OVER Nr. 36


LOVER Nr. 36

(erschien 2/2004)

Auszüge:

[Ditorial] - [Basar] - [Arbeit] - [Bild des Jahres] - [Widerstandslesung] - [Kurzbesuche im Wendland] - [Hightick] - [Tollheit] - [Lippenbekenntnis] - [PID] - [Manifest] - [Schlafstörung] - [Music is the Best] - [Sommerwind] - [Alex] - [Fremdes Glas] - [Rausch der Totgelebten] - [Schrei] - [Der Schakal] - [Nachruf] - [Zu Stein] - [Soldheart] - [Außer mich] - [Lebenszeichen Adrenalin] - [Spuren (Teil 2)] - [Re@ctor] - [Freikauf] - [CD-Kritik] - [Fingsten 2004] - [Copying Music] - [Schallplattenmann] - [5 Affenschwänze] - [Partyking Crimson?] - [Die Einladung]

LOver 36


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Das neue Jahr ist noch jung. Eine gute Zeit für Pläne. Wie sehen eure aus, was LAPSUS, LOver und womöglich LAPSUS LIVE betrifft!? Nach Zeiten der Enthaltsamkeit wieder fairrückt genug!? Roland hat zu Pfingsten nach Zarnekla eingeladen!!! Weiteres hier...
Und es gibt auch anderes Erfreuliches zu vermelden: Mein Aufruf auf der LAPSUS-GIL.DE-Homepage bezüglich Einkaufen bei Amazon und der damit verbundenen Unterstützung der LAPSUS-Domäne wurde erhört. Die ersten Bestellungen, die nicht von mir waren, brachten tatsächlich etwa einen Monats-obolus ein. Vielen Dank an die unbekannten Einsichtigen. Ein Dankeschön auch an alle Spender von Beiträgen für diesen LOver, der dadurch wieder mal etwas dicker ausfällt. Und damit die Ohren sich im Überangebot nicht verlaufen, gibt’s erneut die Hörempfehlungen des Schallplattenmanns. Einkauf natürlich über den Amazon-Link auf LAPSUS-GIL.DE. ;-)
Was die politische Wetterlage angeht: Man merkt wieder etwas deutlicher, dass Regieren eben was mit Macht zu tun hat, die sich gegen die Regierten richtet, weswegen diese regelmäßig den Kürzeren ziehen. Was allerdings keineswegs auch nur die kleinste Einsicht zeitigen muss. Selbst bei denen, die mal mit ihrem Kopf ihr Geld verdienen wollen, den Studenten. Wie ignorant muss man sein, sich unter ein Plakat zu stellen, auf dem steht: „Bildung ist kei-ne Ware!“? Was soll denn, mal umgekehrt gefragt, Ware sein? Deine Gesundheit? Deine Wohnung? Dei-ne Arbeitskraft? Wir leben in einer Welt, in der alles Existentielle Ware ist. Das kann man ändern. Leopold 

Natürlich gilt auch 2004:

Die Verrückten werden überleben!

BASAR

SUCHE CDs...
P.S. Du hattest mal eine Liste Deiner CDs ... angeboten? Gilt das noch – dann hätte ich sowas auch gern! R.
Hallo Roland (und alle anderen InteressiertenInnen :-), meine leidlich aktuelle CD-Liste steht jedem Mitglied des LAPSUS-Forums zur Verfügung, kann dort eingesehen und als Textliste exportiert werden, um sie in Ruhe offline zu durchforsten. Jedes Mitglied kann auch seine eigenen Bestände als separate Tabelle oder als Ergänzung zur Tabelle LAPSUSEN Tonträger einspielen. Ich helfe gern dabei... Bei Interesse an der Liste also einfach im Forum anmelden. Als Mitglied könnt ihr dann (mit dem Absender eurer Anmeldung im Forum) auch E-Mails an alle anderen Mitglieder schicken (lapsus-forum@yahoogroups.de), falls mal eine bestimmte CD gesucht wird... ;-)  Leopold

Aus der Welt der Arbeit

Nichts hören Nichts sehen Nichts sagen

Bild des Jahres

Lachprobe ohne Zahnersatz - es geht doch!
Lachprobe ohne Zahnersatz - es geht doch!


Widerstandslesungen

Liebe Kollegin, lieber Kollege,
am Donnerstag ,11. September 2003 beginnen in Hanau die Widerstandslesungen am Freiheitsplatz. Da die InitiatorINNen den Einladungen zu den Widerstandslesungen am Wiener Ballhausplatz aus Fahrgeld- und Zeitmangel nicht jeden Donnerstag folgen konnten und es in Deutschland mindestens ebenso viele und dringende Gründe für Widerstand gibt, entstand die Idee der Widerstandslesungen am Hanauer Freiheitsplatz. Bisher haben sich 28 Vollerwerbs- und FeierabendautorINNen in die Leseliste eingetragen, um gegen die kleinen und großen Kriege nach Innen und nach Außen anzulesen. Gegen die kleinen Raubzüge zur Finanzierung der großen, gegen Nationalismus, Rassismus, gegen die tagtägliche Zwangsabfütterung und -lenkung mit Leitkultur aus dem TVPC-InfusionsTropf.
Die Widerstandslesungen hängen an keiner öffentlichen Subvention und haben auch keine privaten Sponsoren außer den Zuhörenden und den Lesenden.
Sie beginnen vor dem Gewerkschaftshaus und der Bücherstube am Freiheitsplatz jeden Donnerstag um 17 Uhr. Sie dauern bis zu 2 Stunden. Im Bedarfsfall auch länger und aus gehend vom Freiheitsplatz an wechselnden Orten historisch-politisch-kulturell herausragender Bedeutung (z.B. vor dem Gebäude in dem die Gestapo den Hanauer Arzt Dr. Schwab aus dem Fenster stürzte, am autonomen Kulturzentrum Metzgerstraße, vor dem Gestapogefängnis Fronhof , am Brüder-Grimm-Denkmal, ....).
Mit der Bitte um deine/Ihre Unterstützung, um Weiterverbreitung dieser Ankündigung, um Eintragung in die Leseliste (zunächst noch per e-mail/Brief/Telefon an mich (06058/1460)) Hartmut Barth-Engelbart

main(e)text(e)link(s): www.barth-engelbart.de.vu, www.yedermann.de etc.

Gegen Quellenangabe und Copyrighthinweis sollen alle Texte (für nichtkommerzielle Zwecke) vervielfältigt, vorgetragen, nachgedruckt, gesungen und verteilt werden. Dazu wurden sie auch geschrieben. Die besten Literaturpreise liegen auf den Straßen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Millionen von Arbeitslosen, Flüchtlingen und anderen Kulturexperten, die sie uns verleihen, wenn wir uns bei ihnen bewerben und sie unser Schreiben für gut befinden.


Zwei Kurzbesuche im Wendland - Castor-Transport 2003

Drei Tage vor meiner Fahrt ins Wendland erhielt ich einen Brief der Bezirksregierung Lüneburg, worin mir mitgeteilt wurde, daß das Verfahren wegen Ordnungswidrigkeit nach dem Versammlungsgesetz an die Staatsanwaltschaft Lüneburg übergeben wird. Die Vorgeschichte: Im letzten Jahr war ich in der Demonstrationsverbotszone (50 m links und rechts der Transportstrecke) "in Gewahrsam" genommen wurden. Infolge erhielt ich im Frühjahr 2003 einen Bußgeldbescheid über gut 50 EUR, gegen den ich Widerspruch einlegte. Nun bin ich gespannt, wie es weitergeht. Dieser oben erwähnte Brief war ein zusätzlicher Ansporn, mir meine Fahrt ins Wendland zu organisieren.
Die weiteren Gründe habe ich schon oft mitgeteilt. Orwell´s "Neusprech" ist endgültig in der heutigen Realität angekommen. Wie Krieg jetzt Frieden bzw. Friedensmission oder humanitäre Intervention heißt, der größte Sozialabbau in der Geschichte Renten-, Gesundheits-, Arbeitsmarktreform genannt wird, so wird der erstmals gesicherte Bestandsschutz der deutschen AKW`s, der Neubau und Ausbau von Atomanlagen und die Förderung des AKW-Betriebes im Ausland jetzt Atomausstieg genannt. Es hat sich also außer der Verschleierungstaktik und der Einbindung gewendeter, ehemals oppositioneller Kreise nichts geändert. Die Forderung Atomausstieg sofort bleibt hier und weltweit aktuell. Vor allem im Wendland zeigt sich immer wieder, daß der Konflikt um die Nutzung der Atomenergie nicht beendet ist. Deshalb reagiert dort der Atomstaat in ganzer Härte, der Landkreis wird mit 13.000 PolizistInnen besetzt, in großen Teilen gelten die verfassungsmäßig garantierten bürgerlichen Rechte nicht. Das Wendland ist nicht zuletzt Prüfstein für den Erhalt demokratischer Rechte im Land, deshalb engagieren sich neben der Bevölkerung und angereisten Atomkraftgegnern auch verschiedene Bürgerrechtsorganisationen während der Transporttage in dieser Region.
Da ich von Sonntagabend bis Dienstagmorgen keine Kinderbetreuung gefunden hatte, fuhr ich zweimal ins Wendland.

Auftaktkundgebung

Samstagvormittag, den 8.11.03, ich fahre mit dem Zug über Stendal nach Salzwedel, von dort gelange ich per Anhalter nach Dannenberg. Nachdem ich meine Sachen im Gemeindehaus der Kirche untergebracht hatte, spazierte ich durchs Städtchen. Nach und nach füllte sich der Markt, 13 Uhr eröffnete "Readymade" mit einigen Liedern die Auftaktkundgebung. Nach einigen kurzen Redebeiträgen setzte sich der Demozug mit ca. 5.000 Teilnehmenden in Bewegung. Für gute Stimmung sorgte das französische Perkussionsorchester "DOUKKALI", eine Sambagruppe und eine weitere Trommelgruppe.

Dabei waren auch Vertreter von anderen geplanten Endlagerstandorten, aus Bure (Frankreich) und aus der Wüste Australiens. Die Demo führte auf der Bundesstraße in der Nähe des Castor-Verladekrans entlang und endete mit einer Kundgebung auf einem Feld bei Splietau. Die Bauern waren mit 193 Traktoren anwesend.
Anschließend war ich wieder im Gemeindehaus, mittlerweile hatten sich einige Leute dort einquartiert und es gab viele interessante politische Gespräche. Vor allem ein Vorfall am Rande der Abschlußkundgebung erregte die Gemüter. Veganer hatten einen Bratwurststand blockiert und riefen Parolen wie "Fleischesser sind Mörder". Es kam sogar zu Tätlichkeiten. Die Kundgebungsleitung mußte mehrmals eingreifen, bat die Blockierer praktisch den Widerstand zu unterstützen, indem sie beim Gemüseschnippeln in der Volxküche helfen.
Mit A. und J. aus Clausthal kam ich noch näher in Kontakt, wir waren noch zum Abendbrot/Bier im "Einstein". Den Abend verbrachte ich auf dem Kundgebungsplatz bei Splietau. Zuerst gab es Warmtanzen mit "Readymade", anschließend Open Air Kino "Heinrich der Säger". Hauptdarsteller Rolf Becker empfahl einige Szenen zur Nachahmung.

Zwischenspiel

Am Sonntagvormittag fuhr ich wieder nach Hause. Im Folgenden informierte ich mich über das BI-Infotelephon und über die "Castor-Nix-Da"-Kampagne im Internet. Funk und Fernsehen negierten weitestgehend die stattfindenden Ereignisse, die vor 2 Jahren noch für Sondersendungen sorgten. Bestenfalls gab es einige Kurz-(Falsch-)meldungen (siehe unten). Über die gelungenen Ankettaktionen in Frankreich und bei Heilbronn freute ich mich sehr, sorgten diese doch dafür, daß ich am Dienstag rechtzeitig ins Wendland kam. Auch die Schienenblockade hinter Lüneburg trug dazu bei. Unter den 140 Blockieren waren auch meine Bekannten J. und S. aus Essen. Da sie nach der brutalen Räumung (mehrere Verletzte, z.B. gebrochene Nase) in der GeSa Neu Tramm 17 Stunden saßen, trafen wir uns diesmal nicht, unterhielten uns bloß anschließend am Telephon.
Vor meiner Ankunft in Salzwedel erlebte ich noch eine Fahrt in einen richtigen "Ferkeltaxi" bei schönstem Sonnenwetter. Mit J. aus Berlin trampte ich in 2 Etappen und kürzester Zeit ins Wendland. Im 2. Auto saßen 3 der Heilbronner Blockierer vom gestrigen Abend. Während wir über den Regionalradiosender ZuSa laufend erfuhren, wo sich der Transport gerade befand, fuhren wir bis Sarchem bei Hitzacker bis fast an die Strecke.

