OVER
Nr. 30
Weniger Beifall gibt's anscheinend für die Musikartikel im LOver. Da es sich beim LOver nunmal um das LAPSUS-Fanzine handelt und LAPSUS immer noch Liga zur Aufführung Progressiver Songs Und Sounds heißt, sind diese Artikel wohl doch berechtigter Bestandteil jeder Ausgabe. Und zwischen der Musik selbst und den kapitalistischen Verwertungsmechanismen sollte man wohl unterscheiden können.
Musik hören bedeutet durchaus nicht zwangsweise "Plaste! Kaufen!", und die Beschäftigung mit ihr und ihren Machern ist auch nicht per se eine Beleidigung der Hungernden dieser Welt. Das wären dann Lesen ("Papier! Kaufen!") und jede Art technisch gestützter Kommunikation - wie Briefe schreiben oder eben der LOver selbst - auch. Der Verzicht darauf hilft den Hungernden kein Stück. Und falsche Kritik an den Übeln dieser Welt auch nicht. Richtige vielleicht.
Etliche Beiträge für diesen LOver kamen auf den letzten Drücker, was die Erstellung des Lovers kurz vor meinem Umzug nach Zirndorf nicht gerade entspannter machte. Aber der kam ja selbst für mich überraschend... Neue Adresse S. 67 bitte beachten!
Mit King Crimson wird eins der ersten Projekte zu LAPSUS LIVE 2001 vorgestellt. Teil 2 der KC-Story gibt's im LOver 31, der auch das weitere Programm für LL 2001 enthalten soll. Um Musik geht's auch im Artikel 'Konzerte 2000'. Leider kamen keine Rückblicke von euch. Ohne eure Programmbeiträge zu LAPSUS LIVE Nr.19 wird Pfingsten '1 allerdings eher öde... Überhaupt gibt es anscheinend etliche Unsicherheiten bezüglich unseres Festes. Wäre schön, wenn sich alle Optimisten sehr schnell mal dazu äußern. Wie sehr würde euch LAPSUS LIVE fehlen!?
Schnelligkeit ist auch beim Lesen des LOvers gefragt, der nächste folgt schon im Mai. Wieder mit euren Beiträgen? Gewiss!
Schöne Stunden beim Schmökern!
Achim

Kraftwerks "Autobahn" beste
LP aller Zeiten
Das 1974 von der Düsseldorfer Band Kraftwerk veröffentlichte
Album 'Autobahn' ist zur besten deutschen Platte aller Zeiten gewählt
worden. In einer Umfrage unter 65 Musikern und Journalisten (95 % West...)
hat das Magazin 'Musikexpress' die 50 besten deutschen Platten (0 % DDR...)
ermittelt. Auf Rang zwei landete das 1969 veröffentlichte Album 'Monster
Movie' der Kölner Gruppe Can. Das Debütalbum der Gruppe Trio
und
die Platte 'Keine Macht für Niemand' der Politrockgruppe Ton, Steine,
Scherben kamen auf die Plätze drei und vier. Rammsteins Herzeleid
auf 41. " Achim
hier mein tip: dirks is lustig, annas zu schwer, achim hats aus einem völkerschlachtdenkmal geklaut, RoLi ist sinnlich aber - Ginger&Hansi machen bei mir den renner: LLL - locker, leicht, lustig wie ich den Lover jetzt bräuchte; also (7) wählt G&H (7)
Lieber Achim, wie immer herzlichen Dank für den Lover. Und
für das Abdrucken von "Monikas’s großer Chance". Sind schon
nette Erinnerungen...
Annas Graphiken haben mir gefallen – mal was Neues! Mir sagte auch
das Gedicht von Nina auf Seite 41 zu – da kann ich mich schon auch noch
dran erinnern... (Das Foto dazu – na ja... Du warst ja immer Funzel-Fan,
lieber Achim.)
Noch ein paar Gedanken zu Lapsus 2001. Auf diesem Wege möchte
ich Roland und Nathalie gern signalisieren, daß sie sich nicht (jedenfalls
nicht von meiner Seite und auch Dirk schließt sich da an) genötigt
fühlen müssen, in dieser für sie so schwierigen Situation
Lapsus mit aller Macht vom Zaun zu brechen. Egal, wie viele Helfer sich
in diesem Jahr finden werden, eine Belastung für die Gastgeber ist
es in jedem Fall. Deshalb hätten wir kein Problem damit, wenn Lapsus
mal ausfallen würde. Die Entscheidung sollte einfach ganz und gar
bei Euch liegen, mehr will ich damit nicht sagen.
Ansonsten würde ich Lapsus in diesem Jahr als Nur-Betrachter (was
Vorträge angeht) besuchen wollen. Ein bißchen ist die Luft raus,
und ich muß meine spärlichen Energien gut einteilen. Vielleicht
kommt ja noch die Spontanidee. Sehr gern würde ich ja einen YES-Vortrag
machen, aber das schaffe ich einfach nicht. Zeit zum Durchatmen sollte
möglichst bleiben, und es soll auch ein inneres Bedürfnis sein.
Herzlich Grüße von Regina
ein zurückgelapstes hallo! damit die männer (???) die wahl des covers nicht verfälschen, gebe ich auch meine stimme ab und zwar dem bild von anna - wenn es selbst gemalt ist, zeigt es richtig viel kreativität und vor allem von hand und nicht per linse. okay viel spass noch. bis denn (pfingsten ?) anja
Hallo Achim, für neue Musikbeiträge zu Lapsus 2001
wird mir in diesem Jahr einfach die Ruhe und die Energie fehlen. Sonst
war ich ja immer arbeitslos, da ging es schon eher. Theater von der Ginger-Hansi-Elisa-Regina-Dirk-Gruppe
wird es auch nicht geben. Wir benötigen auf jeden Fall eine schöpferische
Pause! (Aber vielleicht könntest ja auch Du uns mal was vorspielen?
- Kleiner Scherz!) Aber nur an diesen Beiträgen kann es ja nun auch
nicht liegen. Die Freude des Wiedersehens aller großen und vor allem
kleinen Kinder, die grüne Zarneklaidylle wären für mich
schon Anlaß genug für Lapsus. Aber das Stattfinden von Lapsus
setzt in erster Linie auch voraus, daß Roland und Nathalie dazu in
der Lage sind (siehe Reginas Brief).
So viele Fragen von Roland! Ich denke mal nicht, daß er nun von
mir eine ausführliche Antwort erwartet. Dazu fühle ich mich,
ehrlich gesagt, auch nicht in der Lage. Ich weiß nicht mal, ob ich
die Fragen in jedem Falle richtig verstehe. Aber kurz vielleicht:
1. Was ich mit "christlich" meine, hoffe ich in den "Notizen" klarmachen
zu können. 2. Ohne den Gottesbegriff komme ich derzeit nicht aus,
und ich sehe auch keine Notwendigkeit, auf diesen zu verzichten – ganz
im Gegenteil. 3. Mit "absolut antidogmatisch" meine ich, daß Wahrheit
an sich ohne Dynamik, d.h. ohne Bewegung nicht existiert – sie ist keine
statische Wahrheit. Und zu welcher Wesenheit sollte sie eigentlich relativ
antidogmatisch sein?? 4. Relative Liebe ist eine Täuschung. Relative
Liebe gibt es nicht. Wir können uns in der/dem Geliebten täuschen,
die Liebe an sich wird nicht enttäuscht, sie ist wahr. Die Liebe ist
allzuoft wahrhaftiger als der/die Geliebte an sich. (Ich betone, so sehe
ich das!) 5./6. Es gibt nach meiner Ansicht einen weltlichen, begrenzten
und einen göttlichen, ewigen Kampf. Zwischen ihnen besteht ein gravierender
Unterschied! Es findet in jedem Falle nicht einfach ein Wechselspiel, sondern
ein Ringen um die Wahrheit statt – dieses kann schmerzvoll, eben Kampf
sein. 7. Ganzheit ist Fülle der Persönlichkeit. Man muß
sie nicht erkennen können. 8. Zu den Begriffen Freiheit und Notwendigkeit
siehe meine Ausführungen (Notizen). Wenn die Notwendigkeit meine Freiheit
zu erdrücken droht, dann empfinde ich Leid. 9. Der höchste Wert
ist die ganzheitliche Persönlichkeit. 10. Die freiheitlich-göttliche
Persönlichkeit ist das tiefste und wundervollste Geheimnis in uns.
Es gibt nichts Tieferes, was diese aufrecht erhalten könnte. Die Tiefe
der Persönlichkeit ist in Wahrheit unermeßlich. 11. Man kann
es nicht beweisen, man spürt es oder nicht. 12. Ich weiß nicht,
was ich im KZ getan, gedacht, wie ich mich verhalten hätte. 13. Es
gibt keine lügenhafte, sondern nur eine zerrissene Persönlichkeit.
14. Ja, da wir in Freiheit handeln müssen, wenn wir nicht wahllos
ins Chaos versinken wollen. Aber das wiederum ist von unserer göttlichen
Eingebung abhängig. Aber im höchsten Augenblick ist Freiheit
vor allem auch Leichtigkeit, Seligkeit.
Und jetzt noch einmal zum Beitrag "Wachstumsmarkt...": Beim Lesen des
2. Teils habe ich so gedacht: Na ja, ganz unwichtig ist solch eine Analyse,
in diesem Falle des Internets, nicht, weil überhaupt eine Analyse
(eben auch eine rationale) immer dazugehört, um eine angemessene Aussage
machen zu können. Was mir fehlt ist aber der Bezug – analysiere ich
nur um der Analyse Willen? Für wen ist eigentlich das Internet da,
und kann es in diesem Zusammenhang nicht auch eine positive Bedeutung haben
- wenn der Mensch das Internet sinnvoll gebraucht und nicht das Internet
den Menschen verbraucht? Ich persönlich habe in diesem Artikel / Beitrag
keine differenzierte Wertung wahrgenommen. Liebe Grüße Dirk
Hallo Achim, ich bin hoffentlich nicht zu spät mit meiner Stimm-Abgabe für das Titelblatt des 30. Lover. Wie Du im Heft 29 richtig dazu schreibst, kann man die Entwürfe auch ohne Nennung der "Entwerfer" jemandem zuordnen, für mich vielleicht mit Ausnahme von Vorschlag Nr. 2, da jede(r) im Laufe der Jahre und Lover-Hefte schon einige Kostproben ihres/seines Schaffens veröffentlicht hat. Beispielsweise Roland mit seinen Bäumen, Du mit Deiner Vorliebe für Collagen usw. Kurz und gut - ich schwankte von Anfang an zwischen Nr. 2 und 4 und entscheide mich nun für den Entwurf von Ginger/Hansi (auch wenn, oder gerade drum, weil's bei Lapsus Live nur Tee gibt). Keep on talking... Karola
Lieber Leopold, nun habe ich lange genug gewartet, meine Meinung
zum Lover 29 nieder zu schreiben. Und wenn deine r e a c t o r – Seiten
für den nächsten Lover schon voll sind, um so besser. Dann mußt
du nicht mehr überlegen, ob du meine Wortaneinanderreihungen da reinstellst
oder lieber nicht. Aber erzählen möchte ich dir nun trotzdem
was:
An deinem neuem Outfit ist besser denn je zu erkennen, was dein Ansinnen
ist und die Lappen und Susen als Gleichgesinnte verbindet – Kreativität
– vor allem an Eigenproduktionen. Ich sehe an dir, dass es Achim als Redakteur
sichtlich Spaß macht, mit dir zu spielen und es gefällt mir
wie du jetzt ausschaust. Da können sich so mache pages lange hinter
verstecken.
So kann ich auch sehr gut Reginas Meinung verstehen, dass man(n) oder
Suse sich besser selbst produzieren sollte als altklug daher zu reden.
Ich zog mir diese Jacke an, weil sie zwar passt und bin trotzdem traurig,
dass meine Anmerkung falsch verstanden wurde und ich an olliP verwiesen
wurde, den ich sicher genauso wenig mag wie Regina. Es ist so, Leo, dass
ich dich lese wie "Das Magazin" oder z. B. "Geo". Ich freue mich was die
Lappen und Susen so schreiben oder zitieren, was sie für lesenswert
halten. Wie sagt man? – Ich fühle mich verbunden. Doch meine künstlerische
Ader hat sich in meinem Leben nicht so entwickelt, das ich mich im Stande
sehe, eigenes bei dir einzustellen. Klar, wenn ich mal besonders hoch fliege
oder besonders tief falle, schreibe ich
aber nur für mich
und nicht für dich
das ändert sich
sicherlich
in der nächsten Zeit nich'
Guck doch, so'n Quatsch!
...Warum muß ich immer dumm sein... diedeldumm... dein Superhit
2000!?
Der Gegenstandspunkt hat mich sehr interessiert, nicht nur, weil ich
in so‘ner Branche arbeite. Dazu kann ich auch den Artikel aus dem GEO-Märzheft
"Netz der Netze" empfehlen. Nur es macht mich auch etwas ohnmächtig,
wenn ich nicht nur nach dem Motto lebe: "...nach mir die Sintflut". Die
Kinder, unsere Kinder, wie gehen sie damit um.
Apropos Kind, Annas Bilder haben einen ganz eigenen Stil, ich könnte
mir vorstellen, dass sie über Lapsus hinaus wächst ---
Und noch ein Gedanke zu Nathalis Brief. Er hat mich seltsam berührt.
Ich kann ihr Schicksal nicht nachvollziehen oder Anteil nehmen. Es sind
sehr persönliche Zeilen an Klaus, im Lover abgedruckt. Damit bekommt
der Lover wieder den privaten Touch der Lappen&Susen-Gemeinde.
...Denkanstoß von der (7) von draußen, sag das Achim, Leo,
hey, hör mir zu und denk nicht an King Crimson. (Auf den freue ich
mich auch schon im nächsten Heft.) Also sag Achim, es könnte
ein Grund für die Nichtbereitschaft zum Forum sein: Der Lover ist
Forum genug ...---... Sollen durch das Forum neue Lappen und Susen gewonnen
werden – nein Forum ist mir auch zuviel --- und --- ans MAGAZIN oder GEO
hab' ich selten ein' Leserbrief geschrieben.
So und solltest du nun doch meine Zeilen drucken wollen, hier noch’n
Spruch von A. Einstein, der mich nickend lachen lässt:
"Zwei Dinge sind unendlich:
Das Universum und die menschliche Dummheit.
Aber beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher."
Ich freu mich auf den nächsten Lover.
p.s. Pina Sommergrün hab' ich durch dich kennen gelernt. Liebe
Grüsse (7) regina
Hi RED * ACT * ÖR, LOver 27 hatte ja schon ein witziges Cover, aber das vom LOver 29 ist ja mal was wirklich Umwerfendes. Gibt's endlich öfter was von Anna? Alle vier Zeichnungen gefallen mir sehr! Und das zweite Cover auf der letzten Seite ist ja wohl auch ein Novum. 'Die Letzten werden die Ersten sein' und so? Dankeschön auch für die Karten-Beilage, das herzige Banken-Sprüchlein, das manchem schon zu professionelle Design, den amüsanten Theatertext, die Pärchenmontage und und und. Gut, daß Eckart seine Gedichte beisteuerte. Auch Gingers und Ninas Beiträge wieder ein Gewinn für den LOver. Toms Gedanke auch?? Der Brief von Nathalie ist sehr offen und hinterläßt vielleicht nicht nur Empfänger Klaus ratlos. Sollte der Abdruck im LOver bloß der Durchschlag für 'diese Mutter' sein? Ist '... ich lasse nicht los ... Komm her, du mein Kind.' nur 'Ein Traum' Rolands? Steinbock
Hallo Lapsus! Von paar Kumpels habe ich von Deiner Fete gehört. Wenn ich Pfingsten nichts besseres vorhabe, komme ich wahrscheinlich vorbei. Jedenfalls werde ich dann paar geile CDs mitbringen. Paar meiner Leute sind über Pfingsten beim Usedomer Strand-Rock, die wollten vielleicht auch mal vor-beischauen. Der eine wollte auch selber was machen, hat ein krasses Video vom Mila Mar-Konzert im Klex in Greifswald (letztes Jahr). Bei Lapsus küm-mern sich doch um das Essen sone Juppie-Ökos? Wir bringen jedenfalls alles zum Essen und Trinken mit. Kann man Dich mal anrufen? Na volle Tüte, bis denne! Markuß
Hallo
also! Aber uns bleibt weiter nichts erspart, Nathalie geht mittlerweile
in die dritte Chemo-Runde in ihrem Kampf gegen den Plazentarest-Krebs.
Unser Leben ist also weiterhin zum großen Teil bestimmt von Therapie,
Ärzten, Krankenhaus... und nicht zuletzt vom ß-HCG-Wert. Ihr
könnt uns glauben, es ist nicht das leichteste, eine heilsame Atmosphäre
zu schaffen. Daß das Ding kräftig am Schrumpfen ist, fällt
Nathalie nicht einfach so in den Schoß. Und richtiges Glück
haben wir mit unserem Kleinen, wie der mit allem klarkommt, so ein freundlicher,
sanftmütiger Kerl. Reines Gold. Und Nathalie schafft es sogar, zwischen
den Chemozyklen zu stillen - wenn das nicht Liebe ist.
Ab und zu sind Helfer hier, allein wäre es schlimm, da würde
Fingsten nie im Leben was zustande kommen hier.
Unser I.G.E.L. e.V. hat tatsächlich aus den LOver-Leser-Kreisen
eine 200-Mark-Spende bekommen. Das floß mit ins Bäume kaufen.
November wurden 1000 Eichen gepflanzt, jetzt müssen noch paar Hundert
Erlen und so in die Erde. Ich versuche, uns derzeit jeden Tag eine Stunde
dafür abzuknapsen. Was hätte das Leben sonst noch an Sinn? Ich
weiß, gute Kinks-Übersetzungen. Dazu also der ganze Aufriß,
daß per E-Mehl Lob eingefahren wird für die Vervielfältigung
von bedeutenden Worten (frag mich bitte niemand, was die Kinks in 'Arthur'
so vom Besten geben, ich weiß es nicht, trotzdem er "übrigens
schon mehrfach auf dem Programm von LL stand") auf irgendwann unzähligen
Links. Ich kann nur hoffen, daß wir nicht alle bald nur noch virtuell
in Erscheinung treten. Ich sehe jedenfalls rot, diese ungezählten
roten Flecken von Spraydosen an den Bäumen oder das F als Todesurteil
angesprüht, die Menschen reißen mit den Motorsägen Löcher
in den Himmel, "und der blutet aus". Nichts für ungut, aber ich habe
jetzt andere Sorgen, als musikalische Hörempfehlungen (welche CD [Plaste!
