilber ist sinngemäß der GEIST die "Essenz" von allem Seiendem. Aber der GEIST ist niemals absolut - ist niemals absoluter GEIST. Ursprünglicher ist die vorseiende, irrationale Freiheit. Sie ist völlig gott- bzw. sinnlos im jenseitigen Sinne und geht als das ursächlichste Prinzip aus dem NICHTS hervor, damit Gott bzw. der Sinn erst in der Folge wirksam werden können und die Freiheit sich letzten Endes zur sinn- bzw. geistvollen FREIHEIT hin im Gottmenschen erfüllen kann. Der GEIST kann im Urgrund nicht sinnvoll existieren. Der GEIST ist auf jeden Fall absolut sinnvoll. Abgesehen davon, wäre der GEIST als Soheit ein statischer GEIST, der so als überseiende FREIHEIT nicht  existieren  könnte. Die Freiheit geht unablässig aus dem NICHTS hervor und tritt unablässig mit dem GEIST als Sinn in Beziehung, der nur durch die Beziehungsfähigkeit der Freiheit wirksam werden kann, da er vom Grunde her selber frei und dynamisch ist. Gott bzw. der GEIST und die Freiheit vereinen sich schließlich in der Tiefe des Gottmenschen zur schöpferischen Wahrheit hin. Ich meine weiterhin, daß es ein absolut ausschließliches NICHTS, die absolute Leerheit, nicht gibt. In der Leerheit existiert die irrationale Freiheit. Leerheit und Freiheit bilden den absolut unermeßlichen Grund. Gleichzeitig wirkt jedoch auf die vorseiende Freiheit der Sinn (Gott). Gott ist immer auf der Suche nach seiner grundlegendsten Ursache und findet sie letztlich in der All-Einen-Wahrheit als die von der Liebe, vom GEIST durchdrungenen FREIHEIT wieder. Und die vorseiende Freiheit ruft fortlaufend aus ihrer absoluten Dynamik heraus unweigerlich den ewig bewegten Sinn hervor, mit dem sie sich im Gottmenschen zur geistigen Freiheit hin vereint. Zum unermeßlichen Grund steigt der Sinn (Gott) herab, aus dem unermeßlichen Grund erhebt sich die nun sinnerfüllte Freiheit. Grund und Sinn bzw. Grund und FREIHEIT bzw. Grund und Gott sind ein scheinbarer Dualismus (gegenüber dem echten zwischen Freiheit und Notwendigkeit) und vereinen sich in der Wahrheit als ihre höchste Entsprechung, die erst der Mensch unmittelbar wahrnehmen und verwirklichen kann, weshalb er auch als Gottmensch von absoluter Bedeutung ist. Und so findet auch die Freiheit in der Zeit immer nur ihre geringste Entsprechung und als Gott ihre höchste.
Die Freiheit ist eine im Menschen tiefverwurzelte Erscheinung. Der Mensch ist das zur FREIHEIT bestimmte Wesen an sich. Die Freiheit ist seine Grundeigenschaft. In irgendeiner Form fühlt sich jeder Mensch zur Freiheit hingezogen. Die Suche des Menschen nach der Freiheit an sich legt nahe, daß in ihr ein grundlegendes Prinzip des Weltenflusses zu suchen ist. Die höchste FREIHEIT ist unmittelbar mit unermeßlicher Liebe verbunden, eine Realität, die jedem Menschen, dem sich im Augenblick die Liebe offenbarte, irgendwie auch bewußt ist.
Das NICHTS dagegen ist uns nicht bewußt. Bewußtsein ist an Bewegung gebunden, und die ist ohne Freiheit nicht möglich. Allerdings glaube ich, daß das NICHTS oftmals mit einem innermenschlichen Zustand scheinbar absoluter Ruhe, einem sogenannten nichtdualen Bewußtsein oder reinen Zeugen, verwechselt und aus diesem Empfinden heraus die Leerheit als das Absolute postuliert wird, wie Wilber es letztlich auch tut. Diese Verwechslung kann meines Erachtens dadurch geschehen, weil man geneigt ist, die absolute Ruhe (das NICHTS) mit der Ruhe vor der uns bedrängenden, zeitgebundenen Hast in dieser Welt gleichzusetzen. Und dem ist keineswegs so. Die Demut und Zurückhaltung in dieser Welt öffnet uns für die Fülle und Bewegtheit der anderen. Doch niemals dürfen wir Menschen uns in einer weltverneinenden Demut und Zurückhaltung üben. Diese Welt ist nicht dazu da, überwunden sondern vergeistigt zu werden! Auf diese Weise erst kann der Mensch als Gottmensch seiner Bestimmung gerecht werden, indem er auf der Grundlage einer verklärten, vergeistigten Welt am Ende in sich den höchsten Wert, die allumfassend liebende und geistige Persönlichkeit zur Ewigkeit hin verwirklicht.
Das scheinbare Paradoxon von der immanenten und transzendentalen Natur des GEISTES erhellt sich wahrhaftig erst, wenn man annimmt, daß der GEIST vor allem die von der Bewegung durchdrungene FREIHEIT ist, die im NICHTS als unerfüllte, d.h. absolut ungeschaffene, irrationale Freiheit existiert. In der manifesten Welt, im Sein erst strebt die Freiheit nach dem Sinn, der ihr überall entgegenströmt, von dem sie ihre wahrhaftige Richtung erhält. Am Anfang befinden sich die vom Sinn erfaßte FREIHEIT und die manifeste Welt im größten Abstand zueinander oder anders gesagt, der freiheitliche GEIST findet in der manifesten Welt zunächst seine geringste freiheitliche Entsprechung. Von da an ist der GEIST als FREIHEIT auf der Suche nach sich selbst. Es liegt in der FREIHEIT selbst begründet, daß sie nicht bewegungslos in einem unfreieren Zustand der manifesten Welt verharrt.  In einem Prozeß des Werdens, der unvermeidlich ist, wird letzten Endes der Mensch dazu berufen sein, in der Tiefe seiner Persönlichkeit die Persönlichkeit Gottes zu erschauen und die Trennung zwischen Gott und Mensch dort zu überwinden, aber nicht zur zustandslosen Leerheit, sondern zur allumfassenden, freien Liebe hin, die die ganze Welt verklärt (die irdische eingeschlossen) und in und mit ihr schöpferisch die All-Eine-Wahrheit schafft, in der die FREIHEIT als GEIST in seiner Dynamik vollkommen erfüllt werden wird. Der transzendente GEIST wird als FREIHEIT der menschlich-göttlichen Persönlichkeit immanent, die sich uns als allumfassende Liebe offenbart. Die göttlich-menschliche Persönlichkeit verkörpert das vollkommen Eine und ist dennoch vollkommen offen und überschreitet alle Grenzen der Welt zum transzendenten GEIST, zum Du einer anderen tiefen Persönlichkeit hin, weil die göttlich-menschliche Persönlichkeit zum einen vollkommen frei ist und zum anderen alles, die ganze manifeste und freiheitlich-geistige Welt, ebenbildlich in sich umschließt und ganzheitlich aufnehmen kann und gerade deshalb die ganze Welt durchdringt.
Die Wahrheit würde mit dem NICHTS enden, wäre dieses absolut. Aber selbst ein NICHTS ist nur ein NICHTS, wenn es auch ein Sein gibt, das die FREIHEIT zur Grundlage hat. Aus der Verbindung von NICHTS und FREIHEIT (scheinbarer Dualismus) entsteht die Dynamik, die ewig und zeitlos ist und keinen Anfang und kein Ende hat und sich letzten Endes in der ewig schöpferischen Wahrheit erfüllt.
Übrigens ergibt sich aus meiner Sicht nicht unweigerlich die Schlußfolgerung, daß keine Erscheinung dem GEIST näher als irgendeine andere ist. Alles ist aus GEIST gemacht, aber nicht gleichermaßen von Ihm erfüllt. Es gibt auch eine nahezu gottlos technisierte Welt, die lügenhaft dem Nichtsein entgegenstrebt. Aber ohne die Möglichkeit des gottlosen Nichtseins könnte das göttliche Sein letzten Endes nicht in Erscheinung treten.
Wilbers Hauptproblem ist sein Hang zur statischen Auffassung des GEISTES, die auf der Annahme beruht, daß der menschlichen Persönlichkeit letzten Endes nur eine sekundäre Bedeutung zukommt. Aber wie sich später noch zeigen wird, ist Wilber nicht ganz frei von dynamischen Auslegungen. Ich selbst werde mich bemühen, den GEIST konsequent dynamisch auszulegen und dabei die Persönlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen. Wilbers Gespür für die bei ihm so benannten Prä- und Transverwechslungen bekommt vom personalistisch-dynamischen Standpunkt aus eine andere Bedeutung gerade auch hinsichtlich meditativer bzw. kontemplativer Zustände im Menschen und bei der Beurteilung von z.B. patriarchalen Herrschaftsreligionen oder matriarchalen Naturreligionen, welche die Freiheit der Persönlichkeit nicht kennen.
In der Konsequenz wird aus Wilbers integralem Ansatz meines Erachtens eine monistische Auffassung vom GEIST. Nach Berdjajew dagegen existiert zwischen dem Menschen und Gott bzw. GEIST  eine tiefe Kluft, die jedoch überwunden werden kann, wenn sich im Menschen die gottmenschliche Persönlichkeit offenbart. Diese Offenbarung ist vollkommen subjektiv und gerade deshalb vollkommen real, weil alle wahrhaftige Realität geistiger Art ist.
Nebenbei bemerkt ist die sogenannte "objektive Realität" niemals als solche direkt subjektiv wahrnehmbar, sie läßt sich nur äußerlich berechnen und erforschen. Der Begriff "objektive Realität" ist eine völlig mißlungene Vermischung zweier entgegengesetzter Begriffe, richtiger wäre es, nur von einer auf die Objekte bezogene Objektivität zu sprechen. Letzten Endes ist die Objektivität überhaupt nicht real im subjektiven Sinne und konkret faßbar, wie es immer noch behauptet und gelehrt wird. Aber in diesem Punkte sehe ich mich auch nicht im Widerspruch zu Ken Wilber! Nikolai Berdjajew meint dazu: "Im Objekt kann man nur die Objektivierung des Geistes finden.", und: "Das Objekt kann nur in einer Bezogenheit, niemals aber in seiner Wesenheit selbst gedacht werden. Die reine Geistigkeit steht über dem rationalen Gegensatz von Subjekt und Objekt. Der Geist ist auch nicht im eigentlichen Sinn subjektiv, obwohl er nur im Subjekt und nicht im Objekt existiert. Jedenfalls ist er nicht subjektiv im psychologischen Sinn des Wortes, der ja die korrelative Existenz einer Objektivität voraussetzt. Die Realität des Geistes ist nicht die der Objekte, der Sachen, sie ist von ganz anderer Qualität, sie ist eine unendlich überlegene, ursprünglichere Realität." (Geist und Wirklichkeit, Heliand Verlag Lüneburg, 1949)
Der Dualismus zwischen Mensch und Gott, der im Augenblick überwunden werden kann und muß, bietet erst die Gewähr dafür, daß jeweils beide grundsätzlich existieren. Gott allein jedoch, ohne den Menschen, würde nie der sein, zu der er im allumfassenden Gottmenschen, in der Wahrheit fortlaufend wird - die von der Liebe durchdrungene geistige FREIHEIT!
Dirk (Fortsetzung folgt)

