OVER Nr. 35
LOVER Nr. 35
(erschien 9/2003)
Auszüge:
[Basar] - [Ditorial]
- [mesopotamisches guernica] - [Kein Kampf der Kulturen] - [Der Castor
kommt] - [Spuren (Teil 1)] - [Ich boykottiere!] - [Babylohn]
- [Kein Wort davon] - [Dumm gelaufen] - [Resignation]
- [Re@ctor] - [Widerstandslesungen]
- [Tödlich] - [Wunderbar]
- [Odyssee-Verlag] - [Was sonst
noch passierte]
BASAR
BIETE
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Die eisigen Aussichten, die das Schlussbild des letzten LOvers
suggerierte, scheinen sich trotz brütender Sommerhitze zu bewahrheiten.
Seither brannten nicht nur Berliner Mülltonnen und Autos, irakische
Ölfelder, etliche Wälder und angrenzende Ortschaften, sondern
auch so mancher Friedensplan. So heißen neuerdings die temporären
Beschreibungen der Machtverhältnisse in den organisierten Krisengebieten
rund um den Globus.
Seither wurde und wird uns auch ein neues Verständnis für
Begriffe wie "klare Beweise", "Sozialstaat" und "christliche Nächstenliebe"
abverlangt. Die Welt richtet sich irgendwie apathisch darauf ein, dass
die Amerikaner ihre Schurkenliste abarbeiten, dass die Kosten der Freiheit
halt durch die unbelehrbaren Folgs-Massen zu tragen sind und dass Katholizismus
nicht nur was be-, sondern auch was verschwörerisches hat...
Eine Menge Stoff, die sich da für aktuelle Betrachtungen
anbietet. Aber der LOver beschränkt sich wie stets auf einige
wenige Punkte aus dem breiten Spektrum. Tagesaktualität ist sein
Bestreben ja nie gewesen. Allerdings ist seit der letzten Ausgabe extrem
viel Zeit vergangen. Mangels Motivation und wegen technischer Problemchen,
die früher mit Elan gemeistert worden wären... Wie auch immer
– hier ist der LOver mit der Nummer 35. Viel Vergnügen beim Lesen
und Nachsinnen. Leopold Lapsus
mesopotamisches GUERNICA
top gun und legion condor - sie tun ja nur ihre pflicht
man kann es schon hören, das heulen von sirenen, und dann wird
der bildschirm in den westlichen wohnzimmern wieder überflutet mit
grünem cnn-licht, und wir sehen wie chirurgische clusterbomben das
volk des irak endgültig befreien und cruise missiles natürlich
einen einprogrammierten bogen um krankenhäuser schlagen. wir sehen
wie intelligente granaten im endanflug den vermeintlichen irakischen
panzer als eselsfuhrwerk erkennen und sich aus verzweiflung darüber
dann selbst zerlegen.
alles bereit, und die stolzen jungs in ihren fliegenden kisten
bewegen ein paar hebelchen, hier und da, und dann haben sie ihren job
getan für volk, führer und vaterland... ach nein, das waren
ja die anderen, die unbedingt in spanien mitmischen wollten, weil man
da doch so schön seine neuen bomber ausprobieren konnte. das waren
ja die, die dem faschisten franco den weg freibombten und auch nur ihre
pflicht taten, so intensiv ihre pflicht taten, daß guernica über
diese pflichterfüllung so begeistert war, daß es vor ehrfurcht
in schall und rauch aufging.
nein, entschuldigung, das waren ja die anderen, hier geht es ja
um die freiheit. hier ist es ja nicht der luftwaffenpilot des großdeutschen
reiches, hier ist es ja der smarte commander "top gun". die schicken
jungs mit den weißen motrosenanzügen, die, da sie diese im
sandkasten nicht mehr schmutzig machen dürfen, in den anti-g-anzug
klettern und lieber mal ein paar martialische bomben mit der obligatorischen
kreideaufschrift "down to hell" über diesem "damned desert fuck"
abwerfen.
oh, nun regiert wieder das sendungsbewußtsein einer nation
(entschuldigung, jedwede ähnlichkeiten mit gschichtlichen vorgängen
sind durchaus gewollt), ihre gottgewollte vorrangstellung über die
vöker dieser welt, jene, die wie scheues geflügel in der uno
umherflattern und so gar keinen krieg wollen.
uno-völkerbund, irak, abessinien, sprach nicht nietzsche von
der ewigen wiederkehr des gleichen? erinnert nicht die schmierenkomödie
um den irak an die korridorfrage mit polen, damals, als die farbe braun
so modisch war? wenn man krieg will, dann stört jede friedensinitiative,
wenn man der welt seinen stempel aufdrücken will, dann zählen
keine argumente, sondern nur macht und gewalt.
oh, ich höre schon das gewimmer derjenigen, die es als großen
kreuzzug der freiheitsliebenden menschheit gegen die barbarei auslegen
wollen. und wir, die wir dagegen reden, schreiben, malen und singen, wir
sind die furchtsamen hasen, die sich von den großen helden unseren
arsch retten lassen. denn nach jüngsten meldungen hat der irak einen
flugzeugträger im bau und plant die annektierung helgolands.
seltsam, seltsam, als ein paar tausend kurden im giftgas des diktators
verreckten, da schien es nicht so opportun für die inselrocker in
amerika und england, freiheit nach bagdad zu bomben.
aber wo waren wir, ach ja. guernica und bagdad.
die einzige bombe, die ich intelligent nennen würde, wäre
die, die sich auf eigenen entschluß hin irgendwo in die ecke setzt,
sich schämt, und beschließt nicht zu detonieren. man stelle
sich vor, dreitausend "intelligente" waffen, sie sich zusammenfinden zu
einer friedensdemo und vor das weiße haus oder den präsidentenpalast
von saddam maschieren und lauthals schreien: "wir sind euch satt, restlos,
und die, die uns abwerfen auch. wir sind es satt, blut zu vergießen,
während ihr eure fetten ärsche in bunkern an euren weibern reibt
und kuchen freßt. wir sind es satt, die leiber kleiner kinder zu
zerfetzen und müttern den bauch aufzureißen. wir sind es satt,
nach blut und eiter zu stinken. nehmt unsere sprengkraft und sprengt brunnen
in den wüstensand oder baut damit tunnel. in den steinbrüchen der
welt nutzt uns, um baumaterial für die obdachlosen dieses planeten
zu brechen. aber euch sind wir satt, euch bushs, saddams, blairs und asnars
und wie ihr alle heißt. nehmt doch einen knüppel in die hand
und verdrescht euch gegenseitig. aber laßt uns endlich in ruhe, laßt
die menschen in ruhe, in deren leiber ihr uns bohrt."
man stelle sich vor, wie panzer plötzlich ihre luken öffnen
und mit einem tritt die knöpfchendrücker an die luft befördern
und geschlossen in das nächste stahlwerk fahren, um im schmelzofen
ihre ewige ruhe zu finden.
aber ich schweife ab. es ging ja um bagdad und guernica.
da wird wieder der krieg zum vater aller dinge und die mutter aller
bomben sorgt für den explosiven nachwuchs.
und so mancher pensionierte general, der im deutschen fernsehen
so martialisch einherpoltert, scheint seine grundausbildung noch in der
guten alten wehrmacht genossen zu haben.
wen kümmerts, daß hier völkerrecht gebrochen wird
(wie ja schon in afghanistan und anderen ländern vorher). wen kümmerts,
daß das nato-mitglied usa mit england ohne nato-beschluß und
bedrohungslage einen angriffskrieg gegen einen staat führt, der unter
uno-beobachtung steht. wen kümmerts, daß das nato-mitglied türkei
teile des nordirak besetzt hält. wen interessiert es schon, daß
in palästina häuser gesprengt werden.
guernica und bagdad, nur heute scheint es keinen picasso mehr zu
geben, der das unrecht auf leinwand bannt. da werden kurzerhand einfach
schauspieler, die sich gegen den krieg aussprechen, von der oscarverleihung
ausgeladen, künstler fürchten einen (zu erwartenden) rückfall
in die mccarthy-ära.
imperium bushiensis, die pax americana (nicht die pan americana),
der von gott auserwählte rächer der witwen und weisen, der die
welt schon zur demokratie amerikanischer prägung bomben wird. und
sorry, da spielen doch fünf millionen menschen, die jedes jahr allein
deswegen sterben, weil sie kein sauberes trinkwasser haben, eine doch
sicher untergeordnete rolle. und die hungertoten, die toten durch seuchen...
not my problem.
ich, bush, auserwählter gottes, herrscher über kaugummi und
big mäc, gesalbter der konzerne, getauft auf den namen profit und
hegemonie des kapitals, ich habe in meinen unergründlichen ratschluß
kundzutun, daß der papst nicht vertreter christi auf erden ist,
seine schweizer garde abzurüsten und binnen 48 stunden den vatikan
zu verlassen hat. sollte er dem nicht folge leisten werden ernste maßnahmen
folgen. denn siehe, so spricht der herr: wer nicht für mich ist, ist
gegen mich .
und es ist natürlich eine zeitungsente, daß im vatikan
schon vorbereitungen für die evakuierung des heiligen vaters getroffen
werden.
und es ist auch ein gerücht, daß bush heimlich zu hause
schon eine nachbildung der tiara anprobiert und rumsfeld sich mit den
feinheiten des schwietzer dütsch vertraut macht.
lyricus
Kein Kampf der Kulturen – ein Kampf um die Zivilisation!
Darf man das gezielte Töten von möglichst vielen Menschen,
die zum Feind gehören, mit der Gerechtigkeit Gottes rechtfertigen?
Man darf nicht, man muss! Wie, wenn nicht durch die Erlaubnis des Allerhöchsten,
könnten solche zwischenmenschlichen Ungeheuerlichkeiten in Ordnung
gehen? Schnöde außenpolitische Interessen, der Wille, andere
Staaten unter die eigene Kontrolle zu bringen, gegen eine etablierte Rangordnung
von Mächten aufzubegehren oder sie zu verteidigen - das alles könnte
niemals ausreichend gute Gründe für die mit Kunst und Aufwand
organisierte Massenvernichtung liefern. Unter einem Kampf zwischen Gut
und Böse; einer Verteidigung der eigenen Identität und Kultur
gegen die Barbarei geht es nie ab, wenn im Auftrag oder Interesse von Nationen
getötet und gestorben wird.
Ist das dann der Dschihad, der heilige Krieg? Ist der Präsident
des Landes, das sich "God's own country" nennt, ein religiöser Fanatiker,
wenn er seine Bomberflotten mit Gebeten begleitet und sich überzeugt
zeigt, dass Gott in seinem Kampf gegen das Böse nicht unparteiisch
ist? Oder gilt das nur für Bin Laden, der im Kampf gegen das westliche
Böse Allah auf seiner Seite weiß, wenn er seinen Märtyrern
den direkten Zugang in ein ziemlich komfortables Paradies verspricht?