Kaufen!] würdest du denn den paar hundert Millionen Subsistenz-Bauern
verschiedenster "Nationen" überall auf der Welt zum Habenmüssen
anhimmeln?) zu geben oder weiter mein Befremden über das seltsame
Dasein im Homep-Zeitalter zu beschreiben. "Wem nützt es?" Was nützt
es? Roland
Kritik. Am Lover, genauer gesagt am Bericht über die Musik
der Neunziger. Ok, alles wird schnellebiger. Das meiste beruht heutzutage
auf Plastik(-pop). Viel Schein, kein Sein. Alte Grössen wie Dylan
oder Young scheinen da wie die berühmten Felsen in der Brandung. Retter
des ehrwürdigen Rocks. Spielen das, was sie schon immer spielen. Grossartig!?!
Nur dass es in den Nineties auch fernab von Ace of Base, Dr. Alban,
Bon Jovi, Bubbletechno und Take-That - die hundertvierte wirklich innovative,
tiefgründige Musik von Leuten, die jünger als 40 sind/waren,
gab, schien der Herr Verfasser nicht bemerkt zu haben. Gut, unter "ferner
liefen" stehen da die Eels, Muse oder die Flaming Lips. Geniale Bands,
ohne Frage. Nur die Bands, die den Rock über die Neunziger hinweggerettet
haben, wurden total ignoriert.
Als erstes muß man die Frage nach RADIOHEAD stellen. Wieso wird
diese Band mit keinem Wort erwähnt? Keine andere Band hat die (Rock)-Musik
der letzten 10 Jahre intensiver geprägt. Jede neue Band muss sich
die Vergleiche mit ihnen gefallen lassen. Oder Pavement? Nie gehört
oder was? Die mit ihren fluffig-melancholischen Hymnen die Slacker (das
ist die Bezeichnung für die Jugend der Neunziger, Generation X war
spätestens '92 vorbei) anführten. Und was ist mit den drei sympathischen
Norwegern, die ihre Combo "Motorpsycho" nennen? Die uns bewiesen bzw. beweisen,
dass auch 18 minütige Epen in den 90ern funktionieren (und noch viel
mehr...). Ich könnte noch weiter machen. Built to Spill, Pearl Jam,
das Matador Label...
Ich hatte mich echt auf diesen Bericht gefreut. Die Enttäuschung
war doch sehr gross.
Der (ehem.) Zarenwwoofer Stefan
Berlin, 17.3.01 ACH ACHIM! Und buchstäblich in letzter Minute
läuft mir die Sanduhr fürn LOVER ab.
Lange her, daß ich den 29. Lover gelesen habe - sorgfältig
wie immer. Jetzt überblätterte ich ihn nur nochmal. Angst vor
Nathalies Sätzen (hartes Brot ... schlechtes Gewissen pocht in mir
... fühle mich schuldig ... was hätte ich tun können?).
Bei mir siehts auch nicht rosig aus. Seit Mitte Januar bin ich fast nur
krank. Trotzdem mache ich weiter, der Laden muß ja laufen. Arbeite
viel, auch an mir. Vernachlässige über der Familie meine Freunde.
Aber wenn die Kraft nicht reicht, bleibt nur noch der Selbsterhaltungstrieb.
Vom Trieb mal ganz zu schweigen!! Wie ist das mit dem: Jeder-kümmert-sich-nur-noch-um-sich-selbst?
Wenn ich mich um mein SELBST kümmere, um nicht ganz zu verkümmern,
so ist das mehr, als wenn ich mich für andere aufopfere & vor
mir fliehe. So halt ich es zur Zeit. Mein Leben auf Sparflamme. Auf das
(über-)lebensnotwendige Maß begrenzt. Kein geiles Ausufern mehr,
kein Geilwuchs. Ein ganz normales Mutterdasein (aber das wollte ich doch
nie ... davor hab ich mich immer gesträubt!). Nun gebietet mein Körper
Einhalt. Ich muß mein Leben überdenken, sortieren (welche Sorte
Tier bin ich denn nun?). Muß ausmisten, wegschmeißen, klären.
Klärgrube. Ich bin so oft hereingefallen! Ich finde keinen Gefallen
mehr daran. Und ich muß niemand gefallen - im Fallen nicht mehr,
da bin ich oft nur noch ein ängstliches Tier. Werde ich weich landen
oder hart aufprallen? Es wird geschehen. Nichts geht mehr ungeschehen zu
machen. Nichts mehr zu vertuschen. Hinter meinem Rücken Getuschel.
Mein Rücken ist abgeschrabt vom eisigen Rückenwind. Sand vor
meinen Augen. Ich laufe vor der Sanduhr davon, laufe aus. Seh den Weg nicht
mehr. Verschwommen & unwirklich alles, was vorher von Bedeutung war.
Und das soll Heilung sein? Mein Schmerz von den Schmerzen genesen. Die
Hammelbeine langgezogen ins Verwachsenenleben hinein. Keine Ausreden mehr,
kein Erbarmen. Nur VERANTWORTUNG. Für michMILANmichMILANmich. Dann
ist da noch Bert. In mein Leben getreten, und zwar mittenrein. Die Riesenhilfe,
die ich von ihm bekomme, macht mir manchmal Angst. Wie kann ich es wieder
gutmachen. Der Vergeltungsschlag. Mit Blumen mit Liebe mit Küssen
mit Tränen Träumen mit Händen mit Haut an Haut Unterhaut
mit Mitgefühl mit Wühlen unter der Wasserlinie mit Gesängen
vor Mitternacht mit glucksendem Lachen mit Blumen im Haar im Schamhaar.
Meine geliebte Schreibmaschine hackt die Zeichen aufs Papier. Ich müßte
sie mal reinigen (Typenreiniger ... wer soll all die verkackten Typen reinigen,
die sich vor Schiß in die Hosen machen??). Mein KOMM-PUTER liegt
auch noch brach. Bald bin ich wieder arbeitslos (nein, arbeitssuchend!).
Dann kann ich mich um den armen vernachlässigten Kerl kümmern.
Statt Poesie nur Prosa. Das Prosaische erledigen, ehe es mich unter
sich begräbt - da liegt der Hund begraben! Wohngeldantrag. Arbeitslosengeldantrag.
Mir fehlen lumpige zwei Wochen am vollen Jahr ABM. Es ist Haushaltssperre,
die zwei Wochen Verlängerung kann ich wohl vergessen! "Das gabs noch
nie, daß das nicht durchkam", sagte mein Personalchef im Senat. Und
was hilft das mir? Ich hab nicht aus eigenem Verschulden später angefangen
mit der Maßnahme, sondern wurde von der Frau im Schulamt einfach
zu spät in die Spur geschickt! Ausbaden muß ich es natürlich!
Sie hat ja ihr Bestes getan...
Aber
da gibt’s ja den Trick 17! Ich werde dafür sorgen, das Jahr vollzukriegen.
Und dann ist Schluß mit Lustig! Ich lasse mich nicht mehr für
irgendeinen Scheißjob verbraten! Das Jahr als Schulgärtnerin
war mir eine heilsame Lehre! Wir waren echt der letzte Arsch (aber das
wußt ich doch schon - wie konnte ich es nur vergessen??). Und ich
fühlte mich wie auf der falschen Seite. Immer wenn ich mit dem Hausmeister
werkelte und es hieß: "die Künstler...", gab es mir einen Stich
ins Herz! Ich bin längst Künstlerin! Nur verstecke ich mich damit
immernoch. Und das zerreißt mich, genau dieser Spagat. Diese Art
von Selbstverleugnung blutet meine besten Kräfte aus. Ich bin auf
dieser Welt, um mich zu zeigen. Und das, was ich zu zeigen habe, ist meine
feurige Kunst, die ich in alle Richtungen wachsen & blühen &
gedeihen lassen will. Damit werde ich die, die ich wirklich bin. Dann brauche
ich mich nicht mehr verstecken. Auf das traurige Nagetierdasein habe ich
keine Lust mehr! Immer am Tropf vom Arbeitsamt hängen, auf Gedeih
& Verderb ausgeliefert sein. Und dann die Angst, von meiner Kunst nicht
leben zu können. Doch wieder irgendnen Scheiß machen zu müssen
(ich muß ja auch noch Milan durchbringen). Aber so geht’s ja fast
allen. Schluß damit!
Für LAPSUS habe ich noch nichts vorbereitet. Aber es steht schon
was. Zur Zeit läuft noch meine Ausstellung mit Fotos - Bildern - Collagen
in einem Kiezzentrum in Karlshorst. Zur Ausstellungseröffnung las
ich Texte unter dem Titel "WILDWUCHS", und Bert begleitete mich dazu auf
dem Klavier. Da es bei LAPSUS auch sicher ein Keyboard gibt, mache ich
gern eine "WILDWUCHS"-Lesung mit Pianobegleitung durch Bert. Alles andere
ist noch nicht spruchreif.
Bert, Milan & ich möchten gern eine Opernverarschung bringen,
denn Bert hat eine hervorragende Opernsängerstimme (und auch eine
tolle Sprecherstimme - so toll wie er liest keiner Harry Potter vor!!).
Er singt gerne Zwanziger-Jahre-Schlager. Mal sehen, ob daraus was wird.
Jedenfalls kommt er gerne mit zu Lapsus, wenn es ihm zeitlich paßt.
Er will mit seiner Stimme jetzt beruflich ausm Knick kommen und weiß
noch nicht, ob dann gerade ein Projekt läuft. Wenn alle Stränge
reißen, bin ich eben wieder als Solistin da. Mit Texten, versteht
sich. Ich will euch ja nicht enttäuschen.!! Ob ich was Mystisches
auf die Beine stelle, hängt ganz von der Stimmung ab. Falls Imre dabei
ist, ist es schon fast gebongt, denn wir harmonieren da ganz gut! Klangkörperspiele
- darauf hab ich jedenfalls große Lust. Ich mag noch einen Schritt
weitergehen. Zum Tanzen auch noch sprechen / singen in meiner mystischen
Sprache. Das klappt eigentlich jederzeit. Vielleicht kann ich das zu Lapsus
aus dem Hut zaubern. Spannend wird das auf alle Fälle. Bis dahin mache
ich bestimmt nochmal BUTOH-Tanz mit. Das ist ein japanischer Ausdruckstanz,
den es seit den sechziger Jahren gibt und der so revolutionär ist,
daß die Tänzer damals aus der Schule für modernen (modernden?)
Tanz ausgeschlossen wurden. Dieser Tanz ist so radikal, weil es der Tanz
der Seele ist. Ich lasse den Tanz von innen heraus geschehen. Tue nichts
dafür & nichts dagegen. Stelle mich dem Tanz sozusagen nicht mehr
in den Weg. Versuche nicht mehr, gut auszusehen, sondern ich werde zum
Tanz selbst. Sowas passiert mir ja oft schon beim normalen Tanzen. Und
da es viele Türen gibt in diese Räume des fast übersinnlichen
Tanzes, und da ich total gierig nach diesem beseelten rauschhaften Tanzen
bin, mag ich es gern bei Lapsus live ausprobieren!
So, jetzt klingeln mir schon die Ohren von dem lauten Getippe. Ich
hab mich ordentlich in Feuer geschrieben und hoffe, du kannst was damit
anfangen! Tut mir leid, daß es wieder nicht auf Diskette ist! [Mir
erst!] Ich freu mich schon auf den nächsten LOVER!
Alles Liebe von Nina & liebe Grüße von Milan!!! Wir
hörten heut beim Abendbrot die Radio Robotron-Kassette. Milan wie
immer irre begeistert - er ist absoluter Fan von Lapsus! Nina
Rolands aus den Fingern gesaugte Fragen für die LAPSUS-Lulatsche
gingen völlig unter - also da capo:
1. Was willst du haben?
2. Worauf würdest du gern verzichten?
3. Was ist dein liebster Sachzwang?
4. Was möchtest du mal werden?
5. Was kannst du nicht?
6. Bist du erwachsen?
7. Was ist dein Zuhause?
Z: Wieso frag ich gerade dich? Roland
Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer,
Unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald.
Unsre Heimat ist das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld
Und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde
Und die Fische im Fluß sind die Heimat.
Und wir lieben die Heimat, die schöne,
Und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört,
Weil sie unserem Volke gehört.
Wer in der Melodieführung nicht recht im Sattel sitzt:
Na na naaa naaa na na na na na na na na naaa naaa
Na na na na na na na na na na na na
Na na naaa naaa na na na na na na na na na na na na
Na na na naaa naaa na na na na na na na na naaa naaa
usw.
Die Heimat gehört natürlich niemandem, auch wenn der sich
das einbildet. Schützen werden wir sie trotzdem, die Bäume am
Fluß, die Vögel in den Städten und die Dörfer auf
den Wiesen.
Wer macht das Lied rund? Daß man es bei der nächsten Castor-Blockade
singen kann, ohne am Ende Hustenanfälle zu bekommen.
Bitte schreibt an: Ro Li B.
![]() |
Gryphius, eigentl. Andreas Greif, * 1616, † 1664,
deutscher Dramatiker und Lyriker; entwickelte das Trauerspiel des Hochbarocks.
Seine Lustspiele parodieren Handwerker- und Soldatentypen. |
Sigur
Rós kommen wie Björk aus Reykjavik, und sie müssen Empfindungen
haben, die eng verbunden sind mit der Insel im Nordatlantik. Umringt von
Mythologien und Naturschauspielen hat das Quartett eine eigene musikalische
Sprache gefunden. Die ist langsam, nie laut oder aggressiv und doch immer
unglaublich eindringlich. Sigur Rós gründeten sich 1994 als
Trio und nahmen von ihrem letzten Geld ein Song auf, der es zu einem Kompilationbeitrag
brachte. Vier Jahre später entern die Isländer für einen
Sommer die heimischen Singlecharts und im nächsten Jahr avancierte
Ágætis Byrjun zum Topseller auf Island. Nun war es
an der Zeit, die Insel zu verlassen, um die betörenden Klänge
(auch dank des exzellenten Londoner Labels Fat Cat) dem Rest der Welt vorzuspielen
-- und die sollte zuhören.
Far, far away
Als Vorband für Radiohead haben sie gespielt. Und auf der Expo,
als musikalische Vertreter ihres Landes Island, wo sie zu Superstars avanciert
sind. Irgendwas muss also dran sein an dieser Band habe ich mir gedacht,
aber, weil ich keine Karten für Radiohead bekommen habe und an den
falschen Tagen auf der Expo war, den Namen gleich wieder vergessen. Dann
die Plattentests. Von einer "Platte wie ein Schrein" war da die Rede. Diesmal
war ich klüger und habe sie mir "blind" gekauft, bevor ich´s
vergessen konnte. Ich habe mir zuhause meine Kopfhörer aufgesetzt
und war gespannt, was mich da erwartet. 9 Songs (+Intro) und 72 Minuten
später war ich nicht mehr dort. Ich war ganz weit weg, in einem Tagtraum
versunken.
So etwas schönes war mir lange nicht mehr untergekommen. Gut,
mancher mag es kitschig nennen, wenn eine Band ein Stück zehn Minuten
lang auslebt, sich dabei von gewohnten Strukturen löst und einfach
eine Atmosphäre aufzubauen versucht. Ich nenne es begeisternd.
Diese Platte hat mich gefangen und wird mich so schnell nicht wieder
loslassen. Schade, dass ich die Band erst jetzt kennengelernt habe. Hartmut
Nee (harry_krishna@gmx.de) aus Hannover
Mythen und Sagen
Alle paar Jahre findet man eine CD, die jenseits von gängigen
Klängen und Strukturen durch die Musik einfach nur Stimmungen transportiert.
Bei mir waren das "69" von A.R. Kane, "Spirit of Eden" von Talk Talk oder
auch "Millions Now Living Will Never Die" von Tortoise. Genau in dieser
Tradition sehe ich auch "Ágætis Byrjun"
von Sigur Rós, auch wenn die genannten musikalisch nicht vergleichbar
sind. Eine Songstruktur ist nur schwer auszumachen, trotzdem schieben sich
hier und da betörende Melodien in den Vordergrund. Das Spiel zwischen
Stille und Lärm wird auf die Spitze getrieben, genau wie das Spiel
mit den Stilen. Fast schon an Pink Floyd gemahnender Rock wechselt mit
beinahe klassischen Elementen. Das ist Kunst, die weitestgehend eine falsche
Künstlichkeit vermeidet. Das wichtigste ist der Transport einer bestimmten
Stimmung, hier eher mythisch/melancholisch, hin zum Hörer, um diesen
für sich einzunehmen. Und das gelingt hervorragend. Dabei besetzen
Sigur Rós ein Feld, das in den letzten Jahren eher von Trip-Hop-Bands
wie Portishead besetzt war und sind hier eine willkommene Abwechslung.
Wer Musik nicht einfach nur hören, sondern auch erleben will, hat
mit "Ágætis Byrjun" die richtige
CD gefunden. Stefan (s.sattelberger@gmx.de) aus Flensburg
Zeitlos schöne sphärische Jenseitigkeit
Sigur Rós sind definitiv die Anwärter auf die Neucodierung
von Musik. So klirrend kalt es in Island auch sein mag, erzeugen Sigur
Rós die wärmsten Soundteppiche seit Flying Saucer Attack. Wenn
ihr nächstes auf Fat Cat erscheinendes Album nicht auf Anhieb in die
Charts kommt, ist ein Wunder geschehen bzw. die Welt noch genauso ignorant
wie immer. philbuck@gmx.net aus Dortmund
" Achim
Das Jahr 2000 brachte mir einige Konzerte mit Heroen der Rockmusik wie
Lou Reed und Blixa Bargeld mit seinen Einstürzenden Neubauten im Dresdner
Schlachthof und King Crimson im Nürnberger Serenadenhof.
Lou
Reed und seine Mannen zelebrierten einen heftig rockenden Gig zur aktuellen
Scheibe 'Ecstasy', der auch auf wenige Perlen seiner langen Karriere -
'Sweet Jane'! - zurückgriff. Die Mannen an seiner Seite hielten sich
(ehrfürchtig?) optisch ziemlich zurück, was angesichts schwarzer
Kleidung und Bühne nicht sonderlich schwer war, lieferten aber einen
grundsoliden, bisweilen aggressiven Soundteppich. Der zweite Gitarrist
vermochte Lous Spiel kongenial zu ergänzen, der Baß klang mitunter
jazzig und das Schlagzeug zog wie Donnergrollen durch manches Stück.
Die Einstürzenden Neubauten beeindruckten nicht nur durch
die postindustriell anmutende Schlag- und Soundwerkstaffage oder Blixa
Bargelds ziemlich bös-entnervte Reaktionen auf falsche Monitoreinstellungen
in Richtung Mischpult. Was optisch recht irritierend war, zog einen akustisch
unweigerlich in einen tranceartigen Sog. Warum diese Band eine einzigartige
Stellung einnimmt, wird bei einem ihrer Konzerte überdeutlich. Zwar
haben sich auch für ihr Angebot längst Schubkästen gefunden,
aber so widerspenstig beim Reinstopfen dürfte kaum eine andere Kapelle
sein. Spannend und rhythmisch packend war es vom ersten bis zum letzten
Augenblick. Selbst abgedrehteste Soli über üppig wucherndem Scheppersound
fügten sich zu und in Songs, deren Texte leider zu oft im Tosen untergingen.
