OVER Nr. 27


LOVER Nr. 27

(erschien 07/2000)

Auszüge:

[Ditorial & Reactor] - [Basar] - [Für immer] - [Lauf] - [Schwingen] - [Grüne Weite] - [Kriegstagebuch] - [Frau Nichtig] - [Es war einmal... Teil 4] - [Nie] - [Notizen zu Wilber 2] - [Haus der Lüge] - [Matthews] - [Dylan] - [Chessnutt] - [Sommergruß] - [Drin] - [Danke]
 

LOver 27

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Liebe Loverinnen!
Nach Hubschraubereinsatz und nicht abnehmenwollender Erledigungsliste bin ich very very erleichtert, daß ich Achim am Fingstmontag einfach eine Diskette und hunderte ausgeschnittene Fotos in die Hand drücken konnte und damit die LOver-Redaktion wieder nach Dresden verlagerte. Denn Achim hat schlicht Ja gesagt. Somit trete ich zurück in die Reihen der einfachen LOver-Teilnehmer.
Es gibt ein Leben nach dem Tod, ich meine nach Lapsus. Und auch davor. Danke der Nachfrage!
Die mich innerlich am wärmsten berührende Erfahrung während Live lapsus war die Überreichung des Kirschbäumchens von den Dresdner Mädchen an Nathalie und mich und unser Baby. Das Anteilnehmen und Einfühlen, dann die Bahnfahrtstrapazen und unser vom Vorbereitungsdruck erzeugtes Nichtganzdasein - da stehen sie und lachen einen an, und, was denn sonst, ein Kirschenbaum, ich war reichlich sprachlos, langsam nur dämmerte mir die ganze Bedeutung dessen. Vielen, großen und herzlichen Dank dafür! Der Baum stand dann am Fingstdiensttag an seinem Platz. Und wir hoffen, ihr kommt dann oft zum Kirschenessen!
Staffelschöpfen bei der BauernolympiadeTrotz des Turbo-Lenz im Fingstvorfeld erst mit Regina, dann v.a. mit Dirk und der vielen Ideen, die aufs nächste Mal warten müssen, ging ich genügend entspannt in unser Fest (wäre ohne Achims Hilfe am Donnerstag allerdings ein Unding...). Dann bahnte sich am Samstag Nathalies Nierenbeckenentzündung an und wir waren gleichsam ein paar Schritte weg von allem. Schade, daß wir folgend so wenig mit euch, mit Live lapsus zu tun haben konnten. Was einem an die Nieren geht?
Nun ist das - nach 1 Woche Krankenhaus - gut überstanden und bei der letzten Hebammen-Visite am 6.7. war schon das Herzklopfen unseres Kindchens übers Hörrohr zu hören!
Sehr wohltuend war die Bereitschaft allenthalben, uns während der Live lapsus Tage zu entlasten und für mich auch die nachfragenden Gesprächsansätze, die mich am Umherhasten hinderten. Und unübersehbar sind die Ansätze weg vom Vortragskonsum hin zum Beziehen aufeinander, zum Austausch. Denn das heißt doch überhaupt "live". Ich überlege immer wieder, ob ich nicht meine tausend überzähligen Dias abgebe an Interessierte...
Nachdem ich 1999 ziemlich viel meiner Lieblingsmusik spielen konnte, kam ich dieses Jahr kaum zum Auspacken oder gar Einschieben. Macht nichts. Schön wäre es gewesen, wenn Anni sich die "Blütenträume" hätte anschauen können. Ich hätte gern dem Anklang nachgefragt.
Was unsere Ausgaben für Speise und Trank und eure großmütigen Geldgaben betrifft, so kam ein leichtes Plus (für uns, ich hoffe trotzdem auch für euch!) heraus. (Fällt mir ein: Wenn ich jetzt das Machen und Versenden dieses LOvers bewerkstelligen müßte, so wäre es vor Monatsende unmöglich für mich bezahlbar...) Wo wir uns verkalkuliert hatten, war das Brot, da flogen dann doch ein Dutzend in den Müll.
Na schön, ich hoffe, ihr habt es euch gutgehen lassen, und wir werden weiterhin unser möglichstes versuchen, euch fürderhin willkommen zu heißen!
Well, in 3 weeks rücken young people aus Japan, Finnland, Marokko, Polen, Belgien, Südkorea, Österreich, Rußland, Mexiko, Germoney, Frankreich und Italien here an und will be 3 Wochen long unsere Workcamper. Natürlich gibt it LAPSUS-Vorträge. Oder -feeling? Roland


Die folgenden Schnappschüsse von LAPSUS LIVE 2000 fanden leider keinen Platz im LOver 27.




Hallo allesamt,
Lapsus hat mir auch wieder in diesem Jahr total gut gefallen. Ein Dank geht von meiner Seite an ausnahmslos alle (Kinder und Erwachsene), die zum Gelingen von Lapsus in jeglicher Hinsicht beigetragen haben, egal ob sie nun direkt mitgeholfen, mitgewirkt haben oder einfach nur dabei gewesen sind. Ich fühlte mich insbesondere von Godspeed You Black Emperor und von den Blütenträumen angesprochen. Karl-Heinz ist nun 14. Damit ist es auch genug für ihn. Die Patzer, die mir (uns) passiert sind, verliehen anscheinend dem Stück erst die richtige Würze. Einen besonderen Dank an dieser Stelle auch an Nina, die sich als Nina mit ihrem Gedicht das Lob von Frau Kalttreiber (oder wie auch immer diese Frau hieß) redlich verdient hatte. Würzig genug war auch Monikas großer Aufstieg. Das haben wir vor allem Reginas Einfallsreichtum und Schreibkünste zu verdanken. Ich war mit dem Ablauf absolut zufrieden. Und Ute hat uns als Quereinsteigerin (Zwischentexte) eine echte Meisterleistung abgeliefert. Aber auch Ginger war für mich insbesondere bei der Bockmüller-Szene ein echter Brüller und Hansi für den Rötelmeyer die ideale Besetzung (gut, schön, ja)! Lustig fand ich vor allem auch die alten Sketche, die Achim abgespielt hat. Und Freude hatte ich auch bei Achims Lennon-Vortrag am Montag, mit dem Lapsus würdig beschlossen wurde.
Das Fußballspielen hat ebenfalls Spaß gemacht, obwohl ich an dem Ergebnis noch zu schlucken habe - aber was tut man nicht alles für die Kinder (oder ist das auch nur eine Ausrede?).
Insgesamt hoffe ich, daß es auch wieder ein nächstes Lapsus gibt. Dirk
Caramba, Caracho?
Nein, für mich begann Lapsus eher mit Caracho; so mußte ich am Freitag leider frühzeitig die Segel streichen und auf Nicos Blütenträume verzichten - schade. Dirks Bericht läßt mir nur die Hoffnung auf eine Reprise ... Radio Robotron erlebte mich am nächsten Morgen auch nicht sehr fit - Gott sei Dank war vieles vorbereitet, und am Ende wurden wir dann doch noch mit ein paar Lachern für unsere albernen Einfälle belohnt - danke an alle für's Mitspielen! Lachen konnte man auch über die immer noch witzigen und wortgewandten Lapsusspots von Achim, Sigrid & Roland.
Die wirklichen musikalischen Highlights waren für mich in diesem Jahr Dirkis Musikexperimente und der 2. Teil der Godspeeds (bitte überspielen, Achim!) - das ging nicht nur in die Ohren, sondern auch zu Herzen. Sehr froh bin ich, daß die Monika-Crew ihren Aufstieg bewältigt hat - ist schon nett, wenn sich der Riesenaufwand lohnt. Ein Superultrakompliment (hoffentlich mit Tiefenwirkung) an alle Mitstreiter, jedenfalls hab' ich mich stellenweise beim Anschauen des Videos fast  bepißt (Ich mußte pissen!) - die Rötelmeyer- und Bockmüllerszenen sind schon echt geil. Ich wirke zwar neben den anderen Aktivposten teilweise wie 'ne Schlaftablette, aber innerlich fühlte ich mich hyperagil. Einen ganz lieben Dank an dieser Stelle an Frau Dr. Kleinschmidt-Pribilski (alias Ute), die ihre Aufgabe hervorragend löste (Sie schaffte das!) und mir damit viel Streß ersparte.
Richtig schön fand ich noch die Montagvormittagsabschiedssession mit Joachim Winston Lennon - mitunter hätte man ihn schon für einen albernen Kerl halten können ...
So endete alles doch noch mit einem zünftigen Caramba.
Ich muß noch loswerden, wie lebendig Lapsus wieder und gerade durch die süße Kinderschar geriet - ohne sie wär's sicher des öfteren trist und krampfig gewesen. Da denke ich nicht nur an Leos quirliges Fußballspiel (der darüber lachen mußte, daß ausgerechnet er ein Tor schoß). Die "Erwachsenen" zeigten sich hier aber auch lobenswert rücksichtsvoll und mehr am Spaß als an Toren interessiert. Ein Dank wie immer an die Ausrichter Roland & Nathalie - leider hattet Ihr ja am Ende nicht allzuviel von dem Spektakel.
Bin wie immer sehr auf den Lover gespannt, jeder erlebt's ja anders. Regina
Liebe Nathalie, lieber Roland,
zuerst einmal vielen Dank für den LOVER 26. Zum Artikel "Wendeverlierer Natur" möchte ich kritisch anmerken, daß mir dieser Bericht zu einseitig ist. Das kann nur jemand geschrieben haben, der im ökologisch "verwöhnten" Norden der DDR aufgewachsen ist. Dort war die Natur sicher infolge der dünnen Besiedelung verhältnismäßig gut intakt. Das lag aber sicher nicht am hohen Umweltbewußtsein der DDR-Bürger oder des SED-Regimes. In meiner Heimatstadt Halle und in der näheren Umgebung sah es anders aus: Im Winter stank es ständig nach Kohlendreck, auf der Saale schwamm stinkender weißer Schaum (letztes Jahr war ich in der Saale baden!), im Saalkreis gab es überall wilde Mülldeponien. In der Naturfriedenszone grabe ich regelmäßig solche "Schätze" wie alte Batterien, Plastikabfälle, Ziegelsteine und Schnapsflaschen aus, die unser Vorgänger zu DDR-Zeiten dort vergraben hatte. Braunkohle-Mondlandschaften, Kalihalden und radioaktiver Abfall der Wismut verzierten den Süden der DDR. Daß 11 Jahre nach der Wende im Raum Halle-Leipzig eine der größten Seenlandschaft Deutschlands entsteht (aus sanierten Braunkohlegruben), verdanken wir nicht der "vorbildlichen Umweltpolitik" der DDR. Die Nationalparks der DDR wurden erst nach der Wende von der Regierung unter Lothar de Mezier eingerichtet. Zu DDR-Zeiten wurden Umweltschützer von der Staatssicherheit bedroht (habe ich selbst miterlebt in Halle). Ein alternatives Projekt wie die Naturfriedenszone oder Zarnekla hätte die Staatssicherheit der DDR nie geduldet! Ich finde es zu einseitig, die DDR-Vergangenheit so zu verklären. Dazu hatten ich persönlich und Freunde und Bekannte von mir einfach zu viel zu leiden unter diesem Regime. Daß es in Mecklenburg und Brandenburg und in den Grenzgebieten aus ökologischer Sicht teilweise besser als im Westen aussah, lag vor allem an der Abschottung der DDR nach außen und am fehlenden Geld - nicht an einer vorbildlichen Umweltpolitik. Das Wort "Umweltschutz" war ein Tabu-Thema. Die Umweltdaten wurden streng geheim gehalten.
Zu Pfingsten kann ich leider nicht kommen.
Viele liebe Grüße Eckart
Lieber Eckart!
Tatsache bleibt doch trotzdem, daß jetzt in der reichen, offenen BRD die Artenvielzahl in der Ostzone drastisch schrumpft. Und das eben, obwohl viel Geld da ist; wir offen genug sind, unsere alten Batterien und Plastikabfälle nach Indonesien zu schippern und unsere Kohlendrecksproduktion rund um die östliche und südliche Welt verteilen können; jetzt die vielen Nationalparks da sind; jetzt sogar eine Umweltschutzpartei an der Regierung sitzt; jetzt sogar die Umweltdaten z.B. des Jugoslawien-Kriegs anno 99 an die Öffentlichkeit gelangen können oder die wahreren Zahlen zum Waldsterben als die schöngefärbten der Bundesamts-Waldzustandsberichte und obwohl jetzt solche Veranstaltungen wie Zarnekla oder die Naturfriedenszone geduldet werden und niemand unter diesem Regime zu viel zu leiden hat.
Ist das nicht seltsam?
Oder kommt das von der Verklärung? Roland
Hallo Roland,
Dein Beitrag "KINDER ZUR SONNE ZUR FREIHEIT" kann nicht meine Zustimmung erhalten. Zum Beispiel die Urgesellschaft: geringe Lebenserwartung; sowohl Perioden und Orte relativer Harmonie als auch harter Überlebenskampf bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen (wegen zum Teil lokal begrenztem Nahrungsangebot oder durch Naturkatastrophen verursachten Nahrungsmangel usw.); beginnende lokale Naturzerstörungen - allerdings noch ohne globale Konsequenzen (aufgrund der geringen Anzahl von Menschen); erste primitive, geistig-religiöse Anstrengungen, mittels Magie und Schamanismus die Natur zu beherrschen. Ich stimme Dir zu, daß wir Menschen unsere Grundlagen zerstören, aber müssen wir uns deshalb gleich zu irgendeiner Sammlergesellschaft renaturieren? Das geht meiner Meinung nach gar nicht mehr, da der Mensch inzwischen auch bzw. vor allem geistiger Mensch ist. Der Mensch muß in erster Linie geistvoll mit der Natur und vor allem mit sich selbst umgehen lernen. Und wer hat denn behauptet, daß der Geist selbstredend irgendeine objektive Realität besitzt? Ich jedenfalls nicht. Das an sich wäre ja auch totaler Unsinn. Und meine Gedanken richten sich gerade auch gegen einen "Großen Geist", der alles überdauern wird. Und überhaupt nicht hilfreich ist meiner Meinung nach die Gegenüberstellung von "Kindermenschen" und "Elternmenschen", wie Du es tust. Dirk
Lieber Dirk!
Ich weiß jedenfalls nicht, warum "Renaturierung" bei Dir Steinzeit bedeutet. Für mich ist die Natur des Menschen etwas anderes als (an) zu sammeln. Im meinen Sinne bedeutet "Zurück zur Natur": weg vom toten hin zum lebendigen Geist. Und dabei will ich überhaupt nur wenig wissen, wie tot oder lebendig der in der Steinzeit war. Was der Mensch schafft und denkt, muß dem Leben (für mich wie gesagt = Natur) verpflichtet sein (Die Freiheit des Lebens ist immer eine an die Grenzen von Temperatur, Luft, Wasser und Nahrung gebundene. Absolute Freiheit ist sinnlos, was soll sie noch nach der Selbstausrottung des Menschen oder der Vernichtsung des Lebens? Was für einen Sinn macht das Allesdenkenkönnen - außer der immer weiteren Fahrt von der Quelle ins Nichts?).
Hilfreich? Wobei?
Darf ich lieben, was ich will? Roland

Basar

SUCHE
Während Live lapsus ging leider unser großer Plaste-Spiel-LKW im Sandkasten zu Bruch. Wer hat sowas zu Hause rumstehen und braucht es nicht mehr? Bitte zu LL 01 mitbringen! Roland

BIETE
Lehmbauen in Theorie und vor allem Praxis! Vom 1.9. bis 3.9. in Zarnekla. Noch ca. 5 bis 7 freie Plätze. Vegetarische Vollverpflegung, Yogastunden möglich, kulturvolle Abende, Entspannung in naturnaher Natur. Kostet 30,- pro Nabel, Kinder frei. Verbindliche Anmeldungen bis 20.8. an, bzw. nähere Infos von: Roland, Einstürzende Neubauten 19, 17121 Zarnekla, 039998/10487.

