OVER Nr. 33


LOVER Nr. 33

(erschien 7/2002)

Auszüge:

[Ditorial] - [Basar] - [Kollateralschaden] - [Built To Spill] - [Sprüche] - [Mein Engel] - [schweigen] - [Indien-Story] - [Fritten Afternoon] - [Woge] - [Maßlose Gesellschaft] - [Eskalierte Gewalt] - [Schulkampf] - [Re@ctor] - [Joypost] - [Anders Bauen] - [Nachhaltige Entwicklung] - [Frau Lehmann] - [Heimatkunde] - [Dorferneuerung]

LOver 33

ÐI†¤®I@£

Da ist er also immer noch. Der LOver.
Weiteres Spekulieren über Sinn und Unsinn seines Erscheinens (wenn's nur so einfach wäre!) verkneife ich mir mal. Irgendwie fühle ich mich in einer Bringeschuld denen gegenüber, die tatsächlich vorab bezahlt und/oder Beiträge geliefert haben. Bei diesen können sich alle anderen bedanken, die jetzt ein kopiertes Exemplar in den Händen halten.
Die Nummer 33 bringt das Programm von LAPSUS LIVE 2002 (diesmal erst im Nachhinein), einige Rückblicke darauf, den dritten Teil von Davids Indien-Story, Gesammeltes, Gestammeltes (z. B. dieses Ditorial) und einiges mehr. Als Kopiervorlage gestaltete und somit vor redaktionellem Eingriff gut geschützte Seiten bringt der LOver leider nicht. Niemand schickte welche. Hartmut Barth-Engelbart schickte etliche Texte, weil er Leopold beim Stöbern nach Pannach & Kunert fand... V.

BASAR

BIETE SUCHE

Du meinst
du seiest 
lediglich 
ein Kollateralschaden

Das stündliche Trommelfeuer
aus allen Kanälen
auf dein Trommelfell
gilt dir

Winterhilfswerksstimmung
trampeln dir
die humanitären Katastrophen-
Kriegsberichterstatter
in den Bauch
bis du morgens vor dem Spiegel
ergriffen stammelst
"Gold gab ich für Eisen"
und aus deiner weichgebombten Birne
lechzt das schuldbeladene
Gefühl
nicht selbst
den Antichristen zu enthaupten
nach Absolution

Der Ablasshandel
funktioniert
statt deiner
schickst du
Kreuzzugspilger
mit deinem Solidaritätszuschlag
nach Belgrad
Worscht und Weck
für den Flüchtlingstreck

Ums Geld
geht's nicht
der Überfall auf Jugoslawien
kostet täglich
das Tausendfache aller Almosen
unsrer WiederWinterAufbauhilfswerks-
Sammeldosen

Es geht ums Üben
Es geht ums Folgen
Es geht ums Vertrauen
Es geht darum, daß du dich fügst
dich ohne Widerstand belügen lässt
und selbst belügst
bis du dran glaubst
und dann beim absehbaren nächsten Mal
den Bombenteppich mit ausrollst
untertänig und entzückt
gebückt die Füße küsst
den Herren
denen du den Weg frei mordest
am Tresen
beim Zeitungslesen
gerade so
wie die Piloten
im Cockpit
der Tornadobomber

Es geht darum
daß du
den Sender Gleiwitz glaubst
dem Führerhauptquartier vertraust
noch bevor man dir
die virtuellen Dokumente
per Kabelwellensatellit
in deine Hirnfestplatte
speist
Bis du entrüstet, humanitär entfesselt
als Überzeugungsrächer
meinst
Slobodan-Sadam-Chomeni-Li-Peng-il-Sung
Mandela-Öcalan-Mugabe
beim Verspeisen albanischer Säuglinge
gesehen zu haben

Dein Kriegseintritt
wird abrufbar
per Mausklick
und kommt
als deutsche Sonderleistung daher
als vermeintliche Vollstreckung
des Willens der Opfer von Auschwitz

Und wer da Auschwitz
überlebt hat
und unbelehrbar
gegen diesen Krieg
und die bereits geplanten
nächsten auftritt
den fragt dann
im neuen Hause der Geschichte
in der Reichshauptstatt Berlin
die historische Inquisition:
Ein guter Widerständler ist ein Toter
ein gutes Auschwitzopfer
egal ob Christ, ob Jude
oder Roter
ist ein Toter

Bei Ihnen stellt sich doch
die Frage
warum gerade sie
die Todeslager überleben
konnten

Hartmut Barth-Engelbart

Guitar Jamboree - BUILT TO SPILL

Er lebt zwar mittlerweile in Seattle, aber eigentlich kommt Doug Martsch aus einem kleinen Nest namens Boise in Idaho. Er ist der ideenreiche Kopf und Songwriter von Built To Spill.
Als Sänger und Gitarrist veröffentlichte er drei Alben zusammen mit den Treepeople, bevor er Built To Spill gründete. Das Debutalbum "Ultimate Alternative Wavers" wurde im Studio eines Freundes zu den unmöglichsten Uhrzeiten aufgenommen und 1993 über das Label C/Z veröffentlicht, bevor Doug für den Nachfolger zu Up! wechselte.
Zu dieser Zeit wechselte die Besetzung an Bass und Schlagzeug ständig. Freunde, Bekannte und Profimusiker halfen ihm "There's Nothing Wrong With Love" einzuspielen und damit zu touren. Jedesmal, wenn sie daheim angelangt waren, wechselte die Besetzung wieder.
Martsch lernte die Band Caustic Resin kennen, und beschloß, mit ihr einen Beitrag für den "Red Hot + Bothered"-Sampler einzuspielen. Sie gaben ein paar Shows zusammen und nahmen eine EP auf.
Inmitten all dieser Aktivitäten unterschrieb Doug nebenbei einen Vertrag mit Warner Bros. Zuerst wollte er das Album im Alleingang aufnehmen, merkte dann aber, daß er Unterstützung benötigte. Zum Glück kannte der Freund eines Freundes einen guten Drummer namens Scott Plouf und mit Bassist Brett Nelson hatte Martsch schon in den 80ern zusammengearbeitet.
Brett, Scott und Doug nahmen "Perfect From Now On" auf. Es wurde ein Riesenerfolg.
Kritiker begeisterten sich für diesen seltsamen Mischsound aus einem die Gitarre malträtierenden Neil Young, Offbeatmelodien und - was viel zu selten beachtet wird - hervorragenden Texten. Warner bot die Vertragsverlängerung an und zum ersten Mal änderte sich nichts an der Konstellation von Built To Spill.
Mit ihrem neuen Album "Keep It Like A Secret" führen die drei konsequent weiter, was sie mit "Perfect From Now On" begannen: Wundervolle Musik.
Keep It Like A Secret
Keiner kann sagen, sie hätten uns nicht gewarnt. Nach "Perfect From Now On" präsentieren uns Built To Spill jetzt "Keep It Like A Secret" und halten sich genau an das, was schon der letzte Albumtitel versprach.
Bunt und farbenfroh kommt das Booklett daher und signalisiert, daß man vom dazugehörigen Silberling genau das gleiche erwarten darf. Locker, unbeschwert und irgendwie herrlich naiv präsentiert sich der Sound der drei Indie-Gitarrenrocker aus Seattle. Songs wie "Center Of The Universe" zum Beispiel umarmen einen geradezu und wollen alles abknutschen, was sich ihnen in den Weg stellt. Herrlich auch wie der letzte Song "Broken Chairs" den geneigten Hörer liebevoll pfeifend aus der Platte geleitet.
Spätsommereuphorie könnte man das nennen. Auf jeden Fall muß die Sonne scheinen bei all der guten Laune, die "Keep It Like A Secret" versprüht.
Dabei erinnern mich einige Elemente an Bands, denen nicht gerade die Sonne aus dem Arsch scheint. Die Melodiefindung von "The Plan" an God Machine. Die Gitarren von "Sidewalk" an Fugazi und das Feeling von "Else" an die Smashing Pumpkins.
Indem Doug Martsch seine Songs in Abschnitte gliederte, überwand er das gängige Strophe/Refrain-Schema. Einprägsame Motive brachen mittendrin ab, zerflossen in grandiosen Klanglandschaften aus zerfetzten Gitarren. Eine häufig konstruierte Verwandtschaft zum britischen Progressive Rock erscheint in der Rückschau unwahrscheinlich, unterstützte aber das Heranschaffen des Publikums, das aufgeschlossen genug ist und auf die respektvoll-intelligenten Texte übers Leben und die Liebe hört. Beim vierten Album »Keep It Like A Secret« (City Slang/Efa) verdichtet sich der Verdacht, auf eingeplanten Umwegen hat Doug Martsch die ganze Zeit auf atemberaubende Melodien und eine kraftvolle Darbietung zugesteuert. Hatte er bisher Neil Youngs elementare Energie mit Velvet Undergrounds ungehobelter Dynamik verbunden, treffen nun Cheap Trick auf die Beach Boys.
»Center Of The Universe« oder auch »Sidewalk« sind kernige Popsongs, gebaut um erfrischende Melodien, während mit »Broken Chairs« ein überzeugendes, ausuferndes Epos gelang. Einmal mehr erweisen sich Built To Spill als Retter des Gitarren-Rock.
Doch Doug Martsch, Scott Plouf und Brett Nelson, das sind nämlich Built To Spill, sind anders: Sie verbreiten das Gefühl, über den Dingen zu stehen. Erhaben geleiten sie Besucher durch Ihr Musikuniversum voller Ideen und Einfälle und lassen vergessen für was der Stempel "aus Seattle" einst stand. Denn anstatt herzzerreißend (an-) zu klagen sorgen sie lieber dafür, daß es warm wird - ums Herz. Achim

LOver Sprüche

"Das einzige, was ich in meinem Leben vermeiden wollte, ist ein Haus mit Rasen und einem Zaun drumherum - das alles."     John Lennon

"LAPSUS live muß nicht danach beurteilt werden, wieweit es die Gewohnheiten des Publikums befriedigt, sondern danach, wieweit es sie verändert." Bertolt Brecht

"Aktivisten müssen niemals vor der Flucht nach innen, sie müssen vor der Flucht nach außen gewarnt werden. Nach einem der ältesten Weisheitsbücher, nach Laudses Dau De Dschin wird jeder Mensch, der handelt, ohne mit dem Sinn und Wesen des Ganzen eins zu sein, die ohnehin gestörte Harmonie nur noch mehr stören. Meist ist es ja die Art und Weise, wie wir Ordnung halten und schaffen, selbst schon störend. Sinnvolle Weltveränderung fängt mit der Selbstveränderung an. Deshalb hat Vaclav Havel neulich nach Menschen gefragt, die beides verbinden, sich selbst und die Welt verbessern. In der Regel machen sogar diejenigen einen Fortschritt, die dann zum Weltverbessern eine Weile nicht mehr kommen, wenn sie erstmal den schwankenden Boden ihrer selbst wahrgenommen haben. Wahrscheinlich wird das bei uns für weniger Leute so auseinanderfallen wie im Westen. Für mich ist es geradezu der notwendige Durchgang zu einer Regeneration meines politischen Engagements gewesen, mich auf den Weg nach innen einzulassen."     Rudolf Bahro, 10/90
Christian Hofmann von Hoffmannswaldau

Mein Engel kannst Du ...

Mein Engel, kannst du mich nicht lieben,
ist meine Not dir nur ein Gaukelspiel?
Verlachest Du denn mein Betrüben
und hat dein Grausamkeit kein Ziel?
Du sagst zwar viel von deiner Güte,
doch wo ist Frucht?
Ist deine Gunst nur lauter Blüte,
so ist dein Brennen nichts als Wassersucht!

Warum willst Du das Tor verschließen,
in dem die Liebe Einzug nehmen will?
Laß deine Brunst doch sicher schießen
und halte meiner Regung still.
Du darfst dich nicht, mein Engel, schämen,
den Ehrenpreis
wird niemand können von dir nehmen,
weil ich allein von diesem Diebstahl weiß.

So darf die Furcht dich nicht verblenden,
als wenn der Schmerz unüberwindlich sei,
ich weiß bereits aus meinen Händen:
Die Angeln reißen nicht entzwei.
Du wirst als Helden dich begrüßen,
wenn etwas Blut
gleich möcht aus zarten Adern fließen,
genug: du weißt, daß es uns sachte tut.

Will dein Gewissen nicht erschrecken,
so denk, die Jugend sei in Glut entbrannt,
wer wird in heißen Flammen stecken,
dem eine Löschung ist bekannt?
Es wird das Alter bald verstören,
was Feuer ist,
und du wirst solches besser ehren,
wenn in der Blüt du abgekühlet bist.

Ich wüßte nicht, was dich sollt neigen,
daß deinem Schoß du keine Feier gönnst,
ach! Sorge nicht für einen Zeugen,
weil Du mein treues Lieben kennst!
Die Kunst kommt der Natur zu Hülfe,
kein Anker haft',
wenn er gesenkt im ersten Schilfe
und nur vom Schlunde nicht wird weggerafft.

Drum laß die Stützen von einander,
auf welchem dieses Schloß sich ruht.
Du weißt, ich bin nicht Alexander,
der alles mit der Hitze tut.
Ich will beim Kindchen erst probieren,
was Sanftmut sei,
und wo er sich wird nicht verlieren,
alsdann zerbricht den Trotz die Macht entzwei.

Fort! Laß das warme Etwas schießen,
das ich gefühlt und nicht zu nennen weiß,
laß diesen Nektar mich umfließen,
mach mich in deinen Armen heiß!
Dein Auge selber heget Flammen
vom bloßen Dunst,
laß unsre Hitze doch zusammen,
mach mich beseelt durch ganz erteilte Gunst!

Was hilft mir doch ein bloß Berühren,
wenn ich die Ros vom Stock nicht pflücken soll,
darf ich die schnöden Hände zieren
und füllen nicht das Herze voll?
Verachte nicht die anderen Glieder,
weil keines schlecht -
sind dir die Finger nicht zuwider,
warum ist dir der Daumen denn nicht recht?

nichts hören, nichts sehen, schweigen...


nichts hören: Weisheit ist nicht mittelbar. Weisheit, welche ein Weiser mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit.

nichts sehen: Für die bloße ratio sieht die Welt immer zweidimensional aus

schweigen!: Wenn man drüber redet, wird auch das Einfachste gleich kompliziert und unverständlich.

ja...ich glaube das sind zitate von hermann hesse... eigentlich egal von wem... denn irgendwie hätte auch ich das sagen können - aber alles wurde halt schon mal von irgendwem irgendwann irgendwo gesagt. hmm...egal naja.
habt ihr...ähm...duzen wir uns eigentlich? ja... ich bin mea.
also...habt ihr schon mal versucht jemanden zuzuhören der versucht, euch seinen geistigen müll aufzuzwängen? eine art therapeut der allgemeinen menschlichen weltschmerzen - natürlich selbsternannt. er sie klingt wie ein voll idiot. meistens ist es zudem nicht mal gewollt. oder?
wie beneide ich menschen, die so richtig aus den tiefsten tiefen weise sind. gescheit. man hört sie nicht reden. man hört sie denken. man wird gefesselt vom wort. nichts ist aufgedrängt oder gestellt. alles ist! fertig. toll....
leider selten...

weiter...
nichts sehen. ist vielleicht etwas arg krass formuliert... klar... wir sehen und oje ich will nicht gar nichts sehen. aber ich will das recht, mit meinem hirn und mit meinem herz zu sehen. auch wenn's nicht gut tut im klassischen sinne manchmal. leider leider ... wer schafft es schon zur rechten zeit das richtige mass im sehen zu finden. ratio - gefühl. kopf und bauch.
mein ziel mehrdimensionales sehen. schön wäre ein switch. ein umschalter. der ganz automatisch funktioniert...

ich bin noch jung. ich darf noch träumen und wünschen und wunschträumen. und wäre ich alt - tät ich's trotzdem...

ich drifte ...
schweigen!
ja ... manchmal ist jedes wort gesprochen, gelesen, geschrieben, gehört: zuviel. unnötig. vielleicht falsch. weil das gehört-gesehen-gedachte auch schon verkehrt gelaufen ist. manchmal ist es aber auch einfach nicht nötig. weil das gesehene genügend war. oder vielleicht hat man ja auch einfach ein gefühl und man hört zur abwechslung mal drauf.

ja. es geht auch ohne das man spricht.

geschrieben für LOver 33 von mea parvitas (mehr von mea unter www.und3macht9e.de)
 

Indien-Story

(Indien-Story Teil 1)

(B) Reisefragmente (Fortsetzung)

22.06. Varanasi

Ich sitze auf den ausgelatschten steinalten Steintreppen am Ufer der heiligen Ganga. Ein Frieden überkommt mich. Die Ghats, welch eine vor Zeit und Lärm der Welt verborgene Atmophäre. Die Ufertreppen und die Tempel dahinter sind ockergelb, nur eine Kleinigkeit heller als der Fluß und die gedämpften Farben schlucken einiges an Hektik. Das Ufer gegenüber erinnert mich an Afrika, sieht aus wie frisch importiert; breiter blaßgelber Strand, gepunktet von ein paar hölzernen Kähnen und den Gestalten die etwas auf- oder abladen. Der Hintergrund ist von dichtem Grün: Wald, Palmen, wie am Nil. Hinter mir spielen ein paar Kids Cricket, schlagen den Ball auf eine Terrasse weiter oben, lachen, rennen, rufen. Eine Stimmung von heißen Nachmittagen in englischen Hinterhöfen kommt auf ....

23.06. Varanasi

Schon mit der ersten Ahnung des Morgengrauen erklingt das gleichmäßige Klatschen von nassem Stoff, den die Wäscher unten am Fluß auf die Steine schlagen. Noch total verpennt schlurfe ich vor die Tür, kracks, das war der Panzer eines fetten Käfers, der da unter meinen Füßen geknackt hat. Guten Morgen. Ein paar Affen springen hinter meinem Rücken rum, seit das gestern einer auch auf mir tat, trau ich den Viechern nicht mehr. Gegenüber hängt die orangerote Sonne im Wolkendunst des Morgens wie der Dotter im Spiegelei, wirft erste Reflexionen auf das Wasser, das die dunklen Silhouetten einiger Boote aus dem silbrigen Netz der Oberfläche ausspart.
Die Stadt wirkt doppelt so alt wie sie wirklich ist, vorzeitig gealtert und zerfurcht durch Millionen heilsuchender Füße. Die Steinquader der Flußtreppen liegen schief wie die Tasten eines geborstenen Klaviers, dessen ungewisse Melodie an nagende raspelnde Sandkörner erinnert, während sein Leib wie der eines Krokodils unsichtbar im trüben Wasser bleibt; nur blitzende gelbe Augen, starr und fixierend, verraten, daß ich gemeint bin, ich und jeder andere.
Varanasi und der Ganges sind untrennbar miteinander verbunden. Der Fluß verleiht der Stadt ihre besondere Heiligkeit und die Stadt huldigt dem Fluß.
Varanasi: Die Stadt Shivas, "Kashi"- die Stadt des Lichts wird sie auch genannt. Gerußt und geschwärzt, verschleiert und geweiht von so vielen Rauchschwaden, soviel Zeit, die sich in Staub aufgelöst hat, soviel Staub, der in der Zeit verschwand. Geheiligter Rauch, Opferqualm, Weihrauch, Blütenduft, die dicken Schwaden der Leichenverbrennungen, kleine Wolken aus den Shillums der Sadhus, der dampfende Reis und das Dhal der kleinen Eßstände, der Geruch von Asche und Holz, Smog über der Stadt, Morgennebel über dem Fluß. All das: süß und würzig, schwer und kratzig, verfault und frisch, holzig, angesengt, verbrannt. Rauch bedeutet Übergang. In Varansi gehen die Dinge in eine andere Welt, in eine andere Wirklichkeit über. Verwandlung. Schwebende, ungreifbare Heiligkeit des Rauches. Den Dingen gehen ihre quantitativen Dimensionen verloren, es bleibt nichts Meßbares, nur die Qualität des Heiligen. Varanasi ist ein Transformator, in dem Alltägliches in Bedeutungsvolles umgewandelt wird, der Rauch zeugt davon.
Das Feuer ist der Umwandler. Aus den verbrannten Dingen entsteht etwas Neues. Die Hindus glauben, die Feueropfer (und auch die Leichenverbrennung ist ein solches) halten die Ordnung des Universums im Gleichgewicht. Durch das Feuer und das, was man hineingibt, läßt sich Einfluß nehmen auf die heiligen Umwandlungsprozesse des Lebens.
Fluß: Die Dinge vergehen. Leben, das vergeht, Leben, das vergangen ist, das als Echo noch aus Straßen und Mündern hallt, dehnbare Erinnerung. Absolute Gegenwart: Es ist. Leben das entsteht und entstanden ist und sich immer entwickelt. Leben das noch entstehen wird aus dem Entstehenden oder sich in Vorfreude darauf befindet - Dieses Rad wurde mit kräftigen Armen in Schwung gebracht und der Ganges hält es am Laufen. Der Ganges ist das Wasser das sich auf die Mühlen des Lebenskreislaufes ergießt.
So sehr die dreckige zerfallene Stadt, schwarzer Rumpf beengter Mauern, ihre Straßen von Lumpen, Essensresten, Exkrementen bedeckt, so sehr der brodelnde Moloch drängt - er wird die Ruhe der Ufer nicht überrollen.
Das Knattern der letzten Boote geht in das abendliche Rufen der Frösche über. Ein paar Kinder springen noch lauthals über die Ghats, wo viel Platz ist, denn all die bunten Saris, die zum Trocknen auslagen, sind in den Hauseingängen verschwunden. Verlassene Kähne drehen sich lahm an ihren Stricken. Viel zu viele Insekten - Heuschrecken, Käfer und Fliegen - schwirren blind und in immer neuen Scharen zum Licht, im Sekundentakt prasseln die Chitinpanzer auf mich. Der Strom fällt aus. Gute Nacht.

24.06.Varanasi

Die Gassen der Altstadt sind voller Kloake, räudiger Hunde, Gemüsestände, Kühe und ihren Fladen sowie unzähligen Kids, die einen nicht zur Ruhe kommen lassen möchten. Mühsam bahnen wir uns durch die verwesenden Gassen, deren Häuser wie vom Verfall persönlich angehaucht aussehen, einen Weg zum Fluß, nur irgendwie der Hitze entfliehen! Triefend vor Schweiß schlendern wir die Ghats entlang, suchen einen halbwegs sauberen Platz im Schatten, wo man von Händlern unbehelligt bleibt. Kaum haben wir uns niedergelassen, entdeckt Sven ein Etwas einige Meter vor uns im Wasser; dieses Etwas ist aufgequollen und bleich und ein Hund zerrt ihm gerade einen Imbiß von der Schulter. Bei näherem Hinschauen wird klar: es ist eine Leiche, mit dem Gesicht nach unten wiegt sie sich im Wasser, eine Hand reckt sich verdreht nach oben, die Finger fehlen. Einige der Leichname werden nämlich nicht zeremoniell verbrannt, sondern mit Gewichten beschwert den Fluten übergeben von wo aber manche wieder ans Ufer treiben. Zu dieser Szene muß man sich vorstellen, daß nur einige Meter davon entfernt Kinder vergnügt plantschen, Hindus sich rituell waschen und sogar von dem Wasser trinken. Für die Hindus steht die Reinheit und heilige Kraft des Ganges trotz der offensichtlichen Verschmutzung (ich habe gelesen, daß der E-Coli-Gehalt des Ganges angeblich 100 000 mal höher als die zulässige EU-Norm liegt) völlig außer Frage.
Irgendwie ist dieser Anblick nicht so der Stimmungshit, also zieht es uns weiter, passenderweise gleich am Hauptverbrennungsghat vorbei. Dort sind die Stufen geschwärzt von Ruß und Asche, und Kähne mit Bergen von Brennholz umringen den Platz, schaffen eine kleine Bucht, man könnte sagen: Die Schwarze Lagune, das Reich des Todes. Alle außer den allzu begierigen Kameraaugen sind eingeladen, sich die permanenten Feuerbestattungen und dazugehörigen Riten anzuschauen. Tag und Nacht sind drei große Scheiterhaufen in Betrieb, um die Toten unter der Fürsorge von Mantras murmelnden Brahmanen einer weiteren Station im ewigen Kreislauf oder gar der endgültigen Erlösung zuzuführen (die Hindus sagen, wer in Varanasi stirbt erlange sofortige Befreiung). Man ist dem Geschehen sehr nahe, fettiger Rauch gemischt mit Duftqualm und Wirbel von Asche blasen einem direkt ins Gesicht. Von den Körpern kann man alle Einzelheiten erkennen, sofern sie das Feuer noch nicht aufgefressen hat: Die an der Seite aufplatzenden Bäuche; das Weiß des Schädels, der von Hautfetzen freigeleckt wird; feuerverstümmelte Gliedmaßen....
Hier ist der Tod zumindest in den Köpfen der Menschen irgendwie enger mit dem Sein verbunden.
Käfernacht
Die Nacht gehört den Käfern. Sobald die großen elektrischen Lampen am Ufer ausfallen, und das tun sie verläßlich jeden Abend, begeben sich ganze Völkerstämme von Heuschrecken und Käfern auf den Weg in ein neues Domizil, wo sie gefesselt, ohnmächtig und unaufhörlich den kalten künstlichen Nektar unberührbaren Neonlichts aufsaugen. Jede Art von Licht in unserem Zimmer führt sie auf die Fährte. Und wenn ich dann schlafen will, schwirren mir die Viecher wie Kugeln um den Kopf, in allen Ecken raschelt das blinde Flattern und Hüpfen. Besonders das offene Restaurant eine Terrasse tiefer mit seinen Neonröhren ist ab um zehn Sperrzone, ist Käferland.

