OVER
Nr. 29
Auf
dem Programm etlicher Kneipen nicht nur im bald verpankowten Prenzlauer
Berg steht seit kurzem auf Initiative zweier Berliner 'Saufen gegen
Rechts'. Ein paar Groschen mehr je Molle soll die notorisch leeren
Kassen von Hilfsorganisationen füllen helfen, die Gewaltopfer unterstützen.
Dabei gerät die Auseinandersetzung mit den Ursachen für die Gewalttaten
allerdings zur nebulösen Nebensache. Prost.
Zum
Projekt "Kleiner Prinz": "Der kleine Prinz ist schließlich doch ein
Großer König geworden. U.a. zu groß für den lütten
Planeten, er konnte ihn nicht mehr sehen, nicht, daß er nicht mehr
da wäre, aber der Große König befürchtete, eine falsche
Bewegung und fort im Sternen Staub wäre das kleine Staubkorn. ...
Der Große König vergaß nie eine Antwort. Aber die Menschen
haben sich nie für die Fragen interessiert. Obschon er sprach, war
nichts zu hören, als die Wiederholungen der Rose, und alle sagten:
siehste, das habe ich doch gleich gesagt. Wie trockenes Blut, die roten
Blätter, die zu Boden fielen. ... Und doch sah der Große König
den Fuchs nie wieder, denn der Fuchs dachte, daß ein König einen
Pelz tragen muß. Ihr doch auch? ... " Derartiges.
Danke auch für die grüsse, wenn wir es mal schaffen
bekommst du auch ein "wenig" geld für die lover´s. sorry das
wir noch nicht daran gedacht haben, die idee die hefte zu h+j zu schicken
finde ich sehr gut---danke noch mal--- spart ja auch viel geld ;-) . So
nun mach mal weiter so.....
ps: ich bin nicht so der schreiber das ich mir was aus der birne quetschen
kann, also entschuldige mein nicht schreiben von beiträgen, wenn ich´s
könnte würde ich dich volltexten.... mfg michael w.
ach achim - der lover - er wird mich trotzdem weiter lieben??!!
- ich hab (dafür gibts auch keine entschuldigung) im moment null zeit,
muse, gedanken, feeling, ambitionen, ideen --- jaaaa
neee, du machst das als chef voll gut eh
jaaa, ich will ne cd (7)
Lieber Achim, vielen Dank für die Zusendung der Lover, wovon
wir einen auch an unseren Nachbarn und Lapsusteilnehmer 2000 weitergereicht
haben. Ich finde es völlig in Ordnung, ein Vorabporto zu verlangen,
selbst wenn die Leserschar dadurch eingeschränkt werden sollte.
Gleich ein paar Worte zum Redaktionsplan. Stehen die Fragezeichen hinter
der Odyssee wegen der Kritik zu Frau Nichtig? Da muß ich alle, die
das nicht mehr lesen wollen und dafür dann lieber Oli P. gucken, leider
enttäuschen. Ich schreibe weiter! Dazu später mehr.
Mit dem Motivieren anderer, was für den Lover zu schreiben, ist
das so ’ne Sache. Soll ich Freunden sagen: ’Eh, schreib’ doch mal (wieder)
was für den Lover. Es kann allerdings passieren, dass du dafür
’ne saftige, nicht unbedingt sachliche Kritik einstecken musst. Aber schreib’
trotzdem, du musst lernen, da drüber zu stehen. Wenn du allerdings
auf der sicheren Seite sein willst, dann zitiere andere Autoren, am besten
berühmte (möglichst tot) oder sende Artikel aus Musikzeitschriften
o.ä. ein. Dann passiert dir (meistens) nichts. Auch Gedichte sind
okay. (Sogar schlechte – von mir selbst ausprobiert.) Philosophie ist nicht
so gut, das versteht ja keiner, und Religion schon gar nicht.'
Bitte versteh’ mich jetzt nicht falsch. Ich hab’ nichts gegen das Abdrucken
der Musikbeiträge und schon gar nicht gegen das Erscheinen der Gedichte.
Ninas haben mir richtig gefehlt, sie sind immer ein Farbtupfer mehr, auch
wenn ich kein ausgesprochener Fan bin. Aber sie sind das, was sie sagen
will und deshalb finde ich es gut!
Jeder hat so seine Vorlieben, und ich finde es interessant, diese kennenzulernen.
(Mir fehlte diesbezüglich auch das Kenntlichmachen: Wer hat was eingeschickt?
Anonym interessiert mich vieles schon wesentlich weniger.) Das halte ich
für den Sinn der Loverausgaben: uns durch unsere Beiträge näherzukommen,
verstehen zu lernen - andere an eigenen Gedanken, Freuden, Leiden teilhaben
zu lassen, sich gegenseitig geistig anzuregen. Deshalb verwundert es mich
schon, wenn gerade Eigenproduktionen häufig ziemlich heftig, aber
oft nicht sehr tiefgründig niedergemacht werden. Irgendwie spüre
ich dahinter den Vorwurf: Nun bildet euch mal bloß nicht zu viel
auf eure Ergüsse ein, immer hübsch bescheiden bleiben.
Dazu passt für mich auch Goethes Spruch auf S. 18, den man grob
mit "Schuster, bleib bei deinen Leisten!" übersetzen könnte.
Ich denke mal, dass Goethe dies für alle anderen als gültig
betrachten wollte, nur nicht für sich selbst (und vielleicht noch
Schiller). Denn er hat seine erlauchte Nase in alles gesteckt und wollte
sehr wohl wissen, "was die Welt im innersten zusammenhält". Aber einem
Hölderlin riet er, doch über nahe, menschliche Gegenstände
kleine Gedichtchen zu verfassen. ("Du sollst kleiner sein als ich!")
Kurz und gut: Ich wäre sehr dafür, eigene Beiträge und
Ideen eher zu unterstützen oder wenigsten zu tolerieren, als sie lakonisch
abzuwerten. Wirkliche Auseinandersetzung (siehe Ginger & Hansi) ist
dagegen begrüßenswert. Aber das habe ich wohl schon sehr oft
geschrieben ... Sehr beeindruckt war ich von Eckarts Erwiderung - ob ich
da so hätte einlenken können ... Respekt! Beste Grüße,
Regina
P.S. Ich konnte aus gesundheitlichen Gründen den 9. Teil von Frau
Nichtig leider noch nicht schreiben. [Deshalb die Fragezeichen. Die Red.]
Und was mich sonst noch ärgerte:
Was der Schallplattenmann sagt, kann ja für manch einen die Meinung
sein. Der Ton scheint mir auf jeden Fall leicht arrogant angehaucht und
die Aussagen mitunter recht anmaßend. Jeder Musiker, der da gut bei
wegkommt, kann nur aufatmen: Gott sei Dank, der Schallplattenmann sagt,
ich bin ganz toll! Ein Jahrhundertereignis (für nur 19,90 DM?)! Dagegen
hätte eine Band wie YES (siehe S. 6 links unten) sich schon viel eher
trennen sollen und vor allem nie wieder gemeinsam Musik machen dürfen.
Und ich weiß nun endlich, dass ich unter totaler Geschmacksverirrung
leide, da ich auch und gerade die 80er und (!) 90er (und sogar die 2000er)
Produktionen von YES einsame Spitze finde (z.B. "Big Generator" 1987, "Talk"
1994). Da hätte man vielen, im erwähnten Beitrag so hochgelobten
Gruppen und Solointerpreten noch so viel "Supergage" zahlen können,
sie hätten nie so eine Kreativität, Begeisterung, Meisterschaft,
Vielfalt und Musikalität entwickelt. Zumal mir doch keiner weismachen
will, dass diese anderen Bands (oder Solisten) alle unentgeltlich auftreten
und ihre CDs verschenken. Für meine Begriffe ist YES eine der wenigen
(oder die einzige) Band(s), die sich selbst treu blieb und dennoch ihrer
Zeit oft voraus war. 1983 erschien die LP "90125" mit dem Hit "Owner of
a lonley heart" . Wann hat es sonst noch in den 80er Jahren einen "Discohit"
gegeben, der solche innovativen Qualitäten aufwies? Und YES stört
es auch nicht, vor halbleeren Sälen zu spielen, wo die Supergagen
sicher nicht so ausfallen wie z.B. bei den Stones. Aber sie sind so von
ihrer eigenen Musik überzeugt, dass sie auf ständigen Publikumserfolg
und das Lob des Schallplattenmanns wahrlich nicht angewiesen sind. Und
sie haben’s auch nicht nötig, mit irgendwelchen Skandälchen auf
sich aufmerksam zu machen. Und ich kann nur empfehlen, mal in die neueste
CD "The Ladder" reinzuhören, die ich ja teilweise bei Radio Robotron
vorstellte, um selbst zu beurteilen, ob diese "alten Herren" noch was drauf
haben. Sie machen noch immer gemeinsam Musik. Gott sei Dank! "It’s the
sound they make in heaven, it’s a sound for here on earth". Regina
Unter anderem zum Gottesbegriff - meine Antwort an Ginger und
Hans:
Ich glaube nicht, daß ich dazu in der Lage bin, eine allgemein
befriedigende Klärung des Gottesbegriffs überhaupt und insbesondere
nach Berdjajew abzuliefern. Den Gottesbegriff nach Berdjajew kann Berdjajew
nur selber klären, und ich verweise auf seine Schriften. Das zur Zeit
einzig erhältliche Buch von ihm im Buchhandel ist: Wahrheit und Offenbarung.
Dort kann man dazu sehr schöne und wesentliche Aussagen finden.
Der Begriff Gott an sich ist nur Symbol. Und es ist ein Symbol, welches
im Laufe der Geschichte die unterschiedlichsten Interpretationen erfahren
hat. So ist z.B. der Gottesbegriff innerhalb der "christlichen" Kirche
dahingehend mißbraucht worden, um weltliche Macht ausüben zu
können und die Kirche als Institution zu sichern. Folgerichtig entstand
der Atheismus, der sich mit dem Götzendienst an einen herrschaftlichen
Gott nicht mehr abfinden konnte. Die Kritik an der weltlichen Kirche und
ihrem Gottesbegriff ist vollauf berechtigt. Der Atheismus selber aber ist
dazu übergegangen, nur noch die rein menschlich-rationale Vernunft
anzuerkennen und letzten Endes götzendienerisch zu verherrlichen.
Aber ich denke, daß man als freier Mensch den Gottesbegriff von
allen götzendienerischen Elementen befreien kann und ihn dahingehend
gebraucht, um dem wesentlichen Kern des Menschen Ausdruck verleihen zu
können. Dabei gehe ich davon aus, daß man zunächst einmal
bereit ist, was man natürlich von keinem verlangen kann, weil dies
freiwillig geschehen muß, den Menschen und sein göttliches Wesen
als das absolut Bedeutsamste der ganzen Welt anzuerkennen. D.h., ich verbinde
mit dem Gottesbegriff nicht den absoluten weltlichen Menschen, der sich
auf die begrenzte Welt der Dinge zurückgezogen hat, sondern den göttlichen
Menschen, der sich von seinem göttlichen Mitgefühl und seinem
göttlichen Gewissen von innen heraus leiten läßt. So gesehen
könnte ich z.B. das menschliche Gewissen als meinen persönlichen
Gott bezeichnen. Und dieses Gewissen offenbart sich mir wesentlich im Augenblick,
und dennoch muß ich es mir paradoxer Weise in dieser Welt erarbeiten,
in gewisser Hinsicht freischälen von allen nichtgöttlichen, weltlichen
Begrenzungen und Lügen. Dieser Widerspruch liegt in der gottmenschlichen
Existenz begründet. Der Mensch ist sowohl ein irdisches als auch ein
vom Grunde her geistiges Wesen. Das Gewissen erfordert im wahrsten Sinne
des Wortes freiheitlich-geistige Arbeit. Es ist nicht einfach so Selbstzweck,
sondern wird einerseits erst verständlich und erkennbar in Bezug auf
unsere begrenzte, lügenhafte Welt. Unser wahres, göttliches Gewissen
kann und muß sich schöpferisch in unser irdisches Leben ergießen
und Licht in das Dunkel dieser Welt bringen. Mein göttliches Gewissen
und nur dieses will ich persönlich einzig vom Herzen her in diesem
Leben verwirklichen. Gott ist letzten Endes für mich eine Glaubensfrage.
Gott ist für mich mein allumfassendes Gewissen. Und dieses Gewissen
wird getragen von Mitgefühl, geistiger Freiheit, Liebe, Wahrheit.
Andererseits ist Gott eben nicht nur Gewissen, sondern allumfassende Liebe
(man kann und darf dies alles voneinander nicht trennen), die sich immer
nur konkret offenbaren kann in der Liebe zu einer anderen göttlichen
Persönlichkeit, da jede Persönlichkeit absolut konkret und einzigartig
ist. Aber auch hier spielt mein wahrhaftiges Gewissen eine überragende
Bedeutung: Bekenne ich mich zu meiner wahrhaftigen, nicht oberflächlichen
Liebe oder gebe ich sie z.B. den Erfordernissen des Lebens preis. Hierher
gehört auch der tragische Kampf zwischen der Freiheit und der Notwendigkeit.
Aber in der Tiefe ist die Liebe noch wahrhaft tragischer, weil sie immanent
Opferliebe ist, und in dieser Hinsicht ist sie im Höchstmaß
paradox und leidend: Der Mensch in der göttlichen Liebe gibt seine
ganze göttliche Persönlichkeit der geliebten Persönlichkeit
hin – und dies kann er nur so lange tun, solange er ganze, vollständige
Persönlichkeit ist. Der liebende Mensch verzichtet quasi auf seine
Persönlichkeit im engeren Sinne, um zum einen ganz in der geliebten
Persönlichkeit aufgehen zu können, damit diese zum anderen selber
vollkommene, liebende Persönlichkeit wird, damit sie ihr wahrhaftiges
göttliches Potential ganz offenbaren kann, welches ich im Augenblick
selbstlos erkenne und wonach ich mich selbstlos sehne. In der konkreten
Liebe gibt die Persönlichkeit das tiefste und wahrhaftigste Opfer
überhaupt – ganz sich selbst. Aber wahrhaftigen Verzicht kann der
Mensch nur so lange üben, solange er selber Persönlichkeit ist
– für die reine Vernunft ist dies ein Rätsel, eben ein Mysterium.
Liebe setzt voraus, daß ich selber göttliche Persönlichkeit
bin, daß ich in diesem Sinne die göttliche Persönlichkeit
in mir trage. Gott selbst muß demnach Persönlichkeit sein, damit
ich ihn erkennen kann – in mir. Und nur auf diese Weise bin ich auch zu
einer liebenden Beziehung zu einer anderen Persönlichkeit fähig.
D.h. wiederum, das Gott in mir nur in meiner von geistiger Freiheit, von
Wahrheit getragenen Liebe und dahingehend in meinem Gottesgewissen zum
Ausdruck kommt. Gott ist allumfassende Liebe der Persönlichkeit und
setzt die andere Persönlichkeit und die liebende Gemeinschaft und
das Universum im weitesten Sinne voraus. Denn die Liebe im luftleeren Raum
kann keine Beziehung eingehen und kann so auch gar nicht, niemals existieren.