SUCHE
Für unser internationales Jugend-Workcamp (alte) fahrbereite Fahrräder (eventuell auch leihweise)! Bitte fonen 039998/10487! Auch Arbeitsklamotten, Stiefel und sowas! Roland

(What's So Funny About..)

FÜR IMMER

(IN PERPETUUM ZONA)

wir gingen durch das loch das immer in uns war
da schien etwas licht
immerhin war es da
wir folgten dessen LINIEN
noch suchten wir das glück
die uhr schlug einmal klack
wir konnten nie mehr zurück

nackend durchmaß ich die wüsten deiner sucht
nackend durchquertest du spuren meiner flucht
IN EHRFURCHT GEWASCHEN AUS LIEBE ENTLEIBT
einmal im kreis doch niemehr zurück

turi i veitja i veitija i
so an fauri an fauritia

der adler war kein adler der fisch war kein fisch
das denken war bloß denken und ein glas tanzt auf dem tisch
vorsicht die träume gefährlich wie glück
einmal im kreis doch nie mehr zurück

turi i veitja i veitija i
so an fauri an fauritia

wir sprangen über schatten die ein niemand warf
wir spürten diese LÜCKE - die noch in allem war
zwei züge fahren ab exakt zur selben stund
von alpha nach alpha vergangen zwölf jahr

turi i veitja i veitija i
so an fauri an fauritia

die kerze brennt zweiseitig zu wenig viel zu viel
im glanz der welt ZWÖLFSAITIG
schaudernd schön ihr spiel
im ende lag das wesen im anfang lag das glück
einst schlägt die uhr nur klack
und erst dann sind wir zurück

turi i veitja i veitija i
so an fauri an fauritia

IN PERPETUUM PERPETUUM ZONA
IN PERPETUUM PERPETUUM ZONA
IN PERPETUUM PERPETUUM ZONA

FÜR IMMER
F Ü R  I M M E R
turi veitja fauri tija

(aus "Stachelhaut", Sandow 1999)


Lauf - der Wind gibt dir Flügel.

Geh - die Bäume geben dir Schutz.

Sprich - die Vögel leihen dir ihr Ohr.

Sing - deine Stimme gibt dir Trost.

Simone Ortiz
 
 
 

UNTER DEN LEISEN SCHWINGEN DES WINDES.

In der Labsal des blühenden Morgens im Gebet des Frühlings grüne ich. Blühende Landschaften versprach ich dir. Nun siehe die Wildnis wuchern. Unter den Füßen Feuchtraumstengel. Plattgelatschte Gartenzirkelschnecken. Im Teich schwimmen orangen schimmernde Goldfische in allerhand Größen: Großtanten, Neffen, Urenkel, Urgroßväter, Mütter, Vettern & alte Vetteln. Daneben Guppys. Im Salatbeet verbluten Tulpen. Zitronenfalter. Heiß streunt die Sonne hinterm Geäst. Schwingt sich höher und perlt auf meiner Haut.
Wann berührst du mich wieder, wann & jemals?
Wennschon die Sonne im Amselflötenabend sinken muß, so drückt doch jemand irgendwann wieder sein Gesicht in meine Süßigkeiten. Brüste Lippenblüten Bekenntnisse schwelgen dem Abend entgegen, wo es kühler wird vom Waldrand her. Komm laß uns ein Stück spazierengehen. Geh noch ein Stückchen weiter mit mir als du es wolltest vorhin noch. Ich möcht dich gehenlassen und halt doch immernoch die deine Hand in meiner. Möcht mich viel lieber gehenlassen doch dein scheuer Mund gibt acht. Im Vogelmond sterben die Eichen das Greiskraut vergilbt. Meine welke Hand gibt dir kein Zeichen. Unschuldig verdorrt mein Mutterrund im Frühlingsregen: April April er weiß nicht was er will.
Trennung liegt in der Luft. Ein fauler Gestank vom Kanal her. Mich umweht die Schleiereule.
Ich drehe Runden um dein Haus. Wundmale unter meiner Brust Muttermale.
Nina 19.04.2000

Grüne Weite

empfängt uns, als wir Ostern und Pfingsten ZartNektar näher kommen. Ostern kam ich kaum dazu, unser Fest vorzubereiten. Die Stunden waren wie vergnügt verrückt. Pfingsten rückte ich halt einen Tag eher an, um etwas von der Last, die die Gastgeber mit den vielen Vorbereitungen zu tragen haben, zu übernehmen. Und um dieses Fest langsam entstehen zu sehen, nicht nur hineinzuplautzen. So war das Aufbauen der Anlage fast ein Vergnügen. Leider trafen die Gäste zumeist ziemlich spät ein. Aber es hat sich wohl schon 'rumgesprochen, daß der eine oder die andere etwas verpaßt haben könnte. (Jedem steht frei, um Wiederholung zu bitten.) Besonders experimentierfreudig diesmal die Blütenträume mit Multi-Prisma-Raum-Projektion, die FATA MORGANA mit Dia-Luftspiegelungen auf Folie und f#a#oo mit Regenbogenbrillen und Milans köstlichen Kommentaren zum Electric! - Bildschirmschoner. Wer sich darunter nichts vorstellen kann, war dann wohl nicht dabei. Pech. Zu meinen Hochlichtern zählt zuvörderst das von Bea mitgebrachte Hörstück. Kurz, professionell aufgenommen und genau auf den Punkt produziert und bebildert. Besonders LIVE: die Sozialfarce erster Güte 'Monikas Großer Aufstieg', Ninas getanzter und Imres getrommelter KlangKörper, die theatralische Jugendweihefeier 'Karl-Heinz wird 14' und der Auftritt von Hansi und Roland als Hans-Kapelle mit internationalistischem Liedgut. Anderes war mir zu schön (DCD) oder zu wenig nachvollziehbar (Strömung). Aber ich bin froh, daß es auch dieses gegeben hat. Großes Dankeschön an die Gastgeber Nathalie und Roland, die LAPSUS LIVE zum wiederholten Male weiten Raum und viel Zeit einräumten. Und natürlich an alle, die dabei waren und mithalfen, LAPSUS LIVE gut ins zwanzigste Jahr zu bringen. Achim

KRIEGSTAGEBUCH

von Dietrich Kittner

3. Teil, Fortsetzung und Schluß (Teil 1 in LOver 25, Teil 2 in LOver 26)

Mir fällt auf, daß auf der Autobahn entgegen unseren Erwartungen kaum ein Fahrzeug mit Friedensaufklebern am Heck zu sehen ist. Ich rufe eine Druckerei in Kassel an, wo wir heute übernachten werden, und bitte, mir doch freundlicherweise bis morgen 2000 Aufkleber herzustellen mit dem einfachen Text: "Stoppt den Krieg! Sofort!!" Ich will sie in den Vorstellungen verteilen. Als ich die Dinger mittags abhole, frage ich nach der Rechnung. "Nein", sagt der Drucker, "solche Sachen mache ich so." Und: "1000 Stück habe ich für mich selbst mitgemacht. Das durfte ich doch?" So etwas gibt es auch.

