OVER
Nr. 26
So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen sterben.
Also los. Der I.G.E.L. e.V. (Getriebesand 19, 17121 Zarnekla), wir werden
wieder aktiver, wollen uns nicht nur auf den grundeigenen Bereich beschränken
und "Ausgleichmaßnahmen" auch ringsumher fußfassen lassen.
D.h. FREIKAUF: der Verein strebt an, in der Umgebung weitere Grundstücke
zu erwerben, dazu gehören Waldstücke, der Park in Drosedow, Wegstücke.
Einmal um zumindest deren restlose Verwertung einzudämmen und natürlicher,
störungsarmer Entwicklung wieder Raum zu geben, zum anderen um "bereinigten"
Straßen- und Wegrändern wieder Leben einzuhauchen, wozu wir
auch ohne eventuellen Grunderwerb in Absprache mit den Eigentümern
professionelle (große Setzlinge, Wildschutzspiralen, Stützstangen...)
BRUDER-BAUM-Pflanzungen machen werden. In Drosedow ginge es schlicht um
den Schutz alter, eigentümlicher Bäume, von denen es weiß
Gott immer weniger gibt. (Eine staatliche Unterschutzstellung bewirkt in
ihrer Erhaltungs- und Wiederherstellungsgründlichkeit ja oft genug
gerade die Zerstörung der "wildgewachsenen" Bäume.)
Dazu (und auch weiterhin für die weitere Belebung des jetzigen
Vereinslandes) braucht der Verein Spenden. Um die wir hiermit bitten. Da
der Verein kein eigenes Konto mehr hat, ist dafür mein Konto offen,
einmal unter dem Verwendungszweck "IGEL-FREIKAUF", dann unter "IGEL-BRUDER-BAUM"
(bitte vermerken!). Das Geld wird dann in zwei Töpfe kommen, die ausschließlich
den o.g. Zwecken dienen. (Mir kam nach dem Er"leben" des ersten Absatzes
der Gedanke: Bäume statt Plastik: Wer mir zukünftig aus irgendwelchen
Anlässen etwas schenken möchte, CD's, Bücher oder ähnliche
Konsumprodukte, kann das ja auch sein lassen und mich mit entsprechendem
Moos für Bäume glücklich machen.)
Der Verein ist gemeinnützig, wir können Spendenbescheinigungen
ausstellen.
Zum Mitschreiben:
Konto 1310095325,
Inhaber: Roland Gorsleben,
bei der KSK Demmin, BLZ 15050300.
Wer kein Geld hat, kann den Verein natürlich gern in Echtzeit mit Hand und Herz unterstützen. U.a. sollen paar hundert Meter Benjeshecken entstehen u.v.m. das ganze Jahr über.
Diesbezüglich noch neue Nachrichten vom I.G.E.L.: wir sind jetzt
anerkannte FÖJ-Stelle. Und in den ersten 3 Augustwochen haben
wir ein internationales Lager für Arbeit und Erholung in Zarnekla
(Ausrichterin: Vereinigung Junger Freiwilliger). Wir erwarten dann 12 bis
15 junge Leute zwischen 16 und 25 Jahre alt aus Island, Liechtenstein,
Moldawien und Bayern oder so. Und suchen dafür noch einen "Teamer"
("Schieber").
Roland
"Für die linke Spur zu langsam", ein Song aus Melancholie, Melodie
und Motorenrauschen, wird als Radio-Single ausgekoppelt. Und wenn es auf
den Straßen dieser Welt mit rechten Dingen zugeht, dürfte Liwa
an dem üblichen Mittelklasse-Deutschrock auf der Überholspur
vorbeiziehen - u. a. auf seiner ausgedehnten Solo-Tournee zum neuen Album
im April und Mai 2000 (18.5. Dresden Bärenzwinger, weitere Termine:
www.spontan.de/moll).
Dr. Carl Hegemann, Dramaturg und philosophisches Mastermind der
Volksbühne/Berlin
Für die linke Spur zu langsam
Seit Jahren sitzt du und feilst an
Deinem Geschenk für die Welt
Es kommt nur noch auf Details an
Irgendwas, damit es dir gefällt
Noch großartiger werden
Du hast noch nicht alles versucht
Bist längst besser als die andern
Ja, und noch lang nicht gut genug
Für die linke Spur zu langsam
Für die rechte Spur zu schnell
Jahrelang an den immer gleichen
Leitplanken, Schildern und Zeichen
Und die Frau, die ihr Leben
Mit dir teilt und dich liebt
Manchmal ist sie dir peinlich
Und dann denkst du, es gibt
Eine bessere Liebe für dich
Und dann fühlst du dich schlecht
Und hoffst, daß sie es nicht merken wird,
Doch klar, sie merkt es erst recht
Für die linke Spur zu langsam
Für die rechte Spur zu schnell
Entlang an immer gleichen
Leitplanken, Schildern und Zeichen
Und dann fahr ich ans Meer raus
So wie ich's immer mach'
Wenn ich allem entflieh'n will,
Das ich nicht mehr ertrag'
Und park' den Bus in den Dünen
und setz' mich irgendwo hin
Seh' raus aufs Wasser und warte
Bis ich jemand anders bin
Für die linke Spur zu langsam
Für die rechte Spur zu schnell
Entlang an immer den gleichen
Leitplanken, Schildern und Zeichen
Für die linke Spur zu langsam
Für die rechte Spur zu schnell
Und der Mittelstreifen
wird niemals für uns beide reichen
(Im LOver 26 steht statt "Leitplanken, Schildern und Zeichen" "Leitplankenschlitterzeichen" - so hatte ich es von der Promo-CD des Rolling Stone 'abgehört'. Im Konzert hörte ich dann den 'richtigen' Text. Meine Variante finde ich eigentlich besser...)
Das Veröffentlichen
privater Äußerungen wird grundsätzlich nicht mehr im LOver
vorkommen. Vom prickelnden Klatsch bleiben die Nichtanwesenden also hinkünftig
ausgeschlossen...
Hallo Roland,
hier ist Tom aus Berlin. Ersteinmal vielen Dank für den neuen
Lapsus-Lover!!! Ich kaufe mir keine Zeitschriften mehr. Ich halte sehr
viel davon, sich so schnell wie möglich von diesem System abzuseilen.
Der Kapitalismus wehrt sich wie ein wildes Tier, weil er am Ende ist!!!
Und zwar bald!!! Endgültig.
Grüße an Deine Familie und ich Dich von mir, auf später
- Euer Thomas
Hallo Roland,
nun habe ich lange diesen Brief vor mir hergeschoben. Mit ein Grund
ist vermutlich die mir wenig vertraute Art, daß von Briefen direkt
an Dich dann einiges auszugsweise abgedruckt wird.
Ich bedaure, daß Du Deinen Lapsus-Gästen bezüglich
der "Wahrnehmungsreise" so wenig Ernsthaftigkeit zutraust und sie eher
albern siehst. Ich entnehme dem, daß Du selbst das Ganze weniger
willst. Sollte dem anders sein und Du selbst bist an den Auswirkungen der
Wahrnehmungsreise für Dein "Revier" interessiert, dann informiere
die Lapsoten von meinem Angebot, um dann anhand der Resonanz zu merken,
was wirklich gewollt wird.
Ich danke Dir für die regelmäßige Zusendung all der
Lover, bin immer wieder sehr beeindruckt und angeregt von dem, was da entsteht
und wie Du es zusammenstellst. Zugleich verspüre ich das starke Bedürfnis
zu Richtigstellung und Äußerungen bezüglich einiger Lover,
in denen Nina ein wenig über mich äußerte als auch allgemein
ich erwähnt wurde als der Störenfried der Lesung von Ginger.
Daß ich mich bei allem Anziehenden auch abgestoßen fühlte
beim Lapsus-Treffen hab ich am letzten Abend wohl weithin hörbar geäußert.
Die, wie ich es empfand, extremen Schwankungen zwischen herzlicher Wärme
und kalter Abweisung haben mich sehr irritiert und beschäftigt und
z.T. immer noch.. Was ich sah in Zarnekla, strahlte Wärme aus, das
Haus mit Lehm, Räume mit Holz, Natur belassen, Gerüste zum Spielen.
Und mir war kalt an den Abenden, ich war irritiert über soviel äußere
Bilder, überlaute Töne dazu, fühlte mich davon erschlagen,
mochte mich zurückziehen, schützen davor und doch zusammensein,
mit denen ich zugleich Theater, Feuertanz, Fußball u.a. geteilt hatte.
Karsten, ein gemeinsamer Freund von Nina und mir, hatte von Nina auch
den Hinweis, nach Zarnekla zu kommen. Ich gab ihm zur Information ein Lapsus-Heft.
Daraufhin meinte er, "die sind ja da alle so sehr im Außen, die im
Außen sind die Bösen und die Verantwortlichen, viel zu wenig
werden die eigenen Verantwortlichkeiten und Anteile benannt", und daß
er darauf wenig Bock habe. Ich hab das damals etwas bagatellisiert und
gesagt, dann sei doch möglich und wichtig, die eigene Haltung umsomehr
einzubringen. Ich habe das getan so weit ich konnte, besonders zum Thema
Krieg meinen eigenen kriegerischen und faschistoiden Anteil benannt. Alles
andere ist m.E. mehr vom Gleichen.
Jetzt gestehe ich mir ein, daß ich mich überfordert, mir
eher schlecht getan habe und bestätige Karstens Einschätzung
mehr als zuvor.
Daß ich hunderte Kilometer fahre zu einem Pfingstbeisammenseinangebot
und "gern gesehen?" bin, solange ich mitspiel, wenn ich jedoch Schwierigkeiten
habe, dann kann ich mich besser verpissen ("Wer nicht mehr kann, kann ja
gehen." Zitat Nina, Lover 21), tat mir tierisch weh, dies als Grundhaltung
hab ich wenig vermutet, gerade angesichts des zuvor mir sehr sensibel scheinenden
und intensiven Zusammenspiels vieler, seis beim Theater, am Feuer oder
beim Küchenmanagement. Sicher ist dies sehr stark mit von Dir als
Gastgeber geprägt, meine Enttäuschung bezieht sich demzufolge
auch auf Dich. [Das Küchenmanagement ist schon immer von mir geprägt,
aber - um das mal klar zu stellen - im Manifest Nr. 4, S. 251 habe
ich beilaibe nur geschrieben "Wem schlecht ist, der soll sich nicht so
bei mir stellen." Alles andere stammt maleider von Nina!]
Ich laß mir gerad nochmal die Absurdität auf der Zunge zergehen:
"Wer nicht mehr kann, kann ja gehen", heißt auch, wer am Ende ist
kann sich doch alleine helfen. Das find ich als Haltung hammerhart bei
Menschen, die für einen bestimmten Zeitraum Gemeinschaft wollen, dies
zumindest so erklären und auch vermuten lassen ["VerMutungen", Lover
4, von Vchim].
Während Gingers Vortrag waren die Kinder glückselig am Feuer
spielend, Katrins Mann und ich bei ihnen. Als die wohl letzte Diareise
begann, wollte er die gern sehen. Die Kinder allein am Feuer am Feuer lassen
ging schlecht, ich mochte, egal wie wenig der Vortrag und Lautstärke
mir zusagten, dennoch gerne mit allen zusammensein. Also Feuer löschen,
obwohl die Kinder es viel lieber wollten, Milan verbrannte sich und schrie
verständlicherweise. Als er dann im tierisch lauten Vortragsraum war
tat mir echt leid, daß ich so zerrissen war und gern mit allen zusammensein
wollte, statt daß ich allein mit den Kids am Feuer geblieben wäre.
Als ich Milan anbot, mit ihm wieder rauszugehen, war er eher verstört
und wollte nur noch die "Mama" - dies hat Nina fehlinterpretiert derart,
daß er lieber den Vortrag sehen wollte. Er brauchte halt Nina, bei
der Alternative mit anderen am Feuer zu sein bin ich mir sicher, daß
er das wählt, nur interessierte das gerade niemanden. Wohin sollte
ich eigentlich gehen, in den Wald?, 300 km nach Berlin?, in dieser Hilflosigkeit
habe ich mich gefühlt, ich hab geschrien vor Schmerz und getrommelt.
Wenn "Der kleine Löwe" brüllt ist das ja noch ganz süß
irgendwie (also im Ernst, von der Geschichte war ich total berührt),
wenn dann jemand real rumbrüllt guckt die Regina mal kurz raus: "ach
der", wahrscheinlich spinnt er, nervt auf jeden Fall, soll uns mal nicht
stören in unserem Fahrplan und weiter gehts.
Vieles resultierte aus meinem "noch was mitmachen wollen", weil die
richtige Konsequenz, zu gehen, wie Nina richtig empfahl, mir so kaum realisierbar
erschien. Diese Not, in die ich begab, und meine geringe Kraft und Möglichkeit,
wirklich zu gehen, tat mir am meisten weh.
Die Therapieablehnung verwundert mich etwas, heißt dies doch
schlicht und ergreifend "bewußte Veränderung", etwas also, was
ich schon als Dein Anliegen annahm. Glücklicherweise hab ich gute
Erfahrungen mit der Maaz-Gruppentherapie gemacht. Kürzlich fand ich
einen Text von Dir am Anfang einer "ICH"-Zeitung. "Eisenhans empfinde ich
als ein sehr wertvolles Buch.
Angesichts einer Gemeinschaft auf so engem Raum war mir letztlich Deine
und Nathalies Präsenz als die eigentlichen Gastgeber [Also nochmal:
ich bin lediglich der Gasgeber!] manchmal zu wenig. So wichtig sicher auch
die Vorbereitung für vieles war, empfand ich doch Euer Dabeisein bei
dem "Eigentlichen", den verschiedenen Runden als sehr wertvoll.
Rainer, Freier Künstler u. Architekt
Lieber Roland, liebe Nathalie,
ich fange an aufzupassen, dass ich keine Lover mehr verschenke, irgendwo
liegenlasse: der Sammeltrieb drückt durch.
In NB entsteht ein Zeitungsprojekt, etwas größer als Lover:
die ZYPRESSE. Ihr seid herzlich eingeladen zu Austausch und Vernetzung.
Liebe Grüße von Lutz
Mut lohnt sich eben immer.
Lieber Roland,
Ich bin nicht der Ansicht von Krihnamurti: "Es stimmt nicht, daß
verschiedene Wege zur Wahrheit führen, ...". Nach meiner Ansicht gibt
es soviel verschiedene Wege zur Wahrheit wie es Menschen gibt. Kein Mensch
kann sich in dieser Hinsicht aus der Verantwortung stehlen und die Suche
anderen überlassen. Und selbst die Wahrheit, die dynamisch ewige,
ist wie jede menschliche Persönlichkeit immer wieder neu und unverwechselbar
und dennoch gleichermaßen von Freiheit, von geistiger Freiheit erfüllt.
Dirk
Und ein weiterer Nachtrag zum LOver 25, zu Seite 41 hatte Dirk noch einen Einführungstext geschrieben:
Egal wat - dau wat!
Hallo Roland,
so geht es nicht (siehe den Beitrag LL 24 - Bewerbung
auf S. 24)! Bei einem Jugendlichen mag es ja noch verständlich sein,
wenn er sich an die gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht
100 %ig anpassen will. Aber so allmählich müßte man sich
doch dem Ernst des Lebens stellen. Dazu gehört eben vor allem eine
solide berufliche Laufbahn. Davor darf sich niemand drücken, sonst
zahlen wir alle drauf! Mit der nachfolgenden Bewerbung möchte ich
in diesem Sinne ein positives Zeichen setzen, getreu meinem neuen Lebensmotto:
Egal wat - dau wat!
P.S.: Für die Erstellung dieser Bewerbung bin ich dem Trainingscenter des Arbeitsamtes zu tausend Dank verpflichtet!
NINA-NOTIZEN ZUM LAPSUS LOVER 25:
- zum Lover-Interview:
Viel zu selten reden wir über die Verwes(sig)ung des Ostens, wo
die Sonne aufgeht. Noch immer ist es mir wichtig beim Kennen Lernen, ob
du Ossi- oder Wessibiest. Die Überntischziehung ist noch nicht vorbei.
Notschlachtungen von "Bravland" sind All täglich.
Neulich wurde mir wieder vor der Nase ein Wildwuchs gekillt:
Ein ehemaliges Schulgartengelände. Inmitten wilder Rasen &
rasendes Wild (vornehmlich Hunde + Besitzer). Hinten alte Baracken zum
Stöbern & Erinnern (alte Schultische & -stühle von damals,
viereckige Quarkbecher, Garderobenleisten usw.). Ringsrum garniert mit
Apfelbäumen, Birnbäumen, Pflaume, Pfirsich - alles da. Vorne
wildduftende rosa Hecken- und Hundsrosen. Und ein riesiger Korkenzieherweidenbusch.
Ich war da oft mit Milan schnuppern, ernten & Lust wandeln. Hab mit
Freunden Schneebälle an ein Fenster der Hausfront hoch oben geworfen.
Hab alle Freunde & Lover dahin entführt, um ihnen diese verträumte
wilde Ecke zu zeigen: eine Perle im wüsten Friedelhain.
Und dann der Schock: Von heut auf morgen Bagger, Riesenkräne,
Laster, nur noch ein Riesenloch - ich hab geheult wie ein Schloßhund,
konnt mich kaum noch aufrecht halten!! Als ob mir ein Stück Fleisch
herausgerissen würde, so fühlte sich das an. Ich war traurig,
daß ich da nicht fotografiert hatte. Ein Bekannter erzählte
mir, daß die Bäume 5 Uhr morgens herausgerissen wurden...
Bald gibt es da ein superwichtiges Sport- und Bowlingcenter. Fitness
around the world!
So geht das Stadt-Land-Spiel also für mich weiter. Kommunegucken,
Landurlaub so oft wie möglich. Je attraktiver Berlin wird, desto unl(i)ebenswerter
wirds hier für mich! Soweit die Jammertiraden. Ich weiß ja:
"Wie außen, so innen. Wie oben, so unten." Auch ich mache öfter
Kahlschlagpolitik mit mir. Aber ich werde immer achtsamer & aufmerksamer
- und siehe da, die Samen wachsen!!
- zu Hermann Hesses Bäumen:
Mein Leben als Stadtindianerin.
Ich sehe in jedem Baum Wesen, Gestalten.
Gehe vorüber & sehe:
Eine stolze Frau mit erhobenen Armen.
Ein schöner Männerarsch.
Baummösen ohne Ende in der Rinde.
Schenkel, die himmelwärts wachsen.
Tierdämonen. Brüste. Schöne & verzerrte & häßliche
& traurige Gesichter.
Alle möglichen Haltungen: kerzengerade, vornübergebeugt,
gebogen, spiralig, krutzlig, schief, Arme nach oben unten sonstwohin.
Oft ahme ich die Haltungen der Bäume nach. Das macht Spaß
und macht mich fröhlich.
Ich sehe schwinge schweige. Und danke. Andächtig.
- zum Zeitalter der Dämmerung:
Ich werd traurig, wenn ich das alles so lese. Wann war ich "jugendlich"?
Wann hab ich aufbegehrt? Ich bin allzu lange brav geblieben. In der Lehrzeit
hab ich nach dem Wochenende zuhause geheult, wenn ich wieder ins Internat
fahren mußte, statt mich zu freuen, frei zu sein & von den Alten
wegzukommen (im Internat gings ja auch sehr repressiv zu - man mußte
Angst haben, nach 10 abends noch im Jungszimmer zu sein - unter der Bettdecke
verstecken war Usus!).
Ich wollte nie erwachsen werden, ich wollte Kind bleiben. Aber die
Autoritätshörigkeit steckt mir bis heute noch in den Knochen.
Oft merke ichs nicht mal oder erst hinterher am ohnmächtigen Wutzittern
oder verzweifelt-gedemütigtem Weinen, was man(n) mir angetan hat.
Erst durchs Rumtrampen, so ab '81, begann ich aufzuwachen. So richtig
aufmüpfig wurde ich aber erst '88, als ich lieber verrückt als
vernünftig werden wollte. Meine gigantischen Ausbrüche waren
tierischer Natur. Der mißglückte jahrzehntelange Dressurakt
forderte seinen Tribut. Leider endete mein Aufbegehren in der Klapper,
an allen 4 Gliedmaßen "fixiert", d.h. mit Lederriemen festgeschnallt
& 4x täglich "Beruhigungs"-Spritzen. Isoliert im Einzelzimmer,
damit ich "zur Ruhe komme". Ruhigstellung? Folter wäre das richtige
Wort. Fastmord!!
Für Jahre war ich dann ruhig, verstummt, abgestumpft. Als lebende
Tote mit dem Gedächtnis, daß ich mal springlebendig war, aber
ohne Hoffnung, daß ich irgendwann wieder aufleben würde.
Jahre, in denen ich immer wieder aufblühte & verlorenging.
Milan kam und wieder der Wahn: diese Ver-antwort-ung wollte ich nicht.
Selbstschuld. Das ging bis '95 so, dann klappte der Hebel um. Ich wurde
wieder lebendig. Und bin am Aufwachen. Das ist ein Prozeß, nicht
mehr aufzuhalten. Das Leben atmet mich - ich atme Leben! Aber die Jugend?
Die ist vorbei, nichts mehr nachzuholen. Viel zu brav, die ich war. Sinnlos,
mich dagegen zu wehren, zu verwahren. Jetzt bin ich mitten im (V)erwachsensein
und verantworte mich selber. Keiner, dem ich mehr die Schuld in die Schuhe
schieben kann. Ich lerne zu antworten und Fragen zu stellen. Lerne zu bitten,
meine Wünsche zu benennen, die Fallen zu erkennen, in die ich immer
wieder tappe. Und mich Stück für Stück aus dem Fallen zu
lösen.
Ich komme mir heute oft freakiger & jünger vor als noch vor
Jahren. Was hole ich da eigentlich nach? Und geht das noch...?
Nina
Hallo Roland!
Der Reaktorunfall von Tschernobyl ('schwarz war's'?) jährte sich
vor ein paar Tagen zum 14. Mal. Auch das fällt einem bei Re*act*or
ein. Und es ist ein sehr unangenehmes Gefühl, wenn man vom geschäftigen
Gefeilsche mit der Ukraine hört: kein Abschalten der restlichen Blöcke
- dann kein Geld aus gemeinschaftlichen Europa-Töpfen für die
Sicherung des Sarkophags. Soll'n die osteuropäischen Ukrainer doch
ihre Schwarzerde draufkippen... Heller Wahnsinn selbst für Schwarzseher.
Heftig kommen anscheinend einige Autoren ob der kurzen Erscheinungsintervalle
des LOvers in Bedrängnis. Was das Inhaltsverzeichnis schon befürchten
ließ, war tatsächlich passiert: auch Frau Meyer hatte den Redaktionsschluß
verpaßt. Noch eine Katastrophe in dem langen Reigen ihrer Schicksalsschläge.
Aber das Heft hier wird doch wohl wieder die Neugier aller ?-Fans stillen.
Neben manchem anderen habe ich diesmal nicht verstanden, warum die
Lösungen zu Preisausschreiben #10 'von 3en' kamen und doch bloß
2 gelistet waren. Gut verständlich dagegen die Rede von Bahro anno
1988. Erhellend die Grinsefratzen zum von Eckart Spoo abgewickelten Jahrhundert.
Und bei Michael Venturas Seiten zum Heranwachsen (woran?) dämmerte
es sicher nicht nur mir an mancher Stelle. Danke fürs Raussuchen.
Tolles Heft.
Zu Ostern übergab mir Roland die Originale der in Zarnekla gezeugten
Hefte, so daß sich die Bildchen auf den LOver-Internetseiten demnächst
deutlich verschärfen und verbuntern werden. Ostern war der Zarenhof
ja von einigen Lapsusen besucht worden. Statt schwerer Feldarbeit stand
diesmal eher Tischtennis auf dem Programm. Und ein erstklassiges Lapsus-Wetter.
