OVER Nr. 35


LOVER Nr. 35

(erschien 9/2003)

Auszüge:

[Basar] - [Ditorial] - [mesopotamisches guernica] - [Kein Kampf der Kulturen] - [Der Castor kommt] - [Spuren (Teil 1)] - [Ich boykottiere!] - [Babylohn] - [Kein Wort davon] - [Dumm gelaufen] - [Resignation] - [Re@ctor] - [Widerstandslesungen] - [Tödlich] - [Wunderbar] - [Odyssee-Verlag] - [Was sonst noch passierte]

LOver 35

BASAR

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Die eisigen Aussichten, die das Schlussbild des letzten LOvers suggerierte, scheinen sich trotz brütender Sommerhitze zu bewahrheiten. Seither brannten nicht nur Berliner Mülltonnen und Autos, irakische Ölfelder, etliche Wälder und angrenzende Ortschaften, sondern auch so mancher Friedensplan. So heißen neuerdings die temporären Beschreibungen der Machtverhältnisse in den organisierten Krisengebieten rund um den Globus.
Seither wurde und wird uns auch ein neues Verständnis für Begriffe wie "klare Beweise", "Sozialstaat" und "christliche Nächstenliebe" abverlangt. Die Welt richtet sich irgendwie apathisch darauf ein, dass die Amerikaner ihre Schurkenliste abarbeiten, dass die Kosten der Freiheit halt durch die unbelehrbaren Folgs-Massen zu tragen sind und dass Katholizismus nicht nur was be-, sondern auch was verschwörerisches hat...
Eine Menge Stoff, die sich da für aktuelle Betrachtungen anbietet. Aber der LOver beschränkt sich wie stets auf einige wenige Punkte aus dem breiten Spektrum. Tagesaktualität ist sein Bestreben ja nie gewesen. Allerdings ist seit der letzten Ausgabe extrem viel Zeit vergangen. Mangels Motivation und wegen technischer Problemchen, die früher mit Elan gemeistert worden wären... Wie auch immer – hier ist der LOver mit der Nummer 35. Viel Vergnügen beim Lesen und Nachsinnen. Leopold Lapsus

mesopotamisches GUERNICA

top gun und legion condor  - sie tun ja nur ihre pflicht

man kann es schon hören, das heulen von sirenen, und dann wird der bildschirm in den westlichen wohnzimmern wieder überflutet mit grünem cnn-licht, und wir sehen wie chirurgische clusterbomben das volk des irak endgültig befreien und cruise missiles natürlich einen einprogrammierten bogen um krankenhäuser schlagen. wir sehen wie intelligente granaten im endanflug den vermeintlichen irakischen panzer als eselsfuhrwerk erkennen und sich aus verzweiflung darüber dann selbst zerlegen.
alles bereit, und die stolzen jungs in ihren fliegenden kisten bewegen ein paar hebelchen, hier und da, und dann haben sie ihren job getan für volk, führer und vaterland... ach nein, das waren ja die anderen, die unbedingt in spanien mitmischen wollten, weil man da doch so schön seine neuen bomber ausprobieren konnte. das waren ja die, die dem faschisten franco den weg freibombten und auch nur ihre pflicht taten, so intensiv ihre pflicht taten, daß guernica über diese pflichterfüllung so begeistert war, daß es vor ehrfurcht in schall und rauch aufging.
nein, entschuldigung, das waren ja die anderen, hier geht es ja um die freiheit. hier ist es ja nicht der luftwaffenpilot des großdeutschen reiches, hier ist es ja der smarte commander "top gun". die schicken jungs mit den weißen motrosenanzügen, die, da sie diese im sandkasten nicht mehr schmutzig machen dürfen, in den anti-g-anzug klettern und lieber mal ein paar martialische bomben mit der obligatorischen kreideaufschrift "down to hell" über diesem "damned desert fuck" abwerfen.
oh, nun regiert wieder das sendungsbewußtsein einer nation (entschuldigung, jedwede ähnlichkeiten mit gschichtlichen vorgängen sind durchaus gewollt), ihre gottgewollte vorrangstellung über die vöker dieser welt, jene, die wie scheues geflügel in der uno umherflattern und so gar keinen krieg wollen.
uno-völkerbund, irak, abessinien, sprach nicht nietzsche von der ewigen wiederkehr des gleichen? erinnert nicht die schmierenkomödie um den irak an die korridorfrage mit polen, damals, als die farbe braun so modisch war? wenn man krieg will, dann stört jede friedensinitiative, wenn man der welt seinen stempel aufdrücken will, dann zählen keine argumente, sondern nur macht und gewalt.
oh, ich höre schon das gewimmer derjenigen, die es als großen kreuzzug der freiheitsliebenden menschheit gegen die barbarei auslegen wollen. und wir, die wir dagegen reden, schreiben, malen und singen, wir sind die furchtsamen hasen, die sich von den großen helden unseren arsch retten lassen. denn nach jüngsten meldungen hat der irak einen flugzeugträger im bau und plant die annektierung helgolands.
seltsam, seltsam, als ein paar tausend kurden im giftgas des diktators verreckten, da schien es nicht so opportun für die inselrocker in amerika und england, freiheit nach bagdad zu bomben.
aber wo waren wir, ach ja. guernica und bagdad.
die einzige bombe, die ich intelligent nennen würde, wäre die, die sich auf eigenen entschluß hin irgendwo in die ecke setzt, sich schämt, und beschließt nicht zu detonieren. man stelle sich vor, dreitausend "intelligente" waffen, sie sich zusammenfinden zu einer friedensdemo und vor das weiße haus oder den präsidentenpalast von saddam maschieren und lauthals schreien: "wir sind euch satt, restlos, und die, die uns abwerfen auch. wir sind es satt, blut zu vergießen, während ihr eure fetten ärsche in bunkern an euren weibern reibt und kuchen freßt. wir sind es satt, die leiber kleiner kinder zu zerfetzen und müttern den bauch aufzureißen. wir sind es satt, nach blut und eiter zu stinken. nehmt unsere sprengkraft und sprengt brunnen in den wüstensand oder baut damit tunnel. in den steinbrüchen der welt nutzt uns, um baumaterial für die obdachlosen dieses planeten zu brechen. aber euch sind wir satt, euch bushs, saddams, blairs und asnars und wie ihr alle heißt. nehmt doch einen knüppel in die hand und verdrescht euch gegenseitig. aber laßt uns endlich in ruhe, laßt die menschen in ruhe, in deren leiber ihr uns bohrt."
man stelle sich vor, wie panzer plötzlich ihre luken öffnen und mit einem tritt die knöpfchendrücker an die luft befördern und geschlossen in das nächste stahlwerk fahren, um im schmelzofen ihre ewige ruhe zu finden.
Wir werden die Flamme der Demokratie entzünden! aber ich schweife ab. es ging ja um bagdad und guernica.
da wird wieder der krieg zum vater aller dinge und die mutter aller bomben sorgt für den explosiven nachwuchs.
und so mancher pensionierte general, der im deutschen fernsehen so martialisch einherpoltert, scheint seine grundausbildung noch in der guten alten wehrmacht genossen zu haben.
wen kümmerts, daß hier völkerrecht gebrochen wird (wie ja schon in afghanistan und anderen ländern vorher). wen kümmerts, daß das nato-mitglied usa mit england ohne nato-beschluß und bedrohungslage einen angriffskrieg gegen einen staat führt, der unter uno-beobachtung steht. wen kümmerts, daß das nato-mitglied türkei teile des nordirak besetzt hält. wen interessiert es schon, daß in palästina häuser gesprengt werden.
guernica und bagdad, nur heute scheint es keinen picasso mehr zu geben, der das unrecht auf leinwand bannt. da werden kurzerhand einfach schauspieler, die sich gegen den krieg aussprechen, von der oscarverleihung ausgeladen, künstler fürchten einen (zu erwartenden) rückfall in die mccarthy-ära.
imperium bushiensis, die pax americana (nicht die pan americana), der von gott auserwählte rächer der witwen und weisen, der die welt schon zur demokratie amerikanischer prägung bomben wird. und sorry, da spielen doch fünf millionen menschen, die jedes jahr allein deswegen sterben, weil sie kein sauberes trinkwasser haben, eine doch sicher untergeordnete rolle. und die hungertoten, die toten durch seuchen... not my problem.
ich, bush, auserwählter gottes, herrscher über kaugummi und big mäc, gesalbter der konzerne, getauft auf den namen profit und hegemonie des kapitals, ich habe in meinen unergründlichen ratschluß kundzutun, daß der papst nicht vertreter christi auf erden ist, seine schweizer garde abzurüsten und binnen 48 stunden den vatikan zu verlassen hat. sollte er dem nicht folge leisten werden ernste maßnahmen folgen. denn siehe, so spricht der herr: wer nicht für mich ist, ist gegen mich .
und es ist natürlich eine zeitungsente, daß im vatikan schon vorbereitungen für die evakuierung des heiligen vaters getroffen werden.
und es ist auch ein gerücht, daß bush heimlich zu hause schon eine nachbildung der tiara anprobiert und rumsfeld sich mit den feinheiten des schwietzer dütsch vertraut macht.
lyricus

Kein Kampf der Kulturen – ein Kampf um die Zivilisation!

Darf man das gezielte Töten von möglichst vielen Menschen, die zum Feind gehören, mit der Gerechtigkeit Gottes rechtfertigen? Man darf nicht, man muss! Wie, wenn nicht durch die Erlaubnis des Allerhöchsten, könnten solche zwischenmenschlichen Ungeheuerlichkeiten in Ordnung gehen? Schnöde außenpolitische Interessen, der Wille, andere Staaten unter die eigene Kontrolle zu bringen, gegen eine etablierte Rangordnung von Mächten aufzubegehren oder sie zu verteidigen - das alles könnte niemals ausreichend gute Gründe für die mit Kunst und Aufwand organisierte Massenvernichtung liefern. Unter einem Kampf zwischen Gut und Böse; einer Verteidigung der eigenen Identität und Kultur gegen die Barbarei geht es nie ab, wenn im Auftrag oder Interesse von Nationen getötet und gestorben wird.
Ist das dann der Dschihad, der heilige Krieg? Ist der Präsident des Landes, das sich "God's own country" nennt, ein religiöser Fanatiker, wenn er seine Bomberflotten mit Gebeten begleitet und sich überzeugt zeigt, dass Gott in seinem Kampf gegen das Böse nicht unparteiisch ist? Oder gilt das nur für Bin Laden, der im Kampf gegen das westliche Böse Allah auf seiner Seite weiß, wenn er seinen Märtyrern den direkten Zugang in ein ziemlich komfortables Paradies verspricht?
Sind womöglich der Christengott und der Gott der Mohammedaner unverträglich? Muss einer weg, so dass der Krieg im islamischen Raum ein neuer Kreuzzug wird? Nein, sagt der amerikanische Oberbefehlshaber: Als Religion genießt der Islam jeden Respekt. Wenn er aber benutzt wird, Feindseligkeiten gegen den Westen zu begründen, muss ja wohl ein Missbrauch der Religion vorliegen. Nicht der Islam, ein falsch verstandener Islam ist gefährlich. Wir Westler müssen den Moslems das richtige Verständnis ihrer Religion beibringen. Ihnen fehlt nämlich die Aufklärung, die dem christlichen Abendland die Trennung von Religion und Politik gelehrt hat. Diese schöne Einsicht dürfen und müssen wir den zurückgebliebenen Moslems mit Feuer und Schwert beibringen: Ihr dürft ruhig zu eurem Gott beten und auch sonst jeden Blödsinn glauben, wenn ihr nur unterschreibt, dass euer Glaube mit der Wirklichkeit rein gar nichts zu tun hat. Politische Unzufriedenheit über die Dominanz des Westens und seiner Weltwirtschaft darf jedenfalls nie wieder religiös ins Recht gesetzt werden. Die Moslems haben brav Religion und Politik zu scheiden - damit beides auf unserer Seite so schön zusammenpasst wie in "God's own country".
Über die Religion, über das korrekte Verhältnis des religiösen Wahns zur Politik und das höhere imperialistische Recht, anderen die Zivilisation zu bringen, gibt es einiges zu lesen – im www.Gegenstandpunkt.com.