Joseph Fischer weilt zwischendurch bei seiner neuen Freundin Albright in Washington. Gemeinsam tritt das Paar vor die Kamera. Make war not love! "Verhandelt wird nicht", erklärt die blutige Madeleine. "Es muß bis zum Ende gehen." Was immer sie damit meint.
Der Außenminister hat inzwischen Strafanzeige wegen des Bielefelder Farbbeutels erstattet. Für so etwas hat er kein Verständnis. Er selbst hätte während seiner Frankfurter Sturm- und Drangzeit in einem solchen Fall wohl doch lieber den guten alten Pflasterstein gewählt.
Kriegsherr Scharping lädt im Rahmen des Europa-Wahlkampfes in Essen zu einer "Diskussionsveranstaltung" ein. Als die geladenen Diskutanten ihren Unmut über den Krieg äußern, sofortigen Frieden fordern, läßt er sie per Polizeieinsatz entfernen und erkennungsdienstlich behandeln. Na klar: friedensverherrlichend = wehrkraftzersetzend = staatsabträglich, also kriminell.
Die Serviererin im Lokal, eine ältere Frau aus der Nähe von Zagreb, Bosnierin mit einem Serben verheiratet, erzählt Christel und mir, wie sie 1995 von kroatischen Soldaten aus ihrer Heimat geprügelt wurde. "Wo war denn da die NATO?" fragt sie, den Tränen nahe. - Als "Militärberater" in den Stäben der kroatischen Armee.
Mir fällt eine Geschichte aus dem Jahre 1987 ein. Da fuhren Christel und ich im Sommer durch kleine Dörfer an der Save. Wunderschöne alte slawische Holzhäuser gab es da, und ich fotografierte vom Straßenrand aus die Idyllen. Fast regelmäßig wurden wir dabei hereingebeten auf einen Slivovic. "Schaut mal, wie schön es von innen ist!" Und häufig mußten wir uns mit Ausreden der Einladung entziehen, über Nacht zu bleiben. "Es gibt auch Eier zum Frühstück. Wo kommt Ihr her? Erzählt!" Nur ein einziges Mal, im Dörfchen Mahovo, verbat sich eine ältere Frau entschieden, daß wir ihr Haus fotografierten. Sie erklärte uns erregt, ihre ganze Familie sei von den Deutschen umgebracht worden. Zwei Straßenarbeiter, die die Szene beobachtet hatten, eilten herbei, versuchten vergeblich, sie zu beruhigen. Auch der Hinweis auf die VVN-Mitgliedsnadel, die ich trug, half nichts. "Nijema ostaje nijema," sagte sie, Deutscher bleibt Deutscher. Mir hat das damals sehr weh getan. Heute muß ich beschämt eingestehen: Aus ihrer Sicht hatte sie recht - auch wenn ich es für mich selbst nicht so sehe.
"Milosevic ist der neue Hitler", tobt am Rande der Open-air-Veranstaltung an der Frankfurter Hauptwache ein Andersdenkender, "Dem kann man gar nicht genug Bomben draufschmeißen." Und drei Minuten später: "Mit sowas wie Euch hätte der Hitler aufgeräumt."
Wie man hört, geht es der NATO auch darum, den Jugoslawen Demokratie beizubringen. Sie sollen sich ihren Präsidenten wählen dürfen. Das haben sie unter internationaler Aufsicht zwar getan, aber für die USA mißt sich der Grad der Freiheit offensichtlich erst an einem dem Weißen Haus genehmen Wahlergebnis - wie die Erfahrung in der benachbarten, unter UNO-Mandat stehenden Republik Srpska in Bosnien lehrt: Die Besatzungsarmee besetzte und schloß dort einfach Rundfunksender, die sich weigerten, eindeutig Wahlwerbung für die Kandidatin zu betreiben, die die USA für die Bevölkerung ausgewählt hatten. Als dann letztes Jahr doch ein Präsident gewählt wurde, der Washington nicht paßte, setzte sie den Gewählten unter Gewaltdrohung ab. Demokratie ist eben je nach dem.
Wegen der "Informations- und Meinungsfreiheit" hat eine britische Satellitenbetreiberfirma den - bezahlten - Sendeplatz des jugoslawischen Fernsehens aus dem Programm geschaltet. Einen Kommentar dazu wollen die Zensoren nicht geben. Journalisten und einfache Konsumenten können originale Bilder von den Auswirkungen des Krieges nun nicht mehr empfangen. Wozu auch? Es gibt ja den CIA-Sender "Radio Free Europe". Der sagt schon, was Freiheit ist.
"Frieden!", titeln die deutschen Medien jetzt. Mir machen die Untertöne angst. Genugtuung über die Kapitulation des Kriegsgegners, die Annahme eines "nicht verhandelten Vertrags" ist unüberhörbar. Wir Deutschen haben nach so langer Pechsträhne endlich mal wieder einen Krieg gewonnen! Natürlich schreibt das niemand zu offen. Auch nicht, daß nach 1914 und 1941 der Erbfeind Serbien im dritten Anlauf nun doch in die Knie gezwungen wurde. Vornehmer heißt das: Wir sind (wieder!) "militärische Ordnungsmacht" auf dem Staatsgebiet Jugoslawiens - und darüber hinaus. Die Revision der "Niederlage" von 1945, die Vormachtstellung gegenüber den europäischen "Siegermächten" des 2. Weltkriegs hatte der Rechtsnachfolger des Deutschehn Reiches bisher ja noch mit anderen, das nationale deutsche Gemüt weniger erhebenden Mitteln durchsetzen müssen. Aber jetzt: ein gewonnener Krieg! Ein relativ kleiner zwar noch, aber immerhin: ein Neuanfang. Die Offiziellen schwafeln plötzlich nicht mehr von "humanitärer Aktion", "friedenserzwingender Maßnahme" oder gar "Nothilfe"; sie sprechen jetzt ganz selbstverständlich vom "Krieg". Noch vor acht Wochen putzte der ausgeflippte Scharping öffentlich einen Journalisten herunter, der die Vokabel Bombardement in den Mund zu nehmen gewagt hatte. Wozu heute noch Biedermannmaske! Krieg ist wieder schick in Deutschland, etwas ganz Normales. Da sollte es doch mit den Russen oder Chinesen zugehen, wenn es beim nächsten Mal nicht auch wieder klappte.
Heute zeigt das Fernsehen Bilder vom deutschen "Einmarsch" (Zitat) im Kosovo. Prizren. Das letzte Mal war ich 1987 dort. Orient. RomantischerBalkanfan, der ich war, habe ich Bilder, Bilder, Bilder gemacht. Ein Völker- und Trachtengemisch, wie es sich sonst nirgendwo in Europa mehr findet. Im einzigen Hotel dort, gleich neben der Moschee, waren wir die einzigen Touristen. Wer interessierte sich damals schon für das Kosovo, von einigen weitsichtigen Politikern wie Klaus Kinkel wohl abgesehen. Im Schaufenster der Buchhandlung serbokroatische und albanische Titel bunt durcheinander. Hier hätten die Grünen mal sehen können, was multikulturell heißt. Christel hat mich damals davon abgehalten, nun auch noch - ich bin, was Sprachen betrifft, neugierig - ein albanisches Wörterbuch zu erstehen. Die Leute waren offen, freundlich, Muslime wie Christen. In der Slasticarna haben wir ellenlang diskutiert, erzählt.
Ab heute gibt es wieder einen deutschen Stadtkommandanten. Panzer rücken ein. Die Straßen kenne ich noch. Per Lautsprecherwagen wird aufgefordert, keine Steine zu werfen. Prompt fliegen sie in die Scheiben abfahrender "Serben-Autos". Eine Schießerei. Zwei Männer - "Serben" heißt es natürlich - werden in ihrem frei auf dem Platz stehenden Lada erschossen, ein deutscher Feldwebel am Arm verwundet. Erstmals wieder seit 1945, daß deutsche Soldaten im Ausland scharf schießen. Ungewohnt noch: Laute deutsche Kommandos gemischt mit Schüssen, im Hintergrund das Minarett. Der Anlaß des Schußwechsels wird vage geklärt: Die beiden Serben, sagt der Sprecher, hätten aus ihrem Wagen heraus die mit Panzern einfahrenden deutschen Truppen angegriffen. Woanders habe die UÇK Serben erschossen. Eine interessante Information. Entgegen dem diktierten Vertrag, den man sonst sehr genau interpretiert ("Sie haben noch 28 Minuten zum Abzug", erklärt der deutsche Befehlshaber dem jugoslawischen Kommandeur) ist die UÇK nicht entwaffnet worden.
Die deutschen Truppen werden von den Menschen am Straßenrand freundlich begrüßt. Im Sudetenland und in der Ostmark gab es seinerzeit natürlich doch noch mehr Jubel, wie alte Filmaufnahmen zeigen. Aber immerhin: Irgendwo, erzählt der Kommentator, seien sogar "selbstgepflückte (!) Blumen auf die Panzer geworfen" worden. Eine große Stunde für unser stolzes Heer.
Und für "die Bevölkerung". Sie hat "Serben aus einem PKW gezogen" - es sei ein "albanisches Auto" gewesen, in dem sich auch "albanische Sachen" befunden hätten. Allein gestern haben über 10.000 serbische Flüchtlinge die Grenze nach Montenegro überschritten - "mit Sack und Pack", wie der Sprecher nicht ohne Häme anmerkt. Sachkundig wird erläutert, daß "die Serben" vor ihrer Abreise albanische Wohnungen "plündern". Sie nähmen alles mit. Das Schweizer Fernsehen zeigt dagegen, wie eine serbische Familie in ihrer - wohl untypisch - eigenen Wohnung packt. Bei der deutschen ARD freilich liest es sich so, daß die im Kosovo doch überaus privilegierten Serben offensichtlich keinen eigenen Besitz haben, der des Mitnehmens wert wäre, und sich daher am Eigentum der albanischen Nachbarn vergreifen, um dann mangels eines eigenen eben im kurzerhand gestohlenen "albanischen Auto" zu verduften. Vielleicht ist es aber auch nur so, daß "die Serben" grundsätzlich lieber klauen und plündern, als eigenes Hab und Gut mit auf die Reise zu nehmen. Bei Albanern, die sich mit fremden Möbeln versorgen, ist es laut ARD anders: "Die Armut hat zusätzliche Spuren im Rechtsbewußtsein hinterlassen." Bedauerlich - aber verständlich eben.
Diese Art der Berichterstattung zieht einem die Schuhe aus. "Die Serben" sind da grundsätzlich "Heckenschützen", UÇK-Leute - und mögen sie auf Unbewaffnete schießen - "Kämpfer". In Mazedonien eintreffende albanische Kosovo-Flüchtlinge hatten dem Fernsehen auch die unglaublichsten Geschichten stets "berichtet"; eine serbische Familie, an der Grenze zu Montenegro in ihrem durch deutlich sichtbare Einschußlöcher und zertrümmerte Scheiben gezeichneten Auto sitzend, "behauptet, sie sei von der UÇK beschossen worden". "Racheakte" sind ja nicht schön, aber verzeihlich. Kann man sich in den Medien nicht endlich mal einer weniger vorbelasteten Sprache bedienen? Auch in den Nachrichten des "Großdeutschen Rundfunks" hörte man immer von "Heckenschützen" und "verständlichen Racheakten der einheimischen Bevölkerung der Ukraine an zurückgebliebenen Juden und Bolschewisten". Muß man solche Vokabeln unbedingt weiterverwenden? Ich kann ja als Nachrichtenkonsument den Wahrheitsgehalt von Meldungen im Regelfall nicht überprüfen, bestenfalls Widersprüche und offensichtliche Versuche der Stimmungsmache registrieren. Die machen mich dann allerdings mißtrauisch und lassen Spielraum für Rückschlüsse und Vermutungen. Wer manipuliert, hat es nötig. Eine weniger eindeutig gefärbte Berichterstattung wäre glaubwürdiger. Wo liegt die Wahrheit? In den deutschen Nachrichtensendungen ganz sicher nicht.
Einstweilen ist "ein gesichtswahrendes Abkommen" (Tagesthemensprecher) unterzeichnet worden, demzufolge die UÇK ihre schweren Waffen noch 30 Tage behalten darf (wozu?) und die leichten Waffen erst nach Ablauf von drei Monaten abgeben soll. Allerdings nur "einen Teil". Den anderen Teil soll sie behalten dürfen (wozu?), weil die im UNO-Text gebrauchte Vokabel "Demilitarisierung" ja nicht "Entwaffnung" bedeute. Auch wird die UÇK gebeten, jetzt "nicht mehr zu schießen und keine Minen mehr zu legen". Das nächste Fernsehbild zeigt "vier alte Männer, Serben, die auf der Suche nach entlaufenem Vieh erstochen" wurden. Es fällt schwer, nicht zynisch zu werden.
Das Abkommen besagt auch, daß ausländische, nichtalbanische Kämpfer das Land zu verlassen hätten. Bemerkenswert deshalb, weil die Existenz solcher Söldner in den Reihen der UÇK bisher stets geleugnet wurde. Handelt es sich um jene seinerzeit von der CIA rekrutierten, bewaffneten und teilweise sogar in den USA ausgebildeten fanatischen Moslems, die, nach Erledigung ihrer Aufgabe in Afghanistan in alle Welt versprengt, als "Kämpfer Allahs" an ihren grünen Stirnbinden kenntlich im Bosnien- und Tschetschenienkrieg für ihre Härte und extreme Grausamkeit berüchtigt waren? In Algerien hat diese Mörderbande Zigtausende von Opfern auf dem Gewissen.
UNO-Generalsekretär Kofi Annan gesteht heute vor der Presse offiziell ein, daß sich unter den Mitgliedern der UNO-Kommission zur Kontrolle des Friedensabkommens im Irak tatsächlich "amerikanische Spione" der CIA befunden haben. Damit würden zukünftige Friedenssicherungsaktionen der UNO "problematisch". Der Irak hatte also recht, als er im letzten Jahr den UNO-Kontolleuren Zugang zu hochsensiblen Verteidigungsanlagen verwehrte mit der Begründung, CIA-Agenten nutzten die UNO-Kontrolle zur Spionage. Daraufhin erfolgte der amerikanische Bomben- und Raketen-Überfall vom Dezember 98. Werden die über eintausend Todesopfer dieses "Luftschlages" jetzt wieder lebendig gemacht? Im Gegenteil. Mit nur fünf, inzwischen schon routinemäßigen Zeilen meldet die Zeitung heute einen amerikanischen Luftangriff gegen den Irak, den zweiten in dieser Woche.
Den Frieden im Kosovo beschreibt der österreichische Rundfunk in seinen Nachrichten heute so: "Mord, Raub und Plünderungen sind an der Tagesordnung. Im gesamten Kosovo herrschen Terror und Brandstiftung. Ganze Dörfer werden niedergebrannt." Dafür hat die NATO monatelang mannhaft gebombt und getötet. Es folgt ein Bericht über einen gerade entdeckten "Folterkeller der UÇK". 130 Spezialisten seien dort in einem Bunker versteckt am Werk gewesen. Über die Zahl ihrer Opfer wird nichts gesagt. Abschließend heißt es lapidar: "In Pristina gibt es keine Serben und Roma mehr." Es ist halt alles nur eine Frage der Formulierung: Natürlich sagt niemand "ethnisch gesäubert" oder "serbenfrei".
Von Fischer und Scharping hört man nichts mehr über Menschenrecht. In der Zeitung steht, man müsse eben akzeptieren, daß auf dem Balkan eine andere, rauhere Mentalität herrsche. Ach so. Das haben die beiden Humanisten wohl gelesen.
Die 130 Folterknechte hat man laufen lassen. Der deutsche Befehlshaber in Prizren, Herr von Korff, erklärt, Personalien habe man nicht festgestellt, denn die Täter seien teilweise maskiert gewesen. "Ich konnte doch nicht 130 Leute festnehmen lassen." Na, dann. Wetten, daß er gekonnt hätte, wenn es "die Serben" gewesen wären?
Die mittelständische deutsche Industrie sieht es anders. Sie fordert jetzt öffentlich per Presseerklärung, "beim Wiederaufbau auf dem Balkan angemessen berücksichtigt" zu werden.
Mir fällt dazu ein Rundfunk-Interview mit Otto Wolff von Amerongen vor einigen Jahren ein, das mir schon damals viel Klarheit verschafft hat. Auf die Frage nämlich, ob er Auswege aus der damals vielbeklagten Krise der deutschen Industrie sehe, fand sich der adlige Herr, seinerzeit Galionsfigur "fortschrittlichen Unternehmertums", zu einer bemerkenswert offenen Antwort bereit: Es gebe einen "Hoffnungsschimmer": Der Krieg zwischen Iran und Irak habe schon Sachschäden in Höhe von rund 25 Mrd. Mark verursacht; sicher werde ein Teil der Wiederaufbauaufträge nach Kriegsende auch an deutsche Firmen vergeben.
Krieg also: der treusorgende Vater aller Geschäfte.
Der neue Garchinger Atomreaktor soll nun doch mit waffenfähigem Uran gefüttert werden. Das war ja auch zu erwarten. Wo kämen wir denn hin, wenn die Regierungsparteien einmal zu einer ihrer Wahl- und Koalitionsaussagen stünden? In die weltpolitische Bedeutungslosigkeit. Wir sind doch jetzt Weltmacht, und beim nächsten Krieg wird es vielleicht wichtig, auch mal kurz mit unserem unverzichtbaren atomaren Bedrohungspotential winken zu können.
Einen leisen Dämpfer versetzt solchen Überlegungen freilich Herr Zbigniew Brzezinski, amerikanischer Sicherheitsberater und einst begnadeter Architekt des Afghanistankriegs (s.o.: Kosovo). Der erklärt nämlich im zweiten Programm des Österreichischen Fernsehens mit der ihm eigenen brutalen Direktheit: Auch wenn viele Europäer dies nicht gern hörten, sei nach den Tatsachen "Europa ein Protektorat der USA". Verblüffenderweise bleiben in der europäischen Tagespresse Schlagzeilen aus. Andererseits: Wer wird sich noch über derlei Binsenwahrheiten aufregen.
Alles das, was ich bisher für die Zukunft befürchtet habe, finde ich unverhofft von einer keinesfalls linker Einstellung verdächtigen Seite bestätigt. Die Grazer "Kleine Zeitung" - so nennt sich das auflagenstärkste Presseerzeugnis der Steiermark in vornehmer Bescheidenheit - liefert in seiner Ausgabe vom 25. Juni 1999 (das Datum halte ich voller Hochachtung fest) eine Prognose für die Entwicklung auf dem Balkan: "Recht haben" - leider, leider - "noch jene Beobachter, die Milosevic ... einen Wahlsieg voraussagen. Dann könnte der Kriegszustand weitergehen. In Montenegro könnte es sogar zu einem blutigen Krieg kommen." Die Teilrepublik "müßte sich dann von Jugoslawien zu trennen versuchen, wie einst Slowenien. Der Krieg von 1991 könnte seine letzte Runde aber auch im serbischen Kernland finden. Das würde dann passieren, wenn die serbischen Politiker meinen, im Kampf um die Macht Polizei oder Armee einsetzen zu müssen. Die bewaffneten Kräfte könnten sich dann auf die politischen Streitparteien aufspalten, und der Bürgerkrieg wäre da."
Genau so habe auch ich die - im Wortsinne - generalstabsmäßigen Planvorgaben aus der Konsequenz des zehnjährigen, nein: 59jährigen zur Zerschlagung Jugoslawiens geführten Krieges immer eingeschätzt. Nur hätte ich mich nie getraut, meine Vermutungen und Befürchtungen so unverfroren in einem so präzisen Szenario zu veröffentlichen. Die "Kleine Zeitung" ist mir da über. Sie wird nämlich von der katholischen Kirche herausgegeben. Und die weiß, was die Zukunft betrifft, eben immer ein wenig mehr. Hat sie doch bekanntermaßen seit eh und je ein besonders inniges Verhältnis zur Vorsehung - oder vielleicht sogar mehr noch: zum großen Geld und der CIA.
(Dietrich Kittner aus Ossietzky)
"Die Serben waren immer die Unruhestifter. Wir müssen sie jetzt zur Strecke bringen. Der Balkan darf nicht mehr Pulverfaß Europas bleiben. Auch Rußland darf hier nicht wieder wie vor dem Weltkrieg hineinfingern. Wien ist an diese Dinge mit der alten, guten Diplomatie herangegangen. Wir müssen hier machtmäßig Ordnung schaffen. Das geschieht jetzt. Die Operationen sind alle noch in der ersten Entwicklung. Man kann fast wie im Frieden arbeiten. Nur die ewige Spannung läßt sich nicht abschütteln. Ich lese viel Material über Serbien, Land, Leute, Geschichte. Ein tolles Land! Und ein noch tolleres Volk. Aber wir werden damit fertig werden." Josef Goebbels, 8.4.1941 (Tagebuch)

Frau Nichtig

eine Odyssee, 7. Teil, aufgeschrieben von Regina
(1. Teil in LOVER 20, 2. Teil in LOVER 21, 3. Teil in LOVER 22, 4. Teil in LOVER 23, 5. Teil in LOVER 24, 6. Teil in LOVER 26)