Deshalb wehre ich mich ja auch so vehement gegen einen Gottesbegriff, der
einen absoluten Gott als absoluten Geist proklamiert. Gott existiert nur
in der liebenden Beziehung. In der liebenden Beziehung offenbart sich mir
als Mensch Gott – als freiheitlicher Geist, als Wahrheit und darauf bezogen
als mein wahrhaftiges Gewissen. In der Gnade Gottes, d.h. in der Offenbarung
der Wahrheit an sich, erreiche ich erst die höchste Vollständigkeit
und Ganzheit, aber nicht als etwas Abgeschlossenes. Es ist die Ganzheit
der Persönlichkeit, die sich in einem Gefühl ganzheitlicher Fülle
offenbart. In einem Menschen dagegen, abgetrennt von jeglicher göttlicher
Eingebung, macht sich Leere, Zerrissenheit und absolute Sinnlosigkeit breit,
denn Gott ist auch der Sinn und das Sinngebende überhaupt.
Die Frage, die uns am meisten plagt, ist die Frage nach dem Tod. Was
geschieht mit Gott, wenn der Mensch stirbt? Auch das ist eine Glaubensfrage
letzten Endes. Könnte man nicht auch fragen: Was geschieht mit dem
Menschen, wenn Gott stirbt? Wenn Gott sterben würde, dann wäre
alles sinnlos und logischer Weise jegliche Existenz unmöglich. Für
mich persönlich erübrigt sich die letztere Frage, sie kann so
nicht gestellt werden. Den letzte Sinn der ganzen Welt findet der Mensch
immer nur in sich: Es ist seine göttliche, einzigartige Persönlichkeit.
Wenn der Mensch stirbt, dann stirbt er als irdisches Wesen. Doch seine
göttliche Persönlichkeit als sein höchster Wert hat unendlich
ewige Bedeutung – es ist sein höchstes transzendente Prinzip und wirkt
in der Welt immanent ewig fort. Wie gesagt, ansonsten wäre jedes Dasein
zum Scheitern verurteilt und das entspricht nicht meiner innermenschlichen
Erfahrung. Letzten Endes ist Gott Sieg über den Tod. –
Mehr kann ich dazu jetzt nicht schreiben, um einerseits nicht noch
mehr Verwirrung zu stiften. Es ist keine perfekte und vor allem keine erschöpfende
Antwort, sondern eben meine. Anderseits würde ich auch gerne meine
Notizen fortsetzen, aber ich habe Probleme, die nötige Konzentration
neben meiner ABM-Tätigkeit aufzubringen. Das tut mir total leid, weil
es unter anderem eine Herzenssache von mir ist, auch wenn ich damit nicht
unbedingt überall auf Zustimmung treffe.
Noch ein paar Bemerkungen meinerseits zu dem Beitrag: Der "Wachstumsmarkt
der Zukunft". Die Schilderung des kapitalistisch-ökonomisch orientierten
Werdegangs des Internets interessierte mich nicht wirklich. Ich weiß
nicht, ob man das als Laie unbedingt so genau wissen muß. Das Prinzip
kennt man mehr oder weniger doch mittlerweile, und darauf kommt es meines
Erachtens in erster Linie an. Aber vom psychologisch-geistigen Hintergrund
aus betrachtet sind einige Gedanken schon angebracht: "das Netz zur riesigen
Bühne", "Kunst der Selbstdarstellung" oder "macht man sich für
alle anderen wichtig". – Da ist was Wahres dran. Mit der Selbstdarstellung
ist es immer so eine Gratwanderung, und vielleicht sollte sich der Autor
des o.g. Artikels nicht immer so sicher wähnen. Und wie steht es diesbezüglich
mit dem Lover?? Dirk
Nachtrag
zum Gottesbegriff: Ich muß mich korrigieren, und das wird wohl
immer wieder geschehen: Ich habe die Liebe zu sehr auf das Leid festgelegt.
Als Opferliebe gilt dies auch weiterhin, aber in der Erfüllung der
Liebe setzen sich die Geliebten in Gott eins und überwinden letzten
Endes das Leid. Die Geliebten vereinigen sich in Freude und Seligkeit und
erlösen sich wahrhaftig im Gegensatz zum Erlösungssuchen in der
objektiv begrenzten Welt. Und in dieser Hinsicht ist Gott Sieg über
den Tod und Sieg über das Leiden. Aber solange wir Menschen existieren,
werden wir um diesen Sieg kämpfen müssen, denn ein endgültiger
Sieg würde Stillstand bedeuten und somit wiederum Tod. Die Bedeutung
des Todes an sich liegt darin, daß wir ihn fortlaufend überwinden
müssen, um leben zu können – wir haben ihn ständig vor Augen
und gehen ständig durch ihn hindurch. Das ist eine Erfahrung unseres
täglichen Lebens. Aus dem Widerspruch und dem Kampf zwischen Gott
und dem Tod innerhalb des Menschen erwächst das wahrhaftige Leben.
Dirk
Hey Achim! ... [Das Video] war köstlich! Vor allem Milan als Oberrocker - Spitze!! Wir hatten unsren Spaß beim Ansehen und konnten so alles nochmal miterleben. Lapsus ist eben ein absolutes Highlight jedes Jahr. Und nicht nur für mich. Milan ist absoluter Radio Robotron-Fan. Er hört die Lapsuskassette die ganze Zeit rauf & runter und kann schon bald alles auswendig! ... Der 28. [Lover] war mir zu dröge & langatmig. Nichtsdestotrotz habe ich ihn von vorne bis hinten gelesen (das mache ich mit allen Lovern so!). Es stehen auch interessante Sachen drin. Aber ich wünsche mir mehr kürzere Beiträge, Aufgelockertes, Spritziges, Poetisches (dafür kann ich auch selber sorgen, denn ich schreibe ja unentwegt...). Nina
Ein
Zuviel an Metall bedroht, zerstört das Element Holz, das Symbol für
Bäume, Wachstum, Farbe Grün. Denn Metall durchschneidet, zerteilt
das Holz. Außerdem kondensiert an Metall(oberflächen) Wasser.
Inzwischen sind es schon Wassermassen, Sintfluten. Das regulierende Element,
das Metall schmilzt, ist Feuer! Aber Feuer, symbolisiert durch Hitze, Wärme,
Geist, Wissen, ist leider zu schwach und wird von Wasser sogar noch gelöscht.
Die Praxis heute ist Bildungsabbau, Verdummung, und die geistigen Elemente
suchen das Weite.
Zarnekla, 2.11.0
Lieber Klaus!
Danke für Deinen Brief. Es ist immer schön, wieder von Leuten
zu hören, die hier bei uns waren. Auch nochmal ganz herzlichen Dank
für Deine Mithilfe bei der Dämmung - seit kurzem heizen wir das
Schlafzimmer und die Wärme hält sich spürbar besser und
länger, das Gefühl im Zimmer ist insgesamt angenehmer geworden.
Und wir brauchen zur Zeit wirklich alles, was uns von außen unterstützt
/ schützt / birgt.
Heute fühle ich das wieder sehr stark, ich habe wieder mal sehr
schlecht geschlafen, Gedankenkreise um Sorgen beim Einschlafen, Unruhe,
viel zu frühes Erwachen, Träume von unverarbeiteten Erlebnissen,
die sich in meinem Unterbewußtsein noch bis ins Heute ziehen. Ich
fühle mich übermüdet, überlastet, mein Instinkt sagt
mir, daß es für mich innerlich wieder einmal in diesen Monaten
ums Überleben geht: das heißt Konzentration auf das, was die
Not abwendet, den Zustand erträglicher macht und daß es gefährlich
wäre, den Versuch zu machen, Grundsätzliches zu verändern
oder anzufangen, da es meine Kräfte jetzt bei weitem übersteigt.
Als Sinnbild: Ein Verdurstender muß zur nächsten Quelle
- und nicht den (viel zu langen) Weg aus der Wüste finden.
Den
Reaktionen unserer Umgebung zufolge kann sich wohl wirklich niemand vorstellen,
was dieser Unfall im August und die Zeit danach bei uns angerichtet haben.
Die meisten sind sehr mit sich selbst beschäftigt, der Blick geht
kaum darüber hinaus.
Und vielleicht können wir auch schlecht vermitteln, was bei uns
wirklich los ist. Hilfe bekamen wir bis jetzt eigentlich nur in äußeren
Dingen - von lieben, hilfsbereiten Menschen, die aber trotz allem jedesmal
kürzer blieben und weniger machten, als anfangs für uns in Aussicht
gestellt oder erwartet. Wir sind trotzdem für jeden "Tropfen" Hilfe
dankbar, aber es macht mir Gedanken: Was strahlen wir aus? Wie wirken wir
nach außen? Oft scheint mir, daß es so aussieht, als wäre
bei uns eigentlich alles in Ordnung und die wohlmeinenden Helfer fühlen
sich irgendwie ausgenutzt oder überflüssig. Liegt es daran, daß
wir eben an einer sehr brüchigen Oberflaäche das Alleralltäglichste
aufrechterhalten mit der Kraft, die wir noch haben? An unserem Rückzugsbedürfnis
angesichts eines "Hauses voll fremder Leute" (auch wenn diese Leute für
uns da sind), denen wir in ihren Erwartungen und Bedürfnissen einfach
nicht gerecht werden können, weil die Kraft fehlt?
Du kannst mir glauben, daß es mir sehr schwer fällt zu nehmen,
ohne etwas zurückzugeben, nicht einmal Aufmerksamkeit oder Zuhören,
weil ich das einfach zur Zeit nicht kann. Ich verkrieche mich dann lieber
und kann nur hoffen, daß mir keiner böse ist. Und daß
verstanden wird, daß ich auch nicht jedem, den ich gerade gerade
zum ersten Mal sehe, mein ganzes Herz ausschütten kann, wie es mir
gerade geht, um mein Verhalten verständlich zu machen.
Oft ist mir so sehr danach zumute, nichts erklären, nichts sagen
zu müssen, einfach nur mit einem mitfühlenden, verständnisvollen
Blick bedacht zu werden und mich vertrauensvoll umsorgen zu lassen. - Selbst
loslassen zu können, meine müden Augen einfach schließen
zu können im Vertrauen, daß jemand da ist, der mich hält.
Endlich, endlich ausruhen.
Es ist aber keiner da.
Und das ist vielleicht die schlimmste Erfahrung der letzten Monate.
Ja, ich wüßte nicht einmal, wen ich anrufen könnte - mir
fällt nicht mal jemand ein, der mir wirklich ehrlich ungelangweilt
eine Weile einfach nur zuhören würde, der mir die Erleichterung
des Mit-Teilens schenken würde.
Ich bin durch diese Erfahrung sehr stumm geworden in der Begegnung
mit anderen Menschen, vor allem Freunden (?). Und leider auch etwas bitter,
obwohl ich das versuche abzubauen - um meiner selbst willen.
Ich fühle mich immer wieder, wenn der Alltag und die Erledigungen
nicht ablenken, sehr allein (gelassen) und viel zu schwach für das
alles.
Seltsamerweise scheine ich aber stärker zu sein, als ich selbst
ertragen kann - auf Kosten von was? - Es schaudert mir bei diesem Gedanken:
welche Kraft verbrauche ich nur, die mir später einmal fehlen wird?
Wo?
Es ist körperlich sichtbar: es sind schon fast Strähnen grauen
Haares, das ich in diesen Monaten bekommen habe.
Vielleicht ist es gut, daß die Seele nicht sichbar ist.
Ich ziehe Kraft aus der Zukunft ab. Lebenskraft. Denn von mir wird
viel mehr gefordert, als ich geben könnte. Ich kann mich ja nicht
einfach hinlegen, denn ich muß standhalten: für mich selbst,
für das kleine Baby, auch für Roland. Und was sich an Resten
noch aus mir quetschen läßt für Rolands Kinder - stellvertretend
für ihn und die Mutter. Gerade in diesem letzten Punkt begehrt in
mir etwas auf, wenn ich wieder einmal kurz vorm Zusammenbrechen in dieser
Mühle stecke: mehr als ein paar Tropfen kommen da nicht mehr aus mir
raus und ich sehe, die sind zuwenig - warum holt diese Mutter nicht ihre
Kinder aus diesem sinkenden Schiff? Weil der Vater zu stolz ist zuzugeben,
daß er es nur auf meine Kosten schafft zu schöpfen? Natürlich
drückt auch mein Gewicht das Boot unter Wasser. Sollte ich aussteigen?
Roland
und ich haben geheiratet. Wir hatten keine Flitterwochen, wir hatten eine
Flitterwoche. Jeder, der schon mal Urlaub gemacht hat, weiß, daß
eine Woche zu kurz ist, um sich zu erholen. Sie war wunderschön. Wir
haben uns das Beste draus gemacht. (Dank der finanziellen Unterstützung
meiner Mutter.)
Und jetzt?
Gestern wurde Roland zum 4. Mal und wieder unter Vollnarkose operiert.
Seither sind die Schmerzen wieder unerträglich, wieder helfen Schmerzmittel
kaum. Wie schon letztes Mal bin ich nicht mit ins Krankenhaus gefahren.
Mir fehlt die Kraft. Schonung. Er kommt ja schnell wieder heim.
Das Trauma nach seiner Abfahrt, das mich letztes Mal noch heftig schüttelte,
blieb diesmal aus. Ich schlafe schlecht im leeren Bett. Sogar unter seiner
Decke. Und seit ich ihn am Telefon wieder so voll Schmerzen gehört
habe - immer nur kurz, weil es ihm zuviel wurde - da passiert wieder etwas
so knapp unter der Oberfläche meines Bewußtseins. Ich schaue
nicht zu sehr hin, was da durchschimmert: lebenslange Schmerzen, die rechte
Hand nie wieder wie vorher.... Rolands tatkräftige, große, rauhe,
zärtliche, kräftige, Geborgenheit bietende Hände.... sind
zart und zerbrechlich geworden - weicher als meine.
Er ist mein Mann. Er konnte mich nicht über die Schwelle tragen.
Ich liebe ihn. Wer könnte empfinden, was ich empfinde, wer hat auch
nur eine Ahnung davon?
Hätte ich schon im August so schreien können wie jetzt eben,
nachdem ich mir diese Worte von der Seele geschrieben habe - wie ein verletztes
Tier, allein in diesem leeren Haus am Morgen, wo es niemand hörte
als mein Kind, unser kleines unschuldiges Kind in meinem Bauch, das gottlob
ganz prächtig wächst und gedeiht und sich lebhaft bewegt....
jetzt ist es still. - Es ist alles gut, mein Kleines. Ich schaukle meinen
Bauch und streichle die kleinen Beulen - da strampelt es wieder ein bißchen.
Nein, im August habe ich mich schnell gefaßt und habe dann Rolands
Sachen gepackt fürs Krankenhaus. Ich weiß nicht mehr, wann ich
das erste Mal richtig geweint habe. Aber es war später. Viel später.
Es war zuviel zu tun.
Ein paar Leute sagten mir später, ich sei erstaunlich gut damit
zurechtgekommen.
Ich wußte nicht, wie ich von außen wirke.
Keiner klopfte an meine Tür, um mein Inneres zu sehen. Hemmungen?
Rücksicht? Nachlässigkeit? Unwissen?
Einmal habe ich von innen um Hilfe gerufen: auf den Anrufbeantworter
meiner besten Freunde.
Einmal von außen im Gemeinschaftsnetzwerk-Rundbrief. Pale, der
mit Dir zusammen hier war, war die einzige ernstgemeinte Reaktion. Auch
er fuhr früher ab.
Ich
wage nicht mehr zu rufen. Oder zu bitten. Es ist mir nie leicht gefallen
und jetzt bin ich unsicherer als jemals vorher.
