OVER Nr. 29


LOVER Nr. 29

(erschien 12/2000)

Auszüge:

[Ditorial] - [Reactor] - [CoverDreispitz] - [Briefe] - [Monika's Große Chance] - [Traum?] - [Information] - [Zügellose...] - [Solange] - [Worte] - [Karls Schmerz] - [Leserbrief] - [CoverVersionen] - [Es war einmal... Teil 6] - [Revolution] - [Paradies] - [5 Affenschwänze] - [Ein Traum] - [Wir leben] - [Elend] - [Abhang] - [Neunundsechzig] - [Dinosaurier] - [Danke]

LOver 29

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Dirk ist drin. Nicht nur drauf, auf seinem Covervorschlag für den LOver 30. Drin ist er selbstverständlich auch in diesem LOver; aber eben seit kurzem auch drin, im Netz der Netz. Dort ist ja bekanntlich 99,9 % Mist ohne jeden Nährwert. Die LAPSUS-Seiten gehören dabei natürlich klar zur Minderheit. ? Als Indiz für solch kühne These kann aus einem Email (nicht zu verwexeln mit Tiermehl!) von Kerstin zitiert werden: 'Gestern habe ich Deine Homepage mit dem Begleittext zu "Olias Of Sunhillow" entdeckt. Als großer YES und Jon Andersen Fan bin ich ständig auf der Suche nach deutschsprachigen Seiten von YES Fans. Die Übersetzung ist wirklich genial. Ich habe die CD und kannte auch die Story über die Moorglade. So gut übersetzt, ist es für mich eine große Bereicherung gewesen. Weil mir Deine Seite so gut gefallen hat, werde ich sie auch unter Links auf meiner eigenen Homepage weiter empfehlen.' Das Lob geht auch an George. Indiz Nr. 2 ist die Übernahme der Übersetzung des Kinks-Klassikers 'Arthur' auf die Kinks-Fanpage von Helge: 'Danke, schöne Übersetzungen sind es auf jeden Fall. Kann ich diese nun auf kinks.de verwenden?'. Er kann. 'Arthur' stand übrigens schon mehrfach seit 1981 auf dem Programm von LAPSUS LIVE.
Auf dem Programm etlicher Kneipen nicht nur im bald verpankowten Prenzlauer Berg steht seit kurzem auf Initiative zweier Berliner 'Saufen gegen Rechts'. Ein paar Groschen mehr je Molle soll die notorisch leeren Kassen von Hilfsorganisationen füllen helfen, die Gewaltopfer unterstützen. Dabei gerät die Auseinandersetzung mit den Ursachen für die Gewalttaten allerdings zur nebulösen Nebensache. Prost.
Aufregung herrschte im deutschen Feuilleton der letzten Wochen zum Begriff Leitkultur. Eine brauchbare Erklärung stammt von Erwin Pelzig (www.pelzig.de): Deutsche Leitkultur ist, wenn sich die Ausländer in Deutschland nicht so aufführen wie die Deutschen im Ausland.

Aufregend dürfte auch wieder einmal die Frage sein 'Was schenke ich meinem Lover zu Weihnachten?'. Eine riesige Auswahl wohlbegründeter und -klingender Vorschläge gab es ja im letzten Heft schon. In diesem Heft gibt es für immer noch Unentschlossene einen deftigen Nachschlag. Euren aus Kindergartentagen stammenden, unwiderstehlichen Basteltrieb konntet ihr ja bereits mit dem Covervorschlag zu LOver 30 befriedigen. Leider waren einige so von ihrem Ergebnis beeindruckt, daß sie es gar nicht erst den Gefahren des Postweges aussetzen wollten...
In diesem Heft nun könnt ihr das 30. Cover aus den eingegangenen Vorschlägen auswählen. Die Jubiläumsausgabe soll einige Highlights aus LOver 11 bis 26 enthalten. Eure Vorschläge sind nach wie vor gefragt.
Eure Lieblingscover der Ausgaben 1 bis 28 waren ebenfalls gefragt und einige schickten ihren Dreispitz. Die Details findet ihr weiter hinten.
Was ihr im LOver 29 mangels Beteiligung nicht wie angekündigt findet, sind die Konzerte 2000. Dann stimmt es wohl, daß die Besucherzahlen bei Rock-Konzerten im Niedergang begriffen sind. Besonders hart trifft es übrigens die mutigen Klein-Veranstalter, die so manche Perle nahezu vergeblich auf die Bühne bringen, weil sich die Masse nur von Big Brother weglocken läßt, wenn Super-Groups angesagt sind. Save Your Local Dealer!
Im LOver werden jetzt die ersten Projekte für LAPSUS LIVE 2001 vorgestellt. Falls auch eure Pläne schon auf halbwegs festen Füßen stehen, so sind eure neugierig machenden Ankündigungen sehr willkommen.
Für Teil 7 des Jahrhundert-Features zum Thema 'Vierzsch Jahre keen Ton - Das ZentralOhrgan im Sozialismus' werden Mitautoren gesucht. Was sind eure unvergeßlichen Hörerlebnisse in der Sparte (mehr oder minder) populäre Musik - Made im SW (Sozialistischen Weltsystem)? Was war das besondere am Umgang mit dieser Musik in jenen Tagen? Welche Hörempfehlungen können gegeben werden?
Natürlich ist der Redaktion auch (fast) jedes andere Thema willkommen. Schließlich soll das hier ja euer Fanzine sein. Daß es das zu guten Stücken ist, zeigt sicher auch diese Ausgabe. Ich wünsche jedenfalls eine schöne Zeit beim Lesen.  Achim

Re ¤ act ¤ or

Hallo, seid alle freundlich gegrüßt, ihr Liebenden!
Frei nach Schlingensief: In der Anhäufung von Verrückten liegt mehr Würze als in der Anhäufung von Würze. In der Anhäufung von Würze liegt mehr Verrücktheit als in der Anhäufung von Verrücktheit.
Und dieser danebenliegende Haufen (verrückte...) von Lapzotteln soll sich nun in Briefmarkenabos einordnen - verrückt. Ich halte von dieser ganzen Angelegenheit gar nichts. Und der LOver gerät in Vergessenheit... Bei diesem Maßstab von "Wirklich"keit.
Gestern hatte ich endlich mal Ruhe und Zeit, Dirks Teil 3 zu lesen. Leider Menschgottes reicht die Zeit nicht für das Aufschreiben aller Gedanken (und Gefühle, denn wenn Deine Trauer, Dirk, "wahrhaft unermeßlich ist", so stellen sich auch bei mir Mitgefühl und Trauer ein, etwas davon, was mich manchmal schweigen macht), die dazu bei mir entstehen sondern nur für einige Fragen zum Verstehen:
Was heißt "christlich" für Dich? Würdest Du Deine Anschauungen auch ohne den Gottesbegriff darstellen können? Ist Wahrheit dann nicht doch relativ antidogmatisch, wenn sie "absolut antidogmatisch ist"? Wie erlebst Du den Übergang von (relativer) Liebe zur LIEBE, wo, was ist die Grenze, existiert eine? Kann/darf/soll ein "Wechselspiel" "Kampf" sein? Müssen wir kämpfen, in wessen Namen? Wie erkenne ich Ganzheit, muß ich sie erkennen können? Wie unterscheide ich Notwendigkeit von Freiheit? Sind alle Wertschätzungen gleich gültig? Was / wer "erhält" denn "die Persönlichkeit in uns aufrecht"? Ist es nicht notwendig zu beweisen, daß die Persönlichkeit "in keiner Weise manipulierbar ist"? Was hättest Du im KZ getan, gedacht, wie Dich verhalten? Wenn wir das "Suchen unterscheiden sollten", sollten wir dann nicht auch nach lügenhaften und wahrhaftigen (aber unmanipulierbaren) Persönlichkeiten unterscheiden? Ob "immer eine Anstrengung notwendig ist, die die Freiheit von uns verlangt" - na, Notheit oder freiwendig? Usw. usf. Interessant alles. Ich wünschte, Du läßt derartiges in Teil 4 oder 5 oder 6 kucken! Ansonsten fühle auch ich mich am wohlsten in der "liebenden Bewegtheit". Wie auch immer.
Zum Projekt "Kleiner Prinz": "Der kleine Prinz ist schließlich doch ein Großer König geworden. U.a. zu groß für den lütten Planeten, er konnte ihn nicht mehr sehen, nicht, daß er nicht mehr da wäre, aber der Große König befürchtete, eine falsche Bewegung und fort im Sternen Staub wäre das kleine Staubkorn. ... Der Große König vergaß nie eine Antwort. Aber die Menschen haben sich nie für die Fragen interessiert. Obschon er sprach, war nichts zu hören, als die Wiederholungen der Rose, und alle sagten: siehste, das habe ich doch gleich gesagt. Wie trockenes Blut, die roten Blätter, die zu Boden fielen. ... Und doch sah der Große König den Fuchs nie wieder, denn der Fuchs dachte, daß ein König einen Pelz tragen muß. Ihr doch auch? ... " Derartiges.
Clemens schlägt für das Cover 30 vor: ganz weiß, ohne alles.
Nathalie, ab und an aufatmend, möchte auch grüßen und wir sagen: gehabt euch wohl! Roland

Danke auch für die grüsse, wenn wir es mal schaffen bekommst du auch ein "wenig" geld für die lover´s. sorry das wir noch nicht daran gedacht haben, die idee die hefte zu h+j zu schicken finde ich sehr gut---danke noch mal--- spart ja auch viel geld ;-) . So nun mach mal weiter so.....
ps: ich bin nicht so der schreiber das ich mir was aus der birne quetschen kann, also entschuldige mein nicht schreiben von beiträgen, wenn ich´s könnte würde ich dich volltexten.... mfg  michael w.

ach achim - der lover - er wird mich trotzdem weiter lieben??!! - ich hab (dafür gibts auch keine entschuldigung) im moment null zeit, muse, gedanken, feeling, ambitionen, ideen --- jaaaa
neee, du machst das als chef voll gut eh
jaaa, ich will ne cd (7)

Lieber Achim, vielen Dank für die Zusendung der Lover, wovon wir einen auch an unseren Nachbarn und Lapsusteilnehmer 2000 weitergereicht haben. Ich finde es völlig in Ordnung, ein Vorabporto zu verlangen, selbst wenn die Leserschar dadurch eingeschränkt werden sollte.
Gleich ein paar Worte zum Redaktionsplan. Stehen die Fragezeichen hinter der Odyssee wegen der Kritik zu Frau Nichtig? Da muß ich alle, die das nicht mehr lesen wollen und dafür dann lieber Oli P. gucken, leider enttäuschen. Ich schreibe weiter! Dazu später mehr.
Mit dem Motivieren anderer, was für den Lover zu schreiben, ist das so ’ne Sache. Soll ich Freunden sagen: ’Eh, schreib’ doch mal (wieder) was für den Lover. Es kann allerdings passieren, dass du dafür ’ne saftige, nicht unbedingt sachliche Kritik einstecken musst. Aber schreib’ trotzdem, du musst lernen, da drüber zu stehen. Wenn du allerdings auf der sicheren Seite sein willst, dann zitiere andere Autoren, am besten berühmte (möglichst tot) oder sende Artikel aus Musikzeitschriften o.ä. ein. Dann passiert dir (meistens) nichts. Auch Gedichte sind okay. (Sogar schlechte – von mir selbst ausprobiert.) Philosophie ist nicht so gut, das versteht ja keiner, und Religion schon gar nicht.'
Bitte versteh’ mich jetzt nicht falsch. Ich hab’ nichts gegen das Abdrucken der Musikbeiträge und schon gar nicht gegen das Erscheinen der Gedichte. Ninas haben mir richtig gefehlt, sie sind immer ein Farbtupfer mehr, auch wenn ich kein ausgesprochener Fan bin. Aber sie sind das, was sie sagen will und deshalb finde ich es gut!
Jeder hat so seine Vorlieben, und ich finde es interessant, diese kennenzulernen. (Mir fehlte diesbezüglich auch das Kenntlichmachen: Wer hat was eingeschickt? Anonym interessiert mich vieles schon wesentlich weniger.) Das halte ich für den Sinn der Loverausgaben: uns durch unsere Beiträge näherzukommen, verstehen zu lernen - andere an eigenen Gedanken, Freuden, Leiden teilhaben zu lassen, sich gegenseitig geistig anzuregen. Deshalb verwundert es mich schon, wenn gerade Eigenproduktionen häufig ziemlich heftig, aber oft nicht sehr tiefgründig niedergemacht werden. Irgendwie spüre ich dahinter den Vorwurf: Nun bildet euch mal bloß nicht zu viel auf eure Ergüsse ein, immer hübsch bescheiden bleiben.
Dazu passt für mich auch Goethes Spruch auf S. 18, den man grob mit "Schuster, bleib bei deinen Leisten!" übersetzen könnte.
Ich denke mal, dass Goethe dies für alle anderen als gültig betrachten wollte, nur nicht für sich selbst (und vielleicht noch Schiller). Denn er hat seine erlauchte Nase in alles gesteckt und wollte sehr wohl wissen, "was die Welt im innersten zusammenhält". Aber einem Hölderlin riet er, doch über nahe, menschliche Gegenstände kleine Gedichtchen zu verfassen. ("Du sollst kleiner sein als ich!")
Kurz und gut: Ich wäre sehr dafür, eigene Beiträge und Ideen eher zu unterstützen oder wenigsten zu tolerieren, als sie lakonisch abzuwerten. Wirkliche Auseinandersetzung (siehe Ginger & Hansi) ist dagegen begrüßenswert. Aber das habe ich wohl schon sehr oft geschrieben ... Sehr beeindruckt war ich von Eckarts Erwiderung - ob ich da so hätte einlenken können ... Respekt! Beste Grüße, Regina
P.S. Ich konnte aus gesundheitlichen Gründen den 9. Teil von Frau Nichtig leider noch nicht schreiben. [Deshalb die Fragezeichen. Die Red.]

Und was mich sonst noch ärgerte:
Was der Schallplattenmann sagt, kann ja für manch einen die Meinung sein. Der Ton scheint mir auf jeden Fall leicht arrogant angehaucht und die Aussagen mitunter recht anmaßend. Jeder Musiker, der da gut bei wegkommt, kann nur aufatmen: Gott sei Dank, der Schallplattenmann sagt, ich bin ganz toll! Ein Jahrhundertereignis (für nur 19,90 DM?)! Dagegen hätte eine Band wie YES (siehe S. 6 links unten) sich schon viel eher trennen sollen und vor allem nie wieder gemeinsam Musik machen dürfen. Und ich weiß nun endlich, dass ich unter totaler Geschmacksverirrung leide, da ich auch und gerade die 80er und (!) 90er (und sogar die 2000er) Produktionen von YES einsame Spitze finde (z.B. "Big Generator" 1987, "Talk" 1994). Da hätte man vielen, im erwähnten Beitrag so hochgelobten Gruppen und Solointerpreten noch so viel "Supergage" zahlen können, sie hätten nie so eine Kreativität, Begeisterung, Meisterschaft, Vielfalt und Musikalität entwickelt. Zumal mir doch keiner weismachen will, dass diese anderen Bands (oder Solisten) alle unentgeltlich auftreten und ihre CDs verschenken. Für meine Begriffe ist YES eine der wenigen (oder die einzige) Band(s), die sich selbst treu blieb und dennoch ihrer Zeit oft voraus war. 1983 erschien die LP "90125" mit dem Hit "Owner of a lonley heart" . Wann hat es sonst noch in den 80er Jahren einen "Discohit" gegeben, der solche innovativen Qualitäten aufwies? Und YES stört es auch nicht, vor halbleeren Sälen zu spielen, wo die Supergagen sicher nicht so ausfallen wie z.B. bei den Stones. Aber sie sind so von ihrer eigenen Musik überzeugt, dass sie auf ständigen Publikumserfolg und das Lob des Schallplattenmanns wahrlich nicht angewiesen sind. Und sie haben’s auch nicht nötig, mit irgendwelchen Skandälchen auf sich aufmerksam zu machen. Und ich kann nur empfehlen, mal in die neueste CD "The Ladder" reinzuhören, die ich ja teilweise bei Radio Robotron vorstellte, um selbst zu beurteilen, ob diese "alten Herren" noch was drauf haben. Sie machen noch immer gemeinsam Musik. Gott sei Dank! "It’s the sound they make in heaven, it’s a sound for here on earth". Regina