Als Frau Nichtig am nächsten Morgen allmählich zu sich kam, erwachten mit ihr der Reihe nach folgende Gefühle: Verwirrtheit, Übelkeit, Peinlichkeit und Reue, wobei sie die Übelkeit am heftigsten plagte. Frau Nichtig schob ihren Kopf vorsichtig unter der Bettdecke hervor und öffnete zögernd die Augen.
Scheußlich, dieses grelle Licht! Ein widerlicher Geruchsmischmasch aus Zigarettendunst, Alkohol und anderen, nur allzu menschlichen Ausdünstungen, über dem ein leicht süßlicher Hauch von Erbrochenem schwebte, beleidigte ihre empfindliche Nase. Großer Gott, war ihr übel! Nach und nach erinnerte sie sich an die Ausschweifungen des vergangenen Abends. In ihrem ganzen Leben war sie noch nie so betrunken gewesen. Sie wußte nicht einmal, wie sie in Brigittes Bett gekommen war, geschweige denn, warum sie nurmehr die rosa Unterwäsche trug. Hoffentlich waren die anderen Frauen schon weg - nie wieder würde sie sich in Zimmer 13 des Obdachlosenheims (Diese Unglückszahl! Warum war ihr das gestern nicht aufgefallen ?!) blicken lassen können. Sie spähte verstohlen zum Bettgestell in der Mitte des Zimmers hinüber. Gott sei Dank, es war leer.
"Na, du alte Schnapsdrossel, auch schon wach? Von wegen: 'ein Gläschen Wein in nette Atmosphäre'. Hast ja'n ganz schönen Zug am Leib, aber vertragen kannste nich für'n Sechser!" dröhnte in diesem Moment die Stimme dieses Mannsweibes Hertha an Frau Nichtigs Ohr, so daß ihr fast der Schädel platzte. Ach, diese Schande! Wie gern hätte sich Frau Nichtig gleich wieder unter der Bettdecke verkrochen, aber ihre Übelkeit hatte sich so gesteigert, daß Schamgefühle hinter den Kampf um's nackte Dasein zurücktreten mußten.
"Könnten wir nicht das Fenster aufmachen? Die Luft ist so stickig", ließ sie ein gequältes Stöhnen vernehmen. "Tu dir keinen Zwang an."
Nur mit allergrößter Anstrengung gelang es Frau Nichtig, sich aus dem Bett zu hieven und das sperrige Fenster wenigstens einen Spalt breit zu öffnen. Mitten im Genuß der hereinströmenden, wohltuenden Sauerstoffdusche wurde sie sich ihrer höchst unkonventionellen Anzugsordnung bewußt. Sie befanden sich immerhin im Erdgeschoß und vor dem Fenster hing nicht das kleinste Zipfelchen einer Gardine. Alle Welt konnte sie sehen! Frau Nichtig zog sich erschrocken in die schützende Dämmerung des Zimmers zurück. Panikartig suchte sie nach ihren Sachen. Doch die waren nirgends zu finden, selbst die guten Salamanderschuhe waren weg.
"Ick hab' Brigitte gleich jesagt, sie soll deine Klamotten nich auf'n Stuhl hängen. Die da", Hertha deutete auf das mittlere Bett, "hat bestimmt gleich die Gelegenheit beim Schopfe jepackt. Die sehn wa nich wieda - da wett' ick druff! Aber anzieh'n hättste dat besudelte Zeug eh nicht können, so wie du gestern jereihert hast!"
Vor Scham wäre Frau Nichtig am liebsten im Erdboden versunken. Das Mannsweib lachte laut auf, was wie das Scheppern von Metallschüsseln klang. Es schepperte immer noch, als Brigitte das Zimmer betrat und von Frau Nichtigs Mißgeschick erfuhr.
Künstler unbekannt
"Mach' dir nichts draus, Hiltrud, früher oder später hätten sie dir die guten Sachen sowieso geklaut! Ich hol' dir was Nettes aus der Kleiderkammer." Bald darauf kam Brigitte mit einer braunen, an den Knien mächtig ausgebeulten Jogginghose, einem grauen, verwaschenen Pulli und einer schmutziggelben Strickjacke, die auch schon bessere Tage gesehen hatte, zurück.
"Schuhe gab's leider keine anderen mehr", meinte Brigitte entschuldigend und hielt Frau Nichtig ein Paar schäbige Holzpantoletten hin. "Danke ... für alles", murmelte Frau Nichtig kleinlaut und bedeckte ihre Blöße.
Die Jogginghose saß etwas knapp im Gesäß, dafür hätte die Stickjacke gut und gern der fetten Frau Schneider gepaßt. Wenn sie nun jemand Bekanntes in diesem lächerlichen Aufzug sah! Aber sie mußte unbedingt zu Horst - schon, um sich angemessene Kleidung zu verschaffen. Und irgendwie mußte er sie auch finanziell für all' die Pein entschädigen. Mein Gott, wie spät mochte es jetzt sein? Gott sei Dank hatte sich diese gemeine Diebin nicht auch noch ihrer schicken Armbanduhr bemächtigt, obwohl Frau Nichtig es in ihrem grauenhaften Zustand sicher gar nicht bemerkt hätte. Es war schon weit nach 10 Uhr - die 16,10 DM vom Sozialamt konnte sie also getrost vergessen. Aber jetzt ging es um andere Beträge. Sollte Horst sie ruhig in diesem erbarmungswürdigen Outfit sehen, vielleicht konnte das ja endlich seine Schlappschwanzmentalität auf Trab bringen. Frau Nichtig steigerte sich immer mehr in eine angriffslustige Stimmung hinein und verließ hocherhobenen Hauptes das Obdachlosenheim, was wegen der etwas zu kleinen Pantoletten allergrößte Anstrengungen erforderte.
Als sie an der Pförtnerloge vorbeiparadierte, wurde ihr plötzlich eine Eingebung zuteil. Sie kehrte schnurstracks um und schleuderte dem vor Schreck zusammenzuckenden Pförtner ihre neugewonnene Erkenntnis ins Gesicht: "Er heißt Tinki-Winky!" Frau Nichtig war längst draußen, als dieser verdattert den Kopf schüttelte und murmelte: "Was sind das bloß für verrückte Weibsbilder! Kein Wunder, daß man die aus ihren Wohnungen rausschmeißt!" In der Pförtnerloge hatte inzwischen ein Schichtwechsel stattgefunden...
Frau Nichtig näherte sich indessen wildentschlossen ihrer ehemaligen Wohnstätte. Als sie im Vorübergehen in der Frontscheibe eines kleinen Bäckerladens ihres eigenen Spiegelbildes gewahr wurde und sich vergebens nach der heruntergekommenen Person umschaute, die es wagte, sich in ihrer Nähe aufzuhalten, mußte Frau Nichtig gleich darauf heftig schlucken, um den Entsetzensschrei zu ersticken, der sich ihrer Kehle entringen wollte. Doch Frau Nichtig war inzwischen von den vielen Schicksalsschlägen gestählt und ließ sich auf ihrem gerechten Pfad nicht mehr aufhalten. Es ging hier schließlich nicht nur um sie - Frau Nichtig fühlte sich nunmehr als die stellvertretende Rächerin aller Erniedrigten und Beleidigten dieser Welt.
(aufgeschrieben von Regina, Fortsetzung folgt!)

Es war einmal... ein Jahrhundert

Teil 4:
"Oh dear, look what they've done to the blues - oder: The King's gone, but not forgotten, this is the story of... the 70s!"
"So muss das Leben wohl sein/ Es holt alle Verlierer mal ein/ Ich kam verlassen mir vor/ Drum adios, adios, adios amor..." (Andy Borg; "Adios Amor")
"I'm so confused/ I wish I could die die die..." ("Cockney Rebel": "Psychomodo")

"Love is free!" Dieser aus den 60er Jahren stammende Ausspruch kulminierte 1970 in Deutschland zum sogenannten "Nichtehelichengesetz". Auch musikalisch blieben die 60er Jahre stilprägend, wenn auch 1970 Musikgruppenauflösungen beziehungsweise Anhäufungen von Todesfällen auf der Tagesordnung standen (siehe auch Teil 3): The Beatles (10. April), Them (bereits ohne Van Morrison), Peter Green trennte sich von Fleetwood Mac, The Monkees, Jefferson Airplane erlebten in diesem Jahr den Anfang vom Ende, Lou Reed verließ Velvet Underground (1971 folgte dann das endgültige Aus der Gruppe). 1971 erfolgte die Scheidung von Simon & Garfunkel und 1972 verabschiedeten sich Quicksilver Messenger Service.
Die Überlebenden wiederum feierten ihre (toten) Helden aus den 60ern in reminiszenter Weise. Die große Party begann, glamourös und glitzernd. Sie alle, das Publikum eingeschlossen, stampften mit, pomadisierten den Scheitel und die Hemdkrägen wuchsen und wuchsen. Hippies wurden ins Berufsleben integriert. Androgynität war in: David Bowie, Bryan Ferry, Steve Harley.
Der Synthesizer hielt Einzug und somit die deutsche Formation Kraftwerk als Antithese zur Gitarre. Rock-Musik verirrte sich in die Überladenheit des Bombast. Yes, ELP, Queen, Genesis und später Meat Loaf/Jim Steinman als abschreckendste Beispiele dafür. Irgend etwas hatten sie alle zu verbergen, und sei es nur Angst, mit der elementaren Wucht der 60er Jahre nicht mithalten zu können. Wehmütige Rückblicke oder einfach Tribute -- schwer, hier differenzieren zu können.
Vielleicht mangelte es auch "nur" an neuer (bzw. beständiger) Kreativität. Was weiß ein Fremder, 1966 geboren, dessen erste Radio-Erinnerung "Rudi Ratlos" (Udo Lindenberg) war, das er liebte sowie "Wigwam" (Bob Dylan), das er derart schlecht fand, dass er entweder das Radio abschaltete oder einen anderen Sender suchte. Ach ja, da gab's (zumindest) noch einen Song: "A Hard Rain's A-Gonna Fall" von Bryan Ferry. Diesen Song liebte er auch, den Text verstand er zwar nicht, dafür aber das Lachen und den Rhythmus. Erst später, viel später, wurde ihm klar, dass sowohl "Hard Rain" als auch "Wigwam" von Bob Dylan und die rhythmische Lach-Version nicht das Original war. Da haben wir es. Was muss sich da erst ein Nirvana-Fan denken, wenn er erfährt, daß "Where Did You Sleep Last Night?" eine zwar ur-coole, aber dennoch ur-alte Leadbelly-Nummer ist?
Aber keine Vorgriffe bitte! Wir befinden uns in den schrillen 70er Jahren, in denen wir einige neue Musikströmungen kennen lernen sollten. Die waren in den Charts artig und brav konkurrierend in Geld zählender Harmonie nebeneinander vertreten:
Baccaras "Yes Sir, I Can Boogie!" genauso wie Nina Hagens Textzeile "Ich bin nicht deine Fick-Maschine!" oder Disco wie Punk. Keine Untergriffe bitte! Wir befinden uns in den schrillen 70er Jahren, in denen Akustik-Gitarren plötzlich vehement abgelehnt wurden -- oder doch nicht?
David Sandison (Island Records): "Ich sah Nick [Drake] in unserer Empfangshalle herumstehen und fragte ihn, ob er nicht in mein Büro kommen wollte. Da saß er also in meinem Büro, ein Master-Tape fest unterm Arm geklammert, sagte kein Wort, trank Tee, und dann, nach einer halben Stunde etwa, meinte er: 'I'd better be going...', das Master-Tape immer noch fest unterm Arm geklammert. Eine Stunde später rief mich die Empfangsdame an und sagte: 'Nick's left the tapes behind!' So ging ich runter und da war diese große Schachtel mit dem 16-Spur Masterband und darauf stand: 'Nick Drake: Pink Moon'." Diese Anekdote ist bezeichnend für das dritte und leider letzte Album zu Nick Drakes Lebzeiten, aber auch bezeichnend für seine letzten, schweigsamen Lebensjahre. Eingespielt wurde das Album in nur zwei Nächten. Die Ingredienzien: Nicks Stimme, seine Akustik-Gitarre sowie (nur beim Titelsong) ein paar eingestreute Piano-Klänge. Elf Songs bei einer Gesamtspieldauer von knappen 27 Minuten sind es schließlich geworden. Eine Tour-de-Force durch all sein Leiden. Intime, fragile Songs zwischen Schüchternheit, existentieller Ratlosigkeit und der Vorahnung nicht mehr lange zu leben; oder: bedrohliche, dunkle Songs, die letzte Hoffnung versagend -- selbst die Schlussnummer "From The Morning", in der er einen wunderschönen neuen Tag anbrechen läßt, verheißt nichts Optimistisches. "From The Morning" ist bloß Verdrängungstaktik, denn jeder Tag endet damit, dass ihm erneut die Dunkelheit auf den Kopf fällt. Zudem diese unsägliche Sprachlosigkeit, von der er nicht mehr wegkommt. Und so schiebt er sich ein Antidepressivum nach dem anderen rein. Am 24. November 1974 schließlich ging Nick Drake früh zu Bett und kam nie wieder zurück.
In jenen Tagen standen ein paar Musiker in einem Studio in Nashville und spielten ein Album ein, das zurecht Musikgeschichte schrieb. So manche Textzeilen führen scheinbar geradewegs salutierend zu Nick Drake, der allerdings mit Sicherheit nicht gemeint war: "I been double-crossed now for the very last time and/ now I'm finally free/ I kissed goodbye the howling beast on the borderline/ which separated you from me..." Es entlud sich der Zorn von Bob Dylan, dessen Verlust auf den Namen Sara [Lowndes] hörte und Dylan trug die zerbrochene Ehe öffentlich vor. "Blood On The Tracks" erschien am 20. Januar 1975. Verlorene Liebe, Schmerz und bittere Tränen. Die Öffentlichkeit jubelte. Da war er wieder, so wie "sie" (also wir) ihn haben wollten, noch dazu besser denn je! Zusätzlich eröffnete er mit seiner Rolling Thunder Revue neue Aspekte in Sachen Live-Musik.
Weitere Tragödien: Phil Ochs erstickte im Suff und bei Sandy Denny weiß man nicht so genau, "did she jump or was she pushed".
Marc Bolan, Keith Moon, Lowell George und -- ach! -- Gram Parsons ist auch so einer, der viel zu früh das Zeitliche segnete.
1970 schaffte dafür Neil Young bezeichnenderweise mit "After The Goldrush" endgültig den kommerziellen Durchbruch. Van Morrison untermauerte seinen Ruf als ungewöhnlich vielfältiger Musiker und lieferte mit "Moondance" einen weiteren Meilenstein der Musikgeschichte ab. Ray Davies (The Kinks) forderte "Lola" zu einem Tänzchen auf und Syd Barrett vertonte seine Abgehobenheit, aber das interessierte die Öffentlichkeit kaum, denn es gab ja Pink Floyd. In den U.S.A. begaben sich die David Bromberg Band, Jerry Garcia & David Grisman sowie Ry Cooder auf die große Schatzsuche. Deren Gitarrenspiel blieb lange Zeit einzigartig, ähnlich den Texten Randy Newmans, die vor poetischem Sarkasmus nur so strotzten. J.J. Cale benutzte als einer der ersten einen Drum-Computer -- Personalkosten sind eben doch teuer -- seine Laid-Back-Kunst aber wird wohl immer unerreicht bleiben.
Und Frauen? Kate & Anna McGarrigle hinterfragten ebenfalls den Mythos Americana in Form sehr familiär-persönlicher Texte.
Ihr Output ist leider sehr bescheiden, die Qualität der Songs dafür umso besser. 1973 debütierte Joan Armatrading (gemeinsam mit Pam Nestor) und schuf seither wunderbare Love-Songs. Ihre Mixtur aus Folk, Blues und Reggae resultierte in reifen wie auch ergreifenden Tondokumenten. Kein Kitsch, kein Pathos, keine Oberflächlichkeiten, sondern Gefühle pur. Joni Mitchell brachte 1974 Jazz in ihre Folk-stämmigen Kompositionen und hatte hörbar Spaß dabei; ein Jahr später integrierte sie -- also noch vor den Talking Heads -- burundische Trommeln in ihre komplexen Songstrukturen. Ein Stück World-Music, bevor "World-Music" zum Idiom wurde.
Kaum zu glauben, wir befinden uns immer noch in den schrillen 70er Jahren, in denen The Beatles sich mal Wings, mal E.L.O. nannten und leider eher aufgewärmt als taufrisch klangen.
Frisches hingegen entstand wieder einmal in Amerika: Punk! Am Anfang war das Wort: Ein Comic mit heute vermutlich unbezahlbarem Sammlerwert war das auslösende Moment einer musikalischen Runderneuerung, die schließlich -- wieder einmal -- in GB die ersten kommerziellen Früchte trug und irgendwann in einer Sackgasse landete. Punk hieß Ablehnung, Punk war -- zu Beginn jedenfalls -- keineswegs politisch wie Folk-Music, sondern sehr persönlich, z.B. wenn Wayne County über "Scheiße" sang und "Scheiße" (in Form von Hundefutter) während der Live-Performance aß.
Noch eine Frau fehlt, richtig: Patti Smith. Sie bekommt einen Ehrenplatz, denn niemand formulierte den Sound der 70er Jahre in derart gelungener Weise wie die Patti Smith Group.
Zu guter Letzt: "The Clash" bereiteten sich auf ihr Masterpiece vor und Ende der 70er Jahre begann die große Suche nach Gott -- böse Zungen behaupten, weil Elvis Presley endgültig den Löffel abgab... aber davon mehr in Teil 5...