Der Castor kommt – die Demokratie geht

‚Das Wendland wird verrückt‘

Einen Tag nach der gelungen Auftaktdemo in Gorleben mit ca. 4-5000 Menschen reiste ich im Wendland an. Bei meiner Ankunft fing das Wendland gerade an, verrückt zu werden. Es kam zu zahlreichen Dorfneugründungen an der Transportstrecke. Besucht habe ich Neu-Spleenau bei Splietau (dort gab es unter anderen eine Irrenanstalt, in der Menschen festgehalten wurden, die die wahnhafte Vorstellung hatten, in einer Demokratie zu leben) und Neu-Saggrotan in Grippel. Dort wurde die Transportstrecke gesäubert, es gab Straßentheater und die Wahl von "Meister Propper" und "Miss Saggrotan", Tombola und Musik. Die Verpflegung ist im Wendland sowieso immer exzellent. Weitere Gründungen waren z.B. Hinkel-Hagen in der Göhrde mit der Freilegung eines Hünengrabes, Hitzwitz in Hitzacker oder die Uranologische Fachklinik Neu-Pieseldamm bei Dannenberg. Das Ganze war ein Riesenspaß, den nur die Polizei stellenweise zu ernst nahm.
Es gab auch eine Demo der Aktion "X1000 mal quer", bei der ich kurz vorbeischaute. Diese führte von Siemen nach Gusborn, richtete sich gegen die Einschränkung der grundgesetzlich garantierten Demonstrationsfreiheit, ca. 200 Menschen nahmen teil.
Das BI-Infozelt stand diesmal auf dem Markt Dannenberg. An diesen angenehm zentralen Treffpunkt traf ich mich mit Juliane, Simon und Lennard aus Essen, um die folgenden Tage gemeinsam durchzustehen. Nach dem Besuch einer Treckerblockade in Splietau ließen wir den Tag im "Einstein" ausklingen. Mit vielen anderen schliefen wir im Gemeindehaus Dannenberg.

‚Castor Allaf‘ und ‚Klaus der Geiger‘

Unter dem Motto "Castor Allaf und Helau – De Zoch kütt?" begann 11.11 Uhr ein Karnevalszug durch Dannenberg, mit gut 1000 Teilnehmenden und einigen Wagen. Phantasievolle Kostüme gab es auch, so umtanzte z.B. eine Schar Teletubbies die Polizeiketten. An einer Kreuzung entschlossen sich spontan hunderte Teilnehmende, Richtung Verladekran weiterzulaufen. Aber schon nach wenigen hundert Metern wurden Polizeiketten aufgezogen, an denen wir dann standen. "Klaus der Geiger" spielte und sang, begleitet von 2 Gitarristen. Die Stimmung war gut.
Ein VW-Bus des BGS stand schon eine Weile in der Menge. Plötzlich sollte dieser nach draußen gebracht werden. Es wurden BGSler hereingeschickt, die das Auto umstellten und dieses Schritt für Schritt durch die umstehenden Menschen Richtung Polizeikette brachten. Die Situation schaukelte sich auf. Nach meiner Information gab es auch einen Schlagstockeinsatz (ich stand abseits). Auf einer Wiese wurden die Uniformierten mit Heu beschmissen.
Bald darauf ging es zurück zum Stadtzentrum. Unsere Kleingruppe spazierte noch Richtung Pisselberg entlang der Schienenstrecke. 18 Uhr gab es eine BI-Kundgebung auf dem Markt. Wolfgang aus Dresden kam zu uns. Gemeinsam mit anderen fuhren wir später in verschiedenen Autos nach Göhrde. In der dortigen Kulturscheune spielte "Klaus der Geiger", es gab auch Theater und Geschichten wurden vorgetragen. Die Nacht verbrachten wir wieder im Gemeindehaus Dannenberg.

Nadelstiche

Dienstagvormittag trampten wir nach Metzingen, über "Mund-zu-Mund-Propaganda" hatten wir von geplanten "Wald- und Wiesenspielen" gehört. Gegen 11 Uhr fuhren wir nach Tollendorf. Geführt von Ortskundigen wanderten ca. 60 Menschen in den Wald Richtung Gleis. Bald war Polizei hinter uns, über uns (Hubschrauber) und wie wir am Bahndamm sahen, auch vor uns. Angesichts dessen teilte sich die Gruppe. Einige waren kurz auf den Gleisen. Ein Wasserwerfer auf einem Schienenfahrzeug kam heran. Viele liefen ziemlich panisch durch den Wald. Darauf hatte ich bald keine Lust mehr, zumal weit außerhalb der Verbotszone. Ich ging zum Weg. Der BGS hielt mich fest. Bald waren wir eine Gruppe von gut 15 Leuten, deren Personalien überprüft wurden, darunter Juliane und Simon. Wir wurden durchsucht wie Schwerverbrecher, letztendlich wurden ein Taschenmesser und einmal Fahrradwerkzeug beschlagnahmt. Nach langer Wartezeit bekamen wir einen Platzverweis ausgesprochen, gültig bis Mitternacht für den Raum 25 m rechts und links der Bahnstrecke Lüneburg-Dannenberg. In Metzingen trafen wir uns alle wieder. Wir 5 trampten mit anderen nach Lüneburg, waren bei der Blockade einer Polizeikaserne, dann bei wechselnden Straßen- und Kreuzungsblockaden. Die "Nadelstichtaktik" der Atomkraftgegner ist übrigens die unmittelbare Folge des Verbotes, der Verhinderung und Kriminalisierung gewaltfreier Sitzblockaden auf der Transportstrecke. Es ist nur noch möglich, schnell und gezielt zu stören.
Später trampten wir zurück, hörten, daß mit dem Castor evt. schon 4 Uhr in Lüneburg gerechnet wird. Im "Einstein" machten wir Bekanntschaft mit anderen, die uns mit nach Hitzacker nahmen. Simon blieb, um nach Hause zu fahren.

Kaffeetrinken in Hitzacker

In der Kirche Hitzacker fanden wir Schlafplätze. Viele Menschen waren schon nach Hitzacker gekommen, um an der geplanten Castor-Blockade unter dem Motto "WiderSetzen" teilzunehmen. Wenn der Castor sich Lüneburg nähert, sollten sich alle bei einer von 12 bekanntgemachten Adressen zum Kaffeetrinken einfinden.
In der Nacht stellte sich heraus, daß der Transport mehrmals gestoppt wurde, frühestens 7 Uhr sollte er in Lüneburg sein. Ca. 6 Uhr standen wir auf, mit vielen anderen fuhren wir mit Autos zur Familie Nell, die einzige Adresse auf der anderen Seite der Gleise. Gegen 7 Uhr waren schon ca. 100 Menschen anwesend, hingegen ließ der Castor auf sich warten. Der wunderschön sonnige Vormittag wurde mit Frühstück, reden und singen, spazieren und Fußballspielen verbracht. Zum Mittagessen, welches angefahren wurde, waren wir ca. 200. Wir hörten, daß an den anderen Adressen sich mittlerweile mindestens 800 Menschen gemeldet hatten.
Der Castor fuhr in Lüneburg ein. Es gab die Durchsage, daß wir auf ein Zeichen hin gemeinsam ruhig und entschlossen, zügig aber nicht rennend, auf ein bestimmtes Ziel auf den Gleisen zulaufen. Dort sollten wir uns mit den anderen Gruppen treffen.
Dann ging es los. Nach fast 1 km Fußmarsch trafen wir auf einen schmalen Weg zwischen 2 Fischteichen auf die erste BGS-Sperre. Doch die ca. 10 Beamten konnten uns nicht aufhalten, als wir uns mit erhobenen Armen durch sie durchschoben. Zum Glück hatten sie ihre Schlagstöcke nicht gezogen, trotzdem rammte mir einer den Knauf seines Stockes in die Rippen, was ich erst jetzt nach 2 Tagen so richtig spüre. Dann lag der Bahndamm vor uns, ca. 6 Polizeireiter versuchten uns abzudrängen, wir gingen weiter. Das Gleis war voller BGS, einige gelangten kurz hoch, flogen aber sofort wieder runter. Die anderen Gruppen waren noch nicht da, kamen kurz darauf. Wir setzten uns vor dem Damm ins Gras. Vereinzelt sahen wir von der anderen Seite Leute aufs Gleis gelangen, aber da blieben sie nicht lange.

