OVER
Nr. 32
Von den Medien wisst ihr, wie lange es dauert, Wolkenkratzer zu recyclen. Und wie geil Deutschland und die Mehrheit seiner Bewohner aufs Mitmachen sind. Gegen die Bösen, die diesmal einfach zu verdächtig aussahen. Anzunehmen, dass Dietrich Kittner neue Seiten ins Kriegstagebuch schreiben muss (siehe LOver 25-27). Sicher, dass die optimistische Theaterwerbung aus LOver 30 zu optimistisch war. "Zum letzten Mal!!! KRIEG". Wir sind wieder mitten drin im selbstherrlichen Weltaufräumen. Die Liste der Opfer war wohl zu kurz. Das zumindest ändert sich.
Der nächste LOver wird wahrscheinlich schon der zum recht zeitigen Fingsten 2002 werden. Schon zum 20. Mal steht dann LAPSUS Live vom 17. bis 20. Mai in jedem gut geführten Terminkalender. Legt also bitte euren wort- und bildreichen Reaktionen auf dieses Heft gleich eure Programmideen für LAPSUS Live 2002 bei. Angekündigt seien schon jetzt die in diesem Jahr ausgefallenen Beiträge "Unterwegs" (Hörspiel nach einem Roman von Jack Kerouac) und "5 Mann Menschen" (Hörspiel von Ernst Jandl, zu dem es zum diesjährigen Poetenfest in Erlangen eine sehens- und hörenswerte Ausstellung gab). Kräftig bedient werden wahrscheinlich die Prog-Rock-Fans: Regina bastelt an einem zweiteiligen Yes-Vortrag und Achim hofft, King Crimson in ein sehenswertes Gewand stecken zu können. Und Roland lässt sogar auf eine Live-Band mit Wolfgang hoffen. Und wenn nichts schiefgeht, gibt es erstmals LAPSUS Kino: Klassiker per Beamer. Wie wär's mit "Yellow Submarine", "Easy Rider", "Pink Floyd live at Pompeii", "Gimme Some Truth", "Woodstock (Director's Cut)", "The Who live at the Isle of Wight Festival 1970", "Nico Icon" oder "Die Legende von Paul und Paula"? Und "Das kalte Herz" oder "König Drosselbart" für die Liliputs? Die Bildschirmschoner etc. kämen dann natürlich auch besser... ;-) Eure Meinung zu solcher Premiere ist sehr gefragt, denn der organisatorische Aufwand ist schon nicht ganz ohne.
Für diesen LOver war er es auch nicht. –
Danke. V.
Die
"Vorgruppe" war übrigens auch stark. Milan ist Klasse gewesen als
cooler Kämpfer.
Diesmal tauchten gar beide Eltern auf und
waren als Zuschauer und -hörer dabei. Sie waren aber nicht die einzigen
Überraschungsgäste bei LAPSUS LIVE 2001. Und allen Gästen
kann man bestätigen, dass sie immerhin besser mitspielten als das
Wetter. Das war windig, nass und ziemlich kalt. Absolut kein LAPSUS-Wetter.
Aber auch die Camper überstanden die feuchten Nächte ganz gut.
Leider vertrieb die Kälte uns schon kurz nach Mitternacht aus der
Scheune. Und zum Tanzen hatte wohl auch keiner der Bibbernden rechte Lust.
Trotzdem
gab es - wie immer - einige Perlen zu bestaunen. Gleich nach dem Standard-Opener
legte Stefan als leibhaftiger Neu Kommer seine Musik zum Traurigsein auf
und las eigene und fremde Texte dazu vor. Das nenne nicht nur ich einen
echten LAPSUS-Vortrag. Und die Ankündigung, auch zu anderen Themen
Musik und Texte parat zu haben, wurde mit Vorfreude registriert. Leider
musste Stefan schon bald darauf abreisen, schade.
Eine seltene Gelegenheit, einen wahren Leuchtturm
der Gegenkultur in voller Schönheit zu bewundern, gab es anschließend:
Allen Ginsbergs Geheul mit Holy Soul Jelly Roll als Vorwort, der deutschen
Fassung, gesprochen von Martin Engler, als erster Version und der vom Kronos-Quartett
musikalisch untermalten Fassung von Allen Ginsberg selbst als Höhepunkt.
Das bekommt man woanders wirklich nie zu hören. Und das eben gehört
für mich ganz elementar zu LAPSUS LIVE.
Auch am Samstag gab es Außergewöhnliches:
die Happy Hour war ein Riesenspaß. Die Bilder einer Ausstellung ein
ebenso ungewöhnliches Hörvergnügen. Dankeschön, Ginger.
Hansi steuerte familiäre Dias und eigene Sounds zum Gelingen des Samstages
bei. Dirk fügte den sphärischen Sounds von Sígur Rós
ein-leuchtende Dias hinzu. Toll.
Aber LAPSUS Live wäre nicht live ohne Bands
wie 2+1 oder Bert & Nina.
Hansi
und Anja hatten nicht nur ihre hübschen Kinder dabei, sondern auch
ihre Instrumente, um am Sonntag mit letzteren seltsames deutsches Liedgut
zu intonieren. Hossa! Und mit David wurde es mächtig indisch. 2 x
2 Stunden Dias und Geschichten von seinem Indien-Trip, der u.a. auch nach
Nepal führte. Sicher ein Höhepunkt von LAPSUS LIVE 2001, wenn
auch die Musikauswahl nicht die erhoffte Qualität hatte. Nicht zu
vergessen Nina (vocals) & Bert (leider nur keyboard) mit Wildwuchs,
einem Programm, das sicher auch auf öffentlicheren Bühnen Applaus
verdient und bekommen hätte.
Das
war zwar längst nicht alles, aber sicher das beste im Programm von
LAPSUS LIVE 2001. Auf Leopolds Homepage gibt's das komplette gelaufene
Programm und einige Schnappschüsse mehr, die Regina und Achim beisteuerten.
Großes Dankeschön an die Gastgeber
Nathalie und Roland, die LAPSUS LIVE zum wiederholten Male weiten Raum
und viel Zeit einräumten. Und an alle anderen, die kräftig mit
zupacken, damit LAPSUS LIVE rainrockt. Auch wenn dazu wieder 1500 km zu
fahren sind. Keep On Rockin'! Leopold Lapsus
Das war Lapsus.
Ohne Lampenfieber wollte ich Lapsus in diesem
Jahr so richtig nichtsnutzig genießen.
Der Freitagabend bot einen sehr guten Einstieg,
vor allem bei Stefans Vortrag (Texte und Musik zum Traurigsein) kam bei
mir echte Lapsusstimmung auf (Traurigsein gehört ja auch dazu). Der
Vortrag wirkte auf mich sehr authentisch, persönlich, nachvollziehbar.
Im nächsten Jahr mehr davon? Daß ich die Radiosendungen am Sonnabend
und Sonntag größtenteils versäumt habe, tut mir leid. Auch
für die Macher, da ich aus eigener Erfahrung weiß, daß
sich das nicht so schnell bewerkstelligt.
Die Übertragung in die Küche war akustisch
oft nicht mitzuverfolgen, da sich einige davon gestört fühlten.
Für mich ein echter Lapsus, na ja. Und gerade die, die sich echt dafür
interessiert hätten, waren wiederum auch die, die sich an Abwasch
und Mittagkochen beteiligten. Lapsus-Ferienhotel mit Rundumversorgung und
kulturellen Sonderangeboten im Grünen? Ich würde mir schon wünschen,
daß die Beteiligten sich auch wirklich beteiligen – soweit es ihnen
möglich ist. (Vielleicht sollten Einladungen auch dahingehend formuliert
werden.)
Die Schwitzhütte fiel für mich zeitlich
und inhaltlich schon etwas aus dem Rahmen, zumal dadurch die Lapsusgemeinde
(wenn man davon noch sprechen kann) doch etwas gespalten wurde.
Viel Spaß machte das Zugucken beim Improvisationstheater
am Sonnabendnachmittag. Was da ohne großen Aufwand hingezaubert wurde,
war schon echt witzig. Meine Lieblingsmomente: Achim als Mary, Berts "Verräter"-Gesang
und die debilen Typen auf dem Arbeitsamt. Dank an Ginger, Nina, Milan,
Bert, Leonore (?) und Achim. Ich hatte am Ende einen Krampf in den Lachmuskeln.
Schade, daß nicht noch mehr Lapsoten anwesend waren.
Die "Godspeed You Black Emperor!"-Musik gefiel
wieder ausnehmend gut. Und schönen Dank noch mal an Achim für
die CD!
Hansi und Ginger passen nicht nur im Leben gut
zusammen, auch ihre Vorträge harmonisierten auf angenehmste Weise
und verbreiteten echtes Lapsus-Feeling. Dirk weiß ja, daß ich
seine Art Vorträge mag, da schreib’ ich jetzt nicht so viel dazu.
Die "Blütenträume"-Wiederholung von
Roland gefiel mir vor allem von der Idee und den sehr gelungenen Blütendias
her. Nur hätte ich einiges länger wirken lassen, die schnelle
Folge wirkte mitunter etwas hektisch.
Schuld war nur der Bossanova, daß ich immer
wieder an den 2+1-Auftritt zurückdenken muß. Oder war es Hansi
mit seinen aufmunternden Gebärden? (Oh no, der Bossanova!) War es
Achims ausgeflippte Keyboardbegleitung? (No, no, der Bossanova!) Oder war
es Fabrians eigenwillige Stimmtechnik? Nein, es war eindeutig der Bossanova.
Denn wenn einer Bossanova spielen kann, dann fängt erst Lapsus richtig
an... Hossa!
Auf den Dia-Vortrag über Indien hatte ich
mich schon gefreut. David hat wirklich Talent für’s Fotografieren,
einiges war fast zu schön, um wahr zu sein. Allerdings ließ
die Aufnahmebereitschaft im Laufe der 4h und der unzähligen Dias doch
(bei mir jedenfalls) merklich nach. Sicherlich fällt es schwer, viele
gelungene Dias auszusortieren, aber durch die Flut an Eindrücken wirkte
am Ende einiges beliebig.
Der Sonntagabend begann vielversprechend mit
Ninas "Wildwuchs"; die Gedichte gewannen noch durch Berts Begleitung auf
dem Keyboard. Zum Teil sehr anrührende Texte. Außerdem scheint
mir Ninas Lyrik an Struktur zu gewinnen – ich kann zumindest mehr damit
anfangen.
So, bedanken möchte ich mich jetzt bei allen,
die Lapsus möglich gemacht haben – vor allem bei Nathalie und Roland.
Und ein spezieller Dank an die Eltern, von denen
sich einige lapsusmäßiges Verhalten abgucken konnten...
P.S.
Trotz aller positiven Eindrücke hinterließ
Lapsus bei mir in diesem Jahr eher gemischte Gefühle. Irgendwie greift
da in meinen Augen gelangweiltes Konsumverhalten und verbissenes Einzelkämpfertum
um sich, gemeinsame Aktionen (das können auch Happenings beim Abtrocknen
sein) waren nur selten zu beobachten. (Das Theater bildete da eine löbliche
Ausnahme.)
Begeisterung und Freude kamen nur spärlich
auf – schade.
Eine Diskussionsrunde zu diesen Themen wäre
vielleicht ganz angebracht gewesen, fiel dann aber irgendwie aus... Ich
kann mich noch an Zeiten erinnern, als Programmpunkte durch’s Mikro bekanntgegeben
und auch beworben wurden. Ein bißchen fehlte mir da in diesem Jahr
die klare Struktur. Regina
(Den
folgenden Text/Brief kannst Du, wenn Du willst, im Lover abdrucken.
Scharf darauf bin ich jedoch nicht!)
RoLand, es fällt mir sehr schwer, etwas
zu Lapsus live zu sagen. Es ist eben ein Fest, das über Jahre hinweg
in einer bestimmten Form gewachsen ist. Nicht zu vergessen der familienfestähnliche
Charakter, durch den dieses fest ebenfalls geprägt ist. Eine Stellungnahme
zu Lapsus live bzw. meine Vorstellungen zu einem Fest dieser Art an einem
Fleckenchen Erde wie ZarNekla könnte also nur rein subjektiv sein
und keinesfalls im Mantel der Kritik daherkommen, bestenfalls als Hinweis
auf eine Möglichkeit von vielen.
Durch unsere frühe Anreise erfuhr ich zum
zweiten Mal die Kraft und Magie dieser Erde. Hier sind die Kreisläufe
der Natur sicht-, hör- und fühlbar, und ich kann mich als Teil
eines Kreises fühlen; vieler Kreise, kleiner und großer. Um
sich mit dieser Kraft zu verbinden, könnte sich der Kreis auch in
einem Fest an diesem Ort wiederfinden. Sich näher kommen, sich als
Teil von etwas Größerem fühlen, Gemeinsamkeit erleben.
Kein Zwang!!! Ich gebe jedoch zu bedenken, daß, wer sich von den
Kreisläufen der Natur getrennt fühlt, natürlich auch kein
gutes Gefühl haben wird, sich in einem Kreis zusammenzusetzen, ebenso
wer die Nähe zu anderen nicht wirklich sucht und Offenheit scheut.
Auch mal die Natur zu "Wort kommen lassen", mehr
agieren als konsumieren, mehr sich zeigen als sich darstellen, mehr Raum
für das, was entstehen möchte, als festgelegtes Programm, mehr
"live" als Retorte oder beides mit gleichem Gewicht, abwechselnd laut &
leise und besseres Wetter!
War das jetzt doch so etwas wie Kritik? Es ist
nicht so gemeint, denn ich habe überhaupt kein Interesse daran, Lapsus
live zu verändern. Jeder kann sich seine Gedanken dazu machen, etwas
finden, was verändert werden sollte oder auch nicht. Bewirken meine
Worte eine Resonanz beim Leser, wird etwas aufgewühlt und kommen vielleicht
sogar eindeutige Gefühle nach oben, dann wird die Veränderung
sowieso kommen! Auch hier macht es uns die Natur vor: Altes muß vergeh'n,
damit Neues kann entsteh'n.
Long live Lapsus live Mats
Bin ja gespannt, ob deine [Rolands] Interpretation
von LAPSUS LIVE als Siedlungsprogramm im LOver 31 Reaktionen hervorruft.
Bei Herrn Meyer jedenfalls sicher nicht.
Gute Tage. Traute Nächte. Achim
Hallo Roli! Ich sitze wiedermal eine Nacht
vorm Abgabetermin am Lapsus Lover. Pfingsten, Lapsus Live und der letzte
Lover sind schon so lange her! Überlagert von soviel atemberaubender
Lebenszeit, daß ich erst nochmal in den letzten Lapsus Lover reinschnuppern
mußte, um die Bilder & Erinnerungen wieder aufsteigen zu lassen.
Also erstmal zum diesfingstigen Lapsus Live.
Ich habe einiges vom Programm verpaßt. Aber das, was ich gehört
habe, tat meinen Augen-Ohren-Nasen-Flügeln gut. Mit Ausnahme des improvisierten
hingeklexten Markuß-Diavortrages von dir, Roli. Die Dias sekundenschnell
durchjagen zu lassen und nach lustlosen Minuten den Endsieg zu verkünden
(nach dem Motto: So, das wars dann), fand ich unmöglich! Besser wärs,
du hättst es gelassen. Der Vortrag war sicher nicht schlecht, aber
die Vortragsgeschwindigkeit war auch nicht schlecht, so daß der Genuß
völlig auf der Strecke blieb. Ich dachte nur: Hä, was soll das
denn jetzt?? Daß ich dazu nicht gleich oder später was gesagt
habe, betrachte ruhig als Feigheit vorm Freund.
Ganz doll in Erinnerung geblieben ist mir das
Geheul von Allen Ginsberg! Es hat viel ausgelöst bei mir in Sachen,
wie kraftvoll, unmittelbar und schonungslos direkt Schreiben "eigentlich"
sein müßte. Auch die Art & Weise, wie er es vortrug, war
immens beeindruckend! Es ging bei mir auch ein wenig nach hinten los, denn
es setzte Maßstäbe und ich fand meine Texte danach nur noch
beschissen. Zum Glück startete der Wildwuchs von Bert & mir erst
am Sonntag, so daß ich dazwischen noch einen Tag zum Verkraften hatte
und die Selbstentwertungsspirale aufhalten konnte. (Daß man sich
aber auch immer nur nach besten Kräften an den Besten mißt...)
Die Schwitzhütte lief nicht nur außer
Konkurrenz, sondern war geradezu einsame Spitze!! Danke, Mats, für
die viele Mühe & Konzentration, die du aufgebracht hast! Sonst
wäre die Schwitzhütte garantiert ins Wasser gefallen. Ich wünsche
mir mehr solche spirituellen Höhepunkte bei Lapsus Live. Für
mich schließt sich das nicht aus, sondern ein! Da ich ja sowieso
auf dem Selbsterfahrungs- und Therapietrip bin und damit viele gute Erfahrungen
mache, kam mir das sehr gelegen.
Das Improvisationstheater mit Ginger hat einen
Riesenspaß gemacht. Vor allem, Achim mal als formvollendete Frau
zu erleben (Das hättste doch gleich sagen können, ich bin doch
auch ein bißchen bi.....hi-hi...).
Ein absolutes High-Light war der Indian Summer
von David!! So lebendig, lustig und anschaulich erzählt, daß
man meinen könnte, man wäre dabeigewesen. Sehr schöne Dias
von professioneller Hand (Du hast ein gutes Auge für wunderbare Motive
und den passenden Moment, mit genügender Zurückhaltung, so daß
es nie gestellt & gekünstelt aussieht!). Mehr davon!
Sigur Ros war wirklich eine sehr wundersame,
sinnlich schöne Musik! Nur möchte ich sie gerne mehrmals hören,
denn sie erschließt sich nicht gleich beim ersten Zuhören.
Beim
Irgendein Baum Bruder war mir eher zum Weinen! Ich sah so überdeutlich,
daß du deine eigene Zerbrochenheit, deinen furchtbaren Schmerz über
die Dias ausgedrückt hast, Roli! Ich konnte da plötzlich unmittelbar
nachempfinden, wie es dir ergangen ist und vielleicht immernoch ergeht!!
Manchmal sagen solche Bilder mehr als Worte. Im Gespräch will man
manchmal abwiegeln - es sei ja alles nicht so schlimm gewesen - aber über
solche zerfleischten, zersplitterten, zersägten Bäume kommt dann
doch etwas zum Vorschein und verschafft sich Luft!
Jetzt aber schnell weiter zum Lapsus Lover 31!
Ich lese ihn ja immer von vorne bis hinten durch. Ich lese immer gerne
die Hin- und Her-Antworten. Die Widerworte, Wider-Sprüche, die zeigen,
daß es den Leuten eben doch nicht egal ist, wer was wie schreibt!
Der Reactor war wieder spannend. Zu hören,
was ankommt und was nicht. Zu lesen, wies den Lapsoten ergeht und was ihnen
auf den Keks geht (Zuviel Kekse für Kinder?). Abgesehen davon blühen
natürlich auch in Berlin die Rosen & Rasen (und rasende Windbestäuberhassernasen).
Komme auch ich nur zum Land- oder Randurlaub mal raus aus den engen Kreisen
der (Un)Fairpflichtungen. Entgegen meinen Erwartungen & Behauptungen,
seit Jahren schon aufs Land zu wollen. In Gemeinschaft zu leben usw. Tja,
ich finde es oft gemein, daß ichs bisher ,nicht geschafft" habe.
Aber irgendwas wird mein Schicksal schon damit bezwecken und anscheinend
habe ich hier in Berlin noch jede Menge zu lernen! Zumindest blieb mein
Gebet ans Universum nicht unerhört. Denn nach dem quälenden Jahr
als ABM-Schulgärtnerin schwor ich mir, nie wieder irgendeinen Job
zu machen, der nicht meinem Herzenswunsch entspricht. Es kostete zuviel
meiner Kraft und saugte mich aus, weil ich mich die ganze Zeit innerlich
dagegen sträubte und dann halt versuchte, ,das Beste draus zu machen".
