OVER Nr. 28
Ab dem nächsten Heft wird es den LOver nur noch per Briefmarken-Abo
geben. Da das Schicken der Briefmarken selbst auch Geld kostet, sollte
man vielleicht gleich mehrere aufeinanderfolgende Hefte 'abonnieren' und
sich ggf. zu Abo-Gemeinschaften mit gemeinsamer Adresse zusammentun. Einige
bekamen ja bereits mehrere Hefte zum Verteilen vor Ort. Hoffentlich landeten
die nicht im Altpapier... Zur Info: der aktuelle Kopierservice kostet 5 Pf/A4-Kopie
(2 A5-Seiten), Versand als Buch je Adresse ca. 1,50 DM. Bei ca. 40 Seiten
sind das ca. 2,50 DM je versandtem Heft. Bei 4 Heften im Jahr und ca. 40 Adressen
kommt da schon was zusammen. Ab Nummer 29 kann das Heft leider nur noch gegen
2 DM in Briefmarken im Voraus versandt werden. Entsprechend
der bis zum Redaktionsschluß eingehenden Marken wird kopiert
und versandt. Ich führe Buch über eure Marken und erinnere euch,
wenn Nachschub nötig wird, falls ihr gleich mehrere Nummern abonniert.
Mal sehen, wer ihn wirklich in seinen Händen halten will, den LOver.
Die, die bereits Marken oder sogar Geld schickten, können sich vorerst
beruhigt zurücklehnen. Für Sparsame bleibt die Homepage-Version
auf Leopolds Seiten ein Trostpflaster. Allerdings wird dort nicht alles und
natürlich auch nicht 100% 1:1 übernommen. Und auf wahre GlückspilzInnen
lauert vielleicht ein Geschenkabo...
Ja, o.k., der letzte Satz sollte eine Überleitung zu Dirk sein. Ich
verfolge ja schon eine ganze Weile seine Auseinandersetzung mit Wilber und
Berdjajew. [...] Leider war der Sehgenuss [am LAPSUS LIVE 2000 Video - Red.] etwas gestört (das Bild hat gezittert). Trotzdem ist es schön gewesen, in der Zeit einige Monate zurückzugehen - unterstützt durch die Aufnahmen. Die Erinnerungen stürzen wieder auf einen ein mitsamt den dazugehörigen Gefühlen, nur eben mit einem gewissen Abstand. Sehr schön, das alles. Bea
Liebe Verfasser der Lapsusseiten, also liebe Lapzoten, wie immer
hab' ich (wenn auch nie gleich) alles gelesen, nie alles verstanden, aber
es immer als würzig! empfunden. Das zeichnet Leo aus - und muss so bleiben.
Und mit diesem Hintergrund mecker ich jetzt einfach mal ein bisschen los,
vielleicht füll' ich ein paar Zeilen bei Leo damit aus oder ihr habt
mal echt ne Meinung von der Außenwelt, die euch verstehen möchte,
aber nicht kann.
Reginas Frau Nichtig darf nicht zur Person einer GZ-SZ-Serie werden! Denk
ich! In der letzten Serie stand nicht viel; halte die Geschichte nicht mit
Krampf am Kochen, es wäre schade. Ein Roman sollte bei Leo nicht abgedruckt
werden. Neue Leser können sich schwer reinfinden (wenn ihr übern
Äther neue Leser erreichen wollt).
Bei Dirks Darlegungen leg ich mich nieder, schau an die Decke und denk: was
will er mir vorenthalten; wobei die Gedanken zu Persönlichkeit und Individium
mal gedacht werden könnten - aber ich kann ihm nicht folgen.
Der Abdruck des Kriegstagebuches ist gut. Es zeigt eine lapzotische Richtung!!
Es macht mich etwas ohnmächtig --
Aber daß das Motto "keep on rocking" nie zu kurz kommt, ist super, auch
wenn ich mir nie die Lebensläufe von Matthews und Konsorten merken werde.
Ich schreibe keine Gedichte - ich kann nur sagen: der Herbst ist schön
- bunt - und ich hab in drei Tagen endlich ne Woche Urlaub. [...] Viele Grüße,
viele Kastanienigel und Blätterfallspaziergänge. (7)
Lieber Roland, hab' vielen Dank für den LOVER 27. Zum Thema
Umweltschutz in der DDR und heute: Was Du schreibst, ist vollkommen korrekt:
Der Müll verschwindet dahin, wo man ihn nicht sieht, die Unterdrückung
Andersdenkender ist raffinierter und schwerer durchschaubar geworden, das
Waldsterben geht weiter... Ich wollte nur vor einer gewissen Einseitigkeit
und der weitverbreiteten Ost-Nostalgie warnen ("Früher war alles besser...").
War es auch nicht. Die DDR und der sg. "Sozialismus" ist für mich kein
erstrebenswertes Vorbild. Sonst wäre ich damals nicht auf die Straße
gegangen. Allerdings auch nicht für eine solche Gesellschaft wie die
heutige. Vielleicht bleibt das, wofür wir 1989 kämpften, und wofür
wir "Schenker" jetzt wieder kämpfen, Utopia. Vielleicht kommen wir ihr
aber ein Stückchen näher.
Letzte Nacht schlief ich auf dem Feld unter klarem Sternenhimmel in einen
herrlichen Sonnentag hinein. Eckart
Übrigens habe ich mich umbenannt: ich heiße jetzt Frieden und
unsere Gemeinschaft in Pommritz heißt Friedensgarten. Frieden
(Hervorragende Literatur zum Thema Virulenz des kapitalistischen Systems:
Wolfgang Sachs [Hg.] "Wie im Westen so auf Erden", Reinbeck 1993. Roland)
Hallo alles Amt! Die digitalte Bildqualität des 27. LOvers
ließ mich wehmütig an meine liebevolle Kleinarbeit der Zusammenschnippselei
der Layouts der vergangenen LOver denken. Und ist er etwas unpersönlicher
geworden, oder? Aber mit lustigem Cover.
Ich habe diesmal nichts rechtes abliefern können für den Inhalt,
weil ich derzeit zur Gruppe der Behinderten gehöre, rechter Arm etwas
futsch etc., jedenfalls ist die Waagerechte seit nun mehr 9 Woche die mir
liebste Lage, und das Ende dessen ist noch nicht so abzusehen. Wer's noch
nicht weiß, ich hatte im August mitten während des Sommercamps
hier unseren Bus mit 80 und mir gegen einen Baum gesetzt. Ist mir weniger
gut bekommen, dem Auto ganz und gar nicht. Womit man mich wirklich schonen
kann: mit solchen Sprüchen, daß ich nun endlich genug Zeit zum
Nachdenken und Lernen hätte, die Chance hätte, nun an dieser wundervollen
Aufgabe oder Pause zu reifen. Mein Rettungsreifen ist gegenwärtig einzig
der Gedanke, daß Nathalie und ich in wenigen Tagen Urlaub machen können,
fern aller Zwänge und Forderungen. Nicht dran denken, daß noch
nicht genug Heizholz für den Winter da ist, daß im Haus noch etliches
zu verbessern ist, damit die Geburt unseres Babys in Geborgenheit und Frieden
stattfinden kann, nicht mehr dran denken, wie oft wir in diesen Wochen das
deprimierende Gefühl hatten, nicht genug Hilfe zu bekommen, im Stich
gelassen worden zu sein, nein, nur noch Meer, Früchte, Liebe, Aufmerksamkeit,
Wind und Wetter, Wärme, Ruhe, wenigstens 7 Tage lang. Ich danke bestens,
falls mal jemand auf die Idee kommen sollte, für einen Rollstuhl zu
sammeln.
"Durchgänge" hieß es im Doors-Vortrag u.a. Der Türspalt im
Zauberglanz, das Licht der Freiheit im Öffnen, und dann aus dem Verhaftetsein
in sich selbst in die offene Weite der liebenden Beziehung, der unvorsichtigen
Nähe, des bewußten HandinHand. Nie wieder ein Zufall. Nie vergess'
ich, wie es ist.
Ich wünsche euch allen große Sträuße Blumen in die
Hände! Landroh
"umbaba umbaba umbaba/.../ Ich habe meine Sinne verloren, in dem Fieber,
das wie Feuer brennt." (Roland Kaiser, "Santa Maria")
"Die Bombardierung der Sowjetunion hat begonnen!" (Ronald Reagan, Sprechprobe, ca. 1986)
"Where's the justice/ where's the sense?" (Richard & Linda Thompson, "Walking On A Wire", 1982)
Das Jahr 1984 galt seit 1949 als Utopie, die nie erreicht werden sollte. David Bowie vertonte dieses Thema als erster in den 70er Jahren, Eurythmics dann, als es soweit war, als Soundtrack zum Filmspektakel nach George Orwells Romanvorlage. Wir lehnten uns erschrocken von den opulenten Bildern in unseren Kinosesseln befriedigt zurück, denn es war ja nur Hollywood und mit der Popcorn-Tüte in der Hand ist ja alles nur halb so schlimm. Auch wenn sich die Geschichte nicht 1:1 erfüllte, erfolgten dennoch politische Niedergänge: M. Thatcher (ab 1979), R. Reagan (ab 1981).
Die Musikwelt reagierte darauf. Sozialkritik wurde laut und die dazugehörige Punk-Musik melodiöser. In GB entstand eine neue Welle in der Vielfalt namens UB40, Billy Bragg, Elvis Costello & The Attractions, Ian Dury & The Blockheads, The Specials, Dexy's Midnight Runners, Paul Weller (zunächst The Jam, dann The Style Council) als die wichtigsten Vertreter, die alle in ihrer eigenen Kunst Kritik an Thatcher übten.
Mit "London Calling" schufen The Clash am Ende des Dekaden(z)wechsels eines der ultimativsten Rock-Alben. Da passt einfach alles: ein kräftiger, satter Sound, intelligente Texte, ungemein variantenreich und voller Überraschungen, die nicht verloren gehen. Speziell auch das Cover: 1956 hielt Elvis Presley seine Gitarre noch brav lächelnd in der Hand, 24 Jahre später zertrümmert Mick Jones endgültig diese Scheinwelt lächelnder Emporkömmlinge. Was blieb war der Schriftzug. Apropos Elvis Presley: Nach dessen Tod wandten sich sehr überraschend einige doch diversen Religionen zu. Gott war gefragt - ausgerechnet von jenen, die das Publikum lehrten, kritisch gegenüber jeglicher Institution zu sein. "Born Again" jedenfalls war das Motto von Bob Dylan, Van Morrison, Santana sowie Nina Hagen. Randy Newman antwortete postwendend persiflierend mit einem gleichlautenden Album. Nick Cave jedoch bezeichnet Dylans "Slow Train Coming", das erste Album aus Dylans "3faltigkeits-Serie", immer wieder als sein Lieblingsalbum und gleichzeitig als "dreckigste" Gospel-Platte, die er kennt. Auf "Shot Of Love" besingt Mr. Zimmermann, Religion hin - Glaube her, den Tod von Lenny Bruce und meinte damit vielleicht den kurz zuvor ermordeten John Lennon. Und Van Morrison veröffentlichte just-am-end in dieser Phase zwei seiner besten Platten und eine seiner schlechtesten. Ausgleich muss sein. "Common One" bringt eine der wunderbarsten Plattenseiten der Musikgeschichte überhaupt, nämlich die A-Seite. Deren drei Songs, "Haunts Of Ancient Peace", "Summertime In England", "Satisfied" sind schlichtweg ergreifend, bewegend, voller Inbrunst und tiefem, rural-ehrlichem Glauben und dabei durchaus groovy. Dem folgte mit "Beautiful Vision" ein noch kompletteres, wenn auch (für V.M.-Verhältnisse) gefälligeres Werk. Mit "Inarticulate Speech Of The Heart" kam der esoterisch-keyboard-gepflasterte Abgesang.
Kommerziell erfolgreich war das alles nicht, Erfolg hatten ausschließlich
beliebig austauschbare Gruppen wie "Duran Duran" oder "Visage" - die stellvertretend
für die musikalische Plattheit der 80er Jahre leider erwähnt werden
müssen. Am Anfang dieser Niederungen stand das letzte bedeutende Werk
von David Bowie ("Scary Monsters And Super Creeps"), Auslösemoment eben
jener so called "New Romantics". Bowies Album hätte sich bessere Nachfahren
verdient. Wesentlich interessanter hingegen XTC, die sich lobenswerterweise
nicht vor Soundexperimenten scheuten.
Auf ein recht neues Terrain begab sich auch die Amerikanerin Laurie Anderson. Ihre Performance "United States, Pt. I-IV" dauerte acht Stunden, die sie auf zwei Abende verteilte und letztendlich als 5-LP-Box veröffentlichte. Subtiler Humor-Protest in seiner unberechenbarsten Form kommt da zum Vorschein. Kurze, erzählende Geschichten stehen einer exzentrischen Musik gegenüber beziehungsweise umgekehrt, exzentrische Geschichten stehen einer kreuzbraven Musik gegenüber.
Einige Jahre vor der Liaison Bill Clinton/Monica Lewinsky sang Laurie
Anderson in "Democratic Way", dass sie davon träumte, sie sei die
Liebhaberin von Jimmy Carter, und: "hearing your name/ is better than/ seeing
your face". Dieses Werk in seiner Gesamtheit zu erfassen ist nicht ganz leicht,
man braucht Geduld und viel Zeit dazu, aber es lohnt sich. Begleitend zur
5-LP-Box bietet sich das Textbuch gleichen Titels an (Harper & Row, 1984,
US$ 19.95).
Laurie Anderson war mit dieser Multimedia-Performance Wegbereiterin und Ideenlieferantin für eine ihr nahestehenden Art-Rock-Gruppe namens Talking Heads, die wiederum wenig später mit "Stop Making Sense" den Musikfilm revolutionierten. Work-In-Progress mit einer erfrischend-belebenden Musik. Die Platte hingegen fällt ohne Film stark ab, absolut essentiell hingegen ist da schon deren Live-Anthologie "The Name Of This Band Is Talking Heads (1977-1982)".
1982 übrigens kam ein neues Medium auf den Markt, das die Plattencover von ca. 30 cm Kantenlänge auf 13 cm schrumpfen ließ: Compact-Disc.
Vorbei war's mit der Ästhetik. So schnell kann's gehen. Mitte der 80er Jahre erfolgte nämlich der endgültige Durchbruch der Silberwinzlingscheiben, Vinyl-Alben wurden kaum noch produziert, daher auch nicht mehr gekauft. Die Musikfans zerstörten ihre Plattenspieler, überschwemmten die Second-Hand-Läden mit Platten, die selbst zu Dumping-Preisen kaum jemand wollte. Die Musik-Industrie verdiente sich abermals eine goldene Nase, denn sie veröffentlichte sämtliche Aufnahmen der Vergangenheit nochmal: cash and cash only. Wo wir schon beim Geld sind: Musiker lernten in den 80er Jahren wirtschaftlich zu denken. Elton John, Diana Ross u.a. verließen ihre ursprüngliche Plattenfirma, zockten bei der neuen einmal ordentlich ab, kehrten wieder mit neuen Super-Verträgen zum Ursprungslabel zurück, der Effekt: noch mehr cash. Oder: Bands wie The Who, Doobie Brothers, The Eagles, Yes lösten sich (endlich!) auf, Super-Gagen führten sie allerdings leider wieder in eine Endlos-Schleife von Reunions.
Der Effekt: "We're Only In It For The Money". Das frühere Anti-Establishment war nun selbst Teil des Establishments, kapitalistische Konzerne stiegen als Großsponsoren bei der Tour-Vermarktung ein, MTV entstand, das Ganze verkam mehr und mehr zum Kastenwesen. Der Effekt: Die Musikbranche mutierte zum Milliardengeschäft und the biggest hit von allen ist ein Schwarzer, der von Jahr zu Jahr weißer wurde: Michael Jackson. Gigantomanie ohne Ende?
Der Hungersnot in Äthiopien stand ein von Bob Geldof organisiertes Medienspektakel gegenüber. Es sollte der Beweis angetreten werden, dass Musik Veränderungen herbeiführen kann. Live-Aid.
Einer wollte sogar den Beweis doppelt antreten und sang sowohl in Wembley
als auch in Philadelphia. Ein Anderer identifizierte sich derart mit den
Hunger leidenden, dass er samt Familie Urlaub in Äthiopien machte. Nur
drei Musiker zweifelten am Unterfangen "Live Aid", soffen den ganzen Tag
lang, bis sie abends - eigentlich als Höhepunkt vorgesehen - durch ihren
etwas irritierenden Auftritt die gute, heile Welt der Amerikaner zumindest
eine Viertelstunde lang zerstörten.
Aber wieder zurück zur Wirklichkeit, es war ja schließlich 25 O'Clock: The Sparks gelang mit zwei fulminanten Alben kurzfristig ein Comeback, The The und Violent Femmes tauchten auf und deren 80er-Alben sind, gelinde formuliert, sensationell. Jerry Harrison debutierte mit "The Red And The Black" und lieferte damit ein zeitloses Cross-Over-Album ab, abgesehen davon legte er sein "graues-Maus"-Image als "sprachloser Talking Head" ab. The Dukes Of Stratosphear führten uns zurück in die Psychedelia, Echo & The Bunnymen und The Stranglers schufen wunderschöne aurale Skulpturen, David Sylvian vertonte endgültig seine Liebe zu Japan. ABC gelang mit "Beauty Stab" eine gewagt-gelungene Mischung aus Klassik, The Clash und simplen Hard-Rock-Riffs, sie scheiterten allerdings in kommerzieller Hinsicht damit und produzieren seither nur noch Platt-Soul für hirnlose Supermärkte. Redskins veröffentlichten ein grandioses Album und das war's auch schon leider wieder -- sie tauchten unter, soffen ab, was immer. Yoko Ono zeigte uns ihren Schmerz und Lennons blutverschmierte Brille und erntete damit mehr Missfallen denn Anteilnahme. Die Welt ist komisch.
Laut und gut waren noch Devo, Dead Kennedys und die frühen B
52's. Leise und gut war Michael Franks.
Nochmal zurück zum Dekadenanfang: Die 80er Jahre begannen mit dem ersten bekannten Aids-Opfer in der Musik-Szene: Am 6. September 1983 starb Klaus Sperber, besser bekannt als Klaus Nomi, und Matt Johnson (The The) lieferte drei Jahre später den passenden Soundtrack zum Thema, nämlich "Infected".
Das musikalisch befriedigendste Jahr der 80er war eindeutig 1982: Lou Reed lieferte mit "The Blue Mask" einen von zugegebenermaßen vielen Höhepunkten seines Schaffens. Dennoch ist diese Platte etwas Besonderes. Das Cover deutet bereits die Richtung an, ist es doch eine blaue Kopie von "Transformer". Erinnerungen an die 60er Jahre wie in "The Day John Kennedy Died" wurden selten besser in ein Musikkleid gepackt als hier und schließlich landete mit "Women" die schönste allen Frauen gewidmete Liebeserklärung auf dem Album. Einfach zum Verlieben schön.
Und dann gab's noch dieses verrückte Ehepaar, die sich angeblich ärger als Punk-Rock-Bands aufführten, den Veranstaltern wären die Sex Pistols zur Betreuung auch weitaus lieber gewesen als dieses zornzerstrittene Duo, die zerstörte Garderobenräume zurückließen. Mit "Shoot Out The Lights" brachten Richard & Linda Thompson den musikalischen Höhepunkt aber gleichzeitig das Ende ihrer gemeinsamen Karriere. Für britischen Folk-Rock wurde damit eine ziemlich hohe Latte gelegt und bis heute nicht übertroffen. Und wie bei vielen Meilensteinen entstanden auch hier zwei Versionen: Eine erste, als unbefriedigend empfundene und daher zurückgezogene Version, bekannt als "The Rafferty Tapes", und die zweite, offizielle eben, die auch tatsächlich die bessere ist. Die Live-Auftritte aus jener Zeit waren geprägt vom Ehe-Frust, klangen also wütend-brachial und zutiefst emotional, dabei in bester Spiellaune, rotzig und ohne Sicherheitsnetz. Linda Thompson, 1982 noch zur besten Sängerin Englands gekürt, versagte letztendlich die Stimme: "You open your mouth and nothing happens", oder: Hysterical Dysphonia. Richard Thompson hingegen erlebte ein beständig-kreatives Hoch und veröffentlichte, als ob nichts gewesen wäre, mit "Hand Of Kindness", "Across A Crowded Room" und "Amnesia" gleich drei weitere Musik-Juwelen in den 80ern. Männer haben es eben leichter. Ungerecht, aber wahr.