An und auf der Transportstrecke

Viele Menschen bewegten sich auf den Wiesen entlang des Bahndammes. Es gab große Polizeipräsenz, Hubschrauber kreisten, der Zug war nicht mehr fern. Wir sahen, wie Menschen vom Bahndamm geschubst wurden. Bei uns gab es auch Gespräche mit der Polizei. Ich setzte mich an einen Hang zwischen die Polizeikette, etwa 30 Meter vom Gleis entfernt. Ein Polizist bat mich aufzustehen, weil sonst andere meinem Beispiel folgen könnten. Ich sagte nein. Er wies mich auf die Verbotszone hin. Ich sagte ihm, daß ich diese nicht akzeptiere und erklärte ihm warum. Ich sagte auch, daß ich bereit bin, eventuelle Konsequenzen zu tragen. Wir unterhielten uns über die Atomproblematik. Letztendlich klopfte er mir auf die Schulter, sagte, daß er mich gut verstehen kann und ging wieder zu seinem Platz.
Nach einer Weile rückten weitere Hundertschaften und Polizeireiter an. Sie jagten die Leute über die Wiese. Nur auf unserer Seite war es ruhig. Plötzlich sahen wir den Vorzug (Baufahrzeuge), kurz darauf kam der Transport. Zu sechst rannten wir Richtung Gleis. Einer kam auf die Schiene, stoppte den Zug und konnte dem BGS wieder entwischen. Ein anderer wurde festgenommen. Ich bin nur ein Stück gerannt, zum einen bin ich nicht der schnellste und hatte zudem meinen Rucksack auf, zum anderen wollte ich mich jetzt nicht wegfangen lassen.

Auf der Straße gab es nach Durchfahrt des Zuges noch einige Rangeleien, Polizeifahrzeuge wurden blockiert. Stiegen die Beamten mit Knüppel in der Hand aus, war der Weg frei, saßen sie wieder drin, waren Leute vor den Autos.
Zu fünft fuhren wir dann nach Dannenberg, sahen den Transport noch in den Bahnhof einfahren. Wir entschlossen uns, gleich nach Grippel weiterzufahren, da er dort auf jeden Fall lang muß. Auf Waldwegen kamen wir zum Ort, ca. 200 Leute waren schon zusammen, die Straße war besetzt. Die Stimmung war gut. Es gab Suppe und Tee, Feuertonnen und Musik, Die "Gorleben-Singers" traten auf und Flamenco wurde getanzt. Die Polizeipräsenz war gering. Mit J. aus Berlin machte ich einen Spaziergang auf dem Elbdeich. Eine frostige sternenklare Nacht zog auf. Ab und an tanzte ich mich auf der Straße warm. Mittlerweile lagen auch schon viele in Schlafsäcken auf der Straße. Mindestens 500 Leute waren da, jung bis alt, bevor die vielen Familien mit Kindern gingen, waren es 100 bis 200 mehr. Etliche schliefen in einer angrenzenden Scheune.

Nach Mitternacht nahm die Polizeipräsenz stark zu, Wasserwerfer (es waren Minusgrade) fuhren auf. Binnen kurzer Zeit wurden wir alle eingekesselt, mindestens zwei Privatgrundstücke widerrechtlich besetzt. Über Lautsprecher erklärte uns der Einsatzleiter, daß wir alle "in Gewahrsam" genommen sind. Rechtlich korrekt hätte er uns dreimal auffordern müssen, den Platz zu verlassen. Ca. 300 Menschen saßen mittlerweile auf der Straße, wir anderen befanden uns auf dem angrenzenden umstellten Grundstück – um die Musikanlage, die Lagerfeuer, in der Scheune.
Immer mehr PolizistInnen wurden herangefahren, ein Polizeikessel auf der benachbarten Koppel aufgebaut. Dafür wurde rüde ein Koppelzaun kaputtgetreten. Ca. 2:30 Uhr begann die Räumung auf der Straße. Die Leute wurden einzeln weggetragen. Der Polizei wurde bescheinigt (Presse), dabei maßvoll vorgegangen zu sein. Es gab "nur" die "üblichen" kleinen Mißhandlungen wie Arme verdrehen, Finger in Wangen und Augen drücken, Frauen an den Haaren ziehen, Gesichter auf den Asphalt drücken. Einige kurze Bilder dieser Räumung, die etwa eine Stunde dauerte, waren in den Fernsehnachrichten des 12.11. zu sehen.

Wir anderen wurden in Richtung Scheune gedrängt. In der Scheune war kaum noch Platz. Wir wurden zwar nicht geräumt, aber auch nicht mehr herausgelassen. Leider war es eine mit Kartoffeln und nicht mit Stroh gefüllte Scheune, so wurde das Sitzen und Liegen nicht sehr bequem, zudem war es hundekalt. Allerdings waren wir nicht dem Wind ausgesetzt wie die anderen auf der Koppel.
Ich schlummerte etwas. Gegen 5 Uhr fuhr der Transport durch, begleitet von einem ohnmächtigen Pfeifkonzert. Wir wurden festgehalten, bis alle Castoren in Gorleben angekommen waren. Nach dem Aufwärmen am Feuer trampten J. und ich wieder nach Salzwedel und fuhren mit dem Zug nach Hause.

Die Lügen der Medien und notwendige Berichtigungen

"Der Widerstand bröckelt" – ein schon die letzten Jahre ständig gebrauchtes Pauschalurteil. Doch selbst die Landesregierung Niedersachsen mußte zugeben, daß die Zahl der Anti-Atom-Gegner dieses Jahr größer als 2002 war. Das deckt sich auch mit individuellen Eindrücken.
"Der Straßentransport konnte nicht blockiert werden" – eine Meldung des NDR am Mittwochvormittag. Es gab 3 Straßenblockaden unter dem Motto "Widersetzen" in Grippel (>500 Menschen), Langendorf (ca. 70 Menschen) und Gusborn (ca. 500 Menschen, Südstrecke – wurde dann nicht befahren). Erst als Grippel und Langendorf geräumt waren, konnte der Straßentransport starten. In weiteren Orten (Laase, Quickborn, Gorleben...) wachten die Menschen nachts an der Straße.
"Der Transport war früher als erwartet am Ziel" – im ZDF "Heute" Mittwochabend. In Dannenberg hatte der Transport ca. 6 Stunden Verspätung dank der schon erwähnten erfolgreichen Blockaden. Zwischen Lüneburg und Dannenberg betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit 10 km/h. Durch die Straßenblockaden kamen mindestens 2 weitere Stunden dazu.
Auch wenn sich Politik und ein Großteil der Medien wegdrehen oder wie der Chefredakteur des "Nordkurier" Gift und Galle spucken – die Atomtransporte ins Wendland bleiben ein Politikum. Auch weiterhin wird die Atomwirtschaft ihre Geschäfte nicht ungestört betreiben können.
Ausstieg sofort!
 Thomas Held


Infos: de.indymedia.org, www.BI-Luechow-Dannenberg.de, www.X1000malquer.de, www.castor.de.
Die Fotos sind von der Seite de.indymedia.org und gehören nicht direkt zum Text.
Ein Foto wurde verbessert... ;-)

Hightick

Füller, Kugelschreiber und Filzstifte schreiben nur, weil die Erdanziehung die Tinte in der Patrone nach unten zieht. Die NASA hatte das Problem, daß ihre Astronauten auch in der Schwerelosigkeit schreiben können mußten. Also rief man ein High-Tech-Projekt ins Leben, um einen Kugelschreiber zu entwickeln, der auch unter diesen Bedingungen funktioniert. Das Projekt kostete viele Millionen Dollar an amerikanischen Steuergeldern, war aber am Ende von Erfolg gekrönt. Wir kennen das Produkt bei uns als "Fisher-Space-Pen". Der Trick? Simpel: Gasdruck.
Die Russen hatten weder das Geld noch die Technologie, um so ein Wunderding zu entwickeln. Allerdings mussten auch die russischen Kosmonauten schreiben. Sie benutzten Bleistifte.
(Aber: Und sonst so?) Quelle: P. Arndt
Millionenschwerer Bleistiftersatz...

tollheit am lippenbändchen

verfrüht und fremd
schlag auf schlag
endlos lang
grausam schwer
nieder mit
was bist
der t...
nein du bist ein g..
oder bist
ach nein ich sagt es schon
was sagte ich
irgendwo fragt
nirgendwo sagt
einsam
welt wo ist der kreis
ziehst deine fäden
herzensloch
schwarz grün
so rot ist haar
verblassen der sinne
sprach's und ging
wohin
kein platz
kein ort
nieder mit
vergangenheit ruht
gegenwart lebt
stirbt die nichte deiner seele
nieder mit
womit ist alles
schönheit verletzt
ruhe verrät
fragen sind leise
antworten still
geh
straße ist g..
wohin
 
Arne Busch (heute, eben)

interpretieren sie dieses gedicht!

was wollte der autor damit sagen? (sekundärliteratur ist schneller, besser, wichtig)
gliedern sie das werk in die lebenssituation des autors ein und heben sie dabei die bedeutung der sprachlich-stilistischen mittel besonders hervor.
"sie haben zeit bis zum stundenklingeln."
p.s.
ubi sum egos vos non potestis venire.
dort, wo ich bin, könnt ihr nicht hingehen.

Interpretieren Sie dieses Gedicht!

Toller Kuß am Lippenbändchen, endlos verführt... aber fremd.
Zungenschlag...? Augenaufschlag! Ohne Anfang langer Wimpern Kuß schwerer, grauer, einsamer Erinnerung. Nieder mit ihm. Nie da.
Was ist der Tod? Ach nein! Ich sagt es schon zu oft. Versagt. Verzagt.
Was zagte ich? 1000 Fragen währen, wägen. Nirgendwo sagst Du - jetzt. Ein Samen der Liebe.
Welt, wo ist der Kreis, der Dich in meiner Nähe hält! Gespinst, eben sah ich noch Deiner Lenden Kontur, versponnen. Ziehst Leine mir aus den Händen, fassungslos.
Ich sitz im Herzensloch im Tarnanzug, niemand sieht mein Zittern noch. In Deinem Haar, besinnungslos, überall wollt ich mein Herz versenken. Nicht ins Leere. Diesen blassen Spiegel vor Augen.
Mir schwindet der Sinn, gehst Du hin, wohin. Wo ich nicht bin.
Verlassen. Kein Ort, der mich kennt. Nieder, zu Boden der Blick. Keine Spur zu schnell.
Vergangen rührt die Gegenwart an das Sterben meiner Seele. Lebensnichtig.
Wie ein Wolkentuch sinkt die Schönheit nieder. Ich bleibe, wo ich bin, unten, und rühr' mich nicht.
Ganz leis' meine Frage, verletzt, die Stille. Die stille Antwort. Fort.
Straße ist Strafe, so gleichgültig, wohin. Vorhin eben, heute, immer... sag
"Und das Schweigen wird lauter."
was wollte der autor damit sagen?
Ich bin. Wichtig.
Und wäre schneller als du!
So geht's nicht weiter! Aber besser als nie da.
gliedern sie das werk in die lebenssituation des autors ein.
heben sie dabei die bedeutung der sprachlich-stilistischen mittel hervor.
"sie haben zeit bis zum stundenklingeln."
Er hatte Zeit bis zum Stundenklingeln. Doch sein Herzsturmklingeln sprachlos in ihrem Ohr verhallte.
Immerhin findet der Werker auf dem Sofa einige Worte, es wäre schade um jeden Grabstein der Liebe, der leer bliebe.
Sprachlich nährt er sich seinen Stiel. Es erinnert an die alte Novelle "Der Eber haart am Stein". Wie man will. Das Dicktun der Wirklichkeit läßt in Wirklichkeit keine Hervorhebung zu. Jeder will das eine seine.
Er schreibt sich klein. Merkt er das nicht? Aber sie?
Alle Wege führen von statt zu statt.
Roland, Oberlehrer a.D.

Lippenbekenntnis


marlene mountain 

Wie ich der PID erlegen bin

Basepohl, den 12.10.81
Abschrift vom schriftlichen Bericht des IMS "Frank" [geb. 16. 10. 1959]
Den Soldat Gorsleben kenne ich seit November 1980. Er vertritt nicht immer einen Klassenstandpunkt. Das zeigte er schon öfters in seinem Verhalten. Bei Stubendurchgängen fanden wir schon oft Sachen, die aus dem kapitalistischen Ausland sind. Diese Sachen wurden von uns eingezogen. Mit ihm wurden darüber auch Aussprachen geführt. Doch er lernte daraus nie etwas. Erst kürzlich zog ich bei einem Stubendurchgang Tätowierungspulver [Henna] ein. Ich fragte ihn, was er damit bei der Armee wolle. Seine Antwort darauf, es ist doch nicht verboten, so etwas zu besitzen. Die Einstellung zu seinem Armeedienst ist genauso. Die ihm gestellten Aufgaben löst er nur mit wenig Interesse. Seine Meinung dazu ist, daß die Armee "scheiße" ist. Nach seiner Meinung braucht die Armee nicht zu existieren. Bei einem Ernstfall ziehen wir (der Warschauer Vertrag) doch den kürzeren.
Ich finde, daß der Soldat Gorsleben mit seiner Einstellung fast nicht mehr tragbar für die Armee ist. Das Augenmerk wird weiterhin auf ihn gerichtet.
Ergänzung zum Bericht:
Soldat Gorsleben liegt mit den Soldaten Peters, Schulze, Skiba (alle Entlassung I/82) auf einer Stube. Mit diesen Genossen geht er auch gemeinsam in Ausgang. Die umseitig genannten Westsachen beinhalten ein Buch [Hermann Hesse: "Klingsors letzter Sommer", in Budapest im Bücherladen gekauft, wurde auch vom Aufbau-Verlag herausgegeben; allerdings wurde Hesse vom einziehenden Offizier als "Nazi-Schreiber" bezeichnet, ich erhielt das Buch nach Beschwerde & Pipapo wieder], das vom BC bereits eingezogen wurde sowie Genußmittel.
gez. Frank
... diese Hinweise bestätigen, daß der G. der Beeinflussung der PID* des Gegners erlegen ist ...
F.d.R.d.A. Schulz/Oltn.
* Politisch-ideologische Diversion. Mit Westschokolade