Sind womöglich der Christengott und der Gott der Mohammedaner
unverträglich? Muss einer weg, so dass der Krieg im islamischen Raum
ein neuer Kreuzzug wird? Nein, sagt der amerikanische Oberbefehlshaber:
Als Religion genießt der Islam jeden Respekt. Wenn er aber benutzt
wird, Feindseligkeiten gegen den Westen zu begründen, muss ja wohl
ein Missbrauch der Religion vorliegen. Nicht der Islam, ein falsch verstandener
Islam ist gefährlich. Wir Westler müssen den Moslems das richtige
Verständnis ihrer Religion beibringen. Ihnen fehlt nämlich die
Aufklärung, die dem christlichen Abendland die Trennung von Religion
und Politik gelehrt hat. Diese schöne Einsicht dürfen und müssen
wir den zurückgebliebenen Moslems mit Feuer und Schwert beibringen:
Ihr dürft ruhig zu eurem Gott beten und auch sonst jeden Blödsinn
glauben, wenn ihr nur unterschreibt, dass euer Glaube mit der Wirklichkeit
rein gar nichts zu tun hat. Politische Unzufriedenheit über die Dominanz
des Westens und seiner Weltwirtschaft darf jedenfalls nie wieder religiös
ins Recht gesetzt werden. Die Moslems haben brav Religion und Politik zu
scheiden - damit beides auf unserer Seite so schön zusammenpasst wie
in "God's own country".
Über die Religion, über das korrekte Verhältnis des
religiösen Wahns zur Politik und das höhere imperialistische
Recht, anderen die Zivilisation zu bringen, gibt es einiges zu lesen – im
www.Gegenstandpunkt.com.
Der Castor kommt – die Demokratie geht
‚Das Wendland wird verrückt‘
Einen Tag nach der gelungen Auftaktdemo in Gorleben mit ca. 4-5000
Menschen reiste ich im Wendland an. Bei meiner Ankunft fing das Wendland
gerade an, verrückt zu werden. Es kam zu zahlreichen Dorfneugründungen
an der Transportstrecke. Besucht habe ich Neu-Spleenau bei Splietau (dort
gab es unter anderen eine Irrenanstalt, in der Menschen festgehalten wurden,
die die wahnhafte Vorstellung hatten, in einer Demokratie zu leben) und
Neu-Saggrotan in Grippel. Dort wurde die Transportstrecke gesäubert,
es gab Straßentheater und die Wahl von "Meister Propper" und "Miss
Saggrotan", Tombola und Musik. Die Verpflegung ist im Wendland sowieso
immer exzellent. Weitere Gründungen waren z.B. Hinkel-Hagen in der
Göhrde mit der Freilegung eines Hünengrabes, Hitzwitz in Hitzacker
oder die Uranologische Fachklinik Neu-Pieseldamm bei Dannenberg. Das Ganze
war ein Riesenspaß, den nur die Polizei stellenweise zu ernst nahm.
Es gab auch eine Demo der Aktion "X1000 mal quer", bei der ich kurz
vorbeischaute. Diese führte von Siemen nach Gusborn, richtete sich
gegen die Einschränkung der grundgesetzlich garantierten Demonstrationsfreiheit,
ca. 200 Menschen nahmen teil.
Das BI-Infozelt stand diesmal auf dem Markt Dannenberg. An diesen
angenehm zentralen Treffpunkt traf ich mich mit Juliane, Simon und Lennard
aus Essen, um die folgenden Tage gemeinsam durchzustehen. Nach dem Besuch
einer Treckerblockade in Splietau ließen wir den Tag im "Einstein"
ausklingen. Mit vielen anderen schliefen wir im Gemeindehaus Dannenberg.
‚Castor Allaf‘ und ‚Klaus der Geiger‘
Unter dem Motto "Castor Allaf und Helau – De Zoch kütt?" begann
11.11 Uhr ein Karnevalszug durch Dannenberg, mit gut 1000 Teilnehmenden
und einigen Wagen. Phantasievolle Kostüme gab es auch, so umtanzte
z.B. eine Schar Teletubbies die Polizeiketten. An einer Kreuzung entschlossen
sich spontan hunderte Teilnehmende, Richtung Verladekran weiterzulaufen.
Aber schon nach wenigen hundert Metern wurden Polizeiketten aufgezogen,
an denen wir dann standen. "Klaus der Geiger" spielte und sang, begleitet
von 2 Gitarristen. Die Stimmung war gut.
Ein VW-Bus des BGS stand schon eine Weile in der Menge. Plötzlich
sollte dieser nach draußen gebracht werden. Es wurden BGSler hereingeschickt,
die das Auto umstellten und dieses Schritt für Schritt durch die
umstehenden Menschen Richtung Polizeikette brachten. Die Situation schaukelte
sich auf. Nach meiner Information gab es auch einen Schlagstockeinsatz
(ich stand abseits). Auf einer Wiese wurden die Uniformierten mit Heu beschmissen.
Bald darauf ging es zurück zum Stadtzentrum. Unsere Kleingruppe
spazierte noch Richtung Pisselberg entlang der Schienenstrecke. 18 Uhr
gab es eine BI-Kundgebung auf dem Markt. Wolfgang aus Dresden kam zu uns.
Gemeinsam mit anderen fuhren wir später in verschiedenen Autos nach
Göhrde. In der dortigen Kulturscheune spielte "Klaus der Geiger", es
gab auch Theater und Geschichten wurden vorgetragen. Die Nacht verbrachten
wir wieder im Gemeindehaus Dannenberg.
Nadelstiche
Dienstagvormittag trampten wir nach Metzingen, über "Mund-zu-Mund-Propaganda"
hatten wir von geplanten "Wald- und Wiesenspielen" gehört. Gegen
11 Uhr fuhren wir nach Tollendorf. Geführt von Ortskundigen wanderten
ca. 60 Menschen in den Wald Richtung Gleis. Bald war Polizei hinter uns,
über uns (Hubschrauber) und wie wir am Bahndamm sahen, auch vor uns.
Angesichts dessen teilte sich die Gruppe. Einige waren kurz auf den Gleisen.
Ein Wasserwerfer auf einem Schienenfahrzeug kam heran. Viele liefen ziemlich
panisch durch den Wald. Darauf hatte ich bald keine Lust mehr, zumal weit
außerhalb der Verbotszone. Ich ging zum Weg. Der BGS hielt mich
fest. Bald waren wir eine Gruppe von gut 15 Leuten, deren Personalien
überprüft wurden, darunter Juliane und Simon. Wir wurden durchsucht
wie Schwerverbrecher, letztendlich wurden ein Taschenmesser und einmal
Fahrradwerkzeug beschlagnahmt. Nach langer Wartezeit bekamen wir einen
Platzverweis ausgesprochen, gültig bis Mitternacht für den
Raum 25 m rechts und links der Bahnstrecke Lüneburg-Dannenberg. In
Metzingen trafen wir uns alle wieder. Wir 5 trampten mit anderen nach Lüneburg,
waren bei der Blockade einer Polizeikaserne, dann bei wechselnden Straßen-
und Kreuzungsblockaden. Die "Nadelstichtaktik" der Atomkraftgegner ist übrigens
die unmittelbare Folge des Verbotes, der Verhinderung und Kriminalisierung
gewaltfreier Sitzblockaden auf der Transportstrecke. Es ist nur noch möglich,
schnell und gezielt zu stören.
Später trampten wir zurück, hörten, daß mit
dem Castor evt. schon 4 Uhr in Lüneburg gerechnet wird. Im "Einstein"
machten wir Bekanntschaft mit anderen, die uns mit nach Hitzacker nahmen.
Simon blieb, um nach Hause zu fahren.
Kaffeetrinken in Hitzacker
In der Kirche Hitzacker fanden wir Schlafplätze. Viele Menschen
waren schon nach Hitzacker gekommen, um an der geplanten Castor-Blockade
unter dem Motto "WiderSetzen" teilzunehmen. Wenn der Castor sich Lüneburg
nähert, sollten sich alle bei einer von 12 bekanntgemachten Adressen
zum Kaffeetrinken einfinden.
In der Nacht stellte sich heraus, daß der Transport mehrmals
gestoppt wurde, frühestens 7 Uhr sollte er in Lüneburg sein.
Ca. 6 Uhr standen wir auf, mit vielen anderen fuhren wir mit Autos zur Familie
Nell, die einzige Adresse auf der anderen Seite der Gleise. Gegen 7 Uhr
waren schon ca. 100 Menschen anwesend, hingegen ließ der Castor auf
sich warten. Der wunderschön sonnige Vormittag wurde mit Frühstück,
reden und singen, spazieren und Fußballspielen verbracht. Zum Mittagessen,
welches angefahren wurde, waren wir ca. 200. Wir hörten, daß
an den anderen Adressen sich mittlerweile mindestens 800 Menschen gemeldet
hatten.
Der Castor fuhr in Lüneburg ein. Es gab die Durchsage, daß
wir auf ein Zeichen hin gemeinsam ruhig und entschlossen, zügig
aber nicht rennend, auf ein bestimmtes Ziel auf den Gleisen zulaufen.
Dort sollten wir uns mit den anderen Gruppen treffen.
Dann ging es los. Nach fast 1 km Fußmarsch trafen wir auf
einen schmalen Weg zwischen 2 Fischteichen auf die erste BGS-Sperre.
Doch die ca. 10 Beamten konnten uns nicht aufhalten, als wir uns mit erhobenen
Armen durch sie durchschoben. Zum Glück hatten sie ihre Schlagstöcke
nicht gezogen, trotzdem rammte mir einer den Knauf seines Stockes in die
Rippen, was ich erst jetzt nach 2 Tagen so richtig spüre. Dann lag
der Bahndamm vor uns, ca. 6 Polizeireiter versuchten uns abzudrängen,
wir gingen weiter. Das Gleis war voller BGS, einige gelangten kurz hoch,
flogen aber sofort wieder runter. Die anderen Gruppen waren noch nicht da,
kamen kurz darauf. Wir setzten uns vor dem Damm ins Gras. Vereinzelt sahen
wir von der anderen Seite Leute aufs Gleis gelangen, aber da blieben sie
nicht lange.
Gefangen im Polizeistaat
Ein Einsatzleiter mit Megaphon baute sich vor uns auf (ca. 13.20
Uhr), sagte, daß er uns alle in Gewahrsam (Beamtendeutsch) nimmt,
wir ca. 50 Meter zurücktransportiert werden, und nach Durchfahrt des
Castors an diesem Ort wieder freigelassen werden. Er vergaß völlig,
daß er uns dreimal auffordern muß, zu gehen (zumal der Castor
noch weit entfernt war), ehe er uns festsetzen lassen kann. Wir wurden
eingekesselt. Dann begann die Räumung. Von unserer Seite gab es Sprechchöre
"Keine Gewalt" und Lieder, aber keine Angriffe gegen die BGS-Leute. Trotzdem
wurden Menschen beim Wegtragen schwer mißhandelt, Finger in Augen,
Nase und Ohren gedrückt, Arme und Finger verdreht, geschlagen... Als
mehrere gewalttätige Bullen auf einem Bekannten hockten, ich das Gefühl
hatte, sie brechen ihm gleich die Knochen, wies ich den Einsatzleiter darauf
hin, beschwerte mich. In dem Moment wurde ich abgeführt, da ich freiwillig
lief, ohne Mißhandlung. Der eben erwähnte Bekannte wurde dann
über die anderen hinweg in den neuen Kessel geschmissen, er erzählte
mir, daß er das Gefühl hatte, daß die Bullen fast seinen
Kiefer gebrochen hätten. Auch brannte ihm noch stundenlang das Gesicht,
weil irgendetwas scharfes oder ätzendes an den Polizeihandschuhen war
(vermutlich Pfefferspray).