Kinder zur Sonne zur Freiheit!

Weiteres aus dem Zeitalter der Dämmerung

Ein Kind, es kann gerademal laufen, stolpert durch den Garten. Querbeet. Die frischgekeimte Saat ist hinüber. Ein Kind kippt mal eben eine halbe Ölflasche in den Gartenteich, es schillert so schön, wunderbare Farben. Paar Tage später ist im Wasser alles wunderbarerweise tot. Ein Kind steckt einen Draht in den kleinen Schweinerüssel in der Wand. Ein kurzes Aufbäumen. Manche Eltern sorgen sich.
Sie sorgen für blühende Kirschbäume, für ein warmes Haus, gute Luft in den Räumen, für die Gute-Nacht-Geschichte. Sie machen sich Gedanken, was und wie und woher auf den Tisch kommt.
Muß man sich da grundsätzlich drüber streiten?
Unbestreitbar ist/war dieser Planet so beschaffen, daß der Mensch auf ihm leben kann/konnte. Sogar ohne irgendetwas dafür zu tun. Die Früchte des Tischleinfrischgedeckt wachsen/wuchsen ihm bis fast in den Mund, er mußte lediglich noch pflücken und lachte sich einen Ast, wenn die ihm einer vor den Lippen wegschnappte. Nun sind es zuviele für die Tischleinfrischgedeckt, es bereitet dem Menschen einige Mühe, aber auch viel Freude, unter seinem Eingriff Früchte wachsen zu sehen und an den verschiedensten Orten die Tischleinwerdengedeckt hinzustellen. Nun wohnen immer mehr Menschen an den unmöglichsten Orten, die eigentlich, sofern sie es natürlich haben, für Geld alles haben können. Doch diese Rechnung kann nicht mehr aufgehen. Ein Tischleindeckdich kann es niemals geben, auch wenn alle Menschen genug Geld für alles hätten, auch wenn in unseren Breiten die Menschen so leben. Es kann beim Stand unserer derzeitigen Zivilisation nur Tischleinwerdengedeckt geben, der Rückbau zu den Tischleinfrischgedeckt ist zwar generell möglich, aber nur über lange Epochen einer grundlegenden Renaturierung des gesellschaftlichen Seins zu bewerkstelligen (unter Natur verstehe ich schlicht Leben). Dafür haben wir hier den Blick vollkommen verloren. Wir sitzen an gedeckten Tischen und schwatzen. Zu wenige wissen, das heute der Himmel nicht mehr von alleine blau bleiben wird, zu wenige haben eine Ahnung davon, das atembare Luft keine gottgegebene Selbstverständlichkeit bleiben wird, daß aus zuvielen Dingen die Heilheit, das Leben zurückweicht, aus dem Boden, aus dem Sperma, aus den Meeren, zu viele Kindermenschen sägen in ihrem Bewegungsdrang an allen erreichbaren Tischbeinen. Wollen nichts davon wissen, wo Wasser zum Trinken herkommt, überblicken von den Lebenszusammenhängen gerademal "Oh, das schmeckt, mehr!" (wenn es überhaupt einer wäre).
Ich fühle mich zu den Menschen gehörig, die ihnen auf die Finger klopfen. So gut wie kein Baum fällt heute von allein, so gut wie kein Baum wächst heute von allein. Das wissen die Kindermenschen nicht. Sie wissen daher auch nichts von Verantwortung. Vielleicht was von Freiheit, die jedoch über die Hirnwindungen selten hinaus kommt. Wenn nichts eine objektive Realität hat, hat selbstredend auch der s.g. Geist keine. Es ist Humbug, den Garten nur aus der Vorstellung kennen zu wollen. Sicherlich kann man sich das alles klemmen und die paar genervten Elternmenschen bedauern und ihnen kopfschüttelnd zu erklären versuchen, was für einen unlockeren, gestreßten Eindruck sie doch machen und einem den Spaß manchmal vermiesen. Da der relative und der absolute Anteil der Kindermenschen immer rasanter größer wird, wächst auch die Last der "Verantwortung". Die Elternmenschen haben oft nicht genug Muße, ihrem eigenen Wesen schönzutun, aber sie wissen eine Menge vom Wesen des Lebens.
Oh, die Tischdecke mit allem drauf runtergezerrt, ach das wollte ich ja nicht, es ist immer was neues da.
Irrtum. Aber es gibt keine Instanz, die richten würde, wird die Natur ausgelöscht. Die Elternmenschen werden sich immer einsam fühlen. Auch in ihrer Freiheit, die begrenzte Freiheit des Lebens wahrzunehmen und im Tiefdurchatmen auf der Gartenbank, durchströmt von der unmittelbaren Schönheit und Liebe des Lebens. Und sie fassen sich nur darob müde und doch lächelnd an den Kopf, wenn sie von dem Gedanken hören, daß der Große Geist ja alles überdauern wird. Auch Gott ist Hirnwichser. Und allemal tot.
Muß man sich da grundsätzlich drüber streiten? Man muß. Freiheit.
Roland