MANIFEST


Wie LAPSUS verraten wurde, Tonbandabschrift von der Aussprache mit dem Soldat Gorsleben vom 18. 12. 81

Die Aussprache wurde seitens der Abteilungsführung geführt vom
- Hauptmann Eckner, Kommandeur
- Oberleutnant Zinke, Stabchef
- Major Matzack, ZbV

E: Sind Sie sich der Tragweite bewußt, was Sie da schreiben?
G: Das ist doch etwas Privates. Da besteht keine Tragweite. Ich bin mir keiner Schuld bewußt. Das gehört zu meinen persönlichen Sachen.
Z: Welche persönliche Haltung beziehen Sie zu dem, was in diesem Dokument geschrieben wurde?
E: Hierbei geht es um die Auszüge, die Sie von dem Schreiben der Initiativgruppe angefertigt haben!
G: Das war eine Initiative zum Weltfriedenstag. Ich fand sie überlegenswert.
Z: In welche Richtungen gingen denn dabei diese Überlegungen? Der "Soziale Friedensdienst" richtet sich doch gegen Ihren Eid!
G: Das ist für mich ein Schritt hin zur Alternative zum Dritten Weltkrieg.
E: Warum ist das ein Schritt hin zum Dritten Weltkrieg?
G: Ein Schritt zur Alternative zum Dritten Weltkrieg.
Z: Sie sind also der Meinung, mit dem "Sozialen Friedensdienst" können wir davor gerettet werden?
G: Das ist eine Möglichkeit dazu. Dazu bin ich der Meinung, daß die 24 Monate, die darin stehen, zu wenig sind. Man könnte ruhig 36 Monate machen.
E: Aber ohne Waffe?
G: Ohne Waffe!
E: Und wer soll unsere Heimat verteidigen?
G: Es gibt ja noch genügend Leute, die sagen: "Bevor ich 36 Monate so etwas mache, mache ich lieber meine 18 Monate mit Waffe."
E: Das ist doch keine Alternative.
G: Es gibt doch Menschen, die nie eine Waffe in die Hand nehmen.
E: Gehören Sie auch dazu? Sie haben doch eine Waffe. Sie würden Sie auch anwenden, wenn es nötig ist?
G: Das weiß ich nicht.
E: Wie lange sind Sie jetzt bei uns?
G: Dreizehn Monate.
E: Da werden Sie sich doch Gedanken gemacht haben, daß es einmal soweit kommen kann, daß Sie eine Waffe in die Hand nehmen müssen.
G: Ich würde Sie nicht anwenden.
Z: Damit verletzen Sie doch ganz bewußt Ihren Fahneneid.
G: Ich bin der Meinung, daß es, wenn es zu einem Krieg kommen sollte und so, dann ist hier in ein paar Stunden eine Atomwüste und dann ist Schluß. Von der Warte meine ich das. Was soll ich dann noch die Waffe anwenden.
E: Wie kommen Sie denn darauf, daß ein künftiger Krieg nur wenige Stunden geht?
G: Das Potential reicht heutzutage aus, um die Menschheit ein paar Mal zu vernichten. Von NATO-Plänen aus weiß man auch, daß Mecklenburg in eine Ebene verwandelt werden soll. Da sehe ich keine Chance, dahin zu kommen, die Waffe anzuwenden.
E: Sind Sie in dem Falle, wo es notwendig ist, bereit, Ihre Waffe anzuwenden?
G: Wenn es notwendig ist, würde ich sie anwenden.
E: Gegen wen?
G: Gegen den es notwendig ist.
E: Wer ist das Ihrer Meinung nach?
G: Der uns angreift.
E: Soweit ich gesehen habe, handelt es sich bei der Schrift um eine handschriftliche Durchschrift. Wo ist das Original?
G: Das hat meine Schwester.
E: Wo haben Sie das her?
G: Von einem Freund.
E: Wer ist denn das?
G: Das kann ich Ihnen nicht sagen.
E: Wieso?
G: Weil ich das Gefühl habe, daß es sich hierbei um eine Anhörung oder so etwas handelt.
E: Wir führen mit Ihnen eine Unterhaltung, weil dieses Pamphlet, was dort angefertigt worden ist, entgegen dem Wehrmotiv ist. Deshalb unterhalten wir uns mit Ihnen als militärische Vorgesetzte. Wo befindet sich das Original?
G: In Dresden!
E: Welche Verbindung haben Sie zu dieser Gruppe?
G: Da habe ich überhaupt keine Verbindung zu.
E: Wie kommen Sie dann zu diesem Zeug?
G: Das kommt irgendwie von der Kirche.
E: Sind Sie religiös gebunden?
G: Bin ich nicht!
E: Sind Sie in der CDU? [! yeah]
G: Nein!
E: Haben Sie Verbindung zu religiösen Kreisen?
G: Nein!
E: Sind Sie in dem Verein "Junger Christen"?
G: Nein!
E: Wie sind Sie zu diesem Schreiben gekommen?
G: Die Leute, die das verfaßt haben, werden es irgendwie verbreitet haben. Dann hat es der bekommen und der und so weiter.
E: Wem haben Sie es weitergegeben?
G: Meiner Schwester.
E: Von wem haben Sie das Original bekommen?
G: Von einem Freund.
E: Wohnt der Freund in Ihrem Ort, oder wo ist der her?
G: Er ist aus Greifswald.
E: Von wievielen Durchschriften ist Ihnen persönlich bekannt, die da existieren?
G: Mehr Durchschriften habe ich nicht.
E: Wieviele haben Sie schon an andere Soldaten oder Unteroffiziere verteilt?
G: Keine.
E: Mit wem haben Sie schon darüber gesprochen?
G: Ich habe mich darüber nur mit meiner Schwester unterhalten.
E: Sind Sie verlobt oder haben Sie eine Freundin?
G: Gehabt! Ist alles wegen der Armee kaputtgegangen.
E: Na da hat sie nichts getaugt. Warum hat sie sich von Ihnen getrennt?
G: Weil ich nicht rausgekommen bin.
E: Wie ist Ihre Einstellung zum Dienst? Wie schätzen Sie es selber ein, wie Sie Ihre Pflichten erfüllen?
G: Ich habe jetzt 86 Wachen ohne BV [Besondere Vorkommnisse]. Ich erfülle meine Pflichten.
E: Mir ist da auch nichts Negatives bekannt.
Z: Wann sind Sie denn zu diesem Schreiben über den Friedensdienst gekommen?
G: Ende November bin ich dazu gekommen. Ich habe es von meinem Freund abgeschrieben.
E: In Ihrer Mappe befindet sich auch ein Auszug aus dem Diskussionsbeitrag des Gen. Walde auf der 3. ZK-Tagung. Aus welchen Erwägungen haben Sie diesen Auszug gemacht?
G: Weil dort drinsteht "friedensfeindlich".
E: Sie sind der Meinung, der "Soziale Friedensdienst" ist nicht friedensfeindlich?
G: Nein. Er ist nicht friedensfeindlich.
E: Was haben Sie sich dabei für Gedanken gemacht, als Sie das Ding da abgeschrieben haben?
G: Da habe ich einmal ein Buch gelesen, das über einen Erzieher in einem Heim für geschädigte Kinder handelt. Das Buch hieß "Tagebuch eines Erziehers". Daher weiß ich, daß bei uns ein großer Mangel an derartigen Erziehern besteht.
E: Angenommen, bei uns würde der "Soziale Friedensdienst" zugelassen werden. Würden Sie aktiven Wehrdienst leisten oder Friedensdienst?
G: Ich würde zum Friedensdienst gehen.
E: In welcher Richtung würden Sie da tätig sein wollen?
G: Auch als Erzieher oder in einem Krankenhaus. Das wäre mir egal.
Z: Was sind Sie von Beruf?
G: Baufacharbeiter.
Z: Würden Sie auch nach Ihrer Dienstzeit ganz normal im Sozialwesen arbeiten?
G: Das kommt darauf an, wie die Bedingungen sind!. Ich möchte zum Beispiel nach Berlin. Ich möchte dort eine Wohnung bekommen.
E: Warum wollen Sie nach Berlin?
G: Weil es mich dort hinzieht. Ich habe dort Freunde. Außerdem will ich auch von Zuhause weg. Dazu sehe ich auch in dem Betrieb, wo ich arbeite für mich keine Perspektive. Ich will nur auf eigenen Füßen stehen.
Z: Um noch einmal auf den Friedensdienst zurück zu kommen. In diesem Schreiben steht doch, daß dort auch eine kasernierte Unterbringung erfolgen soll. Das ist auch nicht anders als in der Armee.
G: Natürlich, aber man würde etwas Sinnvolles tun. In der Armee muß man soviel machen, worin ich keinen Sinn sehe, wie zum Beispiel Reifen schwärzen. Dort würde jede Arbeit einen Sinn haben.
E: Um noch einmal auf die Rede des Gen. Walde zurück zu kommen. Haben Sie die gesamte Rede von ihm gelesen?
G: Nein, nur den Absatz über den Friedensdienst.
E: Das haben Sie so einfach aus den gesamten Dokumenten der 3. Tagung herausgefunden?
G: Nein. Das war mit dem Schreiben der Initiativgruppe dabei und ich habe es dort mit abgeschrieben.
E: Wo und wann haben Sie es abgeschrieben?
G: Es war am Montag den 23. November. Ich hatte zur Hochzeit meines Bruders Urlaub und Zuhause habe ich es abgeschrieben.
E: Was ist Panik-Palais?
G: Das ist ein jugendmäßiger Ausdruck für das Haus in Züsedom, wo meine Eltern wohnen. Da kann man auf Briefe raufschreiben, was man will, in Züsedom kommt alles zum richtigen Absender, weil das nur ein sehr kleines Dorf ist. Da kennt jeder jeden.
E: Wenn jeder jeden kennt, warum legen Sie sich dann einen Decknamen zu?
G: Was für einen Decknamen?
E: LAPSUS!
G: Das ist kein Deckname. Das ist die ganze Aufführung progressiver Songs. Das ist eine Liga.
E: Ist das bei uns etwas Offizielles?
G: In Dresden, im Kulturbund, da gibt es eine Interessengemeinschaft "Rock". Da gibt es einige Gruppen, die in Jugendclubs und so Veranstaltungen organisieren.
E: Wie kommen Sie zu einer derartigen Liga?
G: Sie dürfen nicht denken, das ist eine DDR-weite Liga. Das sind nur etwa 30 Mann, die das kennen. Das sind meist Studenten. Da werden Vorträge gemacht in Jugendclubs in Dresden, die werden vom Kulturbund bezahlt und so. Einmal finden sich dann im Jahr diese Leute zusammen. Da wird dann drei Tage lang ein Musikfest gemacht.
E: Da hatten Sie beispielsweise so ein Programm. Da geht es ja voll durch. Schlafen Sie da überhaupt?
G: Ja von 05.00 bis 10.00 Uhr morgens.
E: Wird da neben der Musik auch über Politik diskutiert?
G: Über Politik wird da nicht gesprochen. Die Vorträge beziehen sich alle nur auf Musikthemen.
E: Das ist bei uns offiziell?
G: Wieso bei uns. Das ist eine ganz private Feier.
Z: Wie heißen denn diese Gruppen?
G: Ich könnte Ihnen die ganze Liste der Gruppen vorlegen.
E: Wie oft treffen Sie sich so?
G: Einmal im Jahr. Zweimal war es schon bei uns Zuhause.
E: Wie lange existiert diese Liga schon?
G: Das weiß ich nicht. Da müssen Sie meinen Bruder fragen.
E: Ist Ihr Bruder da der Vorsitzende?
G: Da gibt es keinen Vorsitzenden. Das ist eine ganz lockere Sache. Das ist keine straffe Organisation. Die haben sich dann aus jugendlichem Leichtsinn einen Namen gegeben, weil Ihnen der gerade einfiel. Weiter ist da nichts hinter.
E: Wie ist denn das Programm angefertigt worden?
G: Der Mann meiner Cousine arbeitet in Dresden bei Robotron. In einer Pause wurde das Programm von einem Rechner gedruckt.
E: Da ist ja bald Ihre gesamte Verwandschaft organisiert.
G: Mein Bruder studiert in Dresden und die meisten sind von seiner Studentengruppe. Mein Bruder studiert Bauökonomie. Er studiert an der TU, im vierten Jahr. Er ist jetzt wissenschaftlicher Assistent.
E: Da waren auch noch Geschichten drin. Haben Sie die verfaßt?
G: Die sind alle von mir. Die schreibe ich, wenn ich Freizeit habe, an Wochenenden oder abends.
E: Was lesen Sie denn so für Bücher?
G: Ich lese gern Romantiker und Expressionisten. Dazu auch Legenden aus anderen Völkern.
E: Was wollen Sie mit diesen Geschichten ausdrücken? Ich kann da keinen richtigen Sinn erkennen. Sie sehen ja da nur schwarz.
G: Man schreibt ja nur für sich selbst. In der Zeit, als ich das geschrieben habe, waren das meine Gefühle. Ich zeige das ja auch keinem anderen, nur meiner Freundin.
E: Welche Verbindung haben Sie ins westliche Ausland? Auch Ihre Eltern.
G: Meine Mutter hat zwei Schwestern drüben, mein Vater einen Onkel.
E: Die schreiben sich?
G: Ja. Die bekommen auch Besuch.
E: Hatten Sie da während der Armeezeit auch schon Kontakt mit den BRD-Verwandten?
G: Nein.
E: Von wem hat Ihr Vater das GENEX-Auto geschenkt bekommen?
G: Von seinem Onkel.
E: Was macht der dort drüben?
G: Er ist Rentner.
E: Was war er vorher, bevor er in Rente gegangen ist?
G: Er war Landwirtschaftsinspektor.
E: Er bekommt soviel Rente, daß er ein Auto verschenken kann?
G: Er bekommt über 2000,- DM Rente. Vor dem zweiten Weltkrieg war er bei der Polizei. Da zählt wohl jedes Jahr für die Rente doppelt. Nach dem Krieg hat er dann in der Landwirtschaft gearbeitet.
F.d.R.d.A. Schulz/Oberleutnant