Frauen, die nicht scheiterten: Rickie Lee Jones und Grace Jones. Die (Nach)namensgleichheit täuscht, denn da taten sich divergierende musikalische Welten auf, die eine klang nämlich wie eine Mischung aus Tom Waits und Joni Mitchell, die andere setzte sich unnahbar-kühl zwischen Reggae und Funk. Die eine legte Soul in ihre Stimme, die andere avantgardistische Strenge.
Zu guter Letzt sei noch der 10. Juni 1981 erwähnt. Man hätte dabei sein sollen im Bond's Casino am Times Square in New York City. Da trafen einander The Clash und Allen Ginsberg. Letzterer schrieb im Flug von Frankfurt nach New York ein Poem, "Capitol Air", Joe Strummer bat ihn auf die Bühne, das Publikum war irritiert. "Was soll dieser Alte da?" "President Ginsberg?" "Was soll das?" Pfiffe und Buhrufe. Unruhe. Dessen ungeachtet legte Ginsberg los: "I don't like the government where I live/ I don't like dictator-ship of the rich/ I don't like bureaucrats telling me what to eat/ I don't like police-dogs sniffin' around my feet..." Tief und zornig klang diese Stimme und im Hintergrund setzte das Quartett rumpelnd und krachend ein, niemals war Live-Musik besser - die Aufnahme erschien erst 1994 offiziell, daher: Vergesst es wieder und wartet auf Teil 6...
Van Morrison: "Poetic Champions Compose" (1987, Polydor) -- Ein Glücksfall. Klingt dabei so leicht niedergeschrieben. Gibt viel zu entdecken. Andersrum: Van Morrison erlebte in den 80er Jahren ein beständig kreatives Hoch und gleichzeitig ein kommerzielles Desaster nach dem anderen.
Talking Heads: "Remain In Light" (1980, Sire) -- Für die meisten das wichtigste Album der vier Sprechschädel. Sperrig. Geheimnisvoll. Dunkel. Bizarr. Noch heute gültig. "Speaking In Tongues" (1983, Sire) -- Jetzt mal ehrlich: Ihr kennt (und mögt vielleicht sogar) diese unsägliche Tom Jones-Version von "Burning Down The House"? Bitte (bitte!) lernt das Original kennen und (und!) die Live-Version von "Stop Making Sense" (1984, Sire). Ihr werdet begeistert sein und Tom Jones in den Müll werfen oder zumindest verdammen. Versprochen. "Speaking In Tongues" im übrigen, simpel formuliert, zählt zu den gelungensten und somit wichtigsten Alben der 80er Jahre. Entzückend (aber leider sehr teuer) das Art-Cover von Rauschenberg. Mit "Naive Melody (This Must Be The Place)" findet ihr zudem das Schaffens-Highlight des Quartetts. Der Text! Die Songstruktur!... o.k., genug geschwärmt.
Ian Dury & The Blockheads: "Do It Yourself" (1979, Stiff) + "Laughter" (1980, Stiff) -- Da hatte er noch gut lachen, der gute Mann, kurz darauf war es leider vorbei mit seiner Popularität. ReggaePopPunkFunk und britische Mitgröhl-Gesänge. Absolut essentiell.
The Dukes Of Stratosphear: "25 O'Clock" (1985, Virgin) + "Psonic Psunspot" (Farbvinyl! 1987, Virgin) -- Ein Wagnis. Ein Abenteuer. Psychedelia und farbenfrohe Schattierungen nach Pilleneinnahme. Die CD-Anthologie heisst daher auch "Chips From The Chocolate Fireball" (1987, Geffen). Es lassen grüßen: Sir John Johns, The Red Curtain, Lord Cornelius Plum, E.I.E.I. Owen und Swami Anand Nagara alias XTC! War anscheinend viel zu abgehoben für eine breite Käuferschicht. Konkurs! Musikalisch gelungen.
XTC: "Black Sea" (1980, Virgin), "English Settlement" (1982, Virgin), "Big Express" (1984, Virgin), "Oranges & Lemons" (1989, Virgin) -- Die musikalische Fortführung der Fab Four ohne freilich jemals kommerziell so richtig durchzustarten.
Laurie Anderson: "United States Live" (5 LP-Box, 1984, Warner) -- Ein Jahrhundertereignis!
Ex-Clash-er "danach":
Big Audio Dynamite: "This Is Big Audio Dynamite" (1985, CBS) + "No. 10, Upping St." (1986, CBS); Joe Strummer: "Earthquake Weather" (1989, CBS) und Topper Headon: "Waking Up" (1986, Mercury)
Dexy's Midnight Runners: "Searching For The Young Soul Rebels" (1980, EMI) + "Don't Stand Me Down" (1985, Mercury) -- Zwei Naturereignisse, das Debüt zum Einen, der kommerzielle Flop zum Anderen. Soul. Gefühl. Virtuosität. Intelligente Texte. Traurig und einfach wunderschön rotzig.
Redskins: "Neither Washington Nor Moscow..." (1986, Metronome)
Nine Below Zero: "Live At The Marquee" (16. Juli 1980, A & M)
John Foxx: "Metamatic" (1980, Virgin) -- Elektronik pur war ja modern in den 80ern, so auch kurzfristig John Foxx, der Gründer der späteren Langweiler Ultravox. Sein Debüt jedenfalls hat's in sich.
Tubeway Army: "Replicas" (1979, Beggars Banquet) -- "Are 'Friends' Electric?" war ein ziemlicher Hit, der Rest gut durchdrungener Synthie-Rock vom noch jungen Gary Numan. Was danach von ihm kam, könnt ihr getrost überhören.
The Specials: "The Specials" (1979, Chrysalis) + "More Specials" (1980, Chrysalis) -- Ska der 50er fusionierte mit Punk der 70er, heraus kam absolut Essentielles für die 80er!
The Beat: "I Just Can't Stop It" (1980, Arista) -- Politisch wertvoll!
Linton Kwesi Johnson: "Making History" (1984, Island) -- LKJ: das bedeutet großartige Literatur und hervorragender Reggae mit Dub-Sprengseln!
Kewi University Of Swing: "Terracotta Me, Baby" (1983, Idiot Records) -- Eigenwillig und skurril. Gerade richtig für die 80er Jahre.
Squeeze: "Cool For Cats" (1979, A & M), "Eastside Story" (1981, A & M) + "Sweets From A Stranger" (1982, A & M) -- Was, unbekannt? Sofort kaufen!
Difford & Tilbrook: "Difford & Tilbrook" -- Die zwei Komponisten und Sänger von Squeeze mit einem fabelhaften Duo-Album, das leider ohne Promotion auskommen musste.
Joe Jackson: "Big World" (3 Plattenseiten, 1986, A & M) -- Nie war Joe besser als mit diesen 15 Songs.
The Costello Show: "King Of America" (1986, Demon) -- Herr Elvis II.
zeigte sich am Cover mit Krone, passend zum Titel, passend zu den Liedern.
The Pogues: "If I Should Fall From Grace With God" (1988, Upfront) -- Kennst eine, kennst alle, aber die sollte man wirklich kennen.
Fairground Attraction: "The First Of A Million Kisses" (1988, BMG) -- Gute Folk-Alben waren rar in den 80ern. Seltene Ausnahme!
Michelle Shocked: "Short Sharp Shocked" (1988, Mercury) + "Captain Swing" (1989, Mercury) -- Diese Frau hat derzeit keinen Plattenvertrag!! Schande!!!
Loudon Wainwright III: "More Love Songs" (1986, Rounder) -- Bis vor kurzem LWW III's bestes Album!
Richard & Linda Thompson: "Shoot Out The Lights" (1982, Hannibal) -- Vorsicht! Dieses Album würdet ihr auch noch im Grab hören wollen.
Roy Orbison And Friends: "A Black And White Night Live" (1989, Virgin) -- Ein Live-Highlight par excellence! Da rollt die Freude und rockt der Spaß. Da schmalzt die Stimme und schauert der Rücken.
J.J.Cale: "5" (1979, Mercury) + "Shades" (1980, Shelter) -- Meine ganz persönlichen Lieblingsplatten für gewisse Tage. So viel Freiheit muss sein.
Neil Young: "Landing On Water" (1986, Geffen) -- Kompromisslos. Kantig. Voller Ideen. Synthie-Rock mit Punk-Texten.
Ry Cooder: "Get Rhythm" (1987, Warner) -- Mr. Cooder! Jetzt wird's schon langsam wieder Zeit für ein neues Album ohne dazugehörigen Film. Ohne Kubaner. Einfach so. Wie damals. Cooder pur. Ein zweites "Get Rhythm" halt.
Steve Earle: "Guitar Town" (1986, MCA)
Jerry Harrison: "The Red And The Black" (1981, Sire) + "Casual Gods" (1988, Fontana) -- Hier passt bei beiden Alben alles, vom Artwork des Cover bis zum wichtigsten Teil natürlich, der Musik. Engagiert. Sozialkritik. Aufmüpfig. Tanzbar. Funk-Groove. Afro-Roots. Produzent von Violent Femmes und Ex-Talking Heads. [mh]
[(c) 1999-2000 Manfred Horak. Alle Rechte vorbehalten. Erschienen bei "Der Schallplattenmann sagt" #189 & #190. (http://www.schallplattenmann.de/suchen.shtml?q=es+war+einmal)]
Achtlos nannt´sie ihren Namen
Ob beim Arzt, bei jeder Feier!
Daß ihr niemals Zweifel kamen
Spricht nicht grad für Fräulein Meier.
An der Tür stand er, die Tanten,
Kinder, Polizisten, Freier,
Alle kannten ihn und nannten
Fräulein Meier einfach: Meier.
Unbedacht führt oft zu Schaden.
Und besonders gern im Osten!
Denn ein Rechtsanwalt aus Baden
Ließ die Sache sich was kosten.
Immer haben kluge Leute
Sich besondres ausgedacht,
Denn kein Mensch weiß schließlich heute,
Was uns morgen reicher macht.
Also, auf des Herrn Betreiben,
Der in Pforzheim Steuern blecht,
Kam vom Amt ein dickes Schreiben
Zwecks: Frau Meiers Namensrecht,
Das gehöre jetzt Herrn Schmitten,
Der den Namen schützen ließ,
So daß sie ihn ab dem Dritten
Nicht mehr nutzen darf, laut Brief.
Es war sinnlos, auszurasten.
Alles weg, das war kein Spaß.
Keine Post lag mehr im Kasten,
Ungültig ihr Reisepaß.
Solch ein Leben ist doch Scheiße!
Immer zu die alte Leier,
Auf die Frage, wie sie heiße,
Darf sie nie mehr sagen: Meier .
Angst nur blieb ihr, Angst und Schmerzen,
Angst vor all der Männer Samen,
Denn das Kind dann unterm Herzen
Hätte gleichfalls keinen Namen.
Anne Marie Meier Würste
Anne Marie Meier Brot.
Die Designer Meier Bürste
Und das Mari Meier Boot,
Alles durft sich Meier nennen
Jenem Pforzheimer zur Ehr
Nur die Anne Marie kennen
Keine echten Menschen mehr.
Kann man Menschen mehr entehren,
Als der Meiern ist´s geschehn?
Ganz zu schweigen von dem schweren
Identitätsproblem.
Darum laßt euch alles schützen!
Erbsubstanz und Leibgericht.
Schützt nie nur mit Schals und Mützen
Euer eigenes Gesicht.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Hans-Eckardt Wenzel. Alle Rechte liegen beim Autor. Abdruck, e-Comerce-Vertrieb etc. pp. nur nach Einholung der Rechte möglich. Informationen zu H.-E. Wenzel u. a. bei http://www.sansibarkult.de.
Dass aus dem Kommunizieren selbst jemals etwas anderes würde als die einfache Sache, die der lateinische Name benennt, schafft auch der Kapitalismus mit seinen eindrucksvollen technischen Fortschritten nicht. Ist das Mitteilungsbedürfnis allerdings erst einmal so richtig als Sphäre lohnender Geschäftemacherei erschlossen, kann dafür keine der hergebrachten Formen, in denen die Menschheit ihren gedanklichen Verkehr sprachlich abwickelt, vor ihrer Revolutionierung sicher sein. Mobil zu telefonieren, überall und zu jedem Zeitpunkt und möglichst auch noch an jedem Punkt des Globus selbst für Mitteilungen erreichbar zu sein und andere erreichen zu können: Das ist mittlerweile Standard in der Abteilung, die früher Fernmeldewesen hieß. Dieser Standard hat sich im Zusammenspiel von Geschäfte verheißender Weckung und Befriedigung des Bedürfnisses, sich mitzuteilen, nicht nur dermaßen flächendeckend herausgebildet, dass ein Handy-Verbot inzwischen auch schon für Grundschulen im Raum steht. Auch das rasante Tempo ist beeindruckend, in dem die kapitalistischen Konkurrenten den Stand der Technik für ihr Geschäft und gegen das der anderen zu instrumentalisieren suchen und ihn darüber beständig vorantreiben. So sind neben Milliardensummen auf der Erde inzwischen auch etliche Satelliten im Weltraum einfach fehlinvestiert und werden im Zuge der Abwicklung des Konkurses der Firma, die sie hinaufschießen ließ, wieder abgeschossen. Das Konkurrenzprodukt, dessen Lizenzen gerade zur Versteigerung anstehen, schafft nicht nur das globale Telefonieren billiger, sondern erlaubt vor allem auch die schnelle Übermittlung von Daten und kombiniert das mobile Telefonieren so mit der zweiten Abteilung, in der sich die Paarung von Geschäftssinn und Technologie über die Zeichen machende Phantasie und ihre herkömmlichen Medien erfolgreich hergemacht hat und von der im Folgenden die Rede ist:
Das Internet
Wie immer fängt es ganz klein an
Der schon länger zurückliegende technische Fortschritt, wie er durch den Computer bewirkt wird, besteht darin, dass das Rechengerät mit seinen gedankenlosen binären Schaltkreisen die kompliziertesten Gedanken als numerische Datenfolge codiert und gemäß festgelegter Regeln mechanisch mit ihnen verfährt. Allerdings ist diese Maschine, die mit ihrer Verarbeitung von Daten den Geist von mancher Anstrengung der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses entlastet, ebenso wie die Ausstattung ihres Innenlebens ein Geschäftsmittel von Produzenten, die mit ihrer Produktion gegeneinander konkurrieren, und das wirft Probleme auf - für alle die nämlich, die die mit der Digitalisierung eröffneten Möglichkeiten auch real und praktisch nutzen wollen. Professoren und Studenten, die mit den vielen ‘Informationen’ in ihrer Wissenschaft konstruktiv umgehen wollen; Militärs, die scharf auf - auch noch nach einem Krieg - funktionierende Strukturen ihrer ‘Kommunikation’ sind; Unternehmen, denen für ihre interne wie externe Planung an einer effektiven Verarbeitung ihrer ‘Daten’ liegt: Sie stoßen sich an gewissen Schranken, die der Stand der Technik, vor allem aber manche Eigenheiten des kapitalistischen Konkurrierens ihrem Interesse gegenüber aufwerfen. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist der Datentransport von Rechner zu Rechner störungsanfällig, aufwendig, wegen Inkompatibilität von Hard- und Software der konkurrierenden Hersteller nur beschränkt oder nicht möglich, nicht selten passen sogar die neuen Kästen aus ein und derselben Werkstatt nicht zu denen der Vorgängergeneration, und schon beim Transfer der Daten über die Grenze zum nächsten Bundesstaat vermehren sich bisweilen die Probleme...
Ein technologischer Durchbruch verspricht da Abhilfe, den die US-Regierung mit viel Geld und Manpower aus allen Winkeln der forschenden Elite schon seit längerem auf den Weg gebracht und dauerhaft betreut hat. Der besteht darin, dass Fortschritte auf allen Gebieten der Mikroelektronik bei Computer-Hardware und Übertragungswesen sowie ganz viel Ingenieurskunst aus der Abteilung Software schließlich und endlich eine Methode zur Vereinheitlichung der Weise des Kommunizierens zwischen den disparaten Werkzeugen und Methoden zur Datenverarbeitung zustandebringen. Diese Vereinheitlichung liegt beschränkt vor in Gestalt von Computer-Netzwerken, Datenbanken und dezentralisierten Rechnern, die den Zugriff auf erstere gestatten, und diese Netze werden nun im Internet, dem "Netz der Netze", miteinander verknüpft. Auf Basis eines maschinen- bzw. herstellerunabhängigen Übertragungsprotokolls erlaubt diese Verknüpfung dann den unmittelbaren Austausch und die direkte Nutzung von allem, was sich digitalisieren lässt. Mit seiner Codierung und Transformierung in Bit-Ketten macht das Medium Ernst mit dem Begriff Information in der ganzen Abstraktheit, in der Gedanken nun einmal gefasst werden, wenn sie als Daten verarbeitet werden: Was immer sich einer ausdenkt und ins Netz stellt, ist in diesem als im Prinzip von Jedermann zu jeder Zeit abrufbares Ding vorhanden. Informiert ist, wer sich Zugang zu gespeicherten Datensätzen verschafft und sich die mit dem Befehl ‘download’ aneignet. Ob und was überhaupt er dann weiß, hängt von dem, wie gut und worüber er sich informiert hat, gar nicht ab.
Nachdem sich im planmäßigen Zusammenwirken von Universitäten, Forschungszentren, Militär und anderen staatlichen Stellen auch noch der erforderliche Einheits-Standard für die Sprache des kommunikativen Verkehrs herausmendelt, existiert mit dem Internet ein nahezu störungsfreier ‘Kanal zur Übermittlung von Nachrichten’. ‘Sender’ und ‘Empfänger’ können dabei im Prinzip - nämlich durch Vernetzung der unterschiedlichen nationalen Netze - weltweit verstreut sein und in Echtzeit miteinander kommunizieren, als wären sie unmittelbar beieinander.
Erfreulicherweise geht dieser Durchbruch mit der Entwicklung der nötigen
Werkzeuge zu seiner praktischen Realisierung Hand in Hand. Es gibt auch die
entsprechend leistungsfähigen und ausgerüsteten PC sowie zusehends
leistungsfähigere Modems, Telefonleitungen etc., die den dezentralen,
von einem Hauptrechner sowie hersteller- und betriebssystem-unabhängigen
Datenverkehr wahr werden lassen, und so kann - nach der Ausgliederung aller
die nationale Sicherheit betreffenden Abteilungen aus dem, was dem globalen
Zugriff offen steht - das Angebot auch wahrgenommen werden. Die Teilnehmer
in dem Diskurs namens Wissenschaft sind vorneweg und toben sich unter sich,
aber öffentlich zugänglich, aus. Nach der Erfindung einer leicht
bedienbaren Benutzeroberfläche sind ihre Produkte und alles andere,
was Bibliotheken und - zusehends mehr: - auch Privatmenschen an Ergüssen
ins Netz stellen, unter www. global zugänglich. Eine kleine Nebenbedingung
allerdings muss der technische Erfolg schon auch noch erfüllen, damit
aus dem Internet ein Erfolgsschlager wird:
Die "Kommerzialisierung des Netzes"
Auf den vergleichsweise kleinen Club von Wissenschaftlern, die sich viel zu sagen haben, und Esoterikern, für die dasselbe gilt, bleiben die "Surfer im Netz" nicht beschränkt. Botschaften beliebigen Inhalts in Form von Daten dem weltweiten Zugriff verfügbar zu machen und seinerseits über sie verfügen zu können: Das stößt bei allen, für die der dumme Spruch "Zeit ist Geld" praktische Maxime ihres Tuns ist, auf reges Interesse. Vom Schneller & Besser im Verkehr von Daten, das mit dem Kommunizieren "online" winkt, versprechen sich erstmal alle produzierenden Kapitalisten Vorteile, denen an der Verkürzung der Umschlagszeit ihres Kapitals liegt, weil sie es dann schlicht öfter profitbringend vorschießen können; ferner die vielen Geschäftsleute aus dem Gewerbezweig des Handels, die zur Verminderung ihres Aufwands bei der Betreuung des Angebots auf seinem Weg zur Nachfrage über Vieles gut informiert sein und notorisch schneller als die Konkurrenz reagieren müssen; und schließlich auch die Gewerbetreibenden, die mit der Ware Geld handeln und bei denen der Geschäftserfolg bloß davon abhängt, dass sie sich zur rechten Zeit fürs Richtige entscheiden: Sie alle bilden die Geschäftsabteilung Nr. 1 des Internet.