25.06. Varanasi

Nach einem kleinen Imbiß sitzen wir wieder mal an den Ghats auf den unerschütterlichen Steinen, den Stufen zur "Heiligen Welt", und schauen dem Film zu, der sich da vor unseren Augen abspielt, bis die Dämmerung die Szenen in Ungewißheit taucht. ....
Ein Sadhu packt einen Hund am Ohr und schleudert in zu einer kleinen Abkühlung in den Ganges, Kinder springen kreischend von Plattformen ins Wasser, ein paar Leute waschen sich, putzen sich die Zähne mit Zeigefinger und Flußwasser. Es ist nun genau die richtige Zeit für einen Boots-Trip, einige Ruderschläge bringen uns in die unwirkliche Nacht, die den Tempeln und Uferfassaden zusätzliches Alter verleiht und von den Feuern der allabendlichen Pooja am Dasaswamedh-Ghat erleuchtet wird: Wie Motten strömen die Menschen zu dem Ritual zu Ehren Shivas, singende murmelnde Motten ohne Flügel. Die ganze Stimmung ist irgendwie so geheimnisvoll-orientalisch (gerade so wie man es sich klischeemäßig immer vorstellt); da mir die Handlungsabläufe des Shiva-Spektakels unbekannt sind, scheinen mir die Menschen auf besondere Art und Weise miteinander verbunden. Der Kahn verweilt, wir genießen schweigend das Schauspiel und folgen mit den Augen den Lichtspuren der Flammentöpfe, die von drei Brahmanenpriestern synchron geschwenkt werden. Trommeln erklingen, Stimmen rezitieren uralte Opfergesänge, es wird gehuldigt und verehrt. Die Priester wenden sich in alle Himmelsrichtungen bevor sie in ihre Muschelhörner blasen. Zum Schluß lassen die Pilger kleine Boote zu Wasser und eine ganze Armada von Öllämpchen und Blätterschiffen mit Blumen - beladen mit Hoffnungen und Bitten - tanzt den Ganges hinunter. Und das Tag für Tag, Jahr für Jahr. Das Wort "Feierabend" bekommt hier eine wörtliche Bedeutung. Unser Boot treibt weiter zu den Verbrennungsghats; das Bild der geschwärzten Stufen, die im Licht von drei lodernden Holzstößen aufflackern und die Gestalten die wie Teufel um diese herumlaufen, entspricht so ziemlich dem Klischee von der Hölle, was mich aber eher amüsiert.

29.06. Kalkutta

Halb neun kommen wir auf dem Howrah Station an und betreten die Riesenstadt (unsere vierte Millionenstadt in Indien). Der erste Eindruck ist ein relativ positiver: Breite ziemlich saubere Straßen, die nicht total überfüllt sind und zahlreiche marode Kolonialbauten. Die monumentale Howrah-Bridge - die angeblich meistbefahrene Brücke der Welt mit täglich einer Million Menschen -  erstreckt sich gleich zur Linken als wir vom Bahnhof zur Fähre am Hoogly, einem Seitenarm des Ganges, gehen. Die Anmache ist in Kalkutta weniger aggressiv als z.B. in Delhi oder Agra, dafür gibt es viele bettelnde Kinder, Alte und  Krüppel. Ganze Familien "wohnen" auf Stücken des Gehsteigs mitten in der City, von ihren wenigen Habseligkeiten umgeben; die Frauen bereiten Essen zu oder waschen ihre Wäsche während der Verkehr um sie herum brandet und sich Passanten vorbeidrängen; für die, die in solch krasser Armut leben hat "Privatleben" keine Bedeutung mehr.

30.06. Kalkutta

Tut. Tuut. Tut-Tut. Tut-Tut-Tut-Tu-u-u-t! Tuuuuut!
Guten Morgen, 6 Uhr 30.Tuuut. Mäck-mäck, biep-biep, klingeling, schell, flöt, tröt. Rufe, lautes Gerotze und Musik. Ich tuuut gebe mir Mühe - määäck - noch etwas zu schlafen, doch Straßenlärm und Sonne hauen mich aus dem Bett.
Auf unserem "Behördentrip" am Vormittag entdecken wir einige verkehrstechnische Besonderheiten Kalkuttas: Nicht nur die bekannten Lauf-Rikshas (statt eines Pferdes steht ein Riksha-Wallah zwischen den Deichseln eines Wagens für eigentlich (!) zwei Personen), die sich nur noch hier gehalten haben, sondern auch eine klapprige Straßenbahn sowie eine erstaunlich moderne saubere und unkomplizierte Metro ("The exit is on the left side"). Scheinbar jedes zweite Auto ist ein gelb-schwarzes Taxi, alle von der indischen "Ambassador"-Marke im robusten Fifties-Style, und sie fahren in Scharen durch breite, englisch wirkende Straßen, die gesäumt sind von großen verfallenden Kolonialbauten (im viktorianischen Stil) aus denen schon wieder grünes Leben sprießt und die ihre besten Zeiten einige Generationen vor uns hatten. Bei manchen Gebäuden ist es ein Wunder, daß die Mauern den Schutthaufen noch halten; die meisten haben ihre imposante, monumentale Wirkung, ihr klotziges Dasein aus prunkenden Säulen, Fassaden und Türmchen jedoch behalten, auch wenn sich der Glanz  - bearbeitet vom zersetzenden tropischen Klima - längst in Staub aufgelöst hat. Ein interessanter indisch-alteuropäischer Mix: das sind die Straßen im Zentrum Kalkuttas.
Wir schlendern über die von Bettlern und Haschverkäufern bevölkerte Sudder-Street, Schlagader im Touristenviertel Kalkuttas...
Unser kleiner musikbegleiteter Ausgang durch die nächtlichen Straßen Kalkuttas geriet zum Markttrip in verwitterten Kolonialstraßen, zum Slalom zwischen Ständen voller hemden, Hosen, Shorts, Slips, bunt, kariert,bedruckt; Krawatten, Portemonnaies, Bücher, Gürtel, Uhren, Batterien, Kassetten, Radios, Stifte, Spielzeug, Plüschtiere, Rucksäcke....
Spielhallen, Kinos und Juwelliere stellten die Kulissen an den Seiten, Bettler und Krüppel flehten um Münzen im Gedränge, die anpreisenden Rufe der Verkäufer versuchen die Aufmerksamkeit auf ihre Waren zu lenken. Ich lege mir das "White Album" auf die Ohren und es wird ein easy-going durch das wilde chaotische heiße Gewühl, durch den losen Teppich aus Verkaufsbeziehungen, Unterhaltung und fehlgeschlagenen Kommunikationsversuchen; in weiser Vorraussicht decken wir uns mit trashigen Hawaihemden für die Andamanen ein, karierte Hosen dazu, perfekt ...

2.07. Kalkutta

>"Verdammt heißer Tag heute" sagte ich zu Bob, und Bob zog nur die Augenbrauen zusammen und spuckte in den Staub. <
Ich sehe den vom Stromausfall entkräfteten Flügeln des Ventilators zu, wie sie langsam dem Stillstand entgegentrudeln, das Flattern löst sich in Stille auf, die Stille weicht all den Geräuschen von der Straße.
Sonntag ist Museumstag. Nachdem wir früh so`n bißchen abhängen steht und also ein Kulturnachmittag im Indian Museum of Calcutta bevor, das 1814 von den Briten errichtet wurde, und genauso sieht es heute noch drin aus. Die weißen Mauern im viktorianischen Prunk-Stil beherbergen riesige vergilbte schummrige Säle voller alter verstaubter Vitrinen aus dunklem Holz. Wenn die Ventilatoren nicht wären - obwohl sie genauso vergammelt aussehen - könnte man meinen, alles sei seit über hundert Jahren nicht verändert worden. In den Sälen sind Unmengen Fossilien, Mineralien, Pflanzen und Tiere mit verblichener Beschriftung ausgestellt, vieles fällt schon auseinander, einige Scheiben sind zerbrochen, ein paar Ecken verschwinden im Schutt, es türmen sich Regale voll mit lateinisch beschrifteten Apothekerfläschchen, die bunte Flüssigkeiten, Steine, Pülverchen, Samen, Blätter, eingelegte Reptilien oder Gemüse enthalten. Dazu schimmert ein unbestimmtes bräunliches Licht von den großen schmutzigen Fenstern hinein, und dieser typische, muffige Geruch, eine Mischung aus dem Aroma von Verrotten und Konservierungslösungen, gibt einem das Gefühl, seit den Zeiten der alten englischen Lords hat sich abgesehen von der allmählichen natürlichen Auflösung nichts getan. Die Inder scheinen außer der Folklore- und Textilienabteilung nichts hinzugefügt, geschweige denn gepflegt, gesäubert oder restauriert zu haben; ein paar Wärter hängen lahm und dösend auf ihren Stühlen vor den Ventilatoren. Kurz: das Museum mit seinem schäbigen dunklen Schummer-Style ist echt strange, groß und stickig und uralt, wahrscheinlich wäre es der ideale Set für ein paar abgedrehte Psycho-Horror-Filme.
Manchmal überrollt mich die ganze Faszination des Landes, dieses bunte Mandala, dieses Chaos-Puzzle, die Logik der Fantasie, die mystische Denkweise, das praktizierte Heiligtum, die offenkundigen Geschichten, die sich auf der Straße abspielen.
Ich als Zuschauer werde mit einer ganz neuen Dichte an Eindrücken: Gerüche Farben Bewegungen Formen konfrontiert, mit der ganzen Palette von Zaubertricks, die sich ein verrückter alter tierköpfiger Hindugott aus dem Ärmel schüttelt, es fallen Geschichten, Leben und ganze Parallel-Universen heraus und lösen irgendwo im Kopf die trivial-geniale Erkenntnis aus: Das alles ist real. Das alles ist jetzt. Das alles ist.
Alles ist Bestandteil des öffentlichen Lebens, Splitter des Weltgeschehens, Faser aus dem Geflecht der Geschichte. Das beschert dem an Intimsphäre und beobachtenden Abstand gewohnten Europäer interessante und abstoßende Erlebnisse in Hülle und Fülle. Egal wie: er muß reagieren.

2.07. Kalkutta

Nach den dämmrigen Moder-Museumsräumen zog es mich durch die von fetter gelber herabtriefender Abendsonne beleckten Straßen. Es hatte geregnet, doch von der Nässe war nicht viel übrig geblieben.
Ein gutes Licht und gute Zeit zum Knipsen. Das Marktgeschehen - zeitlose Fülle vertrauter und nie gesehener Früchte. Die Familien, die auf einem Stück Fußweg wohnen - ihre Kinder spielen an einer Wasserpumpe oder schlafen nackt auf Plastikplanen, die Mütter bereiten auf kleinen Kochern das Essen zu, eine weitere Plane dient als Dach. Alle sind barfuß, schmutzig, zerlumpt, und das Lachen und Toben der Kinder ist laut. Die totale Vernichtung des Privatlebens. Man kann ihnen sogar zuschauen, wie sie sich auf der Straße waschen, wie sie sich einseifen oder die Zähne putzen, wie sie Wäsche oder Geschirr waschen. Alles Private ist Luxus.
Männer sitzen biddirauchend beim Kartenspiel zusammen; weißhaarige Riksha-Wallahs schlafen auf ihren Karren; ein Mann packt seinen kleinen Bücherstand aus einem alten Kartoffelsack aus, plaziert sich auf dem Fußweg vor einer mit bunten Plakatfetzen bekleisterten Betonwand, deren Fragmente vom Glanz und Glamour des Kinos sowie von Aufrufen der Kommunisten verkünden - die Hammer-und-Sichel-Symbole findet man an beinah jeder zweiten Hausecke in Kalkutta; Krähen und Schweine durchwühlen die riesigen Haufen von Gemüseabfällen und stinkendem Irgendwas, gelegentlich stochern Ratten oder Straßenkinder noch den kleinsten verwertbaren Bissen aus dem verrottenden Müll, bevor Kühe ihn mit gleichgültig kauenden Mäulern in sich hineinstopfen.

4.07. Kalkutta

Wir nehmen die große brandende, vor lauter Taxis gelbe Nehru Road am Maidan entlang, mitten im Zentrum von Kalkutta, voller zerbröckelnder runtergekommener Protzbauten, die einst vielleicht ein London in Asien zu imitieren versuchten, heute ist das alles ein riesiges Geschäftsviertel. Mit gequollenen Zungen drehen wir unsere Köpfe vergebens nach einer kühlen Spelunke, links und rechts gibt es nur Straßenschluchten in denen verbeulte Straßenbahnen kriechen, zerschrammte Busse qualmen, Taxis hupen und Mopeds schwirren. Gemüse- und Klamottenhändler stehen auf dem Gehweg gedrängt und preisen ihr Zeug an, während die Leute in den tausenden Snackständen - ob Thali oder Dhal, Idli, Dosa oder Bruzzelfettzeug, Kokosnüsse oder Bananen - den Weg verstopfen. Es wimmelt und wuselt von Menschen, die Sonne scheint munter aus einem Wolkenbrockenhimmel herab ....

5.07. Kalkutta

Heute ist Halbzeit, Mittelpunkt und Scheideweg. Gleich drei Dinge zu feiern. Man könnte jetzt je nach persönlicher Ausrichtung und abgedroschener Klassifizierung behaupten, die Hälfte der Reise liegt schon hinter mir oder die Hälfte der Reise liegt noch vor mir, ohne dabei zu beachten, daß sie vielleicht auch faul im Schatten oder siechend im Dreck liegt, vielleicht auch auf duftenden Kissen gebettet mit Koffern voller Asphaltrollen und Schläuchen mit Schweiß, die Kehle voller Worte unter Augen aus spiegelnden Facetten, jedes Teil eine eigene Plakatwand, jede Plakatwand in millionenfachem Wandel als wäre sie ein Bildschirm deren Fernbedienung ein paranoider Zapp-Freak in der Hand hält. Die Reise liegt ausgedehnt und weit wie Reis-Felder, sie strickt ein Muster in diesen Kontinent - klein aber fein, Spinnweben kreuzen sich (ich bin die Oberspinne), verbundene Orte getrennte Wege unbeachtete Möglichkeiten, Kabelrollen tauschen Funkenregen aus, und im Herz des Tempelwaldes schaltet die zehnarmige Maha Devi die Gänge; immer mit diesem fernen Lächeln, entrückt, entschwoben, unbewußt und gerade deshalb vollkommen da, vollkommen hier....Ohne Frage, tu es, tu es einfach, eigentlich bist es gar nicht du der tut, der handelt, denn das Tun, die Aktion bemächtigt sich deiner als Werkzeug, die Handlung definiert dich und nur die Variation interessiert sich dafür.
Zunächst erledigen wir so hübsch profane Sachen wie unsere akkumulierte Dreckwäsche in die Reinigung zu bringen und den Stapel Karten auf dem Postamt loszuwerden. Eigentlich wollten wir heute ins Reich der Botanik vorstoßen und uns in den Schatten des Riesenbaumes im hiesigen Botanischen Garten pflanzen, doch die Fähre am Hoogly wollte uns partout nicht übersetzen, angeblich sind alle Fähren in diese Richtung closed, also fahren wir Richtung Norden zur seltsamen eckigen metallischen Howrah-Brücke. Per Bus gelangen wir über diese hinüber zum großen Howrah-Bahnhof und stellen langsam fest, daß wir so ziemlich genau am entgegengesetzten Ende der Stadt sind, der Botanische Garten ist in große Ferne gerückt, dafür ist die Brücke näher, immerhin betitelt sie sich als die meistüberquerte Brücke der Welt - Bilanz: Täglich eine Million Menschen. Und so beschließen wir, ihr einen Besuch abzustatten. Doch ersteinmal setzen wir uns in die Bahnhofskaschemme. Gemütliches grün-grelles Licht erhellt die triste Szenerie. Zeit für das zweite Frühstück. Ich gönne mir ein Omelette mit Toast (ehrlich gesagt hatten sie auch nicht viel mehr) und dazu heißes Zuckerwasser mit dezentem Kaffeearoma. Auch hier ist der Kellner wieder äußerst beflissen, räumt einem den Teller unterm Toast weg; bei manchen Spelunken hat man den Eindruck, Gäste seien unerwünschte Störfaktoren die so schnell wie möglich abgefertigt werden müssen. Macht nix. Über die menschenbeladenen Bahnhofshallen gelangen wir nach draußen, folgen der hummelfarbenen Autoschlange: gelb-schwarz, gelb-schwarz bevölkern Karosserien den Weg zur Mega-Brücke, die aussieht wie eine Konstruktion aus dem Metallbaukasten und die die mahnende Aufschrift trägt: "Be proud of this bridge, keep it clean and beautiful". Auch die Brücke ist ein Marktplatz: Frauen verkaufen Mangos, Ananas, Melonen, Papayas und Stinkfrüchte sowie Plastikkram, Schmuck und billige Schundromanheftchen. Wir gesellen uns zu den übrigen Rekordinstandhaltern, überqueren die Brücke und landen auf dem Blumenmarkt: Körbe voller orangefarbener Blüten stechen in den Augen, es ist ein so reines, so kräftiges Orange, geradezu die Definition dieser Farbe. All diese Blütenpracht teilen sich die Götter mit den seidenschwarzen Haaren der Inderinnen....An weiteren Farben und an Früchten mangelt es auch nicht, nur an Platz im üblichen Gedränge. Ein paar hungrige Kühe fressen den Grünzeugverkäufern in einer unbeobachteten Minute ihre Waren weg und werden dafür von diesen ungeachtet ihres Heiligen-Status ziemlich säkular mit Stockschlägen vertrieben. Nachdem wir uns genug gelabt haben an Duft und Farbe schlendern wir weiter durch die Stadt, es folgen waghalsige Manöver über Straßenkreuzungen; ich möchte mal wissen, welche Versicherung mit irgendeinem Verkehrteilnehmer in Indien Policen abschließt.

8.07. Port Blair (Andaman Islands)

Der Morgen hängt dunstig und feucht wie eine alkoholsüchtige Nymphomanin über den mit Palmen und sonstigen Dschungelgewächsen überwucherten Inseln. Die Blicke verlieren sich in Nebelschleiern, die Stücke von gedämpften Grün und grauem Meer freigeben. Aus der Nähe betrachtet glänzt alles vor vitaler Feuchtigkeit, aber wenigstens sind dei Temperaturen mit gerade mal 25 Grad durchaus akzeptabel, nur eben mit dem Beigeschmack von Nässe. Was uns sofort auffällt sind die fast leeren Straßen auf der Insel, geradezu ein Phänomen im Vergleich zum indischen Festland, und gleichzeitig kleben die Leute auch nicht mit der Hand auf der Hupe, jedenfalls ist es angenehm ruhig und entspannt. Bemerkenswert ist auch, daß wir um das Geld für die Motorriksha nicht feilschen müssen, der Fahrer nennt auf unsere Frage einen vernünftigen Preis und der Kampf um den Bestimmungsort bleibt uns netterweise ebenfalls erspart, es folgen keine faulen Ausreden um uns zu einem Shop oder einem "viel besseren" Hotel zu bringen. Was wohl damit zusammenhängt, daß die Andamanen einfach noch nicht so stark vom Tourismus verseucht sind.
Es ist Off-season, Regenzeit. Das merken wir schnell, denn draußen entleeren sich die Wolken hektoliterweise und das mit stundenlanger Ausdauer. Vorerst ist das schnurz, denn wir schlafen bis zum Nachmittag. Ab und zu wache ich auf, wenn das gleichmäßige Regenrauschen zu krachendem Getöse anschwillt und die Gardinenlaken vor den scheibenlosen Gitterfenstern aufgebläht gegen die Pfosten klatschen. Auch später am Nachmittag zeigt der Himmel nichts von seiner blauen Haut, und  díe Wolken scheinen in Alarmbereitschaft zu stehen: jederzeit bereit loszuregnen. Bereits dreiviertel sechs geht hier die Sonne - unsichtbar für uns - unter.

9.07. Port Blair

Der Regen ist lange vor mir wach und gießt fleißig Pflanzen und Dächer, er hat die Lage hier fest in seinem glitschigen Griff und läßt auch heute der Sonne keinerlei Chance. Langsam dämmert mir, daß es mit Schnorcheln und Relaxen in Hängematten am Strand allem Anschein nach nichts wird. Ein Anflug von Enttäuschung überkommt mich.
Wir beschließen, etwas essen zu gehen, es ist schon Mittag, und dann die Fähre zum nahegelegenen Ross-Island  in der Bucht von Port Blair zu nehmen, das den Briten als Hauptverwaltungssitz ihrer ehemaligen Sträflingskolonie auf den Andamanen diente. Heute bedecken nur noch vom Dschungel überwucherte und zersprengte, geisterhafte Ruinen die kleine Insel, aber früher muß es mal ein komplettes britisches Dorf gewesen sein. Riesige Wurzelknäuel ranken sich alte Mauern hinauf, bohren sich in alle Ritzen und lassen von den Gebäuden nicht viel übrig. (Die Sprengkraft des Lebens ist enorm. Wenn sie nicht eine längere Entfaltungszeit benötigte, wäre die Wurzel-Bio-Bombe längst erfunden.)
Überall im Wald stehen moosbewachsene beschilderte Fragmente von Kasernen, Ämtern, Wohnhäusern und ein paar Rehe laufen gemächlich herum. Höhepunkt sind die Reste einer Kirche auf einem Hügel. Es sind bröckelnde gespenstische Mauern ohne Dach, aus dem Turm ragt ein mächtiger Urwald-Baum und grabscht mit seiner weitgespannten Krone das ganze Licht weg. Auch ein Friedhof ist vorhanden; die meisten Gräber gehören armen Schweinen der britischen Kolonialarmee im Alter von 20 bis 30 Jahren, sie sind wahrscheinlich an irgendeiner fiesen Tropenseuche zugrunde gegangen.
Wir stolpern noch ein bißchen durch die Gegend, auf den rutschigen bemoosten Steinen legt es mich zweimal hin. Später bringt uns die Fähre zurück, wir essen was, es wird dunkel, es regnet .....

10.07. Port Blair

Auch dieser Tag ist vom Regen geritten. Nachts bin ich des öfteren aufgewacht: Regenstakkato auf dem Blechdach, die Wolken schleudern mit maschinengewehrgleicher Wucht Tropfensalven gegen Mauern und Fenster. Und auch als ich die Fensterlaken früh beiseite schiebe: Naßtriefende Landschaft, Marathonregen.
Der Himmel macht den Eindruck als wolle er dem Regen seine volle Unterstützung zusichern, für Nachschub werde er schon sorgen. An einen Mopedausflug ist nicht zu denken, also schnapen wir uns wenigstens unsere Regenjacken, latschen durch die Stadt und versuchen herauszufinden, wie es so mit den Fähranbindungen zu den kleineren Inseln oder dem Festland steht.

11.07. Port Blair

Wir mieten uns ne Suzuki und erkunden das Gebiet (Sollte es außer Regen doch noch etwas anderes geben?).Die ganze South-Andaman-Insel ist ein überaus grünes tropisches Eiland mit Korallenriffen und Palmen am Strand. Leute sitzen vor palmblattgedeckten Hütten und zerhauen Kokosnüsse, das weiße Fleisch leuchtet aus den braunen Halbkugeln. Ganze Palmenwälder stehen in der Landschaft rum und riesige Raketenbäume, es gibt Hügel mit Bambus, Bananen und Papayas und dazwischen flache Einschnitte mit zartgrünen glitzernden Reisfeldern oder kleinen Bächen. An der Küste oder an Flüssen erstrecken sich Mangrovenwälder, sie stehen auf ihren Wurzeln wie auf  Stelzen im Wasser.
Auf einem kleinen Feld neben der Straße übt ein Armeetrupp Lastwagentarnung; in dieser Tropenkulisse drängen sich mit dabei automatisch Assoziationen zu Vietnamkriegsfilmen auf: Charlie lauert überall!
Seltsam ist: Überall wo wir langkommen stehen Mädels und Buben im School-Dress am Straßenrand und winken, lediglich die Farben der Uniformen der verschiedenen Schulen unterscheiden sich. Erstaunlich, halb Andaman-Island scheint sich auf dem Bildungsweg zu befinden, strebsame Menschen sind das hier.

