OVER
Nr. 27
Trotz
des Turbo-Lenz im Fingstvorfeld erst mit Regina, dann v.a. mit Dirk und
der vielen Ideen, die aufs nächste Mal warten müssen, ging ich
genügend entspannt in unser Fest (wäre ohne Achims Hilfe am Donnerstag
allerdings ein Unding...). Dann bahnte sich am Samstag Nathalies Nierenbeckenentzündung
an und wir waren gleichsam ein paar Schritte weg von allem. Schade, daß
wir folgend so wenig mit euch, mit Live lapsus zu tun haben konnten. Was
einem an die Nieren geht?




zuerst
einmal vielen Dank für den LOVER 26. Zum Artikel "Wendeverlierer Natur"
möchte ich kritisch anmerken, daß mir dieser Bericht zu einseitig
ist. Das kann nur jemand geschrieben haben, der im ökologisch "verwöhnten"
Norden der DDR aufgewachsen ist. Dort war die Natur sicher infolge der
dünnen Besiedelung verhältnismäßig gut intakt. Das
lag aber sicher nicht am hohen Umweltbewußtsein der DDR-Bürger
oder des SED-Regimes. In meiner Heimatstadt Halle und in der näheren
Umgebung sah es anders aus: Im Winter stank es ständig nach Kohlendreck,
auf der Saale schwamm stinkender weißer Schaum (letztes Jahr war
ich in der Saale baden!), im Saalkreis gab es überall wilde Mülldeponien.
In der Naturfriedenszone grabe ich regelmäßig solche "Schätze"
wie alte Batterien, Plastikabfälle, Ziegelsteine und Schnapsflaschen
aus, die unser Vorgänger zu DDR-Zeiten dort vergraben hatte. Braunkohle-Mondlandschaften,
Kalihalden und radioaktiver Abfall der Wismut verzierten den Süden
der DDR. Daß 11 Jahre nach der Wende im Raum Halle-Leipzig eine der
größten Seenlandschaft Deutschlands entsteht (aus sanierten
Braunkohlegruben), verdanken wir nicht der "vorbildlichen Umweltpolitik"
der DDR. Die Nationalparks der DDR wurden erst nach der Wende von der Regierung
unter Lothar de Mezier eingerichtet. Zu DDR-Zeiten wurden Umweltschützer
von der Staatssicherheit bedroht (habe ich selbst miterlebt in Halle).
Ein alternatives Projekt wie die Naturfriedenszone oder Zarnekla hätte
die Staatssicherheit der DDR nie geduldet! Ich finde es zu einseitig, die
DDR-Vergangenheit so zu verklären. Dazu hatten ich persönlich
und Freunde und Bekannte von mir einfach zu viel zu leiden unter diesem
Regime. Daß es in Mecklenburg und Brandenburg und in den Grenzgebieten
aus ökologischer Sicht teilweise besser als im Westen aussah, lag
vor allem an der Abschottung der DDR nach außen und am fehlenden
Geld - nicht an einer vorbildlichen Umweltpolitik. Das Wort "Umweltschutz"
war ein Tabu-Thema. Die Umweltdaten wurden streng geheim gehalten.
Hallo
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Stiefel und sowas! Roland
wir gingen durch das loch das immer in uns war
da schien etwas licht
immerhin war es da
wir folgten dessen LINIEN
noch suchten wir das glück
die uhr schlug einmal klack
wir konnten nie mehr zurück
nackend durchmaß ich die wüsten deiner sucht
nackend durchquertest du spuren meiner flucht
IN EHRFURCHT GEWASCHEN AUS LIEBE ENTLEIBT
einmal im kreis doch niemehr zurück
turi i veitja i veitija i
so an fauri an fauritia
der adler war kein adler der fisch war kein fisch
das denken war bloß denken und ein glas tanzt auf dem tisch
vorsicht die träume gefährlich wie glück
einmal im kreis doch nie mehr zurück
turi i veitja i veitija i
so an fauri an fauritia
wir sprangen über schatten die ein niemand warf
wir spürten diese LÜCKE - die noch in allem war
zwei züge fahren ab exakt zur selben stund
von alpha nach alpha vergangen zwölf jahr
turi i veitja i veitija i
so an fauri an fauritia
die kerze brennt zweiseitig zu wenig viel zu viel
im glanz der welt ZWÖLFSAITIG
schaudernd schön ihr spiel
im ende lag das wesen im anfang lag das glück
einst schlägt die uhr nur klack
und erst dann sind wir zurück
turi i veitja i veitija i
so an fauri an fauritia
IN PERPETUUM PERPETUUM ZONA
IN PERPETUUM PERPETUUM ZONA
IN PERPETUUM PERPETUUM ZONA
FÜR IMMER
F Ü R I M M E R
turi veitja fauri tija
(aus "Stachelhaut", Sandow 1999)
Lauf - der Wind gibt dir Flügel.
Geh - die Bäume geben dir Schutz.
Sprich - die Vögel leihen dir ihr Ohr.
Sing - deine Stimme gibt dir Trost.
Simone Ortiz
empfängt
uns, als wir Ostern und Pfingsten ZartNektar näher kommen. Ostern
kam ich kaum dazu, unser Fest vorzubereiten. Die Stunden waren wie vergnügt
verrückt. Pfingsten rückte ich halt einen Tag eher an, um etwas
von der Last, die die Gastgeber mit den vielen Vorbereitungen zu tragen
haben, zu übernehmen. Und um dieses Fest langsam entstehen zu sehen,
nicht nur hineinzuplautzen. So war das Aufbauen der Anlage fast ein Vergnügen.
Leider trafen die Gäste zumeist ziemlich spät ein. Aber es hat
sich wohl schon 'rumgesprochen, daß der eine oder die andere etwas
verpaßt haben könnte. (Jedem steht frei, um Wiederholung zu
bitten.) Besonders experimentierfreudig diesmal die Blütenträume
mit Multi-Prisma-Raum-Projektion, die FATA MORGANA mit Dia-Luftspiegelungen
auf Folie und f#a#oo mit Regenbogenbrillen und Milans köstlichen Kommentaren
zum Electric! - Bildschirmschoner. Wer sich darunter nichts vorstellen
kann, war dann wohl nicht dabei. Pech. Zu meinen Hochlichtern zählt
zuvörderst das von Bea mitgebrachte Hörstück. Kurz, professionell
aufgenommen und genau auf den Punkt produziert und bebildert. Besonders
LIVE: die Sozialfarce erster Güte 'Monikas
Großer Aufstieg', Ninas getanzter und Imres getrommelter KlangKörper,
die theatralische Jugendweihefeier 'Karl-Heinz
wird 14' und der Auftritt von Hansi und Roland als Hans-Kapelle mit
internationalistischem Liedgut. Anderes war mir zu schön (DCD) oder
zu wenig nachvollziehbar (Strömung). Aber ich bin froh, daß
es auch dieses gegeben hat. Großes Dankeschön an die Gastgeber
Nathalie und Roland, die LAPSUS LIVE zum wiederholten Male weiten Raum
und viel Zeit einräumten. Und natürlich an alle, die dabei waren
und mithalfen, LAPSUS LIVE gut ins zwanzigste Jahr zu bringen.
Achim
3. Teil, Fortsetzung und Schluß (Teil 1 in LOver 25, Teil 2 in LOver 26)
Mir fällt auf, daß auf der Autobahn entgegen unseren Erwartungen kaum ein Fahrzeug mit Friedensaufklebern am Heck zu sehen ist. Ich rufe eine Druckerei in Kassel an, wo wir heute übernachten werden, und bitte, mir doch freundlicherweise bis morgen 2000 Aufkleber herzustellen mit dem einfachen Text: "Stoppt den Krieg! Sofort!!" Ich will sie in den Vorstellungen verteilen. Als ich die Dinger mittags abhole, frage ich nach der Rechnung. "Nein", sagt der Drucker, "solche Sachen mache ich so." Und: "1000 Stück habe ich für mich selbst mitgemacht. Das durfte ich doch?" So etwas gibt es auch.
Und
für "die Bevölkerung". Sie hat "Serben aus einem PKW gezogen"
- es sei ein "albanisches Auto" gewesen, in dem sich auch "albanische Sachen"
befunden hätten. Allein gestern haben über 10.000 serbische Flüchtlinge
die Grenze nach Montenegro überschritten - "mit Sack und Pack", wie
der Sprecher nicht ohne Häme anmerkt. Sachkundig wird erläutert,
daß "die Serben" vor ihrer Abreise albanische Wohnungen "plündern".