Mag sein, daß Blixa mit dem Abend nicht sonderlich glücklich
war, wir sehr.
King Crimson live! Meine Erwartungen waren sehr hoch, hatte
ich doch vor nicht all zu langer Zeit endlich die bekanntesten KC-Scheiben
preiswert bei 2001 ergattert und oft und größtenteils begeistert
gehört. Allerdings liegen jene und die aktuellen Scheiben doch um
einiges auseinander. Nicht nur wegen dem berüchtigten und jetzt fehlenden
Mellotron. Mastermind Robert Fripp, dessen Interview zu seinen aktuellen
musikalischen Auffasungen bei LL 2000 wenigstens teilweise zu hören
war, hat mit seinen Frippertronics seit Mitte der 80er ganz eigene Soundlandschaften
angelegt und durchwandert. Diese tauchen auch im neuen Material auf, das
manchem jedoch als zu konstruiert und vertrakt erscheinen mag. Wenn es
denn nur noch überambitionierte Fingerübungen sind, dann wird
es mitunter eben langweilig. Aber Sänger und Gitarrist Adrian Belew,
unlängst auf einer 'Nine Inch Nails'-Scheibe zu Gast, Drummer Pat
Mastelotto und Basser Trey Gunn sind keine unterkühlt agierenden Profis,
die nur ihre Arbeit machen. Die schier unglaubliche Fingerfertigkeit wird
in verführerische, meist mitreißende Musik voller Dynamik und
unerwarteter Wendungen umgesetzt. Manchmal registriert man vergnügt,
wie Drum'n'Bass auch klingen könnte, manchmal scheinen die Beatles
durch die Arena zu schwirren, manchmal geht einfach die Post ab, wie beim
überragenden 'ProzaKc Blues'. Das Material stammte vom aktuellen 'The
ConstrKction Of Light', vom 95er 'THRAK' und vom 94er 'VROOOM'. Zum Schluß
gab es 'Three Of A Perfect Pair', ein Stück von 1984, als akustische
Version des exzellenten Frontmannes Adrian Belew und den (endlich!) für
jedermann erkennbaren Ohrwurm 'Hereos', aus dem 77er Bowie-Album, auf dem
Fripp die erste Gitarre spielte. Ende gut, alles gut. Auch in Nürnberg
gab es die berühmt-berüchtigten Zwischenfälle, bei denen
trotz strengen Verbots jemand während der Konzertes mit Blitzlicht
fotografiert hat: "Would the gentleman, who took the flash photo, please
pass me his camera." Übrigens gibt es das Bootleg der Konzerttour
unter dem Namen 'FOURTH PERFECT BLACKSHEEP'.
Der Starclub Dresden bot mit Walkabouts, Continental Drifters und Willard
Grant Conspiracy des massigen Robert Fisher drei excellente Stammgäste
dieser an Legenden reichen Spielstätte.
Die
Walkabouts
kamen
mit dem Transeuropa-Zug um acht, einer Sammlung sehnsüchtiger, abschiedstrauriger,
fernwehleidiger Coverversionen von Mikis Theodorakis, Jacques Brel, den
belgischen Deus und anderen, die aber auch vorwärtsstampften, wenn
es denn zu aufwühlend war. Carla Torgerson und Chris Eckman sind immer
eine sichere Bank für ein abwechslungsreiches, spannendes und perfektes
Musikantentum. Es fehlte nicht die orchestrale Fülle ihrer Alben,
nicht die charmant akustische Zupferei noch der tröstlich rockende
Abflug.
Einen Zahn deftiger und fröhlicher ging es bei den Continental
Drifters zu. Die überaus reizend anzuschauende Vicky Peterson,
der man ihre Vergangenheit bei den Bangles kaum glauben mag, und die erdige
Susan Cowsill sind die gesangliche Speerspitze des musikantisch-mitreißenden
Unternehmens. Neben Gitarrist und Keyboarder Peter Holsapple sind die Damen
auch Lieferanten des meisten Songmaterials, von dessen Qualität man
sich am besten auf dem Album Vermilion von '98 überzeugen kann. Die
Liveinterpretationen des Materials waren frisch und bissig, ausgelassen
und geradezu ansteckend in ihrer freundlichen Lockerheit. Kaum einem im
Publikum stieg nicht gelöste Heiterkeit ins Gesicht, die sich bis
zum Schluß mit dem auf die Bühne geholten, etwas zu bemühtem
Vorsänger John Crooke problemlos hielt. Eins der besten Konzerte des
Jahres.
Dazu zählt für mich auch das diesmal vollständig miterlebte
Konzert von Robert Fischer und seiner Willard Grant Conspiracy.
Wie dieser Mann Stimmungen aufbaut und hält, das ist einfach großartig.
Und seine mitunter aberwitzigen Songtexte machen das ganze noch spannender.
Da ist zum Beispiel die Rede davon, wie jemand seinem Freund dessen letzte
Bitte erfüllt, fliegen zu können. Er fährt mit dem Verstorbenen
in die Wüste und spannt dessen Haut auf einen Drachen... Stellenweise
erinnern die Stücke in ihrem unnachgiebigen Anschwellen an die Velvet
Underground, manchmal sind sie einfache Countrystücke. Das nächste
Mal bin ich jedenfalls wieder dabei.
Mit Hans E. Wenzel im Club Passage und dem Flowerporno Tom Liwa im Bärenzwinger
boten zwei deutsche Liedermacher Gelegenheit zu einem wunderbaren Abend.
Wenzel log schöner, wie seine letzte Scheibe es versprach.
Er macht seinem Ruf als komödiantischem und aufmüpfigem Melancholiker
alle Ehre. Seine musikalischen Begleiter standen ihm auch durch einige
Einsatz-Unsicherheiten unerschütterlich zur Seite. Besonders Saitenzupfer
und Percussionist K.-H. Saleh steuerte beeindruckendes bei. Dabei übrigens
Texte wie dieser:
"Ach, in diesem tristen Land, dem kalten,
Da ist's nüchtern doch nicht auszuhalten,
Und wie alle, wär auch ich zu gerne
Lieber irgendwo ganz weit, da in der fernsten Ferne
Zwischen schwankenden Gestalten."
Und auf der Textseite im Begleitheft Wenzel in seinem (?) Hanfkeller
mit schelmischer Freude über sein frucht-ständiges Fernweh-elixier.
Tom Liwa hatte drei Ölbilder statt Band auf der Bühne,
vermochte es aber auch so, gestützt auf sein umfangreiches Geschichtenliederwerk,
allein mit seinen Gitarren einen fesselnden Abend zu gestalten, der besonders
durch die schwermütig-leichtsinnigen Texte funktionierte. Auf mein
krachiges Lieblingsstück a la J. Mascis 'Eng in meinem Leben' mußte
ich bei der Miniinstrumentierung allerdings leider verzichten.
Beckerts Party zum 50. Geburtstag in der Scheune schließlich
sah Wenzel erneut auf einer Dresdner Bühne. Er gehörte zu den
zahlreichen Gratulanten, genauso wie Beckerts Kumpel vom Duo Sonnenschirm
Jürgen B. Wolff, Wisperstimmchen Gerhard Schöne, Radikalkomiker
Alf Mahlo und Rainer König, Gesangs- und Instrumentalensemble Regenwiese
mit Gitarrero Frank 'Leichse' Leichsenring, Geschichtenerzähler Steffen
Mensching und etliche andere. Eine brechend volle Scheune erlebte einen
bissigen und nur bedingt (n)ostalgischen Abend mit haarsträubenden
Pantomimen, Coverversionen und ebensolchen Originalen... Leider kamen wir
zu spät, da die Sächsische Zeitung den Beginn falsch angab. Aber
wir verpaßten wohl nur die erste halbe Stunde und das Künstlerkollektiv
schien sich gerade erst zu fügen - auch in das Schicksal, ohne Proben
etwas holprig durch die Nummern zu stampfen, zu torkeln, zu hüpfen.
Aber wenn die Lunte erst einmal brannte, war kein Halten mehr. Schade,
daß nur wenige Künstler so eine publikums- und kollegenverbundene
Party zelebrieren (können) wie der umtriebige Brachialromantiker Dieter
Beckert.
Von Bob Dylans grandioser Geburtstagsparty und Vic Chesnutts intensiv-intimem Soloabend war ja schon in LOver 27 die Schreibe.
Zu verpassen gab es 2000 auch allerhand: Anfang April Energiebündel
Skin und Skunk Anansie in Leipzigs Haus Auensee, Elton John in Bestlaune
am Völkerschlachtdenkmal, Bryan Ferry mit Songs im Stil der 30er im
Dresdner Kulturpalast, die überwältigenden Pearl Jam in Berlin,
leider leider leider die infernalischen Fantômas zwischen Fantômasie
und Fantômassaker im Starclub (Gitarrist Buzz Osborne: Melvins, alternative
Liste; Dave
Lombardo: Ex-Slayer-Trash-Metal-Drummer-Legende; Bassist Trevor Dunn
und Stimmwunder Mike Patton: Faith No More), das rammelvolle Calexico-Schwitzbad
an gleicher Stelle (allerdings ohne John Convertino) usw. usf...
Achim
Unsere
Generation wird nicht so sehr die Untaten böser Menschen zu beklagen
haben als vielmehr das erschreckende Schweigen der guten. Martin Luther
King
Über Plagiate sollte man sich nicht ärgern. Sie sind wahrscheinlich die aufrichtigsten aller Komplimente. Theodor Fontane
Wenige sind imstande, von den Vorurteilen der Umgebung abweichende Meinungen gelassen auszusprechen; die meisten sind sogar unfähig, überhaupt zu solchen Meinungen zu gelangen. Albert Einstein
Das Leben eines Menschen, der freiwillig studiert, ist von unaussprechlichem
Vergnügen begleitet. [genau!] Oliver Goldsmith
(Auszug
aus "Plán B", entnommen aus Überhaupt No. 6, 05/98)
Und nicht so weit weg, die haben's auch nicht lange gezeigt: Erschießungskommandos, vermummt in roten Overalls, kurzer Prozeß mit allem, was fett, häßlich, alt war, dumm dreinschaute, die waren selten zu sehen und immer gegenwärtig. Die Tür jeder S-Bahn lud sie ein. Einige mußten sie rauszerren in die kurzen Feuerstöße ihrer MPi's, die meisten wußten nicht, wie es ihnen geschah.
Was machten sie mit den Leichen? Keine Ahnung, sicher Schminke draus. Fakt war die genaue Erfassung der Wers, die exakten Abmeldescheine, der schrumpfende Ausstoß der Produktion, die Verwertung der Hinterlassenschaften, Aufräumen, Platzschaffen, kaum Lücken von irgendwem bemerkt. Ausweis bei sich tragen gute Pflicht, jawohl doch, man ist doch Deutscher. Aber?
Mitten auf dem Bürgersteig zu beliebiger Zeit: wieder 13 Tote, oder es blieben 13 am Leben. Die abwertenden, kurzen Blicke der Kommandos setzten jedes Gespräch, jeden verzogenen Mund in Zeitlupe. Was? Ich?? Dann das stehende Bild der Leichen. Am Strand, schnell waren all die Mißgestalteten verschwunden, der Stolz des Volkes. Im Supermarkt, ein Blick in den Wagen: Büchsenwurst, Schnaps und Fertigfraß: der Feuerstoß, bald ging der Markt in Flammen auf. Oder die Fabriken. Oder der banale Kapitalist. Oder wer?
Am dörflichen Straßenrand, das letzte Unkräutlein aus dem plattgeharkten Grenzstreifen vorm Haus gezupft, fallen sie schon kopfüber in die Zinken. An der roten Ampel der Jungmanager im Daimler, allzu siegessicher und bedeutungsvoll das Handy am Ohr, sackt zusammen wie einer der Funktürme, die nach und nach in die Luft gesprengt wurden. Studenten denuzierten sich als Quatschköpfe. Immer die anderen.
Viel zu viele Waffen, die Chemie- oder Nahrungsmittelindustrie, niemand blieb übrig. Die Erde entgiftet.
Was Du tun würdest! - Leserpost...
Die Kürze des Lebens ist nichts für Verrückte.
Ro
Li B.
Trollchen

Der Schallplattenmann sagt #212, 4.9.2000
**Branford
Marsalis: "Contemporary Jazz"** @@@@@ (Jazz -- von der derzeit besten "Working
Band", Columbia)
Nach der famosen letzten CD "Requiem" und dem Tod des Pianisten Kenny
Kirkland hat sich Branford Marsalis bis zu dieser Aufnahme einige Zeit
gelassen. Aber das Warten hat sich durchaus gelohnt. Der Klavierstuhl ist
jetzt mit Joey Calderazzo besetzt, ansonsten wieder Jeff Watts (dr) und
Eric Revis (b). Die Musik ist wieder phantastisch. Der Opener "In The Crease"
ist tatsächlich ein hervorragendes Beispiel für das, was man
Contemporary Jazz nennt: eine raffinierte Komposition mit diversen rhythmischen
Wechseln, darüber eine Melodie, die das Ganze dennoch eingängig
und sinnvoll macht. Danach eine weit ausholende Ballade voller Gefühl
und "Elysium", ein wahrhaft hymnisches Werk.
Mit "Cheek To Cheek" folgt dann eine interessante Bearbeitung des bekannten
Standards, in dem Marsalis ganz im Stil von Sonny Rollins brilliert. Überhaupt
hat er sich technisch noch weiterentwickelt und spielt hier nur Tenor (mit
weiter gereiftem Ton). Calderazzo versucht gar nicht erst, wie Kirkland
zu klingen, sondern gibt dem Quartett seine eigene Note... und kann damit
durchaus bestehen. Und "Tain" Watts erweist sich einmal mehr als der Schlagzeuger
des Contemporary Jazz. Für mich war "Requiem" dennoch besser, weil
klanglich abwechslungsreicher, aber die Höchstnote verdient auch diese
CD. [sg]
s.a. Branford Marsalis Quartett: "Requiem" [#146: @@@@@]
Der Schallplattenmann sagt #213, 11.9.2000
**Marshall
Crenshaw: "This Is Easy - The Best Of Marshall Crenshaw"** @@@@@ (Pop --
sehr gut zusammengestellte Kompilation des amerikanischen Songwriters,
Rhino)
"Seit 1981 schreibt Marshall Crenshaw irrsinnig "catchy" Popsongs,
die mühelos mit dem Besten des Rock'n'Roll spielen. Tatsache ist,
dass es nicht nur ein Rätsel, sondern eine himmelschreiende Ungerechtigkeit
ist, dass Songs wie "Someday, Someway", "Little Wild One (No. 5)" oder
auch jeder andere Track dieser CD nicht von jeder Radiostation in den USA
gespielt werden. Diese Kompilation versucht die Dinge ins rechte Licht
zu rücken." So der Text auf dem Rückcover von "This Is Easy".
"Marshall Crenshaw ist meines Erachtens nach neben John Hiatt einer
der besten amerikanischen Songwriter der Gegenwart" urteilte Bernhard Sauer
anlässlich seines Albums "Miracle Of Science" und sein Debüt
wurde als "eines der perfektesten Popalben aller Zeiten" bezeichnet.
Viele Superlative und jeder ist gerechtfertigt. Neun Alben hat Crenshaw
bisher veröffentlicht. Freunde von frischen, manchmal etwas spröden
Songs irgendwo zwischen Buddy Holly und den Beatles, vergleichbar mit Ben
Vaughn und Elvis Costello, sollten jedes davon im Schrank haben. Alle,
die ihn noch nicht kennen, haben schon sein "You're My Favorite Waste Of
Time" (in Bette Midlers Version) gehört oder ihn als Buddy Holly in
"La Bamba" gesehen, jetzt hört ihn euch endlich an! Diese Sammlung
ist der ideale Einstieg. [pb]
**Spock's
Beard: "V"** @@@@@ (Prog-Vulkanier und ihre "Fünfte", InsideOut)
Dieses Album hat wirklich alles, was man von einem Prog-Album der Extraklasse
erwarten kann: musikalische Vielfalt und Spielfreude, ausgefeilte Arrangments,
eine perfekte Produktion und einen exquisiten Sound.
Mit "V" lädt die Band den Zuhörer auf eine Reise ein: Ruhige
Klangwelten, powergeladener Rock, unüberhörbare Jazzeinflüsse,
exquisite Keyboards und eine kraftvolle Gitarre, Zitate aus vier Dekaden
Musik, verbunden mit wundervollen Melodien, ausdrucksvollem Gesang und
intelligenten Texten, alles in jener unnachahmlichen Manier, die Spock's
Beard zur unumstrittenen Nr. 1 ihrer Szene gemacht haben.
Mit dem Album "V" haben Spock's Beard ein Album geschaffen, dass auch
außerhalb der Szene Anerkennung finden wird, ohne dass es sich in
kommerzieller Weise anbiedert. Die fünf Vulkanier melden sich auf
dem Gipfel des Prog-Olymps zurück. Ganz oben. [sal]
Der Schallplattenmann sagt #214, 18.9.2000
**Posthumes Album des The Band-Urmitglieds**
Rick Danko starb am 10.12.1999, er wurde 56 Jahre alt. Ein ausgesprochener
Perfektionist war er nicht immer, so haben z.B. seine Live-Aufnahmen, die
1999 auch auf Breeze Hill veröffentlicht wurden, den kantigen Charme
des Rauhen, Unfertigen. Seine Studio-Arbeit liess immer noch einige unvollendete
Perlen übrig, die dann, nach seinem Tod, von Neu-Bandmitglied Aaron
Hurwitz fertiggestellt wurden. Aber was für Übrigbleibsel...!
[www]
**
Rick Danko: "Times Like These"** @@@@@ (Ur-Americana, ex-The Band, Breeze
Hill)
Ein Auszug aus der Besetzungsliste: Levon Helm und Garth Hudson, natürlich;
aber auch Joe Walsh, Tom Malone, Tom Pacheco, Eric Weisberg und Musiker
des Band-Nebenprojekts The Crowmatix. Das Titelstück "Times Like These"
klingt zu glatt, zu poppig für Danko, da hat Hurwitz überproduziert.
Aber dann kommen die beeindruckendsten Tracks, die Covers von "Ripple"
(Garcia/Hunter), "All Our Past Times" (Clapton/Danko),
und das Lied überhaupt, die Co-Produktion von Dylan und Danko:
"This Wheel's On Fire". Wenn bei uns alten Dylanologen überhaupt so
ein tausendmal gecovertes Ding noch ein Nackenhaarkräuseln erzeugen
kann, dann diese Version hier: Es beginnt mit einer einsamen National Steel
Guitar, die Mandoline gesellt sich dazu, Garth Hudson tupft ein paar Akkordeon-Töne
hinzu, bis die Band dann langsam Fahrt aufnimmt und der Melodie einen tex-mexikanischen
Tuxedo umlegt, das Saxophon klagt wie Klezmer, Danko krächzt mit seiner
hohen Stimme die Textzeilen, bevor das Akkordeon wieder die Melodie in
einen melancholischen Tango verwandelt und behutsam ausklingen lässt
-- schlichtweg meisterlich und unübertrefflich. Die CD hat noch mehrere
wahnsinnig schöne und inspirierte Momente, wie in "You Can Go Home".