Der Brief wurde sehr persönlich, Klaus. Vielleicht kannst Du nichts
damit anfangen. Außer der Erklärung, warum mir die Energie fehlt,
wirklich ernsthaft auf Deine lieb gemeinten Feng-Shui-Vorschläge einzugehen,
obwohl mich das sehr interessiert und ich unter anderen Umständen
einen Gedankenaustausch darüber sehr schön fände.
Es werden wieder andere Zeiten kommen, vielleicht magst Du trotz allem
Kontakt halten.
Was ich geschrieben habe, war auch nur möglich, weil so ein Brief
eben doch eher anonym ist im Gegenüber - ich sitze beim Schreiben
ja hier allein - und weil ich Dich so gut wie nicht kenne, also unbelastet,
unbeeinflußt und ungefärbt von persönlichen Wechselwirkungen
und ohne Reaktionserwartung sehr frei meine Gedanken zu Papier bringen
konnte. Es hat mir bestimmt auch gut getan.
Danke, daß ich es an Dich richten konnte.
Ich habe niemanden, mit dem ich reden könnte. Roland belastet
es immer sehr, wenn ich ihm jetzt mein Herz ausschütte. Er fühlt
sich schuldig und ohnmächtig. Ich versuche, das deshalb in Grenzen
zu halten. (Es ist, als versuchten zwei Ertrinkende sich gegenseitig zu
stützen - und trotzdem ist es genau diese Erfahrung der Bereitschaft
dazu, die unsere Beziehung in diesen Monaten so wertvoll gemacht hat!)
Mir fällt sonst nur das Internet ein - anonym in die Welt, an
die Menschen, vor allem an Menschen. Denn die allumfassende Umarmung des
weiten blauen Himmels wärmt nicht genug.
Das habe ich gelernt daraus: daß ich menschliche Wärme brauche:
Nest, Herde, Netz aus vielen warmen Händen.
Mir ist kalt. Und ich gehe jetzt Roland anrufen.
Mach's gut.
Nathalie & Baby
N.S. (30.11.0)
Kein Kommentar, aber ein Satz dazu aus der Gegenwart für besorgte
Angehörige, die vor allem um das Wohl unserer beiden Teenager bangen:
Zun Glück hat als Wwoofer auf "Urlaubssuche" Stefan zu uns gefunden,
wird den Winter über bei uns bleiben und hat uns Kochen, Abwasch und
Kompostklo abgenommen. Somit ist die Grundversorgung der "Kinder" wieder
völlig ohne deren Mithilfe gesichert und die Situation hat sich soweit
entschärft, daß wieder zeitlicher Raum und psychische Kraft
für entspannteres Miteinander bleibt. Nathalie
Ich
mag dich
Es gab nicht Baum
Noch Strauch
Der half
Auch nicht Rat noch Wink
Von dir
Eins nur
Weiß ich gut
Was?
Dass ich dich mag
Nicht nur im Traum
Ginger
IT - demokratisch auch noch
Die neue demokratische Kultur, die bei diesem erfolgreichen Zusammenwirken
von öffentlicher Weckung und privater Befriedigung des Bedürfnisses
nach "Information" zustandekommt, ist nicht in Abrede zu stellen.
Sie gibt allen schon länger verbreiteten Vermutungen Recht, wonach
in diesem "Zeitalter der globalisierten Information" und der "Demokratisierung
von Wissen" neben dem Kommunizieren auch die Demokratie, in der es
stattfindet, riesige Fortschritte zu verzeichnen hat. Die Sachverständigen
werden schon wissen, was sie dem gepriesenen Herrschaftswesen da als Bonus
anrechnen und warum. Also werden dessen Fortschritte dann auch darin bestehen,
dass alles, was ohnehin an gediegenen staatsbürgerlich-demokratischen
und sonstigen privaten Meinungen zirkuliert, nunmehr eben schneller
zirkuliert. Dass sich die Bürger jetzt ihre Meinungen nicht nur abholen,
sondern sich mit diesen auch noch auf allen Foren, die man ihnen eigens
dazu anbietet, inter-aktiv zu Wort melden können, wann und
wie immer sie wollen. "Ihre Meinung zählt!" - neuerdings eben
genau so, und wenn Bürger dann irgendwann einmal sogar per Mausklick
wählen dürfen, ist das Maximum an praktizierter Bürgernähe
erreicht, zu dem es die Demokratie bringt. Und weil der "Zugang zu immer
mehr Wissen" auch noch weltweit ist, blüht die Demokratie
nicht nur dort auf, wo es sie bereits gibt. Wie man hört, sollen nicht
nur bei der WTO-Tagung in Seattle die guten Menschen dieser Welt überhaupt
nur übers Internet erfahren haben, dass und wo sie sich aufstellen
können und warum sie das sollen. Das "Ende des Herrschaftswissens"
ist mit dem Internet nämlich auch angebrochen, so dass selbst die
Sektenbekämpfer und Menschenrechtsfeinde in China über kurz oder
lang mit ihrer Sorte Gehirnwäsche gegen die demokratisierenden Potenzen,
die dem Kommunizieren online innewohnen, einfach keine Chance mehr haben.
Der Boom in der "IT-Branche"
Ist in den Kreisen der Geschäftsleute die Spekulation, sich von
einer neuen Methode des Verkehrs mit der zahlungsfähigen Nachfrage
ein Plus auszurechnen, einmal in der Welt, trägt sie sich mit der
Macht eines die Modalitäten ihres Konkurrierens bestimmenden Sachzwangs
weiter: Wenn schon so viele "drin!" sind und sich abzeichnet, dass
es immer mehr werden, ist es von Nachteil, selbst nicht mit dabei
zu sein, weil einem dann die Vorteile mit Sicherheit entgehen, die die
anderen womöglich haben. So begründet der Erfolg, den das Netz
schon hat, seinen eigenen Weitergang, und auf diesem Wege verallgemeinert
sich die übers Netz ausgetragene Konkurrenz um die zahlungskräftige
Nachfrage von Privaten und Geschäftleuten allmählich zum Standard
des Konkurrierens: Weil den zu ignorieren sich spätestens dann keiner
der Konkurrenten mehr leisten kann, wenn der Gebrauch des Internet endgültig
Standard ist, müssen immer mehr und zuletzt alle dem Trend rechtzeitig,
zumindest nicht als Letzter, entsprechen wollen, und auf diese sturzvernünftige
Manier setzen sich im Kapitalismus dann die standardbildenden technischen
Errungenschaften durch, die aus ihm, wenn sie dann einmal da sind, nicht
mehr wegzudenken sind. Daher ist es - vorläufig jedenfalls noch! -
gar nicht groß von Bedeutung, ob die Verbilligung von Handel,
Lager usw., die der Umgang mit den vernetzten Kunden ja erstmal nur verspricht
- via Internet kaufen, was das Zeug hält, müssen die Massen ja
schon auch noch -, tatsächlich das Wachstum stiftet, das alle
Beteiligten sich ausrechnen. Und außerdem müssen die Unternehmen,
die sich durch ihr klasseninternes Kommunizieren Einsparungen von Zirkulationszeit
und -kosten und darüber die Beförderung ihres Wachstums erhoffen,
zur Erfüllung ihrer Hoffnungen darauf setzen, dass sich auch alle
anderen Klassenbrüder von der Idee "Wachstum durch Internet"
überzeugen lassen. Aber auch da ist die schlichte praktische Tat die
beste Überzeugung und setzt die Maßstäbe, die dann über
kurz oder lang für alle gelten. DaimlerChrysler z. B. und andere Großfirmen,
die sich um den Absatz ihrer Produkte konstruktiv sorgen, gehen zur "effektiveren"
Abwicklung ihres Einkaufs bei ihren Zulieferern und des Vertriebs ihrer
Waren "ins Netz" - und das ist ein extrem überzeugendes Argument
für viele andere Anbieter wie Konkurrenten, in derselben Weise nachzuziehen.
Denn wer sich bei den diversen "portals", die die Firmen zur Verschärfung
des Preiswettbewerbs einrichten, nicht blicken lässt und es unterlässt,
seine Angebote im Geschäftsverkehr "business-to-business" einzureichen,
hat, wenn der nur noch so abgewickelt wird, in dem ganz bestimmt nichts
mehr zu gewinnen. Was er umgekehrt von seinen Investitionen in die eigene
Wachstumszukunft hat, auf die er gar nicht verzichten kann, wird er dann,
wie immer, schon sehen. Wie bei den Kollegen vom "e-commerce", so
ist auch in dieser Abteilung nur sicher, dass das Konkurrieren ums Wachstum
für alle aufwendiger wird.
Was das geschätzte private Publikum betrifft, so gilt für
dieses dasselbe Prinzip in anderer Form. Für ihre an den Tag gelegte
Aufgeschlossenheit gegenüber allem Neuen und Interessanten werden
die Privatmenschen netterweise dadurch belohnt, dass sie auf den Umgang
mit Bildschirm und Tastatur demnächst selbst dann nicht mehr verzichten
können, wenn sie es wollen. Auch sie werden nämlich vom Standard
des Kommunizierens betroffen, weil der eben nicht nur für ihre
bunte Bilder-Welt oder zum Zwecke der Erbauung am eigenen Ego erfunden
wurde. Der ist demnächst die neue gesamtgesellschaftlich herrschende
Methode, alles, was sich digitalisieren lässt, von A nach B zu schicken.
Er wird darüber also auch für sie eine Notwendigkeit,
an der sie in demselben Maße nicht mehr vorbeikommen, in dem sie
am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Ob sie in Rosenheim wohnen und
dort nach Arbeitsplätzen suchen oder in Hamburg nach Karten fürs
Konzert, ob sie das Bulletin der Bundesregierung lesen oder einfach nur
ein bisschen Geld von einem Konto auf ein anderes verschieben wollen: ‘Endverbraucher’
heißt die an ihnen so sehr geschätzte Eigenschaft, dass zu ihrer
Nutzung kein Weg direkt genug sein kann und daher für sie bei allem,
was sie in dieser Eigenschaft sind und wollen, am Internet auch kein Weg
mehr vorbeiführt.
Daher kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Branche Information
& Technologie eine "Wachstumsbranche" ist. Es wachsen
ja mit dem Netz nicht nur viele Verrücktheiten, sich im Virtuellen
die Zeit totzuschlagen, und nicht nur viele Hoffnungen und Berechnungen,
sich selbige - den Umschlag des eigenen Kapitals betreffend - wachstumsfördernd
zu verkürzen oder sonst wie Kosten zu sparen. Es wachsen mit all dem
vor allem die Geldsummen, die ganz real an die Geschäftsabteilung
Nr. 2, an Produzenten von Hardware des jeweils neuesten Standes der Technik,
an Telefongesellschaften, an Provider, an Software-Firmen, an Werbeunternehmen
und an alle anderen Dienstleister gezahlt werden, die sich am Betrieb des
Netzes und seiner immer expansiveren Nutzung zu schaffen machen. Was man
so hört, ist es ziemlich viel, was da von Produzenten, Zulieferern,
Händlern und Banken fürs Beschleunigen und Verbilligen der bisherigen
Wege vom Angebot zur Nachfrage oder für die Erfindung neuer Wege oder
auch nur für die dazugehörende Werbung weggezahlt wird. Die Summen,
die die Geschäftsleute der Abteilung Nr. 1 und Nr. 3 als Investition
in die Zukunft ihres Wachstums verbuchen, auf das sie spekulieren, und
die die der Abteilung Nr. 2 einkassieren, reichen jedenfalls dazu aus,
dass der - neben der extraktiven und der verarbeitenden Industrie - in
die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung eingehende "tertiäre Sektor"
inzwischen im Wesentlichen die weißen Kästen mit allen ihren
stofflichen und menschlichen Anhängseln umfasst.
Die anderen "Neuen Märkte" und ihr ganz spezielles Wachstum
Der Boom der Branche "Information und Technologie" steht außer
Frage, ist aber ein Witz im Vergleich zu dem, den die Profis auf den globalisierten
Börsenparketts hinlegen. Auf dem verfügt man nämlich über
eine ganz eigene Wahrnehmung des Umstands, dass die mit der produktiven
Vermehrung ihres realen Kapitals befassten Geschäftsleute viel
in die Beseitigung von Schranken investieren, die sie in der Sphäre
der Zirkulation ausfindig gemacht haben. Deren Engagement genauso
wie das aller anderen, die ihrer Firma ein "e-" oder "WWW."
voranstellen, ist für Leute, die ihr Geld nicht so umständlich,
weil nur durch Anlegen wachsen lassen wollen, ein einziges Indiz - dafür
nämlich, dass sie mit ihrem Einstieg in diese Branche ihrem
Kapital das Wachstum bescheren können, auf das es ankommt: Das Geschäft
Nr. 4 mit dem Internet kommt zustande, indem sich Spekulanten das
Geschäft Nr. 1 bis 3 zur Quelle des Wachstums ihres Geldvermögens
herrichten. Das klingt komplizierter, als es ist, denn natürlich
folgt auch die Spekulation auf diesen "Zukunftsmarkt" demselben
bewährten Muster, nach dem an Börsen nun einmal spekuliert wird:
Geldanleger spekulieren auf das Wachstum in der "Branche IT", indem
sie sie für kreditwürdig erklären und mit dem Kredit, den
sie haben, sowie mit der Berechnung, dass viele andere es ihnen gleichtun
werden, in "Technologie-Werte" einsteigen. Mit ihrer Spekulation
verschaffen sie der Branche dann den Kredit, der bei ihnen und allen anderen
unmittelbar die nächste Spekulation derselben Art begründet,
usw.
Die Sicherheit,
dass
die gesamte Branche ein Renner ist und wächst, gestattet da einiges.
Die vielen famosen Einfälle z. B., die in NEMAX und anderen Indices
Karriere an den Börsen machen. Eine "vision" ist da sehr oft
der Ausgangspunkt, eine - und zwar irgendeine - Idee, wie sich das Netz
auch noch oder ganz anders nutzen ließe. Was dem Besitzer der Idee
fehlt, ist nur das Kapital, das er bräuchte, um mit ihr zu verdienen.
"Marktfähig"
wird sein Einfall, weil ihm andere leihen, was er nicht hat. Ihm wird oft
und gerne geholfen, mit etlichen Mio. Kredit, den irgendwelche Geldanleger
der Gesellschaft eigens zu diesem Zweck in
"Risiko-Kapital" und
andere -fonds investiert haben und die darauf spekulieren, dass andere
Spekulanten auf die Anteile spekulieren, die sie mit ihrem Kredit erwerben.
So wird die Idee zu einer Firma, die sehr modern klingt, und deren
oberster Geschäftszweck mit dem ihrer Krediteure zusammenfällt
und darin besteht, als Kredit zu wachsen, um darüber noch
mehr Kredit auf sich ziehen zu können.