Plattentipps zu den 70ern

Joan Armatrading: "Whatever's For Us" (1973), "Back To The Night" (1973), "Joan Armatrading" (1976), "Show Some Emotion" (1977), "To The Limit" (1978), "How Cruel" (1979, EP mit nur vier Songs, aber was für welchen! Leider nicht auf CD erhältlich! Alle A&M).
The Band: Zwei Live-Alben, die kaum Wünsche offen lassen: "Rock Of Ages" (1972, Capitol/EMI), "The Last Waltz" (1978, Warner)
Syd Barrett: "Barrett", "The Madcap Laughs" (beide 1970, Capitol).
The Boomtown Rats: "The Fine Art Of Surfacing" (1979, Mercury) -- Oder: Was aus Punk geworden ist...
David Bromberg: "Wanted/Dead Or Alive" (1974, Columbia) -- Einer der unterschätztesten Musiker Amerikas.
The Clash: "Give 'Em Enough Rope" (1978, CBS) -- Die natürliche Kraft von Stromgitarren. Ein Paradebeispiel gelungener Populärmusik. Steigerung unmöglich? Falsch! Das Meisterwerk wartete bereits bei Fuß!
Cockney Rebel: "The Psychomodo" (1974, EMI).
Ry Cooder: "Paradise And Lunch" (1974, Warner), "Cicken Skin Music" (1976, Warner) sowie "Showtime" (1977, Warner): Letzteres ein Highlight in Sachen Live-Album. Alleine schon die Version von "Jesus On The Mainline" ist purer Genuss und gleichzeitig Frust, wenn man gerade dabei ist Gitarre spielen zu lernen...
Elvis Costello: "My Aim Is True" (1977, Demon) -- Ein gelungenes Debut.
Nick Drake: Vorsicht Suchtgefahr! Er wird gerne mit Robert Johnson verglichen, denn beide starben früh und von beiden gibt es nur wenig Aufnahmen, aber die sollte man alle kennen. Auf der posthum erschienenen Box "Fruit Tree" (Hannibal, 4 CD-Box, 1986) sind sie alle versammelt -- in sehr edler Aufmachung, mit sämtlichen Texten und ausführlichen Liner Notes. Die Originalplatten ("Five Leaves Left", 1969; "Bryter Layter", 1970; "Pink Moon", 1972, alle Island) sind leider kaum mehr zu bekommen.
Bob Dylan (alle Sony/Columbia): "Blood On The Tracks" (1975), "Desire" (1976), "Hard Rain" (1976, das leider bislang einzige offizielle Live-Dokument der "Rolling Thunder Revue"), "Street Legal" (1978, remastered 1999) und "Slow Train Coming" (1979).
John Fogerty: "Blue Ridge Rangers" (1973, Fantasy) -- Leider etwas untergegangen, das gute Stück. Hier zeigte jedenfalls einer, was alten Liedern mit Spielfreude Gutes angetan werden kann.
Jerry Garcia: "Garcia" (1974, Round)
Rory Gallagher: "Irish Tour '74" (1974, Chrysalis)
Grateful Dead: "American Beauty" (1970, Warner)
The Kinks: "Muswell Hillbillies" (Rhino), "Everybody's In Show-Biz" (1972, RCA), "One For The Road" (1980, Arista) -- "Show-Biz"ist quasi die Gegenwartsbewältigung von The Kinks, das 80er-Live-Album ein Rückblick auf vergangene Meisterleistungen. Eine Verbeugung vor sich selbst, ohne die Punk-Bewegung außer Acht zu lassen. Die letzte bedeutende Kinks-Platte jedenfalls.
Kate & Anna McGarrigle: "Kate & Anna McGarrigle" (1975), "Dancer With Bruised Knees" (1977, beide wiederveröffentlicht auf Hannibal).
Joni Mitchell: "Blue" (1971), "Court & Spark" (1974), "The Hissing Of Summer Lawns" (1975), "Hejira" (1976, alle Elektra)
Van Morrison: "Moondance", "His Band And Street Choir" (beide 1970, Warner Bros.); "Saint Dominic's Preview" (1972), "Hard Nose The Highway" (1973), "It's Too Late To Stop Now" (DoCD 1974, das definitive Live-Album, bis heute unerreicht!), "Veedon Fleece" (1974, alle A&M)
Randy Newman: "Sail Away" (1972, Warner), "Good Old Boys" (1974, Warner) -- Zumindest diese zwei Newman-Platten sollte man sein Eigen nennen.
Rock On: "The Bunch" (1972, Island) -- Diese Platte zu finden könnte schwer sein, aber es lohnt sich. Die Besetzung: Sandy Denny, Richard & Linda Thompson, sowie der gute Rest von den frühen Fairport Convention und Fotheringay. Eine Super-Star-Gruppe mit ausschließlich Songs von Chuck Berry, Hank Williams, etc. Gelungene Vergangenheitsbewältigung.
Rolling Stones: "Beggars Banquet" (1970, Decca) -- "Sympathy For The Devil" alleine genügt schon, um die Wichtigkeit dieser Gruppe zu unterstreichen. Dem folgten aber noch weitere gute Songs und Alben, z.B. "Sticky Fingers" (1971, Andy Warhols Cover ist nicht das einzig Gute dran, EMI) sowie "Exile On Main St." (1972, Für viele DAS Rolling-Stones-Werk schlechthin, CBS).
Roxy Music: "For Your Pleasure" (1973, EG/Virgin) und "Country Life" (1974, EG/Virgin)
Earl Scruggs And The Scruggs Revue: "Live At Kansas State" (1972, CBS) -- Country-Rock, der einfach Spaß macht!
Sex Pistols: "Never Mind The Bollocks Here's The Sex Pistols" (1977, Virgin)
Patti Smith: "Horses" (1975), "Radio Ethiopia" (1976), "Easter" (1978), "Wave" (1979, alle Arista/BMG).
Sparks: "Indiscreet" (1975, Island) -- Die Mael-Brothers swingen sich durchs abgefahrene Amerika. Punk-Rock paarte sich da mit Benny Goodman.
Talking Heads: "Fear Of Music" (1979, Sire) -- Dem Musikgeschehen war das Quartett eine gute Dekade voraus.
Richard & Linda Thompson: "I Want To See The Bright Lights Tonight" (1974, Island).
Loudon Wainwright, III: "Unrequited" (1975, CBS) -- Halb Studio, halb Live, so auch das Cover: auf der einen Seite lacht er, auf der anderen weint er. Zumindest die Live-Seite sollte man nicht versäumen!
Tom Waits: "Closing Time" (1973, Asylum) -- Der Mann war von Beginn an gut. Diese Platte steht gleichzeitig für alle anderen.
Neil Young: "Harvest" und "Rust Never Sleeps" kennt ja mittlerweile schon jeder, aber kennt ihr auch "Zuma" (1975, Warner) und "American Stars 'n' Bars" (1977, Warner)? Nein? Dann schnell mal kaufen!
Warren Zevon: "Excitable Boy" (1978, Warner) -- Für mich eine All-Time-Lieblingsplatte.
Da gäbe es noch so viel gutes Hörmaterial -- aber irgendwann muss ja Schluß sein... bis zur nächsten Folge mit den 1980ern. [mh]
[(c) 1999-2000 Manfred Horak. Alle Rechte vorbehalten. Erschienen bei "Der Schallplattenmann sagt" #184 & #185. (http://www.schallplattenmann.de/suchen.shtml?q=es+war+einmal)]

Nie vergess' ich wie es war

(Sonny Hennig, Ihre Kinder "Leere Hände" 1970)

Ein Staubwind fegt die Straßen leer und ich weiß, daß ich frier'.
Du hast mich niemals fortgeschickt und trotzdem bin ich hier.
Da, wo die eine Sonne scheint, fehlt mir die and're so.
Ich stehe hier die lange Nacht im Süden irgendwo
- im Süden irgendwo.

Doch nie vergess' ich, wie es war - all die Jahre.
Nie vergess' ich, wie es war.
Liebe ist für mich nie wieder ein Zufall.
Nie vergess' ich wie es war.

Mein trauriges Gepäck steht neben mir am Straßenrand.
Ich denke an die Liebe, die ich immer bei dir fand.
Einsam ließ ich dich zurück, doch einsam bin ich hier.
Es fällt kein Stern vom Himmel und kein Wunsch führt dich zu mir.
Kein Wunsch führt dich zu mir.

Doch nie vergess' ich, wie es war - all die Jahre.
Nie vergess' ich, wie es war.
Liebe ist für mich nie wieder ein Zufall.
Nie vergess' ich wie es war.

Doch nie vergess' ich, wie es war - all die Jahre.
Nie vergess' ich, wie es war.
Liebe ist für mich
nie wieder ein Zufall.
Nie vergess' ich wie es war.

Fortsetzung der Notizen zu Ken Wilber

(Die aktuelle und vollständig überarbeitete Version von "Notizen zu Ken Wilber" ist unter dem folgenden Link zu finden:
http://dirkhuebner66.de/wilberberdjajew.htm)