Irgendwann standen wir alle im neuen Kessel, ca. 50 Meter vom Gleis
entfernt. Dahinter lag das Privatgelände der Freien Schule Hitzacker,
auf welchem die Polizei widerrechtlich einen ganzen Fahrzeugpark platziert
hatte. Als die Schulleiterin dagegen protestierte, erhielt sie einen
Platzverweis und wurde vom eigenen Grundstück geschmissen. Klar
werden später Gerichte entscheiden, daß dieses Verhalten illegal
ist, aber das interessiert die Einsatzleitung nicht, denn es gibt in jedem
Jahr im Wendland solche Vorgänge.
Das Warten auf dem Transport zog sich in die Länge, immer wieder
stand der Zug. Zahlreiche Hubschrauber kreisten über Hitzacker.
Auch ein Wasserwerfer fuhr völlig unnötig in den Schulgarten
– wir waren doch sowieso gefangen. Mittlerweile wurden auf dem Schulgelände
Gefangenenbusse aufgefahren, Kirchenvertreter bestätigten unsere
Vermutung, daß wir in die Gefangenensammelstelle (GeSa) Neu Tramm
kommen. Nach 16 Uhr fuhr der lange unheimliche Zug im Schritttempo durch
Hitzacker. Die ersten von uns wurden zu Bussen geführt, eine Prozedur,
die sich ca. 2 Stunden hinzog. Diskussionen mit den Kölner PolizistInnen,
die uns umstanden. Fluchtgedanken, aber es ergab sich keine Gelegenheit.
Wir 4 wurden ganz am Schluß zum Schulhof geführt, dort
verloren wir uns aus den Augen. Durchsuchung, Datenaufnahme, Abnahme
aller Gegenstände vom Rucksack bis zum Kugelschreiber, Foto, dann
(18.25 Uhr) kam ich zusammen mit 2 anderen Männern (R. aus Berlin,
S. aus Hildesheim) in eine Minizelle eines Gefangenenbusses. Da ahnten
wir noch nicht, daß wir ca. 5 Stunden darin zubringen werden. Erst
standen wir auf dem Schulgelände, später in der GeSa. Unser
ausgeatmeter Wasserdampf kondensierte an den Wänden und perlte hinab.
Unterhaltungen, ca. 22 Uhr sorgten Kirchenvertreter dafür, daß
unsere Zellentüren geöffnet werden dürfen. Wir diskutierten
mit dem Polizisten vor der Tür. Endlich sorgte eine Polizistin dafür,
daß der Motor abgestellt wurde und wir nicht weiter Abgase schlucken
mußten.
Gegen 23 Uhr (nach gut 9 Stunden) erreichten Kirchenvertreter, daß
wir etwas zu essen und zu trinken bekamen. Von den Recht, 2 Anrufe zu
tätigen und spätestens 8 Stunden nach Gefangennahme einem Richter
vorgeführt zu werden, mag ich gar nicht reden. Ca. 23.30 Uhr kam
ich in die Aufnahme, wieder Datenaufnahme, Durchsuchung, Foto, mein Portemonaie
wurde mir auch noch abgenommen. Dann, Mitternacht, bekam ich das Recht
anzurufen, worauf ich verzichtete, ich bekam eine Isomatte und eine keimige
Wolldecke und kam in eine Zelle. Dies war eine umgebaute schlecht belüftete
ehemalige Garage, ca. 110 Männer darin, die meisten waren mit mir
in Hitzacker im Kessel. Wolfgang war da, aber Lennard fehlte.
Die Zelle blieb die Nacht hell erleuchtet. Ich hoffte noch, daß
sie uns wieder rauslassen müssen. Viele hatten noch nichts gegessen
oder getrunken. Obwohl 5 Beamte vor einer Durchreicheklappe standen,
wurde ca. aller 5 Minuten eine Schnitte und eine Flasche Wasser reingereicht.
Erst als Kirchenvertreter zu uns durften, besserte sich das etwas, auch
wurde eine (nicht ausreichende) Lüftung eingeschaltet. Sie erzählten,
daß Rechtsanwälte und Richter wider Erwarten noch arbeiteten,
die Polizei massiv die richterlichen Vorführungen behindert und verschleppt.
Nach 1 Uhr kam ein Rechtsanwalt zu uns, der uns das noch mal bestätigte.
Deshalb müssen wir auch die Nacht hierbleiben, da die Richter jetzt
nach Überstunden Feierabend gemacht haben. Als er von uns erfuhr, wie
unsere Gefangennahme ablief und was wir bisher erlebten, schüttelte
er nur den Kopf. Im übrigen hat der anwaltliche Notdienst schon kurz
nach 20 Uhr mit einer Pressemitteilung auf die haarsträubenden Zustände
hingewiesen (www.BI-Luechow-Dannenberg.de). Ich bat den Anwalt noch, sich
nach Lennard umzuhören.
Die Bullen johlten und machten Krach im Vorraum an der offenen Klappe,
ab und an wummerte auch einer an die Tür, der so häufig gestörte
Schlaf endete gegen 6 Uhr. Wir schrieben einen Offenen Brief an den Innenminister
von Niedersachsen Heiner Bartling, indem wir über die Zustände
berichteten, die sofortige Freilassung und personelle Konsequenzen forderten.
Symbolisch unterschrieben 17 von uns für bisher 17 in Gewahrsam verbrachten
Stunden. Wir forderten Kirchen- und Rechtsvertreter an, aber anscheinend
wurde das verschleppt. Ich hatte den Eindruck, nicht an einer friedlichen
Sitzblockade teilgenommen zu haben, wir wurden wie Leute behandelt, die
vielleicht eine Innenstadt in die Luft gejagt hatten.
Die Situation begann zu eskalieren. Wir schlugen Krach und verlangten
immer wieder, sofort einem Richter vorgeführt zu werden. Gegen 8
Uhr wurde von der Polizei unsere Freilassung angeordnet. Der Castor war
im Zwischenlager angelangt. Auch diese Prozedur zog sich hin. Zum Glück
kam ich relativ früh dran. Vor der GeSa gab es eine "Freigelassenenbetreuung".
Ein Fahrer der BI brachte mich mit anderen nach Hitzacker (Gepäck
holen) und fuhr mich dann noch zum Bahnhof Salzwedel. Von Juliane, die
ich anrief, erfuhr ich, daß sie und Lennard auch wieder draußen
sind, letzterer musste die Nacht in einer Zweipersonenzelle verbringen.
Ihm ging es dort ziemlich schlecht.
Mit mehreren Atomkraftgegner fuhr ich Zug, sie hatten alle an der
nächtlichen Blockade in Laase teilgenommen. Einer erzählte,
wie er in Gedelitz beobachtete, wie Jochen Stay (Sprecher der Aktion X1000
mal quer) auf dem Wege zur Abschlußpressekonferenz von einem BGS-Kommando
überfallen, getreten und geschlagen wurde (trotz anwesender Presse).
An der Konferenz konnte er nicht teilnehmen. Er soll jetzt noch unter Schock
stehen.
Nachbemerkungen
Alle Protestaktionen, an denen ich teilnahm, liefen in sehr guter
Stimmung ab, teilweise regelrecht Volksfeststimmung. Es waren etwa wieder
so viele Menschen im Wendland unterwegs wie im letzte November. Die Politik
hat sich dünn gemacht und bei der Auseinandersetzung um das Thema
Atomkraftnutzung einen repressiven Polizeiapparat vorgeschickt. Deshalb
wählte ich auch die Überschrift, ein im Wendland viel gebrauchter
Slogan. Es wird wieder zahlreiche Bußgeldbescheide und Gerichtsverfahren
geben, falls sie wieder Geld von mir wollen, werde ich es auf ein Verfahren
ankommen lassen. (Dank den edlen SpenderInnen vom letzten Mal). Unabhängig
davon werde ich Widerspruch gegen die Gefangennahme einlegen.
Auch wenn das ungestörte Weiterlaufen der AKW‘s, die Vergrößerung
der Urananreicherungsanlage Gronau (Herstellung des Ausgangsstoffes für
die Brennelemente), das Vergrößern der Atommüllmenge
in den WAA‘s, der Bau neuer Atomanlagen (Zwischenlager) und die Finanzierung
des Baus neuer AKW‘s im Ausland öffentlich als Atomausstieg bezeichnet
wird, zeigt sich, daß es immer noch eine relevante Anzahl Menschen
gibt, die sich nicht verblöden lassen und das ungeklärte Thema
Atomkraftnutzung immer wieder in das Licht der Öffentlichkeit rücken.
Die Gefahr, daß das Wendland das Atomklo der Nation wird,
ist aller rotgrüner Beteuerungen zum Trotz nicht gebannt. Die symphatischen
Menschen dort brauchen auch weiterhin unsere Solidarität. Alle Atomanlagen
stilllegen! Das Uran muß in der Erde bleiben!
Infos: www.X1000malquer.de, de.indymedia.org, www.BI-Luechow-Dannenberg.de,
www.castor.de.
SPUREN
Teil 1
Es gibt ja ein paar Sachen, die ich nicht selbst verbockt habe. Die
erste Hinterlassenschaft des Untods in Richtung Unleben an meinem Körper
ist die runde Narbe mitten auf meinem Bauch. Hat ja jeder und ohne sähe
so ein Bauch auch ziemlich langweilig aus, der Blickfang, die Almosenschale,
das Basislager. Ich finde meinen Bauchnabel schön, ich mag ihn, gutes
Design und genau am richtigen Fleck. Warum wohl? Weil es nicht weh tat.
Oder erinnerst du dich an die Wunde, an den Schmerz? Im Rebirthing-Tank,
echt? Na fein. Übrigens vermehren sich Pilze in so einem Tank enorm.
Stell dir vor: völlig enthemmt! Völlig enthemdt, und die Kacke
wird abgesaugt, und das Rehlein kloppt mit der Spitzhacke ein Plumpsloch
in den gefrorenen Waldboden, und bummbumm macht dein Herz, ich meine, das
Bummen deiner Mama.
Ich bin keine Frau. Ich schaue mir meine Narben an, ich brauche mich
nicht an sie zu erinnern.