Fast schon zu gut, um im Sonnenraum auszuharren, was ja diesmal auch nicht
sein mußte. Rolands 'Der Mensch das Schwein' gab es in der Küche.
Gute Tage bis zum Fest. Keep On Rockin'.
Achim
Hallo Roland!
Klasse, daß ich immer noch den Lover kriege, aufrüttelnd,
fragenschaffend, auch wenn ich mich etwas draußen fühle neben
insidern. Es drängt mich, mal wieder dabeizusein, wenn ich das bloß
im rechten Moment stark genug spüre. So long, Du Buchstabenartist
und so anderer Dinge, sei gegrüßt von Eberhard
... Und guter Hoffnung bin ich nicht
nur, was dieses Jahr Lapsus betrifft: da hat sich ein kleines Leben in
mir verwurzelt - gerade recht zum Frühlingsanfang, wo alles keimt
und sprießt. Eingeladen von Rolands und meiner Liebe, und nun bin
ich schon voll Erwartung, es kennenzulernen, das kleine Wesen, das es sich
vertrauensvoll in meinem Bauch gutgehen läßt und da in unglaublicher
Geschwindigkeit sein kleines Körperchen entfaltet.
Sein kleines Herz pocht seit Wochen unter meinem und mein Körper
meldet es jeden Tag wie aufs Neue erstaunt mit andauernder Übelkeit.
Sonst ist noch nichts zu spüren, aber ich trag es behutsam und überlaß
meinen Körper der Natur, sehe zu, wie er seiner Aufgabe nachkommt
- manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren - der gehört
nicht mehr mir, aber da meldet sich eine ungekannte Sanftheit: plötzlich
lerne ich zu teilen.
Und irgendwann zur Wintersonnenwende, in den Rauhnächten, zur
Zeit der Dunkelheit und Wiedergeburt des Lichts, da werde ich mich ganz
loslassen müssen. Da wird etwas von mir sterben, damit auch ich mit
diesem neuen Wesen zusammen wiedergeboren werden kann.
Ja, und ich leugne auch nicht meine Angst - erwachsen aus unzähligen
Mondstunden Schmerz. Dieser wird der größte sein. Aber umso
größer ist dann auch die Freude: diesmal ist es nicht umsonst:
diesmal drängt mit dieser Macht ein kleines Wesen ans Licht: mein
Kind. Und nichts wird mehr wie vorher sein.
Und weil ich nun höchstwahrscheinlich die Übelkeit und andere
Anzeichen dieser Gewöhnungsphase meines Körpers noch bis Lapsus
akzeptieren muß, die mir nicht viele tatkräftige Stunden zum
Sensen und anderen Vorbereitungen lassen, und was mich auch sehr nach innen
kehrt - seid Ihr dieses Mal besonders herzlich eingeladen, mal für
ein paar Tage oder ein Wochenende vorbeizukommen, zum Vorlapsen, Mitstaunen
oder einfach nur zur Unterstützung von Roland, der nun doppelte Alltagsarbeit
leistet, an Lover, Lapsus, eigenen Beiträgen, Garten gleichzeitig
arbeitet, dabei noch fröhlich mit den Kindern ist und mich befürsorgt
und Zeit findet, mit einer Hand auf meinem Bauch und einer auf meinem Herzen
mir stundenlang zuzuhören, mich zu streicheln, für mich Gitarre
zu spielen.
Es ist einfach schön hier, die Wärme, das Duften und Leuchten
unzähliger Blüten im Garten, der wuchert und grünt und wächst,
wo wie durch ein Wunder die Blumen sich ablösen mit Duft und Farben,
daß man sich kaum sattsehen kann, und nachts singt der Sprosser ganz
nah am Haus, die Frösche quaken noch, und morgens ist die Luft übervoll
von Vogelstimmen, die das morgenglühende Licht auf den Kastanienblütenkerzen
feiern.
Nathalie
UNWIRTLICHER DIE WELT WIRD
desto virtueller wird sie.
Und je virtueller die Welt wird
desto unwirklicher wird sie!
Pina Sommergrün, 22.4.00
...Und
japsend rennt der Mann hinter dem abfahrenden Zug her. Wie der sich
fühlt, wenn ...
"Schluß, aus, vorbei! Ich laß den Zug sausen, und dann
schnauf ich mich aus. Und wie der Zug immer kleiner wird, so schwindet
auch mein Gefühl, nicht genug zu sein. Tschüß Mama, tschüß
Papa, tschüß Tarzan! Fahrt schön, wohin auch immer ihr
wollt, ich schau mir derweil den Frühling an! Und sitz am Kirchplatz
im Café und guck zufrieden den Frauen nach. Kein Bock mehr, König
von Deutschland zu werden! Gar nichts muß aus mir werden, ich bin
mir genug! Ich brauch nicht zu rennen, ich kann zu mir stehen! Und wenn
du mich fragst, ob ich nun bequem werden will, dann sag ich dir eines:
Aber sicher, mein Freund! Mich treibt nichts und niemand mehr, ein toller
Mann zu werden. Aber keine Sorge, so stark und lebendig, wie gerade jetzt,
habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt!"
(aus Schnack, Neutzling: "Die Prinzenrolle")
Kaufen: ISBN 3-934391-03-6.
In der Nacht vom 31.5. zum 1.6. öffnen sich alle Kanäle und Frequenzen des Weltalls für die Infos unseres Sonnensystems. Vergeßt mir in Euren frohen Botschaften vom diesseitigen jenes Lebens nicht die Kunde von LAPSUS live...
Auflösung Preisrätsel 10 von Dirk:
Eckart: 1
Regina: 5,18,15
Ginger: 2,3,16
Roland: 9,21,10
Achim: 12,25,23,13,11
Nina: 22,11
Nathalie: 8,19,20,24
Mucki: 6 Ecki: 14 Lucki: 7 Kucki: 14,17,4
Ach Gott, hab' ich denn selber gar nichts geschrieben? Na beim nächsten
Mal!
Und auch Regina kam noch ins Grübeln:
Doch hier nun (nachdem Du ja persönlich bei uns dafür geworben
hast) die (teilweise) Auflösung des Preisrätsels:
Ginger: 5,18,15;
Roland: 12,25,23,13,11(?);
Nina: 8,19,20,24,;
Achim: 9,21,10(?);
Nathalie: 22,11(?);
Dirk: 14,17,4;
Anni: 1;
Kathrin G. (??),
auf jeden Fall weiblich: 6,7, zweite 14;
ich selber: 2,3,16
Was blieb mir übrig, als dafür je 44 Punkte zu vergeben, eine
knappe 1 minus? Natürlich nur noch die Vergabe in der etwas besser
gestellten Preisklasse. Klasse! Aber Lob von Achim? 42?
Roland
Julias Lösungen:
1. Die Bremer Stadtmusikanten
2. Dornröschen
3. Schneewittchen und die 7 Zwerge
4. Hans im Glück
5. Frau Holle
6. Das Rumpelstilzchen
7. Der Wolf und die 7 Geißlein
8. Aschenputtel
Z. Man gehe Richtung nordost, dann schräg und um die Ecke links.
So kann man es nicht verfehlen.
Und Ninas Lösungen:
1. Die Bremer Stadtmusikanten
2. Dornröschen
3. Schneewittchen
4. Hans im Glück
5. Frau Holle
6. Rumpelstilzchen
7. Der Wolf & die sieben Geislein
8. Aschenputtel
Z. Hinter den sieben Bergen
Hier die rechte Auflösung:
1. Die Bremer Stadtmusikanten (Beatquartett schlägt Gangster in
die Flucht)
2. Dornröschen (Handverletzung führt zu Massenepedemie)
3. Schneewittchen (Adlige lebt mit Bergarbeitern in der Kommune)
4. Hans im Glück (Gammler verschleudert Eigentum)
5. Frau Holle (Bezahlung von Hausangestellten nach Leistung)
6. Rumpelstilzchen (Hässlicher Kidnapper zerfleischt sich selbst)
7. Der Wolf und die sieben Geißlein (Operation rettet bedrohte
Herde)
8. Aschenputtel (Federvieh ermöglicht Partybesuch)
Z: Märchenland (Wo liegt Liliput?)
Und an der Stelle die Erinnerung:
that all, that glitters, isn't gold - Led Zeppelin: Stairway To Heaven
all we are is dust in the wind - Kansas: Dust In The Wind
we are all just bricks in the wall - Pink Floyd: Another Brick In The
Wall
manic depression is a frustrated mess - Jimi Hendrix: Manic Depression
(Zusatzpunkt!)
you can't always get, what you want - Rolling Stones: You Can't Always
Get What You Want
it's a hard rain's gonna fall - Bob Dylan: It's A Hard Rain's Gonna
Fall
we're still running against the wind - Bob Seeger: Against The Wind
this is the end - The Doors: The End
An Roland geht trotz extrem einfacher Verlosung und weniger Lücken
und Irrtümer in den Antworten eine Best-Of-CD der A Subtle Plague.
Offizielle Preisverleihung ist zu Pfingsten. Keep On Rockin'.
Achim
1. Tierquälerei führt zur Ehe
2. Listiger Handwerker erwirbt Ruhm und Reichtum
3. Gelungene Täuschung eines arroganten Läufers
4. Der Dritte hat die Lösung im Sack
5. Bewaffnete Altbundesbürger auf Hasenjagd
6. Kleine Dinge große Wirkung
7. Ein dünner Knochen täuscht entmenschte Rentnerin
8. Chirurgischer Eingriff von Laienhand rettet Menschenleben
Z: Was ist ein Güssel?
Achim
Und wer's wissen will - nun wieder einige Fangfragen für die LAPSUS-Lulatsche. Preise hierfür stifte ich und an den Fingern saugte ich auch für folgende Fragen:
1. Was möchtest du mal werden?
2. Bist du erwachsen?
3. Was ist dein Zuhause?
4. Was kannst du nicht?
5. Was willst du haben?
6. Was ist dein liebster Sachzwang?
7. Worauf würdest du gern verzichten?
Z: Wieso frag ich gerade dich?
Roland
Roland
Ein Krieger taugt nicht als König. Ein Krieger taugt nicht einmal in einer Partnerbeziehung. Ein Krieger wird rausgeschickt und hat zu kämpfen. Hinter ihm werden die Türen vermauert. Sein Pech, wenn er nicht fällt.
Roland
Nun habt ihr in eurer Vergangenheit durch gewagte Live-Shows und
S/M-Performances schon öfter für Aufsehen gesorgt. Hatten die
Eltern der Chorkinder da keine Angst?
Komischerweise überhaupt nicht. Aber ich hatte Bedenken im Vorfeld.
Es waren 35 Kids im Alter zwischen 8 und 12. Da kommen die Muttis natürlich
mit. Ich hab denen dann Kaffee serviert und ihnen erklärt, was für
eine Band wir sind. Dabei entstand ein schönes Gespräch, und
die Muttis haben sich total wohlgefühlt. Und die Kids wußten
ganz genau, was Gruftis sind und was Gothic ist. Es hat richtig großen
Spaß gemacht.
Machst du dich eigentlich, bewußt oder unbewußt, zum
Sprachrohr der Gothicszene?
Ich bin ein Künstler, der ganz frei heraus sagt: "Ich mache Gothic".
Ich versuche, den Leuten zu sagen, daß wir keine Spinner sind sondern
Individualisten, die eine ernstzunehmende Kultur darstellen. Die Leute
haben doch Angst vor uns, weil wir uns durch unser Äußeres auflehnen.
Heute ist es total in, in Adidas- oder Nike-Klamotten rumzulaufen. Du könntest
dir einen Müllsack anziehen, Hauptsache, der hat das Logo von Adidas,
dann ist das in. Die Gothic-Bewegung hat ihren eigenen Stil.
Im "Teutonenlied" nimmst du die sogenannte "Neue Deutsche Härte"
aufs Korn.
Es gab verschiedene Motivationen, dieses Lied zu machen. Zum einen
hasse ich Hooligans und Fußball generell. Nicht wegen des Sports
sondern wegen des Drumherums, diesem massigen Proletentreffen. Zum anderen
hasse ich die deutsche Fernsehlandschaft. Scheinbar sind die Massen der
Deutschen Idioten. Wenn so eine Hühnerscheiße wie "Big Brother"
hohe Einschaltquoten hat, muß ich daraus schließen, daß
die Zuschauer alle Idioten sind. Zum anderen habe ich gesehen, wie russische
Rekruten, die für den Tschetschenien-Krieg einberufen waren, zu Rammstein-Musik
gedrillt wurden. Die Vorstellung, daß aus Deutschland Lieder kommen,
die für militante Zwecke verwendet werden können, kotzt mich
an. Das wollte ich zynisch und ironisch darstellen.
Denn es träumt sich leicht
von Glückssemestern,
Aber Glück ist schwer in diesem Land.
Anders lieben müssen wir als gestern
Und mit schärferen Verstand.
Und die Träume ganz beim Namen nennen;
Und die ganze Last der Wahrheit kennen.
(Rainer Kirsch, 1962)
Sternend neigt die Nacht
sich leis mir zu,
flüstert säuselnd Blütenträume
in mein Ohr.
So daß ich ganz es bin.
Die Nachtigall singt zwischendrin
von fern. Doch nah.
Süße Töne schlüpfen
unter meine Haut -
das dicke Fell,
das ich am Tage trug,
hängt unnütz über 'm Stuhl.
Der knarrt grad' so,
als wär er wieder Baum.
Er träumt wohl auch.
Regina
Kurze Romanze
Hingezogen.
Ausgezogen.
Ungezogen.
Angezogen.
Abgezogen.
Regina
EIN ABSCHIED
Betroffen von deinem glücklichen Weinen
lockt zurückgebunden
mein Versprechen von Traurigkeit und Sehnsucht.
Sprung in jeden Tag,
das Licht hinter Wolken.
All die Tage sagten: ich will nicht.
Was für die Liebe, eure Bilder,
die meine Finger - Zeichen ziehen lassen,
zerlaufene Wasserzeichen
an blinden Spiegeln.
Vielleicht unser Herzschlag,
ob der Himmel weint
oder mit seinen Tropfen die Erde küßt.
Entschieden.
Meine Pflicht zum Ideal. Mein Deal.
Und zerfloß ich in der Sternenflut,
und du verschwandest aufgelöst.
Ich bleibe übrig.
Tragend die Zeichnung,
fragend, wie nocheinmal.
In am Ende gültiger Angst
vorm schwarzen Loch.
Dem ich nicht erwachsen könnte.
Und nicht aus dem Wege gehen!
Während dessen Sonnen blumen
unterm düsenden Flug zukünftigen Todes.
Roland
WEITER
Im Schlepptau den Gedankensog
Schweigen gemeinsam in die Weite zu tragen,
mit gemeinsamen Worten Weite ins Leben.
Die Weite zwischen uns
nicht mit diesen Phrasen zu füllen.
Und ab:
Grenzen nur technische Werte die Geschwindigkeit!
Nicht Kaninchengedärm, um Bremsscheiben geschleudert,
nicht Schwalbenflug ins Kühlerfeuer,
nicht gassterbendes Chlorophyll,
nicht Schrei zerquetschter Kröte
und nicht das Winken meiner Hand.
Gleisige Straßen zerbrechen nicht
an Schalttafeln menschensatter Schlafcontainer.
Nicht an dunkler Nacht Kakteenwälder.
Gummiknüppel weisen Wahl an Weichen -
keuchend durch Ruinen durchzäunter Nachstädte,
in Galerien psychopathischer Porträts auf Rädern.
Tausend Regentröpfchen, Millionen Tränen
lassen nicht die Farben blättern,
die eingebrannt auf Gesichtern thronen.
Granit zerbröckelt an leeren Fenstern,
Ratten huschen in die rechten Winkel,
Rücklichte schrumpfen zu Bildern wie rote Sterne.
Bleibt der Platz im Dreck der todgesäumten Wege.
Wohin nach 70 Jahren mit den krummen Nägeln?
Schlägt endlich abgebrochne Nacht
Schlaf in meinen Schädel.
Roland
Er wacht, mit offenen Augen
Ausstieg, der endlose Blick aus dem Fenster
Schauspiel, schön, lachend, edel und elend
AuseinanderBruch, zu Grunde gehe ich
Nahrung zum Traum, Blumen auf freiem Boden.
Mit meiner Sehnsucht nach Sonne
Ein Tag es ging voran, kleine Hand in meiner
Nahrung vom Traum, bis ich tot sein will
Ausstieg, hin zur lebendigen Klarheit, brechen, zusammen, fallen.
Der Tod ist mir viel gleichgültiger als das Leben
Traumlose Heimat, erwacht
Zuhause, offene Tür
Roland
Spiel jetzt!
laß uns aus unserer Liebe
kein Trauerspiel machen
ich hab Lust auf Lustspiel
das süße Spiel
am Rande des Wahnsinns
an der Herzkante
entlang der Wasserlilie
ein Handkantenschlag
& schon ist es vorbei
verschon mich mit den Tiraden
dem Trockenvögeln
& dem ganzen theatralischen Mist
ich bin ne brünftige Frühlingssau
jetzt jetzt jetzt & jetzt
spiel ruhig weiter mit mir
erst der letzte Zug entscheidet
Pina Sommergrün, 29.3.00
Zehn Kelche
Und noch immer fällt glutrot die Asche
wenn der Vorhang fällt
und noch immer zitter ich wie Espenlaub
wenn ich deinen Anruf erwarte
und noch immer zernage ich die Hoffnung
zwischen meinen bebenden Lippen
& bete
daß ich es diesmal bessermache
einmal
einmal wenigstens
mich nicht mehr zurückhalten müssen
wenn deine segnende Hand
mein Gesicht berührt
bevor es vor deinen Augen
zu Staub zerfällt
& niederrieselt
im Aschenregen meiner Liebe
nach dem letzten Vulkanausbruch
Lava auf der Ebene
Kristalle wachsen empor
langsam
langsam hebt sich die Poebene
vor deinen Augen
Pina Sommergrün, 17.4.00
Ich will untertauchen
im Grün
ich möchte wieder blühn
ich möcht nicht mehr nach Männern gieren
hinterherkrauchen auf allen Vieren
ich möchte einen für mich haben
& mich an ihm dann laben.
Pina Sommergrün
Bevor Frau Nichtig das Obdachlosenheim in der Karl-Marx-Straße
aufsuchte, überlegte sie kurz, ob sie ihre Einkaufstüten mit
dem blaßlila Hosenanzug und den anderen Dingen, die sie noch als
Frau Meyer erstanden hatte, aus der Pension abholen sollte. Aber nach allem,
was sie im Sozialamt erfahren mußte, war ihr Scheck null und, tja
(Frau Nichtig zuckte bei diesem Gedanken zusammen) eben nichtig, und sie
hatte ja die 75,- DM für ihr Zimmer noch nicht bezahlt. Nach der Prasserei
an der Würstchenbude waren ihr nur 50 Pfennig an Eigenkapital geblieben
- damit konnte sie sich in der Pension nicht blicken lassen. Frau Nichtig
hatte jedenfalls, soweit sie sich erinnern konnte, noch nie in ihrem Leben
Schulden gemacht, und sie wußte genau, daß sie keine ruhige
Minute haben würde, bis sie die 75,- DM entrichtet hätte.
Vielleicht würde ja das Sozialamt das Zimmer für sie zahlen?
Doch diese aufkeimende Hoffnung zerschlug sich sofort, als Frau Nichtig
sich das Axel-Schulz-Gesicht der Sachbearbeiterin Michailik in Erinnerung
rief.
So schwer es ihr auch fiel, sie würde morgen noch einmal zu Horst,
dieser Weichwurst, gehen und ihn um Hilfe bitten müssen. Sie hatte
ja auch noch etliche Sachen bei ihm, von denen sie einige vielleicht verkaufen
konnte. 'Gleich morgen früh werde ich diesem Verräter auf die
Bude rücken, da kann er sich wenigstens nicht hinter dieser schrecklichen
Klarsen verstecken, diesem Monsterweib!' beschloß Frau Nichtig und
fühlte sich etwas beruhigt.
Als sie das Obdachlosenheim endlich ausfindig gemacht hatte, war es
bereits dunkel. Die Baracke wirkte von außen nicht gerade anheimelnd
- die Fenster hatten keine Gardinen, einige waren vergittert. Das Dach
war gar mit Wellasbest gedeckt - bekam man davon nicht Lungenkrebs?! Unschlüssig
horchte Frau Nichtig an der Tür - doch da wurde es ihr plötzlich
eigentümlich warm um' s Herz. Eine süße Wehmut trieb Frau
Nichtig Tränen in die Augen: Sie hatte eine Melodie von Gilbert &
Gilbert erlauscht! 'Nein', dachte sie, 'böse Menschen hören solche
Lieder nicht! Die Leute in diesem Haus mögen arm und ohne Obdach sein,
aber im Grunde ihres Herzens haben sie sich ihre Güte und den Sinn
für das Schöne bewahrt!'
Von
der Großartigkeit ihres eigenen Gedankens völlig überwältigt,
betrat Frau Nichtig wie in Trance das Obdachlosenheim. Der Gesang von Gilbert
und Gilbert wies ihr den Weg - es war der ewige Nr. 1-Hit 'Du hast nichts
gesagt', Frau Nichtigs Lieblingslied. Frau Nichtig fand sich auf einem
langen, von Neonröhren gespenstisch erleuchteten Flur wieder. Rechts
von ihr befand sich ein aus rohen Brettern gezimmerter Holzverschlag mit
einem völlig verdreckten Schiebefenster - offensichtlich die Pförtnerloge.
Dort stand auch das Radio, aus dem gerade in diesem Moment das bedeutungsschwere
'Naninaninanina' erklang. Der Pförtner, ein kleiner, gedrungener Kerl,
schaute mißmutig von einer bunten Illustrierten auf; er kämpfte
gerade verbissen mit dem Kreuzworträtsel. "Was woll'n sie denn?" knurrte
er Frau Nichtig ungehalten an.
Doch Frau Nichtig ließ sich von dieser zur Schau getragenen Bärbeißigkeit
nicht täuschen. "Guter Mann, widrige Umstände haben dazu geführt,
daß ich das Dach über meinem Kopf verlor. Man sagte mir, hier
könnte ich von der Unrast des Tages ausruhen." Ungläubig starrte
der kleine, dicke Pförtner Frau Nichtig an, sein schwarzer Schnauzer
fing bedrohlich an zu zucken. "Wollen sie mich verarschen oder sind sie
eine von diesen Presseschnüfflern?" "Nein, nein, ich heiße eigentlich
Meyer, aber meinen richtigen Namen weiß ich nicht, deshalb heiße
ich jetzt Nichtig. Frau Michailik sagte ..." "Ach so, neu, was? Hat dein
Alter dir rausjeschmissen! Man, man, sprech bloß deutsch mit die
andern, sonst haste hier nischt zu lachen. Zimmer 13. Hast Glück,
heute seid ihr nur zu viert." Frau Nichtig wollte sich gerade auf die Suche
nach besagtem Zimmer machen, als der kleine, fette Pförtner sie zurückrief:
"He, wissen sie vielleicht, wie dieser Teletubby heißt, der mit T
anfängt?" "Tipsy?" "Mensch, der heißt doch Dipsy! Ich denke,
sie sind gebildet! Is wohl och nich so weit her mit sie, wa?" Beleidigt
wandte sich dieser feiste Kerl ab.
Frau Nichtig war mit einem Schlag wieder in der brutalen Realität
angekommen. Wenn nicht mal Gilbert & Gilbert das Herz dieses kleinen,
schwabbeligen Menschen erweichen konnten! Verunsichert und ängstlich
näherte sich Frau Nichtig der Tür mit der Nummer 13. Zaghaft
klopfte sie an, worauf nur ein undeutliches Brummen zu hören war,
das Frau Nichtig als Aufforderung zum Eintreten interpretierte.