KRIEGSTAGEBUCH

von Dietrich Kittner

2. Teil, Fortsetzung aus Lover 25

Das Furchtbare ist, daß man zwischen Tatsachenberichten und Greuelpropaganda kaum noch unterscheiden kann. Das Leid der Flüchtlinge. Aber in den Medien wird es inzwischen zum beliebig verwertbaren Kriegswerbeschlagwort. Dabei sollte dieses Elend doch die Augen für das Verbrechen des Krieges öffnen!
Fliehen die Menschen wirklich vor "den Serben" oder einfach vor dem Krieg?`Tut Schauerberichterstattung das Ihre, sie zur Flucht zu veranlassen? Das würde nicht ins Bild passen. Warum aber haben sich Zigtausende Albaner aus dem Kosovo ausgerechnet zum "Feind" ins jugoslawische Montenegro oder nach Südserbien gerettet?
Die Tränen Verzweifelter als Kriegspropaganda!
*
Das erste wirklich unabweisbar dokumentierte Massaker: 70 Flüchtlinge, Männer, Frauen, Kinder tot auf der Straße neben den zerstörten Traktoren ihres Trecks - bilder eines Alptraums. Täter: das Nordatlantische Verteidigungsbündnis: Erst hat man versucht, das Verbrechen "den Serben" in die Schuhe zu schieben. Nun, da die Beweise erdrückend werden, gesteht man das "menschlich verständliche, weil streßbedingte Versehen eines einzelnen Piloten" ein und die NATO-Sprecher drücken beiläufig ihr Bedauern aus. Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne... Man stelle sich vor, was es für die jugoslawische Bevölkerung bedeuten würde, wenn die Beweislage weniger klar wäre.
*
Die Greuelmeldungen steigern sich. Man kann sie nicht nachprüfen, weiß nicht, was man davon halten soll. Washington berichtet von Massenvergewaltigungen. Man wisse das nur vom Hörensagen, es sei aber wahr. Beweise könne man leider nicht vorlegen. Aber inzwischen spricht fast jeder Kriegskommentator und erst recht jeder deutsche Minister von Massenvergewaltigungen als Tatsache. Ich bin da skeptisch. Solche Geschichten gehören seit eh und je zur psychologischen Kriegführung. In Klaus Bittermanns Buch "Serbien muß sterbien" haben seriöse Autoren die "von serbischer Seite systematisch betriebenen Massenvergewaltigungslager" - ein Schlagwort, das während des Bosnien-Kriegs die Medien beherrschte und überall geglaubt wurde - als systematisch verbreitete Legende der gegnerischen PR-Agenturen aufgedeckt. Was heute daran stimmt, wissen nur wenige: die möglichen Täter oder die Fälscher.
Das amerikanische Luftbild des Massengrabes. Erdbewegungen werden dokumentiert. Am 24. März zum Auftakt hatte das Fernsehen ebenfalls eine solche Aufnahme gezeigt. Das Bild ist uns allen aus dem Bosnien-Krieg bekannt. Es zeigt Erdveränderungen am Rande eines Sportplatzes, auf dem sich am Tage davor noch 600, nun verschwundene Menschen aufgehalten hatten. Wie schnell selbst 40.000 Flüchtlinge unter NATO-Schirmherrschaft spurlos von einem Gelände verschwinden können, haben wir jetzt im Fernsehen vorgeführt bekommen: Man brachte sie in ein anderes Lager in Mazedonien. Im Fall des bosnischen Massengrabes hatte man angekündigt, es zu Beweiszwecken gleich im nächsten Frühjahr, wenn die Erde aufgetaut sei, zu öffnen. Das ist dann allerdings nie geschehen. Jedenfalls wurde nichts darüber veröffentlicht. Das Grab am allgemein bekannten Sportplatz, auf dem CIA-Bild in hoher Auflösung mit 50-Zentimeter-Genauigkeit lokalisierbar, hat sich offenbar nie finden lassen. Trotzdem wurde die dubiose Aufnahme am ersten Tag des Kosovo-Krieges als Beweis gesendet. Nun gibt es ein neues Bild. Was soll man glauben?
Fast zynisch, solche Überlegungen anstellen zu müssen. Wie aber wird man sonst zwischen Wahrheit und im Krieg normaler Propaganda-Lüge wenigstens annähernd unterscheiden können? Man muß mißtrauisch bleiben. Die Aufgabe der psychologischen Kriegführung ist, was sie selbst nie bestreitet: Desinformation. Auf Deutsch im aktuellen Fall: Lügen, daß sich der Balkan biegt.
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Über das "Bürgertelefon" des Bonner Kriegsministeriums (0228/1200) erhalte ich vom Diensthabenden in einem längeren Gespräch nur nichtssagende und gerade darum aufschlußreiche Auskunft.
"Ihre Minister sprechen ständig von 'serbischen Konzentrationslagern'. Wo genau befinden die sich denn? In der Nähe welcher Ortschaften?"
"Das wissen wir nicht. Wir haben das nur aus Augenzeugenberichten von Flüchtlingen." Die Zeugen wissen also nicht, wo sie was gesehen haben.
"Aber Sie betreiben doch fast zentimetergenaue Luftaufklärung. Da müßten Sie solche großen Komplexe doch lokalisieren können. Haben Sie also Anhaltspunkte für die tatsächliche Existenz von Konzentrationslagern?"
"Nein. Aber es könnte welche geben."
Genauer hatte es vor drei Wochen ein anderer dort Auskunftgebender gewußt. Von mir auf zerstörte Krankenhäuser und Wohnblocks angesprochen, war er im Diensteifer überaus detailfreudig geworden: "Wissen Sie, das machen die Serben alles selber. Die stellen eine Gasflasche ins Wohnzimmer, eine brennende Kerze daneben, drehen den Hahn auf und gehen weg. Dann geht das Dach hoch, und es sieht so aus, als ob die NATO das war." Beweise dafür könne er mir im Augenblick leider nicht geben, aber ich solle doch in ein paar Tagen nochmal nachfragen.
Jetzt versuche ich es bei seinem Kollegen. Belege hat der leider auch noch nicht, aber: "Das machen die schon so."
"Dann haben die Serben wohl auch die zivilen Busse und Eisenbahnzüge selber in die Luft gejagt?" Ich hoffe, er spürt die Ironie meiner Frage. Irrtum: "Ja, das gibt es sicher auch." Und als ich nach der zerschossenen Rot-Kreuz-Ambulanz frage, die zu den Opfern des Bus-Massakers der NATO eilen wollte: über welche "strategisch wichtige Brücke" die denn nun gefahren sei und ob nach vielen gebrochenen Vereinbarungen jetzt auch die Genfer Konvention für dir NATO ungültig sei, kommt es lapidar: "Die Serben halten sich ja auch nicht daran." Auch!