Gefangen im Polizeistaat

Ein Einsatzleiter mit Megaphon baute sich vor uns auf (ca. 13.20 Uhr), sagte, daß er uns alle in Gewahrsam (Beamtendeutsch) nimmt, wir ca. 50 Meter zurücktransportiert werden, und nach Durchfahrt des Castors an diesem Ort wieder freigelassen werden. Er vergaß völlig, daß er uns dreimal auffordern muß, zu gehen (zumal der Castor noch weit entfernt war), ehe er uns festsetzen lassen kann. Wir wurden eingekesselt. Dann begann die Räumung. Von unserer Seite gab es Sprechchöre "Keine Gewalt" und Lieder, aber keine Angriffe gegen die BGS-Leute. Trotzdem wurden Menschen beim Wegtragen schwer mißhandelt, Finger in Augen, Nase und Ohren gedrückt, Arme und Finger verdreht, geschlagen... Als mehrere gewalttätige Bullen auf einem Bekannten hockten, ich das Gefühl hatte, sie brechen ihm gleich die Knochen, wies ich den Einsatzleiter darauf hin, beschwerte mich. In dem Moment wurde ich abgeführt, da ich freiwillig lief, ohne Mißhandlung. Der eben erwähnte Bekannte wurde dann über die anderen hinweg in den neuen Kessel geschmissen, er erzählte mir, daß er das Gefühl hatte, daß die Bullen fast seinen Kiefer gebrochen hätten. Auch brannte ihm noch stundenlang das Gesicht, weil irgendetwas scharfes oder ätzendes an den Polizeihandschuhen war (vermutlich Pfefferspray).
Irgendwann standen wir alle im neuen Kessel, ca. 50 Meter vom Gleis entfernt. Dahinter lag das Privatgelände der Freien Schule Hitzacker, auf welchem die Polizei widerrechtlich einen ganzen Fahrzeugpark platziert hatte. Als die Schulleiterin dagegen protestierte, erhielt sie einen Platzverweis und wurde vom eigenen Grundstück geschmissen. Klar werden später Gerichte entscheiden, daß dieses Verhalten illegal ist, aber das interessiert die Einsatzleitung nicht, denn es gibt in jedem Jahr im Wendland solche Vorgänge.
Das Warten auf dem Transport zog sich in die Länge, immer wieder stand der Zug. Zahlreiche Hubschrauber kreisten über Hitzacker. Auch ein Wasserwerfer fuhr völlig unnötig in den Schulgarten – wir waren doch sowieso gefangen. Mittlerweile wurden auf dem Schulgelände Gefangenenbusse aufgefahren, Kirchenvertreter bestätigten unsere Vermutung, daß wir in die Gefangenensammelstelle (GeSa) Neu Tramm kommen. Nach 16 Uhr fuhr der lange unheimliche Zug im Schritttempo durch Hitzacker. Die ersten von uns wurden zu Bussen geführt, eine Prozedur, die sich ca. 2 Stunden hinzog. Diskussionen mit den Kölner PolizistInnen, die uns umstanden. Fluchtgedanken, aber es ergab sich keine Gelegenheit.
Wir 4 wurden ganz am Schluß zum Schulhof geführt, dort verloren wir uns aus den Augen. Durchsuchung, Datenaufnahme, Abnahme aller Gegenstände vom Rucksack bis zum Kugelschreiber, Foto, dann (18.25 Uhr) kam ich zusammen mit 2 anderen Männern (R. aus Berlin, S. aus Hildesheim) in eine Minizelle eines Gefangenenbusses. Da ahnten wir noch nicht, daß wir ca. 5 Stunden darin zubringen werden. Erst standen wir auf dem Schulgelände, später in der GeSa. Unser ausgeatmeter Wasserdampf kondensierte an den Wänden und perlte hinab. Unterhaltungen, ca. 22 Uhr sorgten Kirchenvertreter dafür, daß unsere Zellentüren geöffnet werden dürfen. Wir diskutierten mit dem Polizisten vor der Tür. Endlich sorgte eine Polizistin dafür, daß der Motor abgestellt wurde und wir nicht weiter Abgase schlucken mußten.
Gegen 23 Uhr (nach gut 9 Stunden) erreichten Kirchenvertreter, daß wir etwas zu essen und zu trinken bekamen. Von den Recht, 2 Anrufe zu tätigen und spätestens 8 Stunden nach Gefangennahme einem Richter vorgeführt zu werden, mag ich gar nicht reden. Ca. 23.30 Uhr kam ich in die Aufnahme, wieder Datenaufnahme, Durchsuchung, Foto, mein Portemonaie wurde mir auch noch abgenommen. Dann, Mitternacht, bekam ich das Recht anzurufen, worauf ich verzichtete, ich bekam eine Isomatte und eine keimige Wolldecke und kam in eine Zelle. Dies war eine umgebaute schlecht belüftete ehemalige Garage, ca. 110 Männer darin, die meisten waren mit mir in Hitzacker im Kessel. Wolfgang war da, aber Lennard fehlte.
Die Zelle blieb die Nacht hell erleuchtet. Ich hoffte noch, daß sie uns wieder rauslassen müssen. Viele hatten noch nichts gegessen oder getrunken. Obwohl 5 Beamte vor einer Durchreicheklappe standen, wurde ca. aller 5 Minuten eine Schnitte und eine Flasche Wasser reingereicht. Erst als Kirchenvertreter zu uns durften, besserte sich das etwas, auch wurde eine (nicht ausreichende) Lüftung eingeschaltet. Sie erzählten, daß Rechtsanwälte und Richter wider Erwarten noch arbeiteten, die Polizei massiv die richterlichen Vorführungen behindert und verschleppt. Nach 1 Uhr kam ein Rechtsanwalt zu uns, der uns das noch mal bestätigte. Deshalb müssen wir auch die Nacht hierbleiben, da die Richter jetzt nach Überstunden Feierabend gemacht haben. Als er von uns erfuhr, wie unsere Gefangennahme ablief und was wir bisher erlebten, schüttelte er nur den Kopf. Im übrigen hat der anwaltliche Notdienst schon kurz nach 20 Uhr mit einer Pressemitteilung auf die haarsträubenden Zustände hingewiesen (www.BI-Luechow-Dannenberg.de). Ich bat den Anwalt noch, sich nach Lennard umzuhören.
Die Bullen johlten und machten Krach im Vorraum an der offenen Klappe, ab und an wummerte auch einer an die Tür, der so häufig gestörte Schlaf endete gegen 6 Uhr. Wir schrieben einen Offenen Brief an den Innenminister von Niedersachsen Heiner Bartling, indem wir über die Zustände berichteten, die sofortige Freilassung und personelle Konsequenzen forderten. Symbolisch unterschrieben 17 von uns für bisher 17 in Gewahrsam verbrachten Stunden. Wir forderten Kirchen- und Rechtsvertreter an, aber anscheinend wurde das verschleppt. Ich hatte den Eindruck, nicht an einer friedlichen Sitzblockade teilgenommen zu haben, wir wurden wie Leute behandelt, die vielleicht eine Innenstadt in die Luft gejagt hatten.
Die Situation begann zu eskalieren. Wir schlugen Krach und verlangten immer wieder, sofort einem Richter vorgeführt zu werden. Gegen 8 Uhr wurde von der Polizei unsere Freilassung angeordnet. Der Castor war im Zwischenlager angelangt. Auch diese Prozedur zog sich hin. Zum Glück kam ich relativ früh dran. Vor der GeSa gab es eine "Freigelassenenbetreuung". Ein Fahrer der BI brachte mich mit anderen nach Hitzacker (Gepäck holen) und fuhr mich dann noch zum Bahnhof Salzwedel. Von Juliane, die ich anrief, erfuhr ich, daß sie und Lennard auch wieder draußen sind, letzterer musste die Nacht in einer Zweipersonenzelle verbringen. Ihm ging es dort ziemlich schlecht.
Mit mehreren Atomkraftgegner fuhr ich Zug, sie hatten alle an der nächtlichen Blockade in Laase teilgenommen. Einer erzählte, wie er in Gedelitz beobachtete, wie Jochen Stay (Sprecher der Aktion X1000 mal quer) auf dem Wege zur Abschlußpressekonferenz von einem BGS-Kommando überfallen, getreten und geschlagen wurde (trotz anwesender Presse). An der Konferenz konnte er nicht teilnehmen. Er soll jetzt noch unter Schock stehen.

Nachbemerkungen

Alle Protestaktionen, an denen ich teilnahm, liefen in sehr guter Stimmung ab, teilweise regelrecht Volksfeststimmung. Es waren etwa wieder so viele Menschen im Wendland unterwegs wie im letzte November. Die Politik hat sich dünn gemacht und bei der Auseinandersetzung um das Thema Atomkraftnutzung einen repressiven Polizeiapparat vorgeschickt. Deshalb wählte ich auch die Überschrift, ein im Wendland viel gebrauchter Slogan. Es wird wieder zahlreiche Bußgeldbescheide und Gerichtsverfahren geben, falls sie wieder Geld von mir wollen, werde ich es auf ein Verfahren ankommen lassen. (Dank den edlen SpenderInnen vom letzten Mal). Unabhängig davon werde ich Widerspruch gegen die Gefangennahme einlegen.
Auch wenn das ungestörte Weiterlaufen der AKW‘s, die Vergrößerung der Urananreicherungsanlage Gronau (Herstellung des Ausgangsstoffes für die Brennelemente), das Vergrößern der Atommüllmenge in den WAA‘s, der Bau neuer Atomanlagen (Zwischenlager) und die Finanzierung des Baus neuer AKW‘s im Ausland öffentlich als Atomausstieg bezeichnet wird, zeigt sich, daß es immer noch eine relevante Anzahl Menschen gibt, die sich nicht verblöden lassen und das ungeklärte Thema Atomkraftnutzung immer wieder in das Licht der Öffentlichkeit rücken.
Die Gefahr, daß das Wendland das Atomklo der Nation wird, ist aller rotgrüner Beteuerungen zum Trotz nicht gebannt. Die symphatischen Menschen dort brauchen auch weiterhin unsere Solidarität. Alle Atomanlagen stilllegen! Das Uran muß in der Erde bleiben!

Infos: www.X1000malquer.de, de.indymedia.org, www.BI-Luechow-Dannenberg.de, www.castor.de.