Nun klappt es mit ziemlicher Sicherheit mit einer erstmal einjährigen
SAM-Stelle im Kreativhaus. Einer Spieloase mit Theater und allen möglichen
Kreativangeboten, vorwiegend für Kinder & Jugendliche. So erfüllt
sich mein Wunsch, aus der Gärtnerschiene rauszukommen und im Bereich
Kunst-Kultur-Kreativität zu arbeiten!! Angst habe ich natürlich
tierisch davor. Weil ich sowas alles bisher fast nur für mich oder
mit Erwachsenen gemacht habe. Es ist ein Umsatteln und ein Sprung ins kalte
Wasser. Vielleicht erweist sich das Wasser dann sogar als mindestens lauwarm,
sobald ich offen und erwartungsarm an die Sache herangehe...
Den Bären aufbinden Teil 1 fand ich durchaus
gut & passend. Da ich ja alleinerziehende üblicherweise überforderte
Mutter bin, weiß ich, wie wichtig es für Kinder ist, Grenzen
gesetzt zu bekommen und daß Milan das allzuoft geradezu herausfordert.
Ich betrachte es als Ver-Antwortung, meinem Kind zu antworten. Ihn ernstzunehmen,
indem ich ihm auch zeige, wo er meine Grenzen mißachtet und mir wehtut.
Mit ihm zu reden und in Kontakt zu bleiben, auch wenn wir uns mal bekämpfen
zwischendurch. Milan bringt mir immer wieder Geduld bei und schafft es
auch, mein hartes Mutterherz zu erweichen, wenn ich mal nichts merke und
zuviel meckere mit ihm!! Dann erzieht er nämlich mich!
Wie schämte ich mich dann aber, als ich
das Bären aufbinden 2 las!! Na klar ist die verkrutzelte Verwachsenenwelt
für Kinder willkürlich, undurchsichtig und abtötend in vielerlei
Hinsicht. Ich habe aber das ewige Gejammere satt (auch mein eigenes), daß
die Welt so ist, wie sie ist: ungerecht, hundsgemein und zerstörerisch.
Mit Welt meine ich an dieser Stelle die Menschenwelt. Aber für mich
ist es auch wunderschön, hier zu sein, wahrhaftig & lebendig!!(Mein
Gott, das hört sich ja schon fast nach Dirks Berdjajew an...denn Ken
Wilber war ja wohl der Böse??) Alles, was moralisierend mit erhobenem
Zeigefinger auf mich zukommt und schlechtes Gewissen verbreitet, beargwöhne
ich inzwischen aus meiner Erfahrung heraus. Also: Heraus aus der Erfahrung,
den eingefahrenen Vor-Verurteilungen und rein ins nackte pralle Leben!!!
Die Hartei-Synonyme fand ich als neue Rubrik
anregend & geil! Auf der Rückfahrt reimten Bert, Milan & ich
uns auch gleich so einiges zusammen.
Die Odyssee von Frau Nichtig gedeiht ja inzwischen
zur never ending story! Und nach wie vor superbissig & finster. Mich
gruselts und ekelts jedesmal, und ich möchte nicht in ihrer nichtigen
Haut stecken. Die Fakten-Fakten-Fakten haun rein! Ich wäre froh, wenn
eines Tages doch noch das Happy End kommt und all die schlimmen Erlebnisse
für null & nichtig erklärt werden. Aber darauf kann mein
harmoniesüchtiges Etwas wohl lange warten!
Ken Wilber ist Ken Wilber ist Ken Wilber und
nicht Nikolai Berdjajew (Sag yes zu Berdjajew - und no zu Wilber!). Da
ich weder noch gelesen habe, kann ich nur grübelnd Dirks Ausführungen
folgen. Mache mir folgerichtig meine Gedanken dazu. Mich stört auch
da das Schwarz-Weiß-Denken. Ich kann es vom menschlichen Standpunkt
aus sehen und Dirks Ansichten teilen. Es gibt aber nun mal auch andere
Bereiche (die sogenannten über- oder außersinnlichen Bereiche,
in die jeder mal geraten kann und von denen ich auch ein Liedchen singen
könnte & es auch tue...), von denen aus unsere ernsten Spiele
mitunter einfach nur gestelzt & lächerlich wirken. Unser ganzes
eingebildetes Menschsein. Vom Standpunkt des Universums existiert keine
Wertung. Das ist kein Lächerlichmachen des Menschseins für mich,
sondern eher so ein verständnisvolles weises Lächeln einer alten
Frau, der man nichts mehr vormachen kann. Die unsere Spiele durchschaut
und weiß, daß alles so seine Richtigkeit hat, weil es dem seelischen
Wachstum dient (egal ob ich es einsehe und gut & richtig finde oder
nicht). Für mich ist es auch klar, daß ich schon viele Leben
gelebt habe (als Mensch, Tier, Pflanze & Mineral). Ich war sicher schon
mal ein Mörder, eine Schamanin und eine Reinemachefrau. Für mich
beinhaltet diese Sichtweise auch, die Verantwortung für alle meine
Handlungen & Nichthandlungen zu übernehmen. So oft mir das auch
tierisch schwerfällt und ich mein Schicksal verfluche und wütend
mich winde, um davonzuschlängeln oder auszuweichen. Doch es hilft
nichts. Seit Jahren beobachte ich die Folgen meiner Handlungen immer aufmerksamer.
Und bemerke, je bewußter ich werde, daß die Folgen immer schneller
auf mich zurückfallen. Ich kann also nicht mehr so tun, als ob ich
nichts merke oder als ob mich das alles nichts anginge! Gleichzeitig merke
ich, daß positive Gebete auch eher anschlagen und beantwortet werden.
So lerne ich allmählich, mein Schicksal mehr & mehr in die Hand
zu nehmen, Vertrauen in meine eigenen Instinkte zu entwickeln, auf Zeichen
& Symbole zu achten und dann wirklich meiner Intuition zu folgen. Was
nicht heißt, daß Rückschläge ausgeschlossen wären.
Ich nehme sie nur nicht mehr so furchtbar lange ernst und höre auf,
mir ewig selber einen Strick zu drehen mit Schuld, Scham und schlechtem
Gewissen. Nina
Servus, alle miteinander in Nah und Fern!
Ist es nicht traurig, daß es Winter wird,
eh der Geliebte sich wiedermal blicken läßt?
Vielleicht sollte gleich das nächste Fingst-Programm
mit hinein! Z.B. das, was ich mit den vielen Naturdenkmal-Schildern (siehe
Basar in 31...) will, eine Aktion: einen schön bewachsenen Abschnitt
einer "Deutschen Alleen-Straße" hier in der Nähe ausgucken und
in einer Nacht-und-Nebel-Performance rechts die Baumreihe mit den Eulen
benageln und links die Reihe mit den roten Fs besprayen, zurück das
gleiche, daß jeder Autoführer beides sieht und jeder Baum beides
trägt. Die restlichen Schilder brauche ich unbedingt für den
Schutz einiger meiner Vertrauten. Aber maleider gibt es das nicht im Internet.
Was es auch dort nicht gibt aber dafür nächstes Fingsten hier,
ist ein Liveauftritt von Wolfgang (ihr erinnert euch an seine ETA-Lesung
vor paar Jahren?!) mit seiner Band. So viel sei schon mal verraten.
Was das beste am letzten Fingstprogramm war,
erfahren wir von Leo, das traurigste war für mich das Familiengericht,
das über mich am Sonntag hereinbrach. Von wegen die Bauernolympiade
fiel wegen Bodennebels aus! Sehr ernüchternd auch das schließlich.
Obwohl ich auch zufrieden war, wie nah Empfinden und Ausdruck in Bruder
Baum zusammenfielen, vielleicht weil das unmittelbar und frisch entstand,
nicht perfekt, die Hälfte vergessen, aber echt, nicht gewollt. Zugegeben:
mit dem Markuß wollte ich mich wieder lustig machen, irgendwelche
naturwüchsige Musik und dazu hunderte Dias, die ich vollkommen ohne
System einfach so aus irgendwelchen Kästen griff und beliebig in die
Magazine stopfte und runterhämmerte (wider dem Gewohnheitsprinzip).
Und siehe da (bei Ninas Reactionen...), heraus kam sogar ein kritikwürdiger
Vortrag, der nur etwas am Genuß zu wünschen übrig ließ
oder für den man gar keine Worte fand. Entschuldigt, daß ich
euch die Zeit gestohlen habe! Die braucht es auch zum Lustigmachen, ich
kam ja auch beim Gitarren-Pfadfinder-Treffen nicht viel über die Idee
hinaus... Peinlich.
X-beliebig sind nur wir selbst nicht, nicht wahr?
Darum war die Schwitzhütte ganz und gar kein Lapsus.
Und nun vergeßt nicht, zum Frisör
zu gehen wegen der Rasta-Fahndung.
P.S. Bitte helfen Sie mir! Ich krieg's nicht
mehr auf die Reihe: wer von mir noch Preise für die Ausschreiben zu
bekommen hat, melde sich doch bitte bitte bei mir!! Roland
Hallo Roland! Ich bin ja nun recht kurzentschlossen
gleich vormittags abgehauen. Hatte keine Lust, noch einen halben Tag vor
mich hin zu trödeln. Die ich sah, wollten nach dem Frühstück
losfahren, Programm war nicht mehr geplant, der Sonntag auch etwas dünn
bestückt. O.k., ich war natürlich blanker Konsumierer.
Deinen Vortrag fand ich ziemlich tendenziell
zum Bösen der Nutzung von Holz. Klar ist das nicht nur rosarot zu
machen, wenn auch durchaus ehrfürchtiger, als die Bilder von Dir zeigen.
Es gibt da ein "Schlachthausphänomen", Wald ist gut und Holz auch
(jedenfalls unbedingt als Spielzeug, sogar als Baustoff...), aber dazwischen
will keiner was von wissen.
Ich hoffe, Du denkst nicht, ich bin total forstlich
verblendet worden. Seit meiner Zeit in Greifswald weiß ich mich zwischen
den Fronten!
Ansonsten war ich froh, Dich zumindest äußerlich
so scheinbar wiederhergestellt zu sehen; und auch den Ort nicht verfallen
oder den Garten absolut zugequeckt zu erleben.
Sei gegrüßt von Eberhard
Servus Eb! Gestern beim Spaziergang mit
Marlin habe ich Weißdorn-Bäume (!) wiederentdeckt, ich hatte
die schon vom Laufen mit Frieda her gekannt, aber wieder vergessen. Bis
zu 6 m hoch, laut Buch kann Weißdorn als Baum 9 m hoch wachsen. Da
kam mir dann die Idee, in eine Flurkarte die hiesigen interessanten Baumstandorte
und Wege dahin einzutragen und das dann für Gäste paarmal zu
kopieren. Könntest Du eigentlich mit Sicherheit eine Schwarzpappel
von irgendeiner hybriden Art unterscheiden? Wenn ja wie?
Mein Baumvortrag kam bei Dir (sicher nicht allein)
anders an als gemeint.
Anliegen war nur, von mir zu erzählen, faktisch
von meiner Macke, daß ich so oft mitleide, besser: daran leide, wenn
ein Baum zugrunde geht. Das kann ein alter sein, ein ganz kleiner, vom
Sturm, von Menschenhand... Nur war gerade das Geschehen hier im Wald dazu
bestens angetan, mich ganz aus dem Häuschen zu bringen. Diese seit
der Privatisierung grassierende Zugeldmachung, die ganzen sinnlosen Zerstörungen,
das viele Holz, was nun "nutzlos" umgenietet vor sich hin rottet (und ich
heize mit Holz und muß mir einen Kopp machen, woher ich es kriege...),
daß viele der wenigen besonderen Exemplare, zu denen ich eine unmittelbare,
"persönliche" Beziehung hatte, platt gemacht sind, auch Horstbäume
(wenn es Sinn hätte, die Ganoven anzuzeigen, aber das Umweltamt ist
ja beschönigendes Filzorgan der Privatwirtschaftsmafia, hauptsache,
es wirtschaftet ja überhaupt jemand, egal wie) oder eben die fast
schon am natürlichen Lebensende angelangte Hainbuche, die nun als
gespaltener, schiefer Krüppel dem Ende rascher entgegen steht.
Und natürlich wollte ich mit meiner drastischen
Betrachtungsweise anregen, überhaupt mal zu sehen, was Bäume
für uns sind. Daß man grundsätzlich schon zusammenzucken
sollte, wenn irgendwo eine Motorsäge angesetzt wird und lieber dreimal
fragen oder nachdenken als gar nie. Denn vom Hab und Gut ist uns offensichtlich
das Gut verloren gegangen.
Und ich bin mir schon klar, daß mein Empfinden
auch nicht vom Nutzendenken getrennt ist, gerade weil Holz in vieler Hinsicht
wunderbarer Ausgangsstoff ist. Jeden Tag verbrenne ich welches...
Ansonsten schlaflos gut drauf, das Haus wieder
mit Gästen voll, wird den Sommer über so bleiben.
Liebe Grüße von mir und uns! Roland
Hallo Roland! Die Musikbeiträge lese ich nie. Mich interessieren nur die Briefe, daß ich was persönliches von den Leuten erfahre. Gruß! Elke
Hallo!
Heute hab' ich endlich Zeit gefunden, was auf Diskette zu bannen. Die 3
Texte reichen für's erste, finde ich. Vielleicht später mehr
- bestimmt. [...]
Anfang Juni kam ja das neue Radiokopf-Album "Amnesiac"
raus. Das dreht sich jetzt fast ununterbrochen bei mir im Rekorder. [...]
You forget so
We ride tonight
Ghost horses
Thom Yorke
Tschüss Stefan
Hallo Lover 32, die "Notizen zu Ken Wilbers"
Buch "Das Wahre, Schöne, Gute" waren und sind für mich ein schöpferisch-geistiges
Abenteuer. Ich habe hier eine Form gefunden, durch die ich Gedanken entwickeln
und äußern kann, die mir am Herzen liegen und die auch immer
einen konkreten Bezug zu meinem und unserem Leben haben.
Ich werde diese Beiträge jedoch hier im
Lover nicht mehr fortsetzen, damit dieses kleine Heftchen nicht zu sehr
von meinen philosophischen Ausschweifungen beherrscht wird. Der Lover an
sich war jedoch gerade auch in Hinsicht meiner philosophischen Intention
ein Glücksfall. Ohne den Lover und seine Leser wäre es mir wohl
viel, viel schwerer gefallen, mit einer derartigen Auseinandersetzung überhaupt
erst einmal anzufangen und sie auch konsequent weiterzuführen. Mittlerweile
ist sie mir zum Bedürfnis geworden.
Die "Notizen" werde ich weiterschreiben. Im Internet
findet man auf den Seiten http://dirkhuebner66.de/wilberberdjajew.htm
alles, was ich u.a. auch in Bezug auf meine Kritik geschrieben habe und
ein klein wenig mehr. Der Haupttitel lautet aber nicht mehr "Notizen...",
sondern provokativ: N. Berdjajew kontra K. Wilber. Ich will damit der Tendenz
entgegenwirken, gleichmacherisch nur noch die Gemeinsamkeiten sehen zu
wollen und die wesentlichen Unterschiede zu ignorieren. Das zielt auch
auf den KenWilber-de@yahoogroups.com ab. Zur Zeit arbeite ich noch an meinen
6. Teil, der schon fast fertig ist.

![]()
Im letzten Lover31 hat Achim geschrieben: "Ich
jedenfalls habe bisher NICHTS bei Wilber entdeckt, was ich als Beitrag
zur Erkenntnis von gesellschaftlichen Zusammenhängen bezeichnen würde,
warum sich mit seinen Theorien rumschlagen? Und dazu noch aus der Position
eines Philosophen, der völlig ver-geistigt dem Göttlichen im
Menschen an sich nachforscht?" – Ich hatte mit Wilber Hoffnungen verbunden,
die sich als Trugschluß herausstellten. Ich vollziehe mit dieser
Kritik also auch eine Art Abrechnung. Und das, was ich kritisiere, betrifft
nicht nur Wilbers Mutmaßungen, sondern vor allem auch die sich ausbreitende
Hinwendung zu einem entpersönlichten Leben buddhistischer Färbung.
Wilber neigt zu einer absoluten GEISTES-Haltung. Dem wahrhaft Göttlichen
(der unmittelbaren Gewissensintuition) im Menschen geht er nicht nach,
sondern einem menschenfernen Absoluten. Und damit übt er einen gewissen
Einfluß auch in Deutschland aus, und er ist in seiner Haltung nicht
der einzige. Die buddhistische Orientierung im Westen führt letztlich
zu einer welt- und vor allem lebensverneinenden Einstellung und entledigt
sich einer wahrhaft mitfühlenden Verantwortung. Wilber sagt sinngemäß:
Alles ist in Ordnung, wie es ist. Und gerade das hat mich erzürnt
und bedarf meines Erachtens sehr wohl der Klärung– vor allem weil
auch immer wieder die "Friedenstaube bröckelt" (Zitat: Achim) sowohl
innerlich als auch äußerlich. N. Berdjajew ist ein ganzheitlicher
Denker. Für ihn ist die göttliche Gewissensintuition der Maßstab.
Nichts in dieser Welt ist für Berdjajew in Ordnung, wie es ist. Er
war in keinem Falle in dem Sinne "ver-geistigt", daß er die realen
inneren und auch die äußeren Verhältnisse nicht mehr erkannte,
sondern ganz im Gegenteil. Er wollte tiefgreifende Veränderungen provozieren,
und dabei stand für ihn vor allem die geistige Verfassung des Menschen
im Mittelpunkt. Zu diesem Zweck setzte er sich jedoch auch mit den gesellschaftlichen
Verhältnissen in einer umfassenden Weise auseinander, die immer noch
seinesgleichen sucht. Aber er war eben nicht massenwirksam wie Marx, den
er kritisch und aufrichtig verehrte. Wenn Berdjajew von Gott spricht, so
meint er Veränderung, die sich primär im Menschen vollziehen
muß, damit sich auch im äußeren Wirken des Menschen in
sinnvoller Weise etwas verändern kann.
Zu Lapus: Das gemeinschaftliche Gefühl kam
dieses Mal bei mir nicht so recht auf. Lag vielleicht auch etwas am Wetter,
aber nicht in erster Linie. Insbesondere Stefans Beitrag hat mir gefallen.
Dirk
Liebe
Lappen und Susen, seit dem 11.09.01 soll ja alles anders sein. Alles?
Ja, ich denke nach und diskutiere mit den Menschen, die um mich sind ---
Die Geschichte der Menschheit wird wieder mal vielfältig unter die
Lupe genommen. Wir lesen viel zu den Ursprüngen des Islams und das
Reden über den Terroranschlag geht von blöden Witzen bis hin
zu lähmender Ohnmacht, die manche Menschen befällt. – Ich fühle
mich zu klein auf dieser Welt, um darüber groß zu reden. – Und
ich denke mit Achtung, dass es große Wisser & Schreiber unter
den Leo-Lesern gibt ----
Ich habe keinen großen Beitrag, aber der
Slogan von Leopold Lapsus und sein Gruß "keep on rockin‘" beflügeln
mich, den "eels"-Fans etwas mitzuteilen: Am Freitag, dem 9.11.01
drohte die Mauer des StarClubs von Dresden zu fallen, weil
die Massen trotz ausverkaufter Karten ins Gebäude wollten. Die Eels
aus Los Angelas tingeln derzeit durch deutsche Clubs und Dresden ist mit
dabei! Allein der Fakt, dass das Konzert am Freitag stattfand, lies mich
vorher die Karten kaufen – war ich frohohoho als ich am Eingang das "ausverkauft"
las. Ich hatte jedoch während des Konzerts mehrmals das Gefühl,
dass die Masse nicht als ‚beautiful freak‘ da war, sondern als neugieriger
Wochenendgenießer. Mir rutschte bei einigen Songanfängen ein
Jauchzen über die Lippen, während das Publikum den Titeln zuhörte,
verhalten im Takt wippte und dann gut applaudierte und damit sogar zwei
Zugaben erzwang. Mark Oliver Everett, genannt E, lebte seine Songs
voll aus – das war eben Live. In Dresden waren neben Butch (dr), R.E.M.–Mann
Peter Buck und Basser Phillips als Gaststars mit von der Partie. Der Wechsel
als Konstante, das waren auch in diesem Konzert die Überraschungen.
Ich hoffe nun mit der Sonderedition "Oh what a beautiful Morning" eine
Rarität erstanden zu haben. Everett hat mit seiner "Overtüre"
Bekanntes in einer Art und Weise verändert, die mich begeistert.