Auf 9 qm drängten sich 3 Doppelstockbetten aus Eisen, deren untere
Plätze jeweils belegt waren. Zwei der Frauen rauchten, und da das
Fenster geschlossen war, konnte Frau Nichtig trotz des grellen Neonlichts,
das auch hier die Szenerie beherrschte, die Gesichter ihrer Zimmerkolleginnen
nur schemenhaft durch den Zigarettennebel erkennen. "Guck mal, Hertha,
der neue Raumteiler", ließ sich von dem Bett, das ganz rechts an
der Wand stand, eine unangenehm kreischende Stimme vernehmen. "Laß
mich in Ruhe", lautete von links die barsche Antwort, die der Tonlage zufolge
von einem Mann hätte stammen können. Die Gestalt, die im mittleren
Bett lag, knurrte einen Moment unbehaglich, um dann erneut laut zu schnarchen.
Frau Nichtig fühlte, wie sich ein riesiger Kloß in ihrem Hals
bildete, doch heroisch überwand sie ihre Scheu. "Guten Abend, mein
Name ist Nichtig, und ich soll hier übernachten. Wo kann ich mich
denn hinlegen?" "Das ist uns scheißegal, Hauptsache, du schnarchst
nicht so wie die da oder furzt vielleicht noch." Frau Nichtig wurde urplötzlich
übel, und sie hielt sich am Pfosten des rechten Bettgestells fest.
"Nu, nu", meldete sich von dort die kreischende Stimme, "ich bin die Brigitte.
Und wie heißt du?" "Hiltrud", hauchte Frau Nichtig dankbar. "Wenn
du willst, kannst du über mir schlafen. Hast du Schnaps oder Zigaretten?"
"Ich rauche und trinke nicht," empörte sich Frau Nichtig aufrichtig,
setzte dann aber einlenkend hinzu: "Gegen ein Gläschen Wein in netter
Atmosphäre ist natürlich nichts einzuwenden." "Ach du liebe Scheiße",
stöhnte das Mannsweib. "Laß mal, das meint die Hertha nicht
so", griff Brigitte besänftigend ein. "Aber ein Kräuterlikörchen
wirste doch mittrinken?" Bei dem Wort 'Kräuterlikör' wurden in
Frau Nichtig Erinnerungen an die ach so gemütlichen Fernsehabende
mit Horst wach. Ab und an hatten sie sich schon einen Kleinen genehmigt.
Horst war danach immer viel netter gewesen. "Na gut, aber nur einen." Frau
Nichtig setzte sich vorsichtig zu Brigitte auf's Bett. Ein bißchen
schmierig schien diese Person schon zu sein, außerdem fehlten ihr
vorn zwei Schneidezähne und ihr linkes Auge war leicht bläulich
verfärbt, was ihr ein etwas abenteuerliches Aussehen verlieh. Und
beim Sprechen hätte sie ruhig den Glimmstengel aus dem Mund nehmen
können, fand Frau Nichtig. Aber immerhin war sie nett, und Frau Nichtig
sehnte sich nach etwas menschlicher Wärme. Mangels Gläser mußte
Frau Nichtig mit ihrer neuen Bekannten aus einer Flasche trinken, wozu
sie sich sehr überwinden mußte. Mein Gott, wenn sie sich nun
mit irgendetwas Schrecklichem ansteckte?! Leicht angewidert nahm sie einen
winzigen Schluck.
Der Kräuterlikör war gar nicht schlecht. Nach zwei weiteren
Schlückchen wurde ihr Gitti zunehmend sympathisch, und der Zigarettenqualm
störte sie überhaupt nicht mehr. Eigentlich war es hier doch
ganz gemütlich! Bald kicherten Frau Nichtig und Brigitte wie zwei
alte Freundinnen miteinander um die Wette. Hertha bölkte noch ein
paar Mal grimmig herüber, aber selbst das amüsierte Frau Nichtig
mittlerweile köstlich.
Diese Frauen waren richtig tolle Originale, nicht so langweilig wie
Horst und längst nicht so eingebildet wie diese Larsen oder Klarsen.
Und der Kräuterlikör schmeckte himmlisch. Allmählich verlor
Frau Nichtig den Überblick. Das nette Gesicht Brigittes verschwamm
vor ihren Augen, und plötzlich war es ihr, als schaukelte sie in einem
Boot über das weite, weite Meer.
(Fortsetzung folgt)
"Denn bei dir ist der Quell unseres Lebens, und dein Widerschein unser
Licht."
Psalm 36,10
Erinnert sich jemand zurück an seine Wanderungen? An Wanderungen
z.B. durch den Thüringer Wald? An die nutzlose Stille, die zwecklose
Schönheit ungestörter Flecken? Wer schon sagte sich nicht, wenn
er an manchem Waldwinkel eine versteckte Quelle entdeckte, "Wie schön!".
Sich zu erfrischen, man lebte gleichsam auf. Wie schön? Nur sich selbst
einst zu laben und den steten Quell dem Walde zu überlassen?
Das war einmal! Heute. Tragen wir Sorge, daß kein noch so grundverdorbener
Quell unnützem Wurzelgerank zum Opfer fällt. Dabei fällt
einem ein, wie oft in der Schrift vom Wasser die Rede ist. Von Quellen,
die uns beispielsweise die Frage, ob wir flüssig seien, beruhigt bejahen
lassen können. Oder wie der Herr seinen dürstenden Geschöpfen
immer neue Quellen entdecken und erschließen hilft. Aus Felsen in
der 3. Welt schweres Wasser sprudeln läßt oder sogar beim Zug
durchs dürre Tal der Regression es seinen verschworenen und strebsamen
Gesellen zum Quellengrund werden läßt. (Psalm 84,7)
So weckt und stillt er ihnen aufs neue den Durst solchen Lebens. Es
soll der Mensch nicht ohne Durst und Wasser leben. Dieser Quell wird zum
Zeichen ewigen Bestands unserer Kommunität. Der Samaritanerin verheißt
Jesus: Das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen
des Wassers werden, das in das tägliche Leben quillt, mehr zu werden.
Da zerbrechen sich die Menschen den Kopf darüber, wer Gott ist.
Und übersehen, daß er den Markt voller Brunnen baut und Quellen
sprudeln läßt! Nichts ist heute so wichtig, wie sie als erster
aufzuspüren und zu unternehmen, aus ihnen zu schöpfen. Nicht
jedem sind sie gegeben. Gewiß, manchvielen muß man es beibringen.
Manchvielen muß man sich ihren angemessenen Teil holen lassen.
Die Schrift überliefert uns als 1. Herrenwort: "Es werde mehr!".
Und es obliegt ihm, die schwarzen und dunklen Gestalten, die es sich in
diesen oder jenen Nischen wohnlich eingerichtet haben, zu vertreiben. Es
wird in diesem Schein hell, einsichtig werden die Sachzwänge, es kommt
zur Ordnung, zu klaren Zirkeln. "Dies Wort ist meines Fußes Leuchte."
- wer kennt nicht das Wort, aber nicht jeder unternimmt es beim Wort.
Immer wieder ist man versucht und läßt sich dazu verleiten,
sich mit seinem eigenen Licht zu begnügen, statt hinauszugehen, den
lichten Schein zu mehren. Wie ein Mensch vom Wasser lebt, so lebt besser
er von mehr Wasser. Gott hat es uns bereitet - wir werden zulangen. Dann
wird unser Licht der Dunkelheit und unser Durst gelöscht. Amen.
Roland, oh Gottogott
| Dankbarkeit ist eine Pflicht, die erfüllt
werden sollte, die aber zu erwarten keiner das Recht hat.
Jean-Jacques Rousseau |
Da hilft nur noch Musik!
Gesprüht im Prenzelberg Sommer 90...
Es ist schon merkwürdig: Da prahlt so ein Eidgenosse damit, Genforscher
zu sein, im gleichen Atemzug beschwert er sich aber lautstark, daß
"Genforscher keine Freundin kriegen". Einfach so. Und deshalb bleibt GUZ
also alleine und ihm nichts anderes übrig, als in seinem Gen-, oder
besser gesagt: Klanglabor in Schaffhausen ein Musikstück nach dem
anderen aufzunehmen. In seiner skurrilen kleinen Welt. Das alles erscheint
auf den ersten Blick banal und ist es eigentlich auch - wenn dieser Herr
GUZ nur nicht so eine ebenso sonderbar erfrischende wie bezaubernde Musik
machen würde!
GUZ ist schon ein sehr komischer Kauz und gerade deshalb lieben wir
ihn. Spätestens, nachdem man ihm bei der schweißtreibenden Arbeit
auf der Bühne zugesehen hat, was mir am 12. April im Bärenzwinger
für 12 DM vergönnt war. Einem Ort übrigens, dem GUZ ausdrücklich
absprach, in einem Idiotental zu liegen, wie es in einem seiner Lieder
besungen wird. Seltsamer Weise würde das Publikum immer denken, es
wäre das eigene Tal gemeint...
Aber jetzt lassen wir doch einfach mal seinen größten Fan
persönlich zu Worte kommen ...
In GUZ I trust !
Es war im Februar des kalten Winters 1985, als im Bahnhofbuffet Romanshorn
das Schicksal beschloss, GUZ in mein Leben treten zu lassen. Der Grund,
weshalb ich an diesem frühen Samstagabend in einem gottverlassenen
Nest am Bodensee unter depressiven Trinkern Zeit totschlug, ist mir entfallen;
wie ich jedenfalls in einen dünnen Milchkaffee starrend so dasitze,
kommt eine merkwürdige Gestalt zur Türe herein, die sich an meinen
Tisch setzt und eines dieser mühseligen Gespräche über Musik
anfängt. Wahrscheinlich muß ich so ausgesehen haben, als würde
mich Musik interessieren. Das Gespräch gipfelte darin, dass mir der
der Typ eine Kassette andrehte, von der er nicht nur behauptete, er hätte
sie selbst aufgenommen und alle Instrumente gespielt, sondern auch noch
anmaßend unbescheiden betonte, dass die Musik 'super' wäre.
Es kostete mich sieben Franken, die Kassette zu erstehen und mir damit
wieder freie Sicht in den Milchkaffee zu verschaffen.
Einige Wochen später fiel mir zufällig zu Hause beim Aufräumen
die Kassette wieder in die Hände und ich legte sie zum Abwaschen in
den Rekorder. Es war, wie ich heute weiß, eines der wenigen Ereignisse
in meinem Leben, die mein Dasein radikal verändern sollten.
Die Musik war von grandioser Verschrobenheit, rumplig gespielt, rücksichtslos
phantasievoll, erhaben kindisch und mit einer WC-Bürste aufgenommen.
Ich war begeistert. Dieser Typ schien sich nicht nur keinen Deut um die
Regeln zu scheren, die üblicherweise in Bahnhofsbuffets gelten, sondern
auch in der Musik eine Rolle spielen. Es war wie Punk mit anderen Mitteln.
Wenn ich mir das heute überlege, war es vielleicht nur so, daß
dieser Herr GUZ einfach versuchte, Musik nachzumachen und im debakulösen
Scheitern dieses Versuchs entstand plötzlich eine eigene, große,
selber erfundene Welt. Sie war bevölkert mit viereckigen Frauen, schlafenden
Füßen, sinnlos herumballernden Cowboys, Frauenfelder Frauenhelden,
Kiffern am See; mit Typen, die keine Freundin kriegen, am Bahnhof rumstehen
und sich erzählen, dass ihnen nichts einfällt.
Kurz: Eine Welt, die genauso von diesem pubertärem Schlamassel
durchdrungen war wie meine eigene. Und die Musik sagte mir: Unternimm etwas
dagegen. Ich schmiss die dreckigen Teller an die Wand, zündete die
Wohnung an und beschloss, GUZ-Fan zu werden.
Das ist bis heute, mehr als zehn Jahre später, so geblieben. Zwar
werfe ich nicht mehr Teller an Wände oder zünde Wohnungen an
und obwohl ich äußerlich den Anschein erwecken mag, ein vernünftiges
Mitglied der Gesellschaft geworden zu sein, ist der Schlamassel natürlich
genau derselbe geblieben. Denn der Schlamassel hört nie auf. Genau
wie ich selber im Laufe der Zeit einige Dinge begreifen lernen musste,
weiß GUZ mittlerweile sehr genau, wie Musik funktioniert. Ich würde
sogar behaupten, GUZ ist ein ordentlicher Schlagzeuger, prima Gitarrist
und klasse Sänger in profan musikhandwerklichem Sinn geworden. Hören
sie sich als Beispiel die Nummer 'Musik' auf dieser CD an: Das Stück
ist ein Prachtexemplar an Überschwang, Euphorie und musikalischer
Phantasie, man achte etwa auf den liebevoll präzis ausgepfriemelten
Fenderhall auf der Rhythmusgitarre- gleichzeitig beschwert sich dieser
feine Herr GUZ krakeelend, wie sehr ihm doch "Musik auf den Sack geht".
Nicht nur, dass sich der Text an der Musik verrät, sondern hier
wird im weiteren ganz explizit Musikgeschichte mitgedacht, ihre für
GUZ zentralen ästhetischen Momente (also Childish, New Wave, R&B,
Volksmusiken etc.) musikalisch formuliert und damit letztlich die Bedingungen,
unter denen GUZ arbeitet: Ein einsamer Spinner hockt in seinem dunklen
Keller vor einem Aufnahmegerät und erfindet sich eine eigene, kleine
Welt aus Musik, die dadurch ihre wunderbare Größe bekommt, indem
die andere Welt und die andere Musik außerhalb dieses Spinner-Kellers
verschluckt und zum Verschwinden gebracht wird. Das ist zwar ein schwacher
Trost, doch er hat mich am Leben erhalten und aber auch Spaß gemacht,
gestern wie heute. Deshalb glaube ich an GUZ - und wer nicht will, der
muss.
Rämi Hämorrid
Die wichtigste Anleitung, die ich dir über Trance Tanz geben kann,
ist ganz einfach: Vertraue dem Prozeß, laß die Bewegungen geschehen
und erlaube dem allumfassenden Bewußtsein, in deinen Körper
einzudringen. So wirst du ein vollkommenes und ganzheitliches Gefühl
dafür erlangen, wer du wirklich bist - physisch und metaphysisch.
Es mag sein, daß du ein wenig ängstlich oder aufgeregt bist,
wenn du dich auf deinen ersten Trance Tanz vorbereitest. Vergegenwärtige
dir dann, daß sich diese Angst bald in Freude verwandeln wirst, sobald
du den inneren Tanz zu spüren beginnst.
Trage lockere Kleidung, in der du dich wohl und schön fühlst
und ungehindert bewegen kannst. Es sollte Kleidung sein, die du leicht
ablegen kannst, wenn dir beim Tanzen danach ist. Bringe eine Augenbinde
mit. Am besten ist eine bandana, die deine Persönlichkeit zum Ausdruck
bringt. Iß vorher nur wenig und leicht. Mit vollem Magen ist es sicher
schwieriger, umherzutanzen. Wenn du normalerweise Make-up trägst,
nimm diesmal nur wenig oder laß es ganz weg, damit deine Haut schwitzen
kann.
Am besten ist es, barfuß zu tanzen. Wenn der Untergrund dies
nicht zuläßt, so trage möglichst weiche Schuhe. Wenn du
im Freien auf der Erde tanzen kannst, so ist es - abgesehn von ästhetischen
Gesichtspunkten - besonders gut, mit nackten Füßen zu tanzen,
damit die spirituelle Energie von Mutter Erde ungehindert in deinen Körper
einströmen kann.
Trage keine schweren Gürtel, breite Ringe, Ohrringe und anderen
Schmuck - es sei denn, es handelt sich um Kraftobjekte. Du schützt
dadurch nicht nur dich, sondern auch die anderen, die um dich herum tanzen,
vor Verletzungen. Am besten ist es, alles zu entfernen, was deinen Körper
ständig berührt und dich damit immer wieder an deinen Körper
erinnert. Bringe persönliche Kraftobjekte mit. Wir brauchen sie für
jene Zeiten, in denen wir zusammensitzen, meditieren, unsere Erlebnisse
austauschen und verarbeiten. Vielleicht willst du deine Lieblingsdecke
mitbringen, um dir einen besonderen Heiligen Platz zu schaffen, an dem
du dich nach dem Tanzen ausruhst.
Ich empfehle dir, ohne irgendwelche bewußtseinsverändernden
Substanzen zu deinem ersten Trance Tanz zu kommen. An einem bestimmten
Punkt der Erfahrung ist es in Ordnung, sanfte Halluzinogene, wie etwa Lehrerpflanzen,
zu benutzen. Du wirst jedoch spüren, daß es nicht wirklich nötig
ist. Einmal durch den Spirit erweckt, werden die Bilder, Gefühle,
Düfte, Geschmäcker, Klänge und Gedanken aus anderen Zeiten
frei fließen. Zum Trance Tanzen brauchst du nicht unbedingt viel
Platz, es sei denn, du willst Freistil Trance Tanz ausführen. Dann
allerdings brauchst du sehr viel Raum. Da der eigentliche Trance Tanz in
deinem Inneren stattfindet, brauchst du im allgemeinen jedoch nicht viel
Platz.
Die Körperhaltung ist ganz ähnlich, wie du sie vielleicht
aus anderen Formen der Körperarbeit kennst:
Halte deine Augen geschlossen und verbinde sie mit einer Augenbinde
(bandana). Halte deine Füße etwa in Schulterbreite, fest verwurzelt
auf Mutter Erde oder dem Boden, auf dem du tanzt. Achte auf einen guten
Kontakt zum Boden, auf gutes grounding. Deine Knie sind leicht gebeugt,
damit Gaias Energie ungehindert nach oben strömen kann. Laß
deinen Bauch leicht hervortreten, deine Brust fällt sanft nach innen,
und du läßt Schultern, Arme und Hände sinken und entspannt
herabhängen. Der Kopf ruht sanft auf deinem Hals. Bewege ihn leicht
und fange an, tief zu atmen.
Experimentiere mit dem Atemmuster des Feueratems: zweimal durch die
Nase ein- und einmal durch den Mund ausatmen. Du brauchst dich nicht streng
an dieses Muster zu halten und kannst genauso gut irgendein anderes bewußtes
Atemmuster nutzen, das deine gesamten Lungen mit sauerstoffreicher Luft
und Energie füllt.
Für etwa 3 bis 5 Minuten solltest du dieses bewußte Atemmuster
fortsetzen und in dieser Zeit deinem Körper erlauben, in seinen Bewegungen
den Gedanken und Gefühlen zu folgen, die in deinem Innern aufsteigen.
Wenn du Töne hörst, verleihe ihnen eine Stimme. Wenn Tränen
fließen, betrachte sie als heilenden Inneren Regen, der dich reinigt.
Töne und Klänge von Freude, Lachen, Schmerz, Angst und Traurigkeit
sind alle willkommen, so lange sie aus deinem Inneren entstehen und nicht
von deinem Ego gesteuert sind, das dadurch die Aufmerksamkeit der anderen
Tänzer auf sich ziehen will.
Nach einer gewissen Zeit wirst du eine vibrierende Energie spüren,
die durch deinen Körper pulsiert und unwillkürliche Bewegungen
verursacht. Meist ist dies das Zeichen dafür, daß dein Bewußtsein,
dein Spirit, erweckt wird und beginnt, sich in dir zu verkörpern.
Wenn dies geschieht, hast du keine Kontrolle mehr über deinen Körper.
Dann beginnt dein Bewußtsein die Grenzen von Raum und Zeit zu überschreiten.
Vielleicht nimmt dein Körper in seinen Bewegungen auch andere Formen
an. Dies können ganz neue oder auch sehr, sehr alte Formen sein -
so, wie sich deine schamanischen Ahnen während des Tanzens in Krafttiere
verwandelten.
Du wirst tiefe Gefühle spüren - Gefühle der Freude und
auch solche, die du normalerweise als negativ bezeichnen würdest.
Du bist dann in einem besonderen Bewußtseinszustand, in dem du gleichzeitig
wach bist und deine negativen Gefühle beobachten kannst, während
du sie erlebst: ein heilender Prozeß, der als Bi-Lokalisation bezeichnet
wird.
Dies verleiht dir ein außergewöhnliches Gefühl von
Sicherheit und Frieden. Ein Gefühl von Gelassenheit, das du in der
'normalen' Realität, in der du oft völlig deinen Emotionen ausgeliefert
bist, nicht erlebst. Krafttiere, Erscheinungsformen der Natur, Stammesrituale
- all das kann vor dir auftauchen. Wenn sich an bestimmten Stellen deines
Körpers Schmerzen bemerkbar machen, so kann dies ein Hinweis auf Verletzungen
sein, die dir in diesem oder früheren Leben zugefügt worden sind,
ohne daß du dir darüber bewußt sein mußt.
All dies geschieht in einer sehr kurzen Zeitspanne. Deine Wahrnehmung
von Zeit wird meist so beschleunigt, daß dir 45 Minuten Tanz wie
15 Minuten erscheinen.
Sie machen
alles anders: Godspeed You Black Emperor aus Kanada. (siehe auch LOver
18 & Vortrag zu LAPSUS live 2000)
Kaum jemand hier weiß etwas über Euch, deswegen: Wie seid
Ihr zusammengekommen?
Wir begannen vor ungefähr 1994 zu dritt, mit zwei Gitarren und
einem Baß. Langsam kamen weitere dazu, eine Weile waren wir 15 Leute,
das reduzierte sich dann wieder auf neun und blieb dann so.
Und
wie war die musikalische Entwicklung?
Jemand hat uns einen Gig angeboten, also formierten wir zu dritt eine
Band und entschieden gemeinsam, daß jeder von uns eine halbe Stunde
lang nur einen Akkord spielen sollte. Das haben wir gemacht, und ungefähr
drei oder vier Leuten hat es gefallen, und so dachten wir, wir sollten
vielleicht so weitermachen. Also traten wir etwa ein Jahr lang zu dritt
auf und spielten eine halbe Stunde lang einen Akkord. Später kamen
andere Akkorde dazu und im gleichen Maße kamen andere Mitglieder
dazu.
War das eine mathematische Notwendigkeit?
Nein, es lag eher daran, daß die neuen Mitglieder bessere Musiker
waren als die ursprünglichen drei.
Unbedingt ein interessantes Konzept. War es eine Reaktion auf irgendetwas?
Es war eine Reaktion auf Bands, die normale Songs mit normalen Akkorden
immer wieder übten und so lange spielten, bis keiner sie mehr hören
konnte. Aber es war auch eine Reaktion auf den Umstand, daß alles
was du als Band oder im privaten Leben treibst, zur Bewegung, zum Style
ausgerufen wurde. Die Geschichte mit dem einen Akkord sollte das umgehen.
Hat das geklappt? Oder gab es nicht doch jemand in Montreal, dem
das gefallen hat?
Wie ich sagte, es gab immer einige wenige...
...die sofort Mitglied der Band wurden.
Ja, meistens. Mittlerweile sind es in Montreal ein paar hundert, die
uns mögen.
Über Montreal wissen wir nicht allzuviel. Wie ist die strukturelle
Beschaffenheit, welche Szenen gibt es, wie interagieren sie?
Es gibt, wie in jeder größeren Stadt eine ganze Menge Szenen.
Es gibt eine starke Improvisations/Jazz-Szene. Wir selbst betreiben das
sogenannte Hotel to Tango. Wir wohnen dort und machen Veranstaltungen,
seit ungefähr drei Jahren, weil es wenige Plätze für Performances
und Konzerte gibt. Ungefähr sechs oder sieben Bands und Projekte treten
dort auf, mit einer recht großen stilistischen Bandbreite, von Jazz
bis Tanzmusik. Es gibt also eine ganz gesunde Szene. Ich weiß nicht
wie's woanders ist. Die einzige Szene, die wir wirklich kennen, ist die,
die in unserem Laden stattfindet, eigentlich alles Freunde.
Meine Erfahrung ist, daß die Presse manchmal der Einfachheit
halber alle möglichen Szenen einer Stadt zu einer einzigen subsumiert
und damit erst Dinge in Bewegung setzt.