SPUREN

Teil 1

Es gibt ja ein paar Sachen, die ich nicht selbst verbockt habe. Die erste Hinterlassenschaft des Untods in Richtung Unleben an meinem Körper ist die runde Narbe mitten auf meinem Bauch. Hat ja jeder und ohne sähe so ein Bauch auch ziemlich langweilig aus, der Blickfang, die Almosenschale, das Basislager. Ich finde meinen Bauchnabel schön, ich mag ihn, gutes Design und genau am richtigen Fleck. Warum wohl? Weil es nicht weh tat. Oder erinnerst du dich an die Wunde, an den Schmerz? Im Rebirthing-Tank, echt? Na fein. Übrigens vermehren sich Pilze in so einem Tank enorm. Stell dir vor: völlig enthemmt! Völlig enthemdt, und die Kacke wird abgesaugt, und das Rehlein kloppt mit der Spitzhacke ein Plumpsloch in den gefrorenen Waldboden, und bummbumm macht dein Herz, ich meine, das Bummen deiner Mama.
Ich bin keine Frau. Ich schaue mir meine Narben an, ich brauche mich nicht an sie zu erinnern.
Wenn ich wieder einmal tot bin und gänzlich vom Fleische gefallen und abgenagt und mit Laub überweht und Erosionsabfall und mit etwas Glück in Modder Erde versunken - vielleicht gräbt in 4 Millionen Jahren (die Strahlung in Gorleben - inzwischen umbenannt!, ich meine und unbemannt - hat nur noch 9,723 Zehntel ihrer Ausgangsstärke eingangs des 21. Jahrhunderts nach einem dieser Gauß') nicht weit von hier so ein Archenohologe "meinen" (also nicht BGB-ernst gemeint) Restschädel aus und ordnet ihn schnurstracks den Neandertalern zu. Das ist zeitlich nah dran - aus ferner Sicht, aber es liegt einfach an der wulstigen Knochennarbe quer über meinen Schädel (Weißgott, vielleicht auch an den tiefergelegten Augen infolge Gehirndirektabsaugung infolge Konsums zeitgeistiger Medien, gelinde gesagt: an den Brauenknochen, die mir jede us-amerika-typischen und sonstige Schirmmützen überflüssig machen. Ach was, ich würde mir trotzdem nie so ein Ding aufsetzen, schon weil Gehli gesagt hatte, daß Licht an die Haare muß, damit die besser und überhaupt wachsen können, oder meine Großmutter: "Mensch, du entstellst dich ja selbst!" Aber zum Friseur später mehr!) und der Form des ganzen Restes. Denn dieser Knochenwulst markiert nur die Grenze, wo sich die vordere Hälfte meiner Schädeldecke ein Stück weit unter die hintere schob. Also fliehende Stirn, dominate Freßwerkzeuge - klaro: Neandertaler. (Mein wunderbarer Schwengel ist ja mit verrottet, dabei war der bei den - männlichen - Neandertalern bis Hälfte Bauchnabel angewachsen und bog sich dann spiralförmig zum Goldenen Schnitt.) Das war der so genannte doppelte Schädelbruch im 4. Jahr meines kurzen Lebens. Daher schaut mich noch die Narbe in meiner linken Armbeuge an, wo sie mir damals wohl alle die Schläuche reingesteckt hatten, damit ich ihnen nicht abhaue. Die habe ich in Kinderzeiten gewöhnlich hergezeigt, wenn es drauf ankam, mit Unfallzeugen prahlen zu können. Die Narbe am Knochen des dereinst auch gebrochenen Oberschenkels sieht ja keiner. Jetzt sowieso nicht, da ist mittlerweile einiges an Kalkanlagerungen zusammen gekommen. Also: Motorrad von rechts, Roli mitten über die Straße. (Motorrad - "Gab es in der DDR Kinos?", original Wessi-Zitat 1990. Es muß also eine fliegende Untertasse gewesen sein da 1964 in Saßnitz, wahrscheinlich ausm Schrank, na ihr wißt schon.) Motorrad von rechts. Yappa. Zappenduster.
Autsch...!
Aus dem Krankenhauszimmer habe ich ein paar schmerzfreie Erinnerungsbilder. Mein Bein in Gips vor mir, an irgendeinem Gestell hängend. Rechts vorn auf einem weißen Schrank eine Flasche Tomatensaft (sicher mit Rosinenbombern eingeflogen). Rechts neben mir mein dunkelhaariger Nachbar, ein alter Mann (vielleicht 30?), dessen Klingel nicht ging. Er bat mich öfter, meinen Klingelknopf für ihn zu drücken. Dieser war schwarz, etwas abgeknubbelt. Es kamen dann immer welche, es funktionierte! Und die Stille der Stadt hinterm offenen Fenster, das Rauschen der alten Bäume, die gleichgültige Furcht vor den Mücken, die unterwegs waren. Meine Mutter meint, ich habe mit dem Unfall so was wie mein Vertrauen verloren (Soll noch öfter vorkommen, selbst Glaube - meinetwegen an die Liebe - wächst nicht nach. "Glauben Sie an Gott?" hm?, "Nein!", dumme Frage. Hab' ich da gelacht!), saß danach zuhause so auf dem Sofa rum und hatte Mitleid mit mir selbst (wutsch ..., jetzt du: ). Laufen gelernt habe ich dann doch wieder. Jetzt kannst du mir über den Kopf streicheln, die Kopfhaut da hin und her schieben - noch nie zuvor hat jemand deinen Fingern so ein fantastisches Gefühl geschenkt. Du machst mich froh.
Weiß der Geyer (so hieß der Zahnarzt), ob als nächstes die Zähne dran waren. Roland
(Fortsetzung folgt.)

Ich boykottiere! 

Also boykottiere ich nicht.

Ich boykottiere Zarnekla! Ich boykottiere den LOver! Ich boykottiere Barfußlaufen! Ich boykottiere das Fasten für den Frieden! Ich boykottiere das Saufen gegen Rechts! Ich boykottiere alles, was mir nicht in den Kram paßt.
Am unwitzigsten empfinde ich fast wirklich die Boykott-Aufrufe für (us-)amerikanische Produkte.
Ich boykottiere als erstes amerikanische Musik. DAF. Dean Reed. Joni Michell, weil sie raucht, sowieso; Dog eats Dogs, weil sie Chinesen sind; Herbst in Peking, weil ihre Eßstäbchen aus Redwood sind; Robin Wood, weil sie einen englischen Namen haben.
Am allermeisten boykottiere ich aber Cowboykostüme zum Fasching, Kaugummi unterm Stuhl, Rosinen aus Bombern, Coke aus Bombay, Intel-Bytes aus ebay, See NN aus Fernseh, Dollar aus Versehn, Flugzeug aus Persien.
Infolge der neuerlichen Straßenbegradigungen, Flurbereinigungen und des Bevölkerungsrückbaus im Irak kommt schon einiges an Gods own ideas zusammen, was Frieden stiften soll, Ordnung, Sauberkeit und Disziplin, ohne - gleich - zu schießen. Stabilität in der Religion und demokratische Selbstbestimmung der real-islamistischen Märkte und freie Mißwahlen. Wovon nicht mal ich verschont bleibe, weil nicht gleich zu sehen ist, was in einer Mail an wundertrantütigem drinsteckt.
Und wenn Leute sich ernsthaft zu streiten anfangen, ob Dea eine Tochter von Texaco ist und zu wieviel Prozent. Und wenn diese Leute schon 1999 verhungert waren, weil sie wegen der flächendeckenden, kostenlosen Verteilung explosiver Hochtechnolgie durch die NATO in Jugoslawien deutsche Produkte boykottierten. Und wenn diese Leute nur deutsche Autos kaufen, die in Indonesien zusammengebaut wurden, und nicht Opel oder Ford oder Beetle. Und allein mit der Mehrwertsteuer beim Kauf einer weißen Weste dem deutschen Staat mehr Geld in die Tasche stecken als überhaupt für den Westenhersteller in Bangladesh herauskommt. Und wenn diese Leute als Hauptproblem ein gutes Endlager sehen und mit dem Kanzler ein schnelles Kriegsende als eben solches, jeder Tag ein Gewinn... Tja ja. Wohl wahr.
Ich meine, wie war das nochmal mit dem – am besten – organisierten Verbrechen?

Die Macht der Verbraucher? Daß ich nicht lache! Der strukturelle Zwang entfacht um Potenzen stärkere Wirkung als die Impotenz der Wahl zwischen Cholera und Typhus, ich meine zwischen Addi und Rehbock, ich meine zwischen Rolling Homes und Beatless.
Für wie blöd?
Roland

BABYLOHN

sprachlos nicht wunschlos nicht hoffnungslos
glücklich nicht zuhause nicht verlassen
lust nicht liebe nicht gar nicht
Ro Li B.


Kein Wort davon

UND DA REISZT DIE WOLKENDECKE AUF
ICH HATTE DICH SCHON IM ARM
UND ES WIRD HELL ZWISCHEN UNS
HELL WIE DER WIND
DER UNS DURCH DIE FINGER RINNT
LAUFEND FRAGST DU MICH
WAS ICH DENKE
ICH LIEBE DICH
SCHREIE ICH
ATEMLOS
FALLEN WIR ÜBER UNSERE WURZELN
ICH BEISZE VOR LACHEN INS GRAS
UND DANN
MACHT UNS DER REGEN NASZ
Ro Li B.

(Von: Stefan Valentin via p5080F329.dip.t-dialin.net / 80.128.243.41
mailto:freak.out.every.day@web.de
schrieb am 17. Mai 2003 um 13:11 Uhr [in Leopolds Gästebuch]:)

wer bin ich ? und was ?

ein träumer eben,
dem der augen blau in nacht zerfällt
nur durch zufall lebe ich dies leben
wie so viele auf der welt
unter menschen hab ich keine freude
hab ein anderes reich mir vorgestellt
bin ein guter kumpel für die tiere
balsam ist mein lied für ihre seelen
so also ist das land
zum teufel auch
was hab ich ausgebrüllt
die poesie wird nicht gebraucht
weil sie halt keinen magen füllt
ich selbst bin nicht gefragt
war eh nie volksverbunden
was bleibt ist in meiner seele
und die ist kerngesund