Schlafstörung

Eine Konzertbeichte
Am 11. November war es dann soweit: Delay 17 & Mijikenda live in Hohenbüssow!
Das stand auf keinem Programm und der Einlaß war offen - was kaum jemand wußte, während nebenan über die Köpfe der Kinder hinweg gelesen und verkauft wurde, was das Zeug hielt, was es versprach. Es wurde eng, auf dem Fußboden und auf dem Zifferblatt. Bald tarnten grüne Lichtbilder rote Herzen und Vorspiel 1 dröhnte feuchtes Gewabber durchs Rohr. Der Baum, das Schwein. Wüsten gehen ihnen voraus und Wälder folgen ihnen. Die Wiese aus Eichenparkett bog sich unter locker lockendem Geduze - immer noch nebenan. Oder unter dem gefühlten Gewicht der Leute, die sich unter hielten, sich nahe kamen.
Das hatte ein Nachspiel: "Wir wollen ein bißchen tanzen." Der Einlaß. Karten wollte nienmand sehen. Die Arena. Stecker rein und da sangen sie schon. Die Vorgruppen: Alanis Morissette, Pavement, Ghosthouse, es wurde nach Herzenslust getanzt, gelacht und schon mal geflogen (jedenfalls zu 50% - auf einem Bein halt), Socken und Ziehüber mittlerweile irgendwo im Saal ..... dann Aimee Mann. Titel 2 kam auf Touren - zapp - shut up - Stille. Und Irgendsohn Langhaariger legte eine Kassette ins Mischpult. Na geil. Deutschlandradio Berlin.
Aus mittenmang so einem Hörspiel geschnitten, zu verstehen war nix. Aber hast Du schon mal nach einem Hörspiel getanzt? Kein Quatsch! In welche Bewegung bringt Dich vermutlich das Wort "Mützenhaken" oder "Pulverschnee"? Oder: Wie tanzt das Tier in Dir? Oder: Woraus setzt Du Dich zusammen? (Lieber Freund der Psychophilosophie!) Nun gut, die Aufnahme war genügend miserabel - ein Auf und Ab von Störsendern, freien Elektronen des Stromstroms und schunkelnder Mechanik, daß man dem Rhythmus geben konnte. Zumal ein Didge in der Ecke stand, den erwachenden Totemtieren die Nüstern zu blähen. Und jeder hat es an dem Abend unterschrien: Wir stammen aus dem Urwald. Und zwar gewaldig!
Da das Umdrehen und minutenlange Spulen der Kassette nicht weiter auffiel, fiel auch erstmal nicht auf, daß die Perücke des Typen da unecht war, erst als er brassend eine affenartige Einladung ins Gewühl abwies, stutzten die rückenmarkgeführten Konzertbesucher: Ey! Der Haupt-Act! Mijikenda himself! Ja, leg los Mann!
Noch immer war die Musik nicht wirklich von analogen Selbstzerlegungsgeräuschen eines Hochspannungstrafos zu unterscheiden, aber getrieben von der Lust gelöster Verzücktheit auf dem Parkett entkleidete sich regenweiche + unbändige Musik (Romantical). Die zwar im halben Dorf zu hören war, jedoch nie lauter als das Quieken, Röhren, Kreischen, Blöken, Quietschen, Joiken, Würgen, Ursingen und Kunstschreien der Fans. Ungetrübten Frohsinns.
Als dann "The traz" lief, standen dem dunklen Wahnsinn beide Türflügel offen, der Hausherr senkrecht im Bett, Schaulüstlingen die Kinnlade auf halb Zwölf und Lapsus-Live-Verdorbenen Tränen im Hosenloch. Auf allen Vieren oder sich schlängelnd, würmelnd und rollend oder hüpfend, trippelnd und flatternd oder umschmiegend, umschlingend und stoßend oder balzend, wankend und sterbend - Feste lebend - während die Musik in aller Gleichmut ihres Schöpfers, der in allem Seelengrinsen am Boden saß und schaute, unablässig ihre Wellen mit denen des überbrandenden Gewühls paarte.
Irgendwann sind auch mal 27 Minuten vorbei.
Irgendwer ging schlafen.
Irgendwer aufn Tee.
Irgendwer nach Hause.
Mit halben Ohr noch das Kichern: "Wenn alle Samenstränge reißen, dann hilft nur noch Musik."
Wenn alle Samenstränge reißen...
Roland

Music is the Best

"Joe’s Garage" im Nürnberger Löwensaal
Die Anzeige im LOver 35 gab euch die Chance, der österreichischen Band Sex Without Nails bei der Aufführung des Muzzicals "Joe’s Garage" von Frank Zappa zuzusehen – wenn ihr denn zu einem der Veranstaltungsorte aufgebrochen seid. Ich bin es - zugegeben mit klarem Heimvorteil. Und es war ein zumeist spannender, auf alle Fälle positiv überraschender und zumindest musikalisch ausgezeichneter Abend. Die lokale Presse ließ zwar auch Worte wie "Studententheater" fallen und vermisste allen Ernstes die "Freaks" (In Franken!!! Kennt ihr den schon: Ein fränkischer Wirt guckt aus seinem leeren Gasthaus auf die Straße und sieht sechs Franken kommen. Er denkt sich: "Mein Gott, sechs Gäste und ich hab nur fünf Tische!"), aber für die allermeisten Gäste dürfte es ein freudvolles Erlebnis gewesen sein. Mit großartigen Gesangsleistungen von Michael Schubert (Joe), Gisi Weller (Mary & Nachbarin & Bald Headed John!!), Georgiy Makazaria (Larry & Pater Raily & Buddy Jones) und Anzo Morawitz (Officer Buzzis & L. Ron Hoover), einer mitreißenden Band und vielen guten Inszenierungseinfällen. Da blieben kein Auge und auch nicht das T-Shirt von Mary trocken. Hervorzuheben auch die stimmigen Hintergrundprojektionen von Fritz Fitzke – ganz in Zappaeskem Cover-Stil gehalten. Conrad Schrenk (musikalischer Leiter des Unternehmens) und Zebo Adam lieferten sich Gitarrenduelle verdammt nah am Original, Drummer Sigi Meier spielte sogar ein Solo auf seinem Kopf und die Klangteppiche von Keyboarder Johannes Kerschner lieferten, unterstützt von Andreas Huber an Percussion, Vibraphon und Marimba sowie Werner Laher am Bass soliden Zappa-Sound.
  Ausgeheckt hatte die Muzzical-Fassung Ludwig "Wickerl" Adam, der die Rolle des Central Scrutinizers übernahm und die Truppe zusammenstellte. Die deutsche Übersetzung der englischen Slang-Texte des Central Scrutinizers übernahm übrigens der Ägypter Sidi el Mahdi – so klein ist die Welt...
Überraschend war, dass diese seltsame Geschichte, die den American Way of Life mit Latex- statt Samthandschuhen auf die Bühne zerrt, selbst mit den wenigen Requisiten sehr plastisch und bildreich über die Rampe kam. Der Horrortrip von Joe und Mary ging schon nahe. Und den ziemlich perfekten Zappa-Sound macht der Band so schnell auch keiner nach.
Nach den Tourneen der Band – demnächst mit "Roxy & Elsewhere & More..." unterwegs, z.B. auf der Zappanale in Bad Doberan – könnt ihr auf http://www.joes-garage-muzzical.com Ausschau halten.

Sommerwind

Ein Wind
ganz träge streift über die See
mit lauen warmen Flügeln
Es ist ein Sonntag
für verwirrte
für Geister und Begeisterte
ein Fest der Farben, der guten Töne
ein Brummen, ein Summen, ein Zirpen
Irgendwo singt ein Hirte der verirrte
sich hierher und ertrank
die Wellen schwippschwapp
warfen ihn in der nächsten Bucht ab
Die alte Frau geht ihren Weg
hebt einen Stein nach dem anderen
sieht der Sonne nach
und stürzt die Klippen hinab
Nichts scheint sich mehr zu bewegen
hinterm Gestrüpp aus Papperlapüpp
Das Liebespaar sieht zum Himmelblau
herab fliegt die alte Frau
Die Möwen wurden heute fest gebunden
für ein paar Stunden
an Windflüchters Ast
der krachte ganz sachte
dem Fischer ins Boot
nun ist er tot
Und froh spielt am Strand das Kind
Sommerwind.
Ines Kohlmann  


ALEX IN BABYLON

Dämmernd sanft entblößt
sich die Erde im All ihrer Pracht
Der Anmut des Himmels gewandet
in schwebende Kleider
singen dunkelhaarige Frauen
meiner Liebe Lieder
Der warme Schimmer ihrer Haut
glänzt in der Abendröte
meines Unterleibes
zu lang vor der Nacht
rinnt mit dem Schweiß
die Armut des Staubes
zum Feuer in meinen traumlosen Augen
Eine Blüte treibt ins offene Wasser
Und dann gehen sie fort
einander anlachend
verschwinden hinter einem Haufen toter Soldaten
der das Kanalwasser staut
Der König er starrt gefangen in den Pupillen:
'Ach du Heilige Hochzeit!'
Endlich endlich auf den Dächern
fand ich das Gold gestohlen
nahm ich sie an mich
Krone und Ring massiv und schwer
wie eine Fußfessel
Mein Frühlingsboot schafft zerkrümelt
Ungeziffert
>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>Traumriß
Ich gab mich so gleich unterm Eis verloren
daß ich das Sterben erlebe ist das schlimmste
Ich gebe meine Liebe per Vers
Und ihr ist das
Baby Lohn
Ro Li B.

Fremdes Glas

Du siehst nichts von mir,
weil ich mit der Unendlichkeit zu Tanzen suche.
Du hörst nichts von mir,
weil ich schon fort bin bevor ich ging.
Auch wenn ich manchmal um deine Hand weine,
so kost ich lieber von scheinbar
jungfräulichen Augen,
denn fremdes Glas zerbricht man nicht zum Spass.

Thomas Pflaum

Rausch der Totgelebten

Noch befind ich mich im Rausch der
Totgelebten
fall seltsam spottend zwar, doch sicher noch
über eure Füsse,
die ihr vergaßt
aus dem Weg zu nehmen
nachdem ihr starbt.
Nichts wird mehr vergessen,
doch nicht als befreites Widerspiel der Dinge,
Sondern als bunt verzierte Abstraktion,
Die das Jetzt in Sorge um das Morgen
zurückgelassen hat.
Thomas Pflaum

Schrei

Der Rabe auf der Fensterbank
er sieht dich
träumt dir nach
verjagt ihn modriger Gestank
zerbricht Er
liegst du wach
Im Schnabel still so mancher Ton
er wünscht sich
dich zu retten
der Winter kommt
stets vor der Zeit
der Rab` kennt keine Ketten
Der Rabe auf dem Wipfel
bleibt stumm wohl
fliegt dir nach
versteckt man dich auf lichter Au
verlischst Du
liegt er wach
Im Aug` so stumm
des Herzens Gruß
wie bohrende Gewitter
der Rabe bleibt so
Feder-schwarz
nicht golden
nicht dein Ritter
spar dir dein Mitleid
wünsch es ihm
wollen die Wolken weiterziehen
er wartet wie erwacht
ein Schrei in dunkler Nacht
Thomas Pflaum

Der Schakal

und die Sonne, sie senkt sich am Abend
und die Schatten, sie fressen die Welt
und der Schmerz, er huscht gesichtslos
bis ein Blitz die Nacht erhellt
und der Wind schlüpft in die Schale
und der Krampf erballt die Faust
und im seidenmatten Saale
Wild das Herz am Schaffen zaust
Wer gibt eitel sich der Wunde?
Und ein Tropfen küsst die Bisse
Wie von selbst dreht sich das Rad
Wie von selbst wird Graus zu Grauen
Wie von selbst die Nacht zum Tag
Trübe blinzelt neu das Auge
in den jungen Sonnenstrahl
blickt ins Heut dann wie ins Gestern
und das Licht wirkt klar und schal
schmiegt sich wie das eigne Laken
und der Duft lockt den Schakal...
Thomas Pflaum