"Börsenfähigkeit"
heißt daher das anvisierte Unternehmensziel, dem man sich durch kreditfinanzierten
Einkauf bei anderen Konkurrenten, die dieselbe Karriere hinter sich haben,
oder gleich durch deren Übernahme annähert. Beides verschafft
einem die Größe, ohne die man für Börsianer
nicht kreditwürdig ist. Gewisse Gesetze gibt es da außerdem
noch zu beachten. Hat die Firma dann über ihren Gang an die Börse
ihren Gründungsgewinn einkassiert und verfügt in Gestalt ihrer
Aktien über die Mittel - "Kriegskasse" heißen die im
Jargon - zum Einsacken ihrer nächsten Konkurrenten, staunen auch abgebrühte
bürgerliche
Beobachter der Szene manchmal nicht schlecht über die Kennzahlen,
die diese munteren Unternehmen in ihren Bilanzen ausweisen: Was ihre reale
geschäftliche Abteilung betrifft, akkumulieren sie sehr oft ziemlich
wenig, noch öfter auch nur Verluste - aber mit ihren
"Börsenwerten"
könnte man - rein rechnerisch, versteht sich - glatt ganze Staatshaushalte
aufkaufen! Von einem Geschäft, das da ganz nach den Gepflogenheiten
des Kapitalismus mit Kredit "vorfinanziert" wird, ist also wenig
in Sicht - was Wunder, ist die Geschäftsidee doch nur auf die Welt
gekommen, um mit Kredit auf mehr Kredit zu spekulieren. Außer Frage
steht dabei, dass selbst dort, wo jetzt Gewinne gemacht werden und demnächst
vielleicht noch mehr, es nie so viel Geschäft geben wird, die Kreditansprüche
mit echt verdientem Geld zu bedienen, die das Versprechen zukünftigen
geschäftlichen Erfolgs formell auf sich gezogen hat. Ausschließlich
Kredit in seiner Eigenschaft als fiktives Kapital wird da also akkumuliert,
was jedoch einschließt, dass mit dem Geld, das morgen oder irgendwann
verdient werden soll, ein bereits heute gültiges Geschäftsmittel
auf der Welt ist, weswegen bloß zettelmäßig begründete
Ansprüche auf Reichtum mit Kurspreisen versehen an den Börsen
der Welt zirkulieren und zu Werten addiert werden, die real nicht vorhanden
sind, aber selbstverständlich wachsen.
Letzteres tun sie dank des Vertrauens, das die Spekulanten aller Welt
pauschal in den unaufhaltsamen Siegeszug des neuen Kommunizierens und in
die Sphäre "Information und Technologie" setzen, dann in einem Maße,
dass die Rede von der "Technologielastigkeit" gewisser Indices schon
ein wenig euphemistisch ist. Die Summen von Geldkapital, die sich da in
diesen "Neuen Märkten" tummeln, sind jedenfalls so beeindruckend,
dass an den Börsen das traditionelle Aktiengeschäft so alt aussieht,
wie die betreffende Abteilung der Ökonomie inzwischen heißt.
Mindestens genauso beeindruckend ist die Risikofreudigkeit der Geldanleger
und ihre spekulative Laune beim Ein- und Wiederausstieg in die diversen
Papiere und aus ihnen heraus. Aber was sollten sie auch anderes tun angesichts
der einzigen ihrem Kredit hinterlegten "Sicherheit", dass dem Neuendieser
Märkte eine Zukunft ganz bestimmt beschert
ist?
Also machen sie vorderhand einfach weiter; sind zwischenzeitlich ein wenig
irritiert, wenn die Aufpasser auf die Gesundheit des Weltfinanzwesens von
Sorgen berichten, die sie sich wegen einer gewissen "Überbewertung"
gewisser Papiere um ihren Dollar oder Euro machen; und dann wieder beruhigt,
wenn auch alle anderen spekulierenden Kollegen nicht weiter beunruhigt
sind.
Die angesichts der Lage einzig senkrechte Wachstumspolitik
Die politischen Hüter des deutschen Standorts, in dessen Netzen
und um die herum sich das alles abspielt, betrachten das Treiben auf den
Börsen und anderen Märkten mit Wohlgefallen. Dass mit den in
hoheitlichem Boden verlegten Kabeln, Lizenzen für Funkverkehr usw.
viel privates Geschäft gemacht wird, ist hierzulande seit längerem
im öffentlichen Interesse, daher auch, dass es das Internet und ein
www. mit dem Standortkürzel ‘.de’ gibt. Dass eine privatisierte Telefonbehörde
das "Schwergewicht" im DAX ist, Software und Informationstechnologie überhaupt
die Renner sind, ist für sie gleichfalls erfreulich. Mit dem Umstand,
dass das gute Geld, das sie zum Zwecke seiner Vermehrung in die Zirkulation
werfen, die dazu bisher üblichen produktiven Zwischenstufen zusehends
für weniger zielführend erachtet, leben sie ja schon länger.
Wenn sie jetzt verfolgen, wie ausgezeichnet die in Sachen Solidität
des Geldes doch so sensiblen Agenten des Kreditüberbaus mit demselben
Umstand leben können, werden in Anbetracht des Vertrauens, das da
auf den Geldmärkten herrscht, alle ihre Bedenken in die weitere Haltbarkeit
des aufgetürmten Kredits, die ihnen im Hinblick auf ausbleibendes
reales Wachstum kommen mögen, schon ein wenig relativiert. Selbst
wenn also das Spekulieren auf Erträge, die auf dem IT-Markt erwirtschaftet
werden sollen, in dem Wissen expandiert, dass es diese Erträge ganz
bestimmt nicht geben wird: Den Markt jedenfalls gibt es,
und weil er wächst und in Zukunft mit Sicherheit noch wachsen
wird, ist es der Wachstumsmarkt der Zukunft. Und weil das so
ist, begründen die mit dem Internet laufenden Geschäfte Nr. 1-
4 gleich die Geschäfte Nr. 5 und Nr. 6: Die staatliche
Versteigerung der eingangs erwähnten Lizenzen für den Funkverkehr
auf dem letzten Stand der Technik, der den omnipräsenten Zugang zum
Netz via Telefon gestattet, ist der Anstoß, die Konkurrenz der Telefongesellschaften
auf ganz neuer Stufenleiter voranzubringen. Über Fusionen mit Inhabern
dieser Lizenzen versuchen sie, das Geschäft mit dem Kommunizieren
online von der Parkbank aus zu dem Ihren zu machen, indem sie sich in einzelnen
Ländern, aber natürlich auch Staaten übergreifend, dem Ideal
nach möglichst gleich als Monopol aufstellen. Und was den Staat als
Geschäftssubjekt betrifft, so hat inzwischen allein das Recht zum
exklusiven Gebrauch der neuen Technik einen so eindrucksvollen Marktwert,
dass der Souverän, der es verleiht, die von ihm einkassierten Summen
glatt als Sanierungsbeitrag für seinen Haushalt betrachten darf.
Ihre Einschätzung der Zukunft des IT-Marktes gewinnen die verantwortlichen
politischen Standorthüter selbstverständlich nicht nach reiflicher
Überlegung. Sie haben sich in bewährter Manier ganz an denen
orientieren, die sich in Sachen Wachstum auskennen, und da verhält
es sich - erstens - in ihrem eigenen Standort eben so, dass in dem
"tertiären"
oder "Dienstleistungssektor" mit der "weißen Wirtschaft"
sehr viel Geschäft gemacht wird. Womit und wofür genau, ist ihnen
genauso gleichgültig wie denen, die ihre Wachstumsperspektiven weniger
in Röhren oder Erdgas, dafür mehr in Kabeln und Telefon sehen.
Und wenn schon alle produktiven und Geldkapitalisten gleichermaßen
davon ausgehen, dass sich die bekannten Probleme beim Absatz von
Waren durch die Beschleunigung der Absatzwege erledigen lassen
- warum sollten dann ausgerechnet sie daran zweifeln? Also verbuchen sie
einen merklichen Rückgang des Industrieanteils an der volkswirtschaftlichen
Gesamtleistung auf der einen, stellen dem eine ungefähre Verdreissigfachung
des
"Wertschöpfungsanteils" durch den "Faktor ‘K’" -
K wie Kommunikation - auf der anderen Seite gegenüber, und sind zufrieden,
wenn alles zusammengerechnet irgendwie dann doch mehr ergibt als im Jahr
zuvor. Zumal die Hüter des deutschen Standorts - zweitens - von einem
Blick über den Teich und hinein in das Vorbild aller kapitalistischen
Standorte darüber belehrt werden, dass sie eindeutig auf dem richtigen
Weg sind: "92 Monate Boom in den USA", "ohne Inflation",
dafür mit "Überschüssen in der Staatskasse" - das
ist schon sehr beeindruckend. Der größte Schuldner der Welt
- und er schwimmt in echten Dollars. Seine Arbeitslosen schwimmen in Jobs
und seine Arbeiter in Aktien, auf Pump zwar, aber wer lebt heutzutage nicht
vom Kredit. Und was das Schönste ist: Das alles hat dieser Standort
seiner Abteilung "new economy" zu danken! Freilich schon auch dem,
dass, wie ein Hamburger Nachrichtenmagazin herausgefunden hat, der Reichtum,
der dort einen "Konsumentenrausch" nach dem anderen stiftet und
den sich die Nation zu ihrem BIP zusammenrechnet, aus einem "langanhaltenden
Börsenboom" herrührt und zusammen mit den Aktienkursen vor
allem die Zahl der Armen und Schuldner im Land gewachsen ist. Aber was
soll’s, dann wächst der Kapitalismus in seinen Standorten heute eben
so, mit viel kreditierten Investitionen in Hochtechnologie und noch mehr
in den spekulativen Überbau dieses Sektors, und weil er so wächst,
weiß ein deutscher Kanzler auch sofort, was er seinem Standort schuldig
ist: Das Vorbild USA gilt es einzuholen, besser noch: zu übertreffen!
So präsentiert sich der Kanzler auf der CEBIT der Weltöffentlichkeit
und verkündet eine riesige "Internet-Offensive", die der von
ihm regierte Standort demnächst hinlegen wird. Exakt so, wie es -
einige Zeit ist das allerdings schon her - der amerikanische Vize-Präsident
vorgemacht hat, stellt auch er 5- bzw. 2-Jahrespläne für seine
Nation vor. In denen sollen alle Schulen sowie die Hälfte der Deutschen
vernetzt und die Anzahl der IT-Unternehmen - das sind die mit den "visions"
- verdoppelt werden - weil eben das Internet als Markt "zu vernachlässigen
eine Todsünde wider die wirtschaftliche Vernunft, wider das eigene
Interesse wäre". Alles in seiner Macht Stehende will er also dafür
tun, dass demnächst wirklich keiner mehr ohne Maus und Handy auskommt,
und sozial und menschlich, wie er ist, kann er das auch noch als Kampf
gegen eine "erneute Klassentrennung" ausdrücken. Nachdem von
derjenigen, die mit der Verfügungsmacht über Geld einhergeht,
in einer "entwickelten Wissensgesellschaft" ohnehin weit und breit
nichts mehr zu sehen ist, kann die neue, die es zu verhindern gilt, nur
an der Verfügung über - richtig: - Wissen hängen. Die wiederum
hängt - schon wieder Volltreffer: - an einem kleinen Netzstecker:
"Jeder,
der in Zukunft in diesem Bereich nicht kommunikationsfähig ist, wird
nicht mehr, sondern deutlich weniger berufliche und damit Lebenschancen
haben. Dies ist der Grund, warum die Politik (...) eine Partnerschaft mit
der deutschen Wirtschaft anstrebt." An der Sache mit den Lebenschancen
mag man, wie die Dinge liegen, nicht zweifeln, dafür aber umso mehr
am vom Kanzler bemühten Grund für diese Zukunftsvorsorge. Die
Chancen nämlich, deren Besserung er im Kopf hat und an deren Zukunft
er wirklich glaubt, betreffen nicht die im Standort um Arbeit Konkurrierenden,
sondern die Konkurrenz des Standorts gegen andere, und ausdrücklich
auf die ist Schröders Initiative gemünzt. Da hat ihm irgendjemand
gesteckt, dass es, um mit Amerika wenigstens gleichzuziehen, in Deutschland
viel zu wenig "Potential" gibt, softwaremäßig betrachtet.
Es gibt zwar auch hier viele, die sich aufs Programmieren verstehen, flüssig
JAVA sprechen und sogar Zeit hätten, sich nützlich zu machen.
Aber die sind ja nicht zufällig arbeitslos. Mit dem, was sie sind
- zu alt, zu unflexibel - und können - immer nur das, was gerade erfolgreich
überholt worden ist -, kann man sie ja schon jetzt nicht mehr brauchen,
für die Zukunft also erst recht nicht. Anderswo dagegen gibt es genau
die. Von denen sind zwar auch schon einige hier. Aber von denen könnte
man hier und jetzt womöglich noch mehr gut gebrauchen - also nichts
wie her mit ihnen: "Green-Cards" für Inder und Osteuropäer
- weil Deutschland die Software-Produktivkraft, die die im Kopf haben,
sich nicht durch die Lappen gehen lassen will. Weil ein deutscher Kanzler
eben frei und unbehindert über den menschlichen Stoff verfügen
können möchte, den sein Standort möglicherweise gut brauchen
kann, und keinesfalls möchte, dass die "USA die besten Leute allein
bekommt"- soweit des Kanzlers Beitrag in Sachen "Demokratisierung
des Wissens" durchs Internet. Weil es die USA sind, die er - wie weiland
Genosse Nikita, nur eben an der Front Internet - im Verein mit seinen europäischen
Kollegen "in 10 Jahren überholen" will, ist jeder von diesen
‘Besten’, der hier ist, schon allein deswegen ein Vorteil, weil
der sich dann zumindest nicht mehr für den Konkurrenten nützlich
machen kann. Wie und wodurch er sich hier nützlich machen kann, wird
er dann sehen.
Wo so auch noch der politische Vorstand des Standorts nicht nur allen
Recht gibt, die auf Wachstum durch "IT" setzen, sondern mit seinem für
die Wachstumszukunft von Deutschland wie Europa unbedingt nötigen
Import sogar von Indern auch noch eine Aufwallung des gesunden Volksempfindens
in Kauf nimmt, kann eines gar nicht ausbleiben:
Auch
noch die "Aktienkultur in Deutschland" wächst
Das Volk ist ja so dumm auch wieder nicht. Knapp bei Kasse, wie es
notorisch ist, hat es immer ein offenes Ohr für Alles, was diesem
leidigen Zustand Abhilfe verheißt. Und da war erstens von den politisch
Verantwortlichen, von deren gesetzgeberischen Verfügungen nicht unmaßgeblich
abhängt, von wie viel Lohn, Lohnersatz- und Rentenzahlungen man zu
leben hat, schon seit längerem zu hören, dass - insbesondere,
was Letztere betrifft - der Besitz von Aktien in Anbetracht der
absehbaren Notlagen im Alter für alle Minderbemittelten wie geschaffen
sei. Sich eine Handvoll dieser süßen Papiere zu kaufen, sie
so lange liegen zu lassen, bis man alt ist, und nach ihrem Verkauf dann
prima vom Profit zu leben: Das ist weder eine dumme noch sonst überhaupt
eine Spekulation, sondern bringt in jedem Fall viel mehr an Besitz und
vor allem an Sicherheit, als man sich von einem Staat, der an allen unproduktiven
Kosten zu sparen hat, jemals erwarten darf. Zweitens hat das Volk erfahren,
dass alles, was die Lohn- und Rentenexperten über diese soliden Reichtum
versprechenden Papiere erzählen, haargenau stimmt: Haufenweise werden
Leute mit Aktien reich. Und zwar drittens, wie seiner Aufmerksamkeit auch
nicht entgeht, indem sie sich diese sagenhaften "Technologie-Werte"
anschaffen, von denen alle reden. Da zählen die aufmerksamen Leute
dann 1 bis 3 zusammen und wissen, was sie zu tun haben: Sie nehmen eine
Gelegenheit, von der alle Welt sagt, sie wäre eine und zwar auch für
sie, einfach wahr.