Also liegt der hoheitliche Stifter des Internet überhaupt nicht daneben mit seiner Vermutung, dass die Optimierung des Datenverkehrs nicht nur dem Fortschritt der Wissenschaft, sondern auch dem des Geschäfts zugute kommen wird. Die Lizenzen, die die US-Regierung zur Betreuung und zum weiteren Ausbau des Netzes anbietet, werden ihr gerne abgekauft, weil auch Großunternehmen wie AT&T, MCI und IBM das kapitalistische Rechnungswesen gut genug kennen und mit der nunmehr ebenfalls von Rechts wegen gestatteten "kommerziellen Datennutzung" ihr Geschäft machen wollen. Auch sie verrechnen sich bei ihrer interessierten Begutachtung der Rolle von Zeit und Raum im kapitalistischen Geschäftsleben nicht und begründen die Geschäftsabteilung Nr. 2 des Internet. Und so wird das Internet erstmal geschäftlich genutzt:
Für Banken, Broker und alle anderen, die mit dem weltweiten Geldverschieben rund um die Uhr verdienen, kommt es entscheidend darauf an, möglichst immer und sofort über die nötigen "Informationen" und "Daten" zu verfügen, die die Grundlage ihrer Spekulation ausmachen. Deren erfolgreicher Ausgang hängt ja entscheidend vom möglichst rechtzeitigen Reagieren auf die Kursentwicklung bei Geldern und anderen papierenen Werten ab. Also steigt dieser Erwerbszweig selbstverständlich in das Netz ein, das das einschlägige Bescheidwissen zeitgleich an jedem Ort der Welt ermöglicht und dem spekulativen Kommunizieren so billig und bequem Flügel verleiht.
Dort, wo das kapitalistische Produzieren oder Vertreiben von Waren ohnehin bereits auf dem Umgang mit Hard- und Software beruht, entdeckt das Interesse nach Senkung lohnender Kosten die neuen technischen Möglichkeiten im Umgang mit digitalisierter Information für sich und macht sich daran, zusammen mit dem Umgang mit Daten auch den mit Arbeitskräften und den Plätzen zu revolutionieren, an denen die tätig sind. Furore macht in Forschungs- und Produktentwicklungsabteilungen multinationaler Unternehmen der über die Zeitzonen der Welt verteilte 24-Stunden-Arbeitstag, bei dem es zu Schichtbeginn in Europa nahtlos dort weitergeht, wo das Team in Fernost aufgehört hat. Unspektakulärer, dafür aber nachhaltiger sind die Modifikationen, die die Kommunikation via Internet an den Arbeitsplätzen für Datenverarbeitung nach sich zieht. Denn selbstverständlich ist auch für Firmen im heimischen Standort Zeit praktisch wie bares Geld, hängt doch die kalkulierte Rentabilität des von ihnen verausgabten Kapitals mit von der Geschwindigkeit ab, in der es - nebst dem erzielten Überschuss - zu ihnen zurückfließt. Wo immer daher der Datenverkehr via Internet sich zur Verkürzung von Zirkulationszeit bzw. Umschlagsdauer des verauslagten Kapitals verwenden lässt, wird der Produktionsprozess - vom Einkauf der Rohstoffe über die Lagerhaltung bis zur Entsorgung des anfallenden Schrotts - entsprechend rationalisiert. Im Verkehr mit anderen Unternehmen oder auch nur firmenintern ersetzt der Gebrauch des Netzes viel vom bisher betriebenen zeitlichen wie kostenmäßigen Aufwand auf den verschiedenen Ebenen der betrieblichen Planung, zugleich eröffnet die effektivierte Lager- und Buchhaltung ganz neue Möglichkeiten, dem Ideal einer Produktion "just-in-time" näher zu kommen.
Private wie öffentliche Dienstleister, die viel Daten zu verwalten haben, können dies nun dank des neuen Transportmediums schneller und billiger, und so verschwinden im Zuge der Neuorganisierung von Arbeitszeiten und -tätigkeiten auch noch bei Banken, Versicherungen und Behörden viele alte, wachsen aber auch ganz neue Arbeitsplätze. Letztere immer öfter praktischerweise gleich in den eigenen vier Wänden, weil sich Bildschirm, Kasten und Tastatur ja sehr problemlos "outsourcen" lassen. "Telearbeit" heißt der neue Beruf dann.
Weil - wie immer beim kapitalistischen Fortschritt - der neue technische Standard für den Umgang mit Daten und deren Nutzung den ‘moralischen Verschleiß’ des alten besorgt, wächst zwangsläufig die Zahl der Teilnehmer am Netz. Der sich allmählich verallgemeinernde Zwang, sich eine Gelegenheit zur Optimierung der eigenen Geschäftskalkulation nicht entgehen zu lassen, ist die positive Geschäftsgrundlage aller, die mit der Bereitstellung des neuen Kommunikationsmediums ihre eigene Rechnung verfolgen. So wächst zusammen mit dem Netz alles, was zur erfolgreichen Teilnahme an demselben nötig ist, also das Plus bei Produzenten von Hard- und Software ebenso wie bei allen Dienstleistern, die den Zugang zum und die Nutzung vom Internet mit seinen diversen Unterabteilungen incl. www. geschäftsmäßig betreuen. Und in der Sicherheit, dass die Nachfrage nach dem Angebot durch die Geschäftsleute der Abteilung Nr. 1 ohnehin nur wachsen wird und kann, entsteht eine eigene Sphäre "Information und Technologie" und wächst die Abteilung Nr. 2.
Die neuen Märkte in der "www.-Welt"
Vom Standpunkt der Profiteure des Wachstums in der Abteilung "IT" aus verhält
es sich mit der Nutzbarmachung ihrer Verdienstquelle wie überall im
kapitalistischen Erwerbsleben: Wo sie an der Nutzung des Netzes durch andere
verdienen, steigt trivialerweise ihr Verdienst mit der Masse der Nutzer.
Für sie ist es schlicht der Gebrauch des Mediums abstrakt, unabhängig
vom Wofür und Wozu, an dem sie verdienen, also setzen sie alles daran,
das Kommunizieren, das das Netz ermöglicht, als ihre Verdienstquelle
auszuschlachten, und darüber kommen die neuen Errungenschaften zustande,
für die das Netz inzwischen berühmt ist. Mit dem Angebot nämlich,
ohne die üblichen Schranken von Raum und Zeit kommunizieren zu können,
wecken sie bei Geschäftsleuten ein Bedürfnis, die daran verdienen,
von anderen produzierte Waren an den nächsten oder letzten Abnehmer zu
verkaufen - auf die ersten beiden Abteilungen pflanzt sich die Geschäftsabteilung
Nr. 3 des Internet: Kaufleute steigen ins Netz ein, weil ihnen dieses
zusätzlich zu den bestehenden Wegen als neuer Verkehrsweg zum
Kunden offeriert wird. Von dem rechnen sie sich für sich etwas aus,
verdoppeln sich in virtuelle Kaufhäuser, Reisebüros, Groß-
und Einzelhändler für pharmazeutische und andere Produkte und spekulieren
auf mehr Umsatz, weil sie ihr Zeug nun auch noch so feilbieten.
Ihre Konkurrenten aus denselben Branchen wollen sich die ansonsten üblichen
Handels- und andere Kosten gleich sparen und gründen sich als
"e-commerce"-Unternehmen, womit sie zwar die Schranken von Raum und
Zeit auch nicht ganz, womöglich aber schneller und billiger überwinden.
Womöglich, denn den Absatz, den sie sich ausrechnen, müssen sie ja anderen wegnehmen, die umgekehrt genau Dasselbe mit ihnen versuchen. Dass man ganz viel ganz schnell verkaufen kann, ist ja erstens keine Sicherheit, dass man deswegen auch mehr verkauft. Zweitens schon gleich nicht, wenn alle Konkurrenten auf denselben schlauen Einfall setzen, und drittens hängt der Geschäftserfolg, auf den alle zusammen spechten, von einer nicht ganz unwichtigen Voraussetzung ab: Die geschätzten Besitzer der Zahlungskraft, die die Kaufleute mit ihrer Selbstpräsentation auf den "web-sites" umwerben, müssen das famose Medium schon in etwa so interessant finden, wie sie selbst dies tun. Ihr kommerzieller Erfolg hängt ab von der Bekannt- und Interessantmachung des Netzes beim und fürs nichtkommerzielle breite Publikum, aufs "Drin!" von Boris möglichst massenhaft kommt es an. Darüber wird das Internet schon wieder zur Präsentation eines Angebots, das sich zwar niemand bestellt hat, das aber doch sehr nachgefragt wird, kaum ist es auf der Welt.
Vom subjektiven Treiben in einer "modernen Wissens- und Informationsgesellschaft"
Viel hat es im Grunde gar nicht dazu gebraucht, um den Fimmel von Freaks in Kalifornien und einiger Studiosi hierzulande zur Massenkultur einer - anerkennend! - so geheißenen "@-Generation" auszubauen. Erstens "neu" und zweitens und vor allem "interessant" reichen da als Attribute vollkommen aus, um den Kommunikationskanal auch für die gewöhnlichen Leute schmackhaft zu machen. Die sind zwar noch nie ausgerechnet durch ihren Durst nach viel Wissen und Information über die Welt, mit der sie sich herumzuschlagen haben, aufgefallen. Doch auch wenn sie verlängerte Öffnungszeiten für Bibliotheken und Zeitungsarchive gar nicht verlangt haben: Dass man in denen, aber vor allem auch sonst überall blättern kann, wo einen Suchmaschinen gratis hinführen, finden sie, wenn man es ihnen oft genug sagt, durchaus interessant. Diese Maschinen braucht es, weil es in der Natur dieses Angebots von Information liegt, dass man sich in ihm ohne Datenspezialisten nicht zurechtfindet. Aus der Not erwächst selbstverständlich eine geschäftliche Tugend, und die Summen, die die werbungs-finanzierten Pfadfinder für den Dschungel der Informationen kassieren, in dem das Wissen der "Wissensgesellschaft" wuchert, machen einen großen Teil des Geschäfts in der Abteilung Nr. 2 aus. Und je mehr Leute das interessant finden oder glaubhaft versichert bekommen, wie interessant es ist, sich zum Erwerb von Information von Yahoo und anderen an die Hand nehmen zu lassen, desto weniger wollen sich der Sache verschließen, die von so allgemeinem Interesse und öffentlicher Wichtigkeit ist. "Drin ist in!" ist nun mal das Überzeugungsargument jeder Mode, also will man, wie bei allen anderen, auch bei dieser eher nicht out sein. Zumal einem dann auch die besonderen Gebrauchswerte nicht durch die Lappen gehen, die das Netz erst so richtig zum Objekt eines allgemein verbreiteten Privatinteresses und den Umgang mit einem Arbeitswerkzeug zum wirklichen Freizeitvergnügen werden lassen. Was sind schon Optionen wie http://www.britannica.com oder gegenstandpunkt.com gegen das Erlebnis, sich die Phänomenologie der ganzen kapitalistischen Welt und alles, was einen an der speziell und im Leben überhaupt so interessiert, fürs private Zugreifen aufbereiten zu lassen, als wäre alles eigens für einen da. Virtuell, im Blättern durch Bildschirmseiten, liegt den Statisten der Globalisierung die Welt zu Füßen, hinterher stückchenweise auch reell, dank Post oder UPS und sofern die Scheckkarte gedeckt ist. Und man steht nicht nur im Mittelpunkt der Welt, sondern kann sich auch selbst zu selbigem machen: Richtig gebraucht, wird das Netz zur riesigen Bühne für alle, die sich schon länger auf die Kunst der Selbstdarstellung verlegt haben, also für so gut wie alle normalen Bürger. Die können nun ihr privates Innenleben und alles, was sie in dem so treibt, dem Rest der Welt ausbreiten, und weil sie das können, tun sie es dann auch glatt. Mit einer eigenen "homepage", auf der jeder, der will, vorbeischauen kann, macht man sich für alle anderen wichtig und kommt sich darüber selbst gleich sehr wichtig vor. Sicher - im Unterschied zu allen wirklich Großen und Erfolgreichen, die einem im Netz und außerhalb Dasselbe vormachen, bleibt die positive Resonanz der Weltöffentlichkeit eher nachhaltig aus. Aber dafür spendet beateuhse.de gegen zusätzliches Entgelt den nötigen Trost und hält den Reiz des Mediums aufrecht. Wem der Button "download" auf Dauer doch zu fad wird und wer lieber etwas ganz Spezielles und wirklich Privates erleben will, richtet sich sein Schlaf- oder Badezimmer zur weltöffentlichen Peep-Show her oder besucht bei anderen die entsprechenden virtuellen Etablissements. Die sind inzwischen ebenso wenig Einzelfall wie das Analphabetentum, das sich mit "smilies" oder auch dreidimensional via "e-mail" verbreitet. Auch das kommt nicht von ungefähr, denn ohne eine Einladung zum "chat" hinterher im eigens dafür bereitgestellten "room" wickeln die TV-Anstalten weder Frau Christiansen noch eine Halbzeitpause beim Fußball ab. Praktisch überall, wo etwas läuft, kann man selbst mit dabei sein, und ist es auch prompt. Sogar Politikern kann man unter www. seine Meinung sagen.
(wird fortgesetzt) aus Gegenstandpunkt 3/2000
Als Frau Nichtig an ihrer Haustür angelangt war, hatte aufgrund der unbequemen, ihre Füße aufs furchtbarste marternden Holzpantoletten ihre Kampfesstimmung stark gelitten. Sie war umgeknickt und der Knöchel schien etwas angeschwollen. Mühselig stelzte Frau Nichtig die Treppen hinauf. Für das laute Klingeln mußte sie alle verbliebenen Restenergien mobilisieren. Horst saß mal wieder auf seinen Ohren! Endlich hörte sie das wohlbekannte Schlurfen seiner Pantoffeln. Gräßlich! Wie hatte sie es nur 2 Jahre lang mit dieser Nappsülze ausgehalten? Vorsichtig öffnete er die Tür, die Kette ließ er eingehakt. Ein sicheres Zeichen dafür, daß er allein war. Horst hatte schreckliche Angst vor Einbrechern. Nur wenn eine Frau im Haus war, fühlte sich diese Bangebüx sicher. "Mußt du immer so schlurfen? Mach' gefälligst die Kette ab!" herrschte ihn Frau Nichtig an. Der Anblick seines zitternden Doppelkinns fachte ihre Wut wieder an und gab ihr somit Kraft.
"Trude, was willst du denn noch?" stammelte Horst verdattert. Gott, wie
dämlich er dreinschaute! Wie der Mops von Frau Krüger. Frau Krüger?!
Wer war Frau Krüger? Frau Nichtig konnte sich beim besten Willen nicht
daran erinnern. Aber den fiesen kleinen Mops sah sie deutlich vor sich. Sie
mußte später einmal in Ruhe über diesen Erinnerungsfetzen
nachdenken. "Siehst du denn nicht, wie ich aussehe? Ich will meine Sachen
holen!" "Ja, natürlich, komm' rein. Da hast du Glück, die sollten
morgen in die Altkleidersammlung kommen." Horst warf einen erschrockenen Blick
auf Frau Nichtigs häßliche Strickjacke und die ausgebeulte Jogginghose.
"Gott, Trudchen, was haben sie denn mit dir gemacht? Komm, setz' dich erst
mal. Du kannst uns auch gern 'nen Kaffee kochen, du siehst aus, als könntest
du einen gebrauchen." Frau Nichtig betrat die Küche, in der Gott sei
Dank alles an seinem alten Fleck war. Nur eine neue, scheußliche Baumwollschürze,
lila mit giftgrünen Blumen, hing neben der Spüle. Frau Nichtig
bereitete den Kaffee, während Horst kleinlaut auf dem Hocker herumkippelte.
"Laß doch mal den Hocker stehen, wie oft hab' ich dir gesagt, daß
davon die Beine abbrechen." Horst hörte schuldbewußt mit dem Kippeln
auf.
Frau Nichtig setzte sich mit dem frisch gebrühten Kaffee zu Horst an
den Küchentisch. "Und, wie ist diese schreckliche Person so?" fragte
Frau Nichtig wie beiläufig. "Ach", druckste Horst, "ich kann mich eigentlich
nicht beklagen." "So?!" empörte sich Frau Nichtig. Dann macht sie wohl
auch bessere Fleischklöpschen, was?" "Nein, nein," beteuerte Horst ängstlich,
"deine Fleischklöpschen sind unübertroffen. Wirklich." Ein wenig
versöhnt nippte Frau Nichtig am Kaffee. "Hast du vielleicht auch ein
Brötchen?" fragte sie nach einer Weile, denn ihr Morgenhunger machte
sich allmählich bemerkbar. "Du, es ist sogar noch Kuchen von gestern
da," freute sich Horst und öffnete die Backröhre. "Von Trude selbst
gebacken!" Er strahlte und förderte einen Pulverkuchen mit Schokoladenüberzug
zu Tage. "Du meinst, der ist von dieser schrecklichen Klarsen? Naja, gib
schon her. In der Not frißt der Teufel Fliegen." Frau Nichtig schlang
gierig drei Stücken hinunter. Nachdem sie die letzten Krümel vom
Teller geleckt hatte, sagte sie mit vor Überlegenheit vibrierender Stimme:
"Da fehlt eindeutig Vanillezucker. Ein Kuchen ohne Vanillezucker ist wie
eine Suppe ohne Salz. Nun ja, was will man von dieser Dilettantin erwarten.
- So, jetzt muß ich aber endlich an den Kleiderschrank!" Frau Nichtig
begab sich energischen Schrittes ins Schlafzimmer. Bald häuften sich
Kleiderbündel verschiedener Art auf dem Ehebett. "Aber geh' nicht an
die Sachen von Trudchen, das sieht sie nicht gern!" barmte Horst, dieses Weichei.
"Ich werd' mich schon nicht an deren Gelumpe vergreifen." Prüfend hob
Frau Nichtig ein Kleidungsstück nach dem anderen in die Höhe. "Gib
mir mal ein paar Tüten." Horst holte willig ein paar Plastiktüten
herbei. Frau Nichtig begann, Etliches einzusacken. In den zwei Jahren war
doch einiges an Garderobe zusammengekommen. Rasch steckte sie auch ein bißchen
Unterwäsche von der Klarsen ein, die ließ sich bestimmt gut verkaufen.