Nachruf I

Die Sonne ging hinter den Bergen auf
und dort ging sie endlich auch unter
die Orla folgt stetig und stumm ihrem Lauf
manch einer leidet still drunter
Die Helden sind längst von der Bühne gegangen
meinem Wunsch nach, blieb der Vorhang noch auf
ich steh’ vor der Bühne und schaue befangen
zum Ort der Tragödie hinauf
Welch Feuer, welch Kraft ward hier geboren
war alles und liegt jetzt zurück
Aus nichts wird jetzt und geht verloren
Bald spielt hier ein anderes Stück
Am selben Ort schauen andere Augen
in Alles wächst ein anderer Wert
und jene die heute schauen, können nicht glauben
das alles sich irgendwann kehrt
Was gäb’ ich drum, noch einmal zu schmecken
noch einmal zu fühlen, zu sein
ohne die Ahnung, das Morgen, den Schrecken
Denn heute wie morgen bedeutet: allein
Wie schön war die Welt, die ich kannte
als heute morgen noch hieß
als noch Erwartung zum Horizont rannte
am Tag bevor sie mich verließ
Thomas Pflaum

Zu Stein

wo bleibst du?
bist du schon gegangen?
es regnet
mir ist kalt
Wie lang bist du schon fort
soll ich noch warten?
ein bisschen?
mir fehlt deine schöne Gestalt
welcher Schnaps dich wohl ernährt?
welcher Stein dir Schutz gewährt?
was geht es mich an
welche Wand deine Hände im Blutrausch entehrt
doch was kommt dann?
wenn ich dich lieben soll, wie jeder geliebt wird vom Schwert?
ich stehe nicht vor
nein, ich liege in deinem Grab
ich bin der Schatten vom reihenden Tage
der zerbrach an den Farben der Nacht
nach dem Tag
der mit den Blumen die Vögel erfreute
man öffnet die Augen
und erblickt die verblassenden Häute
tief unterm Gras
zerfressen und blass
die Faust sprengt das Glas
und verwelkt im Druck der Leere
zu Stein
Thomas Pflaum


Soldheart

Was tut man nicht alles.
Hab ich mich schon abgeschrieben?
In Gedichtform gelesen aus meinen Falten?
Ich bin so verhalten, mein Verhalten zu lieben.
Wieso werde ich denn nicht verrückt?
Schade drum.
Lalala tralala.
Irgenddann bin ich tot.
Rührungslos, sprachlos und sehe blicklos,
was alles ich mit ins Grab nehmen muß.
Gescheitert bin ich dann?
Nee! Das Sterben fing einfach viel früher an!
Einsteigen, aussteigen, hinlegen, doof sein.
Sold heart to the one.
Sie konnt's nicht übersetzen:
"I gave all to the CD."
"I gave all for you."
Und Lachen auf mein "Ich gab alles für sie,
die eine meines Herzens"
Over.

Ro Li B.


Außer mich

Etwas vom Wunder,
bitte. Nicht wundern.
Blau der Himmel, blau das Mehr.
Und meine Taschen sind leer.
Von meinen Fäusten verlassen.
Das Knirschen verloren im Sand meiner Zähne.
Unwiderruflich treibt das Boot außer Sicht.
Kein Ort des Entsetzens außer ich.
Und die Seele hält still, ganz still,
jede Regung birgt Unheil.
Held das Seil.
Aber was?
Was ich da nur noch seh', Segel,
die der Mond in den Strand setzt.
Vom leibverborgenen Sonnenaufgang.
Ihre Tränen darauf blieben.
Im Hals mir stecken.
Niemals mehr schockiert sein
wegen überschäumendem Lieben!
Versteh' ich mich nicht.
Unantastbar übermüdet, überwacht.
Steh' ich noch immer am blauen Meer.
Leer.

Ro Li B.



Lebenszeichen Adrenalin

Glück gehabt, vorbei:
Mit sengenden Schürhaken
nimmer verendender Verzweiflung
in der verlöschen wollenden Glut
inmitten meines Bauches
rase ich dem Beginn der Nacht hinterher,
Mein Leben lang ins Schleudern gekommen
segle ich unter den Adrenalinstößen
tierisch erwachsener Geister
um die Betonmasten herum.
Ich habe nichts zu bremsen.
Sirene meines klopfenden Herzens
verleitet mich, daß es besser ist zu leben.
Oder so.
Aber:
Das Pendeln hängt mir zur Wirbelsäule raus.
Zu meinen Pflichten brüllend
brüllend vor Lachen
Stop!
Ruhigstellen. Ich muß
mich ruhigstellen.
Ro Li B.

SPUREN

Teil 2

Die allseits verdeckte Arbeitslosigkeit mußte in Brüssow auch die Zahnärzte und ihre Helfershelfer betroffen haben: Ich glaube, um nicht Däumchen statt Maschinchen zu drehen, wurde den Göhren, die sich nicht mehr und noch nie wieder zuzubeißen trauten, das Zähneputzen einfach mit dem Ausfräsen hängengebliebener Marschverpflegung ersetzt. Schon mit 12 Jahren waren mir sämtliche Kauflächen versiegelt worden. Mit Amalgam. Ich habe da nicht groß rumgezuckt, denn die Erde war eine Scheibe. Auf irgendsowas vertraute ich ganz fest.
Mein damaliger Freund Torsten war manchmal mit von der Landpartie zum Zahnarzt. Genau wie bei mir: erfolglose Probebohrungen, nachfolgend Bohrlochverschluß. Nur - Torsten hatte es drauf, 10 Minuten später im staubigen Bus mit einem Kaugummi (Buna Schkopau) seine Plombe rauszuziehen und wegzuschmeißen. Grinsend. Gesunde Abstoßungsreaktion (wer's glaubt...). Jedenfalls kein Wunder, daß er mich bei Crosskreismeisterschaften locker abhängte - der konnte ja mehr Kalorien bunkern.
Da der Mensch aus Essensresten besteht, könnte man auch an dieser Stelle auf ein paar Fragen kommen, he.
Ich hatte auch später in Berlin nie Zahnschmerzen, stellte jedoch mein Gebiß regelmäßig zur Begutachtung bei einer schönen, ernsten Zahnärztin zur Verfügung. Oder wenn hin und wieder kleine graue Metallstücke im Mund jählings dem Beginn einer Essensresteerzeugung eine Zwangspause setzten, saß ich bald darauf auf ihrem Stuhl. Obwohl sie sich meistens mit ihrem Unterarm auf meinen Unterkiefer stützte, um den Bohrhammer für ihre Untertagearbeit relativ treffsicher ansetzen zu können, und ich nicht in jedem Fall rechtzeitig meine Lippe dazwischen rauskriegte, überkam mich dort immer ein Lachenwollen, ein Beben, ein Gluckern: die Situation hatte für mich eine solch unbeherrschbare Komik, daß die Ärztin manchmal während den Prozeduren mit unzureichend kaschierter Verblüffung in mein fröhliches Grinsen starrte. Da befinden sich zwei einander völlig fremde Menschen in einem Raum, reden nichts, der eine hält still, öffnet seinen Mund und der andere fummelt mit seinen Händen ewig lange zwischen Zunge, Zähnen, Speichel, Lippen (und Essensresten) rum, als ob er was sucht, als ob er was brauchbares findet, montiert, verschwindet, zerrt, leuchtet, biegt, kratzt, schmiert, tut dabei so, als wäre nichts. Danach gibt man sich gerade noch die Hand. Und was wäre wohl, wenn ich angefangen hätte, in ihrem Mund auf Erkundung zu gehen? Nee, Zahnarzt hat Spaß gemacht! Es war auch ein sehr angenehmes Gefühl, während ihrer Seinsvergessenheit ihre Brust an meinem Oberarm zu spüren.
Das hinterließ keine sichtbaren Spuren, jedoch meine Backenzähne bestanden bald weniger aus elfenbeinimitierender Fassade und mehr aus buntmetallenem Kern. Kein Wunder, daß an diesem Übermaß von Quecksilbereinsatz sogar die DDR zu Grunde ging. Aber seltsam, daß die BRD aufblüht, je mehr von irgendwas verbraucht wird. Eben die beste der Welten, was? Vielleicht war die in ihrer Arbeit sehr direkte, nicht lange fackelnde Zahnärztin ja noch rechtzeitig über die Botschaften in Prag, Warschau, Bonn oder Hanoi in die Arme ihrer Freiheit geflohen und weiß bis heute nicht um ihren Beitrag zum Abnippeln des kleinen Reichs des Bösen.
Heute haben die Zahnärzte diesen Widerstandskampf wohl nicht mehr nötig. Mein volkseigenes Amalgam und zwei meiner privaten Weisheitszähne flogen einfach in die Specki-Tonne der Geschichte. Wurzeln wurden einfach gekappt, Fassaden mit Keramik verklinkert oder mit billigem Plastputz. Und solange nix wehtut, muß man auch nix tun.
In Bergholz gab es keinen Zahnarzt. Eher zwei Schmieden, eine Gärtnerei, eine Hühnerfarm, eine Kirche, eine große Schafherde, eine Schule, eine Gärtnerei, eine Post, einen Friseur, einen Konsum, einen Sportplatz, eine LPG, einen Bäcker, einen Schuster, paar Parteien, viele Kinder, zwei Friedhöfe und zwei Kneipen.
Eine davon wurde von zwei alten, dicken Kastanien beschattet, die rechts und links vorm Eingang die Welt erfüllten. Trat man in ihr Zwielicht, war das Dorf weit. Die Gastwirtschaft war wahrscheinlich noch älter als die Bäume, ein biberschwanzgedecktes Fachwerkhaus mit kleinen Sprossenfenstern und einer so niedrigen Traufe, daß ich der fast ins Moos greifen konnte. Zu der Patina, die das Dorf hier hatte, gehörten ebenfalls die beiden Bierreclame-Emailschilder, auf denen blonde Babies ihr Kulleraugenhaupt aus dem Bierschaum erhoben, die Finger ihrer Hände waren zu sehen, die sich am Rande des Seidels festhalten, VEB-Kindl-Brauerei auf dunkelgrünem Grund. Na sicher gab es zu der Zeit noch die hölzernen Fässer, wenn LKW+Hänger die flüssigen Grundnahrungsmittel brachten. Aber damals fing das mit den kleinen gummibereiften Alufässern an, die auch einen Abwurf aus 100 m Höhe über Äthiopien aus einer Mi vertrugen. Jedenfalls wußte ich endlich, wenn die da so Richtung Keller hopsten, was ich mir unter einer Tonne Gewicht vorzustellen hätte: so ein Alu-Teil aus Stahl.
Die Kneipe hatte einen Saal-Anbau hinten raus in den Hof. Der war nicht nur für Dorftanz gut, mit der neuen Zeit zog da auch der Schulsport ein. Am Parkett konnte ich mich gut mit den Zehenspitzen orientieren, um zum bereiten Sport frei zu sein, den mein Vater unterrichtete. Da gab es nicht nur Dressuren an Reck und Boden, es wurde auch gespielt. Sogar die Integration solcher Indianerspiele wie Basketball wurde uns Deutschgeborenen zugemutet. Da hingen irgendwann zwei nagelneue Körbe rum und wir durften uns schaffen. Da die weder TÜV, CE noch GS hatten, kloppte ich mir sofort während des ersten Reinmachversuches an der Korbeinfassung aus solidem SU-Stahl meinen linken Kleinen Finger kaputt. Aber nix Lalü Lalü zum Röntgen, auf weiteren Ausfall hoffend und Lehrer in Handschellen zur Versicherung, sondern erstmal Schmerz verbeißen, Stunden später Bewegungsversuche des dicken blauen Gelenks. Na, geht doch so. Einigermaßen. Aber war doch gebrochen. Ist dann schieflich zusammengewachsen. Fiel es Dir schon mal auf?Das war so anno 1969. Kastanien, Kneipe, Kindlkindsköpfe sind heute längst verschwunden, mein krummer Finger noch nicht. Mit dem konnte ich bislang gut leben. Ohne die Kastanien? Es sieht da in Bergholz jetzt sowas von Kacke aus wie in allen ordentlichen, geschönten, leblosen, gelifteten, asphaltunterspritzten, ausrasierten west- und nun auch ostdeutschen Dörfern, wehe. Schlimm.
Mit Versiegelungen atmen. Die Sauerstoffentsorgung des Gehirns.
Meine linke Hand stand meinem Weltveränderungsschaffen noch manches Mal im Wege oder zu träumend nah.
Kleinigkeiten waren Schnittwunden, die ich mir als Rechtshänder öfter mit irgendwelchen Messern beibrachte. Beim Schnitzen, Runkeln schneiden, Kaninchen schlachten. Nun kann man denken, wie dumm, wie ungeschickt. Ich denke eher, welch ruhige Hand, wenn ich auf jedem Quadratzentimeter Haut einen interessanten Schnittmusterbogen entdecken kann - die Finger offenbar aber alle noch dran sind.
Die Großigkeiten waren auch Schnittwunden, aber mit genügend Blutverlust, anatomischer Darbietung und erschreckendem Tiefgang, daß es mit einiger Hektik und ohne viel Überredung ins nächste Krankenhaus ging. Einmal, so etwa 96 erwischte ich beim Sicheln nicht Beifuß, Brennessel oder Wiesenschwingel, die permanent den frisch gepflanzten Firewall aus Sauerdorn, Heckenrosen und Schlehen bedrängten, sondern das Zeigefingergelenk. Es blieb alles ganz, nur ein dickes Stück Haut hing sinnlos in der Gegend rum. Die bleiche Gelenkkapsel errötete rasch. Bewegen konnte ich noch alles, aber nicht lange hinschauen erstmal. Die Sonne schien, mir wurde trotzdem schlecht, und Antje fuhr mich und meinen mittlerweile dickumwickelten Finger nach Demmin. Jedenfalls bis in den Wald, da blieben wir stecken, festgefahren. Vielleicht zu nervös, wir wechselten die Plätze. Trabant, Vorderradantrieb, da mußte was gehen. Ging auch. Wir wechselten wieder die Plätze. In der Notaufnahme ein junger Chirurg, der schluckt, ich will keine Tetanus, der schluckt, ich will keine Narkose, der zittert beim Nähen, obwohl ich alles alles unterschrieben habe. Daß die dicke Haut einfach wieder angewachsen ist, wundert mich noch heute. Ich war sicher, daß sich darunter was neues bilden müßte, so wie die aussah.
Das andere Mal, paar Jahre später, auch in Zarnekla, Marlin war schon geboren, federte beim Holzhacken die Spaltaxt ("Ochsenkopp") von einem Aststück im Holzkloben zurück und landete auf meiner linken Hand, die das Holz hielt, schräg über Ring- und Kleinen Finger, zwei Gelenke getroffen, viel Blut, viel Aua, viel "Scheiße! Scheiße!! Scheiße!!!". Ein Glück, daß mich Nathalie beruhigen und fahren konnte. In der Notaufnahme eine Ärztin, alles halb so schlimm. Ich könne doch alles bewegen, die Knochen fühlen sich ganz an, nähen? - mit solchen Kleinigkeiten hätte ich auch Zuhause bleiben können, Pflaster. Und mit Kernseife ausbürsten, lag mir wieder als Unterhaltungsbeitrag auf der Zunge. Tatsächlich sind heute diese Narben eher unscheinbar. Lediglich das Ringfingergelenk hat beim Beugen leichte Spannung.
Wenn nun eineR denkt, mit Frauen hat Mann immer dieses Glück, der die das sollte sich mal meinen linken Unterschenkel anschauen.
Roland
(Fortsetzung folgt.)