Unter anderem zum Gottesbegriff - meine Antwort an Ginger und Hans:
Ich glaube nicht, daß ich dazu in der Lage bin, eine allgemein befriedigende Klärung des Gottesbegriffs überhaupt und insbesondere nach Berdjajew abzuliefern. Den Gottesbegriff nach Berdjajew kann Berdjajew nur selber klären, und ich verweise auf seine Schriften. Das zur Zeit einzig erhältliche Buch von ihm im Buchhandel ist: Wahrheit und Offenbarung. Dort kann man dazu sehr schöne und wesentliche Aussagen finden.
Der Begriff Gott an sich ist nur Symbol. Und es ist ein Symbol, welches im Laufe der Geschichte die unterschiedlichsten Interpretationen erfahren hat. So ist z.B. der Gottesbegriff innerhalb der "christlichen" Kirche dahingehend mißbraucht worden, um weltliche Macht ausüben zu können und die Kirche als Institution zu sichern. Folgerichtig entstand der Atheismus, der sich mit dem Götzendienst an einen herrschaftlichen Gott nicht mehr abfinden konnte. Die Kritik an der weltlichen Kirche und ihrem Gottesbegriff ist vollauf berechtigt. Der Atheismus selber aber ist dazu übergegangen, nur noch die rein menschlich-rationale Vernunft anzuerkennen und letzten Endes götzendienerisch zu verherrlichen.
Aber ich denke, daß man als freier Mensch den Gottesbegriff von allen götzendienerischen Elementen befreien kann und ihn dahingehend gebraucht, um dem wesentlichen Kern des Menschen Ausdruck verleihen zu können. Dabei gehe ich davon aus, daß man zunächst einmal bereit ist, was man natürlich von keinem verlangen kann, weil dies freiwillig geschehen muß, den Menschen und sein göttliches Wesen als das absolut Bedeutsamste der ganzen Welt anzuerkennen. D.h., ich verbinde mit dem Gottesbegriff nicht den absoluten weltlichen Menschen, der sich auf die begrenzte Welt der Dinge zurückgezogen hat, sondern den göttlichen Menschen, der sich von seinem göttlichen Mitgefühl und seinem göttlichen Gewissen von innen heraus leiten läßt. So gesehen könnte ich z.B. das menschliche Gewissen als meinen persönlichen Gott bezeichnen. Und dieses Gewissen offenbart sich mir wesentlich im Augenblick, und dennoch muß ich es mir paradoxer Weise in dieser Welt erarbeiten, in gewisser Hinsicht freischälen von allen nichtgöttlichen, weltlichen Begrenzungen und Lügen. Dieser Widerspruch liegt in der gottmenschlichen Existenz begründet. Der Mensch ist sowohl ein irdisches als auch ein vom Grunde her geistiges Wesen. Das Gewissen erfordert im wahrsten Sinne des Wortes freiheitlich-geistige Arbeit. Es ist nicht einfach so Selbstzweck, sondern wird einerseits erst verständlich und erkennbar in Bezug auf unsere begrenzte, lügenhafte Welt. Unser wahres, göttliches Gewissen kann und muß sich schöpferisch in unser irdisches Leben ergießen und Licht in das Dunkel dieser Welt bringen. Mein göttliches Gewissen und nur dieses will ich persönlich einzig vom Herzen her in diesem Leben verwirklichen. Gott ist letzten Endes für mich eine Glaubensfrage. Gott ist für mich mein allumfassendes Gewissen. Und dieses Gewissen wird getragen von Mitgefühl, geistiger Freiheit, Liebe, Wahrheit. Andererseits ist Gott eben nicht nur Gewissen, sondern allumfassende Liebe (man kann und darf dies alles voneinander nicht trennen), die sich immer nur konkret offenbaren kann in der Liebe zu einer anderen göttlichen Persönlichkeit, da jede Persönlichkeit absolut konkret und einzigartig ist. Aber auch hier spielt mein wahrhaftiges Gewissen eine überragende Bedeutung: Bekenne ich mich zu meiner wahrhaftigen, nicht oberflächlichen Liebe oder gebe ich sie z.B. den Erfordernissen des Lebens preis. Hierher gehört auch der tragische Kampf zwischen der Freiheit und der Notwendigkeit. Aber in der Tiefe ist die Liebe noch wahrhaft tragischer, weil sie immanent Opferliebe ist, und in dieser Hinsicht ist sie im Höchstmaß paradox und leidend: Der Mensch in der göttlichen Liebe gibt seine ganze göttliche Persönlichkeit der geliebten Persönlichkeit hin – und dies kann er nur so lange tun, solange er ganze, vollständige Persönlichkeit ist. Der liebende Mensch verzichtet quasi auf seine Persönlichkeit im engeren Sinne, um zum einen ganz in der geliebten Persönlichkeit aufgehen zu können, damit diese zum anderen selber vollkommene, liebende Persönlichkeit wird, damit sie ihr wahrhaftiges göttliches Potential ganz offenbaren kann, welches ich im Augenblick selbstlos erkenne und wonach ich mich selbstlos sehne. In der konkreten Liebe gibt die Persönlichkeit das tiefste und wahrhaftigste Opfer überhaupt – ganz sich selbst. Aber wahrhaftigen Verzicht kann der Mensch nur so lange üben, solange er selber Persönlichkeit ist – für die reine Vernunft ist dies ein Rätsel, eben ein Mysterium. Liebe setzt voraus, daß ich selber göttliche Persönlichkeit bin, daß ich in diesem Sinne die göttliche Persönlichkeit in mir trage. Gott selbst muß demnach Persönlichkeit sein, damit ich ihn erkennen kann – in mir. Und nur auf diese Weise bin ich auch zu einer liebenden Beziehung zu einer anderen Persönlichkeit fähig. D.h. wiederum, das Gott in mir nur in meiner von geistiger Freiheit, von Wahrheit getragenen Liebe und dahingehend in meinem Gottesgewissen zum Ausdruck kommt. Gott ist allumfassende Liebe der Persönlichkeit und setzt die andere Persönlichkeit und die liebende Gemeinschaft und das Universum im weitesten Sinne voraus. Denn die Liebe im luftleeren Raum kann keine Beziehung eingehen und kann so auch gar nicht, niemals existieren. Deshalb wehre ich mich ja auch so vehement gegen einen Gottesbegriff, der einen absoluten Gott als absoluten Geist proklamiert. Gott existiert nur in der liebenden Beziehung. In der liebenden Beziehung offenbart sich mir als Mensch Gott – als freiheitlicher Geist, als Wahrheit und darauf bezogen als mein wahrhaftiges Gewissen. In der Gnade Gottes, d.h. in der Offenbarung der Wahrheit an sich, erreiche ich erst die höchste Vollständigkeit und Ganzheit, aber nicht als etwas Abgeschlossenes. Es ist die Ganzheit der Persönlichkeit, die sich in einem Gefühl ganzheitlicher Fülle offenbart. In einem Menschen dagegen, abgetrennt von jeglicher göttlicher Eingebung, macht sich Leere, Zerrissenheit und absolute Sinnlosigkeit breit, denn Gott ist auch der Sinn und das Sinngebende überhaupt.
Die Frage, die uns am meisten plagt, ist die Frage nach dem Tod. Was geschieht mit Gott, wenn der Mensch stirbt? Auch das ist eine Glaubensfrage letzten Endes. Könnte man nicht auch fragen: Was geschieht mit dem Menschen, wenn Gott stirbt? Wenn Gott sterben würde, dann wäre alles sinnlos und logischer Weise jegliche Existenz unmöglich. Für mich persönlich erübrigt sich die letztere Frage, sie kann so nicht gestellt werden. Den letzte Sinn der ganzen Welt findet der Mensch immer nur in sich: Es ist seine göttliche, einzigartige Persönlichkeit. Wenn der Mensch stirbt, dann stirbt er als irdisches Wesen. Doch seine göttliche Persönlichkeit als sein höchster Wert hat unendlich ewige Bedeutung – es ist sein höchstes transzendente Prinzip und wirkt in der Welt immanent ewig fort. Wie gesagt, ansonsten wäre jedes Dasein zum Scheitern verurteilt und das entspricht nicht meiner innermenschlichen Erfahrung. Letzten Endes ist Gott Sieg über den Tod. –
Mehr kann ich dazu jetzt nicht schreiben, um einerseits nicht noch mehr Verwirrung zu stiften. Es ist keine perfekte und vor allem keine erschöpfende Antwort, sondern eben meine. Anderseits würde ich auch gerne meine Notizen fortsetzen, aber ich habe Probleme, die nötige Konzentration neben meiner ABM-Tätigkeit aufzubringen. Das tut mir total leid, weil es unter anderem eine Herzenssache von mir ist, auch wenn ich damit nicht unbedingt überall auf Zustimmung treffe.
Noch ein paar Bemerkungen meinerseits zu dem Beitrag: Der "Wachstumsmarkt der Zukunft". Die Schilderung des kapitalistisch-ökonomisch orientierten Werdegangs des Internets interessierte mich nicht wirklich. Ich weiß nicht, ob man das als Laie unbedingt so genau wissen muß. Das Prinzip kennt man mehr oder weniger doch mittlerweile, und darauf kommt es meines Erachtens in erster Linie an. Aber vom psychologisch-geistigen Hintergrund aus betrachtet sind einige Gedanken schon angebracht: "das Netz zur riesigen Bühne", "Kunst der Selbstdarstellung" oder "macht man sich für alle anderen wichtig". – Da ist was Wahres dran. Mit der Selbstdarstellung ist es immer so eine Gratwanderung, und vielleicht sollte sich der Autor des o.g. Artikels nicht immer so sicher wähnen. Und wie steht es diesbezüglich mit dem Lover?? Dirk

Nachtrag zum Gottesbegriff: Ich muß mich korrigieren, und das wird wohl immer wieder geschehen: Ich habe die Liebe zu sehr auf das Leid festgelegt. Als Opferliebe gilt dies auch weiterhin, aber in der Erfüllung der Liebe setzen sich die Geliebten in Gott eins und überwinden letzten Endes das Leid. Die Geliebten vereinigen sich in Freude und Seligkeit und erlösen sich wahrhaftig im Gegensatz zum Erlösungssuchen in der objektiv begrenzten Welt. Und in dieser Hinsicht ist Gott Sieg über den Tod und Sieg über das Leiden. Aber solange wir Menschen existieren, werden wir um diesen Sieg kämpfen müssen, denn ein endgültiger Sieg würde Stillstand bedeuten und somit wiederum Tod. Die Bedeutung des Todes an sich liegt darin, daß wir ihn fortlaufend überwinden müssen, um leben zu können – wir haben ihn ständig vor Augen und gehen ständig durch ihn hindurch. Das ist eine Erfahrung unseres täglichen Lebens. Aus dem Widerspruch und dem Kampf zwischen Gott und dem Tod innerhalb des Menschen erwächst das wahrhaftige Leben. Dirk

Hey Achim! ... [Das Video] war köstlich! Vor allem Milan als Oberrocker - Spitze!! Wir hatten unsren Spaß beim Ansehen und konnten so alles nochmal miterleben. Lapsus ist eben ein absolutes Highlight jedes Jahr. Und nicht nur für mich. Milan ist absoluter Radio Robotron-Fan. Er hört die Lapsuskassette die ganze Zeit rauf & runter und kann schon bald alles auswendig! ... Der 28. [Lover] war mir zu dröge & langatmig. Nichtsdestotrotz habe ich ihn von vorne bis hinten gelesen (das mache ich mit allen Lovern so!). Es stehen auch interessante Sachen drin. Aber ich wünsche mir mehr kürzere Beiträge, Aufgelockertes, Spritziges, Poetisches (dafür kann ich auch selber sorgen, denn ich schreibe ja unentwegt...). Nina

CoverDreispitz

Im letzten LOver war auf den Mittelseiten nach euren 3 Lieblingscovern gefragt. Hier das Ergebnis der Umfrage '3 aus 28'. Die ZarInnen-Lieblingscover (Aber: ein Cover hat auch eine Rückseite, daß die meist unterschlagen ist, macht es eirig aber nicht rund.) von Roland: 1. 19, 2. 2, 3. 25; Nathalie: 26, 24, 21; Julia findet alle häßlich; Clemens: 6, 22, 7; Stefan (unser Überwinterungs-Wwoofer): 27, 25, 3. Die 3 Lieblings-Cover von Regina & Dirk sind (übereinstimmend): 22, 6 und 5. Zählen wir also doppelt. Ansonsten kamen Wertungen von: Achim: 2, 20, 4; Anna: 17, 15, 2, Maria: 2, 6, 19, George: 17, 19, 7, Nina: 17, 26, 27 und (7) [Regina]: 27, 20, 18.
Macht bei 3 Punkten für den 1., 2 für den 2. und 1 für den 3. Platz: 9 Punkte für Nr. 2 und Nr. 6 bei je 4 Nennungen und auch für Nr. 17 bei 3 Nennungen, 8 Punkte für Nr. 27 und Nr. 22 bei 4 bzw. 3 Nennungen und 6 Punkte für Nr. 19.
Achim

Briefe

Schönen Guten Tag, [...]
Die täglichen Ereignisse erhalten für mich eine Symbolik. Die Kälte, die Aggression der Gesellschaft und ihr Zerfall sind typisch für die Dominanz des Elements Metall (Geld). Menschen werden davon abhängig gemacht, schließlich ein Teil dieser "Metall-Welt". Sie werden es auch äußerlich durch rundliche Formen, blasse Gesichter und kahle Schädel. Auch das Straßenbild von heute entspricht Metall: viele weiße, sterile Fassaden mit viel Zinkblech dran, das viele Blech der Autos, der krankhafte Sauberkeitswahn, der viele Kunststoff und viele, viele Leute im Rentenalter. All das symbolisiert Kälte, Härte, Absterbendes ... Herbst.
Ein Zuviel an Metall bedroht, zerstört das Element Holz, das Symbol für Bäume, Wachstum, Farbe Grün. Denn Metall durchschneidet, zerteilt das Holz. Außerdem kondensiert an Metall(oberflächen) Wasser. Inzwischen sind es schon Wassermassen, Sintfluten. Das regulierende Element, das Metall schmilzt, ist Feuer! Aber Feuer, symbolisiert durch Hitze, Wärme, Geist, Wissen, ist leider zu schwach und wird von Wasser sogar noch gelöscht. Die Praxis heute ist Bildungsabbau, Verdummung, und die geistigen Elemente suchen das Weite.
Das Element, das Feuer brennen läßt, wird idiotischerweise auch noch verschwendet und vernichtet. Damit befindet sich die heutige Gesellschaft im absoluten Zerstörungszyklus.
Aber "das Schicksal des Menschen ist der Mensch selbst" (B.Brecht).
Das Wirksammachen im Sinne von Holz (Holzhäuser mit viel Begrünung dran) und im Sinne von Feuer (Arbeit mit Kindern, geistige Aufklärung an Schulen) und einiges mehr, das sind meine Ideen für mein Feld "Naturgerechtes Bauen" in Schulhöfen oder Öko-Dörfern. Für die guterzogenen Spießer zu arbeiten, ihre kleinkarierte Welt "bunter" zu machen, habe ich mir abgewöhnt.
Prinzipiell können wir positiv sein, denn es werden ...Mio DM fließen müssen für die Kinder-Jugendarbeit. Andererseits wären sie den Rattenfängern und ihrer Zerstörungswut restlos ausgeliefert. Instinktiv werden Naturgesetze befolgt. Für "Holz" und "Feuer" wird etwas getan werden müssen, um nicht zugrunde zu gehen. Aus Feuer, Verbrennung entsteht Asche, Erde! Und Erde bedeutet Grund-Lage für Leben und Bodenschätze, wie z.B. Metall. [...]
Damit alles Gute Euch allen,
Tschüs Klaus

Zarnekla, 2.11.0
Lieber Klaus!
Danke für Deinen Brief. Es ist immer schön, wieder von Leuten zu hören, die hier bei uns waren. Auch nochmal ganz herzlichen Dank für Deine Mithilfe bei der Dämmung - seit kurzem heizen wir das Schlafzimmer und die Wärme hält sich spürbar besser und länger, das Gefühl im Zimmer ist insgesamt angenehmer geworden.
Und wir brauchen zur Zeit wirklich alles, was uns von außen unterstützt / schützt / birgt.
Heute fühle ich das wieder sehr stark, ich habe wieder mal sehr schlecht geschlafen, Gedankenkreise um Sorgen beim Einschlafen, Unruhe, viel zu frühes Erwachen, Träume von unverarbeiteten Erlebnissen, die sich in meinem Unterbewußtsein noch bis ins Heute ziehen. Ich fühle mich übermüdet, überlastet, mein Instinkt sagt mir, daß es für mich innerlich wieder einmal in diesen Monaten ums Überleben geht: das heißt Konzentration auf das, was die Not abwendet, den Zustand erträglicher macht und daß es gefährlich wäre, den Versuch zu machen, Grundsätzliches zu verändern oder anzufangen, da es meine Kräfte jetzt bei weitem übersteigt.
Als Sinnbild: Ein Verdurstender muß zur nächsten Quelle - und nicht den (viel zu langen) Weg aus der Wüste finden.
Driver's Seat...Den Reaktionen unserer Umgebung zufolge kann sich wohl wirklich niemand vorstellen, was dieser Unfall im August und die Zeit danach bei uns angerichtet haben. Die meisten sind sehr mit sich selbst beschäftigt, der Blick geht kaum darüber hinaus.
Und vielleicht können wir auch schlecht vermitteln, was bei uns wirklich los ist. Hilfe bekamen wir bis jetzt eigentlich nur in äußeren Dingen - von lieben, hilfsbereiten Menschen, die aber trotz allem jedesmal kürzer blieben und weniger machten, als anfangs für uns in Aussicht gestellt oder erwartet. Wir sind trotzdem für jeden "Tropfen" Hilfe dankbar, aber es macht mir Gedanken: Was strahlen wir aus? Wie wirken wir nach außen? Oft scheint mir, daß es so aussieht, als wäre bei uns eigentlich alles in Ordnung und die wohlmeinenden Helfer fühlen sich irgendwie ausgenutzt oder überflüssig. Liegt es daran, daß wir eben an einer sehr brüchigen Oberflaäche das Alleralltäglichste aufrechterhalten mit der Kraft, die wir noch haben? An unserem Rückzugsbedürfnis angesichts eines "Hauses voll fremder Leute" (auch wenn diese Leute für uns da sind), denen wir in ihren Erwartungen und Bedürfnissen einfach nicht gerecht werden können, weil die Kraft fehlt?
Du kannst mir glauben, daß es mir sehr schwer fällt zu nehmen, ohne etwas zurückzugeben, nicht einmal Aufmerksamkeit oder Zuhören, weil ich das einfach zur Zeit nicht kann. Ich verkrieche mich dann lieber und kann nur hoffen, daß mir keiner böse ist. Und daß verstanden wird, daß ich auch nicht jedem, den ich gerade gerade zum ersten Mal sehe, mein ganzes Herz ausschütten kann, wie es mir gerade geht, um mein Verhalten verständlich zu machen.
Oft ist mir so sehr danach zumute, nichts erklären, nichts sagen zu müssen, einfach nur mit einem mitfühlenden, verständnisvollen Blick bedacht zu werden und mich vertrauensvoll umsorgen zu lassen. - Selbst loslassen zu können, meine müden Augen einfach schließen zu können im Vertrauen, daß jemand da ist, der mich hält. Endlich, endlich ausruhen.
Es ist aber keiner da.
Und das ist vielleicht die schlimmste Erfahrung der letzten Monate. Ja, ich wüßte nicht einmal, wen ich anrufen könnte - mir fällt nicht mal jemand ein, der mir wirklich ehrlich ungelangweilt eine Weile einfach nur zuhören würde, der mir die Erleichterung des Mit-Teilens schenken würde.
Ich bin durch diese Erfahrung sehr stumm geworden in der Begegnung mit anderen Menschen, vor allem Freunden (?). Und leider auch etwas bitter, obwohl ich das versuche abzubauen - um meiner selbst willen.
Ich fühle mich immer wieder, wenn der Alltag und die Erledigungen nicht ablenken, sehr allein (gelassen) und viel zu schwach für das alles.
Seltsamerweise scheine ich aber stärker zu sein, als ich selbst ertragen kann - auf Kosten von was? - Es schaudert mir bei diesem Gedanken: welche Kraft verbrauche ich nur, die mir später einmal fehlen wird? Wo?
Es ist körperlich sichtbar: es sind schon fast Strähnen grauen Haares, das ich in diesen Monaten bekommen habe.
Vielleicht ist es gut, daß die Seele nicht sichbar ist.
Ich ziehe Kraft aus der Zukunft ab. Lebenskraft. Denn von mir wird viel mehr gefordert, als ich geben könnte. Ich kann mich ja nicht einfach hinlegen, denn ich muß standhalten: für mich selbst, für das kleine Baby, auch für Roland. Und was sich an Resten noch aus mir quetschen läßt für Rolands Kinder - stellvertretend für ihn und die Mutter. Gerade in diesem letzten Punkt begehrt in mir etwas auf, wenn ich wieder einmal kurz vorm Zusammenbrechen in dieser Mühle stecke: mehr als ein paar Tropfen kommen da nicht mehr aus mir raus und ich sehe, die sind zuwenig - warum holt diese Mutter nicht ihre Kinder aus diesem sinkenden Schiff? Weil der Vater zu stolz ist zuzugeben, daß er es nur auf meine Kosten schafft zu schöpfen? Natürlich drückt auch mein Gewicht das Boot unter Wasser. Sollte ich aussteigen?
Roland und ich haben geheiratet. Wir hatten keine Flitterwochen, wir hatten eine Flitterwoche. Jeder, der schon mal Urlaub gemacht hat, weiß, daß eine Woche zu kurz ist, um sich zu erholen. Sie war wunderschön. Wir haben uns das Beste draus gemacht. (Dank der finanziellen Unterstützung meiner Mutter.)
Und jetzt?
Gestern wurde Roland zum 4. Mal und wieder unter Vollnarkose operiert. Seither sind die Schmerzen wieder unerträglich, wieder helfen Schmerzmittel kaum. Wie schon letztes Mal bin ich nicht mit ins Krankenhaus gefahren. Mir fehlt die Kraft. Schonung. Er kommt ja schnell wieder heim.
Das Trauma nach seiner Abfahrt, das mich letztes Mal noch heftig schüttelte, blieb diesmal aus. Ich schlafe schlecht im leeren Bett. Sogar unter seiner Decke. Und seit ich ihn am Telefon wieder so voll Schmerzen gehört habe - immer nur kurz, weil es ihm zuviel wurde - da passiert wieder etwas so knapp unter der Oberfläche meines Bewußtseins. Ich schaue nicht zu sehr hin, was da durchschimmert: lebenslange Schmerzen, die rechte Hand nie wieder wie vorher.... Rolands tatkräftige, große, rauhe, zärtliche, kräftige, Geborgenheit bietende Hände.... sind zart und zerbrechlich geworden - weicher als meine.
Er ist mein Mann. Er konnte mich nicht über die Schwelle tragen. Ich liebe ihn. Wer könnte empfinden, was ich empfinde, wer hat auch nur eine Ahnung davon?
Hätte ich schon im August so schreien können wie jetzt eben, nachdem ich mir diese Worte von der Seele geschrieben habe - wie ein verletztes Tier, allein in diesem leeren Haus am Morgen, wo es niemand hörte als mein Kind, unser kleines unschuldiges Kind in meinem Bauch, das gottlob ganz prächtig wächst und gedeiht und sich lebhaft bewegt.... jetzt ist es still. - Es ist alles gut, mein Kleines. Ich schaukle meinen Bauch und streichle die kleinen Beulen - da strampelt es wieder ein bißchen.
Nein, im August habe ich mich schnell gefaßt und habe dann Rolands Sachen gepackt fürs Krankenhaus. Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal richtig geweint habe. Aber es war später. Viel später. Es war zuviel zu tun.
Ein paar Leute sagten mir später, ich sei erstaunlich gut damit zurechtgekommen.
Ich wußte nicht, wie ich von außen wirke.
Keiner klopfte an meine Tür, um mein Inneres zu sehen. Hemmungen? Rücksicht? Nachlässigkeit? Unwissen?
Einmal habe ich von innen um Hilfe gerufen: auf den Anrufbeantworter meiner besten Freunde.
Einmal von außen im Gemeinschaftsnetzwerk-Rundbrief. Pale, der mit Dir zusammen hier war, war die einzige ernstgemeinte Reaktion. Auch er fuhr früher ab.
'Fahrt endet hinter Loitz am Straßenbaum'Ich wage nicht mehr zu rufen. Oder zu bitten. Es ist mir nie leicht gefallen und jetzt bin ich unsicherer als jemals vorher.
Der Brief wurde sehr persönlich, Klaus. Vielleicht kannst Du nichts damit anfangen. Außer der Erklärung, warum mir die Energie fehlt, wirklich ernsthaft auf Deine lieb gemeinten Feng-Shui-Vorschläge einzugehen, obwohl mich das sehr interessiert und ich unter anderen Umständen einen Gedankenaustausch darüber sehr schön fände.
Es werden wieder andere Zeiten kommen, vielleicht magst Du trotz allem Kontakt halten.
Was ich geschrieben habe, war auch nur möglich, weil so ein Brief eben doch eher anonym ist im Gegenüber - ich sitze beim Schreiben ja hier allein - und weil ich Dich so gut wie nicht kenne, also unbelastet, unbeeinflußt und ungefärbt von persönlichen Wechselwirkungen und ohne Reaktionserwartung sehr frei meine Gedanken zu Papier bringen konnte. Es hat mir bestimmt auch gut getan.
Danke, daß ich es an Dich richten konnte.
Ich habe niemanden, mit dem ich reden könnte. Roland belastet es immer sehr, wenn ich ihm jetzt mein Herz ausschütte. Er fühlt sich schuldig und ohnmächtig. Ich versuche, das deshalb in Grenzen zu halten. (Es ist, als versuchten zwei Ertrinkende sich gegenseitig zu stützen - und trotzdem ist es genau diese Erfahrung der Bereitschaft dazu, die unsere Beziehung in diesen Monaten so wertvoll gemacht hat!)
Mir fällt sonst nur das Internet ein - anonym in die Welt, an die Menschen, vor allem an Menschen. Denn die allumfassende Umarmung des weiten blauen Himmels wärmt nicht genug.
Das habe ich gelernt daraus: daß ich menschliche Wärme brauche: Nest, Herde, Netz aus vielen warmen Händen.
Mir ist kalt. Und ich gehe jetzt Roland anrufen.
Mach's gut.