Eine sinn-liche Vorweihnachtszeit wünsche
ich euch allen und ich freu' mich auf d i e s e n Lover. (7)
Vor dem Anfang kurvte das Om in heiterer Gelassenheit durch das maßstablose unsagbare Nichts wie ein Farbstich auf Rollschuhen. Doch wenn man eins und alles ist, kann das auf Dauer schon eintönig werden, so gänzlich ohne Streitereien, und schon bald begann die heilige Weltsilbe sich nach einem Suffix zu sehnen. Diesen starken Mutterschaftstrieb konnte es unmöglich vollständig verdrängen, und seiner Natur gemäß - über diffuse Kausalketten - war das Om gestolpert, und es geschah, daß sich dabei eine zweite Silbe aus seiner Seite löste, zufällig genau an der Stelle, an der wir nach anthropologischen Maßstäben die Rippen ansetzen würden.
Worüber es wohl gestolpert sein mag bleibt in der Dunkelheit verborgen (es blakt und blinkt höchstens mystisch in der Ferne als versuche es an Irrlichter zu erinnern) und wird noch einige Ewigkeiten den spielhungrigen Hirnen diverser Wissenschaftler, Gelehrter, Fanatiker und Spaßmacher Nahrung liefern sowie ganze Schwärme halbintellektueller Spinner herausfordern. (Es sollten hier vielleicht noch gewisse Gerüchte erwähnt werden, denen zufolge die ganze Teilungs-Show nur eine Inszenierung des All-Einen ist.)
Wie auch immer - Auftritt der zweiten Silbe: Anonym aber existent. Der erste Schritt ist immerhin der Schwerste. Hurra, hinter einem Schleier ist uns der heilige Gegensatz erschienen, die süßen Zwillinge Dialektik und Dualismus sind uns in die (westliche) Wiege gelegt worden! Halleluja!
Die Geburt der Möglichkeit an der Nabelschnur der Notwendigkeit. Alles weitere war nun relativ klar, war nur mehr eine Frage der Zeit, denn sozusagen als Nachgeburt des Zwischen-Falls platzte die Zeit auf die Bühne und sie ist gewissermaßen berühmt-berüchtigt in Sachen Variation.
Vorhang auf für Lila - Das kosmische Spiel beginnt.
(Zeitraffer, Detailvergrößerung)
--- Nebel beherrscht die Szene, während sich der jugendlich-prächtige Kontinent Indien - Feuer in den Adern - nach langer Floßfahrt leidenschaftsentbrannt unter den massigen Körper Eurasiens schiebt, um unverhoffte Blicke unter seinen Faltenrock werfen zu können, um in nie geahnten orientalischen Geheimnissen zu verschmelzen.....
Begegnung der 4. Art
Am Anfang war das Wort. Und glücklicherweise war es bei uns und stand uns bei. Obgleich von geringen Ausmaßen, war es doch im Besitz der größten Bedeutung.
Das Wort war "NO". Es breitete seine "Thank-you"-Flügel aus, flatterte kurz und plusterte sich bedrohlich auf, um in einer längeren Salve zu zerstieben: Nein, nein, nein. Nein! Neiiiin!!!
Wir brauchen keine Riksha, keinen Träger, keinen Teppich, nein, auch nicht zwei, keine Kokosnüsse oder Bananen, kein Hasch, keinen Haarschnitt, keine Rasur, keinen Schmuck und keine Postkarten, keine Erdnüsse, keine Ananas, keine Farbfilme und auch nicht das beste Hotelzimmer der Stadt -- wir sind gerade erst angekommen, haben schwere Rucksäcke auf den Schultern, und abgesehen davon, daß wir schwitzen wie die bösen Tiere, wollten wir eigentlich erstmal in Ruhe schauen --------
Hallo und Herzlich willkommen in Indien!
NAMASTE!
Verallgemeinerungen
Machen wir's kurz: Indien ist höllisch warm und voller Menschen. Jedenfalls war das unser Eindruck, als Sven, mein Reisekumpan, und ich Ende Mai letzten Jahres von dem in jedem Sinne (außer in der Höhe der Berge) gemäßigteren Nepal auf dem Landweg kommend in das unter extremer Hitze stöhnende Nordindien einfielen. In einem siffigen Backofen von 40-50 Grad zappelten die Menschen nur so durcheinander....
Aber um einer ganzheitlicheren Perspektive Rechnung zu tragen, möchte ich hier einräumen, daß das Klima in Indien doch sehr von der betrachteten Region und Jahreszeit abhängt, und angesichts der Ausmaße des indischen Subkontinentes ergibt sich dabei ein hübsches Allerlei. Da wären die schneebedeckten Gipfel des Himalaya im Norden, wo Indiens heiligstes Rinnsal (Heiligsbächle!), die erhabene Mutter Ganga, hierzulande auch Ganges genannt, entsprießt; des weiteren deren fruchtbare heiße Tiefebene, die sich bis weit nach Osten erstreckt, wo sie im Gangesdelta in die Überschwemmungsgebiete Bengalens übergeht; im Nordosten liegen die kühl-feuchten Berggebiete Assams, im Westen dörren die Wüsten und Steppen Rajasthans vor sich hin; es gibt ausgedehnte Hochländer und Gebirgszüge im Niemandsland der Mitte und an den südlichen Küsten locken palmengesäumte Strände, tropischer Dschungel und exotische Sümpfe. Durch eine ganz ähnliche Vielfalt sind auch die Sprachen, Religionen, Kleidungen und Bräuche der Bewohner der verschiedenen Landesteile geprägt.
Merksatz: Indien ist ein Land der Gegensätze und Paradoxien sind Alltag. Das Zusammenleben und -feiern gestaltet sich in dem Vielvölkerstaat trotz oder gerade wegen der Unterschiede nicht nur der Heilsvorstellungen erstaunlicherweise relativ unproblematisch. Hindus und Moslems, Christen und Sikhs, Buddhisten, Parsen und Jainas - Gott, das Höchste, die Weltseele hat nur verschiedene Namen, und da die meisten Menschen in ihrer Unvollkommenheit der Ganzheitserfahrung unfähig sind, zeigt er/sie/es sich jedem auf seine Art; das ist wohl in etwa der Grundgedanke, der hinter der praktizierten Toleranz steht. Traditionell herrscht in Indien natürlich der dort vor über 3000 Jahren entstandene Hinduismus, der in sich die gesamte menschliche Fülle und Widersprüchlichkeit widerspiegelt; für jeden Charakterzug, jedes Naturereignis und jede Tugend gibt es mindestens eine Gottheit, wie auch umgekehrt für alle bösen Einflüsse die Dämonen sorgen. Grundlegend für die hinduistische Philosophie - der Götterfülle zum Trotz - ist die All-Einheitserfahrung (Advaita - "Nicht-Zweiheit"), das heißt die Trennung von Subjekt und Objekt, von Selbst und Welt ist nur eine Illusion, die zu einer ding- und damit leidverhafteten Existenz führt. Den vielfältigen Dingen kommt kein "eigenes Sein" zu, da sie nur kurzwährende Erscheinungsformen sind, die wieder vergehen und sich neu manifestieren. Das eine bedingt das andere, alles hängt miteinander zusammen; und alles wurzelt im All-Einen. Die Hindus sprechen vom "brahman", der allumfassenden Weltseele, und dem "atman", der Einzelseele, die in jedem Menschen steckt. Zur Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten gelangt derjenige, der verinnerlicht, daß es keinen Unterschied gibt zwischen atman und brahman. Der Hinduismus kennt keinen Dualismus und keinen gegenüberstehenden personalen Gott. Dafür spiegelt er in sich die gesamte menschliche Fülle und Widersprüchlichkeit wider; für jeden Charakterzug, jedes Naturereignis und jede Tugend gibt es mindestens eine Gottheit, wie auch umgekehrt für alle bösen Einflüsse die dämonischen Aspekte dieser Götter sorgen. Die Basis für den stark bevölkerten Götterpalast bildet das Dreigestirn aus Brahma, dem Welterschaffer, Vishnu, der in seinen bisher neun Inkarnationen die Welt zu bewahren und vor dem Bösen zu beschützen versucht (die zehnte Inkarnation wird am Ende des gegenwärtigen "Schwarzen Zeitalters", des kali-yuga, erwartet) und schließlich Shiva, der am Ende eines Zeitalters die Welt mit seinem Feuertanz zerstört und gleichzeitig Impulse für einen Neuanfang gibt. (Sie alle drei und ihre Millionen Kameraden sind natürlich nur Aspekte des All-Einen). Im Hinduismus wird auch die Welt zyklisch wiedergeboren.
Überall in Indien begegnen einem die Götter, in uralten monumentalen Steinfiguren und aufwendigen farbigen Wandfresken ebenso wie in den obligatorischen kitschigen Götter-Postern, die jeden Hausaltar und Laden zieren, und natürlich bewegt sich kein Bus ohne geweihte Plastikanhänger von Shiva oder dessen Sohn Ganesha, dem Herrn der Reisenden. Auf jeden Fall halten die Inder - manchmal auf obskure Weise - ihren Glauben lebendig, Religion und Alltag sind nicht zu trennen.
Der Hinduismus hat nicht zuletzt wegen seiner Flexibilität und Fähigkeit zur Assimilation seit so langer Zeit Bestand. Zum Beispiel erklärt er Buddha kurzerhand zu einer Inkarnation des Bewahrers Vishnu (die neunte) und auch die Lehren von Jesus oder Mohammed stehen für ihn nicht wirklich im Widerspruch. Des öfteren teilen sich Bilder von Jesus, Mohammed und Shiva auf einer Wand die Verehrung der Menschen.
Die Zahl der Götter wird nur noch von der des Heiligen überschritten. Heilig kann unter den richtigen Umständen alles und jeder sein, ob Flüsse, Bäume, Felsen, Bilder oder Blumen, Orte oder Rituale, Menschen oder Tiere. Auf Schritt und Tritt trifft man auf die heiligen Kühe, die in Scharen als lebende Müllschlucker gemächlich durch die Straßen trotten, mitunter liegen sie auch friedlich schlafend mitten auf der Fahrbahn im dichtesten Verkehr; in ganz Indien sind es ungefähr 200 Millionen. Aber auch Affen, Elefanten, Löwen, Tiger und Ratten können heilig sein, zumal die Götter sie als Reittiere benutzen.
Auch über die Grenzen Indiens bekannt sind die "Heiligen Männer", die Sadhus. Sie sind Wanderasketen und Yogis, die der Illusion durch die oberflächlichen Genüsse der materiell-getrennten Welt abgeschworen und sich der Erkenntnis von der Einheit der Dinge in der "letzten Wirklichkeit" aufgetan haben. Auf dem Weg zu ihrem vom "Ich-Wahn" zu befreiendem Selbst folgen sie ihrem Vorbild Shiva und ziehen nur mit ihrem meist safrangelbem Gewand, einer Eßschale und einer Pfeife (Ganja - Hanf - ist die heilige Pflanze Shivas) ausgestattet als Bettelmönche durchs Land oder lernen bei ihren Gurus, üben sich in Askese und Yoga und besuchen die heiligen Pilgerstätten. Dazu muß gesagt werden, daß ihre Art des Lebenswandels gesellschaftlich zumindest traditionell respektiert ist. In der hinduistischen Lebensphilosophie wird der Lebenslauf in vier Phasen unterteilt: Als erstes ist man Schüler, übt sich in Pflichterfüllung, später soll man einen Haushalt gründen, Kinder zeugen und Wohlstand erwerben, um sich schließlich um das fünfzigste Lebensjahr aus allen weltlichen Geschäften zurückzuziehen und in die Wälder zu gehen, zuletzt widmet man sich als Wanderasket seiner spirituellen Erleuchtung. (Selbstverständlich folgen keineswegs alle Menschen diesem Weg)
Im Westen sind die Sadhus hauptsächlich durch extreme Selbstkasteiungsaktionen wie das jahrelange Stehen auf einem Bein, das tagelange Lebendig-begraben-liegen, das Aufhängen an durch die Rückenhaut gestochene Haken oder Schweigegelübde sowie natürlich durch den häufigen Gebrauch ihrer Cannabispfeifen bekannt geworden.
Als Tourist begegnet man leider häufig ziemlich unheiligen Sadhus, die nur darauf aus sind, einem für ein Foto oder eine kurze Segnung ein paar Rupien aus der Tasche zu ziehen. Der Übergang vom Heiligen zum "Gauner" ist fließend.
Neben den Hindus, die etwa 80 Prozent der indischen Bevölkerung ausmachen, gibt es auch über 100 Millionen Moslems (gerade mal 10 Prozent der Bevölkerung) und das sind nach Saudi-Arabien mehr als in jedem islamischen Land.
Eine weitere Religion, die eigentlich "aus dem Besten" von Islam und Hinduismus hervorgegangen ist, bilden die Sikhs. Sie fallen durch ihre akkurat gebundenen Turbane unter denen sie ihr nie geschnittenes Haar zusammenrollen und ihren gepflegten Vollbart im Straßenbild auf. Sie sind meist hochgewachsen und strahlen Würde aus, sie sind irgendwie von der Aura des stolzen Kriegers umgeben (ihre Orden haben auch eine ziemlich militante Vergangenheit) , man kann sie sich ungefähr wie die Klingonen aus Star Trek vorstellen.
Übrigens gingen wir im Laufe der Dutzenden Small-Talk-Gespräche mit Indern der Einfachheit halber dazu über, uns als Christen zu bezeichnen, wenn wir nach der Religion gefragt wurden, denn mit "Atheismus" oder ähnlichem können die wenigsten Inder etwas anfangen. Es ist teilweise so, daß man nach der Religionszugehörigkeit, dem Gott, an den man glaubt, eingeschätzt und sozial kategorisiert wird, wobei für den "einfachen", nicht "westlich kontaminierten" Inder die Vorstellung, nicht an einen Gott zu glauben, absurd und lächerlich ist.
Es fällt wirklich schwer, von DEM Indien zu sprechen, denn schon bei oberflächlichem Eintauchen zeigt es sich so vielschichtig, als Land mit Tausenden verschiedenen Gesichtern, die sich in dutzenden Sprachen (18 offizielle) und unzähligen Dialekten verständigen oder auch nicht. Indien ist eher ein Konglomerat der verschiedensten Völker und Naturräume.
Es muß natürlich erwähnt werden, daß man sich bei mehr als einer Milliarde Einwohnern - Indien durchbrach den offiziellen Statistiken zufolge im Mai 2000 die magische Milliardengrenze - auch mal auf die Zehen tritt, und daß sich da schnell auch z.B. Kiefer und Rippen dazugesellen, ist nichts Neues. Wie vielerorts auf der Welt gehen die Auffassungen der verschiedenen religiösen Gruppen, gerade der fanatisch angehauchten Fraktionen, von einem "anständigem Leben in einer gottesfürchtigen Gesellschaft" auseinander und sobald die Funken ökonomischer Interessen in derartige Konflikte überspringen ( und das tun sie scheinbar mit Vorliebe) ergibt das einen hochexplosiven Sozialzündstoff, Grund genug für heftige Kleinkriege. Hin und wieder kommt es zu Lynchaktionen, kurz erwähnt sei hier der blutige Konflikt zwischen Hindus und Moslems in Kaschmir; Resultate davon dringen manchmal durch marginale Kurznotizen der Tageszeitung zu uns durch.
Die Menschen - Indiens und des Menschen allgemein größtes Problem - es sind so viele. In Indien sollte man sich darauf einstellen, daß generell alles voll ist, egal ob Restaurants, Bahnhöfe, Züge, Busse, Straßen, Tempel oder romantische Strände. Dichtgedrängt leben, verkaufen, essen, streiten, beten, scheißen, waschen, rotzen, siechen, sterben die Menschen nebeneinander auf engstem Raum; starke Familienbande halten sie zusammen und in der Gemeinschaft ist das Elend wohl erträglicher. Da bleibt nicht mehr viel übrig von der Privatsphäre, und des öfteren beschlich uns das Gefühl, in einem riesigem Big-Brother-Container gelandet zu sein. Das Leben in Indien spielt sich zu einem großem Teil auf der Straße ab, weshalb man tiefe Einblicke in das Alltagsleben der Menschen bekommen kann.
Tatsächlich kamen mir die Straßen in Deutschland unmittelbar nach meiner Rückkehr so befremdlich leer vor, alle scheinen in schnellen Autos nach einem straffem Zeitplan irgendwelchen wichtigen Zielen hinterherzueilen und das Leben spielt sich größtenteils hinter verschlossenen Türen ab. (Kafka hat das übrigens sehr schön beschrieben)
Immer wieder staunten wir, wie sich Städte von Punkten auf der Landkarte, deren Namen nie zuvor an unsere Ohren drangen, zu Millionen-Molochen auswuchsen, wobei sie flächenmäßig meist weniger imposant sind. Ich glaube, die Inder könnten in irgendeiner deutschen Stadt locker fünfmal soviele Menschen unterbringen. Indische Großstädte haben ihren ganz eigenen Reiz: Es sind meist in einer Bruthitze dahindarbende Müllhalden voller Menschen, die Sonne ist unter der permanenten Smoghaube kaum zu sehen, dafür umso mehr nackte heruntergekommene Betonbauten und hart am Existenzminimum lebende Menschen, Bettler, Krüppel und Slums. Viele Inder leben in dreckigen stinkenden Winkeln wie in Sardinenbüchsen; zynischerweise sind viele Elendshütten wahrscheinlich wirklich aus diesem Material zusammengezimmert. Die großen Städte sind zwar recht "interessant" in ihrem Trubel, aber auf Dauer kaum auszuhalten. Nur Kalkutta und Bombay haben sich teilweise noch etwas von der rasch verwesenden Kolonialpracht und dem Hauptstadtglanz vergangener Zeiten bewahrt.
Trotz dieser für den Europäer erschreckenden Zustände lebt diese schwankende Chaosbrühe erstaunlicherweise unbekümmert und scheinbar sorgenfrei weiter, obwohl sie ihr Fundament an einem Abgrund gebaut hat, der sie jederzeit zu verschlingen droht. Indien ist wie ein antikes Uhrwerk, in das Teile aus zehn Uhrwerken hineingestopft wurden und infolgedessen sich die Räder alle aneinander reiben, sich aber so allen Regeln zum Trotz selbst antreiben, obwohl sich alle Stellräder längst verabschiedet haben. Millionen von Indern drängen sich auf einem schmalen Grat zwischen irdischem Jammer und erlöstem, himmlischem Jauchzen, und sie tanzen wie Lord Shiva höchstpersönlich. Die Menschen scheinen trotz ihres einfacheren, ich möchte mal sagen härteren Lebens "glücklicher" als die "Westmenschen" zu sein, im Sinne von zufriedener, erfüllter, gelassener, vielleicht auch einfach ergebener. (Als einfaches und meiner Meinung nach treffendes Beispiel kann Abu von den Simpsons angeführt werden, der sich zwar nicht zu überarbeiten scheint, aber Tag für Tag in seinem Laden steht ohne sich zu beschweren)
Gesellschaftliche Pflichterfüllung nimmt
bei den Indern einen relativ hohen Stellenwert ein. Die Lehren von Karma
und Wiedergeburt trösten über das jetzige Leid hinweg, relativieren
das Leben - he, diese Runde habe ich eben nicht so viel Glück, aber
keine Panik, wir sind noch lange nicht am Ende angekommen - und helfen,
sich mit Gegebenem abzufinden, was wiederum eine fatalistische und tragische
Komponente beinhaltet und bei schweren Schicksalen ziemlich zynisch wirken
kann. Im indischen Weltbild hat alles und jeder seinen Platz und seine
Bestimmung.
Alles wird gut!?
Ich denke ich brauche nur anzudeuten, welch großen
widersprüchlich gefärbten Reiz dies auf uns "Westler" ausübt.
Das Leben geht weiter - Frauen werfen wie Gebärmaschinen Kinder in diese Welt; ein Sohn ist gut, zehn sind besser, denn wer wird später für die Eltern sorgen? Ein "soziales Netz" von seiten des Staates gibt es in Indien nicht. Außerdem: Viele Söhne – große Ehr', große Mitgift vom Elternpaar der Braut, das in weniger glücklichen Fällen ihr letztes Hemd und die Seele obendrein verkaufen muß, um nicht das Gesicht zu verlieren.