12.07. Port Blair

Nachdem der Himmel etwas Ruhe gibt schwingen wir uns auf die Suzuki für die Exkursion Richtung Norden, denn wir wollen uns den Mount Harriet anschauen, seines Zeichens höchste Erhebung auf den Andamenen. Es macht Spaß auf den kleinen Straßen langzudüsen, während alles auf einen zukommt oder hinter einem zurückbleibt -  die Dörfer, die Felder, feuchte Wiesen und Mangrovenwälder, riesige farnbewachsene urige Bäume; es sind richtige Charakterbäume, die nur so vor Kraft und Leben strotzen (ich würde mich nicht trauen einen zu fällen).
Vom Straßenrand her winken uns alle möglichen Leute zu, überall ertönt ein "Hello" verschluckt und abgehackt durch das Tempo, schreien Kinder als hätten sie exotische Tiere entdeckt, verfolgen uns neugierige Blicke. In der Ferne sind undeutlich im Dunst palmenbewachsene Hügel mit kleinen Hütten zu erkennen, davor schöpfen Männer mithilfe einer uralten Holzpumpe Wasser aus einem Brunnen; andere stapfen hinter ihren dickbäuchigen Wasserbüffeln durch den Morast der Felder, sie benutzen einfache Holzpflüge. Die gebückten Gestalten der Frauen in ihren knallbunten Saris leuchten aus den jungen hellgrünen Reisfeldern in die sie Stecklinge setzen.
Ab und zu tröpfelt es, doch jedes Mal, wenn wir  unsere Regenjacken auspacken, hört es wieder auf  - das scheint Gesetz zu sein. Wir fragen nach dem Weg und setzen den Slalom zwischen Kühen, Ziegen, Hühnern und Hunden fort. Besonders die gleichmütigen Kühe liegen oft breit auf der Fahrbahn und lassen sich durch nichts aus ihrem friedlichen Konzept bringen, sie sind die natürlichen Hindernisse auf den Straßen; vielleicht ahnen sie ja etwas von ihren Vorrechten und nutzen das schamlos aus. Ebenso wie die Tiere nerven die Speedbreaker - Bodenwellen, die man kaum sieht, dafür aber umso kräftiger im Arsch spürt. Sobald wir die Hupe eines Busses oder Lastwagens vernehmen, ist das ein ernstzunehmeendes Warnsignal, sofort die Fahrbahn zu räumen, sofern man sich nicht mit der Absicht trägt als Matsch auf dem Kühlergrill zu enden, denn sie brettern mit aller Kraft durch die Kante und Vorfahrt scheint sich hier in erster Linie nach Masse zu richten.

13.07. Port Blair

Interessant ist, daß, obwohl die Andamanen so nahe an Südostasien (speziell bei Myanmar und Indonesien) liegen, es hier drei negroide Stämme gibt, die wirklich afrikanisch aussehen: die Onge, die Jawara und die Sentinelesen. Sie sind Ureinwohner die größtenteils noch immer abgekapselt von der "Zivilisation" leben und sich weigern, irgendwelche "Kultur" zu übernehmen oder Siedler in ihr Gebiet zu lassen. Ich habe Stories gelesen, denen zufolge sie ab und zu zur Abschreckung ein paar Siedler (meist Festlandsinder aus dem Süden oder flüchtende Tamilen aus Sri Lanka) killen; andere Stämme auf abgelegenen Inseln empfangen die jährlichen Abordnungen von Regierung und Wissenschaft zwecks Kontakzaufnahme und "Erforschung" - und obwohl sie mit Geschenken locken - nun schon traditionell mit einem Pfeilhagel.
Sie scheinen entdeckt zu haben, daß dies - traurig aber wahr - der einzige Weg ist, nicht vom Zivilisationgeschwür gefressen zu werden.
Und es ist nicht so, daß die Eingeborenen hier die widerspenstigen Gallier wären, sie leben abgedrängt auf ein paar ihnen verbliebenen Inseln oder in Reservaten, während der Großteil der Andamanen voon indischen Siedlern belegt ist. Die indische Regierung rührt kräftig die Werbetrommel für die Inseln und animiert die Leute mit Subventionen und Vergünstigungen angesichts der prekären Menschendichte auf dem Festland.
Von jedem der Stämme (es gibt noch einige eher asiatische) leben heute nicht mehr als ein paar hundert, bei manchen sind es sogar bloß noch einige dutzend. Wenn erst der große internationale Flughafen in Port Blair, an dem zur Zeit fleißig gearbeitet wird, in zwei, drei Jahren fertig ist, wird diese Entwicklung wohl endgültig unumkehrbar sein.

14.07. Havelock Island

Momentan liege ich unter dem Moskitonetz und der Ventilatorbrise in unserem Hüttenzelt in Nähe des Dorfes Nummer 5 auf Havelock Island, etwa 40 Kilometer von Port Blair entfernt. Die Orte auf dieser Insel, eher winzige Hüttenansammlungen, sind so klein, daß sich niemand die Mühe gemacht hat, ihnen Namen zu verpassen, so heißen sie denn Dörfer 1 bis 7. Unser "Hotel" Coconut Grove besteht aus einer handvoll kleiner zeltförmiger Holzhütten auf Stelzen und einer ebenso kleinen Imbißhütte, man könnte es als einmalig romantisch bezeichnen, und das trifft es wohl: Direkt am Strand, absolut ruhig bis auf das  sanfte Schlagen der Wellen (ich meine auf der ganzen Insel gibt es kaum Straßen und höchstens ein halbes dutzend Busse), feiner Sand unter den Füßen,endlich Sonnenschein, schattenspendende Kokospalmen wiegen sich über dem Kopf, eine fette Bananenstaude hängt zur Selbstbedienung in der Imbißhütte, die Leute sind absolut nett und umgänglich - Herz was willst du mehr?!
Es sind Frösche die hier in warmer Tropennacht die Luft mit kakophonischem Gequake erfüllen; Quaken und Zirpen unter Palmenwedeln, die wie Risse in den nachtblauen Himmel greifen, und das Meer ordnet die Spur der Blätter und Muscheln unablässig neu, beständige Linie der Wellen, durchbrochen von den krümelumhäuften Höhlen der Krebse, die mit ihren mobilen Appartements auf Achse sind.

15.07. Havelock Island

Was für eine Premiere!
An diesem Strand zu sitzen, auf das dunkle glatte Meer und die kleinen Wellen zu schauen und Palmenwedel und Mangrovenäste beugen sich über mich. Hunderte Krabben stelzen und trippeln herum wie kleine lautlose Aufziehpüppchen mit Richtungsdefekt. Das beste an dieser Szene ist der Fast-Vollmond der über dem nächtlichen Meer steht als wäre er geradewegs einem dieser "Romantik"-Poster oder Liebesroman entsprungen, er schimmert durch eine dünne Wolkendecke auf das Wasser, wo sich eine silbrige Reflexion bildet: Ein schlängelnder Pfad führt in den Silbersee, ein Moonlight Drive der im Ancient Lake mündet und unten in der Tiefe ringelt sich die Schlange. Kleiner Ritt gefällig?
Das Ganze hat etwas von einer Kulisse an sich, der Mond hängt am Himmel wie ein Spot der den Auftritt des Stars ankündigt; wem wäre es vergönnt den Vorhang der Nacht zu teilen?
a) Jesus, der mit ausgebreiteten Armen moonwalkmäßig übers Wasser wandert (wo hat er den Wein versteckt?)
b) Die zarte Meerjungfrau, die auf einem diamantenem Felsen sitzend ihr güldenes Haar kämmt und ihren sirenenhaften Gesang über den dunklen Spiegel des Meeres schickt
c) Eine abgedrehte Band mit flowendem Mond-Groove, sie bläst in Muschelhörner, trommelt auf Seeigeln und greift in die Saiten einer (S)eegitarre
(Nessie und Fischers Fritze treten außerhalb der Konkurrenz an)

(c) 2001 David Pinzer
(Fortsetzung in LOver 34)

Fritten Afternoon

The Cure
( Ro Li. B)
 

Zurückhaltend, distanziert
Schaut sie dich an
Aber sie ist reich
Du glaubst es nicht
Schon ein Almosen
Macht mich glücklich
Und mitten in der Nacht schenkt sie
Dir die glücklichsten Zeiten deines Lebens
Süchtig stehe ich an der Mauer
Was bleibt mir weiter übrig
Sitz ich zitternd am Ufer
Eben konnte ich noch strömen
Dem Fluß erzähl ich alles
Was mir in den Schoß fällt
Dem reißenden Ungeheuer

Die Woge

blicke treffen sich
augen
warm, liebevoll
vorsichtig streichelnd
lippen berühren sich sanft
befeuchten sich schmeckend
mee(h)r
kuss taucht in die tiefen des meeres
berauschend
weit
mal sanft, dann kraftvoll
zehrend
mitreißende wogen
die schließlich gischt sprühend
am ufer
erlösend
im sand
weich
zur ruhe kommen

Anne
 

Siegfried Völlger

Die maßlose Gesellschaft

(Diskussionsbeitrag anläßlich der 27. Tage der Kinder- und Jugendliteratur in Leipzig am 12. Mai 1989)
An den Anfang sei ein Bild gestellt, ein Cartoon von Barbara Henninger: Ein Schiff droht zu sinken, und auf dem schlagseitigen Deck drängen sich die Passagiere nach den Rettungsbooten, während der Kapitän durch ein Sprachrohr tönt: "Freunde und Bekannte zuerst!" Damit ist der aktuelle Zustand der DDR-Moral, das hier herrschende Wertesystem drastisch, aber eindeutig beschrieben.
Ethische Werte sind markante Inhalte gesellschaftlichen Bewußtseins, Orientierungspunkte des sozialen Gewissens. Sie sind nötig, um das Handeln von Einzelnen oder von Gruppen in Freiheit zu regulieren. Durch solche wertorientierte Praxis innerhalb eines relativ großen Handlungsraumes nehmen Einzelne oder Gruppen ihre soziale Verantwortung wahr. Die drei Kategorien Freiheit, Verantwortung und ethische Werte bilden eine höchst sensible, untrennbare Einheit, in der die Störung auch nur eines Drittels die Dialektik des Gesamtgefüges in Frage stellt. Wo der Handlungsspielraum sich verengt, wo das Meer Freiheit durch immer perfektere Reglementierungen eingeengt wird zur schmalen Fahrrinne, wo also Freiheit verloren geht, verlieren die ethischen Werte ihren Sinn als Navigationsinstrumente, sie büßen ihre soziale Funktion ein, ihre Bedeutung konvergiert gegen Null. Es kommt zur ethischen Inflation.
Jede Erörterung zur Reinhaltung der Luft (beispielsweise), zu Ozonloch und Treibhauseffekt verkommt zu theoretischem Geschwätz, solange der Einzelne alternativlos zum Hausbrand verurteilt ist, gezwungen, auf primitivste Weise das zu verheizen, was man ihm vor die Haustür schüttet: brikettierte Heimaterde. Gewissenhaftes Handeln wird hier durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unmöglich gemacht, und im Gefüge solcher ethischen Nullstellen wächst Gewissenlosigkeit mit sozialer Dimension, die organisierte Verantwortungslosigkeit.
Die sozialistische Ethik steht inzwischen fast nur noch auf dem Papier (vornehmlich Zeitungspapier). Ihre einst postulierten Werte existieren zwar noch nominell, aber mit täglich schwindender Wirkung auf die gesellschaftliche Praxis, die sich zunehmend nach ganz anderen Regeln bewegt: Es ist eine Praxis, in der sich jeder, der mit solchen nostalgischen Werten daherkommt, der Lächerlichkeit preisgibt.
Es ist vielleicht nicht typisch, von einem miserabel gekleideten Menschen um ein paar Mark für dessen Hunger angesprochen zu werden - aber drei vier mal im Jahr widerfährt mir das hierzulande schon. Es ist gewiß nicht alltäglich, wenn ein junger, geistig und physisch offenbar recht gesunder Mann mittags einen Papierkorb durchstöbert und eine Hühnerkeule herausfischt, die er ein paar Schritte weiter dann abnagt - aber auch das habe ich unlängst mitten auf dem halleschen Marktplatz mit ansehen müssen. Es ist typisch geworden, daß leere Flaschen ordentlich neben Mülltonnen stehen (ebenso typisch ist ihr ehemaliger Inhalt: Alkohol). Aber es ist absolut untypisch, daß Flaschen und Gläser von Schülern eingesammelt werden. Die gegenwärtig Altstoffe sammeln, vor den SERO-Aufkaufstellen stehen, das sind meist alte Menschen, schlecht gekleidet, abgerissen, erbärmlich. Und diese Mitteilung dürfte niemanden überraschen, denn es finden sich neben oder auf den Mülltonnen, fein säuberlich sortiert, bereitgestellt: gut erhaltene Schuhe, getragene Oberbekleidung, zusammengelegt in Plastetüten. Es ist nicht zu leugnen: Alle wissen bescheid.
Die staatlichen Preissubventionen haben diese neue Armut in der DDR nicht verhindern können, aber sie haben ein weiteres, wesentliches Elend hervorgerufen: einen moralischen Werteverfall, die Entwertung der menschlichen Arbeit. Wenn Preise ein annäherndes Äquivalent sein sollen für vergegenständlichte Arbeit in der Ware, dann sind subventionierte Preise ein Äquivalent für entwertete Arbeit. Sie bedeuten direkt oder indirekt eine Entwürdigung  des arbeitenden Menschen. Subventionierte Waren verleiten zwangsläufig zur Verschwendung. Wo aber vergeudet wird - gleichgültig, ob natürliche Ressourcen oder Produkte menschlicher Mühe - dort wird spätere oder frühere menschliche Leistung verschwendet, schon vergegenständlichte Arbeit oder künftig zu erbringende, dort werden also Blut, Schweiß und Tränen vergeudet, menschliche Mühsal zum Fenster hinausgeworfen, dort wird das Menschsein mißachtet, wird dem Menschen die Würde genommen... Dort entsteht privater Reichtum aus dem zum persönlichen Vorteil umgemünzten allgemeinen Mangel, aber auch individuelle Armut mitten im subventionierten Überfluß.
Mit dem Geld, das ein Rentner in diesem Land regelmäßig zur Verfügung hat, finanziert man derzeit keinem Schüler der 9. oder 10. Klasse die Kleidung, von einer Schülerin ganz zu schweigen.
Die Kinder dieses Systems haben ein schweres Los: meist anspruchslos gegen sich selbst, aber maßlos in ihren Ansprüchen an den persönlichen Konsum. So bleiben sie unfähig zur Selbstbeschränkung und zum freiwilligen Verzicht - und insofern zur Freiheit. In den Köpfen dieser gegängelten Generation geistern nicht selten geradezu perverse Auffassungen von Freiheit herum, wobei die Vorstellungen vom eigenen Auto als verkörperter Freiheit oder von ausgetobter individueller Willkür als Freiheit-Suggorat noch die harmlosesten sind.
Die Frage, ob ein Glas halb voll oder halb leer ist, interessiert sie noch nicht einmal als theoretisches Problem; sie nehmen höchstens zwei absolute Größen wahr: das bodenlose Faß wuchernder Bedürfnisse und vielleicht das andere, wenn es eines Tages überläuft. Diese total reglementierte Generation ist - bis auf wenige hoffnungsträchtige Ausnahmen - hilflos, orientierungslos, sobald sich Freiräume eröffnen. Mit Freiheit verantwortungsvoll umzugehen, haben sie nicht gelernt. Aber zugleich fühlen sie sich eingezwängt zwischen all den gut gemeinten Restriktionen. Nur oberflächlich berührt vom bunten Flimmer der Unterhaltungselektronik spüren sie dennoch, daß ihre Zukunft verpfändet wird für eigentlich fragwürdigen Konsum. Und unbeholfen und naiv artikuliert eine Minderheit von ihnen, was eine stattliche Zahl als unbestimmten Frust erlebt: man sprüht die bisherige Inversion einer uralten Frage an die Wand: Gibt es noch ein Leben vor dem Tod? Sie tragen demonstrativ Trauerkleidung. Und sie bemalen die Wände ihrer Zimmer, wie sie die Zukunft sehen -  schwarz.
Jugendliche von heute wissen sehr genau, daß ihre Chancen für eine attraktive Berufsausbildung weniger von ihren Leistungen abhängen als vielmehr von den Beziehungen ihrer Eltern. Diese Gesellschaft ist überwuchert von einem immer undurchdringlicher werdenden Filz aus Beziehungen. Durch Beziehungen wird - fast - alles geregelt. Mancher will in diesem Beziehungsgestrüpp eine neue, lebenswerte menschliche Nähe entdecken, die anderen Gesellschaftsordnungen fremd sei. Es ist aber, genau besehen, tatsächlich nur jene Nähe, in der eine Hand die andere wäscht; das ist aber zugleich die böse Nähe der Ellenbogen.
Eine standardisierte Formel des DDR-Daseins, geradezu ein ethischer Standard-Wert der letzten Jahre lautet: Privat geht vor Katastrophe. Dieser Satz zeigt einen nicht mehr zu überbietenden Zynismus, gesehen aus der Perspektive eines Betroffenen, der ein bißchen weltfremd noch immer seine Ersparnisse aus altem ethischen Papiergeld hütet, der aufgewachsen ist mit utopischen Idealen, wonach ihm Arbeit zum Bedürfnis wurde, Gemeinnutz die höchste Tugend ist und Solidarität eine Selbstverständlichkeit.
Privat geht vor Katastrophe - damit wird nicht nur Goethes Faust satanisch verhöhnt - dieser Satz spiegelt eine noch nie dagewesene Orientierung des Handelns auf den maximalen individuellen Vorteil, das Hintenanstellen jeglicher sozialer Anliegen, den Rückfall in die Barbarei.
Der Rückzug ins Private, ins Schneckenhaus der eigenen vier Wände, ist millionenfach im Gange. Überall begegnet man einem geradezu krankhaften Streben nach Autarkie, nach vermeintlicher oder tatsächlicher Unabhängigkeit von den immer unsicherer werdenden Leistungen der Gesellschaft. Es geht schon längst nicht mehr um die überdimensionierte Tiefkühltruhe. Das private Auto muß den zusammenbrechenden öffentlichen Nahverkehr ersetzen und angestrebt wird wohl die familieneigene Trinkwasseraufbereitungsanlage und das Notstromaggregat auf dem Balkon. In all dem steckt ein bodenloser sozialer Vertrauensverlust, der zwangsläufig entsteht, wenn viele Einzelne, jeder für sich, durch die Umstände immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen werden. Diese Vereinzelung hat bereits ein bedenkliches Maß erreicht. Die Vereinzelungstendenz ist aber nicht nur ein Zeichen für die moralische Krise der Gesellschaft.
Wenn dieser schlimme Trend nicht umgehend durch tiefgreifende ökonomische Reformen gestoppt wird, wenn nicht bald bedeutende Freiräume in Wirtschaft und Kultur geöffnet werden, wenn nicht sehr schnell Verantwortung wieder dahin zurückfindet, von wo sie über Jahrzehnte durch Bürokratie und Schlendrian verdrängt wurde, wenn nicht umgehend dem engagiert und risikobereit Arbeitenden seine ursprüngliche Würde zurückgegeben wird durch konsequentes Honorieren erbrachter Leistung, wenn die tatsächliche Produktivität nicht drastisch gesteigert wird, wenn also der Einzelne auch weiterhin immer häufiger auf sich selbst zurückgeworfen wird - dann droht die totale Vereinzelung. Das aber würde das Ende bedeuten, die Auflösung dieser Gesellschaft.
Über diesem Land schwebt ein stummer Schrei - wer nicht völlig taub ist, wird das spüren. Und wenn diese Gesellschaft noch zu retten ist, dann schreit sie nach Veränderung.
  Roland

Eskalierende Gewalt in den Schulen der Nation

Von Hartmut Barth-Engelbart

E(h)rfur(ch)t
oder warum beim Aufstoibern alter Werte ausgediente Feldwebel die Schulhöfe befrieden

Auf Wahnsinn folgt Wahnsinn folgt Wahnsinn. Weder das Waffengesetz, die Videospiele noch die Schützenvereine sind der Kern des Problems. Diese Problemchen werden eher noch von Oberbürgermeistern und Landräten gehätschelt und als eventuelles Hilfspolizeireservoir gepflegt und stärker subventioniert als Jugendzentren und Schulsozialarbeit.
Konsequenz: Bundesgrenzschutz auf den Campus, Polizeiwachen auf den Schulhof, sponsored by McDonalds und PepsiCola oder BindingLager oder Karamalz. Kaum ein Mensch - außer dem sich zurückziehenden Ruppert von Plottnitz vielleicht - fragt jetzt mal öffentlich nach den Ursachen oder weist darauf hin: wie man in den Wald schießt so schießts auch wieder raus.
Jetzt geht (wie damals nach Freising) ein Ruck durch die Nation: Schüler müssen wegen der Nestwärme enger zusammenrücken, wo 33 reinpassen, passen auch 35 rein, im Hauruckverfahren werden Schwachstellen in der Auslastung der Lehrkörper und so ungenutzte Zeitguthaben gesucht und gefunden, Einsparpotenziale durch Stellenrücken, Optimierung der Betreuungsdichte bei Sozialpädagogen und Schulpsychologen (Beratung per internet), Einrücken von Zivilschutzreserven auf die Schulhöfe, und es werden jede Menge Trostpflästerchen und Notverbände herausgerückt, Haushaltstitel werden kurzfristig verrückt und nach Beendigung der Trauerveranstaltungen wieder zurechtgerückt. Und bereits vollzogene oder bevorstehend beschlossene Kürzungen im Bereich der Jugendhilfe, der Jugendsozialarbeit etc werden schnell übertüncht, getarnt aus der Schusslinie genommen und ins rechte Licht gerückt.
Jahrelang wurde offiziell gegen die "Kuschelpädagogik" gehetzt, die Gegner des Zensurenterrors verteufelt, sozialdarwinistische Ausleseverfahren heilig gesprochen, das Zentralabitur möglichst schon in die vierte Grundschul-Klasse vorverlegt, das Grenzensetzen gepredigt, wo durch kultus-bürokratische Will-Kür und -Pflichten, durch Arbeitszeitverlängerung und -verdichtung, durch Stellenkürzung und Paukverplanung längst die dadurch immer enger gezogenen Grenzen Lehrer und Schüler strangulieren. Sich für Schüler Zeit nehmen, heißt heute "Zeit verlieren"!! Und wer sich dafür die Zeit stiehlt, der begeht ein Dienstvergehen. Diebstahl auf Kosten der Kollegen und des Staates. Wie sollen Schüler zu Menschen Vertrauen gewinnen, die keine Zeit für sie haben, die nicht zuhören können, die ihnen nichts zu sagen haben, weil sie ihre Probleme gar nicht kennen, die sie sanktionieren, bestrafen, bloßstellen, erniedrigen, von oben herab be- und verurteilen, benoten und noch nicht einmal danach fragen, nicht wissen, was das bewirkt. (Und das schwerpunktmäßig in den Schulstufen, wo die Pubertätsprobleme nach allen Seiten - und nach Innen - ausschlagen.) Menschen, die Folgen ihres Tuns verdrängen oder es wissen was sie mit welchen Folgen und es trotzdem tun oder gerade deswegen. Das ist Zucht mit extrem Abhängigen. Und das ist die Regel, die ganz harmlos wirkende und unauffällige normale Regel. Die mit ihrer vernichtenden Wirkung (noch immer) in jedem Schulwinkel haust. Dieses Regel-Räderwerk wird tradiert, seit Jahrhunderten, nur die alltäglichen Blutspuren sind nicht mehr so alltäglich. Prügelpädagogik mit neuer Fassade: die nichtprügelnde Prügelpädagogik wird nicht gelehrt, sie wird eindressiert. Nicht auf den Paukböden schlagender Verbindungen (auch die sind wieder im Kommen!), sondern in den Dressurpaukveranstaltungen der Lehrerausbildung (besser: Pädagogikaustreibung, schulpolitischer Exorzismus) in überfüllten Gross-Seminaren und Vorlesungen - ausgelastet bis zum letzten Notstehplatz, betriebswirtschaftlich durchkalkuliert, hier wird diese nichtprügelnde Prügelpädagogik am LehrerCorps durchexekutiert. Gibt es eigentlich noch Professoren, die ihre Studenten kennen können? Wann kommt der Anschlag auf den AfE-(uni)turm, das Massaker im IG-Farbenhaus, das Blutbad am Niederurseler Hang? Ich kenne eine Reihe von Studenten verschiedenster Fachrichtungen und verschiedenster Fastabschlüsse, die schon subjektiv vor der Wahl standen: Springen oder Sprengen? Wer kann sie aufhalten? Kann sein, dass die Entscheidung bereits in der kostengünstigeren Großgruppe in der Kindertagesstätte gefallen ist, in der 32er Grundschulklasse (eine 23er ist auch schon viel zu groß) oder an der Türe des Lehrerzimmers, die aufging und eine entnervte Stimme nur etwas gereizt krächzte: "Jetzt habe ich aber gar keine Zeit". Klar, war ja große Pause und die Arbeitsblätter waren noch nicht kopiert, nicht genügend Bücher für die ganze Klasse und die Koordination noch nicht fertig und zwei Eltern am Telefon und der Kaffee schon kalt. So werden Opfer Täter und Täter Opfer. Und dann Herr Schröder, sind es "faule Säcke". Wobei der Stoiber das Gleiche denkt, es aber vor der Wahl nicht sagt. Und die Frau Hohlmeier ist eine Wolff im Schafspelz und hat zur Zeit etwas Kreide gefressen aus Solidarität mit dem Lehrkörper. Achtung vor Menschenleben? Schießen unsere Schnellen-Eingreif-Trpps etwa aus Wasserpistolen, werfen unsere Tornados etwa nur Kalorienbomben ab und sind die Raketen an den Tragflächen nur Stuka-tour am Märchenhimmel? Hat ein deutscher Leopard heute keine Reißzähne mehr wie vor 60 Jahren der deutsche Tiger? Das alles ist Reality-TV und kein Video-Spiel. Und diese "Mission" politisch abzustellen wäre als aller erster Schritt durchaus nicht "impossible". Wer diese Real-Gewalt-Videos abstellt, der rettet zigfach mehr als 17 Menschenleben. Und gibt den Youngsters eine andere Orientierung.
Auf Wahnsinn folgt Wahnsinn folgt Wahnsinn: wie man in den Wald schießt so schießt's auch wieder raus.
Mit leicht getanen Federstrichen ihrer Büttel entscheiden die Kultusbürokraten und Finanzminister, die Kaputtsparer von CDUFDPSPDGRÜNENPDS......; die Nichtabnehmer der Produkte aus der Ausbildungs-Zuliefer-Industrie, über Biographien, über das Leben (und den Tod, auf Raten mit Drogen oder per Selbstmord, auch auf getunten Rädern) Zigtausender Schüler, über Elternschicksale und über auch die Schicksale vieler Täter-Opfer, vieler Lehrer/innen, die es gelernt haben, nicht gegen inhumane Arbeitsbedingungen zu streiken, sondern eher als Vollzugsbeamte nach unten zu treten.
Das folgende Gedicht entstand vor ca. 6 Jahren. Der Autor weiß, wovon er spricht. Er ist selbst Lehrer.