Nathalie & Baby
N.S. (30.11.0)
Kein Kommentar, aber ein Satz dazu aus der Gegenwart für besorgte Angehörige, die vor allem um das Wohl unserer beiden Teenager bangen:
Zun Glück hat als Wwoofer auf "Urlaubssuche" Stefan zu uns gefunden, wird den Winter über bei uns bleiben und hat uns Kochen, Abwasch und Kompostklo abgenommen. Somit ist die Grundversorgung der "Kinder" wieder völlig ohne deren Mithilfe gesichert und die Situation hat sich soweit entschärft, daß wieder zeitlicher Raum und psychische Kraft für entspannteres Miteinander bleibt. Nathalie

Ein Traum?Ich mag dich
Sprachst du zu mir
Wo?
Ich weiß es nicht
Im Traum?

Es gab nicht Baum
Noch Strauch
Der half
Auch nicht Rat noch Wink
Von dir

Eins nur
Weiß ich gut
Was?
Dass ich dich mag
Nicht nur im Traum

Ginger

Anna

INFORMATION & TECHNOLOGIE

Der "Wachstumsmarkt der Zukunft"
(2. Teil, 1. Teil siehe LOver No. 28)

IT - demokratisch auch noch
Die neue demokratische Kultur, die bei diesem erfolgreichen Zusammenwirken von öffentlicher Weckung und privater Befriedigung des Bedürfnisses nach "Information" zustandekommt, ist nicht in Abrede zu stellen. Sie gibt allen schon länger verbreiteten Vermutungen Recht, wonach in diesem "Zeitalter der globalisierten Information" und der "Demokratisierung von Wissen" neben dem Kommunizieren auch die Demokratie, in der es stattfindet, riesige Fortschritte zu verzeichnen hat. Die Sachverständigen werden schon wissen, was sie dem gepriesenen Herrschaftswesen da als Bonus anrechnen und warum. Also werden dessen Fortschritte dann auch darin bestehen, dass alles, was ohnehin an gediegenen staatsbürgerlich-demokratischen und sonstigen privaten Meinungen zirkuliert, nunmehr eben schneller zirkuliert. Dass sich die Bürger jetzt ihre Meinungen nicht nur abholen, sondern sich mit diesen auch noch auf allen Foren, die man ihnen eigens dazu anbietet, inter-aktiv zu Wort melden können, wann und wie immer sie wollen. "Ihre Meinung zählt!" - neuerdings eben genau so, und wenn Bürger dann irgendwann einmal sogar per Mausklick wählen dürfen, ist das Maximum an praktizierter Bürgernähe erreicht, zu dem es die Demokratie bringt. Und weil der "Zugang zu immer mehr Wissen" auch noch weltweit ist, blüht die Demokratie nicht nur dort auf, wo es sie bereits gibt. Wie man hört, sollen nicht nur bei der WTO-Tagung in Seattle die guten Menschen dieser Welt überhaupt nur übers Internet erfahren haben, dass und wo sie sich aufstellen können und warum sie das sollen. Das "Ende des Herrschaftswissens" ist mit dem Internet nämlich auch angebrochen, so dass selbst die Sektenbekämpfer und Menschenrechtsfeinde in China über kurz oder lang mit ihrer Sorte Gehirnwäsche gegen die demokratisierenden Potenzen, die dem Kommunizieren online innewohnen, einfach keine Chance mehr haben.

Der Boom in der "IT-Branche"
Ist in den Kreisen der Geschäftsleute die Spekulation, sich von einer neuen Methode des Verkehrs mit der zahlungsfähigen Nachfrage ein Plus auszurechnen, einmal in der Welt, trägt sie sich mit der Macht eines die Modalitäten ihres Konkurrierens bestimmenden Sachzwangs weiter: Wenn schon so viele "drin!" sind und sich abzeichnet, dass es immer mehr werden, ist es von Nachteil, selbst nicht mit dabei zu sein, weil einem dann die Vorteile mit Sicherheit entgehen, die die anderen womöglich haben. So begründet der Erfolg, den das Netz schon hat, seinen eigenen Weitergang, und auf diesem Wege verallgemeinert sich die übers Netz ausgetragene Konkurrenz um die zahlungskräftige Nachfrage von Privaten und Geschäftleuten allmählich zum Standard des Konkurrierens: Weil den zu ignorieren sich spätestens dann keiner der Konkurrenten mehr leisten kann, wenn der Gebrauch des Internet endgültig Standard ist, müssen immer mehr und zuletzt alle dem Trend rechtzeitig, zumindest nicht als Letzter, entsprechen wollen, und auf diese sturzvernünftige Manier setzen sich im Kapitalismus dann die standardbildenden technischen Errungenschaften durch, die aus ihm, wenn sie dann einmal da sind, nicht mehr wegzudenken sind. Daher ist es - vorläufig jedenfalls noch! - gar nicht groß von Bedeutung, ob die Verbilligung von Handel, Lager usw., die der Umgang mit den vernetzten Kunden ja erstmal nur verspricht - via Internet kaufen, was das Zeug hält, müssen die Massen ja schon auch noch -, tatsächlich das Wachstum stiftet, das alle Beteiligten sich ausrechnen. Und außerdem müssen die Unternehmen, die sich durch ihr klasseninternes Kommunizieren Einsparungen von Zirkulationszeit und -kosten und darüber die Beförderung ihres Wachstums erhoffen, zur Erfüllung ihrer Hoffnungen darauf setzen, dass sich auch alle anderen Klassenbrüder von der Idee "Wachstum durch Internet" überzeugen lassen. Aber auch da ist die schlichte praktische Tat die beste Überzeugung und setzt die Maßstäbe, die dann über kurz oder lang für alle gelten. DaimlerChrysler z. B. und andere Großfirmen, die sich um den Absatz ihrer Produkte konstruktiv sorgen, gehen zur "effektiveren" Abwicklung ihres Einkaufs bei ihren Zulieferern und des Vertriebs ihrer Waren "ins Netz" - und das ist ein extrem überzeugendes Argument für viele andere Anbieter wie Konkurrenten, in derselben Weise nachzuziehen. Denn wer sich bei den diversen "portals", die die Firmen zur Verschärfung des Preiswettbewerbs einrichten, nicht blicken lässt und es unterlässt, seine Angebote im Geschäftsverkehr "business-to-business" einzureichen, hat, wenn der nur noch so abgewickelt wird, in dem ganz bestimmt nichts mehr zu gewinnen. Was er umgekehrt von seinen Investitionen in die eigene Wachstumszukunft hat, auf die er gar nicht verzichten kann, wird er dann, wie immer, schon sehen. Wie bei den Kollegen vom "e-commerce", so ist auch in dieser Abteilung nur sicher, dass das Konkurrieren ums Wachstum für alle aufwendiger wird.
Was das geschätzte private Publikum betrifft, so gilt für dieses dasselbe Prinzip in anderer Form. Für ihre an den Tag gelegte Aufgeschlossenheit gegenüber allem Neuen und Interessanten werden die Privatmenschen netterweise dadurch belohnt, dass sie auf den Umgang mit Bildschirm und Tastatur demnächst selbst dann nicht mehr verzichten können, wenn sie es wollen. Auch sie werden nämlich vom Standard des Kommunizierens betroffen, weil der eben nicht nur für ihre bunte Bilder-Welt oder zum Zwecke der Erbauung am eigenen Ego erfunden wurde. Der ist demnächst die neue gesamtgesellschaftlich herrschende Methode, alles, was sich digitalisieren lässt, von A nach B zu schicken. Er wird darüber also auch für sie eine Notwendigkeit, an der sie in demselben Maße nicht mehr vorbeikommen, in dem sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Ob sie in Rosenheim wohnen und dort nach Arbeitsplätzen suchen oder in Hamburg nach Karten fürs Konzert, ob sie das Bulletin der Bundesregierung lesen oder einfach nur ein bisschen Geld von einem Konto auf ein anderes verschieben wollen: ‘Endverbraucher’ heißt die an ihnen so sehr geschätzte Eigenschaft, dass zu ihrer Nutzung kein Weg direkt genug sein kann und daher für sie bei allem, was sie in dieser Eigenschaft sind und wollen, am Internet auch kein Weg mehr vorbeiführt.
Daher kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Branche Information & Technologie eine "Wachstumsbranche" ist. Es wachsen ja mit dem Netz nicht nur viele Verrücktheiten, sich im Virtuellen die Zeit totzuschlagen, und nicht nur viele Hoffnungen und Berechnungen, sich selbige - den Umschlag des eigenen Kapitals betreffend - wachstumsfördernd zu verkürzen oder sonst wie Kosten zu sparen. Es wachsen mit all dem vor allem die Geldsummen, die ganz real an die Geschäftsabteilung Nr. 2, an Produzenten von Hardware des jeweils neuesten Standes der Technik, an Telefongesellschaften, an Provider, an Software-Firmen, an Werbeunternehmen und an alle anderen Dienstleister gezahlt werden, die sich am Betrieb des Netzes und seiner immer expansiveren Nutzung zu schaffen machen. Was man so hört, ist es ziemlich viel, was da von Produzenten, Zulieferern, Händlern und Banken fürs Beschleunigen und Verbilligen der bisherigen Wege vom Angebot zur Nachfrage oder für die Erfindung neuer Wege oder auch nur für die dazugehörende Werbung weggezahlt wird. Die Summen, die die Geschäftsleute der Abteilung Nr. 1 und Nr. 3 als Investition in die Zukunft ihres Wachstums verbuchen, auf das sie spekulieren, und die die der Abteilung Nr. 2 einkassieren, reichen jedenfalls dazu aus, dass der - neben der extraktiven und der verarbeitenden Industrie - in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung eingehende "tertiäre Sektor" inzwischen im Wesentlichen die weißen Kästen mit allen ihren stofflichen und menschlichen Anhängseln umfasst.

Die anderen "Neuen Märkte" und ihr ganz spezielles Wachstum
Der Boom der Branche "Information und Technologie" steht außer Frage, ist aber ein Witz im Vergleich zu dem, den die Profis auf den globalisierten Börsenparketts hinlegen. Auf dem verfügt man nämlich über eine ganz eigene Wahrnehmung des Umstands, dass die mit der produktiven Vermehrung ihres realen Kapitals befassten Geschäftsleute viel in die Beseitigung von Schranken investieren, die sie in der Sphäre der Zirkulation ausfindig gemacht haben. Deren Engagement genauso wie das aller anderen, die ihrer Firma ein "e-" oder "WWW." voranstellen, ist für Leute, die ihr Geld nicht so umständlich, weil nur durch Anlegen wachsen lassen wollen, ein einziges Indiz - dafür nämlich, dass sie mit ihrem Einstieg in diese Branche ihrem Kapital das Wachstum bescheren können, auf das es ankommt: Das Geschäft Nr. 4 mit dem Internet kommt zustande, indem sich Spekulanten das Geschäft Nr. 1 bis 3 zur Quelle des Wachstums ihres Geldvermögens herrichten. Das klingt komplizierter, als es ist, denn natürlich folgt auch die Spekulation auf diesen "Zukunftsmarkt" demselben bewährten Muster, nach dem an Börsen nun einmal spekuliert wird: Geldanleger spekulieren auf das Wachstum in der "Branche IT", indem sie sie für kreditwürdig erklären und mit dem Kredit, den sie haben, sowie mit der Berechnung, dass viele andere es ihnen gleichtun werden, in "Technologie-Werte" einsteigen. Mit ihrer Spekulation verschaffen sie der Branche dann den Kredit, der bei ihnen und allen anderen unmittelbar die nächste Spekulation derselben Art begründet, usw.
Die Sicherheit, dass die gesamte Branche ein Renner ist und wächst, gestattet da einiges. Die vielen famosen Einfälle z. B., die in NEMAX und anderen Indices Karriere an den Börsen machen. Eine "vision" ist da sehr oft der Ausgangspunkt, eine - und zwar irgendeine - Idee, wie sich das Netz auch noch oder ganz anders nutzen ließe. Was dem Besitzer der Idee fehlt, ist nur das Kapital, das er bräuchte, um mit ihr zu verdienen. "Marktfähig" wird sein Einfall, weil ihm andere leihen, was er nicht hat. Ihm wird oft und gerne geholfen, mit etlichen Mio. Kredit, den irgendwelche Geldanleger der Gesellschaft eigens zu diesem Zweck in "Risiko-Kapital" und andere -fonds investiert haben und die darauf spekulieren, dass andere Spekulanten auf die Anteile spekulieren, die sie mit ihrem Kredit erwerben. So wird die Idee zu einer Firma, die sehr modern klingt, und deren oberster Geschäftszweck mit dem ihrer Krediteure zusammenfällt und darin besteht, als Kredit zu wachsen, um darüber noch mehr Kredit auf sich ziehen zu können. "Börsenfähigkeit" heißt daher das anvisierte Unternehmensziel, dem man sich durch kreditfinanzierten Einkauf bei anderen Konkurrenten, die dieselbe Karriere hinter sich haben, oder gleich durch deren Übernahme annähert. Beides verschafft einem die Größe, ohne die man für Börsianer nicht kreditwürdig ist. Gewisse Gesetze gibt es da außerdem noch zu beachten. Hat die Firma dann über ihren Gang an die Börse ihren Gründungsgewinn einkassiert und verfügt in Gestalt ihrer Aktien über die Mittel - "Kriegskasse" heißen die im Jargon - zum Einsacken ihrer nächsten Konkurrenten, staunen auch abgebrühte bürgerliche Beobachter der Szene manchmal nicht schlecht über die Kennzahlen, die diese munteren Unternehmen in ihren Bilanzen ausweisen: Was ihre reale geschäftliche Abteilung betrifft, akkumulieren sie sehr oft ziemlich wenig, noch öfter auch nur Verluste - aber mit ihren "Börsenwerten" könnte man - rein rechnerisch, versteht sich - glatt ganze Staatshaushalte aufkaufen! Von einem Geschäft, das da ganz nach den Gepflogenheiten des Kapitalismus mit Kredit "vorfinanziert" wird, ist also wenig in Sicht - was Wunder, ist die Geschäftsidee doch nur auf die Welt gekommen, um mit Kredit auf mehr Kredit zu spekulieren. Außer Frage steht dabei, dass selbst dort, wo jetzt Gewinne gemacht werden und demnächst vielleicht noch mehr, es nie so viel Geschäft geben wird, die Kreditansprüche mit echt verdientem Geld zu bedienen, die das Versprechen zukünftigen geschäftlichen Erfolgs formell auf sich gezogen hat. Ausschließlich Kredit in seiner Eigenschaft als fiktives Kapital wird da also akkumuliert, was jedoch einschließt, dass mit dem Geld, das morgen oder irgendwann verdient werden soll, ein bereits heute gültiges Geschäftsmittel auf der Welt ist, weswegen bloß zettelmäßig begründete Ansprüche auf Reichtum mit Kurspreisen versehen an den Börsen der Welt zirkulieren und zu Werten addiert werden, die real nicht vorhanden sind, aber selbstverständlich wachsen.
Letzteres tun sie dank des Vertrauens, das die Spekulanten aller Welt pauschal in den unaufhaltsamen Siegeszug des neuen Kommunizierens und in die Sphäre "Information und Technologie" setzen, dann in einem Maße, dass die Rede von der "Technologielastigkeit" gewisser Indices schon ein wenig euphemistisch ist. Die Summen von Geldkapital, die sich da in diesen "Neuen Märkten" tummeln, sind jedenfalls so beeindruckend, dass an den Börsen das traditionelle Aktiengeschäft so alt aussieht, wie die betreffende Abteilung der Ökonomie inzwischen heißt. Mindestens genauso beeindruckend ist die Risikofreudigkeit der Geldanleger und ihre spekulative Laune beim Ein- und Wiederausstieg in die diversen Papiere und aus ihnen heraus. Aber was sollten sie auch anderes tun angesichts der einzigen ihrem Kredit hinterlegten "Sicherheit", dass dem Neuendieser Märkte eine Zukunft ganz bestimmt beschert ist? Also machen sie vorderhand einfach weiter; sind zwischenzeitlich ein wenig irritiert, wenn die Aufpasser auf die Gesundheit des Weltfinanzwesens von Sorgen berichten, die sie sich wegen einer gewissen "Überbewertung" gewisser Papiere um ihren Dollar oder Euro machen; und dann wieder beruhigt, wenn auch alle anderen spekulierenden Kollegen nicht weiter beunruhigt sind.