DUMM GELAUFEN - Eine Grabrede

Die braune zähe Erde poltert auf den Sarg. Der feine Nieselregen setzt sich fest in den schwarzen Mänteln, dringt in die schwarzen noch glänzenden Schuhe, beschlägt funkelnde Brillengläser. Ein Engel der Trauer blickt über das Gräberfeld, der ehemals weiße Marmor schimmert schwärzlich.
Die braune harte Erde poltert auf den Sarg, den leichten Sarg. Der stetige Nieselregen dringt in hochgestellte dunkle Mantelkrägen, in braune Socken, nimmt die Sicht. Die zögernden Worte des Pfarrers tönen hohl und hilflos. Ein schwarzer Engel der Trauer schwebt über den wenigen Hinterbliebenen und den zahlreichen Neugierigen. Ein überraschender, ein früher Tod. Er war doch so jung.
Die braune steinharte Erde poltert auf den schwarzen Sarg, den leichten schwarzen Sarg mit seinen silbernen Beschlägen. Von den nahen Bauernhöfen wehen Schwaden ländlicher Gerüche. Der Pastor ist nicht sehr laut, er spricht nervös und etwas widerwillig. Der Wind spielt mit dem Regen, bläht ihn auf, hält ein, nervt die Trauergemeinde. Der Wind nervt einfach. Ein christlicher Friedhof, kein jüdischer, keine Steinchen, keine Zettel.
Die braune harte Erde poltert auf den leichten schwarzen Sarg, klopft auf die Tür zum kleinen blonden Jungen. Zum kleinen blonden toten Jungen. Die Sargträger stehen gelangweilt herum, lehnen sich auf die blitzenden Schaufeln, die Trauergemeinde steht genervt herum, der Pastor ringt um Worte. Eine Mitschülerin weint. Hinter der Friedhofsmauer kurven Motorräder und machen Stimmung mit Geknatter und Fehlzündungen. Ein schwarzer Engel der Trauer breitet seine Flügel aus. Die attraktive junge Mutter des toten Schülers schließt die Augen und sieht ihren Sohn. Ihren geliebten Sohn.
Die braune harte Erde poltert auf den Sarg mit dem kleinen blonden toten Jungen. Eine magere schwarze Katze stakst vorsichtig von Baum zu Baum, scheut den Regen, sucht die Menschen. Unter dem rechten Flügel des Marmorengels hält sie inne und beginnt, ihr feuchtes Fell zu putzen. Daniel, der kleine tote Schüler, hatte auch schon den Tod erlebt. Seine Tigerkatze Sisi war von Unbekannten vergiftet worden und musste vom Leiden per Spritze erlöst werden. Er hatte eigentlich keine Feinde, die Katze schon gar nicht. Wieder wehten strenge Schwaden von Landluft über den kleinen Friedhof, Geruch von Gülle, Geruch von Scheiße.
Die braune harte Erde poltert auf den schwarzen Sarg, zerdrückt die wenigen Blumensträuße. Der Vater blickt verzweifelt auf den Sargdeckel, er schüttelt den Kopf, immer wieder, und dies noch 2 Wochen danach, eigentlich 10 Monate danach. Jetzt gehen die ersten Neugierigen rasch weg, dann die ersten Trauernden. Der Lokalreporter blitzt die Trauer der attraktiven Mutter, das Boulevardfernsehen zoomt auf ihre tränenblinden Augen, schwenkt zum verzweifelten Vater. Der Bild-Reporter wartet ungeduldig auf das Exklusiv-Interview, um 20:30 ist Andruck. Der Pastor drückt nochmals flüchtig die Hände der Eltern und verabschiedet sich mit Allerweltstrost, denn schließlich, Gott hats gegeben, Gott hats genommen. Die Mutter schluchzt, der Vater schluckt, eine ohnmächtige Wut im Sinn, seine geballte Faust in der Manteltasche.
Die Eltern waren einst frohgemut ins Umland gezogen, in den Speckgürtel Berlins. Das Häuschen war billig gewesen, ein typisches Pleiteschnäppchen ihrer Hausbank, die vom ehemaligen Besitzer nicht mehr bedient werden konnte. Die neue Schule hatte gar keinen üblen Ruf, im Gegenteil ließen die großzügigen Ost-Noten für Daniel das allerbeste Abitur erhoffen. Die Lehrer, obschon nicht wendegemäß gesinnungsbeschnüffelt, bemühten sich zielstrebig um Anschluss an die neue Zeit, die ruhigen unauffälligen Mitschüler schienen weniger gefährlich oder verführerisch als seine letzten Klassenkameraden in Berlin. Aber bald schon fühlte sich Daniel einsam. Seine Kontakte beschränkten sich auf Ausflüge in den virtuellen Raum, auf Chatten und Mailen in verschiedenen Communities, und mit diesem Rückzug war er recht zufrieden.
Als er in einem AOL-Chatroom mit dem unverfänglichen Namen "Einsam" eine Lysa aus Berlin kennenlernte, eine junge albanische Frau, die Asyl beantragt hatte ohne Aussicht auf Erfolg natürlich, die einen deutschen Mann suchte, die Ruhe suchte, die Schutz suchte - da wuchsen seine Gefühle für diese 28-jährige in dem Masse, in dem er in der Schule abgelehnt wurde. Bald fühlte er sich in der Fontane-OS zum Abschuss freigegeben, nichts stimmte mehr, nichts passte mehr, alles, was er unternahm, wurde verlacht, verspottet, verhöhnt. Und aus heiterem Himmel kam statt der alten Sticheleien wie "Verpiss Dich, Du Arsch." der neue Spruch: "In die Grube, Jude." und über Nacht stand am Trafo-Kasten "Jude rein" und auf der Tafel "Jude raus" und "Alter Penner" wurde schlicht durch "Jidd" ersetzt. Nein, Hilfe suchte er nicht, vielleicht eher Schuld bei sich selber. Was war verdammt das Jiddische an ihm? Dass er viel wusste? Was man "Besserwisser" nannte. Dass er Kunst und Literatur schätzte? Was man "Schwul" nannte. Dass seine Eltern nicht ganz arm waren? Was man "arrogante Wessis" nannte. Er fühlte sich in Deutschland genauso einsam und isoliert wie Lysa.
Und bald kam etwas Neues dazu. Da er es aufgegeben hatte, mit Witz und Ironie gegen die Wörter und Sätze anzukämpfen, hielt man ihn für feige und schwach. Es begann eine neue Phase der Grausamkeit, er wurde bestohlen, kurz mal geschlagen, mal völlig ausgeraubt, dann wieder öffentlich verspottet. Er suchte die Schuld bei sich und fand nichts. Aber zum Lebensmittel-Händler Netto traute er sich auch nicht mehr, an der Kasse von Klassenkameraden als Dieb verleumdet zu werden, wurde zum umständlichen und zeitraubenden Rechtfertigungs-Zeremoniell vor der lokalen Polizei. Dass er seine dummen Feinde mit Verachtung strafte, war wenig hilfreich, im Gegenteil wurde sein Ignorieren als Schwäche ausgelegt, und der dumpfe Ärger über ihn wuchs noch mehr. Bald schreib er sich ellenlange Mails mit Lysa, erzählte ihr, der gerade noch Geduldeten, wie verfemt und verhasst er war, wie er verlacht und verhöhnt wurde, wie er beraubt und verprügelt wurde. Und sprach vom Tod und vom Selbstmord. Lysa versuchte, Daniel mit erotischen Brieflein in reizendem unbeholfenen Englisch für sich zu interessieren, verstand gar nicht so recht, wo sein Problem eigentlich lag, wollte vielmehr ihm, dem reichen Europäer, die Vorzüge einer lebenslangen Partnerschaft klar machen. Er schmunzelte manchmal über ihre durchsichtige Strategie, dann aber resignierte er. Und seine ehemaligen Schulkameraden der Droste-OS in Zehlendorf waren einfach nicht ansprechbar, als hätte der Wegzug eine Mauer errichtet.
Zur Groteske steigerte sich das Alles, als er spontan in der kleinen Pause zwischen Chemie und Geschichte auf den Tisch kletterte, die Hose herunterließ und sein Glied präsentierte: "Ich bin nicht beschnitten." Das bereute er sofort wieder, nicht, weil es so offensichtlich sinnlos war, sondern, weil er sich als Verräter vorkam. Sein Großonkel hatte als Nichtjude das KZ Sachsenhausen überlebt. Er war dorthin geraten, weil er sich nicht von seiner jüdischen Ehefrau trennen wollte, was ja prominente Deutsche locker erfolgreich vorgemacht hatten. Nein, der Großonkel spuckte auf diese "Größen" der Leinwand und des Theaters und marschierte aufrecht ins Arbeitslager. Kurz vor der Befreiung überlebte er eine Massenerschießung seiner Baracken-Kameraden nur deshalb, weil er in eine Latrine flüchten konnte. Von dort aus, halb betäubt vom Gestank der Jauche angeklammert an Balken konnte er die aufgesetzten Genickschüsse beobachten und mitzählen: 23, er wäre der 24. gewesen. Am nächsten Tag wurde das Lager befreit. Seine Ehefrau Lea war längst tot.
Nein, das war dumm, dumm, dumm. Und natürlich sofort Schulgespräch, Dorfgespräch, Stadtgespräch. Der dämliche Rektor, ein Gastarbeiter aus dem Ruhrgebiet, verstand nichts und verhörte ihn in Richtung Antisemitismus und Rassismus. Daniel bleib stumm und kassierte einen Verweis. Einer der Kunstlehrer wurde kurzfristig aufmerksam, bemühte sich um Gespräche, bekam auf Fragen aber keine Antworten, verlor dann die Lust an therapeutischen Versuchen, überließ ihn seinem offensichtlichen Trotz, ein schwaches Gefühl der Besorgnis blieb zurück. Daniel hingegen begriff auf einmal sein Anderssein als Lebensqualität, wie es ja täglich in MTV und VIVA vorgemacht wurde. Nachdem er sich monatelang vergeblich angepasst hatte, versuchte er nun erfolglos, den coolen Nichtangepassten zu spielen, den aufsässigen Ghetto-HipHopper und den genialen Außenseiter, belesen, poetisch, geradezu lyrisch, was zwar den Deutschaufsatz originell machte, aber weder bei Lehrern noch bei Mitschülern von Erfolg gekrönt war. Vielmehr mutierte er in ihren Augen zum jüdischen Dichterling, zum doofen Stottergoethe. Dass er auf einmal stotterte mit rötlich anlaufendem Gesicht war ihm egal. Er beobachtete sich und seine physischen Veränderungen verwundert aus der Distanz wie ein medizinisches Phänomen, das zu schildern er im Kreise einer Talkshow große Lust hätte. Wenn die exhibitionistischen Borderliner um infantilen Zuwendungs-Status buhlen durften mitsamt ihren kläglichen Selbstmordsignalen, dann doch wohl auch er, der souveräne Märtyrer mit letaler Prognose. Aber sowieso: Scheiß drauf. Einzig eine Mitschülerin erkannte seine Qualitäten und verehrte ihn, dies aber leider überaus schüchtern, nämlich anonym und nur in ihrem Tagebuch. Einmal schickte sie ein Zettelchen ab, und er las verwundert: "Halte durch! P." - P wie Papierkorb? O.k.
Mit neuen Buffalo-Schuhen wollte er dazugehören, sozusagen Büffel unter Büffeln sein. Die wurden ihm allerdings sofort abgezogen und, weil zu groß für den Anführer der Clique, in den Fluss geworfen. Oft lag er jetzt nachts hellwach im Bett, weinend, schluchzend, schimpfend. Einziges Ergebnis war, dass er oft übermüdet dem Unterricht nicht folgen konnte und schadenfroh dafür verlacht wurde. Mit seinem Pullover wollte er andere gegenteilige Grenzen setzen, dort waren Lederecken an den Ellbogen aufgenäht, englischer Landadel-Stil, wie er erläutern durfte, bevor sie ihm den Pullover runterrissen und damit ein Feuerchen entfachten.
Den Eltern sagte er nichts, sie rechneten seine Distanziertheit seiner Pubertät zu. Seine Eltern fuhren jeden Tag nach Berlin-Charlottenburg, in die Stadt, wie sie es nannten. Beide hatten eine Nine-to-Five-Arbeit, fuhren gemeinsam im Golf zum Park-and-Ride-Parkplatz, fuhren dann gemeinsam S-Bahn, danach fuhr er U-Bahn, sie mit dem Bus. 6 Uhr Aufstehen und 19 Uhr Heimkommen war ein griffiges Montag- bis Freitag-Ritual. Das Häuschen konnte so locker finanziert werden, allerdings mit zeitweiligem Magendrücken ob dräuender Kündigungen. Die Eltern, vormals liberal und tolerant, gewöhnten sich an ihren Arbeitsplätzen unmerklich und allmählich eine servile und devote Einstellung an, die Kritik ausschloss, selbst wenn sie noch so begründet war. Daniel erlebte diese Metamorphose seiner Eltern mit staunendem Erschrecken, seine geliebten Vorbilder des Laisser-faire und des offenen Gesprächs, auch des offenen Streites, waren zu einem gejochten Ochsengespann geworden, stumm, lahm, passiv, antriebslos. Hoffentlich müsste er nie eine solche Verwandlung erfahren.
Aber Daniels Verwandlung ließ nicht lange auf sich warten. Sie schlugen ihn zu Boden, fesselten ihn, knebelten ihn, transportierten ihn im Kofferraum eines Mercedes zu einem Bauernhof, öffneten die Jauchegrube und schrieen: "Da gehörst Du rein!" Sie beschlossen, ihn ein paar Mal in die Scheiße zu tauchen und ihn dann im Wald auszusetzen. Er überlegte passiv und fast amüsiert: Wald, Waldsiedlung, war das nicht das "Altersheim", wie es alle nannten, würde er da vielleicht auf dem Prominentenfriedhof ausgesetzt, gleich neben - der Klassensprecher schrie los: "Was grinst Du? Du Arsch?" Daniel drehte den Kopf und sah dicht neben sich die gewaltigen DocMartens-Stiefel und konnte nicht an sich halten: "Wusstest Du, dass DocMartens-Stiefel eigentlich Punkerstiefel sind, und Londoner Punker ganz linke Genossen waren und nicht wie du ganz rechte Wichser?" Er bekam sogleich einen Tritt ins Gesicht, der Schädel knallte laut, sein Auge schwoll sofort zu, die Nase war gebrochen und blutete. Der nächste Tritt zerbrach was am Schädel, wohl eine Nahtsprengung, aber eigentlich egal, Fraktur bleibt Fraktur, ob Loch oder Naht, ob Komminutiv-Bruch oder Splitter-Bruch - dieses ging ihm augenblicklich durch den noch funktionierenden Teil seines Hirns, während das Sehvermögen schlagartig genullt wurde. Die folgenden Tritte kamen von vielen Seiten, alle vier Vollstrecker traten auf beliebige Körperstellen, und der allumfassende Schmerz verhinderte zu lokalisieren, welche Rippen brachen, welche Kniescheibe splitterte, welche Zähne im Sand landeten. Sie schoben den Körper über den Rand der Jauchegrube und wurden von der hochspritzenden Scheiße getroffen. Daniel versank rasch. Der Deckel wurde wieder über die Grube geschoben. Einer der vier Schüler sollte dann Monate später kurz vor dem Abi vor ein paar Tussen damit angeben, was mit Daniel passiert war, was der provoziert hatte. Weil: Selber schuld.
Die braune harte Erde poltert auf den Sarg.
Die durchnässten Totengräber füllen rasch das Grab.
Die schwarze magere Katze wandert unschlüssig weiter.
Der Friedhof ist nun menschenleer.
Schwarzer Engel der Trauer, deine flirrenden Flügel streifen die kleinen Kiesel der Überlebenden von den Grabsteinen.
Schwarzer Engel der Trauer, deine schwingenden Flügel verwehen die kleinen Zettel der Überlebenden von den Grabsteinen.
Schwarzer Engel der Trauer,
dies ist ein Land ohne Scham.