Wenn ich wieder einmal tot bin und gänzlich vom Fleische gefallen
und abgenagt und mit Laub überweht und Erosionsabfall und mit etwas
Glück in Modder Erde versunken - vielleicht gräbt in 4 Millionen
Jahren (die Strahlung in Gorleben - inzwischen umbenannt!, ich meine und
unbemannt - hat nur noch 9,723 Zehntel ihrer Ausgangsstärke eingangs
des 21. Jahrhunderts nach einem dieser Gauß') nicht weit von hier
so ein Archenohologe "meinen" (also nicht BGB-ernst gemeint) Restschädel
aus und ordnet ihn schnurstracks den Neandertalern zu. Das ist zeitlich
nah dran - aus ferner Sicht, aber es liegt einfach an der wulstigen Knochennarbe
quer über meinen Schädel (Weißgott, vielleicht auch an den
tiefergelegten Augen infolge Gehirndirektabsaugung infolge Konsums zeitgeistiger
Medien, gelinde gesagt: an den Brauenknochen, die mir jede us-amerika-typischen
und sonstige Schirmmützen überflüssig machen. Ach was, ich
würde mir trotzdem nie so ein Ding aufsetzen, schon weil Gehli gesagt
hatte, daß Licht an die Haare muß, damit die besser und überhaupt
wachsen können, oder meine Großmutter: "Mensch, du entstellst
dich ja selbst!" Aber zum Friseur später mehr!) und der Form des ganzen
Restes. Denn dieser Knochenwulst markiert nur die Grenze, wo sich die vordere
Hälfte meiner Schädeldecke ein Stück weit unter die hintere
schob. Also fliehende Stirn, dominate Freßwerkzeuge - klaro: Neandertaler.
(Mein wunderbarer Schwengel ist ja mit verrottet, dabei war der bei den -
männlichen - Neandertalern bis Hälfte Bauchnabel angewachsen und
bog sich dann spiralförmig zum Goldenen Schnitt.) Das war der so genannte
doppelte Schädelbruch im 4. Jahr meines kurzen Lebens. Daher schaut
mich noch die Narbe in meiner linken Armbeuge an, wo sie mir damals wohl
alle die Schläuche reingesteckt hatten, damit ich ihnen nicht abhaue.
Die habe ich in Kinderzeiten gewöhnlich hergezeigt, wenn es drauf ankam,
mit Unfallzeugen prahlen zu können. Die Narbe am Knochen des dereinst
auch gebrochenen Oberschenkels sieht ja keiner. Jetzt sowieso nicht, da ist
mittlerweile einiges an Kalkanlagerungen zusammen gekommen. Also: Motorrad
von rechts, Roli mitten über die Straße. (Motorrad - "Gab es in
der DDR Kinos?", original Wessi-Zitat 1990. Es muß also eine fliegende
Untertasse gewesen sein da 1964 in Saßnitz, wahrscheinlich ausm Schrank,
na ihr wißt schon.) Motorrad von rechts. Yappa. Zappenduster.
Aus dem Krankenhauszimmer habe ich ein paar schmerzfreie Erinnerungsbilder.
Mein Bein in Gips vor mir, an irgendeinem Gestell hängend. Rechts
vorn auf einem weißen Schrank eine Flasche Tomatensaft (sicher mit
Rosinenbombern eingeflogen). Rechts neben mir mein dunkelhaariger Nachbar,
ein alter Mann (vielleicht 30?), dessen Klingel nicht ging. Er bat mich
öfter, meinen Klingelknopf für ihn zu drücken. Dieser war
schwarz, etwas abgeknubbelt. Es kamen dann immer welche, es funktionierte!
Und die Stille der Stadt hinterm offenen Fenster, das Rauschen der alten
Bäume, die gleichgültige Furcht vor den Mücken, die unterwegs
waren. Meine Mutter meint, ich habe mit dem Unfall so was wie mein Vertrauen
verloren (Soll noch öfter vorkommen, selbst Glaube - meinetwegen an
die Liebe - wächst nicht nach. "Glauben Sie an Gott?" hm?, "Nein!",
dumme Frage. Hab' ich da gelacht!), saß danach zuhause so auf dem Sofa
rum und hatte Mitleid mit mir selbst (wutsch ..., jetzt du: ). Laufen gelernt
habe ich dann doch wieder. Jetzt kannst du mir über den Kopf streicheln,
die Kopfhaut da hin und her schieben - noch nie zuvor hat jemand deinen Fingern
so ein fantastisches Gefühl geschenkt. Du machst mich froh.
Weiß der Geyer (so hieß der Zahnarzt), ob als nächstes
die Zähne dran waren. Roland
(Fortsetzung folgt.)
Ich boykottiere!
Also boykottiere ich nicht.
Ich boykottiere Zarnekla! Ich boykottiere den LOver! Ich boykottiere
Barfußlaufen! Ich boykottiere das Fasten für den Frieden! Ich
boykottiere das Saufen gegen Rechts! Ich boykottiere alles, was mir nicht
in den Kram paßt.
Am unwitzigsten empfinde ich fast wirklich die Boykott-Aufrufe für
(us-)amerikanische Produkte.
Ich boykottiere als erstes amerikanische Musik. DAF. Dean Reed. Joni
Michell, weil sie raucht, sowieso; Dog eats Dogs, weil sie Chinesen sind;
Herbst in Peking, weil ihre Eßstäbchen aus Redwood sind; Robin
Wood, weil sie einen englischen Namen haben.
Am allermeisten boykottiere ich aber Cowboykostüme zum Fasching,
Kaugummi unterm Stuhl, Rosinen aus Bombern, Coke aus Bombay, Intel-Bytes
aus ebay, See NN aus Fernseh, Dollar aus Versehn, Flugzeug aus Persien.
Infolge der neuerlichen Straßenbegradigungen, Flurbereinigungen
und des Bevölkerungsrückbaus im Irak kommt schon einiges an Gods
own ideas zusammen, was Frieden stiften soll, Ordnung, Sauberkeit und
Disziplin, ohne - gleich - zu schießen. Stabilität in der Religion
und demokratische Selbstbestimmung der real-islamistischen Märkte und
freie Mißwahlen. Wovon nicht mal ich verschont bleibe, weil nicht
gleich zu sehen ist, was in einer Mail an wundertrantütigem drinsteckt.
Und wenn Leute sich ernsthaft zu streiten anfangen, ob Dea eine Tochter
von Texaco ist und zu wieviel Prozent. Und wenn diese Leute schon 1999
verhungert waren, weil sie wegen der flächendeckenden, kostenlosen
Verteilung explosiver Hochtechnolgie durch die NATO in Jugoslawien deutsche
Produkte boykottierten. Und wenn diese Leute nur deutsche Autos kaufen, die
in Indonesien zusammengebaut wurden, und nicht Opel oder Ford oder Beetle.
Und allein mit der Mehrwertsteuer beim Kauf einer weißen Weste dem
deutschen Staat mehr Geld in die Tasche stecken als überhaupt für
den Westenhersteller in Bangladesh herauskommt. Und wenn diese Leute als
Hauptproblem ein gutes Endlager sehen und mit dem Kanzler ein schnelles Kriegsende
als eben solches, jeder Tag ein Gewinn... Tja ja. Wohl wahr.
Ich meine, wie war das nochmal mit dem – am besten – organisierten
Verbrechen?
Die Macht der Verbraucher? Daß ich nicht lache! Der strukturelle
Zwang entfacht um Potenzen stärkere Wirkung als die Impotenz der Wahl
zwischen Cholera und Typhus, ich meine zwischen Addi und Rehbock, ich meine
zwischen Rolling Homes und Beatless.
Für wie blöd?
Roland
BABYLOHN
sprachlos nicht wunschlos nicht hoffnungslos
glücklich nicht zuhause nicht verlassen
lust nicht liebe nicht gar nicht
Ro Li B.
Kein Wort davon
UND DA REISZT DIE WOLKENDECKE AUF
ICH HATTE DICH SCHON IM ARM
UND ES WIRD HELL ZWISCHEN UNS
HELL WIE DER WIND
DER UNS DURCH DIE FINGER RINNT
LAUFEND FRAGST DU MICH
WAS ICH DENKE
ICH LIEBE DICH
SCHREIE ICH
ATEMLOS
FALLEN WIR ÜBER UNSERE WURZELN
ICH BEISZE VOR LACHEN INS GRAS
UND DANN
MACHT UNS DER REGEN NASZ
Ro Li B.
(Von: Stefan Valentin via p5080F329.dip.t-dialin.net /
80.128.243.41
mailto:freak.out.every.day@web.de
schrieb am 17. Mai 2003 um 13:11 Uhr [in Leopolds Gästebuch]:)
wer bin ich ? und was ?
ein träumer eben,
dem der augen blau in nacht zerfällt
nur durch zufall lebe ich dies leben
wie so viele auf der welt
unter menschen hab ich keine freude
hab ein anderes reich mir vorgestellt
bin ein guter kumpel für die tiere
balsam ist mein lied für ihre seelen
so also ist das land
zum teufel auch
was hab ich ausgebrüllt
die poesie wird nicht gebraucht
weil sie halt keinen magen füllt
ich selbst bin nicht gefragt
war eh nie volksverbunden
was bleibt ist in meiner seele
und die ist kerngesund
DUMM GELAUFEN - Eine Grabrede
Die braune zähe Erde poltert auf den Sarg. Der feine Nieselregen
setzt sich fest in den schwarzen Mänteln, dringt in die schwarzen
noch glänzenden Schuhe, beschlägt funkelnde Brillengläser.
Ein Engel der Trauer blickt über das Gräberfeld, der ehemals weiße
Marmor schimmert schwärzlich.
Die braune harte Erde poltert auf den Sarg, den leichten Sarg. Der
stetige Nieselregen dringt in hochgestellte dunkle Mantelkrägen,
in braune Socken, nimmt die Sicht. Die zögernden Worte des Pfarrers
tönen hohl und hilflos. Ein schwarzer Engel der Trauer schwebt über
den wenigen Hinterbliebenen und den zahlreichen Neugierigen. Ein überraschender,
ein früher Tod. Er war doch so jung.
Die braune steinharte Erde poltert auf den schwarzen Sarg, den leichten
schwarzen Sarg mit seinen silbernen Beschlägen. Von den nahen Bauernhöfen
wehen Schwaden ländlicher Gerüche. Der Pastor ist nicht sehr
laut, er spricht nervös und etwas widerwillig. Der Wind spielt mit
dem Regen, bläht ihn auf, hält ein, nervt die Trauergemeinde.
Der Wind nervt einfach. Ein christlicher Friedhof, kein jüdischer,
keine Steinchen, keine Zettel.
Die braune harte Erde poltert auf den leichten schwarzen Sarg, klopft
auf die Tür zum kleinen blonden Jungen. Zum kleinen blonden toten
Jungen. Die Sargträger stehen gelangweilt herum, lehnen sich auf die
blitzenden Schaufeln, die Trauergemeinde steht genervt herum, der Pastor
ringt um Worte. Eine Mitschülerin weint. Hinter der Friedhofsmauer
kurven Motorräder und machen Stimmung mit Geknatter und Fehlzündungen.
Ein schwarzer Engel der Trauer breitet seine Flügel aus. Die attraktive
junge Mutter des toten Schülers schließt die Augen und sieht ihren
Sohn. Ihren geliebten Sohn.
Die braune harte Erde poltert auf den Sarg mit dem kleinen blonden
toten Jungen. Eine magere schwarze Katze stakst vorsichtig von Baum zu
Baum, scheut den Regen, sucht die Menschen. Unter dem rechten Flügel
des Marmorengels hält sie inne und beginnt, ihr feuchtes Fell zu putzen.