Sie nähmen alles mit. Das Schweizer Fernsehen zeigt dagegen, wie eine
serbische Familie in ihrer - wohl untypisch - eigenen Wohnung packt. Bei
der deutschen ARD freilich liest es sich so, daß die im Kosovo doch
überaus privilegierten Serben offensichtlich keinen eigenen Besitz
haben, der des Mitnehmens wert wäre, und sich daher am Eigentum der
albanischen Nachbarn vergreifen, um dann mangels eines eigenen eben im
kurzerhand gestohlenen "albanischen Auto" zu verduften. Vielleicht ist
es aber auch nur so, daß "die Serben" grundsätzlich lieber klauen
und plündern, als eigenes Hab und Gut mit auf die Reise zu nehmen.
Bei Albanern, die sich mit fremden Möbeln versorgen, ist es laut ARD
anders: "Die Armut hat zusätzliche Spuren im Rechtsbewußtsein
hinterlassen." Bedauerlich - aber verständlich eben.
Als Frau Nichtig am nächsten Morgen allmählich zu sich kam,
erwachten mit ihr der Reihe nach folgende Gefühle: Verwirrtheit, Übelkeit,
Peinlichkeit und Reue, wobei sie die Übelkeit am heftigsten plagte.
Frau Nichtig schob ihren Kopf vorsichtig unter der Bettdecke hervor und
öffnete zögernd die Augen.
Scheußlich, dieses grelle Licht! Ein widerlicher Geruchsmischmasch
aus Zigarettendunst, Alkohol und anderen, nur allzu menschlichen Ausdünstungen,
über dem ein leicht süßlicher Hauch von Erbrochenem schwebte,
beleidigte ihre empfindliche Nase. Großer Gott, war ihr übel!
Nach und nach erinnerte sie sich an die Ausschweifungen des vergangenen
Abends. In ihrem ganzen Leben war sie noch nie so betrunken gewesen. Sie
wußte nicht einmal, wie sie in Brigittes Bett gekommen war, geschweige
denn, warum sie nurmehr die rosa Unterwäsche trug. Hoffentlich waren
die anderen Frauen schon weg - nie wieder würde sie sich in Zimmer
13 des Obdachlosenheims (Diese Unglückszahl! Warum war ihr das gestern
nicht aufgefallen ?!) blicken lassen können. Sie spähte verstohlen
zum Bettgestell in der Mitte des Zimmers hinüber. Gott sei Dank, es
war leer.
"Na, du alte Schnapsdrossel, auch schon wach? Von wegen: 'ein Gläschen
Wein in nette Atmosphäre'. Hast ja'n ganz schönen Zug am Leib,
aber vertragen kannste nich für'n Sechser!" dröhnte in diesem
Moment die Stimme dieses Mannsweibes Hertha an Frau Nichtigs Ohr, so daß
ihr fast der Schädel platzte. Ach, diese Schande! Wie gern hätte
sich Frau Nichtig gleich wieder unter der Bettdecke verkrochen, aber ihre
Übelkeit hatte sich so gesteigert, daß Schamgefühle hinter
den Kampf um's nackte Dasein zurücktreten mußten.
"Könnten wir nicht das Fenster aufmachen? Die Luft ist so stickig",
ließ sie ein gequältes Stöhnen vernehmen. "Tu dir keinen
Zwang an."
Nur mit allergrößter Anstrengung gelang es Frau Nichtig,
sich aus dem Bett zu hieven und das sperrige Fenster wenigstens einen Spalt
breit zu öffnen. Mitten im Genuß der hereinströmenden,
wohltuenden Sauerstoffdusche wurde sie sich ihrer höchst unkonventionellen
Anzugsordnung bewußt. Sie befanden sich immerhin im Erdgeschoß
und vor dem Fenster hing nicht das kleinste Zipfelchen einer Gardine. Alle
Welt konnte sie sehen! Frau Nichtig zog sich erschrocken in die schützende
Dämmerung des Zimmers zurück. Panikartig suchte sie nach ihren
Sachen. Doch die waren nirgends zu finden, selbst die guten Salamanderschuhe
waren weg.
"Ick hab' Brigitte gleich jesagt, sie soll deine Klamotten nich auf'n
Stuhl hängen. Die da", Hertha deutete auf das mittlere Bett, "hat
bestimmt gleich die Gelegenheit beim Schopfe jepackt. Die sehn wa nich
wieda - da wett' ick druff! Aber anzieh'n hättste dat besudelte Zeug
eh nicht können, so wie du gestern jereihert hast!"
Vor Scham wäre Frau Nichtig am liebsten im Erdboden versunken.
Das Mannsweib lachte laut auf, was wie das Scheppern von Metallschüsseln
klang. Es schepperte immer noch, als Brigitte das Zimmer betrat und von
Frau Nichtigs Mißgeschick erfuhr.
"Mach' dir nichts draus, Hiltrud, früher oder später hätten
sie dir die guten Sachen sowieso geklaut! Ich hol' dir was Nettes aus der
Kleiderkammer." Bald darauf kam Brigitte mit einer braunen, an den Knien
mächtig ausgebeulten Jogginghose, einem grauen, verwaschenen Pulli
und einer schmutziggelben Strickjacke, die auch schon bessere Tage gesehen
hatte, zurück.
"Schuhe gab's leider keine anderen mehr", meinte Brigitte entschuldigend
und hielt Frau Nichtig ein Paar schäbige Holzpantoletten hin. "Danke
... für alles", murmelte Frau Nichtig kleinlaut und bedeckte ihre
Blöße.
Die Jogginghose saß etwas knapp im Gesäß, dafür
hätte die Stickjacke gut und gern der fetten Frau Schneider gepaßt.
Wenn sie nun jemand Bekanntes in diesem lächerlichen Aufzug sah! Aber
sie mußte unbedingt zu Horst - schon, um sich angemessene Kleidung
zu verschaffen. Und irgendwie mußte er sie auch finanziell für
all' die Pein entschädigen. Mein Gott, wie spät mochte es jetzt
sein? Gott sei Dank hatte sich diese gemeine Diebin nicht auch noch ihrer
schicken Armbanduhr bemächtigt, obwohl Frau Nichtig es in ihrem grauenhaften
Zustand sicher gar nicht bemerkt hätte. Es war schon weit nach 10
Uhr - die 16,10 DM vom Sozialamt konnte sie also getrost vergessen. Aber
jetzt ging es um andere Beträge. Sollte Horst sie ruhig in diesem
erbarmungswürdigen Outfit sehen, vielleicht konnte das ja endlich
seine Schlappschwanzmentalität auf Trab bringen. Frau Nichtig steigerte
sich immer mehr in eine angriffslustige Stimmung hinein und verließ
hocherhobenen Hauptes das Obdachlosenheim, was wegen der etwas zu kleinen
Pantoletten allergrößte Anstrengungen erforderte.
Als sie an der Pförtnerloge vorbeiparadierte, wurde ihr plötzlich
eine Eingebung zuteil. Sie kehrte schnurstracks um und schleuderte dem
vor Schreck zusammenzuckenden Pförtner ihre neugewonnene Erkenntnis
ins Gesicht: "Er heißt Tinki-Winky!" Frau Nichtig war längst
draußen, als dieser verdattert den Kopf schüttelte und murmelte:
"Was sind das bloß für verrückte Weibsbilder! Kein Wunder,
daß man die aus ihren Wohnungen rausschmeißt!" In der Pförtnerloge
hatte inzwischen ein Schichtwechsel stattgefunden...
Frau Nichtig näherte sich indessen wildentschlossen ihrer ehemaligen
Wohnstätte. Als sie im Vorübergehen in der Frontscheibe eines
kleinen Bäckerladens ihres eigenen Spiegelbildes gewahr wurde und
sich vergebens nach der heruntergekommenen Person umschaute, die es wagte,
sich in ihrer Nähe aufzuhalten, mußte Frau Nichtig gleich darauf
heftig schlucken, um den Entsetzensschrei zu ersticken, der sich ihrer
Kehle entringen wollte. Doch Frau Nichtig war inzwischen von den vielen
Schicksalsschlägen gestählt und ließ sich auf ihrem gerechten
Pfad nicht mehr aufhalten. Es ging hier schließlich nicht nur um
sie - Frau Nichtig fühlte sich nunmehr als die stellvertretende Rächerin
aller Erniedrigten und Beleidigten dieser Welt.
(aufgeschrieben von Regina, Fortsetzung folgt!)