Auch das Kastensystem ist trotz offizieller Abschaffung noch in den Köpfen der Menschen verankert, oft gerade auch bei den Benachteiligten selbst. Zum Beispiel sahen wir in einem Kaufhaus eine Frau knieend den Boden mit bloßen Händen und einem Lappen wischend; es ist nicht etwa so, daß es in Indien keine Wischmobs gäbe, sondern die Frau entstammte einer niedrigen Kaste, wahrscheinlich sogar der untersten, der der "Unberührbaren", und ihr stand es deshalb einfach nicht zu, derartige Hilfsmittel zu benutzen. Niemand schien das wirklich ungerecht zu finden.
Doch mir kam es so vor, als ob zumindest in den großen Städten, die sich im Entwicklungs-/"Zivilisations"-Stand um Welten von dem der Dorfbevölkerung unterscheiden, die Auflösung der Kasten zugunsten einer "normalen" kapitalistischen Arm/Reich - Gesellschaft langsam voranginge, d.h. Traditionen verschwinden mancherorts vor allem bei den Jüngeren, Geld nimmt ihre Rolle ein. Viele träumen vom westlichen Lebensstil des Überflusses und Konsums......
Mehr schlecht als recht wird das künstliche politische Gefüge Indien vom Stolz seiner Bewohner zusammengehalten, uns begegneten viele junge Männer, deren Stolz auf ihr Land und ihre Nachkommen mehr wog als ihr gesamtes Hab und Gut und mit dem sie überzeugt davon sprachen, wie gut es sei, daß es so viele Inder gebe: "India is the biggest democracy of the world" (und die desolateste). Allein schon deswegen, damit man "eine starke Nation" sei (was auch immer damit gemeint ist) und die Pakistanis möglichst bald aufrollen könne. Um China muß man sich keine Gedanken machen, es wird im "Grand prix de Bevölkerungsexplosion" in den nächsten zwanzig Jahren auf Platz zwei verwiesen werden. Viele scheinen blind zu sein für die Folgen, die ein derartiges Bevölkerungswachstum wie es Indien erlebt, nach sich zieht, ob nun die Umweltverpestung, die Wohnungsnot, die krasse Situation in den Städten oder Arbeitslosigkeit; letzteres lösen die Inder derzeit dadurch, daß sich so viele Menschen wie möglich einen Arbeitsplatz teilen, so bekommen sie zwar nicht viel Geld, aber jeder etwas (das führt zum Beispiel auf Ämtern zu der seltsamen Situation, daß einer den Schalter bedient während im Hintergrund fünf weitere dösen oder Zeitung lesen).
Der Konflikt mit Pakistan zieht sich durch die gesamte Laufbahn des "Neuen Indien", das ja genauso wie Pakistan erst 1947 aus dem Erbe des britischen Kolonialreiches entstand. Vereinfachend gesagt ist Pakistan das Land der indischen Moslems und Indien das der Hindus, und die Streitigkeiten zwischen Hindus und Moslems haben in diesem Gebiet eine beinahe tausendjährige Tradition. Ich muß sagen, in Indien kamen mir angefeuert durch die Hetze in den Schlagzeilen der Tageszeitungen Befürchtungen, ein neuer Krieg zwischen den Atommächten Indien und Pakistan könnte die Wiege des Dritten Weltkrieges werden. Gleichzeitig kam mir dieser Gedanke angesichts friedlich verschlafener Dörfer, die in einem Zeitloch zu schweben scheinen, wieder reichlich absurd vor.....
Vorbilder und Reflexionen
Das Ideal vieler der heutigen Inder-Generation ist der westliche Popper, man kleidet sich modern - das heißt im Gigolo-Marken-Look mit Sonnenbrille und Goldkettchen - und geht ins Kino oder in die Disco wo Venga-Boys und Britney Spears angesagt sind. Aber diesen Vergnügungen gehen sie mit einem asiatischem "Beigeschmack" nach, den sie nicht ablegen können und der mir als Europäer auffällt. Soll bedeuten: Trotz westlichen Outfits und Gehabe würden sie sich hier als Asiaten "entlarven".
Freiheit, Spaß, Geld, Marken sind die verlockenden Schlagworte, die sich in einen Mantel aus Konsum einhüllen, der kein kritisches Überdenken hineinläßt. Der Westen zeigt sich zuerst immer von der bunten und vergnügten Seite und die nimmt die indische Jugend gern auf. Für die Inder muß es umgekehrt doch ähnlich befremdlich sein:
Sie sehen die reichen Abendländer, die eigentlich in sagenhaftem Überfluß leben und offenkundig die indische "einfache" Lebensweise zu imitieren versuchen, die in asiatische Kleider schlüpfen, die Romantik und Mystik suchen, zum Buddhismus konvertieren, die in Indien leben und weder moderne Großstädte noch Acht-Stunden-Tag wollen. Doch suchen sie Harmonie und Erleuchtung, die sie in exotischen Ländern zu finden hoffen, zumeist mit westlich-analytischem Verstand, wie ein Gut, das man erlangen und besitzen kann. (Das ist keine Schuld sondern Konditionierung).
"Everything is possible in India" beschwört uns der Typ mit einem schmierigen Grinsen und meint damit, man solle kaufen und zwar jetzt gleich und möglichst viel. Er wittert Beute und will sie nicht ungeschoren davonkommen lassen. Seine lauernden Augen springen wie flinke Wiesel zwischen Sven und mir hin und her. Außer diesen befinden sich noch ein kleiner Schnurrbart und ein Mund voller Gutka-(Betelnuß-Kautabak-Mischung)- erprobter Zahnruinen in seinem braungegerbten Gesicht:
"How many piece you want?
I`ve many more different colours inside!"
In gewisser Weise ist das Indien-Erlebnis wie ein orientalisches Komödienstück, in dem jeder - auch der Tourist - mehr oder weniger freiwillig seine Rolle spielt, eine Rolle, an der man gemeinsam mit seiner Umgebung schreibt.
Der Händler ist das liebenswerte Schlitzohr, das einem keine Ruhe läßt und es vortrefflich versteht, immer zu ein paar Rupien zu kommen. Er nutzt dabei jene unsichere Naivität des Besuchers aus, die aus der Vermischung von Abschreckung und neuartiger Faszination beim Westler entsteht. Abschreckung, das ist die unglaubliche Hitze, das Gewimmel der Menschenmassen, der Gestank, das Elend, der Dreck, die auch wieder fesseln können, denn das Indien-Puzzle ist so neu und anders, so farbig und es stimuliert die Sinne. Erlebniswelt Realität. Man möchte aus allen alten Gewohnheiten und Betrachtungsweisen herausfallen und in dieses lebendige Mandala eintauchen.
Und irgendwann unterwegs tritt einem seine Lebensweise, seine Herkunft und die Kultur, durch die man geprägt ist und die sich eben nicht wie Kleidung und Schmuck einfach ablegen läßt, klarer vor Augen. Die Konfrontation mit einer so anders gearteten chaotischen Welt führt zum Bewußtwerden seiner eigenen Lebensweise (Schocktherapie sozusagen) und es ist lächerlich, sich selbst darüber hinwegtäuschen zu wollen, indem man z.B. hinduistische Rituale - natürlich nur selektiv - übernimmt und sich dann "erleuchtet" vorkommt und vielleicht seinen "neuen Weg" mit dem selben rechthaberischen berechnenden Verstand begeht wie vorher den alten; man möchte seiner Figur nur eine weitere schillernde Facette geben und ist nicht gerade das so westlich ?!
Inder und Westler: Jeder ist vom Andersartigem fasziniert.
Es scheint, als ob jeder den anderen ein bißchen um seine Lebensweise beneidet, als ob sie wie Schauspieler gerne einmal ihre Kostüme tauschen würden - die ihre Attraktivität ja eben durch das Rollen-Spiel, das Andere, das Neuartige erhalten - um aus der Routine auszubrechen, nur mal so unverbindlich aus Neugier, ohne gleich seinen ganzen Lebenswandel ändern zu wollen.
(Das wäre ja bis hierher relativ unproblematisch, wenn nicht der technisierte Überlegenheitsanspruch des Westens - unter dem Deckmantel der allen "Wohlstand" bringenden Zivilisation - letztendlich alle anderen Ansichten und Herangehensweisen zerfressen würde ....)
Irgendwann wurde mir klar: Ich bin der westliche Tourie, jedenfalls werde ich so betrachtet, und diese Einsicht, so trivial wie sie klingt, verleiht einem eine gehörige Portion Selbstironie und Gelassenheit, die wenigstens einiges leichter machen kann.
Post scriptum
Ein Luxus, den wir uns nie "abgewöhnen" konnten oder wollten war z.B. Klopapier. Inder verrichten ihr Geschäft auf die umweltfreundliche Art und Weise, ihnen reicht zur Säuberung nämlich etwas Wasser und die linke Hand. Das macht Klopapier automatisch zu einem teuren Luxusartikel für Westler, aber man gönnt sich ja sonst nichts.....
Auch gegenüber dem geräuschvollen Absondern von Nasen- und Rachenschleim sowie dem öffentlichen Exkrementieren der Inder blieben wir mißtrauisch.
Außerdem trieb mich der gewaltige Gebrauch vor allem an scharfen Gewürzen in der indischen Küche oft in die Arme von gutgemeinten aber seltsam schmeckenden indischen Variationen der europäischen Gerichte.
(So, jetzt habe ich alles rausgelassen was mir noch auf der Seele drückte)
23.05. Sunauli
Die heißen Nächte gehören dem Ventilator, dem auch die einzig nennenswerten Bewegungen in unserem Zimmer entstammen, abgesehen von den Insekten, die schon das Waschbecken im Gang gänzlich okkupiert haben, wahrscheinlich zur Wahl der Miß Wet-Schabe .....
25.05. Zugfahrt Gorakhpur – Delhi
Nie wieder solch eine Zugfahrt! 15 Stunden lang schwitzte, fieberte, schiß und kotzte ich im Höllenexpreß nach Delhi! Alles war hoffnungslos überfüllt und zum Bersten vollgestopft, die Leute lagen überall auf dem Boden in den Gängen und zwischen den Abteilen, dort wo zufällig noch kein Gepäck stand. Das Ganze hatte was von Deportation und Folter an sich, da war dieses beklemmende Gefühl von Bedrängtheit und Platzangst nicht gerade hilfreich.
Nun mag das alles, die Enge, die stickige Luft, der Schweiß, der mir in kleinen Bächen von der Stirn in den Mund lief, ja noch halbwegs erträglich sein, wenn man einigermaßen gesund ist. Aber schon Donnerstag Nachmittag, einige Stunden vor Abfahrt noch in Gorakhpur lagen wir beide mit Fieber in den Betten, schissen um die Wette und gaben uns Immodium wie Brausetabletten. Losgefahren sind wir nur, weil wir die Tickets schon hatten und uns durch etwas Paracetamol auf den Beinen halten konnten. Wir irrten also angeschlagen und schwerbeladen über die Bahnsteige und fanden nach einigen Sprints entlang der Überführungsbrücke sogar unseren Zug. Schön und gut - aber keiner konnte uns unseren Wagen bzw. die Plätze zeigen, deren Reservierung wir mit stundenlangem Anstehen hart erkämpft hatten. Auf den Tickets war alles exakt verzeichnet, sowohl Wagennummer als auch Sitzplatz, das Dumme war nur: Am und im menschenumwimmelten Zug waren leider keinerlei Nummerierungen zu finden, jedenfalls keine für uns entzifferbaren. In der einen Richtung schickten sie uns in die andere, in der anderen wieder zurück, und so ging das Spielchen eine Zeit lang weiter, bis wir draußen an dem ewig langen Zug entlangliefen und sämtliche Personen in Uniform eindringlichst um Rat befragten ( der sehr unterschiedlich ausfiel). Die indische Kunst der Zeitdehnung kam uns letztendlich zu Hilfe, denn als uns schließlich jemand den entscheidenden Tip gab und wir innerlich frohlockend unseren Waggon betraten, hätte der Zug längst unterwegs sein sollen. Wir freuten uns auf unsere reservierten Betten und eine erholsame angenehme Fahrt nach dem ganzen Bus-Chaos. Es kam natürlich ganz anders: Auf unseren Pritschen drängten sich jeweils fünf Inder, die nicht so aussahen, als seien sie von dort wieder wegzubewegen, doch bereitwillig rückten sie noch etwas zusammen und schicksalsergeben füllten wir diese Lücken paßgenau aus. Alles war besetzt und überfüllt, jede Nische belegt, Menschen lagen über- und durcheinander auf und zwischen meist stattlichen, raumgreifenden Gepäckstücken(indische Familien haben die etwas lästige Angewohnheit nie ohne ihre gesamte Küchenausstattung zu reisen); eine obere Pritsche konnten wir schließlich erkämpfen. Im Abteil trafen wir Ulf aus Wittenberg, Alleinweltreisender für ein Jahr; auch er hatte sich ein Bett "reservieren" lassen.....
So ein geräumiges Zugabteil muß man sich so vorstellen: Linkerhand des schmalen Gangs sind es sechs Pritschen, von denen sich jeweils drei übereinander gestaffelt gegenüber liegen, wobei die jeweils mittlere tagsüber heruntergeklappt ist und als Lehne der unteren Pritsche fungiert und somit eine Art Sitzbank bildet. Wird es nun "Schlafenszeit", klappt man die Lehne hoch und befestigt sie mittels zweier an Ketten befindlicher Haken an der oberen Pritsche. Nur das obere Bett bietet rund um die Uhr "Liegekomfort". Allerdings kommt man bei eventuellen Regungen schnell in Konflikt mit der Decke. Dort befinden sich drei feststehende, verschieden ausgerichtete Ventilatoren hinter Gittern, die meist volle Pulle die sumpfige Luft wälzen. Oben schließen die Abteile circa 30 cm über der oberen Pritsche mit einem Gitter zum nächsten Abteil ab(so daß man seinen Leidensgenossen jenseits der wand sehen kann), eine Tür gibt es nicht, dafür eine Lampe und zwei Wandhaken für Gepäck. Aussicht bietet ein kleines vergittertes Fenster. Auf der anderen Seite des Ganges befinden sich parallel zur Wand noch einmal zwei übereinander liegende Pritschen( von denen die untere tagsüber zu zwei sich gegenüberliegenden Sitzen gefaltet ist). Im Idealfall sitzen in einem " Segment" also acht Menschen.
Da saßen wir also und hatten die Nase gehörig voll, erst hatten wir einen vierstündigen Aufwand betrieben, um Reservierungen zu bekommen, und nun stellte es sich als völlig umsonst heraus. Der Schaffner an den wir uns hoffnungsvoll wendeten zuckte mit den Schultern und strich "Sleeper" einfach durch. Na gut, waren ja nur noch 15 Stunden.
Und dann ging`s los: Ich schwitzte und schwitzte (an sich ja nichts Neues), mir wurde kotzübel, obwohl ich früh nur ein trockenes Fladenbrot herunterbekommen hatte und ich bekam den ersten Reiherkrampf. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ein zweites Bett ergattert (Sven pennte auf dem anderen), nun mußte ich hinuntersteigen um die ganze Brühe aufzuwischen, für etwas Mitgefühl war es wohl zu heiß und eng, das Bett war gleich wieder besetzt und ich fand mich am vergitterten Fenster wieder, eingequetscht neben vier Personen, damit beschäftigt, ab und zu mal zu reihern. So ging es immer weiter, mir war permanent elend und schwindelig, ich tauschte mit Sven mal die Plätze, dann haben wir versucht, zu zweit auf einer schmalen Pritsche zu schlafen, samt den Rucksäcken selbstverständlich. Die Zeit hatte die gleiche breiige Konsistenz wie die Hitze, sie wollte einfach nicht vergehen. Obwohl ich absolut nichts zu mir nahm, nicht mal Wasser (und das bei Extrem-Transpiration), mußte ich immer noch würgen. Bald befand ich mich in dem Dilemma, gleichzeitig reihern und scheißen zu müssen, und war dagegen absolut machtlos. Jede Stunde rannte ich aufs Klo, um dort aufatmend alle Flüssigkeiten aus meinem Körper zu pumpen; jedesmal war die Erleichterung von kurzer Dauer. Der Weg zu den Latrinen - ein Hindernisparcours über menschliche Gliedmaßen und wuchtige Koffer, unmöglich da durchzukommen ohne auf irgendjemanden zu treten. Keine Ahnung wie oft ich diesen Weg antrat, wie oft ich meine Hose auswusch .....
26.05. Delhi
Delhi ist ein riesiger, überfüllter, nach Räucherstäbchen und ekligem Fett stinkender Moloch unter einer Smoghaube durch die kein Sonnenstrahl dringt; dieser Müllhaufen brütet bei 45 Grad vor sich hin.
27.05. Delhi
Was ein Glück, wir haben die Nacht überlebt, na ja Nacht ist gut, es kam mir vor ein einziger Block dunkler fetter Hitze und das war es auch, keinerlei Abkühlung oder Frische. Bei 35 Grad kann man nackt und vollkommen reglos im Bett liegen und trotzdem schwitzt man aus allen Poren. Es gibt keine Chance auf Schlaf, nur ein Dämmern für ein paar Stunden vielleicht. Der Ventilator brachte wenigstens den Hauch eines Luftzuges, bloß andauernde Stromausfälle - bei 15 (!) habe ich aufgehört zu zählen - nahmen uns die Freude daran. Manche dieser Powercuts dauerten nur ein paar Minuten, andere Stunden, bis jemand einen knatternden Generator in Gang brachte. Strom ist hier so eine Art Glücksspiel und höchstens die Hälfte des Tages vorhanden.
So wälzten wir uns in unserem Schweiß, ich habe Bettwanzen gejagt, Wasser getrunken, vor mich hin vegetiert. Viertel Vier war ich duschen, das Wasser hat hier keine Temperatur, sondern ist immer lauwarm, aber immerhin etwas kühler als die Luft, ich hätte unter dem Wasserstrahl einpennen können.....
45 Grad am Tag/ 36 Grad in der Nacht: Diese Zahlen können nur schwer ein Bild von dieser unglaublichen Hitze hier vermitteln, einer Hitze ohne Sonnenstrahlen wie ein Block oder dicker Brei, wie unter einer Käseglocke aus Smog, die Sonne im milchigen Himmel nur erahnbar. Die Konturen verlieren an Schärfe, weil ein Film aus Abgasen, Duftrauch und widerlich stinkendem Fett zwischen der Welt und den Augen liegt.
(Mit diesem Fett hantieren meist beleibte lustlose Köche, das befleckte Unterhemd über die Wampe gezogen, dazu ein schmuddeliges Tuch um die Beine, und sie schauen immer als wolle man sie als Kunde mit bloßer Anwesenheit beleidigen, es sind absolute Kultfiguren.)
1.06.Rishikesh
Die Busfahrt war auszuhalten, wir heizen in halsbrecherischen Manövern über nächtliche, unwirklich wirkende Straßen voller rostiger bunt geschmückter Lastwagen und Busse, erreichen bei Sonnenaufgang Rishikesh und sind positiv überrascht: Die Temperaturen sind relativ angenehm, die Luft ist sauberer als in Delhi ( kein Kunststück!), die Straßen nicht so überfüllt.
Überall stehen Ashrams und Tempel und es wimmelt von "Heiligen Männern", von Pilgern und Yogis. Und schließlich fließt hier, von einer Menge Pilger gesäumt, die jeden Abend Rituale zelebrieren und dabei kleine Lichter schwimmen lassen, der graublaue Ganges, an dieser Stelle noch unverdreckt.
3.06.Rishikesh
Wenigstens kann man Rishikesh loben, es ist mit 34 Grad voll im Rahmen und wir sind nun etwas außerhalb in nem recht preiswerten Ashram namens Sri Ved Niketan, es ist jedenfalls schön ruhig dort, direkt am Ganges gelegen, und die Yoga- und Meditationskurse morgens und abends sind freiwillig. Unser Zimmer ist ne kleine Wohnung, kitschige Shiva-Poster an den Wänden, allerdings etwas schäbig. Der Gründer und Guru des Ashrams - jetzt 96 Jahre alt - sitzt persönlich auf einer Art Thron bei der Rezeption, ein Informationsblatt besingt seinen heldenhaften Lebenswandel, seine Weisheit, Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit in einem Maße das fast nicht mehr gesund ist. Aber eins muß man ihm lassen: Man kann ihm seine Rüstigkeit ansehen, er läuft auch ohne Stock herum und spricht eine Menge Zeug mit heiserer Stimme. So schlecht scheint sein Survival-Rezept nicht zu sein .....