Ganz genau. Nur mit Montreal ist das noch nicht passiert.
Welche Sorte Tanzmusik passiert im Hotel to Tango?
Wir machen, oh, du meinst TANZmusik, nein wir machen eher Musik für
Tanz, Tanzperformances. Was Clubmusik betrifft, ja, da gibt's in Montreal
schon eine Menge. Ninja Tune zum Beispiel haben ein Büro in Montreal
und bewegen so einiges, aber ich weiß nicht viel darüber.
Ihr benutzt zwar Filmprojektionen und Tapes, aber kein digitales
Gerät. Ist das eine Reaktion auf irgendwas?
Nun, in erster Linie sind wir alles irgendwie Punkrock-Kids, wir benutzen
die gleichen Werkzeuge, die wir benutzen, seit wir fünfzehn Jahre
alt sind. Adrian, unser Drummer spielt in einer Band namens Exhaust und
benutzt dort Samples. Und Roger, einer unserer Gitarristen spielt in einer
anderen, wo einige Analogsynthesizer benutzt werden, aber im großen
und ganzen sind wir eben stark im Punkrock, amerikanischem Hardcore verwurzelt.
Wir respektieren Typen wie Aphex Twin, aber wir haben uns für eine
andere Arbeitsweise entschieden, mit Gitarren und dicken Verstärkern.
Was für Film wird während der Show gezeigt?
Zum Teil altes Material, aus einem unvollendeten Film, an dem einer
von uns beteiligt war.
Eure Musik wird ihrerseits oft mit Filmmusik in Verbindung gebracht.
Speziell mit Ennio Morricone. Bezieht ihr euch dabei auch auf eine Tradition?
Film war immer auch ein Element unserer Arbeit, seid wir angefangen
haben. Eine Zeit lang haben wir mit zwei Leuten zusammengearbeitet, die
ein ziemlich großes Archiv haben, und Material daraus mit zwei Projektoren
über uns an die Wand warfen. Als die Zusammenarbeit endete, haben
wir angefangen, eigenes Material zusammenzustellen. Zu der anderen Connection:
Beinahe jede Instrumentalmusik, die einen recht unmittelbaren emotionalen
Affekt ausübt, wird schnell als Soundtrack bezeichnet, ohne es notwendigerweise
wirklich zu sein.
Was macht dieses speziell Soundtrackartige aus?
Repetitive Phrasen, der Umstand, daß es rein instrumentale Musik
ist, daß jedes Stück eine eigene Stimmung hat.
Die Abwesenheit von Solisten, das kollektive Interesse an einer
Stimmung.
Genau.
Ist Eure Musik ohne Bilder nur eine fragmentarische Version?
Ich denke nicht. Fragment von was?
Das Stück, das auf Platte, ohne Bilder, erklingt, hat notwendigerweise
einen anderen Effekt auf die Zuhörer, als die Live-Version mit Bildern.
Der Unterschied zwischen Platte und Live-Show ist: die Live-Show ist
lauter. Das ist genauso ein Unterschied wie, daß auf der Bühne
eine Menge unterernährter, schlecht gekleideter Typen aus Montreal
zu sehen sind. Live spielen ist aber immer spannend, vor allem in den USA,
wo jeder ein ziemlich präzises Bild davon hatte, wie wir auszusehen
hatten. Es macht immer Spaß, daß zu unterwandern.
Es ist ziemlich selten, daß es keine Bandphotos gibt. Jeder
Promoter besteht doch darauf.
Nun, mittlerweile gibt es Bedarf dafür, aber wir sträuben
uns noch etwas dagegen. Tatsächlich haben wir erst vor einem Monat
einem Magazin aus Montreal unser erstes Interview gegeben. Und das nach
schmerzhafter Entscheidungsfindung innerhalb der Band.
Gab
es schlechte Erfahrungen?
Nicht wirklich. Aber in der Band besteht ein Konsens darüber,
daß es in Amerika kein Forum gibt, in dem musikalische und soziale
Belange angemessen diskutiert werden. Wie das in Europa aussieht, weiß
ich nicht. Es gibt zwar Diskussionen über strukturelle Bedingungen
des Musikmachens, speziell für "Gitarrenbands". Aber es gibt keine
Interviews, die tatsächlich abseits des Promotion-Wertes für
irgendeinen Beteiligten gewinnbringend sind.
Woher wißt ihr das, wenn ihr es nicht versucht?
Haben wir uns auch gedacht, weswegen wir in Montreal einen Versuch
gestartet haben, weil wir dachten, wir könnten auf diese Weise mit
der Stadt kommunizieren, in der wir leben... andere Bands damit ansprechen.
Aber es lief furchtbar.
Wir haben das Interview per Email gemacht und zwölf Stunden damit
verbracht, die ganzen Fragen zu beantworten, haben es ganz schön ernst
genommen. Aber die Autorin hat nur einige Teile benutzt, um das auszudrücken,
worum es in unserer Musik ihrer Meinung nach geht...statt eigene Worte
für ihre Erfahrung zu finden. Ich denke, so läuft das Geschäft,
zumindest in USA. Mit Fanzines ist es etwas besser. Aber sonst ist Amerika
in dieser Beziehung kulturelles Ödland, mit Musik wird gedealt wie
mit Kokain. Und wir wollen da nicht mitmachen.
Aber ist es nicht unerläßlich für irgendeine Form
von Aufmerksamkeit?
In unserer Stadt ist der Grad an Interesse für unsere Arbeit größer,
gerade weil wir es nicht jedem erzählt haben. Das ist nicht der Grund,
warum wir es getan hatte, aber es hatte nun einmal diesen Effekt.
In der eigenen Stadt läuft ja auch mehr über direkte Kommunikation.
Aber darüber hinaus ist es eine kurzlebige Stadt , in der Leute
auch mal nur für ein Jahr leben und dann wieder abhauen. Und wir spielten
immer nur für Freunde und deren Freunde. Zwei Jahre lang, und im letzten
Jahr kamen dann Leute, die wir nicht kannten. Und ohne prätentiös
zu werden: auf diese Weise haben wir nur musikalisch miteinander kommuniziert.
Was großartig war. Aber außerhalb davon haben die Leute sehr
wenig Ahnung, wer wir sind und was wir tun. Es ist wie sich auf einer Party
zu verlieben, und sobald die betreffende Person den Mund aufmacht, ist
es vorbei. Also ist es besser, ruhig zu sein und nicht in anderer Leute
musikalische Prozesse einzugreifen.
Ein schwerer Stand, wenn man von der Musik leben will.
Das ist richtig, aber innerhalb der Band herrscht Einigkeit darüber,
diesen Weg zu gehen. Unabhängig davon, was jeder außerhalb der
Band für Aktivitäten verfolgt.
Wie kam es denn trotzdem zu dem Schritt, außerhalb Montreals,
auch in Europa zu touren?
Der Kontakt nach Europa kam über den britischen Vertrieb zustande.
Und in Kanada hatten wir Glück mit einem bestimmten Zuschußsystem,
von dem normalerweise nur die furchtbarsten Bands, die du dir vorstellen
kannst oder Millionäre profitieren, Brian Adams zum Beispiel. Wir
haben es für eine US-Tour beantragt, einfach mal, um es zu versuchen.
Wir hätten die Tour sowieso gemacht, wir haben schon ohne Geld in
den USA getourt. Aus irgendeinem Grunde haben wir den Zuschlag bekommen,
sind getourt, und von dem was übrig blieb, machen wir Shows wie diese
hier...und werden zurückkehren mit dem, womit wir aufgebrochen sind:
unseren Instrumenten.
Tourst
du gerne?
In Europa, ja. Amerika ist schrecklich, ich weiß nicht, ob wir
das noch mal machen werden. Aber hier...anstrengend mit zehn Leuten, aber
okay. Verglichen mit Montreal ist es warm hier, trotz Winter. Mir gefällt's,
einigen aus der Band nicht ganz so. Ich mach mir etwas weniger Sorgen um
alles.
Wie seid ihr organisiert? Eine Band auf Tour ist ja ein Sack Flöhe.
In Europa haben wir ja einen Tourmanager. In Amerika, wo wir auf uns
selbst aufpassen mußten, gingen nach der Show regelmäßig
zwei von uns verloren. Etwas chaotisch.
Und am Ende des Tages ist's Musik.
Klar, eigentlich ganz einfach. Manchmal aber eben einfach furchtbar.
In Amerika hatten wir unausgesetzt das Gefühl, daß weder Musik,
noch irgendetwas das wir tun irgendeinen Wert hat.
Was gefällt Dir nicht an den USA?
Paranoia! In den Clubs behandeln sie dich wie Scheiße, die Leute
dort sind Aliens, völlig entfremdet...sie sehen aus wie du und ich,
aber sobald du näher mit ihnen zu tun hast, ist nichts davon übrig,
nichts dahinter. Es ist einem so fern, a fucked up place, very very fucked
up...the devil's nightmare.
Interview: Tobi Honest/Eric Mandel
"Mein Vater streichelt mir den blonden Schopf / Er wollte, dass ich
mal Minister werde / Doch Kinder haben einen eig'nen Kopf..."
(Howard Carpendale: "Bilder meines Lebens")
"Hankville 1952"
In der Nacht in der Hank Williams im Alter von 29 Jahren starb, begann
das Jahr 1953 -- die Country-Music war, wie sein bis heute wohl einflussreichster
"Honky Tonker", noch keine 30 Jahre alt, denn der offizielle Startschuss
für den Musikstil "Country-Music" fiel mit einer Handvoll Aufnahmen
am 1. August 1927, abgegeben von einem gewissen James Charles Rodgers,
allgemein bekannt als Jimmie Rodgers, der hier auch gleich einen seiner
berühmten "Blue Yodels" einspielte, nämlich "Blue Yodel #1 --
T For Texas". Am gleichen Tag -- denn doppelt hält ja bekanntlich
besser -- stand im Studio auch die wohl berühmteste Country-Music-Familie:
The Carter Family. Insgesamt vielleicht ein Dutzend Songs, die den Boden
für eine der besten Geldquellen der Musik-Industrie bereiteten. Szenenwechsel:
John Lomax stiess bei seinen Feldforschungen in einem Gefängnis auf
Huddie Ledbetter (1888-1949), der aufgrund seiner Performance begnadigt
wurde. Die Tagespresse kündigte ihn bei seinem ersten öffentlichen
Auftritt (4.1.1935, Hotel Montclair, N.Y.) noch als "Murderous Minstrel"
an, tags darauf jedoch feierten sie ihn als "King of the 12-String-Guitar".
Die Rede ist vom Folk-Sänger Leadbelly, der wie kaum ein anderer die
Musik-Szene beeinflusste. Ohne ihn stünden Sänger wie Van Morrison
heute vielleicht nicht im Bühnenlicht, sondern... müssig, darüber
nachzudenken. Zwei Beispiele von vielen, die gewissermassen auch für
eine Neuorientierung in der damaligen Musikszene stehen.
"Smithville 1952"
Der Begriff Folk-Music erklärt sich von selbst, wenn man vor allem
ein Werk in Betracht zieht, nämlich die "Anthology Of American Folk-Music",
editiert von Harry Smith. Mit dieser Compilation, erstmals 1952 auf 6 LPs
erschienen und 1997 wiederveröffentlicht in einer 6CD-Box (jeweils
von Smithsonian Folkways), eröffnet sich den Hörern eine längst
vergessen geglaubte Welt, die zudem der Musikwelt nachhaltig ungeahnte
Möglichkeiten zur Weiterentwicklung bot. Von dieser "Bibel" lernte
Bob Dylan ebenso wie Beck, Kurt Cobain oder Elvis Costello, um nur einige
wenige zu nennen; O-Zitat Dave Van Ronk 1991: "We all knew every word of
every song on it, including the ones we hated..." Was ist das Besondere
gerade an diesem Kompendium von Songs -- es gibt ja so viele?! Da spielen
sicherlich mehrere Faktoren zusammen: Zum einen erschien das Original,
wie bereits erwähnt, 1952, also in jenem Jahr, in dem die berüchtigte
McCarthy-Ära ihren Höhepunkt fand, und Amerika führte nicht
nur Krieg mit sich selbst, den eigenen Landsleuten, sondern auch Krieg
gegen Korea. Zum anderen finden sich auf der Anthologie höchst unterschiedliche
Songs, die 1952 bereits zwanzig Jahre und noch älter waren und schon
zum Zeitpunkt der Einspielung teilweise als "altmodisch" galten. Der gesamte
Farbenreichtum Amerikas fand hier Unterschlupf, keine Stilrichtung, die
hier verdrängt oder vergessen wurde. Zusätzlich war es die Ausnützung
eines neuen Mediums: der Langspielplatte. Zurück zu Jimmie Rodgers:
Gemeinsam mit zwei befreundeten Musikern, Lucien "Piggy" Parks und Goebel
Reeves, fuhr der noch unbekannte "Singing Brakeman" in einem Ford Model
T quer durch die Staaten und tourte. Lange vor 1927 passierte diese Tour
und Jimmie Rodgers nutzte den Kunstgriff, den er von Goebel Reeves lernte,
am besten, machte ihn schlussendlich bekannt und wurde dadurch berühmt:
American Yodeling. Goebel Reeves, der in einem seiner seltenen Radio-Interviews
erklärte "I made it a rule never to stay in one place longer than
six months", reiste logischerweise viel herum, mit dem Eintritt Amerikas
in den Ersten Weltkrieg kam er sogar bis nach Europa. In Europa hörte
er zum ersten Mal Menschen jodeln, und das nahm er -- neben einer Schusswunde
-- mit zurück in die Staaten. Nach Beendigung der Tour mit Rodgers
und Parks heuerte Reeves an, um nochmals nach Europa zu gelangen. Irgendwo
in Italien, so um 1928, kurz vor der Rückreise, hörte er eine
vertraute Stimme aus einem Grammophon-Laden: Jimmie Rodgers, jodelnd...
Goebel Reeves' erste Reaktion: "Wenn Jimmie damit erfolgreich ist, warum
nicht auch ich?" Zurück in den U.S.A. nahm er Dutzende von Songs auf,
die mit einer Ausnahme ("Hobo's Lullaby", das spätere Lieblingslied
von Woody Guthrie) keine besonders grosse Resonanz hervorriefen...
The Yodeling Teachers
Plattentips
Die erste empfehlenswerte
CD-Box ist die oben ausführlicher beschriebene "Anthology Of American
Folk Music", die als Standardwerk einfach unentbehrlich ist.
Gleich daneben
und danach sollte die bei Bear Family erschienene 10CD-Box (ja, ja, die
armen Verwandten!) "Songs For Political Action -- Folkmusic, Topical Songs
And The American Left, 1926-1953" den Plattenschrank füllen. Diese
umfasst im wesentlichen frühe Protest-Songs und bietet neben Musik
auch ein umfassendes, 208-seitiges Nachschlagewerk mit sämtlichen
Texten und der Geschichte über Aunt Molly Jackson, die verantwortlich
für das erste Folk-Revival der Musikgeschichte überhaupt war.
Aunt Molly Jackson gilt als Entdeckerin von Woody Guthrie und Pete Seeger
und ist neben der ersten Folk-Music-Gruppe (Almanac Singers), Josh White,
Earl Robinson, Sis Cunningham uvam. auch als Sängerin auf dieser Box
vertreten -- ein Erlebnis, das man nicht versäumen sollte! Aber auch
was Country-Music angeht, sind teure Boxen keine Seltenheit, wenn auch
nicht in Form von Compilations. Zwei sehr liebevolle Zusammenstellungen
seien daher primär empfohlen:

Jimmie
Rodgers: "The Singing Brakeman" (Bear Family, 6CD & Buch, 1994)
-- bevor man einzelne Sachen kauft, sollte man es sich gut überlegen,
denn früher oder später wird man alles kennen wollen von J.R.!
Ein Box-Set
von Hank Williams Sr. darf natürlich auch nicht fehlen und ist eigentlich
ein Muss: "The Complete Hank Williams" (10CD, Polygram 1998) heisst das
gute und teure Stück Musikgeschichte. Einen kompletten Hank Williams
kann man mit viel Glück auch noch auf LP ergattern: In schmuckem Ledergewand
präsentiert sich die 12LP-Box mit dem Titel "The Immortal Hank Williams"
(MGM) für uns Mitteleuropäer recht skurril, da die in japanischer
Sprache abgedruckten Texte das Mitsingen erheblich erschweren.

Auch Leadbelly (Huddie Ledbetter) kann man sich einiges Geld kosten
lasen, denn die von Smithsonian Folkways herausgegebenen "Last Sessions"
(4CD, 1994) mit umfangreichem Booklet bieten so ziemlich das Feinste an
"alter" Musik.
![]()
Von
Woody
Guthrie und Pete Seeger gibt's ebenfalls jede Menge, wobei Pete Seeger
auf oben erwähnter 10CD-Box mit Political Songs eine ganze CD gewidmet
ist. Wer's sparsamer angehen möchte, dem sei viel Glück gewünscht,
denn die alten Sachen finden sich leider nur mehr auf Plattenbörsen
zu teilweise doch recht unverschämten Preisen. Trotzdem einige Empfehlungen:
Pete Seeger
and Sonny Terry: "Recorded At Their Carnegie Hall Concert" (Folkways, 1957)
"American Favourite
Ballads" (Folkways, 1957) sowie
"Darling Corey"
(Folkways, 1950); "Darling Corey/Goofing-Off Suit" ist seit 1993 auch wieder
auf CD erhältlich.
Bei Woody Guthrie wird das Ganze leider etwas unübersichtlich; Unmengen von "Best - Of" -Compilations überschwemmen den Markt; die wenigsten sind wirklich zu gebrauchen, aber es gibt auch Ausnahmen, natürlich von Smithsonian Folkways:
"Vol. 1-4 --
Asch Recordings" (Asch = Moses Asch, der Gründer von Smithsonian Folkways
Recordings): 1997 erschien die erste Folge, seit neuestem ist diese Sammlung
von Guthrie-Songs auch als Set erhältlich -- das Wesentlichste, wenn
man so will.
Essentiell und
als Ergänzung zur Guthrie-Sammlung sei noch "12 Balladen über
Sacco und Vanzetti" erwähnt (Pläne, 1979). Die Platte ist wie
eine 4-seitige Extra-Ausgabe einer Tageszeitung aufgemacht, die Songs selbst
stammen aus den Jahren 1946/47.
Zu guter Letzt noch zwei Tips:
"The Original
And Great Carter Family" (RCA 1962): Die ursprüngliche Zusammensetzung,
bevor sie in die Brüche ging. Eine schöne Zeichnung ziert das
Cover und mit "Little Moses" und "Wabash Cannon Ball" sind zwei der besten
Carter-Songs auf dem Album vertreten.
Last but not
least: The Yodeling Teacher, Goebel Reeves, mit den vermutlich einzigen
noch regulär erhältlichen Tonaufnahmen: "Hobo's Lullaby" (Bear
Family, 1994) enthält 26 Edel-Kuriositäten. Das feinste und schärfste
American Yodeling ever und dann noch die Texte! "I know the police cause
you trouble they make trouble everywhere/But when you die and go to heaven,
you'll find no policemen there."
In
Folge 3 geht's dann schon fast in die Gegenwart: Die ersten Stromstecker
tauchen auf, die "Traditionalisten" begeben sich auf die Suche nach "Judassen"
und Nashville wird Dividenden-Hauptstadt -- die 60er Jahre also. Zur Einstimmung
noch ein Hörstück-Tipp: XTCs "The History Of Rock & Roll",
zu finden auf "Rag & Bone Buffet" (Geffen 1990). [mh]
Various: "The
Songs Of Jimmie Rodgers - A Tribut... [#072: @@@@@]
Various: "Anthology
Of American Folk Music" [#093: @@@@@]
Various: "American
Yodeling" [#105: @@@]
Hank Williams:
"The Complete Hank Williams" [#127: @@@@@]
[(c) 1999-2000 Manfred Horak. Alle Rechte vorbehalten. Erschienen bei "Der Schallplattenmann sagt" #177. (http://www.schallplattenmann.de/suchen.shtml?q=es+war+einmal)]
Da sind wir aber immer noch! Und sogar meine Eltern haben es seit damals überstanden und sind dies Jahr wieder als Zuschauer und -hörer dabei. Haben wir was bewegt? Potential genährt? Waren wir anWesend? Und wir bewegen uns und wir wollen und wir sind. Was, das werden wir sehen und hören, ihr seid wiedermal eingeladen zu etwa 30 Stunden guttuenden Nutzlosigkeiten. Vorab noch in Kürze:
Auf- und Abbau:
Gern gesehen sind alle Formen von Hilfe vorher, nachher und dabei.
Unterkunft:
Gästezimmer, 2 möblierte Bauwagen, unmöblierte Scheune
oder Zelte (mitbringen)
Gebrauchen:
Können wir noch gut Klappstühle, Geschirr - wer was über
hat...
Essen:
Wie immer vegetarisch und etwas schlichter als gewöhnlich. Teller
ablecken wäre gut. Unsere Katzen bitte nicht füttern.
Andere Drogen:
Alkohol komplett unerwünscht, Rauchen überall verboten bis
auf den Lagerfeuerplatz hinter der Scheune.
Anreise:
Möglichst Bahn: Bahnhof Rakow, Strecke 185/205. Busse ab Bahnhof
nach Zarnekla jeden Tag 14.45 und 17.45, bitte nutzen! Wir können
aber auch abholen, dann bitte Ankunftszeit mitteilen! Trampen/Auto: A19.F104.Stavenhagen.F194.Lötz.Dü4
oder so.
Kosten:
10 M Beteiligung pro Erwachsenem und Tag
Anmeldung:
Nötig wegen Naturkostgroßeinkauf bis 31.5.!
Bitte 039998/10487 oder - Lover 19, 17121 Zarnekla.
Spontanbesucher sind Selbstversorger.
Natürlich ist Teilnahme nicht Pflicht. Ich meine am Programm. Wer
mag, kann auch einfach das ruhige Sein in der Umgebung genießen,
tagelang spazierengehen, an die Ostsee fahren oder auch ackern. Ich gebe
gern Tips, wo bemerkenswerte Bäume stehen, uralte Steinkreise liegen
oder die ältesten Comics an Kirchenwänden sind.
Landrausch.
Wir freuen uns auf Euch!
Roland und Nathalie
Die Würze des Lebens ist nur für die Verrückten
Das Programm wird präsentiert von der
Liga zur Aufführung Progressiver Songs Und Sounds - LAPSUS
e.V. (ein Versuch seit 20 Jahren)
Freitag, 9. Juni
16.00 Røckspiegel
Abhördienst - eine Sendung von Randaleradio AFC
18.00 Guitar Jamboree Nº 22
Doug Martsch
Präsentiert von Randaleradio AFC
19.30 Es war einmal ein Jahrhundert... (Teil 1)
Die Ahnen des Blues
21.00 Musikexperimente
Töne aus Dirks Schaffen mit Bildern
(erhältlich auch auf CD, ohne Bilder)
22.15 FATA MORGANA
Nicos letztes Konzert
24.00 Blütenträume
Samstag, 10. Juni
10.00 Radio Robotron
Mit Ginger & Regina und anderen Extras
wie Hitparade der brandneuen Songs aus dem Hause Geilbert und
Gilbert - die Hörer wählen, für die beste Schätzung
winkt eine CD mit allen neuen & alten Hits.
anschl. LAPSUS Livegerichte
(14.00 Nichtöffentliche Generalprobe im Sonnenraum)
15.00 Karl-Heinz wird 14
Unvermeidliches Theater
16.00 7. Bauernolympiade
Nicht einer kennt die Regeln
17.00 Jungfer im Grünen
Nina schafft sich. Lesung.