"Love is free!" Dieser aus den 60er Jahren stammende Ausspruch kulminierte
1970 in Deutschland zum sogenannten "Nichtehelichengesetz". Auch musikalisch
blieben die 60er Jahre stilprägend, wenn auch 1970 Musikgruppenauflösungen
beziehungsweise Anhäufungen von Todesfällen auf der Tagesordnung
standen (siehe auch Teil 3): The Beatles (10. April), Them (bereits ohne
Van Morrison), Peter Green trennte sich von Fleetwood Mac, The Monkees,
Jefferson Airplane erlebten in diesem Jahr den Anfang vom Ende, Lou Reed
verließ Velvet Underground (1971 folgte dann das endgültige
Aus der Gruppe). 1971 erfolgte die Scheidung von Simon & Garfunkel
und 1972 verabschiedeten sich Quicksilver Messenger Service.
Die
Überlebenden wiederum feierten ihre (toten) Helden aus den 60ern in
reminiszenter Weise. Die große Party begann, glamourös und glitzernd.
Sie alle, das Publikum eingeschlossen, stampften mit, pomadisierten den
Scheitel und die Hemdkrägen wuchsen und wuchsen. Hippies wurden ins
Berufsleben integriert. Androgynität war in: David Bowie, Bryan Ferry,
Steve Harley.
Der Synthesizer hielt Einzug und somit die deutsche Formation Kraftwerk
als Antithese zur Gitarre. Rock-Musik verirrte sich in die Überladenheit
des Bombast. Yes, ELP, Queen, Genesis und später Meat Loaf/Jim Steinman
als abschreckendste Beispiele dafür. Irgend etwas hatten sie alle
zu verbergen, und sei es nur Angst, mit der elementaren Wucht der 60er
Jahre nicht mithalten zu können. Wehmütige Rückblicke oder
einfach Tribute -- schwer, hier differenzieren zu können.
Vielleicht mangelte es auch "nur" an neuer (bzw. beständiger)
Kreativität. Was weiß ein Fremder, 1966 geboren, dessen erste
Radio-Erinnerung "Rudi Ratlos" (Udo Lindenberg) war, das er liebte sowie
"Wigwam" (Bob Dylan), das er derart schlecht fand, dass er entweder das
Radio abschaltete oder einen anderen Sender suchte. Ach ja, da gab's (zumindest)
noch einen Song: "A Hard Rain's A-Gonna Fall" von Bryan Ferry. Diesen Song
liebte er auch, den Text verstand er zwar nicht, dafür aber das Lachen
und den Rhythmus. Erst später, viel später, wurde ihm klar, dass
sowohl "Hard Rain" als auch "Wigwam" von Bob Dylan und die rhythmische
Lach-Version nicht das Original war. Da haben wir es. Was muss sich da
erst ein Nirvana-Fan denken, wenn er erfährt, daß "Where Did
You Sleep Last Night?" eine zwar ur-coole, aber dennoch ur-alte Leadbelly-Nummer
ist?
Aber keine Vorgriffe bitte! Wir befinden uns in den schrillen 70er
Jahren, in denen wir einige neue Musikströmungen kennen lernen sollten.
Die waren in den Charts artig und brav konkurrierend in Geld zählender
Harmonie nebeneinander vertreten:
Baccaras "Yes Sir, I Can Boogie!" genauso wie Nina Hagens Textzeile
"Ich bin nicht deine Fick-Maschine!" oder Disco wie Punk. Keine Untergriffe
bitte! Wir befinden uns in den schrillen 70er Jahren, in denen Akustik-Gitarren
plötzlich vehement abgelehnt wurden -- oder doch nicht?
David Sandison (Island Records): "Ich sah Nick [Drake] in unserer Empfangshalle
herumstehen und fragte ihn, ob er nicht in mein Büro kommen wollte.
Da saß er also in meinem Büro, ein Master-Tape fest unterm Arm
geklammert, sagte kein Wort, trank Tee, und dann, nach einer halben Stunde
etwa, meinte er: 'I'd better be going...', das Master-Tape immer noch fest
unterm Arm geklammert. Eine Stunde später rief mich die Empfangsdame
an und sagte: 'Nick's left the tapes behind!' So ging ich runter und da
war diese große Schachtel mit dem 16-Spur Masterband und darauf stand:
'Nick Drake: Pink Moon'." Diese Anekdote ist bezeichnend für das dritte
und leider letzte Album zu Nick Drakes Lebzeiten, aber auch bezeichnend
für seine letzten, schweigsamen Lebensjahre. Eingespielt wurde das
Album in nur zwei Nächten. Die Ingredienzien: Nicks Stimme, seine
Akustik-Gitarre sowie (nur beim Titelsong) ein paar eingestreute Piano-Klänge.
Elf Songs bei einer Gesamtspieldauer von knappen 27 Minuten sind es schließlich
geworden. Eine Tour-de-Force durch all sein Leiden. Intime, fragile Songs
zwischen Schüchternheit, existentieller Ratlosigkeit und der Vorahnung
nicht mehr lange zu leben; oder: bedrohliche, dunkle Songs, die letzte
Hoffnung versagend -- selbst die Schlussnummer "From The Morning", in der
er einen wunderschönen neuen Tag anbrechen läßt, verheißt
nichts Optimistisches. "From The Morning" ist bloß Verdrängungstaktik,
denn jeder Tag endet damit, dass ihm erneut die Dunkelheit auf den Kopf
fällt. Zudem diese unsägliche Sprachlosigkeit, von der er nicht
mehr wegkommt. Und so schiebt er sich ein Antidepressivum nach dem anderen
rein. Am 24. November 1974 schließlich ging Nick Drake früh
zu Bett und kam nie wieder zurück.
In jenen Tagen standen ein paar Musiker in einem Studio in Nashville
und spielten ein Album ein, das zurecht Musikgeschichte schrieb. So manche
Textzeilen führen scheinbar geradewegs salutierend zu Nick Drake,
der allerdings mit Sicherheit nicht gemeint war: "I been double-crossed
now for the very last time and/ now I'm finally free/ I kissed goodbye
the howling beast on the borderline/ which separated you from me..." Es
entlud sich der Zorn von Bob Dylan, dessen Verlust auf den Namen Sara [Lowndes]
hörte und Dylan trug die zerbrochene Ehe öffentlich vor. "Blood
On The Tracks" erschien am 20. Januar 1975. Verlorene Liebe, Schmerz und
bittere Tränen. Die Öffentlichkeit jubelte. Da war er wieder,
so wie "sie" (also wir) ihn haben wollten, noch dazu besser denn je! Zusätzlich
eröffnete er mit seiner Rolling Thunder Revue neue Aspekte in Sachen
Live-Musik.
Weitere Tragödien: Phil Ochs erstickte im Suff und bei Sandy Denny
weiß man nicht so genau, "did she jump or was she pushed".
Marc Bolan, Keith Moon, Lowell George und -- ach! -- Gram Parsons ist
auch so einer, der viel zu früh das Zeitliche segnete.
1970 schaffte dafür Neil Young bezeichnenderweise mit "After The
Goldrush" endgültig den kommerziellen Durchbruch. Van Morrison untermauerte
seinen Ruf als ungewöhnlich vielfältiger Musiker und lieferte
mit "Moondance" einen weiteren Meilenstein der Musikgeschichte ab. Ray
Davies (The Kinks) forderte "Lola" zu einem Tänzchen auf und Syd Barrett
vertonte seine Abgehobenheit, aber das interessierte die Öffentlichkeit
kaum, denn es gab ja Pink Floyd. In den U.S.A. begaben sich die David Bromberg
Band, Jerry Garcia & David Grisman sowie Ry Cooder auf die große
Schatzsuche. Deren Gitarrenspiel blieb lange Zeit einzigartig, ähnlich
den Texten Randy Newmans, die vor poetischem Sarkasmus nur so strotzten.
J.J. Cale benutzte als einer der ersten einen Drum-Computer -- Personalkosten
sind eben doch teuer -- seine Laid-Back-Kunst aber wird wohl immer unerreicht
bleiben.
Und Frauen? Kate & Anna McGarrigle hinterfragten ebenfalls den
Mythos Americana in Form sehr familiär-persönlicher Texte.
Ihr Output ist leider sehr bescheiden, die Qualität der Songs
dafür umso besser. 1973 debütierte Joan Armatrading (gemeinsam
mit Pam Nestor) und schuf seither wunderbare Love-Songs. Ihre Mixtur aus
Folk, Blues und Reggae resultierte in reifen wie auch ergreifenden Tondokumenten.