Die Masse der Musiker, die an den Tracks beteiligt sind, täuscht:
es ist nie ein Overkill an Sounds und Ideen, stattdessen halten sich alle
sehr zurück und verändern das Klangbild nur durch kammermusikalisch-minimale
Tupfen und Linien ihrer Instrumente.
Der Abschied von Rick Danko fällt schwer; aber so lange es noch
solche Platten von ihm gibt, bleibt wenigstens die Erinnerung lebendig.
[www]
**Marco
Minnemann: "Comfortably Homeless"** @@@@@ (Ein neuer deutscher Zappa. Hochachtung!,
Duck Dive)
Hei, wie schön, dass es noch Verrückte gibt. Ich meine wirklich
Verrückte, so wie Marco Minnemann. Oder was soll man von einem halten,
der sich die halbe Jugend damit um die Ohren geschlagen hat, Zappa-Musik
in Noten zu transkribieren? Seit seinem 11. Lebensjahr haut er auf alle
Felle in seiner Nähe ein, der Rhythmus kommt dann durch intensiven
Unterricht an der Uni Braunschweig dazu... Über diverse Jazz/Fusion-Combos
kommt er nach München zu den Freaky Fuckin' Weirdoz und ist bei deren
fünf Platten dabei. Mit Nina Hagen, weitere anerkannte Verrückte,
spielt er, gründet sein Projekt "Illegal Aliens". Von 1997 bis 1999
trommelt er bei den H-Blockx, zu hören auf "Fly" und live bei 200
Konzerten. Und der internationale Erfolg sollte nach dem Modern Drummer-Festival
im Mai 1999 in New York kommen, wo er als erster deutscher Schlagzeuger
auftrat. Hier ist in erfrischend unbekümmerter Weise alles zu hören,
was man an Zappas Musik so genial findet: irrwitzige Tempi, vertrackteste
Rhythmen, ineinander geschnittene Textpartikel, Ideen für wenige Sekunden
Musik, aus denen andere Musiker, gar Bands schon mal drei ganze Alben zusammenklauben
würden.
Gebt den Verrückten eine Chance, hört euch diese Platte an,
unterstützt einen der kreativsten Musiker, die in der heimischen Szene
herumsausen, Marco Minnemann hat eure Beachtung wirklich verdient! (<http://www.marcominnemann.de/>)
[www]
Der Schallplattenmann sagt #215, 25.9.2000
**Ben
Sidran: "The Concert For García Lorca"** @@@@@ (Jazz-Pianist bringt
Dichter-Piano zum leuchten -- eine Offenbarung!, GoJazz)
Die Geschichte dieses Konzerts von Ben Sidran (p, voc) zu Ehren des
großen spanischen Romanciers und
Künstlers Federico García Lorca beginnt 1997 in Granada,
nach einem gemeinsamen Auftritt mit Georgie Fame sowie der Bekanntschaft
mit des Dichters Nichte. Sidran beschäftigt sich darauf hin mit Schriften
Lorcas und kehrt ein Jahr später nach Spanien zurück. Zum ersten
Mal seit 1936 wird das Piano Lorcas aus dem Haus in den Hof gebracht, wo
am 18. Juni 1998, zusammen mit Bobby Martínez (sax), Manül
Calleja (b) und Leo Sidran (dr), dieses legendäre Konzert stattfindet.
Eine wunderschöne Hommage an die schicksalhafte Lebensgeschichte Lorcas,
in der Sprache des Jazz erzählt; ein Ausflug in die lyrischen Welten
eines toleranten freiheitlichen Geistes und eine musikalische Offenbarung
allererster Güte. Den Mitschnitt dieser intimen Momentaufnahme jenes
Sommerabends, eine der magischsten Jazz-CDs der letzten Jahre, sollte sich
wirklich niemand entgehen lassen. [gw]
**Victoria
Williams: "Water To Drink"** @@@@@ (Swingender Folk-Pop aus Joshua Tree/CA
-- ein immer noch zu entdeckender Artists' Artist, Atlantic)
Das vorzügliche Tribut-Album "Sweet Relief" aus dem Jahr 1993
mit Stücken der an MS erkrankten US-Songwriterin, Hundeliebhaberin
und Gelegenheitsschauspielerin ("Even Cowgirls Get The Blues") sollte in
Erinnerung geblieben sein. Die bisherigen fünf Scheiben von Victoria
Williams gehören -- ebenso wie "Water To Drink" -- in die musikalische
Hausapotheke. Die zwölf neuen Stücke sind köstlich, atemberaubend
gelassen und
anders: Entstaubter Folk mit Pedal Steel Gitarre, swingender Bar-Jazz,
retrograder West-Coast-Sound, verspielter Bossa Nova, und ganz viel vom
Charisma großer amerikanischer Popmusik.
Zusammen mit Ehemann Mark Olsen (ex-Jayhawks), Greg Leisz, Van Dyke
Parks, John Convertino (Giant Sand,
Friends Of Dean Martinez, Calexico) und vielen kalifornischen Musikerfreunden
ist hier ein ganz großer Wurf geglückt. [gw]
Der Schallplattenmann sagt #216, 2.10.2000
**Christy Baron: "Steppin'"** @@@@@ (Hip-Jazz-Noir -- Eine große
Interpretin findet ihren Stil zwischen Pop und Acid an der Bar, Chesky)
Christy Baron hat für und mit Dr. John, Melba Moore, Natalie Cole,
Carly Simon und David Sanborn gesungen. 1997 folgte der Ruf des Nobel-Labels
Chesky. Es entstand das Album "I Thought About You". Eine begnadete Interpretin
transformiert feine Pop-Melodien und Dance-Rythmen in magischen Bar-Jazz.
Christy Baron fühlt sich bei Pop-Klassikern und anderen modernen Stilrichtungen
gut aufgehoben.
Auch ihr neues Album beeindruckt mit schwindelerregender Klasse. In
der Tradition großer Jazz-Vokalisten werden nicht schon wieder Cole
Porter, die Gershwin-Brüder oder Irving Berlin neu interpretiert,
sondern populäre Komponisten des 21. Jahrhunderts (Peter Gabriel,
Lennon/McCartney, John Mandel, Prince u.a.). Wer hört, was diese hippe
Jazz-Diva aus "Tomorrow Never Knows", "Mercy Street", "She's Not There",
"This Must Be Love" oder "The Shadow Of Your Smile" gemacht hat, wird die
Originale nicht mehr hören wollen. [gw]
**Tom
Lehrer: "The Remains Of Tom Lehrer"** @@@@@ (Anthology des bösen amerikanischen
Songwriters -- 3CD, Rhino)
Tom Lehrer ist derjenige, der schon in den 50ern mit seinen bösen,
satirischen Liedern den Nährboden schuf für Musiker und Texter
wie Randy Newman oder Warren Zevon. Schon als Student, aber auch später
als anerkannter Mathe-Prof wußte Lehrer mit Songs wie "Fight Fiercely
Harvard", "I Wanna Go Back To Dixie" oder natürlich "Poisoning Pigeons
In The Park" zu unterhalten und aufzuschrecken. Tabus kannte er keine,
jede Macke Amerikas und seiner Einwanderer kam mit wunderbarer Scharfzüngigkeit
dran. Regelmäßige Aufnahmen oder Konzerte hatten allerdings
Mitte der 60er ein Ende, Lehrer wandte sich wieder intensiver seiner Lehrer-Tätigkeit
:-) zu. Ins Gespräch brachte ihn nur der unermüdliche Einsatz
des großen Radio-DJs und Verehrers Dr. Demento. Dieser schrieb auch
die Linernotes zur 3-CD-Box "The Remains Of Tom Lehrer", die das gesamte
Schaffen des inzwischen 72-jährigen abdeckt und außerdem mit
insgesamt sechs unveröffentlichten Songs aufwartet (u.a. aus dem Jahr
1999)!
Das Hardcover-Booklet beinhaltet alle Texte und neben den orginalen
Linernotes der jeweiligen Platten auch noch Song-by-Song-Notes von Lehrer
selbst. Schon wieder auf der tollen "Rhinophonic"-Tonqualität rumzureiten
wäre wahrscheinlich wie Tauben im Park zu vergiften. Besser kann man
eine Anthology einfach nicht gestalten! [pb]
Der Schallplattenmann sagt #217, 9.10.2000
**Mark Selby: "More Storms Comin'"** @@@@@ (Echter, alter, neuer Rythm'n'Blues,
Vanguard)
"I'm the lucky one" singt Mark Selby und man kann ihm nur beipflichten.
Wer so gekonnt den halben Rock-Olymp zitiert und sich spielerisch darüber
erhebt ohne überheblich zu werden, den kann man nur glücklich
nennen. "More Storms Comin'" ist Selbys erstes Album, aber man merkt ihm
das nicht an, wohl auch, weil er für Leute wie Kenny Wayne Shepard
oder die Dixie Chicks schon Songs geschrieben hat und dabei üben konnte.
Auf seinem Debüt swingt es an allen Ecken und Enden und mal lugen
Keith Richards mit den Stones, mal Bob Dylan oder die Kinks um die Ecke
und immer wieder wähnt man sich auch auf einer Van Morrison-Platte.
Selbys Gitarrenspiel aber, das jedem Song eine mal einfühlsame, mal
treibende Note verleiht, macht dieses Album zu seinem. Er entwickelt so
viel Eigenleben und spielt mit den Einflüssen, dass er ohne Probleme
auf eigenen
Füßen steht.
Heutzutage wird viel zu oft behauptet, es gäbe nur noch neuen
Soundmüll im Einheitsbrei und nur doch das Alte zähle. Hinter
der Fassade jedoch verbergen sich zu viele, die entdeckt werden müssten.
Selby macht es einem leicht, man glaubt sich zu Hause und verlässt
doch für einen Moment die alten Bahnen.
(<http://www.vanguardrecords.com/selby/>) [hb]
Der Schallplattenmann sagt #219, 23.10.2000
**John
Hiatt: "Crossing Muddy Waters"** @@@@@ (Blues, Country, Rock & Folk
-- melodiöse Geniestreiche, Sanctuary)
"Das nächste mal bitte wieder ein neues, inspiriertes Album",
war die klare Forderung nach John Hiatts "Best Of"-Album von 1998. Und
wir wurden erhört. Nach dem schon gewohnten Spiel "neue Firma -- neue
Platte -- neues Glück" liefert uns Hiatt auf "Crossing Muddy Waters"
elf neue Tracks auf höchstem Niveau. Während er in den USA mit
den Goners (die Band um Sonny Landreth, die auch "Slow Turning" einspielte)
tourt, wurde dieses, insgesamt vierzehnte Album mit Altbassisten Davey
Faragher und Nashville Queens-Gitarrist David Immerglück in trauter
Heimatmosphäre in drei Tagen aufgenommen. Akustischer Bass, Gitarren
und Mandolinen, "Only The Song Survives" und ein leidenschaftlicher Sänger
in Topform: 38 vinylgerechte Minuten lang liefert "Crossing Muddy Waters"
perfekte Melodien in eindringlicher Schlichtheit irgendwo zwischen Blues,
Country, Rock und Folk. Viele dieser Songs werden wir in absehbarer Zeit
auf Cocker-, Turner- und Williams-Alben hören, sie werden charten
und trotzdem nie die hier zu erlebende Klasse erreichen. Seid nicht dumm,
hört das Orginal! [pb]
**Katja Maria Werker: "Contact Myself"** @@@@@ (Singer/Songwriterin
-- Lieder aus einer empfindsamen Seele, BMG)
Warum soll man am 23. Oktober 2000 eine dusselige RTL-Serie namens
"Hinter Gittern" angucken? Um diese sehr verletzlich wirkende Frau drei
Lieder singen zu hören...
Ich hätte es kaum für möglich gehalten, dass es heute
in Deutschland noch so etwas gibt, eine Musik, eine junge Sängerin,
die sich vom ersten Ton an am Rande der gängigen Schemata von "Singer/Songwriterin"
bewegt und doch die Stilmittel allesamt traumhaft sicher beherrscht.
Vergleichen könnte man die Werker am ehesten mit Lynn Miles oder
Mya Sheard. Die "Lieder" kommen impressionistisch dahergetupft mit sparsamster
Gitarrenbegleitung. Gelegentlich ergänzt durch eine elektrische Band,
in der unter anderem Nippy Noya (perc) und Jörn Heilbut (g) auftreten,
irgendwo bläst auch Sven Regener (Element Of Crime) seine spröde
Trompete. Leute, die Katja Werker noch aus ihrer Zeit im Ruhrgebiet
kennen, beschreiben ihre früheren Konzerte und CDs aus dem Eigenvertrieb
als noch karger und athmosphärischer. Dass sie damit im Vorprogramm
des eher grobschlächtigen Pott-Poeten Stoppok bestehen konnte, spricht
sehr für sie. Eine zerbrechliche, abgedunkelte Stimme, der ich noch
verfallen würde, sänge sie mir nur das Telefonbuch von Essen
vor... [www]
Der Schallplattenmann sagt #220, 30.10.2000
**Sex Pistols: "The Filth And The Fury - A Sex Pistols Film"** @@@@@
(Dokumentationsfilm und DoCD-Soundtrack, Virgin)
Was ist der kleinste gemeinsame Nenner von Sex Pistols, Bay City Rollers,
Sailor, Roxy Music, Alice Cooper und David Bowie? Richtig: die 70er Jahre.
Jeder formulierte die 70er Jahre, wie es in den Sinn kam: "Shang-A-Lang"
konnte auch als Kürzel für "No future" aufgefasst werden (aber
darauf kam damals wohl niemand) und "Glass Of Champagne" hatte sicher etwas
mit "School's out" zu tun. Die Doppel-CD "The Filth And The Fury" bringt
all das zusammen. Im Vordergrund stehen natürlich Sex Pistols-Songs,
denn dieser Tonträger ist ja schließlich die Filmmusik zur gleichnamigen
Sex Pistols-Dokumentation von Julien Temple in Zusammenarbeit mit Sex Pistols,
der Anfang November in die Kinos kommt, und absolut sehenswert ist.
John Lydon (Johnny Rotten) sagte in einem Interview, der einzige Grund,
weshalb er beim Dokumentarfilm mitmache, sei seine Redefreiheit, die Geschichte
zu erzählen, wie sie wirklich war. So ist der Film auch aufgebaut:
Johnny Rotten, Paul Cook, Steve Jones und Glen Matlock sind im Gegenlicht
aufgenommen und reden über diese Zeit.
Jeder für sich. Alleine mit Julien Temple. Sid Vicious kommt auch
zu Wort dank eines Interviews knapp vor seinem Tod. DazwischenBand-Auftritte,
Proben und Szenen des Alltags in GB. Zum Teil erinnert mich der Film an
"Monty Python's Flying Circus". Hervorragende Schnittsequenzen machen die
105 Minuten zum kurzweiligen Vergnügen und Aha-Erlebnis, z.B. wenn
der Londoner Politiker Bernard Brook Partridge sagt "I think the Sex Pistols
are the antithesis of humankind. The whole world will be better for their
non-existence". Oder der schicksalhafte Auftritt in der Thames-TV-Sendung
"Today" mit dem betrunkenen Moderator Bill Grundy, der die Sex Pistols
anstachelt "Ungehöriges" zu sagen. Die daraufhin erfolgten Schimpfkanonaden
wurden seitens EMI mit Auftrittsverbot in London quittiert.
O-Ton: "Wir werden unser Möglichstes tun, um ihr öffentliches
Auftreten zu bändigen." Dabei waren es doch bloß vier Teenager,
denen elitäre Bestrebungen zuwider waren und die formulierten, was
sie dachten. So wie die Bay City Rollers eben. Lasst euch diesen Pflichtfilm
zum besseren Verständnis der Sex Pistols und der 70er Jahre nicht
entgehen.
Und danach werdet ihr auch die CD mögen. [mh]
**Various: "Flashbacks Vol.1-6"** @@@@@ (Musikstilmix-Anthologie der
Jahre 1914-1947 -- 6 einzelne CDs, Trikont)
Werner Pieper tat, was Harry Smith auch tat. Werner Pieper sammelte
Songs. Obskuritäten, erotische Lieder, Antikriegssongs, Lieder über
Drogen, Spirituals und Liebeslieder aus einer Zeit, die wir nur aus Geschichtsbüchern
kennen. Der Zeitraum der 6-CD-Compilation "Flashbacks": 1914-1947.
Und wie bei dem Standardwerk "Anthology Of American Folk Music" von
1952 wurde auch hier nichts ausgelassen. Der große Unterschied: Bei
"Flashbacks" bildet Swing die Basis und findet eine stilübergreifende
Ergänzung mit Spirituals, Folk, Blues, Country und -- ja! -- Pop.
Dass diese Zeit enorm wichtig für die heutige Musik ist, hört
man auf jedem der sechs Teile.
Auf Vol.2 "Novelty Songs (Crazy & Obscure)" lernen wir mit "Ta-Hu-Wa-Hu-Wai
(Hawaiian War Chant)" von Spike Jones einen musikalischen Geniestreich
kennen, der einige Stilmittel in 2:42 unterbringt. World-Beat-Fusion, wie
es z.B. David Byrne auf "Feelings" einige Dekaden später verwendete.
Oder: The 5 Jones Boys führten 1938 Mr. Ghost in die Stadt, 1988 kam
Bobby McFerrin ziemlich happy daraus hervor und wiederum Spike Jones verarscht
mit Spielzeuginstrumenten "Führer's Face".
Bleiben wir gleich beim Krieg: "American War Songs (Hitler & Hell)"
zeigt, dass Amerika immer schon zwei Gesichter hatte, aber eben auch dieses
auf Vol.6 verarbeitete Thema Freiheit, Gleichheit und Glück vs. Diktatur.
Die Zeitspanne dieser CD umfasst die Jahre 1933-1947.
Unterschiedliche Persönlichkeiten wie Leadbelly (Mr. Hitler),
Bing Crosby & The Andrew Sisters (Hot Time In The Town Of Berlin),
Rev. J.M. Gates (Hitler And Hell) bis hin zu Walt Disney & Donald Duck
(Yankee Doodle) und The Golden Gate Jubilee Quartet (Stalin Wasn't Stallin')
schufen Musikpanoramen, die hierzulande als entartet eingestuft wurden.
Dass ein gewisser Wesley Tuttle ein Lied namens "Smoke On The Water"
einspielte, ist natürlich nur zufällige Namensgleichheit, mit
"Coming In On A Wing & A Prayer" von Eddie Cantor lernen wir hingegen
eine frühe Version dessen kennen, was Ry Cooder auf "Boomer's Story"
('72) neu verarbeitete.
Eine Klasse für sich ist auch Vol.1 "Drug Songs (High & Low)".