Teil 2  Dirk  (Teil 1 in Lover 26)
Ich werde nun im folgenden aus N. Berdjajews Buch: Die menschliche Persönlichkeit und die überpersönlichen Werte, Bermann-Fischer Verlag Wien, 1938, sehr umfangreich zitieren. Die darin enthaltenen Gedanken sind für meine weitere Argumentation maßgebend.
"Für die Existentialphilosophie, die das Rätsel des Seins nicht im Objekt, sondern im Subjekt erblickt, kehrt sich das Verhältnis um: nicht die Persönlichkeit ist ein Teil der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft ist ein Teil der Persönlichkeit, ist lediglich ihre soziale Seite. Die Persönlichkeit ist auch nicht ein Teil der Welt, sondern die Welt ist ein Teil der Persönlichkeit, ist ihre kosmische Seite. Darum liegt in der Persönlichkeit, nicht in der Gesellschaft, im Subjekt, nicht im Objekt das existentielle Zentrum. Und die Schwäche der Persönlichkeit, an der Macht der Gesellschaft und des Kosmos gemessen, bedeutet darum noch lange nicht ihren geringeren Wert. In dieser Welt kann das Wertvollere leicht als das Schwächere erscheinen. Der Sohn Gottes, der von den Mächten der Welt gekreuzigt wird, mag, gemessen an der Kraft derer, die ihn ans Kreuz schlagen, als ohnmächtig erscheinen. So auch erscheint Sokrates machtlos und schwach neben denen, die ihn den Giftbecher zu trinken zwingen. Die Propheten werden gesteinigt, und die Steine sind, nach dem Gesetz dieser Welt, mächtiger als sie. Daß Recht und Gerechtigkeit von den Mächten dieser Welt gekreuzigt werden, zeugt davon, daß ihre Macht anderer Art ist. Daher beweist die Schwäche der Persönlichkeit gegenüber der Welt, ihr Unterdrücktsein, noch lange nicht, daß sie ein geringfügiger Teil der Gesellschaft ist und nicht den höchsten aller Werte darstellt."
"Wir sagen bisweilen von einem Menschen, er sei unpersönlich, sei keine Persönlichkeit. Damit ist immer eine Wertung gegeben; es will besagen, daß eine Persönlichkeit sein so viel heißt, wie sich eine Qualität von allerhöchstem Werte zu eigen machen, eine bedeutende Aufgabe auf sich nehmen. Aber noch der unpersönlichste Mensch ist ein Individuum. Ein solches Individuum kann hohe Begabung, großes Talent besitzen, ohne doch eine Persönlichkeit zu sein. Das Individuum ist eine naturalistische Kategorie, die Persönlichkeit aber ist im Gegensatz dazu eine geistige, ja eine geistig-religiöse Kategorie. Das Individuum bedeutet eine Naturtatsache, ein Naturgebilde. Persönlichkeit dagegen bedeutet eine Wertung, die Aussage über eine Qualität, sie ist ihrem Wesen nach ein axiologischer Begriff und gehört zum Reiche des Geistes. Nach der Kantschen Erkenntnislehre ist das Individuum Glied der Naturordnung, während die Persönlichkeit der Ordnung der Freiheit angehört. Das Individuum existiert nach der Art, wie alle Naturwesen existieren, die Persönlichkeit aber muß erst verwirklicht werden. Sie verwirklicht sich freilich im Individuum als in einem Gliede der gegebenen Welt."
"Eine Persönlichkeit gibt es nur dann, wenn in ihr ein Prinzip gegeben ist, das von Natur, Gesellschaft und Umwelt unabhängig bleibt. Die Persönlichkeit bestimmt sich von innen heraus, das heißt durch ein geistiges Prinzip, das im Gegensatz steht zu jeder Determination von außen her. Sie trägt in sich das Urbild eines höheren Seins als des Seins der Natur und der Gesellschaft. Wenn die Persönlichkeit von außen her kein Teil irgend eines anderen sein kann, so läßt sie sich auch nicht von innen her aus irgend welchen Teilen zusammensetzen. Wohl umfaßt sie einen vielfältigen Inhalt, der sich im Grenzfall universell zu erweitern vermag. Wohl wird sie durch diesen ständig wachsenden, vielfältigen Inhalt unablässig bereichert. Doch sie ist Einheit in der Mannigfaltigkeit. Ihre ursprüngliche Einheit und Ganzheit geht der Mannigfaltigkeit ihres Inhalts voran und bleibt von dieser Mannigfaltigkeit unabhängig.
Einheit in der Vielheit ist die Persönlichkeit und zugleich Wandellosigkeit im Wandel. Diese Unwandelbarkeit im Wandel gehört zu ihren wesentlichsten Bestimmungen. Es gibt keine Persönlichkeit, wo es keine Bewegung und keine Veränderung gibt. Aber es gibt auch keine Persönlichkeit, wenn sich im Wandel nicht zugleich Unwandelbarkeit, Einheit und Einzigkeit zeigt, wenn es nicht immer dieselbe Persönlichkeit ist, an der sich der Prozeß der Veränderung vollzieht."
"Die Persönlichkeit hat das Dasein eines Überpersönlichen zur Voraussetzung: ein Transzendieren über ihre Grenzen hinaus zu überpersönlichen Werten. Sie kann nicht in sich selbst abgeschlossen bleiben, sie muß aus sich heraus zu einem anderen hinüberschreiten: zu anderen Menschen, zur Gesellschaft, zum Kosmos, zu Gott. Die Persönlichkeit bedarf der Gemeinschaft mit anderen lebenden Wesen und der dienenden Hingabe an das, was sie als ein Höheres, als Wert, als Heiliges erlebt. Erst dann erfüllt sich ihr Leben mit einem qualitativen Inhalt. Die Persönlichkeit ist kein Teil der Gesellschaft und kein Teil des Kosmos, aber sie hat eine soziale und kosmische Seite. Der Mensch ist nicht bloß ein soziales Wesen, aber er ist auch ein soziales Wesen und hat die Bestimmung, seine Persönlichkeit auch innerhalb der Gesellschaft und in der Gemeinschaft und im Verkehr mit anderen Menschen zur Darstellung zu bringen."
"Die Realisierung der Persönlichkeit im Menschen hat die Fähigkeit der Unterscheidung zur Vorbedingung - Unterscheidung seines Ich von anderen Realitäten, von anderen Persönlichkeiten. Dem aber steht der Egozentrismus am störendsten im Wege. Alle Menschen sind ein wenig egozentrisch und müssen gegen diesen Sündenfall in sich ankämpfen. Doch der echte Egozentriker, im Zustand des Eingeschlossenseins in sich selbst, vermengt alles mit allem und läßt in dieser Vermengung die Persönlichkeit untergehen. Der vollendete Egozentriker kann jegliche Idee und jeden beliebigen Wert in ein Mittel zur eigenen Selbstbehauptung verwandeln. Jede Gemütsbewegung kann den Menschen aufschließen und ihn doch auch wieder in sich selbst verschließen; selbst die Demut kann zur schlimmsten Art des Hochmuts, der Selbstvergötterung, werden. Auch die Liebe zu irgend einer geistigen oder sozialen Idee kann eine Form des Egozentrismus sein. Das Epitheton 'persönlich' kann auch in negativem, absprechendem Sinne zur Kennzeichnung des Egozentrismus gebraucht werden; wenn man von einem 'sehr persönlich betonten' Menschen spricht, so ist damit nicht gemeint, daß der betreffende Mensch eine stark ausgeprägte Persönlichkeit besitzt, sondern daß er völlig von sich selbst besessen und unfähig ist, aus sich selbst herauszugehen. Die wahre Entdeckung der Persönlichkeit im Ich ist immer zugleich die Entdeckung der Persönlichkeit im Du, die Unterscheidung des Du vom Ich, die Fähigkeit, sich in das Du zu versetzen, wozu der Egozentriker nicht fähig ist.
Das Transzendieren der Persönlichkeit, das Hinübergehen zu anderem vollzieht sich in zwiefacher Weise: durch ein Inbeziehungtreten zu anderen Persönlichkeiten und durch ein Inbeziehungtreten zu überpersönlichen Werten und Heiligtümern. Der qualitative Inhalt der Persönlichkeit wächst hervor aus ihrer schöpferischen Vergemeinschaftung mit einem Du, mit einer anderen Persönlichkeit, mit einer Vereinigung von Persönlichkeiten, mit der Persönlichkeit Gottes - aber auch durch ein schöpferisches Inbeziehungtreten zu überpersönlichen Werten und Heiligtümern, die oftmals die Form von 'Ideen' annehmen. Eine Persönlichkeit ist arm und inhaltlos, wenn sie nicht irgend welchen über ihr stehenden Werten und Ideen dient und verpflichtet ist."
Das alles ist natürlich sehr verkürzt und unvollständig, und ich kann deshalb allen Interessierten nur empfehlen, das ganze Buch von Berdjajew zu lesen. Kommen wir jedoch nun wieder zurück zu Ken Wilber:
Er beginnt in seinem Buch mit ein paar allgemeinen Gedanken "An den Leser - Über Gott und die Politik". (S. 17) Für ihn stellt sich das drängendste Problem unserer Zeit in der Frage dar, "wie man die Tradition des Liberalismus mit einer echten Spiritualität verbinden kann." (S. 17)
Wilber hat Recht, wenn er sinngemäß den Liberalismus als Auflehnung gegen einen tyrannischen Gott charakterisiert, der letzteren durch eine ökonomische Tyrannei zu ersetzen trachtet, wogegen die Konservativen weiterhin an ihrem Gottvater festhalten, der alle, die sich ihm widersetzen, in die Hölle schickt und andere Götter nicht duldet. Darüber hinaus sagt Wilber: "Das Gute am Liberalismus ist seine Betonung der individuellen Freiheit und die Auflehnung der Herdenmentalität." (S. 19) Dem steht gegenüber: "Der Vorzug des Konservatismus ist seine Einsicht, daß man bei aller Bedeutsamkeit des Individuums und seiner individuellen Freiheiten einem schweren Irrtum erliegt, wenn man das Individuum für eine isolierte Insel hält. Das Individuum ist vielmehr zwangsläufig in einen innigen Kontext der Familie, der Gemeinschaft und des Geistes eingebunden, und es hängt sogar seine ganze Existenz von diesen tiefen Zusammenhängen und Verbindungen ab. Auch wenn man daher auf seine Individualität pocht, hängen die tiefsten Werte nicht in einem selbstverliebten Verständnis von Autonomie von der Beziehung zu einem selbst ab, sondern von der Beziehung zur Familie, zu den Freunden, zur Gemeinschaft und zum eigenen Gott. Wenn man diese tiefen Verbindungen leugnet, stört man damit nicht nur das Gefüge der Gemeinschaft und gibt es dem Chaos des Hyperindividualismus preis, sondern man zerreißt damit auch die tiefste aller Verbindungen, nämlich diejenige zwischen einer menschlichen Seele und einem göttlichen Geist." (S. 20)
Aus dem eben zitierten Absatz geht hervor, daß das Individuum nur im Kontext der Familie, der Gemeinschaft (bzw. der Gesellschaft) und des Geistes verstanden werden kann, was zutreffend ist. Das Individuum ist kontextabhängig und zugleich autonom. Das Individuum ist nicht eine auf den Menschen beschränkte Kategorie. Auch das Tier, die Pflanze, selbst ein Atom bildet eine individuell-autonome Einheit. Das Individuum ist somit eine Naturtatsache, das einen festen Rahmen hat und somit begrenzt ist. Das Idividuum ist jedoch immer nur ein Teil der Gemeinschaft vieler Individuen. Die Kontextabhängigkeit des Individuums ist seinSchicksal. Niemals kann ein Individuum seinem Schicksal entfliehen, außer es wird vollständig in einen anderen Zusammenhang hinein aufgelößt.
Aber wo nun befindet sich das existentielle Zentrum? Davon spricht Wilber in dem oben zitierten Zusammenhang (S. 20) nicht. Und hier muß ich ein Stück vorausgreifen: Wilber postuliert ein transpersonales Reich, in dem ein Ich, eine Person keinen Platz mehr hat. Das individuelle Ich muß nach Wilber transzendiert werden. Er unterscheidet nicht zwischen einem Rollen-Ich und einem wahrhaftigen, tiefen Ich, das eine wahrhaftige Persönlichkeit ausmacht. Er ordnet das Rollen-Ich einem transzendentalen Ich, einem Selbst, das in eine zustandslose Leerheit einmündet, unter. Dieses Selbst hat nach Wilber mit Persönlichkeit an sich nichts gemein.
Und da es nach Wilber letzten Endes keine Persönlichkeit gibt, wird der Mensch als Individuum, nicht als Persönlichkeit, angehalten, nicht nur an sich selbst zu denken und auf seine selbstverliebte Autonomie zu pochen, weil es angeblich die Vernunft und die Moral einfach gebietet. Auf diese Weise aber wird nicht klar, woher unser Wille zur Vernunft den Antrieb erhält, moralisch wirksam zu werden. Warum soll sich ein individueller Mensch einfühlsam in einen anderen individuellen Menschen hineinversetzen, wenn ihm seine Vernunft sagt, daß dadurch nur seine Konkurrenzfähigkeit geschwächt wird und er den anderen Menschen kompromißlos z.B. wirtschaftlich in die Knie zu zwingen hat?! Es muß also ein existentielles Zentrum geben, das über dem Individuum und der Vernunft stehend, umfassend diese integral beeinflussen und motivieren kann und das vor allem wertebestimmend ist. Und da es der Mensch ist, der vernünftig, integral und wertebestimmt handeln soll, muß dieses Zentrum ganz tief in ihm verwurzelt sein. Und dieses Zentrum muß vor allem beziehungsfähig sein, d.h., es muß dynamisch sein. Das dafür nur die Persönlichkeit und nicht eine anonyme zustandslose Leerheit in Frage kommt, das ist meine tiefste Überzeugung!
Der Mensch als Individuum ist auf der einen Seite autonom und auf der anderen steht er in einem kontextuellen Zusammenhang. Es stellt sich also die Frage, die für mich entscheidend ist, wie der Mensch als Individuum in eine tiefe Beziehung zur Familie, zur Gemeinschaft und zum GEIST treten kann, wenn man davon ausgeht, daß das Individuum an sich keine integrale Erscheinung ist. Die Beantwortung dieser Frage muß uns Wilber in letzter Konsequenz schuldig bleiben! Auch wenn er eine zustandslose Leerheit als das letztlich Höchste behauptet, welches in sich alles integrieren soll, so ist doch dieses Höchste bemerkenswert statisch und schwebt somit beziehungsunfähig irgendwo umher.
Der Begriff der zustandslosen Leerheit und ähnliche ziehen sich übrigens wie ein roter Faden durch das gesamte Buch von Wilber und sollen sozusagen die "gemeinsame Basis" für die "...beiden modernen Feinde, Gott und der Liberalismus, ..." bilden, von der er auf Seite 21 spricht. Die zustandslose Leerheit ist nach Wilber im eigentlichen Sinn der GEIST. Wilber leitet den Begriff einer zustandslosen Leerheit aus einer "unmittelbaren Erfahrung", aus "... echten transpersonalen Praktiken, Paradigmen und Injunktionen, ..." (S. 383/384) ab. Aber darauf werde ich später noch zurückkommen.
Nach meiner festen Überzeugung kann erst die Unterscheidung zwischen Individuum und Persönlichkeit Licht in das Dunkel bringen und nicht die zwischen Individuum und einer zustandslosen Leerheit oder so. Das Individuum ist, wie oben schon gesagt, eine Naturtatsache und als diese eine äußere Erscheinung. Das Individuum gehört zum Reich der Notwendigkeit. Und ich behaupte an dieser Stelle: Erst in der Persönlichkeit kann eine wahrhaftige Integration aller Teile stattfinden!  Die Persönlichkeit ist im Gegensatz zum Individuum eine geistige Kategorie, d.h. die Persönlichkeit gehört zum Reich des GEISTES. Erst die Persönlichkeit ist in der Lage, als wahrhaft unabhängiges Ganzes das Viele liebend in sich zu vereinen. Die göttliche Persönlichkeit ist existent! Und jeder einzelne Mensch kann Ihr in der Tiefe seiner Persönlichkeit wahrhaftig begegnen und überschreitet auf diese Weise seine Grenzen ohne seine einmalige und unverwechselbare Persönlichkeit dabei zu verlieren - ganz im Gegenteil!
Genauso verhält es sich mit der Freiheit. Ein Individuum als solches erweist sich nicht als ein allumfassendes Ganzes. Die Abhängigkeit des Individuums ist natürlich, da es nicht dem Reich der FREIHEIT angehört sondern dem Reich der Notwendigkeit. Anders verhält es sich mit der Persönlichkeit. Ich kann in diesem Zusammenhang nun auf die vorangegangenen Zitate aus dem Buch "Die menschliche Persönlichkeit und die überpersönlichen Werte" von N. Berdjajew verweisen.
Wie oben schon erwähnt, liegt für Wilber das drängendste Problem unserer Zeit in der Frage, "wie man die Tradition des Liberalismus mit einer echten Spiritualität verbinden kann." (S. 17) Mein Ausgangspunkt ist dagegen folgender: Die Persönlichkeit stellt den höchsten aller Werte dar und ist somit wertebestimmend. Erst in der Tiefe der Persönlichkeit findet jeder Mensch seine wahrhaftige Bestimmung. Für mich ist die Persönlichkeit in keiner Weise mit einem "liberalen Geist" (S. 22), wie ihn Wilber sich wünscht, vereinbar. Und ein spiritueller Liberalismus (S. 21) ist für mich ein Ding der Unmöglichkeit, da die Liberalität vor allem dem Reich der Notwendigkeit angehört und mit FREIHEIT im eigentlichen Sinne nichts zu tun hat. Für den sogenannten freiheitlich bürgerlichen Liberalismus hat sich die Freiheit ganz auf diese Erde zurückgezogen und sucht alles vom Menschen her zu verwirklichen, der ein Höheres scheinbar nicht nötig hat und auf Gott verzichten kann. Gerade weil es dies ist, die Abtötung Gottes, was Wilber am Liberalismus kritisiert, halte ich solche Wortverbindungen wie "liberaler Geist" (S. 22) und "liberaler Gott" (S. 25) für denkbar ungeeignet. Die Liberalität ist weit davon entfernt, die Tiefen einer Persönlichkeit verstehen zu können. Die Persönlichkeit gehört zum Reich des GEISTES und ist mit Liberalität, die sich nur von der begrenzten Erde, von einem berechenbaren Leben, von einem ausschließlich berechenbaren Menschen, vom Empirismus her verstehen kann, nicht vereinbar. Darüber hinaus stellt Gott für den Liberalismus nur noch eine leere Worthülse dar, die er benutzt, um sich rein diesseitige und somit niedere Machtvorteile verschaffen zu können.
Diesseitigkeit ist der eigentliche Schlachtruf des Liberalismus, und er wird sich nie gänzlich davon lösen können, es sei denn, er gibt den liberalen Machtanspruch auf und erkennt ein Höheres und Unbegrenztes an.
Auf Seite 21 fragt Wilber weiterhin: "Könnten diese beiden modernen Feinde, Gott und der Liberalismus, in irgendeiner Weise eine gemeinsame Basis finden?" Ja und nein! Auch hier kommt es nun darauf an, was man sich unter einer gemeinsamen Basis vorstellt. Auch diese Frage berührt das Hauptproblem, welches sich mir in der Auseinandersetzung mit Wilbers Lektüre immer wieder stellte: Sind wir vor allem deshalb zur Ausbildung einer tiefen Persönlichkeit fähig, da wir im Tiefsten das Ebenbild der göttlichen Persönlichkeit sind? Und eine weitere Frage schließt sich dem unweigerlich an: Ist ein transpersonales Reich wünschenswert und überhaupt erreichbar? Ist Gottes Reich nicht auf das engste mit der menschlich-göttlichen Persönlichkeit verbunden? Das Höhere, für mich die göttlich-menschliche Persönlichkeit, kann niemals vom Niederen durchdrungen, gar im wahrhaftigen Sinne beherrscht werden. Und in diesem Sinne sind Gott und Liberalismus unvereinbar. Die einzige Lösung gibt es nur, wenn das Niedere vom Höheren verklärt wird, wenn vom GEISTE her der Liberalismus seiner (begrenzten) Bestimmung gerecht werden würde. Vom GEISTE her ist erst ein sinnvolles Handeln in unserem ganzen Leben möglich. Gott ist letzten Endes der Sinn, der sich in uns in irgendeiner Form immer bemerkbar macht, ohne den das Leben unerträglich wäre. Aber Gott bzw. der Sinn ist niemals diese oder jene Form an sich.
Verklärung bedeutet auch, daß wir vom Niederen zum Höheren gelangen, indem wir erkennen, was alles unmittelbar Gott nicht ist und was er unmittelbar nur sein kann. Gott ist auf das engste mit der Freiheit und der Liebe verbunden und ganz und gar nicht liberal. Der Liberalismus ist eine begrenzte Form, die sich in unserer Geschichte herausgebildet hat, die sich regulierend auf unser tägliches Leben auswirken kann. Aber der Liberalismus ist nicht für die Ewigkeit bestimmt.
Wilber fragt: "Kurz, könnte es nicht einen spirituellen Liberalismus geben? Einen spirituellen Humanismus? Eine Haltung, die die Rechte des einzelnen in einen tieferen spirituellen Zusammenhang stellt, durch den diese Rechte nicht geleugnet, sondern vielmehr begründet werden?" (S. 21) Ja, die Rechte des Menschen begründen sich von einem tieferen spirituellen Zusammenhang her! Wilber hat vollkommen Recht. Worauf es jedoch letzten Endes ankommt, das ist, wo und wie dieser tiefere spirituelle Zusammenhang wahrgenommen wird, worin er in Wirklichkeit besteht. Und ein spiritueller Humanismus wird für mich erst dadurch wahrhaft sinnvoll, wenn er sich in einer menschlich-göttlichen Spiritualität fortlaufend vollendet. Es wird sich der GEIST offenbaren, "der niemandem Leid zufügt" (S. 25), wie Wilber meint, jedoch ich füge hinzu, der niemanden Leid im Sinne unseres irdischen Daseins zufügt, welches uns in einem fort zu erdrücken droht, der aber eine Tragik und ein Leid umfaßt, das uns in der Liebe begegnet und zu ihr erhebt, ohne das die Liebe leer und fade wäre. Denn das schmerzhafte Opfer, das die Liebe von uns ständig fordert, das ist die wahrhaftige Überwindung jeglichen Egoismus und somit jeglichen Festhaltenwollens. In der Liebe ist der Mensch vollkommen bewegt und bar jeglichen Wollens. Der liebende Mensch will von dem Geliebten rein gar nichts und dennoch ist er ganz auf den Geliebten bezogen und ganz von ihm erfüllt - erfüllt von der ewig bewegten Wahrheit einer tiefbewegten Persönlichkeit, erfüllt vom Ich, vom Du und Wir in Einem. Die Wahrheit steht nicht eines Tages vor uns. Sie erfordert fortlaufend unsere ganz persönliche und unverwechselbare Anstrengung, die mit dem Leid und der Tragik auf das engste verbunden ist. Das wahre Leid und die wahre Tragik sind der Dynamik der FREIHEIT eigen. Ein Leben ohne tiefempfundenes Leid und tiefempfundene Tragik ist ein Leben ohne Liebe und plätschert seicht an der Oberfläche herum. Und diese Seichtheit und Oberflächlichkeit ist gerade auch ein Markenzeichen der Moderne, die von einer Art Vernunftbesessenheit getragen wird, die mit Klarheit nicht mehr viel zu tun hat. Aber auch eine Moderne kommt ohne Leid und Tragik nicht aus. Tragik und Leid werden in der Moderne ganz unserem gewöhnlichen, "langweiligen" und ungeliebten Leben unterworfen und sind dazu da, überwunden zu werden. Zu einem wahrhaftigen Verständnis der Tiefe von Tragik und Leid kann sich die Moderne nicht wirklich durchringen, da sie von vornherein jeder religiösen Regung im Menschen skeptisch und ablehnend gegenübersteht. Das wahrhaftige Leiden eines Menschen ist in unserer modernen Zeit eine nahezu verhaßte Erscheinung, die den mechanischen Fluß dieser Welt nur stört und durcheinanderbringt, weil sich dieses Leid eben nicht einfach in ein System einordnen läßt, weil es wahrhaftig von einer anderen, jenseitigen bzw. geistigen Welt ist.
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß Wilber um jeden Preis das so deutlich schmerzhafte Leben dieser begrenzten Welt auf eine Art und Weise mit Gott in Verbindung bringen will, die letzten Endes jede Bemühung um diesseitig notwendige Veränderungen vom GEIST her und vor allem zum GEIST  hin für zweit- oder gar drittrangig hält,  d.h., die Vergeistigung des ganzen Lebens muß nach Wilbers Theorie nicht unbedingt angestrebt werden. Danach kann es auf der einen Seite im alten Stiefel weitergehen, z.B. liberal beschränkte Kompromißpolitik, während wir uns auf der anderen Seite in einer mehr oder weniger knapp bemessenen Zeit auf meditative Weise einer Art "Gottesschau" annähern, die sinngemäß alles wieder ungeschehen machen soll (S. 424).
Das ist verantwortungslos gegenüber allen Menschen, die sich bisher nie dazu durchringen konnten, wenigsten auch nur ein einziges Mal auf ihre innere Stimme (sofern sie noch eine haben) zu hören, die da noch fragt: Wofür tue ich das alles überhaupt? Wo bleibe ich, wo bleibt mein tiefes Ich dabei? Und wenn Ken Wilber in seinem Buch "Eros, Kosmos, Logos" das Internet beschwört, so darf er dabei aber gleichzeitig die vielen, vielen Menschen nicht vergessen, die sich in ihrem Leben fast nur noch für Computer und Internet interessieren, die fast ausschließlich damit zu tun haben, für die Produktion der Computer und für den Erhalt und die Weiterentwicklung des Internets zu sorgen.
Aus der Tiefe der Persönlichkeit kommt die Ahnung und Unruhe, die das Leben braucht. Die Unruhe, die wir brauchen, hat nichts mit der diesseitigen Rastlosigkeit zu tun. Es ist die Unruhe der Liebe zu Gott, zum Sinn, zur FREIHEIT hin - zur anderen Persönlichkeit - dem Du, welches dies alles umfaßt. Die absolute Ruhe für sich genommen läßt die Fülle nicht zu, die die Liebe mit sich bringt. Die absolute Ruhe ganz allein gibt es nicht.
Auf der einen Seite weist Ken Wilber auf die Kehrseite des Liberalismus hin als eine ökonomische Tyrannei, in der "der Gott des allmächtigen Geldes an die Stelle des Gottes des Papstes trat. Die Seele konnte jetzt nicht mehr von Gott zerbrochen werden, dafür aber von der Fabrik. Das Wichtigste im Leben war nicht mehr die Beziehung zum Göttlichen, sondern vielmehr die Beziehung zum eigenen Einkommen. Und so konnte es mitten im wirtschaftlichen Überfluß geschehen, daß die Seele langsam verhungerte." (S. 18) Diese Einschätzung ist ganz und gar zutreffend. Aber glaubt Ken Wilber wirklich, daß ein "liberaler Gott" die Wogen schon glätten wird? Meint er wirklich, daß neben ein bißchen liberaler Politik einfach ein Gott gestellt werden kann, der uns letzten Endes nur immer sagt, daß das alles nicht wahr ist, daß es eine Illusion ist, wenn wir uns in diesem Leben abmühen? Und wenn dieses begrenzte Leben wirklich nur illusionär ist, dann besteht auch kein Grund, an den Verhältnissen in diesem Leben etwas zu ändern. Dies alles kommt davon, daß Ken Wilber, wie ich weiterhin darzustellen versuche, einen GEIST annimmt, der nicht wirklich ein Interesse am Leben hat, der als eine erhabene, zustandslose Leerheit die Welt quasi für nichtig erklärt. Gott erwartet von uns eine Antwort, die letzten Endes mit Liberalismus nichts gemein hat, es ist immer wieder die freie Antwort, die eine wahrhaftige Liebe in einer wahrhaftigen Persönlichkeit hervorruft. Und jeder Mensch muß seine ganz unverwechselbare, persönliche Antwort finden.
Wilber möchte auf irgendeine Weise die Spiritualität in unser Leben zurückholen. Aber wir dürfen nicht auf Teufel komm raus in die verkommensten Machtzentren hinein irgendwelche Hoffnungen setzen. Wir müssen die Dunkelheit und Gottverlassenheit zunächst anerkennen, doch jeder einzelne selber hat die Chance und die Pflicht, der Machtbesessenheit zu entsagen. Vom Liberalismus und sonstigen "Lagern" sind meines erachtens nur Halbheiten, nicht Wahrheiten zu erwarten. Jeder Mensch als Ganzheit jedoch trägt in sich göttliche Potentiale, deren Verwirklichung innere und äußere Veränderungen nach sich ziehen werden. Der Liberalismus dagegen ist ein kulturell-geistiges Konstrukt, dem eine eigenständige Persönlichkeit nicht zugesprochen, der nur von der Persönlichkeit her verstanden und überwunden werden kann und muß. Dirk