So bricht ein "Aktien-Wahn" aus, womit die öffentlichen
Experten von Bild-Zeitung bis Spiegel selbstverständlich nichts gegen
diese Blüte des kapitalistischen Irrsinns selbst gesagt haben wollen.
Sie äußern lediglich Befremden darüber, dass und wie sich
da Leute in einer Sphäre am Vermehren des abstrakten Reichtums versuchen,
die für sie gar nicht vorgesehen ist. Bloß eine "schnelle
Mark" wollen sie machen, wissen dabei nicht einmal, was ein Halbleiter
ist - wo doch bekannt ist, dass Banken und Fondsgesellschaften bei Börsengängen
im Grunde gar nichts verdienen wollen und Analysten generell erst in Physikbüchern
nachsehen, bevor sie ihre Kaufempfehlungen herausrücken. Pure "Gier"
also, die die Massen in die Banken und dazu treibt, etwas zu zeichnen,
dessen Namen sie nicht einmal richtig schreiben können. Klar, dass
sie das dann gleich "mehrfach überzeichnen" - was zwar sehr
erwünscht, weil genau im Interesse des Erfinders wie auch aller professionellen
Spekulanten ist, in ihrem eigenen aber natürlich gar nicht liegen
kann. Die Quittung bekommen sie dann auch prompt: Die Firma kassiert ihren
satten Gründungsgewinn, die Banken verdienen mit, die so genannten
institutionellen Anleger verdoppeln ihr eingesetzes Vermögen in einem
Tag - und die Laien des Spekulierens dürfen bei t-online gleich noch
einmal versuchen, reich zu werden, und mit dazu beitragen, dass zwar schon
wieder nicht ihre, dafür aber höchstwahrscheinlich die Spekulation
aller anderen aufgeht.
Das hat also noch gefehlt - Geschäftszweig Nr. 7
des Internet: Die Armen, die immer ärmer werden, verhelfen den Reichen
nicht nur mit ihrer Arbeit, sondern auch noch an den Börsen dazu,
immer reicher zu werden. Und auch das demnächst womöglich nur
noch via Internet, denn um exakt so zu bleiben, wie er ist, nimmt der Kapitalismus
die spektakulärsten Revolutionen in Kauf - und rationalisiert selbst
noch seine Börsenparketts weg!
aus Gegenstandpunkt 3/2000

Ginger
Es gibt da wohl noch einiges mehr "gut zu überlegen", als daß
Arno Funke öffentlich in Erscheinung treten darf "und Kasse machen".
Meines Wissens tritt z.B. die Bundesregierung tagtäglich öffentlich
auf und kein Hahn kräht danach, daß sie mit ihrem polizeiliches
Führungszeugnis (falls es eines gäbe, aber wer kann schon was
gegen die Herrschaften tun - außer alle 4 Jahre Kreuze zu machen,
wohl wissend, daß die Herren und Damen beliebig auswechselbar sind,
das System hält sich auch mit wechselnder Mannschaft "bestens") nirgendwo
einen Arbeitsplatz bekommen würde (was sie ja auch nicht nötig
hat...).
Freiheitsbrücke in Novi Sad, im Mai 1999 zerstört
Vergessen? Mit dem Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien
im vorigen Jahr verstieß die Bundesregierung gegen die UN-Charta,
gegen die UNO-Völkermordkonvention, gegen das Umweltkriegsverbot der
Genfer Konvention, gegen das Vertragswerk von Helsinki (OSZE), gegen den
NATO-Vertrag, gegen den 2+4-Vertrag (die Grundlage der Vereinigung), gegen
das Grundgesetz, gegen das Strafgesetzbuch, gegen das deutsche Soldatengesetz,
gegen die Koalitionsvereinbarung, gegen die Grundsätze beider Koalitionsparteien
und ihre Wahlprogramme.
Und wie darf man nun diese "Idole in der Spaßgesellschaft" nennen?
Tja, "seht her, Verbrechen lohnt sich!".
Am selben Tag meldet Ihre Zeitung, daß Ministerpräsident
Clement 50.000,- Mark für einen Flug Köln nach Rostock und zurück
verbraten hat (ungefähr so ein Ge-samteinkommen habe ich für
mich und meine beiden Kinder in zwei Jahren...). Paar Tage später
darf ich lesen, daß Herr Kohl bislang 21 Bundestagssitzungen versäumt
hat und dafür lächerliche (bei seinem Gehalt) 2200,- Mark Strafe
zu berappen hat. Jeder ernstzunehmende Arbeitgeber hätte solchen Arbeitnehmer
gefeuert. Aber "Spaßgesellschaft" macht's möglich.
Diese Spitze unserer Eisgesellschaft kehrt sich offenbar einen Dreck
um bestehende Gesetze, Richtlinien, den moralischen Konsens oder nur den
Anstand, wenn es um Interessendurchsetzung geht.
Von noch kommenden Gesetzen fast zu schweigen. Wer weiß, vielleicht
wird das Bauen von Autobahnen, das Betreiben von Kernkraftwerken, das Vorstehen
in der Chemieindustrie einmal strafbar? Wenn sogar s.g. Grundrechte (laut
GG) auf den Müllhaufen der Geschichte wandern können, wie Schutz
der Privatsphäre, Asylrecht, Verbot von Angriffskriegen vorführen.
Und sehr wahrscheinlich werden spätere Generationen die NATO,
die Weltbank u.ä.m. als verbrecherische Organisationen verstehen -
heute mit hochbezahlten Leuten "mit weißer Weste" an den Drückern.
Und unsere Gesellschaftsform, die einen ganzen Planeten samt darauf lebenden
Menschen im Würgegriff hat, als ebenso finster, wie wir jetzt das
Mittelalter sehen.
Aber wir stehen ja erst am Anfang und über Arno Funke kann ich
wenigsten noch lachen.
Roland Gorsleben, Zarnekla
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"My Mother Is Not The White Dove & The Future Is A War"
oder: "All My Heroes Are Dead" - die 90er Jahre
"Baby, du hörst Country und auch mal 'nen Rock and Roll/ und dein kleiner Bruder findet Grunge und Metal toll/.../ Baby schau mal rüber, schau über den Tellerrand/ sag mir nicht, du weißt nichts oder du hätt'st nichts gekannt/ .../ 4, 5, 6, sing doch mal 'nen Schlagertext..." (Roy Luna: "Eins, Zwei, Drei - A little Schlagermusik")
"The
68-convention was a-singing 'The times they are a-changin'', but I guess
that they had changed back..." (Dar Williams: "All My Heroes Are Dead")
"Come on people now, smile on your brother and/ everybody get together, try to love one another right now" (Nirvana: "Territorial Pissings")
"Feel like a prisoner in a world of mystery/ I wish someone would come/ And push back the clock for me..." (Bob Dylan: "Highlands")
"I don't need the trail moonlight/ This old horse knows his way home..." (John Flynn: "Old Paint")
Ihr wisst selbst nur all zu gut, was in der vergangenen Dekade passiert ist, ihr seid die Konservenmusikkonsumenten, ihr seid die Konzertsaalbesetzer. Trotzdem soll der Schritt vollzogen, das Gehirn noch einmal angestrengt, Vergangenheit bewältigt werden. Da ich ein artiger Junge bin und es aber auch wirklich so meine, möchte ich den Herausgebern von "Der Schallplattenmann sagt" dafür danken, dass sie mir einerseits so viel Webspace überließen, andererseits mir dadurch die Faulheit nahmen, das Ganze endlich in Worte zu fassen. Dieser letzte Teil, nehmt es nicht persönlich, wird sehr persönlich. Mir ist grad danach. Einige von euch kennen vermutlich "High Fidelity" von Nick Hornby (bei Gollancz/Knaur).
Verdammt viele Hit-Listen kommen in diesem Roman vor, z.B. die besten Montag-Morgen-Songs. "Okay, Jungs, die fünf besten Songs über den Tod." Die fünf besten ersten Stücke auf der ersten LP-Seite, usw. Und natürlich, am Schluss, die fünf Lieblingsplatten aller Zeiten. Da ist das Scheitern vorprogrammiert. Was Hornby karikierte, schrieben uns all die Musikmagazine selbstbewusst und allen Ernstes vor: die 100 wichtigsten Alben eines ganzen Jahrhunderts, ranking-mäßig (!!) noch dazu. Die 90er Jahre kamen kaum vor. Nirvana, Massive Attack. Vielleicht die eine, selten die andere R.E.M.-Scheibe. Das war's auch schon. War's das wirklich?
Langsam formuliert, regiert die Schnelllebigkeit. Der Rhythmus passt sich an, Worte werden kaum gebraucht, um das Lebensgefühl zu vermitteln.
Sampling, ein Modewort. Ein Lied ist nicht ein Lied, sondern die Zusammenführung mehrerer. Die dazu nötige Ausstattung, quasi die Bandmitglieder, erhält man beim PC-Discounter im Ausverkauf, softwaremäßig verpackt, vom Bandleader gefühlvoll installiert. Output? Reizüberflutung. "American Pie" von Madonna.
Dabei fingen die 90er Jahre vielversprechend an. Neil Young & Crazy Horse fanden zu ungeahnten Höhen zurück, veröffentlichten "Ragged Glory", ein Feedback-getränktes Gitarren-Inferno. Ganz anders, aber um nix schlechter: Beausoleil mit "Cajun Conja", Johnny Cashs "Unchained", die titellose David Byrne-CD, Willy DeVilles heroingeschwängertes "Loup Garou", Steve Earles "El Corazon", Van Morrisons "The Healing Game" sowie -- perfekter Ausklang der 90er Jahre -- Bob "I'm listening to Neil Young, I gotta turn up the sound/ Someone's always yelling turn it down" Dylans Grammy-verziertes "Time Out Of Mind". Da sind wir wieder bei den "Alten". Man kommt nicht um sie herum.
Vergessen wir sie trotzdem mal für eine Weile. Wer sind wessen Erben? Oasis, Blur, Portishead, Pulp, Nine Inch Nails, Supergrass, Ocean Colour Scene, Cake, The Bathers, Belle & Sebastian, The Walkabouts, Beck, Natalie Merchant, Wagon, Counting Crows, The Breeders, Eels, Cranberries, Tindersticks, Bad Religion, Muse, Flaming Lips, Lambchop, Offspring, 16 Horsepower, Beth Orton, Lisa Mednick, Suede, Alanis Morissette, P.J. Harvey, Robyn Hitchcock, Indigo Girls, Maria McKee, Penelope Houston, Gary Floyd Band, Rachel Bissex, Rufus Wainwright, Smashing Pumpkins, The Wallflowers, Björk...? Kopf schütteln oder Kopf nicken? Wer davon ist zeitenüberdauernd? Wer wichtig für die kommenden Dekaden?
Phänomen: Bis vor wenigen Jahren war's so, dass ich mich einem neuveröffentlichten Tonträger längere Zeit widmen konnte. Es gab gewisse Prozeduren, die ich einhielt, und: Vorfreude. Dann: Enttäuschung. Oder: Befriedigung. Das hat sich geändert. Massiv. Ich komme kaum mit dem Hören nach. Es gibt ja so viel. Täglich. Theorie: Ja, es gibt Zeitenüberdauerndes, auch heute noch, klar. Gültiges entstehen zu lassen, kann scheinbar einfach sein. Ein Gesangsmikrophon, eine Gitarre. Begeben wir uns also in ein (amerikanisches) Wohnzimmer. Vorweg: Der Sänger ist frustriert über den (zumindest musikalischen) Weltenlauf und weiß nicht, wie es mit ihm weiter gehen soll, die Aufnahmetechnik änderte sich viel zu sehr, da will er jedenfalls nicht mit. So sitzt er also in seinem Wohnzimmer, schaltet das Aufnahmegerät ein und spielt alte Songs. Ganz alte Songs. Da waren wir (er inklusive) noch nicht geboren. Es entsteht eine eigentümliche Stimmung, als ob die alten Sängerinnen und Sänger plötzlich in seinem Wohnzimmer stehen und ihm über die Schulter schauen, ob er deren Erbe ja auch würdig verwaltet. Sein Herz blutet, ihm ist auch keineswegs nach Fröhlichkeit zumute, so die Lieder: Weltschmerz, Vereinsamung, Verlust, Trauer, Wehmütigkeit, Mord, unglückliche Liebe, stets die Flucht vor Augen. Seine Stimme vereint das Elend Amerikas, die Tragödien seiner musikalischen Vorfahren: Blind Willie McTell, Blind Willie Johnson, Memphis Minnie, Frank Hutchinson und wie sie alle hießen, all jene, die uns den Grundstein legten und bis zum heutigen Tag so gut wie unbekannt und vergessen sind. Er liefert die Songs bei seiner Plattenfirma ab, die wissen kaum etwas damit anzufangen, promoten es auch nicht, zu widerspenstig und vor allem alt, einfach alt klingen die Songs. Wer soll das kaufen? Wo soll das gespielt werden? MTV? Viva? VH-1? Es ist nicht einmal elektrisch, damit es "Unplugged" zu Ehren kommen könnte. Na ja, veröffentlichen wir es halt. Auch wenn er nicht mehr relevant und anscheinend ziemlich verschroben ist, hat er ja doch einen Namen: Bob Dylan. Greil Marcus darüber im 1997 erschienenen "Invisible Republic: Bob Dylans Basement Tapes" (Holt/Rogner&Bernhard): "The songs removed him from the prison of his own career and returned him to the world at large." Heraus kam absolut zeitloses wie "Pink Moon" von Nick Drake (siehe Teil 4 dieser Serie). Und das in den 90er Jahren. Da soll noch jemand behaupten, the "World Gone Wrong". Erstaunlich.
Weitere
sehr gute Akustik-Performances: Dar Williams ("Honesty Room", "Mortal City"),
Neil Young ("Harvest Moon"), Johnny Cash ("American Recordings"), Tom Petty
("Wildflowers"), Lucinda Williams ("Car Wheels On A Gravel Road"),
Ana Egge ("River Under The Road"), Betty Elders ("Crayons"), Gillian Welch
("Revival", "Hell Among The Yearlings"), Nirvana ("Unplugged In New York"),
Small Potatoes ("Time Flies"), Kate & Anna McGarrigle ("Matapedia"),
Michelle Shocked ("Kind Hearted Woman"), Loudon Wainwright III ("Social
Studies").
Es gibt Themen, die waren anscheinend irgendwie schon immer da: Liebe und die dazugehörige Eifersucht, die nicht selten blutig endet. Oder: Mord, Amok, Koma, Tod.
Nick
Cave verarbeitete dieses Gewalt-ige Thema auf "Murder Ballads". Alte Quellen
wurden dabei angezapft: Zum Beispiel "Henry Lee" oder "Stagger Lee", beides
Songs, die auf "World Gone Wrong" und "Anthology Of American Folk Music"
(siehe Teil 2 dieser Serie) zu finden sind. Ob Dick Justice und Frank Hutchinson
heute ähnlich klängen, kann nur vermutet werden. Die Blutspur
von "Murder Ballads" jedenfalls endet versöhnlich. Kindlich-ironisch
mit "Death Is Not The End" von -- richtig -- Bob Dylan, dessen Version
wiederum auf "Down In The Groove" von 1988 zu finden ist, das wiederum
sechzig Prozent Cover-Versionen beinhaltet... Cover-Versionen also. Die
90er Jahre lebten davon. Ziemlich gut sogar. Wozu sich übermäßig
anstrengen, wenn das Füllhorn quasi endlos ausschütten kann?
Schließlich passen die alten Songs auch wirklich gut in neue Kleider.