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Vor mir liegt der Faksmiliedruck einer "Berliner Illustrierten Zeitung" aus dem Jahr 1937. Das Bild zeigt das Ergebnis des ersten gegen die schutzlose Zivilbevölkerung einer ganzen Stadt gerichteten, aus der Luft geführten Terrorangriffs der Geschichte: die Ruinen von Guernica. Das Massaker im spanischen Bürgerkrieg hatten vom Traditionsfliegerhorst Wunstorf bei Hannover gestarteten Piloten der deutschen Legion Condor verübt. Bildunterschrift: "Als die Bolschewisten sahen, daß sie die Stadt nicht mehr halten konnten, begossen sie die fast unversehrten Häuser mit Benzin und steckten sie in Brand. Die Stadt wurde ausgeplündert und völlig zerstört." Wie sich die Bilder gleichen! Nicht nur was die sichtbaren zerstörten Wohnblocks, zerschmetterten Autos und verkohlten Bäume betrifft. Auch heute noch gibt es Nazi-Apologeten, die behaupten, die Leichenberge von Guernica seien nur ein "Versehen" gewesen. Der Angriff habe eigentlich nur einer "strategisch wichtigen Brücke" gegolten.
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Mit Dubrovnik ging es anders. Nach Berichten fast ausnahmslos aller deutschen Medien wurde die dem Weltkulturerbe zugerechnete unvergleichlich schöne Altstadt 1992 "von den Serben durch Artilleriebeschuß vollständig zerstört". 1995 erschien dann im Reiseteil des "stern" ein Bericht,in dem sich der kroatische Tourismusmanager der Stadt bitter über das Fernbleiben deutscher Besucher beschwerte, die fälschlich glaubten, alles liege in Trümmern. Es habe doch nur zwei unwesentliche, längst ausgebesserte Beschädigungen durch - wohl verirrte - Granaten gegeben. Man müsse bitte Verständnis dafür haben, daß in der damaligen Kriegssituation die Sache ein wenig aufgebauscht worden sei.
Im Bewußtsein der Deutschen aber sind und bleiben "die Serben" seitdem "Kulturschänder", denn wer liest schon mit politischer Aufmerksamkeit eine Reisebeilage.
In Peter Brocks Aufsatz "Meutejournalismus" lese ich jetzt, daß das Fernsehen damals Bilder aus dem erbittert umkämpften, tatsächlich zerstörten Vukovar als Aufnahmen aus Dubrovnik ausgegeben hat. Ich schäme mich, daß mir, der ich die Adriastadt kannte, liebte und um sie trauerte, der Schwindel damals nicht aufgefallen war.
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NATO-General Gerd Schmückle, pensioniert, ist im Österreichischen Rundfunk ganz anders zu vernehmen. Er habe die NATO immer als reines Verteidigungsbündnis gesehen, sagt er dem Journalisten Peter Huemer im Gespräch. Seine Nachfolger aber seien aggressiver und sähen das anders. Ziemlich warnt er die Österreicher davor, die Neutralität aufzugeben und der NATO beizutreten. Der seinerzeit höchste deutsche NATO-Offizier weiß wohl, was er sagt. Für Leute, die wie der Rocksänger Niedecken auf jeder Friedensdemo rumgetanzt hätten und jetzt dem Krieg das Wort redeten, empfinde er, sagt Schmückle, "nur Verachtung". Auch Generälen kann man mal aus vollem Herzen zustimmen. Vor allem pensionierten.
In deutschen Medien ist über das Schmückle-Interview nichts zu finden. Wie üblich in solchen Fällen.
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Finanzminister Eichel hat ein Sparprogramm angekündigt. Klar, so ein Krieg ist teuer. Da werden wohl wieder Sozialleistungen gekürzt, Steuern erhöht werden müssen. Dabei könnte es doch auch andersherum gehen: Alle sollen sparen - sparen wir uns den Krieg!
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Ein Pressesprecher des Kriegsministeriums belehrt mich: "Wir machen keinen Krieg. Das ist Nothilfe." 17.000 Bombeneinsätze hat die NATO nach eigenen Angaben bisher fliegen lassen und 252 "humanitäre Hilfsflüge". Als ich einem anderen Presseoffizier gegenüber wage, dies als ein Mißverhältnis zu bezeichnen, wird er logisch: "Sie müssen aber auch bedenken, daß die Tornados wesentlich weniger Nutzlast befördern." Nutzlast.
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Das jugoslawische Rote Kreuz meldet einen fühlbaren Mangel an Medikamenten; besonders Psychopharmaka benötige man dringend. 50 aufeinanderfolgende Bombennächte im Keller. Das ist Weltrekord.
Jetzt haben sie Graphitbomben abgeworfen. Einsatztest einer neuen "Wunderwaffe". Die Sprengkörper zerplatzen in der Luft, der austretende feine Graphitstaub legt sich auf die Kontakte der Kraftwerke, ebenso auf die häuslicher Elektrogeräte und läßt so per Kurzschluß die Stromversorgung ganzer Bezirke zusammenbrechen. Es gibt erschütternde Berichte über die Situation in den Krankenhäusern: Beatmungsgeräte fallen aus, Operationssäle liegen im Dunkeln, Dialysepatienten können die für sie lebensnotwendige Blutwäsche nicht erhalten,. Und Brutkästen für Neugeborene sind ohne Strom. Die erlogene Story über entmenschte Iraker, die Babies die Sauerstoffzufuhr abgestellt hätten, lieferte den USA den Vorwand für den Golfkrieg. Jetzt setzen die amerikanischen Militärs sie in die Praxis um.
Ich frage mal wieder bei einem ministeriellen Sprecher nach. "Halb so wild", sagt der beruhigend, "auch dort gibt es Notstromaggregate. Die bleiben intakt." Letzteres ist gelogen. In einer offensichtlich schon vor dem Krieg produzierten Sendung des SFB über "Die virtuelle Kriegführung der Zukunft" ist gerade heute nachmittag zu hören gewesen, "der besondere Vorteil der Graphitbomben" bestehe darin, daß sie auch die Notstromversorgung lahmlegten.
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Lügen über Lügen. Die chinesische Botschaft ist getroffen. Vier Todesopfer. Die drei Raketen kamen gezielt aus drei verschiedenen Richtungen. Deswegen hat die NATO - wohl der größeren Glaubwürdigkeit halber - auch gleich drei verschiedene Erklärungen für ihr "Versehen": Man habe eigentlich ein "Büro in der Nachbarschaft" treffen wollen; man habe zwar wirklich den Standort der chinesischen Botschaft im Visier gehabt, dort jedoch eine militärische Behörde vermutet; und - dritte Variante - "serbische Doppelagenten" hätten falsche Angaben geliefert, um die NATO zu desavourieren. Ich vermute, man hat bewußt und genau die Botschaft getroffen, um auf die Gefahr eines Weltkrieges hin den Chinesen mit dem großen Knüppel zu winken und so deren Wohlverhalten in der UNO anzumahnen.