Schulkampf:

Der Aufschrei
der Leistungsbüttel
hallt durch den Blätterwald
kreischt aus der Röhre
flimmert exotisch
über den Bildschirm
Die Welt geht unter!
5 US-Soldaten und drei deutsche
sind in Afghanistan gefallen
nach Tausenden von Bomben
fast ein Wunder
nur fünf und drei
Der Aufschrei
schrillt nach
Weltbilduntergang
nicht vorne wo
im Irgendwo
Exotistan
Nein. Das Schreien gilt
der Nahkampf tobt
ganz nah und alltags
gellend an
der Heimatfront
Aus- und nachgerüstet
mit den schwersten Waffen
Notenbüchern
Zeugnisformularen
und Bußgeldtorturnistern
und neuen Wolfsgesetzen
ziehen sie
wochentäglich an die Front
Schulkampf
Schulhöfe
sind
Selektionsrampen
geblieben
die deutsche
Industrie Norm
DinA links, zwo,drei,vier
hat sich schon
vor der Schädelformvermessung
als viel zu starr erwiesen
um den Arbeitssklavenmarkt
den weißen, grauen, schwarzen
bedarfsgerecht
und passgenau zu füllen
der Kinderkopf
als Bildungsziel
betrommelfeuert
und behämmert
gedrückt
gepresst
gerichtet
be- und eingetrichtert
bis er paßt
Anforderungsprofile
kreischen sich
cd-gesteuert
in der Schuldrehbank
durch Fleisch und Blut
durch Bauch und Herz und Hirn
durch Restrückgrad
und Knochenmark
wo gehobelt wird
da fallen Späne
ohne Handwerk
keine Industrie
das Waffen-High-Tech
braucht das Waffenhandwerk
das Schlachtfeld Schule
braucht den Unteroffizier
den Korpsgeist
und den Standesdünkel
den Fundamentalismus
aus der Mittelschicht
und das Niveau
schulmeisterlicher
Hirne
- im Durchschnitt
einmeterneunundsiebzig
plus Ortszulage
über Meeresspiegel-
bestimmt am Horizont
das Ende
der zivilgebombten
Erdenscheibe
Der Mittelpunkt
des Universums
befindet sich
im Zentrum
eines Pausen-Kaffeebechers
bisweilen auch
im Strudel
einer Tasse
lauwarmen
Hagebuttentees
Das Wohl des Kindes
auf den Lippen
stürzen sich
Battaillone
von Durchgreifkommandos
ins Getümmel
auf dem Schulschlachtfeld
nahkampfgeschulte
Einzelkämpfer
zwischen den Fronten
im Niemandsland
aus harmlosen Instrumenten
werden in ihren Händen
mörderische Waffen
sie töten
mit Blockflöten
selbst die Guitarre
wird zur Knarre
nur wer sich wehrt und sträubt
wer den Befriedungseinsatz stört
wird angeschossen
wahlweise aus-
und eingeschlossen
und betäubt
so gibt es auf dem Schulschlachthof
kein Blutbad mehr und keine Toten
der Schlagstock ist verboten
keine Striemen auf den Pfoten
keine Kopfabnoten
Strafexpeditionen
Standgerichte
erwiesen sich als ungeeignet
den Widerstand
im Niemandsland
zu brechen
Das Lehrerfreicorps
hat gelernt
mit ethisch einwandfreien Federstrichen
den Gegner zu entwaffnen
Entwicklungsstandsberichte
ersetzen Standgerichte
Entwicklungshilfsaktionen
statt Strafexpeditionen
Beratung gibt es
statt Verhöre
statt Spionage
Hausbesuche
Arrest wird zum
sozialen Training
und Straf- und Zwangsarbeit
zum Förderkurs
Der Blockwart
wurde schon vor Jahren
zum Kontaktbereichsbeamten
umbenannt
gestrichen
und jetzt wieder eingeführt
als Schützenvereins-Ehrenamt
damit die Menschen sichrer leben
Und sage keiner
dass sich an der Front
nichts täte
Alles drängelt zu den Waffen
alle sind sie angetreten
"Rührt euch!"
ein Ruck geht durch die Reihen
und alle haben sich
gerührt
Bisweilen kann man
spüren, sehen, hören
wohin uns dieses Rühren
führt

1994 (2001 neu bearbeitet)

siehe auch www.gegenstandpunkt.de "16+1 Leichen in Erfurt" in Gegenstandpunkt 2-02

Nachbemerkung:

Nach den wieder geltenden Wolfsgesetzen gibt es jetzt zwar keine Ausschlussprämien, auch keine feststehenden Auslesequoten aber endlich wieder die Kopfabnoten ohne die der Lehrkörper mit leeren zur Strafe erhobenen Händen dasteht wie bei einer Kapitulation mit weißem Fähnchen, das sich noch fix in den Wind halten lässt.
Doch selbst die erhöhten Eintrittsschwellen gegen erfahrungsgemäß renitenteres und gewaltbereiteres Unterschichtenpotenzial kann vor Ausfällen abstiegsgefährdeter Mittel- und Oberschichtsprößlinge nicht schützen. Höchstens überstundenfreie, ungestresste, ausgeglichene, kinderfreundliche, nichtrassistische, nicht nachtragende, untraumatisierte, nicht überqualifizierte und so nicht frustrierte, angemessen hoch bezahlte, menschen- und grundrechtsversierte, sozialpädagogisch durchtrainierte, polizeipsychologisch trainierte, mediationserfahrene, fröhlich gutgelaunte Scharfschützen in transparenten Sandsacknestern auf den Dächern könnten etwas nützen. Aber so etwas können wir uns unmöglich leisten. Bei der aktuellen Haushalts-, Wirtschaftswachstums-, Dow-Jones-, DAX- und Nemax-Lage .... Beim besten Willen nicht, das werden Sie doch verstehen, bei Ihrer Bildung, Ihrem Abschluss ..... Wenn nicht, dann müssen Sie ganz einfach daran glauben.)
Geschrieben und umgeschrieben nach Erfurt aus Ehrfurcht und Trauer um die vieltausend mal 17 Opfer und aus unendlich mehr Furcht vor dieser VerGEWALTigungsmaschine

Die Trauerfeiern sind vorbei
pro Jahr ein Sonntag für die Toten
wir ziehen weiter in den Krieg
und geben weiter Noten

Hartmut Barth-Engelbart

Re ¤ act ¤ or

Betreff: LL2002-Krisenstab
Liebe Geheimnisträger, Aktivatoren und harte Kerne!
Dieses Jahr wird es nichts mit Lapsus live in Zarnekla.
Wir haben alles um und um überlegt (und überfühlt), aber wir haben derzeit rein gar nichts frei für diesen Akt.
Vielleicht läßt sich ja woanders noch was löten.
Nichts für ungut! Und das for ever!    Ro Li

Hallo, liebe LapsusInnen! Ich bin auf den nächsten Lapsus-Rundbrief gespannt.
Schöne Tage wünsch ich euch!    Roland

Servus Leo, [...] Fingsten fahren wir eher nicht nach TM, nicht sehr anziehend einfach. Clemens kommt aber bestimmt.
Mach's gut -    Roland

LAPSUS LIVE Nr. 20 - RockRagnarök
Ragnarök ist ein Begriff der nordischen Mythen. Er bedeutet Weltuntergang. Etwas Untergangsstimmung war im Vorfeld von LAPSUS LIVE 2002 zu spüren. Der gewohnte Ort stand nicht zur Verfügung. Der neue Ort erlaubte nur ein sehr familiäres Zusammensein. 11 Lapsusen und 7 Lapsoten konnten in Tangermünde dabei sein, mehr Platz war leider nicht vorhanden. Sie erlebten ein Programm, das - gemessen an seinen Vorgängern - eher sparsam zu nennen wäre. Am ehesten kann man es mit dem von 1982 vergleichen. Vor 20 Jahren hatte das Silver Jubilee der Eltern ein Kurzprogramm verursacht.
"Klein aber fein" - so könnte man das Programm beschreiben, das von Regina, Frank, Dirk, Achim und ihren Mitstreitern - liebevoll wie immer - auf die Beine gestellt wurde.
Völlig neuartig und sehr spaßig waren die Neusynchronisationen von "Der Alte" und "Sabine Christiansen", die Regina und Dirk ausgeheckt hatten.
Manch einer schaut jetzt vielleicht nachdenklicher in den Spiegel - 'Passt es zu meinem Vornamen?'. Nur wie das mit dem Internet geht, weiß der Alte wahrscheinlich immer noch nicht...
Besonders beeindruckend war Franks Dia-Bericht von seiner Reise durch die Ténéré. Untermalt von stimmigen Tribe-Vibes plauderte Frank über seine Erlebnisse und Eindrücke in der nigerianischen Wüste.
Musikalisch war die eingeschlagene Richtung der Dia-Ton-Vorträge diesmal eindeutig Progrock. Yes und King Crimson sind Ikonen dieser Spielart und die ausgewählten Stücke bewiesen die außergewöhnliche Stellung dieser Bands. Leider hatte Leopold keine Generalprobe angesetzt und lief deshalb mit King Crimson ab und an ins technische Abseits - sehr schade.
Sehr stimmig und exzellent synchron war Dirks Beitrag "Meine Heimat DDR" mit Songs von Silly und Schwarzweißfotografien aus der DDR.
Tja - was gab's noch? Baden, Grillen, Quatschen, Lachen, Essen, Essen, Essen, Sonne, Billard, Regen...
Und das einhellige Resümee, ein angenehmes Pfingstwochenende verbracht zu haben - auch ohne Dampferfahrt und Radtour.
Großes Dankeschön an die Gastgeber Anni und Eckart, die LAPSUS LIVE zum wiederholten Male möglich machten und wie immer hervorragende Gastgeber waren. Danke an alle, die dabei waren. Küsschen für Frieda, die weiß, wo Pfingsten was passiert.
Keep On Rockin'!    Leopold Lapsus

Hallo, Wunderschönes Frühlingswetter und wieder einmal stand Lapus vor der Tür. Im Gepäck hatten wir unsere Diatonvorträge und die synchronisierten Sendungen auf Video. Die Idee zu "Meine Heimat DDR" geisterte schon des längeren in meinem Kopf herum. Doch wollte ich zunächst nicht so recht an eine stimmige Verkoppelung von DDR-Fotos mit meiner Lieblingsmusik von Silly aus DDR-Zeiten glauben. Und entsprechend viele Fotos aus "guten alten DDR-Zeiten" zu finden, schien mir auch äußerst mühselig zu sein. In der Bibliothek fand ich jedoch reichlich Material und dazu schön komprimiert in ein paar ausgezeichneten Fotobänden. Kurzerhand hatte ich mich dann 4 Wochen vor Lapsus doch noch an die Arbeit gemacht und den Vortrag zusammengestellt. Ich war letztlich selber überrascht, wie sich die Bilder mit der Silly-Musik, die vor allem auch textlich an Aktualität und Kraft für mich nichts eingebüßt hat, vertrugen. Erinnerungen wurden wieder wach.
Eine neue Art von Beiträgen stellten auch unsere Synchronisationen und Zusammenschnitte von der Promi-Talkshow "Sabine Christiansen" und der für uns zur Kultserie avancierten Krimireihe "Der Alte" dar. Die Idee zu synchronisieren entwickelte sich mehr oder weniger spontan (was auch zu merken war) u. a. an den vielen Abenden, an denen wir (Regina und ich) uns bis zum Überdruß auf diese sich monoton wiederholenden und klischeehaft ablaufenden Sendungen einließen und nicht umhin kamen, den Promis und Darstellern neuartige und nach unseren "Geschmack" passendere bzw. authentischere Worte in den Mund zu legen und aberwitzige Dialoge zu entwerfen. Und letztlich wurde auch der Alte zu einem Lapsus-Fan, der im Vorfeld zu Lapsus Live und in Konkurrenz zu seinen Kollegen immer wieder den Kontakt zu Achim suchte, der wiederum verständlicher Weise hin und wieder mal genervt den Hörer auflegte. Die Realisierung der Synchronisationen war letztlich jedoch mit einem gewissen Aufwand verbunden hinsichtlich der im Vergleich zu richtigen Studios dürftigen Technik, die uns zur Verfügung stand. Für unsere Zwecke reichte diese jedoch vollauf aus.
Hervorheben möchte ich an dieser Stelle auch, mit welchem Enthusiasmus Julia sich an der Synchronisation beteiligt hat. Julia stand für die Synchronisation nur einen Abend zur Verfügung, also mußten wir sehr produktiv sein und brachten es innerhalb von ca. 3 Stunden auf eine halbe Stunde synchronisierten Alten. Mit Julia zusammenzuarbeiten war wirklich eine Freude, und wir waren schön aufgeregt und haben viel gelacht über soviel spontanen Klamauk.
Insgesamt haben mir alle Beiträge sehr gut gefallen - egal ob Franks beeindruckende Afrikareise in Wort, Musik und Bild, Reginas liebevolle YES-Musik-Reprise erster Teil mit ebenfalls vielen tollen Bildern und einer mit viel Aufwand betriebenen Textübersetzung oder Achims technisch originelle und teilweise brillante Musik-Bilder-Film-Show  und den Übersetzungen der vielen eigenwilligen und kritischen Texten von King Crimson, in deren Musik sich Genialität widerspiegelt. Das läßt sich aber auch von YES sagen. Und auch die Rockband Silly war auf ihre Art genial.
Nun aber noch das Wichtigste: Ein Dank an Anni und Eckart, die als Gastgeber nichts zu wünschen übrig ließen! So konnte Lapsus Live auch in diesem kleineren, eher familiären Rahmen zu einem insgesamt schönen Erlebnis werden.     Dirk

Hallo Achim, nein, leg' nicht gleich wieder auf, sonst denk' ich noch, ich bin im Film.
Deiner Lapsus-Zusammenfassung möchte ich eigentlich nur einen speziellen Dank an Anni & Eckart hinzufügen, die sich als Gastgeber enorm ins Zeug legten und durch ihren beherzten Entschluß Lapsus in diesem Jahr erst möglich machten. Ich hoffe und glaube, daß sie es trotz der vielen Arbeit und den halbvollen Saftgläsern nicht bereuen!
Beim Durchsehen unserer Lapsusfotos (eine Auswahl landet demnächst bei Dir im Briefkasten) stieß mir nur eines auf: Die Nummern 1, 4, 7 und 14 müssen unbedingt zum Friseur! Es muß ja kein Hundefriseur sein...
Ja, ich fand dieses Minilapsus auch recht erfreulich, und das Programm schien mir vom Umfang her völlig ausreichend, dazu abwechslungs- und ideenreich. Und es gibt schon wieder vage Ideen für's nächste Mal. Die Hoffnung höret nimmer auf. (Hoffen und Harren...)
Liebe Grüße,    Regina [1 - Anmerkungen von Roland in eckigen Klammern siehe unten]

Na dann Tschüß! und macht's besser!
Ich habe es gewußt, daß es unter "LAPSUS LIVE Nr. 20" internettet werden wird.
Der "Weltuntergang" Ragnarök - nur ein wenig beschrieben - heißt, daß der Weltenbaum während des Kampfes der Asen-Welt (die Guten) gegen die Unterwelt der Riesen (die Bösen) in Flammen zusammenbrechen und das ganze Weltgefüge über den Haufen werfen wird (auch die Mittelwelt der Menschen). Was die Götter schon vor Kampfaufnahme als Wissen von den Nornen mitgeteilt bekommen. Wenn in der Rockmusik die Heroen im Kampf gegen die poppigen Riesen (Michael Jackson?) untergehen und alles im Chaos versingt - ? Oder hat Lapsuslive jeden Anspruch verbannt verbrannt, weggegrillt - ? Die Lapsus-Walhall ist leer - ? Oder werden ab nun nur noch Hosen getragen - ??? Über die Taten der Einherjer wird nichts berichtet. In einem Tal zwischen Bergen wird der Stumpf der Weltenesche vom Feuer verschont. Dort werden ein Mann und eine Frau, Lif und Lifthrasir, überleben und sich vom Morgentau ernähren. (Und der schuldlose Balder wird aus Hel zurückkehren...)
Also "Untergangsstimmung im Vorfeld von LAPSUS LIVE 2002". Auf dem Maisacker hier? Kein Wunder bei den Fungherbpestinsektiziden, nicht wahr? Oder was war hier los? - Hat niemand gefragt. "Der gewohnte Ort stand nicht zur Verfügung." Und sonst so?
Na aber hallo - und die gewohnten Menschen? (Zufällig trafen wir Fingstsonntag in der Nähe Nina, "endlich mal frei".) Aber mißachtet fühle ich mich. Es ist nicht der gewohnte Ort, der mal eben so Lust hat, "zur Verfügung" zu "stehen" oder auch nicht. Und ich habe so die Nase voll davon, im LOver rumzukriechen und um helfende Hände im LAPSUS-GEIST zu winseln. Sense. Oder manifestes zu beschwören, wo hier kein Frosch nach quakt. Dieses ganze Lapsusfeeling, was ist das auch fürne geile Torte geworden, watten fürne fette Grillwurscht, für die man schon mal "mitstreitet". Oh Gott! Na der iss aber auch auf die Beine gestellt! "Leider (!) war nicht mehr Platz vorhanden" - na von dem Leider habe ich nichts gemerkt. Kein Lapsusler hat auch nur einen kleinen Furz des Bedauerns übrig gehabt, jedenfalls habe ich hier vorgewohntenort nichts zu riechen gekriegt. Kein Mux, warum denn der "mehr Platz" nicht wie bewohnt vom Himmelbett fällt. Da ist doch wirklich nichts an unelektronischer SubsTanz da. Nicht mal eine Krise. Von wegen "Weltuntergang".
Freundliche Ausnahmen sind Regina und Dirk (und auch Micha aus Berlin).
Achso, ein weiteres Schlüsselerlebnis zu wissen, wovon ich rede, hatte ich "im Vorfeld" Greifswald "von LAPSUS LIVE 2002":
Ich hatte Clemens zum Bahnhof gebracht, wo wir uns mit Dirk und Regina trafen, die dann zu dritt zum Fingsttreffen nach Tangermünde fuhren. Stand da auf dem Bahnsteig gegenüber ein langhaariger junger Bursche, etwa 19, mit einer Klampfe und rockte paar Riffs rauf und runter vor sich hin. Ich sagte zu Regina: "Früher sind wir hingegangen und haben die Leute angequatscht und zu Lapsus eingeladen!", meint Regina: "Ja, aber auch nur Du."
Na dann also "angenehme" Dampferfahrten bei den "hervorragenden" Gastgebern.
Und nach den ersten Fotos, die ich von "LAPSUS LIVE 2002" sah, möchte ich mich sehr bei den (sich angesprochen fühlenden) Lapsuslern entschuldigen, viel mehr um Verzeihung bitten, für all den grausamen Zwang all die Jahre in Zarnekla, das Essen, Essen, Essen und Scheißen, Scheißen, Scheißen, na ihr wißt schon! Sonne! Blizzard! Regen!
("Danke an alle, die dabei waren." Besser kann man doch den "inner circle" [Zitat Frank] gar nicht beschreiben...)
Nun noch eine Rezension eines Beitrags. Bei Regina und Dirk konnte ich mir neulich "Der Alte" neu! anschauen und viel mehr hören. Ich habe mich größtenteils halb kaputt gelacht (was bei mir gefährlich ist, da ich schon halb kaputt bin). Es gab einige Höhepunkte, zum Beispiel die Szene, wo sich der Alte als Täter ausgibt und der Zivi völlig verdattert ist und sein Ragnarök erlebt oder die Szenen, wo der Text so völlig absurd zu Gestik und Mimik paßte, oder die Charakterstudienszenen. Die allerdings sich dann doch zu häufig in Wiederholungen hinzogen. Aufschlußreich waren wieder einmal die Themen, die den Neuautoren der Texte mal eben so spontan einfielen, wie Bremsspuren in Unterhosen, Männerschweiß oder die Sprünge in diversen Schüsseln. Mehr tieferen Sinn hätte alles gern haben können bei der Länge. Mißfallen hat mir sehr im Nachhinein die Verramschung der Bilder, wo Menschen getötet wurden oder Leichen in ihrem Blut zu sehen waren. Ich möchte solche Bilder nicht x-beliebig besprochen sehen. Übrigens habe ich letztens mal wieder einen guten Film im Kino gesehen (Thema u.a. verlorene oder bewahrte Träume und Ideale, tjaja): "Was tun wenn es brennt" ("Das Feuer in Gang halten" tjaja, Ragnarök...), da lebte die Hausbesetzergruppe u.a. von der Aufwertung vorhandener Mainstreamfilme durch selbstgedrehte Sequenzen oder auch Neusynchronisation...
"Tja - was gab's noch?"    Roland
P.S. Und ich kenn noch ne Masse mehr Leute, die wissen, wo Fingsten at was passiert.