Es gab schließlich noch mehr Frauen mit schlechtem Geschmack. Rote
Spitze - dieses Flittchen! Frau Nichtig faßte den BH mit zwei Fingern
an und schleuderte ihn in die Tüte mit der Wäsche. "Ist das wirklich
deiner?" fragte Horst besorgt. Seit wann interessierte sich dieser Ignorant
für Reizwäsche? "Der paßt dir doch gar nicht, der ist dir
doch viel zu groß," muckte Horst weiter. "Deshalb hatte ich ihn ja
auch nie an. Wenn mich nicht alles täuscht, hab' ich den von deiner
Schwester Ilse zum Geburtstag bekommen, die hat mir immer Dinge geschenkt,
die ich nicht gebrauchen konnte," parierte Frau Nichtig. 'Es kann schließlich
nicht jede so einen Ballerbusen wie die Klarsen haben. Das verletzt doch
die Grenzen jeder Schicklichkeit,' dachte Frau Nichtig verletzt. Frau Nichtig
hatte sich fürs erste einen marineblauen Kaschmirpullover und eine beigefarbene
Tweedhose ausgesucht, um sich damit zu bekleiden. Gerade in dem Moment, als
Frau Nichtig nur noch ihre rosafarbene Unterwäsche trug, schloß
es an der Wohnungstür. "Einbrecher", flüsterte Horst sofort entsetzt.
Er verkroch sich panikartig hinter Frau Nichtig, die sich gerade noch den
Pullover vor ihre spärlich bedeckte Blöße halten konnte,
als diese schreckliche Person Klarsen-Meyer das Schlafzimmer betrat. "Was
ist hier los", kreischte diese beim Anblick der beiden hysterisch. "Was macht
diese alte Schnepfe in unserem Schlafzimmer?! Horst, ich verlange eine Erklärung!"
"Trudchen, aber wieso bist du denn nicht auf Arbeit?" Horst war käsebleich
geworden und griff sich ans Herz. "Ich habe dir doch lang und breit erklärt,
daß ich heute zuerst zum Arzt gehe und erst nachmittags zur Arbeit.
Typisch Männer, nie hören sie einem zu!" Die schrille Stimme dieser
furchtbaren Person tat Frau Nichtig in den Ohren weh. Sie nutzte den Streit
zwischen den beiden, um sich rasch anzukleiden und wollte sich dann unauffällig
an der Klarsen vorbeimogeln. "Halt, hiergeblieben! Sie Nymphomanin! Sie können
die Finger nicht von ihm lassen, was? Mein Gott, schauen Sie sich doch mal
im Spiegel an! Vorne nichts und hinten viel zu viel. Da fährt Horst
doch schon lange nicht mehr drauf ab! Was denken Sie, weshalb Horst die ABM
vorzeitig aufgekündigt hat? Ich hab' einfach mehr zu bieten," und dieses
gräßliche Frauenzimmer drehte sich arrogant in den Hüften.
Frau Nichtig sah, wie sich Horst peinlich berührt wandt. "Horst, ist
das wahr? War ich dir nicht mehr gut genug? Sag es!" Jetzt schrie auch Frau
Nichtig. Von unten stieß Nachbar Krause mit dem Besenstiel gegen die
Decke.
Horst versuchte, die Frauen zu beruhigen. "Aber Trudchen, so kann man das nicht sagen ... Ich brauchte einfach eine Veränderung. Das ist doch verständlich, oder? Das ist wie mit dem Essen. Jeden Tag dasselbe, das wird einem schnell über. Die anderen vor dir mußten immerhin schon nach einem Jahr gehen." So ein falscher Fuffziger. Frau Nichtig war zutiefst verletzt. Die Klarsen funkelte sie triumphierend an: "So, jetzt wissen Sie, daß Sie bei Horst abgemeldet sind! Nehmen Sie Ihr Zeug und verschwinden Sie! Und lassen Sie sich hier nie wieder blicken!" "Worauf Sie sich verlassen können! Sie wissen ja nicht mal, wie man Kuchen bäckt! Und meine Fleischklöpschen sind auch viel besser, da können Sie Horst ruhig fragen. Übrigens können Sie diese Witzfigur geschenkt haben!" Frau Nichtig raffte ihre Tüten an sich, darauf achtend, daß die Klarsen nicht etwa den roten BH erspähte.
Die schreckliche Person riß die Wohnungstür vor ihr auf und wies mit dem Finger hinaus. Frau Nichtig drehte sich ein letztes Mal zu Horst um: "Mach's gut, Horst, und paß auf, daß sie dich nicht erdrückt mit ihren ... Fußbällen!"
Mit lautem Krachen flog hinter ihr die Tür zu. Drinnen wurde noch heftig gezankt. Frau Nichtig hörte was von Lustmolch und Kuchen. Auf der Treppe kam ihr Herr Krause wutentbrannt entgegen und keuchte asthmatisch. "Frau Meyer! Sind Sie nicht schon ausgezogen?" fragte er keuchend. "Ja, und ich werde dieses Haus auch nie mehr betreten." "Ach, als Sie noch da waren, war es viel ruhiger! Was hat er sich diesmal nur für einen Drachen ins Haus geholt!" "Sie müssen denen mal so richtig einheizen, Herr Krause! Beim Vermieter müssen Sie sich beschweren!" machte ihn Frau Nichtig für die gute Sache stark. Herr Krause nickte, hustete gefährlich und setzte seinen Marsch nach oben fort.
Frau Nichtig verließ zufrieden ihr altes Heim. Denen hatte sie mal
so richtig die Meinung gesagt. Und der Krause würde sicher was unternehmen!
Nach ein paar Schritten wurde ihr plötzlich bewußt, daß sie
nicht an Schuhe gedacht hatte, sie stolperte immer noch auf diesen lächerlichen
Pantoletten umher. Und um Geld hatte sie Horst auch nicht mehr bitten können.
Ach ja, und bei dieser Gelegenheit hätte sie ihn auch gleich nach ihrer
Vergangenheit fragen können. Vielleicht wußte er ja irgendetwas.
Diese Klarsen hatte ihr alles vermasselt! Unglücklich ließ sich
Frau Nichtig auf einer Parkbank nieder. Der Knöchel tat ihr höllisch
weh. Und wo sollte sie mit dem ganzen Zeug hin? Im Obdachlosenheim würden
sie ihr sowieso nur alles wieder klauen.
Und irgendwas war doch noch mit einem Mops, der Frau Krüger hieß? Aber Frau Nichtig kam nicht dahinter.
(
Regina, Fortsetzung folgt!)
Und wieder ließen wir einen ganzen Vormittag im Bett verstreicheln. (Roland und Nathalie)
Ihr habt Uhren, wir haben Zeit. (altes Sprichwort aus Haithi)
Der Schallplattenmann sagt #183, 30.1.2000
**Various: "The Chess Story 1947-1975"** @@@@@ (Blues, Rock'n'Roll &
Soul -- 15CD, MCA)
"The Blues are the roots and the other musics are the fruits..." (Willie Dixon)
Wahrlich ein dickes Ding! Eine Box mit insgesamt 15 CDs dokumentiert die
Geschichte des mit stilprägenden Künstlern wie Muddy Waters, Howlin'
Wolf, Chuck Berry, Bo Diddley, Willie Dixon, Buddy Guy, Etta James, The Dells,
Billy Stewart uvam. lange Zeit tonangebenden Labels in Sachen Blues, Rock'n'Roll
und Soul: 13 CDs mit mehr als 330 Musikaufnahmen, eine Interview-CD (O-Töne
von Labelmitbegründer Phil Chess und Marshall, dem Sohn des 1969 verstorbenen
Gründers Leonard Chess) plus einer passablen Multimedia-CD-ROM (mit
der komprimierten Chess-Story, einem interaktiven Chess-Katalog, Künstlerbios,
Hintergrundinfo über das Chicago der 50er und das Chess-Studio). In
chronologischer Reihenfolge unterteilt auf drei Schuber, bietet das umfangreiche
Box-Set neben den Big Names auch genügend Raum für CD-Erstveröffentlichungen
von raren und obskuren Singles mehr oder minder in Vergessenheit geratener
One-Hit-Wonder (darunter auch Harmonica Frank, Sam Phillips' erste Entdeckung
auf der Suche nach einem Weißen, der wie ein Schwarzer singen konnte
- ein Erfolgsrezept, das bekanntlich erst ein paar Jahre später mit
Elvis Presley die populäre Musik revolutionieren sollte). Die Klangqualität
der Aufnahmen entspricht dem exzellenten Standard der Legendary-Chess-Masters-Serie.
Ein gebundenes, 68seitiges Begleit-Buch liefert lesenswerte Essays sowie eine
Liste der Billboard-Charts-Notierungen, allerdings fehlt ein alphabetisches
Interpreten-/Song-Gesamtverzeichnis, was den Zugriff auf bestimmte Titel unnötig
kompliziert. "The Chess Story 1947-1975" ist die bisher umfassendste Dokumentation
der Entwicklung des Blues bzw. seiner "Babys" in der "windy city" Chicago
und somit allen Interessierten und Sammlern wärmstens empfohlen -- vor
allem jenen, die noch keine der 1992/1994 erschienenen Chess-4CD-Box-Sets
("Blues", "Rhythm & Roll") haben und/oder noch tiefer in die Materie
einsteigen wollen. [bs]
Der Schallplattenmann sagt #184, 6.2.2000
**Warren Zevon: "Life'll Kill Ya"** @@@@@ (Nach fünf Jahren ein neues
Album des Singer/Songwriters!!, Epic)
...und das Leben hätte ihn ja fast umgebracht. Die Totenköpfe lugen
überall im Booklet um die Ecke. Der Mann hatte Alkohol und Drogen geschluckt
wie unsereins in neun Leben nicht. Aber dafür auch geniale Musik gemacht,
bis ihm der Erfolg förmlich in den Händen zerbröckelte. Egal:
Er ist wieder da, weicher geworden in Stimme und Attitüde, aber in seinen
Augen blitzt dieses "Ich hab die Hölle gesehen und bin wieder zurück".
Der Sarkasmus ist eher noch stärker geworden in seinen Texten ("Ich
kann 'ne Frau in zwei Stücke sägen/ aber ihr werdet nicht in den
Kasten schauen wollen, wenn ich's tu.../ Für meinen nächsten Trick
brauch' ich mal 'nen Freiwilligen...!"). Ein Blues über einen Arztbesuch
mit unerwartetem Ausgang. Der Doc sagt: "Your shit's fucked up" Tja. Kann
er auch nix dran machen. Ein Liebeslied, aber was singt er da? S&M? "Kannst
mich an den Boden anketten, ich werde dein Gefangener sein, deine Geisel..."
Oder: "Ich mach 'ne schmutzige kleine Religion aus'm Liebhaben..." Am anderen
Ende der Skala eine zerbrechliche, nachdenkliche Coverversion von Steve Winwoods
"Back In The High Life Again". So lässt er uns in den Songs ziemlich
nah an sein Inneres herankommen. Ein Wort zu den musikalischen Begleitern:
Jorge Calderon (Sessionmann mit Waddy Wachtel und Willy Weeks, dann mit David
Lindley, und seit Anfang an auf Zevon's Platten) und Winston Watson (Dylans
Drummer der Never Ending Tour von 1992 bis 1998), dazu auf einem Track auch
Chuck Prophet. Also: Keine Chance auf riesige Verkaufszahlen, aber eine Platte
für Leute mit Ohren, die "wir" einfach nötig haben! [www]
**Fela Anikulapo Kuti: "King Of Afrobeat - The Anthology"** @@@@@ (Afrobeat
-- 3CD, Barclay)
Nach Vinyl-, CD-Reissues und Best-Of-Konzentrat gibt es jetzt auch ein Box-Set,
das neben einer repräsentativen Auswahl archetypischer Fela-AfroJazzFunk-Jams
(1969 bis 1989) auch eine extrem lesenswerte Kurzbiografie des Kings Of Afrobeat
sowie Hintergrundbetrachtungen aus der Feder des Dancefloor-Aktivisten und
-Vordenkers David Toop enthält; ein kleiner Auszug, der's wie die geballte
Black-Power-Faust auf's Auge trifft: "Fela's music had a loose, hyperkinetic
energy that aligns it with Sun Ra, the Miles Davis of 'Pangäa', 'Jack
Johnson' and 'Get Up With It', George Clinton, Don Cherry, Terry Riley, Can,
even The Grateful Dead or James Brown's lengthy jams of the early 1970s...
Listen, open your ears and listen. This is mystic coolness. All one." [bs]
**Elliott Murphy: "Rainy Season"** @@@@@ (Songpoet, der auch mit der 17.
Platte kein kreatives Tief erlebt, Blue Rose)
Es ist lange vorbei, dass die Musikindustrie aus ihm einen neuen Dylan machen
wollte: 1973. Das ging schief, denn Dylan kam wieder: 1974. Dagegen half
kein Marketingkonzept. Aber da Murphy in Europa immer mehr zuhörendes
Publikum fand als in seiner amerikanischen Heimat, übersiedelte er nach
Paris. 1984 erzählte er beim Jazzfestival Montreux, wie er als Strassenmusiker
im Vorjahr draußen vor dem Casino spielte, Claude Nobbs ihn im Vorübergehen
hörte und vom Fleck weg als einen der Hauptacts für einen Abend
engagierte. Seine Musik bleibt aber in Sprache und Gefühl amerikanisch.
Er spricht oft vom Seelenleben der Expatriierten, der Heimatlosen. Ich liebe
seinen lange Geschichten erzählenden Blues, den countrydurchsetzten
Folk, die präzise Gitarrenarbeit, die Melodien, die immer mehr zu schweben
anfangen, je länger ein Lied dauert. Elliott Murphy erzeugt Spannungsbögen,
die mühelos über 7 oder gar 10 Minuten anhalten ("On Romeo Street",
"Put It Down"), mit einer der unaufgeregtesten Singstimmen jenseits von Kris
Kristofferson oder Tom Petty. Glitterhouse
und Blue Rose haben Elliott
Murphy ebenfalls ins Herz geschlossen und eine nur per Mail Order erhältliche
CD namens "April -- Germany '99" aufgelegt, ein quasi-Bootleg eines fantastischen
Konzertes vom 23.4.1999 im Duo mit seinem französischen Gitarrenpartner
Olivier Durand. Ebenso gibt es eine Doppel-CD bei Blue Rose namens Broadcasts
Vol. 1, wo sechs weitere Live-Tracks zu hören sind (neben 31 weiteren
Perlen!).
Der Schallplattenmann sagt #185, 13.2.2000
**Keith Caputo: "Died Laughing"** @@@@@ (Ein Leben ohne Agonie = Ein Album
voller Highlights, Roadrunner)
Ich war nie ein grosser Fan von Life Of Agony und blickte daher dem ersten
Soloalbum ihres Ex-Sängers Keith Caputo sehr gelassen entgegen.
Inzwischen ist es kaum noch möglich, mich zu beruhigen. "Died Laughing"
ist eines der besten Alben der vergangenen Jahre! Zwischen dem rockigen Opener
"Honeycomb" und der düsteren Schlussballade "Brandy Duval" liegen zehn
Songs, die sich aus allen Stiltöpfen bedienen, ohne die Linie zu verlieren.
Caputos wandelbares und zugleich unverwechselbares Organ drückt den
Liedern einen deutlichen Stempel auf. Melodieverliebt, eher poppig als rockig,
lebt der kleine New Yorker seine Liebe zu den Beatles oder Pink Floyd aus.
"Died Laughing" ist -- ohne Abstriche - ein perfektes Album, das ohne Schnick-Schnack
nur von brillanten Liedern und ihrem "Schöpfer" lebt. [dmm]
Der Schallplattenmann sagt #186, 20.2.2000
**The Flower Kings: "Alive On Planet Earth"** @@@@@ (Fantastisches Live-Album
der Prog-Rocker - DoCD, InsideOut/Foxtrot)
Das lang angekündigte und immer wieder verschobene Live-Album der Blumenkönige
ist, wie so oft bei den emsigen Schweden, ein Doppelalbum geworden. Das Resultat:
Rund zwei Stunden reinste Flower Power mit einem Querschnitt aus den Alben
der Flower Kings mit den unvermeidlichen Klassikern und einigen Überraschungen.
"Alive On Planet Earth" eröffnet hochdynamisch und sofort wird klar:
Dieses Album klingt (natürlich) genauso gut wie allen anderen der Flower
Kings.
Musikalisch überzeugen die Schweden ebenso, ja, die Flower Kings haben
vielleicht einfach das Pech, im falschen Jahrzehnt groß geworden zu
sein; ihre Musik ist nicht wirklich Retro, sie enthält all jene Elemente,
die den Prog in den 70ern groß gemacht haben, ohne diese nur zu imitieren.
Sie stehen nicht bloß in der Tradition der Ikonen des Genres (Genesis,
Yes, Emerson, Lake & Palmer oder Pink Floyd), vielmehr sind sie selbst
ein Teil dieser Tradition. Die Cover-Version von "The Lamb Lies Down On Broadway",
aber auch die eigenen Klassiker "The Judas Kiss", "Big Puzzle" oder "Stardust
We Are" sind herzzerreißend, steinerweichend, geradezu heilig geraten.
Fazit: Ein Diamant in der ohnehin makellosen Diskografie der Schweden. [sal]
Der Schallplattenmann sagt #187, 27.2.2000
**Norman Blake: "Far Away, Down On A Georgia Farm"** @@@@@ (Country &
Western -- Alte Gitarren & der Mann, Shanachie)
Schallplattenfrauen und -männer wissen hoffentlich wovon die Rede ist,
wenn der Name Norman Blake fällt. Die letzte CD, noch im Duett mit Rich
O'Brien eingespielt, ist nur halb so gut wie dieses Solo-Werk, obwohl genauso
viel Zeit zur Einspielung vorhanden war, nämlich 3 Tage. Norman Blake
ist weit weg (er sieht das natürlich anders) und wartet: "I think sometimes
I see you coming back/ from some far, far away distant land..." Da sitzt
er also auf seiner Farm und spielt eine 1933er Gibson Guitar und eine 1928er
Martin und er spielt gut. Verdammt gut. Das ist Musik aus dem Herzen. Nennt
es Country-Music, aber vergleicht ihn bloß nicht mit Gauklern wie Garth
Brooks oder Hypes wie den Dixie Chicks. "If I die a roamin'/ in some distant
land/ Take me to the graveyard/ way down in Alabam'/.../ You can take my
banjo/ and hang it by the door/ Way down in sunny Dixie/ I won't need it
no more..." Solche Textzeilen kommen ungefiltert und ohne Netz, glücklicherweise
verzichtet er auf Arrangements, die vieles eh nur verkleben, denn seine Songs
brauchen das nicht wirklich. Durch Norman Blakes Stimme lernen wir ein wichtiges
Stück Amerika kennen, durch Norman Blakes Fingerpicking erfahren wir,
dass die 00er Jahre zwar nicht an Typen wie Blake interessiert sind (zumindest
was die Charts betrifft), aber das macht nichts, das war schon immer so.
Liedern wie "Whiskey Deaf And Whiskey Blind", "Thelma Hatfield", dem Titelsong
sowie dem Instrumental "And The Cat Came Back The Very Next Day" oder dem
Binkley Brothers-Cover "Give Me Back My Fifteen Cents" kann die Zeit nichts
anhaben, im Gegenteil: Da stecken nicht nur viele Jahre Erfahrung dahinter,
sondern auch Eternity. Ganz große unspektakuläre Musik! [mh]
Der Schallplattenmann sagt #188, 6.3.2000
**Platypus (featuring Derek Sherinian (Planet X), John Myung (Dream Theater),
Ty Tabor (King's X), Rod Morgenstein (Dixie Dregs, Winger)): "Ice Cycles"**
@@@@@ (Tolle Rockscheibe einer Prog-Supergruppe, InsideOut)
Supergruppen boomen derzeit in der Prog-Szene. Nicht immer erfüllt das
Ergebnis dann die hohen Erwartungen der Fans und Freaks. Nicht so bei Platypus
(zu Deutsch: Schnabeltier), denn das mittlerweile zweite Album "Ice Cycles"
[...] ist wirklich hocherfreulich. Unbeschwert und mit einer ordentlichen
Prise Humor zelebrieren sie Rockmusik in all ihren Varianten. Ohne Zweifel,
aus dem Projekt mit vier hervorragenden Einzelinstrumentalisten des exquisiten
Debüts "When Pus Come To Shove" ist nun eine homogene Band mit eigenem,
unverwechselbarem Charakter geworden. So mannigfaltig wie ihre Einflüsse,
so abwechslungsreich sind die Kompositionen selbst, so dass diese Scheibe
eine Empfehlung für alle Rockfans ist. [sal]
Der Schallplattenmann sagt #194, 17.4.2000
**Miles Davis & John Coltrane: "The Complete Columbia Recordings 1955-1961"**
@@@@@ (Jazz -- 6CD, Columbia)
Die Reihe der hochwertigen, bislang allesamt Grammy-prämierten Miles-Davis-Deluxe-Box-Sets
mit im 20-Bit-Verfahren remixten und remasterten Aufnahmen unter der Ägide
von Produzent Bob Belden und Toningenieur Mark Wilder wird fortgesetzt. Nach
den kompletten Gil-Evans-, Quintet 1965-1968- und "Bitches Brew"-Sessions
deckt die soeben erschienene 6CD-Box die ersten Alben und Jahre des Miles
Davis Quintet auf Columbia ab, dessen wechselnder Besetzung zwischen Oktober
1955 und März 1961 neben Cannonball Adderley (as), Hank Mobley (ts),
Bill Evans (p), Red Garland (p), Wynton Kelly (p), Paul Chambers (b), Philly
Joe Jones (dr) und Jimmy Cobb (dr) eben auch John Coltrane (ts) als massgeblicher
Counterpart des "Mannes mit dem Horn" angehörte.