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Verblüffend eigentlich, daß "die Serben" immer wieder im ihnen politisch ungünstigsten Augenblick dem Westen einen Grund zum militärischen Eingreifen geliefert haben sollen. Da ist dann immer schon eine Armada von Flugzeugträgern in der Adria aufgefahren, die Bomber stehen auf ihren Flugplätzen bereit, alle Medien berichten vom "in den nächsten Tagen bevorstehenden Militärschlag" - und prompt, wie bestellt, kommen "die serbischen Greueltaten", die binnen Stunden mit dem lange vorbereiteten Militärschlag "geahndet" werden. Das "Brotladen-Massaker" in Sarajewo zu Anfang des Bosnien-Krieges erfolgte in solch einem Augenblick. Monate später fand sich in Zeitungen - sogar in deutschen! - meist gut versteckt eine Notiz des Inhalts, ballistische Untersuchungen hätten ergeben, es habe sich keinesfalls um ein serbisches Geschoß gehandelt, sondern um eine "verirrte" bosnische Granate oder Bombe. Aber nun hatten die bosnischen Serben ihre "Strafe" schon in Form eines Bombardements erhalten - da war es halt Schnee von gestern. Und wer bei uns weiß schon, daß Sarajewo weitaus häufiger unter bosnischem Artilleriefeuer - auch auf die muslimischen Wohnviertel - lag als unter dem der Serben.
Das Massaker auf dem Marktplatz der Stadt am 5.2.94, fünf Tage vor Wiederaufnahme der Genfer Friedensverhandlungen, löste binnen - militärisch gesehen für eine solche Aktion sensationell knappen - 5 Stunden die NATO-Intervention aus, die allerdings auch schon länger angekündigt war. Berechtigte, von Ballistikern, westlichen Journalisten, UNO-Beobachtern und einheimischen Augenzeugen geäußerte Zweifel an serbischer Urheberschaft wurden in den Medien gar nicht erst erwähnt. In Deutschland erfuhr man einzig in Klaus Bittermanns nicht genug zu empfehlenden Buch "Serbien muß sterbien" die Hintergründe dieser Sender-Gleiwitz-Inszenierung.
Im Kosovo entdeckte ein taz-Reporter namens Rathfelder bereits im Sommer 98 ein "serbisches Massaker an über 400 Albanern - Männern, Frauen und Kindern". Die Sache machte Riesenschlagzeilen. Peinlich für die taz, daß die UNO dann am "Tatort" einzig 14 ordnungsgemäß mit Grabkreuzen und Namensschildern versehene Gräber gefallener und durch die Serben bestatteter UÇK-Leute fand. Der Krieg mußte verschoben werden bis zum "Massaker von Racak".
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Im November 98 - mein Gedächtnis ist in solchen Dingen genau - hatte Milosevic das Holbrook-Abkommen unterzeichnet und dessen Inhalt entsprechend seine Truppen weitgehend aus dem Kosovo zurückgezogen. Die mit westlichen Geheimndiensten auf Du und Du stehende UÇK hatte bekanntermaßen (in Deutschland: unbekanntermaßen) die Unterschrift verweigert, und sie nutzte die Zeit des Vakuums zu Überfällen auf Polizeistationen, Morden an Serben und mehr noch an "serbenfreundlichen" Albanern, um damit nach eigenem Bekunden Belgrad zu Gegenaktionen zu provozieren und "die NATO zum Handeln zu bewegen" (so ein ARD-Rundfunkkommentator). Die Rechnung ging auf.
Wieder mal 'ne Sauerei aufgetischt...
Racak. Nach allem, was ich nicht gleichgeschalteten Zeitungen bisher entnehmen konnte, glaube ich nicht an ein Massaker. Die durch die jugoslawische Führung vorher über die beabsichtigte Erstürmung des UÇK-besetzten, ansonsten menschenleeren Dorfes informierten OSZE-Beobachter haben das Gefecht vom Beginn der Aktion an bis zum Abzug der Armee genau verfolgt und 17 gefallene UÇK-Leute gezählt. Zwar war für sie der angebliche Tatort, an dem später die Leichen gefunden wurden, nicht einsehbar; aber zumindest die Begleitumstände eines Massakers wären ihnen kaum entgangen. Irgendwie hätten die - durch das Feuer der von einem Hang herab ins Dorf schießenden UÇK in ihrer Bewegungsfreiheit stark behinderte - Armee ihre Opfer doch sammeln und zur Hinrichtung bringen müssen, worüber es jedoch keine Berichte gibt. Dafür war am nächsten Morgen gleich General Walker, militärischer Geheimdienstmann der USA und seinerzeit Anleiter der berüchtigten Contra-Terroristen in Nicaragua, höchstselbst pünktlich zur Stelle, um ein Massaker zu konstatieren und "die Serben" unverzüglich zu Tätern zu erklären. Daß am Fundort nur wenige Patronenhülsen lagen und man unverhältnismäßig geringe Blutspuren fand, focht ihn nicht weiter an. Vielleicht erschießen "die Serben" eben zwei Opfer mit einer Patrone und wischen danach das Blut weg... Man kann es nur noch sarkastisch sehen.
Oder doch keine Inszenierung? Dann wäre Frau Albright Hellseherin. Sie hatte bereits am Tage zuvor via Internet verkünden lassen, im Kosovo stünden in allernächster Zeit entscheidende Ereignisse bevor. Ach, meine Vorstellungskraft sträubt sich. Andererseits: Geheimdiensten, die einen Kriegsgrund schaffen wollen, ist nach aller Erfahrung nichts zu dreckig. Nein, der NATO glaube ich kein Wort mehr. Sie hat beweisbar schon zu oft gelogen. Ich halte es mit dem alten Grundsatz: cui bono? Wem nützt es? Da scheint mir viel für die jugoslawische Darstellung zu sprechen, wonach die UÇK ihre eigenen Gefallenen nachts zusammengetragen und das "Massaker" gestellt hat.
Die sonst in ihren Äußerungen nicht eben zimperlichen Herren Fischer und Scharping vermeiden schon länger auffällig den Ortsnamen Racak als offiziellen Kriegsgrund.
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Im Fernsehen heute Bilder brennender Dörfer. Kleine Holzhäuschen, Hütten beinahe, wie sie bei Bauern auf dem Balkan üblich sind. Nein, nicht "die Serben" waren das, erfährt man sogar in der Tagesschau, sondern die NATO mit ihrer Nothilfe. Später ruft mein Freund Andreas an, erzählt, daß er bei diesem Anblick geweint habe. Gleich nach dem Inferno zeigt man eine Gruppenaufnahme eitel lächelnder EU-Herren in ihren Armani- und Brioni-Anzügen. Nein, sie haben beim gemeinsamen abendlichen Champanger-Imbiß ganz sicher nicht geweint, denn - so lassen sie erklären - die Bombardements müßten weitergehen. Erbarmungslos, wie Clinton sagte. Mit Splitterbomben.
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(aus Ossietzky, Schluß folgt!)