Michelle Shocked gelang mit "Arkansas Traveller" eine wunderbare Amerika-Zeit-Reise.
Leslie Shatz blieb da schon in konventionelleren Schienen, versuchte einfach diese Songs vor dem Vergessen zu bewahren. Marke Archiv. Ihre Versionen sind gut, widerspiegeln allerdings in keinster Weise die 90er Jahre.
Da musste schon jemand herhalten, der sich den Gewehrlauf in den Mund steckte. Das Foto kennen wir. "Where Did You Sleep Last Night?" von Leadbelly (1888 bis 1949) in der Version von Nirvana, personifiziert durch Kurt Cobain (1967 bis 1994), der auch tatsächlich den Abzug drückte, also jung starb und dadurch zur Kult-Figur wurde. In dieser Version jedenfalls ist die Eifersucht hörbar und das ganze restliche Leiden wie auch die Leidenschaft selbst des jungen Sängers. Vergleicht mal die Originalversion von Leadbelly, zu finden z.B. auf "Goodnight Irene" (1996), ferner die Version des jungen Bob Dylan (das leider nicht regulär am Markt zu finden ist) und ihr hört drei verschiedenartig interpretierte Lieder, obwohl die Instrumentierung jedes Mal so gut wie identisch ist.
Das klingt jetzt schon ziemlich wissenschaftlich und das hat seinen guten Grund, denn in den 90er Jahren wurde Musikgeschichtsaufbereitung ziemlich populär. Der Markt wurde und wird weiterhin noch mit CD-Boxen regelrecht überschwemmt. Die meisten stellen so eine Art "Best of..." mit zum Teil bis dato unveröffentlichten Studio- und/oder Live-Aufnahmen dar. Nicht alle sind gelungen (Roxy Music!), manche sehr. Ein Box-Highlight stellt Allen Ginsbergs "Holy Soul Jelly Roll -- Poems & Songs" dar, was nicht nur Literatur, sondern eben auch viel Musik bedeutet (siehe auch Teil 5 dieser Serie). Eigentlich eigenartig, dass unsere Schnelllebigkeitsgesellschaft CD-Boxen mit Monsterlängenspieldauer verträgt. Live-Konzerte passen da schon besser ins Bild -- der Moment, dabei zu sein, darüber zu reden, oder es (das Konzert) gleich wieder zu vergessen.
Ein Monsterprojekt, beginnend 1988, abgeschlossen 1992, realisierte einer, der dem improvisationsgepaarten Perfektionismus nahe stand und seit 1964 als Live-Künstler agierte: Frank Zappa. "You Can't Do That On Stage Anymore" (6 DoCDs) beziehungsweise "The Best Band You Never Heard In Your Life" (2 DoCDs) nennt sich diese beeindruckende Sammlung magischer Live-Momente, die so gut wie ohne Overdubs auskommt und keinerlei Chronologie einhält, sondern einzig Zappas Gedanke, ihn als ideen- und variantenreichen Live-Musiker in Erinnerung zu behalten. Das ist ihm gelungen, unberechenbar wie er war.
Bleiben
wir gleich bei denjenigen, die das Jahr 2000 nicht erlebten: Townes Van
Zandt, Jerry Garcia, Jeff Buckley, Rio Reiser, Doug Sahm, Allen Ginsberg,
Nusrat Fateh Ali Khan, Curtis Mayfield, Rick Danko, Mark Sandman, Fred
"Sonic" Smith, Sterling Morrison, um nur einige wenige aufzulisten.
Frage: Kann es den perfekten Song geben? Zweite Frage: Soll es einen perfekten Song geben? Wenn ja, und falls dieser zustande kommt -- dritte Frage: Was dann? 1991 prägte der US-Schriftsteller Douglas Coupland mit dem Roman "Generation X -- Tales for an Accelerated Culture" (Goldmann) den Begriff "Generation X". Waren deren Eltern noch von den Studentenbewegungen und dem Hippietum beeinflusst, sowie der Glaube vorhanden, dass (dadurch) der Weltfriede entstünde, sehen sich die Kinder, die "Generation X" eben, als Verlierer in einer ruinierten, trostlosen Welt voll Umweltzerstörungen und atomaren Bedrohungen. Unbefriedigende, noch dazu schlecht bezahlte Jobs treiben die ab 1960 Geborenen oftmals in eine Art innere Emigration. Dabei fiel 1989 die wohl symbolkräftigste Mauer. Die unsichtbaren blieben uns erhalten.
Wen wundert es also, dass Techno entstand, diese abstruse computergenerierte Tonerzeugung und Tonmanipulation, und zum fixen Bestandteil mehrtägiger Massenveranstaltungen wurde. Hektische, synthetische Beats, Textfragmente, gesampelte und geloopte Melodieversatzstücke als stets wiederholende Klangcollagen, dazu Ecstasy-Tabletten -- und schon haben wir einen weiteren Begriff: "Generation XTC", geprägt vom Autorenduo Friedhelm Böpple und Ralf Knüfer ("Generation XTC - Techno und Ekstase", Volk & Welt). DJs wie Sven Väth sind mittlerweile gefeierte Musiker -- Musiker, die ohne Akkorde auskommen und was sich vor 30 Jahren "Woodstock" nannte, heißt gegenwärtig "Love Parade". Der prägnanteste Unterschied: "Woodstock" blieb einmalig. "Love Parade" ist wie Weihnachten.
Die "Generation X(TC)" kümmert sich nicht um Politik, protestiert daher auch nicht. Protest -- im wesentlichen -- bleibt weiterhin der Folk-Szene vorbehalten. Folk-Music bedeutet nicht mehr ausschließlich Akustik-Gitarre und Gesang, sondern ein Gruppen-Gefüge, noch dazu "Eing'steckt" (wer weiß, vielleicht kam es dadurch auch zum "Ausg'steckt"-Hype, also "Unplugged", wie es üblicherweise heißt). Die Texte behandeln Kindesmissbrauch (Betty Elders "Crack In The Mirror"), Todesstrafe (Indigo Girls "Faye Tucker"), (Golf)-Krieg (Loudon Wainwright III "Bad Man"), Protest gegen das Cannabis-Verbot (Dar Williams "The Pointless, Yet Poignant, Crisis Of A Co-Ed") oder Zukunftsangst im allgemeinen (Exene Cervenka "The Future Is A War").
1988 wiederbelebte das Eiscreme-Hersteller-Duo Ben & Jerry nach mehr als 20 Jahren Pause das Newport Folk-Festival, schufen damit erneut eine Art Lobby für "politisch korrekte" MusikerInnen. Alternde Folkstars wie Tom Paxton und Janis Ian stehen mit jungen Independent-Folkies wie Sinead Lohan, The Burns Sisters und The Nields auf der Bühne. Nicht nur das Eis, auch das Flair in Newport ist unwiderstehlich. Ein Erlebnis sozusagen. Parallel dazu formierte sich aufgrund des Konzepts von Sarah McLachlan die Musikerinnen-Szene und zelebriert seit 1997 das Festival "Lilith Fair -- A Celebration Of Women". Musikalisch betrachtet sind keine Grenzen gesetzt. Einzige Bedingung: Frau sein. Der Reinerlös von "Lilith Fair" kommt Frauenorganisationen zugute.
Und überhaupt, die karitativen 90er Jahre: Zu Beginn des Jahrzehnts etablierte sich die feine CD-Serie "Red Hot AIDS Benefit Series", beginnend mit "Red Hot & Blue". Zahllose MusikerInnen aller Genres (von David Byrne bis George Michael, von Lisa Germano bis Lisa Stansfield, von Uncle Tupelo bis Soul Asylum) spendeten einen extra dafür eingespielten Song. Eingekleidet, je nach musikalischem Thema der CD. Diese Serie widerspiegelt meines Erachtens die 90er Jahre am perfektesten, musikalisch wie inhaltlich. Das eingespielte Geld wird in die AIDS-Forschung und die Betreuung AIDS-Kranker gesteckt.
Nun, das war's. Das heißt, fast. Was fehlt (neben den Platten-Tipps in der kommenden Woche), ist noch ein gut durchdrungener Schluss, ein Letzt-Wort oder ein Zitat wie "Don't sell your soul for a song/ Life's more than three minutes long..." oder "The party's over, and there's less and less to say/ I got new eyes/ Everything looks far away...". Hilfreich wäre auch ein zutreffender Blick in die Zukunft, aber den mag und vor allem kann ich nicht bieten. Den Blick auf die Vergangenheit hatten wir ja bereits zur Genüge. Bliebe noch die Gegenwart übrig. Und die hat jede/r selbst zu ertragen. Amen. [mh]
Penelope Houston "The Whole World" (Normal, 1993): Das ist jenes Album mit "Glad I'm A Girl", aber auch den Rest sollte man kennen.
The Saw Doctors "Same Oul' Town" (Shamtown, 1996): Ziemlich viel unplatter Irish-Rock. Straight. Einfach wunderbar.
Mike Scott "Bring 'Em All In" (Chrysalis, 1995): Ex-Waterboys in Hochform. Volle Lautstärke wird empfohlen.
Throwing Muses "University" (CAD, 1995): Kirstin Hersh bevor sie zur Solo-Künstlerin avancierte. Sperrig. Öffnet sich erst so nach und nach, aber dann ist das Vergnügen dafür umso größer.
Victoria Williams "Loose" (Mammoth, 1994): Sie hat nicht nur einen guten Ruf, sie verdient ihn sich auch. Nicht nur mit dieser Platte. Schönes Cover obendrein.
Various "The Real Music Box/25 Years of Rounder Records" (Rounder, 1995): Ein Jubiläum und wir durften mitstaunen, was da alles im Rounder-Köcher ist! Vier Doppel-CDs mit vier Themen: Bluegrass, Blues, Folk, Louisiana-Music. Als Bonus eine Mix-CD. Wunderbare Photos. Die Highlights wollen und wollen bei dieser Compilation-Box einfach kein Ende finden. Bösartige Zungen behaupten, weil darauf nix aus den 90ern ist...
Various "Honor: A Benefit For The Honor Of The Earth Campaign" (Daemon, 1996): Exene Cervenkas schreierfülltes "The Future Is A War" ist nur ein Höhepunkt unter vielen. Der vermutlich beste Bruce Cockburn-Song ("Wise User") ist auch drauf.
Moxy Fruevous "Bargainville" (Atlantic, 1993) und "B" (Warner, 1996): Moxy, wie, wer, was? Eine kanadische Gruppe mit Harmoniegesang und ziemlich vielen Stilbrüchen aller Art. Live schlichtweg grandios. Harmoniegesang, Rap, Alternativ-Rock. Also von Beach Boys bis Beastie Boys und retour zu Nirvana. Alles in ihrer eigenen urtümlichen Art. Violent Femmes lassen grüßen.
Zita Swoon "I Paint Pictures On A Wedding Dress" (Warner): Verrückt und unberechenbar wie die 90er. Da ist ziemlich viel drinnen.
Sophie Zelmani "Sophie Zelmani" (Sony, 1995): Das Debüt war quasi makellos. Zwar nicht sehr kantig, dafür aber einfach schöne Folk-Music.
Ana Egge "River Under The Road" (Lazy S.O.B., 1997): Ebenfalls ein Debüt. Die Texanerin macht so richtig texanische Musik mit echt texanischer Gitarre und urtexanischem Gesang. Unwiderstehlich. Quasi ein Naturereignis.
Various "Songs Of The Civil War" (Sony, 1991): Darauf befinden sich Lieder aus dem Sezessionskrieg, neu eingespielt von u.a. Kate & Anna McGarrigle, deren Version von "Hard Times" zweifellos zu den besten gehört. Schon alleine deswegen Pflicht.
Eddi Bo "Shoot From The Root" (Soulciety, 1996): SwampFunk, oder so ähnlich. Jedenfalls ziemlich groovy. Macht verdammt viel Spaß.
The Burns Sisters "Songs Of The Heart" (BMI, 1992): Vier Schwestern zwischen Folk, Country und irischen Elementen. Sehr sympathisch. "Dance Upon The Earth" eine echte Herzeigenummer.
Betty Elders "Crayons" (Flying Fish, 1995): "Crack In The Mirror" alleine ist schon ziemlich viel (Geld) wert. Die Sängerin tourte mit Joan Baez und ist trotzdem gut.
Galaxie 500 "Copenhagen" (Rykodisc, 1997): Atmosphärisch dicht, viel Gitarrenlärm. War dem (Nach)hören nach ein gutes Konzert.
Lisa Mednick "Artifacts Of Love" (Blue Rose, 1996): Eine Sängerin und Songwriterin, die mehr Aufmerksamkeit verdiente, als ihr zuteil wird.
Aber so waren eben die 90er.
Beth Orton "Trailer Park" (Heavenly, 1996): Siehe Lisa Mednick. Wobei Orton sich erst nach mehrmaligem Hören entfaltet und mit der Zeit gewinnt/reift. Eine Platte für einen ganzen Tag.
Small Potatoes "Time Flies" (Folk Era, 1995): Das Duo Jacquie Manning und Rick Prezioso, also, wer sie kennt, aber das, leider, werden vermutlich nicht allzu viele sein. "Big Ol' Prairie Moon" ist eigentlich ein Song, der zeitlos genannt werden kann. Das schärfste American Yodeling in den 90ern. Dazu die Melodie, der Gesang, das Gitarrenspiel... Genug des Lobes. Anhören. Country & Folk kann wirklich gut sein.
Lesley Schatz "Banjo Pickin' Girl" (Bear Family, 1993): Eine Schatztruhe voll Erinnerungen an diese alten Songs, die bekannt waren, als es noch kein Grammophon, geschweige denn einen CD-Player, gab.
Setona "Tariq Sudan" (BMG, 1997): Der Titel sagt schon viel und lässt es ahnen. Hier handelt es sich um so-called World-Music. Aber mal ehrlich: World-Music, das ist doch ein dämlicher Begriff.
Willie Schwarz "Live For The Moment" (Clearspot, 1999): Siehe Setona. Des Sängers Vielfalt ist die Grandiosität der Welt.
The Klezmatics "Rhythm + Jews" (Piranha, 1990): Knitting Factory meets The Stetl. Heraus konnte eigentlich nur Wunderbares kommen, was auch der Fall war.
Sinead Lohan "Who Do You Think I Am" (Grapevine, 1995): Ein irisches Debüt, das eigentlich so gar nicht nach Irland klingt, dafür ziemlich unverschämt zwischen leisen Alternativ-Rock-Klängen und lauten Rickie Lee Jones-Elementen herumschwirrt.
Tim O'Brien "Red On Blonde" (SugarHill, 1996): Ein Bluegrass-Album vollgepackt mit Bob Dylan-Songs.
Gary Floyd Band "World Of Trouble" (Glitterhouse, 1995): On the 8th day Lord created the voice... Eines der besten Blues-Alben!
Richard Thompson & Danny Thompson "Industry" (Rykodisc, 1997): Die zwei sind nicht verwandt, bitteschön, damit das ein für allemal klar ist! Das Album selbst bereitet thematisch die industrielle Revolution auf. Ein herrlicher Protest-Song ("Sweetheart's On The Barricade") neben vielen jazzbeeinflussten Folk-Songs, oder umgekehrt, wie man's grad hört.
Wagon "Anniversary" (Glitterhouse, 1997): Landmusik aus den Staaten, wie sie besser nicht passieren konnte. Feinfühlig, intim, melodiös und gute bis seltsame Texte.