Ella Fitzgerald, Cab Calloway, The Ink Spots, Gene Krupa, Dick Justice
und viele mehr sangen über ein Thema, das eigentlich nicht besungen
werden durfte. Harry Anslinger setzte durch, Kokain, Zigarren, Alkohol,
Marihuana, Heroin, Coca Cola, Kaffee etc., aus Liedtexten zu verbannen.
Jene, die sich nicht daran hielten, bekamen keine Musikerlizenz (die ausführlichen
Liner Notes geben darüber weitere wertvolle Auskunft).
Der dritte Teil "Copulation Blues (Hot & Sexy)" behandelt Erotik,
Vol.4 als "Heart Breakers (Blue & Lonely)" betitelt widmet sich der
unglücklichen Liebe und der Sehnsucht. 1928 bereits wurde "My Handy
Man" besungen :-) Ethel Waters fand ihn erotisch. Na ja. Beide CD's beinhalten
jedenfalls (Blues-)Songs, die am Ende der Sklaverei entstanden sind und
von der einzigen Lebensfreude der Unterdrückten erzählen, nämlich
Sex. Aber nicht nur die Songs klingen aufregend, auch die Namen der Musiker,
lasst sie euch auf der Zunge zergehen: Frankie Halfpint Jaxon with the
Harlem Hamfats, The Light Crust Doughboys, Mezz Mezzrow, The Hokum Boys.
Fehlt noch Vol.5: Das Wort zum Sonntag "Halleluja (Gospel & Prayers)"
führt uns zur aufregendsten Musik, die in dieser Qualität schon
lange nicht mehr existiert. Thomas A. Dorsey z.B., ursprünglich ein
"simpler" Blues-Musiker, fand die Erleuchtung nach mehrjähriger Depression
und schrieb eine Unzahl Gospel, die lange Zeit auf Ablehnung stießen.
Bob Dylan nicht unähnlich. Und wenn jemand glaubt, dass Rap erst vor
ca. 30 Jahren entstand, braucht sich nur "My Time Done Come" vom Golden
Gate Quartet aus dem Jahr 1942 anhören. Groove und Rhythmus waren
schon da, die Umsetzung freilich ging noch ohne elektronische Hilfsmittel
vonstatten.
Fazit: 115 Songs, auf 6 CDs verteilt, die wie die Harry Smith-Compilation
in keiner Sammlung fehlen sollten. Jede CD ist übrigens einzeln beziehbar.
[mh]
Der Schallplattenmann sagt #221, 6.11.2000
**The
Magnetic Fields: "69 Love Songs"** @@@@@ (Lo-Fi Juwelen zwischen Country,
Reggae und Synthie-Pop -- 3CD, Circus)
Diese Veröffentlichung ragt allein schon durch ihren Umfang aus
dem Wust der Neuerscheinungen heraus: Drei CDs, 180 Minuten Laufzeit und
vollgepackt mit Liebesliedern. Eigentlich waren deren 100 geplant, aber
irgendwie passt die 69 ja auch ganz gut (remember "69 anné érotique").
Und das Beste daran, Magnetic Field-Mastermind Stephen Merritt ist keiner
dieser Heimfrickler im Veröffentlichungswahn. Wer Songfragmente oder
Skizzen erwartet wird enttäuscht. Vielmehr ist er ein besessener Songwriter,
ähnlich Brian Wilson, der aus seinen Kompositionen das Letzte herausholen
will. Von Ironie keine Spur, wenn Merrit große Pop-Musik entwirft,
die sich kundig des Fundus der Musikgeschichte bedient und dabei reihenweise
Prachtsongs hervorbringt, die so unterschiedlich wie deren Bezugspunkte
sind. Die Liste der Querverweise zu Abba, Human League, Pulp, Johnny Cash,
Phil Spector, Flying Lizards, Scott Walker, Baby Bird oder Divine Comedy
ließe sich endlos fortsetzen. Die US-Presse überschlägt
sich vor Begeisterung. Und Sachen wie "Papa Was A Rodeo" sind schlichtweg
genial. Von diesem Ausnahme-Werk wird noch in Jahren die Rede sein! (<http://www.houseoftomorrow.com>)
PS: Für den kleinen Geldbeutel sind die CDs in den USA auch einzeln
erhältlich. [bm]
**Elvis Presley: "Peace In The Valley - The Complete Gospel Recordings"**
@@@@@ (88 Gospel-Songs von 1956-1977 -- 3CD, BMG)
Elvis Presley ist zur Unsterblichkeit verurteilt worden, weil er die
Sünde begangen hat, Musiker zu sein. Nicht irgendeiner freilich. Am
Anfang seiner Karriere war dieser satanische Hüftschwung gepaart mit
zügellos ekstatischer Musik. Gleichzeitig zelebrierte er Gospel-Songs.
Ohne Hüftschwung, dennoch nicht minder tief empfunden. Sämtliche
Studio-Aufnahmen Gott betreffend, versammeln sich auf dem 3CD-Sampler "Peace
In The Valley".
Die Aufnahmen entstanden zwischen 1956 und 1977, also quasi von der
Karrierewiege bis zur Bahre. Auch wenn so mancher Song im Arrangementkitsch
zu versinken droht und doch sehr bieder daherkommt, Presleys Stimme rettet
und lässt verzeihen. Durch diese Lieder hat er vielleicht länger
gelebt. Zumindest klingt sein Gesang so, als ob er in diesen Songs und
- vor allem in den 70er Jahren - nur in Gospel-Songs wirklichen Halt fand.
So betrachtet stellen die 88 Songs mehr Tragödie denn Herzwärme
dar. Das einzige mir bekannte Album übrigens, das an die Intensität
von "Peace In The Valley" herankommt, ist "My Beauty" von Kevin Rowland
und sei an dieser Stelle nochmals nachhaltig empfohlen. [mh]
Der Schallplattenmann sagt #222, 13.11.2000
**Keith
Jarrett, Gary Peacock, Jack DeJohnette: "Whisper Not"** @@@@@ (Jazz --
besser kann man Standards nicht spielen -- DoCD, ECM)
War seine letzte CD noch eher ruhig und introvertiert, zeigt sich Keith
Jarrett diesmal wieder von seiner energetischen Seite. Zusammen mit Gary
Peacock (b) und Jack DeJohnette (dr) hat er das berühmte Standards-Trio
-- gegründet immerhin schon 1983 -- wieder aktiviert. Bei einem Konzert
im Juli 1999 in Paris wurde dann diese Doppel-CD aufgenommen, und die glänzt
in mehrfacher Weise: inspirierte Musiker, ungemein dichtes Zusammenspiel
und ein hervorragender Sound. Schon beim Opener "Bouncin' With Bud" sprüht
Jarrett vor Ideen und Spielfreude, und bei dem Bop-Klassiker "Groovin'
High" fliegen dann richtig die Funken, immer vorangetrieben von Jack DeJohnettes
unglaublichem Drive. Aber auch Balladen wie "Chelsea Bridge", "Round Midnight"
oder "Prelude To A Kiss" werden meisterlich interpretiert. Den fast entsetzten
Aufschrei des
frenetischen Publikums am Ende des Konzerts kann man gut verstehen...
aber doch gelassen hinnehmen: Schließlich kann man am Ende von CD#2
einfach wieder CD#1 einlegen. Langweilig wird diese Musik nie. [sg]
Der Schallplattenmann sagt #223, 20.11.2000
**Annette Peacock: "An Acrobat's Heart"** @@@@@ (Jazz -- Piano, Stimme,
Streicher und ein tiefer Blick ins Herz der Finsternis, ECM)
Das Erscheinen eines neuen Albums der New Yorkerin Annette Peacock
war in etwa so wahrscheinlich, wie neues Kino-Zelluloid mit Ronald Reagan
oder ein brandneues Pop-Album Cat Stevens'. Im Free-Jazz des doppelten
Doppels Paul und Carla Bley & Gary und Annette Peacock war sie der
aufregendste Puck dieses Midsummer Night's Dream-Team, der am hellsten
leuchtete, aber auch am tiefsten stürzte. Als Hippie-Prophetin, Feministin
und eine Art Missing Link des Wild-Jazz kreischte sie zu freien Improvisationen,
noch ehe Yoko Ono dies tat, sang eigene Gedichte Jahre vor Patti Smith
und nahm 1971 die erste Rockjazz-Fusion-Platte der Musikgeschichte auf.
Nach sehr langer Pause steht nun die Verschollene mit
neuem Werk im Laden. Eine Visite im Königreich der Exzentrik und
ein tiefer Blick ins Herz dieser intensiven Akrobatin. Herbstzeitloser
Vocal-Jazz: Aufmerksamkeit fordernd, kontemplativ, reduziert auf Piano,
Streicher und vor allem diese wunderschöne Stimme. Das schlichte Meisterwerk
der Saison. [gw]
Der Schallplattenmann sagt #224, 27.11.2000
**PJ
Harvey: "Stories From The City, Stories From The Sea "** @@@@@ (A place
called home -- die Independent-Diva blickt zurück und macht Geschichten,
Island)
"I wanna' pistol, I wanna' gun" ("Big Exit"), die ersten Zeilen ihres
neuen Albums, eröffnen einen irritierend sinnlichen Trip durch Lebensweisheiten,
Begierden und Depressionen moderner Zeitgenossen. Mit gleichem Charisma
wie Patti Smith, versteht es die Engländerin, sperrig und lasziv,
musikalische Short-Stories zu liefern. Mit der Intensität Jim Morrisons
räsoniert sie in "This Is Love" über passive Liebe und kann kaum
glauben,
wenn es kompliziert wird ("When I just wanna' sit here and watch you
undress"). Unter Mithilfe von Mick Harvey, Rob Ellis und Thom Yorke (Radiohead)
trägt die Diva schwarz und zeigt, was sie zu einer der wirklich wichtigen
britischen Künstlerinnen macht. "The Whores Hustle And The Hustlers
Whore" wird zum bitteren Monolog an einen abwesenden Gott, und gleich im
Anschluss lässt PJ Harvey Thom Yorke von making-love on
screen träumen ("This Mess We're In"). Wie bei Patti Smith tauchen
schließlich Pferde auf ("Horses In My Dreams") und über Brooklyns
Dächern fallen entscheidende Sätze ("You said something that
I've never forgotten"). Der Gang über den Regenbogen gelingt und verbindet
Anfänge ("Dry","Rid Of Me") mit Neuem. [gw]
**Midnight Choir: "Unsung Heroine"** @@@@@ (Independent -- the choir
of lost and forgotten souls, Glitterhouse)
Musikalisch war dies das Jahr der Kanadier und Finnen. Zu Letzteren
gehören auch die traurigsten Melancholiker, die ich je gehört
habe (abgesehen von den Tindersticks). Auf ihrem traurig-morbiden, neuen
Album, und zusammen mit den Gästen Robbie McIntosh (Paul McCartney
Band, Pretenders), Nils Petter Molvaer, Carla Torgerson & Chris Eckman
(The Walkabouts), suhlen sich die Nordländer auf diesem Meisterwerk
in lustvollem Schmerz und Heroismus. "The message is clear, the feeling
is gone" ("Double Blank") eröffnet und weist den Weg durch dieses
Album. Typisch schleppende, Neil Young'sche "Rust Never Sleeps"-Gitarren
("Snow In Berlin") und dessen Gänsehaut-Harmonicasound ("She Came
From West
Virginia") verirren sich, und ein Piano jagt verwehten Erinnerungen
nach. Nicht nur bei "Electric Rain" ("I'm dying from the inside") tropft
überdosierte Melancholie aus dem Player. "Spiritual" ("Jesus, I don't
wanna die alone"), ganz am Schluss der CD, wird man so schnell nicht wieder
vergessen.
Man könnte neidisch sein, und (zumindest an diesen kalten Tagen)
Finne werden wollen. [gw]
Der Schallplattenmann sagt #225, 4.12.2000
**Motörhead: "The Best Of"** @@@@@ (Metal, was sonst? -- DoCD,
Sanctuary)
25 Jahre Motörhead! Wer sich schon immer mal eine Essenz der Großtaten
des Metal-Rabauken Lemmy Kilminster und seiner über die Jahre hinweg
wechselnden Kumpane zum gelegentlichen Ohrenausputzen in die musikalische
Hausapotheke stellen wollte, der liegt mit dieser vierzig Tracks starken
Dröhnung goldrichtig. Neben Klassikern wie "Ace Of Spades", "Please
Don't Touch" (Motörhead mit Girlschool als Headgirl), "Overkill",
"Bomber", "No Class" uvam. in digital remasterter Soundqualität
(eigentlich schnurz, was?) enthält die Doppel-CD zum durchaus fairen
Preis auch rarere EP- und Soundtrack-Stücke ("Eat The Rich") sowie
vier bisher unveröffentlichte Live-Aufnahmen ("Fire Fire", "The Chase
Is Better Than The Catch", "Shoot You In The Back", "The Hammer"). One,
two, three, four... [bs]
Der Schallplattenmann sagt #226, 11.12.2000
**The Beatles: "1"** @@@@@
(Best of the best, Teil 1, EMI)
Ich probier's mal so: Es war einmal vor langer Zeit, in Liverpool,
da... -- moment, so geht das nicht. Also nochmal: Wir sehen die bunten
Lichtlein in den Verkaufspassagen prangen, und die Mutti will dem Pappa
noch ein hübsches Geschenk zu Weihnachten verpassen, damit er ein
ganz toll blödes Gesicht macht, falls er am Fest die Verpackung herunterbringen
sollte. Und schau Mutti, da haben wir auch schon das Passende: Die Beatles.
Da hat der Pappa zwar schon alles, und wahrscheinlich wird er recht unsanft
daran erinnert, was für ein alter Knochen er inzwischen geworden ist,
aber haben wollen wird er das Ding schon. Und wenn die zweite Folge nächstes
Jahr zur selben Zeit erscheint, ist das nächste Weihnachtsgeschenk
auch schon sicher gebongt. Auf der "1" (gut, der Titel ist nicht sonderlich
originell, aber egal) sind jedenfalls alle 27 englischen Nummer-Eins-Hits
der fabelhaften Four drauf, und auch noch remastered. Na wie wär's?
[gw]
© 2000 by Der Schallplattenmann sagt. Alle Rechte vorbehalten.
Achim
Es war
einmal ein Dirigent, der wollte König sein.
Pina Sommergrün, 14.1.01
(Auszug aus dem Textprogramm von Reimar Gilsenbach auf der ökologischen Konferenz der PDS. Entnommen mit freundlicher Genehmigung der tarantel Nr. 10.)
Wer
marktschreierisch für Umwelt und Ökologie wirbt, muß längst
nicht wissen oder zugeben, wovon er redet. Beide Begriffe sind zu Worthülsen
verkommen, die uns des Denkens entheben. Hinterfragt und auf den Sinn gebracht,
gehört Umwelt zur Ideologie des Habens, der Oikos (Haushalt) dagegen
zur Daseinsform des Seins.
Meine eigene Umwelt kann ich nicht sein. Sie ist etwas um mich herum,
etwas außer mir, kein Teil von mir. Nur in dem Maße, wie ich
mich von der Welt abgrenze, wird sie mir zur Um-Welt. Verfüge ich
über Kapital, dann kann ich Eigentum an der Umwelt erwerben: Äcker
und Wälder, Wohngrundstücke, Bodenschätze. Erst als Immobilie
erhält die Umwelt also ihren Wert im sozialen System des Kapitalismus.
Eben weil die Umwelt als
Boden, als Bau- und Nichtbauland, als "Fläche" systemimmanent
verfügbar und "privatisierbar" zu sein hat, bedarf sie des Know Hows
der Manager, des technischen Wissens, der kalkulierbaren Wachstumskonzepte,
der ökonomischen Strategien.
In einem Oikos, einem Haushalt, lebe ich; mein ganzes Sein mit Haut
und Herz und Hirn gehört diesem Haushalt an. Ich existiere nicht von
der Natur losgelöst, ich verstehe mich als einen Teil eben dieses
Naturganzen. Oikos ist weder an Börsen zu handeln, noch in Dollarmilliarden
transferierbar, noch kann er in Privateigentum verschachert werden. Er
entzieht sich den Begriffen der Technik, der Wirtschaft, er ist eher mit
denen des Familienlebens faßbar: Vater und Mutter sind Glieder der
Familie, nicht deren Eigentümer. Unserem Sein im Oikos wären
ethische Verhaltensmuster angemessen: Zuneigung, Liebe, Mütterlichkeit,
Fürsorge, Güte, Weisheit - wir hätten sie denn!
Umwelt und Oikos verhalten sich, anders gesagt, zueinander wie Unternehmensstrategie
und Parteipolitik zu Mutterliebe und Familiensinn. In einem System, das
Eigentum und Kapital in der Werteskala obenan setzt, in einem System, das
von Profitstreben und Machtinteressen beherrscht wird, bleiben ökologisch
und marktwirtschaftlich einander ebenso widerstreitende, ja ausschließende
Begriffe wie Sein und Haben.
Wer umweltgerecht denkt, versteht sich als Macher. Für ihn sind
Müll, Abwasser und Lärm technisch verursachte Umweltprobleme,
die sich mit ebensolch technischen Mitteln sanieren lassen. Dem Umweltsanierer
schwand der Wortsinn von sanis (gesund) längst aus dem Hirn. Er sieht
die Umwelt nicht als heilbar, er sieht sie als manipulierbar an, Neuland
für Investoren. Erböte sich ein Arzt einen an Aids Erkrankten
zu sanieren, der
Patient, sich verspottet wissend, jagte ihn zum Teufel. Umweltmanager
dagegen gebrauchen eben dieses verderbte Zeit-Wort, um uns weiszumachen,
jede kaputte Umwelt lasse sich heilen. Sie selbst wissen nur zu genau:
Ist ein Ökosystem erst einmal zerstört, sind Pflanzen- und Tiergesellschaften
erst einmal ausgerottet, dann vermag die Technik sie ebensowenig wiederherzustellen
wie einen hirnamputierten Patienten oder
die ausradierte Kultur der Azteken. Nicht einmal Gott hätte die
Macht, tropischen Regenwald, sind seine letzten Reste gerodet, aus der
Asche als Regenwald wiedererstehen zu lassen, es sein denn, wir gäben
ihm Millionen Jahre Zeit.
Müll wird von Umweltsanierern in Müllverbrennungsanlagen
"entsorgt", Abwasser in Abwasserbehandlungsanlagen "aufbereitet", strahlender
Atomschrott in unterirdischen Hallen "endgelagert" - die industrielle Produktion
und die Vernichtung ihrer Exkremente verlaufen nach den gleichen Prinzipien,
ihre Manager denken in demselben Jargon, schönfärbende Wörter
kennzeichnen ihn, Tarnwörter. Mir wird übel, denn ich habe immer
noch Wörter wie Volksgemeinschaft, Endlösung und Sonderbehandlung
im Ohr, gestrickt nach demselben Prinzip schönfärben, verharmlosen,
das Böse, das Unheil nicht beim Namen nennen.