Hallo Achim, da es bis zur Ausgabe des nächsten Lover sicher einige Zeit dauern wird, und dann vielleicht niemand mehr weiß, worum es geht, hier gleich eine Reaktion auf Rolands Brief. [2]
Hallo Roland, zunächst einmal gebührt uns die Ehre der "freundlichen Ausnahme" nicht. Auch wir haben Eure Entscheidung, daß Lapsus in diesem Jahr nicht in Zarnekla stattfand, einfach akzeptiert, ohne groß nachzufragen. Wenn Du gewollt hast, daß man Näheres erfährt, warum hast Du dies dann nicht mitgeteilt? [3]
Sicher gab es auch Bedauern. Lapsus in Zarnekla hat schließlich schon durch die Umgebung und die Räumlichkeiten eine ganz eigene Atmosphäre. [4] Ich möchte auch nicht behaupten, daß in Tangermünde alles viel toller und besser war. Die Krise ist längst da. Die Zeit, wo sich die gesamte Familie + Freunde unter dem Lapsus-Stern versammelten, ist wohl endgültig vorbei. [5] Mit dem Tolerieren andersartiger Lebensweisen ist es nicht mehr weit her! [6] Die meisten Zäune gibt's ja leider in den Köpfen. (Ich denke dabei auch an Dich und z. B. Deine Essensdoktrin.) [7] Und genau daran geht das "Lapsusfeeling" zugrunde. [8]
Auch mir fällt der Spagat zunehmend schwerer, aber ich möchte und werde niemanden verdammen. [9] Schon gar nicht die Eltern, nur weil es Torte und Grillwürstchen gab. Wenn man Eckart mit Anpacken sah, was früher doch kaum der Fall war, dann freute ich mich einfach darüber, wie jemand über seinen Schatten zu springen vermag. [10]
Ich kann ja Deine Enttäuschung verstehen, daß Lapsus woanders stattfand, ohne Dich bzw. Euch. Aber ich frage mich auch, weshalb Du darüber so wütend bist. Zumal Du bzw. Ihr ja eingeladen wart. Hättest Du es lieber gesehen, daß Lapsus ausfällt? Darf es ein Lapsus ohne Dich und Zarnekla nicht geben? Wem gehört Lapsus? [11]
Nun noch ein paar Gedanken zu Deiner "Rezension". Es widerstrebt mir ja, unseren Humor zu erklären, aber anscheinend kann man diesen auch in den falschen Hals kriegen. In der Originalserie "Der Alte" gibt es jede Woche eine Leiche. Das gehört nun mal zum Standard eines Krimis. [12] Und gerade bei "Der Alte" ist dies so zur Routine verkommen, daß die Kommissare völlig ungerührt damit umgehen. Es ist halt ihr Job, den Mörder zu finden. So wie andere Brötchen backen oder Autos reparieren. Und genau das versuchten wir, auf die Schippe zu nehmen. In unserem Zusammenschnitt häufen sich die Leichen so, daß es sogar den abgebrühten Kommissaren zuviel wird. Und dummerweise sind die Leichen nicht mal tot, was sich nun wirklich nicht gehört und deshalb möglichst ignoriert wird. Ich glaube nicht, daß solch eine Satire der Ort ist, sich ernsthaft mit der Frage des Todes auseinanderzusetzen! Und jeder weiß doch, daß im Film niemand wirklich stirbt, oder...? [13]
Und bei einer Satire sei es auch erlaubt, die banalen, aber oft mit Vehemenz ausgetragenen Alltagsstreitigkeiten einer Ehe/Beziehung auf die Spitze zu treiben. Keine Angst, ich muß Dirks Unterhosen nicht waschen! [14]
Sicher gab es in unserer Synchronisation einige Längen bzw. Wiederholungen. Aber wir wollten ohne großen Aufwand etwas produzieren, worüber man gemeinsam lachen kann.
Das war's von meiner Seite. [15]    Regina

Hallo Roland, was ist das für eine Reaktion auf Lapsus, zumal Du nicht selbst dabei gewesen bist? [16] Was grollt da im Untergrund [17], daß Du mit solch einer Vehemenz gegen "Grillwurscht" und "geile Torte" und "Dampferfahrten" anrennen mußt? [18] Und vielleicht wäre auch der ‚langhaarige junge Bursche, etwa 19', auf "Grillwurscht" und "geile Torte" abgefahren und hätte sich nebenbei noch ordentlich vollaufen lassen. [19] Das äußere Erscheinungsbild bietet noch keine Garantie. [20] Und ich bin mir auch nicht so sicher, ob sich die Rockmusik-Heroen nicht ebenfalls mal schnell nach einem technisch aufwendigen Konzert eine "Grillwurscht" oder eine "geile Torte" oder andere Drogen reingeschoben haben. [21]
"Kein Lapsusler hat auch nur einen kleinen Furz des Bedauerns übrig gehabt..." (Zitat Roland). Was erwartest Du von Menschen, die nach Deiner Meinung den ganzen Tag nur "Grillwurscht" und "geile Torte" essen möchten und fortwährend auf "Dampferfahrten" erpicht sind? [22]  Dirk [23]

Hallo Bruderherz, Tangermünde mag für dich ja "nicht sehr anziehend" gewesen sein, ein nahezu gewöhnliches Familientreffen ebenso und LAPSUS LIVE 2002 sowieso - aber dann verwundert die harsche Reaktion aus der Ferne um so mehr. [24] Und dass sie gleich mit "Seht mal zu, wo ihr jetzt bleibt" (frei übersetzt) losgeht, ist schon ziemlich ruppig. Oder kann man dein "Tschüß!" auch anders verstehen? [25]
Dass "LAPSUS LIVE Nr. 20" Etikettenschwindel gewesen sein soll, können die, die dabei waren, sicher nicht bestätigen. Klar war es anders. Klar war es schade, dass nicht mehr Platz war. Aber genauso klar ist, dass die Nr. 20 durchaus an einem mehr als akzeptablen Ort stattfand. Schließlich haben unsere Eltern LAPSUS LIVE Nr. 1 bis 11 nicht bloß geduldet und die oft unbekannten Gäste nicht bloß toleriert. Sie haben LAPSUS LIVE möglich gemacht und tatkräftiger unterstützt als mancher ‚waschechte Lapsot'. Die Lapsoten waren willkommene Gäste und fühlten sich aufgenommen. Und die Forderungen, Regeln und Gebote der Gastgeber stießen kaum jemandem sauer auf. Warum auch, sie waren ok.
Die kleine - vielleicht aufklärerisch gemeinte - Mythenabteilung überspringe ich mal. Den Zusammenhang zum Anspruch von LAPSUS LIVE mag erkennen, wer will. [26] Selbst verpackte Progressive Songs Und Sounds gab's auch 2002 jede Menge.
Tja, was war Pfingsten los in Zarnekla? Davon erfahren wir noch immer nichts. Sollen wir wirklich um Auskunft bitten? Deine Absage war knapp und bestimmt. Wenn es mitteilenswerte Gründe gegeben hat, hättest du sie mitteilen können. [27] Mag sein, dass der Genuss [28], den du aus LAPSUS LIVE in den letzten Jahren gezogen hast, die Vorbereitungs- und Nachräummühen nicht aufwiegt. Dass zu wenig von gleichem Geiste zurück kam. Irgendwie schwebte dir ja vielleicht eher ein Come-Together á la Sieben Linden vor. [29]
Unsere Eltern haben in LAPSUS LIVE sicher auch nicht ihre Ideale und Ideen verwirklicht gesehen. [30] Haben wir sie "winseln" hören? Haben sie "Sense" gesagt? [31] Kannten sie überhaupt unser Manifest? [32] Gingen sie mit ihren Ansprüchen hausieren? [33]
Sind alle Gründe für LAPSUS LIVE längst lächerlich? [34] Sich auf außergewöhnliche Weise mitteilen. Ausprobieren. Entdecken. Spielen. Natürlich kann man es als hirnrissig, elektronisch und substanzlos ansehen, z. B. einen Beitrag vorzubereiten und dann auch tatsächlich aufzuführen, der in über 5 Stunden die Musik eines englischen Gitarristen vorstellt. Jeder Normalo wird das tun. [35] Und man kann sich mit gutem Recht hinstellen und fragen, wer sich das denn anhören soll. Ich bin so hinrissig. So verrückt. Das hat für mich Würze und auch Substanz. Wie so ziemlich alles, was sonst noch zu LAPSUS LIVE auf dem Programm stand. Absolut unwürzig und -witzig finde ich es von dir, die Mitstreiter als "Grillwurscht"-Hanseln zu diffamieren. [36] Die hätte auch in Zarnekla mancher gern gegessen. [37] Wer war da wohl toleranter? [38]
Wenn du auf Bedauern aus bist, dann kannst du das schon haben. [39] Bedauerlich, dass du nicht dabei warst in Tangermünde. Dann müsste ich mich jetzt nicht mit deinen ungehaltenen Poltereien befassen. [40] Bedauerlich auch, dass keiner mit Klampfe dabei war. Er hätte interessierte Zuhörer gehabt. Ich quatsche übrigens öfters Leute an und lade sie zu LAPSUS LIVE ein. In diesem Jahr musste ich sie wieder ausladen. Auch bedauerlich. Leute wie Mea, die sich spontan was für den LOver hat einfallen lassen, gibt es ja tatsächlich.
Dass du auf die kleine Ironie mit dem "Essen, Essen, Essen" in Leopolds LL2002-Bericht so heftig anspringst, ist durch das Verhalten von irgendeinem Lapsusler kaum zu begründen, oder!? Waren doch alle ziemlich brav. (Waren ja alle bald wieder zu Hause.) [41]
Das offenbar beliebte Thema "inner circle" steht mit meiner Danksagung in keinem Zusammenhang. Hätte ich mich bei denen bedanken sollen, die nicht dabei waren? Sollte mir da jemand einfallen? [42]
Da der LOver noch ein bisschen brutzeln muss, folgt sicher noch deine Erwiderung.     Achim

Hallo Lapsoten, vielleicht ist es ja noch nicht zu spät ein paar Worte für den Lover zu schicken.
Anfangs waren wir uns nicht so ganz sicher, ob unser Pfingsttreffen in Tangermünde Lapsus war oder eher ein Ableger, aber das ist ja eigentlich auch egal.
Wir waren knappe 2 Tage da und fühlten uns sehr wohl. Ein großer Dank an Reginas Eltern, die uns, obwohl keine Gorslebens, so nett aufgenommen haben. Auch ein Dank für die liebevolle Bewirtung.
Diesmal war ja einiges anders, nicht nur der Ort, es waren auch weniger Leute da, dafür aber auch einige, die schon lange nicht mehr zu Pfingsten zu sehen waren. Vorträge gab es auch dieses Mal- von amüsant bis durchgestylt. Achims Show bestach durch tolle Effekte (Schade nur, dass die Technik nicht immer so wollte, wie sie sollte), gute Musik und interessante Texte.
Franks Afrika-Vortrag war sehr interessant und kurzweilig und machte durchaus Lust auf die Gegend, wenn das Klima auch absolut nicht meines wäre.
Dirks Vortrag „Meine Heimat DDR“ mit der Auswahl der Silly-Songs brachte tolle Musik mit sehr passenden Bildern zusammen, die schon manchmal recht skuril wirkten und manches Vergessene wieder in Erinnerung rief. Im ganzen wirkte die Mischung frisch und vor allem echt, mal witzig, mal melancholisch.
Der Yes-Vortrag von Regina war wieder einmal ein Augen- und Ohrenschmauß. Musik, Texte und Bilder waren von Licht durchdrungen. Selbst das kitschigste Delphinbildchen passte irgendwie.
Am meisten Spaß gemacht haben uns die Synchronisationen (trotz einiger Längen) , vielleicht gerade deshalb, weil man den Spaß der Macher (Regina, Dirk, Julia) darin fühlen konnte.
Etwas traurig macht uns, was so im Nachhinein abgelaufen ist.
Über E-mail konnten wir schon einiges aus dem Lover lesen. Wir haben uns eine ganze Weile darüber unterhalten und sind zu dem Entschluss gekommen, auch dazu einige Zeilen zu schreiben.
Wir können Rolands Verbitterung nicht so recht nachvollziehen. Natürlich tat es uns leid (und mit Sicherheit auch vielen anderen), dass Lapsus diesmal nicht in Zarnekla stattfand. Aber ,wir glauben, alle, die in letzter Zeit zu Lapsus waren und auch die Beiträge im Lover mitverfolgten, wussten von den Problemen, vor allem gesundheitlicher Art und akzeptierten einfach die getroffene Entscheidung. Oder war sie gar nicht ernst gemeint? Wäre sie bei vielen Bitten um Durchführung zurückgenommen werden? Wir denken doch nicht, dass es so gemeint war.
 Außerdem ist es  uns unverständlich, dass Roland über das Lapsus in Tangermünde nach dem Ansehen einiger Bilder so hart urteilt. Ja, es gab Grillfleisch und Torte- na und?! Hat sich irgend jemand darüber aufgeregt, dass es so etwas in Zarnekla nicht gab? Oder muss nur dort Toleranz und Akzeptanz gegenüber den Gastgebern gezeigt werden, was anderen nicht zugestanden wird? Wir jedenfalls kamen nach Zarnekla und überhaupt zu Lapsus, weil wir die Leute mochten, sie sehen wollten und mit ihnen zusammen sein, auch wenn die Lebensweise eben nicht unserer sonstigen entsprach. Es ist uns aber auch nicht all zu schwer gefallen, weil eben die Menschen herzlich waren.
Für uns war Lapsus immer eine Zeit der Toleranz. 3 Tage , in denen man sich traf und mochte, ohne sich gegenseitig Fehler vorzuwerfen. Klar gab es Gemeinsamkeiten, aber müssen deshalb alle gleich sein? Warum ist es nicht möglich, sich einfach so als Mensch zu sehen, mit Schwächen, wie immer die auch sein mögen. Gerade die Menschlichkeit beinhaltet doch einen Lapsus oder meist mehrere.  Götter mögen vielleicht perfekt sein, aber oft auch grausam und mitleidslos. So auch die Götter des beschworenen Walhalla. Bei allen Prinzipien, so gut sie auch angedacht sein sollten, darf doch nicht vergessen werden, dass wir alle Menschen sind, ob wir nun Bratwurst essen oder nicht. Und wenn wir zu dem stehen, was  wir sind, sollten wir auch so handeln- also menschlich. Denn ohne Menschlichkeit ist alles andere ohne Wert. Und für mich ist jemand, der anderen seine Lebensweise aufzwingen will, ein Spießbürger, ob es nun Bratwürste und Torten oder Müsli und Möhren sind  (wenn wir es der Einfachheit halber beim Essen als Symbol lassen). Trotzdem habe ich dann Mitleid, so eine Einstellung zeugt immer von tiefer Einsamkeit, Unzufriedenheit und Zerrissenheit.
Schön finde aber trotz all der Kritik, dass Roland  auch über die Synchronisation lachen konnte und ich hoffe, herzhaft und befreiend und nicht kaputt, (das wünsche ich ihm auf jeden Fall).
Liebe Grüße Ginger und Hans

So, fix eingestreut meine Rareriroru-Aktionen [...]
[1] Und was für Impulse (für eine bessere Welt) gehen davon aus? Was an Solidarität? An Innehalten? Was an Fragen??? Das ist die bessere Welt?! Genau darum! Übrigens war es sicher kein beherzter Entschluß, die Umlenkung nach TM, sondern liegt mittlerweile in der Natur der Sache. Kastration der Elche.
[2] "Was hat er denn sonst noch vom Leben?" [Roland zitiert Dirk]
[3] Na aber hallo, danke für die Belehrung! War einfachsomal eine Entscheidung. Toleriert man halt. Warum tolerierst Du denn mein "Poltern" (Zitat Gegenstandpunkt) nicht??? Akzeptierst nicht mal eben die paar Worte? Watt isset ooch für ne kuhle Gefaßtheit. Lapsusfeeling.
[4] Ganz eigen - hätte ich ja nicht vermutet, ich dachte eher eine ganz andere oder ganz besondere oder ganz ganz ganz dingsda.
[5] Lapsus-Stern in Krise. Herr im Himmel, hilf!
[6] Mal unser Gästebuch lesen (leider erst seit 97 lückenhaft geführt)? Meinst also doch eher Dich, was.
[7] Von der Du herzlich wenig weißt. Und an Frank und Sigrid mit ihrer Weiß-Nicht-Was-Doktrin und an Dich selbst mit Deiner Hundehaar-Doktrin. Mal zusammenreißen! Brav!
[8] Oh Gott! Am Erdulden? Geht (nochmal:) was zu Grunde? Na Dein Feeling will ich nicht haben!
[9] Außer wenn's knirscht im Getriebe. Die Zäune, Gräben, Mauern, das ganz eigene, die Sonnenuntergangs-Sternstunden-Doktrin! (Jetzt Du, Dirk, ein Satz.)
[10] (Das ist doch gar nicht mehr nötig! Von was für Licht sprichst Du? Ahso der Lapsus-Stern, ich ahnte es!) Du kannst doch gar nichts sehen außer Grillwurst und Torte? Für Dich scheint LL wirklich nur daraus zu bestehen, ja? Was gäbe es denn sonst zu kritisieren?? ("Krise" - wovon sprichst Du nur???)
[11] (Erstmal hätte ich mich schon noch allein eingeladen, das nur am Rande.) Ich bin keineswegs enttäuscht, daß LL nicht hier stattfand. Sondern sehr froh darüber! Du verstehst also von mir wirklich gar nichts! Und ich bin auch sehr erleichtert darüber, da nicht mehr dabei zu sein! Wütend hat mich nur mal der Ausfall der Bauernolympiade gemacht, die mangelnde Bewegung - Obwohl - vielleicht gibt es ja bald 3D, Lasershow und Übertragung per Satellit, natürlich live (mal ganz abgesehen davon, was unlive so alles abgeht).
[12] Ja, das ist nun mal so, das kann ich auch nicht ändern.
[13] Was wollt ihr denn auf die Schippe nehmen, da jeder weiß, daß alles, alles nur ein Film ist - auch Deine Gedanken. Und hat Dir irgendwer eine Frage gestellt? Des Todes gar? Na also. Oder kannst Du nicht akzeptieren, ich meine tolerieren, ich meine meine Meinung?
[14] Also freiwillig.
[15] Ohha, Seite! Ja, eigentlich schon schade.
[16] Noch nix von der allgegenwärtigen universalen, göttlichen Liebe gehört? Aber doch gelesen, oder? Ich war in Gedanken bei euch. Aber Selbst? Durfte nicht. Notdurfte nicht.
[17] (Das übermäßige, fette Essen. Oder The Doors? Oder Zappa? Oder doch Velfett?)
[18] Mach vielleicht mal nur kurz die Augen auf ohne Vorurteile, kriegst Du wirklich nicht mit, daß es mir um die Beziehungen zwischen Menschen geht, um "Inhalte", "Impulse" oder so und nicht um Dein schlechtes Gewissen mit irgendwelchen Torten ausm Aldi (mit "Torten" meine  i c h  eine bestimmte Sorte Leute). Und anrennen tu ich da eh nicht mehr, nicht mehr winseln. Von wegen Lapsus Hauptquartier - mir doch Latte!
[19] Hauptsache ordentlich. Und auf Deine geile Torte mußt Du schon selber aufpassen.
[20] Ach nein! Na sowas. Was bietet denn Garantie? Da bin ich ja mal auf eine Belehrung gespannt!
[21] Bist Dir echt nicht sicher? Du, der Mick Jagger soll mal mit, ich meine der soll mal zwei Nächte durchgemacht haben. Mit Musik, so und, naja, der andere da, der soll mal auf einem Fahrrad oder mit nem Buch sogar. Meinst Du allen Ernstes, irgendwelche Heroen interessieren mich? Oder deren Speiseplan? Oh Gott! Du lebst ja noch sonstwo und -wann! (Jetzt Du, Regina, ein Satz!) Kommst Du eigentlich an Drogen ran? Nur mal so nebenbei, Du, ich, naja,
nicht hier.
[22] Ehrlich gesagt: nichts. Mehr. Kein Bedauern.
[23] Du hast die Grußformel vergessen.
[24] War nur noch mal son Anflug des Bedauerns, was es mal hätte werden können, sollen, müssen - weiß nicht.
[25] Tschüß ihr Illusionen. Hallo ihr angenehmen und genialen und brillianten und liebevollen Bequemlichkeiten
[26] Aber das große Wort "Weltuntergang" in den Titel nehmen! Ist doch nur leeres Rumgemache mit irgendwelchen Federn. Und ihr seid ja sowieso die Guten, die noch jeden Weltenbrand überleben. Nicht wahr? Nur daß das mit nem Baum zu tun haben soll... Hehe hehe. Hat wirklich nichts mit dem Anspruch von LL zu tun. Nächstes Jahr lieber Rock Ritter Runkel oder Rock Ritze oder Rock Rathausuhr.
[27] [28] Und sonst so?
[29] Wovon redest Du? Keine Ahnung.
[30] Sei Dir da mal nicht sicher. Sondern gerade!
[31] Haben doch Rasenmäher oder?
[32] Was fürn Manifest?
[33] Na aber hallo, bei den offenen Türen!
[34] Die Gründe vielleicht nicht.
[35] Gerade nicht, schau Dir doch die unendlich aneinander gereihten 5-h-Für-Die-Normalos-Beiträge an. Völlig belanglos dabei, wie groß der Produktionsaufwand war. (Außer für unsere Lebensgrundlagen vielleicht, aber das interessiert eh nicht so.)
[36] Was man da so alles rauslesen kann bei mir, alle Achtung. Oder doch alle Grillwurscht?
[37] Hab mich schon entschuldigt!
[38] Du, Toleranz gehört für mich nicht zur Abteilung der erstrebenswerten Eigenschaften. Ist für mich also nichts "Gutes", daher geht die Frage etwas daneben.
[39] Nee, eigentlich nicht. Be-Dauern heißt wohl etwas am Dasein halten. Ich lebe lieber leichten Herzens, habe genug wichtigeren Kram im Leben.
[40] Mußt Du auch so nicht. Ich hatte gedacht, Du lachst drüber und wirst rot wie ein junges Mädel.
[41] Bedauerlich, daß es nur für eine kleine, feine Ironie langt, das ist es u.a. ja auch gerade. Und schön brav bleiben!
[42] Früher hast Du mal die paar Hippies per Dia in den Kreis geholt. Heute bin ich nur noch peinlich. Form der Wirklichkeit. Aber welcher?
Naja, ich hoffe ja auch noch auf einen Artikel von der tarantel per mail, zu viel zu tippen... da kann ich schon nochmals Tschüß sagen. War ja schon mal so weit. Da hatte ich übrigens nicht "geile Torte" gesagt sondern "fetter Turnschuh".
Und falls der 33er noch im Heumond kommt:
Ab 8.7. bin ich im Krankenhaus, neues Kreuzband ins Knie flicken (Was fällt Dir hier ein, Nina? Mir ja auch...), ab etwa 18. bin ich wieder zuhause präsent,
allerdings nur im Erdgeschoß und etwa 6 Wochen an Krücken. Reimt sich eh alles.
Träume sind Bäume. Die Bäumung der besetzten Häuser.
Wat gibtet ooch fürne geile Torte von Bildschirmschoner! (mit Torte meine  i c h  eine bestimmte Sorte Taten) Wenn man im Herbst...
B r ü n s t i g ...
So, genug gefeiert und gelacht, ich versüß mich - Roland

Hallo Nathalie & Roland, leider bekomm ich es nicht auf die "Reihe" und darum, wenn auch nur elektronisch, meine herzlichen Grüße an EUCH UND ALLEN zum Treffen!!! Macht was Gutes d'raus - ich bin mit den Gedanken dabei - Was mir nur ein schwacher Trost, da ein Wiedersehen mit Euch wichtig war / wichtig ist - . (...Und paßt auf, daß die Röstkartoffeln nicht ins Holzfeuer fallen ... und andere tanzende Erinnerungen.) Panta rhei.
Aber irgendwann komme ich wieder mal vorbei, ich kann zur Zeit aber nicht sagen wann.
Und hier noch ein Rätsel: von was spricht RAINER MARIA RILKE:

Wo sich langsam aus dem Schon-Vergessen,
Einst Erfahrenes sich uns entgegenhebt,
Rein gemeistert, milde, unermessen
Und im Unantastbaren erlebt:
Dort beginnt das Wort, wie wir es meinen,
Seine Geltung übertrifft uns still -
Denn der Geist, der uns vereinsamt, will
Völlig sicher sein, uns zu vereinen.

Alles Gute,     Wolfgang

Lieber Wolfgang! Also einen frohen Tag Dir! Fingsten ist dieses Jahr ausgefallen hier. Wir hatten 4 Wochen vorher allen Veranstaltern den Ort hier dafür abgesagt. Und aufgeatmet. Meine Geschwister trafen sich dann bei meinen Eltern, ich war nicht dort. Einen neuen LOver gab's auch noch nicht, vielleicht stehe ich aber auch nicht mehr im Verteiler, wer weiß. Ich weiß nur, daß von allen Lapsoten, denen wir unsere Notbremsung mitteilten, niemand nachgefragt hat, warum eigentlich. [...]
Das Wochenende vor Fingsten war 10-Jahre-Zarnekla-Treffen mit allen Ex-KommunardInnen. Ich hatte auch dafür keine Hand frei und keine Zeit übrig. Das ganze stattfand auf dem Nachbargrundstück, einige Leute kamen zum Erzählen zu uns rüber. Insgesamt habe ich nur positive Meinungen zu diesem Treffen gehört von den Teilnehmenden, mit denen ich sprach. [...]
Wir haben noch bis Juli eine junge Frau bei uns, die eigentlich hier entbinden wollte, nun ist das Söhnchen doch vorgestern in der Greifswalder Klinik geboren, da wegen Fruchtblasen-Sprung und mangelnden Geburtsfortschritt die Hebammen doch nach einigen Stunden auf Nummer Sicher gingen. Morgen kommt Rachel mit ihrem Baby dann wieder zu uns. Nathalie war die Tage immer bei ihr, ich hütete hier Kinder, Haus und Hof. Und nebenher will ich eigentlich meinen Part am Jugendwochenende "Mein Freund, der Baum" aufm Darß vorbereiten... Ich kann Dir sagen!
Ein Glück, daß es den Mond, den lauen Wind, die Nachtigallen, die Frösche - wow! und meinen kleinen Sohn und meinen großen Sohn und meine Liebe Nathalie gibt und Ton, Steine, Scherben.
Du bist immer willkommen! Lebendiges Leben und bunte Grüße! Roland

Liebe Nathalie, lieber Roland, [...] Der "Lapsus Lover" ist wie immer hochinteressant. Besonders der Artikel "Schule - unbegrenzt Ferien" hat mich beeindruckt. ich hatte Christiane Ludwig-Wolf und Immanuel, einer ihrer Söhne, einmal bei einem Arche-Freundestreffen kennengelernt. Wäre das für euren Sohn auch eine Alternative? [...] Viele liebe Grüße    Frieden

JOYPOST

Joytopia@aol.com schrieb:
Liebe Come Together - Mitglieder,
endlich ist es so weit: Joypost 1.0 ist fertig und kann von unserer Seite www.joytopia.net heruntergeladen werden. Dieser Newsletter ist der Kurzbeschreibung dieser einzigartigen Kommunikationssoftware gewidmet, die nicht nur fuer Joytopianer interessant sein duerfte.
-----------------------------------------------------
Was ist Joypost?