Daniel, der kleine tote Schüler, hatte auch schon den Tod erlebt. Seine
Tigerkatze Sisi war von Unbekannten vergiftet worden und musste vom Leiden
per Spritze erlöst werden. Er hatte eigentlich keine Feinde, die Katze
schon gar nicht. Wieder wehten strenge Schwaden von Landluft über
den kleinen Friedhof, Geruch von Gülle, Geruch von Scheiße.
Die braune harte Erde poltert auf den schwarzen Sarg, zerdrückt
die wenigen Blumensträuße. Der Vater blickt verzweifelt auf
den Sargdeckel, er schüttelt den Kopf, immer wieder, und dies noch
2 Wochen danach, eigentlich 10 Monate danach. Jetzt gehen die ersten Neugierigen
rasch weg, dann die ersten Trauernden. Der Lokalreporter blitzt die Trauer
der attraktiven Mutter, das Boulevardfernsehen zoomt auf ihre tränenblinden
Augen, schwenkt zum verzweifelten Vater. Der Bild-Reporter wartet ungeduldig
auf das Exklusiv-Interview, um 20:30 ist Andruck. Der Pastor drückt
nochmals flüchtig die Hände der Eltern und verabschiedet sich
mit Allerweltstrost, denn schließlich, Gott hats gegeben, Gott hats
genommen. Die Mutter schluchzt, der Vater schluckt, eine ohnmächtige
Wut im Sinn, seine geballte Faust in der Manteltasche.
Die Eltern waren einst frohgemut ins Umland gezogen, in den Speckgürtel
Berlins. Das Häuschen war billig gewesen, ein typisches Pleiteschnäppchen
ihrer Hausbank, die vom ehemaligen Besitzer nicht mehr bedient werden konnte.
Die neue Schule hatte gar keinen üblen Ruf, im Gegenteil ließen
die großzügigen Ost-Noten für Daniel das allerbeste Abitur
erhoffen. Die Lehrer, obschon nicht wendegemäß gesinnungsbeschnüffelt,
bemühten sich zielstrebig um Anschluss an die neue Zeit, die ruhigen
unauffälligen Mitschüler schienen weniger gefährlich oder
verführerisch als seine letzten Klassenkameraden in Berlin. Aber bald
schon fühlte sich Daniel einsam. Seine Kontakte beschränkten
sich auf Ausflüge in den virtuellen Raum, auf Chatten und Mailen in
verschiedenen Communities, und mit diesem Rückzug war er recht zufrieden.
Als er in einem AOL-Chatroom mit dem unverfänglichen Namen "Einsam"
eine Lysa aus Berlin kennenlernte, eine junge albanische Frau, die Asyl
beantragt hatte ohne Aussicht auf Erfolg natürlich, die einen deutschen
Mann suchte, die Ruhe suchte, die Schutz suchte - da wuchsen seine Gefühle
für diese 28-jährige in dem Masse, in dem er in der Schule abgelehnt
wurde. Bald fühlte er sich in der Fontane-OS zum Abschuss freigegeben,
nichts stimmte mehr, nichts passte mehr, alles, was er unternahm, wurde
verlacht, verspottet, verhöhnt. Und aus heiterem Himmel kam statt der
alten Sticheleien wie "Verpiss Dich, Du Arsch." der neue Spruch: "In die
Grube, Jude." und über Nacht stand am Trafo-Kasten "Jude rein" und
auf der Tafel "Jude raus" und "Alter Penner" wurde schlicht durch "Jidd"
ersetzt. Nein, Hilfe suchte er nicht, vielleicht eher Schuld bei sich selber.
Was war verdammt das Jiddische an ihm? Dass er viel wusste? Was man "Besserwisser"
nannte. Dass er Kunst und Literatur schätzte? Was man "Schwul" nannte.
Dass seine Eltern nicht ganz arm waren? Was man "arrogante Wessis" nannte.
Er fühlte sich in Deutschland genauso einsam und isoliert wie Lysa.
Und bald kam etwas Neues dazu. Da er es aufgegeben hatte, mit Witz
und Ironie gegen die Wörter und Sätze anzukämpfen, hielt
man ihn für feige und schwach. Es begann eine neue Phase der Grausamkeit,
er wurde bestohlen, kurz mal geschlagen, mal völlig ausgeraubt, dann
wieder öffentlich verspottet. Er suchte die Schuld bei sich und fand
nichts. Aber zum Lebensmittel-Händler Netto traute er sich auch nicht
mehr, an der Kasse von Klassenkameraden als Dieb verleumdet zu werden, wurde
zum umständlichen und zeitraubenden Rechtfertigungs-Zeremoniell vor
der lokalen Polizei. Dass er seine dummen Feinde mit Verachtung strafte,
war wenig hilfreich, im Gegenteil wurde sein Ignorieren als Schwäche
ausgelegt, und der dumpfe Ärger über ihn wuchs noch mehr. Bald
schreib er sich ellenlange Mails mit Lysa, erzählte ihr, der gerade
noch Geduldeten, wie verfemt und verhasst er war, wie er verlacht und verhöhnt
wurde, wie er beraubt und verprügelt wurde. Und sprach vom Tod und vom
Selbstmord. Lysa versuchte, Daniel mit erotischen Brieflein in reizendem
unbeholfenen Englisch für sich zu interessieren, verstand gar nicht
so recht, wo sein Problem eigentlich lag, wollte vielmehr ihm, dem reichen
Europäer, die Vorzüge einer lebenslangen Partnerschaft klar machen.
Er schmunzelte manchmal über ihre durchsichtige Strategie, dann aber
resignierte er. Und seine ehemaligen Schulkameraden der Droste-OS in Zehlendorf
waren einfach nicht ansprechbar, als hätte der Wegzug eine Mauer errichtet.
Zur Groteske steigerte sich das Alles, als er spontan in der kleinen
Pause zwischen Chemie und Geschichte auf den Tisch kletterte, die Hose
herunterließ und sein Glied präsentierte: "Ich bin nicht beschnitten."
Das bereute er sofort wieder, nicht, weil es so offensichtlich sinnlos
war, sondern, weil er sich als Verräter vorkam. Sein Großonkel
hatte als Nichtjude das KZ Sachsenhausen überlebt. Er war dorthin
geraten, weil er sich nicht von seiner jüdischen Ehefrau trennen wollte,
was ja prominente Deutsche locker erfolgreich vorgemacht hatten. Nein, der
Großonkel spuckte auf diese "Größen" der Leinwand und des
Theaters und marschierte aufrecht ins Arbeitslager. Kurz vor der Befreiung
überlebte er eine Massenerschießung seiner Baracken-Kameraden
nur deshalb, weil er in eine Latrine flüchten konnte. Von dort aus,
halb betäubt vom Gestank der Jauche angeklammert an Balken konnte er
die aufgesetzten Genickschüsse beobachten und mitzählen: 23, er
wäre der 24. gewesen. Am nächsten Tag wurde das Lager befreit.
Seine Ehefrau Lea war längst tot.
Nein, das war dumm, dumm, dumm. Und natürlich sofort Schulgespräch,
Dorfgespräch, Stadtgespräch. Der dämliche Rektor, ein Gastarbeiter
aus dem Ruhrgebiet, verstand nichts und verhörte ihn in Richtung Antisemitismus
und Rassismus. Daniel bleib stumm und kassierte einen Verweis. Einer der
Kunstlehrer wurde kurzfristig aufmerksam, bemühte sich um Gespräche,
bekam auf Fragen aber keine Antworten, verlor dann die Lust an therapeutischen
Versuchen, überließ ihn seinem offensichtlichen Trotz, ein schwaches
Gefühl der Besorgnis blieb zurück. Daniel hingegen begriff auf
einmal sein Anderssein als Lebensqualität, wie es ja täglich in
MTV und VIVA vorgemacht wurde. Nachdem er sich monatelang vergeblich angepasst
hatte, versuchte er nun erfolglos, den coolen Nichtangepassten zu spielen,
den aufsässigen Ghetto-HipHopper und den genialen Außenseiter,
belesen, poetisch, geradezu lyrisch, was zwar den Deutschaufsatz originell
machte, aber weder bei Lehrern noch bei Mitschülern von Erfolg gekrönt
war. Vielmehr mutierte er in ihren Augen zum jüdischen Dichterling,
zum doofen Stottergoethe. Dass er auf einmal stotterte mit rötlich anlaufendem
Gesicht war ihm egal. Er beobachtete sich und seine physischen Veränderungen
verwundert aus der Distanz wie ein medizinisches Phänomen, das zu schildern
er im Kreise einer Talkshow große Lust hätte. Wenn die exhibitionistischen
Borderliner um infantilen Zuwendungs-Status buhlen durften mitsamt ihren
kläglichen Selbstmordsignalen, dann doch wohl auch er, der souveräne
Märtyrer mit letaler Prognose. Aber sowieso: Scheiß drauf. Einzig
eine Mitschülerin erkannte seine Qualitäten und verehrte ihn,
dies aber leider überaus schüchtern, nämlich anonym und nur
in ihrem Tagebuch. Einmal schickte sie ein Zettelchen ab, und er las verwundert:
"Halte durch! P." - P wie Papierkorb? O.k.
Mit neuen Buffalo-Schuhen wollte er dazugehören, sozusagen Büffel
unter Büffeln sein. Die wurden ihm allerdings sofort abgezogen und,
weil zu groß für den Anführer der Clique, in den Fluss geworfen.
Oft lag er jetzt nachts hellwach im Bett, weinend, schluchzend, schimpfend.
Einziges Ergebnis war, dass er oft übermüdet dem Unterricht
nicht folgen konnte und schadenfroh dafür verlacht wurde. Mit seinem
Pullover wollte er andere gegenteilige Grenzen setzen, dort waren Lederecken
an den Ellbogen aufgenäht, englischer Landadel-Stil, wie er erläutern
durfte, bevor sie ihm den Pullover runterrissen und damit ein Feuerchen
entfachten.
Den Eltern sagte er nichts, sie rechneten seine Distanziertheit seiner
Pubertät zu. Seine Eltern fuhren jeden Tag nach Berlin-Charlottenburg,
in die Stadt, wie sie es nannten. Beide hatten eine Nine-to-Five-Arbeit,
fuhren gemeinsam im Golf zum Park-and-Ride-Parkplatz, fuhren dann gemeinsam
S-Bahn, danach fuhr er U-Bahn, sie mit dem Bus. 6 Uhr Aufstehen und 19
Uhr Heimkommen war ein griffiges Montag- bis Freitag-Ritual. Das Häuschen
konnte so locker finanziert werden, allerdings mit zeitweiligem Magendrücken
ob dräuender Kündigungen. Die Eltern, vormals liberal und tolerant,
gewöhnten sich an ihren Arbeitsplätzen unmerklich und allmählich
eine servile und devote Einstellung an, die Kritik ausschloss, selbst
wenn sie noch so begründet war. Daniel erlebte diese Metamorphose
seiner Eltern mit staunendem Erschrecken, seine geliebten Vorbilder des
Laisser-faire und des offenen Gesprächs, auch des offenen Streites,
waren zu einem gejochten Ochsengespann geworden, stumm, lahm, passiv, antriebslos.
Hoffentlich müsste er nie eine solche Verwandlung erfahren.
Aber Daniels Verwandlung ließ nicht lange auf sich warten.