Erreichen Umweltprobleme das Ausmaß des Erdballs - Ozonloch,
Treibhauseffekt, Bevölkerungsexplosion, Ökokollaps -, dann muß
zu ihrer Sanierung global investiert werden - UN-Konferenzen, Weltbank,
Gatt, Eingreiftruppen an den Golf, Blauhelme in Krisengebiete. Ein Billiardengeschäft
für die Industriestaaten, Kreditversklavung für all jene zurückgestoßenen
Arme-Schlucker-Länder, die sich nie zu Nationen hinaufentwickeln werden,
geschweige denn zu Industrienationen. Das Aus für Regenwald und Korallenriff,
die Ausrottung von vielen Tausend "Kulturflüchtern" unter den Tierarten
und einigen Dutzend bedrohten Naturvölkern - betrieben unter dem Tarnwort
Sanierung!
Vision systemgerecht sanierter Zukunft: Umwelt, geschützt und
gemanaged, hochtechnisiertes Megatopia, wo der Luxus für wenige ebenso
garantiert zu sein hat, wie die bunte Ödnis der zufrieden lächelnden
Mehrheit, Un-Welt, in der das Elend der Ausgeschlossenen um sich frißt.
Zerstörter Oikos, entgöttlichte Schöpfung, planetares
Disneyland - die von Menschen überquellende, entmenschlichte Erde.
Aus Reimar und Hannelore Gilsenbachs Vortrag "Natur - was ist das eigentlich? Zehn Versuche nebst vier Liedern über den Naturbegriff und sein sprachliches Umfeld." Unveröffentlichte Fassung 7.1.2000. Der Text erscheint in einem geplanten Buch von Reimar Gilsenbach.
Lange saß Frau Nichtig auf der Parkbank, massierte ihren geschwollenen
Knöchel und grübelte, woher sie diese Frau Krüger und ihren
Mops kannte. Das viele Nachdenken machte sie müde, und so schlief
sie irgendwann auf ihren Plastiktüten liegend ein. Erst gegen Mittag
fuhr sie mit einem Entsetzensschrei hoch: Der Mops von Frau Krüger
hätte sie im Traum beinahe gebissen. Dieser verdammte Mops! War es
nicht völlig egal, wer diese dämliche Frau Krüger war, wo
sie nicht einmal wußte, wer sie selbst war?! Verrecken konnte ihretwegen
diese dußlige Person. Und ihr fetter, häßlicher Köter
gleich mit dazu.
Sie
hatte jetzt wirklich über Wichtigeres nachzudenken. Sie mußte
möglichst rasch ein paar von ihren Sachen verkaufen, am besten heute
noch. Doch an wen? Sollte sie wie diese lästigen Vertreter oder diese
noch lästigeren Kirchenheinis von Tür zu Tür ziehen? Jeder
anständige Mensch knallte denen doch, nachdem er diesen Geldhaien
und Seelenverkäufern ordentlich Bescheid gestoßen hatte, die
Tür vor der Nase zu. Und wenn sie ihre Nase nicht rechtzeitig zurückgezogen
hatten, um so besser! Oder sollte sie sich auf den windigen, zugigen Markt
stellen und dort ihre Sachen feilbieten? Das war sicher das richtige für
diese Fidschis; denen gefiel das offensichtlich. Die grinsten bei 40 ?C
im Schatten genauso stupide hinter ihren Kohlköpfen hervor wie bei
20 ?C Frost. Die sind eben anders gebaut, die merken das gar nicht. Aber
das war doch nichts für ein so zartes Wesen wie sie! Das beste war,
sich direkt an Menschen zu wenden, die sie kannte und die ihr wohlgesonnen
waren. Aber Horst hatte mit seiner Stubenhockermentalität ja jede
Möglichkeit, nette Bekannte kennenzulernen, im Keim erstickt.
Immer hatten sie nur vor der Glotze gehockt, dabei hätte man doch
auch mal... , na, z.B. hätte man doch ganz gepflegt ein Gläschen
Wein trinken gehen können. Oder so was in der Art. Aber nein – ewig
hatten sie zu Hause rumgesessen und waren sich gegenseitig auf die Nerven
gegangen. Horst war nun wirklich nicht der geborene Entertainer! Und wenn
sie schon mal jemand besucht, dann höchstens die bucklige Verwandtschaft
von Horst, allen voran seine aufdringliche Schwester Ilse. (Ilse-Bilse,
keiner will se!) Zu der würde man sie nicht mal im Sarg hintragen
können. Sie konnte es drehen und wenden, wie sie wollte; die einzigen
akzeptablen Bekannten, die sie hatte, waren Frau Hiller-Sasse, Fräulein
Thoms und die fette Frau Schneider. Es war einfach demütigend.
Voller Wehmut dachte Frau Nichtig an all die kultivierten, aufmerksamen,
geistreichen und großzügigen Freunde, die sie früher einmal
gehabt haben mußte. Eine Frau wie sie! Ach, wenn diese Freunde doch
nur von ihrem Schicksal wüßten! Auf Händen würde sie
getragen werden! Jeden Wunsch würde man ihr von den Augen ablesen!
Über ihre Geldsorgen würden diese noblen Menschen nur lächeln.
‚Hier ist ein Scheck. Wieviel soll ich eintragen, Liebes? Und denk’ ja
nicht dran, es mir zurückgeben zu wollen. Das würde mich zutiefst
kränken, das weißt du!’ Ach ja...
Aber es half nichts. Unter diesen mißlichen Umständen mußte
sie sich allein weiterhelfen. Die Hiller-Sasse wohnte immerhin gleich um
die Ecke und mußte um diese Zeit wohl schon zu Hause sein, denn sie
arbeitete nur halbtags. Das war doch eigentlich eine ganz patente Person.
Na gut, ihr kreischendes Lachen konnte einem schon manchmal den letzten
Nerv rauben, und dann hatte sie auch überall diese gräßlichen
pinkfarbenen Pfützen von ihrem Nagellack hinterlassen. Frau Nichtig
mußte deshalb einmal 5 Seiten noch mal ganz von vorn abtippen – eine
elende Schlamperei! Aber Frau Nichtig wollte jetzt nicht kleinlich sein.
Und für Mode war doch die Hiller-Sasse immer zu haben. Die würde
ihr die Sachen sicher mit Kußhand abnehmen. Gerade, als die Schmerzen
im Knöchel unerträglich zu werden begannen, war Frau Nichtig
vor der Haustür mit dem Namensschild Hiller-Sasse angekommen. Frau
Nichtig klingelte.
Hinter der Wohnungstür war deutlich die kreischende Stimme von
Frau Hiller-Sasse zu vernehmen. Dennoch dauerte es eine Weile, bis sie
ihre Tür einen Spalt breit öffnete. "Du Doris, einen Moment mal,
da ist jemand an der Tür. Ich meld’ mich gleich wieder, leg’ auf keinen
Fall auf!" Frau Hiller-Sasse stutzte einen Moment, als sie Frau Nichtig
erkannte. "Ach, Sie sind das! Ach, das ist jetzt aber ungünstig, Sie
sehen ja, ich telefoniere gerade. Wenn’s nicht gar so dringend ist, könnten
Sie ja vielleicht auch ein anderes Mal vorbeikommen ...?" Dabei warf sie
einen peinlich berührten Blick auf Frau Nichtigs elende Holzpantoletten.
"Wenn es sich irgendwie machen ließe, würde ich schon gern gleich
jetzt mit Ihnen reden." Die Hiller-Sasse wandte sich sichtlich. "Na gut.
Dann müssen Sie sich allerdings noch ein Augenblickchen gedulden.
Ich muß erst rasch das Telefonat beenden." Frau Nichtig wollte erleichtert
gerade den ersten Fuß in die Wohnung setzen, da rumste ihr schon
die Tür vor der Nase zu. Fast wäre sie noch mal umgeknickt. Fassungslos
starrte sie auf das Namensschild. Hinter der Tür wurde eifrig weitergeschwatzt.
Aber so leicht ließ sich Frau Nichtig nicht abwimmeln. Gut, sie würde
ein Weilchen warten. 5 Minuten gab sie der Hiller-Sasse, keine Sekunde
länger.Nach einer viertel Stunde – ihr geschwollener Knöchel
brachte Frau Nichtig fast um – öffnete sich die Nachbarstür,
und ein niedliches fünfjähriges Lockenköpfchen schaute keck
daraus hervor. Frau Nichtig lächelte ihm wohlwollend zu. "Böse
Tante, böse Tante", rief da der kleine Bastard und steckte Frau Nichtig
die Zunge raus. Bevor sie irgendwas erwidern konnte, war die Tür wieder
zu. So ein Rotzlöffel! Nach weiteren 10 Minuten – Frau Nichtig hatte
sich bereits erschöpft auf eine Stufe niedergelassen – kam eine mürrische
Alte mit einem vollen, stinkenden Mülleimer von einem oberen Stockwerk
herunter und drängelte sich an Frau Nichtig und ihren Tüten vorbei.
"Guten Tag", grüßte Frau Nichtig zuvorkommend. Die Alte zuckte
nicht mal mit der Wimper.
Als sie mit leerem Eimer wieder hochkam, knurrte sie: "Bei uns brauchen
Sie gar nicht erst klingeln, wir geben nichts!"
Endlich öffnete die Hiller-Sasse erneut die Tür. "Ach, Sie
sind ja noch da. Tut mir leid, es hat doch etwas länger gedauert.
Worum geht’s denn?" "Ja, also, ich dachte, vielleicht könnten Sie
mal einen Blick auf diese Sachen werfen. Sie sind beinahe neu und zum Wegwerfen
doch eigentlich zu schade." Frau Hiller-Sasse lächelte etwas verkniffen.
"Eigentlich kaufe ich ja nichts an der Haustür." "Das kann ich gut
verstehen. Aber, ich meine, wir kennen uns doch. Wenn ich Ihnen ganz kurz
was zeigen darf ...?" Frau Nichtig holte einen karamelfarbenen Samtpullover
aus der Tüte. Ein wirkliches Prachtstück. Die paar Fettflecken
am Ärmel sah man kaum. "Allerbeste Verarbeitung, fassen Sie mal an,
ganz weich." "Na ja, was würde der denn kosten?" meinte die Hiller-Sasse
und zupfte verlegen an ihren Locken herum. "Ich dachte so ..., 30 DM?"
Die Hiller-Sasse riß erschrocken die Augen auf. "Also wissen Sie,
so viel Geld hab’ ich ja auch nicht. Und ich hab’ mir auch gerade erst
was Neues gekauft." "Was würden Sie denn geben wollen?" hakte Frau
Nichtig rasch nach. Doch mitten in ihre Frage hinein schrillte schon wieder
das verdammte Telefon. "Tut mir wirklich leid, Frau ..., äh, aber
Sie sehen ja, ich bin schrecklich beschäftigt. Vielleicht sieht man
sich ja mal. Alles Gute. Tschüüß." Rums, war die Tür
wieder zu. Hinter der Tür hörte Frau Nichtig was von ‚Stell dir
vor!’ und ‚lauter Lumpen.’ Frau Nichtig biß sich auf die Lippen.
Herrgott, was bildete sich diese kleine Tippse eigentlich ein?! Frau Schneider
war ihr schon immer viel seriöser vorgekommen.
Als Frau Schneider nach getaner Arbeit endlich an ihrer gemütlichen
Altbauwohnung angekommen war, wurde sie dort von einer etwas dubiosen Erscheinung
erwartet. Erst auf den zweiten Blick erkannte sie ihre ehemalige Kollegin.
"Ach, guten Tag, Frau ..." Fragend zog Frau Schneider ihre Augenbrauen
in die Höhe. "Einen wunderschönen guten Tag, Frau Schneider!
Schönes Wetter heute, nicht?" "Hm. Wie man’s nimmt. Was wollen Sie
denn von mir?" Frau Nichtig faßte sich ein Herz. Unter einer rauhen
Schale steckte doch oft ein guter Kern. "Ja, Frau Schneider, ich will Sie
gar nicht lange aufhalten. Ich hätte da nur ein paar sehr schöne
Kleidungsstücke. Und weil Sie sich ja auch immer so adrett anziehen,
dachte ich, Sie hätten vielleicht Interesse ..." Frau Schneider warf
einen mißtrauischen Blick in die Tüten. "Wenn Sie ganz schnell
in ein, zwei Sachen schlüpfen würden ..." "Und was soll der Spaß
kosten?" Frau Nichtig gab sich einen Stoß. "Weil Sie es sind, Frau
Schneider, 5 DM für’ s Stück. Egal, was es ist." "5 Mark? Hm.
Na, meinetwegen. Kommen Sie rein." Frau Schneider führte Frau Nichtig
in ein gräßlich möbliertes Schlafzimmer, das so penetrant
nach Schweiß und, ja, nach Frau Schneider roch, daß Frau Nichtig
speiübel wurde. Gierig wühlte Frau Schneider in den Tüten.
‚Hoffentlich nehmen die Sachen ihren Geruch nicht so an’, dachte Frau Nichtig
angewidert und lächelte aufmunternd. Gerade zwängte sich Frau
Schneider mit aller Gewalt in ihr bestes Stück: das Dirndl, das sich
Frau Nichtig letzten Sommer von Horst erbettelt hatte. Von Hand bestickt!
180 DM! "Seien Sie vorsichtig!" rief Frau Nichtig ängstlich, doch
da war es schon geschehen. Der zarte Baumwollstoff hatte der Wucht von
Frau Schneiders mächtiger Büste nicht standhalten können.
"Hm", meinte Frau Schneider etwas verlegen. "Das dürfte bei Qualitätsstoff
eigentlich nicht passieren! Das müssen wir schon mal aussortieren."
Frau Nichtig schluckte schwer. Frau Schneider hatte jetzt ein zartgrünes
Strickkleid beim Wickel. Wie sie schwitzte! Unter den Achseln zeigten sich
bereits dunkle Schweißflecke. Das mußte sie jetzt nehmen. Koste
es, was es wolle. Frau Schneider schaute zweifelnd in den Spiegel. Sie
glich in frappanter Weise einer grünen Riesenwurst, die gleich aus
ihrer Pelle zu platzen drohte. Sobald sie sich bewegte, krachten die Nähte.
"Ein bißchen knapp, wie?" "Aber nein, Frau Schneider, das trägt
man jetzt so. Figurbetont eben." "Hm." Frau Schneider schien sich nicht
ganz sicher. Sie zerrte sich das Kleid wieder über den Kopf und besah
es kritisch von allen Seiten. "Nein, Frau Nichtig, tut mir leid, aber das
kann ich nicht nehmen. Sehen Sie mal, wie ausgebeult das ist! Wissen Sie,
ich glaube, ihre Sachen stehn mir einfach nicht. Außerdem muß
ich jetzt los, einkaufen. Weil Sie es sind, würde ich die Sachen trotzdem
nehmen. 5 Mark pro Tüte, abgemacht?" Frau Nichtig zitterte am ganzen
Leib. Nein, das war zuviel. 10 Mark für Ihre gesamte Garderobe?! Wofür
hielt man sie denn?! Wortlos raffte sie ihre Tüten zusammen und verließ
die Wohnung. "Wie wär’s denn mal mit Arbeiten?!" rief ihr die fette
Frau Schneider nach. Von all der erlittenen Schmach ganz benommen machte
sich Frau Nichtig auf den weiten Weg zu Fräulein Thoms, ihrer letzten
Hoffnung.
Neben
ihr tauchte plötzlich eine ältere Dame auf einem Fahrrad auf,
an dem vorn ein Hundekörbchen befestigt war. In diesem Körbchen
saß ein dicker, fetter, häßlicher Mops. "Guten Tag," grüßte
die ältere Dame Frau Nichtig freundlich. "Guten Tag, Frau Krüger,"
grüßte Frau Nichtig mechanisch zurück. ‚Der ihr Köter
wird auch immer fetter,’ schoß es ihr kurz durch den Kopf, doch dann
war sie mit ihren Gedanken wieder bei Fräulein Thoms. Die war doch
nun wirklich eine Seele von Mensch. Und so bescheiden! Schade nur, daß
sie ausgerechnet in einer dieser Plattensiedlungen wohnte. Frau Nichtigs
Knöchel war in einer aufgequollenen Masse roten, schmerzhaften Fleisches
versunken, und sie kam nur schleppend vorwärts. Erst am frühen
Abend, ihre Holzpantoletten hatte sie längst weggeworfen, erreichte
sie den Block, in dem Fräulein Thoms wohnte. Im 6. Stock. Und es gab
keinen Fahrstuhl. Mit letzter Kraft erklomm Frau Nichtig die vielen Stufen.
Tränen liefen ihr über’s Gesicht. Fräulein Thoms mußte
sie einfach retten. Ach, sicher würde Frau Nichtig hier ihren geschundenen
Fuß hochlagern dürfen. Vielleicht konnte sie sogar auf dem Sofa
übernachten! Sie glaubte sich zu erinnern, daß Fräulein
Thoms Mitglied des DRK war. Wieder und wieder drückte Frau Nichtig
auf den Klingelknopf. Doch niemand öffnete. Wie im Wahn klingelte
Frau Nichtig weiter und weiter. Irgendwann schaute ein entnervter Nachbar
aus der Tür: "Meine Güte, raffen Sie es denn nicht? Die ist nicht
da. Die hat ’ne Reise gewonnen – 14 Tage Costa Rica, irgend so ’ne griechische
Insel."
Ein wildes Schluchzen schüttelte Frau Nichtig. Wie sie die Treppen
wieder heruntergestiegen war, wußte sie nicht. Da es vor dem Neubau
keine Bänke gab, hockte sie sich auf den Reifen eines Kinderspielplatzes.
Ihre Tüten hielt sie wie einen Rettungsanker umklammert. Mit einem
Mal rasten wie aus dem Nichts zwei grimmige Pitbulls mit gefletschten Zähnen
und spritzenden Geifer auf sie zu. Sollte das ihr Ende sein? Wütend
stürzten sich diese jedoch nicht auf sie, sondern auf die Tüten,
verbissen sich in diese und schleuderten sie wild hin und her, wobei sie
deren Inhalt mit bösem Knurren überall auf dem Boden zerstreuten.
Schon hatte einer von ihnen das Dirndl zwischen den Zähnen, das ihm
der andere sofort zu entreißen versuchte. Die blutunterlaufenen Augen
rollten bedrohlich, sie zerrten mit aller Macht an dem Kleid, als ginge
es um ihr Leben. Erst als sie es kurz und klein gemacht hatten, stürzten
sie sich mit ungebrochenem Eifer auf das nächste Objekt ihrer Begierden.
Es war das zartgrüne Strickkleid. Kein Zweifel, die Tiere hatten den
Geruch der fetten Frau Schneider gewittert, und dieser trieb sie schier
in den Wahnsinn.
Frau Nichtig nutzte die Gelegenheit und schlich sich auf leisen Sohlen
davon. Noch lange drangen das furchteinflößende Bellen, Knurren
und Röcheln
der wilden Bestien an ihr Ohr.
Fortsetzung folgt
Regina
1.
Einkaufen ist wichtig!