18.00 Die vier glorreichen Sieben
The Clash verkünden die Apokalypse
LAPSUS-REPRISE (1983) vom Randaleradio AFC
20.00 Die Hans-Kapelle spielt Zar Nekla live!
20.30 Dirk Can Dance
21.30 Godspeed You Black Emperor! (Teil 1)
f#a#.
23.00 Was will das kann, wir werden sehen.
Sonntag, 11. Juni
10.00 Rock-Radio
Anna legt ab
anschl. LAPSUS mal Zeit
14.30 Monikas großer Aufstieg
Noch mehr Theater
16.00 LAPSUS-Liga
Bolzen in Dü4, Zuschauer erbeten
17.30 KlangKörper
Imre und Nina experimentieren
18.30 Es war einmal ein Jahrhundert... (Teil 2)
Die Erben des Blues
20.00 Strömungen
Versuch einer sehr persönlichen Umsetzung des Romans von
Margaret At Wood. (Texte und Lichtbilder)
22.00 Godspeed You Black Emperor! (Teil 21)
Slow Riot For New Zero Kanada
22.30 Stachelhaut
Sandows letzte Musik
anschl. Blütenträume
LAPSUS REPRISE (2000)
(oder anderes)
Montag, 12. Juni
10.00 Da sind wir aber immer noch
Abschietsservice mit Musik
Änderungen sind wie stets unvermeidlich.
P.S. Noch eines: Ich bin nicht automatisch Privattherapeut und persönlicher
Tröster für mit ihrer Umwelt nicht klarkommenden Lapsoten - und
werde trotzdem weiter herzlich einladen zu Lapsus - für mich besteht
da kein Zusammenhang oder eine Verpflichtung. Bei 50 Leuten geht das doch
wirklich nicht. - Was nicht heißt, daß man mich im Notfall
nicht ansprechen kann. Dann aber bitte in der Situation und direkt. Als
Ersatzblitzableiter stehe ich jedoch nicht zur Verfügung, schon gar
nicht im nachträglichen Vorwurf, wenn die "richtige Adresse" sogar
anwesend war!
(Der/Die Angesprochene weiß bescheid.)
"Ihr lungert herum in Parks und Gassen / Wer kann Eure sinnlose Faulheit
nur hassen? / Wir!"
(Freddy Quinn; "Wir", 1967)
"Sie haben unsere Narren eingesperrt, damit sie selbst als weise dastehen."
(Roy Harper, 1969)
Was bisher geschah: 1948 erschien Slim Whitmans "I'm Casting My Lasso Towards The Sky"; dieser Song sollte 1997 die Menschheit vor den "Mars Attacks!" bewahren. 1923 experimentierte Lloyd Loar als Erster mit einer elektrisch verstärkten Gitarre und in den späten 30ern benützte Les Paul bereits erfolgreich die E-Gitarre als Live-Instrument -- somit war alles anders, die Folgen daraus kennen wir alle. Die Musikwelt hatte sich neu zu orientieren. Mitte der 50er Jahre erfolgte in den Sun-Studios (Memphis, Tennessee) offiziell die Geburt einer neuen, stilprägenden Musik-Epoche namens Rock'n'Roll. Und: 1959 war das Geburtsjahr des vorläufig letzten Folk-Revivals: in Newport geboren, eben dort 1965 zu Grabe getragen. Somit sind wir mitten in den 60ern und bei einem Phänomen, mit dem die Folk-Puristen einige Zeit haderten -- dem Folk-Rock: "Ich saß da in diesem Cafe, schnippte mit den Fingern und sagte: Folk-Rock!" (Bob Dylan auf die Frage, wie Folk-Rock entstanden sei). Bevor es aber dazu kam, schien die Folk-Welt noch in Ordnung. Da standen sie auf der Bühne und spielten wie ehedem und immer die Traditionals ihrer Großmütter und -väter. Von Joan Baez, recht bald zur Folk-Queen erkoren, bis hin zu Pete Seeger -- die Namensliste ist kürzer als sie sein könnte: Martin Carthy, Leonard Cohen, Judy Collins, Donovan, Ramblin' Jack Elliot, Kingston Trio, Joni Mitchell, Maria Muldaur, Phil Ochs, Odetta, Peter, Paul & Mary, Dave Van Ronk, Eric Von Schmidt, Simon & Garfunkel, The Weavers u.v.v.m. In ihren Grundmauern erschüttert wurde die Folk-Scene, als ein halbwüchsiger, vor Selbstvertrauen strotzender Jüngling daherkam, der (angeblich) kaum Gitarre spielen konnte und dessen Gesang sich eher ungewöhnlich anhörte. Zudem versuchte er erst gar nicht, Note für Note nachzuspielen, sondern den Songs Individualität einzuhauchen. So einer hat uns gerade noch gefehlt -- wer weiß, wie oft dieser Satz (un)ausgesprochen in der Folk-Szene herumschwirrte. So mir nichts dir nichts begann er außerdem Songs zu schreiben -- ja, darf er denn das? Bob Dylan tat jedenfalls, was er tun musste und wir können eigentlich nur dankbar sein. Irgend jemand musste ja den Anfang machen. Bob Dylan war plötzlich begehrt -- nur John F. Kennedy war beliebter -- und wurde zum "Sprecher" einer ganzen Generation "gekürt", was ihm gar nicht recht war. Mit "Another Side Of Bob Dylan" stellte er die Puristen zum ersten Mal auf die Probe -- aber es war eben "Another Side" und akustisch -- Glück gehabt! Die darauffolgenden 3 Alben ("Bringing It All Back Home", "Highway 61", "Blonde On Blonde") und vor allem seine Auftritte beim Newport Folk Festival 1965 und seine Tour mit The Band lösten eine Kontroverse zwischen Publikum und Künstler aus, die ihresgleichen suchte. Dies kann man in unzähligen Büchern ausführlichst nachlesen -- und, was viel wichtiger ist, seit kurzem auch offiziell nachhören (Bob Dylan: "Live At The Albert Hall - Official Bootleg Series Vol.4"). Der Sound der 60er Jahre -- wir kennen ihn alle, aber es ist mehr ein Gefühl denn etwas (Be)greifbares. Auf unzähligen Platten dokumentiert, auf Vinyl trotz, und vermutlich sogar aufgrund tontechnischer Mängel intensiver nachvollziehbar als per Laser-Konserve, brachte uns dieses Jahrzehnt den grossen musikalischen Aufbruch in bis dahin undenkbare Klangwelten: Bob Dylan (akustisch und elektrisch), Van Morrison (mit und ohne Them), The Beatles (mit und ohne LSD), The Rolling Stones (mit und ohne Brian Jones), The Velvet Underground (mit und ohne Nico), The Doors (nur mit Jim Morrison) als Speerspitze des 60's Groove. Aber auch (heute noch) unbekanntere Gruppen wie "The Fugs", die in all ihrer Unberechenbarkeit diese Dekade zur wertvollsten der Pop-History werden ließen. Sie alle griffen wie selbstverständlich auf bereits Bestehendes zurück (s.a. Teil 1 & 2 dieser Serie), um etwas Neues zu schaffen. Die 60er waren auch das Jahrzehnt der großen Schatten -- Vietnamkrieg, Kalter Krieg, das unüberwundene Trauma der NS-Vergangenheit: Mauern wurden errichtet. Rassismus war beliebt wie immer. Protest entstand: "Remember the war against Franco?/ That's the kind where each of us belongs/ Though he may have won all the battles/ We had all the good songsè" -- zynisch spöttelnd wie bei Tom Lehrer oder mit unbeantwortbaren Fragen, deren Antworten der Wind transportiert; oder Solidarität wie jene in "We Shall Overcome", eine (mittlerweile fast vergessene) Hymne der 60er-Folkies. Allen Ginsberg prägte den Terminus "Flower Power", aber da waren die 60er schon fast vorüber: "...There was a time/ When the river was wide/ And the water came running down/ To the rising tide/ But the wooden ships/ Were just a hippie dream/.../ If you know what I meanè" wird Neil Young 1986 zu singen wissen. Am Ende der Dekade erschien noch mit Van Morrisons "Astral Weeks" eines der imponierendsten Klanggemälde, eine Mixtur aus Rock, Folk, Jazz und Blues -- eine Zusammenfassung dieser Zeit sozusagen, mittlerweile längst zum Mythos erklärt. Das Medium Schallplatte, meinte Jerry Garcia, begrenze Musik. Gut, dass es das Festival bei Woodstock (13.-15. August 1969) gab. Auch eine Erfahrung, die neu war und zugleich stolz machte: "...by the time we got to Woodstock/ we were half a million strong..." (Joni Mitchell, 1970). Aber die Träume, dass es so weitergehen könnte, zerplatzten. Die ersten (Drogen)-Opfer waren zu beklagen: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison; Dylan rettete sich, indem er eine Familie gründete, The Beatles lösten sich auf -- und so begannen die 70er eher desillusionierend...
Plattentips:
Tom Lehrer:
"That Was The Year That Was" (1965) -- Satirischer Zynismus par excellence!
The Fugs: "First
Album" ('65), Virgin Fugs: "For Adult Minds Only" (1965) und The Fugs:
"The Fugs" (1966; alle Base Records - ESP Folk Archive Recordings 1018,
1028, 1038) Tuli Kupferberg, Ed Sanders und Ken Weaver, The Fugs eben,
waren bewusst radikaler, dafür weniger musikalisch als Zappas Mothers
Of Invention, deren Alben -- neben weiteren -- ebenso in jedem Plattenschrank
zu finden sein sollen:
Mothers Of
Invention: "Freak Out!" (1966) und "We're Only In It For The Money" ('68)
Roy Harper:
"The Sophisticated Beggar" ('67; Strike JHL 105) & "Folkjokeopus"
('69; Liberty)
Live eine Sensation, im Studio meistens gescheitert:
Grateful Dead:
"Workingman's Dead" ist die löbliche Ausnahme. Das Album erschien
zwar erst im Mai 1970, besitzt jedoch das Feeling und den Sound der 60er
Jahre.
Johnny Cash:
"At Folsom Prison" (1968, aktuell wiederveröffentlicht) und "At San
Quentin" (1969) -- Outlaw-Country-Rock at its best
The Band: "Music
From Big Pink" (1968; Capitol) sowie
Bob Dylan &
The Band: "The Basement Tapes" (1967 aufgenommen, erschienen 1975, Columbia/Sony)
Amerika mag groß sein, aber diese Musik ist noch um einiges vielfältiger,
mythisch und inspirierend:
Van Morrison:
"Astral Weeks" (Warner 1968).
Ebenfalls aus GB:
Fairport Convention:
zumindest "Unhalfbricking" (Hannibal 1969)
Sandy Denny
& The Strawbs (Hannibal 1967, erschienen 1973).
Und sonst? "...take what you need, you think will last / But whatever you wish to keep, you better grab it fast..."
[(c) 1999-2000 Manfred Horak. Alle Rechte vorbehalten. Erschienen
bei "Der Schallplattenmann sagt" #181. Teil 4 und 5 folgen in LOver 27.
(http://www.schallplattenmann.de/suchen.shtml?q=es+war+einmal)]
Hörempfehlung
Going Through Something: Best Of Elliott Murphy 1978-1991 (Blue Rose
CD0048)
16 Stücke (über 74 Minuten Musik) von einem der außergewöhnlichsten
Songwriter unserer Zeit, die die Jahre 1978 bis 1991 einschließen.
Dabei sind Songs aus den Alben "Affairs", "Murph The Surf", "Milwaukee",
"Party Girls/Broken Poets", "Change Will Come", "Après le Déluge",
"12 and If Poets Were King".
Enthält ein 20-Seiten-Booklet mit allen Texten, Anmerkungen von
Elliott sowie viele Fotos.
Trackliste: 1. Going Through Something (Don't Know What It Is), 2.
Change Will Come, 3. Continental Kinda Girl, 4. Party Girls And Broken
Poets, 5. You're Gonna Chase Love Away, 6. Veronique The Actress, 7. The
Fall Of Saigon, 8. It Feels Like, 9. (And That's Called) Insanity, 10.
Out For The Killing, 11. Winners, Losers, Beggars, Choosers, 12. 'Cause
I Saw You, 13. Running Around, 14. The Eyes Of The Children Of Maria, 15.
If Poets Were King, 16. The Loser
"Ich hatte noch nie so viel Spaß, ohne zu lachen."
Woody Allen nach dem Sex in "Der Stadtneurotiker"
Er: "Liebchen, äh Sweetheart, what watch?"
Sie: "Ten watch."
Er: "Such much?"
Älteres Emigrantenpaar in "Casablanca"
"Wenn
ich mein Leben noch einmal leben könnte und mir ein Talent wünschen
dürfte, dann wäre ich sehr gerne Musiker. Musik gefällt
mir mehr als alles andere. Es ist die Kunst, die am meisten Vergnügen
bereitet. Sie ist am wenigsten intellektuell und am meisten emotional.
Es gibt nichts Vergleichbares."
Woody Allen auf die Frage "Sind Sie unglücklich in Ihrem Beruf?"
in einem Interview zu seinem aktuellen Film "Sweet And Lowdown" (UNICUM
4/0).
La la la la
Hängende Gärten
Ein dunstiger Horizont schließt
Den Vorhang zu unserer vollendeten Bühne
Ich stolperte, etwas verdreht
Gräßlich landet der Vogel mir zu Füßen
Welches all der anderen Gesichter kann es sein
Wo von allen anderen Plätze soll es sein
Lachend und hustend
Hustend und lachend
In den hängenden Gärten von Semiramis
Deine Stimme
Deine Stimme trägt meine Stimme vor
Deine Stimme trägt meine Stimme vor
Bin ich das Ziel, das deiner Wahl näher kommt?
Eine natürliche Vertrautheit liegt in deiner Stimme Ton
Oh no no no no no no no no
Ich werde sieben sein
Ich
Ich werde sieben sein
Wenn wir uns im Himmel seh'n
Do do do do do do do do do do do...
Du vergißt zu antworten
Wenn ich mich erinnere, was zu sagen ist
Wirst du mich erneut erkennen
Und du vergißt zu antworten,
Oh oh oh, oh oh oh oh
Du scheinst nicht zu lauschen
Die Flut nimmt alles
Und du vergißt zu antworten,
Oh oh oh, oh oh oh oh
Texte: Nico - vom Live-Album FATA MORGANA
Aufführung zu LAPSUS LIVE 2000
Die Liebe ist weder Ordnung des Sexualaktes zwecks Kindererzeugung und
sozialer Wohlfahrt der Gattung, noch asketische Verneinung jeglichen Geschlechtslebens,
noch endlich hemmungslose Entfesselung des sexualen Aktes.
+
In der Liebe ist ein aristokratisches und schöpferisches, ein
tief individuelles, nicht kanonisches, nicht normatives Etwas enthalten;
sie ist dem durchschnittlichen Gattungsbewußtsein nicht zugänglich.
Die Liebe liegt bereits in irgendeinem anderen Seinsplane, nicht in jenem,
in dem das Menschengeschlecht lebt und sich einrichtet. Die Liebe liegt
außerhalb des Menschengeschlechts und geht über das Bewußtsein
des Menschgeschlechts hinaus. Die Liebe ist der Menschenart, der Perspektive
ihrer Fortpflanzung und ihrer Einrichtung nicht vonnöten. Sie bleibt
irgendwo abseits. Sexuelle Unzucht ist der Menschenart näher und verständlicher
als Liebe, ist ihr in gewissem Sinne annehmbarer und sogar weniger gefährlich.
Mit der Unzucht kann man sich in der "Welt" einrichten, man kann sie begrenzen
und ordnen. Mit der Liebe kann man sich nicht einrichten, und sie läßt
sich gar keiner Ordnung subsumieren. In der Liebe ist keine Perspektive
auf ein in dieser "Welt" wohleingerichtetes Leben enthalten.
+
Die Liebe verheißt den Liebenden Untergang in dieser Welt, nicht
aber Einrichtung des Lebens. Und das Größte an der Liebe, das,
was ihre geheimnisvolle Heiligkeit bewahrt, ist der Verzicht auf jede Lebensperspektive,
ist das Opfer des Lebens. Dieses Opfer verlangt jedes Schaffen; Opfer verlangt
auch die schöpferische Liebe. Wohlfahrt im Leben, familienhafte Wohlfahrt
ist das Grab der Liebe. Der durch das Opfer bedingte Untergang im Leben
prägt auch der Liebe das Siegel der Ewigkeit auf. Die Liebe ist enger,
intimer, tiefer mit dem Tode verbunden als mit der Geburt, und diese Verbindung,
die von den Dichtern der Liebe erschaut worden ist, ist das Unterpfand
ihrer Ewigkeit.
+
In der Liebe macht sich nichts Wirtschaftliches, auch keine Sorge geltend.
Und diese Freiheit wird nur durch Opferbereitschaft erkauft. Die Freiheit
der Liebe ist eine Himmelswahrheit. Man macht aus der Freiheit der Liebe
aber auch eine vulgäre Wahrheit. Vulgär ist jene Freiheit der
Liebe, die vor allen Dingen am sexuellen Akte interessiert ist. Das ist
nicht Freiheit, sondern Knechtschaft der Liebe; das ist jedem Aufstieg
des Geschlechts, jedem Aufflug der Liebe, jedem Siege über die Schwere
des natürlichen Geschlechts feindlich. In der Liebe herrscht ein ekstatisch-orgiastisches,
nicht aber ein natürlich-gattunghaftes Element. Die orgiastische Ekstase
der Liebe ist übernatürlich; in ihr öffnet sich ein Ausweg
in die andere Welt.
Im schöpferischen Liebesakt erschließt sich das schöpferische
Mysterium der geliebten Person. Der Liebende erschaut den Geliebten durch
die Hülle der natürlichn Welt, durch die Rinde, die jede Person
umschließt, hindurch. Die Liebe ist der Weg zur Erschließung
des Mysteriums der Person, zur Aufnahme der Person in der Tiefe ihres Seins.
Der Liebende weiß von der Person des Geliebten, was die ganze Welt
nicht weiß, und der Liebende hat stets richtiger gesehen, als die
ganze Welt. Nur der Liebende nimmt die Persönlichkeit wahrhaft auf,
nur er enträtselt ihre Genialität. Wir alle - die Nicht-Liebenden
- kennen nur die Oberfläche der Person, kennen ihr letztes Mysterium
nicht.
+
Nicht in der Gattung, nicht durch den sexuellen Akt vollzieht sich
die Liebesvereinigung, die ein anderes, neues Leben, das ewige Leben der
Person erschafft. In Gott trifft der Liebende mit dem Geliebten zusammen,
in Gott schaut er die geliebte Person. In der natürlichen Welt trennen
sich die Liebenden voneinander. Die Natur der Liebe ist kosmisch, überindividuell.
Das Mysterium der Liebe läßt sich im Lichte der individuellen
Psychologie nicht erfassen. Die Liebe macht der kosmischen Weltenhierarchie
teilhaft; sie vereinigt kosmisch im androgynen Bilde jene, die in der natürlichen
Ordnung auseinandergerissen waren. Die Liebe ist der Weg, auf welchem jeder
in sich selber den androgynen Menschen erschließt. In der wahren
Liebe kann es keine Willkür geben, - in ihr ist Sortenbestimmung und
Berufung. Die Welt vermag aber das Mysterium der Zwei, das Ehemysterium
nicht zu beurteilen, - in ihm ist nichts Soziales enthalten. Das wahre
Mysterium der Ehe wird nur von wenigen erreicht und nur für wenige
ist es da, es ist aristokratisch und setzt Erwählung voraus.
+
Die wahre Liebe ist schöpferischer Durchbruch in eine andere Welt,
ist Überwindung der Notwendigkeit, und jene, die auch die Liebe in
Gehorsam verwandeln wollen, wissen nicht, was sie tun. Das bedeutet ja,
daß die Freiheit in Notwendigkeit, das Schaffen in Anpassung, der
Berg in eine Ebene verwandelt werden soll. Die Liebe ist ein Gipfelriese;
sie hat nichts mit der Ebene zu tun; jene, die eine Anpassung an die Ebene
des Lebens einrichten wollen, haben nicht das mindeste mit der Liebe gemein.
Die Liebe läßt sich nicht in der Ebene festhalten; dort stirbt
sie ab und verwandelt sich in ein anderes. Die Liebe ist nicht Bewohnerin
der Ebene des Lebens. In der Liebe ist nichts Statisches enthalten; sie
richtet nichts ein. Die Liebe ist ein Flug, der jedes Sich-einrichten-wollen
zertrümmert.
+
Ist der geheimnisvolle Zusammenhang zwischen Liebe und Androgyneität
hinreichend klar? Aus diesem Zusammenhang heraus erschließt sich
der endgültige Sinn der Liebe. Androgyneität ist eben die endgültige
Vereinigung vom Männlichen und Weiblichen im höchsten, gottähnlichen
Sein, ist endgültige Überwindung von Zerfall und Zwist, Wiederherstellung
der Gottebenbildlichkeit im Menschen. Die Liebe ist Rückerstattung
der verlorengegangenen Jungfrau Sophia an den Menschen. Durch die Liebe
vereinigt sich die entfremdete weibliche Natur aufs Neue mit der Natur
des Mannes, durch sie wird die Ganzheit der menschlichen Gestalt wiederhergestellt.
Und in der Liebe ist diese Wiedervereinigung immer mit der Person des Menschen,
mit der Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit der Person verbunden. Darum
ist die Liebe ein Aufstieg des gefallenen Menschen zur Gottebenbildlichkeit.
In der Erotik findet Erlösung des Menschen von der geschlechtlichen
Sünde statt, eine verwirklichte und ins Schöpfertum übergehende
Erlösung. Die Sünde des gefallenen Geschlechts wird negativ durch
die Askese und schöpferisch-positiv durch die Liebe überwunden.
Die natürliche, wenn auch verzerrte Bisexualität jedes menschlichen
Wesens erhält in der Androgyneität ihren übernatürlichen,
mystischen Sinn. In der Androgyneität verwirklicht sich die gegenseitige
Durchdringung aller Zellen der männlichen und weiblichen Natur, d.h.
es findet allerletzte, entgültige Verschmelzung statt. Jede Zelle
des menschlichen Wesens ist androgynisch, trägt den Abglanz der göttlichen
Natur in sich. Und die Vereinigung vom Männlichen Weiblichen muß
tief, nicht oberflächlich sein. Das entgültige Mysterium des
androgynen Seins wird in den Grenzen dieser Welt nie völlig enträtselt
werden. Aber die Erfahrung der erotischen Liebe macht dieses Mysteriums
teilhaft. Der Zusammenhang der erotischen Liebe mit der Androgyneität
ist ja gerade deren Zusammenhang mit der Persönlichkeit. Denn in Wahrheit
- jede Persönlichkeit ist androgyn. In der Liebe soll sich nicht das
Mysterium des Weiblichen und nicht das Mysterium des Männlichen, sondern
das Mysterium des Menschen erschließen. Aber auf dem Wege zur Erschließung
dieses Mysteriums ist der revolutionäre Umsturz der Familie ebensosehr
eine Lüge, wie der revolutionäre Umsturz des Staates Lüge
ist. Das Gesetz muß erfüllet sein, es gibt aber eine Welt,die
über dem Gesetze steht. Ebenso unauflösbar ist die Erotik mit
dem Schaffen verbunden. Die erotische Energie ist die ewige Quelle des
Schöpfertums. Und die erotische Vereinigung findet um des schöpferischen
Aufstieges willen statt. Ebenso unauflöslich ist die Erotik mit der
Schönheit verbunden. Die erotische Erschütterung ist der Weg
der Erschließung der Schönheit in der Welt.