Sie schlugen ihn zu Boden, fesselten ihn, knebelten ihn, transportierten
ihn im Kofferraum eines Mercedes zu einem Bauernhof, öffneten die
Jauchegrube und schrieen: "Da gehörst Du rein!" Sie beschlossen,
ihn ein paar Mal in die Scheiße zu tauchen und ihn dann im Wald auszusetzen.
Er überlegte passiv und fast amüsiert: Wald, Waldsiedlung, war
das nicht das "Altersheim", wie es alle nannten, würde er da vielleicht
auf dem Prominentenfriedhof ausgesetzt, gleich neben - der Klassensprecher
schrie los: "Was grinst Du? Du Arsch?" Daniel drehte den Kopf und sah dicht
neben sich die gewaltigen DocMartens-Stiefel und konnte nicht an sich halten:
"Wusstest Du, dass DocMartens-Stiefel eigentlich Punkerstiefel sind, und
Londoner Punker ganz linke Genossen waren und nicht wie du ganz rechte Wichser?"
Er bekam sogleich einen Tritt ins Gesicht, der Schädel knallte laut,
sein Auge schwoll sofort zu, die Nase war gebrochen und blutete. Der nächste
Tritt zerbrach was am Schädel, wohl eine Nahtsprengung, aber eigentlich
egal, Fraktur bleibt Fraktur, ob Loch oder Naht, ob Komminutiv-Bruch oder
Splitter-Bruch - dieses ging ihm augenblicklich durch den noch funktionierenden
Teil seines Hirns, während das Sehvermögen schlagartig genullt
wurde. Die folgenden Tritte kamen von vielen Seiten, alle vier Vollstrecker
traten auf beliebige Körperstellen, und der allumfassende Schmerz verhinderte
zu lokalisieren, welche Rippen brachen, welche Kniescheibe splitterte, welche
Zähne im Sand landeten. Sie schoben den Körper über den Rand
der Jauchegrube und wurden von der hochspritzenden Scheiße getroffen.
Daniel versank rasch. Der Deckel wurde wieder über die Grube geschoben.
Einer der vier Schüler sollte dann Monate später kurz vor dem Abi
vor ein paar Tussen damit angeben, was mit Daniel passiert war, was der provoziert
hatte. Weil: Selber schuld.
Die braune harte Erde poltert auf den Sarg.
Die durchnässten Totengräber füllen rasch das Grab.
Die schwarze magere Katze wandert unschlüssig weiter.
Der Friedhof ist nun menschenleer.
Schwarzer Engel der Trauer, deine flirrenden Flügel streifen
die kleinen Kiesel der Überlebenden von den Grabsteinen.
Schwarzer Engel der Trauer, deine schwingenden Flügel verwehen
die kleinen Zettel der Überlebenden von den Grabsteinen.
Schwarzer Engel der Trauer,
dies ist ein Land ohne Scham.
(c) 2003 Peter Henri
Resignation
.
Schwarzer Engel der Trauer,
wie die Zeit deine Mahnung besiegt.
Schwarzer Engel der Trauer,
wie das Schicksal deinen Argwohn nährt.
Schwarzer Engel der Trauer,
wie der Alltag deine Ahnung bestätigt.
..
Schwarzer Engel der Trauer,
deine schwebenden Flügel streifen
die kleinen Kiesel
der Grabsteine.
...
Schwarzer Engel der Trauer,
deine schwingenden Flügel verwehen
die kleinen Zettel
der Überlebenden.
....
Schwarzer Engel der Trauer,
dies ist ein Land
ohne Scham.
(c) 2003 Peter Henri
Buchtipp: Peter Henri "Leben und Sterben in Berlin" [ISBN 3-923466-54-4,
15 Euro]
Re ¤ act ¤ or
Liebe Gemeinde, lieber Leopold, lieber Achim! Na schau her,
da wird verkündet, daß der L-Over künftig nur im Internet
zu finden sein wird. Das "einleuchtendste" - für den kundigen Leo.
Und damit wiederum eine einbleuende, basaldämonkratische Konzens-Urentscheidung
AllerInnen. Wir sind so frey.
Bislang bildete ich mir ein, pro forma zur Redaktion zu gehören,
aber wieso eigentlich? Offenbar wäre es politisch nicht korrekt, mit
mir auch nur irgendwas abzusprechen. Geschweige, darüber zu reden,
ob ich die Papierausgabe wieder übernehme. Nun denn, falls der Inhalt
des Heftes was bewegendes an sich behält. Offenbar langt es nur zu
Schulterklopfereien. Jedenfalls für die bloße Rummacherei im
Internet ist mir das Leben und mein Leben zu schade. Da müßte
mich schon ein wilder Affe beißen, aber was soll ich in Afrika? (Hier
kann ich ja mal bekritteln, daß in meiner Reaction auf Ginger &
Hans die Hälfte des Fotos fehlt, spiegelverkehrtverkehrt. Und den Dollar
hätte ich gern auf dem Titel gehabt statt des üblichen nackten
Hinterns.)
Und von "digitaler Heimat" (u.a. läßt sich Heimat niemals
digitalisieren, dafür gibt es sogar einen mathematischen Beweis,
und digitales kann niemals Heimat sein) zu schreiben - da will ich schon
ernsthaft wissen, was auf die Frage "Und sonst so?" kommt! Vielleicht ein
Konzerterlebnisbericht? Vielleicht persönliches vom Auf und Ab des
freien Marktes? Vielleicht Empfehlungen diverser Gänsehaut-CDs? Kochrezepte?
Einfach Menschliches? Selbstverständlich ist dafür das Internet
genau der richtige Ort. Wenn nur Niemand den Strom abschaltet! Oje.
Multidingsdabeliebiges Hoheitsgebiet, ich schlage vor, Lapsuslive
auch im Internet stattfinden zu lassen! Alles andere ist doch nur Spielerei!
(Und die Milch kommt nicht aus der Fabrik, liebe Kinder, sondern aus dem
Internet.) Aber wie könnte ich das Internet schlecht machen! Nein,
geht gar nicht. Wort mit fünfmal e? Mal schauen, was die Suchtmaschine
meint, so, na, aha: "Ideenwettbewerb". Ein Gedanke macht sich Gedanken,
macht sich Gedanken, macht sich Gedanken - werben und wetten, daß...
(By the way, hallo George! Von "vegan" war hier bislang noch nicht die Rede,
aber "Hoheitsgebiet" find ich gut! Ist ja auch ne Zumutung, 3 Tage ohne.
Oder der eigentliche Stachel im Fleisch: nur 3 Tage im Jahr mit??? Mal ausflippen,
mal machen, was man will, mal mit Freunden zu tun haben, mal tanzen, mal
laut interessante Musik hören. Sind wir noch zu retten? Nein. Und Achim
soll wieder eine Spielstätte flott machen, der Arme!)
Übrigens vermisse ich schon Antworten auf etliche Fragen, es
läppert sich zusammen (Läppsuus). Z.B.: Was willst D u eigentlich?
"Forum füttern" - mit Kastanien? Ach ne, das wäre ja we get arisch.
Mit digitalem Quark? (Luck to we get arisch.)
Wieso taucht der Leo-Kommentar zum LL 2002 zum zweiten Mal im L-Over
auf, wieso dann nicht auch mein Kommentar zum Kommentar?
Wieso wurde der von mir vorgeschlagene Liedloff-Artikel nicht reingenommen?
Wieso ist der Hauptgrund für das L-Overn nicht Weltverbesserung,
sondern Reiseliteratur? (Ein durchschnittlicher deutscher Tourie geht in
ein durchschnittliches indisches Lokal - und? Hat irgendjemand was anderes
erwartet? Und wozu?)
Was bedeutet "keep on rockin'"? Wenigstens Du, George, mußt
doch was dazu sagen können! "I keep on rockin'!!" - Mit 2 Ausrufezeichen
sogar.
Was bedeutet Progrock? Wieso wollen Yes und King Crimson nichts davon
wissen?
Und wieso mußte Dietfried sterben?
Macht's gut alle miteinander! Roland
P.S. Ist das Herz wirklich ins Ohr gerutscht?
Hallo Roland, ich bekomme so regelmäßig Post von
Dir [...] oder den Lover. Ich erfreue mich an Deinen radikal-kritischen
Anmerkungen - ob zum Krieg, zur Wahl, zum ADFC: Guter Anlaß zum
Nachdenken, zum Aufmerksamwerden, zum Innehalten in meinem Arbeitsalltag,
bei dem ich den Blick fürs Wesentliche vor lauter Kleinkram manchmal
zu verlieren scheine!
Also: DANKESCHÖN und viele Grüße an Dich und Nathalie!!!
Dabei drängt sich mir eine Frage auf nach Deiner Meinung:
Ich würde mir eine so radikale Kritik, wie Du sie äußerst,
gar nicht trauen, denn ich sehe mich als freiwilligen und unfreiwilligen
Mittäter des Systems! Siehe Lover: Ich sehe Dich auch als solchen,
der ohne das System weder die modernste Technik genutzt hätte, noch
sich infolge ihrer Nutzung in die Obhut der HiTec-Medizin begeben hätte,
und alles bezahlen die, die durch ihr Wirtschaften bzw. Steuer-Erwirtschaften
die Erde nachhaltig schädigen. Mir geht's ebenso: Mein Geld kommt vom
Staat, und meine Kinder [...] führen ansonsten ein relativ luxeriöses
Leben mit Pferden, Hunden, Auto, Privatschule, Handy... Ja, wie gesagt:
Aus einer solchen Position des Mittäters traue ich mir das Maul kaum
aufzureißen, und als Alternative mich im sibirischen Urwald von Beeren
und Pilzen zu ernähren, traue ich mich auch nicht (stand mal im SPUTNIK
von Leuten, die ca. 1970 erfuhren, daß der Zar verjagt ist... soweit
ich mich erinnere).
Was ist die Alternative? Gibt es eine? [...]
Laß Dir's gut gehen! Thomas
Tag Thomas! Ist das mit der "Nordwest-Uckermark" als Anschrift
für die ganzen ganzen Dörfer tatsächlich Ernst? Irgendwann
haben wir dann 17000 oder 18000 McPomm als Allein-Anschrift für alle
Orte, laß nur die (Gesund-)Schrumpfung weitergehen. Was die damit
verbundene Steigerung des BSP betrifft, ist es ja überall so: wie
könnte man sonst zu allem Überfluß noch wachsen? Völlig
pervers.
Noch kurz das neue von unserer Schulgründung: wir werden uns
wohl nicht am Schulgesetz langhangeln, sondern eine "Weltanschauungsschule"
nach GG aufmachen, jenseits der Schulpflicht. Es ist zumindest interessant
und meist ermutigend, ablösend, lustig, wenn wir unsere Weltanschauungen
im Kreis verbal tanzen lassen (um irgendwann was vorzeigbares aufm Papier
zu haben). Gut, manches ist natürlich langweilig, aber es macht mich
nicht mehr an, daß zu so viel was "richtigzustellen" wäre.
Senf. Ich habe keine Weltanschauung.