Andererseits machen viele der zahlreichen Yogi-Pilger hier auf mich einen eher krank-morbiden Eindruck. Vielleicht liegt es an ihrem augenscheinlich hohem Alter oder daran, daß viele Kranke in der Hoffnung auf Heilung den Ganges und die heiligen Stätten besuchen. Vielleicht haben sie es auch ein wenig übertrieben mit der Askese oder sie sprühen dafür in geistigen Dimensionen nur so vor Erkenntnis und Erleuchtung, wer weiß.
4.06.Rishikesh
Abends gefällt mir die Stimmung in Rishikesh besonders gut.Zwar sind dann eine Menge Leute auf den Straßen bzw, der einen Straße entlang des Ganges unterwegs, vorwiegend indische Pilger und Yogis, nur vereinzelt Touristen, aber es geht hier alles nicht so ohrenbetäubend hektisch vonstatten, zumal diese Flußseite mit den Ashrams autofreie Zone ist und außerhalb des eigentlichen Ortes liegt. Es schlendern also Leute rum, weihräuchern, beten und singen an den Treppen zum Fluß, an der kitschigen Shiva-Figur die aussieht wie Plaste.
Heute ist übrigens auch eine ganz feine Mondsichel am Himmel sichtbar, so wie sie der olle Shiva in seiner Haartolle zu tragen pflegt.
10.06.Rishikesh
Die Sonne scheint - also gehen wir baden in den heiligen Wassern des schlammigen Ganges. Wir suchen uns ein Stück "Strand", das heißt grau-lehmigen Schlick, der seltsam zäh ist wie eine Elefantenhaut und aus dem überall Felsbrocken herausragen. An allen Stellen entlang des Flusses baden irgendwelche Pilger. Das Wasser ist ziemlich kalt und ockergelb in der Sonne, stammt ja frisch aus dem Himalaya, und hat ein enormes Tempo drauf. Wegen dieser krassen Strömung die überall kleine Strudel bildet, und weil man in dem Schlick ziemlich schnell einsinkt, ist nichts mit weit reingehen oder gar schwimmen. Eine kurze Abkühlung, dann liegen wir in der Sonne rum. Lange allein bleiben wir nicht, ich schätze das ist in Indien auch fast unmöglich. Und so versammeln sich immer wieder ein paar Leute und glotzen uns an (das haben die Inder echt drauf). Einige versuchen Gespräche und manche reißen nur ihre Witzchen untereinander. Was ich außerdem sehr seltsam finde und was uns allein heute fünfmal passiert ist: Irgendwelche indische Touristen (Rishikesh ist auch ein beliebter Ausflugsort) stellen sich zu uns und klopfen uns fürs Foto auf die Schulter, nach dem Motto: "Und das bin ich mit einem echten Europäer" (mal die Umkehrung zu den westlichen Touries). Nach einem kurzen Dankeschön fürs Posieren trennen sich unsere Wege, da kommt man sich ein bißchen vor wie die exotische Attraktion in einem Zoo.
11.06. Rishikesh
Wir sind heute ein bißchen durch den Ort gelatscht und waren mal auf dem 13stöckigen Neubau-Tempel, der neben der Hängebrücke über den Ganges hoch aufragt und immer gut besucht ist. Drinnen gab`s denn auch in jeder Nische kitschige Götterbilder und -statuen, ich glaube, der gesamte Hindu-Pantheon ist in dem Tempel verteilt. Die Menschen hier, also die Hindu-Pilger scheinen ihre Religion wirklich ernst zu nehmen und zu praktizieren, sie einfach lebendig zu halten. Das Religionserlebnis lockt die ganze Familie: Mutter, Vater, fünf Kinder, dazu Tanten und Onkel, Schwestern und Schwager und natürlich die Alten, im bunten Gemisch und mit farbenfrohen Tüchern. Mit gefalteten Händen gehen sie Gebete murmelnd von Nische zu Nische.
Vom Turm hat man einen ganz hübschen Blick, den man sich allerdings erkämpfen muß, denn die Neigung der Inder zur Fettleibigkeit sobald sie über dreißig sind und sofern sie sich das leisten können sowie die Einstellung, sich überall um jeden Preis als erster durchdrängeln zu müssen, gehen gerade in Engpassagen eine gnadenlose Symbiose ein, z. B. in Treppenhäusern, auf Hängebrücken oder in engen Gassen. Da wird geschoben, beiseite gedrängt und geschimpft was das Zeug hält, manche Familien bleiben unvermittelt im Menschenstrom stehen oder fangen an zu picknicken, dann kommen im günstigsten Falle noch ein paar scheußlich hupende Mopeds von hinten, dazu drei Riesenkühe die ohne Rücksicht stumpf dahintrampeln und irgendwelche überschwer beladene Gepäckkarren mit Gasflaschen oder so, das ergibt dann ein typisch indisches Bild, welches aufgrund seiner Vielfältigkeit und Farbpalette sehr interessant anzusehen ist (vor allem wenn man selber gerade nicht drin steckt), wie so eine Art lebendiges Mandala, das ständig weiterfließt, aber nie endet.
(Eben trampeln mir wieder diese Hupen durch den Kopf. Vernichtend schwingen sie ihre kreischende Sense über meinen friedlich wogenden Nervenfeldern.
Des öfteren ergehen Sven und ich uns in der ergötzlichen Vorstellung einfach mal ein trötendes Moped umzukippen oder eine nicht minder nervende Kuh, obwohl meine persönliche Vision eher dahin tendiert, bewaffnet mit einem Hammer eine Hupe nach der anderen zu zerschlagen, bis sie nur noch kläglich leise winseln.)
13.06. Rishikesh/Delhi
...Auf gut Glück begaben wir uns zum Busbahnhof mit dem Vorhaben, einen Nachtbus nach Delhi zu nehmen...Die Busse machten den Eindruck als wären es nicht mehr als rostige Wracks, die, sobald sie die klapprigen Türen öffneten, von den Reisegästen überrannt wurden. Ohne Sinn und Verstand drängten sich die Inder in alle Öffnungen, ob Tür oder Fenster. (Und das obwohl sie die Kuh als Symbol des Gleichmuts zu einem ihrer heiligsten Tiere erkoren haben!)Was blieb uns angesichts dessen anderes übrig als zu warten?!
Irgendwann gegen 20 Uhr fuhr ein Bus nach Delhi vor, der auf wundersame Weise nicht gleich von Menschentrauben okkupiert wurde, und dies als positives Omen deutend schnappten wir die Rucksäcke und stiegen ein. Auch dieser Bus schien seine Zulassung erst anläßlich des zehnjährigen Jubiläums seines Verfallsdatums überreicht bekommen zu haben, aber dafür wollten sie auch nur ca. 5,50 DM für die 230 Kilometer nach Delhi und zudem war die Kiste erstaunlich leer. Das blieb - hatte ich mir irgendwelche Einbildungen gemacht?! - natürlich nicht so.
Wenn man in Indien über längere Strecken
Bus fährt sind ein paar Dinge vonnöten:
1. Zähes Sitzfleisch
2.Gelassenheit (Kindergeschrei & Hindi-Musik!)
3. Eine gewisse Resistenz gegenüber Platzangst
4. Ein Schutzgott
Wenig später fand ich mich eingequetscht zwischen Fenster, Rucksack und einem schnarchendem Typen wieder, der sich seelenruhig an mich lehnte, während die Rostmühle gemächlich durch die Straßen Rishikeshs wackelte auf der Suche nach potentieller Kundschaft, also legte ich die Doors in den Walkman und starrte in die zunehmende Nacht, auf die ganze Pracht der beleuchteten und umsungenen Tempel, diese Traumwelt, dieser Lichterwahnsinn, wie ein irrealer Rummelplatz, ein Vergnügungspark für berauschte, geöffnete und aufs Göttliche gerichtete Sinne, wo tausende Strahlen, flackernde Öllämpchen und das ganze elektrische Blinken der Lichterketten in warmen Tönen zusammen mit den monotonen Klängen der Gebete eine Märchenschloßatmosphäre des Glaubens und Staunens schufen. Dazwischen wehten Fetzen geschäftige Straßenlärms - Hupen, Gesänge, abgebrochene Rufe und schmachtendes Preisen - in den Bus herüber, der auf einem Trip, einer Achterbahnfahrt durch den Glanz der Verehrung unterwegs war. Die beeindruckende Wirkung einer wogenden übersteigerten Fata Morgana wurde von den Doors mit einer akustischen Mystik illustriert wie Untertitel in einem Film. Ich saß und schaute und fühlte mich wie ein Zitat das den Ganges runtertreibt ....
This is the end ..... .....and all the children are insane ...... .....ship of fools......
Manchmal kommt mir Indien vor wie ein leckgeschlagener Öltanker, der mit schwerer Schlagseite den Kurs auf das immer gleich weit entfernte, verheißungsvolle Jenseits hält. Und der Kapitän - eine Figur aus uralten Mythen - schließt die Augen und stimmt eine populäre Liebesschnulze an als es auf die Klippen zugeht: Weil er auf die Götter vertraut und selbst nicht weiß ob es vielleicht schon zu spät ist.
14.06. Delhi/Agra
Vom Zugfenster aus hatte ich immer eine direkte Aussicht auf die vielen Slums, Lehm- und Müllhütten aus Plastikplanen und Wellblech; zerzauste Kinder zwischen Wäscheleinen voller Lumpen. Die Slums befinden sich unter Brücken oder neben brackigen Kloaketeichen, an stinkenden Flußarmen oder an Feldrändern.
Und überall das gleiche Bild der Morgentoilette: Reihenweise sitzen Männer am Bahndamm und scheißen, so völlig nebenbei, manche hatten Wasserflaschen dabei oder lasen Zeitung oder rauchten und wursteten wie gesagt ungeniert.
16.06. Agra
Ich sitze auf dem Bahnsteig 3 und warte mit Sven vergeblich auf den Zug, der uns nach Jhansi bringen soll. Nichts ist in Sicht. Wenigstens ergibt sich durch die Warterei die Möglichkeit, das ganze Treiben auf dem Bahnhof zu beobachten. Leute pennen auf den Bahnsteigen, Familien picknicken mitten im Treiben auf dem müllübersäten Boden. Alles ist voller Fliegen, denen die Hitze nichts auszumachen scheint, geschäftig schwirren sie um zahllose aus Pflanzenblättern gepreßte Einweg-Snackschälchen, die nach Gebrauch achtlos weggeworfen werden.
Die Bahnsteige erfüllen einen multifunktionalen Zweck, sie sind ein Zuhause für die Bettler, Verkaufsfläche zahlreicher Stände und nicht zuletzt ein öffentliches Klo, von dem die Leute unbekümmert Gebrauch machen, indem sie sich einfach an den Rand hocken. Ein Alter pinkelt nahezu kunstfertig unter seinem Longi (Knierock) hervor, ein kleines Mädchen wurstet mit gerafftem Kleid. Ein paar Meter weiter hinten steht ein Typ und putzt sich die Zähne, daneben gähnt ein Fettwanst, dessen Wampe unter seinem hochgezogenem fleckigem Unterhemd hervorquillt.
Mit erstaunlicher Regelmäßigkeit und Penetranz stürzen sich Schuhputzer auf die wenigen westlichen Touristen, nach fünfmaligem Ablehnen werden sie zur echten Plage, ein einfaches "Nein" genügt ihnen nicht, man muß ihnen erst deutlich glaubhaft machen und beteuern, daß man wirklich keine gereinigten Sandalen benötigt.
Neben uns sitzt ein Sikh, der es mit seinem Glauben offensichtlich sehr ernst meint: Er trägt neben Turban und silbernem Armreif einen stattlichen Dolch an der Seite, die andere Hand hält einen langen Säbel (bei den Sikhs Symbol für Bereitschaft/Wachsamkeit, sie müssen ihn eigentlich in irgendeiner Form, sei es als Schlüsselanhänger, tragen); er sieht aus wie der Krieger schlechthin. Ungeachtet ihres manchmal recht martialischen Outfits machen die Sikhs im allgemeinen einen zurückhaltenden und freundlichen Eindruck auf mich (ich meine sie nötigen einen nicht immerfort etwas zu kaufen).Ein lustiges Bild ist es zum Beispiel auch, wenn Familie Singh - typischer Beiname der Sikhs - auf Sightseeing-Tour ist; der Vater schreitet mit buschigem Bart und stolzem Turban voraus, ihm folgt die Frau im modischen Sari und hinterdrein die Kids, die Haare mit einem Stück Tuch zu einem Knauf auf dem Kopf gebunden, aber ihnen fehlt es noch an der Aura der Würde, die ihren Daddy umgibt.
Irgendwann kommt sogar ein Zug nach Jhansi, der aufgrund zusammengepferchter Menschenmassen hinter offenen vergitterten Fenstern verdächtig an Viehtransporte erinnert; wie wir bald merken : zu Recht. Es war ein wahnsinniger Kampf, dort noch hineinzukommen, wie hirnverbrannt drängeln und schieben die Massen ohne die leiseste Rücksicht auf Verluste. Obwohl es beinahe unmöglich scheint, drängen noch mehr Menschen hinein, sie klettern und steigen wörtlich über uns drüber. Unweit der geöffneten Tür, eingeklemmt zwischen Gliedmaßen und Gepäckstücken können wir uns nicht bewegen, geschweige denn uns irgendwie von den Rucksäcken befreien. Eine Zugfahrt dieser Art wäre eine echte Herausforderung für jeden buddhistischen Lama sich in Gleichmut zu üben, mir gelingt es nur schwer, ruhig zu bleiben, nach einer Weile jedoch weicht die Wut der Resignation, es sind ja nur drei Stunden Sardinenbüchse im Stehen .... wir tauschen ein paar Brocken Englisch mit unseren Nachbarsardinen aus.
18.06. Khajuraho
Heute haben wir uns voll den Tempeln und der Hitze gewidmet. Die Tempel wurden fast alle vor tausend Jahren von der Mond-Dynastie errichtet, ein Königshaus das geheimnisvoll entstand und genauso wieder verschwand. Prächtige Bauten sind es auf alle Fälle: hochaufragend und futuristisch anmutend, so verschwenderisch-spielerisch und mit Hingabe an das Detail über und über mit Figuren und Reliefs bevölkert, selbst noch in Winkeln die man von unten kaum sehen kann. Jede Nische ist von einem Gott, einem Yogi, einer Tänzerin oder Nymphe bewohnt, jede Ecke und jeder Sims wird von einem Elefanten oder was weiß ich für einen Waldgeist gestemmt. Krieger und ihre Reittiere springen in einem Reliefband um die Tempel, drinnen stehen im Heiligen Schrein die Große Göttin oder Shiva oder Surya oder Lakshmi oder Vishnu.
Die Plastiken der Tänzerinnen wirken recht anmutig mit ihrem entrückten Gesichtsausdruck; sie sind durchweg üppig ausgestattet, mehr oder minder entblößt, mehr nackig als nackt und sie stellen ihre Pracht mal verschämt in den Handspiegel schauend, mal lasziv auffordernd zur Schau. Einige beteiligen sich auch an den Kamasutra-Orgien (für diese Darstellungen sind die Tempel bekannt) , zu zweit, dritt, viert oder fünft, jeder mit jedem, ein Kerl mit drei Frauen, zwei Männer mit einer Kirsche, es gibt etwas für jeden Geschmack; manche schauen genüßlich zu und machen`s sich selber, und ein Mann besteigt sein Pferd mal auf andere Weise. Und in all dem Treiben und Fröhnen meditieren Götter, befreien Yogis ihren Geist mit Hilfe von komplizierten Stellungen, harren Asketen auf den Funken der Erleuchtung, der vielleicht durch die ganze offenkundige ungehemmte Lebensfreude entflammt und durch den warmen Stein übertragen wird. Genuß und Enthaltsamkeit, zwei Seiten der Münze im Spiel um Seelenfrieden und Erlösung. Göttliche Inspiration, Schöpferkraft von universeller Dimension liegt im Individuum, das von der Weltseele durchdrungen ist; Gegensätze vereinigen sich, aus zwei mach eins und später - oh Wunder - vielleicht sogar drei. Das ist der Motor der Welt.
20.06. Khajuraho
Das Klima macht einen auf regnerisch, was durchaus akzeptable Temperaturen mit sich bringt, der Himmel ist bedeckt und schickt einen permanenten Nieselregen, der sich wie ein Film auf die Steine legt und sie glatt und rutschig macht. Gerade eben entlädt sich der Regen zu einem anständigen Guß, doch wir hocken im Vamana-Tempel, der Vishnu in seiner Erscheinung als Zwerg geweiht ist - er ist schön abseits gelegen und ruhig, außer einem Wächter oder Priester der vor sich hindöst sind wir allein.
Auf unsere Fahrräder draußen klopfen die Tropfen, einige seltsame Vögel kolken und keckern, Streifenhörnchen huschen in den Bäumen, drachenköpfige Eidechsen ringeln sich um Figuren von kopflosen barbusigen Tänzerinnen, wahrscheinlich genauso alt wie sie.
Das Gewitter tobt den ganzen Tag, zieht sich mal ne knappe Stunde zurück, um wieder mit aller Kraft loszuschlagen, Guerilla-Taktik: Dem tiefhängenden Wolkendickicht kann man die Absicht von jeder dunklen Wölbung ablesen. Land und Leuten scheint`s zu gefallen: Es wird sichtbar grüner.
Eher an Wild- denn an Hausschweine erinnernde Borstenviecher suhlen sich im Schlamm der von Fahrspuren gemustert ist, weiter vorn plantschen Kiddies mit diabolischem Vergnügen in den riesigen Pfützen, ein paar von ihnen ziehen an Stricke gebundene Ziegelsteine durch die Brühe oder treiben mit Hilfe eines Stockes alte Reifen die Straße hinunter ( dieses Spiel ist in all seinen Variationen beim indischen Nachwuchs sehr beliebt); ein vielleicht dreijähriger Knirps im gelben Hemdchen freundet sich mit einer violetten Plastiktüte an, läßt sie vom anfachenden Wind durch die Luft wirbeln und in eine Pfütze taumeln.
Es ist nicht ganz einfach mit den Einheimischen "richtig" ins Gespräch zu kommen. Die einem manchmal mehr oder minder aufgezwungenen Gespräche mit den Indern ähneln sich in verblüffender Weise überall, meist ist es belangloser endlos durchgekauter Small-Talk der in Verkaufsdialogen endet. Bei uns hat sich mittlerweile schon fast eine Art Reflex gebildet, "die Schotten dicht zu machen", sobald ein Inder uns derart anspricht
"Your country, Sir ? ("Ah Germany - very good!")
What is your name ?
How old are you ?
How do you like India ?
Are you married ?
How long you`re staying ?
Please come and see my shop for one minute.
Only look, not buy !"
Wie viele "Gespräche" nach diesem Schema mußten wir überstehen! 90 Prozent wollen was verhökern, der Rest verabschiedet sich nach der fünften Frage ganz abrupt wieder.
Einerseits steht da natürlich die Offenherzigkeit ohne die sich - glaube ich - niemand Indien zu geben braucht; auf der anderen Seite wird die "Gutmütigkeit" manchmal arg strapaziert, und das Gefühl, verarscht zu werden, ist auf Dauer kaum erträglich. (Selbstverständlich gibt es auch hier Ausnahmen).
Eine "Lösung": Cool bleiben, ausweichen oder "zurückschlagen". Wir stellen uns blöd, quatschen allzu hartnäckige Verkäufer auf Deutsch oder irgendeinem fantasievollen Gebrabbel zu oder ziehen unsererseits z. B. einen alten Haargummi aus den Taschen, welchen wir unverzüglich in bester lautstarker Verkaufsmanier anzupreisen beginnen. Manchmal hilft`s, manchmal nicht, aber man steht nicht mehr ganz so hilflos rum. Öfters hatte ich das unschöne Gefühl, daß ich nur als bloßer potentieller Käufer, als wandelnde Geldquelle betrachtet wurde. Auf jeden Fall ist die indische Verkaufsmentalität für den ahnungslosen Europäer stark gewöhnungsbedürftig.
Sehr seltsam ist, daß scheinbar jeder Inder einen Cousin in Stuttgart hat ("I like German people"), auch wenn er vielleicht nicht einmal eine Ahnung hat wo Europa liegt. Obwohl sie es wahrscheinlich nicht bösartig meinen, geht das einem mit der Zeit (spätestens nach dem zehnten Mal) tierisch aufs Schwein, weil es immer wieder in Verkaufsaufschwatzungen endet.