2. Lasse dich durch nichts abbringen: deine Wünsche zählen!
3. Nimm immer genügend Geld mit!
4. Meide Geschäfte mit unfreundlichen Verkäufern!
5. Wenn dir etwas gefällt, kaufe es!
6. Wenn du zweifelst, kaufe trotzdem!
7. Trage nichts Gebrauchtes. Kaufe selbst!
8. Lehe gebastelte Geschenke ab!
9. Kaufe das, was deine Freunde sich nicht leisten können!
10. Bestehe daruf, dass du auch am Sonntag einkaufen darfst!
Mit der Mundart-Gedichtsammlung "mit ana schwoazzn dintn" gelang ihm 1958 der literarische Durchbruch und die Beeinflussung einer ganzen Generation einheimischen Dichternachwuchses. Artmann schrieb Dramen, Gedichte, barocke Schwänke, Hörspiele, Libretti und Drehbücher. Er war bekennender Comic- und Schauerromanfan.
aus 'Das im walde verlorene totem', erschienen in der Sammlung 'Der
handkolorierte Menschenfresser', Verlag Volk und Welt 1984
| Cat's foot iron claw
Neuro-surgeons scream for more At paranoia's poison door Twenty first century schizoid man Blood rack barbed wire
Death seed blind man's greed
|
Katzenpfote Eisenkralle
Neurochirurgen schreien nach mehr An der Giftpforte der Paranoia 21. Jahrhundert Schizoider Mensch Blutfolterbank Stacheldraht
Todessamen der Blinden Gier
|
Ich bin sehr interessiert an verschiedenen Lebensweisen und praktischer Arbeit jenseits von Lohnarbeit, weil ich nun selbst am Suchen bin, wie ich unabhängig von Sozialhilfe, aber auch unabhängig von einer "normalen" Anstellung und einem Chef oder einer Chefin leben kann. [Alma, Hamburg 6/98]
Des ganzen
alltäglichen spieß- und sonstig bürgerlichen Kleinstadtwahnsinns
müde - auf der Suche nach einer echten Alternative - nicht zuletzt
auch unserer beiden Kinder wegen (Joseph 5, Anna 1/2) stießen wir
auf die Anzeige im Alternativen Branchenbuch ... [Hannes, Paula, Neubrandenburg
4/98]
Es ist so erschütternd, wie viele Menschen mit ihrer "Mitwelt/Umwelt" umgehen. Sie machen sich keine Gedanken und zerstören oder freuen sich über irgendwelche Straßen, die ihnen den Weg zur Arbeit erleichtern, überlegen aber nicht, was für den Straßenbeton weichen mußte. ... Ich "bete auch an die Macht der Liebe", obwohl ich finde, viele verstehen das Wort Liebe falsch. [Laila, Solingen 1/98]
Natürlich wünsche ich mir, selbst in einer Kommune zu leben, die meinen Vorstellungen entspricht. ... Wenn ich mir einen Menschen im Naturzustand vorstelle, auf der Suche nach Nahrung und einem Schlafplatz, ist es für mich naheliegend, daß er sich mit anderen Menschen zusammenschließt, um mit ihnen gemeinsam seinen Nutzen zu suchen. Und so haben es die Menschen in der Frühzeit ja auch getan: Sie haben sich in kommunistischen Stammesgesellschaften organisiert. Für mich ist eine Kommune wie eine solche Stammesgesellschaft, nur daß sie nicht auf verwandtschaftlichen Banden gegründet ist. Insofern bedarf es keiner weiteren Erklärung, warum Menschen in Kommunen leben wollen, sondern warum sie es nicht tun. Wenn die Menschen sich nicht in Kommunen organisieren, müssen sie anderswo ihr Auskommen finden. Dieses scheint nicht selbstverständlich zu sein, wenn man von 5 Millionen Arbeitslosen hört. Ich selbst habe mein Studium vor einem Jahr abgebrochen, weil ich nicht länger Handlungsweisen gehorchen wollte, die ich ablehnte. Ich hoffe, einen anderen Weg zu finden. Wenn ich aber feststelle, mein Leben als ganz normaler Arbeitnehmer leben zu müssen, möchte ich wenigstens so wenig Energie wie möglich darauf vergeuden. Aber vorher möchte ich die Alternativen wenigstens mal ausprobiert haben. [Heiko, Berlin 12/97]
(Stichwort: Pseudoleben). Ich habe Angst, durch die Arbeit vereinnahmt zu werden und nur für (Summe meiner bisherigen Erfahrungen in Schule und Zivildienst) freudlose Plackerei zu leben. Zwischenmenschliche Beziehungen für Arbeit aufzugeben (z.B. bei Schichtarbeit und Wochenendarbeit) ist für mich ein zu hoher Preis - eine Ansicht, die bei vielen Leuten auf Ablehnung und Unverständnis stößt. Interessanterweise erzählen einige dieser Leute dann auch noch etwas vom Unterwandern geistiger Stagnation... Es gibt zwar den Spruch "Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen.", aber ich will nichts beschönigen: Wenn Pläne/Träume/Gedanken immer nur Papier oder immateriell bleiben, hat das mehr den Charakter von Zeit- und Energieverschwendung. ... Desweiteren sehne ich mich nach Menschen, die ehrlich zueinander sind und sich nicht hinter eine Maske zurückziehen und eine Rolle spielen. Sie sollen sie selbst sein, mit all ihren Macken, Sorgen, Vorlieben etc. Lachen, Weinen, Emotionen statt coolness und dem Schielen nach Macht und Einfluß und Ausübung dieser Dinge. ... Ansonsten stehe ich hier auch einige Kämpfe durch: Der übliche Terror zu Hause, wo jeder nur sein Programm abspult und dann seinen Frieden + seine Drogen haben will. ... Am Sonntag mußte ich von einem lieben Freund Abschied nehmen, der für die nächsten 5 Jahre aus politischen Gründen "mal raus muß". Da ich nicht weiß, wie gut wir beide observiert wurden und werden und nicht weiß, wie lange er im Exil aushält, mache ich mir große Sorgen um ihn. ... Für mich gibt es hier keine Perspektive, und wenn der Bauwagen fertig ist, dann steht da ziemlich fix ein Trecker vor, und ich mache mich auf in die Welten von Holz + Handwerk + "anders leben"... Und lasse dabei amtliche und sonstwie legitimierte (oder auch nicht) Institutionen links liegen. [Gero, Köln/Kerken 96, 97]
Wir versuchen, aus der Großstadt rauszukommen, um irgendwo auf dem Lande, in der Natur zu leben. Da wir kein Geld haben, ist es gar nicht so einfach, aber wir werden schon was finden, es ist am Anfang schwierig, sich zu orientieren. ... Wir sind für totale Befreiung von Natur + Erde, Menschen + Tieren! Ich hoffe, irgendwann im Gleichgewicht mit der Natur zu leben, suche ein einfaches Leben ohne Konsumwahn, Leistungszwang und Technologieterror. Ob Bauwagen, Holzhütte, Tipi, kleiner Dachboden - ist egal, hauptsache in und mit der Natur, mit der Erde leben, Gemüse anbauen, Pflanzen - Selbstversorgung. Auch wenn die totale Selbstversorgung sehr schwer zu erreichen ist, ist es nicht unmöglich, sobald fest daran geglaubt wird, und genug Leute so was wollen, wird es auch passieren. ... Ich bin orientiert, so einfach + billig + unabhängig wie nur möglich. Versuche, mich jetzt nur noch von veganer Rohkost zu ernähren, benutze auch hier im Zimmer keinen Strom mehr. ... Kein Telefon finde ich o.k., besser ohne! ... Ich bin zur Zeit bei Tü!Tü! in Pommritz - die Frau, die ohne Geld und Ausweis lebt und sich aus der "freien Wildbahn" von Rohkost ernährt. ... Besonders zur Zeit ist bei mir das Bedürfnis nach Stille, Abgeschiedenheit, irgendwo in der Natur sein sehr stark, brauche sowieso viel Zeit, um alleine zu sein, zu meditieren, mich mit der Lichtenergieanwendung zu beschäftigen, um nachzudenken ... - bin nach wie vor auf der Suche, sowohl innerlich wie auch äußerlich. ... kann den Krach, die ständige "Geschäftigkeit" und Hektik, die vielen Leute + Autos, generell die lieblose, stumpfsinnige, aggressive Stimmung nicht mehr verkraften. ... gleichzeitig finde ich Kommunikation, Austausch, Kontakte zwischen Gleichgesinnten, den Zusammenhalt sehr wichtig, und echte Freundschaft schätze ich sehr (wie die Freiheit, die mir heilig ist). Dabei bin ich noch im Zwiespalt, ob und wie lange noch ich von der Unterstützung vom Amt abhängig bleibe, vielleicht gebe ich das ganz auf, ... ich tendiere in die Richtung, ohne Geld zu leben, so unabhängig + ungebunden wie nur möglich. ... Letztendlich geht's auch darum, sich dem Leben ... in Hingabe anzuvertrauen, im Fluß zu bleiben. [Friedhelm, Berlin (Mitte)<- Ja, mitten in der Hölle sozusagen! 8/98, Pommritz 8/99]
Im Frühling wollen wir in unser Tipi ziehen, uns soweit wie möglich selber versorgen und lernen, einfacher zu leben. Langfristig suchen wir einen Haus- und Gemeinschaftsanschluß. [Ruth, Jesse, Happurg 11/97]
Seit einiger Zeit lebt in mir der Gedanke/Wunsch wieder in einer Gruppe zu leben, das sollte aber mehr sein als gemeinsam einkaufen, kochen, Haushalt usw. Andere Anhaltspunkte: ein Wohn-/Arbeitsgemeinschaft, nicht so groß (bis etwa 15 Leuten), ökologisch/biologisch, Landwirtschaft, gegenseitige Bezogenheit. [Herman, Nijmegen 6/96]
Besonders angesprochen hat mich eure Vision von einem grünen, blühenden Land mit liebevollen, freien Menschen. Und da ich sowohl handwerklich interessiert bin, gerne wieder in der Landwirtschaft arbeiten würde und eine Kombination von Therapie und Arbeit sehr sinnvoll finde, wo Menschen gemeinsam für ihr Leben sorgen, suche ich einen Ort, wo solche Dinge verwirklicht werden, ich daran teilhaben und lernen kann. [Irmela, Marburg 2/97]
Wir wollen eine Gemeinschaft in Natur, mit Kindern, lieben, sensiblen, offenen Leuten, mit Wagen (?), gemeinsamen Aktionen und gleichberechtigten Entscheidungen, mit Musik-, Kunst- und Literaturleben, eventuell mit sozial Schwachen, mit Kontakt zur "Außenwelt", mit Umweltaufmerksamkeit und -schutz, mit Arbeit in verschiedenen Bereichen, mit einer gemeinsamen Grundidee - einem Ziel. ... Ach, es ist noch viel zu lernen, wir stehen ja alle am Anfang und haben wenig Vorbilder. [Tamara, Triesch 2/95, Eilum 3/96]Ich leite hier eine Jugendgruppe des Naturschutzbundes und versuche "meiner Gruppe" ein paar andere Lebensinhalte außer Drogen, Geld und Konkurrenz aufzuzeigen. Was nicht gerade einfach ist. Für mich und meine Kinder suche ich momentan eine Alternative zur ausbeuterischen, kommerziellen Lebensweise. Ich beabsichtige, nach meiner Ausbildung als Keramikerin in ein Projekt/Kommune einzusteigen und hoffe, für uns das passende zu finden, da ich mir für uns ein anderes Leben als das, was einem von der Gesellschaft bezeichnet wird, vorstelle. [Lotte, Reichshof 8/97]
Ein Freund von mir war gerade 8 Wochen verschwunden. Wie sich herausstellte, hat er in dieser Zeit Kommunen in Österreich und Spanien besucht und ist jetzt fest entschlossen, Schluß zu machen mit dem konventionellen Leben. ... Es ist nur so, daß ich glaube, daß 1 Woche Aufenthalt bei Euch mich ziemlich verändert hat, und ich denke, daß solltet Ihr auch wissen. Es ist ziemlich schwierig, "draußen" mit den Vorsätzen zu leben, keinem zu schaden, keine Ausbeutung, umweltgerechtes Verhalten und so weiter, ohne daß man nicht ständig enttäuscht wird. Sei es, daß mein Papa die ganze Nacht den Fernseher laufen läßt, ohne davor zu sitzen, oder daß die ganze Nachbarschaft ihre Obstbäume als Zierholz nutzt und die Äpfel, Pflaumen und Birnen daran verschimmeln. [Sarah, Rellingen]
Das ist sehr schade, denn die Sehnsucht nach einem Lebensplatz in der Natur, nach einer lohnenden Lebensaufgabe und Menschen, die noch versuchen, die Welt zu ändern - die Sehnsucht bleibt, und wir sind auf der Suche. Auswandern? [Angelika, Bertold, Chemnitz 9/96]
Wir möchten auch wie soviele Menschen in der heutigen Zeit den Weg der Selbstversorgung auf einem Hof verwirklichen. ... Wir haben auch seit 5 Jahren unseren Fernseher verschrottet und fühlen uns ohne diesen "Kasten" wesentlich wohler. [Elisa, Gernot, Bad Tölz 12/96]
Der Wunsch und das Streben nach ökologischem und natürlichem Leben wächst bei uns beiden immer mehr. ... Wir suchen nun nach Lebensform gemeinsam mit anderen Menschen, mit gärtnern, leben in und mit der Natur - so viel es nur geht im Freien... Unsere Eltern sind sehr skeptisch, ja nicht nur das. Aber wir wollen uns nicht in eine Karriere-Gesellschaft hineinpressen lassen, von der wir glauben, daß sie nichts für uns und auch nicht für den Erhalt/Schutz der Umwelt und für soziales Verhalten ist. Noch sind wir Zweifler - aber nicht in unserem Ziel, nicht wie die Mehrzahl der Menschen in einer Konsumgesellschaft zu verstumpfen und die Sinne auf Unwesentliches zu lenken. [Heidrun, Fritjof, Würzburg 10/97]
Die Seele
erleidet Schaden; ich sehe in der Gegenwart sehr wohl die ökologische
Katastrophe, doch diese ist nur Ausdruck, Symptom der geistigen Katastrophe.
... "Es ist besser, ein Licht zu entzünden, als über die Dunkelheit
zu fluchen!" ... Mich nervt es übrigens auch, daß sämtliche
Kinder um uns herum sich fast ständig nur von Fertiggerichten, Eis,
Süßigkeiten und Bananen ernähren. Es ist schwer, da ständig
den eigenen Kindern Nein, nein, nein zu sagen. Die Leute werden auch genauso
bescheuert wie ihre Nahrung. Dazu noch TV-Konsum. Die armen Kinder! ...
Ein amerikanischer Historiker sagte u.a., daß die "Schaltzentralen
der Macht nicht im Pentagon sondern in Hollywood, Disneyland und Silicon
Valley " sitzen und Einkaufszentren wären moderne Gulags! Hat er doch
völlig recht. ... Ein ganz natürliches Haus möchte ich mir
bauen, rund, in der Mitte ein großer Ofen, klein, Material weiß
ich noch nicht so genau... Der Gedanke daran beseelt mich. ... Im Watt
habe ich so eine Lehm/Ton-Mischung gefunden. Ideal. Man braucht es nur
in der Hand zu formen, es trocknet sehr schnell, einen Sommer lang der
Sonne ausgesetzt und ein Brennen im Ofen ist gar nicht nötig. Naja,
ich bin ein Träumer; mit Strohdach (Reet gibt es dort ja genug) und
in den Lehm Muscheln drücken... ... Meine Aversionen gegen diese Menschheit
und insbesondere auch Autos, Plastik, Beton, Fast-Food, TV, all diese technisch-elektrischen
Spielereien und Maschinen. ... Überhaupt werden Kinder zu kleinen
Egoisten erzogen, vollgestopft mit TV, Süßigkeiten, Fertiggerichten,
Spielzeug. Und mit solchen Menschen muß ich nun Gemeinschaft haben.
... Früher, als ich noch keine Kinder hatte, bin ich oft einfach so
in den Zug gestiegen, ganz spontan, und oft schwarz gefahren. ... Im Juni
waren wir auf Sylt, und von da ab interessiere ich mich eigentlich erst
lebhaft für die Germanen und die Vorzeit. Habe mir aber innerhalb
kürzester Zeit ein erstaunliches Wissen darüber angeeignet; und
bin sehr erbost darüber, daß unsere Vorfahren ständig als
Barbaren hingestellt werden (wo es "echte Barbaren" doch erst heute/jetzt
gibt), statt wie die nordamerikanischen Ureinwohner idealisiert zu werden.
Ist doch wahr. Spreche ich darüber, werde ich als rechtsradikal direkt
und indirekt gebrandmarkt. ... All dieser Konsum, diese "Mobilität",
dieses "Arbeitsplätze schaffen" ist doch ein einziger Terror. ...
So sind die Menschen, fahren überall mit ihrem Auto hin, Hund als
Monokultur!, verbrauchen Energie, als ob die Rohstoffquellen unerschöpflich
wären - das ist doch die wahre Herrenmenschenmentalität... ...
Die "Bombenlegerstimmung" und "hoffentlich geht dieser Staat kaputt, bevor
die Natur völlig zerstört ist" kann ich gut nachfühlen.
Aber trotzdem, nicht verzagen! Widerstand leisten! ... Da ich bereits a
l l e s versucht hatte: bis Briefe an die Behörden, Medien, Kirche,
Parteien usw. usf., es niemanden interessierte; rief ich voller Wut im
Bürgerbüro des Hamburger Senats an und sagte dem Mitarbeiter,
ich würde den Häusern von Dohnanyi und Voscherau auf Sylt etwas
antun, wenn dieser Lärm und diese Umweltzerstörung nicht aufhören.
... Ansonsten lehne ich die "moderne Welt" total ab. Bin ein Mensch des
19. Jahrhunderts. (Ich sieze auch alle Leute; der Grund dafür ist
für heutige Menschen schwer nachvollziehbar; ich selbst habe Jahre
gebraucht, um es zu verstehen, warum das Du ebenso gegen die Natur ist,
wie z.B. auch "Abtreibungen", "Gentechnik" usw. ...) ... Ich hoffe, daß
wir einen Platz finden, wo wir uns geborgen, verstanden und zuhause fühlen.