(c) 2003 Peter Henri


Resignation

.
Schwarzer Engel der Trauer,
wie die Zeit deine Mahnung besiegt.
Schwarzer Engel der Trauer,
wie das Schicksal deinen Argwohn nährt.
Schwarzer Engel der Trauer,
wie der Alltag deine Ahnung bestätigt.

..
Schwarzer Engel der Trauer,
deine schwebenden Flügel streifen
die kleinen Kiesel
der Grabsteine.

...
Schwarzer Engel der Trauer,
deine schwingenden Flügel verwehen
die kleinen Zettel
der Überlebenden.

....
Schwarzer Engel der Trauer,
dies ist ein Land
ohne Scham.

(c) 2003 Peter Henri


Buchtipp: Peter Henri "Leben und Sterben in Berlin" [ISBN 3-923466-54-4, 15 Euro]

Re ¤ act ¤ or

Liebe Gemeinde, lieber Leopold, lieber Achim! Na schau her, da wird verkündet, daß der L-Over künftig nur im Internet zu finden sein wird. Das "einleuchtendste" - für den kundigen Leo. Und damit wiederum eine einbleuende, basaldämonkratische Konzens-Urentscheidung AllerInnen. Wir sind so frey.
Bislang bildete ich mir ein, pro forma zur Redaktion zu gehören, aber wieso eigentlich? Offenbar wäre es politisch nicht korrekt, mit mir auch nur irgendwas abzusprechen. Geschweige, darüber zu reden, ob ich die Papierausgabe wieder übernehme. Nun denn, falls der Inhalt des Heftes was bewegendes an sich behält. Offenbar langt es nur zu Schulterklopfereien. Jedenfalls für die bloße Rummacherei im Internet ist mir das Leben und mein Leben zu schade. Da müßte mich schon ein wilder Affe beißen, aber was soll ich in Afrika? (Hier kann ich ja mal bekritteln, daß in meiner Reaction auf Ginger & Hans die Hälfte des Fotos fehlt, spiegelverkehrtverkehrt. Und den Dollar hätte ich gern auf dem Titel gehabt statt des üblichen nackten Hinterns.)
Und von "digitaler Heimat" (u.a. läßt sich Heimat niemals digitalisieren, dafür gibt es sogar einen mathematischen Beweis, und digitales kann niemals Heimat sein) zu schreiben - da will ich schon ernsthaft wissen, was auf die Frage "Und sonst so?" kommt! Vielleicht ein Konzerterlebnisbericht? Vielleicht persönliches vom Auf und Ab des freien Marktes? Vielleicht Empfehlungen diverser Gänsehaut-CDs? Kochrezepte? Einfach Menschliches? Selbstverständlich ist dafür das Internet genau der richtige Ort. Wenn nur Niemand den Strom abschaltet! Oje.
Multidingsdabeliebiges Hoheitsgebiet, ich schlage vor, Lapsuslive auch im Internet stattfinden zu lassen! Alles andere ist doch nur Spielerei! (Und die Milch kommt nicht aus der Fabrik, liebe Kinder, sondern aus dem Internet.) Aber wie könnte ich das Internet schlecht machen! Nein, geht gar nicht. Wort mit fünfmal e? Mal schauen, was die Suchtmaschine meint, so, na, aha: "Ideenwettbewerb". Ein Gedanke macht sich Gedanken, macht sich Gedanken, macht sich Gedanken - werben und wetten, daß... (By the way, hallo George! Von "vegan" war hier bislang noch nicht die Rede, aber "Hoheitsgebiet" find ich gut! Ist ja auch ne Zumutung, 3 Tage ohne. Oder der eigentliche Stachel im Fleisch: nur 3 Tage im Jahr mit??? Mal ausflippen, mal machen, was man will, mal mit Freunden zu tun haben, mal tanzen, mal laut interessante Musik hören. Sind wir noch zu retten? Nein. Und Achim soll wieder eine Spielstätte flott machen, der Arme!)
Übrigens vermisse ich schon Antworten auf etliche Fragen, es läppert sich zusammen (Läppsuus). Z.B.: Was willst D u eigentlich? "Forum füttern" - mit Kastanien? Ach ne, das wäre ja we get arisch. Mit digitalem Quark? (Luck to we get arisch.)
Wieso taucht der Leo-Kommentar zum LL 2002 zum zweiten Mal im L-Over auf, wieso dann nicht auch mein Kommentar zum Kommentar?
Wieso wurde der von mir vorgeschlagene Liedloff-Artikel nicht reingenommen?
Wieso ist der Hauptgrund für das L-Overn nicht Weltverbesserung, sondern Reiseliteratur? (Ein durchschnittlicher deutscher Tourie geht in ein durchschnittliches indisches Lokal - und? Hat irgendjemand was anderes erwartet? Und wozu?)
Was bedeutet "keep on rockin'"? Wenigstens Du, George, mußt doch was dazu sagen können! "I keep on rockin'!!" - Mit 2 Ausrufezeichen sogar.
Was bedeutet Progrock? Wieso wollen Yes und King Crimson nichts davon wissen?
Und wieso mußte Dietfried sterben?
Macht's gut alle miteinander! Roland
P.S. Ist das Herz wirklich ins Ohr gerutscht?

Hallo Roland, ich bekomme so regelmäßig Post von Dir [...] oder den Lover. Ich erfreue mich an Deinen radikal-kritischen Anmerkungen - ob zum Krieg, zur Wahl, zum ADFC: Guter Anlaß zum Nachdenken, zum Aufmerksamwerden, zum Innehalten in meinem Arbeitsalltag, bei dem ich den Blick fürs Wesentliche vor lauter Kleinkram manchmal zu verlieren scheine!
Also: DANKESCHÖN und viele Grüße an Dich und Nathalie!!!
Dabei drängt sich mir eine Frage auf nach Deiner Meinung:
Ich würde mir eine so radikale Kritik, wie Du sie äußerst, gar nicht trauen, denn ich sehe mich als freiwilligen und unfreiwilligen Mittäter des Systems! Siehe Lover: Ich sehe Dich auch als solchen, der ohne das System weder die modernste Technik genutzt hätte, noch sich infolge ihrer Nutzung in die Obhut der HiTec-Medizin begeben hätte, und alles bezahlen die, die durch ihr Wirtschaften bzw. Steuer-Erwirtschaften die Erde nachhaltig schädigen. Mir geht's ebenso: Mein Geld kommt vom Staat, und meine Kinder [...] führen ansonsten ein relativ luxeriöses Leben mit Pferden, Hunden, Auto, Privatschule, Handy... Ja, wie gesagt: Aus einer solchen Position des Mittäters traue ich mir das Maul kaum aufzureißen, und als Alternative mich im sibirischen Urwald von Beeren und Pilzen zu ernähren, traue ich mich auch nicht (stand mal im SPUTNIK von Leuten, die ca. 1970 erfuhren, daß der Zar verjagt ist... soweit ich mich erinnere).
Was ist die Alternative? Gibt es eine? [...]
Laß Dir's gut gehen! Thomas