Joypost ist die Software-Loesung fuer Vernetzung und  Aufbau von Gemeinschaften und Netzwerken jeder Art, wie z.B. Teams, Vereine, Arbeitskreise, Schulklassen, Aktionsgruppen, Forschungsgruppen, Initiativen, Freundeskreise, Tauschringe usw.

Sie vereinigt in sich die Vorteile von Mailing List, Forum, Anzeigenmarkt, Newsletter, Firmen- bzw.Vereinsmagazin, lokaler Datenbank, Tausch-Kontofuehrung, ohne deren Nachteile.

Joypost funktioniert offline und dezentral und ist unabhaengig von Servern, Providern usw. Ein einfacher Email-Account genuegt.
-----------------------------------------------------
Moeglichkeiten und Anwendungen

Die Anwendungsmoeglichkeiten von Joypost lassen sich in drei Hauptgebiete untergliedern:

Gemeinschafts- und Netzwerkaufbau
Ob Forschungsteam, Schulklasse, Verein oder Tauschring... - es geht immer um Menschen. Menschen haben ein natuerliches Kontakt-Beduerfnis, sie wollen sich einander mitteilen und voneinander wissen.

Wirtschaftlicher Austausch mit Anzeigenmarkt und Spielgeld
Jeder Mensch hat eine Fuelle von Faehigkeiten und Angeboten und jeder Mensch hat Wuensche und Beduerfnisse. Gerade in einer Zeit, wo das herkoemmliche Geld knapp zu werden scheint, macht es immer mehr Sinn, Angebote und Wuensche untereinander auszutauschen. Joypost bietet hierfuer einen Anzeigenmarkt und für den Ausgleich eine Konto-Fuehrung nach dem Joytopia-Modell. Das Joytopia-Modell ist unserem Wissen nach das einzige Wirtschaftsmodell, das Freiwilliges Engagement, also gemeinschaftliche Leistungen honoriert, ja sogar dadurch erst entstehen kann.

Freies Wissen, Freie Universitaet
Es gibt so viel Neues Wissen, das in kaum einer Zeitung steht. Obwohl gerade dieses Wissen die Menschheit weiterbringt, wird es meist unterdrueckt. Jeder traegt einen Teil dieses Wissens in sich. Mit Joypost werden wir GEMEINSAM die Datenbank des Freien Wissens aufbauen, die jedem Menschen zugaenglich ist. Die Freie Universitaet Joytopia, ein freies Forschung- und Lehre Netzwerk wird entstehen.
-----------------------------------------------------
Gemeinsame Gestaltung einer neuen Welt
Mit Joypost haben wir Menschen ein Werkzeug in der Hand, das uns hilft GEMEINSAM eine neue gerechtere, liebevollere Welt zu gestalten.

Die Datenbank beginnt sich zu fuellen.
Es liegt an jedem von uns, seinen Input hineinzugeben und damit seinen persoenlichen Teil zum Schoepfungsprozess beizutragen.

Liebe Gruesse    Bernd Hueckstaedt

P.S. Seit der ersten Aussendung unsere Newsletters wurde Joypost innerhalb weniger Tage ueber 80 mal runtergeladen und die ersten ca. 100 Beitraege sind schon da. Denkt beim Downloaden der Software daran, gleich das aktuelle Erste Datenpaket mit runterzuladen. So seid Ihr gleich auf dem neuesten Stand.

TOGETHER FOR FREEDOM!
GIVE PEACE A CHANCE!
www.joytopia.net

Bernd Hueckstaedt, Email: joytopia@ aol.com

LUST AUF ANDERS BAUEN?

STROHBALLENHAUSBAU
im Club99, Ökodorf Sieben Linden, April bis September 2002

Bei uns gibt's keine Maschinen - dafür aber tosendes Vogelgezwitscher (je nach Jahreszeit...). Das Baustellenradio ersetzen wir durch eigenen Gesang, das Mittags-Steak mit Pommes durch leckere vegane Biokost, den Kaffee ersetzen wir durch noch mehr Enthusiasmus, den Architekten durch (zugegeben bisweilen lange) Diskussionen zwischen uns drei BauherrInnen, die LKWs zum Baustoffetransport ersetzen wir durch unsere Arbeitspferde, Erfahrung (da wo sie uns fehlt) durch kreative Risikobereitschaft - und dabei haben wir eine Menge Spaß und immer ein paar Gäste, die auch noch mitmischen und mitbauen und die bei Interesse unseren Rhythmus teilen: vom (natürlich freiwilligen) Yoga morgens, über die Morgeneinstimmung, Teepausen, und diverse Abendveranstaltungen der Ökodorfgemeinschaft (wie z.B. Chor).

LUST GEKRIEGT?

Mehr über unser Haus unter www.strawbalehouse.de
Das Strohballenhaus, an dem ihr mitarbeiten könnt, ist das Gemeinschaftshaus des Club99, einer Untergruppe des größeren Ökodorfs Sieben Linden. Da wir uns im Club99 zu einem ganz speziellen Lebensexperiment verabredet haben und unsere Gedanken eines einfachen, ausbeutungsfreien, verantwortungsvollen Lebens auf alles anwenden, was wir tun (also auch auf den Hausbau), ergeben sich einige Besonderheiten:
Wir versuchen im Club99 gemeinsam herauszufinden, ob eine Lebensweise mit minimalem Ressourcenverbrauch sich mit einem guten, genußvollen Leben vereinbaren läßt, und laden Dich ein, durch die Mitarbeit auf unserer Baustelle eigene Erfahrungen mit einem einfachen Leben zu sammeln und dabei uns und unsere Gedanken kennenzulernen. Wir bauen nur mit nachhaltig verfügbaren, regionalen und nicht industriell bearbeiteten Materialien sowie Recyclingbaustoffen. Das sind in erster Linie (Rund-) Holz aus dem eigenen Wald (nach Mondphase geschlagen), Lehm, Steine und Sand vom eigenen Gelände und aus der Umgebung und Strohballen von den eigenen Feldern und aus regionalem Bioanbau. Die Recyclingmaterialien (wie z.B. Fenster, Bleche, Ziegelsteine, Dachsteine) stammen ebenfalls aus Nachbardörfern. Die Werkzeuge, die wir verwenden, sind meist traditionelle Zimmermanns-, Schreiner- und Maurerwerkzeuge. Wir verwenden keine industriell gefertigten Baustoffe wie Folien, Beton, bearbeitetes Holz (z.B. gesägt), industrielle Verbundwerkstoffe, verzinkte metallene Verbindungsmittel, Elektrokabel bzw. Strom, motorgetriebene Werkzeuge und Maschinen. Einzige Ausnahme: ein paar Kellen Zement im Fundament-Fugenmörtel, ein paar Kilo Nägel für die Dachlatten.
Durch die viele Handarbeit gibt es immer viel zu tun und zwar auch jede Menge Arbeiten, die gut von Laien ausgeführt werden können.
Nachfolgend findest Du zu Deiner Orientierung einige Informationen zu den Rahmenbedingungen einer Mitarbeit bei uns.

Die Abläufe der normalen Arbeitswoche zwischen April und September sehen folgendermaßen aus (Mindestteilnahmedauer Sonntag bis Donnerstag):
Anreise Sonntag; Montagmorgen Einführung, anschließend Arbeiten auf der Baustelle (Arbeitszeiten 9-12.30 Uhr und 14.30 bis 18.30 mit je einer Teepause); Dienstag und Mittwoch und Freitag normales Arbeiten, am Donnerstag hören wir bereits um 16 Uhr auf der Baustelle auf, um Zeit für Feedback und ein Gespräch über die weiteren Inhalte des Club99 zu haben. Abreise ist dann Samstag, es sein denn, Du bleibst für die darauffolgende Woche.
Kleinere Veränderungen in den zeitlichen Abläufen sind möglich, da wir uns immer auch an dem sich bewegenden Rhythmus der Ökodorfgemeinschaft orientieren sowie Wetterverhältnisse etc. Du bist herzlich eingeladen, zu verschiedenen Gelegenheiten am Gemeinschaftsleben des Ökodorfs teilzunehmen als da sind Chor, Meditation, Yoga, Plenum, Feste, Tag der Achtsamkeit etc.

Allgemeines: Wir beginnen unsere gemeinsame Arbeit morgens mit einer kleinen Einstimmung und haben bei den Tee- und Essenspausen auch mal Zeit für Fragen und Gespräche. Wir essen z.T. in der vegetarisch/veganen Großküche des Ökodorfes mit, z.T. aber auch bei uns auf dem Gelände (d.h. vegane regionale Küche).

Unterbringung: Für uns ist es am einfachsten, wenn Du ein Zelt mitbringen kannst. Wenn das nicht geht, können wir ein paar wenige Schlafplätze in Zelten und Bauwägen zur Verfügung stellen, nach vorheriger Absprache wegen Belegung. Es ist darüber hinaus möglich, gegen einen Aufpreis von 5 bis 10 Euro pro Nacht in einem Mehrbett- oder Doppelzimmern im Ökodorf-Gästehaus unterzukommen, ebenfalls nur nach genauer Absprache oder mit Glück...

Mitbringen: Wetterfeste Arbeitskleidung inkl. Arbeitshandschuhe und - Schuhe, Taschenlampe, Schlafsack und je nach Art der Unterbringung Laken, Isomatte, Zelt.

Kosten: Wenn wir nichts anderes vereinbart haben, kostet dich ein Tag (d.h. eine Übernachtung) 8 Euro. Das sind die Ökodorfkosten für Essen und Nebenkosten. Bei Qualifikationen im Baubereich der bei uns benötigten Gewerke können wir evtl. andere Vereinbarungen treffen. Gleiches gilt bei längeren Aufenthalten nach der ersten Woche Mitarbeit.

Für das 5000 m2 große Gelände des Club99 und damit für die Baustelle, gelten ein paar weitere (nicht bauspezifische) Besonderheiten, bei denen es für uns wichtig ist, daß auch unsere Gäste diese Vereinbarungen kennen und akzeptieren: in Plastik verpackte Lebensmittel (z.B. Chips, Kekse), Zigaretten, Alkohol u.a. Drogen, ebenso Handys, Maschinen und nicht-vegane oder nicht-regionale Lebensmittel (z.B. Schokolade) passen nicht zum Leben im Club99 und können nur außerhalb konsumiert werden.

Übrigens: Wir suchen für die ganze Bausaison jemanden zum Kochen des Mittagessens im Club99 (gegen Kost und Logis) und wir haben neben den Arbeiten auf der Baustelle manchmal auch andere Dinge zu tun z.B. auf dem Gelände, im Wald, im Garten, bei den Pferden - falls Du neben dem Bauen mal eine Abwechslung suchst.

Wenn Du nun Lust hast, Dich für eine oder mehrere Wochen zu beteiligen, dann ruf bitte an und sprich mit Silke über die genauen Termine und Details.
Wir freuen uns darauf, Dich an unserem Lebens- und Bauexperiment teilhaben zu lassen und Dich dabei kennenzulernen.
Club99
Ökodorf Sieben Linden
38486 Poppau
Tel & Fax: 039000-51233
club99@siebenlinden.de

Nachhaltige Entwicklung

Rettungsversuch für eine sterbende Illusion
von Saral Sakar (in Tarantel 15, S.17) Ro Li B.

Nachhaltige Entwicklung, wie sie z.B. im Brundtland-Bericht definiert wird, will einerseits ökologische Probleme einer globalen Industrialisierung eindämmen, andererseits soll an der Maxime eines weiteren weltweiten Wirtschaftswachstums nicht gerüttelt werden. VerfechterInnen einer so definierten nachhaltigen Entwicklung verschließen jedoch die Augen vor einer wesentlichen und alten Erkenntnis: Die Erde ist und bleibt begrenzt. Weder verstärktes Recycling noch technologischer Umweltschutz noch eine zunehmende Nutzung von Sonnenenergie führen an dem Problem vorbei, dass quantitatives Wirtschaftswachstum an stoffliche Grenzen stößt. Selbst wenn die stofflichen Probleme gelöst werden könnten, bleiben soziale und politische Probleme der weltweiten Marktwirtschaft ungelöst: die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Ein Ausweg aus dem Dilemma könnte in der Schaffung einer nachhaltigen Gesellschaft bestehen, die auf einer nicht-industriellen, stationären Ökonomie, auf Herrschaftsfreiheit und gerechter Verteilung basiert.
Entwicklung war das Rezept gegen zwei alte Konflikte: den zwischen Arm und Reich in jedem Land und den Nord-Süd-Konflikt. Als in den achtziger Jahren der Konflikt zwischen Entwicklung und Ökologie manifest wurde, erweiterte man das Rezept zur "nachhaltigen Entwicklung". Aber weder das alte Rezept noch das neue funktioniert richtig. Das alte ist schon ausführlich kritisiert worden. Ich prüfe hier hauptsächlich das neue Element an dem neuen Rezept.

Die Zeitdimension der Diskussion

"Auf lange Sicht sind wir alle tot", sagte Keynes. Wie lange sollte also Entwicklung nachhalten? Die Milliarden Jahre bis zum Wärmetod der Biosphäre und die geologischen Zeiträume, in denen neue Lagerstätten von Mineralien entstehen, können wir uns nicht vorstellen. Aber geschriebene Geschichte gibt es seit 5000 Jahren. Sollen wir also an weitere 5000 Jahre Entwicklung denken? Oder an weitere 200 Jahre, wie es Herman Kahn 1976 tat? (1) Ist das möglich? Ist das wünschenswert? Das hängt davon ab, was wir mit "Entwicklung" meinen. Verschiedene Interpretationen des Begriffs sind möglich. Doch ich werde hauptsächlich und zuerst die Interpretation prüfen, die sich durchgesetzt hat und populär geworden ist, nämlich wirtschaftliche Entwicklung.
Die Grundidee des Begriffs "nachhaltige Entwicklung" ist einfach die Versöhnung zwischen Ökologie und Ökonomie sowie die Lösung des Ressourcenproblems. Die Idee hat seit Anfang der achtziger Jahre mehrere Ausdrücke gefunden. 1982 schrieb Joseph Huber, ein namhafter Publizist der Alternativbewegung: "Die Industrie passt sich ökologisch an, und die Ökologie verliert ihre industrielle Unschuld. Wenn die Ökologie eine Zukunft hat, dann nur in industrieller Form ... Es gibt Alternativen in der Industriegesellschaft, aber keine zu ihr." (2) Gleiches schrieb der DGB 1985 (3). 1986 erklärten die Grünen, ihr Programm sei ökologischer und sozialer Umbau der Industriegesellschaft, und redeten qualitativem und selektivem Wachstum das Wort. (4) 1987 forderte die World Commission on Environment and Development (WCED) in ihrem "Brundtland-Bericht" weiteres weltweites Wirtschaftswachstum, d.h. auch in den hochentwickelten Ländern. Sie meinte, das sei möglich, ohne die Umwelt zu zerstören. (5) Die Idee kam auch bei "Sozialisten" an. Jablokow, ein Perestroika-Ökologe, schrieb 1988, "dass der Hinweis auf die Unvermeidbarkeit ökologischer Probleme bei der Entwicklung von Industrie und Volkswirtschaft nicht der Kritik standhält" (6).
In all diesen Ausdrücken der Idee heißt Ökonomie industrielle Ökonomie, die nur etwas Umbau und Reform benötigt. Nachhaltige Entwicklung heißt also nachhaltige Industriegesellschaft und nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Letzteres soll die heute noch unterentwickelten Gesellschaften zu Industriegesellschaften machen. Huber sprach von einer Superindustrialisierung, die allerdings dank der modernen Technologien ganz ökofreundlich sein würde. Jablokow meinte, die Gesellschaft brauche dazu nur etwas mehr, d.h. 5 - 6% ihres BSP, auszugeben.
Das Problem ist aber erheblich komplizierter. Denn es gibt nicht nur Probleme des Umweltschutzes, sondern auch Ressourcenprobleme. Man kann ausrechnen, welche Menge Ressourcen notwendig sein wird, wenn die Weltwirtschaft jährlich um 3 - 4% (WCED) wachsen soll - 5000 oder 200 Jahre lang. Gibt es so viel auf bzw. in der Erde? Und wie viel Umweltbelastung wird das verursachen?
Nun, man könnte sagen, die Gesellschaft soll bis zu einem bestimmten Punkt wachsen und dann nicht mehr - wie ein Baum. Auch nach Kahns äußerst optimistischer Prognose werden das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum "in etwa 100 bis 200 Jahren auf mehr oder weniger natürliche und schmerzlose Weise in einem Null-Wachstum enden" (7). Aber dann ist das Attribut "nachhaltig" unsinnig, oder man kann dann nicht mehr von Entwicklung reden. Dann sollte man eher von einer "stationären (steady-state) Ökonomie" reden.

Wieviel Ressourcen gibt es?

Es ist logisch und methodisch sinnvoll, zwei Aspekte der Kritik auseinander zu halten: den politischen und den stofflichen. Zuerst muss geprüft werden, ob nachhaltige Entwicklung überhaupt, d.h. stofflich möglich ist. Wenn ja, dann erst kommt die Frage nach ihrem politischen und sozialen Charakter, die Frage nämlich nach der Verteilung, Ausbeutung, Hierarchie, Herrschaft, Emanzipation usw. Was die Machbarkeit betrifft, gibt es keine prinzipielle Schwierigkeit seitens der Menschen. In ihrer Geschichte hat die Menschheit ja sowohl in stationären als auch in wachsenden Ökonomien gelebt. Aber gibt es eine gesicherte stoffliche Basis für nachhaltige Entwicklung?
Schon am Anfang muss eine wissenschaftliche Binsenweisheit wiederholt und betont werden: Die Erde ist, abgesehen vom Sonnenschein, ein geschlossenes System. Sie ist begrenzt und erhält keine Materie von außen. Dies muss wiederholt werden, weil einige Leute die Tatsache nicht so richtig zu akzeptieren scheinen. Joseph Huber wetterte gegen die "Ressourcenhysterie". Er behauptete: Dass der Planet endlich sei, ist noch nicht einmal geometrisch ganz richtig.
Kreis und Kugel haben weder Anfang noch Ende. Die Erdoberfläche ist zwar begrenzt, aber deswegen ist das irdische Ökosystem noch lange kein geschlossenes System. Die menschliche Gesellschaft ist es noch weniger. Mensch und Umwelt sind in Wirklichkeit entwicklungsfähige offene Systeme." (8)
Ich hörte einmal einen jungen Akademiker sagen, Ressourcen seien kein Problem. Auch Vertrauen sei eine Ressource. Ich denke, über solchen Unsinn müssen wir einfach hinwegsehen.
Es ist aber sinnvoll, einige der frühen Reaktionen auf den Hinweis auf Grenzen des Wachstums in Erinnerung zu rufen. Denn auf beiden Seiten werden noch Argumente der siebziger Jahre wiederholt.
1972 schrieb z.B. Prof. Beckermann optimistisch, dass das gesamte Vorkommen der Ressourcen in der obersten Meile (1,61 km) der Erdkruste für die nächsten 100 Millionen Jahre ausreichen würde. (9) Einige Ergebnisse wirtschaftsgeschichtlicher Forschung über Rohstoffpreise schienen ihm Recht zu geben. Barnett und Morse - haben bereits 1963 - ausgehend von Stückkosten des extraktiven Sektors als dem optimalen Knappheitsindikator - gezeigt, dass zwischen 1870 und 1957 im extraktiven Sektor im Allgemeinen und im Bereich mineralischer Rohstoffe im Besonderen ein rückläufiger Kostentrend, also keine zunehmende, sondern abnehmende Knappheit feststellbar sei. (10)
Es schien also überhaupt kein Ressourcenproblem zu geben. Wir haben aber Berichte über die jüngste Vergangenheit gelesen, die belegen, dass Ressourcen faktisch knapper werden und dass die Ressourcenknappheit verheerende Auswirkungen auf die Wirtschaft haben kann. Abel Aganbegyan schrieb 1988 über die sowjetische Bergbauindustrie: "1971 - 1975 stieg die Produktion in der Bergbauindustrie um 25%. Aber 1981 - 1985 stieg sie nur um 8%. Die Verringerung der Wachstumsrate ... hing hauptsächlich mit der Verschlechterung der geologischen und wirtschaftlichen Bedingungen des Bergbaus zusammen ... die Sowjetunion erschöpft rapide die zugänglichsten ihrer Naturressourcen ... es ist notwendig, tiefer zu graben, neue Lagerstätten zu entdecken und an ungünstigere Orte zu ziehen. Die Energie- und Rohstofflager in den bevölkerten Regionen des Landes sind schon nicht mehr in der Lage, unseren Bedarf zu decken. Es ist also notwendig, ... Transportverbindungen zu bauen, neue Städte zu bauen, neue Territorien zu entwickeln und Menschen dahin anzuziehen." (11) Nur eines muss hier hinzugefügt werden: Da zuerst die hochwertigen Vorräte abgebaut werden, nehmen im Laufe der Zeit der Erzgehalt des Gesteins und der Metallgehalt des Erzes allmählich ab.
Diese Darstellung der Problematik trifft sicher auch für die Bergbauindustrie des Westens zu. Warum gab es also dort keine Ressourcenknappheit? Es gibt einen Unterschied zwischen den zwei Berichten. Während Aganbegyan von tatsächlichen Mengen und Schwierigkeiten spricht, sprechen Barnett und Morse von durchschnittlichen Stückkosten. Volker Schneiders bemerkt: "Theoretisch können ... die Stückkosten heute geringer sein als gestern, während morgen eine Mine erschöpft ist." (12) Stückkosten hängen von vielen Faktoren ab, die nichts mit unserer Fragestellung zu tun haben, z.B. Steuern, Lohnkosten inklusive Lohnkosten in der Dritten Welt. Aber die Haupterklärung dafür, warum der Westen keine Ressourcenprobleme hatte, ist wie folgt: Während im extraktiven Sektor überall zunehmend widrigere geologische und Naturbedingungen die Produktion erschweren, fand im Westen und in seinem Einflussbereich bei "Energiegewinnung als einem zentralen und universellen Produktionsfaktor der extraktiven Industrie eine genau umgekehrte Entwicklung der natürlichen Produktivität statt" (13). Mit anderen Worten: Das billige, reichlich sprudelnde Öl in Texas, am Persischen Golf usw. machte es möglich. Offensichtlich konnte in der letzten Zeit in der Sowjetunion die natürliche Produktivität im Energiesektor die Schwierigkeiten im übrigen Sektor nicht kompensieren. Aber F.E. Trainer zitiert Daten aus der Zeit nach 1957, die belegen, dass auch in den USA die Produktivität in der Bergbauindustrie besorgniserregend abnimmt. (14)
Wenn also Energie sehr billig und sehr reichlich vorhanden wäre, wäre es vielleicht möglich, bis zu einer Tiefe von einer Meile zu gehen, die Erdkruste zu zermalmen und auch aus minderwertigem Erz alle notwendigen Rohstoffe in jeder Menge zu gewinnen. "Alles, was wir zu tun brauchen, ist, dem System genügend Energie zuzuführen, und wir können dann so viel Material bekommen, wie wir uns wünschen", so formulieren Brown u.a.15), was Nicholas Georgescu-Roegen "das energetische Dogma" nennt. (16)

Hoffnung Recycling

Eine alternative Lösung des Problems ist: alles mögliche rezyklieren. In den siebziger Jahren hoffte André Gorz, dass "sämtliche Rohstoffe" rezykliert werden könnten. (17) Aber es gibt auch Grenzen des Recyclings. In einem Bericht des Club of Rome hieß es 1976: "Während viele Verwendungsarten die Metalle in so konzentrierter Form belassen, dass ... ihrer Wiederverwendung nichts im Wege steht, werden bei einer großen Zahl von Metallen diese so eingesetzt (etwa Zink als Farbzusatz), dass jegliche Wiedergewinnung praktisch ausgeschlossen ist. (dissipative Verwendung). Zwischen diesen Extremen gibt es zahlreiche Verwendungen ..., bei denen die Wiedergewinnung zwar nicht unmöglich, dennoch recht schwierig ist, so dass gegenwärtig zumeist aus wirtschaftlichen Gründen auf ihre Wiedergewinnung verzichtet wird ... Von diesen immer knapper werdenden Metallen gehen im Durchschnitt gegenwärtig noch etwa 70% der jährlich geförderten Mengen verloren. Auch wenn der Rest von 30% früher oder später wiedergewonnen wird, bleiben davon nach zehn ‚Lebenszyklen' nur 0,1% übrig." (18) Dieses Zitat sagt fast alles über Recycling. Die Verlustrate wird sich sicher entsprechend der Preis- und Technologieentwicklung ändern. Aber grundsätzlich bringt Recycling nur Aufschub, keine Lösung des Ressourcenproblems.
Was in dem Zitat "dissipative Verwendung" heißt, ist das unvermeidliche Ergebnis des von Georgescu-Roegen formulierten 4. Hauptsatzes der Thermodynamik, mit dem er das Entropiegesetz auch auf Materie übertrug. Aber auch hier könnte man behaupten, mit genügendem Energieinput lasse sich alles immer wieder rezyklieren. Aber woher soll genügend Energie kommen? Energie selbst kann doch nicht rezykliert werden.