Haus der Lüge

Erstes Geschoss:
Hier leben die Blinden
Die glauben was sie sehen
Und die Tauben
Die glauben was sie hören
Festgebunden auf einem Küchenhocker
Sitzt ein Irrer, der glaubt
Alles was er anfassen kann
(Seine Hände liegen im Schoss)

Zweites Geschoss:
Rolle für Rolle
Rauhfaser tapeziert
einzelne Mieter stehen herum
betrachten die Wände aufmerksam
suchen darauf Bahn für Bahn
nach Druck- und Rechtschreibfehler
Können nicht mal
ihren Namen entziffern

Auf ins nächste Geschoss:
Welches, oh Wunder, nie fertiggestellt
Nur über die Treppe erreicht werden kann --
Hier lagern Irrtümer,
die gehören der Firma
Damit kacheln sie die Böden
An die darf keiner ran

Viertes Geschoss:
Hier wohnt der Architekt
Er geht auf in seinem Plan
Dieses Gebäude steckt voller Ideen
Es reicht von Funda- bis Firmament
Und vom Fundament bis zur Firma

Im Erdgeschoss:
befinden sich vier Türen
Die führen
Direkt ins Freie
Oder besser gesagt: in den Grundstein
Da kann warten wer will
Um zwölf kommt Beton
Grundsteinlego!
Grundsteinlego!
Lüge!, Lüge!, Lüge!
Gedankengänge, sind gestrichen
In Kopfhöhe braun
Infam oder katholisch violett
Zur besseren Orientierung

Dachgeschoss:
Es hat einen Schaden
Im Dachstuhl sitzt ein alter Mann
Auf dem Boden tote Engel verstreut
(Deren Gesichter sehen ihm ähnlich)
Zwischen den Knien hält er ein Gewehr
Er zielt auf seinen Mund
Und in den Schädel
Durch den Schädel
Und aus dem Schädel heraus
In den Dachfirst
Dringt das Geschoss

Gott hat sich erschossen
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Gott hat sich erschossen
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut
Lüge, Lüge
Ein Dachgeschoss wird ausgebaut