Immer will ich mehr
Irgend etwas das ich nicht habe
Alles mögliche
Ich möchte alles
Ich kann halt kein Ende finden
Verplane alle meine Tage
Aber nie finde ich einen Weg mal irgendwo zu bleiben
Oder jemals für den Tag genug zu haben
Morgen muß es schon mehr sein
Zu trinken mehr Träume mehr Betten mehr Pillen
Mehr Lust mehr Lügen mehr Verstand mehr Liebe
Mehr Sorgen mehr Spaß mehr Schmerzen mehr Fleisch
Mehr Sterne mehr Lächeln mehr Ruhm mehr Sex
Doch wie ich auch geiere
Ich weiß da tief unten in mir:
Ich werde wirklich niemals mehr Hoffnung kriegen
Oder noch mehr Zeit
Noch mehr Zeit
Noch mehr Zeit
Noch mehr Zeit
Ich will den Himmel um reinzufallen
Ich will Blitze und Donner
Ich will Blut statt Regen
Ich will die Welt zum Staunen
Ich will auf Wasser gehen
Einen Tripp zum Mond
Gib mir das alles und gib es mir schnell
Mehr Drinks mehr Träume mehr Drogen
Mehr Lust mehr Lügen mehr Liebe
Doch wie ich auch geiere
Ich weiß da tief unten in mir:
Ich werde wirklich niemals mehr Hoffnung kriegen
Oder noch mehr Zeit
Noch mehr Zeit
Noch mehr Zeit
Noch mehr Zeit
(1996, übersetzt von Roland)
(Die aktuelle und vollständig überarbeitete Version von "Notizen
zu Ken Wilber" ist unter dem folgenden Link zu finden:
http://dirkhuebner66.de/wilberberdjajew.htm)
Vorabbemerkung
In meiner Auseinandersetzung beziehe ich mich auf Ken Wilbers Buch:
Das Wahre, Schöne, Gute; deutsche Ausgabe, herausgegeben in Frankfurt
am Main, Wolfgang Krüger Verlag, 1999. Alle Zitate aus diesem Buch
werde ich durch Anführungsstriche kennzeichnen, in Klammern gebe ich
die entsprechenden Seiten an. Alle Zitate aus anderen Büchern, falls
ich diese für notwendig erachte, werde ich vollständig an Ort
und Stelle angeben.
Ich habe Wilbers Buch unter dem religionsphilosophischen Gesichtspunkt
Nikolai Berdjajews gelesen. Ob ich Berdjajews Gedanken völlig gerecht
werde, muß ich selber stark bezweifeln. Berdjajews Werk ist zu umfangreich
und komplex, um zu behaupten, genau in seinem Sinne z.B. Wilbers Buch beurteilen
zu können. Darüber hinaus sind unter anderem meine allgemeinen
philosophischen Kenntnisse arg begrenzt.
Für mich stellt das Werk Nikolai Berdjajews die größte
Entdeckung dar, die ich in philosophischer Hinsicht bisher machen konnte.
Ich fühle mich durch Berdjajews Werk in einer philosophischen Denkrichtung
bestärkt, die auf unvergleichlich umfassende Weise mein Herz anspricht,
worauf es mir persönlich immer am meisten ankommt. Berdjajews Sprache
ist die Sprache der Klarheit, die vom GEISTE her erschaffen wird. Seine
Gedanken sind auf wunderbare Art mit der Tiefe seiner Persönlichkeit,
der Persönlichkeit überhaupt verwoben und schweben nicht irgendwo
"kunstvoll" im Raum umher. Und die Persönlichkeit war für Berdjajew
die eigentlichste und wahrhaftigste Stätte Gottes, dem er seine ganz
persönliche, göttlich freie und unverwechselbare Antwort gab.
Und aus seiner göttlichen Persönlichkeit heraus schuf er sein
Werk.
Wie gesagt, ich werde Nikolai Berdjajew bestimmt nicht gerecht werden!
Letzten Endes kommt es jedoch darauf an, daß jeder Mensch erneut
aus den Tiefen seiner Persönlichkeit in einem schöpferischen
Prozeß der göttlichen Wahrheit überall zur Wirklichkeit
verhilft. Und auf diese Weise kann jeder wahrhaft allem schöpferisch
gerecht werden.
1
"Meine Gedanken werden richtig verstanden, wenn sie dynamisch aufgefaßt
werden. Jede statische Auffassung wird falsch sein. Mich interessiert nur
das Schicksal der menschlichen Gesellschaft in der Bewegung" (Berdjajew,N.:
Das Neue Mittelalter, Otto Reichl Verlag Tübingen, 1950, Vorwort des
Verfassers).
Ich möchte mit diesem vorangestellten Zitat nur eine der wesentlichsten
philosophischen Herangehensweisen Berdjajews andeuten. Er hat konsequent
die Dynamik des GEISTES behauptet und so, ausgehend von Ihm, auf eine für
mich geniale Weise einen beziehungs- und sinnreichen Bogen zu unserem ganzen
Leben spannen können. Bewegung ist, wenn man das überhaupt so
sagen kann, die Essenz in Berdjajews Philosophie. Ausgehend davon werde
ich mich nun auf das oben genannte Buch von Ken Wilber konzentrieren.
Wilber ist ein systematisch-analytischer Denker und erzeugt in seinen
Darstellungen eine große Übersichtlichkeit. Dies ist unzweifelbar
von großem Vorteil. Er möchte unter anderem eine Theorie entwickeln,
die uns sozusagen als ein Werkzeug auf unserem Weg zu den sogenannten höheren
Bewußtseinsstufen behilflich sein soll, um letzten Endes den Sprung
in den transzendentalen GEIST schaffen zu können. Es ist eine
Theorie, und darauf legt Wilber besonderen Wert, die nicht aus rein analytisch-wissenschaftlichen
Erwägungen, sondern aus einer Art Meditation, Paradigma oder Wesensschau
heraus in der anschließend gemeinschaftlichen Auseinandersetzung
erstellt wird. Abgesehen davon, daß eine Theorie immer viele Gefahren
in sich birgt hinsichtlich ihres Hanges zum Dogmatismus, würde ich
sie als Orientierungshilfe grundsätzlich begrüßen - z.B.
als eine integrale Philosophie, was immer man darunter auch verstehen mag.
Es kommt darauf an, daß eine Theorie immer nur einen relativen Wert
besitzt und nicht zur absoluten Größe erhoben wird, die genau
das Gegenteil bewirken würde - Oberfläche statt Tiefe, Leblosigkeit
statt Lebendigkeit. Aber auf diese Aspekte komme ich später noch einmal
zurück, wenn es um die sogenannte Transzendentale Meditation geht.
Als Grundgerüst einer Theorie sind sogenannte Grundaussagen bzw.
Prämissen unverzichtbar. Das folgende Zitat enthält einige wenige
davon hinsichtlich des GEISTES. Ich werde anschließend einige erste
Behauptungen diesem Zitat entgegenstellen und hoffe, daß im Verlaufe
weiterer Darlegungen meine Sichtweise verständlich wird.
"In diesem Sinne ist der GEIST der Gipfelpunkt des Seins, die oberste
Sprosse auf der Leiter der Evolution. Zugleich gilt aber auch, daß
der GEIST das Holz ist, aus dem die ganze Leiter und alle ihre Sprossen
gemacht sind. Der GEIST ist die Soheit, die Seinsheit, die Essenz von allem
Seienden.
Der erste Aspekt, derjenige der obersten Sprosse, steht für die
transzendentale Natur des GEISTES, die über alles 'Weltliche', Geschöpfliche
und Endliche hinausgeht. Selbst wenn man die ganze Erde oder auch das Universum
zerstören würde, würde der GEIST bleiben. Der zweite Aspekt,
der in die Analogie des Leiterholzes gekleidet ist, steht für die
immanente Natur des GEISTES: der GEIST ist unparteiisch gleichermaßen
und vollständig in allen manifesten Dingen und Ereignissen vorhanden,
in der Natur, in der Kultur, im Himmel und auf der Erde. Aus diesem Blickwinkel
ist keine Erscheinung dem GEIST näher als irgendeine andere, denn
alles ist gleichermaßen 'aus GEIST gemacht'. Der GEIST ist also sowohl
das höchste Ziel aller Entwicklung und Evolution als auch der Grund
der ganzen Abfolge, am Anfang so gegenwärtig wie am Ende. Der GEIST
ist vor dieser Welt, aber nicht jenseits von ihr.
Daß diese beiden paradoxen Aspekte des GEISTES oft nicht berücksichtigt
wurden, hat historisch zu einigen erheblich verzerrten (und politisch gefährlichen)
Auffassungen vom GEIST geführt. Traditionell haben die patriarchalen
Religionen die transzendente Natur des GEISTES eher überbetont und
damit die Erde, die Natur, den Körper und die Frauen zu einem minderwertigen
Status verdammt. Davor haben die matriarchalen Religionen die immanente
Natur des GEISTES in den Vordergrund gerückt, und die daraus entstehende
pantheistische Weltsicht setzte die endliche und geschaffene Erde mit dem
unendlichen und ungeschaffenen GEIST gleich. Es ist jedem erlaubt, sich
mit einer endlichen und begrenzten Erde zu identifizieren, aber es ist
nicht erlaubt, sie unendlich und unbegrenzt zu nennen." (S. 83)
Obwohl ich das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen habe, kommen hier
unabhängig davon zunächst einmal ein paar ganz wesentliche Ansatzpunkte
Wilbers zum Ausdruck, die ich persönlich für problematisch halte.
Wilber behauptet den ewig ungeschaffenen GEIST, der auch vorhanden
ist, wenn die Erde oder auch das Universum zerstört werden würden.
Der GEIST ist für ihn das grundlegende Mysterium und bleibt, wie Er
ist, ewig da. Er ist die Essenz des Seienden überhaupt und ruht in
allem, sofern es nicht zerstört worden ist - dann aber ist der GEIST
ganz auf sich selbst angewiesen, wie auch immer. Hier jedoch fängt
es für mich erst an, interessant zu werden. Wie kommt es, daß
ein bereits in sich selbst vollständiger GEIST soetwas wie die Erde
oder das Universum, die etwas Niederes darstellen, hervorruft bzw. wahrzunehmen
bereit ist? Oder anders gefragt: Ist die Erde und das Universum bereits
soviel GEIST, das sie eigentlich nur eine Täuschung oder Illusion
sind, um die man sich letzten Endes keine Gedanken machen sollte, und sofern
man sich dennoch Gedanken um sie macht, dem GEIST nicht gerecht werden
kann? Die Frage, die mich am meisten interessiert, ist die Frage nach dem
Sinn von allem! Und unter diesem Aspekt kann man den GEIST nicht einfach
nur als überall gegenwärtig behaupten und mehr nicht. Dieser
GEIST ist sinnlos. Wir müssen die Frage nach dem GEIST mit der Frage
nach dem Sinn verbinden. Der GEIST ist für mich vor allem eine, sagen
wir, Sinn-heit. Die Soheit des GEISTES ist nur im NICHTS als die Leerheit
möglich. Sie steht für sich allein, und in ihr ist der GEIST
ungeschaffen. Der GEIST ist vor dieser Welt in das NICHTS eingefaltet,
das man meinetwegen auch als eine zustandslose Leerheit bezeichnen kann,
aber jenseits von ihr ist der GEIST die erfüllte, die durch diese
Welt gegangene, die sie allumfassende Liebe. Und erst aus dieser Liebe
heraus sind wir Menschen zur Wahrheit an sich fähig. Der GEIST ist
dieser Welt im tiefsten Sinne immanent. Aber er ist auch das so völlig
vom Diesseitigen verschiedene jenseitige, transzendente Prinzip als das
Sinngebende überhaupt.
Für Wilber liegt die Schwierigkeit des Problems meines Erachtens
darin, daß er keine weitere Aussage zum GEIST als eine für ihn
zustandslose Leerheit bzw. unqualifizierbare, unhinterfragbare Einheit
machen will und somit in Erklärungsnot gerät, wenn es um die
tiefen Beziehungen geht, die sich zwischen dem GEIST und der manifesten
Welt und der Welt der Ereignisse vollziehen. Dazu reicht es auch nicht
aus, wenn Wilber an anderer Stelle die Begriffe von Eros (Liebe zum Höheren)
und Agape (Liebe, Mitleid zum Niederen) mit heranzieht. Denn die Liebe
von Eros und von Agape lösen sich beide in der zustandslosen Leerheit
auf. Was diesen GEIST noch bewegen kann, bleibt ein Rätsel, aber er
soll ja auch der Bewegung abhold sein. Woher eigentlich Eros und Agape
ihre Kraft nehmen, wird aus einem zustandslosen GEIST heraus nicht klar.
Sie tauchen in unserer Welt auf und verschwinden im GEIST und mit ihnen
die Liebe.
Geht
man jedoch davon aus, daß GEIST vor allem auch FREIHEIT ist, stellt
sich dieses Problem schon ganz anders dar, da diese FREIHEIT das beziehungsfähige,
dynamische Prinzip in Vollkommenheit ist. Am Anfang jedoch ist der GEIST
NICHTS. Der GEIST ist im NICHTS ungeschaffen, d.h., im NICHTS existiert
kein sinnvoller GEIST. Im NICHTS existiert ausschließlich die Freiheit
in einem vorseienden Stadium. Oder anders gesagt: Im NICHTS ist der GEIST
ausschließlich als unendlich "sinnlose" Freiheit existent. Diese
"Sinnlosigkeit" darf man in diesem Zusammenhang nicht mit irgendeiner Art
Sinnlosigkeit auf "dieser Welt" gleichsetzen. Die jenseitige "Sinnlosigkeit"
ist der mystische Grund an sich und entzieht sich jeglicher Wertung. Nach
Berdjajew existiert eine dunkle, irrationale Freiheit, die sinngemäß
dem Menschen immer wieder zum Verhängnis werden kann, wenn er nicht
im Stande ist, sie liebend zu vergeistigen. Berdjajew sagt: "Der Geist
ist die Freiheit, die eine Gewähr für den Triumph des Sinnes
bietet. Die Geistigkeit ist eben jene Kraft, die die Freiheit verklärt
und den Sinn in sie eindringen läßt. Die Geistigkeit ist auch
die Vereinigung der Freiheit mit der Liebe" (Geist und Wirklichkeit, Heliand
Verlag Lüneburg, 1949). Im NICHTS existiert eine irrationale Freiheit
- bar jeglichen Sinns. Sobald diese Freiheit jedoch in Erscheinung tritt,
beginnt unmittelbar ein diesseitiges Ringen zwischen dem Bösen und
dem Guten, das der manifesten Welt der Notwendigkeiten, der Gesetze immanent
ist. Am Anfang ist das Böse übermächtig, welches zur Sinnlosigkeit
drängt. Das Gute steht für den Sinn. Es gibt jedoch kein absolutes
Böses oder Gutes im Sinne "dieser Welt". In "dieser Welt" sind das
Böse und Gute immer nur relativ und können sich auch in ihr Gegenteil
verkehren, worauf ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen möchte.
Aber warum tritt die Freiheit überhaupt in Erscheinung? Als bewegte
Freiheit ist es ihr Schicksal! Die absolute Bewegung, und das ist die grundlegendste
Eigenschaft der Freiheit, kann niemals in einem vorseienden NICHTS
verharren und stößt immer wieder in die manifeste Welt vor,
in der sie wiederum vom Sinn her ergriffen wird, in der sie nicht ohne
Sinn existieren kann, den sie selbst hervorbringt. Ich behaupte, daß
es einen zeitlichen und einen zeitlosen Prozeß, daß es eine
unvollständige, begrenzte Bewegung in der Zeit und eine vollständige,
absolute Bewegung außerhalb der Zeit zur Fülle hin gibt, deren
existentielle Realität erst der Gottmensch in der allumfassenden Liebe
bewußt wahrnehmen kann. Die zeitlose Bewegung ist der zeitlich begrenzten
Bewegung nicht nachgeordnet. Beide Bewegungen stehen in unmittelbarer Beziehung
zueinander, und die eine ist auf die andere angewiesen! Die zeitlich begrenzte
Bewegung ist vollständig äußerlich, dagegen ist nur die
zeitlose Bewegung in der Lage, von innen heraus über die inneren Grenzen
hinweg in Beziehung zur Zeit zu treten. Darauf bezogen können wir
den in der Seele wirkenden zeitlos bewegten GEIST intuitiv wahrnehmen.
Er überschreitet die Grenzen zum Diesseits und offenbart sich in unserem
Denken und unserer Vernunft als wahrhaftig sinnvoll und schöpferisch.
Aber das Denken und die Vernunft können dem äußeren Determinismus
anheimfallen, werden sie vom geistigen Herzen abgetrennt. Die Freiheit
kann nur in der Zeit zur Ewigkeit (als zeitloser Prozeß) gelangen.
Die Ewigkeit tritt nicht nach, sondern in der Zeit augenblicklich in Erscheinung
als unermeßliche, dynamisch vollständige und deshalb ewig neue
Freiheit. Und diese Freiheit ist in der jenseitigen Liebe und Gnade Gottes
vollständig inbegriffen. Freiheit und Gott streben einander entgegen
und vereinigen sich im Menschen als der materiell-physische, psychisch-seelische
und geistige Gottmensch zur schöpferischen Wahrheit hin. Der Tröger
der Wahrheit ist letzten Endes die göttlich-menschliche Persönlichkeit.
In ihr findet die Begegnung der göttlichen und der menschlichen Persönlichkeit
statt. Das heißt, in der schöpferischen Wahrheit findet der
Mensch seine Gottebenbildlichkeit wieder.
Es gibt also eine vorseiende, irrationale Freiheit im NICHTS - außerhalb
der Zeit, die sich in einem historischen Prozeß zu einer vom SINN-GEIST
verklärten, überseienden FREIHEIT zur göttlichen Wahrheit
hin erfüllt, und es gibt eine bedingte Freiheit in der Zeit, die von
der Notwendigkeit und dem Gesetz eingegrenzt wird und im eigentlichen Sinne
eine Unfreiheit ist. Die Wahrheit ist in der Zeit bedingt und zeitlich
begrenzt und in der Freiheit unbegrenzt und ewig. In der Zeit ist die Wahrheit
lügenhaft. Erst in der ewig göttlichen Wahrheit wird die Freiheit
als FREIHEIT zum GEIST. Die Freiheit tritt in dieser Welt ständig
in Erscheinung, weil sie der wahrhaftig dynamisch-ewige Grund des Seins
an sich ist. Nach Wilber ist sinngemäß der GEIST die "Essenz"
von allem Seiendem. Aber der GEIST ist niemals absolut - ist niemals absoluter
GEIST. Ursprünglicher ist die vorseiende, irrationale Freiheit. Sie
ist völlig gott- bzw. sinnlos im jenseitigen Sinne und geht als das
ursächlichste Prinzip aus dem NICHTS hervor, damit Gott bzw. der Sinn
erst in der Folge wirksam werden können und die Freiheit sich letzten
Endes zur sinn- bzw. geistvollen FREIHEIT hin im Gottmenschen erfüllen
kann. Der GEIST kann im Urgrund nicht sinnvoll existieren. Der GEIST ist
auf jeden Fall absolut sinnvoll. Abgesehen davon, wäre der GEIST als
Soheit ein statischer GEIST, der so als überseiende FREIHEIT nicht
existieren könnte. Die Freiheit geht unablässig aus dem
NICHTS hervor und tritt unablässig mit dem GEIST als Sinn in Beziehung,
der nur durch die Beziehungsfähigkeit der Freiheit wirksam werden
kann, da er vom Grunde her selber frei und dynamisch ist. Gott bzw. der
GEIST und die Freiheit vereinen sich schließlich in der Tiefe des
Gottmenschen zur schöpferischen Wahrheit hin. Ich meine weiterhin,
daß es ein absolut ausschließliches NICHTS, die absolute Leerheit,
nicht gibt. In der Leerheit existiert die irrationale Freiheit. Leerheit
und Freiheit bilden den absolut unermeßlichen Grund. Gleichzeitig
wirkt jedoch auf die vorseiende Freiheit der Sinn (Gott). Gott ist immer
auf der Suche nach seiner grundlegendsten Ursache und findet sie letztlich
in der All-Einen-Wahrheit als die von der Liebe, vom GEIST durchdrungenen
FREIHEIT wieder. Und die vorseiende Freiheit ruft fortlaufend aus ihrer
absoluten Dynamik heraus unweigerlich den ewig bewegten Sinn hervor, mit
dem sie sich im Gottmenschen zur geistigen Freiheit hin vereint. Zum unermeßlichen
Grund steigt der Sinn (Gott) herab, aus dem unermeßlichen Grund erhebt
sich die nun sinnerfüllte Freiheit. Grund und Sinn bzw. Grund und
FREIHEIT bzw. Grund und Gott sind ein scheinbarer Dualismus (gegenüber
dem echten zwischen Freiheit und Notwendigkeit) und vereinen sich in der
Wahrheit als ihre höchste Entsprechung, die erst der Mensch unmittelbar
wahrnehmen und verwirklichen kann, weshalb er auch als Gottmensch von absoluter
Bedeutung ist. Und so findet auch die Freiheit in der Zeit immer nur ihre
geringste Entsprechung und als Gott ihre höchste.
Die Freiheit ist eine im Menschen tiefverwurzelte Erscheinung. Der
Mensch ist das zur FREIHEIT bestimmte Wesen an sich. Die Freiheit ist seine
Grundeigenschaft. In irgendeiner Form fühlt sich jeder Mensch zur
Freiheit hingezogen. Die Suche des Menschen nach der Freiheit an sich legt
nahe, daß in ihr ein grundlegendes Prinzip des Weltenflusses zu suchen
ist. Die höchste FREIHEIT ist unmittelbar mit unermeßlicher
Liebe verbunden, eine Realität, die jedem Menschen, dem sich im Augenblick
die Liebe offenbarte, irgendwie auch bewußt ist.
Das
NICHTS dagegen ist uns nicht bewußt. Bewußtsein ist an Bewegung
gebunden, und die ist ohne Freiheit nicht möglich. Allerdings glaube
ich, daß das NICHTS oftmals mit einem innermenschlichen Zustand scheinbar
absoluter Ruhe, einem sogenannten nichtdualen Bewußtsein oder reinen
Zeugen, verwechselt und aus diesem Empfinden heraus die Leerheit als das
Absolute postuliert wird, wie Wilber es letztlich auch tut. Diese Verwechslung
kann meines Erachtens dadurch geschehen, weil man geneigt ist, die absolute
Ruhe (das NICHTS) mit der Ruhe vor der uns bedrängenden, zeitgebundenen
Hast in dieser Welt gleichzusetzen. Und dem ist keineswegs so. Die Demut
und Zurückhaltung in dieser Welt öffnet uns für die Fülle
und Bewegtheit der anderen. Doch niemals dürfen wir Menschen uns in
einer weltverneinenden Demut und Zurückhaltung üben. Diese Welt
ist nicht dazu da, überwunden sondern vergeistigt zu werden! Auf diese
Weise erst kann der Mensch als Gottmensch seiner Bestimmung gerecht werden,
indem er auf der Grundlage einer verklärten, vergeistigten Welt am
Ende in sich den höchsten Wert, die allumfassend liebende und geistige
Persönlichkeit zur Ewigkeit hin verwirklicht.
Das scheinbare Paradoxon von der immanenten und transzendentalen Natur
des GEISTES erhellt sich wahrhaftig erst, wenn man annimmt, daß der
GEIST vor allem die von der Bewegung durchdrungene FREIHEIT ist, die im
NICHTS als unerfüllte, d.h. absolut ungeschaffene, irrationale Freiheit
existiert. In der manifesten Welt, im Sein erst strebt die Freiheit nach
dem Sinn, der ihr überall entgegenströmt, von dem sie ihre wahrhaftige
Richtung erhält. Am Anfang befinden sich die vom Sinn erfaßte
FREIHEIT und die manifeste Welt im größten Abstand zueinander
oder anders gesagt, der freiheitliche GEIST findet in der manifesten Welt
zunächst seine geringste freiheitliche Entsprechung. Von da an ist
der GEIST als FREIHEIT auf der Suche nach sich selbst. Es liegt in der
FREIHEIT selbst begründet, daß sie nicht bewegungslos in einem
unfreieren Zustand der manifesten Welt verharrt. In einem Prozeß
des Werdens, der unvermeidlich ist, wird letzten Endes der Mensch dazu
berufen sein, in der Tiefe seiner Persönlichkeit die Persönlichkeit
Gottes zu erschauen und die Trennung zwischen Gott und Mensch dort zu überwinden,
aber nicht zur zustandslosen Leerheit, sondern zur allumfassenden, freien
Liebe hin, die die ganze Welt verklärt (die irdische eingeschlossen)
und in und mit ihr schöpferisch die All-Eine-Wahrheit schafft, in
der die FREIHEIT als GEIST in seiner Dynamik vollkommen erfüllt werden
wird. Der transzendente GEIST wird als FREIHEIT der menschlich-göttlichen
Persönlichkeit immanent, die sich uns als allumfassende Liebe offenbart.