Tag Thomas! Ist das mit der "Nordwest-Uckermark" als Anschrift für die ganzen ganzen Dörfer tatsächlich Ernst? Irgendwann haben wir dann 17000 oder 18000 McPomm als Allein-Anschrift für alle Orte, laß nur die (Gesund-)Schrumpfung weitergehen. Was die damit verbundene Steigerung des BSP betrifft, ist es ja überall so: wie könnte man sonst zu allem Überfluß noch wachsen? Völlig pervers.
Noch kurz das neue von unserer Schulgründung: wir werden uns wohl nicht am Schulgesetz langhangeln, sondern eine "Weltanschauungsschule" nach GG aufmachen, jenseits der Schulpflicht. Es ist zumindest interessant und meist ermutigend, ablösend, lustig, wenn wir unsere Weltanschauungen im Kreis verbal tanzen lassen (um irgendwann was vorzeigbares aufm Papier zu haben). Gut, manches ist natürlich langweilig, aber es macht mich nicht mehr an, daß zu so viel was "richtigzustellen" wäre. Senf. Ich habe keine Weltanschauung.
Meistens fühle ich mich als Fragensteller (Fallensteller...) wohl, eigentlich bis alle Vorstellungen weggefragt sind. "Inhaltsfreie Schule", sagte Olaf, was mir sehr aus dem Herzen sprach. Es gibt dafür natürlich weder Eltern und schon gar nicht Lehrer. Trotzdem kann man's ja stärken, schon wenn man das normale infragestellt.
Über Deinen Brief habe ich mich richtig gefreut, ich bekomme sowieso eher selten Reaktionen (ich rede sowieso wenig, da kann ja auch niemand reagieren... ins Blaue schreiben liegt mir eher...), und die Deine tat mir einfach gut. Meistens sind ja die Leute von meinen Worten sofort beleidigt, so sehr eins mit ihren Mustern, daß sie alles persönlich nehmen, was eigentlich Systeme, Strukturen, Resonanzfelder benennen will. Wenn wenigsten etwas der Erkenntnis herauskäme, wie grundsätzlich unfrei jede Person ist - aber jeder kleine Gott will immer nur in seinen Spiegel schauen.
Aber ich wollte Dir ja meine Waisheit über den güldenen Wech zum Bersten geben: Es gibt keinen Ausweg. Wenn es einen geben soll, muß es auch ein Ziel geben. ("Der Weg ist das Ziel" - meint ja bei aller Raffinesse immer noch ein Ziel. Selbst im Wort Bewegung lauert noch Falle usw.) Sind Leben, Freiheit, Liebe, Wahrheit starr, daß man sie anvisieren könnte? Oder wandelbar, quicklebendig, verschwommen, flatterhaft, gekringelt? Wer will sich anmaßen, da irgendetwas verbindliches, verbindendes zu formulieren, womöglich noch frei von Gewohnheit und Vorstellung? Jedes System, jede Form, jede Vorstellung ist näher an Konflikten, an Entropie als an Liebe. Kennst Du Mata Hari Chrishna, wie sie sich die Liebe vorgenommen hat, sich ihr genähert nach Plan, sie errungen und bezwungen, errechnet und erdichtet? Mata Hari Kira hatte sich nur nicht richtig angestrengt, nicht richtig Mühe gegeben. Nicht richtig ihre Meinung formuliert, es einfach nicht zuende diskutieren können. Nicht wahr? Es "geht" wohl eher andersrum rufen gleich welche. Meinetwegen.
Du wirst weiterhin dabei sein, das beste für Deine Kinder und Dich zu tun. Alles, was Dir einfällt. Mit Deinem wogenden Horizont. Auf der real existierenden Erde. Mit den vermachten, gedachten oder gemachten Bedingungen, die Du veränderst. Sofern Du leben willst.
Ich mag es, glücklich zu sein. Ich mag es, wach zu sein. Die Bedingungen wandeln sich gründlich, wenn uns über Nacht (die schon mal ein dunkles Jahrtausend lang wird andauern können) "nur" "noch" ein Überrest an gewohnten Lebensressourcen "zur Verfügung steht". Nix Megawatt, nix Regenwald, nix Mutterboden, nix Trinkwasser, nix FrühlingSommerHerbstundWinter, nix Biodiesel, nix Abeitsamp, nix Internet, nix BildungundKultur, nix Asicent, nix Mokkafix. Wie sollte es dazwischen aussehen, in diesem "Zeit"-Fensterchen von Menschengnaden? Was ist der "beste" Einweg? Gewohntermaßen? Was stellt Dich ruhig? Wem nützt es? Was gewöhnen Dir Deine Kinder an? Was das Chlorophyll? Wo bleiben Deine Kosten?
Keine Angst für Niemand. So long - Roland

Nachredaktionsschlußtrag:
Liebe Lapsus-Gilde!
Ich will noch beiläufig mitteilen, daß bei mir weiterhin keine Idee, keine Nachfrage, kein Vorschlag, kein Handeln bezüglich LL03 ankam.
Ich werde Fingsten nicht in ZarNekla sein, der Tee steht links im Regal, wo das Herz über der Tür ist. Am häufigsten bin ich jetzt in Hohenbüssow 25, 17129 Alt Tellin zu erreichen. Mit dem Telefon nach 039993/76944. Nächster Bahnhof dort "Sternfeld", auch etwa 9 km entfernt. Was Fingsten in HB los ist, seht ihr alle im weltweitwichsen.kunst-offen.de. Ich bin dann wahrscheinlich beim losgehts-ost.de.
Ciao - Roland

Lieber Achim, hab' Dank für die Zusendung des Lovers 34 und die damit verbundene Mühe.
Natürlich ist eine Zeitung irgendwie netter und handlicher als eine Internet-Seite, aber Dirk kann's mir ja ausdrucken... Eben.
Das Cover sagte mir nicht so sehr zu, ebenso die etwas abgedroschenen Reimerchen ("Tagträume - Schaumräume"). Oder handelte es sich um eine Parodie?
Zu den Reaktoren: Von unbekannt umarmt zu werden ist schon etwas seltsam.
Zu Rolands Reaktion auf Hansis und Gingers Meinungsäußerung möchte ich hier nur kritisch anmerken, daß es nicht sehr fair wirkt, ihren Beitrag ständig mit Rolands Kommentaren zu unterbrechen, die dazu noch öfter weit unter die Gürtellinie gehen. Das ging auch schon anders.
Naja, so richtig begeistert hat mich das letzte Heft insgesamt nicht. Und Lapsusstimmung kommt bei mir auch nicht auf. Wenn man die Wahl hat zwischen Ökogesäusel und knallharten Grabenkämpfen...
Trotz allem liebe Grüße, Regina

Lieber Achim, immer wieder erinnere ich mich daran, daß ich ja noch zu dem etwas verunglückten Familientreffen zu Eckarts Geburtstag schreiben wollte. Ich hoffe, ich habe jetzt genug Elan.
Ich kann mir vorstellen, daß es für Dich sehr deprimierend ist, in solcherart fruchtlosen Diskussionen zu hängen. Diese ganze Form der Überzeugungsarbeit erweckt in mir den Eindruck, daß es quasi darauf ankommt, den Gegenüber zum Schweigen zu bringen. Wem als erstes die Puste, die Argumente, die Lust ausgehen... Hast Du damit jemals schon jemanden erreicht? Auch körpersprachlich war da für mich nur ein aufeinander einhacken zu sehen. Was hat es gebracht? Welcher Sinn wurde erfüllt? Vielleicht reißt man damit mal temporäre Mitstreiter an seine Seite. Aber auch nur ein offenes, waches, selbstbestimmtes "Herz"? Was ist Streit?
Naja, ich will die Beschreibung dabei belassen. Ein Video davon wäre bestimmt interessant für Dich gewesen. Miteinander reden kann grundsätzlich fruchtbarer sein. Zum einen (als Anregung) trägt jede Aussage mehrere Sachen in sich, nur wenn alle bewußt verstanden und vermittelt werden, kann m.E. überhaupt was für die Leute rauskommen: den "reinen" Sachinhalt (möglichst einfach, geordnet/gegliedert, kurz-prägnant und stimulierend), den Beziehungsaspekt (wie spreche ich mit dem anderen, bevormundend, vollwertig, abfällig, akzeptierend...), eine Portion Selbstoffenbarung (jede Nachricht ist auch Kostprobe der eigenen Persönlichkeit, oder eben nur Fassade), den Appell an den anderen, daß die Aussage etwas bewirken soll. So bewußt, wäre der Abend sicher auch freundlicher und wärmer geworden, nicht nur wirksamer.
Und dann habe ich noch eine herzenswarme Empfehlung (das kommt daher, daß, wenn wir nach den Regeln der GFK miteinander reden - also Nathalie und ich -, unmittelbar eine dermaßen tiefe, guttuende Berührung erfolgt, die Gespräch ganz entspannt und öffnend sind, ich "muß" es Dir also einfach weitersagen): das Buch Gewaltfreie Kommunikation, ich weiß jetzt den Autor nicht. Das spart dermaßen Energie, unglaublich, und bringt so eine Nähe. Ich bin noch nicht sehr geübt, man muß ja seine Muttermilchmuster überprägen...
Dann jetzt noch einen Hänger: Ich war (weiß der Geier, ob das auch an diesen Tagen war) ziemlich erbost und auch erstaunt, wie Du Dich so abfällig über Hohenbüssow geäußerst hattest. Ohne irgendetwas darüber zu wissen (rede erst über jemanden, wenn du 1000 Schritte in seinen Schuhen gemacht hast). Zum einen und unter anderem wird dort mehr Kapitalismusabbau betrieben, als in irgend einem Diskutierzirkel hierzulande. Zum anderen würde Dir ein halbes Jahr HB, ich sag mal - absolut - gut tun. Die lebendige Solidarität (ich kann mir vorstellen, daß Du in Nürnberg davon nicht mal mehr träumst), die offenen Türen, der vielfältige Austausch, die neuen Erfahrungen fürs Denken, fürs Fühlen, für den Körper (jenachdem, wie Du die Kontakte anlegst, vertiefst, wie weit Du Dich einläßt, öffnest), die interessanten unterschiedlichen Lebensweisen, der hohe Grad an Selbstbestimmung und Selbstorganisation und an gelebter Kritik, das einfachere Leben ohne die vielen zivilisatorischen, bürgerlichen Gepflogenheiten am Bein, das hohe Niveau der Kommunikation miteinander (schon dies allein haben einige Gäste - gerade Wessis - noch nie zuvor erlebt).
Natürlich kann jeder auch seine Brillen aufbehalten.
Mir sind Nischen, Inseln, Untergrund, es wenigstens versucht zu haben, allemal lieber als ein Stehplatz auf dem Trittbrett der Megamaschine, das weißt Du ja. Und allein, wieviele Leute ich mittlerweile kenne, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken ("den Wölfen zum Fraß vorwerfen") oder sogar einigermaßen frei denken - uns kriegen sie nicht! Auch wenn es nicht zu einer kritischen Masse reichen sollte. Jedenfalls ist mir das Leben ganz klar wichtiger als bloße Überzeugungsarbeit. Mit der allein wäre ich ziemlich allein. Aber wo kriegt man Zeit her?
Alles Gute für euch, schönen Tag und schönes Leben! Roland