Re ¤ act ¤ or

Hallo Roland, Du, mir hat der Lover gefallen. Matthias

Liebe Lapsusinen! Schön, daß es den LOver noch gibt! Im Kampf um die Domestizierung, der Zivilverteidigungen und Naturen. Da hat der Papst (Foto Seite 5) gut Schlitzohr.
Was mir einfällt - ist des LOvers Bestreben also nicht "Tagesaktualität" sondern (gesunde oder heilende) Resignation – der Zeichen der Zeit? Also nicht "nur" bewußt seins erweiternd, wie im Manifest angezweifelt und beschrieben? Nullsetzen dieser verdammten Mainbrainkacke? Mir gefällt natürlich das Logo des Odyssee-Verlages!
Und auch jedenfalls freue ich mich schon, dabei zu sein, wie es weitergeht. Roland

Hallo Roland
, tja, was will er eigentlich, der Leopold? Was wollte er 1980, was ‘89, was ’94? Bestimmt mehr als nur ein Familientreffen, einen bloßen Plattentausch, eine bloße Fete. Eher eine Platt(en)form, sich nahe zu kommen, nahe zu bleiben. Un-platte Inspiration und Einsichten zu empfangen und zu geben. GleichgeSINNte zu treffen, etwas mit ihnen vom Kopf auf die Beine zu stellen. Ohne Berührungs-Ängste. Ein Fest für Fairrückte mit Mut zum LAPSUS. Zu wenig? Zu viel? Ein VerSuch(en). Achim

hallo joachim
, ... im w.w.w.de=wer.weiss.was suchte ich wieder mal den sänger des melancholischen refrains "schwarzer engel der trauer", den ein wiener barde vor ca. 20 jahren gesungen hatte. dabei gugelte ich nochmals und staunte nicht schlecht, als es tatsächlich eine fundstelle gab, und zwar euren lover [35]. auf den ersten schnellen blick ein gruftiges fanzine, erstmal nix dagegen, auf den zweiten blick ein staatskritisches samisdat, schon gar nix dagegen. die tiefen der poesie, lyrik und verletzungen blieben mir allerdings bei meinen schnellen blicken verborgen, muss mich mal des nachts damit beschäftigen. wahrscheinlich bin ich als ungebrochener alt68er, als streitsüchtiger pazifist, als globalisierungsgegner, usw bei euch nicht ganz falsch. ... jetzt habe ich gerade deine http://www.lapsus-gil.de/eigenart/ diagonal durchschritten – du wirst mir immer sympatischer. ... nanuwollnwirmal wieder arbeit vortäuschen... mfg:peter [henri]


Einmal möchte ich dich wiederschauen,
Park, mit den alten Lindenalleen
und mit der leisesten aller Frauen
zu dem heiligen Weiher gehen.
Rainer Maria Rilke

Freikauf unseres ausgewilderten Parkes in Drosedow

1 Oiro für 1 m² Baum
Wir - der I.G.E.L. e.V. in ZarNekla - haben im Herbst vergangenen Jahres mit der Treuhand den Kaufvertrag über den alten Gutspark in Drosedow unterschrieben. Das sind: etwas mehr als 2 ha mit 7 denkmalgeschützten Bäumen, einem Teich, einem Brunnenrondell, verwachsenen Wegen darinnen, einem Stück Lindenallee davor und einer anliegenden alten Streuobstwiese - in dem kleinen, etwas verlassenen, naturnah abseits gelegenen Nachbardorf.
Uns geht es mit dieser Tat ums Bewahren vor Zerstörung, um das Wiederbeleben eigentümlicher Vielfalt von Pflanzen und Tieren, das teilweise Wiedereröffnen von Erfahrungsräumen der Natur und Parkkultur für interessierte Besucher jeden Alters. Und darum, daß Bäume weiter und wieder in Würde alt werden können, daß Menschen die Möglichkeit bekommen, ihren Baum zu pflanzen (oder durch uns pflanzen zu lassen), welchen sie Nachkommenden hinterlassen und der sie noch um Jahrhunderte überdauern kann.
Um den Kaufpreis begleichen zu können, mußten wir uns vorerst das Geld - zinslos - borgen und rufen weiterhin zu großzügigen und grünherzigen Spenden auf: 1 Oiro für 1 m² Baum!
Bislang müssen wir noch etwa 4.600 Oiro zusammenbekommen; also Menschen, die zur Erhaltung einer lebenswerten Welt konkret beitragen wollen, können das hier und jetzt sinnvoll tun!
Jedermensch, der auch "nur" Infos oder Fotos oder Wegbeschreibungen bekommen möchte, kann sich gern bei uns melden. (bei Briefpost bitte an Rückporto denken!)
Einige Fotos könnte ich per eMail verschicken.
Ostern oder Fingsten wären gute Gelegenheiten für Parkspaziergänge und für tätige Parkhüter.
Kontakt: I.G.E.L. e.V., Dorfstr. 19, 17121 Zarnekla; 039998 / 104 87; igel@lapsus-gil.de
Spenden: Konto: 1039482; BLZ: 150 616 38, Volksbank Greifswald; Inhaber: I.G.E.L. e.V.
Verwendungszweck: "LandFreikauf" ("+Q" - Quittungswunsch)
http://co-forum.de/index.php4?LandFreikauf
Ro Li B.

CD-Kritik

Lieber Leo, lieber Lapsus!
Wes CD's ich vertreibe, des Lied ich singe. Was ist mit Deinem Musikgeschmack los, Leo? Nestbeschmutzung gehört sich nicht? Da gefällt dann sogar "Tastenquälerei" auf etwas einfallslosere Art als dazumal von Schulzes Klaus? Seltsam, nach dem fünften Bier sind alle Frauen schön und LAPSUS ist einfach rundum gülden.
Also ich kann Dirks 11 weniger abgewinnen als unter Deiner Regie allenthalben im Loben verkündet wird.
Ich empfinde sie für ruhige Abende gänzlich ungeeignet, da die Musik nicht ("meditativ") auf den Punkt kommt. Mich macht sie damit kribbelig und sogar unzufrieden. Sie verspricht manchmal was, aber dann bleibt es doch bei der Aneinanderreihung von vielen Tönen, Klängen, Harmonien, bei der ich immer schon weiß, was kommt, kommen muß, also auch nicht kommt. Für mich unterscheiden sich die einzelnen Stücke kaum im Aufbau, gar nicht im Stil, kaum in der Melodie. Um aus dieser Unzufriedenheit mein Verlangen nach mehr, nach Repeat-Taste zu machen, fehlen Spannung, dramatische Kicks, orchestraler Overdrive, ein voller, satter Sound (versus des verhaltenen von Dirk).
Von Tang gefällt mir nicht das meiste, aber der Vergleich mit ihnen entlarvt den Kritiker im LOver 35 für mich als ziemlich oberflächlichen Spinner. Ich habe jedenfalls weder eine "getragene Stimmung" erlebt, vielleicht weil einfach die Ideen fehlten, die über die Aneinanderreihung und Austönerei hinausgehen, noch wurde ich irgendwo "nachdenklich" oder ist sie für mich "beschaulich", weil einfach keine Bilder auftauchen. Was mich nachdenklich macht, ist mein vielleicht gar nicht vorhandenes Musikverständnis. Warum geht "eskalation" nicht noch 3:11 weiter? Warum endet "epiklese" nicht schon 2:04 früher? Ich habe wirklich keine Ahnung! Oder warum nicht 20 Titel auf der Scheibe sind (Quersumme) oder warum nicht nur 2 oder was hinter der Reihenfolge steckt oder was mir entgeht, wenn ich etymon 1 und 2 vertausche. Muß ich Psychologie, Musiktheorie und deutsche Elektroniker studieren, um von meiner puren oberflächlichen Betrachtung überhaupt runterkommen zu können?
Aber trotzdem frage ich Dich: Und für Dich sind das wirklich "Perlen"? Das kann ich beim besten Willen nicht glauben und werd's auch nicht. Roland

Fingsten 2004 in Zarnekla?

Wer Ja sagt, muß auch Bescheid sagen.
Ich habe wieder Lust auf ein "LAPSUS live" in Zarnekla. Wer noch?
Die Türen sind offen, ein Koch ist schon vergattert, Idee gibt es genug, herzliche Einladung steht. Hier.
Roland

Und wie sich in den letzten Tagen herausstellte, hat nicht nur Roland diese Lust. Andere Lustige waren von der Wiederaufnahme von LAPSUS LIVE in den Terminplan auch sofort angetan. Weil das nun mal etwas außergewöhnliches ist, so oder so, wie immer.
Im LOver 37 kann ich dann hoffentlich von den Vorhaben künden, die dieses Fest ausfüllen sollen. Ich versuche wieder mal, Literatur und Musik zu kombinieren. Demnächst genaueres dazu. So viel sei schon verraten: Es geht um Schrott und Sphärenklänge, um Haltung und Slomo-Country.

1980 beim ersten LAPSUS LIVE war ich 22 Jahre jung. Heute ist meine Anna, seit 1982 stets dabei, in diesem Alter. Ich fände es total Klasse, wenn sich die nächste Generation dieses seltsame LAPSUS LIVE langsam, aber sicher, unter die Nadel reißen würde, es mit Schwung zum Drehen brächte und aus dieser alten Schelllackplatte wieder höchst lebendige Töne kitzelte.

Hiermit ist der Ideenwettbewerb LAPSUS LIVE #21 eröffnet. Einsendeschluss für das voraussichtliche Programm ist der 1. Mai 2004. Aber wie immer kann bis zur letzten Minute alles anders kommen. Also, liebe Lappen und Susen, ladet euch gegenseitig freundlich ein, besonders die, die ihr nicht recht leiden könnt. LAPSUS ist anders...

Bescheidsagungen bitte direkt an Roland Gorsleben, Dorfstraße 19, 17121 ZarNekla, Ro_Li_B._@t-online.de, 039998 / 104 87.
Achim

Copying MUSIC is Killing MUSIC!?