*
Freilich reicht bei so viel "Phantasie", die "in den Börsen ist", dann auch ganz wenig, um dem Realismus des Geschäftssinns wieder zum Durchbruch zu verhelfen. Auch wenn den Zetteln, die die vielen Spekulanten in ihren Händen halten, weder jetzt noch in Zukunft der Wert gegenübersteht, den sie in ihrem Preis beziffern: Auch fiktives Kapital ist Kapital, auch Kreditzettel, die eine reale Geschäftsbasis bloß der Form nach fingieren, sind Kredit und damit Geld wert. Genau das, wieder Zettel, aber diesmal in ihrer bekannten und verlässlichen Form der hoheitlich garantierten Materiatur allen Werts oder zumindest solche, die ganz bestimmt "sicher" sind, will man dann haben, wenn der Staat in seiner Eigenschaft als Justizorgan dem Repräsentanten und Wachtstumsriesen der gesamten Branche wegen unlauteren Wettbewerbs an den Karren fährt. Möglichst viel von dem Betrag, der gestern noch notiert wurde, wollen sich heute dann ziemlich Viele ziemlich schlagartig sichern. Und es fallen dabei nicht nur die Kurse von Microsoft, sondern "High-Tech-Werte"insgesamt sind plötzlich ein gutes Zehntel weniger wert, weil die Befürchtung, beim Spekulieren auf die Zukunft der Sphäre womöglich auf die falsche "vision" gesetzt zu haben, selbstverständlich überall um sich greift, wenn es den dicksten und vermeintlich sichersten Brocken trifft. Daher fallen einige Kurse noch mehr, andere etwas weniger als der Durchschnitt, bis sich bei denselben, die sich gerade Sorgen um den Bestand ihrer Vermögenswerte machen, mehrheitlich die Einsicht durchsetzt, dass die nach der Durchstreichung etlicher Nullen nun wieder irgendwie "konsolidiert" sein müssen. Also hören sie auf, sich ins Geld oder sonst einen sicheren Hafen zu retten, und machen sich an die nächsten Runden ihrer Spekulation auf Wachstum nebst anschließender Entwertung der Werte, die auf Zetteln notiert sind. Weil sie dabei ganz unter sich und allein mit ihren diversen "Portfolios" befasst sind, in den einschlägigen Warenkörben, mit denen die Geldentwertung offiziell beziffert wird, einfach keine Aktien oder sonstige Wertpapiere liegen, ist von einer Inflation weit und breit nichts in Sicht.
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Einen kleinen bemerkbaren Crash immerhin hat die Spekulation auf den Wachstumsmarkt Internet schon hinter sich. Mag sich der bürgerliche Sachverstand auch damit beruhigen, dass die etlichen Milliarden, die da auf einen Schlag vernichtet wurden, im Wesentlichen nur "Buchgeld" darstellten und deswegen die Entwertung des Kredits letztlich dann doch nicht so verheerend ausgefallen sei, wie im Grunde genommen eigentlich schon zu befürchten stand: Davon, dass allein wegen ihrer schieren Masse von der Spekulation auf die IT-Branche ein wenig mehr als der Lebensstandard der Spekulanten auf Börsenwerte abhängt, gibt diese Sorte von Entwarnung auf ihre Weise ja schon auch Zeugnis, wenn sie vermeldet, wen es "bloß" getroffen hat. Der Kredit jedenfalls, den die Nation - an ihren Börsen wie überhaupt - genießt, hat dem Vernehmen nach durch diese "größere Korrektur" nicht Schaden genommen, und dieser Umstand bewegt die öffentlichen Sorgenträger dann sogleich zu einer bemerkenswerten Erfolgsmeldung. Kaum der Sorge ledig, ob nicht die Entwertung fiktiven Kapitals auch die von Börsen- und anderen Werten außerhalb dieser Sphäre nach sich ziehen könnte, greift - so oder ähnlich - die Parole um sich: "Deutsche Börsen trotzen Abwärtstrend". Im selben Moment, in dem man die segensreichen Errungenschaften einer globalisierten Wirtschaft und einer weltweiten Börsenspekulation in Echtzeit zu spüren bekommt, ist von Globalisierung keine Rede mehr. Da hält der Standpunkt des nationalen Abrechnens Einzug und werden Vermögensverluste bilanziert - die in New York und Asien eingetretenen nämlich, denn dort sind Spekulanten und mit ihnen Nationen ärmer geworden, hier dagegen nicht. Zumindest längst nicht im demselben Maß, und allein das reicht den nationalen Bilanzführern dazu, einen Sieg des deutschen Standorts im globalisierten Finanzgeschäft zu vermelden. Die Spekulation auf die Wachstumsmärkte der Zukunft kann globalisiert sein, wie immer sie will: Buch geführt wird über die, die an der Akkumulation fiktiven Kapitals verdienen und die, die bei ihr Schaden nehmen, nach dem einzig sachgerechten Kriterium, nämlich in welchem national denominierten Kredit sich das Resultat ihres Spekulierens wie niederschlägt, wo also zu viel Kapital fiktiv akkumuliert wurde und daher gerechterweise vernichtet wird und wo nicht. Und da hat der Standort Deutschland diesmal nicht nur Glück gehabt. Der an den Tag gelegte Widerstand der deutschen Börsen gegen einen weltweiten Trend zeigt ja nur, dass diese Nation nun wirklich endlich an der Reihe ist, mit Information und der Technologie dazu reich zu werden:

Die angesichts der Lage einzig senkrechte Wachstumspolitik
Die politischen Hüter des deutschen Standorts, in dessen Netzen und um die herum sich das alles abspielt, betrachten das Treiben auf den Börsen und anderen Märkten mit Wohlgefallen. Dass mit den in hoheitlichem Boden verlegten Kabeln, Lizenzen für Funkverkehr usw. viel privates Geschäft gemacht wird, ist hierzulande seit längerem im öffentlichen Interesse, daher auch, dass es das Internet und ein www. mit dem Standortkürzel ‘.de’ gibt. Dass eine privatisierte Telefonbehörde das "Schwergewicht" im DAX ist, Software und Informationstechnologie überhaupt die Renner sind, ist für sie gleichfalls erfreulich. Mit dem Umstand, dass das gute Geld, das sie zum Zwecke seiner Vermehrung in die Zirkulation werfen, die dazu bisher üblichen produktiven Zwischenstufen zusehends für weniger zielführend erachtet, leben sie ja schon länger. Wenn sie jetzt verfolgen, wie ausgezeichnet die in Sachen Solidität des Geldes doch so sensiblen Agenten des Kreditüberbaus mit demselben Umstand leben können, werden in Anbetracht des Vertrauens, das da auf den Geldmärkten herrscht, alle ihre Bedenken in die weitere Haltbarkeit des aufgetürmten Kredits, die ihnen im Hinblick auf ausbleibendes reales Wachstum kommen mögen, schon ein wenig relativiert. Selbst wenn also das Spekulieren auf Erträge, die auf dem IT-Markt erwirtschaftet werden sollen, in dem Wissen expandiert, dass es diese Erträge ganz bestimmt nicht geben wird: Den Markt jedenfalls gibt es, und weil er wächst und in Zukunft mit Sicherheit noch wachsen wird, ist es der Wachstumsmarkt der Zukunft. Und weil das so ist, begründen die mit dem Internet laufenden Geschäfte Nr. 1- 4 gleich die Geschäfte Nr. 5 und Nr. 6: Die staatliche Versteigerung der eingangs erwähnten Lizenzen für den Funkverkehr auf dem letzten Stand der Technik, der den omnipräsenten Zugang zum Netz via Telefon gestattet, ist der Anstoß, die Konkurrenz der Telefongesellschaften auf ganz neuer Stufenleiter voranzubringen. Über Fusionen mit Inhabern dieser Lizenzen versuchen sie, das Geschäft mit dem Kommunizieren online von der Parkbank aus zu dem Ihren zu machen, indem sie sich in einzelnen Ländern, aber natürlich auch Staaten übergreifend, dem Ideal nach möglichst gleich als Monopol aufstellen. Und was den Staat als Geschäftssubjekt betrifft, so hat inzwischen allein das Recht zum exklusiven Gebrauch der neuen Technik einen so eindrucksvollen Marktwert, dass der Souverän, der es verleiht, die von ihm einkassierten Summen glatt als Sanierungsbeitrag für seinen Haushalt betrachten darf.
Ihre Einschätzung der Zukunft des IT-Marktes gewinnen die verantwortlichen politischen Standorthüter selbstverständlich nicht nach reiflicher Überlegung. Sie haben sich in bewährter Manier ganz an denen orientieren, die sich in Sachen Wachstum auskennen, und da verhält es sich - erstens - in ihrem eigenen Standort eben so, dass in dem "tertiären" oder "Dienstleistungssektor" mit der "weißen Wirtschaft" sehr viel Geschäft gemacht wird. Womit und wofür genau, ist ihnen genauso gleichgültig wie denen, die ihre Wachstumsperspektiven weniger in Röhren oder Erdgas, dafür mehr in Kabeln und Telefon sehen. Und wenn schon alle produktiven und Geldkapitalisten gleichermaßen davon ausgehen, dass sich die bekannten Probleme beim Absatz von Waren durch die Beschleunigung der Absatzwege erledigen lassen - warum sollten dann ausgerechnet sie daran zweifeln? Also verbuchen sie einen merklichen Rückgang des Industrieanteils an der volkswirtschaftlichen Gesamtleistung auf der einen, stellen dem eine ungefähre Verdreissigfachung des "Wertschöpfungsanteils" durch den "Faktor ‘K’" - K wie Kommunikation - auf der anderen Seite gegenüber, und sind zufrieden, wenn alles zusammengerechnet irgendwie dann doch mehr ergibt als im Jahr zuvor. Zumal die Hüter des deutschen Standorts - zweitens - von einem Blick über den Teich und hinein in das Vorbild aller kapitalistischen Standorte darüber belehrt werden, dass sie eindeutig auf dem richtigen Weg sind: "92 Monate Boom in den USA", "ohne Inflation", dafür mit "Überschüssen in der Staatskasse" - das ist schon sehr beeindruckend. Der größte Schuldner der Welt - und er schwimmt in echten Dollars. Seine Arbeitslosen schwimmen in Jobs und seine Arbeiter in Aktien, auf Pump zwar, aber wer lebt heutzutage nicht vom Kredit. Und was das Schönste ist: Das alles hat dieser Standort seiner Abteilung "new economy" zu danken! Freilich schon auch dem, dass, wie ein Hamburger Nachrichtenmagazin herausgefunden hat, der Reichtum, der dort einen "Konsumentenrausch" nach dem anderen stiftet und den sich die Nation zu ihrem BIP zusammenrechnet, aus einem "langanhaltenden Börsenboom" herrührt und zusammen mit den Aktienkursen vor allem die Zahl der Armen und Schuldner im Land gewachsen ist. Aber was soll’s, dann wächst der Kapitalismus in seinen Standorten heute eben so, mit viel kreditierten Investitionen in Hochtechnologie und noch mehr in den spekulativen Überbau dieses Sektors, und weil er so wächst, weiß ein deutscher Kanzler auch sofort, was er seinem Standort schuldig ist: Das Vorbild USA gilt es einzuholen, besser noch: zu übertreffen!
So präsentiert sich der Kanzler auf der CEBIT der Weltöffentlichkeit und verkündet eine riesige "Internet-Offensive", die der von ihm regierte Standort demnächst hinlegen wird. Exakt so, wie es - einige Zeit ist das allerdings schon her - der amerikanische Vize-Präsident vorgemacht hat, stellt auch er 5- bzw. 2-Jahrespläne für seine Nation vor. In denen sollen alle Schulen sowie die Hälfte der Deutschen vernetzt und die Anzahl der IT-Unternehmen - das sind die mit den "visions" - verdoppelt werden - weil eben das Internet als Markt "zu vernachlässigen eine Todsünde wider die wirtschaftliche Vernunft, wider das eigene Interesse wäre". Alles in seiner Macht Stehende will er also dafür tun, dass demnächst wirklich keiner mehr ohne Maus und Handy auskommt, und sozial und menschlich, wie er ist, kann er das auch noch als Kampf gegen eine "erneute Klassentrennung" ausdrücken. Nachdem von derjenigen, die mit der Verfügungsmacht über Geld einhergeht, in einer "entwickelten Wissensgesellschaft" ohnehin weit und breit nichts mehr zu sehen ist, kann die neue, die es zu verhindern gilt, nur an der Verfügung über - richtig: - Wissen hängen. Die wiederum hängt - schon wieder Volltreffer: - an einem kleinen Netzstecker: "Jeder, der in Zukunft in diesem Bereich nicht kommunikationsfähig ist, wird nicht mehr, sondern deutlich weniger berufliche und damit Lebenschancen haben. Dies ist der Grund, warum die Politik (...) eine Partnerschaft mit der deutschen Wirtschaft anstrebt." An der Sache mit den Lebenschancen mag man, wie die Dinge liegen, nicht zweifeln, dafür aber umso mehr am vom Kanzler bemühten Grund für diese Zukunftsvorsorge. Die Chancen nämlich, deren Besserung er im Kopf hat und an deren Zukunft er wirklich glaubt, betreffen nicht die im Standort um Arbeit Konkurrierenden, sondern die Konkurrenz des Standorts gegen andere, und ausdrücklich auf die ist Schröders Initiative gemünzt. Da hat ihm irgendjemand gesteckt, dass es, um mit Amerika wenigstens gleichzuziehen, in Deutschland viel zu wenig "Potential" gibt, softwaremäßig betrachtet. Es gibt zwar auch hier viele, die sich aufs Programmieren verstehen, flüssig JAVA sprechen und sogar Zeit hätten, sich nützlich zu machen. Aber die sind ja nicht zufällig arbeitslos. Mit dem, was sie sind - zu alt, zu unflexibel - und können - immer nur das, was gerade erfolgreich überholt worden ist -, kann man sie ja schon jetzt nicht mehr brauchen, für die Zukunft also erst recht nicht. Anderswo dagegen gibt es genau die. Von denen sind zwar auch schon einige hier. Aber von denen könnte man hier und jetzt womöglich noch mehr gut gebrauchen - also nichts wie her mit ihnen: "Green-Cards" für Inder und Osteuropäer - weil Deutschland die Software-Produktivkraft, die die im Kopf haben, sich nicht durch die Lappen gehen lassen will. Weil ein deutscher Kanzler eben frei und unbehindert über den menschlichen Stoff verfügen können möchte, den sein Standort möglicherweise gut brauchen kann, und keinesfalls möchte, dass die "USA die besten Leute allein bekommt"- soweit des Kanzlers Beitrag in Sachen "Demokratisierung des Wissens" durchs Internet. Weil es die USA sind, die er - wie weiland Genosse Nikita, nur eben an der Front Internet - im Verein mit seinen europäischen Kollegen "in 10 Jahren überholen" will, ist jeder von diesen ‘Besten’, der hier ist, schon allein deswegen ein Vorteil, weil der sich dann zumindest nicht mehr für den Konkurrenten nützlich machen kann. Wie und wodurch er sich hier nützlich machen kann, wird er dann sehen.
Wo so auch noch der politische Vorstand des Standorts nicht nur allen Recht gibt, die auf Wachstum durch "IT" setzen, sondern mit seinem für die Wachstumszukunft von Deutschland wie Europa unbedingt nötigen Import sogar von Indern auch noch eine Aufwallung des gesunden Volksempfindens in Kauf nimmt, kann eines gar nicht ausbleiben:

Auch noch die "Aktienkultur in Deutschland" wächst
Das Volk ist ja so dumm auch wieder nicht. Knapp bei Kasse, wie es notorisch ist, hat es immer ein offenes Ohr für Alles, was diesem leidigen Zustand Abhilfe verheißt. Und da war erstens von den politisch Verantwortlichen, von deren gesetzgeberischen Verfügungen nicht unmaßgeblich abhängt, von wie viel Lohn, Lohnersatz- und Rentenzahlungen man zu leben hat, schon seit längerem zu hören, dass - insbesondere, was Letztere betrifft - der Besitz von Aktien in Anbetracht der absehbaren Notlagen im Alter für alle Minderbemittelten wie geschaffen sei. Sich eine Handvoll dieser süßen Papiere zu kaufen, sie so lange liegen zu lassen, bis man alt ist, und nach ihrem Verkauf dann prima vom Profit zu leben: Das ist weder eine dumme noch sonst überhaupt eine Spekulation, sondern bringt in jedem Fall viel mehr an Besitz und vor allem an Sicherheit, als man sich von einem Staat, der an allen unproduktiven Kosten zu sparen hat, jemals erwarten darf. Zweitens hat das Volk erfahren, dass alles, was die Lohn- und Rentenexperten über diese soliden Reichtum versprechenden Papiere erzählen, haargenau stimmt: Haufenweise werden Leute mit Aktien reich. Und zwar drittens, wie seiner Aufmerksamkeit auch nicht entgeht, indem sie sich diese sagenhaften "Technologie-Werte" anschaffen, von denen alle reden. Da zählen die aufmerksamen Leute dann 1 bis 3 zusammen und wissen, was sie zu tun haben: Sie nehmen eine Gelegenheit, von der alle Welt sagt, sie wäre eine und zwar auch für sie, einfach wahr.
So bricht ein "Aktien-Wahn" aus, womit die öffentlichen Experten von Bild-Zeitung bis Spiegel selbstverständlich nichts gegen diese Blüte des kapitalistischen Irrsinns selbst gesagt haben wollen. Sie äußern lediglich Befremden darüber, dass und wie sich da Leute in einer Sphäre am Vermehren des abstrakten Reichtums versuchen, die für sie gar nicht vorgesehen ist. Bloß eine "schnelle Mark" wollen sie machen, wissen dabei nicht einmal, was ein Halbleiter ist - wo doch bekannt ist, dass Banken und Fondsgesellschaften bei Börsengängen im Grunde gar nichts verdienen wollen und Analysten generell erst in Physikbüchern nachsehen, bevor sie ihre Kaufempfehlungen herausrücken. Pure "Gier" also, die die Massen in die Banken und dazu treibt, etwas zu zeichnen, dessen Namen sie nicht einmal richtig schreiben können. Klar, dass sie das dann gleich "mehrfach überzeichnen" - was zwar sehr erwünscht, weil genau im Interesse des Erfinders wie auch aller professionellen Spekulanten ist, in ihrem eigenen aber natürlich gar nicht liegen kann. Die Quittung bekommen sie dann auch prompt: Die Firma kassiert ihren satten Gründungsgewinn, die Banken verdienen mit, die so genannten institutionellen Anleger verdoppeln ihr eingesetzes Vermögen in einem Tag - und die Laien des Spekulierens dürfen bei t-online gleich noch einmal versuchen, reich zu werden, und mit dazu beitragen, dass zwar schon wieder nicht ihre, dafür aber höchstwahrscheinlich die Spekulation aller anderen aufgeht.
Das hat also noch gefehlt - Geschäftszweig Nr. 7 des Internet: Die Armen, die immer ärmer werden, verhelfen den Reichen nicht nur mit ihrer Arbeit, sondern auch noch an den Börsen dazu, immer reicher zu werden. Und auch das demnächst womöglich nur noch via Internet, denn um exakt so zu bleiben, wie er ist, nimmt der Kapitalismus die spektakulärsten Revolutionen in Kauf - und rationalisiert selbst noch seine Börsenparketts weg!

aus Gegenstandpunkt 3/2000






Es war Tag. Licht schien in den Raum.
Kein Laut mehr. Kein Schmerz. Karl war froh. Jetzt ging es ihm gut. Jetzt erst.
Licht schien in den Raum. Es war Tag. Gott sei Dank!
Noch kurz vor sechs Uhr früh, schien ihm klar, dass er dem Grab nah sei.
Nein, Angst gab es für ihn sonst nicht. Doch die Nacht war wie ein Netz aus Tod. Es fing an wie ein Traum. Ja. Karl lag im Bett, als es los ging.
Fast schon schlief er. Da! Klirr! Glas fiel.
Karls Druck auf den Knopf des Lichts war ohne Glück. Kein Licht.
Nichts war mehr hell. Kein Licht drang in den Raum – auch nicht das vom Mond. Und jetzt war es auch noch laut. Wie ein Schrei! Und dann der Schmerz! Er war im Kopf. Der Schrei und der Schmerz. Die Uhr an der Wand schlug. Eins – zwei – drei – vier. Die Nacht nahm jetzt ein Rot an - fern von hier. Karl sah es nicht. Kein Licht drang zu ihm. Und der Schmerz blieb. Er war laut. Jetzt kam auch noch die Angst.
Karl schlug um sich. Doch es half nicht. Die Zeit rann fort aus der Uhr. Es schlug fünf. Noch traf kein Licht Karls Lid. Nur die Nacht war da. Dick und hart – voll Schmerz. Ein Ton sog den Rest des Glücks aus Karls Kopf. Der Wunsch nach dem Grab kam. Er war laut und grell und schrill. Er war die Angst. Und er blieb, bis es sechs schlug. Dann war er weg. Es wurde hell.
Es war Tag. Licht schien in den Raum. Kein Laut mehr. Kein Schmerz.
Karl war froh. Jetzt ging es ihm gut. Jetzt erst. Und es gab auch ein Stück Glück. Der Schmerz war fort. War es ein Traum? Glas klang an Karls Fuß. Er stieß es weg. Er stieß auch die Angst weg, dass nicht Schluss war.
Licht schien in den Raum. Es war Tag. Gott sei Dank!

Ginger

Nicht veröffentlichte Leserbriefe

Teil 1
[Zuschrift auf den Leserbrief "Erst Verbrechen begehen, dann Kasse machen?" von Anfang des letzten Sommers in der Ostsee-Zeitung.]

Es gibt da wohl noch einiges mehr "gut zu überlegen", als daß Arno Funke öffentlich in Erscheinung treten darf "und Kasse machen".
Meines Wissens tritt z.B. die Bundesregierung tagtäglich öffentlich auf und kein Hahn kräht danach, daß sie mit ihrem polizeiliches Führungszeugnis (falls es eines gäbe, aber wer kann schon was gegen die Herrschaften tun - außer alle 4 Jahre Kreuze zu machen, wohl wissend, daß die Herren und Damen beliebig auswechselbar sind, das System hält sich auch mit wechselnder Mannschaft "bestens") nirgendwo einen Arbeitsplatz bekommen würde (was sie ja auch nicht nötig hat...).


Freiheitsbrücke in Novi Sad, im Mai 1999 zerstört

Vergessen? Mit dem Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien im vorigen Jahr verstieß die Bundesregierung gegen die UN-Charta, gegen die UNO-Völkermordkonvention, gegen das Umweltkriegsverbot der Genfer Konvention, gegen das Vertragswerk von Helsinki (OSZE), gegen den NATO-Vertrag, gegen den 2+4-Vertrag (die Grundlage der Vereinigung), gegen das Grundgesetz, gegen das Strafgesetzbuch, gegen das deutsche Soldatengesetz, gegen die Koalitionsvereinbarung, gegen die Grundsätze beider Koalitionsparteien und ihre Wahlprogramme.
Und wie darf man nun diese "Idole in der Spaßgesellschaft" nennen?
Tja, "seht her, Verbrechen lohnt sich!".
Am selben Tag meldet Ihre Zeitung, daß Ministerpräsident Clement 50.000,- Mark für einen Flug Köln nach Rostock und zurück verbraten hat (ungefähr so ein Ge-samteinkommen habe ich für mich und meine beiden Kinder in zwei Jahren...). Paar Tage später darf ich lesen, daß Herr Kohl bislang 21 Bundestagssitzungen versäumt hat und dafür lächerliche (bei seinem Gehalt) 2200,- Mark Strafe zu berappen hat. Jeder ernstzunehmende Arbeitgeber hätte solchen Arbeitnehmer gefeuert. Aber "Spaßgesellschaft" macht's möglich.
Diese Spitze unserer Eisgesellschaft kehrt sich offenbar einen Dreck um bestehende Gesetze, Richtlinien, den moralischen Konsens oder nur den Anstand, wenn es um Interessendurchsetzung geht.
Von noch kommenden Gesetzen fast zu schweigen. Wer weiß, vielleicht wird das Bauen von Autobahnen, das Betreiben von Kernkraftwerken, das Vorstehen in der Chemieindustrie einmal strafbar? Wenn sogar s.g. Grundrechte (laut GG) auf den Müllhaufen der Geschichte wandern können, wie Schutz der Privatsphäre, Asylrecht, Verbot von Angriffskriegen vorführen.
Und sehr wahrscheinlich werden spätere Generationen die NATO, die Weltbank u.ä.m. als verbrecherische Organisationen verstehen - heute mit hochbezahlten Leuten "mit weißer Weste" an den Drückern. Und unsere Gesellschaftsform, die einen ganzen Planeten samt darauf lebenden Menschen im Würgegriff hat, als ebenso finster, wie wir jetzt das Mittelalter sehen.
Aber wir stehen ja erst am Anfang und über Arno Funke kann ich wenigsten noch lachen.

Roland Gorsleben, Zarnekla

Covervorschläge für LOver 30

Da sind sie: die Vorschläge für den LOver 30. Leider nicht so viele wie erhofft, aber immerhin.
Der außergewöhnlichste Vorschlag kommt von Clemens: ganz weiß, ohne alles. Das weiße Album sozusagen. Vielleicht zum Selbermalen!? Nun - es ist an euch, das Cover zu wählen, das den LOver 30 zieren soll. Und da steht dann ggf. auch der verspäteten Eigeninitiative nichts im Wege.
Obwohl sich sowieso jeder seinen Schutzumschlag basteln könnte. Und wer hat schon?! Na also.
Eigentlich wollte ich die Entwürfe ja anonym zur Wahl stellen, aber die 'Handschriften' sind teilweise einfach unverkennbar. ;-)
Und ihr laßt euch doch unerschütterlich durch euren Geschmack und nicht durch Namen leiten. Die Vorschläge sind von Clemens (ohne Bild) und ansonsten (v.l.n.r.) - genau! - Dirk, Ginger & Hansi, Anna, Achim und Ro Li B..
Euren Favoriten bitte per eMail an mich schicken. (leopold.lapsus@gmx.net)
Allen Einsendern der Vorschläge ein ganz großes Dankeschön. :-)

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Es war einmal... ein Jahrhundert

Teil 6

"My Mother Is Not The White Dove & The Future Is A War"
oder: "All My Heroes Are Dead" - die 90er Jahre

"Baby, du hörst Country und auch mal 'nen Rock and Roll/ und dein kleiner Bruder findet Grunge und Metal toll/.../ Baby schau mal rüber, schau über den Tellerrand/ sag mir nicht, du weißt nichts oder du hätt'st nichts gekannt/ .../ 4, 5, 6, sing doch mal 'nen Schlagertext..." (Roy Luna: "Eins, Zwei, Drei - A little Schlagermusik")

Nirvana"The 68-convention was a-singing 'The times they are a-changin'', but I guess that they had changed back..." (Dar Williams: "All My Heroes Are Dead")

"Come on people now, smile on your brother and/ everybody get together, try to love one another right now" (Nirvana: "Territorial Pissings")

"Feel like a prisoner in a world of mystery/ I wish someone would come/ And push back the clock for me..." (Bob Dylan: "Highlands")

"I don't need the trail moonlight/ This old horse knows his way home..." (John Flynn: "Old Paint")

Ihr wisst selbst nur all zu gut, was in der vergangenen Dekade passiert ist, ihr seid die Konservenmusikkonsumenten, ihr seid die Konzertsaalbesetzer. Trotzdem soll der Schritt vollzogen, das Gehirn noch einmal angestrengt, Vergangenheit bewältigt werden. Da ich ein artiger Junge bin und es aber auch wirklich so meine, möchte ich den Herausgebern von "Der Schallplattenmann sagt" dafür danken, dass sie mir einerseits so viel Webspace überließen, andererseits mir dadurch die Faulheit nahmen, das Ganze endlich in Worte zu fassen. Dieser letzte Teil, nehmt es nicht persönlich, wird sehr persönlich. Mir ist grad danach. Einige von euch kennen vermutlich "High Fidelity" von Nick Hornby (bei Gollancz/Knaur).

Verdammt viele Hit-Listen kommen in diesem Roman vor, z.B. die besten Montag-Morgen-Songs. "Okay, Jungs, die fünf besten Songs über den Tod." Die fünf besten ersten Stücke auf der ersten LP-Seite, usw. Und natürlich, am Schluss, die fünf Lieblingsplatten aller Zeiten. Da ist das Scheitern vorprogrammiert. Was Hornby karikierte, schrieben uns all die Musikmagazine selbstbewusst und allen Ernstes vor: die 100 wichtigsten Alben eines ganzen Jahrhunderts, ranking-mäßig (!!) noch dazu. Die 90er Jahre kamen kaum vor. Nirvana, Massive Attack. Vielleicht die eine, selten die andere R.E.M.-Scheibe. Das war's auch schon. War's das wirklich?

Langsam formuliert, regiert die Schnelllebigkeit. Der Rhythmus passt sich an, Worte werden kaum gebraucht, um das Lebensgefühl zu vermitteln.

Sampling, ein Modewort. Ein Lied ist nicht ein Lied, sondern die Zusammenführung mehrerer. Die dazu nötige Ausstattung, quasi die Bandmitglieder, erhält man beim PC-Discounter im Ausverkauf, softwaremäßig verpackt, vom Bandleader gefühlvoll installiert. Output? Reizüberflutung. "American Pie" von Madonna.

Dabei fingen die 90er Jahre vielversprechend an. Neil Young & Crazy Horse fanden zu ungeahnten Höhen zurück, veröffentlichten "Ragged Glory", ein Feedback-getränktes Gitarren-Inferno. Ganz anders, aber um nix schlechter: Beausoleil mit "Cajun Conja", Johnny Cashs "Unchained", die titellose David Byrne-CD, Willy DeVilles heroingeschwängertes "Loup Garou", Steve Earles "El Corazon", Van Morrisons "The Healing Game" sowie -- perfekter Ausklang der 90er Jahre -- Bob "I'm listening to Neil Young, I gotta turn up the sound/ Someone's always yelling turn it down" Dylans Grammy-verziertes "Time Out Of Mind". Da sind wir wieder bei den "Alten". Man kommt nicht um sie herum.

Vergessen wir sie trotzdem mal für eine Weile. Wer sind wessen Erben? Oasis, Blur, Portishead, Pulp, Nine Inch Nails, Supergrass, Ocean Colour Scene, Cake, The Bathers, Belle & Sebastian, The Walkabouts, Beck, Natalie Merchant, Wagon, Counting Crows, The Breeders, Eels, Cranberries, Tindersticks, Bad Religion, Muse, Flaming Lips, Lambchop, Offspring, 16 Horsepower, Beth Orton, Lisa Mednick, Suede, Alanis Morissette, P.J. Harvey, Robyn Hitchcock, Indigo Girls, Maria McKee, Penelope Houston, Gary Floyd Band, Rachel Bissex, Rufus Wainwright, Smashing Pumpkins, The Wallflowers, Björk...? Kopf schütteln oder Kopf nicken? Wer davon ist zeitenüberdauernd? Wer wichtig für die kommenden Dekaden?

Phänomen: Bis vor wenigen Jahren war's so, dass ich mich einem neuveröffentlichten Tonträger längere Zeit widmen konnte. Es gab gewisse Prozeduren, die ich einhielt, und: Vorfreude. Dann: Enttäuschung. Oder: Befriedigung. Das hat sich geändert. Massiv. Ich komme kaum mit dem Hören nach. Es gibt ja so viel. Täglich. Theorie: Ja, es gibt Zeitenüberdauerndes, auch heute noch, klar. Gültiges entstehen zu lassen, kann scheinbar einfach sein. Ein Gesangsmikrophon, eine Gitarre. Begeben wir uns also in ein (amerikanisches) Wohnzimmer. Vorweg: Der Sänger ist frustriert über den (zumindest musikalischen) Weltenlauf und weiß nicht, wie es mit ihm weiter gehen soll, die Aufnahmetechnik änderte sich viel zu sehr, da will er jedenfalls nicht mit. So sitzt er also in seinem Wohnzimmer, schaltet das Aufnahmegerät ein und spielt alte Songs. Ganz alte Songs. Da waren wir (er inklusive) noch nicht geboren. Es entsteht eine eigentümliche Stimmung, als ob die alten Sängerinnen und Sänger plötzlich in seinem Wohnzimmer stehen und ihm über die Schulter schauen, ob er deren Erbe ja auch würdig verwaltet. Sein Herz blutet, ihm ist auch keineswegs nach Fröhlichkeit zumute, so die Lieder: Weltschmerz, Vereinsamung, Verlust, Trauer, Wehmütigkeit, Mord, unglückliche Liebe, stets die Flucht vor Augen. Seine Stimme vereint das Elend Amerikas, die Tragödien seiner musikalischen Vorfahren: Blind Willie McTell, Blind Willie Johnson, Memphis Minnie, Frank Hutchinson und wie sie alle hießen, all jene, die uns den Grundstein legten und bis zum heutigen Tag so gut wie unbekannt und vergessen sind. Er liefert die Songs bei seiner Plattenfirma ab, die wissen kaum etwas damit anzufangen, promoten es auch nicht, zu widerspenstig und vor allem alt, einfach alt klingen die Songs. Wer soll das kaufen? Wo soll das gespielt werden? MTV? Viva? VH-1? Es ist nicht einmal elektrisch, damit es "Unplugged" zu Ehren kommen könnte. Na ja, veröffentlichen wir es halt. Auch wenn er nicht mehr relevant und anscheinend ziemlich verschroben ist, hat er ja doch einen Namen: Bob Dylan. Greil Marcus darüber im 1997 erschienenen "Invisible Republic: Bob Dylans Basement Tapes" (Holt/Rogner&Bernhard): "The songs removed him from the prison of his own career and returned him to the world at large." Heraus kam absolut zeitloses wie "Pink Moon" von Nick Drake (siehe Teil 4 dieser Serie). Und das in den 90er Jahren. Da soll noch jemand behaupten, the "World Gone Wrong". Erstaunlich.

Dar WilliamsWeitere sehr gute Akustik-Performances: Dar Williams ("Honesty Room", "Mortal City"), Neil Young ("Harvest Moon"), Johnny Cash ("American Recordings"), Tom Petty ("Wildflowers"), Lucinda Williams  ("Car Wheels On A Gravel Road"), Ana Egge ("River Under The Road"), Betty Elders ("Crayons"), Gillian Welch ("Revival", "Hell Among The Yearlings"), Nirvana ("Unplugged In New York"), Small Potatoes ("Time Flies"), Kate & Anna McGarrigle ("Matapedia"), Michelle Shocked ("Kind Hearted Woman"), Loudon Wainwright III ("Social Studies").

Es gibt Themen, die waren anscheinend irgendwie schon immer da: Liebe und die dazugehörige Eifersucht, die nicht selten blutig endet. Oder: Mord, Amok, Koma, Tod.

Nick CaveNick Cave verarbeitete dieses Gewalt-ige Thema auf "Murder Ballads". Alte Quellen wurden dabei angezapft: Zum Beispiel "Henry Lee" oder "Stagger Lee", beides Songs, die auf "World Gone Wrong" und "Anthology Of American Folk Music" (siehe Teil 2 dieser Serie) zu finden sind. Ob Dick Justice und Frank Hutchinson heute ähnlich klängen, kann nur vermutet werden. Die Blutspur von "Murder Ballads" jedenfalls endet versöhnlich. Kindlich-ironisch mit "Death Is Not The End" von -- richtig -- Bob Dylan, dessen Version wiederum auf "Down In The Groove" von 1988 zu finden ist, das wiederum sechzig Prozent Cover-Versionen beinhaltet... Cover-Versionen also. Die 90er Jahre lebten davon. Ziemlich gut sogar. Wozu sich übermäßig anstrengen, wenn das Füllhorn quasi endlos ausschütten kann? Schließlich passen die alten Songs auch wirklich gut in neue Kleider. Michelle Shocked gelang mit "Arkansas Traveller" eine wunderbare Amerika-Zeit-Reise.