Kate & Anna McGarrigle "Matapedia" (Rykodisc, 1996): Besser kein Kommentar, sonst komme ich wieder zu sehr ins Schwärmen.
Maria McKee "You Gotta Sin To Get Saved (Geffen, 1993): Die weibliche Version von Van Morrison. Nur halt jünger.
Van Morrison "Hymns To The Silence" (1991), "Enlightenment" (1990), "The Healing Game" (1997), "Philosopher's Stone" (1998, alle Polydor): Klar, der musste ja jetzt kommen. Die sind quasi das Pflichtprogramm in Sachen VM-Musik der 90er. Der Rest kann dafür verschwiegen werden.
Nine Inch Nails "The Fragile Nothing Halo Fourteen" (Interscope, 1999): Ziemlich einflussreich, diese Band. Im Gegensatz zu Loudon Wainwright III "Social Studies" (Rykodisc, 1999): den, nämlich, kennen noch immer viel zu wenige.
Elvis Costello & The Brodsky Quartet "The Juliet Letters" (Warner, 1992): Wäre nicht Costellos (Sprech)-Gesang, würden die Briefe in der Klassik-Abteilung verkauft werden, aber so ist's halt doch "Rock". Crazy.
Neil
Young & Crazy Horse "Sleeps With Angels" (Reprise, 1994): Eines der
vielen vielen sehr sehr guten Young-Alben. "Change Your Mind" alleine ist
es schon wert oder "Western Hero" oder "A Dream That Can Last". Hat mehr
Gutes auf einer Platte als so manche im ganzen Leben.
Bob Dylan "World Gone Wrong" (Sony, 1993) und "Time Out Of Mind" (Sony, 1997): Wie man sich auch dreht und windet - da ist "er" und dann lange, sehr lange, nix.
Rio Reiser "Himmel & Hölle" (Sony, 1995): Was Dylan für die Welt, war Reiser für deutschsprachige Musik. Himmel & Hölle sein Vermächtnis zu Lebzeiten. Gleichzeitig auch wirklich sein Höhepunkt an künstlerischer Kreativität und Vielfalt.
Das war's noch lange nicht -- es fehlen z.B. Lambchop ("Thriller", "Nixon"), Eels ("Beautiful Freak"), Neville Brothers ("Brother's Keeper"), Jeff Buckley ("Sketches For My Sweetheart The Drunk"), Calexico ("Spoke"), Freakwater ("Old Paint"), Michelle Shocked ("Kind Hearted Woman"), Beausoleil ("Cajun Conja"), Warren Zevon ("Life'll Kill Ya"), Billy Bragg & Wilco ("Mermaid Avenue"), Wilco ("A.M.", "Being There"), Emmylou Harris ("Wrecking Ball"), Townes Van Zandt ("Highway Kind"), The Walkabouts ("Satisfied Mind", "Trail Of Stars"), Frank Zappa ("You Can't Do That On Stage Anymore, Vol. 1-6"), John Hiatt ("Walk On", "Little Head"), Robyn Hitchcock ("The Kershaw Sessions"), Ramblin' Jack Elliott ("Friends Of Mine"), Willy DeVille ("Loup Garou"), David Byrne ("David Byrne", "Feelings"), Blur ("13"), Morphine ("Like Swimming"), Randy Newman ("Bad Love"), Gillian Welch ("Revival", "Hell Among The Yearlings"), Nirvana ("Nevermind"), Liz Phair ("Whitechocolatespaceegg"), Steve Seskin ("To Be Who I Am"), Soraya ("On Nights Like This"), Dar Williams ("End Of The Summer"), "Ben & Jerry's Newport Folk Festival '88 Live" (Vol. 1 + 2), Lucinda Williams ("Sweet Old World"), The Flaming Lips ("The Soft Bulletin"), "Red Hot AIDS Awareness Charity" (CD-Serie)...
Nun spart mal schön und viel Spass beim Hören!
P.S.: Love & peace. Ihr wisst, wer ihr seid. [mh]
[(c) 1999-2000 Manfred Horak. Alle Rechte vorbehalten. Erschienen
bei "Der Schallplattenmann sagt" #189 & #190. (http://www.schallplattenmann.de/suchen.shtml?q=es+war+einmal)]
Achim
Arbeite, als wenn Du das Geld nicht brauchst.
Liebe, als wurdest Du niemals verletzt.
Tanze, als würde niemand zusehen.
Volker Banken
Der Schallplattenmann sagt #203, 2.7.2000
**Aimee
Mann: "Bachelor No. 2"** @@@@@ (Electric-Folk mit ziemlich klugen Texten,
Eigenvertrieb)
Die blondblonde Musikerin ist mit dem Filmsoundtrack zu "Magnolia" dieses Jahr verdientermaßen wieder in die Schlagzeilen der Musikpresse gekommen. Aber das muss ein ziemlich harter Weg gewesen sein: Nach ersten Solo-Erfolgen (ihre Band hieß 'Til Tuesday) namens "Whatever" (1993) und "I'm With Stupid" (1995) gab's Ärger mit der Plattenfirma. Sie verweigerte sich den geforderten glattgebügelten Produktionen, dem Erfolgszwang nach dem Muster: Album, Tour, Album, Tour... Schließlich kaufte sie die Rechte an "Bachelor No. 2" von Geffen zurück und baute einen eigenen Vertrieb über ihre Internet-Site <www.aimeemann.com> auf.
An den Texten hat ein männlicher Hörer zu knacken: Da schreibt eine sehr selbstbewusste Frau, die durch alle Arten von Beziehungshöllen gegangen ist und der Männerwelt erbarmungslos den Spiegel vorhält.
Beziehungsschmerz, in phantastisch treffende Statements geronnen. Die Musik kommt in passend harmloser Weise daher, ihre Folk-Wurzeln nie verleugnend, mit scheinbar glatt-harmonisierendem Background-Gesang.
Der Haken trifft dich von hinten, knapp und gezielt. Grandios. Und eigentlich gar nicht so verschieden von ihren früheren Alben.
Dass Filmemacher Paul Thomas Anderson von Manns Songs zum Film "Magnolia" inspiriert wurde, liegt auf der Hand. Einige Songs von "Bachelor No. 2" finden sich denn auch auf dem Soundtrack wieder. Die Geschichte dazu kann man im Vorwort jener Platte nachlesen. [www]
**Odetta:
"Living With The Blues"** @@@@@ (Vanguard)
Diese überaus gelungene Zusammenstellung vereint 20 teilweise unveröffentlichte Blues-Aufnahmen, die die große Folksängerin während der 60er Jahre für das Vanguard-Label machte. Auch wenn sie eher den Kreisen um Oberfolkie Pete Seeger zugerechnet wurde, so beweisen diese Aufnahmen doch, dass sie eine Bluessängerin war (und immer noch ist), der ein Ehrenplatz neben Bessie Smith, Ma Rainey und Sippie Wallace gebührt. Ob in kleiner Band-Besetzung oder nur begleitet von dem genialen Bassisten Bill Lee: Odetta erfüllt jeden Song mit einer unglaublichen Kraft und Intensität. Kein Kreischen, kein Stöhnen, kein Gekiekse, keine überflüssige Phrasierung -- nur diese seltsam getragene Stimme, die jeden Nerv durchdringt. Odetta ist ein wirksames Gegenmittel für eine heute weit verbreitete Krankheit namens "Oversouling". Allein ihre A-capella-Version von "Another Man Done Gone", einem Song, der bis in die Sklavenzeit zurückreicht und später als "Baby Please Don't Go" zu Weltruhm gelangte, lohnt den Kauf dieses Albums. Nur die Stimme einer Frau, begleitet vom eigenen Händeklatschen und ein Konzertsaal, der kollektiv die Luft anhält -- kaum zu überbieten! [pg]
**B.B. King & Eric Clapton: "Riding With The King"** @@@@@ (Zwei Großmeister spielen zusammen Blues -- was will man mehr?, Warner)
Eigentlich wollte ich diese Kritik als eingefleischter B.B. King-Fan gar nicht schreiben. Objektiv bin ich sowieso nicht und hätte auch gar keine Lust, irgendwas an der Scheibe schlecht zu finden. Aber schon als ich mich das erste Mal mit den beiden auf große Fahrt begab, erinnerte ich mich sofort an die seligen Momente, als B.B. Kings "Blues On The Bayou" oder Claptons "From The Cradle" jene wohlige Wärme im Körper verbreiteten, die man sonst eher mit anderen Genussmitteln hinkriegt. Ein Traum! Klar, neu ist da nichts. Aber warum auch? Die Herren sind alte Bekannte, die Songs größtenteils auch. Und der Titel "Riding With The King" ist genial gewählt! Wie schon auf dem Cover sitzt B.B. im Fond eines schon etwas angejahrten, aber bestens erhaltenen Cabrios, als Chauffeur "Kollege" Clapton am Steuer. Und beide haben offensichtlich großen Spaß. B.B. ist "der Chef", es geht musikalisch in seine Richtung. Und doch: Am Steuer sitzt E.C., er bestimmt die Fahrweise. Das Vehikel ist nicht mehr das neueste, steht aber besser da als je zuvor.
Also: Ein absolutes Sahnestück für Kenner, voller herrlicher Momente, Erinnerungen und feinster Gitarren- und Gesangsarbeit. Aber auch der weniger fanatische Hörer wird sicher einen Riesenspaß damit haben. [Michael Köbl]
Der Schallplattenmann sagt #205, 17.7.2000
**Joseph Kosma: "Chansons"** @@@@@ (Das Chansonwerk des Komponisten von "Autumn Leaves", eine Entdeckung!, Decca)
Zugegeben, es hat mir bislang ausgereicht zu wissen, dass "Les Feuilles Mortes", oder (wie es alle Jazzmusiker kennen) "Autumn Leaves" von Jacques Prevert getextet und von Joseph Kosma mit Musik versehen, eines der großen Chansons des Jahrhunderts ist. Und dann blättert sich in dem ausführlichen Booklet dieser CD die Lebensgeschichte eines Europäers auf, der ein typisches Künstler-Schicksal in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchlebte. Geboren in Budapest, Jude, musikbesessen, Stipendium in Berlin, Theaterszene, Bauhaus, Brecht-Eisler-Weigel, 1933 Emigration nach Paris ohne Sprachkenntnisse, die Begegnung mit Prevert, Jean Renoir, Filmmusiken, Kompositionsverbot, Resistance -- und nach dem Krieg endlich die Anerkennung, der Erfolg als Komponist.
"Chansons" klingt sehr nach Kammermusik. Und deswegen werden Jazzer, die von "Autumn Leaves" eher blue notes und Swing erwarten, vielleicht zu viel steifen Frack und plüschigen Konzertsaal hören -- aber wenn man die Melodien und die ballett-taugliche Klavierbegleitung auf sich wirken lässt, dazu die Poesie und die Klangschönheit der meist französischen Chansontexte von Sartre bis Tristan Tzara, fällt es schwer, sich der Faszination dieser Musik zu entziehen. (Erschienen in der Reihe "Entartete Musik" bei Decca/Deutsche Grammophon.) [www]
Der Schallplattenmann sagt #208, 7.8.2000
**John Martyn: "Glasgow Walker"** @@@@@ (Singer/Songwriter -- Time may break your heart... diese Songs mit Sicherheit!, Independiente)
Nicht nur Warren Zevon scheint die so-called Hölle überstanden zu haben, auch John Martyn. Wer ihn noch kennt -- "London Conversation" (1968), sowie das unsägliche "Glorious Fool" aus 1981 (mit Phil Collins und Eric Clapton -- vielleicht deshalb unsäglich?) seien als Erinnerungsstütze angeführt. Und jetzt also "Glasgow Walker".
Eindeutig ein Höhepunkt seines Schaffens. Die Stimme verliert sich im Selbstzweifel und in Bestärkung seiner Gefühle. Liebe bzw. was daraus werden kann als Zentrum der zehn Songs. Die Arrangements sind atmosphärisch verdichtet. Dunkel. Spröde. Rau. Die Refrains (wie in "Feel So Good" oder "The Field Of Play") hingegen durchbrechen den Schatten. Lichtwerdung. "Glasgow Walker" erinnert in manchen Phasen an den frühen Michael Franks und im grandiosen Abschlusstrack "You Don't Know What Love Is" an Chet Baker. Soul, viel Soul steckt in den Songs, in der Stimme. "Cool In This Life" bietet die gelungene Verhärtung von Soul, also Funk. Mit "Feel So Good" könnte (sollte!) John Martyn sogar der Einzug in die Charts gelingen, das wäre nur gerecht und in den Charts gäbe es wieder mal einen guten Song. Soviel jedenfalls ist jetzt bereits sicher: "Glasgow Walker" stellt neben Zevons "Life'll Kill Ya" ein Highlight des Musikjahres 2000 dar. Welcome back, Mr. Martyn! [mh]
**Black
Box Recorder: "The Facts Of Life"** @@@@@ (XXXL-Pop -- vielleicht ein Jahrhundertalbum,
perfekt und wunderwunderschön, Nude)
Black Box Recorder sind Sarah Nixey (vocals), John Moore (instruments) und Luke Haines (instruments). Bereits 1998 brillierten die drei mit einem herausragenden Album. "England Made Me" hieß es und gut zwei Jahre später gibt's Nachschub: "The Facts Of Life". Elf neue Stücke, alle perfekt und von schier unfassbarer Schönheit. Melodien zum Verlieben, Erwachsenwerden oder einfach Dahinschmelzen. Feinster britischer Humor in den Texten, hinein bis in die Songtitel ("The English Motorway System Is Beautiful And Strange"). Freude, Verblüffung und ein Wolke-7-Feeling, dem es ernsthaft nichts entgegenzusetzen gibt. Musik und Sängerin lassen sämtliche Armhaare kribbeln, das Hirn beamt sich in den Bauch und vermutlich beginnt gleich die Schwebephase. Zusammen mit Belle And Sebastian machen BBR wohl derzeit die intelligenteste Popmusik im königlichen Inselstaat. Eines der ganz großen Alben der letzten Zeit. Leider bisher nur als England-Import zu haben -- aber, versprochen, es lohnt! [gw]
**Judy
Garland: "Judy Duets / Judy At The Palace"** @@@@@ (Altes Entertainment
in großer Form, Eagle)
1950, während der Dreharbeiten zur Filmversion von "Annie Get Your Gun" trennten sich MGM und Judy Garland in "beiderseitigem Einverständnis". Auslöser dieser Trennung waren die anhaltenden "gesundheitlichen Probleme" des Stars. Nach einer einzigartigen Karriere schien eine der ganz großen Entertainerinnen am Ende. Doch 1951 brach Judy Garland mit einer über 21 Wochen laufenden Show im Palace Theatre alle Rekorde und Erwartungen. Die "Closing Night" vom 24.2.1952 wurde für private Zwecke mitgeschnitten und liegen jetzt erstmalig und digital remastered auf CD vor. Ergänzt wird diese Doppel-CD durch eine ganze Reihe von Duetten, die Judy Garland im Laufe ihrer Karriere eingespielt hat und die anlässlich ihres 75. Geburtstages (1997) in dieser Form zusammengestellt wurden (u.a. mit Count Basie, Barbra Streisand, Peggy Lee und Liza Minnelli, ihrer Tochter). "I was born in a trunk. I was raised in a vaudeville family. We had lunch for breakfast, dinner for lunch and a show for dinner. I was born to entertain." sagte Garland einmal. Gerade diese Konzerte im Palace Theatre waren Entertainment in absoluter Perfektion! [pb]
**Chet
Baker: "Chet Baker In Paris -- A Selection From The Legendary Barclay Sessions
1955 & 1956"** @@@@@ (Cool-Jazz -- The man of constant sorrow, Emarcy/Universal)
Er war der Magier der Gefühle und sah aus wie eine Mischung aus jungem Jean-Paul Belmondo und James Dean. Wenn sein Körper es zuließ, pflegte er sich die Seele aus dem Leib zu trompeten. Chet Baker war gerade mal Mitte 20, als diese legendär gewordenen Barclay-Aufnahmen zwischen 1955 und 1956 in Paris entstanden. Die 14 jetzt als 20-bit digital remasterten Stücke (u.a. "Alone Together", "Tenderly", "Summertime", "These Foolish Things") auf "Chet Baker In Paris" entstammen mit einer Ausnahme alle den Alben "Chet Baker Quartet", "Chet Baker And His Orchestra With Bobby Jaspar" und der EP "Chet Baker". Kein Gesang (außer im letzten Track), dafür coole Melodien, schön wie ein Film mit Bogart und Lauren(e) Bacall. Das Booklet, mit wundervoll braunstichigen Fotos von Chet Baker und dem Paris Mitte der 50er Jahre, ein Genuss! [gw]
Der Schallplattenmann sagt #209, 14.8.2000
**The Flower Kings: "Space Revolver"** @@@@@ (Feinster Prog aus Schweden mit neuen Ideen, InsideOut/ Foxtrot)
Oh ja, die Flower Kings haben ein neues Studio- Album und höret da, ihr Ungläubigen, es ist exzellent, phantastisch, wirklich wundervoll. The Flower Kings formieren sich immer mehr zu einem Kollektiv gleichberechtigter Künstler und das tut der Musik hörbar gut. Zu den gewohnten Zutaten des Bandleaders Roine Stolt (der auch für Transatlantic in die Saiten und zum Mikro greift), kommen nun auch immer mehr die musikalischen Ideen des klassisch ausgebildeten Keyboarders Tomas Bodin. Der neue Sound auf "Space Revolver" ist bestimmt nicht zuletzt Verdienst des neuen Bassisten Jonas Reingold. Seine fetten jazzy und funky Sounds sind verwegener, als alles zuvor bei den Kings dargebotene und es ist unüberhörbar, dass die gesamte Rhythmus-Sektion davon profitiert.