2002: Als beste Künstler werden Madonna, Herbert Grönemeyer, Tom Jones, Cher, und Santana ausgezeichnet. Zu den Top-Hits gehören Westlife mit "Uptown Girl", die No Angels mit "All Cried Out", Kelly Osbourne mit "Papa Don't Preach", Madonna mit "American Pie". Die Musikindustrie erfährt zum ersten Mal nach einer langen Boomzeit einen Umsatzrückgang. Als Hauptursachen macht sie das in Mode gekommene Kopieren von CDs und das Tauschen von Musikdateien im Internet verantwortlich. Um den Kids klar zu machen, daß das Kopieren von Musik letztendlich die Künstler schädigt, startet die Industrie die Kampagne "Copying Music is Killing Music".
2003: Die Musikindustrie zeichnet Herbert Grönemeyer, Nena, Kim Wilde, Ozzy Osbourne und Metallica als beste Künstler aus. Das Album Nr. 1 ist Nena mit Remixen ihrer größten Hits. In den Hitparaden finden sich neben Alexander, Juliette und Daniel K. auch Jeanette Biedermann mit "Rock my Life", das stark nach Roxette klingt. Weiterhin gehören Lichtenfels mit "Sounds like a Melody", Outlandish mit "Aicha", Kraftwerk mit "Tour de France 2003", KCPK mit "We will Rock You" und Murphy Brown mit "Axel F 2003" und Culture Beat mit "Mr. Vain Recall" zu den Tophits.
Die meisten CDs haben Kopierschutz. Seit August ist das Kopieren kopiergeschützter CDs verboten, ebenso das Herunterladen von Musik aus dem Internet. Der Umsatz der Musikindustrie geht um weitere 15%
zurück, besonders bei Hit-Kompilationen mit 47%.
2004: Die Musikindustrie zeichnet Herbert Grönemeyer, Marius Müller-Westernhagen, DJ Bobo, Marianne Faithfull und Pur aus. In den Charts stehen das Hollywood Dance Project mit "Relax Reloaded", Kajagoogoo mit "Too Shy 2004", Nena mit "Haus der 2004 Sonnen" und Nico W aus "GZSZ" mit "Ich vermiß Dich wie die Hölle" lange Zeit ganz oben.
Mit Hilfe einer automatisierten Sauger-Suche kann die Musikindustrie alle Nutzer von Tauschbörsen ausfindig machen. Fünf Millionen Haushalte in Deutschland erhalten daraufhin Post des Münchner Anwalts G., der ultimativ die Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung einfordert und die Erstattung von Auslagen über 583,74 Euro.
Die Tauschbörsen brechen zusammen. Die Hälfte aller T-DSL-Anschlüsse wird gekündigt. Der Umsatz der Musikindustrie geht um weitere 10% zurück.
2005: Es werden Herbert Grönemeyer, Tom Jones, die Supremes, Suzi Quatro und Elvis Presley als Künstler des Jahres ausgezeichnet, dazu Status Quo mit dem Innovationspreis des Musiker-Managements. Die Charts führen an Peter Maffay mit "So bist Du 2005", Roberto Blanco mit "Ein bißchen Spaß muß wieder mal sein" und Zarah Leander mit "Ich weiß, auch 2005 wird ein Wunder gescheh'n."
Der Umsatz der Musikindustrie schrumpft erneut um 50%.
Die Trend-Scouts entdecken, daß unter den Jugendlichen 60er- 70er- 80er und 90er- Revivals in sind. Sie treffen sich zu FlowerPower-, Disco-, New Wave- und Rave-Parties und hören die CDs ihrer Eltern. Original-CDs und LPs der vergangenen vier Jahrzehnte werden verstärkt bei Ebay gehandelt. Es wird vermutet, daß die Kids die CD erwerben, kopieren und dann weiterverkaufen. Das ist legal, da die alten CDs keinen Kopierschutz haben und nur Originale angeboten werden.
2006: Die Musikindustrie bringt ein neues Tonträgerformat heraus: Die "Smart CD". Sie benötigt spezielle Abspielgeräte mit Internet-Anschluß. Die Smart-CDs lassen sich nur abspielen, nachdem vorher eine Lizenz über das Internet gekauft wurde. Lizenzen gibt es nur noch temporär, es ist nicht mehr möglich, ein Musikstück "für immer " zu erwerben. Dafür werden die "Smart-CD"-Spieler im Bundle mit einem Musik-Abo für einen Euro angeboten.
Als erfolgreichste Künstler werden Herbert Grönemeyer, die Scorpions, Mark Oh, Oli P. und Peter Kraus ausgezeichnet. Die Charts werden beherrscht durch Songs wie "Flugzeuge im Bauch Ultimate Edition" mit Herbert Grönemeyer, Oli P. und Xavier Naidoo, "You Keep Me Hanging On" mit den Supremes, Kim Wilde und Sinema sowie "Anyplace, anywhere, whatever" von Nena, Kim Wilde und Jan Delay.
Aus Anlaß der Fußball-WM wird mit großem Marketing-Aufwand eine neue Latino-Salsa-Welle propagiert, mit Carlos Santana und Richie Valens ("La Bamba World Cup 2006 Mousse T. Remix") als Galionsfiguren. Obwohl Brasilien zum sechsten Mal Weltmeister wird, hat die Welle nur mäßigen Erfolg.
Der Absatz der Musikindustrie sinkt weiter.
2007: Mit Hinweis auf die vielen bedrohten Arbeitsplätze setzt die Musik-Lobby ein Gesetz durch, nachdem der Rückruf einmal erteilter Lizenzen möglich ist. Prompt widerruft die Industrie alle bisher erteilten Lizenzen auf nicht kopiergeschützte Tonträger. Damit werden alle älteren CDs und alle LPs illegal, ebenso Plattenspieler und CD-Spieler, die nicht dem "Smart CD" Standard entsprechen. Im Austausch für ihre Original-CDs bietet die Industrie CD-Besitzern eine Einjahreslizenz für die auf der CD vorhandene Musik an.
Nach einer erneuten Abmahnwelle der Kanzlei G. aus M. bricht der Tonträgerhandel über eBay zusammen.
Auf die Veröffentlichung von Charts und die Auszeichnung von Künstlern wird verzichtet. Zunächst einmal müssen die Lagerbestände an CDs abverkauft werden.
2008: Musik wird in Deutschland nur noch im Radio oder bei Konzerten gehört. Das Radio verliert aber an Popularität, seit die Industrie die Sender zwingt, nur noch neueste Produktionen zu spielen und über diese drüberzusprechen, damit das Aufnehmen mit Tapedecks verhindert wird. Konzerte sind fast unbezahlbar geworden, da das gesamte Management von den Eintrittspreisen mitbezahlt werden muß.
Dagegen häufen sich die sogenannten "Open Jams", spontane Zusammenschlüsse von Hobby-Musikern, die auf öffentlichen Plätzen mit Gitarre, kleinem Schagzeug, Keyboard, Saxophon etc. Musik spielen und von begeisterten Zuhörern gefeiert werden.
2009: Die Musiklobby setzt beim Gesetzgeber das Verbot öffentlicher und privater Performance urheberrechtlich geschützen Materials durch. Musikinstrumente werden mit einer Urheber-Abgabe belegt, da man ja eine Gitarre etwa zum Raub-Abspielen von Stones-Songs missbrauchen kann. "Making music is killing music" lautet die begleitende Kampagne, die den Leuten Unrechtsbewußtsein beibringen soll.
2010: Um Arbeitsplätze bei Musikern zu schützen, wird Musikunterricht rationiert: Es dürfen nur noch so viele Nachwuchsmusiker ausgebildet werden, wie der Markt braucht. Da dieser schneller schrumpft als die Musiker wegsterben, bedeutet das faktisch ein Verbot des Musikunterrichts. Hunderte Musikschulen werden geschlossen.
2011: Sarah Connor versucht mit "Terminate Me" einen neuen, nicht gecoverten Song herauszubringen, wird aber dafür von den Anwälten der Musikrechteinhaber verklagt, die es nicht erlauben, daß neue Urheber am kleiner werdenden Kuchen mitverdienen wollen. "Composing music is killing music" heißt das Schlagwort der Inhaber alter Rechte. Sarah Connor gewinnt den Rechtsstreit, wird aber kurz darauf unter mysteriösen Umständen ermordet aufgefunden. Von nun an traut sich niemand mehr, neue Songs zu schreiben.
2012: Die Eltern des 6-jährigen Wolfgang Amadeus Moherb, des "Jugend-musiziert"-Siegers, werden zu 150.000 Euro Schadenersatz an die Musikindustrie verurteilt, weil sich herausgestellt hat, daß ihr Kind erst seit eineinhalb Jahren musiziert, also nach dem Inkrafttreten der Unterrichts-Rationierung. Seine Lehrerin, die Violinistin Anne-Sophie Mutter, entzieht sich einer Gefängnisstrafe durch Flucht in den Irak, dem einzigen Land, das nicht unter Kontrolle der westlichen Wertegemeinschaft und damit der Musikindustrie ist.
2020: Nahezu jede tonliche Äußerung, darunter Motorgeräusche, Trittschall, Türschließgeräusche und gesprochenes Wort, sind unter urheberrechtlichen Schutz gefallen. Eine Tür zumachen darf quasi nur noch, wer nachweisen kann, daß der dabei erzeugte Schall nicht dem von Porsche patentierten ähnelt. Die einzigen lizenzfreien Worte sind "der", "die", "das", "und" und "hallo". Die Gespräche von Menschen, die sich das "Deutsche Sprache Abo" nicht leisten können, sind daher fast unverständlich geworden. Überhaupt ist es sehr still geworden, da fast jede Schallerzeugung das Risiko einer Abmahnung durch den Münchner Justizkonzern G. und Söhne mit sich birgt.
Die Anwälte der Ton und Schall Industrie-Gemeinschaft machen Jagd auf Park- und Waldbesitzer, die in ihren Anwesen das illegale Singen von Vögeln dulden.
2050: Europa und die USA sind in einem Handstreich vom Irak eingenommen worden. Die Iraker brauchten nur einen einzigen Muezzin, um die halbe Streitmacht der Westmächte auszuschalten, die sich, an Schall nicht mehr gewöhnt, mit zugehaltenen Ohren am Boden wälzte. Die andere Hälfte und die zivile Bevölkerung wurden dadurch gewonnen, daß man ihnen Kinderlieder vorsang. Die Menschen fingen an zu weinen und den Invasoren auf Knien zu danken, für diese neue und wunderbare Gabe, die sie so lange vermißt hatten. Seither ist der Islam die größte Weltreligion und das Reich Allahs unter der weisen Herrschaft des Kalifen von Washington schwingt sich auf zu neuer Blüte.

gefunden von Achim

Der Schallplattenmann sagt

Liebe Leute,
dass der Plattenindustrie außer Jammern und dem Fingerzeig auf den Beelzebub Download nur noch der Gang vor den Kadi einfällt, ist bekannt. Dabei weiß sie schon, wohin die Reise hingeht: "Die eigentlichen Einnahmequellen könnten der Verkauf von Fanprodukten oder Abonnements von exklusiven Inhalten auf den Fanseiten sein oder Live-Konzerte im Abo-Kabelfernsehen", schreibt Thomas Fischermann in seinem Buch "Next Economy. Der zweite Anlauf zur Internet-Revolution" (Berliner Taschenbuch Verlag). Waren bislang die Merchandising-Einnahmen bloß Nebeneinkünfte, so werden sie in Zukunft zumindest bei Produktionen für den Massengeschmack die Haupteinkünfte sein. Die Musik ist dann bloß noch das Vehikel für den Verkauf. Sie wird von den Sponsorfirmen der Stars gleich mitvertrieben und sinnvollerweise gratis zum Download angeboten – als Anheizer für den Produktverkauf. "Science Fiction?", fragt der Autor und gibt gleich selbst die Antwort: "Die Musikfirma EMI hat einen Vertrag mit dem britischen Popstar Robbie Williams geschlossen, der sie auch an all seinen Einnahmen aus Veröffentlichungen, Tourneen und dem Verkauf von Fanprodukten beteiligt. Und der Universal Music-Chef Doug Morris hat schon angekündigt, er werde seine Beziehungen zu den Herstellern von Konsumprodukten weiter ausbauen." Damit wäre die Musik von Britney & Co. an der richtigen Stelle eingeordnet.
Aber was passiert mit den tatsächlichen Künstlern? Die werden ihre Fangemeinde selbst bedienen, wie einige der jetzt schon von Plattenfirmen geschassten Kollegen (Prince, Marillion, Kelly Family, Natalie Merchant, Pete Droge) – und die herkömmlichen Plattenfirmen "werden Dienstleister und Vertriebskanäle für Bands", zitiert der Autor Mark Kelly von Marillion. Das klingt vernünftig und gut: Alle Macht den Künstlern und die Deppenarbeiten denen, die sie verdienen. Für's Päckchen packen und die rechtzeitige Lieferung zur Post sollte die Kreativität der Major Labels reichen. Und wenn Mark Kelly recht hat, müssen wir uns um die kleinen Labels auch keine Sorgen machen: "Qualitätsanbieter wie Blue Note werden überleben". Eine schöne Woche! [ms]
Quelle: #367, 17.11.2003

Mit 5 Klammeraffen (@) kennzeichnet Der Schallplattenmann superbe Veröffentlichungen. Der Rezensent hält die so eingeordneten Tonträger schlicht für einen potentiellen Meilenstein der Musikgeschichte - was meist an der großartigen Musik liegt. Im LOver 30 gab's letztmalig diese Tipps. Hier sollen fast alle 2003 gepriesenen Titel kundgetan werden.       