Der Staat

Günther Deicke

Erdacht im Gedicht
und im Alltag gehämmert,
geschaut in der Nacht,
eh der Morgen noch dämmert,
und gebaut in das strahlende Licht:
ist unser der Tag und die Arbeit,
ist unser die Macht,
ist unser der Traum und die Tat,
und das Leben, das wir gestalten,
ist unser,
und unser ist der Staat.

Heimatkunde

Das ist der Beweis #4

Wendeverlierer Natur
Im Osten gehen Tier- und Pflanzenarten dramatisch zurück

von Klaus Hart

Vierzig Jahre rücksichtsloser SED-Planwirtschaft, hieß es nach 1989 fast einhellig, hatten der ostdeutschen Natur und Umwelt schwerste Schäden zugefügt. Politiker wie die damalige CDU-Bundesumweltministerin Angela Merkel betonten, die neuen Bundesländer sollten möglichst rasch und mit großem Mitteleinsatz an das weit höhere ökologische Niveau im Westen angepaßt werden.
Zehn Jahre nach der Wende stellt sich heraus, daß das Übertragen bundesdeutscher Umweltpolitik auf den Osten dort Flora und Fauna keineswegs zum Aufblühen gebracht hat. Fachleute von Landes-Umweltministerien und Naturreservaten betonen, zahlreiche Arten zählten eindeutig zu den Verlierern der Einheit, gingen teils dramatisch zurück. Naturschutz sei nicht leichter sondern schwieriger geworden. Frühere Umweltaktivisten, die sich in der DDR mit dem System anlegten, nach der Wende in Ämter, Behörden aufrückten, dort  "Berufsnaturschutz" betreiben, sehen sich heute "kaltgstellt und frustriert, am Gängelband von Politik und Wirtschaft". Eingebunden in den Verwaltungsapparat, können sie längst nicht mehr das fordern, was sie sich früher vorstellten - und realisieren schon gar nicht.
Das Ausweisen neuer Schutzgebiete, sei zunächst nur ein formaler Akt und garantiere nicht quasi automatisch die Zunahme bedrohter Arten. "Eigentliche Wendegewinner gibt es nicht, weder bei Tieren noch bei Pflanzen, ebensowenig einen positiven Bestandstrend", konstatiert Dr. Frank Zimmermann, zuständiger Referatsleiter im Brandenburger Umweltamt, "ein Erfolg bundesdeutscher Umweltpolitik läßt sich im Artenbestand und bei den Biotopen überhaupt nicht feststellen:" Und die Bestandsentwicklung sei schließlich ein Zeichen für den ökologischen Zustand einer Region.
Daß manche Arten wie Fisch- und Seeadler zunehmen, sei lediglich eine Fortsetzung eines Trends aus der DDR-Zeit, der sich wegen Nachwende-Faktoren teilweise sogar verlangsame. Deutlich bis extrem zurückgegangen sind dem Biologen zufolge Greifvögel wie der einst so häufige Bussard, aber auch Milan, Habicht und Weihe. "Ziemlich katastrophal" sieht es bei Bodenbrütern offener Landschaften darunter Kiebitz, Rebhuhn, Bekassine, Rotschenkel, Rohrdommel oder Uferschnepfe aus. Gleiches gilt für den auf einem "Tiefststand" angelangten Schwarzstorch oder den für die Milane wichtigen Feldhamster. In den Sanierungsgebieten der Städte geht allein der Vogel- und Fledermausbestand bis zu 90% zurück. -  die neue Umweltpolitik hat es nicht verhindert.
Dennoch, so hebt Zimmermann hervor, sind Flora und Fauna des Ostens genau wie nach der Wende weiterhin vielfältiger und gesünder als in jeder beliebigen Region Westdeutschlands. Das hatte damals sogar ein OECD-Gutachten bescheinigt - die industriellen Ballungszentren natürlich ausgenommen. Schließlich brüteten beispielsweise seinerzeit in der DDR über 2500 Storchenpaare, in der dreimal größeren BRD aber nur 600. 1989 zog im Westen kein einziges Fischadlerpaar mehr Nachwuchs auf, im Osten waren es über 200. Vom weit selteneren Seeadler hielten sich zur Wende in der alten BRD weniger als 10 Brutpaare - da hatte allein schon die Industrieregion Sachsen mehr als das Doppelte, die ganze DDR rund 200.
Zimmermann sieht dies vor allem als als einen Erfolg der ehrenamtlichen DDR-Naturschützer, die über Jahrzehnte ein dichtes Betreuernetz entwickelten. "Da ist nach der Wende eine Menge weggebrochen." Als "hundertprozentiges, absolutes Blech" bezeichnet er die Politikersprüche von der ökologischen Anpassung des Ostens: "Wir hatten eine gute, sehr fortschrittliche Naturschutzgesetzgebung. Horstschutzzonen keineswegs nur für seltene Greifvögel wurden in Mitteleuropa zuerst von der DDR eingerichtet, lange vor der BRD. In Zusammenarbeit mit den Forstbehörden wurden damit große Erfolge erreicht - und auch eine allgemeine Akzeptanz."
Mit der neuen Umweltpolitik nach der Wende war damit Schluß. Das "Volkseigentum" Wald wird zunehmend privatisiert. Neue Besitzer fällen sogar Horstbäume, trotz brütender Greifvögel. Die Wälder werden gesetzwidrig flächendeckend mit Autos und Motorrädern befahren, Polizei und Förster schreiten gewöhnlich nicht ein.  Tiere werden wie nie zuvor bei der Jungenaufzucht gestört oder davon abgehalten. Die Autoritäten lassen zu, daß Umweltstraftaten stark anwachsen, als Kavaliersdelikt gelten. "Was bekannt wird," weiß Zimmermann, "ist oft nur die Spitze des Eisbergs, viel mehr passiert im Dunkeln, gerade bei Greifvögeln - Ausnehmen von Gelegen, Aushorsten von Tieren. Und auch die Landschaft wird stärker chemisiert."
In der DDR wurden Personen und Fracht umweltfreundlich größtenteils über die Schiene transportiert - nach der Wende stellte man zur Freude der Autokonzerne zielstrebig auf die Straße um, machte Bahnfahrendurch extreme Preisanhebungen unattraktiv. Wertvolle Naturräume werden erstmals durch Verkehrswege zerschnitten - die technisch größtenteils durchaus vermeidbaren Tierverluste an Straßen sind erschreckend in die Höhe geschnellt: "Für eine ganze Reihe von Arten ist das gravierend, die leiden am zunehmenden Straßenverkehr nach der Wende ganz massiv." Als Beispiel nennt er den Fischotter: "Der Zuwachs wird totgefahren."