Neben klanglich hochpolierten Jazz-Klassikern dieser Epoche wie "Kind Of
Blue", "'Round About Midnight", "Milestones" und "Someday My Prince Will
Come" enthält der opulente Blech-Schuber auch gut eineinhalb Stunden
mit 18 bisher unveröffentlichten Tracks sowie reichlich begleitendes
Text- und Bild-Material auf 116 Booklet-Seiten. Ein weiteres Schatzkästchen
für Jazz-Liebhaber und vor allem Miles & Trane-Verehrer! [bs]
**Metaphor: "Starfooted"** @@@@@ (Exquisites progressives Konzeptalbum,
Galileo)
Die amerikanische Formation Metaphor legt mit dem Konzeptalbum "Starfooted"
ihr fantastisches Debüt auf dem ambitioniertem Schweizer Label Galileo
<http://www.galileo-records.com>
vor. Gleich bei den ersten Takten wird deutlich, dass sich hier eine Band
ganz in der Tradition der großen Prog-Bands der 70er (Genesis, Yes,
Pink Floyd) einreiht, doch anders als bei vielen langweiligen Plagiateuren,
verfügt Metaphor über reichlich eigene Substanz und muss sich nicht
bei den gebrauchten musikalischen Konzepten anderer bedienen. Die epischen
Longtracks sind konzeptionell und musikalisch miteinander verbunden und offenbaren
viele jener Zutaten, die den Prog erst musikalisch definiert haben: Mellotron-
und Keyboard-Soundteppiche, eine eindrucksvolle Lead-Gitarre und komplexe,
weitverzweigte Rhythmen. Die Stimme des Sängers John Mabry entführt
in die mystische Welt dieses Albums, verwickelt den Hörer in die Sphären
der Gnosis, einer geheimnisvollen und enigmatischen, heute fast vergessenen
Theologie, die jedoch lediglich als Faden, als Aufhänger für eine
Reise, eine Geschichte dient. Hier soll bestimmt nicht bekehrt werden! "Starfooted"
ist eine Scheibe, die höchsten musikalischen Genuss verschaffen kann
und somit progressive Rockmusik, wie man sie sich besser nicht vorstellen
kann. [sal]
Der Schallplattenmann sagt #195, 1.5.2000
**Broadcast: "The Noise Made By People"** @@@@@ (Chill-Out-Score für
Melodienjäger und Elektropop-Enthusiasten, Warp)
Alles wird gut. 1997 schaufelten sie mit "Work And Non-Work" ein laszives
Elektro - Pop - Meisterwerk aus dem Nichts. Dann war, mit Ausnahme einer Single
und einem Sampler-Beitrag, erst mal Funkstille. Fast wie drei Jahre ohne
Sex. Seit März 2000 wird wieder geliebt. Die fünf Briten aus Birmingham
verführen auf "The Noise Made By People" mit richtig echten Instrumenten
und coolen Samples. Hier duftet es immer irgendwie nach virtueller Sommerwiese.
Mal wie Ennio Morricone in Zeitlupe, avantgardistischer Science-Fiction-Soundtrack
oder Portishead ohne Permafrosthülle. Computer-Tüftler wie Stereolab
sind eindeutig als Neigungskombattanten zu erkennen. Die klugen Broadcast-Elektroniker
offenbaren sich auf diesem perfekten Album als deren ökologische Variante
mit Herz: Leidenschaftliche Balladen, gespannter Jazz Noir, verletzlich wirkende
Psychodelia und große Gesten. Die rätselhafteste Versuchung seit
es Paranoia gibt. Wie gesagt: Alles wird gut. [gw]
Der Schallplattenmann sagt #197, 15.5.2000
**Kronos Quartet: "Kronos Caravan"** @@@@@ (Moderne Klassik meets World
Music -- eine musikalische Reise durch Pannonien, Nonesuch)
"Kronos Caravan" ist das erste Album des Streichquartetts aus San Francisco
mit der neuen Cellistin Jennifer Culp. Und es ist wieder ein Album, das (wie
seinerzeit "Pieces Of Africa") sowohl die Klassik- als auch die Weltmusik-Charts
erobern könnte und sollte. Pannonien ist die Region, von der sich die
vier diesmal inspirieren ließen. Pannonien? Auf heutigen Karten nicht
mehr zu finden, bezeichnete man um die Zeitenwende so den nördlichen
Balkan. Ein Gebiet mit einem unglaublichen Fundus an verschiedensten Musiken.
Und deshalb genau das richtige Feld, um von diesen "New Fab Four" bearbeitet
zu werden. Den roten Faden des interessanterweise in einem Rutsch völlig
problemlos durchhörbaren Albums, bilden die Arrangements des Argentiniers
Osvaldo Golijov. Zwölf Kompositionen von (größtenteils noch
lebenden) Komponisten aus zwölf verschiedenen Ländern verbinden
David Harrington, John Sherba, Hank Dutt und Jennifer Culp zusammen mit Gästen
wie Zakir Hussain, Taraf de Haidouks u.v.a.m. zu einer unglaublich spannenden
Reise. Ein Trip von portugiesischen Fados über Zigeunermusiken aus dem
Balkan bis zu den typischen Melodien Nordafrikas, an dessen Ende selbst ein
"Misirlou Twist" nicht mehr verwundert, den man noch von Dick Dale im Ohr
hat. Das Kronos Quartet weiß seit 27 Jahren, wie man Musikfreunde jeglicher
Couleur überrascht und gleichzeitig begeistert. "Man erwartet von uns
das Unerwartete" sagte ex-Cellistin Joan Jeanrenaud einmal. Mit "Kronos Caravan"
ist das wieder einmal auf extrem hohem Niveau gelungen. [pb]
**Jeff Buckley: "Mystery White Boy"** @@@@@ (Singer/Songwriter -- Wundervolles
Live-Album -- DoCD, Columbia)
Als Jeff Buckley 1997 im Mississippi/Missouri ertrank, verlor die Musikwelt
einen der talentiertesten Musiker seiner Generation. Buckley hinterließ
gerade mal ein richtiges Album, "Grace" (dies allerdings eines der besten
Alben der Rockgeschichte überhaupt) und eine akustische Live-EP. 1998
sollten halb fertig produzierte Stücke und Demos posthum auf der DoCD
"Sketches From 'My Sweetheart, The Drunk'" folgen. Von seinen charismatischen
Live-Auftritten kursieren bisher nur ein paar B-Seiten auf diversen Singles.
Nun hat man aus dem umfangreichen Live-Material der Jahre 1995/96 mit sehr
viel Gefühl dieses Album zusammengestellt. "Mystery White Boy" ist ein
Kaleidoscope der musikalischen Ausdrucksformen Buckleys. Die Aufnahmen sind
dicht, echt, authentisch, so sehr, dass dem Hörer mehr als einmal ein
Schauer über den Rücken läuft. Buckleys Musik ist zart, fragil,
federleicht, dann wieder eckig, laut, aggressiv, wütend. Bisweilen ist
es schier unglaublich, was Buckley alles mit seiner Stimme anstellt. Ja,
seine Stimme, diese göttliche Stimme überstrahlt alles, fesselt,
zieht den Hörer in seinen Bann. Ein Album, das wohl einen würdigen
Schlusspunkt in der Diskografie Buckleys darstellt. [sal]
**King Crimson: "The Construkction of Light"** @@@@@ (Das sich selbst neu
erfindende Chamäleon der Rockmusik ist zurück, Virgin)
King Crimson existieren in diversen Inkarnationen schon seit 1969. Aus dieser
Zeit ist freilich nur noch Gitarrist und Mastermind Robert Fripp geblieben,
doch anders als bei den meisten Bands, wo die Fluktuation von Musikern die
Band langsam ausbrennen lässt, waren die Umbesetzungen bei King Crimson
stets musikalisch sinnvoll (wenn man sich weiterentwickeln wollte) und haben
der Band eine Art Eigenleben gegeben. "Crimsoning" nennt es Fripp und man
ist geneigt, dieser etwas metaphysischen Erklärung für die ungebrochene
Innovationskraft dieser Band zu glauben. King Crimson hat sich wieder neu
erfunden, neu definiert. Der Abgang von zwei Musikern (wegen terminlicher
Schwierigkeiten!) ließ die Band vom Doppel-Trio wieder zum klassischen
Rock-Quartett werden und so rockig, so bluesig, so laut und brachial klangen
die Könige schon lange nicht mehr. Hier ist viel Neues, viel Innovatives,
vieles vielleicht, was sich mit dieser Besetzung noch weiterentwickeln kann.
Der erste Output des neuen (alten) Quartetts -- jetzt schon ein Meilenstein
in der Bandgeschichte. [sal]
s.a. King Crimson: "Cirkus" [#150: @@@@@]
Der Schallplattenmann sagt #199, 29.5.2000
**Juliette Greco: "Olympia 1999"** @@@@@ (Grande Dame des französischen
Chansons live -- DoCD, Contraire)
Das deutsche Feuilleton und auch der Boulevard haben über Juliette Greco
schon alles gesagt, fürchte/hoffe ich... Dann darf ich hier sicher mal
persönlich werden, die Stationen nachskizzieren, die mich zu diesem "Denkmal"
führten. An den Texten, die sie sang, habe ich vor drei Jahrzehnten
die französische Sprache gelernt: "Ne me quitte pas", das Lied derer,
die grade doch verlassen werden; "Les feuilles mortes", das Gedicht von Jacques
Prevert, zu dem alle Jazzmusiker die Melodie kennen. Oktober 1974, Nachtkonzert
im Nationaltheater Mannheim, wir sind fasziniert und hingerissen von ihrer
kargen Bühnenpräsenz. 1991, im Januar, gibt sie sechs Konzerte
in Folge im Olympia in Paris, nach über acht Jahren Pause. Als sie bei
einem Brel-Lied den Text vor Rührung vergisst, trägt die frenetische
Unterstützung des Publikums sie über den faux-pas, unvergesslich!
Ihre aktuellen Konzerte in Deutschland halten sich exakt an das Muster, das
dieser Mitschnitt aus dem Mai 1999 liefert, so auch in Bonn am 2. Mai 2000:
wenige Überraschungen. Aber wer wollte es der inzwischen 73jährigen
Sängerin verdenken. Die Begleiter, am Piano ihr Ehemann Gerard Jouannest,
spielen nach Noten das festgelegte Arrangement: nur die Greco gestattet sich
die feine Improvisation, das Spiel mit Emotionen des Publikums mittels der
Lieder, das gelassene Interpretieren der Texte von Roda-Gil, Jean-Claude
Carriere, die expressive Rezitation der Klassiker "Accordeon", "Paris-Canaille",
"Bruxelles" aus ihrem langjährigen bewährten Repertoire. Sie muss
niemanden mehr überraschen oder überzeugen: wir hängen an
ihren Lippen, folgen den Bewegungen der weißen Hände über
das samtschwarze Kleid! Absolute Höhepunkte, auf CD wie im Konzert:
"J' arrive" von Brel, das Hoffnungslied für alle Kinder: "Chante, mon
fils, chante", und "Ne me quitte pas": nicht mehr tränenreich flehend,
wie die junge Greco, sondern hart, bestimmt und fordernd, mit allem Recht
der Welt in der rauchigen Stimme; und als letzte Zugabe, nur zum Piano von
Jouannest, ein Lied aus ihrem Vaterland, das sowohl ein Liebeslied wie auch
ein revolutionäres Lied ist: "Le temps des cerises". Welch ein Abend!
Der Schallplattenmann sagt #200, 5.6.2000
**Joe Lovano: "52nd Street Themes"** @@@@@ (Jazz -- auf der Strasse des
Bebop in neue Gefilde, Blue Note)
Joe Lovano schafft es immer wieder, mit Konzeptalben zu überzeugen.
Diesmal hat er sich dem Bebop zugewandt, vor allem der Musik Tadd Damerons.
Natürlich spielt er auch diese Stücke mit seiner ganz persönlichen,
post-modernen Note. Die hervorragenden Arrangements von Willie "Face" Smith
bieten ihm dazu viel Gelegenheit. Überhaupt sind die Arrangements der
eigentliche Hit dieser CD. Welch fette Sounds Smith mit fünf Saxophonen
(Joe Lovano, S. Slagle, G. Garzone, R. Lalama, G. Smulyan), einer Trompete
(Tim Hagans) und einer Posaune (C. Herwig) hervorzaubert, das muss man gehört
haben. Damit's nicht zu eintönig wird, gibt es auch Stücke mit
kleinerer Besetzung bis hin zum Trio und Solo. Einziger Minuspunkt ist die
Rhythmusgruppe, die für meinen Geschmack stellenweise etwas zu statisch
klingt. In der illustren Gesellschaft sind der lebhafte Steve Slagle (as)
und Conrad Herwig die stärksten Solisten, abgesehen natürlich von
dem unschlagbaren Joe Lovano. Wenn am Ende von "Embraceable You" sein letzter
Ton verklungen ist, muss man erst mal tief Luft holen, um sich von dem Bann
seiner Musik zu befreien. [sg]
s.a. Joe Lovano: "Trio Fascination" [#134: @@@@@
**Roger Hodgson: "Open The Door"** @@@@@ (Die superbe Rückmeldung
des Ex-Supertramp Vokalisten, Epic)
Totgesagte leben länger. Preisfrage: Wer erinnert sich noch an Roger
Hodgson? Nun, der Name ist nicht allen geläufig, doch seine Stimme ist
zweifelsfrei den allermeisten Lesern aus seinen erfolgreichen Tagen mit der
Formation Supertramp und Hits wie "Give A Little Bit", "The Logical Song"
oder "It's Raining" bestens im Ohr. Still war es um ihn geworden, nachdem
er Mitte der 80er im Streit mit Supertramp-Boss Rick Davies die Band verlassen
hatte. Zwei lauwarme Solo-Alben, dann folgte eine lange Pause. Vor einigen
Jahren ein Live-Album ("Rites Of Passage"), alte Klassiker und neues Material,
fast ebenso unausgegoren wie die ersten Solo-Versuche -- und jetzt dies:
Er ist nicht nur bei einem Major Label gesigned, sondern legt sogar ein megastarkes
Comeback-Album hin, das große Chancen hat als "Album des Jahres" durchzugehen.
Geschickt verbindet Hodgson den alten Sound aus seligen Supertramp-Tagen
mit neuen Elementen (etwas Keltisches und E-Violine) und vermeidet damit
ein schnödes Selbstplagiat. "Open The Door" ist ein unglaublich abwechslungsreiches
Album mit allem, was man sich nur wünschen kann: einer Ohrwurm-Single
("Hungry"), stimmungsreichen Songwriter-Balladen ("Love Is A Thousand Times",
"Goodbye") und einigen epischen Kompositionen ("Death And A Zoo", "Open The
Door"). Kein Aussetzer, alle zehn Songs sind echte Volltreffer. Mit einem
gereiften Hodgson auf höchstem Niveau ist "Open The Door" ein absolutes
Muss für Supertramp-Fans aus alten Tagen und für alle Freunde der
guten alten Rockmusik. Und es hat Zeug dazu ein echter Klassiker zu werden.
[sal]
Der Schallplattenmann sagt #202, 26.6.2000
**California Guitar Trio: "Rocks The West"** @@@@@ (Was man mit 18 Saiten
so alles machen kann, Discipline Global Mobile)
Jeder kennt den Zwiespalt zwischen emotionaler und handwerklich perfekter
Musik. Die Eine berührt, die Andere begeistert hauptsächlich den
Verstand. Wirklich große Platten entstehen, wenn beides Hand in Hand
geht. Bert Lams, Paul Richards und Hideyo Moriya sind das California Guitar
Trio und auf ihren Instrumenten so versiert, dass es jeden in stumme Ehrfurcht
versetzt, der von akustischer Gitarrenmusik auch nur die kleinste Ahnung
hat. Das vorliegende Live-Dokument zeigt das Trio unheimlich intensiv und
hörbar "geil aufs Musik machen"; kurzum, der perfekte Einklang zwischen
Können und Emotion. Allein die ersten drei Stücke rechtfertigen
den Kauf: "Scramble" ist eine treibende Eigenkomposition, anschließend
wird Beethovens "Symphony No. 9" zelebriert, um dann "Bohemian Rhapsody" im
instrumentalen Glanz erstrahlen zu lassen. In einigen Stücken unterstützt
von Tony Levin (Bass/Chapman Stick) und Bill Janssen (Saxophon) ist jeden
Moment eine fast begeisterte bzw. begeisternde Spielfreude zu hören.
Der Song steht im Vordergrund, kein verkopftes Saitengehexe. Wer den Spannungsbogen
von den drei erwähnten Stücken über "Pictures At An Exhibition",
"Misirlou" (ja, das aus "Pulp Fiction") bis hin zum Abschlußtitel "Blockhead"
ohne durchzusacken halten kann, der hat eine richtig große Platte veröffentlicht.
Hiermit plädiere ich für eine Titeländerung: "California Guitar
Trio Charms The West". Ich bin entzückt! [dmm]
**Omar Sosa: "Bembon"** @@@@@ (Jazz? -- eher ein versponnener Traum, Skip)
Eine endlose Karawane alter Männer und Frauen zieht an uns vorüber.
Sie singen, tanzen, spielen ihre schönen alten Weisen, wackeln kokett
mit den Hüften und rauchen dicke Zigarren. Und wir beklatschen sie mit
liebevoller Begeisterung, in der Hoffnung, etwas von ihrem Lebenselexier abzubekommen.
Währenddessen geschehen auf einer fernen Insel, der Heimat dieser lieben
alten Leute, gar seltsame Dinge. Tief im Landesinneren, dort, wohin sich
nie ein Tourist verirrt, sitzt ein Schamane am Klavier und zaubert. Seine
flinken Finger lassen die unglaublichsten Tonfolgen in atemberaubender Geschwindigkeit
wie kleine Wasserfälle aus dem Instrument purzeln, lassen sie in schwindelerregende
Höhen schnellen und in schelmischen Akkorden zusammenbrechen. Nebenbei
dirigiert er das verrückteste Orchester, das die Welt nie gesehen hat.
Karibische und lateinamerikanische Rhythmen treiben messerscharfe Bläsersätze
in den Wahnsinn, während betörende afrikanische Frauenchöre
von Debussy-vernarrten Streichern umgarnt werden. Plötzlich kommt ein
Hoodoo-Meister mit Baseball-Mütze (Schirm nach hinten) des Weges und
rappt für die Geister der Verstorbenen und irgendein Verrückter
lacht dazu ein zahnloses, krächzendes Lachen. Hat hier einer nach Stilistiken
gefragt? Du Narr, diese Musik ist ein surrealer Traum, ein Tanz auf dem Vulkan,
eine Vision des Thelonious Monk, von Dali gemalt und von Omar Sosa vertont.