Meistens fühle ich mich als Fragensteller (Fallensteller...)
wohl, eigentlich bis alle Vorstellungen weggefragt sind. "Inhaltsfreie
Schule", sagte Olaf, was mir sehr aus dem Herzen sprach. Es gibt dafür
natürlich weder Eltern und schon gar nicht Lehrer. Trotzdem kann man's
ja stärken, schon wenn man das normale infragestellt.
Über Deinen Brief habe ich mich richtig gefreut, ich bekomme
sowieso eher selten Reaktionen (ich rede sowieso wenig, da kann ja auch
niemand reagieren... ins Blaue schreiben liegt mir eher...), und die Deine
tat mir einfach gut. Meistens sind ja die Leute von meinen Worten sofort
beleidigt, so sehr eins mit ihren Mustern, daß sie alles persönlich
nehmen, was eigentlich Systeme, Strukturen, Resonanzfelder benennen will.
Wenn wenigsten etwas der Erkenntnis herauskäme, wie grundsätzlich
unfrei jede Person ist - aber jeder kleine Gott will immer nur in seinen
Spiegel schauen.
Aber ich wollte Dir ja meine Waisheit über den güldenen
Wech zum Bersten geben: Es gibt keinen Ausweg. Wenn es einen geben soll,
muß es auch ein Ziel geben. ("Der Weg ist das Ziel" - meint ja bei
aller Raffinesse immer noch ein Ziel. Selbst im Wort Bewegung lauert noch
Falle usw.) Sind Leben, Freiheit, Liebe, Wahrheit starr, daß man
sie anvisieren könnte? Oder wandelbar, quicklebendig, verschwommen,
flatterhaft, gekringelt? Wer will sich anmaßen, da irgendetwas verbindliches,
verbindendes zu formulieren, womöglich noch frei von Gewohnheit und
Vorstellung? Jedes System, jede Form, jede Vorstellung ist näher an
Konflikten, an Entropie als an Liebe. Kennst Du Mata Hari Chrishna, wie sie
sich die Liebe vorgenommen hat, sich ihr genähert nach Plan, sie errungen
und bezwungen, errechnet und erdichtet? Mata Hari Kira hatte sich nur nicht
richtig angestrengt, nicht richtig Mühe gegeben. Nicht richtig ihre
Meinung formuliert, es einfach nicht zuende diskutieren können. Nicht
wahr? Es "geht" wohl eher andersrum rufen gleich welche. Meinetwegen.
Du wirst weiterhin dabei sein, das beste für Deine Kinder und
Dich zu tun. Alles, was Dir einfällt. Mit Deinem wogenden Horizont.
Auf der real existierenden Erde. Mit den vermachten, gedachten oder gemachten
Bedingungen, die Du veränderst. Sofern Du leben willst.
Ich mag es, glücklich zu sein. Ich mag es, wach zu sein. Die
Bedingungen wandeln sich gründlich, wenn uns über Nacht (die
schon mal ein dunkles Jahrtausend lang wird andauern können) "nur"
"noch" ein Überrest an gewohnten Lebensressourcen "zur Verfügung
steht". Nix Megawatt, nix Regenwald, nix Mutterboden, nix Trinkwasser, nix
FrühlingSommerHerbstundWinter, nix Biodiesel, nix Abeitsamp, nix
Internet, nix BildungundKultur, nix Asicent, nix Mokkafix. Wie sollte es
dazwischen aussehen, in diesem "Zeit"-Fensterchen von Menschengnaden? Was
ist der "beste" Einweg? Gewohntermaßen? Was stellt Dich ruhig? Wem
nützt es? Was gewöhnen Dir Deine Kinder an? Was das Chlorophyll?
Wo bleiben Deine Kosten?
Keine Angst für Niemand. So long - Roland
Nachredaktionsschlußtrag:
Liebe Lapsus-Gilde!
Ich will noch beiläufig mitteilen, daß bei mir weiterhin
keine Idee, keine Nachfrage, kein Vorschlag, kein Handeln bezüglich
LL03 ankam.
Ich werde Fingsten nicht in ZarNekla sein, der Tee steht links im
Regal, wo das Herz über der Tür ist. Am häufigsten bin ich
jetzt in Hohenbüssow 25, 17129 Alt Tellin zu erreichen. Mit dem Telefon
nach 039993/76944. Nächster Bahnhof dort "Sternfeld", auch etwa 9
km entfernt. Was Fingsten in HB los ist, seht ihr alle im weltweitwichsen.kunst-offen.de.
Ich bin dann wahrscheinlich beim losgehts-ost.de.
Ciao - Roland
Lieber Achim, hab' Dank für die Zusendung des Lovers 34
und die damit verbundene Mühe.
Natürlich ist eine Zeitung irgendwie netter und handlicher als
eine Internet-Seite, aber Dirk kann's mir ja ausdrucken... Eben.
Das Cover sagte mir nicht so sehr zu, ebenso die etwas abgedroschenen
Reimerchen ("Tagträume - Schaumräume"). Oder handelte es sich
um eine Parodie?
Zu den Reaktoren: Von unbekannt umarmt zu werden ist schon etwas
seltsam.
Zu Rolands Reaktion auf Hansis und Gingers Meinungsäußerung
möchte ich hier nur kritisch anmerken, daß es nicht sehr fair
wirkt, ihren Beitrag ständig mit Rolands Kommentaren zu unterbrechen,
die dazu noch öfter weit unter die Gürtellinie gehen. Das ging
auch schon anders.
Naja, so richtig begeistert hat mich das letzte Heft insgesamt nicht.
Und Lapsusstimmung kommt bei mir auch nicht auf. Wenn man die Wahl hat
zwischen Ökogesäusel und knallharten Grabenkämpfen...
Trotz allem liebe Grüße, Regina
Lieber Achim, immer wieder erinnere ich mich daran, daß
ich ja noch zu dem etwas verunglückten Familientreffen zu Eckarts
Geburtstag schreiben wollte. Ich hoffe, ich habe jetzt genug Elan.
Ich kann mir vorstellen, daß es für Dich sehr deprimierend
ist, in solcherart fruchtlosen Diskussionen zu hängen. Diese ganze
Form der Überzeugungsarbeit erweckt in mir den Eindruck, daß
es quasi darauf ankommt, den Gegenüber zum Schweigen zu bringen. Wem
als erstes die Puste, die Argumente, die Lust ausgehen... Hast Du damit jemals
schon jemanden erreicht? Auch körpersprachlich war da für mich
nur ein aufeinander einhacken zu sehen. Was hat es gebracht? Welcher Sinn
wurde erfüllt? Vielleicht reißt man damit mal temporäre Mitstreiter
an seine Seite. Aber auch nur ein offenes, waches, selbstbestimmtes "Herz"?
Was ist Streit?
Naja, ich will die Beschreibung dabei belassen. Ein Video davon wäre
bestimmt interessant für Dich gewesen. Miteinander reden kann grundsätzlich
fruchtbarer sein. Zum einen (als Anregung) trägt jede Aussage mehrere
Sachen in sich, nur wenn alle bewußt verstanden und vermittelt werden,
kann m.E. überhaupt was für die Leute rauskommen: den "reinen"
Sachinhalt (möglichst einfach, geordnet/gegliedert, kurz-prägnant
und stimulierend), den Beziehungsaspekt (wie spreche ich mit dem anderen,
bevormundend, vollwertig, abfällig, akzeptierend...), eine Portion
Selbstoffenbarung (jede Nachricht ist auch Kostprobe der eigenen Persönlichkeit,
oder eben nur Fassade), den Appell an den anderen, daß die Aussage etwas
bewirken soll. So bewußt, wäre der Abend sicher auch freundlicher
und wärmer geworden, nicht nur wirksamer.
Und dann habe ich noch eine herzenswarme Empfehlung (das kommt daher,
daß, wenn wir nach den Regeln der GFK miteinander reden - also Nathalie
und ich -, unmittelbar eine dermaßen tiefe, guttuende Berührung
erfolgt, die Gespräch ganz entspannt und öffnend sind, ich "muß"
es Dir also einfach weitersagen): das Buch Gewaltfreie Kommunikation, ich
weiß jetzt den Autor nicht. Das spart dermaßen Energie, unglaublich,
und bringt so eine Nähe. Ich bin noch nicht sehr geübt, man
muß ja seine Muttermilchmuster überprägen...
Dann jetzt noch einen Hänger: Ich war (weiß der Geier,
ob das auch an diesen Tagen war) ziemlich erbost und auch erstaunt, wie
Du Dich so abfällig über Hohenbüssow geäußerst hattest.
Ohne irgendetwas darüber zu wissen (rede erst über jemanden, wenn
du 1000 Schritte in seinen Schuhen gemacht hast). Zum einen und unter anderem
wird dort mehr Kapitalismusabbau betrieben, als in irgend einem Diskutierzirkel
hierzulande. Zum anderen würde Dir ein halbes Jahr HB, ich sag mal
- absolut - gut tun. Die lebendige Solidarität (ich kann mir vorstellen,
daß Du in Nürnberg davon nicht mal mehr träumst), die
offenen Türen, der vielfältige Austausch, die neuen Erfahrungen
fürs Denken, fürs Fühlen, für den Körper (jenachdem,
wie Du die Kontakte anlegst, vertiefst, wie weit Du Dich einläßt,
öffnest), die interessanten unterschiedlichen Lebensweisen, der hohe
Grad an Selbstbestimmung und Selbstorganisation und an gelebter Kritik,
das einfachere Leben ohne die vielen zivilisatorischen, bürgerlichen
Gepflogenheiten am Bein, das hohe Niveau der Kommunikation miteinander (schon
dies allein haben einige Gäste - gerade Wessis - noch nie zuvor erlebt).
Natürlich kann jeder auch seine Brillen aufbehalten.
Mir sind Nischen, Inseln, Untergrund, es wenigstens versucht zu haben,
allemal lieber als ein Stehplatz auf dem Trittbrett der Megamaschine,
das weißt Du ja. Und allein, wieviele Leute ich mittlerweile kenne,
die ihre Kinder nicht zur Schule schicken ("den Wölfen zum Fraß
vorwerfen") oder sogar einigermaßen frei denken - uns kriegen sie
nicht! Auch wenn es nicht zu einer kritischen Masse reichen sollte. Jedenfalls
ist mir das Leben ganz klar wichtiger als bloße Überzeugungsarbeit.
Mit der allein wäre ich ziemlich allein. Aber wo kriegt man Zeit her?
Alles Gute für euch, schönen Tag und schönes Leben!
Roland
Widerstandslesungen
Liebe Kollegin, lieber Kollege,
am Donnerstag ,11. September 2003 beginnen in Hanau die Widerstandslesungen
am Freiheitsplatz. Da die InitiatorINNen den Einladungen zu den Widerstandslesungen
am Wiener Ballhausplatz aus Fahrgeld- und Zeitmangel nicht jeden Donnerstag
folgen konnten und es in Deutschland mindestens ebenso viele und dringende
Gründe für Widerstand gibt, entstand die Idee der Widerstandslesungen
am Hanauer Freiheitsplatz. Bisher haben sich 28 Vollerwerbs- und FeierabendautorINNen
in die Leseliste eingetragen, um gegen die kleinen und großen Kriege
nach Innen und nach Außen anzulesen. Gegen die kleinen Raubzüge
zur Finanzierung der großen, gegen Nationalismus, Rassismus, gegen
die tagtägliche Zwangsabfütterung und -lenkung mit Leitkultur
aus dem TVPC-InfusionsTropf.