Leslie Shatz blieb da schon in konventionelleren Schienen, versuchte einfach diese Songs vor dem Vergessen zu bewahren. Marke Archiv. Ihre Versionen sind gut, widerspiegeln allerdings in keinster Weise die 90er Jahre.

Da musste schon jemand herhalten, der sich den Gewehrlauf in den Mund steckte. Das Foto kennen wir. "Where Did You Sleep Last Night?" von Leadbelly (1888 bis 1949) in der Version von Nirvana, personifiziert durch Kurt Cobain (1967 bis 1994), der auch tatsächlich den Abzug drückte, also jung starb und dadurch zur Kult-Figur wurde. In dieser Version jedenfalls ist die Eifersucht hörbar und das ganze restliche Leiden wie auch die Leidenschaft selbst des jungen Sängers. Vergleicht mal die Originalversion von Leadbelly, zu finden z.B. auf "Goodnight Irene" (1996), ferner die Version des jungen Bob Dylan (das leider nicht regulär am Markt zu finden ist) und ihr hört drei verschiedenartig interpretierte Lieder, obwohl die Instrumentierung jedes Mal so gut wie identisch ist.

Das klingt jetzt schon ziemlich wissenschaftlich und das hat seinen guten Grund, denn in den 90er Jahren wurde Musikgeschichtsaufbereitung ziemlich populär. Der Markt wurde und wird weiterhin noch mit CD-Boxen regelrecht überschwemmt. Die meisten stellen so eine Art "Best of..." mit zum Teil bis dato unveröffentlichten Studio- und/oder Live-Aufnahmen dar. Nicht alle sind gelungen (Roxy Music!), manche sehr. Ein Box-Highlight stellt Allen Ginsbergs "Holy Soul Jelly Roll -- Poems & Songs" dar, was nicht nur Literatur, sondern eben auch viel Musik bedeutet (siehe auch Teil 5 dieser Serie). Eigentlich eigenartig, dass unsere Schnelllebigkeitsgesellschaft CD-Boxen mit Monsterlängenspieldauer verträgt. Live-Konzerte passen da schon besser ins Bild -- der Moment, dabei zu sein, darüber zu reden, oder es (das Konzert) gleich wieder zu vergessen.

Ein Monsterprojekt, beginnend 1988, abgeschlossen 1992, realisierte einer, der dem improvisationsgepaarten Perfektionismus nahe stand und seit 1964 als Live-Künstler agierte: Frank Zappa. "You Can't Do That On Stage Anymore" (6 DoCDs) beziehungsweise "The Best Band You Never Heard In Your Life" (2 DoCDs) nennt sich diese beeindruckende Sammlung magischer Live-Momente, die so gut wie ohne Overdubs auskommt und keinerlei Chronologie einhält, sondern einzig Zappas Gedanke, ihn als ideen- und variantenreichen Live-Musiker in Erinnerung zu behalten. Das ist ihm gelungen, unberechenbar wie er war.

Allen GinsbergBleiben wir gleich bei denjenigen, die das Jahr 2000 nicht erlebten: Townes Van Zandt, Jerry Garcia, Jeff Buckley, Rio Reiser, Doug Sahm, Allen Ginsberg, Nusrat Fateh Ali Khan, Curtis Mayfield, Rick Danko, Mark Sandman, Fred "Sonic" Smith, Sterling Morrison, um nur einige wenige aufzulisten.

Frage: Kann es den perfekten Song geben? Zweite Frage: Soll es einen perfekten Song geben? Wenn ja, und falls dieser zustande kommt -- dritte Frage: Was dann? 1991 prägte der US-Schriftsteller Douglas Coupland mit dem Roman "Generation X -- Tales for an Accelerated Culture" (Goldmann) den Begriff "Generation X". Waren deren Eltern noch von den Studentenbewegungen und dem Hippietum beeinflusst, sowie der Glaube vorhanden, dass (dadurch) der Weltfriede entstünde, sehen sich die Kinder, die "Generation X" eben, als Verlierer in einer ruinierten, trostlosen Welt voll Umweltzerstörungen und atomaren Bedrohungen. Unbefriedigende, noch dazu schlecht bezahlte Jobs treiben die ab 1960 Geborenen oftmals in eine Art innere Emigration. Dabei fiel 1989 die wohl symbolkräftigste Mauer. Die unsichtbaren blieben uns erhalten.

Wen wundert es also, dass Techno entstand, diese abstruse computergenerierte Tonerzeugung und Tonmanipulation, und zum fixen Bestandteil mehrtägiger Massenveranstaltungen wurde. Hektische, synthetische Beats, Textfragmente, gesampelte und geloopte Melodieversatzstücke als stets wiederholende Klangcollagen, dazu Ecstasy-Tabletten -- und schon haben wir einen weiteren Begriff: "Generation XTC", geprägt vom Autorenduo Friedhelm Böpple und Ralf Knüfer ("Generation XTC - Techno und Ekstase", Volk & Welt). DJs wie Sven Väth sind mittlerweile gefeierte Musiker -- Musiker, die ohne Akkorde auskommen und was sich vor 30 Jahren "Woodstock" nannte, heißt gegenwärtig "Love Parade". Der prägnanteste Unterschied: "Woodstock" blieb einmalig. "Love Parade" ist wie Weihnachten.

Die "Generation X(TC)" kümmert sich nicht um Politik, protestiert daher auch nicht. Protest -- im wesentlichen -- bleibt weiterhin der Folk-Szene vorbehalten. Folk-Music bedeutet nicht mehr ausschließlich Akustik-Gitarre und Gesang, sondern ein Gruppen-Gefüge, noch dazu "Eing'steckt" (wer weiß, vielleicht kam es dadurch auch zum "Ausg'steckt"-Hype, also "Unplugged", wie es üblicherweise heißt). Die Texte behandeln Kindesmissbrauch (Betty Elders "Crack In The Mirror"), Todesstrafe (Indigo Girls "Faye Tucker"), (Golf)-Krieg (Loudon Wainwright III "Bad Man"), Protest gegen das Cannabis-Verbot (Dar Williams "The Pointless, Yet Poignant, Crisis Of A Co-Ed") oder Zukunftsangst im allgemeinen (Exene Cervenka "The Future Is A War").

1988 wiederbelebte das Eiscreme-Hersteller-Duo Ben & Jerry nach mehr als 20 Jahren Pause das Newport Folk-Festival, schufen damit erneut eine Art Lobby für "politisch korrekte" MusikerInnen. Alternde Folkstars wie Tom Paxton und Janis Ian stehen mit jungen Independent-Folkies wie Sinead Lohan, The Burns Sisters und The Nields auf der Bühne. Nicht nur das Eis, auch das Flair in Newport ist unwiderstehlich. Ein Erlebnis sozusagen. Parallel dazu formierte sich aufgrund des Konzepts von Sarah McLachlan die Musikerinnen-Szene und zelebriert seit 1997 das Festival "Lilith Fair -- A Celebration Of Women". Musikalisch betrachtet sind keine Grenzen gesetzt. Einzige Bedingung: Frau sein. Der Reinerlös von "Lilith Fair" kommt Frauenorganisationen zugute.

Und überhaupt, die karitativen 90er Jahre: Zu Beginn des Jahrzehnts etablierte sich die feine CD-Serie "Red Hot AIDS Benefit Series", beginnend mit "Red Hot & Blue". Zahllose MusikerInnen aller Genres (von David Byrne bis George Michael, von Lisa Germano bis Lisa Stansfield, von Uncle Tupelo bis Soul Asylum) spendeten einen extra dafür eingespielten Song. Eingekleidet, je nach musikalischem Thema der CD. Diese Serie widerspiegelt meines Erachtens die 90er Jahre am perfektesten, musikalisch wie inhaltlich. Das eingespielte Geld wird in die AIDS-Forschung und die Betreuung AIDS-Kranker gesteckt.

Nun, das war's. Das heißt, fast. Was fehlt (neben den Platten-Tipps in der kommenden Woche), ist noch ein gut durchdrungener Schluss, ein Letzt-Wort oder ein Zitat wie "Don't sell your soul for a song/ Life's more than three minutes long..." oder "The party's over, and there's less and less to say/ I got new eyes/ Everything looks far away...". Hilfreich wäre auch ein zutreffender Blick in die Zukunft, aber den mag und vor allem kann ich nicht bieten. Den Blick auf die Vergangenheit hatten wir ja bereits zur Genüge. Bliebe noch die Gegenwart übrig. Und die hat jede/r selbst zu ertragen. Amen. [mh]

Plattentips zu den 90ern

Weder chronologisch, noch alphabetisch und überhaupt wird da einiges ausgelassen, nämlich im Wesentlichen die bekannteren Sachen, von denen nur die allerwichtigsten erwähnt werden. Tatsache jedenfalls ist, dass ich nach vier A4-Seiten einfach aufgehört habe, weiter zu machen. Nun, das Ergebnis, stark komprimiert:

Penelope Houston "The Whole World" (Normal, 1993): Das ist jenes Album mit "Glad I'm A Girl", aber auch den Rest sollte man kennen.

The Saw Doctors "Same Oul' Town" (Shamtown, 1996): Ziemlich viel unplatter Irish-Rock. Straight. Einfach wunderbar.

Mike Scott "Bring 'Em All In" (Chrysalis, 1995): Ex-Waterboys in Hochform. Volle Lautstärke wird empfohlen.

Throwing Muses "University" (CAD, 1995): Kirstin Hersh bevor sie zur Solo-Künstlerin avancierte. Sperrig. Öffnet sich erst so nach und nach, aber dann ist das Vergnügen dafür umso größer.

Victoria Williams "Loose" (Mammoth, 1994): Sie hat nicht nur einen guten Ruf, sie verdient ihn sich auch. Nicht nur mit dieser Platte. Schönes Cover obendrein.

Various "The Real Music Box/25 Years of Rounder Records" (Rounder, 1995): Ein Jubiläum und wir durften mitstaunen, was da alles im Rounder-Köcher ist! Vier Doppel-CDs mit vier Themen: Bluegrass, Blues, Folk, Louisiana-Music. Als Bonus eine Mix-CD. Wunderbare Photos. Die Highlights wollen und wollen bei dieser Compilation-Box einfach kein Ende finden. Bösartige Zungen behaupten, weil darauf nix aus den 90ern ist...

Various "Honor: A Benefit For The Honor Of The Earth Campaign" (Daemon, 1996): Exene Cervenkas schreierfülltes "The Future Is A War" ist nur ein Höhepunkt unter vielen. Der vermutlich beste Bruce Cockburn-Song ("Wise User") ist auch drauf.

Moxy Fruevous "Bargainville" (Atlantic, 1993) und "B" (Warner, 1996): Moxy, wie, wer, was? Eine kanadische Gruppe mit Harmoniegesang und ziemlich vielen Stilbrüchen aller Art. Live schlichtweg grandios. Harmoniegesang, Rap, Alternativ-Rock. Also von Beach Boys bis Beastie Boys und retour zu Nirvana. Alles in ihrer eigenen urtümlichen Art. Violent Femmes lassen grüßen.

Zita Swoon "I Paint Pictures On A Wedding Dress" (Warner): Verrückt und unberechenbar wie die 90er. Da ist ziemlich viel drinnen.

Sophie Zelmani "Sophie Zelmani" (Sony, 1995): Das Debüt war quasi makellos. Zwar nicht sehr kantig, dafür aber einfach schöne Folk-Music.

Ana Egge "River Under The Road" (Lazy S.O.B., 1997): Ebenfalls ein Debüt. Die Texanerin macht so richtig texanische Musik mit echt texanischer Gitarre und urtexanischem Gesang. Unwiderstehlich. Quasi ein Naturereignis.

Various "Songs Of The Civil War" (Sony, 1991): Darauf befinden sich Lieder aus dem Sezessionskrieg, neu eingespielt von u.a. Kate & Anna McGarrigle, deren Version von "Hard Times" zweifellos zu den besten gehört. Schon alleine deswegen Pflicht.

Eddi Bo "Shoot From The Root" (Soulciety, 1996): SwampFunk, oder so ähnlich. Jedenfalls ziemlich groovy. Macht verdammt viel Spaß.

The Burns Sisters "Songs Of The Heart" (BMI, 1992): Vier Schwestern zwischen Folk, Country und irischen Elementen. Sehr sympathisch. "Dance Upon The Earth" eine echte Herzeigenummer.

Betty Elders "Crayons" (Flying Fish, 1995): "Crack In The Mirror" alleine ist schon ziemlich viel (Geld) wert. Die Sängerin tourte mit Joan Baez und ist trotzdem gut.

Galaxie 500 "Copenhagen" (Rykodisc, 1997): Atmosphärisch dicht, viel Gitarrenlärm. War dem (Nach)hören nach ein gutes Konzert.

Lisa Mednick "Artifacts Of Love" (Blue Rose, 1996): Eine Sängerin und Songwriterin, die mehr Aufmerksamkeit verdiente, als ihr zuteil wird.

Aber so waren eben die 90er.

Beth Orton "Trailer Park" (Heavenly, 1996): Siehe Lisa Mednick. Wobei Orton sich erst nach mehrmaligem Hören entfaltet und mit der Zeit gewinnt/reift. Eine Platte für einen ganzen Tag.

Small Potatoes "Time Flies" (Folk Era, 1995): Das Duo Jacquie Manning und Rick Prezioso, also, wer sie kennt, aber das, leider, werden vermutlich nicht allzu viele sein. "Big Ol' Prairie Moon" ist eigentlich ein Song, der zeitlos genannt werden kann. Das schärfste American Yodeling in den 90ern. Dazu die Melodie, der Gesang, das Gitarrenspiel... Genug des Lobes. Anhören. Country & Folk kann wirklich gut sein.

Lesley Schatz "Banjo Pickin' Girl" (Bear Family, 1993): Eine Schatztruhe voll Erinnerungen an diese alten Songs, die bekannt waren, als es noch kein Grammophon, geschweige denn einen CD-Player, gab.

Setona "Tariq Sudan" (BMG, 1997): Der Titel sagt schon viel und lässt es ahnen. Hier handelt es sich um so-called World-Music. Aber mal ehrlich: World-Music, das ist doch ein dämlicher Begriff.

Willie Schwarz "Live For The Moment" (Clearspot, 1999): Siehe Setona. Des Sängers Vielfalt ist die Grandiosität der Welt.

The Klezmatics "Rhythm + Jews" (Piranha, 1990): Knitting Factory meets The Stetl. Heraus konnte eigentlich nur Wunderbares kommen, was auch der Fall war.

Sinead Lohan "Who Do You Think I Am" (Grapevine, 1995): Ein irisches Debüt, das eigentlich so gar nicht nach Irland klingt, dafür ziemlich unverschämt zwischen leisen Alternativ-Rock-Klängen und lauten Rickie Lee Jones-Elementen herumschwirrt.

Tim O'Brien "Red On Blonde" (SugarHill, 1996): Ein Bluegrass-Album vollgepackt mit Bob Dylan-Songs.

Gary Floyd Band "World Of Trouble" (Glitterhouse, 1995): On the 8th day Lord created the voice... Eines der besten Blues-Alben!

Richard Thompson & Danny Thompson "Industry" (Rykodisc, 1997): Die zwei sind nicht verwandt, bitteschön, damit das ein für allemal klar ist! Das Album selbst bereitet thematisch die industrielle Revolution auf. Ein herrlicher Protest-Song ("Sweetheart's On The Barricade") neben vielen jazzbeeinflussten Folk-Songs, oder umgekehrt, wie man's grad hört.

Wagon "Anniversary" (Glitterhouse, 1997): Landmusik aus den Staaten, wie sie besser nicht passieren konnte. Feinfühlig, intim, melodiös und gute bis seltsame Texte.

Kate & Anna McGarrigle "Matapedia" (Rykodisc, 1996): Besser kein Kommentar, sonst komme ich wieder zu sehr ins Schwärmen.

Maria McKee "You Gotta Sin To Get Saved (Geffen, 1993): Die weibliche Version von Van Morrison. Nur halt jünger.

Van Morrison "Hymns To The Silence" (1991), "Enlightenment" (1990), "The Healing Game" (1997), "Philosopher's Stone" (1998, alle Polydor): Klar, der musste ja jetzt kommen. Die sind quasi das Pflichtprogramm in Sachen VM-Musik der 90er. Der Rest kann dafür verschwiegen werden.

Nine Inch Nails "The Fragile Nothing Halo Fourteen" (Interscope, 1999): Ziemlich einflussreich, diese Band. Im Gegensatz zu Loudon Wainwright III "Social Studies" (Rykodisc, 1999): den, nämlich, kennen noch immer viel zu wenige.

Elvis Costello & The Brodsky Quartet "The Juliet Letters" (Warner, 1992): Wäre nicht Costellos (Sprech)-Gesang, würden die Briefe in der Klassik-Abteilung verkauft werden, aber so ist's halt doch "Rock". Crazy.

Neil YoungNeil Young & Crazy Horse "Sleeps With Angels" (Reprise, 1994): Eines der vielen vielen sehr sehr guten Young-Alben. "Change Your Mind" alleine ist es schon wert oder "Western Hero" oder "A Dream That Can Last". Hat mehr Gutes auf einer Platte als so manche im ganzen Leben.

Bob Dylan "World Gone Wrong" (Sony, 1993) und "Time Out Of Mind" (Sony, 1997): Wie man sich auch dreht und windet - da ist "er" und dann lange, sehr lange, nix.

Rio Reiser "Himmel & Hölle" (Sony, 1995): Was Dylan für die Welt, war Reiser für deutschsprachige Musik. Himmel & Hölle sein Vermächtnis zu Lebzeiten. Gleichzeitig auch wirklich sein Höhepunkt an künstlerischer Kreativität und Vielfalt.

Das war's noch lange nicht -- es fehlen z.B. Lambchop ("Thriller", "Nixon"), Eels ("Beautiful Freak"), Neville Brothers ("Brother's Keeper"), Jeff Buckley ("Sketches For My Sweetheart The Drunk"), Calexico ("Spoke"), Freakwater ("Old Paint"), Michelle Shocked ("Kind Hearted Woman"), Beausoleil ("Cajun Conja"), Warren Zevon ("Life'll Kill Ya"), Billy Bragg & Wilco ("Mermaid Avenue"), Wilco ("A.M.", "Being There"), Emmylou Harris ("Wrecking Ball"), Townes Van Zandt ("Highway Kind"), The Walkabouts ("Satisfied Mind", "Trail Of Stars"), Frank Zappa ("You Can't Do That On Stage Anymore, Vol. 1-6"), John Hiatt ("Walk On", "Little Head"), Robyn Hitchcock ("The Kershaw Sessions"), Ramblin' Jack Elliott ("Friends Of Mine"), Willy DeVille ("Loup Garou"), David Byrne ("David Byrne", "Feelings"), Blur ("13"), Morphine ("Like Swimming"), Randy Newman ("Bad Love"), Gillian Welch ("Revival", "Hell Among The Yearlings"), Nirvana ("Nevermind"), Liz Phair ("Whitechocolatespaceegg"), Steve Seskin ("To Be Who I Am"), Soraya ("On Nights Like This"), Dar Williams ("End Of The Summer"), "Ben & Jerry's Newport Folk Festival '88 Live" (Vol. 1 + 2), Lucinda Williams ("Sweet Old World"), The Flaming Lips ("The Soft Bulletin"), "Red Hot AIDS Awareness Charity" (CD-Serie)...