Hoffnung auf Solarenergie

Der Glaube an unbegrenztes Wachstum kann also nur aufrechterhalten werden, wenn unbegrenzte Energiemengen zu spottbilligen Preisen verfügbar wären.
Mit dem Begriff "nachhaltig" ist zwar eine neue Bedingung hinzugekommen, nämlich dass die Umwelt nicht ruiniert werden darf. Aber auch hier könnten Energiedogmatiker behaupten, Umweltschutz sei nur eine Funktion der Energieverfügbarkeit. Mit ausreichendem Energieaufwand lasse sich jede Umweltbelastung rückgängig machen oder verhindern.
Nun, die fossilen Energieträger werden in der Zukunft erschöpft sein. Und die Hoffnung auf Brutreaktoren ist aus bekannten Gründen gestorben. (Aber auch sie sind keine unerschöpfliche Quelle. Mit ihrer Hilfe könnte das Uranvorkommen der Erde auf nur 3600 Jahre gestreckt werden. (19)). Erneuerbare Energiequellen müssen also her, und die müssen zudem sauber und mengenmäßig ausreichend sein. Ob der Fusionsreaktor je klappen wird, weiß niemand. Der einzige Hoffnungsträger zur Zeit ist Solarenergie.
Bei keiner anderen Ressource ist die Diskrepanz zwischen Hoffnung und Wirklichkeit so groß wie bei der Solarenergie. 1976 behauptete Barry Commoner, "dass die Sonnenenergie nicht nur einen großen Teil und vielleicht sogar sämtlichen derzeitigen Verbrauch konventioneller Brennstoffe ersetzen und damit Umweltschäden weitgehend ausschalten, sondern auch den Trend in Richtung eskalierender Energiekosten umkehren kann, die das Wirtschaftssystem ernstlich bedrohen" (20). Wasserstoff betrachtete er als "den Schlüssel" zur Speicherung. Joseph Huber schrieb: "Durch die automatische Massenproduktion der Solarzellen und durch den Umstand, dass sie 20 Jahre lang halten sollen, rechnet die Firma Arco Solar ... damit, dass der Sonnenstrom aus ihren Zellen Mitte der 80-er Jahre genauso viel kostet wie herkömmliche Elektrizität." (21) Mitte 1993 sind die Produktionskosten des Solarstroms in Deutschland immer noch 2 DM pro KWh. Wie viel mehr werden sie sein, wenn aus Solarstrom über den Umweg von Wasserstoff nachts wieder Strom produziert wird?
Aber es ist nicht nur eine Frage von hohen Preisen. Das Problem ist ein grundsätzliches. Doch zuerst noch das modernste Beispiel der diesbezüglichen Illusion. In ihrem jüngsten Werk geben Meadows, Meadows und Randers zustimmend eine "einfache Grundregel" von Herman Daly wieder, die eine wunderbare Lösung aller Probleme wäre, wenn sie funktionieren würde: "Sich nicht regenerierende Quellen wie Lagerstätten fossiler Energieträger und hochwertiger Erze sowie Vorräte an fossilem Grundwasser dürfen nicht rascher abgebaut werden, als gleichzeitig sich regenerierende Quellen für dieselbe Art von Nutzung geschaffen werden. Z.B. sollte ein Erdöllager nicht rascher ausgebeutet werden, als man Sonnenkollektoren mit derselben Kapazität installiert und aus Erträgen des gewonnenen Erdöls finanziert. Wenn man so vorgeht, wird aus dem Ölfeld im Endeffekt eine sich regenerierende Energiequelle: Ist die Ölquelle erschöpft, so liefert dafür die nicht erschöpfbare Energiequelle die gleichen Energiemengen." (22)
Das gleicht einem Glauben an Wunder. Das beinhaltet auch einen Widerspruch. Wenn das möglich wäre, bräuchten wir doch überhaupt keine Ressourcen zu sparen, was Meadows und Randers fordern! Auch Umweltschutz als Begründung für Ressourcen-Sparen würde entfallen, da bekanntlich sich regenerierende Ressourcen die Umwelt nicht verschmutzen bzw. leicht abbaubar sind. Aber wichtiger ist die Frage: Was passiert nach zwanzig Jahren, wenn die Solarzellen und, früher oder später, die anderen Teile des Solarkraftwerkes ersetzt werden müssen? Die Sonne scheint zwar fast ewig, aber die Verfügbarkeit der Materialien, aus denen das Kraftwerk gebaut ist, ist doch, wie wir gesehen haben, erschöpflich! ("Matter matters", sagte Georgescu-Roegen. (23)). Und die Ölquellen, die die erste Generation von Solarkraftwerken finanziert haben, sind doch erschöpft! Kann mit der gewonnenen Solarenergie eine zweite Generation von Solarkraftwerken gebaut werden? Georgesu-Roegen hat diese Frage untersucht. Seine Antwort ist: nein, zumindest noch nicht. Er unterscheidet zwischen "machbaren" und "lebensfähigen" Technologien (das von ihm gebrauchte Wort "viable" kann auch mit "sustainable" umschrieben werden). Eine lebensfähige Technologie ist eine, die imstande ist, sich zu reproduzieren, nachdem sie durch die frühere Technologie zustande gebracht worden ist. Bei Solarenergie ist das nicht der Fall. Denn jedes gegenwärtige Rezept für die direkte Nutzung der Solarenergie verursacht ein Defizit in der allgemeinen Energiebilanz; das heißt, jedes solches Rezept verbraucht indirekt mehr Energie in (einer) anderen Form(en) als es direkt produziert." Das ist der Grund dafür, "dass jedes im Moment machbare Rezept zur direkten Nutzung der Sonnenenergie .. hauptsächlich auf fossilen Brennstoffen basiert. Die gesamte notwendige Ausstattung (einschließlich der Kollektoren) wird mit Verfahren produziert, die auf anderen Energiequellen als der Sonne beruhen." Solarenergie ist also nur machbar, solange andere Energiequellen verfügbar sind. Das Problem dürfte unlösbar sein, denn "die extrem geringe Intensität der Sonnenstrahlung, die die Erde erreicht", ist "eine kosmologische Konstante" jenseits unserer Kontrolle. (24) Es gibt noch eine zweite kosmologische Konstante: Die Sonne scheint nicht in der Nacht.
Der Unterschied zwischen den fossilen Energieträgern und dem täglichen Sonnenschein ist, dass der niedrigentropische Zustand der ersteren das Ergebnis jahrmillionenlanger Konzentrierung und Speicherung der Solarenergie durch die Natur ist, während das letztere (auf der Erde) im hochentropischen Zustand zu finden ist und daher durch aufwendige künstliche Verfahren und durch die Zufuhr von fremder Energie erst konzentriert und gespeichert werden muss. Sogar Pflanzen sind in dieser Hinsicht den Solarzellen überlegen. Sie sind auch über längere Zeit durch die Natur konzentrierte und gespeicherte Solarenergie. Wenn wir Pflanzen zu schnellerem Wachstum bringen wollen, dann müssen wir auch fremde Energie in Form von Kunstdünger zuführen. Aber da gibt es auch eine Grenze. Sollte in der Zukunft kontrollierte Kernfusion machbar sein, würde diese Energie auch eine riesige materielle, alle 20 oder 30 Jahre zu ersetzende Ausstattung benötigen, wahrscheinlich so groß wie weiland das Manhattan-Projekt. Wer weiß, wie dann die Energiebilanz dieser Technologie aussehen würde? Das Energieproblem des Wirtschaftswachstums und der Industriegesellschaft ist also noch lange nicht gelöst, es sei denn, wir akzeptieren radioaktive Verseuchung der Welt durch unzählige Brutreaktoren.

Hoffnung Technologie

Die Schwierigkeiten mit dem Energieproblem deuten klar auf Grenzen der Technologie. Trotzdem wird von ihr die Lösung neuer, schwieriger Aufgaben erwartet.
In den 70-er Jahren wurde erwartet, dass die Technologie uns ermöglichen würde, alle zur Neige gehenden Rohstoffe durch Eisen und Aluminium, die reichlich in der Erdkruste vorhanden sind, und durch Kunststoffe zu ersetzen. Zwar braucht man für das letztere Erdöl oder Erdgas. Aber Kohlenstoffverbindungen könnten, so die Hoffnung, durch Aufnahme von CO2 aus der Luft oder Verwendung von Plankton der Meere hergestellt werden - "genauso, wie die fossilen Brennstoffe entstanden sind" (25).
Da aber der Glaube an eine endgültige Lösung des Energie- und mithin des Ressourcenproblems inzwischen schwächer geworden ist, heißt heute die Devise: sparen - auch wegen des Umwelt- und Müllproblems. Aber das darf keine Wohlstandsminderung nach sich ziehen. Franz Steinkühler forderte 1988, der gleiche Wohlstand müsse mit weniger Energie- und Ressourcenverbrauch erzielt werden. (26) Es wird behauptet, das sei möglich.
Die WCED stellte "ermutigende Trends" fest, die angeblich belegen, dass "künftige Modelle der land- und forstwirtschaftlichen Entwicklung, des Energieverbrauchs, der Industrialisierung und menschlichen Besiedlung weniger materialintensiv und damit ökonomisch effizienter und ökologisch verträglicher gestaltet werden können" (27). Kapitel 8 ihres Berichts hat die Überschrift: "Industrie. Mehr produzieren mit weniger". 1983 hatte André Gorz pauschal vom Wunder der "technischen Revolution" geschrieben, die angeblich ermöglicht, "sowohl Investitionen ... und Arbeitskraft als auch Rohstoffe ..., insbesondere Energie, einzusparen". Er versprach uns auf deren Grundlage sogar "das Paradies" auf der Erde. (28) Seitdem hört man überall das Schlagwort "Effizienzrevolution". Kein Zweifel, in der Wirtschaft gibt es noch Verschwendung, die beseitigt werden kann. Es ist wohl noch möglich, dass durch geniale Erfindungen ab und zu die Ressourcenproduktivität schlagartig gesteigert wird. Aber normalerweise erreichen alle Technologien irgendwann das Optimum.
Danach tritt auch bei diesem Produktionsfaktor das Gesetz des abnehmenden Grenzertrags in Kraft. Wir mögen soviel in Forschung investieren, wie wir wollen, einen Verbrennungsmotor, der nur mit Luft betrieben wird, wird es nicht geben. 1985 zitierte Trainer Wissenschaftler, die berichteten, dass technologiebedingter Ertrag im Allgemeinen zurückgehe.(29)
Wie schon erwähnt, technologischer Fortschritt schafft es nicht mehr, den Produktivitätsrückgang in der Bergbauindustrie zu verhindern. Es wird bezweifelt, dass die heutige Effizienz der Energieproduktion (Energie-Output-Input-Verhältnis) aufrechterhalten werden kann. (30) In der Nordsee und in Sibirien ist dieses Verhältnis sicher sehr viel schlechter als am Persischen Golf. Bei der industriellen Landwirtschaftstechnologie braucht man immer mehr Dünger und nichterneuerbare Energie, um gleich viel Getreide zu erhalten. (31)
Technologischer Fortschritt wurde in der Vergangenheit durch zwei Motoren angetrieben: den Geist und immer üppigeren Verbrauch von Ressourcen. Ein Presslufthammer z.B. verkörpert nicht nur höhere Erfindungen, sondern erfordert bei seiner Herstellung und seinem Betrieb auch viel mehr Ressourcen als ein einfacher Hammer. Aber die Aufgabe heute ist es, Ressourcen zu sparen, d.h. sozusagen auf den zweiten Motor weitgehend zu verzichten. Auch so ist manches möglich. Durch die Arbeit des Geistes ist z.B. der Computer kleiner geworden, und die Programme können mehr Daten verarbeiten. Aber in einem Computer kann man nicht wohnen, und Daten kann man nicht essen.
Einzelne Erfolge können uns über die Gesamtlage hinwegtäuschen. Während ein Auto heute weniger Treibstoff braucht als vor zehn Jahren, muss die amerikanische Ölindustrie heute mehr Energie und Material aufwenden, um einen Liter Öl von Alaska zu holen anstatt von Texas.
Gelegentliche Innovationen können diesen überall zu findenden säkularen Trend nicht ausgleichen. Technologischer Fortschritt kann also das Problem bestenfalls aufschieben, nicht lösen.

Technologischer Umweltschutz

Klar, wenn der Ressourcenverbrauch sinkt, sinkt auch die Umweltbelastung. Aber ersteres geschieht per Saldo nicht, erst recht nicht, wenn die Wirtschaft wächst. Kann Technologie wenigstens direkt die Umweltbelastung reduzieren?
Was technologischer Umweltschutz in den meisten Fällen bietet, ist Problemverschiebung - mediale, lokale und temporale. Schadstoffe werden von der Luft in die Medien Wasser und Boden verlagert oder umgekehrt. Oder sie werden weiträumig verteilt. Stichwort Politik der hohen Schornsteine. Oder sie werden verdünnt durch Hinzufügen von Frischluft oder Frischwasser. Helmut Weidner zieht das folgende Fazit: "Die Grenzen einer nicht am ökologischen Gesamtkontext orientierten Umweltpolitik sind darin zu sehen, dass sie mit ihren Mitteln des selektiven und peripheren Eingriffs zwar eine kurz- bis mittelfristige Entlastung erreichen kann, dass langfristig jedoch die erreichten Erfolge gefährdet werden oder gar die alten Sorgen auf einem höheren Niveau wieder auftauchen. Die Erklärung hierfür liegt in dem Prozess der wachstumsbedingten Akkumulation der Restschadstoffe (aber das geschieht auch bei Null-Wachstum; S. S.) und vor allem in den Phänomen der Problemverschiebung." (32)
Zudem müssen wir uns vor Augen führen, dass alle Filteranlagen, Vorrichtungen und Bauten, die für diese Art Umweltschutz eingesetzt werden, selber Industrieprodukte sind. Deren Herstellung und Betrieb erfordern Ressourcenverbrauch und verursachen somit zusätzliche Umweltbelastung - nur anderswo und anderer Art. Und sie müssen auch alle 10, 15 oder 20 Jahre ersetzt werden. 1988 betrugen in der BRD die "defensiven Ausgaben" für Umweltschutz etwa 3,4% des BSP. (33) Mit so viel Aufwand wurde also nur Problemverschiebung erreicht.
Nun, es ist nicht möglich, Schadstoffe durch chemische Verfahren in unschädliche oder nützliche Stoffe zu verwandeln. Petryanov, ein führender Wissenschaftler der alten Sowjetunion, stellte sich 1977 "die Industrie von morgen" als "Fabriken ohne Schornstein" vor. (34) Aber erstens können nicht die gesamten Schadstoffe aufgefangen werden (4. Hauptsatz der Thermodynamik), und zweitens erfordern solche Verwandlungen einen etwa ebenso großen Energieeinsatz wie zur vorangegangenen Herstellung des jeweiligen Produkts. (35) Aber zumindest bis in die absehbare Zukunft wird vermehrter Einsatz von Energie vermehrte Emission von CO2 oder radioaktiven Stoffen/Strahlungen verursachen.

Was bleibt der Menschheit übrig?

Inzwischen ist wohl klar geworden, dass nachhaltige(s) Entwicklung/Wachstum stofflich nicht möglich ist. Selbst wenn das Ressourcenproblem gelöst wäre, stieße eine wachsende Weltwirtschaft gegen die Klimagrenze. Längst bevor der Vorrat an fossilen Energieträgern zur Neige geht, müssen wir deren Verbrauch wegen des CO2-Problems stark drosseln. Aber auch ohne das CO2-Problem gäbe es bei kontinuierlichem Wachstum eine gefährliche globale Erwärmung, denn wo auch immer Energie eingesetzt wird, ... in jedem Falle geht fast der gesamte Energieeinsatz nach kurzer Zeit als Wärme in die Atmosphäre über" (36).
Es gibt aber auch den Begriff "nachhaltige Gesellschaft". Hier wird nicht von Entwicklung oder Wachstum geredet. Wäre also eine stationäre Ökonomie nachhaltig? Sofern damit eine stationäre industrielle Ökonomie gemeint ist, wäre auch das nicht möglich. Denn eine industrielle Wirtschaft benutzt größtenteils nichterneuerbare Ressourcen, die auch bei Null-Wachstum im Laufe der Zeit erschöpft sein werden.
Durch eine Effizienzrevolution könnte natürlich einiges erreicht werden. Aber alle wissen, dass Effizienzsteigerung nur "bis zu einem gewissen Ausmaß realisierbar" ist. (37) Ernst Ulrich von Weizsäcker erwartet "eine Halbierung oder Drittelung der Verbräuche"(38). Das kann aber das Ende der industriellen Wirtschaft nur aufschieben, nicht verhindern.
Eine Gesellschaft ist nur "dann nachhaltig, wenn sie so strukturiert ist und sich so verhält, dass sie über alle Generationen existenzfähig bleibt" (39). Im Prinzip kann sie also nur nachhaltig sein, wenn ihre Wirtschaft (wenn nicht ausschließlich, so doch) hauptsächlich auf erneuerbaren Ressourcen basiert. Es gibt keine Regel, dass eine Wirtschaft eine industrielle sein muss. Industriegesellschaften gibt es erst seit 200 Jahren. Und wenn wir an alle kommenden Generationen denken, dann ist es sicher, dass auf lange Sicht die Menschheit wieder in nichtindustriellen Gesellschaften leben wird. Die Wirtschaft einer solchen Gesellschaft wird hauptsächlich auf indirektem und langsamem Gebrauch von Solarenergie basieren - in der Form von Biomasse, menschlicher und tierischer Arbeitskraft, Wind- und Wasserkraft. Da Eisen auf der Erdoberfläche reichlich vorhanden ist, wird es sicher lange und großzügig benutzt werden, wahrscheinlich auch Kohle, für noch ein paar Jahrhunderte. Aber die anderen, knapperen, nichterneuerbaren Ressourcen werden nur benutzt werden, wenn sie absolut notwendig sind. Das Tempo des Wirtschaftens wird nicht das langsame Tempo überschreiten, in dem regenerierbare Ressourcen sich regenerieren. Die Frage "wie viel pro Jahr?" ist also sehr wichtig. Es gibt keine Hoffnung, dass wir die nichterneuerbaren Ressourcen mengenmäßig auch annähernd durch die erneuerbaren werden ersetzen können.
Die Zeit bis dahin ist Übergangszeit. Sparsamkeit und Effizienz bei Ressourcenverbrauch, langlebige Güter, Mehrwegflaschen, Reparieren, Bahn statt Auto usw. - das alles sind nur Mittel, um Zeit zu gewinnen und den allmählichen Übergang möglichst friedlich und geordnet zu vollbringen. Letzteres ist das wichtigste Kriterium zur Beurteilung der Wirtschafts- und Ökologiepolitik, aber auch der Sozialpolitik jeder Regierung der Welt. Die Verteilungsfrage - wer wie viel bekommt und wer auf wie viel verzichten muss - ist wohl die wichtigste Frage der Übergangszeit. Das meint auch die Verteilung zwischen Nord und Süd. Aber ich kann hier auf diese Frage nicht eingehen. Es gibt auch nichtmaterielle Gründe für den Ausstieg aus der Industriegesellschaft. Echte Demokratie, Emanzipation, Herrschaftsfreiheit, solidarische zwischenmenschliche Beziehung usw. sind schlecht mit einer solchen Gesellschaft vereinbar. Aber auch dieser Punkt kann hier nicht behandelt werden. (40)
Ob in einer solchen Ökonomie auch der Wohlstand der Ersten Welt möglich sein wird? Der "Realist" Ernst Ulrich von Weizsäcker schreibt: "Europäern, Amerikanern und Japanern zu empfehlen, sich in Sack und Asche zu kleiden und auf Wohlstand zu verzichten, ist eine zum Scheitern verurteilte Strategie." Er fordert ein "neues Wohlstandsmodell", das man, "ohne die Erde zu ruinieren, auf fünf oder zehn Milliarden Menschen ausdehnen könnte" (41). Um dieses Modell zu konkretisieren, gibt er ein Beispiel mit Zeichnung: Kurze "Citycars" und Fahrräder könnten in zweistöckigen Autoreisezügen zusammen mit Passagieren befördert werden. (42) So etwas kann der erste Schritt des Übergangs in der Ersten Welt sein, nicht aber ein Element einer nachhaltigen Gesellschaft. So etwas kann auch nicht auf 5 Milliarden Menschen ausgedehnt werden, auch nicht mit einer "Effizienzrevolution". Das ist einfach ein eurozentristischer Unsinn. Es ist klar: In einer nachhaltigen Gesellschaft würde sich die Menschheit mengenmäßig viel weniger leisten können, als das, was sie sich heute dank fossilen Energieträgern und Uran leistet. Aber das besagt bekanntlich wenig über die Lebensqualität.
Die WCED hat eine bessere moralische Grundlage für ihren Wachstumskurs, nämlich Beseitigung der Armut, aber eine schlechte Logik. Sie behauptet, Armut sei eine der Hauptursachen der Umweltzerstörung. Das stimmt nur für lokale, nicht aber für die globalen Umweltkrisen, für die hauptsächlich die Reichen verantwortlich sind. Wenn z.B. Inder zum Kochen anstatt Holz Strom und zum Pflügen statt Tiere Traktoren verwenden würden, würden die indischen Wälder zwar ein längeres Leben haben, die CO2-Produktion würde aber erheblich steigen. In einigen wenigen Regionen, die noch sehr unterentwickelt sind, gibt es vielleicht noch Spielraum für Wirtschaftswachstum auch bei Beachtung der ökologischen Grenzen und Anwendung ausschließlich erneuerbarer Ressourcen.
Aber im globalen Maßstab ist das nicht mehr möglich. Für die Beseitigung weltweiter Armut bleiben uns also nur gerechte Verteilung und Stopp des Bevölkerungswachstums übrig. (43)
Weizsäcker meint, "mehr und nicht weniger Technologie" sei notwendig, "da in Zukunft die große Fülle der Ressourcen gar nicht mehr zur Verfügung stehen wird" (44). Aus einer richtigen Prognose ist hier ein falscher Schluss gezogen worden. Die Wirtschaftsweise der Zukunft sollte eigentlich aus diesem Grund mehr arbeitsintensiv sein als technikintensiv, denn auch die effizienteren Technologien werden knappe, nichterneuerbare Ressourcen beanspruchen und erschöpfen, viel mehr und viel schneller als die arbeitsintensiven Technologien, die in der Dritten Welt schon längst vorhanden sind.
Niemand weiß, wie viel Wohlstand in einer nachhaltigen Gesellschaft verloren gehen und um wie viel die Lebensqualität steigen würde. Niemand weiß, wie viele Stunden pro Woche wir dann arbeiten werden müssen und wie viele von welchen Freiheiten dann noch erhalten bleiben werden. Es ist müßig, all das schon jetzt ausrechnen zu wollen. Wenn die Menschheit noch einige Jahrtausende existieren will, dann ist eine nachhaltige Gesellschaft eine absolute Notwendigkeit. Und Freiheit ist, sagte Hegel, die Einsicht in die Notwendigkeit.
Eine Freiheit, die unbedingt eingeschränkt werden muss - sowohl in einer nachhaltigen Gesellschaft als auch während des Übergangs zu ihr -, ist die des Unternehmertums. In der Marktwirtschaft versteht eine Firma per definitionem nur eine Logik, die der Profitmaximierung, Kapitalakkumulation und Expansion, sonst nichts. Auch das Gebot der Armutsbeseitigung durch Verteilungsgerechtigkeit statt durch Wirtschaftswachstum verlangt diese Einschränkung. Wie stark sie sein muss und wie viel Plan und Kontrolle notwendig ist, kann hier nicht diskutiert werden. Aber zwei Illusionen müssen beseitigt werden: die Illusion einer "wirtschaftsverträglichen Strategie" (Weizsäcker) und die Illusion, dass das Markt-und-Preis-System alles bestens regeln könne.
Eine Wirtschaft, in der der Durchsatz von Energie und Materialien zurückgeht, kann dem Unternehmertum als ganzen nicht gut bekommen. Zwar werden einzelne Branchen wie z.B. die Fahrradindustrie davon profitieren. Aber die meisten anderen Branchen werden Verluste machen. Viele Firmen werden pleite gehen.
Der auf dem Markt entstandene Preis - selbst wenn er durch Umweltsteuern usw. erhöht wird - kann die Probleme nicht lösen. Den auch ein solcher Marktpreis kann bestenfalls nur die Nachfragen der jeweils lebenden Generationen berücksichtigen, nicht aber die der noch nicht geborenen. Zudem müssen wir zwischen Bedarf und Nachfrage unterscheiden. Bedarf wird nur mittels Kaufkraft zur Nachfrage. Der Bedarf der Armen bleibt also ganz unberücksichtigt. Weizsäcker will aber sein neues Wohlstandsmodell auf alle 5 - 10 Milliarden Menschen ausdehnen. Wie wird er das können, wenn er auf die Marktwirtschaft und freie Preise setzt? Aus allen Gründen sind also eher quantitative Festlegungen notwendig.
Viele reden heutzutage von Natur, Umwelt, Rechte der anderen Spezies, Solidarität usw. Meadows und Randers reden von Visionen, Zusammenarbeit, Wahrheitsliebe und Brüderlichkeit (45), Weizsäcker will eine neue Kultur (46). Wunderbar! Aber wie kann das alles mit der Kultur des Kapitalismus, Egoismus und Konkurrenzkampfes um Profit, Job und Aufstieg vereinbart werden?