Du erwachst mit einem Lächeln auf den Lippen. [pg]
**Bill Bruford, Tony Levin: "B.L.U.E. Nights"** @@@@@ (Fantastische Live-Aufnahmen
der zwei Ex-Crimsons und ihrer Band, DoCD, Discipline Global Mobile)
Vielleicht wollten Bill Bruford (seineszeichen einer der vorzüglichsten
Drummer, ex-Yes, ex-Genesis, ex-UK, ex-King Crimson) und Tony Levin (ex-King
Crimson, aber auch der Mann am Bass bei Acts wie Peter Gabriel, Paul Simon,
John Lennon u.v.m.) der neuen, elektronischeren Linie King Crimsons nicht
mehr folgen? Fakt ist, dass sie das Quartett Bruford Levin Upper Extremities
(kurz B.L.U.E.) mit dem Gitarristen David Torn und dem jungen amerikanischen
Trompetenstar Chris Botti (Sting u.a.) formierten und dann, nachdem sie ein
Studioalbum eingespielt hatten, durch die USA und Japan tourten. Die besten
Momente dieser Tour sind nun auf "Blue Nights" zu hören. Dynamik, Drive,
Feeling, Spielfreude -- dieses Album ist schwer zu beschreiben, noch schwieriger
wäre es, diese Musik zu kategorisieren. Ist es Rock? Ist es Jazz? Ist
es Prog? Zahlreiche Elemente, ja ihre eigene musikalische Vita bringen die
Musiker hier ein. Und alles verschmilzt zu diesem wundervoll furiosem, niemals
langweiligem, niemals schwierigem, niemals trivialem Album. Meiner Meinung
nach das beste Album des Jahres so far. Das exquisite neue King Crimson-Album
"The ConstruKction Of Light" liegt weit dahinter. [sal]
**Ween: "White Pepper"** @@@@@ (The Hitch Hiker's Guide To The Rock Galaxy,
Mushroom)
Großer Kürbis! Hello-Ween im CD-Player! Die verhexten aber genialen
Brüder im Geiste aus Pennsylvania schlagen wieder zu. In der Art musikalisch
marodierender Time Bandits pfeffern sich Dean & Gene (Aaron Freeman und
Mickey Melichondo) erneut durch die Galaxien der jüngeren Rock- und
Pop-Geschichte. Im Bauchladen dieser wunderbar cholerischen Gemischtwarenhändler
gibt es fast alles: huldvolle Steely Dan-Reminiszenzen, knallige Macho-Mähnenschüttler,
Laid-Back-Feeling aus Harry Belafontes Strandhaus (bzw. wahlweise 10cc's
Tüftel-Höhle), Beatle Harrisons Sitar- und Opium-geschwängerten
Guru-Sound (plus manch' anderer Fab-Four-Feinheit), frech Motörheadeske
Schwergewichtler oder einfach unwiderstehlichen Edel-Rock mit Streichern
nebst hintergründigem Harmoniegesang diverser Ween-Sisters. Mit "White
Pepper" ist trotz Analphabeten-Booklet die perfekte Party- und Sommerplatte
gelungen. Hier kommt wirklich jeder auf seine Kosten. Heiliger Boognish!
[gw]
Soweit die allermeisten Starlight-Tips des Schallplattenmannes im ersten
Halbjahr 2000. Vielleicht ist für euch eine Geschenkidee für Weihnachten
2000 dabei? Jedenfalls bieten die Empfehlungen Stoff für etliche verregnete
Tage am CD-Stand von Karstadt, WOM oder sonstwo... ;-) V.
Der Poet Ernst Jandl ist tot. "Wie ein Heiliger" (Jazzthetik) betrat er in
seinen letzten Jahren -- leider nur noch höchst selten -- die Bühne,
um mit grantiger Perfektion seine Sprach- und Sprechgedichte vorzutragen.
Zwischen berstendem Witz und rührender Tiefe tendierten seine stets kurzen,
experimentellen Gedichte. Der am 1. August 1925 als Sohn eines Bankbeamten
geborene Jandl lernte als deutscher Wehrmachtssoldat in amerikanischer Gefangenschaft
mit penibel geführtem Vokabelheft Englisch. Nach seiner Rückkehr
studierte er Deutsch und seine neu gelernte Sprache in Wien. Zunächst
arbeitete Jandl als Gymnasiallehrer, was ihn überaus quälte. Erst
Ende der 1960er Jahre sollte er es sich leisten können, ohne diesen
Brotjob auszukommen. Denn seine seit den späten 1950er Jahren veröffentlichten
experimentellen Gedichte, inspiriert von amerikanischen Poeten, brachten
weniger Geld als vielmehr ablehnenden Aufruhr mit sich. Seine Gedichtbändchen
"laut und luise" (1966) und seine "sprechblasen" (1968) mag so mancher noch
aus seiner Schulzeit als gelbe Reclam-Heftchen besitzen. Etwa in diese Zeit
fallen auch Ernst Jandls Poetry&Jazz-Projekte, die er mit Dieter Glawischnig
startete. Die Zusammenarbeit gipfelte in der 1995 veröffentlichten Doppel-CD
"laut und luise/aus der kürze des lebens" (Hit Hat Records), wo die
NDR Big Band Jandls Grantigkeit eine zauberhafte Jazzwelt entgegensetzt.
Ich traf Ernst Jandl am 21. März 1996 zu einem - bislang unveröffentlichten - Interview in Wien. Seinen Auftritt im Rahmen des Literaturfestivals "Word up!" hatte er gerade vor 500 Zuhörern schwungvoll beendet, da war er auch schon gesprächsbereit. Mit Pfeife, Gehstock und seiner Dichterfreundin Friederike Mayröcker zogen wir uns in einen Nebenraum des Wiener Museumsquartiers zurück.
Volker Wilde: Herr Jandl, was ist nach all den Jahrzehnten der intensiven Beschäftigung mit Sprache heute Ihr Verhältnis zur Sprache?
Ernst Jandl: Nein, es ist kein anderes als es jemals war. Nur, das eine ist die Verwendung der Sprache im Alltag, da unterscheide ich mich ja kaum von anderen Leuten. Das zweite ist der Versuch, Sprache für Kunst aus Sprache zu machen. Das sind zwei doch sehr verschiedene Dinge.
Volker Wilde: Gab es da nicht große Veränderungen in ihrer Kunstsprache? Der "Gelbe Hund", beispielsweise, ist in seiner Sprachbehandlung milder als viele andere Gedichtbände, die Sie zuvor verfasst haben.
Ernst Jandl: (zieht an seiner Pfeife) Hmhm. Ja. Es ist auf jeden Fall so, dass, wenn man Sprache für Kunstzwecke verwendet, dass man da doch verschiedene Sachen im Laufe der Jahre ausprobiert, erprobt, dass man nicht bei einer Sache stehenbleibt. Es sei denn, Sie schreiben, es drückte in der Umgangssprache, was ja zum Beispiel bei Romanen der Fall ist, und da wird man sich wahrscheinlich nicht in dem Masse herausgefordert sehen, mit Sprache, wenn Sie so wollen, zu experimentieren, wie das in der Poesie der Fall ist.
Volker Wilde: Gibt es für Sie eine absehbare Bewegungsrichtung von der Kunstsprache weg zur Umgangssprache hin oder ist das für Sie ausgeschlossen?
Ernst Jandl: Nein, es geht hin und her. Wenn man sich einmal weit vorgewagt hat in ein Gebiet der Kunstsprache, das von der Alltagssprache weit ab gelegen ist, weit entfernt ist von der Alltagssprache, werden Sie das Verlangen spüren, wieder einmal zur Alltagssprache oder in die Nähe der Alltagssprache zurückzukehren, um sich neu aufzutanken.
Volker Wilde: Was ist denn Ihr generelles Verhältnis zum Jazz? Was hat Sie angetrieben gerade mit Jazzern zusammen zu arbeiten?
Ernst Jandl: Ich habe den ersten Jazz schon gehört in einer Zeit, wo es bei uns kaum Jazz zu hören gab. Radio und so weiter -- Jazz war ja nun mal verpönt, und er hat schon einen sehr großen Reiz auf mich gehabt: Die musikalischen Farben, wie die Instrumente verwendet werden, weg vom Klassischen. Weg von der idealen klassischen Art der Instrumentenbehandlung. Ein individueller... das Erreichenwollen eines individuellen Tones. Die großen Jazzmusiker haben ja alle ihren individuellen Stil gehabt, und auch ihren eigenen Ton, Klang und so. Und das hat mich sehr fasziniert. Der Rhythmus, der Drive.
Volker Wilde: Längst bevor Sie mit Jazzern zusammengearbeitet haben, versuchten Sie, allein in der Sprache diesen Drive zu spiegeln oder umzusetzen. Inwiefern ist das möglich?
Ernst Jandl: Dass ich in meinen Sprechgedichten einen Beat, eine
gewisse Art Beat verwendet habe, das ist mir klar. Und dass das Lautgedicht
starke musikalische Elemente hat, ist auch klar. Und Lyrik überhaupt
arbeitet mit dem, was an der Sprache das Musikalische ist, nicht? Die Klänge!
Die Sprache hat ja auch Klänge, hat ja auch musikalische Elemente. Aber
ich habe ja gesagt, habe ja betont, dass das Musikalische zwar erwähnt
wird, meine Arbeit mit Musikern, aber dass das heute nicht gezeigt werden
kann, neh? Natürlich, die Folge wie
Hunununununununde
bellellellellellell-e
das hat an und für sich etwas Musikalisches an sich. Im Rhythmus, aber
vielleicht auch in der Klang-, in der gleichbleibenden Tonhöhe und so
weiter. Und dass der Musiker, der mich sprechen hört, unter Umständen
eine Lust hat, mit mir etwas zu machen, mir das einmal vorschlägt, was
zu machen und so ist es ja auch gekommen, dass Musiker Lesungen von mir gehört
haben, gesagt haben, das wär' doch wunderbar, wenn wir das einmal probieren
würden, das mit Musik zu kombinieren. Und so hat es begonnen.
Volker Wilde: An sich habe ich gehört, war Ihr Auftritt heute hier eher eine Art Ausnahme. Sie haben sich mehr oder weniger, so hat man mir gesagt, noch mal überreden lassen, aufzutreten.
Ernst Jandl: Das würde ich nicht sagen. Ich wollte jetzt einmal eine Zeitlang nicht auftreten und mich nur dem Schreiben widmen.
Volker Wilde: Woran arbeiten Sie im Moment?
Ernst Jandl: Das kann ich Ihnen nur schwer verraten. Nur wenn ich an Gedichten arbeite, dann versuche ich, ein Gedicht doch in einem durchzuziehen. Ein Gedicht, es sind ja meistens kürzere Gedichte, das in einem durchzuziehen. Ich bin noch immer beschäftigt mit so Dialektgedichten, wie ich sie in den Stanzen da am Schluss [der Lesung kurz zuvor] gehabt habe. Und dann hat mir ein Musiker, den ich kenne, der ist ein Organist, der ist sehr gut und der möchte gerne einen Text, einen deutschen Text für eine Messe haben. Bin ich nicht sicher, ob ich das machen kann.
Volker Wilde: Vielen Dank für das Gespräch.
Ernst Jandl: Alles Gute. [vw]
Ernst Jandl starb am 9. Juni 2000 in Wien. [V.]
[übernommen aus Der Schallplattenmann sagt #202, 26.6.2000]
Unter anderen
Der Mann sucht
die Frau
mit seinen Augen und
mit seinen Händen
und geht durch Straßen
(Leicht zu finden
sagen andere)
Der Mann sucht
die Frau
für seine Augen und
für seine Hände
für seine Augen und
für seinen Mund
der Worte sprechen möchte
die schwer zu finden sind
unter anderen.
bibliothek
die vielen buchstaben
die nicht aus ihren wörtern können
die vielen wörter
die nicht aus ihren sätzen können
die vielen sätze
die nicht aus ihren texten können
die vielen bücher
mit dem vielen staub darauf
die gute putzfrau
mit dem staubwedel
Ernst Jandl
Teil 3
Dirk (Teil 1 in Lover 26, Teil
2 in Lover 27)
Ken Wilber schreibt auf Seite 148: "Wir haben nun gesehen, daß die westliche Tradition von Anfang an mit einer Reihe schmerzlicher Dualismen geschlagen war und daß sich die westliche Philosophie in praktisch all ihren Formen bis auf den heutigen Tag auf den einen oder anderen dieser Dualismen stützt (Leib / Seele, Wahrheit / Erscheinung, Noumenon / Phaenomenon, Transzendenz / Immanenz, aufsteigend / absteigend, Subjekt / Objekt, Signifikat / Signifikant, Bewußtsein / Gehirn).
Aber diese Dualismen und die mit ihnen zusammenhängenden Kernprobleme können letztlich nicht vom Auge des Fleisches und seiner Empirie und nicht vom Auge des Intellekts und seinem Rationalismus aufgelöst werden, sondern nur vom Auge der Kontemplation und seiner radikalen Erfahrungsmystik (Satori, oder wie auch immer man es nennen mag)." (S.148)
In der Kontemplation gelangen wir zum GEIST, meint Wilber, und von dorther erscheint alles in einem anderen Licht. Aber wie äußert sich der GEIST nun wahrhaftig, wirklich? Wilber schreibt dazu unter anderem: Es ist "Die strahlende Klarheit allgegenwärtigen Gewahrseins". "Die Erkenntnis der nichtdualen Traditionen ist kompromißlos: Es gibt nur GEIST, es gibt nur Gott, es gibt nur Leerheit in all ihrer strahlenden Herrlichkeit. All das Gute und all das Böse, das Beste und das Schlechteste, das Aufrechte und das Verkommene - alles und jedes ist - genau so, wie es ist -, eine überaus vollkommene Manifestation des GEISTES. Es gibt nichts als Gott, nichts als die Gottheit, nichts als den GEIST in allen Richtungen, und kein Sandkörnchen ist mehr oder weniger GEIST als alles andere.
Diese Erkenntnis bringt die große Suche zu einem Ende, die den Kern der Empfindung eines getrennten Ich ausmacht." (S.399)
Zunächst einmal - wohin führt die Aussage: "... kein Sandkörnchen ist mehr oder weniger GEIST als alles andere."? Sie führt zu Stillstand. Ein Sandkorn ist ein manifestes Symbol des GEISTES und dazu noch ein relativ einfaches. Das ist keine Abwertung des Sandkorns, sondern eine verhältnismäßige Wahrheit. Erst im Menschen und durch ihn kann auch das Sandkorn zur ewigen Wahrheit hin vergeistigt werden. Der Mensch ist ein Mikrokosmos und trägt alles ebenbildlich in sich. Dem Sandkorn kann sich der GEIST an sich niemals offenbaren, dem Menschen ständig. Es gibt keine vollkommene Manifestation des GEISTES. Das Sandkorn spiegelt auf eine sehr unvollkommene Weise den GEIST in seiner Ganzheit wider. Vollkommenheit in der manifesten Welt brächte alles zum Abschluß und würde jede Entwicklung ausschließen. In welcher Hinsicht könnte ein Sandkorn überhaupt vollkommen sein? Ich fühle mich außerstande, diese Frage zu beantworten. Selbst die geistigen Kategorien von Gut und Böse lassen sich nicht auf diese Weise, wie Wilber es macht, mit dem GEIST an sich gleichsetzen. Es gibt nichts absolut Böses oder Gutes. Auch diese Kategorien stehen ausschließlich in einem Verhältnis zum GEIST an sich. Was heute gut ist, kann morgen schlecht sein und umgekehrt. Durch die Kategorien des Guten und Bösen ordnen wir Menschen die manifeste Welt zum GEIST hin, dessen Grundeigenschaft die Freiheit darstellt. Letzten Endes gibt es überhaupt keine Kategorien, mit denen man den GEIST erschöpfend darstellen könnte. Letzten Endes ist weder der GEIST noch die manifeste Welt vollkommen oder unvollkommen im diesseitigen Sinne. Der GEIST jedoch enthält in sich alle Möglichkeiten des Ganzheitlichen, da er einzig vollkommen frei ist. Und vollkommen frei zu sein, bedeutet hier nicht, frei in seiner Vollkommenheit als etwas Abgeschlossenes bzw. Absolutes zu sein, um allen Mißverständnissen vorzubeugen. Das Sandkorn ist in seiner Freiheit vollkommen eingeschränkt und begrenzt. Es ist wichtig, hier festzuhalten, daß wir in der Darstellung des GEISTES niemals den Dualismus von GEIST als FREIHEIT und manifester Welt, die von der Notwendigkeit bestimmt wird, aufgeben dürfen. Die reine manifeste Welt ist geistlos. Der GEIST stellt eine gänzlich andersartige Dimension dar. Zwischen dem sogenannten Jenseits und Diesseits befindet sich eine tiefe Kluft. Und dennoch bricht der GEIST zur manifesten Welt, die FREIHEIT zur Notwendigkeit ununterbrochen durch. Der GEIST verleiht der manifesten Welt eine freiheitliche Richtung. Die FREIHEIT wirkt ständig in dieser Welt, ob wir es wollen oder nicht! Das heißt aber wiederum nicht, daß die Freiheit die Wahrheit kausal hervorruft. Nein, die Freiheit in der manifesten Welt ist auch immer eine Freiheit zum Chaos hin. Auch der Mensch hat die Freiheit innerliches und äußerliches Chaos anzurichten. Es gibt keine Garantie für eine wahrhaftige Welt. Das Risiko und der Zufall sind unsere ständigen Begleiter. Des Menschen Kraft zur Wahrheit ist immer verbunden mit seiner wahrhaftigen Fähigkeit zur Intuition - aber dazu gleich noch mehr. Es gibt keine diesseitig erschöpfende Erkenntnis vom GEIST, denn diese Erkenntnis wird immer sekundär sein, so auch das Bewußtsein. Der GEIST offenbart sich unmittelbar SINNVOLL, was mit einem Gefühl der Fülle verbunden ist. In der unmittelbaren Folge werden wir uns darüber bewußt. Die Behauptung, daß es nur GEIST, nur Gott gibt ist äußerst irreführend. Diese Behauptung suggeriert uns einen GEIST, der als "strahlende Klarheit allgegenwärtigen Gewahrseins" und als "Leerheit in all ihrer strahlenden Herrlichkeit" einfach alles bedeutungslos macht. Dieser GEIST führt uns zu dem Schluß, daß nach Wilber alles Suchen, alle Bewegung, alles Streben zutiefst zwecklos ist (S.400). Es stimmt, daß wir mitunter zu dem Schluß kommen können, daß alles auf dieser Welt, alles, was wir tun, all unsere Suche keinen Zweck und keinen Sinn mehr hat. Uns verlassen die Kräfte, und wir fallen in eine tiefe Depression. Leerheit macht sich in uns breit. Dies ist ein wichtiger Moment in unserem Leben. Denn spätestens zu diesem Zeitpunkt keimt in uns immer wieder die Frage auf, wozu dies alles, wozu existieren wir, weshalb sind wir überhaupt da? Nur, um diesen ganzen äußerlichen, weltlichen Prozeß in Gang zu halten? Es ist die Frage nach dem Sinn überhaupt und der Bedeutung unseres Daseins. Einerseits jedoch hält sich der "moderne" Mensch nicht lange mit dieser Frage auf, denn sie unterbricht sein gewohntes und vermeintlich unaufschiebbares Tageswerk, was ihm gefährlich erscheint. Sie läßt sich darüber hinaus nicht im Handumdrehen beantworten, wenn wir sie schon ein ganzes Leben lang immer wieder verdrängt haben. Und sie verlangt auch eine gänzlich ungewohnte und radikal-revolutionäre Antwort, die an den Festen unseres angepaßten, äußerlichen Aktivitätsleben kräftig rütteln würde. Diese Frage, die uns immer wieder begegnet, wenn wir nicht schon völlig abgestumpft sind (was auch immer häufiger vorkommt), ruft Ängste in uns hervor, die mit einem Gefühl der Leerheit und des Todes einhergehen. Der "moderne" Mensch versucht u.a. durch noch mehr nach außen gelenkter Aktivität Herr über seine Krise zu werden. Und es gelingt ihm in der Regel auch relativ gut, da sich immer noch scheinbar unabsehbare, endlose Möglichkeiten eröffnen, die der wissenschaftlich-technische "Fortschritt" zu bieten hat, an den er auch glaubt, der ihm vor allem deshalb sinnvoll erscheint, da er äußerlich sichtbar und berechenbar ist. Der Glaube an sich gehört wesentlich zur menschlichen Existenz. Das gilt auch dann, wenn wir an den Atheismus glauben oder an ein atheistischen, antireligiösen Sozialismus, an die freie Marktwirtschaft, an die Natur, die Technik, das Geld, den Rationalismus oder einfach an einen machtvollen Gott, der unsere weltlichen Geschicke lenkt usw. usf. Es ist so, daß der "moderne" Mensch ein Rädchen im Getriebe bleiben will, weil er die Antwort der Sinnfrage, die mit der Tiefe seines wahrhaftigen Menschseins verbunden ist, ängstlich scheut. Oder er ist erst gar nicht zu einer Antwort in der Lage: Irgendetwas müssen wir doch machen?! Und wenn wir uns letzten Endes sinnlos zu Tode gearbeitet haben - in jederlei Hinsicht, hat sich die Sinnfrage ja auch erübrigt! In unserer "modernen" Gesellschaft wird der GEIST vehement an die Oberfläche verbannt. Er wird zum Kleingeist bzw. Ungeist. Der kleingeistige Mensch ist ein entfremdeter, teilweise ferngesteuerter Mensch, der an einen geistig realen und wahrhaftigen Hintergrund nicht wirklich mehr interessiert ist. Der Geist der Oberfläche ist ein Konglomerat aus äußerlich bestimmten Wunschträumen, Minderwertigkeitskomplexen, Illusionen und anderem mehr. Er ist ein gehetzter, verlogener und äußerlich begrenzter Geist, in dem das Menschliche nur noch ein Aspekt von vielen ist. Der oberflächliche Mensch ist autoritätshörig, und ich meine damit, daß er sich in erster Linie von außen her bestimmt und nicht aus der Tiefe seiner Menschlichkeit, die letztlich göttlich ist. Die Menschen spüren die Langeweile. Sie ist zu unserem Markenzeichen geworden. Um von der zersetzenden Langeweile nicht erdrückt zu werden fangen die Menschen eben an, sinnlos zu spielen (Computer), endlos zu reisen, fernzusehen, Drogen zu nehmen und anderes mehr. Das Hauptübel aber ist in dieser Hinsicht das viele entäußerte, unhinterfragte und vor allem entfremdete Arbeiten an sich. Vielen ist es nicht mehr gegeben, die Bedeutung der Langeweile wahrhaftig zu verstehen und wahrhaftig auf sie zu reagieren. Geistige Flachheit ist von aller wahrhaftigen Freude, von allem wahrhaftigen Leid und Schmerz aus der Tiefe heraus weit entfernt. Geistiger Oberflächlichkeit fehlt jeder wahrhaftige Bezug. Der geist- bzw. sinnentleerte Mensch in der erdrückenden Langeweile ist zu allen Unmenschlichkeiten bereit, wenn es nur ein bißchen Kitzel in das triste, alltägliche Dasein bringt. In der Regel will er dabei nur Zuschauer sein und bleiben. Hierher gehört auch sein sexueller Impuls, von welchem er bis hin zur ausschließlichen Sucht nach Sexualität oder zu jeder erdenklichen Art sexueller Perversionen getrieben werden kann. Geistige Oberflächlichkeit bedeutet aber auch nahezu vollständige Apathie - das Schlimmste, was uns passieren kann! Unsere Gesellschaft arbeitet unentwegt auf diesen Zustand hin. Aber diese Gesellschaft wird auf Dauer keinen Erfolg haben. Dafür werden letztlich unsere Instinkte und Lebensimpulse schon sorgen, jedoch in welcher Form, wenn wir mit ihnen nicht mehr geistvoll umgehen können und in uns nur noch Chaos herrscht?! Das seichte Leben an sich ist ein leichteres, aber unerfülltes Leben. Es plätschert an der Oberfläche dahin, gerade weil die Aktivität nach außen hin vorherrscht. Andererseits gibt es aber in dieser "modernen" Welt auch immer mehr Menschen, die die Zeichen ihrer innerlichen Krise ernst nehmen. Aber allein das bietet noch keine Garantie für deren Bewältigung. Diese Menschen können z.B. dazu übergehen, mit allen Äußerlichkeiten aufzuhören und sich nur noch der inneren Beschaulichkeit zu widmen. Sie versuchen, alle Beziehungen zu dieser Welt abzubrechen, in der Hoffnung, ihr tiefstes Ich zu finden. Es ist der Weg der "nichtdualen Tradition", der Weg, der die manifeste Welt verneint. Ich behaupte jedoch, wenn alle Manifestationen zutiefst bedeutungs- und zwecklos wären, dann wäre es auch der GEIST. Wir wären zu keiner wahrhaftigen Erkenntnis, zu keinem Bewußtsein, zu keinerlei Wahrnehmung fähig. Ja, die Suche ausschließlich in unserer begrenzten Welt führt uns nicht zur Wahrheit. Die Wahrheit entfaltet sich tief in uns. Aber sie ist eine Wahrheit, die immer in Beziehung zur Welt stehen muß, um erkannt werden zu können. Sie stellt sich für unser Denken immer im höchsten Grade dualistisch und paradox dar!