Nun spart mal schön und viel Spass beim Hören!

P.S.: Love & peace. Ihr wisst, wer ihr seid. [mh]

[(c) 1999-2000 Manfred Horak. Alle Rechte vorbehalten. Erschienen bei "Der Schallplattenmann sagt" #189 & #190. (http://www.schallplattenmann.de/suchen.shtml?q=es+war+einmal)]
Achim
 

Arbeite, als wenn Du das Geld nicht brauchst.

Liebe, als wurdest Du niemals verletzt.

Tanze, als würde niemand zusehen.

Volker Banken
 
 

Revolution

Jeden Morgen ein Dreiminuten-Früstücksei
Und eine Runde mit dem Hund
Pünktlich bei der Arbeit sein
Pünktlich wieder Schluß
Jeden Tag in die gleiche Richtung
Ohne zu fragen wieso
Jede Nacht dieselben Gesichter
In denselben Fernsehshows
Niemals würden wir so enden
Haben wir uns damals gesagt
Keine Lust auf diesen Käfig
Mit Regeln wie aus Eisenstangen

Es war ein riesengroßer Aufschrei
Wir waren dagegen und nie dafür
Und damit endlich etwas passiert
Ritzten wir an jede Scheißhaustür

Viva la Revolution
Es lebe die Revolution
Viva la Revolution
Es gibt ein Leben vor dem Tod

Wir wollten diese Welt verändern
Und liefen erst mal zum Friseur
Denn irgend jemand hatte mal gesagt
Daß das Aussehen wichtig wär'
Und dann warfen wir uns in den Kampf
Wie die Krieger von Babylon
Jeder glaubte an was anderes
Weil keiner etwas verstand

Viva la Revolution
Es lebe die Revolution
Viva la Revolution
Es gibt ein Leben vor dem Tod

Der alte Marx wäre sicher stolz auf uns
Und unseren heiligen Krieg
Denn es ging um unsere Freiheit
Gott sei Dank haben wir gesiegt
Und heute können wir wählen
Zwischen SPD und CDU
Zwischen RTL und ZDF
Für Pepsi oder Coke

Viva la Revolution
Es lebe die Revolution
Viva la Revolution
Es gibt ein Leben vor dem Tod

Viva la Revolution
Es lebe die Revolution
Dieses Viva la Revolution
War leider auch nur Opium

Paradies

Wer kann schon sagen, was mit uns geschieht
vielleicht stimmt es ja doch
daß das Leben eine Prüfung ist
in der wir uns bewähren soll'n
nur wer sie mit 1 besteht
darf in den HImmel kommen
für den ganzen dreckigen Rest
bleibt die Hölle der Wiedergeburt

als Tourist auf Ibiza
als Verkehrspolizist
als Clown in einer Zirkusshow
den keiner sehen will

Um diesem Schicksal zu entgehen
soll'n wir uns redlich bemüh'n
jeden Tag mit 'nem Gebet beginnen
an Stelle von Aspirin
nur wer immer gleich zum Beichtstuhl rennt
als wäre es ein Wettlauf
und dort alles seine Sünde nennt
der handelt einen Freispruch aus

Ich will nicht ins Paradies
wenn der Weg dorthin so schwierig ist
ich stelle keinen Antrag auf Asyl
meinetwegen bleib ich hier

Wer Messer und Gabel richtig halten kann
und beim Essen gerade sitzt
wer immmer Ja und Danke sagt
dessen Chancen steh'n nicht schlecht
wer sich brav in jede Reihe stellt
mit geputzten Schuhen
wer sein Schicksal mit Demut trägt
dem winkt die Erlösung zu
wir sollen zuhören und aufpassen
tun was man uns sagt
und vom ersten bis zum letzten Tag
immer schön nach den Regeln spielen
die uns befohlen sind
wie sie im Buch des Lebens stehn
in Ewigkeit damit

Ich will nicht ins Paradies
wenn der Weg dorthin so schwierig ist
wer weiß ob es uns dort besser geht
hinter dieser Tür
und bevor ich auf den Knien bet'
bleib ich meinetwegen hier

Eckart

5 Affenschwänze

Im LOver 28 gab es den ersten Teil der potentiellen Meilenstein der Musikgeschichte, die der Schallplattenmann 2000 auserkoren hat. Hier nun Teil 2.

Der Schallplattenmann sagt #203, 2.7.2000

**Aimee Mann: "Bachelor No. 2"** @@@@@ (Electric-Folk mit ziemlich klugen Texten, Eigenvertrieb)

Die blondblonde Musikerin ist mit dem Filmsoundtrack zu "Magnolia" dieses Jahr verdientermaßen wieder in die Schlagzeilen der Musikpresse gekommen. Aber das muss ein ziemlich harter Weg gewesen sein: Nach ersten Solo-Erfolgen (ihre Band hieß 'Til Tuesday) namens "Whatever" (1993) und "I'm With Stupid" (1995) gab's Ärger mit der Plattenfirma. Sie verweigerte sich den geforderten glattgebügelten Produktionen, dem Erfolgszwang nach dem Muster: Album, Tour, Album, Tour... Schließlich kaufte sie die Rechte an "Bachelor No. 2" von Geffen zurück und baute einen eigenen Vertrieb über ihre Internet-Site <www.aimeemann.com> auf.

An den Texten hat ein männlicher Hörer zu knacken: Da schreibt eine sehr selbstbewusste Frau, die durch alle Arten von Beziehungshöllen gegangen ist und der Männerwelt erbarmungslos den Spiegel vorhält.

Beziehungsschmerz, in phantastisch treffende Statements geronnen. Die Musik kommt in passend harmloser Weise daher, ihre Folk-Wurzeln nie verleugnend, mit scheinbar glatt-harmonisierendem Background-Gesang.

Der Haken trifft dich von hinten, knapp und gezielt. Grandios. Und eigentlich gar nicht so verschieden von ihren früheren Alben.

Dass Filmemacher Paul Thomas Anderson von Manns Songs zum Film "Magnolia" inspiriert wurde, liegt auf der Hand. Einige Songs von "Bachelor No. 2" finden sich denn auch auf dem Soundtrack wieder. Die Geschichte dazu kann man im Vorwort jener Platte nachlesen. [www]

**Odetta: "Living With The Blues"** @@@@@ (Vanguard)

Diese überaus gelungene Zusammenstellung vereint 20 teilweise unveröffentlichte Blues-Aufnahmen, die die große Folksängerin während der 60er Jahre für das Vanguard-Label machte. Auch wenn sie eher den Kreisen um Oberfolkie Pete Seeger zugerechnet wurde, so beweisen diese Aufnahmen doch, dass sie eine Bluessängerin war (und immer noch ist), der ein Ehrenplatz neben Bessie Smith, Ma Rainey und Sippie Wallace gebührt. Ob in kleiner Band-Besetzung oder nur begleitet von dem genialen Bassisten Bill Lee: Odetta erfüllt jeden Song mit einer unglaublichen Kraft und Intensität. Kein Kreischen, kein Stöhnen, kein Gekiekse, keine überflüssige Phrasierung -- nur diese seltsam getragene Stimme, die jeden Nerv durchdringt. Odetta ist ein wirksames Gegenmittel für eine heute weit verbreitete Krankheit namens "Oversouling". Allein ihre A-capella-Version von "Another Man Done Gone", einem Song, der bis in die Sklavenzeit zurückreicht und später als "Baby Please Don't Go" zu Weltruhm gelangte, lohnt den Kauf dieses Albums. Nur die Stimme einer Frau, begleitet vom eigenen Händeklatschen und ein Konzertsaal, der kollektiv die Luft anhält -- kaum zu überbieten! [pg]

**B.B. King & Eric Clapton: "Riding With The King"** @@@@@ (Zwei Großmeister spielen zusammen Blues -- was will man mehr?, Warner)

Eigentlich wollte ich diese Kritik als eingefleischter B.B. King-Fan gar nicht schreiben. Objektiv bin ich sowieso nicht und hätte auch gar keine Lust, irgendwas an der Scheibe schlecht zu finden. Aber schon als ich mich das erste Mal mit den beiden auf große Fahrt begab, erinnerte ich mich sofort an die seligen Momente, als B.B. Kings "Blues On The Bayou" oder Claptons "From The Cradle" jene wohlige Wärme im Körper verbreiteten, die man sonst eher mit anderen Genussmitteln hinkriegt. Ein Traum! Klar, neu ist da nichts. Aber warum auch? Die Herren sind alte Bekannte, die Songs größtenteils auch. Und der Titel "Riding With The King" ist genial gewählt! Wie schon auf dem Cover sitzt B.B. im Fond eines schon etwas angejahrten, aber bestens erhaltenen Cabrios, als Chauffeur "Kollege" Clapton am Steuer. Und beide haben offensichtlich großen Spaß. B.B. ist "der Chef", es geht musikalisch in seine Richtung. Und doch: Am Steuer sitzt E.C., er bestimmt die Fahrweise. Das Vehikel ist nicht mehr das neueste, steht aber besser da als je zuvor.

Also: Ein absolutes Sahnestück für Kenner, voller herrlicher Momente, Erinnerungen und feinster Gitarren- und Gesangsarbeit. Aber auch der weniger fanatische Hörer wird sicher einen Riesenspaß damit haben. [Michael Köbl]

Der Schallplattenmann sagt #205, 17.7.2000

**Joseph Kosma: "Chansons"** @@@@@ (Das Chansonwerk des Komponisten von "Autumn Leaves", eine Entdeckung!, Decca)

Zugegeben, es hat mir bislang ausgereicht zu wissen, dass "Les Feuilles Mortes", oder (wie es alle Jazzmusiker kennen) "Autumn Leaves" von Jacques Prevert getextet und von Joseph Kosma mit Musik versehen, eines der großen Chansons des Jahrhunderts ist. Und dann blättert sich in dem ausführlichen Booklet dieser CD die Lebensgeschichte eines Europäers auf, der ein typisches Künstler-Schicksal in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchlebte. Geboren in Budapest, Jude, musikbesessen, Stipendium in Berlin, Theaterszene, Bauhaus, Brecht-Eisler-Weigel, 1933 Emigration nach Paris ohne Sprachkenntnisse, die Begegnung mit Prevert, Jean Renoir, Filmmusiken, Kompositionsverbot, Resistance -- und nach dem Krieg endlich die Anerkennung, der Erfolg als Komponist.

"Chansons" klingt sehr nach Kammermusik. Und deswegen werden Jazzer, die von "Autumn Leaves" eher blue notes und Swing erwarten, vielleicht zu viel steifen Frack und plüschigen Konzertsaal hören -- aber wenn man die Melodien und die ballett-taugliche Klavierbegleitung auf sich wirken lässt, dazu die Poesie und die Klangschönheit der meist französischen Chansontexte von Sartre bis Tristan Tzara, fällt es schwer, sich der Faszination dieser Musik zu entziehen. (Erschienen in der Reihe "Entartete Musik" bei Decca/Deutsche Grammophon.) [www]

Der Schallplattenmann sagt #208, 7.8.2000

**John Martyn: "Glasgow Walker"** @@@@@ (Singer/Songwriter -- Time may break your heart... diese Songs mit Sicherheit!, Independiente)

Nicht nur Warren Zevon scheint die so-called Hölle überstanden zu haben, auch John Martyn. Wer ihn noch kennt -- "London Conversation" (1968), sowie das unsägliche "Glorious Fool" aus 1981 (mit Phil Collins und Eric Clapton -- vielleicht deshalb unsäglich?) seien als Erinnerungsstütze angeführt. Und jetzt also "Glasgow Walker".

Eindeutig ein Höhepunkt seines Schaffens. Die Stimme verliert sich im Selbstzweifel und in Bestärkung seiner Gefühle. Liebe bzw. was daraus werden kann als Zentrum der zehn Songs. Die Arrangements sind atmosphärisch verdichtet. Dunkel. Spröde. Rau. Die Refrains (wie in "Feel So Good" oder "The Field Of Play") hingegen durchbrechen den Schatten. Lichtwerdung. "Glasgow Walker" erinnert in manchen Phasen an den frühen Michael Franks und im grandiosen Abschlusstrack "You Don't Know What Love Is" an Chet Baker. Soul, viel Soul steckt in den Songs, in der Stimme. "Cool In This Life" bietet die gelungene Verhärtung von Soul, also Funk. Mit "Feel So Good" könnte (sollte!) John Martyn sogar der Einzug in die Charts gelingen, das wäre nur gerecht und in den Charts gäbe es wieder mal einen guten Song. Soviel jedenfalls ist jetzt bereits sicher: "Glasgow Walker" stellt neben Zevons "Life'll Kill Ya" ein Highlight des Musikjahres 2000 dar. Welcome back, Mr. Martyn! [mh]

**Black Box Recorder: "The Facts Of Life"** @@@@@ (XXXL-Pop -- vielleicht ein Jahrhundertalbum, perfekt und wunderwunderschön, Nude)

Black Box Recorder sind Sarah Nixey (vocals), John Moore (instruments) und Luke Haines (instruments). Bereits 1998 brillierten die drei mit einem herausragenden Album. "England Made Me" hieß es und gut zwei Jahre später gibt's Nachschub: "The Facts Of Life". Elf neue Stücke, alle perfekt und von schier unfassbarer Schönheit. Melodien zum Verlieben, Erwachsenwerden oder einfach Dahinschmelzen. Feinster britischer Humor in den Texten, hinein bis in die Songtitel ("The English Motorway System Is Beautiful And Strange"). Freude, Verblüffung und ein Wolke-7-Feeling, dem es ernsthaft nichts entgegenzusetzen gibt. Musik und Sängerin lassen sämtliche Armhaare kribbeln, das Hirn beamt sich in den Bauch und vermutlich beginnt gleich die Schwebephase. Zusammen mit Belle And Sebastian machen BBR wohl derzeit die intelligenteste Popmusik im königlichen Inselstaat. Eines der ganz großen Alben der letzten Zeit. Leider bisher nur als England-Import zu haben -- aber, versprochen, es lohnt! [gw]

**Judy Garland: "Judy Duets / Judy At The Palace"** @@@@@ (Altes Entertainment in großer Form, Eagle)

1950, während der Dreharbeiten zur Filmversion von "Annie Get Your Gun" trennten sich MGM und Judy Garland in "beiderseitigem Einverständnis". Auslöser dieser Trennung waren die anhaltenden "gesundheitlichen Probleme" des Stars. Nach einer einzigartigen Karriere schien eine der ganz großen Entertainerinnen am Ende. Doch 1951 brach Judy Garland mit einer über 21 Wochen laufenden Show im Palace Theatre alle Rekorde und Erwartungen. Die "Closing Night" vom 24.2.1952 wurde für private Zwecke mitgeschnitten und liegen jetzt erstmalig und digital remastered auf CD vor. Ergänzt wird diese Doppel-CD durch eine ganze Reihe von Duetten, die Judy Garland im Laufe ihrer Karriere eingespielt hat und die anlässlich ihres 75. Geburtstages (1997) in dieser Form zusammengestellt wurden (u.a. mit Count Basie, Barbra Streisand, Peggy Lee und Liza Minnelli, ihrer Tochter). "I was born in a trunk. I was raised in a vaudeville family. We had lunch for breakfast, dinner for lunch and a show for dinner. I was born to entertain." sagte Garland einmal. Gerade diese Konzerte im Palace Theatre waren Entertainment in absoluter Perfektion! [pb]

**Chet Baker: "Chet Baker In Paris -- A Selection From The Legendary Barclay Sessions 1955 & 1956"** @@@@@ (Cool-Jazz -- The man of constant sorrow, Emarcy/Universal)

Er war der Magier der Gefühle und sah aus wie eine Mischung aus jungem Jean-Paul Belmondo und James Dean. Wenn sein Körper es zuließ, pflegte er sich die Seele aus dem Leib zu trompeten. Chet Baker war gerade mal Mitte 20, als diese legendär gewordenen Barclay-Aufnahmen zwischen 1955 und 1956 in Paris entstanden. Die 14 jetzt als 20-bit digital remasterten Stücke (u.a. "Alone Together", "Tenderly", "Summertime", "These Foolish Things") auf "Chet Baker In Paris" entstammen mit einer Ausnahme alle den Alben "Chet Baker Quartet", "Chet Baker And His Orchestra With Bobby Jaspar" und der EP "Chet Baker". Kein Gesang (außer im letzten Track), dafür coole Melodien, schön wie ein Film mit Bogart und Lauren(e) Bacall. Das Booklet, mit wundervoll braunstichigen Fotos von Chet Baker und dem Paris Mitte der 50er Jahre, ein Genuss! [gw]

Der Schallplattenmann sagt #209, 14.8.2000

**The Flower Kings: "Space Revolver"** @@@@@ (Feinster Prog aus Schweden mit neuen Ideen, InsideOut/ Foxtrot)

Oh ja, die Flower Kings haben ein neues Studio- Album und höret da, ihr Ungläubigen, es ist exzellent, phantastisch, wirklich wundervoll. The Flower Kings formieren sich immer mehr zu einem Kollektiv gleichberechtigter Künstler und das tut der Musik hörbar gut. Zu den gewohnten Zutaten des Bandleaders Roine Stolt (der auch für Transatlantic in die Saiten und zum Mikro greift), kommen nun auch immer mehr die musikalischen Ideen des klassisch ausgebildeten Keyboarders Tomas Bodin. Der neue Sound auf "Space Revolver" ist bestimmt nicht zuletzt Verdienst des neuen Bassisten Jonas Reingold. Seine fetten jazzy und funky Sounds sind verwegener, als alles zuvor bei den Kings dargebotene und es ist unüberhörbar, dass die gesamte Rhythmus-Sektion davon profitiert.

Besser als auf allen anderen Alben gelingt hier Integration von Band-typischen Tracks, wie etwa die Hymne "A Kings Prayer", improvisierten Powerstücken wie "Rumble Fish Twist" und radiotauglichen Songs wie "You Don't Know What You've Got". Die Bandbreite bedeutet jedoch keinen Bruch im Album, im Gegenteil, es wirkt homogen, eben aus einem Guss.