Widerstandslesungen

Liebe Kollegin, lieber Kollege,
am Donnerstag ,11. September 2003 beginnen in Hanau die Widerstandslesungen am Freiheitsplatz. Da die InitiatorINNen den Einladungen zu den Widerstandslesungen am Wiener Ballhausplatz aus Fahrgeld- und Zeitmangel nicht jeden Donnerstag folgen konnten und es in Deutschland mindestens ebenso viele und dringende Gründe für Widerstand gibt, entstand die Idee der Widerstandslesungen am Hanauer Freiheitsplatz. Bisher haben sich 28 Vollerwerbs- und FeierabendautorINNen in die Leseliste eingetragen, um gegen die kleinen und großen Kriege nach Innen und nach Außen anzulesen. Gegen die kleinen Raubzüge zur Finanzierung der großen, gegen Nationalismus, Rassismus, gegen die tagtägliche Zwangsabfütterung und -lenkung mit Leitkultur aus dem TVPC-InfusionsTropf.
Die Widerstandslesungen hängen an keiner öffentlichen Subvention und haben auch keine privaten Sponsoren außer den Zuhörenden und den Lesenden.
Sie beginnen vor dem Gewerkschaftshaus und der Bücherstube am Freiheitsplatz jeden Donnerstag um 17 Uhr. Sie dauern bis zu 2 Stunden. Im Bedarfsfall auch länger und aus gehend vom Freiheitsplatz an wechselnden Orten historisch-politisch-kulturell herausragender Bedeutung (z.B. vor dem Gebäude in dem die Gestapo den Hanauer Arzt Dr. Schwab aus dem Fenster stürzte, am autonomen Kulturzentrum Metzgerstraße, vor dem Gestapogefängnis Fronhof , am Brüder-Grimm-Denkmal, ....).
Mit der Bitte um deine/Ihre Unterstützung, um Weiterverbreitung dieser Ankündigung, um Eintragung in die Leseliste (zunächst noch per e-mail/Brief/Telefon an mich (06058/1460)) Hartmut Barth-Engelbart

main(e)text(e)link(s): www.barth-engelbart.de.vu, www.yedermann.de etc.

Gegen Quellenangabe und Copyrighthinweis sollen alle Texte (für nichtkommerzielle Zwecke) vervielfältigt, vorgetragen, nachgedruckt, gesungen und verteilt werden. Dazu wurden sie auch geschrieben. Die besten Literaturpreise liegen auf den Straßen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Millionen von Arbeitslosen, Flüchtlingen und anderen Kulturexperten, die sie uns verleihen, wenn wir uns bei ihnen bewerben und sie unser Schreiben für gut befinden.

Aimee Mann – Deathly



Now that I've met you
Would you object to
Never seeing each other again
'Cause I can't afford to
Climb aboard you
No one's got that much ego to spend

So don't work your stuff
Because I've got troubles enough
No, don't pick on me
When one act of kindness could be
Deathly
Deathly
Definately

'Cause I'm just a problem
For you to solve and
Watch dissolve in the heat of your charm
But what will you do when
You run it through and
You can't get me back on the farm

So don't work your stuff
Because I've got troubles enough
No, don't pick on me
When one act of kindness could be
Deathly
Deathly
Definately

You're on your honor
'Cause I'm a goner
And you haven't even begun
So do me a favor
If I should waver
Be my savior
And get out the gun

So don't work your stuff
Because I've got troubles enough
No, don't pick on me
When one act of kindness could be
Deathly
Deathly
Definately
da ich dich grad treffe
hast du was dagegen
wenn wir uns nie wiedersehen
denn ich bring's nicht
zu dir zurückzukehren
niemand kann so viel ego vergeuden

also zieh' nicht dein ding ab
denn ich habe genug sorgen
nein, verarsch mich nicht
denn ein akt der nächstenliebe wäre vielleicht
tödlich
tödlich
bestimmt

weil ich eben ein problem
für dich bin, das es zu beheben und
in der hitze deines charmes aufzulösen gilt
aber was willst du machen, wenn
du da durch bist und
du mich nicht zurück auf deine farm kriegst

also zieh' nicht dein ding ab
denn ich habe genug sorgen
nein, verarsch mich nicht
denn ein akt der nächstenliebe wäre vielleicht
tödlich
tödlich
bestimmt

du bist beleidigt
denn ich bin die, die geht
und du hast noch nicht mal begonnen
also tu' mir den gefallen
wenn ich zaudern sollte
sei mein retter
und hol' das gewehr raus

also zieh' nicht dein ding ab
denn ich habe genug sorgen
nein, verarsch mich nicht
denn ein akt der nächstenliebe wäre vielleicht
tödlich
tödlich
bestimmt

Wunderbar für ruhige Abende

Dirk Hübner II (CD, (P)+(C) 2003)
Cover CD "II" von Dirk Hübner
Zweites Album des Synth-Rockers Dirk Hübner.
Instrument: KORG 01/Wpro Music Workstation, gesteuert mit Power Tracks Pro 3.0c.
Selbstgebrannte CD mit Farbcover. 61:05 min.

11 Sounds (Hörproben als MP3 (~40 Sek.))

1. Etymon 1 4:10
2. Epitasis 5:11
3. En Passant 3:06
4. Enklisis 6:42
5. Epiklese 6:43
6. Emanation 9:30
7. Exaltation 4:48
8. Essentia 6:58
9. Eskalation 4:34
10. Epode 3:51
11. Etymon 2 5:32

12 EUR inkl. Versand, Bestellungen per E-Mail an Leopold.Lapsus@gmx.de, Lieferzeit ca. 2 - 4 Wochen

Weitere Titel des EigenArt-Labels.

Zusammenstellung legendärer Songs und Sounds von LAPSUS LIVE aus den Jahren 1980 bis 2000 auf selbstgebrannter CD mit Info-Faltcover. 26 Songs und Sounds. 74 min. 7 EUR

Rezension von Andreas Pläschke

(www.Babyblaue-Seiten.de)
Wieder ein neues Talent im großen Pool der deutschen Elektroniker. Der Titel ist doppeldeutig gemeint: zum einen die 2. CD von Dirk Hübner, und zum anderen "11" – nach der Anzahl der enthaltenen Tracks. Das ganze wurde quasi im eigenen Heim mit "einfachen" Mitteln (zumindest im Verhältnis zu den Profibands a la Tangerine Dream) aufgenommen.
Damit sind wir auch schon bei der groben Einordnung der Musik: Tangerine Dream mit ihren Soundtracks könnten Vorbilder gewesen sein. Besonders beim ersten (und letzten Track) dachte ich: wieder ein TD-Klon.
Der Song ist eine schöne Sequencerlinie im typischen TD-Stil der achtziger Jahre, wie man sie evtl. von "Tangram" oder anderen Aufnahmen kennt. Aber schon mit der Melodiestimme wird es eigenständiger – sie klingt leicht unharmonisch zum Rest und erzeugt so bei mir eine befremdlichere Stimmung und nimmt der Sequencerfigur etwas von dem zuckersüßen Wohlklang. Track No. 2 behält die gleiche Leadstimme, wird durch ein dominateres "Schlagzeug" aber wesentlich lebhafter.
Mit "En passant" wird die Musik in meinen Ohren deutlich eigenständiger. Ab hier erzeugt Hübner eher nachdenkliche, getragene Stimmungen, soundmäßig erklingen elektronische Gitarren, Flöten oder Pianoklänge. Von nun an gibt es deutlich weniger Bezüge zu klassischen Vorbildern, sondern teilweise sehr schöne, verhaltene Klangbilder, die wunderbar zum eher herbstlichen (?) Cover passen. Besonders, wenn er keine elektronischen Drumparts einsetzt, sondern die sehr sparsamen Arrangements beibehält, gewinnt die Musik für mich deutlich (was aber auch daran liegt, dass ich elektronische Drums als eher störend empfinde).
Fazit: Spätestens ab Track 3 (was nicht heissen soll, das die beiden ersten Tracks schlecht sind) eine sehr schöne, eher beschauliche CD mit elektronischer Musik. Wunderbar für ruhige Abende. Wer mag, kann auf der Webseite kurze Soundsamples antesten.
Anspieltip(s): Eskalation
Geposted am: 17.5.2003
Wertung: 10/15

Der Odyssee-Verlag

Informationen zum Odyssee-Verlag findest du hier.


Was sonst noch passierte

Donnerstag, 13. März 2003
Von: Stefanie.Bayer@esslingen.de Gesendet: 14:44
Betreff: Dia-Ton-Collage "the Doors", buchbar ?
Hallo, ich hoffe, ich bin jetzt richtig, aber ich lege jetzt einfach mal los: das Kulturreferat Esslingen am Neckar organisiert von Juni bis Juli ein Beat-Festival unter dem Motto "Der Beat wird 40", eine Veranstaltungsreihe, die sowohl Musikgeschichte, Zeitgeschehen (und auch Lokalgeschehen) von 1963 bis 1968 "beleuchtet".
Beim Recherchieren im Internet bin ich auf Eure Homepage Lapsus Live gestossen und habe entdeckt, dass Ihr eine Dia-Ton-Collage über die Doors habt (The Doors - eine Fahrt durch den Ungerground mit Halt auf sieben Stationen). Kann man diese Dia-Ton-Collage buchen bzw. könnte dieser Vortrag eventuell in Esslingen im Rahmen unseres Festivals stattfinden (falls es konzeptionell passt).
Wie muss ich mir diesen Vortrag vorstellen und wenn buchbar zu welchen Konditionen? Ich freue mich schon auf Ihre Antwort.
Herzliche Grüße aus Esslingen, Steffi Bayer

Von: Leopold.lapsus@gmx.net Gesendet: 16:12
Betreff: Re: Dia-Ton-Collage "the Doors", buchbar ?
Liebe Stefanie Bayer, die Dia-Ton-Collage "The Doors..." hat 20 Jahre auf dem Puckel und wurde von mir mit in der DDR verfügbarer Technik (z.B. 1 Diaprojektor ohne Überblendungen, Spulentonbandgerät für die Soundcollagen) und greifbarem Material (LPs, Feature- und Interview-Mitschnitte vom RIAS) für private und halboffizielle Zwecke erstellt. Eine heutige Aufführung in größerem Rahmen würde erhebliche Nacharbeiten erfordern und das ist wohl angesichts des inzwischen angebotenen Film-, Buch- und Internetmaterials zu den Doors und den völlig veränderten Rezeptionsgewohnheiten des Publikums - noch dazu im Raum Stuttgart – sicherlich entbehrlich. Trotzdem vielen Dank für die Anfrage und gutes Gelingen bei eurem Beat-Festival.
Keep On Rockin'! J. G. aka Leopold Lapsus
P.S. Die halboffiziellen Aufführungen Mitte der 80er in Dresden und Berlin (O) brachten den enthusiastischen Vorführern 20 Mark der DDR, umgerechnet zu Schwarzmarktkurs und Euro: 1Euro... ;-)

Von: Stefanie.Bayer@esslingen.de Gesendet: 16:22
Betreff: Antwort: Re:
Lieber J. G., vielen Dank für die schnelle Antwort und vielen Dank für die guten Wünsche zu unserem Festival.
Liebe Grüße, Stefanie Bayer

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