Natürlich werden die Dualismen auch von Wilber berücksichtigt und dargestellt. Er verweist immer wieder darauf, daß man keinen der sogenannten vier Quadranten außer Acht lassen darf. Wilber deutet darauf hin, daß jedes Ding oder jede geistige Erscheinung in allen vier Quadranten verankert ist. D.h., daß z.B. ein Gedanke erstens innerlich-individuell vollzogen wird, daß zweitens dieser Gedanke zugleich seine korrelative Entsprechung in der äußeren Materie, im individuellen Gehirn hat, daß drittens der Gedanke immer einen intersubjektiven Hintergrund besitzt, also zugleich kulturell (innerlich-sozial) ist und daß viertens neben der innerlich-sozialen Seite immer auch eine äußerlich-soziale Seite existiert. Dies alles erläutert Wilber auf relativ verständliche Weise in seinem Buch "Eros, Kosmos, Logos". Aber worauf es mir in meiner Kritik unter anderem immer wieder ankommt, daß ist die Frage, wie diese vier Aspekte des Seins zueinander in Beziehung treten und vor allem, wo sich das existentielle Zentrum befindet und welche Bedeutung es hat? Wodurch erhält der Gedanke ursächlich seine Wertung? Wird der Wert z.B. eines Gedankens einfach nur aus der Summe der intersubjektiven Werturteile gebildet, oder gibt es da vielleicht doch noch eine tiefere Intuition, die uns eine wahrhaftigere Gewißheit von innen heraus in diesem Fall in bezug auf den Gedanken verleiht? Aber wenn nach Wilber konsequent gedacht alles gleichermaßen nur GEIST ist, so ist jede Wertung überflüssig, illusionär und falsch - aber zugleich auch der GEIST. Ist jedoch der GEIST der höchste Wert an sich, so stellt alles und jedes in bezug auf diesen ebenfalls einen relativen Wert dar. Und in diesem Sinne ist nach meiner Meinung die gottmenschliche Persönlichkeit von allerhöchstem Wert, da sie alles in sich umfaßt, was den GEIST ausmacht, da sie das wertende existentielle Zentrum ist und eine Tiefe der Wahrheit an sich behauptet, die von einem Quadrantensystem Wilberscher Herkunft nie erreicht werden wird. Und ich meine vor allem, und ich denke auch im Gegensatz zu Wilber, daß sich erst und nur im existentiellen Zentrum des Menschen alle vier Quadranten bzw. Aspekte unseres Seins ganzheitlich und wahrhaftig zur erlebten höchsten Wahrheit hin konkret verdichten können, da sich nur im existentiellen Zentrum des Menschen die ewige Wahrheit konkret offenbaren kann, nicht im rationalistischen, sondern im geistig-freiheitlich-liebenden Sinne. Ein theoretisches System kann dies nicht leisten, denn es ist äußerlich. In Wahrheit ist ein System tot, wird es nicht tief in uns Wirklichkeit. Aber diese innere Wirklichkeit an sich hat mit dem System nicht das Geringste zu tun. Die innere Wirklichkeit ist im höchsten Grade erlebte Wirklichkeit. Die systematische Darstellung für sich allein hat dagegen niemals eine reale Existenz! Sie dient ausschließlich der rationalen Verdeutlichung. Das System ist immer ein Stück Lüge, weil es an Verallgemeinerungen und Verabsolutierungen nicht vorbeikommt. Nur unsere innere Wirklichkeit kann und muß Wahrheit werden, damit sie sich der Welt letzten Endes einzig wahrhaftig zuwenden kann. Und unter Wahrheit verstehe ich immer die konkrete geistig freiheitliche Liebe des Gottmenschen, des ganzheitlichen Menschen, der Persönlichkeit - eine Liebe, die ihrem Wesen nach konkret dem Menschen, der ganzen Welt zugewandt, auf die Welt bezogen und christlich ist. Wahrheit ist absolut antidogmatisch. Sie ist niemals reine Kontemplation, sondern ständiger Kampf um die ganzheitliche Wahrheit in der Tiefe der Persönlichkeit an sich! Dieser Kampf ist ein Wechselspiel höchsten Glückes und tiefster Tragik zugleich, und er ist nicht ewig im zeitlichen, sondern im freiheitlich geistigen Sinne. Die göttliche Wahrheit wird uns niemals als ein Geschenk dargereicht. Die Gnade ist niemals "köstlicher Lohn" (S. 27) - dieses Begriffspaar suggeriert uns meiner Meinung nach eine völlig falsche Vorstellung. Man muß deutlich unterstreichen, daß die Gnade kein Verdienst ist, den wir uns erwerben können, den man besitzt, etwas statisches, sondern ein außerzeitlich dynamisches Ereignis, welches uns im Augenblicke die Wahrheit erblicken läßt. Gnade ist niemals die kausale Folge z.B. von langandauernden Kontemplationsübungen. Die Kontemplation ist eine Atempause, sie ist ein Heraustreten aus dem Zeitenstrudel. Sie ist Ruhe vor der Rastlosigkeit, welche diese Welt erobert hat. Die Kontemplation bietet uns jedoch noch keinerlei Gewähr dafür, daß uns die Gnade zuteil wird. Auch die Kontemplation ist immer noch eine Ordnung, eine Gesammeltheit und Übung in der diesseitigen, zeitweilig äußerst anstrengenden Welt. Sie ist weit von der ganzheitlichen Anstrengung entfernt, die die Wahrheit von uns verlangt! Die Kontemplation kann zur reinen Kontemplation werden. Dann verkehrt sie sich zu einer persönlichkeitszersetzenden Passivität, die die Welt rings um sich zu vergessen bereit ist. Die göttliche Wahrheit ist zugleich die menschlichste Wahrheit und des Menschen absolute Bestimmung. Die Wahrheit ereignet sich im ganzheitlichen Menschen, der zugleich Gottmensch ist, da er im Geiste frei ist. Und diese geistige Freiheit muß ständig neu erkämpft werden. Sie ist ein geistiger Akt zur Wahrheit und zum wahrhaftigen Leben hin. Die Anstrengung im geistig freiheitlichen Sinne ist von einer unvergleichlich höheren Dimension. Sie ist aufsteigende und absteigende Liebe, Liebe zu Gott in uns, zum Menschen und zur ganzen Welt zugleich. Erst der innerlich offenbarten Wahrheit, die sich im Menschen als seine höchste Qualität, als Gott ereignet, kann eine wahrhaftige, ganzheitliche, menschlich-göttliche Aktivität nach außen hin folgen, was uns ein Bedürfnis ist!
An dieser Stelle möchte ich ein weiteres Zitat von Nikolai Berdjajew anführen, welches den äußerst wichtigen Zusammenhang von Wahrheit und Bewußtsein erhellt, der an dieser Stelle nicht fehlen darf: "Das Verstehen der Wahrheit hängt von den Graden des Bewußtseins ab, von der Ausdehnung oder Zusammenziehung des Bewußtseins. Es gibt kein durchschnittliches normales transzendentales Bewußtsein. Oder vielmehr: es existiert, aber es hat einen soziologischen, keinen metaphysischen Charakter. Aber hinter den verschiedenartigen Stufen des Bewußtseins steht der transzendentale Mensch. Man könnte sagen, daß dem transzendentalen Menschen das Überbewußtsein entspricht. Die Wahrheit wird auf verschiedenen Wegen entsprechend den Stufen des Bewußtseins offenbart, und die Stufen des Bewußtseins selbst hängen sehr vom Einfluß der sozialen Umgebung und der sozialen Gruppierungen ab. Es gibt keine allgemein verbindliche intellektuelle Wahrheit. Diese existiert nur in den physikalischen und mathematischen Wissenschaften, am allerwenigsten in den Geisteswissenschaften. Die Wahrheit ist menschlich, und sie kann nur durch menschliche Anstrengung geboren werden, durch die Anstrengung jeder menschlichen Existenz. Aber die Wahrheit ist auch göttlich, sie gehört zur Gott-Menschheit. Darin liegt die Schwierigkeit auch des Problems der Offenbarung, die immer die Offenbarung der höchsten Wahrheit sein will. Die Tatsache, daß die Offenbarung der Wahrheit von den Stufen des Bewußtseins abhängt, führt dahin, daß es keine allgemein verbindliche intellektuelle Wahrheit gibt. Der Intellekt ist dem Willen zu sehr zu Diensten. Die Erkenntnis der Wahrheit beruht weder auf objektiver universaler Vernunft noch auf transzendentalem Bewußtsein, sonder auf dem transzendentalen Menschen, der sich selbst nicht plötzlich oder leicht offenbart, der sich manchmal offenbart und manchmal verbirgt, was die Erkenntnis der Wahrheit im Prinzip - wenn auch nicht faktisch - göttlich-menschlich macht. Wahrheit, das heißt integrale, nicht partielle Wahrheit, ist eine Offenbarung der höheren, nicht objektivierten Welt. Sie kann nicht der abstrakten Vernunft offenbart werden, sie ist nicht allein intellektuell. Die Erkenntnis der Wahrheit setzt die Menschlichkeit eines klaren und reinen Bewußtseins voraus." (N. Berdjajew: Wahrheit und Offenbarung, hartmut spenner waltrop, 1998, S. 190-191). Und ich muß hier auch noch einmal betonen: Wahrheit ist eine Qualität, der wir uns bewußt werden können. Wahrheit ist nicht gleichzusetzen mit der völlig haltlosen Behauptung eines absoluten Bewußtseins, das Ken Wilber immer wieder postuliert. Ein absolutes Bewußtsein hat keinerlei wahrhaftige Realität, weder in uns noch außerhalb von uns. Die Behauptung solch eines Bewußtseins hat mit dem Menschen nicht wirklich was tun.
Auch wenn Ken Wilber um die Dualismen in seiner Theorie sehr bemüht ist, so empfinde ich seine Darstellungen über den GEIST in dem hier besprochenen Buch "Das Wahre, Schöne, Gute" so einseitig geistverhaftet und weltabgewandt, daß ich daraus für mich keine befriedigende Antwort für das Zusammenwirken und die Integration der Dualismen zum GEIST hin entnehmen kann (z.B.: In welchem Verhältnis stehen Freiheit und Notwendigkeit zueinander usw. usf.?). Einerseits erteilt er jeder dualistischen Sicht eine Abfuhr: "Es gibt ..., nichts als den GEIST in allen Richtungen, ..." (S. 399). Andererseits bemüht er sich vorerst um eine Konkretisierung der dualistischen Theorie. Der nichtdualen Sichtweise mißt Wilber jedoch scheinbar die größere Bedeutung bei. Es ist eine kalte und herzlose Art, die Welt als illusionär abzutun. Und aus dem zuletzt Gesagten bleibt es irgendwie auch immer wieder unverständlich, weshalb er dennoch so sehr um eine integrative Theorie bemüht ist. Vielleicht kommt darin eine gewisse Unzufriedenheit mit dem "Auge der Kontemplation" zum Ausdruck, eine gewisse Unrast, der er nachgehen muß? Eine weitere Möglichkeit wäre, daß er sich insgeheim von einer integrativen Theorie doch eine absolute, letztgültige Aussage verspricht, auch wenn er dem an verschiedenen Stellen deutlich widersprochen hat. Und eine verabsolutierende Theorie und ein absoluter Geist liegen meines Erachtens auch gar nicht so weit auseinander! Vom Grunde her ist Wilber vielleicht sogar eher Theoretiker. Aber er spürt deutlich, daß eine Theorie ihre Grenzen hat. Mit dem "Auge der Kontemplation" versichert er sich auf der anderen Seite eines absoluten Wahrheitsanspruches. Doch beides steht für sich allein und kommt niemals zusammen.
Das Reich des GEISTES, Gottes, der FREIHEIT und der Liebe, das Reich der Wahrheit - es ist einzig völlig bedingungslos. Aber die Offenbarung der Wahrheit ist ausschließlich dem ganzheitlichen Menschen vorbehalten. Diese Offenbarung ist subjektiv und im höchsten Sinne geistig real, aber sie ist dennoch fern aller Subjekt-Objekt-Unterscheidungen und tritt völlig aus jeglicher Subjektabgeschlossenheit heraus. Wir Menschen sind zum einen den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt unterworfen, zum anderen jedoch sind wir göttlicher Herkunft. Die Persönlichkeit ist des Menschen wesentlichste Bestimmung, die mit sich die Wahrheit erst schaffen kann. Sie ist raum- und zeitlos und nur in diesem Sinne unendlich ewig. Die Persönlichkeit ist der wahrhaftig geistige Wesenszug des Menschen, der aber auch einen Körper hat, der in geistiger Hinsicht einen Teil der Persönlichkeit ausmacht! Der GEIST, Gott können wahrhaftig erst im Menschen existieren, da er das Wesen ist, das sich aus der Welt der Notwendigkeit zur Welt der Freiheit der Persönlichkeit geistig erheben kann. Die Persönlichkeit hat den menschlichen Körper zur Grundlage. Dieser ist ein Teil von ihr. Aber sie ist dennoch bedingungslos und frei, da sie eine geistige Erscheinung tief in unserer Seele ist. Solange wir die Persönlichkeit in uns aufrechterhalten können, sind wir vom Grunde her frei. Sie ist die einzig wahrhaftige Freiheit, die sich allen äußeren Einflüssen widersetzt. Sie ist in keiner Weise manipulierbar, weil sie mein wahrhaftig tiefstes Ich ist, welches ich vergessen, verdrängen oder im diesseitigen Sinne zerstören kann. Sie ist unabhängig davon im dynamischen Sinne das einzig Ewige in mir. Die Persönlichkeit tritt in dieser Welt in Erscheinung und ist im Grunde von einer anderen, geistig unendlichen Dimension. Sie ist vom Gefühl her das Wandellose im Wandelbaren und ist dennoch vollkommen bewegt, weil sie voller Liebe und geistiger Freiheit ist. Sie verleiht dem Menschen ein Gefühl der Fülle an sich. Nur in der göttlich-menschlichen Persönlichkeit kann sich die ganzheitliche Integration ereignen als Offenbarung der göttlichen Wahrheit. Die göttlich-menschliche Persönlichkeit ist das geistig-existentielle Zentrum der Welt, des Kosmos überhaupt.