21.06. Harpalpur
Aus dem vor sich hinnieselnden Khajuraho entkamen wir in `nem klapprigen Bus - Hindi-Sound im Ohr - erst nach Chatrapur, von dort in der runtergewirtschaftetsten Kiste in die ich je meinen Fuß gesetzt habe, in das gottverlassene Kuhdorf Harpalpur, das zu Recht in keinem Reiseführer erwähnt, geschweige denn in irgendeiner Karte verzeichnet ist. Wir marschierten direkt zum Bahnhof und hatten dort noch fünfeinhalb Stunden totzuschlagen, bevor uns der Superexpreß halb zehn Richtung Varanasi schaukeln sollte (Khajuraho liegt nämlich ein ganzes Stück vom Streckennetz der Eisenbahn entfernt, welches übrigens dank der Briten eigentlich sehr gut ausgebaut ist). Kaum hatten wir uns in einer versifften Ecke des Bahnhofes niedergelassen, ging die Freakshow auch schon los und wir sollten die Hauptattraktion sein:
Dutzende starrende Augen umringten uns binnen kürzester Zeit, jung und alt, groß und klein, Männer holten ihre Frauen, Frauen ihre Babies und Kiddies ihre Geschwister zur einmaligen Vorführung der Woche, zwei stinknormale erschöpfte Rucksack-Touries. Schnell schlossen sich die Reihen, der Menschenauflauf war perfekt. Die ideale Chance für alle die schon immer mal gerne im absoluten Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen wollten. Nur hatten wir leider keinen Hut zum Rumgeben parat. Soviel Aufmerksamkeit nicht gewohnt, wurde uns immer seltsamer zumute: Mitten im Niemandsland in einem kleinen Dorf an der Bahnstrecke umgeben von einer Menge mit der wir und nicht verständigen konnten und die für unsere Auffassung eine allzu beflissene Neugier an den Tag legte.
Irgendwie fühlten wir uns in die Ecke gedrängt, wie die Aasgeier oder Haifische kamen sie immer näher, jede noch so kleine Aktion unsererseits rief neues Gedrängel hervor: Seht mal, sie rauchen Zigaretten! Schaut mal ein Buch! Und ein Stift! Zum Glück oder Pech sprachen sie alle nicht so recht Englisch, was sie nicht daran hinderte auf uns einzusprechen; wir gaben ein paar Zigaretten aus und machten ein Foto.
Schließlich wurden sie uns zu aufdringlich, sie quasselten wild durcheinander, zeigten auf uns, fingen an alles anzufassen, Stifte, Bücher, Rucksäcke, uns; es entstand eine etwas unbehagliche Situation, aus der wir in ein Restaurant flüchteten, wahrscheinlich das sauberste im ganzen Ort, obwohl dort Tausende Insekten die Nacht feierten. Im Schutze der Dunkelheit wagten wir uns undercover wieder auf den Bahnhof, plauderten ein wenig mit einem Soldaten, der auf dem Rückweg zu seinen Truppen an der Grenze zu Pakistan war (mit ausladender Geste zeigte er auf das Getümmel auf dem Bahnhof und bemängelte die "Disziplinlosigkeit" seiner Landsleute). Mit etwas Verspätung kam der Zug.
Am nächsten Morgen rattert der Zug noch immer durch ländliche Gegenden: Das vom Regen gestärkte Grün der Felder hebt sich von der roten Erde ab, unter üppigen Bäumen ducken sich ein paar ockerfarbene Hütten, vor denen bunt gekleidete Gestalten sitzen und einige Ziegen, Hunde, Hühner durcheinander laufen. Wasserbüffel lassen ihre grinsenden Fratzen aus ein paar Schlammtümpeln ragen, gemächlich und im Takt schieben sie die Kiefer hin und her, sie haben alle Zeit der Welt .... ?
(c) 2001 David Pinzer
(Fortsetzung in LOver
33)
Charles Bukowski
Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee.
Scheinbar
liegen sie glatt auf,
und mit kleinem Anstoß sollte man
sie wegschieben können.
Nein, das kann man nicht,
denn sie sind fest mit dem Boden verbunden.
Aber sieh, sogar das
ist nur scheinbar.
Franz Kafka
DES
NÄCHTENScreep
Weich-Ei
Schuhe-im-Treppenhaus-Auszieher Gaststättenbesteck-Putzer 4-Lagen-Klopapier-Falter Verkehrsfunkhörer Immer-Regenschirm-Mitnehmer Nach-Popelfressen-angewidert-Glotzer Sich-beim-Schwarzfahren-erwischen-Lasser Nie-mit-Kindern-spielen-Wollender Ständig-Schlüssel-Sucher Bleistift-Abkauer Sich-beim-Verabschieden-Entschuldigender Vorabendprogramm-Einschläfer Beim-Kraulen-Kopf-über-Wasser-Lasser Briefkastenwerbung-sofort-Wegwerfer Gleiche Socken-Anzieher |
Hart-Ei
Stehpisserin Open-air-Popler Überzieher-Verfallsdatum-Ignorierer Lapsus-Live-Empfehler Mit-Zahnstocher-im-Ohr-Bohrer Freihändig-Fahrer Tretminenverteiler Halbjährlich-Bettbezug-Wechsler Schwanzgestank-Ignorierer Wenn-Omas-in-der-Bahn-stehen-Weggucker Kloschüssel-Nichtputzer Mücken-auf-Tapete-Zerklatscher Käserand-Mitesser Im-Kino-Laut-Lacher Konzert-Rülpser |
PREISAUSSCHREIBEN
# 14Eure Aufsätze bitte an: Roland, 19. Jahrhundert, 17121 ZarNektar. Vielen Dank!
Zum Preisausschreiben # 14:
1. Warum ist kein Kinderrätsel dabei? Das hat viel mehr Spaß gemacht!
2. Was würde ich also als Kriegsminister machen?
Ich würde abdanken. Das will ich nämlich nicht sein. Vielleicht mit John Lennons Worten "Stell´ dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin." Vielleicht würde ich vorher noch mein Ministerium abwickeln. Das Geld für die Rüstung würde in die Bildung fließen. Vorrangig zur Propagierung der Gewaltlosigkeit. Da müssten allerdings die Eltern dann auch noch einmal zur Schule. Denn der Umgang mit unseren Kindern ist der erste Schritt um kleine und große Kriege zu verhindern. Wie soll ein Kind, dass Aggression (damit meine ich nicht nur körperliche Züchtigung) und Ablehnung (Entzug von Schutz, Liebe und Zärtlichkeit) zu spüren bekommt, anderen Liebe und Toleranz entgegen bringen?
3. Was tun als Umweltminister?
Nun eigentlich wieder abdanken, denn ich will nicht in die Politik, zumal ich nicht glaube, damit etwas erreichen zu können. Aber strapazieren wir mal die Phantasie: Ich würde schon wieder bei den Kindern anfangen. Zur Schule würde das Unterrichtsfach Natur gehören, in dem den Kindern die Natur nahe gebracht werden würde - ihre Schönheit, Bedeutung und ihr Schutz. Da gäbe es kleine Lerngruppen, die nicht (nur) aus Büchern lernen, sondern die Erde, das Gras, das Wasser und die Luft fühlen und als Bestandteil ihres Lebens begreifen lernen würden.
Aber das sind Träume. Und selbst wenn sie wahr würden, dauerte es eine ganze Generation, bis diese Menschen an die Verwirklichung ihrer Ansichten (immer vorausgesetzt, der Plan wäre aufgegangen) gehen könnten. Außerdem müssten alle anderen Minister am gleichen Strang ziehen. Minister aller Parteien vereinigt euch! Und tut Gutes, für die, die euch gewählt haben!
Ginger
1. Als Kulturministerin würde ich mit dem elitären Getue aufhören, das um die Kunst gemacht wird. Die Kunst sozusagen vom Kopf auf die Füße stellen. Nicht mehr als etwas hinstellen, was nur den begnadeten & mutigen Künstlern vorbehalten ist. Sondern als einen selbstverständlichen Ausdruck des Lebendigseins jedes Menschen. Kunst als Lebenskunst, als einen selbstverständlichen Teil der Alltagskultur. Womit natürlich der herkömmliche Kunstbegriff infrage gestellt ist. Kunst ist für mich nichts Abgehobenes oder Kunst ist nur das, was ankommt, also verkäuflich ist. Sondern Kunst ist das, was jeder aus sich selbst heraus erschafft. Ich würde die Menschen, die künstlerisch arbeiten wollen, finanziell & fördertechnisch die Möglichkeit geben, ihren künstlerischen Neigungen in aller Ruhe nachzugehen. Daß sich niemand mehr verbiegen und geistlose Jobs machen muß, um irgendwie durchzukommen und sich seine Kunst als großen Extraluxus (Falls dann die Kraft noch reicht und er energisch genug dazu ist, trotz der schwierigen Bedingungen weiterzumachen, weil er nun mal nicht anders kann...) im wahrsten Sinne des Wortes dazu verdienen muß! Ich würde künstlerisch arbeitende Menschen ausreichend honorieren. Und zwar nicht erst für ihre fertigen Endprodukte, und auch dann nur, wenn diese marktfähig sind. Denn Kunst braucht Zeit & Muße & Trödelpausen zwischendurch, um wachsen und gedeihen zu können. Ich würde es allen Menschen ermöglichen, ihren Künstler auszuleben.
Wenn niemand mehr gezwungen ist, irgendeinen sinnlosen unbefriedigenden Müll zu produzieren, werden auch genügend finanzielle Kapazitäten frei, da bin ich mir sicher! Ich kenne so viele Leute, die sich ständig verleugnen und irgendeinen Scheißjob machen, um sich ,irgendwann" mal leisten zu können, Künstler zu sein. Was dann oftmals immer unmöglicher wird, weil jeder künstlerisch arbeitende Mensch genügend Unterstützung & Anerkennung braucht, um nicht zum frustrierten Hungerkünstler zu werden!! So stelle ich mir das vor. Daß jeder genau das arbeitet, worauf er Lust hat und wo es ihn von Herzen hinzieht. Dann gibt es kaum noch schlechtgelaunte Handwerker, Lehrer oder Verkäufer. Und jeder kann sich natürlich nach Herzenslust ausprobieren. Also auch den Beruf wechseln, wenn ihm danach ist.
Und Kinder werden nicht mehr entmutigt, indem man ihnen sagt, sie malen, singen, schreiben schlecht, nur weil sie einem bestimmten Maßstab nicht entsprechen. Jeder setzt seine Maßstäbe selber, handelt also eigenverantwortlich und tut sich mit Leuten zusammen, die ähnliche Auffassungen haben und sich gegenseitig unterstützen können. Es geht also nicht mehr um Konkurrenz, den anderen auszustechen und besser sein zu müssen, um auch an den Futtertrog ranzukommen, denn es ist von allem und für alle genug da! Es geht ums Miteinander. Voneinander zu lernen und sich bei seinem Wachstum gegenseitig zu fördern & auszutauschen.
2. Als Kriegsministerin würde ich die Bundeswehr abschaffen und den Leuten ermöglichen, ihre eigenen inneren Wunden & Verletzungen zu bearbeiten, damit niemand mehr seine eigene Ohnmacht & Verletztheit im Krieg an anderen ausleben muß. Jeder muß bei sich anfangen, denn wie innen so außen und wie oben so unten und wie im Kleinen so im Großen. Wenn ich es also nicht schaffe, mich zu lieben & anzunehmen, kann ich auch schwerlich Frieden halten mit meinen Kindern, meinem Freund, meinen Eltern, Nachbarn, Freunden & Kollegen. Solange wird das alles verlogen sein, denn die anderen sollen bloß nicht merken, was ich wirklich über sie denke. Der Haß schaufelt sich immer Kanäle und findet alle möglichen Anlässe, um ausbrechen zu können. Es geht darum, die Liebe zu nähren und zu stärken. Aber nicht, indem man Wut & Haß verleugnet & verdrängt, sondern in ausreichendem Maße seine Gefühle bearbeitet. Was ich an Selbsterfahrung & Therapie mache, ist für mich eine wirkliche Lebensschule, wo ich lerne, aus den Projektionen auszusteigen, aus Krisen schneller rauszukommen und mir Hilfe zu holen, authentisch zu werden und zu mir zu stehen. Ich habe es ja nie gelernt, mich produktiv auseinanderzusetzen.
Bei uns zu Hause wurde immer alles unter den Teppich gekehrt, bis wieder mal das Kind in den Brunnen gefallen war. Dann eine kurzfristige Hauruckaktion und schnell wieder zum Normalzustand zurückkehren, der alles andere als gesund und mir gemäß war. Und darum geht es meines Erachtens: Lebenskonzepte entwickeln & ausprobieren, die auf Achtung der Andersartigkeit des anderen und Gewaltfreiheit beruhen. Den anderen also nicht mehr als Bedrohung und Quelle des Neides und der Verunsicherung begreifen, sondern als Bereicherung. Und da muß jeder bei sich selbst anfangen. Und sein Tempo dafür finden.
Zwingen kann man eh niemanden zur Arbeit an sich selbst. Aber ich würde Bedingungen schaffen, die diese Arbeit ermöglichen und es publik machen. Also aufhören mit der leuteverdummenden Propaganda in den Medien, sondern wahrhafte Alternativen aufzeigen und den Dialog mit den Leuten anfangen!! Den Leuten den Eindruck zu vermitteln, daß sie eh nichts ändern können und machtlos sind, macht ja nur willige Lohnsklaven aus ihnen und dient den Machtinteressen weniger. Darum geht es dann natürlich auch: solcherart Privilegien abzuschaffen und Strukturen, die das aufrechterhalten. Das heißt, wenn einer Politiker ist, darf er nicht mehr verdienen als der Normalbürger. So wäre ausgeschlossen, daß einer Politiker wird, weil er dann bevorteilt wird und bis an sein Lebensende ausgesorgt hat. Das sind so die ersten Gedanken, die mir dazu kommen.
3. Als Umweltministerin würde ich die Atomkraftwerke sofort schließen! Stattdessen Solarenergieprojekte und andere Alternativenergien fördern. Ich bin sicher, daß die gesamte Energieversorgung durch Alternativenergien sichergestellt werden kann. Viele Energiequellen (z.B. die Magnetenergie der Erde) werden noch gar nicht genutzt! Und solange alternative Möglichkeiten unter Verschluß gehalten und Forschungen daran nicht gefördert werden, weil die großen Öl-, Atom- und Energiekonzerne das deckeln & verhindern aus Profitinteressen, denken die Menschen natürlich, es geht nicht anders. Wichtig ist auch, die Energieversorgung dezentral & überschaubar zu gestalten. Die Umweltverseuchung auf allen Ebenen muß auch durch Basisarbeit abgebaut werden. Indem die Landwirtschaft auf Ökoanbau umgestellt wird. Indem der öffentliche Nahverkehr flächendeckend & kostengünstig ausgebaut wird. (Welch ein Wahnsinn, daß Bahnfahren immer noch teurer wird!!) Indem Städte fußgänger- radfahrfreundlich umgestaltet werden, so daß die Kinder nicht mehr mit Autohorror und Angst vor dem Überfahrenwerden aufwachsen. Indem Städte, Dörfer & Landschaften unter Permakulturgesichtspunkten harmonisch & naturgemäß als funktionierende selbstheilende Biotope angelegt werden. Indem die Massentierhaltung, die Tierversuche, die Gentechnik, die wahnsinnigen LKW- und Ölschifftransporte unterbunden und durch naturgemäße Verfahren ersetzt werden. Wenn das gesamte Potential, was jetzt in Zerstörungsmechanismen und ihre ,umweltfreundlichere" Gestaltung fließt, für Anwendung & Entwicklung von Alternativen genutzt wird, kann unser Planet in ein blühendes Paradies verwandelt werden!! Die Kapazitäten dazu sind massenhaft vorhanden und liegen weitestgehend brach. Es ist nicht mehr nötig, daß Menschen verhungern und gequält werden, Tiere ausgerottet & ermordet werden, Landschaften vernichtet werden. Im Kleinen entstehen schon längst funktionierende Gemeinschaften, die all diese Dinge ausprobieren, die sich vernetzen und ihre Erfahrungen mitteilen. Es geht noch immer nach dem "try and error"-Prinzip. Aber es funktioniert. Solange aber der ganze Arbeits- und Konsumwahnsinn weitergeht, bleiben diese ökologischen Nischen vor allem Rückzugsorte, die auf den Rest der Bevölkerung kaum unmittelbaren Einfluß haben. Der Wahnsinn geht einfach weiter, obwohl offensichtlich ist, daß es so nicht weitergeht! Die Förderung zerstörerischer Strukturen & Verhaltensweisen muß aufhören. Die Menschen können lernen, eigenverantwortlich zu handeln und sich ein befriedigendes Leben aufzubauen. Das ist glücksverheißender, als sich immer weiter in den Fortschrittswahn & Amoklauf reinzureiten!! Es geht um Innehalten, nach innen lauschen und im Einklang mit seinen wirklichen Interessen, Wünschen & Bedürfnissen im Außen zu handeln. Dazu braucht jeder erstmal die Möglichkeit, seine Bedürfnisse herauszufinden, die oft von Schichten scheinbarer Bedürfnisse (Süchte, Zwangsverhalten, Ängste, Vermeidungsstrategien, oberflächliche Wünsche, inneres Getriebensein, Zerrissenheit) überlagert sind. Auf dieser Schwelle stehen wir jetzt. Und es liegt an uns, wie weit wir das in die Tat umsetzen. Das ewige Jammern, Meckern & Leiden bringt uns nicht weiter... Soweit dazu.
Nina
"Horst, Horst, komm’ doch mal schnell! Das ist doch... Unglaublich!... Horst, nun komm’ doch mal!" Die neue Frau Meyer rutschte mit ihrem Hinterteil auf dem Fernsehsessel umher, als triebe darin ein Schwarm Hummeln sein Unwesen. Horst, der sich über Gebühr beeilte, verlor fast seine Pantoffeln und verschüttete etwas von dem kostbaren Lübzer Pils auf die gute, hellgraue Auslegeware.
Verständnislos starrte er auf das Fernsehbild. Weshalb war Trude nur so aufgeregt? Das waren doch die ganz gewöhnlichen Tagesschau-Nachrichten. Fand sie den Schlips vom Sprecher wieder mal unmöglich? In seinen Augen wirkte die grau-grün gestreifte Krawatte völlig normal, aber er kannte sich mit solchen Modedingen nicht sonderlich aus.
"Hast du das gesehen?!" Trude Meyer die Vierte (oder Fünfte, Horst verlor allmählich den Überblick) schaute ihn mit vor Aufregung stieren Augen an. Die roten Flecken auf ihrem Hals alarmierten Horst: So hatte sie das letzte Mal ausgesehen, als er beim Abtrocknen aus Versehen eine Kanne fallen gelassen hatte. Dabei war es doch ein Erbstück seiner Mutter gewesen. Echtes Meißener Porzellan. Trude war ihm fast an die Gurgel gegangen. Hatte er jetzt wieder irgendwas falsch gemacht?
Hast du das Phantombild eben gesehen? Das war sie. Eindeutig. Ich hab’ sie sofort wiedererkannt. Horst, wir müssen was unternehmen!" Horst war nun völlig verdattert. "Was? Äh, wer?" "Mein Gott, jeden Tag, den der liebe Herrgott werden lässt, schaust du dir diese dämliche Tagesschau an, aber wenn wirklich mal was Interessantes kommt, bist du nicht da. Diese ehemalige RAF-Terroristin, Inge Fies! Sie haben ihr Phantombild gezeigt!" "Und? Das haben sie heute Vormittag bei ‚Spezial Total’ auch schon gebracht." Horst zuckte trotzig mit den Schultern. Was wollte sie nur wieder von ihm? Die neue Frau Meyer hätte ihn ob seiner Begriffsstutzigkeit am liebsten geschüttelt. Oder brauchte er schon wieder eine stärkere Brille? "Aber dieses Gesicht! Du musst sie doch auch erkannt haben! Gut, das Phantombild war nur in Schwarz-Weiß und etwas undeutlich, und die Haare trägt sie jetzt auch anders. Ist ja klar, schon wegen der Tarnung. Aber diese stechenden, hinterhältigen Augen und dieses hässliche, langgezogene Kinn! Das ist eindeutig deine letzte Trude, meine Vorgängerin!" Horst rief sich das Phantombild in Erinnerung. Na ja, eine entfernte Ähnlichkeit gab es da schon, aber... "Die Nase stimmt nicht. Trudchen hatte nicht so eine krumme Nase. Und sie war auch etwas voller im Gesicht." "Mein Gott, Nasen kann man operieren lassen, und damals war sie natürlich schlanker. Die ist doch schon seit Jahren hier in den neuen Ländern untergetaucht. Also ich lege meine Hand dafür ins Feuer: Deine letzte Trude ist die gesuchte RAF-Terroristin Inge Fies! Mensch Horst, wir müssen sofort zur Polizei! Es ist eine Belohnung von 5000,- DM ausgeschrieben!" Horst überlegte. Das mit dem Geld wäre natürlich nicht schlecht. Für 5000,- DM könnte er mit Trudchen an den Gardasee fahren. Damit lag sie ihm ständig in den Ohren. Aber war er ein Dukatenscheißer? Schließlich musste er sich mit seinen lumpigen 3000,- DM Rente auch noch an den Kosten für die ABM-Stelle "Frau Meyer" beteiligen.