Kein Kitsch, kein Pathos, keine Oberflächlichkeiten, sondern Gefühle
pur. Joni Mitchell brachte 1974 Jazz in ihre Folk-stämmigen Kompositionen
und hatte hörbar Spaß dabei; ein Jahr später integrierte
sie -- also noch vor den Talking Heads -- burundische Trommeln in ihre
komplexen Songstrukturen. Ein Stück World-Music, bevor "World-Music"
zum Idiom wurde.
Kaum zu glauben, wir befinden uns immer noch in den schrillen 70er
Jahren, in denen The Beatles sich mal Wings, mal E.L.O. nannten und leider
eher aufgewärmt als taufrisch klangen.
Frisches hingegen entstand wieder einmal in Amerika: Punk! Am Anfang
war das Wort: Ein Comic mit heute vermutlich unbezahlbarem Sammlerwert
war das auslösende Moment einer musikalischen Runderneuerung, die
schließlich -- wieder einmal -- in GB die ersten kommerziellen Früchte
trug und irgendwann in einer Sackgasse landete. Punk hieß Ablehnung,
Punk war -- zu Beginn jedenfalls -- keineswegs politisch wie Folk-Music,
sondern sehr persönlich, z.B. wenn Wayne County über "Scheiße"
sang und "Scheiße" (in Form von Hundefutter) während der Live-Performance
aß.
Noch eine Frau fehlt, richtig: Patti Smith. Sie bekommt einen Ehrenplatz,
denn niemand formulierte den Sound der 70er Jahre in derart gelungener
Weise wie die Patti Smith Group.
Zu guter Letzt: "The Clash" bereiteten sich auf ihr Masterpiece vor
und Ende der 70er Jahre begann die große Suche nach Gott -- böse
Zungen behaupten, weil Elvis Presley endgültig den Löffel abgab...
aber davon mehr in Teil 5...
Ein
Staubwind fegt die Straßen leer und ich weiß, daß ich
frier'.
Du hast mich niemals fortgeschickt und trotzdem bin ich hier.
Da, wo die eine Sonne scheint, fehlt mir die and're so.
Ich stehe hier die lange Nacht im Süden irgendwo
- im Süden irgendwo.
Doch nie vergess' ich, wie es war - all die Jahre.
Nie vergess' ich, wie es war.
Liebe ist für mich nie wieder ein Zufall.
Nie vergess' ich wie es war.
Mein trauriges Gepäck steht neben mir am Straßenrand.
Ich denke an die Liebe, die ich immer bei dir fand.
Einsam ließ ich dich zurück, doch einsam bin ich hier.
Es fällt kein Stern vom Himmel und kein Wunsch führt dich
zu mir.
Kein Wunsch führt dich zu mir.
Doch nie vergess' ich, wie es war - all die Jahre.
Nie vergess' ich, wie es war.
Liebe ist für mich nie wieder ein Zufall.
Nie vergess' ich wie es war.
Doch nie vergess' ich, wie es war - all die Jahre.
Nie vergess' ich, wie es war.
Liebe ist für mich
nie wieder ein Zufall.
Nie vergess' ich wie es war.
Teil 2
Dirk (Teil 1 in Lover 26)
Ich werde nun im folgenden aus N. Berdjajews Buch: Die menschliche
Persönlichkeit und die überpersönlichen Werte, Bermann-Fischer
Verlag Wien, 1938, sehr umfangreich zitieren. Die darin enthaltenen Gedanken
sind für meine weitere Argumentation maßgebend.
"Für die Existentialphilosophie, die das Rätsel des Seins
nicht im Objekt, sondern im Subjekt erblickt, kehrt sich das Verhältnis
um: nicht die Persönlichkeit ist ein Teil der Gesellschaft, sondern
die Gesellschaft ist ein Teil der Persönlichkeit, ist lediglich ihre
soziale Seite. Die Persönlichkeit ist auch nicht ein Teil der Welt,
sondern die Welt ist ein Teil der Persönlichkeit, ist ihre kosmische
Seite. Darum liegt in der Persönlichkeit, nicht in der Gesellschaft,
im Subjekt, nicht im Objekt das existentielle Zentrum. Und die Schwäche
der Persönlichkeit, an der Macht der Gesellschaft und des Kosmos gemessen,
bedeutet darum noch lange nicht ihren geringeren Wert. In dieser Welt kann
das Wertvollere leicht als das Schwächere erscheinen. Der Sohn Gottes,
der von den Mächten der Welt gekreuzigt wird, mag, gemessen an der
Kraft derer, die ihn ans Kreuz schlagen, als ohnmächtig erscheinen.
So auch erscheint Sokrates machtlos und schwach neben denen, die ihn den
Giftbecher zu trinken zwingen. Die Propheten werden gesteinigt, und die
Steine sind, nach dem Gesetz dieser Welt, mächtiger als sie. Daß
Recht und Gerechtigkeit von den Mächten dieser Welt gekreuzigt werden,
zeugt davon, daß ihre Macht anderer Art ist. Daher beweist die Schwäche
der Persönlichkeit gegenüber der Welt, ihr Unterdrücktsein,
noch lange nicht, daß sie ein geringfügiger Teil der Gesellschaft
ist und nicht den höchsten aller Werte darstellt."
"Wir sagen bisweilen von einem Menschen, er sei unpersönlich,
sei keine Persönlichkeit. Damit ist immer eine Wertung gegeben; es
will besagen, daß eine Persönlichkeit sein so viel heißt,
wie sich eine Qualität von allerhöchstem Werte zu eigen machen,
eine bedeutende Aufgabe auf sich nehmen. Aber noch der unpersönlichste
Mensch ist ein Individuum. Ein solches Individuum kann hohe Begabung, großes
Talent besitzen, ohne doch eine Persönlichkeit zu sein. Das Individuum
ist eine naturalistische Kategorie, die Persönlichkeit aber ist im
Gegensatz dazu eine geistige, ja eine geistig-religiöse Kategorie.
Das Individuum bedeutet eine Naturtatsache, ein Naturgebilde. Persönlichkeit
dagegen bedeutet eine Wertung, die Aussage über eine Qualität,
sie ist ihrem Wesen nach ein axiologischer Begriff und gehört zum
Reiche des Geistes. Nach der Kantschen Erkenntnislehre ist das Individuum
Glied der Naturordnung, während die Persönlichkeit der Ordnung
der Freiheit angehört. Das Individuum existiert nach der Art, wie
alle Naturwesen existieren, die Persönlichkeit aber muß erst
verwirklicht werden. Sie verwirklicht sich freilich im Individuum als in
einem Gliede der gegebenen Welt."
"Eine Persönlichkeit gibt es nur dann, wenn in ihr ein Prinzip
gegeben ist, das von Natur, Gesellschaft und Umwelt unabhängig bleibt.
Die Persönlichkeit bestimmt sich von innen heraus, das heißt
durch ein geistiges Prinzip, das im Gegensatz steht zu jeder Determination
von außen her. Sie trägt in sich das Urbild eines höheren
Seins als des Seins der Natur und der Gesellschaft. Wenn die Persönlichkeit
von außen her kein Teil irgend eines anderen sein kann, so läßt
sie sich auch nicht von innen her aus irgend welchen Teilen zusammensetzen.
Wohl umfaßt sie einen vielfältigen Inhalt, der sich im Grenzfall
universell zu erweitern vermag. Wohl wird sie durch diesen ständig
wachsenden, vielfältigen Inhalt unablässig bereichert. Doch sie
ist Einheit in der Mannigfaltigkeit. Ihre ursprüngliche Einheit und
Ganzheit geht der Mannigfaltigkeit ihres Inhalts voran und bleibt von dieser
Mannigfaltigkeit unabhängig.
Einheit in der Vielheit ist die Persönlichkeit und zugleich Wandellosigkeit
im Wandel. Diese Unwandelbarkeit im Wandel gehört zu ihren wesentlichsten
Bestimmungen. Es gibt keine Persönlichkeit, wo es keine Bewegung und
keine Veränderung gibt. Aber es gibt auch keine Persönlichkeit,
wenn sich im Wandel nicht zugleich Unwandelbarkeit, Einheit und Einzigkeit
zeigt, wenn es nicht immer dieselbe Persönlichkeit ist, an der sich
der Prozeß der Veränderung vollzieht."