Besser als auf allen anderen Alben gelingt hier Integration von Band-typischen Tracks, wie etwa die Hymne "A Kings Prayer", improvisierten Powerstücken wie "Rumble Fish Twist" und radiotauglichen Songs wie "You Don't Know What You've Got". Die Bandbreite bedeutet jedoch keinen Bruch im Album, im Gegenteil, es wirkt homogen, eben aus einem Guss.
"Space Revolver" untermauert nach dem exquisitem Live-Album "Alive On Planet Earth" die herausragende Stellung der Blumenkönige und katapultiert sich auf jeden Fall in die Liste der besten Neuerscheinungen des Jahres 2000. Dieses Album hat wirklich das Zeug zum Klassiker. [sal]
**Simentera: "Cabo Verde En Serenata"** @@@@@ (Folk-Roots aus Kap Verde, Piranha)
Um es gleich vorwegzunehmen: Vermutlich wird es im Jahr 2000 kein anderes Album geben, das an "Cabo Verde En Serenata" herankommen wird. Eine gewagte Prognose, I know. Aber: ihr erinnert euch sicher noch an "Buena Vista Social Club" (1997), die Eine und der Andere vielleicht auch noch an die "Gabby Pahinui Hawaiian Band" (Vol. 1, 1975). Beides übrigens Kollaborationen mit Ry Cooder. Nun, hier fehlt Ry Cooder, und doch auch wieder nicht. Die Leichtigkeit und Schönheit, das ausnahmslos sympathische, feurige, herzliche, schwebende, insulane ist auch hier zu finden (Kap Verde übrigens ist eine Insel-Gruppe vor West-Afrika mit insgesamt 62.000 Bewohnern). Mit jedem Mal mehr Hören entwickeln die 15 Songs ein Suchtgefühl -- die Sucht nach nochmaligem Hören, immer und immer wieder. Kein Lied, das gesondert hervorzuheben ist, weder ein ausnahmslos fröhliches "Strassenlied" noch ein melancholisch-anmutendes "Immigrantenlied". Die gefühlvollen Arrangements und die schönsten Gesänge seit oben erwähnten Kubanern und Hawaiianern gehen mitten ins Herz und bleiben tief drin stecken.
"Cabo Verde En Serenata" bedeutet viel Percussion, Djembe, Conga, akustische Gitarre, Ukelele, diverse Saxophone, Akkordeon und eben mehrstimmige Gesangsattraktionen. Live war Simentera am 5. Juli 2000 -- dem Unabhängigkeitstag von Kap Verde -- in der übervollen Szene Wien zu sehen und zu hören. Auf der Bühne verzauberten sie das Publikum ebenso wie sie es auf dem Tonträger zustande bringen. Selten und vor allem schon lange nicht mehr konnte mich konservierte Musik mehr beeindrucken. Musik fern von jedem Zeitgefühl. Und: Wann wird das Rating nach oben erweitert? [mh]
**Nick
Drake remastered!****Nick Drake: "Five Leaves Left"**; "Bryter Layter"**
(beide 1970); "Pink Moon"** (1972, Island) alle @@@@@
Zeit seines nur allzu kurzen Lebens blieb dem musikalischen Verwandten John Martyns der von Kritikern prophezeite Erfolg versagt; erst die jüngere Singer/Songwriter-Riege, von Belle & Sebastian bis Beth Orton, will nicht müde werden, immer wieder auf den prägenden Einfluss Nick Drakes zu verweisen. Die unter der Ägide des Produzenten Joe Boyd und u.a. mit Unterstützung von Fairport Convention-Musikern, John Cale, Danny Thompson (u.a. Pentangle) bzw. solo ("Pink Moon") eingespielten, drei Studio-Alben des sensiblen wie eigenwilligen Folk-Poeten sind seit kurzem als klanglich aufpolierte 24-Bit-HDCDs mit allen Songtexten zu haben -- und warten förmlich darauf, nicht nur von der Party-hoppenden Golf-Cabrio-Generation (wieder-)entdeckt zu werden! ;-) PS: Alle drei Alben sind bereits seit einer Weile auch als 180g-Premium-Vinyl-Pressungen wieder erhältlich. [bs]
Der Schallplattenmann sagt #210, 21.8.2000
**Johnny Cash: "Love God Murder"** @@@@@ (American music: The greatest cowboy of them all -- 3CD, Columbia/American/Legacy)
The real M.I.B. kehrt mit einer makellosen Triple-Box fulminant in die CD-Regale des Jahres 2000 zurück: Gospel, Folk und Country mit sonorer Stimme und poetischem Zorn als retrospektive Werkschau. Johnny Cash, weit mehr als nur der Duke der amerikanischen Folk- und Countrymusik, hat hier 48 Stücke seiner Art von Basement Blues (als Fortführung der "Anthology Of American Folk-Music") ausgewählt: "Love" -- 16 Songs über Liebe, rings of fire and the language of love ("Those songs are played everywhere with no kisses to seal the words"), "God" -- eine Sammlung von Gospels und Spirituals ("At times I'm a voice crying in the wilderness, but at times I know what I'm singing about"), "Murder" -- ein Themenpaket über Räuber, Lügner und Mörder zum Zuhören und Mitsingen ("Don't go out and do it").
Die Liner Notes stammen von Mr. Cash, Quentin Tarantino, June Carter Cash und (ähem) Paul Hewson alias Bono. Drei erstklassige, thematisch eigenständige Kompilationen von der Stimme Amerikas, die auch als Digipacks einzeln zu haben sind. [gw]
Der Schallplattenmann sagt #211, 28.8.2000
**Oregon:
"Oregon In Moscow"** @@@@@ (Intuition)
Jeder hat Vivaldi oder Mozart zuhause. Dies gehört auch dazu! Das Ding ist ein Knüller! Schwelgerisch, rauschend, romantisch, verletzlich, jubilierend, liebkosend und tränend schallt die Musik um mich her. Was die drei klassisch ausgebildeten Jazzer von Oregon, die seit genau 30 Jahren mit ihrem prägenden Mix aus Jazz, Weltmusik und klassischer Musik des 20. Jahrhunderts begeistern, hier angestellt haben, setzt ihren berauschenden Alben die Krone auf.
Die virtuosen Oregons (Ralph Towner - klassische Gitarren, Flügel; Paul McCandless - Oboe, Sopran-Saxophon, Klarinette; Glen Moore - Kontrabass) haben sich Steve Rodby, Bassist von Pat Metheny, als Produzenten geholt, jetteten nach Moskau und spielten im Juni 1999 mit dem Moskauer Tchaikowsy Symphony Orchestra eigene Kompositionen ein.
Auf zwei CDs hören wir 15 Eigenkompositionen der Oregons, die sie selbst für Orchester arrangiert haben. Die Stücke sind nicht neu, sondern aus 30 Jahren Repertoire ausgewählt. Das berühmte "Beneath An Evening Sky" ist dabei, auch das mitreißende "Waterwheel", das zarte "Zephyr" und "Icarus", eine der tollsten Kompositionen Ralph Towners.
Ein mitreißenderes Statement zur Verquickung der ernsten Musik
(wir hören Einflüsse Rodrigos, Ravels und Shostakovichs) mit
Jazz und Ethno-Elementen habe ich nie gehört. Glückwunsch an
die Plattenfirma, die dies kostspielige Projekt aus eigenem Antrieb gefördert
hat! Fazit: Gehört in jeden Plattenschrank! [vw]
[(c) 2000 Erschienen bei "Der Schallplattenmann sagt". Alle Rechte
vorbehalten. (http://www.schallplattenmann.de)]
Achim
Wir
(Clemens, Julia, Nathalie, ich) sind auf einer Fähre an Deck, Überfahrt.
RoLi
Wir haben die Kirche gern gemieden
Und den ADAC
Und selbst in 'ner Gewerkschaft
Waren wir bisher noch nie
Einen richtigen Beruf
Haben wir leider nie gelernt
Und wie man einen Diener macht
Weiß von uns keiner mehr
Und wir leben und wir leben immer noch
Ja wir leben und es geht uns gut
Wir haben schon öfters Gras geraucht
Und wissen was Koks ist
Und daß es außer Champignons
Noch andere Pilze gibt
Wir lagen schon bedröhnt
Auf der Fahrbahn in der Nacht
Um die Sterne mal zu zähl'n
über unserer schönen Stadt
Und wir leben und wir leben immer noch
Und auf dem Weg nach unten genießen wir jeden Tag
Und wir leben und wir leben immer noch
Ja wir leben und es geht uns gut
Wir hatten Sex schon ohne Gummi
Und Schweinefleisch vom Rind
Haben die FAZ gelesen
Und einmal auch die BILD
Hundertmal schon totgesagt
Manchmal ernsthaft krank
Nie mehr gestorben
Dafür sei dem Himmel Dank
Und wir leben und wir leben immer noch
Und auf dem Weg nach unten genießen wir jeden Tag
Ja wir leben
Und auf dem Weg nach unten genießen wir jeden Tag
Eckart
wie am Tropf
Wenn ich mich belüg
mich mit ihm um mich betrüg
wenn ich mich vor ihm nur grusel
& mein Kopf dreht sich vor Dusel
und mir schaudert & mir graust
ich bin bei ihm unbehaust
warum tu ich mir das an
was will ich von diesem Mann
der mir gar nichts bieten kann?
Gar nichts was mich fröhlich macht
auch nichts was vor Freude lacht
nichts was mich erheitert
nichts was mich erweitert.
Sorgenschwer dreh ich mich um
stumpf wird ich bei ihm & krumm
dreh mich dauernd nur im Kreis
weiß nichts was ich sonst doch weiß.
Eingeschüchtert steh ich da
kann nicht fern sein & nicht nah
häng wohl sehr an meinem Leiden
und kann so die Freuden meiden
aber es macht keinen Spaß
Freundchen darum laß ich das!
Mag mich länger nicht mehr quälen
möchte mich aus dem Kummer schälen
werde wieder Faxen machen
und am Ende drüber lachen
wie ich einst bescheuert war
& ein echter Leidensnarr.
Pina Sommergrün
30.10.00
PINA SOMMERGRÜN
22.11.00
"40 Lovesongs
wären albern. 69 dagegen sind grandios." Wer möchte Stephin Merritt
widersprechen? Ein ganzes Jahr hat der exzentrische Musiker und Songwriter
mit der markanten Bariton-Stimme der Legende nach in einem heimeligen New
Yorker Café verbracht und von früh bis spät Songs geschrieben
für das bisher ehrgeizigste Unternehmen seines Bandprojektes Magnetic
Fields; herausgekommen ist eine Dreifach-CD mit 69 Liedern über die
Liebe, eingespielt von Merritt, seinen Kumpanen (dem Cellisten Sam Davol,
dem Gitarristen John Woo und Claudia Gonson an Keyboards und Drums) sowie
diversen Gastmusikern und SängerInnen.
69 wirkliche liebeslieder
ein wunder, dass solche musik heute noch möglich ist! 69 wunderbare
lieder - jedem im glück oder melancholie gewidmet zum mitsingen wie
mitweinen..... stephin merrit sei dank nur anhören und träumen
wweberstre@aol.com
Achim
Die Liebe stirbt nie einen natürlichen
Tod. Sie stirbt, weil wir das Versiegen ihrer Quelle nicht aufhalten, sie
stirbt an Blindheit und Mißverständnissen und Verrat. Sie stirbt
an Krankheiten und Wunden, sie stirbt an Müdigkeit. Sie siecht dahin,
sie wird gebrechlich, aber sie stirbt nie einen natürlichen Tod. Jeder
Liebende könnte des Mordes an seiner eigenen Liebe bezichtigt werden.
Anais Nin
Vor Langem und in weiter Ferne,
In einer anderen Zeit,
Damals war ich ein schweigsamer junger Kerl
Versteinerte Bilder von meinem einstigen Leben illustrieren,
Welch einfache Beute ich gewesen sein mußte
Ich stand nur in der Sonne,
Ihr schwachsinnigen Gelehrten,
Gleich einem Monument
Ich bin ein Dinosaurier, jemand gräbt meine Gebeine aus
Ignoranz war stets etwas, das mich auszeichnete
Gefolgt von Naivität und Stolz
Man braucht keinen Wissenschaftler, um zu sehen
Daß jeder clevere Räuber ein Stück von mir schnappen
konnte
Ich stand nur in der Sonne,
Ihr schwachsinnigen Gelehrten,
Gleich einem Monument
Ich bin ein Dinosaurier, jemand gräbt meine Gebeine aus
Wenn ich auf die Vergangenheit blicke,
So ist es ein Wunder,
Daß ich noch nicht ausgestorben bin
Alle meine Fehler und Fehlurteile
Haben mich fast an den Abgrund gebracht
Eines habe ich dazugelernt,
Es bringt nichts ein, zu nett zu sein
Unbeweglich lag ich in meinem fossilem Bett
Doch jetzt drehe und wälze ich mich herum
Ich bin ein Dinosaurier, jemand gräbt meine Gebeine aus
LOver 30 erscheint ca. am 26.3.1 - Redaktionsschluß ist der 18.3.1.
Beiträge, Reaktionen, Bilder, Proteste, Richtig- oder Unterstellungen - mailto:Leopold.Lapsus@gmx.net.