Auch andere Gründe für den Arteneinbruch nach 1989 sind bestens bekannt, ohne daß die Politik reagiert. Der Nutzungsdruck auf die Landschaft, dazu der ungebremste enorme Flächenverbrauch, die Autoabgase, die Müllberge und die Bodenversiegelung haben stark zugenommen. Die Nachwendebilanz von Paul Sömmer, Greifvogelexperte der Naturschutzstation Woblitz, klingt ebenfalls nicht gerade optimistisch: "Fakt ist, daß die Großtrappe aussterben wird. Man ist dabei, fast alle Vogelarten des Offenlandes auszurotten oder an den Rand des Abgrunds zu bringen. In Brandenburg ist der Feldhamster so gut wie ausgestorben., in Sachsen-Anhalt ging er nach der Wende dramatisch zurück, als Folge ebenso der Rotmilanbestand. Eine Art nimmt immer die andere mit." Den starken Rückgang von Saatkrähe oder Kiebitz hält er ebenfalls für ein Nachwende-Problem. "Heute hat jeder Depp eine Waffe und ballert damit herum. Sogar Adler werden abgeschossen, die in der DDR tabu waren."
Doch nicht nur die Umweltpolitik änderte sich, auch das Umweltverhalten der Bevölkerung. "Die Akzeptanz gegenüber Mitgeschöpfen", so Sömmer, "hat sich seit 1989 nur verschlechtert, die Intoleranz wird immer größer." Von denen, die in Woblitz wegen dem Storch anrufen, sehen fast die Hälfte nur Probleme: "Der klappert zu laut, kackt auf den Opel - das wurde früher einfach respektiert, spielte keine RolleDa gab es nicht diesen absurden Ordnungsfimmel, den Beschneidungswahn. Die Leute stören sich heute an Schwalbennestern, die werden einfach runtergeschmissen."
Jene oft erschreckend sterilen, aseptischen Dörfer der Alt-BRD - jetzt gibt's die auch im Osten. Vor dem sanierten Gebäude muß auch der Garten so aussehen wie in der knallbunten Propaganda des Baumarkts im Stil Zentralfriedhof - so daß Wildkräuter ebenso verschwinden wie undiszipliniert wachsendes Gesträuch, wo sich früher Nachtigallen und Igel tummelten. Auch die flächendeckende visuelle Umweltverschmutzung durch Firmenpropaganda wird in ostdeutschen Straßen und Landschaften inzwischen hingenommen.
Sömmers Kollege Torsten Langgemach, Leiter der Vogelwarte Buckow, zählt Bodenbrüter zu den Verlierern der Einheit. Absurde Fehlurteile werden permanent propagiert - mit fatalen Folgen. Obwohl Greifvögel deutlich zurückgehen, wird das Gegenteil behauptet. Man fordert inzwischen sogar bundesweit, sie zu bekämpfen, tut es bereits illegal, auch im Osten. Der Baumfalke brütet nur in Krähennestern - da die schwarzen Gesellen in der Landschaft stark abnehmen, fehlen ihm neuerdings Horste. In verschiedenen neuen Bundesländern, darunter Thüringen, werden dennoch Krähen zum Abschuß freigegeben. "Jetzt ziehen wieder große Schwärme durchs Land und die Leute sagen, Vögel gibt's doch noch und nöcher", so Langgemach ironisch. Doch kaum einer sehe, daß es sich, wie etwa beim Kiebitz, weniger um heimische Brutvögel, sondern gen Westen ziehende Scharen anderer Länder handele.
Auch in der Vogelwarte wird eine fatale Naturentfremdung als Wendefolge festgestellt, gerade auch bei Jugendlichen: "Wir hatten in der Naturschutzstation viele Oberstufenklassen, die noch nie einen Weißstorch gesehen haben und angesichts unserer Pfleglinge aus allen Wolken fielen. 'Was isn das! Das ist ja noch ein Storch!' Die denken, das wäre was Archaisches, obwohl doch überall auf dem Land welche sind." Das neue Schulsystem versagt offensichtlich grauenhaft. Außerdem wurden die Arbeitsgemeinschaften "Junge Naturschützer" der DDR-Zeit abgeschafft. Doch diese hatten früher überall an den Schulen laufend junge Leute an das Naturschutzthema herangeführt. "Schüler-AGs", erinnert sich Frank Zimmermann, "haben sich in der DDR ganz stark auch um Amphibiengewässer gekümmert, Zäune gebaut, Frösche und Kröten über die Straßen getragen." Ihr Fehlen spürt man überall. "Wir kriegen heute keinen Nachwuchs mehr", sagt der Westberliner Biologe Wolfgang Mädlow, NABU-Geschäftsführer in Brandenburg. Seinem NABU-Kollegen in McPomm, dem Niedersachsen Gundolf Renze fiel auf, daß es im Unterschied zu früher kaum noch Möglichkeiten gebe, gegen Naturfrevler, Umwelttäter wirklich vorzugehen. "Wegen der Schreiadler und anderer seltener Arten hatte man sich sozusagen auf dem kurzen Dienstweg mit den zuständigen Förstern einigen können - heute kämpfen die Naturschützer mit den Privateigentümern der Waldflächen, doch die Störungen nehmen zu." Das Tafelsilber der deutschen Einheit kriegt immer mehr Rostflecken.
Noch besser vergleichen kann Dr. Horst Zimmermann, einst Naturschutzbeauftragter des Bezirkes Schwerin, heute Referatsleiter Naturschutz im Umweltministerium - auch er bestätigt den teils drastischen Artenrückgang: "Alles ist viel, viel schwieriger geworden. In der DDR gab es weniger Verfehlungen und man paßte auf, der praktische Naturschutz war besser und einfacher und funktionierte gut."
Fragt man im Osten nach der Rolle der Grünen im Naturschutz, bekommt man gewöhnlich ein ironisches oder bitteres Lachen zu hören. "Die sind doch gar nicht kompetent, interessieren sich überhaupt nicht für die Natur, das Verschwinden von Tieren und Pflanzen", heißt es dann. So ist man sehr gespannt, mit welchen Projekten Umweltminister Trittin die Nachwende-Erblast des Artenrückgangs beseitigen will.
(Mit freundlicher Genehmigung! Aus "tarantel Nr. 10", Rundbrief der Ökologischen Plattform der PDS, zu beziehen für Porto und 1 Mark: Ökologische Plattform, Kleine Alexanderstr. 28, 10178 Berlin.)