"Die Persönlichkeit hat das Dasein eines Überpersönlichen
zur Voraussetzung: ein Transzendieren über ihre Grenzen hinaus zu
überpersönlichen Werten. Sie kann nicht in sich selbst abgeschlossen
bleiben, sie muß aus sich heraus zu einem anderen hinüberschreiten:
zu anderen Menschen, zur Gesellschaft, zum Kosmos, zu Gott. Die Persönlichkeit
bedarf der Gemeinschaft mit anderen lebenden Wesen und der dienenden Hingabe
an das, was sie als ein Höheres, als Wert, als Heiliges erlebt. Erst
dann erfüllt sich ihr Leben mit einem qualitativen Inhalt. Die Persönlichkeit
ist kein Teil der Gesellschaft und kein Teil des Kosmos, aber sie hat eine
soziale und kosmische Seite. Der Mensch ist nicht bloß ein soziales
Wesen, aber er ist auch ein soziales Wesen und hat die Bestimmung, seine
Persönlichkeit auch innerhalb der Gesellschaft und in der Gemeinschaft
und im Verkehr mit anderen Menschen zur Darstellung zu bringen."
"Die
Realisierung der Persönlichkeit im Menschen hat die Fähigkeit
der Unterscheidung zur Vorbedingung - Unterscheidung seines Ich von anderen
Realitäten, von anderen Persönlichkeiten. Dem aber steht der
Egozentrismus am störendsten im Wege. Alle Menschen sind ein wenig
egozentrisch und müssen gegen diesen Sündenfall in sich ankämpfen.
Doch der echte Egozentriker, im Zustand des Eingeschlossenseins in sich
selbst, vermengt alles mit allem und läßt in dieser Vermengung
die Persönlichkeit untergehen. Der vollendete Egozentriker kann jegliche
Idee und jeden beliebigen Wert in ein Mittel zur eigenen Selbstbehauptung
verwandeln. Jede Gemütsbewegung kann den Menschen aufschließen
und ihn doch auch wieder in sich selbst verschließen; selbst die
Demut kann zur schlimmsten Art des Hochmuts, der Selbstvergötterung,
werden. Auch die Liebe zu irgend einer geistigen oder sozialen Idee kann
eine Form des Egozentrismus sein. Das Epitheton 'persönlich' kann
auch in negativem, absprechendem Sinne zur Kennzeichnung des Egozentrismus
gebraucht werden; wenn man von einem 'sehr persönlich betonten' Menschen
spricht, so ist damit nicht gemeint, daß der betreffende Mensch eine
stark ausgeprägte Persönlichkeit besitzt, sondern daß er
völlig von sich selbst besessen und unfähig ist, aus sich selbst
herauszugehen. Die wahre Entdeckung der Persönlichkeit im Ich ist
immer zugleich die Entdeckung der Persönlichkeit im Du, die Unterscheidung
des Du vom Ich, die Fähigkeit, sich in das Du zu versetzen, wozu der
Egozentriker nicht fähig ist.
Das Transzendieren der Persönlichkeit, das Hinübergehen zu
anderem vollzieht sich in zwiefacher Weise: durch ein Inbeziehungtreten
zu anderen Persönlichkeiten und durch ein Inbeziehungtreten zu überpersönlichen
Werten und Heiligtümern. Der qualitative Inhalt der Persönlichkeit
wächst hervor aus ihrer schöpferischen Vergemeinschaftung mit
einem Du, mit einer anderen Persönlichkeit, mit einer Vereinigung
von Persönlichkeiten, mit der Persönlichkeit Gottes - aber auch
durch ein schöpferisches Inbeziehungtreten zu überpersönlichen
Werten und Heiligtümern, die oftmals die Form von 'Ideen' annehmen.
Eine Persönlichkeit ist arm und inhaltlos, wenn sie nicht irgend welchen
über ihr stehenden Werten und Ideen dient und verpflichtet ist."
Das alles ist natürlich sehr verkürzt und unvollständig,
und ich kann deshalb allen Interessierten nur empfehlen, das ganze Buch
von Berdjajew zu lesen. Kommen wir jedoch nun wieder zurück zu Ken
Wilber:
Er beginnt in seinem Buch mit ein paar allgemeinen Gedanken "An den
Leser - Über Gott und die Politik". (S. 17) Für ihn stellt sich
das drängendste Problem unserer Zeit in der Frage dar, "wie man die
Tradition des Liberalismus mit einer echten Spiritualität verbinden
kann." (S. 17)
Wilber hat Recht, wenn er sinngemäß den Liberalismus als
Auflehnung gegen einen tyrannischen Gott charakterisiert, der letzteren
durch eine ökonomische Tyrannei zu ersetzen trachtet, wogegen die
Konservativen weiterhin an ihrem Gottvater festhalten, der alle, die sich
ihm widersetzen, in die Hölle schickt und andere Götter nicht
duldet. Darüber hinaus sagt Wilber: "Das Gute am Liberalismus ist
seine Betonung der individuellen Freiheit und die Auflehnung der Herdenmentalität."
(S. 19) Dem steht gegenüber: "Der Vorzug des Konservatismus ist seine
Einsicht, daß man bei aller Bedeutsamkeit des Individuums und seiner
individuellen Freiheiten einem schweren Irrtum erliegt, wenn man das Individuum
für eine isolierte Insel hält. Das Individuum ist vielmehr zwangsläufig
in einen innigen Kontext der Familie, der Gemeinschaft und des Geistes
eingebunden, und es hängt sogar seine ganze Existenz von diesen tiefen
Zusammenhängen und Verbindungen ab. Auch wenn man daher auf seine
Individualität pocht, hängen die tiefsten Werte nicht in einem
selbstverliebten Verständnis von Autonomie von der Beziehung zu einem
selbst ab, sondern von der Beziehung zur Familie, zu den Freunden, zur
Gemeinschaft und zum eigenen Gott. Wenn man diese tiefen Verbindungen leugnet,
stört man damit nicht nur das Gefüge der Gemeinschaft und gibt
es dem Chaos des Hyperindividualismus preis, sondern man zerreißt
damit auch die tiefste aller Verbindungen, nämlich diejenige zwischen
einer menschlichen Seele und einem göttlichen Geist." (S. 20)
Aus dem eben zitierten Absatz geht hervor, daß das Individuum
nur im Kontext der Familie, der Gemeinschaft (bzw. der Gesellschaft) und
des Geistes verstanden werden kann, was zutreffend ist. Das Individuum
ist kontextabhängig und zugleich autonom. Das Individuum ist nicht
eine auf den Menschen beschränkte Kategorie. Auch das Tier, die Pflanze,
selbst ein Atom bildet eine individuell-autonome Einheit. Das Individuum
ist somit eine Naturtatsache, das einen festen Rahmen hat und somit begrenzt
ist. Das Idividuum ist jedoch immer nur ein Teil der Gemeinschaft vieler
Individuen. Die Kontextabhängigkeit des Individuums ist seinSchicksal.
Niemals kann ein Individuum seinem Schicksal entfliehen, außer es
wird vollständig in einen anderen Zusammenhang hinein aufgelößt.
Aber wo nun befindet sich das existentielle Zentrum? Davon spricht
Wilber in dem oben zitierten Zusammenhang (S. 20) nicht. Und hier muß
ich ein Stück vorausgreifen: Wilber postuliert ein transpersonales
Reich, in dem ein Ich, eine Person keinen Platz mehr hat. Das individuelle
Ich muß nach Wilber transzendiert werden. Er unterscheidet nicht
zwischen einem Rollen-Ich und einem wahrhaftigen, tiefen Ich, das eine
wahrhaftige Persönlichkeit ausmacht. Er ordnet das Rollen-Ich einem
transzendentalen Ich, einem Selbst, das in eine zustandslose Leerheit einmündet,
unter. Dieses Selbst hat nach Wilber mit Persönlichkeit an sich nichts
gemein.
Und da es nach Wilber letzten Endes keine Persönlichkeit gibt,
wird der Mensch als Individuum, nicht als Persönlichkeit, angehalten,
nicht nur an sich selbst zu denken und auf seine selbstverliebte Autonomie
zu pochen, weil es angeblich die Vernunft und die Moral einfach gebietet.
Auf diese Weise aber wird nicht klar, woher unser Wille zur Vernunft den
Antrieb erhält, moralisch wirksam zu werden. Warum soll sich ein individueller
Mensch einfühlsam in einen anderen individuellen Menschen hineinversetzen,
wenn ihm seine Vernunft sagt, daß dadurch nur seine Konkurrenzfähigkeit
geschwächt wird und er den anderen Menschen kompromißlos z.B.
wirtschaftlich in die Knie zu zwingen hat?! Es muß also ein existentielles
Zentrum geben, das über dem Individuum und der Vernunft stehend, umfassend
diese integral beeinflussen und motivieren kann und das vor allem wertebestimmend
ist. Und da es der Mensch ist, der vernünftig, integral und wertebestimmt
handeln soll, muß dieses Zentrum ganz tief in ihm verwurzelt sein.