"Space Revolver" untermauert nach dem exquisitem Live-Album "Alive On Planet Earth" die herausragende Stellung der Blumenkönige und katapultiert sich auf jeden Fall in die Liste der besten Neuerscheinungen des Jahres 2000. Dieses Album hat wirklich das Zeug zum Klassiker. [sal]

**Simentera: "Cabo Verde En Serenata"** @@@@@ (Folk-Roots aus Kap Verde, Piranha)

Um es gleich vorwegzunehmen: Vermutlich wird es im Jahr 2000 kein anderes Album geben, das an "Cabo Verde En Serenata" herankommen wird. Eine gewagte Prognose, I know. Aber: ihr erinnert euch sicher noch an "Buena Vista Social Club" (1997), die Eine und der Andere vielleicht auch noch an die "Gabby Pahinui Hawaiian Band" (Vol. 1, 1975). Beides übrigens Kollaborationen mit Ry Cooder. Nun, hier fehlt Ry Cooder, und doch auch wieder nicht. Die Leichtigkeit und Schönheit, das ausnahmslos sympathische, feurige, herzliche, schwebende, insulane ist auch hier zu finden (Kap Verde übrigens ist eine Insel-Gruppe vor West-Afrika mit insgesamt 62.000 Bewohnern). Mit jedem Mal mehr Hören entwickeln die 15 Songs ein Suchtgefühl -- die Sucht nach nochmaligem Hören, immer und immer wieder. Kein Lied, das gesondert hervorzuheben ist, weder ein ausnahmslos fröhliches "Strassenlied" noch ein melancholisch-anmutendes "Immigrantenlied". Die gefühlvollen Arrangements und die schönsten Gesänge seit oben erwähnten Kubanern und Hawaiianern gehen mitten ins Herz und bleiben tief drin stecken.

"Cabo Verde En Serenata" bedeutet viel Percussion, Djembe, Conga, akustische Gitarre, Ukelele, diverse Saxophone, Akkordeon und eben mehrstimmige Gesangsattraktionen. Live war Simentera am 5. Juli 2000 -- dem Unabhängigkeitstag von Kap Verde -- in der übervollen Szene Wien zu sehen und zu hören. Auf der Bühne verzauberten sie das Publikum ebenso wie sie es auf dem Tonträger zustande bringen. Selten und vor allem schon lange nicht mehr konnte mich konservierte Musik mehr beeindrucken. Musik fern von jedem Zeitgefühl. Und: Wann wird das Rating nach oben erweitert? [mh]

**Nick Drake remastered!****Nick Drake: "Five Leaves Left"**; "Bryter Layter"** (beide 1970); "Pink Moon"** (1972, Island) alle @@@@@

Zeit seines nur allzu kurzen Lebens blieb dem musikalischen Verwandten John Martyns der von Kritikern prophezeite Erfolg versagt; erst die jüngere Singer/Songwriter-Riege, von Belle & Sebastian bis Beth Orton, will nicht müde werden, immer wieder auf den prägenden Einfluss Nick Drakes zu verweisen. Die unter der Ägide des Produzenten Joe Boyd und u.a. mit Unterstützung von Fairport Convention-Musikern, John Cale, Danny Thompson (u.a. Pentangle) bzw. solo ("Pink Moon") eingespielten, drei Studio-Alben des sensiblen wie eigenwilligen Folk-Poeten sind seit kurzem als klanglich aufpolierte 24-Bit-HDCDs mit allen Songtexten zu haben -- und warten förmlich darauf, nicht nur von der Party-hoppenden Golf-Cabrio-Generation (wieder-)entdeckt zu werden! ;-) PS: Alle drei Alben sind bereits seit einer Weile auch als 180g-Premium-Vinyl-Pressungen wieder erhältlich. [bs]

Der Schallplattenmann sagt #210, 21.8.2000

**Johnny Cash: "Love God Murder"** @@@@@ (American music: The greatest cowboy of them all -- 3CD, Columbia/American/Legacy)

The real M.I.B. kehrt mit einer makellosen Triple-Box fulminant in die CD-Regale des Jahres 2000 zurück: Gospel, Folk und Country mit sonorer Stimme und poetischem Zorn als retrospektive Werkschau. Johnny Cash, weit mehr als nur der Duke der amerikanischen Folk- und Countrymusik, hat hier 48 Stücke seiner Art von Basement Blues (als Fortführung der "Anthology Of American Folk-Music") ausgewählt: "Love" -- 16 Songs über Liebe, rings of fire and the language of love ("Those songs are played everywhere with no kisses to seal the words"), "God" -- eine Sammlung von Gospels und Spirituals ("At times I'm a voice crying in the wilderness, but at times I know what I'm singing about"), "Murder" -- ein Themenpaket über Räuber, Lügner und Mörder zum Zuhören und Mitsingen ("Don't go out and do it").

Die Liner Notes stammen von Mr. Cash, Quentin Tarantino, June Carter Cash und (ähem) Paul Hewson alias Bono. Drei erstklassige, thematisch eigenständige Kompilationen von der Stimme Amerikas, die auch als Digipacks einzeln zu haben sind. [gw]

Der Schallplattenmann sagt #211, 28.8.2000

**Oregon: "Oregon In Moscow"** @@@@@ (Intuition)

Jeder hat Vivaldi oder Mozart zuhause. Dies gehört auch dazu! Das Ding ist ein Knüller! Schwelgerisch, rauschend, romantisch, verletzlich, jubilierend, liebkosend und tränend schallt die Musik um mich her. Was die drei klassisch ausgebildeten Jazzer von Oregon, die seit genau 30 Jahren mit ihrem prägenden Mix aus Jazz, Weltmusik und klassischer Musik des 20. Jahrhunderts begeistern, hier angestellt haben, setzt ihren berauschenden Alben die Krone auf.

Die virtuosen Oregons (Ralph Towner - klassische Gitarren, Flügel; Paul McCandless - Oboe, Sopran-Saxophon, Klarinette; Glen Moore - Kontrabass) haben sich Steve Rodby, Bassist von Pat Metheny, als Produzenten geholt, jetteten nach Moskau und spielten im Juni 1999 mit dem Moskauer Tchaikowsy Symphony Orchestra eigene Kompositionen ein.

Auf zwei CDs hören wir 15 Eigenkompositionen der Oregons, die sie selbst für Orchester arrangiert haben. Die Stücke sind nicht neu, sondern aus 30 Jahren Repertoire ausgewählt. Das berühmte "Beneath An Evening Sky" ist dabei, auch das mitreißende "Waterwheel", das zarte "Zephyr" und "Icarus", eine der tollsten Kompositionen Ralph Towners.

Ein mitreißenderes Statement zur Verquickung der ernsten Musik (wir hören Einflüsse Rodrigos, Ravels und Shostakovichs) mit Jazz und Ethno-Elementen habe ich nie gehört. Glückwunsch an die Plattenfirma, die dies kostspielige Projekt aus eigenem Antrieb gefördert hat! Fazit: Gehört in jeden Plattenschrank! [vw]
[(c) 2000 Erschienen bei "Der Schallplattenmann sagt". Alle Rechte vorbehalten. (http://www.schallplattenmann.de)]
Achim

Ein Traum

RoLiWir (Clemens, Julia, Nathalie, ich) sind auf einer Fähre an Deck, Überfahrt.
Mit Gott, Wegfahrt. Niemand, der uns nachschaut.
Ich setze mich nach einiger Zeit zu den Kindern ans Schanzkleid, da sie nicht zu mir kommen. Plötzlich fällt Julia über Bord, ich greife rasch zu, erwische sie am Hosenboden (Sie ist da etwa 9 Jahre alt), überlege in einem Sekundenbruchteil Zeit, vielleicht noch reinzuspringen, damit Stopp erzwingen, die Fahrt verderben... Der Stoff ist mürbe, reißt schon ein, sie würde abtreiben, kann noch nicht schwimmen, es ratscht im Stoff, aber ich lasse nicht los, halte sie fest, ziehe sie zu mir heran ins Schiff. Komm her, du mein Kind.
Ich tröste sie, sie ist kaum naß geworden, ich hielt sie über Wasser.
Die Fahrt kann froh weitergehen.

RoLi

Wir leben

Wir sind geboren worden
Ob wir wollten oder nicht
Von da an ging es abwärts
Mit unserem Würfelglück
Unsere Eltern hatten Pläne
Was mit uns mal alles wird
Doch diese schönen Träume
Wurden nach und nach zerstört

Wir haben die Kirche gern gemieden
Und den ADAC
Und selbst in 'ner Gewerkschaft
Waren wir bisher noch nie
Einen richtigen Beruf
Haben wir leider nie gelernt
Und wie man einen Diener macht
Weiß von uns keiner mehr

Und wir leben und wir leben immer noch
Ja wir leben und es geht uns gut
Wir haben schon öfters Gras geraucht
Und wissen was Koks ist
Und daß es außer Champignons
Noch andere Pilze gibt
Wir lagen schon bedröhnt
Auf der Fahrbahn in der Nacht
Um die Sterne mal zu zähl'n
über unserer schönen Stadt

Und wir leben und wir leben immer noch
Und auf dem Weg nach unten genießen wir jeden Tag

Und wir leben und wir leben immer noch
Ja wir leben und es geht uns gut

Wir hatten Sex schon ohne Gummi
Und Schweinefleisch vom Rind
Haben die FAZ gelesen
Und einmal auch die BILD
Hundertmal schon totgesagt
Manchmal ernsthaft krank
Nie mehr gestorben
Dafür sei dem Himmel Dank

Und wir leben und wir leben immer noch
Und auf dem Weg nach unten genießen wir jeden Tag
Ja wir leben
Und auf dem Weg nach unten genießen wir jeden Tag

Eckart

Warum häng' ich so am Elend

wie am Tropf
mit meinem Kopf?
Zerbreche mir den Schädel
wie ich doch die Liebe fädel
durch ein Öhr was viel zu klein
kann das wirklich
Liebe sein?

Wenn ich mich belüg
mich mit ihm um mich betrüg
wenn ich mich vor ihm nur grusel
& mein Kopf dreht sich vor Dusel
und mir schaudert & mir graust
ich bin bei ihm unbehaust
warum tu ich mir das an
was will ich von diesem Mann
der mir gar nichts bieten kann?

Gar nichts was mich fröhlich macht
auch nichts was vor Freude lacht
nichts was mich erheitert
nichts was mich erweitert.

Sorgenschwer dreh ich mich um
stumpf wird ich bei ihm & krumm
dreh mich dauernd nur im Kreis
weiß nichts was ich sonst doch weiß.

Eingeschüchtert steh ich da
kann nicht fern sein & nicht nah
häng wohl sehr an meinem Leiden
und kann so die Freuden meiden
aber es macht keinen Spaß
Freundchen darum laß ich das!

Mag mich länger nicht mehr quälen
möchte mich aus dem Kummer schälen
werde wieder Faxen machen
und am Ende drüber lachen
wie ich einst bescheuert war
& ein echter Leidensnarr.

Pina Sommergrün
30.10.00

DEN TREUDOOFEN ABHANG HINUNTER

Eine Pampelmuse wäre ich wenn ich dich gehenließe mein hölzerner fröhlicher Vogelritter du. Durch die eisenharten Gitterstäbe reich ich dir meine Hände.
Schlitze die Zeichen auf die zwischen uns stehen damit ich dich wiedererkennen kann gieriger Prinz Eisenherz.
An meine eitrig blutende Küste hats dich verschlagen du armer Ritter. Bitter Brot & einsame Nächte ohne Nähte zwischen den Rippen beschere ich dir. Eiskalte zugige Landschaft. Vor deinen Augen blüht selbst der Schnee wenn du lachst.
Woher nehme ich meine scheue Hoffnung wenn der Wind längst die letzten Blätter der Bäume hinweggenäßt hat?
Du einsamer Bräutigam Wohlriech. Meine Nase schnuppert alle Himmelsrichtungen ab und findet dich nur selten.
Die Tür ist zugeschlagen und fiel hart ins Schloß. Sorgsam taste ich die Wände ab um ein Schlupfloch zu finden.
Vipernzüngig spuck ich dich an und will doch nur dich.
Dein feuchter Atem benebelt mir die Kehle die Sinne schnappen über, Mein Kopf sinkt ins Kissen das nach Pisse von nem alten Mann riecht aber nicht mehr nach dir.
Ich habe deinen Geruch verloren im Galopp dem Gehetze dem unerhörten Schwertschlag des Abschieds.
"Die Lilien auf dem Feld" der biblische Gürtel den du um mich geschlungen hast Schlangenwirt blühen weiter. Mein Herz geht auf Kartoffeln die keimen obwohl der Winter noch nicht mal angefangen hat.
Hörst du die Vögel? Es sind auch deine Vögel. Der unsichtbare Faden der uns immer verbindet.
Wenn ich mich an dich verschwende was dann mein Libellenkrieger? Werden deine zarten Flügel brechen oder wirst du vertrauensvoll dich auf meine Hand dann setzen? Warte nicht auf mich sondern starte zum letzten Flug.
Grusinaka usai. Der Reißwolf fletscht die Zähne. Streumond Herzkristalle aus Dynamit.
Wo sind die goldenen Zeiten mit Kirschmohnflieder? Wo die verrückten Sprünge über Wiesen im Gleichklang? Wo die hingeknäulten Liebenden die wir mal waren wo?
Ich kann dich nicht mehr erkennen so wie du jetzt bist. Laß wenigstens einen Atemzug lang deine Masken fallen daß ich dich sehen kann in deiner nackten Schönheit. Ich möchte dich abtasten:
Deine Brustwarzen deinen Bauch deine schlanken Füße Beine deinen gebeugten Rücken deinen köstlichen Schwanz deine Liebstöckelhoden deinen Feuchtmund deine Schimmerzähne deine zarten Hände Handrücken deine Lenden deinen Bauchnabel deine Oberarme Schenkel Hüften lockenden Haare süßen Ohren deine Nase deine Brauen braunen Augen küssen deine Wimpern oh all das von oben nach unten und wieder nach oben.
Aber wohin mit meinem Ehrgeiz wohin mit meiner feuchten Küchenstute meinem Wahnsinnslustgalopp? Wohin mit meinem Schoßgewühle wenn deine Lippen sich in meine graben endlich landen auch in meinem Schoß?
Liebe ist ein Überfallkommande. Sie kommt gerne über Nacht!
Und ich hab dich zu einem Bettler gemacht. Vor meiner Himmelspforte hab ich dich versenkt. Dabei wollte ich dich sinken lassen in meinen Schoß. Wollte dir gehorchen und nicht länger stillestehn und auf dem Grab rumtrampeln. Auf deinem oder meinem.
Nimm die Zügel in die Hand. Bring mich zur Vernunft - ich schaff es nicht alleine!
Statt stundenlang ruhelos durch die Straßen zu laufen und um & rum so komm doch zu mir. Und laß dich nicht verschrecken mein Engel: diesmal nicht!
Ich brauche jemand der es mit mir aufnimmt. Der sich nicht von der Giftkröte in mir verschrecken läßt. Bist du der?
Wenn nicht dann laß es sein. Dann ist deine Scheu berechtigt! Ich bin schon wieder bereit über die Klinge zu springen. Flucht nach vorne Flucht vor mir Flucht in deine Arme in der Hoffnung Wärme zu finden. Es übermannt mich mitten in der Nacht.
Was nützt mir eine so verzweifelte Liebe? Ich muß sie doch leben können Tag für Tag für Tag. Aber wie soll das gehen mit dir? Wo du eben noch mein Liebster gewesen bist. Und nun bist du weit fort. Bist dus noch immer?

PINA SOMMERGRÜN
22.11.00

Neunundsechzig

"40 Lovesongs wären albern. 69 dagegen sind grandios." Wer möchte Stephin Merritt widersprechen? Ein ganzes Jahr hat der exzentrische Musiker und Songwriter mit der markanten Bariton-Stimme der Legende nach in einem heimeligen New Yorker Café verbracht und von früh bis spät Songs geschrieben für das bisher ehrgeizigste Unternehmen seines Bandprojektes Magnetic Fields; herausgekommen ist eine Dreifach-CD mit 69 Liedern über die Liebe, eingespielt von Merritt, seinen Kumpanen (dem Cellisten Sam Davol, dem Gitarristen John Woo und Claudia Gonson an Keyboards und Drums) sowie diversen Gastmusikern und SängerInnen.
So breit die Palette der Stimmungen, so abwechslungsreich ist die Musik: Neben kammermusikalisch ausarrangierten Popstücken, die an die Brian Wilson, The Divine Comedy oder Belle & Sebastian gemahnen, stehen wie hingehauchte Songskizzen. Fragile Akustik-Miniaturen mit Ziehharmonika, die nach drei Uhr morgens und viel Rotwein klingen, stehen neben klapprigen LoFi-Eletronik-Nummern. Mal wird trunken gejazzt, dann wieder unterlegt nur zartes Fingerschnippen den Gesang. Schöne, traurige, süße, augenzwinkernde, frivole, romantische, bittere, störrische, zynische und resignierende Lieder über die Liebe sind ein entdeckenswertes Kompendium, so fassettenreich wie das Thema selbst. Josef Winkler

69 wirkliche liebeslieder
ein wunder, dass solche musik heute noch möglich ist! 69 wunderbare lieder - jedem im glück oder melancholie gewidmet zum mitsingen wie mitweinen..... stephin merrit sei dank nur anhören und träumen wweberstre@aol.com
Achim

Die Liebe stirbt nie einen natürlichen Tod. Sie stirbt, weil wir das Versiegen ihrer Quelle nicht aufhalten, sie stirbt an Blindheit und Mißverständnissen und Verrat. Sie stirbt an Krankheiten und Wunden, sie stirbt an Müdigkeit. Sie siecht dahin, sie wird gebrechlich, aber sie stirbt nie einen natürlichen Tod. Jeder Liebende könnte des Mordes an seiner eigenen Liebe bezichtigt werden.
Anais Nin

Dinosaurier

"Dinosaur" aus THRAK von King Crimson ( Achim)

Vor Langem und in weiter Ferne,
In einer anderen Zeit,
Damals war ich ein schweigsamer junger Kerl
Versteinerte Bilder von meinem einstigen Leben illustrieren,
Welch einfache Beute ich gewesen sein mußte
Ich stand nur in der Sonne,
Ihr schwachsinnigen Gelehrten,
Gleich einem Monument
Ich bin ein Dinosaurier, jemand gräbt meine Gebeine aus

Ignoranz war stets etwas, das mich auszeichnete
Gefolgt von Naivität und Stolz
Man braucht keinen Wissenschaftler, um zu sehen
Daß jeder clevere Räuber ein Stück von mir schnappen konnte
Ich stand nur in der Sonne,
Ihr schwachsinnigen Gelehrten,
Gleich einem Monument
Ich bin ein Dinosaurier, jemand gräbt meine Gebeine aus

Wenn ich auf die Vergangenheit blicke,
So ist es ein Wunder,
Daß ich noch nicht ausgestorben bin
Alle meine Fehler und Fehlurteile
Haben mich fast an den Abgrund gebracht
Eines habe ich dazugelernt,
Es bringt nichts ein, zu nett zu sein
Unbeweglich lag ich in meinem fossilem Bett
Doch jetzt drehe und wälze ich mich herum
Ich bin ein Dinosaurier, jemand gräbt meine Gebeine aus

Danke

Ein Dankeschön für Beiträge im LOver 29 vor allem an Anna, Nina, Regina, Nathalie, Ginger & Hansi, Manfred Horak, Eckart, Roland, Schallplattenmann und Dirk.

LOver 30 erscheint ca. am 26.3.1 - Redaktionsschluß ist der 18.3.1.

Beiträge, Reaktionen, Bilder, Proteste, Richtig- oder Unterstellungen - mailto:Leopold.Lapsus@gmx.net.

LOver 29

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