Die göttlich-menschliche Persönlichkeit verkörpert das vollkommen
Eine und ist dennoch vollkommen offen und überschreitet alle Grenzen
der Welt zum transzendenten GEIST, zum Du einer anderen tiefen Persönlichkeit
hin, weil die göttlich-menschliche Persönlichkeit zum einen vollkommen
frei ist und zum anderen alles, die ganze manifeste und freiheitlich-geistige
Welt, ebenbildlich in sich umschließt und ganzheitlich aufnehmen
kann und gerade deshalb die ganze Welt durchdringt.
Die Wahrheit würde mit dem NICHTS enden, wäre dieses absolut.
Aber selbst ein NICHTS ist nur ein NICHTS, wenn es auch ein Sein gibt,
das die FREIHEIT zur Grundlage hat. Aus der Verbindung von NICHTS und FREIHEIT
(scheinbarer Dualismus) entsteht die Dynamik, die ewig und zeitlos ist
und keinen Anfang und kein Ende hat und sich letzten Endes in der ewig
schöpferischen Wahrheit erfüllt.
Übrigens ergibt sich aus meiner Sicht nicht unweigerlich die Schlußfolgerung,
daß keine Erscheinung dem GEIST näher als irgendeine andere
ist. Alles ist aus GEIST gemacht, aber nicht gleichermaßen von Ihm
erfüllt. Es gibt auch eine nahezu gottlos technisierte Welt, die lügenhaft
dem Nichtsein entgegenstrebt. Aber ohne die Möglichkeit des gottlosen
Nichtseins könnte das göttliche Sein letzten Endes nicht in Erscheinung
treten.
Wilbers Hauptproblem ist sein Hang zur statischen Auffassung des GEISTES,
die auf der Annahme beruht, daß der menschlichen Persönlichkeit
letzten Endes nur eine sekundäre Bedeutung zukommt. Aber wie sich
später noch zeigen wird, ist Wilber nicht ganz frei von dynamischen
Auslegungen. Ich selbst werde mich bemühen, den GEIST konsequent dynamisch
auszulegen und dabei die Persönlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen.
Wilbers Gespür für die bei ihm so benannten Prä- und Transverwechslungen
bekommt vom personalistisch-dynamischen Standpunkt aus eine andere Bedeutung
gerade auch hinsichtlich meditativer bzw. kontemplativer Zustände
im Menschen und bei der Beurteilung von z.B. patriarchalen Herrschaftsreligionen
oder matriarchalen Naturreligionen, welche die Freiheit der Persönlichkeit
nicht kennen.
In der Konsequenz wird aus Wilbers integralem Ansatz meines Erachtens
eine monistische Auffassung vom GEIST. Nach Berdjajew dagegen existiert
zwischen dem Menschen und Gott bzw. GEIST eine tiefe Kluft, die jedoch
überwunden werden kann, wenn sich im Menschen die gottmenschliche
Persönlichkeit offenbart. Diese Offenbarung ist vollkommen subjektiv
und gerade deshalb vollkommen real, weil alle wahrhaftige Realität
geistiger Art ist.
Nebenbei bemerkt ist die sogenannte "objektive Realität" niemals
als solche direkt subjektiv wahrnehmbar, sie läßt sich nur äußerlich
berechnen und erforschen. Der Begriff "objektive Realität" ist eine
völlig mißlungene Vermischung zweier entgegengesetzter Begriffe,
richtiger wäre es, nur von einer auf die Objekte bezogene Objektivität
zu sprechen. Letzten Endes ist die Objektivität überhaupt nicht
real im subjektiven Sinne und konkret faßbar, wie es immer noch behauptet
und gelehrt wird. Aber in diesem Punkte sehe ich mich auch nicht im Widerspruch
zu Ken Wilber! Nikolai Berdjajew meint dazu: "Im Objekt kann man nur die
Objektivierung des Geistes finden.", und: "Das Objekt kann nur in einer
Bezogenheit, niemals aber in seiner Wesenheit selbst gedacht werden. Die
reine Geistigkeit steht über dem rationalen Gegensatz von Subjekt
und Objekt. Der Geist ist auch nicht im eigentlichen Sinn subjektiv, obwohl
er nur im Subjekt und nicht im Objekt existiert. Jedenfalls ist er nicht
subjektiv im psychologischen Sinn des Wortes, der ja die korrelative Existenz
einer Objektivität voraussetzt. Die Realität des Geistes ist
nicht die der Objekte, der Sachen, sie ist von ganz anderer Qualität,
sie ist eine unendlich überlegene, ursprünglichere Realität."
(Geist und Wirklichkeit, Heliand Verlag Lüneburg, 1949)
Der Dualismus zwischen Mensch und Gott, der im Augenblick überwunden
werden kann und muß, bietet erst die Gewähr dafür, daß
jeweils beide grundsätzlich existieren. Gott allein jedoch, ohne den
Menschen, würde nie der sein, zu der er im allumfassenden Gottmenschen,
in der Wahrheit fortlaufend wird - die von der Liebe durchdrungene geistige
FREIHEIT!
Dirk (Fortsetzung folgt)
Ein Kind, es kann gerademal laufen, stolpert durch den Garten. Querbeet.
Die frischgekeimte Saat ist hinüber. Ein Kind kippt mal eben eine
halbe Ölflasche in den Gartenteich, es schillert so schön, wunderbare
Farben. Paar Tage später ist im Wasser alles wunderbarerweise tot.
Ein Kind steckt einen Draht in den kleinen Schweinerüssel in der Wand.
Ein kurzes Aufbäumen. Manche Eltern sorgen sich.
Sie sorgen für blühende Kirschbäume, für ein warmes
Haus, gute Luft in den Räumen, für die Gute-Nacht-Geschichte.
Sie machen sich Gedanken, was und wie und woher auf den Tisch kommt.
Muß man sich da grundsätzlich drüber streiten?
Unbestreitbar ist/war dieser Planet so beschaffen, daß der Mensch
auf ihm leben kann/konnte. Sogar ohne irgendetwas dafür zu tun. Die
Früchte des Tischleinfrischgedeckt wachsen/wuchsen ihm bis fast in
den Mund, er mußte lediglich noch pflücken und lachte sich einen
Ast, wenn die ihm einer vor den Lippen wegschnappte. Nun sind es zuviele
für die Tischleinfrischgedeckt, es bereitet dem Menschen einige Mühe,
aber auch viel Freude, unter seinem Eingriff Früchte wachsen zu sehen
und an den verschiedensten Orten die Tischleinwerdengedeckt hinzustellen.
Nun wohnen immer mehr Menschen an den unmöglichsten Orten, die eigentlich,
sofern sie es natürlich haben, für Geld alles haben können.
Doch diese Rechnung kann nicht mehr aufgehen. Ein Tischleindeckdich kann
es niemals geben, auch wenn alle Menschen genug Geld für alles hätten,
auch wenn in unseren Breiten die Menschen so leben. Es kann beim Stand
unserer derzeitigen Zivilisation nur Tischleinwerdengedeckt geben, der
Rückbau zu den Tischleinfrischgedeckt ist zwar generell möglich,
aber nur über lange Epochen einer grundlegenden Renaturierung des
gesellschaftlichen Seins zu bewerkstelligen (unter Natur verstehe ich schlicht
Leben). Dafür haben wir hier den Blick vollkommen verloren. Wir sitzen
an gedeckten Tischen und schwatzen. Zu wenige wissen, das heute der Himmel
nicht mehr von alleine blau bleiben wird, zu wenige haben eine Ahnung davon,
das atembare Luft keine gottgegebene Selbstverständlichkeit bleiben
wird, daß aus zuvielen Dingen die Heilheit, das Leben zurückweicht,
aus dem Boden, aus dem Sperma, aus den Meeren, zu viele Kindermenschen
sägen in ihrem Bewegungsdrang an allen erreichbaren Tischbeinen. Wollen
nichts davon wissen, wo Wasser zum Trinken herkommt, überblicken von
den Lebenszusammenhängen gerademal "Oh, das schmeckt, mehr!" (wenn
es überhaupt einer wäre).
Ich fühle mich zu den Menschen gehörig, die ihnen auf die
Finger klopfen. So gut wie kein Baum fällt heute von allein, so gut
wie kein Baum wächst heute von allein. Das wissen die Kindermenschen
nicht. Sie wissen daher auch nichts von Verantwortung. Vielleicht was von
Freiheit, die jedoch über die Hirnwindungen selten hinaus kommt. Wenn
nichts eine objektive Realität hat, hat selbstredend auch der s.g.
Geist keine. Es ist Humbug, den Garten nur aus der Vorstellung kennen zu
wollen. Sicherlich kann man sich das alles klemmen und die paar genervten
Elternmenschen bedauern und ihnen kopfschüttelnd zu erklären
versuchen, was für einen unlockeren, gestreßten Eindruck sie
doch machen und einem den Spaß manchmal vermiesen. Da der relative
und der absolute Anteil der Kindermenschen immer rasanter größer
wird, wächst auch die Last der "Verantwortung". Die Elternmenschen
haben oft nicht genug Muße, ihrem eigenen Wesen schönzutun,
aber sie wissen eine Menge vom Wesen des Lebens.
Oh, die Tischdecke mit allem drauf runtergezerrt, ach das wollte ich
ja nicht, es ist immer was neues da.
Irrtum. Aber es gibt keine Instanz, die richten würde, wird die
Natur ausgelöscht. Die Elternmenschen werden sich immer einsam fühlen.
Auch in ihrer Freiheit, die begrenzte Freiheit des Lebens wahrzunehmen
und im Tiefdurchatmen auf der Gartenbank, durchströmt von der unmittelbaren
Schönheit und Liebe des Lebens. Und sie fassen sich nur darob müde
und doch lächelnd an den Kopf, wenn sie von dem Gedanken hören,
daß der Große Geist ja alles überdauern wird. Auch Gott
ist Hirnwichser. Und allemal tot.
Muß man sich da grundsätzlich drüber streiten? Man
muß. Freiheit.
Roland
2. Teil, Fortsetzung aus Lover 25
Das Furchtbare ist, daß man zwischen Tatsachenberichten und Greuelpropaganda
kaum noch unterscheiden kann. Das Leid der Flüchtlinge. Aber in den
Medien wird es inzwischen zum beliebig verwertbaren Kriegswerbeschlagwort.
Dabei sollte dieses Elend doch die Augen für das Verbrechen des Krieges
öffnen!
Fliehen die Menschen wirklich vor "den Serben" oder einfach vor dem
Krieg?`Tut Schauerberichterstattung das Ihre, sie zur Flucht zu veranlassen?
Das würde nicht ins Bild passen. Warum aber haben sich Zigtausende
Albaner aus dem Kosovo ausgerechnet zum "Feind" ins jugoslawische Montenegro
oder nach Südserbien gerettet?
Die Tränen Verzweifelter als Kriegspropaganda!
*
Das erste wirklich unabweisbar dokumentierte Massaker: 70 Flüchtlinge,
Männer, Frauen, Kinder tot auf der Straße neben den zerstörten
Traktoren ihres Trecks - bilder eines Alptraums. Täter: das Nordatlantische
Verteidigungsbündnis: Erst hat man versucht, das Verbrechen "den Serben"
in die Schuhe zu schieben. Nun, da die Beweise erdrückend werden,
gesteht man das "menschlich verständliche, weil streßbedingte
Versehen eines einzelnen Piloten" ein und die NATO-Sprecher drücken
beiläufig ihr Bedauern aus. Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne...
Man stelle sich vor, was es für die jugoslawische Bevölkerung
bedeuten würde, wenn die Beweislage weniger klar wäre.
*
Die Greuelmeldungen steigern sich. Man kann sie nicht nachprüfen,
weiß nicht, was man davon halten soll. Washington berichtet von Massenvergewaltigungen.
Man wisse das nur vom Hörensagen, es sei aber wahr. Beweise könne
man leider nicht vorlegen. Aber inzwischen spricht fast jeder Kriegskommentator
und erst recht jeder deutsche Minister von Massenvergewaltigungen als Tatsache.
Ich bin da skeptisch. Solche Geschichten gehören seit eh und je zur
psychologischen Kriegführung. In Klaus Bittermanns Buch "Serbien muß
sterbien" haben seriöse Autoren die "von serbischer Seite systematisch
betriebenen Massenvergewaltigungslager" - ein Schlagwort, das während
des Bosnien-Kriegs die Medien beherrschte und überall geglaubt wurde
- als systematisch verbreitete Legende der gegnerischen PR-Agenturen aufgedeckt.
Was heute daran stimmt, wissen nur wenige: die möglichen Täter
oder die Fälscher.
Das amerikanische Luftbild des Massengrabes. Erdbewegungen werden dokumentiert.
Am 24. März zum Auftakt hatte das Fernsehen ebenfalls eine solche
Aufnahme gezeigt. Das Bild ist uns allen aus dem Bosnien-Krieg bekannt.
Es zeigt Erdveränderungen am Rande eines Sportplatzes, auf dem sich
am Tage davor noch 600, nun verschwundene Menschen aufgehalten hatten.
Wie schnell selbst 40.000 Flüchtlinge unter NATO-Schirmherrschaft
spurlos von einem Gelände verschwinden können, haben wir jetzt
im Fernsehen vorgeführt bekommen: Man brachte sie in ein anderes Lager
in Mazedonien. Im Fall des bosnischen Massengrabes hatte man angekündigt,
es zu Beweiszwecken gleich im nächsten Frühjahr, wenn die Erde
aufgetaut sei, zu öffnen. Das ist dann allerdings nie geschehen. Jedenfalls
wurde nichts darüber veröffentlicht. Das Grab am allgemein bekannten
Sportplatz, auf dem CIA-Bild in hoher Auflösung mit 50-Zentimeter-Genauigkeit
lokalisierbar, hat sich offenbar nie finden lassen. Trotzdem wurde die
dubiose Aufnahme am ersten Tag des Kosovo-Krieges als Beweis gesendet.
Nun gibt es ein neues Bild. Was soll man glauben?
Fast zynisch, solche Überlegungen anstellen zu müssen. Wie
aber wird man sonst zwischen Wahrheit und im Krieg normaler Propaganda-Lüge
wenigstens annähernd unterscheiden können? Man muß mißtrauisch
bleiben. Die Aufgabe der psychologischen Kriegführung ist, was sie
selbst nie bestreitet: Desinformation. Auf Deutsch im aktuellen Fall: Lügen,
daß sich der Balkan biegt.
*
Über das "Bürgertelefon" des Bonner Kriegsministeriums (0228/1200)
erhalte ich vom Diensthabenden in einem längeren Gespräch nur
nichtssagende und gerade darum aufschlußreiche Auskunft.
"Ihre Minister sprechen ständig von 'serbischen Konzentrationslagern'.
Wo genau befinden die sich denn? In der Nähe welcher Ortschaften?"
"Das wissen wir nicht. Wir haben das nur aus Augenzeugenberichten von
Flüchtlingen." Die Zeugen wissen also nicht, wo sie was gesehen haben.
"Aber Sie betreiben doch fast zentimetergenaue Luftaufklärung.
Da müßten Sie solche großen Komplexe doch lokalisieren
können. Haben Sie also Anhaltspunkte für die tatsächliche
Existenz von Konzentrationslagern?"
"Nein. Aber es könnte welche geben."
Genauer hatte es vor drei Wochen ein anderer dort Auskunftgebender
gewußt. Von mir auf zerstörte Krankenhäuser und Wohnblocks
angesprochen, war er im Diensteifer überaus detailfreudig geworden:
"Wissen Sie, das machen die Serben alles selber. Die stellen eine Gasflasche
ins Wohnzimmer, eine brennende Kerze daneben, drehen den Hahn auf und gehen
weg. Dann geht das Dach hoch, und es sieht so aus, als ob die NATO das
war." Beweise dafür könne er mir im Augenblick leider nicht geben,
aber ich solle doch in ein paar Tagen nochmal nachfragen.
Jetzt versuche ich es bei seinem Kollegen. Belege hat der leider auch
noch nicht, aber: "Das machen die schon so."
"Dann haben die Serben wohl auch die zivilen Busse und Eisenbahnzüge
selber in die Luft gejagt?" Ich hoffe, er spürt die Ironie meiner
Frage. Irrtum: "Ja, das gibt es sicher auch." Und als ich nach der zerschossenen
Rot-Kreuz-Ambulanz frage, die zu den Opfern des Bus-Massakers der NATO
eilen wollte: über welche "strategisch wichtige Brücke" die denn
nun gefahren sei und ob nach vielen gebrochenen Vereinbarungen jetzt auch
die Genfer Konvention für dir NATO ungültig sei, kommt es lapidar:
"Die Serben halten sich ja auch nicht daran." Auch!
*
Vor mir liegt der Faksmiliedruck einer "Berliner Illustrierten Zeitung"
aus dem Jahr 1937. Das Bild zeigt das Ergebnis des ersten gegen die schutzlose
Zivilbevölkerung einer ganzen Stadt gerichteten, aus der Luft geführten
Terrorangriffs der Geschichte: die Ruinen von Guernica. Das Massaker im
spanischen Bürgerkrieg hatten vom Traditionsfliegerhorst Wunstorf
bei Hannover gestarteten Piloten der deutschen Legion Condor verübt.
Bildunterschrift: "Als die Bolschewisten sahen, daß sie die Stadt
nicht mehr halten konnten, begossen sie die fast unversehrten Häuser
mit Benzin und steckten sie in Brand. Die Stadt wurde ausgeplündert
und völlig zerstört." Wie sich die Bilder gleichen! Nicht nur
was die sichtbaren zerstörten Wohnblocks, zerschmetterten Autos und
verkohlten Bäume betrifft. Auch heute noch gibt es Nazi-Apologeten,
die behaupten, die Leichenberge von Guernica seien nur ein "Versehen" gewesen.
Der Angriff habe eigentlich nur einer "strategisch wichtigen Brücke"
gegolten.
*
Mit Dubrovnik ging es anders. Nach Berichten fast ausnahmslos aller
deutschen Medien wurde die dem Weltkulturerbe zugerechnete unvergleichlich
schöne Altstadt 1992 "von den Serben durch Artilleriebeschuß
vollständig zerstört". 1995 erschien dann im Reiseteil des "stern"
ein Bericht,in dem sich der kroatische Tourismusmanager der Stadt bitter
über das Fernbleiben deutscher Besucher beschwerte, die fälschlich
glaubten, alles liege in Trümmern. Es habe doch nur zwei unwesentliche,
längst ausgebesserte Beschädigungen durch - wohl verirrte - Granaten
gegeben. Man müsse bitte Verständnis dafür haben, daß
in der damaligen Kriegssituation die Sache ein wenig aufgebauscht worden
sei.
Im Bewußtsein der Deutschen aber sind und bleiben "die Serben"
seitdem "Kulturschänder", denn wer liest schon mit politischer Aufmerksamkeit
eine Reisebeilage.
In Peter Brocks Aufsatz "Meutejournalismus" lese ich jetzt, daß
das Fernsehen damals Bilder aus dem erbittert umkämpften, tatsächlich
zerstörten Vukovar als Aufnahmen aus Dubrovnik ausgegeben hat. Ich
schäme mich, daß mir, der ich die Adriastadt kannte, liebte
und um sie trauerte, der Schwindel damals nicht aufgefallen war.
*
NATO-General Gerd Schmückle, pensioniert, ist im Österreichischen
Rundfunk ganz anders zu vernehmen. Er habe die NATO immer als reines Verteidigungsbündnis
gesehen, sagt er dem Journalisten Peter Huemer im Gespräch. Seine
Nachfolger aber seien aggressiver und sähen das anders. Ziemlich warnt
er die Österreicher davor, die Neutralität aufzugeben und der
NATO beizutreten. Der seinerzeit höchste deutsche NATO-Offizier weiß
wohl, was er sagt. Für Leute, die wie der Rocksänger Niedecken
auf jeder Friedensdemo rumgetanzt hätten und jetzt dem Krieg das Wort
redeten, empfinde er, sagt Schmückle, "nur Verachtung". Auch Generälen
kann man mal aus vollem Herzen zustimmen. Vor allem pensionierten.
In deutschen Medien ist über das Schmückle-Interview nichts
zu finden. Wie üblich in solchen Fällen.
*
Finanzminister Eichel hat ein Sparprogramm angekündigt. Klar,
so ein Krieg ist teuer. Da werden wohl wieder Sozialleistungen gekürzt,
Steuern erhöht werden müssen. Dabei könnte es doch auch
andersherum gehen: Alle sollen sparen - sparen wir uns den Krieg!
*
Ein Pressesprecher des Kriegsministeriums belehrt mich: "Wir machen
keinen Krieg. Das ist Nothilfe." 17.000 Bombeneinsätze hat die NATO
nach eigenen Angaben bisher fliegen lassen und 252 "humanitäre Hilfsflüge".
Als ich einem anderen Presseoffizier gegenüber wage, dies als ein
Mißverhältnis zu bezeichnen, wird er logisch: "Sie müssen
aber auch bedenken, daß die Tornados wesentlich weniger Nutzlast
befördern." Nutzlast.
*
Das jugoslawische Rote Kreuz meldet einen fühlbaren Mangel an
Medikamenten; besonders Psychopharmaka benötige man dringend. 50 aufeinanderfolgende
Bombennächte im Keller. Das ist Weltrekord.
Jetzt haben sie Graphitbomben abgeworfen. Einsatztest einer neuen "Wunderwaffe".
Die Sprengkörper zerplatzen in der Luft, der austretende feine Graphitstaub
legt sich auf die Kontakte der Kraftwerke, ebenso auf die häuslicher
Elektrogeräte und läßt so per Kurzschluß die Stromversorgung
ganzer Bezirke zusammenbrechen. Es gibt erschütternde Berichte über
die Situation in den Krankenhäusern: Beatmungsgeräte fallen aus,
Operationssäle liegen im Dunkeln, Dialysepatienten können die
für sie lebensnotwendige Blutwäsche nicht erhalten,. Und Brutkästen
für Neugeborene sind ohne Strom. Die erlogene Story über entmenschte
Iraker, die Babies die Sauerstoffzufuhr abgestellt hätten, lieferte
den USA den Vorwand für den Golfkrieg. Jetzt setzen die amerikanischen
Militärs sie in die Praxis um.
Ich frage mal wieder bei einem ministeriellen Sprecher nach. "Halb
so wild", sagt der beruhigend, "auch dort gibt es Notstromaggregate. Die
bleiben intakt." Letzteres ist gelogen. In einer offensichtlich schon vor
dem Krieg produzierten Sendung des SFB über "Die virtuelle Kriegführung
der Zukunft" ist gerade heute nachmittag zu hören gewesen, "der besondere
Vorteil der Graphitbomben" bestehe darin, daß sie auch die Notstromversorgung
lahmlegten.
*
Lügen über Lügen. Die chinesische Botschaft ist getroffen.