Und dieses Zentrum muß vor allem beziehungsfähig sein, d.h.,
es muß dynamisch sein. Das dafür nur die Persönlichkeit
und nicht eine anonyme zustandslose Leerheit in Frage kommt, das ist meine
tiefste Überzeugung!
Der Mensch als Individuum ist auf der einen Seite autonom und auf der
anderen steht er in einem kontextuellen Zusammenhang. Es stellt sich also
die Frage, die für mich entscheidend ist, wie der Mensch als Individuum
in eine tiefe Beziehung zur Familie, zur Gemeinschaft und zum GEIST treten
kann, wenn man davon ausgeht, daß das Individuum an sich keine integrale
Erscheinung ist. Die Beantwortung dieser Frage muß uns Wilber in
letzter Konsequenz schuldig bleiben! Auch wenn er eine zustandslose Leerheit
als das letztlich Höchste behauptet, welches in sich alles integrieren
soll, so ist doch dieses Höchste bemerkenswert statisch und schwebt
somit beziehungsunfähig irgendwo umher.
Der Begriff der zustandslosen Leerheit und ähnliche ziehen sich
übrigens wie ein roter Faden durch das gesamte Buch von Wilber und
sollen sozusagen die "gemeinsame Basis" für die "...beiden modernen
Feinde, Gott und der Liberalismus, ..." bilden, von der er auf Seite 21
spricht. Die zustandslose Leerheit ist nach Wilber im eigentlichen Sinn
der GEIST. Wilber leitet den Begriff einer zustandslosen Leerheit aus einer
"unmittelbaren Erfahrung", aus "... echten transpersonalen Praktiken, Paradigmen
und Injunktionen, ..." (S. 383/384) ab. Aber darauf werde ich später
noch zurückkommen.
Nach meiner festen Überzeugung kann erst die Unterscheidung zwischen
Individuum und Persönlichkeit Licht in das Dunkel bringen und nicht
die zwischen Individuum und einer zustandslosen Leerheit oder so. Das Individuum
ist, wie oben schon gesagt, eine Naturtatsache und als diese eine äußere
Erscheinung. Das Individuum gehört zum Reich der Notwendigkeit. Und
ich behaupte an dieser Stelle: Erst in der Persönlichkeit kann eine
wahrhaftige Integration aller Teile stattfinden! Die Persönlichkeit
ist im Gegensatz zum Individuum eine geistige Kategorie, d.h. die Persönlichkeit
gehört zum Reich des GEISTES. Erst die Persönlichkeit ist in
der Lage, als wahrhaft unabhängiges Ganzes das Viele liebend in sich
zu vereinen. Die göttliche Persönlichkeit ist existent! Und jeder
einzelne Mensch kann Ihr in der Tiefe seiner Persönlichkeit wahrhaftig
begegnen und überschreitet auf diese Weise seine Grenzen ohne seine
einmalige und unverwechselbare Persönlichkeit dabei zu verlieren -
ganz im Gegenteil!
Genauso verhält es sich mit der Freiheit. Ein Individuum als solches
erweist sich nicht als ein allumfassendes Ganzes. Die Abhängigkeit
des Individuums ist natürlich, da es nicht dem Reich der FREIHEIT
angehört sondern dem Reich der Notwendigkeit. Anders verhält
es sich mit der Persönlichkeit. Ich kann in diesem Zusammenhang nun
auf die vorangegangenen Zitate aus dem Buch "Die menschliche Persönlichkeit
und die überpersönlichen Werte" von N. Berdjajew verweisen.
Wie oben schon erwähnt, liegt für Wilber das drängendste
Problem unserer Zeit in der Frage, "wie man die Tradition des Liberalismus
mit einer echten Spiritualität verbinden kann." (S. 17) Mein Ausgangspunkt
ist dagegen folgender: Die Persönlichkeit stellt den höchsten
aller Werte dar und ist somit wertebestimmend. Erst in der Tiefe der Persönlichkeit
findet jeder Mensch seine wahrhaftige Bestimmung. Für mich ist die
Persönlichkeit in keiner Weise mit einem "liberalen Geist" (S. 22),
wie ihn Wilber sich wünscht, vereinbar. Und ein spiritueller Liberalismus
(S. 21) ist für mich ein Ding der Unmöglichkeit, da die Liberalität
vor allem dem Reich der Notwendigkeit angehört und mit FREIHEIT im
eigentlichen Sinne nichts zu tun hat. Für den sogenannten freiheitlich
bürgerlichen Liberalismus hat sich die Freiheit ganz auf diese Erde
zurückgezogen und sucht alles vom Menschen her zu verwirklichen, der
ein Höheres scheinbar nicht nötig hat und auf Gott verzichten
kann. Gerade weil es dies ist, die Abtötung Gottes, was Wilber am
Liberalismus kritisiert, halte ich solche Wortverbindungen wie "liberaler
Geist" (S. 22) und "liberaler Gott" (S. 25) für denkbar ungeeignet.
Die Liberalität ist weit davon entfernt, die Tiefen einer Persönlichkeit
verstehen zu können. Die Persönlichkeit gehört zum Reich
des GEISTES und ist mit Liberalität, die sich nur von der begrenzten
Erde, von einem berechenbaren Leben, von einem ausschließlich berechenbaren
Menschen, vom Empirismus her verstehen kann, nicht vereinbar. Darüber
hinaus stellt Gott für den Liberalismus nur noch eine leere Worthülse
dar, die er benutzt, um sich rein diesseitige und somit niedere Machtvorteile
verschaffen zu können.
Diesseitigkeit ist der eigentliche Schlachtruf des Liberalismus, und
er wird sich nie gänzlich davon lösen können, es sei denn,
er gibt den liberalen Machtanspruch auf und erkennt ein Höheres und
Unbegrenztes an.
Auf Seite 21 fragt Wilber weiterhin: "Könnten diese beiden modernen
Feinde, Gott und der Liberalismus, in irgendeiner Weise eine gemeinsame
Basis finden?" Ja und nein! Auch hier kommt es nun darauf an, was man sich
unter einer gemeinsamen Basis vorstellt. Auch diese Frage berührt
das Hauptproblem, welches sich mir in der Auseinandersetzung mit Wilbers
Lektüre immer wieder stellte: Sind wir vor allem deshalb zur Ausbildung
einer tiefen Persönlichkeit fähig, da wir im Tiefsten das Ebenbild
der göttlichen Persönlichkeit sind? Und eine weitere Frage schließt
sich dem unweigerlich an: Ist ein transpersonales Reich wünschenswert
und überhaupt erreichbar? Ist Gottes Reich nicht auf das engste mit
der menschlich-göttlichen Persönlichkeit verbunden? Das Höhere,
für mich die göttlich-menschliche Persönlichkeit, kann niemals
vom Niederen durchdrungen, gar im wahrhaftigen Sinne beherrscht werden.
Und in diesem Sinne sind Gott und Liberalismus unvereinbar. Die einzige
Lösung gibt es nur, wenn das Niedere vom Höheren verklärt
wird, wenn vom GEISTE her der Liberalismus seiner (begrenzten) Bestimmung
gerecht werden würde. Vom GEISTE her ist erst ein sinnvolles Handeln
in unserem ganzen Leben möglich. Gott ist letzten Endes der Sinn,
der sich in uns in irgendeiner Form immer bemerkbar macht, ohne den das
Leben unerträglich wäre. Aber Gott bzw. der Sinn ist niemals
diese oder jene Form an sich.
Verklärung bedeutet auch, daß wir vom Niederen zum Höheren
gelangen, indem wir erkennen, was alles unmittelbar Gott nicht ist und
was er unmittelbar nur sein kann. Gott ist auf das engste mit der Freiheit
und der Liebe verbunden und ganz und gar nicht liberal. Der Liberalismus
ist eine begrenzte Form, die sich in unserer Geschichte herausgebildet
hat, die sich regulierend auf unser tägliches Leben auswirken kann.
Aber der Liberalismus ist nicht für die Ewigkeit bestimmt.
Wilber fragt: "Kurz, könnte es nicht einen spirituellen Liberalismus
geben? Einen spirituellen Humanismus? Eine Haltung, die die Rechte des
einzelnen in einen tieferen spirituellen Zusammenhang stellt, durch den
diese Rechte nicht geleugnet, sondern vielmehr begründet werden?"
(S. 21) Ja, die Rechte des Menschen begründen sich von einem tieferen
spirituellen Zusammenhang her! Wilber hat vollkommen Recht. Worauf es jedoch
letzten Endes ankommt, das ist, wo und wie dieser tiefere spirituelle Zusammenhang
wahrgenommen wird, worin er in Wirklichkeit besteht. Und ein spiritueller
Humanismus wird für mich erst dadurch wahrhaft sinnvoll, wenn er sich
in einer menschlich-göttlichen Spiritualität fortlaufend vollendet.