Anmerkungen

1. H. Kahn, Vor uns die guten Jahre, Wien 1976.
2. J. Huber, Die verlorene Unschuld der Ökologie, Frankfurt a.M. 1982, 12 u. 10.
3. DGB, Umweltschutz und qualitatives Wachstum, Düsseldorf 1985, 7.
4. Die Grünen, Umbau der Industriegesellschaft, Bonn 1986.
5. World Commission on Environment and Development, Our Common Future, Oxford 1987.
6. A. Jablokow, Ökologische Ignoranz und ökologisches Abenteurertum, in: J. Agfanassjew (Hg.), Es gibt keine Alternative zur Perestroika, Nördlingen 1988, 311.
7. Kahn, aaO. 47; Zit. Nach Grün/Wiener, Global denken, vor Ort handeln, Freiburg 1984, 106.
8. Huber, aaO. 143.
9. W. Beckermann, Economics, Scientists, and Environmental Catastrophe, in: Ocford Economic Papers, November 1972, 338.
10. V. Schneiders, Die Ressourcen der Ökonomie, in: J.R. Block/W. Maier (Hg.), Wachstum der Grenzen, Frankfurt a.M. 1984, 81-82.
11. A. Aganbegyan, The Economic Challenge of Perestroika, Bloomington 1988, 8.
12. Schneiders, aaO. 83.
13. AaO. 84-85.
14. F.E. Trainer, Abandon Affluence!, London 1986, 51-52.
15. Zitiert nach N. Georgescu-Roegen, Technology Assessment - The Case of the Direct Use of the Solar Energy, in : Atlantic Economic Journal, Dezember 1978
16. Ebd.
17. A. Gorz, Ökologie und Politik, Reinbek 1977, 77.
18. D. Gabor u.a., Das Ende der Verschwendung, Stuttgart 1976, 144-145; zitiert nach dem Vorlesungsmanuskript von Professor Theodor Ebert (Ethik der Selbstbegrenzung, 1987).
19. G.W. Sauer, Wiederaufarbeiten, Zwischenlagern oder direkt Endlagern?, in: Frankfurter Rundschau, 18. 2. 1993.
20. B. Commoner, Energieeinsatz und Wirtschaftskrise, Reinbek 1977, 108.
21. Huber, aaO. 95.
22. Meadows/Meadows/Randers, Die neuen Grenzen des Wachstums, Stuttgart 1992, 70.
23. Georgescu-Roegen, aaO. 20.
24. Alle Zitate: aaO. 19-20.
25. P. Daublesky, Technologie und Entwicklung, in: H. v. Nussbaum (Hg.), Die Zukunft des Wachstums, Düsseldorf 1973, 201.
26. Steinkühler, Rede auf der 1. Umweltkonferenz der IG Metall in F.a.M., Januar 1988.
27. WCED, aaO. 89-90.
28. A. Gorz, Wege ins Paradies, Berlin 1984, 49-50; z einer ausführlichen Kritik an diesem Grundsatzwerk von Gorz siehe. S. Sarkar, Das Paradies von André Gorz - Fragen, Zweifel, Kritik, in: Kurswechsel (Wien), Nr. 3/90.
29. Trainer, aaO. 211.
30. Ebd.
31. R. Strahm, Warum sie so arm sind, Wuppertal 1985. Siehe auch L.R. Brown, Securing Food Supplies, in.: ders. U.a., State of the World 1984, New York 1984, 179.
32. H. Weidner, Von Japan lernen? Erfolge und Grenzen einer technokratischen Umweltpolitik, in: Tsuru/Weinder (Hg.), Ein Modell für uns - Die Erfolge der japanischen Umweltpolitik, Köln ‚85, 184.
33. Ch. Leipert, Die heimlichen Kosten des Fortschritts, Frankfurt a.M. 1989, 126.
34. I.V. Petryanov, A Story of Man and his Environment, in: N. Semenov u.a., Things to Come, Moskau 1977, 251.
35. K.M. Meyer-Abich, Die ökologische Grenze des herkömmlichen Wirtschaftswachstums, in: Nussbaum, aaO. 177.
36. AaO. 172.
37. Meadows/Meadows/Randers, aaO. 256.
38. E.U. von Weizsäcker, Erdpolitik, Darmstadt 1989, 265.
39. Meadows/Meadows/Randers, aaO. 250.
40. Ich empfehle: Ullrich, Weltniveau - In der Sackgasse des Industríesystems, Berlin ‚79.
41. Weizsäcker, aaO. 14.
42. AaO. 234.
43. Für meine Position zur Bevölkerungsproblematik siehe: Sarkar, Polemik nützt nichts - über den Zusammenhang von Bevölkerungswachstum, Ökologie, Armut und Wohlstand, in: Kommune 9/92.
44. Weizsäcker, aaO. 232.
45. Meadows/Meadows/Randers, aaO. 267.
46. Weizsäcker, aaO. 267, 271.
aus Tarantel (Das Informationsblatt der Ökologischen Plattform), siehe www.oekologische-plattform.de/

Frau Lehmann

eine Odyssee, 12. Teil, aufgeschrieben von Regina
(1. Teil in LOVER 20, 2. Teil in LOVER 21, 3. Teil in LOVER 22, 4. Teil in LOVER 23, 5. Teil in LOVER 24, 6. Teil in LOVER 26, 7. Teil in LOVER 27, 8. Teil in LOVER 28, 9. Teil in LOVER 30, 10. Teil in LOVER 31, 11. Teil in LOVER 32)

Else Lehmann! Schrubber-Else! Das Stöhnen eines weidwunden Rehs brach aus Frau Lehmanns Kehle. Das konnte und durfte einfach nicht wahr sein!

Das Dumme war nur, daß jetzt, wo der Damm der Verdrängung gebrochen war, immer neue Einzelheiten ihres früheren Lebens an die Oberfläche drängten. Eine düstere, freudlose Kindheit - der Vater ein wüster Schläger und Säufer, die Mutter unterwürfig und mit der Erziehung ihrer Kinder völlig überfordert, die vier älteren Brüder gemein, hinterhältig und gewaltbereit und die jüngere Schwester eine kleine miese Petze, die wegen jedem ausgeschlagenen Zahn Zeter und Mordio schrie - diese Zimperliese.

Den Abschluß der achten Klasse schaffte Else aufgrund der häuslichen Misere nur mit Ach und Krach. Und danach immer nur Putzen, Putzen, Putzen. Im zarten Alter von 19 Jahren heiratete sie dann, dumm und unerfahren wie sie war, Willi Lehmann, diesen Lustmolch und Suffkopp. Na, den war sie hoffentlich ein für allemal los. Der hatte es bestimmt nicht geschafft, sich aus diesem Blätterberg herauszuwühlen, stockbesoffen, wie der war.

Trotzdem - es war einfach furchtbar. Wie sollte sie mit dieser Vergangenheit weiterleben? War es da ein Wunder, daß sie sich damals auf die einmalige Chance gestürzt hatte, die sich ihr mit der ABM-Stelle "Frau Meyer" bot? (Welche Erniedrigungen und Demütigungen sie auf sich nehmen mußte, um an diesen Job zu kommen, daran dachte Frau Lehmann lieber nicht.) Und war es des weiteren verwunderlich, daß sie die Biographie der schon vor einiger Zeit dahingegangen ‚wirklichen' Frau Meyer bald nicht nur in- und auswendig kannte, sondern sich vollkommen damit identifizierte? Sie war bald so perfekt in ihrer Rolle, daß ihr der Job als Sekretärin, der nun mal zur ABM-Stelle "Frau Meyer" dazugehörte, so flott von der Hand ging, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Und selbst Horst beteuerte in den ersten Wochen immer wieder, daß sie genau so mit ihm herumtotterte, wie seine verblichene Ehegattin es immer getan hatte.

Warum nur hatte Horst sie nicht für immer behalten und sie statt dessen in ihre frühere, triste Existenz zurückgestoßen?! Nun gut, als Frau Meyer wäre sie im blühenden Alter von 56 Jahren durch einen Kunstfehler der Ärzte bei einer Blinddarm-OP gestorben. Aber sie wäre als eine ehrbare Frau in geordneten Verhältnissen von dieser Welt gegangen.

Ach, hätte sie doch nie diese Ultrahypnose über sich ergehen lassen! Dieser eiskalte Prof. Dr. Dr. Flach-Zange kannte einfach keine Gnade, wühlte im Dreck, bis er fündig wurde, zerrte die sogenannte ‚Wahrheit' erbarmungslos ans Licht. Was war das schon: Die ‚Wahrheit'?! Bei ihren glänzenden Anlagen, ihrem natürlichen Charme und ihrer überragenden Intelligenz hätte sie wahrlich eine bessere Biographie verdient! Ganz allein die leidigen äußeren Umstände waren Schuld an der popligen Existenz, in der sie auszuharren gezwungen war.

Hätte sie doch zugegeben, Inge Fies zu sein! Als sie diesen Sockenbügler Rötelmeyer so vor sich zittern sah, hatte sie einen Moment lang selbst daran geglaubt. Es hatte schon Situationen in ihrem Leben gegeben, in denen sie am liebsten alles in die Luft gesprengt hätte! Auch jetzt wäre ihr sehr danach zumute! Ja, gut, als überführte Terroristin hätte man sie für ein paar Jahre in den Knast gesteckt, aber mein Gott, nach den mageren wären dann die fetten Jahre gekommen: Interviews mit den großen renommierten Zeitschriften wie Super-Illu und Bunte, Talkshows im Fernsehen, Ferien in Ibizza!

Und dann hätte sie ihre Memoiren geschrieben, sie wußte auch schon einen Titel: "Ja ich bin Inge Fies!" Millionen hätte sie damit verdienen können. Und mit der RAF-Aktie hätte sie die Börse mal so richtig aufgemischt. Ha!

Warum nur hatte sie darauf bestehen müssen, eine anständige, unbescholtene Bürgerin zu sein, wo doch jedes Kind wußte, daß Anständigkeit und Unbescholtenheit die ersten Schritte in Richtung Mißerfolg und Versagen sind. Zu allem Unglück würde noch vor Weihnachten ihre Stelle in der ABM-Kolonne "Flottes Holzen und Harken" auslaufen, in die sie nur hineingerutscht war, weil ihre Vorgängerin eine feste Stelle in einer Schlächterei in Holland bekommen hatte. Warum lachte immer nur anderen das Glück?

Verzweifelt blätterte Frau Lehmann den Annoncenteil der gebührenfreien Zeitung durch, die jeden Mittwoch in ihrem verbeulten Briefkasten steckte. Die Anzeigen klangen nicht gerade ermutigend. "Mit Spaß und Erfolg von zu Hause arbeiten. Monatlich bis 2000,- DM möglich." Ha! Mit solch billigen Tricks brauchte man Frau Lehmann nicht zu kommen, sie wußte genau, wann man versuchte, sie über den Tisch zu ziehen. Und natürlich suchte man Putzkräfte, aber sollte sie ihre kostbaren Talente wieder jahre- und jahrzehntelang auf den Knien rutschend verplempern?! Wozu gab es so viele Ausländer in Deutschland?

"Live stöhnen" klang nicht schlecht. Aber wie kam man nur an so einen Job? Sie konnte ja schlecht im Arbeitsamt danach fragen. Und für Tabledance war sie wohl doch ein wenig zu alt. Dicke Tränen rollten über Frau Lehmanns ungeschminkte und vor Kummer und Aldi-Nahrung schon ganz ausgezehrte Wangen, als ihr Blick auf eine ganz kleine, unscheinbare Anzeige fiel, die ihr wie ein Licht in der Finsternis entgegenleuchtete: "Dau wat! Egal wat! Der Arbeitslosenverband e.V. lädt ein zum vorweihnachtlichen Basteln."

Das war es! Sie mußte etwas tun! Ganz egal was, nur tätig mußte sie werden, dann würde sich alles andere von selbst finden! Frau Lehmann spürte wie ihr Leben endlich wieder einen Sinn bekam. Zugegeben, sie hatte Basteln immer gehaßt, aber das war jetzt völlig belanglos: Sie würde etwas tun! Was sollte all das Jammern und Stöhnen! Es gab so viele Möglichkeiten: Marmelade kochen, Pullover stricken, Werbebroschüren verteilen, Geburtstagskarten - sei's drum - basteln! Hauptsache nicht putzen. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen schnitt Frau Lehmann die Annonce aus und heftete sie mit einer Reißzwecke an die Wand.

Endlich war es soweit. Es hatte Frau Lehmann schon einige Anstrengungen gekostet, sich für den Arbeitslosentreff einigermaßen herzurichten. Doch die Kleiderkammer des Sozialamtes gab eben nichts Besseres her, und Spucke war einfach kein vollwertiger Ersatz für Haarspray. Gott sei Dank fiel ihr rechtzeitig ein, daß die anderen Frauen, die sich beim Basteltreff einfinden würden, ja genauso arm dran waren wie sie. Und was zählten schon Äußerlichkeiten, wo sie doch das besaß, was eine Persönlichkeit wirklich auszeichnete: Ausstrahlung, Durchsetzungsvermögen und einen knackigen Hintern.

Dennoch war es Frau Lehmann etwas unangenehm, als sie den Raum des Arbeitslosenverbandes betrat und sie die Blicke aller Anwesenden auf sich gerichtet sah. Natürlich, damit hatte sie rechnen müssen: Hier waren nahezu ausschließlich Frauen versammelt. Die Männer hingen feige zu Hause rum und versoffen das letzte bißchen Stütze. Von wegen starkes Geschlecht! Weicheier, Warmduscher, Muttifrager...

Frau Lehmann war im Begriff, ob dieser Erkenntnis verächtlich die Lippen zu schürzen, als plötzlich ihr Herz für einen Augenblick stillstand, denn sie sah IHN: groß, schlank, breite Schultern, schmale Hüften, Augen so blau wie die Adria wie im Lied von Ivica Cervesi. Sie mußte sich am nächsten Stuhl festklammern, um nicht umzufallen, so zitterten ihr die Knie. Endlich hatte sie IHN gefunden, nach all den Jahren des vergeblichen Hoffens und Harrens! Wie viele Wege hatte sie gehen, wie viele Fußböden schrubben müssen, um IHM zu begegnen, ihrem Traummann.

Lächelnd trat er auf sie zu, und sagte zu ihr mit einer Stimme, die die erotische Ausstrahlung eines Reibeisens hatte: "Sie sind sicher neu hier, stimmt's? Keine Angst, die erste Aufgeregtheit legt sich ganz schnell. Mein Name ist Dietfried Schmidt, ich bin der Vorsitzende des Vereins." Während er sprach, hielt er ihre Hand fest in der seinen und schaute ihr tief in die Augen. Ach, sie hätte sich stundenlang in diesen Augen verlieren können!

Aber die anderen Frauen tuschelten schon neidisch miteinander. Also riß sich Frau Lehmann zusammen und stellte sich ihrerseits vor, verschwieg jedoch wohlweislich ihre bisherige Berufskarriere. Aufmunternd strahlte Dietfriedchen, wie sie ihn von nun an in ihrem Herzen nannte, sie an, wobei er seine Zähne entblößte. Fasziniert stellte Frau Lehmann fest, daß seine Kauwerkzeuge noch vollständig waren. Sicher achtete er auf seine Gesundheit. Darauf ließ auch sein muskulöser Körperbau schließen. Der kleine Bauchansatz fiel kaum auf. Daß das Toupet etwas verrutscht und seine Zähne nicht ganz weiß waren störte den Gesamteindruck nicht im mindesten und verlieh diesem Mann etwas Rührendes, Verletzliches.

Dietfried machte sie mit den Frauen und einem älteren Mann bekannt, der sich allerdings dauernd nervöse umblickte und alle fünf Minuten fragte: "Ja, ist das denn hier nicht der Lottoverein?!" - worauf jedoch niemand reagierte.

Frau Lehmann taxierte die weiblichen Vereinsmitglieder gründlich und sortierte die Ungefährlichen sofort aus: die Alten und Häßlichen. Davon gab es hier jede Menge. Als Konkurrentinnen kamen nur zwei Frauen in Frage: Eine junge vollbusige Blondine, die Dietfried ihrerseits nahezu mit den Augen verschlang sowie eine Rothaarige in Frau Lehmanns Alter, die hier anscheinend gleich nach Dietfried den Ton angab und Frau Lehmann mißtrauisch von oben bis unten musterte. Die Blonde hieß Moni und war offensichtlich genauso blöd, wie sie blond war. Sicher verfügte sie über einige weibliche Reize, aber sie war eindeutig unter Dietfrieds Niveau. Hoffte zumindest Frau Lehmann.

Die Rothaarige namens Isolde war von einem ganz anderen Kaliber: Hinterhältig, boshaft und mit allen Wassern gewaschen, dabei nach außen hin scheinheilig freundlich, was sie zu einer wirklichen Gefahr machte. Dazu trug diese Isolde Klamotten vom Feinsten, und die Haare waren selbstverständlich gefärbt. Es mußte also doch was dran sein an dem Gerücht, daß es auch Arbeitslose gab, denen es zu gut ging. Oder arbeitete die irgendwo schwarz? Frau Lehmann würde ein Auge drauf haben. Dieses Samtshirt mit dem tiefen Ausschnitt und den Glitzerpailletten gab's jedenfalls nicht bei Woolworth.

Ausgerechnet Isolde zeigte ihr nun, wie sie einen albernen Schneemann auf eine noch albernere Weihnachtskarte kleben sollte. Frau Lehmann haßte dieses Geschnipsel und Gefummel, bald rochen ihre Hände nicht mehr nach Florena-Creme (den Luxus wenigstens gönnte sie sich), sondern nach billigem Klebstoff - gräßlich. Und die blöden kleinen, fipsligen Schneemannaugen wollten einfach nicht an der richtigen Stelle haften bleiben. Das hatte die Rothaarige doch mit Absicht gemacht, andere durften immerhin dekorative Fensterbilder ausschneiden oder hübsche Topflappen häkeln.

Plötzlich stellte eine kräftige, wohlgeformte Männerhand eine Tasse Kaffee neben Frau Lehmanns Ellenbogen. Na ja, der Kaffee war dünn, aber die Geste zählte. "Nun, wie gefällt es Ihnen bei uns?" fragte Dietfried Frau Lehmann in ihren Nacken hinein, wobei Frau Lehmann ein warmer Lufthauch kitzelte, so daß ihr wohlige Schauer über den Rücken liefen. "Oh, ganz toll, wirklich, Herr Schmidt", versicherte Frau Lehmann überschwenglich. "Sie können mich ruhig Dietfried nennen", bot er Frau Lehmann an, die vor Glück am liebsten laut gejuchzt hätte. Dietfrieds Mund mußte ihrem Ohr jetzt ganz nahe sein, ein paar klitzekleine Spucketröpfchen landeten auf ihrem Ohrläppchen: "Und ihr Vorname, schöne Frau?" Frau Lehmann wurde es ganz heiß. "Else", hauchte sie kaum hörbar.

Doch dieses rothaarige Biest hatte es dennoch aufgeschnappt: "Ach, jetzt weiß ich; ich hab' schon die ganze Zeit darüber nachgegrübelt, woher ich dieses Gesicht kenne. ‚Dieses Gesicht kennst du doch', hab ich mir gesagt. Du bist doch die Schrubber-Else, na klar. Dich hat man ja lange nicht gesehen. Na, verbessert haste dir ja nicht gerade. Was macht eigentlich dein Willi, dieser Suffkopp?!"

Jetzt erkannte auch Frau Lehmann dieses rothaarige Luder: Das war doch Isolde Pröhl, die im gleichen Viertel wie Frau Lehmann aufgewachsen war und schon als ganz junges Ding allen Männern den Kopf verdreht hatte. Und auf Willi war die doch damals selbst ganz scharf, aber gegen sie, die fesche Else, hatte sie keine Chance gehabt. Frau Lehmann zeigte Isolde sofort, wo es langging: "Ich habe mich von diesem Widerling und Lustmolch getrennt. Du kannst ihn jetzt gerne haben! Er entspricht doch besser deinem Niveau." "Na warte!" kreischte Isolde und wollte Frau Lehmann mit ihren spitzen, rotlackierten Fingernägeln ins Gesicht fahren. Geistesgegenwärtig griff diese nach der noch heißen Tasse Kaffee und schüttete ihn Isolde in den teuren Ausschnitt. Dieses geschmacklose Angebershirt war jetzt jedenfalls hin. Isolde schrie wie am Spieß, auch die anderen Vereinsmitgliederinnen gerieten jetzt aus dem Häuschen, einige feuerten Isolde an, andere standen auf Frau Lehmanns Seite. Nur der ältere Herr schlich sich mit eingezogenem Kopf davon.

Schon wollten die ersten Frauen bewaffnet mit Scheren und Häkelnadeln übereinander herfallen, als es plötzlich mucksmäuschenstill wurde: Dietfried hatte die Hand gehoben, und ein Dutzend weiblicher Augenpaare schaute erwartungsvoll zu ihm auf. "Aber, aber, meine Damen", hub Dietfried zu sprechen an und klang genauso salbungsvoll wie Pfarrer Schmeiß-Fliege im Fernsehen. "Wir wollen uns doch hier nicht streiten. Wir alle haben doch unsere kleinen Fehler und Schwächen, auf die wir uns nicht auch noch hinweisen sollten. Wen geht es denn etwas an, daß Frau Wittig unter Inkontinenz leidet und Frau Prudlo im Aldi beim Klauen erwischt wurde? Na also. Und ich möchte Sie wie immer auch an unser Motto erinnern, das da lautet: Dau wat! -" Alle Frauen fielen augenblicklich versöhnend und begeistert im Chor ein: "Egal wat!"

Gott, wie dieser Mann alles im Griff hatte! Es folgte ein allgemeines Händeschütteln und Umarmen, das allerdings zwischen Isolde und Frau Lehmann etwas kühl und distanziert ausfiel. Als Letzte reichte das blonde Dummchen Moni Frau Lehmann die Hand und lispelte: "Gott, bin ich froh, daß du die Schrubber-Else bist!" "Wieso?" fragte Frau Lehmann leicht gereizt. Der würde sie es auch noch austreiben, sie so zu nennen. "Na ja, ich hatte doch solche Angst, ich meine, oh mein Gott, ich dachte, du wärst Inge Fies!"

Fortsetzung folgt Regina

HEIMATKUNDE

Eine lustige Begebenheit original zum Thema will ich hier noch berichten: Als wir letztens im tiefsten zahmen Westen unterwegs waren, nutzen wir "Schlafbuch der Erdenbürger"-Adressen (www.schlafbuch.de) zum Übernachten. In einer der Unterhaltungen meinte eine Gastgeberin zu uns, als wir sagten, woher wir kämen, daß sie gar nicht recht weiß, wo das ist, Landkreis Demmin, "Vorpommern" und so.
Und daß sie da unbedingt mal überall hinfahren müssen/würden, "die Heimat" (Original-Zitat) richtig kennenlernen und so, in der man lebt.
Na sowas! Und vor dem Abtrag überschüssigen Mauerwerks und Zaunrecyclings 89/90 war's wohl nicht die Heimat? Oder wieso wollten die in den 40 Jahren vorher "ihre Heimat" nicht kennenlernen? Keine Straßen. Keine Hotels. Halbrussen. Und plötzlich, über Nacht, Heimat! Juchu! Geil! Wahnsinn! Na, ich danke.
Meine Heimat Kosovo! Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zur D-Mark! Roland

Dorferneuerung

Weil die Bauern
keinen Mist mehr machen
und auch noch
der letzte Dreck
im Dorf
unter Asphalt und Beton
verschwindet
kräht danach
kein Hahn mehr
auf dem Haufen
und die Schwalben müssen
sich zum Nisten
ihre Höhlen
erst im Baumarkt kaufen
ein blindes Huhn
hat kaum noch eine Chance
Mauersegler hauen sich
an fugendichtem Gasbeton
die Schädel ein

Frühlingsgefühle
zwischen Gift und Gülle
Pollenallergie mit Rinderwahn
Hormongedopte Fleischtransporter
um acht uhr abends fährt die letzte Bahn

Wer hier noch bleibt
der ist zrückgeblieben
Kein Schwein fühlt sich hier wohl
Die ärmste Sau im Dorf hat jetzt
im Schlachthof
um Asyl gebeten

Anfang Juli 2002

Wer mehr lesen will, kann mich ja besuchen: www.barth-engelbart.de.vu

Hartmut

Zurück zu Willkommen! Zurück zu LAPSUS Zurück zu LOVER