Einstürzende Neubauten/Blixa Bargeld

IAIN MATTHEWS

Iain Matthews wurde am 16. Juni 1946 in Scunthorpe, Lincolnshire, England als Ian Matthews McDonald als jüngster von 3 Brüdern geboren. Nachdem er die Schule verlassen hatte, arbeitete er als Innendekorateur und spielte bei veschiedenen Bands aus der Umgebung, ehe er 1966 nach London umzog, wo er einer der Sänger in der britischen Surf-Band PYRAMID wurde. 1967 nahm die Band die Single "The Summer Of Last Year" auf. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete Iain in einem Schuhgeschäft in Londons berühmter Carnaby Street. Durch den Produzenten Joe Boyd hörte er, daß bei FAIRPORT CONVENTION der Platz eines Sängers vakant war, und er trat ihnen bei, ehe sie ihre erste Schallplatte auf-nahmen (und ehe Sandy Denny hinzukam). Nach einer Single und dem gleichnamigen Debütalbum 1968 wechselten Fairport Convention zu Island Records, wo noch im Jahr 1968 das Album What We Did On Our Holidays erschein, das der Band den Durchbruch brachte. Während der Aufnahmen zu dem Album Unhalfbricking verließ Matthews die Band, da er feststellte, daß die eingeschlagene Folk Rock-Richtung der Band nicht das war, das er sich als seine musikalische Zukunft vorstellte. Matthews (der seinen Nachnamen wegen der Verwechslungsgefahr mit dem Saxophonisten Ian McDonald gändert hatte) unterschrieb bei den Hitkomponisten Howard & Blaikley (Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich). Er machte 1970 ein Soloalbum namens Matthews Southern Comfort für MCA (produziert von Steve Barlby alias Richard Thompson) mit vielen von ihm geschriebenen Songs. "Colorado Spring Eternal" mit Thompson an der Gitarre war ein kleiner Hit, und Matthews formierte die Band Matthews Southern Comfort, da er meinte, noch nicht bereit für eine Solokarriere zu sein. Innerhalb von nicht einmal einem Jahr machte die Band zwei exzellente Alben: Second Spring und Later That Same Year. Die große Überraschung war perfekt, als sie mit ihrer Version des Joni-Mitchell-Songs "Woodstock" Platz 1 der englischen Charts erklommen. In den US-Charts wurde als höchste Position immerhin Platz 23 notiert. Aufgrund diver-ser Grün-de verließ Mat-thews Ende 1970 die Band, obwohl "Wood-stock" noch in den Charts war und vor der Veröffentlichung von Later That Same Year.
Er unterschrieb einen Solovertrag mit Vertigo und veröffentlichte zwei hervorragende Alben, If You Saw Thro' My Eyes und Tigers Will Survive. Matthews produzierte If You Saw Thro' My Eyes selbst, und noch heute zählt diese Platte zu den absoluten Highlights in seiner Karriere. Das Album wurde begeistert aufgenommen und verkaufte sich recht gut. Um es zu promoten, tourte er zum ersten Mal durch die USA mit einer Band, die aus Richard Thompson, Andy Roberts und Dave Richards bestand. Tigers Will Survive wurde in zwei Hälften aufgenommen, vor und nach der Tour, und nach Matthews' Meinung wurde das Album zu hastig gemacht und mangelte an genügend starken Songs, trotzdem klingt es hervorragend. Das Stück "Da Doo Run Run" erreichte immerhin Platz 96 der US-Charts, das Album Platz 196. Iain war sehr angetan von der Band, mit der er in Amerika tourte und wollte eine beständige Band gründen - Richard Thompson hatte gerade Fairport Convention verlassen und wollte zunächst keine Verpflichtungen eingehen, Andy Roberts und Dave Richards waren dabei, und zusammen mit dem US-Amerikaner Bob Ronga gründeten sie Plainsong. Matthews mußte für Vertigo noch ein Album abgeben, die Plattenfirma wollte jedoch Plainsong nicht nehmen. Das Ende vom Lied war, daß er lediglich ein geringes Budget für seine letzte Platte bekam. Journeys From Gospel Oak wurde in nur 5 Tagen aufgenommen, Vertigo veröffentlichte das Album allerdings nicht, sondern verkaufte die Rechte an Mooncrest, einem Label, das mit dem Produzenten der Platte, Sandy Roberton, verbunden war. Plainsong unterschrieb bei Elektra und veröffentlichte 1972 das hervorragende Album In Search Of Amelia Earhart. Plainsong war eine demokratische Band, aber nicht ohne Probleme, und es dauerte nicht lange, bis Bob Ronga die Band verließ. Während den Aufnahmen zu einem zweiten Album, das Plainsong III (nach der Anzahl der Bandmitglieder benannt) heißen sollte, trennten sich Matthews und Richards.
Weiterzumachen wäre schwierig gewesen, und so nahm Matthews die Einladung von ex-Monkee Michael Nesmith an und zog mit Frau und Tochter Darcy nach Kalifornien, an die Westküste, von wo all die Musik kam, die er liebte. Ein exzellentes Soloalbum, Valley Hi, war das Ergebnis. Es hatte einen sehr starken Country Rock- Sound, ähnlich dem von Nesmiths Band und dessen Produktionsweise. Matthews war nicht sehr zufrieden mit dem Album und beschloß, die Musiker für sein nächstes Album selbst auszuwählen. Sessionmusiker wie David Lindley, David Dickey und Jeff "Skunk" Baxter von Steely Dan unterstützten ihn bei Some Days You Eat The Bear...Some Days The Bear Eats You (1974). Völlig zu Recht war Matthews sehr zufrieden mit dem Album, aber Elektra beendete seinen Vertrag, und 1975 war Matthews ohne Label, und seine Frau und Tochter waren nach England zurückgegangen.
Er unterschrieb bei CBS für Go For Broke, aufgenommen in Nashville. Dieses Album hatte einige Höhepunkte wie Jesse Colin Youngs "Darkness Darkness" und sein eigenes "Lonely Hunter", aber als Ganzes war es ziemlich enttäuschend. Das zweite CBS-Album, aufgenommen in Hollywood und Hit And Run genannt, ist voll von Songs, die klingen, als wären sie für das amerikanische FM-Radio gemacht worden und mangelten an der melancholischen Atmosphäre der früheren Platten. Beide Alben waren für CBS nicht erfolgreich genug, und 1978 war Matthews wieder "zu haben", als ihm Rockburgh (das Sandy Roberton gehörte) anbot, ihn wieder unter Vertrag zu nehmen. Die erste Frucht dieser Wiedervereinigung war Stealin' Home mit Musikern wie Bryn Haworth und Phil Palmer an der Gitarre, Steely Dans Bassist Rick Kemp und Pete Wingfield am Piano. Das Album war nicht viel besser als Hit And Run, aber Roberton lizenzierte es nach Nordamerika an ein kleines kanadisches Label, Mushroom, das durch die Entdeckung der Gruppe Heart finanziert wurde. "Shake It" wurde als Single ausgekoppelt und kam bis auf Platz 13 der Billboard-Charts, der Gründer und Inhaber von Mushroom Records verstarb jedoch plötzlich, und die Firma wurde geschlossen. Das Nachfolgealbum, Siamese Friends, war noch Bestandteil des Mushroom-Vertrags und erschien 1979. Matthews tourte regelmäßig durch Europa und Amerika und wurde von Bands begleitet, bei denen sowohl die Besetzung als auch die Namen ständig wechselten (the Polaroids, the Great Buildings), künstlerisch gesehen hatte er allerdings schon wesentlich bessere Zeiten gesehen, was im Jahre 1980 wieder in diese Richtung führte, als er sein 3. Album für Rockburgh veröffentlichte, A Spot Of Interference, welches eine völlig andere musikalische Richtung einschlug. Noch im selben Jahr erschien Discreet Repeat, ein Doppelalbum mit vernünftig ausgesuchtem Best Of- sowie Post-Southern Comfort-Material. Dem Label ging es allerdings so wie vielen anderen kleinen zu jener Zeit: es ging pleite. Matthews zog nach Seattle, wo er zusammen mit dem Sänger von Pavlov's Dog, David Surkamp, eine Band namens Hi-Fi gründete. Zwei gegensätzlichere Gesangsstile wie die von Surkamp und Matthews konnte man sich kaum vorstellen, aber die Gruppe machte ein Live-Minialbum, Demonstration Records im Jahr 1982, gefolgt von einem kompletten Studioalbum, Moods For The Mallards. Beide Alben wurden in Großbritannien auf dem kleinen Label Butt Records veröffentlicht. 1983 brachte Roberton Matthews in Deutschland bei Polydor unter, und 1984 erschien das Album Shook. Überraschenderweise wurde es weder in Großbritannien noch, was aus der Sicht des Künstlers viel wichtiger war, in den USA veröffentlicht. Matthews warf das Handtuch, mußte sein Gitarren und den größten Teil seiner Plattensammlung verkaufen und ging zurück nach Kalifornien, wo er neun Monate brauchte, um einen Job als A&R-Mann bei Island Music in Los Angeles zu bekommen, wo er mit Gruppen arbeitete wie den Long Ryders oder Rain Parade, wurde jedoch 1985 wieder entlassen. Ein Auftritt beim Fairport Convention Cropredy Festival in Oxfordshire im August 1986 (zusammen mit Fairport spielte er eine Anzahl von Songs seiner Karriere, und zusammen mit Richard Thompson, Clive Gregson und Christine Collister brachte er eine beeindruckende A- Capella-Version von "Woodstock") überzeugte Matthews, daß er wieder mit Singen beginnen sollte, und wenn auch seine Arbeitslosigkeit gerade damit geendet hatte, da er einen Job bei dem New Age-Label Windham Hill bekam. Nach einem Jahr verließ Matthews die Firma wieder, nachdem er 1988 das Vokal-Album Walking A Canging Line für das eigentlich auf rein Instrumentalmusik spezialisierte Label veröffentlicht hatte, worauf er einige Songs von Jules Shear interpretierte. Während es das nach Matthews bisher beste Album seiner Karriere war, verkaufte es nur wenig mehr als alles andere seit Stealin' Home, aber es war offensichtlich, daß bei der Musik, zu der er damit zurückkehrte, seine Stimme viel besser zum Tragen kam und vielversprechend für die Zukunft war. Auf dem Album war eine Bemerkung zu finden, wo er Fairport dafür dankte, daß "die Flamme wieder zu brennen begann", was bedeutete, daß der Auftritt in Cropredy der Beginn von Matthews' zweitem Frühling war.
1989 zog Matthews nach Austin, Texas, wo er sich mit Mark Hallman zusammentat, einem Gitarristen und Prodzenten, der bereits auf Walking A Changing Line mitwirkte. Ein nur auf Cassette erhältliches Album des Duos, Iain Matthews Live, wurde produziert, um es auf Konzerten zu verkaufen, und Matthews unterschrieb 1990 bei dem US-Indie-Label Goldcastle, das auch Künstler wie Joan Baez und Karla Bonoff unter Vertrag hatte. Pure & Crooked wurde 1990 veröffentlicht (Ian änderte seinen Vornamen in Iain, um seine gälische Abstammung zu zeigen) und verdeutlichte Iains Wiederkehr. Neben geschmackvollen Coverversionen wie Peter Gabriels "Mercy Street" waren darauf einige schöne Eigenkompostitionen wie "Rains of '62" und "Like Dominoes" zu finden. Zum ersten Mal in seiner Karriere begann er, Solo-Konzerte zu geben, denn es benötigte keines großen Aufwands, und die Gagen waren nicht besonders gut. Zuerst spielte er Stücke, die keines großen Könnens auf der Gitarre bedurften (seine Fertigkeiten auf dem Instrument waren begrenzt), aber im Laufe der Jahre würde er es zu einem guten Gitarristen bringen.
Im geichen Jahr tat sich Matthews für einen sehr populären Auftritt beim Cambridge Folk Festival mit seinem früheren Plainsong-Kollegen Andy Roberts zusammen. Dies führte zu zahlreichen gemeinsamen Auftritten, und mit dem Gefühl, sie müßten sehr gut harmonieren, aktivierten sie in der Besetzung IM, Roberts, Mark Griffiths und Singer-Songwriter Julian Dawson Plainsong und nahmen das Album The Dark Side Of The Room im Sommer 1992 auf. Das Album wurde auf dem deutschen Line-Label veröffentlicht und enthielt einige starke Songs. Die Harmonien waren hervorragend, aber das Ganze war ein wenig zu laid-back. Die Mitglieder von Plainsong arbeiteten zweigleisig, Matthews und Dawson war mit ihren Solokarrieren beschäftigt, Roberts schrieb weiterhin Filmmusiken.
1992 machte Goldcastle den Laden dicht, und Matthews nahm ein Album die das deutsche Line- Label auf: Skeleton Keys, einmal mehr produziert von Mark Hallman und nur mit Eigenkompositionen versehen wie "The Ties We Break" und dem schönen "Compass and Chart", in welchem die Geschichte von Kapitän Benjamin Riley die von Matthews' Karriere darstellte. Der geringe Einsatz von elektronischen Instrumenten wurde ersetzt durch einen völlig akustischen Sound, wodurch ein sehr starkes Album entstand. Dann unterschrieb er bei Watermelon Records in Austin, Texas und veröffentlichte im Jahr 1994 The Dark Ride.
Dieses offene und persönliche Album brachte uns einige seiner besten Songs wie das Titelstück über die dunkelste Periode seines Lebens, als er z.B. aufhörte aufzutreten, oder "Tigers Will Survive Part II" über seine Tochter Darcy, oder unter anderem einer unglaublichen Version von Tim Buckleys "Morning Glory". Watermelon wiederveröffentlichte auch Pure & Crooked mit 5 Extra-Songs.
Im gleichen Jahr kam ein neues Album von Plainsong auf dem Markt, Voices Electric, mit Highlights wie "Christoforo's Eyes", "Voices" oder "The Rat and the Snake" ein sehr beeindruckendes Werk. Als wenn er nicht schon genug zu tun hätte, tat sich Matthews in Austin mit seinem Freund und Produzenten Mark Hallman und einem jungen und talentierten Singer- Songwriter namens Michael Fracasso zusammen, um Hamilton Pool zu gründen. Sie veröffentlichten ein Country Rock-orientiertes Album 1995 mit dem Titel Return To Zero. Kurz danach verließ Fracasso die Band, kam aber zurück, später gesellte sich auch noch David Lalley hinzu.
God Looked Down (wieder ausschließlich mit eigenen Stücken) wurde im Sommer 1996 veröffentlicht. Wiederum ein sehr starkes Album, mit anderem Sound (mehr "elektrisch") und tollen Songs wie "Alone Again Blues", "The Power of Blue" und "So Many Eyes". Im September 1996 wurde das Plainsong-Album Sister Flute veröffentlicht und enthielt exzellente Matthews-Songs wie "People's Park" (handelt von Woody Guthrie) und "Spirits", aber nach einer kurzen Promotiontour verließ Julian Dawson die Band, um sich auf seine Solokarriere zu konzentrieren. Er wurde durch Clive Gregson (Any Trouble, Gregson & Collister, Richard Thompson Band) ersetzt. In der Zwischenzeit produzierte Matthews ein Album von Eric Taylor. Die beiden tourten durch Belgien und Holland im April und Mai 1997.
Iain Matthews lebt zusammen mit Frau Veronique und Tochter Genevieve immer noch in Swine Lake bei Austin, Texas. Er wird anerkannt als Ausnahmesänger mit einem hervorragenden Geschmack, was die Interpretation von Songs anderer oder den Ideenreichtum für eigene Stücke betrifft. Über all die Jahre hinweg brachte er es fertig, seinen musikalischen Ideen treu zu bleiben, wenn damit auch kein wirklicher kommerzieller Erfolg verbunden war und er fühlt, daß er auf seinen jüngsten Alben sein eigenes Ding machen konnte, teils im Gegensatz zu früher.
Biography © by Jaap von Moppes

Bob Dylan in der Garde


Kurz vor Pfingsten, am 24. Mai, spielte His Bobness zu seinem 59. in der Dresdner Garde. Gut gelaunt, wie es sich für ein Geburtstagskind gehört, ließ er uns an seiner Never Ending Tour teilhaben. Ab und an wurde gar mehr als ein 'Thank You.' gebrubbelt.
Dylan untermauerte mit einem edlen Set seinen Ruf als Vollblutmusiker. Die drei Gitarren fanden sich nicht nur einmal zu gänsehautproduzierender Klasse zusammen. Ob treibend-elektrisch oder balladesk-akustisch, Bob war stets voll präsent und um jeden Ton sorgsam bemüht. Das war ganz sicher eins der Topkonzerte des Meisters. Achim

Vic Chessnutt erneut im Starclub


Am 14. April gastierte wieder ein guter Bekannter im Starclub. Im Lover 12 haben wir ihn schon mal vorgestellt. Diesmal war Vic mit elektrischer bzw. akustischer Gitarre, Mundi und Rollstuhl ganz allein auf der Bühne. Ein offensichtlich nicht nur für die Zuschauer aufregendes Ereignis. Bedingt durch seine Behinderung ist Vic kein Gitarrenvirtuose, allein die Klasse seiner Songs und die Intensität seines Vortrags vermögen das Publikum zu fesseln. Einige hat er jedoch nicht erreicht, wie man den teils erhitzten Diskussionen am Rande entnehmen konnte...

Sommergruß

lieber leo, deine zeilen und bilder lassen meinen kopf nicht vergessen, warum ich lebe, an welchen prinzipien ich festhalte. --- und mein bauch sagt dazu, ich bin ein tropfen im ozean und kann das wasser um mich genießen, und ich brauche es zum leben, und ich bin froh, auch wenn ich manchmal die augen zumachen muss, wenn mir eine starke schwarze welle ins gesicht klatscht -- das fiel mir nach einem spaziergang durch das schloss moritzburg ein. ich versteh deine lapzoten nicht immer, aber du setzt zeichen, leo und wenn sie gut sind, wird es sich rumsprechen - und lesen :-)
heiß-geliebten sommer euch allen
geklammerte Sieben (aus Leopolds Gästebuch)

BIST DU DRIN ?

Unsere Computerwelt ist ein Abprodukt der militärischen Forschung. Klein-kriegen. Chip-Produktion etc. findet i.d.R. im Ausland statt. Es sind in der Mehrheit Frauen, die unter unsozialsten und gesundheitschädigenden Bedingungen in Weltfabriken für uns arbeiten. Bist Du drin? Es gibt keinen Bereich in den Medien, der eine solche rasante, fossile Ressourcen verjubelnde Veraltungstendenz hat. Für die Produktion von 1 PC mit Monitor werden ca. 5.333 kWh Strom benötigt, ca. 33.000 l Wasser verschmutzt, ca. 56 Mio. m3 Luft verschmutzt, ca. 320 kg Abfall erzeugt - wovon 20 kg Sondermüll sind - und er pustet mehr als 3 t CO2 in die Atmosphäre. Bist Du drin? Zugang für alle zu Netzen etc. als eine notwendige Bedingung für die Selbstbehauptung des Einzelnen und für dir Teilhabe an Demokratie? Welche PC Mengen werden bundesweit, europaweit oder weltweit benötigt... Und wir sind auf dem besten Weg?
Roland
 

Danke für Beiträge im Lover 27 vor allem an Regina, (7), Nina, Roland, Dirk, Achim, Dietrich.
LOver 28 erscheint ca. 24.10. - Redaktionsschluß 13.10.
Beiträge, Reaktionen, Bilder, Proteste, Briefmarken an Joachim Gorsleben, Mansfelder 15, 01309 Dresden, Fon 0351 / 319 09 48 oder auch an Ro Li B. wie gehabt.
Die Druckausgabe des LOver 27 wurde von Karola gesponsert. Herzliches Dankeschön.
Liebe andere Empfänger der Druckausgabe, bitte überprüft EUREN Portobeitrag... Danke. Achim

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