Es wird sich der GEIST offenbaren, "der niemandem Leid zufügt" (S.
25), wie Wilber meint, jedoch ich füge hinzu, der niemanden Leid im
Sinne unseres irdischen Daseins zufügt, welches uns in einem fort
zu erdrücken droht, der aber eine Tragik und ein Leid umfaßt,
das uns in der Liebe begegnet und zu ihr erhebt, ohne das die Liebe leer
und fade wäre. Denn das schmerzhafte Opfer, das die Liebe von uns
ständig fordert, das ist die wahrhaftige Überwindung jeglichen
Egoismus und somit jeglichen Festhaltenwollens. In der Liebe ist der Mensch
vollkommen bewegt und bar jeglichen Wollens. Der liebende Mensch will von
dem Geliebten rein gar nichts und dennoch ist er ganz auf den Geliebten
bezogen und ganz von ihm erfüllt - erfüllt von der ewig bewegten
Wahrheit einer tiefbewegten Persönlichkeit, erfüllt vom Ich,
vom Du und Wir in Einem. Die Wahrheit steht nicht eines Tages vor uns.
Sie erfordert fortlaufend unsere ganz persönliche und unverwechselbare
Anstrengung, die mit dem Leid und der Tragik auf das engste verbunden ist.
Das wahre Leid und die wahre Tragik sind der Dynamik der FREIHEIT eigen.
Ein Leben ohne tiefempfundenes Leid und tiefempfundene Tragik ist ein Leben
ohne Liebe und plätschert seicht an der Oberfläche herum. Und
diese Seichtheit und Oberflächlichkeit ist gerade auch ein Markenzeichen
der Moderne, die von einer Art Vernunftbesessenheit getragen wird, die
mit Klarheit nicht mehr viel zu tun hat. Aber auch eine Moderne kommt ohne
Leid und Tragik nicht aus. Tragik und Leid werden in der Moderne ganz unserem
gewöhnlichen, "langweiligen" und ungeliebten Leben unterworfen und
sind dazu da, überwunden zu werden. Zu einem wahrhaftigen Verständnis
der Tiefe von Tragik und Leid kann sich die Moderne nicht wirklich durchringen,
da sie von vornherein jeder religiösen Regung im Menschen skeptisch
und ablehnend gegenübersteht. Das wahrhaftige Leiden eines Menschen
ist in unserer modernen Zeit eine nahezu verhaßte Erscheinung, die
den mechanischen Fluß dieser Welt nur stört und durcheinanderbringt,
weil sich dieses Leid eben nicht einfach in ein System einordnen läßt,
weil es wahrhaftig von einer anderen, jenseitigen bzw. geistigen Welt ist.
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß Wilber um jeden
Preis das so deutlich schmerzhafte Leben dieser begrenzten Welt auf eine
Art und Weise mit Gott in Verbindung bringen will, die letzten Endes jede
Bemühung um diesseitig notwendige Veränderungen vom GEIST her
und vor allem zum GEIST hin für zweit- oder gar drittrangig
hält, d.h., die Vergeistigung des ganzen Lebens muß nach
Wilbers Theorie nicht unbedingt angestrebt werden. Danach kann es auf der
einen Seite im alten Stiefel weitergehen, z.B. liberal beschränkte
Kompromißpolitik, während wir uns auf der anderen Seite in einer
mehr oder weniger knapp bemessenen Zeit auf meditative Weise einer Art
"Gottesschau" annähern, die sinngemäß alles wieder ungeschehen
machen soll (S. 424).
Das ist verantwortungslos gegenüber allen Menschen, die sich bisher
nie dazu durchringen konnten, wenigsten auch nur ein einziges Mal auf ihre
innere Stimme (sofern sie noch eine haben) zu hören, die da noch fragt:
Wofür tue ich das alles überhaupt? Wo bleibe ich, wo bleibt mein
tiefes Ich dabei? Und wenn Ken Wilber in seinem Buch "Eros, Kosmos, Logos"
das Internet beschwört, so darf er dabei aber gleichzeitig die vielen,
vielen Menschen nicht vergessen, die sich in ihrem Leben fast nur noch
für Computer und Internet interessieren, die fast ausschließlich
damit zu tun haben, für die Produktion der Computer und für den
Erhalt und die Weiterentwicklung des Internets zu sorgen.
Aus der Tiefe der Persönlichkeit kommt die Ahnung und Unruhe,
die das Leben braucht. Die Unruhe, die wir brauchen, hat nichts mit der
diesseitigen Rastlosigkeit zu tun. Es ist die Unruhe der Liebe zu Gott,
zum Sinn, zur FREIHEIT hin - zur anderen Persönlichkeit - dem Du,
welches dies alles umfaßt. Die absolute Ruhe für sich genommen
läßt die Fülle nicht zu, die die Liebe mit sich bringt.
Die absolute Ruhe ganz allein gibt es nicht.
Auf der einen Seite weist Ken Wilber auf die Kehrseite des Liberalismus
hin als eine ökonomische Tyrannei, in der "der Gott des allmächtigen
Geldes an die Stelle des Gottes des Papstes trat. Die Seele konnte jetzt
nicht mehr von Gott zerbrochen werden, dafür aber von der Fabrik.
Das Wichtigste im Leben war nicht mehr die Beziehung zum Göttlichen,
sondern vielmehr die Beziehung zum eigenen Einkommen. Und so konnte es
mitten im wirtschaftlichen Überfluß geschehen, daß die
Seele langsam verhungerte." (S. 18) Diese Einschätzung ist ganz und
gar zutreffend. Aber glaubt Ken Wilber wirklich, daß ein "liberaler
Gott" die Wogen schon glätten wird? Meint er wirklich, daß neben
ein bißchen liberaler Politik einfach ein Gott gestellt werden kann,
der uns letzten Endes nur immer sagt, daß das alles nicht wahr ist,
daß es eine Illusion ist, wenn wir uns in diesem Leben abmühen?
Und wenn dieses begrenzte Leben wirklich nur illusionär ist, dann
besteht auch kein Grund, an den Verhältnissen in diesem Leben etwas
zu ändern. Dies alles kommt davon, daß Ken Wilber, wie ich weiterhin
darzustellen versuche, einen GEIST annimmt, der nicht wirklich ein Interesse
am Leben hat, der als eine erhabene, zustandslose Leerheit die Welt quasi
für nichtig erklärt. Gott erwartet von uns eine Antwort, die
letzten Endes mit Liberalismus nichts gemein hat, es ist immer wieder die
freie Antwort, die eine wahrhaftige Liebe in einer wahrhaftigen Persönlichkeit
hervorruft. Und jeder Mensch muß seine ganz unverwechselbare, persönliche
Antwort finden.
Wilber möchte auf irgendeine Weise die Spiritualität in unser
Leben zurückholen. Aber wir dürfen nicht auf Teufel komm raus
in die verkommensten Machtzentren hinein irgendwelche Hoffnungen setzen.
Wir müssen die Dunkelheit und Gottverlassenheit zunächst anerkennen,
doch jeder einzelne selber hat die Chance und die Pflicht, der Machtbesessenheit
zu entsagen. Vom Liberalismus und sonstigen "Lagern" sind meines erachtens
nur Halbheiten, nicht Wahrheiten zu erwarten. Jeder Mensch als Ganzheit
jedoch trägt in sich göttliche Potentiale, deren Verwirklichung
innere und äußere Veränderungen nach sich ziehen werden.
Der Liberalismus dagegen ist ein kulturell-geistiges Konstrukt, dem eine
eigenständige Persönlichkeit nicht zugesprochen, der nur von
der Persönlichkeit her verstanden und überwunden werden kann
und muß. Dirk
Zweites Geschoss:
Rolle für Rolle
Rauhfaser tapeziert
einzelne Mieter stehen herum
betrachten die Wände aufmerksam
suchen darauf Bahn für Bahn
nach Druck- und Rechtschreibfehler
Können nicht mal
ihren Namen entziffern
Auf ins nächste Geschoss:
Welches, oh Wunder, nie fertiggestellt
Nur über die Treppe erreicht werden kann --
Hier lagern Irrtümer,
die gehören der Firma
Damit kacheln sie die Böden
An die darf keiner ran
Viertes Geschoss:
Hier wohnt der Architekt
Er geht auf in seinem Plan
Dieses Gebäude steckt voller Ideen
Es reicht von Funda- bis Firmament
Und vom Fundament bis zur Firma
Im Erdgeschoss:
befinden sich vier Türen
Die führen
Direkt ins Freie
Oder besser gesagt: in den Grundstein
Da kann warten wer will
Um zwölf kommt Beton
Grundsteinlego!