Aber es war ja nicht alles gut in der DDR, z.B. der Garten meiner Kindheit in Bergholz, welchen meine Eltern unter ihren Händen hatten, was gab es da nicht alles an Kraut und Rüben! Wein an der Hauswand, den man essen konnte, einen Pfirsichbaum, Süßkirschen, Brombeeren, Spargel, Pfingstrosen, Stachelbeeren, eben Kräuter und Mohrrüben usw., eine vom Strauchwerk versteckte, geheimnisvolle Ecke mit einer alten Holzbank. einen kleinen Sandkasten fürs verhärmte Spiel, das ganze umgeben von dichter grüner Hecke, Vogelnester entdeckte ich alle naselang - und grau in grau, zwei uralte, kugelrunde Birnbäume. Am schlimmsten waren aber die Himbeeren. Den Giersch dazwischen rausbuddeln helfen... Das allein macht sie zu einer Opferakte, meine Stasiakte.
Zum Glück kam die Wende. Und ich konnte voriges Jahr bei einem Besuch von Bergholz sehen, was die Befreiung der Menschen so alles freisetzte. (Übrigens war neben dem Garten ein Heldenmal für die gefallenen Ehren des Ersten, mal eben so am Rande des Verfalls. Eichen daneben.) Nun dürft Ihr alle einmal raten, wie es dort jetzt aussieht! Richtig! (Angekommen? Angekommen.)
Der Garten ist plattgemacht, versiegelter - na? - Parkplatz drauf, alles andere weg, nur die beiden Birnbäume unerklärlicherweise nicht, faules Pack. Das Henkersmal nebenan natürlich restauriert, die Eichen ausgelichet (welch perverses Wort: entlichtet). Naja, mir fällt spontan wieder nur "Verbrecher" ein.
Roland

Peter Struwelsand

Momentaufnahmen. Szenenbilder, die Alkernative zur Mülltonne oder gar Mr. Sero ist immer noch die Pfütze am Wegrand, doch egal, wo es auf der Erde landet, wie Spots und Blitzlicht auch Hinterdenkulissen erhellen, zumindest den Akteuren, oder etwa nicht? Geht in Ordnung, der masakrierte Kippenfuzzi  oder die zahnbegrünte Tussi auf 'ner Sterbefläche "Test the pest" - allemal fürs Gehirn. An solchem (Ab)Ort tut auch 'ne Spraydose nix zur Versauung des Stattbilds im Gegensatz zum Untergrund (Wie hieß denn nur die Stadt, in der ich neulich war? Hannover? Hertie? Westberlin? Asbach? Sehen doch eh alle gleich aus. Achja, ich glaube Karstadt.) z.B. auch "Wir steh'n auf Berlin" - bis uns die Luft oder der letzte industrieunabhängige Gedanke wegbleibt. Egal, kommt ja aufs selbe raus. Schwarz - die Himmel unsrer Zukunft.
Im Mittelpunkt des Kreises steht  das A. Besser im Kleinen als gar nicht. Ist die nun vollends über uns hereinbrechende (Uuuah Broöahx...) Industriediktatur allgewaltig? Fragt mensch sich mit seinem selbstgemalten "Ohne mich!" auf dem geklauten CA-Tshirt. Woher nimmt mensch sich die Kilowatt für seinen HiFi(sprung)turm? In den alten Straßenbahnen kann mensch die Tür auch allein zumachen, für 'ne Schale Tee braucht mensch nicht 'ne ganze Kanne Wasser aufsetzen, in der Dämmerung schafft mensch das Treppenhaus auch ohne Elicht, Kosmetick ist orthografisch, Mode kommt von modern etc.
Klar, "Prenzlauer Berg kriegen sie nicht!" (Graf Itti) - nur schade, daß das ungefähr nobody weiß in Germoney, und  "PB bekriegen sie nicht" wäre glatt gelogen. Ziviler Widerstand, Verweigerung den Westbesatzern. Mensch muß es nicht inner Zeitung lesen. Rot - die Erde der Vergangenheit.
Stelle meinen Body als Werbeträger zur Verfügung (nur DM!), laufe den ganzen Tag herum! Frisch wie Kaisers - dumm wie Stulle! "BRD-(Gehirn)Presse hier!" Soll mensch es Tante Emma verdenken ("Die Leute kaufen's ja..."), ihr Schaufenster mit Dokumenten grassierender Verblödung zu verhängen? Mensch soll! Ebenso der Jungen Welt, sich für SPD-Blüten zu prostituieren. Wenn Grundsätze wie nix in den ersten dämmernden Strahlen der Mammonsonne verduften - forget it. Die Leute kaufen's ja, drum... Gold - die Zähne unsrer Väter.
(Roland, Sommer 90, warum wohl?)


Wie haben sie dich, Baum verschnitten,
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts als Trotz und Wille in dir war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brech ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ans Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.

Hermann Hesse


Nun gut, ich sage tschüß und auf Wiedersehen. Dieser LOver ist vorrangig des Nachts entstanden... Ich bitte um Nachsicht.

Der 27. LOver erscheint etwa 18.7.
Redaktionsschluß 10.7.

Ro Li B., Star lag mit 19,
17121 ZarNektar
039998/10487

Basar - das Letzte:

LEHMBAU-Wochenende in Zarnekla, Theorie und v.a. Praxis: 30. 6. bis 2. 7.!
Wem das nicht genug ist, kann auch vorher und nachher länger. Vegetarische Vollverpflegung, Yogastunden möglich, kulturelle Angebote, Stille zum Ausspannen. Verbindliche Anmeldungen bitte an die o.g. Adresse. Kosten: 30 Maak pro Bauchnabel fürs ganze, Kinder mitbringen möglich, die sind frei..

Viele Male hab ich nach dir gerufen: unerhört oft.
Nina

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