Natur, Ruhe und eben auch geistiges Interesse. ... Klare Umgebung schafft
auch klare Gedanken. ... Ich muß mir ein Herz fassen, Mut haben,
das zu tun, was ich will, auch wenn es schwierig erscheint. [Isolde, Hamburg/Sylt
96-98]
We have just invested most of our money in an old van and are planning to travel through Europe in it. We are hoping to meet, work and live with equalminded people who place socialism, respect for nature and humans, antiracism, openmindness and political activity high in their life. We start our travel here in Denmark at the "svanholm" Commune - a 100 people big organic, farming collective - where we are going to work in the farming group and live in all of august. We are all very interested in communical living and are thinking of starting a commune ourself. [Ami, Trylle, Hasse, Skibby 8/0]
Ich mache mich auf die Findung. Nach 10 Jahren Suche mit immer wieder neuen gemeinschaftswilligen Menschen, die dann doch alles nicht so gemeint haben wollten, wenn es ans konkrete ging, möchte ich gerne ankommen. Euer Text im "Eurotopia" ist so schön! Er berührt mich zutiefst. ... warum ich Hierarchien nicht mag. Ich kenne sie von unten und mittlerweile von oben und merke, ich bin durchaus fähig, meine Frau zu stehen in der Gesellschaft. ABER DAS IST ES NICHT! VOM EGO ZUM WIR ... JA! Ich habe Lust auf eigenverantwortlich handelnde Menschen, die zusammen mehr und bessere Ideen haben und viel mehr Energie. ... Für mich wird es wieder Zeit, dem Ruf meines Herzens zu folgen und mein Leben stimmiger zu machen. Und meine größte Sehnsucht ist: Gemeinschaft und ein einfaches Leben. [Ursula, St. Peter 6/99]
Wir lösen gerade Haus und Hof in Bayern auf, ziehen ab Juli 99 mit einem Wohnmobil durchs In- und Ausland, um unseren Traum/Vision vom Leben in Gemeinschaft umzusetzen. ... Vor allem möchten wir unsere Kinder mit anderen Kindern in einer liebevollen, natürlichen Umgebung (auf-)wachsen sehen. [Kerstin, Albrecht, Schwörsheim 6/99]
Ich kann mir nicht vorstellen, ein normales Leben mit entfremdeter Arbeit in einer kapitalistischen, leistungs- und wohlstandsorientierten Gesellschaft zu leben. [Gundel, Grabow 5/99]
Eigentlich wollte ich jetzt ein Studium (Englisch, Philosophie) beginnen, aber allmählich wird mir klar, daß ich drauf und dran bin, in eine Stadt zu ziehen ... Ich stelle fest, daß das Leben abseits vom Konsum, vor allem ohne Auto, mein Gewissen aufatmen läßt und mir ein sehr befriedigendes Gefühl verschafft. Bisher habe ich mich von derart "idealistischen" Zielen durch gutgemeinte Ratschläge abbringen lassen, aber irgendwie plane ich jetzt doch die Stadtflucht. [Bella, Sersheim 9/99]
Wir möchten immer etwas Neues kennenlernen, besonders interessieren uns die Menschen, die den Mut haben, ihr Leben in eigene Hände zu nehmen und völlig verantwortlich auf eigene Faust zu leben. [Stan, Konstanze, Zielona Góra 6/98]
Ich erfahre, wie ich in der Arbeit mit der Erde & den Pflanzen aufblühe & welche Ruhe mich erfüllt. ... Auf alle Fälle habe ich keine Lust, die bestehenden Systeme mit ihren Machtorganen & Entfremdung zu unterstützen. [Elfrun, Mainz]
Wir mögen unkonventionelles, pragmatisches Leben, möglichst frei von Ideologie, menschlich, verantwortungsbewußt sich selbst gegenüber und dazu genügend Leichtigkeit und Humor. ... Wir möchten uns mehr mit den Dingen beschäftigen, die der inneren Gemeinschaft von Körper und Seele gut tun. ... Im Zusammenleben mit Menschen ist uns wichtig: liebevoller Umgang, Klarheit und Toleranz. Wir möchten alternativ, d.h. menschlich zusammen leben und suchen dafür eine "Nische" - ohne jedoch uns von der Welt oder Gesellschaft abkapseln zu wollen. Sozusagen "friedliche Koexistenz". [Robert, Britta, Bonn 3/95]
Mir kommen in dieser Zeit doch ab und zu Gedanken nach einem neuen Anfang. ... Die Zukunft ist für mich natürlich jetzt nicht so griffig. In jedem Fall möchte ich, wenn alles zusammenpaßt, mithelfen, wieder eine große Gemeinschaft aufzubauen. [Erich, 10/92]
Vor ungefähr 2 Jahren ist mir klar geworden, daß ich einmal mit anderen Menschen gemeinsam leben und versuchen möchte, die grundlegend zum Leben nötigen Dinge selbst herzustellen. Damals hatte ich Freunde, mit denen ich so etwas anfangen wollte, aber wir haben dann gemerkt, daß wir alle noch zu unreif sind und viel zu wenig wissen und können, um ernsthaft solch ein Projekt zu beginnen. Seitdem bin ich unterwegs und sammle Erfahrungen, was das Gemeinschaftsleben und die Selbstversorgung angeht. [Donata, Waizenkirchen 5/94]
Das Leben in größerer Gemeinschaft stelle ich mir vor als einen Schritt zu noch größerem Beziehungs-Reichtum, verbunden allerdings mit neuen, größeren Ängsten. Deren Bearbeitung, wenn sie gelingt, weitere Möglichkeiten schafft, Entwicklung ermöglicht. ... Ich habe Lust, lustvoll mit anderen Menschen zusammen zu arbeiten, zu spielen, zu leben. Wenn ich auch kein Goliath bin, so hab' ich doch etliche Fähigkeiten einzubringen, bin ausgebildeter Maurer, Dipl. Bauingenieur, Sozialtherapeut, Heilpraktiker und kann auch gärtnern, klempnern, Strippen ziehen. Am meisten interessieren mich Lehmbau, "Abwasser"behandlung, Massieren, Pflanzen. Meine Gier nach Anregung und Spiel ist ausgeprägt. [Fritz, Waren 6/94]
Meine Sehnsucht ist es, mit liebevollen, warmherzigen Menschen zusammenzuleben und behutsam und offen mit sich und der Natur umzugehen. Ich suche mehr Einfachheit und Bescheidenheit als Kompliziertheit und "alternative" Arroganz. [Ronny, Köln 8/94]
Ich habe den Anarchismus eher als ödes Schwarz/Weiß kennengelernt mit viel Theoriediskussion, eher weniger körperlichen Kontakt untereinander, eher ernst - weniger verspielt, selten die Fähigkeit, gemeinsames zu finden, ein durchschnittliches Budget pro Monat und Person von 1000,- (meine Vorstellungen sind viel viel geringer), was dazu führt, daß Kohle ranschaffen trotz Selbstversorgeranspruch sehr sehr wichtig ist. [Peter, Morsum 2/93]
Ich selbst bin auf der Suche nach einem Ort und einer Gemeinschaft, in der ich leben & arbeiten miteinander verbinden kann. Wichtig ist mir die Verbindung von therapeutischem, ökologischem und spirituellem Handeln. [Bianca, Hamburg 2/94]
Wir suchen eine Gemeinschaft, in der jede(r) die Möglichkeit hat, sich + seine Fähigkeiten weiterzuentwickeln, Individuum bleibt und trotzdem zu einem aktiven Teil einer demokratisch funktionierenden Gruppe wird, deren Hauptanliegen es ist, durch Liebe zum Menschen, zur Natur eine neue, gewaltfreie Lebensgrundlage zu schaffen - in Harmonie mit jedem Lebewesen und Achtung vor diesem. Ebenso am Herzen liegt uns natürlich eine dementsprechende Kinder"begleitung". Wir suchen eine Gemeinschaft, in der wir als Individuum Geborgenheit finden und geben können. Dabei sind wir für jede Art Tätigkeit aufgeschlossen, die den zerstörerischen Umgang mit der Natur verhindert. [Rita, Markus, Juelsminde 92]
Diese Verbindung zum Leben, zur Natur, zu den Jahreszeiten, zum Geschehen-lassen, diesen dünnen Draht zum Ursprünglichen, der immer mehr Menschen verloren geht, bzw. den sie nicht sehen wollen. ... Seit 5 Jahren haben wir den Milchviehbetrieb unserer Schwiegereltern umgestellt. Aber das ist nicht mehr das, was wir wollen. Wir haben uns dahin entwickelt, immer weniger zu brauchen - der Hof bringt zu viel Arbeit und zu viel Geld. Wofür sollen wir das ausgeben? Für Urlaubsflüge, Protz-Auto und massenhaft Plastik-Schrott für unsere Kinder? Bestimmt nicht. Dafür fehlen uns Leute, die uns ähnlich sind, mit denen wir leben + arbeiten, unsere Ideen + Gefühle teilen können. [Olga, Toni, Coppenbrügge 1/1]
Deinen "Brief vom Lande" lesend kam sie wieder, meine Sehnsucht nach dem anderen Leben. Ich habe fast ein halbes Jahr auf den Kanaren, konkret auf Gomera, verbracht. Gelebt und gearbeitet habe ich da in einer großen Kommune, der spirituellen Lebensgemeinschaft Argayall. ich habe dort die wohl glücklichste Zeit meines Lebens verbracht. Keineswegs problemlos zwar, zumindest was mein bisheriges Selbstverständnis betrifft, aber doch so zutiefst menschlich, daß Probleme keine Furcht mehr erzeugten. Finanziell keine große Geschichte (Hand für Koje - Prinzip), habe ich aber doch so viele Reichtümer anderer Art erworben, daß es für einige Zeit reichen sollte, daß ich hier zufriedener sein könnte. Glaubte ich zumindest. ... Nun würde es mich sehr interessieren, was ihr so tut, was ihr wollt, was ich vielleicht tun kann, um mir hier in Germanien ein lebenswertes Leben zusammen mit vielleicht Gleichgesinnten aufzubauen. Und das alles ohne einen Pfennig Geld in der Tasche. [Torsten, Chemnitz 94]
"Die Kleinen machen die Großen stark." [Lucy, Waldems-Esch 7/0]
[Sorry für Vervielfältigung mittels Elektrogeräten. Achim ]
Ro Li B.
Reformalternativen und Visionen für ein zukunftsfähiges Kultursystem
Franz Alt - Rudolf Bahro - Marko Ferst
Wird voraussichtlich im Laufe des Jahres 2001 erscheinen (Edition Zeitsprung).
Leseproben: www.umweltdebatte.de
Inhalt:
Schön. Vulgär. Tertiär. Schön stöhn. Auweia. Owacka. Rosen im Regen. Stacheltier. Bierhose. Vimose. Rasend. Stockender Verkehr: Mehr!
Besamer. Erlahmer. Feiger Herr. Her damit & sofort! Geilheit. Deckenspritz. Keuchmanöver: Flock-flock.
Schock. Unterrock. Geile Biene. Stine. Kupferschiene. Pimpermöschen. Stock im Döschen. Stöckelschuhe. Tiefe Truhe. Triefender Kater. Heißer Vater. Unser.
Heilige Räume. Affenträume. Rupfstengelgetöse. Saftige Möse. Prügelknabe. Tennenhuhn. Runter nun. Nix zu tun. Suppenhuhn. Stolzer Hahn. Tropft der Zahn. Lahmer Gockel. Rumgezockel. Affenhitze. Brunstgeschwitze. Pimmelkram. Affenzahn. Heigigei. Hühnerei. Rumsbumsleier. Rumgeeier. Geierschwanz. Onkel Franz. Lutsch ihn ganz. Wring ihn aus. Reiß die Maus! Und zieh ihr gleich die Hosen aus!!
Geiles Luder. Fettes Fuder. Bammelgehänge. Ofenenge. Steiles Rohr. Titten vor. Rutsch das Fell! Möbel schnell. Immer wieder auf & nieder. Feuchte Glieder. Feixen dumm. Mach ihn krumm. Mach ihn alle. In die Falle! Mösenschnapp. Pimmel ab.
Rumgeficke. Tortenstücke. Zuckerstengel. Engelbengel. Bosenhoden. Kringelloden. Entenarsch. Schreit so barsch. Anallyrisch. Satt & gierig. Duselmampf. Wadenkrampf. Arschgegrabsche. Angetatsche.
Tittenrubbeln. Muschi knuddeln. Heiße Futt. Riesendutt. Schnaufen. Schlecken. Opa wecken. Ist vorn Arsch. Schreiorgelquartett. Brett im Bett. Nagelt gut. Bis aufs Blut. Bis aufs Laken. Hört mans quaken. Hört mans schmatzen. Oraltatzen. Koste Nektar. Flutscht wie Sau. War Jungfrau. Hart wien Besen. Biest gewesen. Sanft gerudert. Breit gepudert. Voll genudelt. Rumgepudelt. Sau gemolken.
Saft verloren. Leck die Ohren. Saug die Finger. Feiste Dinger. Schenkelsause. Niemals Pause. Gruppensex. Weiberklecks. Sex mit Hex. Hexenbesen. Seis gewesen! Orgasmus. Jetzt oder nie! Besenginster. Frosch wird finster. Knallt den Wald. Bitterkalt. Mann uralt.
Schrumpelwicht. Viel Gewicht. Oben nicht. Unten schon. Spott & Mohn. Stiefelwichse. Pulverschnee. Samenspende. Schnelles Ende.
Pina Sommergrün, 30.12.00
Ich springe in einen Fluß voller Strudel, Steine, Untiefen, gefährlicher Strömungen. Kämpfe wie ein wahnsinniges Tier, um wieder ans rettende Ufer zu gelangen. Mit der unbändigen Kraft der Verzweiflung, dem unerhörten Überlebenswillen, dem absoluten Kampf- und Selbsterhaltungstrieb, der bleibt, wenn alles andere geht.
Aber dann geht auch diese Kraft zuende. Ich gebe nach, lasse los, gebe mich hin, lasse mich treiben. Es ist mir egal. Ich gebe auf. Meine Kräfte reichen nicht. Soll mich das Wasser doch holen verschlingen. Es ist gut so. Es ist okay. Es ist alles vorbei. Ich kralle mich nicht mehr an mein gottverdammtes Leben. Ich gebe den Kampf auf. Ich schaffe es nicht länger, dem kraftvollen, stärkeren Urelement zu trotzen und meine Kraft entgegenzustellen. Meine Kräfte schwinden, je mehr ich sie verschwende in diesem aussichtslosen Kampf. Wie konnte ich es wagen, auf diesen Kampf einzugehen? Mich ins tosende Wasser zu stürzen? Selbst schuld! Selbsthaß.
Nun
treibe ich. Meine Glieder erschlafft und von mir gestreckt. Ausgebreitet
liege ich im Wasser. Willenlos dahintreiben. Aber ich atme. Mein Gesicht
über dem Wasser. Die Augen gen Himmel im Gottvertrauen: "Dein Wille
geschehe! Ich wehre mich nicht länger gegen mein Schicksal. Ich nehme
es an. Ganz & gar. Selbst wenn es mich dann im nächsten Moment
hinwegreißt. Ich weiß nicht, was im nächsten Moment geschieht!
Ich habe es nicht mehr in der Hand. Ich gebe mich hin im Vertrauen auf
dich. Göttin des Lichts, steh mir bei! Sei bei mir in der Stunde des
Abschieds!!"
Es ist ganz leicht. Und es passiert gar nichts. Nichts, was ich befürchtet habe: ich gehe nicht unter. Der Fluß ist freundlich zu mir. Seine Geister beschützen mich und nehmen mich einfach mit auf die Reise.
Irgendwann legen sie mich ab an einem sonnigen Uferstrand. Legen mich in den Sand. Wellen umspülen meinen Leib. Kommen, gehen, lecken, schmatzen & liebkosen mich warm. Unendlich sanft, als wollten sie sagen: "Es ist gut nun..."
Ich bleibe liegen, eine ganze ganze Weile. Enten schnattern und das Schilf rings um mich her bewegt sich. Ich gehe auf Traumreisen, verliere mich, finde zurück in mein Bewußtsein und gehe wieder baden im unendlichen Ozean. Zeitreisende, die immer wieder ankommt.
Verzicht, den ich übe, um der vollkommenen Vernichtung zu entgehen. Lieber Hand in Hand mit dir, mein Geliebter, gehen und hin & wieder straucheln als einsam in Umnachtung zu fallen. Manchmal reicht da schon eine Hand. Aber besser ist es Leib an Leib. Genesen. In der Sorgfalt unserer Herzen. Liebkosungen. Nektar. Eintauchen in deinen Leib. Das ist es, was mich manchmal am Leben hält. Das Einzige, was mich vor dem abgrundtiefen Wahnsinn bewahrt. Närrisch werden an dir, an deinen feuchten Lippen. Mein Leib, der sich in deinen gräbt und gar nichts anderes mehr. Alles ringsum verschwindet und bricht auf im Augenblick. Köstlicher köstlicher Nektar, wenn wir schmatzend einander zufließen wie Götter. Zerrinnen in schauerlich schönen, unendlich zarten stillen Momenten.
Und dann der Ausbruch, die Schreie, der pulsierende Leib. Zerrissen die Hülle, die uns spaltet. Zerrissen der Nabel, die Tropfspur. Eingesponnen in das feingliedrige Netz, das uns umfängt. Fäden nach überallhin. Ganz offen. Ganz eins. Nichts mehr, was dagegen zu setzen wäre. Wir widersetzen uns nicht länger. Schwimmen dem Augenblick vollends in die Arme. Schweben durch den Kosmos. Zwischen den Sternen hindurch. Unsere Gesichter ineinander, unsere pulsierenden Körper im Strömen. Jede Trennung aufgehoben. Jede Unachtsamkeit beiseite geschoben. Nunmehr waltet Gottes Gnade ganz allein. Und wir sind seine Kinder. Eins von Anbeginn. Tauchen in Watte. Die Watte sind wir. Ins Meer unserer Gesichter. Die Brandung unserer Leiber. Welle um Welle. Selbst ein tosender Ozean. Das Ufer irgendwo weit weit weg. Nur noch Wellen. Groß & laut & mächtig. Wiegend & zärtlich & klein. Aber untendrunter herrscht absolute Stille. Eine Leere, die alles umfaßt, alles heilt, alles besänftigt. Schaukeln auf dieser unendlichen Weite. Nur du & ich & alles in uns geboren. Geborgen in der Schaukel unserer Liebe. Neugeboren & schaukelleicht. Eine Nußschale wer jetzt zu groß für uns. Wir sind groß & klein. Mächtig & schwach.
In dieser Nacht können wir alles erfahren, was unser Herz begehrt. Weil wir dem Klang unserer Herzen folgen. Und wenn der Morgen erwacht, so nimmt er nur die Nacht von unseren Körpern. Und was die Nacht gebracht, das macht uns selig bis in alle Ewigkeit. Amen.
Pina Sommergrün, 11.2.01
Warte
nur du geile Sau!
Pina Sommergrün, 30.12.00
HEY
KAPITALIST! HEY SKLAVE!
EUER VIVIMO (mit Spitznamen Tom)
Florian Schoen schrieb am Montag, 12. Februar 2001, 01:44 Uhr (GMT)
Wohldurchdacht sind all´ die
Zeilen
aus vergang´ner Meister Hand;
möchte gerne mit Dir teilen,
was aus DEINER Seele stammt.
Was bewegt Dich tief im Herzen?
Kleide es in Wort und Sinn.
Ob Freude, Kummer, Frohsinn, Schmerzen,
was steckt im Innersten Dir drin?
Einsam suche ich nach Werten
in der neuen hohlen Welt,
wo Fassaden sich vermehrten
und der Kern zusammenfällt.
Meine HP bei ISuDi: http://www.isudi.de/home/93198179
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