Grundsteinlego!
Lüge!, Lüge!, Lüge!
Gedankengänge, sind gestrichen
In Kopfhöhe braun
Infam oder katholisch violett
Zur besseren Orientierung
Dachgeschoss:
Es hat einen Schaden
Im Dachstuhl sitzt ein alter Mann
Auf dem Boden tote Engel verstreut
(Deren Gesichter sehen ihm ähnlich)
Zwischen den Knien hält er ein Gewehr
Er zielt auf seinen Mund
Und in den Schädel
Durch den Schädel
Und aus dem Schädel heraus
In den Dachfirst
Dringt das Geschoss
Gott hat sich erschossen
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Gott hat sich erschossen
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Lüge, Lüge
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Einstürzende Neubauten/Blixa Bargeld
Er
unterschrieb bei CBS für Go For Broke, aufgenommen in Nashville. Dieses
Album hatte einige Höhepunkte wie Jesse Colin Youngs "Darkness Darkness"
und sein eigenes "Lonely Hunter", aber als Ganzes war es ziemlich enttäuschend.
Das zweite CBS-Album, aufgenommen in Hollywood und Hit And Run genannt,
ist voll von Songs, die klingen, als wären sie für das amerikanische
FM-Radio gemacht worden und mangelten an der melancholischen Atmosphäre
der früheren Platten. Beide Alben waren für CBS nicht erfolgreich
genug, und 1978 war Matthews wieder "zu haben", als ihm Rockburgh (das
Sandy Roberton gehörte) anbot, ihn wieder unter Vertrag zu nehmen.
Die erste Frucht dieser Wiedervereinigung war Stealin' Home mit Musikern
wie Bryn Haworth und Phil Palmer an der Gitarre, Steely Dans Bassist Rick
Kemp und Pete Wingfield am Piano. Das Album war nicht viel besser als Hit
And Run, aber Roberton lizenzierte es nach Nordamerika an ein kleines kanadisches
Label, Mushroom, das durch die Entdeckung der Gruppe Heart finanziert wurde.
"Shake It" wurde als Single ausgekoppelt und kam bis auf Platz 13 der Billboard-Charts,
der Gründer und Inhaber von Mushroom Records verstarb jedoch plötzlich,
und die Firma wurde geschlossen. Das Nachfolgealbum, Siamese Friends, war
noch Bestandteil des Mushroom-Vertrags und erschien 1979. Matthews tourte
regelmäßig durch Europa und Amerika und wurde von Bands begleitet,
bei denen sowohl die Besetzung als auch die Namen ständig wechselten
(the Polaroids, the Great Buildings), künstlerisch gesehen hatte er
allerdings schon wesentlich bessere Zeiten gesehen, was im Jahre 1980 wieder
in diese Richtung führte, als er sein 3. Album für Rockburgh
veröffentlichte, A Spot Of Interference, welches eine völlig
andere musikalische Richtung einschlug. Noch im selben Jahr erschien Discreet
Repeat, ein Doppelalbum mit vernünftig ausgesuchtem Best Of- sowie
Post-Southern Comfort-Material. Dem Label ging es allerdings so wie vielen
anderen kleinen zu jener Zeit: es ging pleite. Matthews zog nach Seattle,
wo er zusammen mit dem Sänger von Pavlov's Dog, David Surkamp, eine
Band namens Hi-Fi gründete. Zwei gegensätzlichere Gesangsstile
wie die von Surkamp und Matthews konnte man sich kaum vorstellen, aber
die Gruppe machte ein Live-Minialbum, Demonstration Records im Jahr 1982,
gefolgt von einem kompletten Studioalbum, Moods For The Mallards. Beide
Alben wurden in Großbritannien auf dem kleinen Label Butt Records
veröffentlicht. 1983 brachte Roberton Matthews in Deutschland bei
Polydor unter, und 1984 erschien das Album Shook. Überraschenderweise
wurde es weder in Großbritannien noch, was aus der Sicht des Künstlers
viel wichtiger war, in den USA veröffentlicht. Matthews warf das Handtuch,
mußte sein Gitarren und den größten Teil seiner Plattensammlung
verkaufen und ging zurück nach Kalifornien, wo er neun Monate brauchte,
um einen Job als A&R-Mann bei Island Music in Los Angeles zu bekommen,
wo er mit Gruppen arbeitete wie den Long Ryders oder Rain Parade, wurde
jedoch 1985 wieder entlassen. Ein Auftritt beim Fairport Convention Cropredy
Festival in Oxfordshire im August 1986 (zusammen mit Fairport spielte er
eine Anzahl von Songs seiner Karriere, und zusammen mit Richard Thompson,
Clive Gregson und Christine Collister brachte er eine beeindruckende A-
Capella-Version von "Woodstock") überzeugte Matthews, daß er
wieder mit Singen beginnen sollte, und wenn auch seine Arbeitslosigkeit
gerade damit geendet hatte, da er einen Job bei dem New Age-Label Windham
Hill bekam. Nach einem Jahr verließ Matthews die Firma wieder, nachdem
er 1988 das Vokal-Album Walking A Canging Line für das eigentlich
auf rein Instrumentalmusik spezialisierte Label veröffentlicht hatte,
worauf er einige Songs von Jules Shear interpretierte. Während es
das nach Matthews bisher beste Album seiner Karriere war, verkaufte es
nur wenig mehr als alles andere seit Stealin' Home, aber es war offensichtlich,
daß bei der Musik, zu der er damit zurückkehrte, seine Stimme
viel besser zum Tragen kam und vielversprechend für die Zukunft war.
Auf dem Album war eine Bemerkung zu finden, wo er Fairport dafür dankte,
daß "die Flamme wieder zu brennen begann", was bedeutete, daß
der Auftritt in Cropredy der Beginn von Matthews' zweitem Frühling
war.

lieber
leo, deine zeilen und bilder lassen meinen kopf nicht vergessen, warum
ich lebe, an welchen prinzipien ich festhalte. --- und mein bauch sagt
dazu, ich bin ein tropfen im ozean und kann das wasser um mich genießen,
und ich brauche es zum leben, und ich bin froh, auch wenn ich manchmal
die augen zumachen muss, wenn mir eine starke schwarze welle ins gesicht
klatscht -- das fiel mir nach einem spaziergang durch das schloss moritzburg
ein. ich versteh deine lapzoten nicht immer, aber du setzt zeichen, leo
und wenn sie gut sind, wird es sich rumsprechen - und lesen :-)
Unsere
Computerwelt ist ein Abprodukt der militärischen Forschung. Klein-kriegen.
Chip-Produktion etc. findet i.d.R. im Ausland statt. Es sind in der Mehrheit
Frauen, die unter unsozialsten und gesundheitschädigenden Bedingungen
in Weltfabriken für uns arbeiten. Bist Du drin? Es gibt keinen Bereich
in den Medien, der eine solche rasante, fossile Ressourcen verjubelnde
Veraltungstendenz hat. Für die Produktion von 1 PC mit Monitor werden
ca. 5.333 kWh Strom benötigt, ca. 33.000 l Wasser verschmutzt, ca.
56 Mio. m3 Luft verschmutzt, ca. 320 kg Abfall erzeugt - wovon 20 kg Sondermüll
sind - und er pustet mehr als 3 t CO2 in die Atmosphäre. Bist Du drin?
Zugang für alle zu Netzen etc. als eine notwendige Bedingung für
die Selbstbehauptung des Einzelnen und für dir Teilhabe an Demokratie?
Welche PC Mengen werden bundesweit, europaweit oder weltweit benötigt...
Und wir sind auf dem besten Weg?
Danke für Beiträge im Lover 27
vor allem an Regina, (7), Nina, Roland, Dirk, Achim, Dietrich.
LOver 28 erscheint ca. 24.10. - Redaktionsschluß 13.10.
Beiträge, Reaktionen, Bilder, Proteste, Briefmarken an Joachim
Gorsleben, Mansfelder 15, 01309 Dresden, Fon 0351 / 319 09 48 oder auch
an Ro Li B. wie gehabt.
Die Druckausgabe des LOver 27 wurde von Karola gesponsert. Herzliches
Dankeschön.
Liebe andere Empfänger der Druckausgabe, bitte überprüft
EUREN Portobeitrag... Danke. Achim
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