Na
ja, man könnte das ja mal nachprüfen lassen," ließ Horst
sich nach längerem Grübeln vernehmen. Seine neue Trude griff
daraufhin sofort zum Telefonhörer und wählte die 110."Hoffentlich
ist uns nicht schon jemand zuvorgekommen. - Ja, hier Meyer. Ja, also mein
Mann und ich wissen, wo sich diese Inge Fies heute aufhält, d.h.,
wo sie sich bis vor kurzem aufgehalten hat. – Ja , wir haben auch ein Foto
von ihr. – Gut, das bringen wir dann alles morgen mit. – Ja , 9 Uhr passt
uns wunderbar. Auf Wiederhören."
Horst schlief in der darauffolgenden Nacht sehr unruhig. Wenn er bedachte, dass er fast 2 Jahre mit einer RAF-Terroristin das Bett geteilt hatte! Eines musste man der letzten Trude lassen: Sie hatte sich verdammt gut verstellt! Er hätte sie nie im Leben mit Inge Fies in Verbindung gebracht.
–––
"Einen schönen guten Tag, Frau... äh... Nichtig. Mein Name ist Dr. Klaus-Uwe Rötelmeyer. Ich arbeite als Psychotherapeut und möchte Ihnen helfen, sich an Ihre Vergangenheit zu erinnern." "Ich bin keine Terroristin!" jammerte Frau Nichtig, völlig am Ende ihrer Kräfte. Was wollten diese Menschen nur von ihr? Egal, wer sie früher einmal gewesen war, sie war sich absolut sicher, eine anständige, unbescholtene Bürgerin dieses Landes gewesen zu sein! Sie und Bomben legen – selbst wenn sie das gewollt hätte, sie wußte doch gar nicht, wie das funktionierte!
Dr. Klaus-Uwe Rötelmeyer, Mitte 30, Brillenträger und leicht übergewichtig, so dass das rosa Oberhemd über seinem Bäuchlein etwas spannte, tätschelte Frau Nichtig begütigend die Schulter. "Ganz ruhig, Frau Nichtig, genau das wollen wir ja hier herausfinden." Dr. Klaus-Uwe Rötelmeyer fühlte sich gar nicht wohl in seiner blassen, schwitzigen, zu Unreinheiten neigenden Haut.. Wenn er nun wirklich der gesuchten Inge Fies gegenüber saß? Gut, diese Person war einer strengen Leibesvisitation unterzogen worden, und er wusste, dass hinter dem Spiegel, der die ganze Wand einnahm, zehn schwerbewaffnete Leute vom SEK, dem speziellen Einsatzkommando, nur darauf warteten, sofort einzugreifen, wenn es die Situation erfordern sollte. Und zugegeben: Er hätte dieses Fahndungsfoto nie für die Frau gehalten, die da wie ein Häufchen Elend vor ihm saß. Doch diesen RAF-Terroristen war alles zuzutrauen. Er hatte gerade neulich erst gelesen, dass sie jede beliebige Gestalt annehmen konnten. Oder verwechselte er das jetzt mit dem SF-Roman, den er gerade las? Er war einfach überarbeitet. "Wir versuchen es als erstes mit einem Rohrschachtest. Ich zeige Ihnen ein paar Abbildungen, und Sie sagen mir, was sie darauf sehen."
Frau Nichtig schaute auf die Karte, die vor ihr lag. Zuerst erblickte sie nur Tintenkleckse, aber dann... Warum zeigte man ihr derart Grässliches? Wollte man sie völlig fertig machen? "Nun, Frau Nichtig, keine Angst, es gibt da kein Richtig oder Falsch." Dr. Klaus-Uwe Rötelmeyer versuchte trotz seiner Angst, Frau Nichtig freundlich anzulächeln. ‚Weshalb zieht der solche Grimassen? Hat er Schmerzen?’ dachte Frau Nichtig, nahm allen Mut zusammen und sagte: "Also das ist eindeutig eine amoklaufende Ninja-Kämpferin, die in einer Herrentoilette ein Massaker anrichtet. Schauderhaft." Dr. Klaus-Uwe Rötelmeyer trat der Schweiß in dicken Perlen auf die Stirn. Sein Achselschweiß hinterließ dunkle Flecken auf dem frischen Hemd. Er konnte auf diesem Bild beim besten Willen nur spielende Kinder auf einer Sommerwiese erkennen.
Gut, gut, schön. Versuchen Sie es mit diesem hier." Frau Nichtig betrachtete das zweite Bild. Es war nicht gerade nett, aber es wirkte auf Frau Nichtig seltsam befriedigend. Aber das musste sie diesem Psychoklempner ja nicht gerade auf die Nase binden, sonst hielt er sie noch für gestört. Er kannte ja die fette Frau Schneider nicht. "Ich sage es nur, weil ich das soll: Zwei Kampfhunde zerreißen eine dicke Frau. Sie fletschen genüsslich die Zähne, rollen mit den blutunterlaufenen Augen..." "Genug, genug!" Dr. Klaus-Uwe Rötelmeyer sah eindeutig so aus, als täte ihm etwas weh. Er legte die Karte, die in seinen Augen zwei sich küssende Täubchen darstellte, in einer raschen, etwas unbeherrschten Bewegung beiseite. Dabei konnte er nur noch denken: ‚Mein Gott, sie ist es.’ Inge Fies saß vor ihm, und er war ganz allein mit ihr. Wer konnte wissen, ob die Männer vom SEK wirklich da draußen waren. Vielleicht machten sie gerade Mittagspause. "Bleiben Sie ganz ruhig, Frau Fie..., äh, Frau Nichtig. Es ist alles in Ordnung. Kein Grund zur Panik. ‚Was hat er nur?’ dachte Frau Nichtig erstaunt. Irgendwo hatte sie doch noch diese Beruhigungstabletten. Dr. Klaus-Uwe Rötelmeyer schien sie jetzt nötiger zu brauchen als sie. "Versuchen sie es mal damit," meinte sie freundlich und hielt ihm die Tablettenpackung hin. Außer sich sprang Dr. Klaus-Uwe Rötelmeyer auf, rannte zum Spiegel, trommelte mit den Fäusten dagegen und schrie: "Ich werde vergiftet, Hilfe, Hilfe, ich werde vergiftet! Holt mich hier raus!"
Prof. Dr. Dr. Flach-Zange war ein Mann von ganz anderem Kaliber, ein schlanker, wohlproportionierter Herr in den besten Jahren mit erotisch wirkenden graumelierten Schläfen: "Wir werden hier mit einer ganz neuen wissenschaftlichen Methode arbeiten, der sogenannten Utlrahypnose nach Krügenstädt und Lesinski, wofür sie übrigens den Nobelpreis der Medizin bekommen haben." Prof. Dr. Dr. Flach-Zange räusperte sich und zog seinen geschmackvollen, grau-grün gestreiften Schlips gerade.
Frau Nichtig fasste sofort Vertrauen zu dem Professor. Hier fühlte sie sich sicher. Wenn einer die Wahrheit über sie herausfinden würde, dann er.
"Entspannen Sie sich und hören Sie im folgenden nur auf meine Stimme. Tun Sie alles, was ich Ihnen sage!" ‚Wie aufregend,’ dachte Frau Nichtig und schaute dem Professor tief in seine stahlblauen Augen. Der Trick bei der Ultrahypnose bestand darin, dass man dem Probanden mit gesammelter Konzentration auf den Punkt starrte, wo sich das sogenannte dritte Auge befindet, also etwa 1 cm über der Nasenwurzel. Währenddessen musste man ganz langsam von 100 bis 0 zählen und gleichzeitig tief ein- und ausatmen. Bei 72 nieste Frau Nichtig dummerweise, und Prof. Dr. Dr. Flach-Zange musste wieder von vorn anfangen. Endlich war er bei 0 angelangt. Er deutete einen Faustschlag in Frau Nichtigs Gesicht an, doch diese zuckte nicht mal mit der Wimper. Ausgezeichnet! "Jetzt sagen Sie mir Ihren Namen, Ihren Namen!" "Frau Nichtig." "Nein, konzentrieren Sie sich! Ihren richtigen Namen!" "Frau Meyer?" "Versuchen Sie es noch einmal. Wie hießen Sie früher, vor Ihrer Zeit als Frau Meyer?" Frau Nichtig schwieg, aber ein Zittern durchlief ihren Körper. "Sagen Sie mir, was Sie vor Ihrem inneren Auge sehen," forderte der Professor mit angenehm sonorer, gleichförmiger Stimme. Frau Nichtigs Stirn zog sich in Falten und sie kniff abwehrend die Augen zusammen, als erblicke sie etwas Grauenhaftes. ‚Oh bitte, lieber Gott, laß sie Inge Fies sein,’ betete Prof. Dr. Dr. Flach-Zange im stillen für sich. Im Geiste sah er schon sein Foto ganz groß auf der Titelseite vom Spiegel mit der Schlagzeile: "Prof. Dr. Dr. Flach-Zange entlarvt RAF-Terroristin." Er wäre der gemachte Mann. Vorträge in Los Angeles und Rio de Janeiro, eine Yacht im Hafen von Marseille, Frauen überall in der Welt! Frauen mit riesiger Oberweite und... Prof. Dr. Dr. Flach-Zange riss sich zusammen.
"Ich sehe einen Laubhaufen," gab Frau Nichtig widerstrebend mit kläglichen Ton von sich. Prof. Dr. Dr. Flach-Zange war verwirrt. Was hatte die Vergangenheit von Inge Fies mit einem banalen Laubhaufen zu tun? "Äh?" "Er bewegt sich, etwas darin will an die Oberfläche kommen, aber ich will nicht." Ein früheres Opfer, verscharrt in einem Laubhaufen? Neue Hoffnung keimte in Prof. Dr. Dr. Flach-Zange auf. "Was verbirgt sich in diesem Laubhaufen? Antworten sie mir!" "Oh nein, ich kann nicht, es ist zu schrecklich!" "Was ist in dem Laubhaufen?!" dröhnte es gebieterisch aus dem Munde des Professors.
"Ein... ein Monster, ein Wüstling, ein Lustmolch. Speichel rinnt ihm aus seinem widerlichen Mund, seine blutunterlaufenen, triefenden Säuferaugen glotzen mich gierig an. Er streckt seine ungewaschenen Pranken nach mir aus. Und er nennt mich..." Frau Nichtig begann konvulsivisch zu zucken. Prof. Dr. Dr. Flach-Zange hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl. Ganz dicht trat er an Frau Nichtig heran. "Wie nennt er Sie?" "Oh, grässlich, dieser Mundgeruch," jammerte Frau Nichtig. Verlegen trat der Professor einen Schritt zurück. "Wie nennt er Sie!" wiederholte er unbeirrt seine Frage.
"Er nennt mich... Schrubber-Else!" brach es aus Frau Nichtig hervor wir die Lava aus einem überfälligen Vulkan. "Was?" "Ja, ich bin die Schrubber-Else, verdammt! Ich heiße Else Lehmann, geboren am 2.4.1954 in Klein Pockendorf, wohnhaft in der Schusterstr. 52, geschieden von Willi Lehmann, diesem Saufkopp!"
Frau Lehmann war jetzt völlig wach. Entsetzt wurde ihr klar, das alles, was sie da eben gesagt hatte, die Wahrheit war, und sie brach in ein untröstliches Schluchzen aus. Else Lehmann! Sie hätte jetzt sonst was darum gegeben, Inge Fies sein zu dürfen.
Angewidert und zutiefst enttäuscht wandte sich Prof. Dr. Dr. Flach-Zange von der Plärrsuse ab. Er war schließlich Psychiater und nicht von der Sozialfürsorge! Wie hatte man diese nichtssagende Person für Inge Fies halten können! Er drückte ungehalten auf den Knopf der Sprechanlage: "Heidrun, schaffen Sie mir diese Frau Lehmann hier raus, aber ein bisschen plötzlich!" Seine kostbare Zeit mit solchen Lappalien verschwenden zu müssen. Das würde ein Nachspiel haben!
Fortsetzung folgt
Regina
Roland Gorsleben
Baumhüter 19
17121 Zarnekla 30.3.0
An Stadtbibliothek Greifswald
Krieg oder Frieden
Ich war letztens wieder sprachlos, als mein Sohn diese furchtbaren Comic-Hefte "Buck Danny" aus der Bibliothek nach Hause brachte. Erneut, denn ich hatte mich mal über das Halten derartiger gewalt- und kriegsverherrlichender Bücher im Bestand mündlich bei Ihnen beschwert. Doch mein Sohn erzählte mir, die Hefte seien jetzt eben nicht mehr bei den Kindern, sondern in der Erwachsenen-Abteilung zu finden...
Aber es ist völlig gleichgültig, wo diese Hefte stehen, so was darf nirgendwo stehen! Oder fühlt sich Ihre Einrichtung verpflichtet, solche Leitbilder, solchen "Geistes"zustand zu verbreiten, die durch und durch rassistisch sind (die Feinde der USA werden durchweg in Untermenschenmanier und dem Reich des Bösen entstammend dargestellt), die Gewalt als bestes und coolstes Konfliktlösungsmittel darstellt, die eine einseitige Aufteilung der Welt in Gut (= die Weißen, die USA, die männlichen blonden Helden, die "Marktwirtschaft"= Imperialismus etc.) und Böse (= vernichtenswert, unwertes Leben) unterjubeln, die Kriegsmaschinenkult betreiben, Terror, Hierarchien, Vernichtung, Herrschaft als normal darstellen usw. des Schrecklichen mehr - und das auf einem absolut primitiven Niveau?
Es ist ganz klar, das aus solchen Heften eine gerade Linie zu solchen Verbrechen wie dem Krieg gegen Jugoslawien führt. Das zu unterstützen, diese Gesellschaft, die einen ganzen Planeten zugrunderichtet, das ist Aufgabe der Bibliothek?
Die Mauer steht finster.
Unverrückt.
Die Fugen verlieren sich
in ihrer Schwärze.
Kühl schaut der Grat
nah den fliehenden Sternen
über mich hinweg.
Nicht zu schätzen,
das ist schon getan.
Ich lese es deutschlich
in der glänzenden Schrift
auf den Steinen.
Ich taste mir die Unbeweglichkeit
nach innen.
Die Mauer nimmt kein Ende.
Ich möchte fortlaufen.
Es ist so dunkel.
Ich habe Angst. Solche Angst,
als mein Fuß einen Vorsprung findet,
schmerzt mir schon die Wirbelsäule vom Aufschauen.
Unnahbar hängt ein Stolz
in jedem Schatten der Wand.
Fast greift meine Hand ins Leere
jeglicher Berührung.
Ich muß mich umdrehen.
Wie meine Wärme abzieht.
Die Knochen kalt und weh.
Augen zu.
Nicht in die Scheinwerfer
blinzeln müssen,
Es ist doch längst entschieden.
Egal, wo ich stehe, gehe.
Tut so weh.
Ich hatte doch meine Trümmer
fortgeschafft.
Nun mein Schatten
an der Wand. Wie eine Keule
mir im Genick.
Drei Jungen haben den Traum aller Kinder verwirklicht: Sie gehen
niemals in die Schule. Ihren Eltern ist es recht, und der Staat duldet
es.
Von Burkhard Strassmann
Stell dir vor, es gibt Schule und keiner geht hin. Die Schlagzeile sprang den Lesern des Jeetze-Kurier Salzwedel im vergangenen Jahr ins Auge. Die zugehörige Geschichte erschien der Redaktion offenbar so undenkbar wie ein Krieg ohne Soldaten. Es ging um ein Verfahren vor dem Amtsgericht Salzwedel in Sachsen-Anhalt. Eine Mutter hatte gewusst und gebilligt, dass ihre drei Söhne seit Jahren keine Schule mehr besuchen. Die Kinder waren einfach zu Hause geblieben. Sie hatten auch weder einen Privatlehrer noch an einem home schooling-Projekt teilgenommen. Ein unglaublicher Kasus, nicht nur für Salzwedel.
Es ist Montag, zehn Uhr morgens, keine Ferien. Brave Kinder sitzen um diese Zeit auf Schulbänken. Weniger brave werden von der Polizei aus dem Kaufhaus geholt, wo sie in der Spielzeugabteilung daddeln, statt Deutsch zu lernen.
Jury, 9, Semjon, 11, und Immanuel, 13, sitzen im Mobilhome, das der Papa gemütlich durch die norddeutsche Tiefebene steuert. Sie kommen von einer Baustelle; Papa montiert Holzhäuser. Zwischendurch haben sie Oma in Großenkneten besucht und in Bremen eine Ausstellung über Piraten. Jetzt geht es heim. Im Bordradio läuft We all need someone we can dream on. In der Bordbibliothek stapeln sich Werke von Wilhelm Reich. Obwohl es draußen frisch ist, sind zwei der Jungen barfuß; der dritte trägt Bergstiefel. Gespannt betrachten die drei den Reporter: Schreibt der wirklich alles auf, was sie sagen?
Jury, der Jüngste, fängt an: "Ich war noch nie in der Schule, nur mal so drei Stunden. Das war eine freie Schule, keine richtige. Da war ich sechs Jahre alt." Semjon: "Da sind wir gleich wieder rausgegangen. Da war so eine Bande, wenn man nicht drinnen war, wurde man verkloppt. Und wenn man drinnen war, musste man auf so einen Scheißtypen hören." Semjon und Immanuel haben es dort insgesamt ein halbes Jahr lang ausgehalten. Diese freie Schule war ihr vorerst letzter Versuch mit dem deutschen Schulsystem. Angefangen hatte alles mit einer Waldorf-Schule in der Nähe von Reutlingen. Immanuel, der anfangs noch ganz gern zur Schule ging, bekam irgendwann Schwierigkeiten. Semjon: "Immer wenn er nach Hause kam, hat er erzählt, dass ihn jemand in die Hecke geschmissen hätte und den Schulranzen geklaut oder ihm auf die Füße getreten war. Und dann hat er morgens immer gesagt: ,Mir ist schlecht.' Und wenn der Bus weg war, war wieder alles gut." Immanuel reckt sich. "Ich hatte natürlich nur so getan. Ich fand das halt blöd da. Und dann hat mich Papa mit dem Auto zur Schule gebracht, zur Klasse getragen und mich hingesetzt. Da bin ich wie ein Sack sitzen geblieben. Da hat Papa dann gesagt: Jetzt ist Schluss!" - "Und mir", sagt Semjon, der auch Semmel heißt und sogar Brösel, "und mir hat einer im Kindergarten den Bommel von der Bommelmütze abgerissen, da wollte ich da auch nicht mehr hin."
Immanuel holt ein Heft. Er zeigt eine Geschichte, die er sich soeben ausgedacht und niedergeschrieben hat. Es geht um eine Maus mit einer Geheimwaffe, um zahlreiche Detonationen. Eine Menge Blut fließt. Der Text ist in Großbuchstaben verfasst, nicht ganz Duden-konform, doch die Lautschrift ist problemlos lesbar.
Immanuel
zeigt auf das Wort "Ai", für das bekannte Hühnerprodukt: "Wenn
alle Kinder am Anfang ,Ai' schreiben, wieso schreibt man das nicht so?"