Immer wieder frage ich mich, weshalb Ken Wilber sich zu dieser ganzen Auseinandersetzung über den GEIST gedrängt fühlt. Befindet er sich denn nicht in der Freiheit, die er als "...Zustand des reinen und schlichten Zeugen, des wahren Sehers, der unermeßliche Leerheit und reine Freiheit ist, ..." (S. 410/411) beschreibt? Genügt ihm diese Freiheit nicht? Ist solch eine Freiheit überhaupt möglich? - Nein! Diese Art Freiheit ist weit von einer wahrhaft geistigen Freiheit entfernt. FREIHEIT erfordert unsere ganzheitliche Anstrengung und schließt das sogenannte Diesseitige und Jenseitige gleichermaßen ein. Und dennoch ist die FREIHEIT eine existentielle, d.h. geistige Offenbarung.
Auf Seite 400 schreibt Wilber: " Aber es gibt keinen Ort, an dem der GEIST nicht ist. Der GEIST ist an jeder Stelle des Kosmos gleichermaßen und ohne Einschränkung. Alles Suchen, alle Bewegung, alles Streben ist zutiefst zwecklos. Die große Suche verstärkt lediglich den großen Irrtum, daß an irgendeinem Ort der GEIST nicht wäre und daß man von dort, wo er nicht ist, dorthin gelangen müsse, wo er ist. Aber es gibt keinen Ort, an dem weniger, und keinen Ort, an dem mehr GEIST wäre. Es gibt nur GEIST." Auf Seite 403 fährt Wilber unter anderem fort: "In der nondualen Meditation oder Kontemplation aber kommt die Aufgeregtheit der Empfindung eines getrennten Ich zu tiefer Ruhe, und das Ich entspannt sich in die große Weite des Alls. Dann erkennt man, daß man nicht 'da drinnen' ist und die Welt 'da draußen' betrachtet, weil diese Dualität zu reiner Gegenwart und spontanem Leuchten zusammengefallen ist." Die Konsequenz dieser Haltung heißt Mitleidlosigkeit. Die Menschen im KZ zum Beispiel hätten es bei etwas Meditation viel leichter gehabt - denn überall ist ja nur "GEIST", und wenn es nur Nazigeist ist. Diese Menschen waren gezwungener Maßen vor allem mit ihrem physischen Überleben beschäftigt, und ihr Denken war größtenteils darauf reduziert. Es bestand wohl in dieser Situation kaum eine Möglichkeit, irgendeine Form geistiger Gemeinschaft zu entwickeln. Das KZ war u.a. eine von geistig verwirrten und im hohen Grade bösartigen, sinnentleerten Menschen erdachte Einrichtung, es war ein Ausdruck der Lüge und Geistlosigkeit an sich. Es war ein sinn- bzw. geistentleerter Ort, an dem die Menschen in tiefe Zweifel stürzten und nahezu jeglichen Glauben verloren. Aber die Hölle währte nicht ewig. Es gibt keine ewige Hölle, sie ist nur Durchgang und Teil der Erkenntnis. Und gleiches läßt sich auch von unserer hochtechnisierten westlichen Lebensweise sagen. Auch sie entpuppt sich immer mehr als ein höllisches, geist- und sinnentleertes Dasein, deren Konsequenzen unabsehbar sind - vor allem auch hinsichtlich der sich ausweitenden ökologischen Katastrophe als ein krankhaftes Symptom, welche uns tödlich treffen kann. Auch in diesem Falle besitzt eine gleichmacherische, weltflüchtende Meditation eine bösartige Dimension.
"Alles Suchen , alle Bewegung, alles Streben ist zutiefst zwecklos." (S. 400) Aber weshalb ist all dieses Suchen, sind all die Bewegungen überhaupt da? Sollte man nicht unterscheiden zwischen einem lügenhaften und einem wahrhaftigen Suchen?! Eine "große Suche" (S. 400) sollte uns läutern auf dem Weg zum GEIST, zur Wahrheit hin. Sie nähert uns der wahrhaftigen Antwort, die Gottes Gnade von uns verlangt, ohne die die Gnade Gottes unmöglich wäre. Es ist die schöpferische Freiheit, die der Mensch in seine Gottmenschlichkeit einfließen läßt. Ohne die schöpferische Freiheit, ohne die schöpferische Anstrengung und Suche bliebe uns der Weg zu Gott versperrt. Die lügenhafte Suche dagegen ist eine begrenzte, den Notwendigkeiten der endlichen Welt angepaßte Suche. Sie ist ein bis zum Fanatismus ausartender Glaube ausschließlich an die sichtbaren Dinge dieser Welt und die damit verbundenen Gesetze.
Der Mensch in der schöpferischen Freiheit fühlt sich aus dem GEIST heraus zum Schaffen bestimmt. Aber es ist immer ein Kampf, immer eine Anstrengung notwendig, die die Freiheit von uns verlangt. In unserem wahrhaftigen Schaffen sind wir ständig auf der Suche nach dem Sinn, welcher der Sinnlosigkeit gegenüber gestellt ist, welcher die Sinnlosigkeit letzten Endes in sich umschließt. Der Sinn offenbart sich uns erst im Durchgang durch die Sinnlosigkeit. Wir Menschen werden fortlaufend konfrontiert mit der Sinnlosigkeit und müssen uns frei entscheiden auf dem Weg zur existentiellen Wahrheit hin. Der Sinn und die Sinnlosigkeit sind ein Gegensatzpaar und werden auf dem Weg hin zur Wahrheit als höchstem Sinn läuternd umschlossen. Dieses Gegensatzpaar gibt uns erst die Möglichkeit, uns für den Weg hin zum GEIST als FREIHEIT zu entscheiden oder auch nicht - damit verbunden ist wiederum die Entwicklung und Aufrechterhaltung eines klaren Bewußtseins, geistiger Klarheit überhaupt. Und ich bin fest davon überzeugt, daß die Offenbarung des GEISTES gleichzeitig die Offenbarung des höchsten Sinns hervorruft. Die Sinn- bzw. Geistlosigkeit in dieser Welt ist nicht nur eine Täuschung, wie Wilber uns weismachen will. Aus diesem Gedanken heraus entsteht die große Gefahr, die Welt als eine Illusion zu betrachten. Dieser Gedanke suggeriert uns einen GEIST, der sich von der Welt abwendet und nicht bereit ist, diese läuternd zu umschließen und zu verändern bzw. zu verklären, indem die Wahrheit, der Sinn, die Liebe und die FREIHEIT sich ins Diesseits ergießen. Es besteht so gesehen eine große Gefahr darin, die Welt der äußeren Bewegung als Täuschung und somit als zwecklos abzutun. Das ist die Konsequenz eines Denkens, welches den GEIST als eine Art Leerheit darstellt, zu der die diesseitige Welt nur in einem unerklärlichen Verhältnis der Sinn- und Zwecklosigkeit steht. Dieses Denken ist das Produkt der sogenannten "echten transpersonalen Praktiken, Paradigmen und Injunktionen" (S. 383/384).
In dieser Welt besteht die Möglichkeit, daß Gott verlorengeht. Wenn Gott nicht mehr gegenwärtig ist, wird die Hölle zur Wirklichkeit - ein Alptraum, der sich tagtäglich in dieser Welt sehr real ereignet. Eine gottlose Empfindung, ein gottloser Geist können eine teuflische Empfindung, ein teuflischer Geist sein. Auch der technische Geist kann zum Alpdruck werden, regiert er alles sinn- bzw. geistentleert. Technischer oder mathematischer Geist ist an die Welt der Gesetze und Notwendigkeiten gebunden. Ein gott- bzw. geistloser Mensch (Geist im Sinne von Liebe und FREIHEIT) kann sich z.B. voll und ganz der Technik, der Natur (Naturreligion), dem Kollektiv oder dem Geld und dem Kapital unterwerfen. Er trifft gott-, sinn- bzw. geistlose Entscheidungen. Dieser Mensch wird von einem niederen, eingeschränkten Geist beherrscht. Es ist ein teuflisch-destruktiver Geist dahingehend, daß er in der Absicht, alles zu kontrollieren, einer wahrhaftigen Integration des ganzen Lebens, der ganzen Welt entgegenwirkt. Wenn Gott nicht mehr gegenwärtig ist, dann wird die Welt sinnlos und leer: Das ist der bitterböse Zustand eines Egozentrikers und/oder einer Gesellschaft, die sich vorrangig aus einer rational-egozentrischen Position heraus begreift und das Leben danach ausrichtet. Wir dürfen nicht so tun, als gäbe es keine Sinnlosigkeit. Wir müssen die Sinnlosigkeit als solche anerkennen. Die bewußte Wahrnehmung der Sinnlosigkeit kann uns den Weg zum Sinn an sich öffnen. Darin besteht ihre unbestreitbare und ewige Bedeutung. Wenn wir einfach nur behaupten, daß Sinnlosigkeit eine Illusion sei, dann bestreiten wir im gleichen Atemzuge auch jeglichen Sinn und wollen uns so in Wirklichkeit dem nötigen Konflikt, der nötigen Auseinandersetzung nicht stellen. Wir vermeiden die wahrhaft innere Anstrengung, die uns eine völlig andere Sicht über uns und die ganze Welt offenbaren könnte und verstehen wahrhaft gar nichts! Wir errichten ein sinnloses und vor allem äußerliches Lügengebäude, auf dem wir vehement beharren, das uns in jeder Hinsicht tödlich bedroht. Die Sinnlosigkeit ist dazu da, daß wir den Sinn letzten Endes ins Blickfeld rücken, was uns ein innerstes Bedürfnis ist.
Es kommt also darauf an, was man unter einer "großen Suche" versteht. Die Suche an sich ist nur im Zusammenhang des Menschen als göttliches Wesen, als Gottmensch denkbar! Es kommt darauf an, auf welche Weise wir suchen, um letzten Endes den Sinn des Suchens zu verstehen. Es gibt eine endliche Suche, deren Bedeutung vor allem in der Notwendigkeit dieser Welt besteht und für sich genommen sinnentleert ist. Und es gibt eine jenseitige Suche, die auf dem Weg zu Gott verstanden und auf diese Weise überwunden werden muß, indem wir in die existentielle Wahrheit eintreten. Das heißt, der Sinn des Suchens für uns Menschen besteht paradoxer Weise darin, daß die Suche einerseits ein Ende haben wird, und dies meine ich jetzt im göttlich ewigen Sinne. Die Suche geht geläutert in die Wahrheit ein. Die wahrhaftige Suche beinhaltet all die Anstrengung, die uns für die Gnade der göttlichen Offenbarung freimacht. Aber da die Wahrheit letzten Endes nicht absolut ist, sondern dynamisch-existentiell, wird die wahrhaftige Suche andererseits für uns Menschen nie zu einem Ende kommen: Es ist die fortlaufende Suche eines aus der schöpferischen Freiheit heraus wirkenden Menschen zur Wahrheit hin. Diese ist der sinnentleerten Suche nach einer sogenannten reinen Gegenwart vollkommen entgegengesetzt. In der reinen Gegenwart zu verweilen, ohne zu lieben, ohne liebende BEWEGTHEIT, das bedeutet, nicht aus sich heraustreten zu können, nicht in Beziehung zu treten zum Du, zum Wir, zu Gott - zum wahrhaft tiefen Ich meiner und/oder einer anderen göttlichen Persönlichkeit. Erst der Mensch als Gottmensch aus der existentiellen Wahrheit heraus wirkt befreiend und vor allem sinnvoll und sinngebend auf diese Welt zurück. Gott ist der Sinn der erst im Menschen sinnVOLL wird!
Auf Seite 403 beschreibt Wilber die "reine Gegenwart" folgendermaßen: "Man betrachtet einen Berg und entspannt sich in die Anstrengungslosigkeit seines eigenen gegenwärtigen Gewahrens. Plötzlich ist der Berg alles und man selbst nichts. Die Empfindung eines getrennten Ich ist plötzlich und vollständig verschwunden, und es gibt nichts weiter als alles, was von Augenblick zu Augenblick entsteht. Man ist vollkommen wach, vollkommen bewußt, alles ist ganz normal, nur ist nirgendwo mehr ein Ich zu finden. Man ist nicht auf dieser Seite seines Antlitzes und schaut auf den Berg da draußen; man ist einfach der Berg, man ist der Himmel und die Wolken, man ist alles, was von Augenblick zu Augenblick entsteht, ganz einfach, ganz klar, einfach so." Ich könnte diesen Zustand als ein Heraustreten aus den Qualen und dem Leid dieser Welt deuten, als ein zur Ruhe kommen, auf das wir auf keinen Fall verzichten können. Aber es ist nicht der Zustand des GEISTES an sich. Im höchsten Falle ist dies ein Zustand der Erlösung, und so gesehen ist ein reines Gegenwärtigen ganz und gar unverzichtbar. Aber niemals können wir im Zustand der Erlösung verharren, es sei denn, wir üben uns in der Aufrechterhaltung des Gefühls von Leere und Sinnlosigkeit bzw. quälen uns durch Übungen der Enthaltsamkeit von dieser Welt. Für einen lebendigen Menschen ist es unmöglich, im zeitlichen Sinne eine absolute Erlösung zu erreichen und auch gar nicht wünschenswert. Auch die Erlösung kann nur Durchgang sein zu einer höheren, freiheitlichen Dimension. Und wenn die Persönlichkeit dieses Menschen nicht vollkommen zersetzt oder verdeckt worden ist, wird er im Ansatz auch immer ein tiefes Ich spüren bzw. wahrnehmen. Im Zustand der Erlösung tritt dieses tiefe Ich aus seiner partiellen Potentialität heraus und gewinnt an Bedeutung für unser Dasein. Doch dies geschieht nicht "einfach so". Ohne jegliche geistig-schöpferische Anstrengung wird uns die ewige Wahrheit dieses Ichs verschlossen bleiben. Im ganzen heißt dies: Solange wir leben, werden wir uns immer wieder erlösen müssen von dieser Welt im zeitlichen Sinne - doch letzten Endes ist es immer eine Erlösung zur Tiefe, zur dynamisch-existentiellen Wahrheit hin im göttlich-ewigen Sinne. Nichts ist in Wahrheit "ganz normal". In der Tiefe der göttlichen Persönlichkeit wird alles zu einer uns wahrhaft erschütternden und ganz und gar nicht normalen außerzeitlich dynamischen Veränderung führen. Und sofern diese wahrhaftig ist, wird uns die diesseitige Welt nicht unberührt lassen. Die wahrhaft innere Veränderung wird sich immer in Beziehung zu allem Manifesten setzen und auf dieses integrativ zurückwirken, da diese innere Veränderung immer ganzheitlich ist! Der Konflikt zwischen der Notwendigkeit dieser Welt und meinem Verlangen nach FREIHEIT wird in mir wahrhaftige Veränderungen hervorrufen. Ich kann auch nicht auf die soziale Seite des Lebens verzichten, ich kann die FREIHEIT nur aus einer sozial-geistigen Gemeinschaft heraus begreifen, um deren Verwirklichung ich kämpfe. Ohne jeglichen Widerstand, ohne jegliche Anstrengung in dieser Welt wäre jede Freiheit inhaltslos und leer, es gäbe sie für uns Menschen eigentlich gar nicht. Das Höchste ist nicht der begrenzt symbolhafte Berg, auf dessen Niveau ich mich nicht reduzieren kann und will. Ich sehne mich letzten Endes nach dem konkreten, nach dem physisch-seelisch-geistig, d.h. ganzheitlich geliebten und liebenden Menschen als Träger der gottebenbildlichen, menschlichen Persönlichkeit des Ich , des Du, des Wir, ich sehne mich nach einer wahrhaftig göttlichen, d.h. christlichen Gemeinschaft. Und dies alles gibt es schon, aber nicht in seiner weltlich-schöpferischen Fülle. Und meine Trauer ist in dieser Hinsicht wahrhaft unermeßlich!
Der beschworene Zustand einer reinen Gegenwart wäre für sich genommen ein wirklich vollkommen entleerter Zustand. Ich glaube nicht, daß es solch einen Zustand jemals gab, wie ich weiter oben schon angedeutet habe. Dieser Zustand kann nach meinem Dafürhalten niemals in seiner absoluten Konsequenz von irgendeinem lebenden Wesen je erreicht werden. Man müßte ganz NICHTS sein. Doch es gibt kein NICHTS ohne das Sein, welches die Freiheit zur Grundlage hat. Die Erscheinung der konkreten Liebe (wahrhaftige Liebe ist immer konkret) führt die Annahme eines leeren Gewahrseins, eines reinen Zeugen ad absurdum. Gäbe es den Zustand der reinen Gegenwart, so würde ich mich immer fragen, wie und warum ich in Beziehung zum Du, zum Wir und überhaupt zu irgendetwas treten sollte und trete? Die stereotype Antwort lautet sinngemäß immer wieder: Im leeren Gewahrsein interessiert man sich für gar nichts mehr, man ist einfach nur. Aber ich werde mich, solange ich lebe und liebe, interessieren! Dagegen werde ich mich nicht wehren.
Die folgende Äußerung Wilbers auf Seite 405 treibt es auf die Spitze: "Diese zustandslose Verfassung ist die wahre Natur dieses und jedes anderen vorstellbaren Bewußtseinszustandes, weshalb jeder Zustand, in dem man sich befindet, völlig in Ordnung ist. Die Änderung des Zustandes ist nicht das höchste Ziel, sondern das Anerkennen der Wandellosigkeit, das Anerkennen der ursprünglichen Leerheit, und wenn man bloß in einem Schlummerzustand ruhig atmet, dann ist dieser Bewußtseinszustand eben auch in Ordnung." Wenn jeder Bewußtseinszustand völlig in Ordnung ist, so relativiert sich ja auch jeder, nazistisch gefärbte Bewußtseinszustand dahingehend, daß er die besten Voraussetzungen mitbringt. Für die zustandslose Verfassung (welche ich in diesem Zusammenhang als reine Gegenwart interpretiere) mag dies ja zutreffen, aber für die allumfassende Liebe, für die existentielle Wahrheit muß der Nazi auf seiner jeweiligen Bewußtseinsstufe grundsätzlich geläutert werden und muß diese darüber hinaus in einem für die Wahrheit notwendigen Maße transzendieren bzw. entwickeln! Wenn also die zustandslose Verfassung das Höchste ist, was wir in jedem Bewußtseinszustand einfach nur wahrzunehmen brauchen, dann wird jedes äußerlich lügenhafte Leben gleichermaßen gerechtfertigt. Das widerstrebt mir zutiefst! Und warum verweilen wir nicht fortlaufend im Schlummerzustand? Dieser Zustand bietet doch die ideale Ruhe, um sich ganz der reinen Gegenwart hingeben zu können? Aber unser "lästiger" Körper läßt uns nicht in Frieden und verlangt, daß wir uns um die profanen Dinge kümmern, damit wir was zu Essen haben, und darüber hinaus müssen wir die Grundlage für eine Kultur schaffen, damit wir letzten Endes unseren geistigen Ansprüchen gerecht werden können. Und eine wahrhaftige Kultur setzt einen wahrhaftigen, wertebestimmenden Geist voraus. In einem Schlummerzustand wird uns wohl die nötige Spannung für die erforderliche Anstrengung fehlen, die ein werteschaffender Geist von uns verlangt, der einzig nach außen hin wahrhaft wirksam werden kann und muß. Der GEIST und die FREIHEIT können nur auf der Grundlage und in der Auseinandersetzung mit der manifesten Welt verstanden werden und stellen dennoch eine höhere, völlig andere Dimension dar. Und wiederum ist es der Gottmensch, der den GEIST und die manifeste Welt wahrhaftig in sich vereint, woraus sich letzten Endes seine Bestimmung zur Ganzheitlichkeit ergibt. Der Mensch ist wesentlich göttlich und doch fest im Diesseits verankert. Er wird sich aus diesem Grunde mit einer lügenhaften Welt nicht abfinden können - wie auch immer.
Fortsetzung folgt -
Dirk
LOver 29 erscheint ca. am 22.12. - Redaktionsschluß und Ultimo fürs Briefmarkenabo (siehe Ditorial) ist der 17.12.2000.
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