Die Widerstandslesungen hängen an keiner öffentlichen Subvention
und haben auch keine privaten Sponsoren außer den Zuhörenden
und den Lesenden.
Sie beginnen vor dem Gewerkschaftshaus und der Bücherstube am
Freiheitsplatz jeden Donnerstag um 17 Uhr. Sie dauern bis zu 2 Stunden.
Im Bedarfsfall auch länger und aus gehend vom Freiheitsplatz an wechselnden
Orten historisch-politisch-kulturell herausragender Bedeutung (z.B. vor dem
Gebäude in dem die Gestapo den Hanauer Arzt Dr. Schwab aus dem Fenster
stürzte, am autonomen Kulturzentrum Metzgerstraße, vor dem Gestapogefängnis
Fronhof , am Brüder-Grimm-Denkmal, ....).
Mit der Bitte um deine/Ihre Unterstützung, um Weiterverbreitung
dieser Ankündigung, um Eintragung in die Leseliste (zunächst noch
per e-mail/Brief/Telefon an mich (06058/1460)) Hartmut Barth-Engelbart
main(e)text(e)link(s): www.barth-engelbart.de.vu, www.yedermann.de etc.
Gegen Quellenangabe und Copyrighthinweis sollen alle Texte (für
nichtkommerzielle Zwecke) vervielfältigt, vorgetragen, nachgedruckt,
gesungen und verteilt werden. Dazu wurden sie auch geschrieben. Die besten
Literaturpreise liegen auf den Straßen in unmittelbarer Nachbarschaft
zu Millionen von Arbeitslosen, Flüchtlingen und anderen Kulturexperten,
die sie uns verleihen, wenn wir uns bei ihnen bewerben und sie unser Schreiben
für gut befinden.
Aimee Mann – Deathly
Now that I've met you
Would you object to
Never seeing each other again
'Cause I can't afford to
Climb aboard you
No one's got that much ego to spend
So don't work your stuff
Because I've got troubles enough
No, don't pick on me
When one act of kindness could be
Deathly
Deathly
Definately
'Cause I'm just a problem
For you to solve and
Watch dissolve in the heat of your charm
But what will you do when
You run it through and
You can't get me back on the farm
So don't work your stuff
Because I've got troubles enough
No, don't pick on me
When one act of kindness could be
Deathly
Deathly
Definately
You're on your honor
'Cause I'm a goner
And you haven't even begun
So do me a favor
If I should waver
Be my savior
And get out the gun
So don't work your stuff
Because I've got troubles enough
No, don't pick on me
When one act of kindness could be
Deathly
Deathly
Definately
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da ich dich grad treffe
hast du was dagegen
wenn wir uns nie wiedersehen
denn ich bring's nicht
zu dir zurückzukehren
niemand kann so viel ego vergeuden
also zieh' nicht dein ding ab
denn ich habe genug sorgen
nein, verarsch mich nicht
denn ein akt der nächstenliebe wäre vielleicht
tödlich
tödlich
bestimmt
weil ich eben ein problem
für dich bin, das es zu beheben und
in der hitze deines charmes aufzulösen gilt
aber was willst du machen, wenn
du da durch bist und
du mich nicht zurück auf deine farm kriegst
also zieh' nicht dein ding ab
denn ich habe genug sorgen
nein, verarsch mich nicht
denn ein akt der nächstenliebe wäre vielleicht
tödlich
tödlich
bestimmt
du bist beleidigt
denn ich bin die, die geht
und du hast noch nicht mal begonnen
also tu' mir den gefallen
wenn ich zaudern sollte
sei mein retter
und hol' das gewehr raus
also zieh' nicht dein ding ab
denn ich habe genug sorgen
nein, verarsch mich nicht
denn ein akt der nächstenliebe wäre vielleicht
tödlich
tödlich
bestimmt
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Wunderbar für ruhige Abende
Dirk Hübner II (CD, (P)+(C) 2003)
Zweites Album des Synth-Rockers Dirk Hübner.
Instrument: KORG 01/Wpro Music Workstation, gesteuert mit Power Tracks
Pro 3.0c.
Selbstgebrannte CD mit Farbcover. 61:05 min.
11 Sounds (Hörproben
als MP3 (~40 Sek.))
1. Etymon 1 4:10
2. Epitasis 5:11
3. En Passant 3:06
4. Enklisis 6:42
5. Epiklese 6:43
6. Emanation 9:30
7. Exaltation 4:48
8. Essentia 6:58
9. Eskalation 4:34
10. Epode 3:51
11. Etymon 2 5:32
12 EUR inkl. Versand, Bestellungen per E-Mail an Leopold.Lapsus@gmx.de,
Lieferzeit ca. 2 - 4 Wochen
Weitere Titel des EigenArt-Labels.
- Aufhören. Unerhört. 20 LAPSUS-Jahre - Only A Lapsus
Song. (P) 2001
Zusammenstellung legendärer Songs und Sounds von LAPSUS
LIVE aus den Jahren 1980 bis 2000 auf selbstgebrannter CD mit Info-Faltcover.
26 Songs und Sounds. 74 min. 7 EUR
- Dirk Hübner Diaphania, (P) 1999/2000, (C) 2002 - Elektronische
Musik wie ein Tangerinentraum... ;-) Instrument: KORG 01 / Wpro Music Workstation,
produziert mit der internen KORG-Steuerung. Selbstgebrannte CD mit farbigem
Cover. 56:30 min. 12 EUR
Rezension von Andreas Pläschke
(www.Babyblaue-Seiten.de)
Wieder ein neues Talent im großen Pool der deutschen Elektroniker.
Der Titel ist doppeldeutig gemeint: zum einen die 2. CD von Dirk Hübner,
und zum anderen "11" – nach der Anzahl der enthaltenen Tracks. Das ganze
wurde quasi im eigenen Heim mit "einfachen" Mitteln (zumindest im Verhältnis
zu den Profibands a la Tangerine Dream) aufgenommen.
Damit sind wir auch schon bei der groben Einordnung der Musik: Tangerine
Dream mit ihren Soundtracks könnten Vorbilder gewesen sein. Besonders
beim ersten (und letzten Track) dachte ich: wieder ein TD-Klon.
Der Song ist eine schöne Sequencerlinie im typischen TD-Stil der
achtziger Jahre, wie man sie evtl. von "Tangram" oder anderen Aufnahmen
kennt. Aber schon mit der Melodiestimme wird es eigenständiger – sie
klingt leicht unharmonisch zum Rest und erzeugt so bei mir eine befremdlichere
Stimmung und nimmt der Sequencerfigur etwas von dem zuckersüßen
Wohlklang. Track No. 2 behält die gleiche Leadstimme, wird durch ein
dominateres "Schlagzeug" aber wesentlich lebhafter.
Mit "En passant" wird die Musik in meinen Ohren deutlich eigenständiger.
Ab hier erzeugt Hübner eher nachdenkliche, getragene Stimmungen, soundmäßig
erklingen elektronische Gitarren, Flöten oder Pianoklänge. Von
nun an gibt es deutlich weniger Bezüge zu klassischen Vorbildern, sondern
teilweise sehr schöne, verhaltene Klangbilder, die wunderbar zum eher
herbstlichen (?) Cover passen. Besonders, wenn er keine elektronischen Drumparts
einsetzt, sondern die sehr sparsamen Arrangements beibehält, gewinnt
die Musik für mich deutlich (was aber auch daran liegt, dass ich elektronische
Drums als eher störend empfinde).
Fazit: Spätestens ab Track 3 (was nicht heissen soll, das die
beiden ersten Tracks schlecht sind) eine sehr schöne, eher beschauliche
CD mit elektronischer Musik. Wunderbar für ruhige Abende. Wer mag,
kann auf der Webseite kurze Soundsamples antesten.
Anspieltip(s): Eskalation
Geposted am: 17.5.2003
Wertung: 10/15
Der Odyssee-Verlag
Informationen
zum Odyssee-Verlag findest du hier.
Was sonst noch passierte
Donnerstag, 13. März 2003
Von: Stefanie.Bayer@esslingen.de Gesendet: 14:44
Betreff: Dia-Ton-Collage "the Doors", buchbar ?
Hallo, ich hoffe, ich bin jetzt richtig, aber ich lege jetzt einfach
mal los: das Kulturreferat Esslingen am Neckar organisiert von Juni bis
Juli ein Beat-Festival unter dem Motto "Der Beat wird 40", eine Veranstaltungsreihe,
die sowohl Musikgeschichte, Zeitgeschehen (und auch Lokalgeschehen) von
1963 bis 1968 "beleuchtet".
Beim Recherchieren im Internet bin ich auf Eure Homepage Lapsus Live
gestossen und habe entdeckt, dass Ihr eine Dia-Ton-Collage über die
Doors habt (The Doors - eine Fahrt durch den Ungerground mit Halt auf sieben
Stationen). Kann man diese Dia-Ton-Collage buchen bzw. könnte dieser
Vortrag eventuell in Esslingen im Rahmen unseres Festivals stattfinden
(falls es konzeptionell passt).
Wie muss ich mir diesen Vortrag vorstellen und wenn buchbar zu welchen
Konditionen? Ich freue mich schon auf Ihre Antwort.
Herzliche Grüße aus Esslingen, Steffi Bayer
Von: Leopold.lapsus@gmx.net Gesendet: 16:12
Betreff: Re: Dia-Ton-Collage "the Doors", buchbar ?
Liebe Stefanie Bayer, die Dia-Ton-Collage "The Doors..." hat 20 Jahre
auf dem Puckel und wurde von mir mit in der DDR verfügbarer Technik
(z.B. 1 Diaprojektor ohne Überblendungen, Spulentonbandgerät für
die Soundcollagen) und greifbarem Material (LPs, Feature- und Interview-Mitschnitte
vom RIAS) für private und halboffizielle Zwecke erstellt. Eine heutige
Aufführung in größerem Rahmen würde erhebliche Nacharbeiten
erfordern und das ist wohl angesichts des inzwischen angebotenen Film-,
Buch- und Internetmaterials zu den Doors und den völlig veränderten
Rezeptionsgewohnheiten des Publikums - noch dazu im Raum Stuttgart – sicherlich
entbehrlich. Trotzdem vielen Dank für die Anfrage und gutes Gelingen
bei eurem Beat-Festival.
Keep On Rockin'! J. G. aka Leopold Lapsus
P.S. Die halboffiziellen Aufführungen Mitte der 80er in Dresden
und Berlin (O) brachten den enthusiastischen Vorführern 20 Mark der
DDR, umgerechnet zu Schwarzmarktkurs und Euro: 1Euro... ;-)
Von: Stefanie.Bayer@esslingen.de Gesendet: 16:22
Betreff: Antwort: Re:
Lieber J. G., vielen Dank für die schnelle Antwort und vielen
Dank für die guten Wünsche zu unserem Festival.
Liebe Grüße, Stefanie Bayer
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