Vier Todesopfer. Die drei Raketen kamen gezielt aus drei verschiedenen
Richtungen. Deswegen hat die NATO - wohl der größeren Glaubwürdigkeit
halber - auch gleich drei verschiedene Erklärungen für ihr "Versehen":
Man habe eigentlich ein "Büro in der Nachbarschaft" treffen wollen;
man habe zwar wirklich den Standort der chinesischen Botschaft im Visier
gehabt, dort jedoch eine militärische Behörde vermutet; und -
dritte Variante - "serbische Doppelagenten" hätten falsche Angaben
geliefert, um die NATO zu desavourieren. Ich vermute, man hat bewußt
und genau die Botschaft getroffen, um auf die Gefahr eines Weltkrieges
hin den Chinesen mit dem großen Knüppel zu winken und so deren
Wohlverhalten in der UNO anzumahnen.
*
Verblüffend eigentlich, daß "die Serben" immer wieder im
ihnen politisch ungünstigsten Augenblick dem Westen einen Grund zum
militärischen Eingreifen geliefert haben sollen. Da ist dann immer
schon eine Armada von Flugzeugträgern in der Adria aufgefahren, die
Bomber stehen auf ihren Flugplätzen bereit, alle Medien berichten
vom "in den nächsten Tagen bevorstehenden Militärschlag" - und
prompt, wie bestellt, kommen "die serbischen Greueltaten", die binnen Stunden
mit dem lange vorbereiteten Militärschlag "geahndet" werden. Das "Brotladen-Massaker"
in Sarajewo zu Anfang des Bosnien-Krieges erfolgte in solch einem Augenblick.
Monate später fand sich in Zeitungen - sogar in deutschen! - meist
gut versteckt eine Notiz des Inhalts, ballistische Untersuchungen hätten
ergeben, es habe sich keinesfalls um ein serbisches Geschoß gehandelt,
sondern um eine "verirrte" bosnische Granate oder Bombe. Aber nun hatten
die bosnischen Serben ihre "Strafe" schon in Form eines Bombardements erhalten
- da war es halt Schnee von gestern. Und wer bei uns weiß schon,
daß Sarajewo weitaus häufiger unter bosnischem Artilleriefeuer
- auch auf die muslimischen Wohnviertel - lag als unter dem der Serben.
Das Massaker auf dem Marktplatz der Stadt am 5.2.94, fünf Tage
vor Wiederaufnahme der Genfer Friedensverhandlungen, löste binnen
- militärisch gesehen für eine solche Aktion sensationell knappen
- 5 Stunden die NATO-Intervention aus, die allerdings auch schon länger
angekündigt war. Berechtigte, von Ballistikern, westlichen Journalisten,
UNO-Beobachtern und einheimischen Augenzeugen geäußerte Zweifel
an serbischer Urheberschaft wurden in den Medien gar nicht erst erwähnt.
In Deutschland erfuhr man einzig in Klaus Bittermanns nicht genug zu empfehlenden
Buch "Serbien muß sterbien" die Hintergründe dieser Sender-Gleiwitz-Inszenierung.
Im Kosovo entdeckte ein taz-Reporter namens Rathfelder bereits im Sommer
98 ein "serbisches Massaker an über 400 Albanern - Männern, Frauen
und Kindern". Die Sache machte Riesenschlagzeilen. Peinlich für die
taz, daß die UNO dann am "Tatort" einzig 14 ordnungsgemäß
mit Grabkreuzen und Namensschildern versehene Gräber gefallener und
durch die Serben bestatteter UÇK-Leute fand. Der Krieg mußte
verschoben werden bis zum "Massaker von Racak".
*
Im November 98 - mein Gedächtnis ist in solchen Dingen genau -
hatte Milosevic das Holbrook-Abkommen unterzeichnet und dessen Inhalt entsprechend
seine Truppen weitgehend aus dem Kosovo zurückgezogen. Die mit westlichen
Geheimndiensten auf Du und Du stehende UÇK hatte bekanntermaßen
(in Deutschland: unbekanntermaßen) die Unterschrift verweigert, und
sie nutzte die Zeit des Vakuums zu Überfällen auf Polizeistationen,
Morden an Serben und mehr noch an "serbenfreundlichen" Albanern, um damit
nach eigenem Bekunden Belgrad zu Gegenaktionen zu provozieren und "die
NATO zum Handeln zu bewegen" (so ein ARD-Rundfunkkommentator). Die Rechnung
ging auf.
Racak. Nach allem, was ich nicht gleichgeschalteten Zeitungen bisher
entnehmen konnte, glaube ich nicht an ein Massaker. Die durch die jugoslawische
Führung vorher über die beabsichtigte Erstürmung des UÇK-besetzten,
ansonsten menschenleeren Dorfes informierten OSZE-Beobachter haben das
Gefecht vom Beginn der Aktion an bis zum Abzug der Armee genau verfolgt
und 17 gefallene UÇK-Leute gezählt. Zwar war für sie der
angebliche Tatort, an dem später die Leichen gefunden wurden, nicht
einsehbar; aber zumindest die Begleitumstände eines Massakers wären
ihnen kaum entgangen. Irgendwie hätten die - durch das Feuer der von
einem Hang herab ins Dorf schießenden UÇK in ihrer Bewegungsfreiheit
stark behinderte - Armee ihre Opfer doch sammeln und zur Hinrichtung bringen
müssen, worüber es jedoch keine Berichte gibt. Dafür war
am nächsten Morgen gleich General Walker, militärischer Geheimdienstmann
der USA und seinerzeit Anleiter der berüchtigten Contra-Terroristen
in Nicaragua, höchstselbst pünktlich zur Stelle, um ein Massaker
zu konstatieren und "die Serben" unverzüglich zu Tätern zu erklären.
Daß am Fundort nur wenige Patronenhülsen lagen und man unverhältnismäßig
geringe Blutspuren fand, focht ihn nicht weiter an. Vielleicht erschießen
"die Serben" eben zwei Opfer mit einer Patrone und wischen danach das Blut
weg... Man kann es nur noch sarkastisch sehen.
Oder doch keine Inszenierung? Dann wäre Frau Albright Hellseherin.
Sie hatte bereits am Tage zuvor via Internet verkünden lassen, im
Kosovo stünden in allernächster Zeit entscheidende Ereignisse
bevor. Ach, meine Vorstellungskraft sträubt sich. Andererseits: Geheimdiensten,
die einen Kriegsgrund schaffen wollen, ist nach aller Erfahrung nichts
zu dreckig. Nein, der NATO glaube ich kein Wort mehr. Sie hat beweisbar
schon zu oft gelogen. Ich halte es mit dem alten Grundsatz: cui bono? Wem
nützt es? Da scheint mir viel für die jugoslawische Darstellung
zu sprechen, wonach die UÇK ihre eigenen Gefallenen nachts zusammengetragen
und das "Massaker" gestellt hat.
Die sonst in ihren Äußerungen nicht eben zimperlichen Herren
Fischer und Scharping vermeiden schon länger auffällig den Ortsnamen
Racak als offiziellen Kriegsgrund.
*
Im Fernsehen heute Bilder brennender Dörfer. Kleine Holzhäuschen,
Hütten beinahe, wie sie bei Bauern auf dem Balkan üblich sind.
Nein, nicht "die Serben" waren das, erfährt man sogar in der Tagesschau,
sondern die NATO mit ihrer Nothilfe. Später ruft mein Freund Andreas
an, erzählt, daß er bei diesem Anblick geweint habe. Gleich
nach dem Inferno zeigt man eine Gruppenaufnahme eitel lächelnder EU-Herren
in ihren Armani- und Brioni-Anzügen. Nein, sie haben beim gemeinsamen
abendlichen Champanger-Imbiß ganz sicher nicht geweint, denn - so
lassen sie erklären - die Bombardements müßten weitergehen.
Erbarmungslos, wie Clinton sagte. Mit Splitterbomben.
*
(aus Ossietzky, Schluß folgt!)
Erdacht im Gedicht
und im Alltag gehämmert,
geschaut in der Nacht,
eh der Morgen noch dämmert,
und gebaut in das strahlende Licht:
ist unser der Tag und die Arbeit,
ist unser die Macht,
ist unser der Traum und die Tat,
und das Leben, das wir gestalten,
ist unser,
und unser ist der Staat.
Wendeverlierer Natur
Im Osten gehen Tier- und Pflanzenarten dramatisch zurück
von Klaus Hart
Vierzig Jahre rücksichtsloser SED-Planwirtschaft, hieß es
nach 1989 fast einhellig, hatten der ostdeutschen Natur und Umwelt schwerste
Schäden zugefügt. Politiker wie die damalige CDU-Bundesumweltministerin
Angela Merkel betonten, die neuen Bundesländer sollten möglichst
rasch und mit großem Mitteleinsatz an das weit höhere ökologische
Niveau im Westen angepaßt werden.
Zehn Jahre nach der Wende stellt sich heraus, daß das Übertragen
bundesdeutscher Umweltpolitik auf den Osten dort Flora und Fauna keineswegs
zum Aufblühen gebracht hat. Fachleute von Landes-Umweltministerien
und Naturreservaten betonen, zahlreiche Arten zählten eindeutig zu
den Verlierern der Einheit, gingen teils dramatisch zurück. Naturschutz
sei nicht leichter sondern schwieriger geworden. Frühere Umweltaktivisten,
die sich in der DDR mit dem System anlegten, nach der Wende in Ämter,
Behörden aufrückten, dort "Berufsnaturschutz" betreiben,
sehen sich heute "kaltgstellt und frustriert, am Gängelband von Politik
und Wirtschaft". Eingebunden in den Verwaltungsapparat, können sie
längst nicht mehr das fordern, was sie sich früher vorstellten
- und realisieren schon gar nicht.
Das Ausweisen neuer Schutzgebiete, sei zunächst nur ein formaler
Akt und garantiere nicht quasi automatisch die Zunahme bedrohter Arten.
"Eigentliche Wendegewinner gibt es nicht, weder bei Tieren noch bei Pflanzen,
ebensowenig einen positiven Bestandstrend", konstatiert Dr. Frank Zimmermann,
zuständiger Referatsleiter im Brandenburger Umweltamt, "ein Erfolg
bundesdeutscher Umweltpolitik läßt sich im Artenbestand und
bei den Biotopen überhaupt nicht feststellen:" Und die Bestandsentwicklung
sei schließlich ein Zeichen für den ökologischen Zustand
einer Region.
Daß manche Arten wie Fisch- und Seeadler zunehmen, sei lediglich
eine Fortsetzung eines Trends aus der DDR-Zeit, der sich wegen Nachwende-Faktoren
teilweise sogar verlangsame. Deutlich bis extrem zurückgegangen sind
dem Biologen zufolge Greifvögel wie der einst so häufige Bussard,
aber auch Milan, Habicht und Weihe. "Ziemlich katastrophal" sieht es bei
Bodenbrütern offener Landschaften darunter Kiebitz, Rebhuhn, Bekassine,
Rotschenkel, Rohrdommel oder Uferschnepfe aus. Gleiches gilt für den
auf einem "Tiefststand" angelangten Schwarzstorch oder den für die
Milane wichtigen Feldhamster. In den Sanierungsgebieten der Städte
geht allein der Vogel- und Fledermausbestand bis zu 90% zurück. -
die neue Umweltpolitik hat es nicht verhindert.
Dennoch, so hebt Zimmermann hervor, sind Flora und Fauna des Ostens
genau wie nach der Wende weiterhin vielfältiger und gesünder
als in jeder beliebigen Region Westdeutschlands. Das hatte damals sogar
ein OECD-Gutachten bescheinigt - die industriellen Ballungszentren natürlich
ausgenommen. Schließlich brüteten beispielsweise seinerzeit
in der DDR über 2500 Storchenpaare, in der dreimal größeren
BRD aber nur 600. 1989 zog im Westen kein einziges Fischadlerpaar mehr
Nachwuchs auf, im Osten waren es über 200. Vom weit selteneren Seeadler
hielten sich zur Wende in der alten BRD weniger als 10 Brutpaare - da hatte
allein schon die Industrieregion Sachsen mehr als das Doppelte, die ganze
DDR rund 200.
Zimmermann
sieht dies vor allem als als einen Erfolg der ehrenamtlichen DDR-Naturschützer,
die über Jahrzehnte ein dichtes Betreuernetz entwickelten. "Da ist
nach der Wende eine Menge weggebrochen." Als "hundertprozentiges, absolutes
Blech" bezeichnet er die Politikersprüche von der ökologischen
Anpassung des Ostens: "Wir hatten eine gute, sehr fortschrittliche Naturschutzgesetzgebung.
Horstschutzzonen keineswegs nur für seltene Greifvögel wurden
in Mitteleuropa zuerst von der DDR eingerichtet, lange vor der BRD. In
Zusammenarbeit mit den Forstbehörden wurden damit große Erfolge
erreicht - und auch eine allgemeine Akzeptanz."
Mit der neuen Umweltpolitik nach der Wende war damit Schluß.
Das "Volkseigentum" Wald wird zunehmend privatisiert. Neue Besitzer fällen
sogar Horstbäume, trotz brütender Greifvögel. Die Wälder
werden gesetzwidrig flächendeckend mit Autos und Motorrädern
befahren, Polizei und Förster schreiten gewöhnlich nicht ein.
Tiere werden wie nie zuvor bei der Jungenaufzucht gestört oder davon
abgehalten. Die Autoritäten lassen zu, daß Umweltstraftaten
stark anwachsen, als Kavaliersdelikt gelten. "Was bekannt wird," weiß
Zimmermann, "ist oft nur die Spitze des Eisbergs, viel mehr passiert im
Dunkeln, gerade bei Greifvögeln - Ausnehmen von Gelegen, Aushorsten
von Tieren. Und auch die Landschaft wird stärker chemisiert."
In der DDR wurden Personen und Fracht umweltfreundlich größtenteils
über die Schiene transportiert - nach der Wende stellte man zur Freude
der Autokonzerne zielstrebig auf die Straße um, machte Bahnfahrendurch
extreme Preisanhebungen unattraktiv. Wertvolle Naturräume werden erstmals
durch Verkehrswege zerschnitten - die technisch größtenteils
durchaus vermeidbaren Tierverluste an Straßen sind erschreckend in
die Höhe geschnellt: "Für eine ganze Reihe von Arten ist das
gravierend, die leiden am zunehmenden Straßenverkehr nach der Wende
ganz massiv." Als Beispiel nennt er den Fischotter: "Der Zuwachs wird totgefahren."
Auch andere Gründe für den Arteneinbruch nach 1989 sind bestens
bekannt, ohne daß die Politik reagiert. Der Nutzungsdruck auf die
Landschaft, dazu der ungebremste enorme Flächenverbrauch, die Autoabgase,
die Müllberge und die Bodenversiegelung haben stark zugenommen. Die
Nachwendebilanz von Paul Sömmer, Greifvogelexperte der Naturschutzstation
Woblitz, klingt ebenfalls nicht gerade optimistisch: "Fakt ist, daß
die Großtrappe aussterben wird. Man ist dabei, fast alle Vogelarten
des Offenlandes auszurotten oder an den Rand des Abgrunds zu bringen. In
Brandenburg ist der Feldhamster so gut wie ausgestorben., in Sachsen-Anhalt
ging er nach der Wende dramatisch zurück, als Folge ebenso der Rotmilanbestand.
Eine Art nimmt immer die andere mit." Den starken Rückgang von Saatkrähe
oder Kiebitz hält er ebenfalls für ein Nachwende-Problem. "Heute
hat jeder Depp eine Waffe und ballert damit herum. Sogar Adler werden abgeschossen,
die in der DDR tabu waren."
Doch
nicht nur die Umweltpolitik änderte sich, auch das Umweltverhalten
der Bevölkerung. "Die Akzeptanz gegenüber Mitgeschöpfen",
so Sömmer, "hat sich seit 1989 nur verschlechtert, die Intoleranz
wird immer größer." Von denen, die in Woblitz wegen dem Storch
anrufen, sehen fast die Hälfte nur Probleme: "Der klappert zu laut,
kackt auf den Opel - das wurde früher einfach respektiert, spielte
keine RolleDa gab es nicht diesen absurden Ordnungsfimmel, den Beschneidungswahn.
Die Leute stören sich heute an Schwalbennestern, die werden einfach
runtergeschmissen."
Jene oft erschreckend sterilen, aseptischen Dörfer der Alt-BRD
- jetzt gibt's die auch im Osten. Vor dem sanierten Gebäude muß
auch der Garten so aussehen wie in der knallbunten Propaganda des Baumarkts
im Stil Zentralfriedhof - so daß Wildkräuter ebenso verschwinden
wie undiszipliniert wachsendes Gesträuch, wo sich früher Nachtigallen
und Igel tummelten. Auch die flächendeckende visuelle Umweltverschmutzung
durch Firmenpropaganda wird in ostdeutschen Straßen und Landschaften
inzwischen hingenommen.
Sömmers Kollege Torsten Langgemach, Leiter der Vogelwarte Buckow,
zählt Bodenbrüter zu den Verlierern der Einheit. Absurde Fehlurteile
werden permanent propagiert - mit fatalen Folgen. Obwohl Greifvögel
deutlich zurückgehen, wird das Gegenteil behauptet. Man fordert inzwischen
sogar bundesweit, sie zu bekämpfen, tut es bereits illegal, auch im
Osten. Der Baumfalke brütet nur in Krähennestern - da die schwarzen
Gesellen in der Landschaft stark abnehmen, fehlen ihm neuerdings Horste.
In verschiedenen neuen Bundesländern, darunter Thüringen, werden
dennoch Krähen zum Abschuß freigegeben. "Jetzt ziehen wieder
große Schwärme durchs Land und die Leute sagen, Vögel gibt's
doch noch und nöcher", so Langgemach ironisch. Doch kaum einer sehe,
daß es sich, wie etwa beim Kiebitz, weniger um heimische Brutvögel,
sondern gen Westen ziehende Scharen anderer Länder handele.
Auch in der Vogelwarte wird eine fatale Naturentfremdung als Wendefolge
festgestellt, gerade auch bei Jugendlichen: "Wir hatten in der Naturschutzstation
viele Oberstufenklassen, die noch nie einen Weißstorch gesehen haben
und angesichts unserer Pfleglinge aus allen Wolken fielen. 'Was isn das!
Das ist ja noch ein Storch!' Die denken, das wäre was Archaisches,
obwohl doch überall auf dem Land welche sind." Das neue Schulsystem
versagt offensichtlich grauenhaft. Außerdem wurden die Arbeitsgemeinschaften
"Junge Naturschützer" der DDR-Zeit abgeschafft. Doch diese hatten
früher überall an den Schulen laufend junge Leute an das Naturschutzthema
herangeführt. "Schüler-AGs", erinnert sich Frank Zimmermann,
"haben sich in der DDR ganz stark auch um Amphibiengewässer gekümmert,
Zäune gebaut, Frösche und Kröten über die Straßen
getragen." Ihr Fehlen spürt man überall. "Wir kriegen heute keinen
Nachwuchs mehr", sagt der Westberliner Biologe Wolfgang Mädlow, NABU-Geschäftsführer
in Brandenburg. Seinem NABU-Kollegen in McPomm, dem Niedersachsen Gundolf
Renze fiel auf, daß es im Unterschied zu früher kaum noch Möglichkeiten
gebe, gegen Naturfrevler, Umwelttäter wirklich vorzugehen. "Wegen
der Schreiadler und anderer seltener Arten hatte man sich sozusagen auf
dem kurzen Dienstweg mit den zuständigen Förstern einigen können
- heute kämpfen die Naturschützer mit den Privateigentümern
der Waldflächen, doch die Störungen nehmen zu." Das Tafelsilber
der deutschen Einheit kriegt immer mehr Rostflecken.
Noch besser vergleichen kann Dr. Horst Zimmermann, einst Naturschutzbeauftragter
des Bezirkes Schwerin, heute Referatsleiter Naturschutz im Umweltministerium
- auch er bestätigt den teils drastischen Artenrückgang: "Alles
ist viel, viel schwieriger geworden. In der DDR gab es weniger Verfehlungen
und man paßte auf, der praktische Naturschutz war besser und einfacher
und funktionierte gut."
Fragt man im Osten nach der Rolle der Grünen im Naturschutz, bekommt
man gewöhnlich ein ironisches oder bitteres Lachen zu hören.
"Die sind doch gar nicht kompetent, interessieren sich überhaupt nicht
für die Natur, das Verschwinden von Tieren und Pflanzen", heißt
es dann. So ist man sehr gespannt, mit welchen Projekten Umweltminister
Trittin die Nachwende-Erblast des Artenrückgangs beseitigen will.
(Mit freundlicher Genehmigung! Aus "tarantel Nr. 10", Rundbrief der
Ökologischen Plattform der PDS, zu beziehen für Porto und 1 Mark:
Ökologische Plattform, Kleine Alexanderstr. 28, 10178 Berlin.)
Aber es war ja nicht alles gut in der DDR, z.B. der Garten meiner Kindheit
in Bergholz, welchen meine Eltern unter ihren Händen hatten, was gab
es da nicht alles an Kraut und Rüben! Wein an der Hauswand, den man
essen konnte, einen Pfirsichbaum, Süßkirschen, Brombeeren, Spargel,
Pfingstrosen, Stachelbeeren, eben Kräuter und Mohrrüben usw.,
eine vom Strauchwerk versteckte, geheimnisvolle Ecke mit einer alten Holzbank.
einen kleinen Sandkasten fürs verhärmte Spiel, das ganze umgeben
von dichter grüner Hecke, Vogelnester entdeckte ich alle naselang
- und grau in grau, zwei uralte, kugelrunde Birnbäume. Am schlimmsten
waren aber die Himbeeren. Den Giersch dazwischen rausbuddeln helfen...
Das allein macht sie zu einer Opferakte, meine Stasiakte.
Zum Glück kam die Wende. Und ich konnte voriges Jahr bei einem
Besuch von Bergholz sehen, was die Befreiung der Menschen so alles freisetzte.
(Übrigens war neben dem Garten ein Heldenmal für die gefallenen
Ehren des Ersten, mal eben so am Rande des Verfalls. Eichen daneben.) Nun
dürft Ihr alle einmal raten, wie es dort jetzt aussieht! Richtig!
(Angekommen? Angekommen.)
Der Garten ist plattgemacht, versiegelter - na? - Parkplatz drauf,
alles andere weg, nur die beiden Birnbäume unerklärlicherweise
nicht, faules Pack. Das Henkersmal nebenan natürlich restauriert,
die Eichen ausgelichet (welch perverses Wort: entlichtet). Naja, mir fällt
spontan wieder nur "Verbrecher" ein.
Roland
Momentaufnahmen.
Szenenbilder, die Alkernative zur Mülltonne oder gar Mr. Sero ist
immer noch die Pfütze am Wegrand, doch egal, wo es auf der Erde landet,
wie Spots und Blitzlicht auch Hinterdenkulissen erhellen, zumindest den
Akteuren, oder etwa nicht? Geht in Ordnung, der masakrierte Kippenfuzzi
oder die zahnbegrünte Tussi auf 'ner Sterbefläche "Test the pest"
- allemal fürs Gehirn. An solchem (Ab)Ort tut auch 'ne Spraydose nix
zur Versauung des Stattbilds im Gegensatz zum Untergrund (Wie hieß
denn nur die Stadt, in der ich neulich war? Hannover? Hertie? Westberlin?
Asbach? Sehen doch eh alle gleich aus. Achja, ich glaube Karstadt.) z.B.
auch "Wir steh'n auf Berlin" - bis uns die Luft oder der letzte industrieunabhängige
Gedanke wegbleibt. Egal, kommt ja aufs selbe raus. Schwarz - die Himmel
unsrer Zukunft.
Wie haben sie dich, Baum verschnitten,
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts als Trotz und Wille in dir war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brech ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ans Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.
Hermann Hesse
Nun gut, ich sage tschüß und auf Wiedersehen. Dieser LOver
ist vorrangig des Nachts entstanden... Ich bitte um Nachsicht.
Der 27. LOver erscheint etwa 18.7.
Redaktionsschluß 10.7.
Ro Li B., Star lag mit 19,
17121 ZarNektar
039998/10487
Viele Male hab ich nach dir gerufen: unerhört oft.
Nina
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