Immanuel jedenfalls kann auch ohne Schule schreiben. Lesen sowieso. Lesen
lernen geht so: "Ich war bei Großvater in der Fränkischen Schweiz,
er hat mir immer vorgelesen, und ich habe immer gesagt, lies weiter, und
er hat gesagt: Lies selbst! Seitdem kann ich lesen. Heute lese ich am liebsten
die Bücher von Wolfgang Hohlbein, Fantasy-Bücher wie Märchenmonds
Kinder und Drachenfeuer. Seitdem ärgern sich Semjon und Jury, weil
ich lieber lese als mit ihnen spiele." Hat man noch Spielkameraden, wenn
man nicht zur Schule geht? Na ja, das sind zuerst die Brüder. Und
dann, sagt Semjon, kennen sie noch andere, die auch nicht zur Schule gehen,
die wohnen zwölf Kilometer weg. Die besuchen wir öfters. Und
Schulkinder kennen wir auch, einer wohnt bei uns im Haus." Aber es ist
doch bestimmt gelegentlich mal langweilig, so ganz ohne Schule!? Da werden
die Kinder munter: Nie! Sagen sie. "Denen ist der Tag immer zu kurz, obwohl
sie kein Programm geboten kriegen", erzählt später die Mutter.
Immanuel: "Wir haben genug Spielzeug und Bücher, wir haben einen Plan,
wer wann abwaschen muss, den Kompost raustragen, den Flur fegen. Eine Zeit
lang hab ich alle Bücher über Ameisen gelesen. Ich kenn fast
alle Waldameisen. Bei uns in der Nähe ist nämlich ein Wald, da
sind wir jeden Tag mit Maruschka." Maruschka ist die Schäferhund-Husky-Mischung,
deretwegen der Flur regelmäßig zu fegen ist. Jetzt die Nagelprobe!
Was ist mit Mathe? "Kümmer ich mich nicht drum", sagt der Große
sehr souverän, auch um Englisch habe er sich noch nicht gekümmert.
Er würde sich gern mehr mit dem Computer befassen, aber zu Hause gibt
es nicht mal Fernsehen. Opa in Großenkneten hat einen Computer, mit
Malprogramm. "Mama überlegt sich gerade, für uns einen anzuschaffen",
wirft Jury ein. Semjon kräht begeistert dazwischen: "Ich kann lesen-schreiben-rechnen!"
7 mal 8? Semjon bemüht seine Finger. "56!" Und 9 mal 9? Er wurstelt
lange mit den Fingern und muss passen. "Das geht nicht so." - "Schreibst
du auch über Orgon?", fragt Jury. "Das ist die Lebensenergie, die
hat der Wilhelm Reich entdeckt." Semjon kennt die Details: "Papa hat mal
an einem Sommertag auf der Wiese gelegen und den blauen Himmel angesehen.
Da waren ganz viele Pünktchen. Das war das Orgon!" Echt? "Frag doch
den Papa!"
Die Zukunft? Nur eins ist sicher: "Nie zur Schule",
das ist nicht nur für Immanuel unumstößlich. Semjon: "Und
wenn man mich zur Schule trägt, sitz ich da und geh wieder nach Hause."
- "Vielleicht", sagt Immanuel, "muss ich noch was nachmachen, wenn ich
mal einen Beruf machen will, Uni und so. Aber im Moment noch nicht." Dass
sie irgendwann mit der Staatsmacht zusammenstoßen könnten, ist
ihnen klar. Semjon: "Die Freunde, die auch nicht zur Schule gehen, sind
schon mal von der Polizei zur Schule gebracht worden. Das könnte uns
auch passieren. Aber das kostet die viel. Das können die nicht jeden
Tag machen, dass mich ein Polizist mit dem Auto abholt."
Wissen Kinder, was ihnen gut tut?
Ein wenig sind die Jungen Polizeibegleitung schon gewöhnt: Weil sie irgendwann beschlossen haben, sommers wie winters am liebsten barfuß zu laufen, und weil ihnen das niemand verboten hat und weil barfüßige Kinder deutschen Polizisten verwahrlost erscheinen, wurden die drei schon öfter aufgegriffen und bei den Eltern abgegeben. Zuletzt mitten in einem Ort namens Wildeshausen. Die Polizisten hätten allerdings auch einfach mal fragen können. Sie hätten eine einleuchtende Antwort bekommen: "Barfuß laufen macht halt Spaß. Papa hat gesagt, das müsst ihr selber entscheiden, nur bei Schnee geht das nicht. Nein, kalt ist das nicht. Und seit zwei Jahren bin ich nicht mehr krank gewesen." Sagt Immanuel.
Wir brummen durch Salzwedel. Eine Gruppe von Schülern wartet an der Haltestelle auf den Schulbus. "Hup mal, Papa!", rufen die Jungen aufgeregt, hüpfen auf ihren Sitzen rum und schreien: "Wir haben Ferien!" Wozu gibt es eigentlich noch Schule, wenn man auch ohne sie Ferien haben kann? Kurz darauf biegen wir nach Baars ab. Das ist ein winziger Ortsteil von Winterfeld. Die ehemalige DDR-Grenze ist nicht weit. Häuser kosten hier in der Gegend kaum mehr als ein paar Jahresmieten, und trotzdem finden sich keine Käufer. Ein paar Ökos, Alternative, Leute mit staatsfernen pädagogischen Ideen haben sich ringsum angesiedelt. Immanuel, Semjon und Jury leben im klassischen Landidyll, das vor 20 Jahren einmal in Mode war: Bauernhof, Obstbäume, großer Garten, Tiere, riesiger Lehmofen. Auf den Tisch kommt nur Gesundes, und die Kinder sollen freier aufwachsen als die Alten. Christiane, die Mutter, lange Haare, langer Strickrock, auch sie barfuß, 37 Jahre alt, ist Kinderpflegerin von Beruf. Sie erinnert sich. Damals, in der Reutlinger Zeit, da hatte sich alles gefügt: Ihr Interesse an Montessori-Pädagogik, an der bestrickenden Idee, Kinder wüssten am besten, was ihnen gut tut. Das Ideal der Selbsterziehung. Begegnungen mit den Pädagogen Rebeca und Mauricio Wild (Ecuador). Das Buch Erziehung zum Sein. Und dann ihr Großer, der die Schule verweigerte und den selbst körperlicher Zwang nicht mehr umstimmen konnte. "Er hatte mit der Zeit alle Fächer verweigert, sich zurückgezogen, er stolperte häufig, zu Hause vertrimmte er seine Brüder, und bei den Landtagswahlen setzte er alle Hoffnung auf die Grünen, da sie bestimmt die Schulpflicht abschaffen würden."
Leider hatte er die Grünen überschätzt. Der anthroposophische Lehrer befand schließlich, das Kind hätte zu wenig Grenzen erfahren, die er "Hüllen" nannte, und empfahl, das Kind sechs Wochen lang in die Schule zu tragen, sozusagen therapeutisch. "Ich dagegen hielt Immanuels Reaktion für eine gesunde Sache", meint die Mutter. Erst meldete Christiane ihren Sohn krank. Dann wurde auch noch Semjon schulpflichtig, der ebenfalls keineswegs in die Schule wollte. Die Familie meldete sich zum Schein in Österreich an, wo es keine allgemeine Schulpflicht gibt, nur Unterrichtspflicht. Als sie dann alle nach Sachsen-Anhalt zogen, versuchten es die Kinder noch einmal in einer "freien Schule". "Ich habe ihnen gesagt: Ihr müsst nicht!" Und die Jungen nahmen sich die Freiheit.
Erst Ende Oktober 1999, da war Immanuel schon fast zwölf, entdeckte der Staat die Flüchtlinge - vermutlich aufgrund nachbarschaftlicher Denunziation. Der Fall war juristisch glasklar: Verstoß gegen Paragraf 36 des Schulgesetzes des Landes Sachsen-Anhalt. Der Schulrat rief an. Das Jugendamt rief an. Das Ordnungsamt rief an. Ein Bußgeldbescheid über 680 DM (eine Mark pro Fehltag und Kind) kam per Post. Es gab viele Diskussionen. Briefwechsel. Eine eher virtuelle "Zwergschule Baars" entstand, natürlich interessierte das den Staat überhaupt nicht, aber den Versuch war es wert. Christiane argumentierte gegenüber den Ämtern stets umfangreich und konsequent handschriftlich. Sie wusste, dass sie formal im Unrecht war, deshalb verzichtete sie auf einen Rechtsanwalt und setzte lieber auf Kommunikation.
Die örtliche Grundschule bot Probebesuche an. Die Kinder boten an, am Sportunterricht teilzunehmen, mehr aber nicht. Ein Staatslehrer machte eine Zeit lang Hausbesuche, scheiterte aber an der Hartnäckigkeit der Unbeschulbaren. Doch es geschah auch Seltsames: Die drei Jungen beeindruckten selbst Behördenmenschen mit ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Fantasie und ihrer Kompetenz. Sie vermittelten nicht den Eindruck, unter Nichtbeschulung und entsprechenden Defiziten zu leiden.
Möglicherweise nahm dies auch den Amtsrichter von Salzwedel für sie ein, der im vergangenen Jahr das sachsen-anhaltinische Schulgesetz zu exekutieren hatte: Mit einer "salomonischen Entscheidung" (Jeetze-Kurier) hob er den Bußgeldbescheid des Ordnungsamtes auf und ersetzte ihn durch eine "eher symbolische Ahndung" in Höhe von 150 DM. Denn die Motivationslage der Mutter sei zu berücksichtigen, die das Wohl ihrer Kinder im Auge habe und "Überzeugungstäterin" sei. Und der Richter fragte auch, ob ein Bußgeldbescheid "bei Betroffenen dieser Art das taugliche Instrument" sei, ob nicht "mehr Aufklärung und Hilfestellung seitens der Schulbehörde angeboten werden" müssten.
Natürlich hört die Mutter nicht auf, "Überzeugungstäterin" und mithin Täterin zu sein, und deshalb ist das Verfahren ein schwebendes. Inzwischen wurde ein Antrag auf Ausnahmegenehmigung beim Schulamt gestellt, der selbstredend abgelehnt wurde. Dagegen reichte Christiane eine Klage beim Verwaltungsgericht ein, zog sie aber zurück, als der Richter einen Antrag auf Prozesskostenhilfe ablehnte - wegen mangelnder Erfolgsaussichten. Gelegentlich taucht ein Vertreter des Jugendamtes auf und macht ein strenges Gesicht. Auch das Ordnungsamt unternahm jüngst einen neuen Anlauf und schickte einen Anhörungsbogen. Christiane aber schreibt. Und schreibt. Handschriftlich. Immer an Menschen.
Nach polizeilicher Zuführung von Jury, Semjon und Immanuel zur Zwangsbeschulung sieht es derzeit nicht aus. Jedenfalls nicht, solange diese Art abweichenden Verhaltens keine Schule macht.
Vieles von dem, was wir über die außergewöhnliche Langlebigkeit der Eibe wissen, verdanken wir den unermüdlichen Forschungen und dem persönlichen Engagement eines Mannes - Allen Meredith. Seit ihm in den 70er-Jahren die Bedeutung dieses Baumes bewußt wurde, hat er alle Aspekte seiner Geschichte erforscht, historische Quellen ausgewertet und uralte Eiben in Großbritannien vermessen. Durch seine Studien konnte er die Botaniker davon überzeugen, daß viele von ihnen Tausende von Jahren alt sind. Damit widerlegte er die bis dahin herrschende Überzeugung, daß eine Eibe ein Alter von maximal 800 Jahren erreichen könne. Die erstaunliche Langlebigkeit der Eibe und ihre außergewöhnliche Fähigkeit, sich im Stadium beträchtlichen Verfalls wieder zu erneuern, unterscheiden diese Baumart von den meisten anderen in Europa und haben auch zur Entstehung des Unsterblichkeitsmythos geführt. Der bekannte Dendrologe Alan Mitchell äußerte sich dazu wie folgt: "Wir sind uns mittlerweile mehr oder weniger einig, daß diese Bäume über 4000 Jahre alt werden können. Und es scheint für diesen Baum kein Ende zu geben, keinen Grund zu sterben."
Dieser Baum steht in der Nähe des Dorfes Sant' Alfio an den Osthängen des Ätna in einer Höhe von ca. 550 m über dem Meeresspiegel. Er gilt als der größte jemals registrierte Baum - zumindest, was seine Dicke betrifft. 1770 wurde sein Stammumfang mit erstaunlichen 68 m vermessen. Wie viele der ältesten Linden, Eichen und Eiben Europas wurde auch diese Kastanie im fortgeschrittenen Alter hohl. 1670 war der Hohlraum offenbar so groß, daß er als Stall für ganze Schafherden genutzt wurde. Es ist auch überliefert, daß einige Zeit später eine Familie im Innern des massiven Baumes wohnte.
Zu dieser Zeit machte die Kastanie schon den Eindruck, als handele es sich um eine Gruppe von nah beieinander stehenden Bäumen. Vor über 200 Jahren durchgeführte Untersuchungen ergaben jedoch, daß alle Teile des Baumes ihren Ursprung in einer einzigen Wurzel haben. 1865 war der Baum in fünf Teile gespalten, von denen drei bis heute überlebt haben. Sie befinden sich im Abstand von 3,50 m bis 4,50 m voneinander. Trotz ihrer Schäden sieht diese einst riesenhafte Kastanie im vollen Schmuck ihrer Blätter auch heute noch sehr lebendig aus.
Es hat den Anschein, als sei der Verfall des Baumes der Hundert Pferde in den letzten Jahrhunderten vorrangig auf das Wirken des Menschen zurückzuführen.
Die frohe Kunde war schnell von Ohr zu Ohr und von Mailbox zu Mailbox geeilt: LAPSUS Live stand Pfingsten 2001 wieder auf jedem guten Freizeitkalender. Willkommene Gelegenheit, dem Alltagsstress den Rücken zu kehren, kurz beim Erklimmen der Erfolgsleiter inne zu halten und die innere Uhr in grüner Weite mal wieder richtig aufziehen zu lassen. Kurzum, alle wollten kommen, aber nicht alle konnten der Einladung folgen: Der eine hat's, der andere braucht's...
Wir haben einige der Gäste bei ihrer teilweise überstürzten Vorbereitung und Anreise beobachtet. An so vieles war zu denken: Welchen Kopfschmuck trage ich? Sitzt der Pony richtig? Ist das der Weg nach Loitz? Wie goitz dann weiter? Auf welchem Gleis kommt der Zug in Rakow an? Wird er halten? Habe ich zugenommen? Werde ich zunehmen? Habe ich meinen Vortrag schon mal vorgetragen? War er schwer? Wie weit vor habe ich ihn getragen? Warum eigentlich? War das Training für die Bauernolympiade ausreichend? Oder das Doping? Würde jemand über meinen Werbespott spotten? Oder mich loben? Oder ungerechter Weise andere? Waren Werbespotts überhaupt erlaubt?
Prognosen unabhängiger Festivalforschungsinstitute sagten fallende bzw. steigende Besucherzahlen voraus. Wer sollte Recht behalten? Und was würde er damit anfangen? Die Initiatoren hatten jedenfalls wieder einmal keine Mühen gescheut, um ein ansprechendes Programm zu offerieren. In der Redaktion hatten sich die eingehenden Angebote bis zur Decke gestapelt. Sie waren nur mit modernster Technik in eine schlüssige Reihenfolge zu bringen. Zu vielen - manchmal gut versteckten - Themen und für manch absonderlichen Geschmack wurde etwas geboten. Einige hatten mit ihren Angeboten den Mund allerdings ganz schön voll genommen und ließen sie letztendlich ausfallen. Aber wir greifen vor. Zunächst ist vom famosen Beginn zu berichten. Leopold ließ nach den Eröffnungsfanfaren aus 2 sychron gespielten Didgeridoos Neu Kammer Musik ertönen.
Danach legte Stefan Klänge zum Traurigsein auf. Ein gern angenommenes Angebot. Dann ging es Schlag auf Schlag: ein bunter Reigen kulturpolitischer Perlen, die enthusiastisch in/vor die Runde geworfen wurden.
Einige wurde geradezu begeistert aufgefangen. Manche konnten ein illustres Grüppchen Unentwegter um sich scharen. Unerwartet wenig Zuschauer hatten lediglich die Märchendias, offenbar gab es genug Ablenkung. Geradezu magnetisch wirkte der Reisebericht eines aus weiter Ferne angereisten Weltenbummlers.
Aber auch streng familienwissenschaftliche Vorträge konnten das Publikum begeistern, zumal sie von außergewöhnlichen Klängen begleitet wurden. Die Reaktionen der Zuschauer der Live-Übertragungen gar nicht mitgerechnet! Die Fotoreporter hatten alle Hände voll zu tun, um wenigstens einige Blitzlichter auf Film zu bannen und so der Nachwelt zu erhalten. Ein besonderes Lob haben sich die fleißigen Heinzelmännchen verdient, die es schafften, die Versorgung aller Lapsoten sicherzustellen. Beeindruckend vor allem, auf welche Begeisterung der Abwasch immer wieder stieß.
Eine Neuerung im Programm war das Improvisationstheater, das die Zuschauer zu Ovationen hinriss. Niedergedrücktheit herrschte jedoch bei den Trainern der Bauernolympiade. Sie hatten sich vergeblich mit Taktik, Tricks & Tripps vorbereitet. Wetter und Programmplan standen dem olympischen Gedanken leider im Weg.
Die In- und Out-Liste des Jahrgangs 2001 sei nicht verschwiegen. Mega-Out: Fleischliche Kost und Drogen. Und erst recht deren Mix. Mega-In: Trommeln, Blasen (Didgeridoo!), laut (!) Mitsingen und Schwitzhütte. Wenn es im nächsten Jahr wieder heißt: LAPSUS Live ruft auf die Wiese und den Scheunenboden, dann sollte man nicht erst auf einen äußeren Anstoß warten. Mit den Vorbereitungen beginnt man am besten schon heute. Dann muss man sich nicht die Haare raufen, weil man's wieder mal nicht rechtzeitig hinkriegt, etwas vorzubereiten. Die Anforderungen des Publikums und insbesondere der Kritik ;-) werden natürlich nicht geringer werden, aber das sollte doch allen ein Ansporn sein.
Mein Eindruck war, dass selbst die Jüngsten ein durchaus verwöhntes und anspruchsvolles Publikum waren, das aus seinem Urteil keinen Hehl machte. Alles in allem war LAPSUS Live 2001 witterungsmäßig zwar etwas unterkühlt, aber nichtsdestotrotz ein wieder erwärmendes Ereignis, das Lust auf einen Nachfolger 2002 machte, dann übrigens zum 20. Mal. Ein besonderes Fest! Das meint jedenfalls Ihr heimlicher Bildreporter Felix Fix.
Originalseite 1 - Originalseite 2
Und weil du bist mein braver Mann
Drum mal ich dir die Eier an.
Dann such ich sie wohl eine Stunde
Führ' sie genüßlich mir zum Munde.
Die Männer aber sind nicht schlau
Verstecken immer ganz genau
Die Eier an derselben Stelle
Ich könnt sie finden auf die Schnelle.
Und wenn ich sie gefunden habe
Ich mich an seinen Eiern labe.
Im Ostergras so tief versteckt
Hab ich die Eier bald entdeckt.
Doch macht mir das wohl keinen Spaß.
So such ich ohne Unterlaß
Mal hier mal da die bunten Eier.
Das wird 'ne lange Festtagsfeier.
Pina Sommergrün, 15.4.01
Doch nun blühn deine Lippen auch
das ist ein schöner Osterbrauch:
wer Ostern an den Eiern schleckt
der hat den Weihnachtsmann geweckt!
Pina Sommergrün, 15.4.01
Vergessen ist die karge Zeit
in des Frühlings Freudenkleid.
Es schmücken sich nun Wald & Wiese
der dumme August küßt die Liese.
Die Oma und der Opa gehen
sie wolln nach ihrem Hochstand sehen
wo er so manchen Bock geschossen
und Omas Trauertränen flossen.
Nur heute ruht der Wald so still
weil er kein Wildbret opfern will.
Und hinten auf der Wiese
da liebt der August Liese.
Die Oma ruft: ,Hei Opa schau
da rekelt sich die wilde Sau.
Lad schleunigst deine Flinten
so erwischst du sie von hinten!"
Der Opa noch in seiner Hast
hat schon die Flinte angefaßt.
Es geht der Schuß - es seufzt die Maid
das ist des Frühlings Herzeleid.
Pina Sommergrün, 15.4.01