Boubacar Traoré "Je chanterai pour toi"

(Afro-Blues aus Mali – so entspannt wie eindringlich, Marabi)
Für den biographischen Film "Je chanterai pour toi" (etwa im Mai 2003 in den Kinos) begibt sich Boubacar Traoré an die wichtigsten Stationen seines Lebens. In Bamako besingt er seinen verstorbenen Bruder ("Kalilou"). Er erinnert sich in Kayes an die Auftritte mit dem Kalebassen-Spieler Madieye Niang ("Je chanterai pour toi") oder besucht Ali Farka Touré in dessen Heimatstadt Niafunké ("Diarabi" und "Duna Ma Yelema"). Zum wahrscheinlich ersten Mal auf einem Album ergänzt der seinen ersten Ruhm begründenden "Mali Twist" die aktuelleren Songs. Traoré spielt seine bluesigen Chansons mit großer Gelassenheit und bringt seine melancholisch klingenden, durchweg getragene Lieder mit einer eindringlichen traurig-brüchigen Stimme.
Neben Ali Farka Touré begleiten den African-Blues-Man auch andere Musiker aus Mali: der Kora-Spieler Ballaké Sissoko, der Kalebassen-Spieler Madieye Niang, die Sängerin Rokia Traoré oder auch Kélétigui Diabaté, der "Lionel Hampton des Balafons".
http://www.jechanteraipourtoi.com [ms]

Madredeus & Flemish Radio Orchestra "Euforia"

(Madredeus meisterlich orchestriert – DVD, Capitol)
Ich muss ja gestehen, dass ich bei der Veröffentlichung von "Electronico", diesem seltsamen Chill-Out-Remix-Album von Madredeus etwas enttäuscht war, doch mit dieser neuen Live-DVD "Euforia" tilgen Madredeus nicht nur den kleinen Makel in ihrer Diskografie, sie präsentieren eine regelrechte Perle, die zu den allerschönsten Sachen gehört, die unter ihrem Namen veröffentlicht wurden.
Über 2 1/2 Stunden feinste Madredeus-Kunst (insgesamt 25 Songs) mit einer wundervoll arrangierten Orchesterbegleitung, die das Zuckersüße stets unterlässt und stattdessen klug akzentuiert und verstärkt. Dazu die brillant aufgelegten Madredeus-Musiker um die Ausnahme-Sängerin Teresa Salgueiro, ein warmherziges flämisches Publikum und eine bezaubernde Kulisse in der Stadsschouwburg in Brügge, perfekt gefilmt und (last but not least) mit einer sehr schönen Setlist. Eine DVD, die keine Wünsche offen lässt, außer vielleicht den Wunsch selbst dabei gewesen zu sein. [sal]
s.a. Madredeus "Electronico" [#301: @@]

Chris Cutler "Solo"

(Environmentexperimentalschlagzeugsolo, ReR)
Der Name des Schlagzeugers Chris Cutler ist mit stilbildenden Bands verbunden. Er hat Henry Cow gegründet und mit Heiner Goebbels bei Cassiber gespielt. Er hat neben vielen anderen mit Lindsay Cooper, Pere Ubu, Peter Blegvad, den Residents und Fred Frith gespielt und war in seiner über 30-jährigen Musikerkarriere an gut 100 Plattenaufnahmen beteiligt. Jetzt hat er sein erster Solowerk vorgelegt. Es ist nicht ein großes, umfassendes Schlagzeugsolo, wie man es von einem Drummer erwartet. Cutler entwickelt Klangräume, akustische Environments.
Neben Drums und Becken setzt er gleichberechtigt 'Instrumente' wie Geigenbögen, batteriebetriebene Cocktailmixer, Pingpong-Bälle oder eine Feuerglocke ein. Alles wird mit Tonabnehmern versehen und durch Effektgeräte gejagt, die genauso wichtig sind wie die Klangerzeuger selbst. Dadurch entstehen hypnotische Klangkulissen aus Strukturen und Klängen, die nur selten ausgesprochen perkussiv sind.
Es quietscht, blubbert und zirpt, ist mal einschneidend hell,dann wieder ruhig und kontemplativ – und es ist niemals langweilig. [ms]

Midnight Choir "Waiting For The Bricks To Fall"

(Folk – Ich rezensiere in Ehrfurcht, Glitterhouse)
Norwegen rockt! Nein, nicht Turbonegro und Konsorten, sondern inzwischen auch die Leisetreter. Nachdem Madrugada auf ihrem aktuellen Album schon ordentlich losscheppern, haben sich auch Midnight Choir einen großen Schritt von ihrem symphonischen Klang entfernt. Sollen doch die Isländer elegische Popsongs machen, Midnight Choir haben dieses Feld kampflos geräumt und sind auf ihrem fünften Album deutlich in die härtere Ecke gerückt. 'Hart' nicht im Sinne von wilden Gitarren, sondern 'hart' im Sinne von mystisch und düster. Waren die Songs der beiden vergangenen Alben verträumte Kunstwerke für einen Spaziergang am Fluss, so fordern die zehn neuen Stücke den Hörer deutlich mehr heraus. Tiefe Abgründe tun sich auf und machen "Waiting For The Bricks To Fall" zu einem wahrlich düsteren Album. Paal Flaata wälzt sich in Schmerzen, und einen Song wie "Last Chapter" wird dem Hörer mit einer Wucht vor den Latz geknallt, dass der nicht weiß, wie ihm geschieht. Nick Cave oder Joy Division waren bisher keine Vergleiche, die man sofort mit Midnight Choir assoziiert hätte, aber auch diese Parallelen umschrieben ein großartiges Album nur unzureichend. Selbst der getragene Wohlklang von "A Long Time Ago" behält etwas Angst einflößendes. Oder, um es mit den Worten der Band zu sagen: "Some of the emotions displayed in the music may not be suitable for everyone." [dmm]
s.a. Midnight Choir "Unsung Heroine" [#224: @@@@@], Madrugada "The Nightly Disease" [#245: @@@], Nick Cave And The Bad Seeds "Nocturama" [#328: @@@@]

The Minus 5 "Down With Wilco"

(Eine Supergroup des Indie-Pop, Cooking Vinyl)
Scott McCaughey ist ein vielbeschäftigter Mann, er steht bei REM an den Keyboards, ist Kopf der Young Fresh Fellows und dann gibt es da noch The Minus 5. Mit denen hat er vielleicht das beste Album seines Lebens gemacht und zu der Supergroup aus Seattle mit REM's Peter Buck und The Posies' Ken Stringfellow gesellte sich, neben weiteren großen Musikern, die komplette aktuelle Wilco-Besetzung. Wer meint, sowas kann nur schief gehen, der irrt. McCaughey behielt den Hut auf und hat ein zauberhaftes Album geschaffen, das in diesen Tagen seinesgleichen sucht. Man verortet es eher in die 1960er mit den drei großen Bs (Beach Boys, Beatles, Byrds). Mir klingt es als Konzeptalbum "in three halfs" nach einer Mischung aus Ray Davies' Texten (z.B. "Retrieval Of You") und der Musik von "Odgens Nut Gone Flake" der Small Faces (so "The Twon That Lost Its Groove Supply"). Nebenbei verarbeitet McCaughey mit dem Opener "Days Of Wine And Booze" den 11. September. Die Bands verschmelzen zu einem großartigen Klangkörper, der den Mittelpunkt Scott McCaughey so intensiv wie möglich und so zurückhaltend wie nötig umschmeichelt. Jeff Tweedys Stimme wirkt dabei meist im Hintergrund als Konterpart und rundet das Ganze ab. "Down With Wilco" gelingt es, den Hörer richtig glücklich zu stimmen.
In seiner nach außen offenen Wirkung ergänzt das Album Jeff Tweedys verschlungenes und in sich gekehrtes Meisterwerk "Yankee Hotel Foxtrot", beides große Platten, die in keiner Sammlung fehlen sollten. http://www.cookingvinyl.com/minus5 [hb]
s.a. R.E.M. "Reveal" [#246], The Posies "Alive Before The Iceberg" [#228: @@@], Wilco "Yankee Hotel Foxtrot" [#291: @@@@@]

The Boggs "We Are The Boggs We Are"

(Rauher, eindringlicher Blues und Folk – zeitlose Volksmusik, Rykodisc)
Dass The Boggs aus New York kommen, ist kaum zu glauben. Eher schon, dass sie aus Irland nach New York gezogen sind, oder zumindest aus dem Süden – und das schon vor langer Zeit. Denn so frisch und ungestüm ihre Musik ist, sie scheint nicht von heute zu sein. Sie ist auf wunderbare Art altmodisch. Dabei ist die Band ganz sicher nicht von gestern. Da gibt es keine Zitate auf dem Cover, die in eine frühere Zeit verweisen. Sie sitzen selbstbewusst im Hier und Jetzt und zeigen, dass ihre Musik genauso laut gemeint ist.
The Boggs machen Volksmusik, die manchmal irisch klingt, dann wieder – mit Bluegrass-Banjo, Fingerpicking- oder Blues-Gitarre – aus den amerikanischen Südstaaten zu kommen scheint. Das Album ist derart roh eingespielt, dass man meint, einem Wandermusiker zuzuhören, oder sich auf dem improvisierten Tanzboden in einer Scheune wähnt.
Damit das alles tatsächlich so schön rotzig klingt, als ob sie in der Kneipe sitzen und die Einsamkeit beschwören würden, ist das Album tatsächlich mono abgemischt. Damit beweisen sie, dass prächtige Musik keine Hochglanzproduktion braucht: Auf das Maximum reduziert, entfaltet sie – Stück für Stück –ihre berückende Pracht. [ms]

Cat Power "You Are Free"

(Indie-Singer/Songwriter – am Ende der Superlative: ein perfektes Album, Matador)
Chan Marshall (aka Cat Power) ist der Stern am einsamen, dunklen Nachthimmel. "You Are Free" besteht aus zwölf Eigenkompositionen und zwei Coverversionen (Michael Hurley, John Lee Hooker) und das Ganze ist gewohnt sparsam instrumentiert. Die Songs, das Cover, der Titel und die Performance bilden eine perfekte Einheit. Viele der Songs sind so unglaublich traurig ("Good Woman", "Names"), dass ich mühelos in Tränen ausbrechen kann. Es wäre sinnlos, hier einige Textpassagen als besonders gelungen hervorzuheben, man müsste dann nämlich das komplette Booklet abtippen. Genauso dumm wäre es, von "You Are Free" hier 30-sekündige Soundclips abrufbar zu machen. Ein solches Meisterwerk sollte man sich nicht über den Computer anhören. Nein. Macht euch also auf zum Plattenladen, lasst euch "Fool", das ist Track #6, auflegen und dann stimmt mir zu: Johnny Cash ist ein Idiot, weil er auf seinen 'American Recordings' noch kein Cat Power-Stück gecovert hat. [eg]
s.a. Cat Power "Myra Lee" [#174: @@@@]

Wayne Shorter "Alegría"

(Jazz – erfreulicher Wetterbericht, Verve)
An Wayne Shorters Saxophonspiel scheiden sich die Geister. Und so beginnt auch diese neue CD mit einigen leicht schrägen Tönen aus des Meisters Sopran. Doch schon der Groove der ersten Nummer lässt aufhorchen: frischer HardBop mit der Band, mit der er auch die Live-CD aufgenommen hat. Und dann geht's in größerer Besetzung weiter mit "Serenata".
Und von dieser Abwechslung lebt die CD: unterschiedliche Besetzungen mit Streichern, Blech- und Holzbläsern, unterschiedliche Sounds und doch immer Shorters unverwechselbare Handschrift. Einer der Höhepunkt für mich ist "Bachianas Brasileiras No. 5" von Villa-Lobos, hier arrangiert für diverse Celli, Bass, Percussion und Saxophon. Manche Facetten dieser vielfältigen Musik erinnern tatsächlich an die Tage von Weather Report, wobei hier allerdings alles rein akustisch zugeht. Mit Perkussionist Alex Acuña ist natürlich auch ein Mitstreiter von damals dabei, der auch hier viel zu den Stimmungen der Stücke beiträgt.
Diese CD beweist mal wieder eindrucksvoll, dass Wayne Shorter auch mit fast 70 immer noch einer der Größten des Jazz ist... und sein Saxophonspiel ist auch nicht so schlimm, nur eben stellenweise etwas eigentümlich. [sg: @@@@@]

Savina Yannatou & Primavera en Salonico "Terra Nostra"

(Weltmusik im besten Sinne des Wortes, von keltisch bis tuvanisch, vom simplen Folksong bis zur jazzig-avantgardistischen Interpretation, ECM)
Die Welt steht Kopf, wenn Savina Yannatou mit einem kurzen Obertonintro das sardische Volkslied "Ballo Sardo" einleitet, um es fünf Minuten später in einer quietschend-jazzigen Kakophonie ausklingen zu lassen und gleich darauf hinter die orientalische Melodielinie eines libanesischen Wiegenliedes avantgardistische Polyphonie legt. Die Griechin Savina Yannatou und ihr Ensemble Primavera en Salonico interpretieren neben mediterranen auch arabische, keltische und sogar karibische Volkslieder. Und weil sie keine Folkmusiker sind, sondern von der klassischen Musik und dem Jazz kommen, spielen und singen sie die Stücke nicht einfach nach, sondern öffnen mit ihnen eine neue Welt. Denn sie spielen traditionelle Instrumente wie Oud oder Nay mit einem modernen Verständnis und kreieren ihren eigenen Klang, ihre eigene, überaus abwechslungsreiche Musik, die bei aller Volkstümlichkeit universal klingt – ganz so, wie es an anderen Enden der Welt die Sami-Sängerin Mari Boine oder Madredeus gemacht haben. [ms]
s.a. Mari Boine "Eallin - Live" [#035: @@@@], Madredeus "Electronico" [#301: @@], Madredeus "Movimento" [#244: @@@]

Evan Dando "Baby I'm Bored"

(Independent – Überragendes Comeback des einstigen Lemonheads-Sängers, Clearspot)
Fast sieben Jahre nach der letzten Lemonheads-Veröffentlichung ("Car Button Cloth") kehrt Evan Dando mit seinem ersten Studio-Solo-Album ins große Musikgeschäft zurück. Zwar konnte der mittlerweile Verheiratete seinen Namen durch Kollaborationen mit Julianna Hatfield, Giant Sand, Craig Armstrong und einigen Anderen im Gespräch halten, doch mussten seine Fans lange bangen, ob er seinen exzessiven Drogen- und Alkoholkonsum überhaupt überleben würde: "All My Life" ("I thought I needed all the things I didn't need at all"). Sei's drum, eine neue Platte liegt vor, und darum soll's hier gehen.
Mit "Baby I'm Bored" ist Evan Dando der definitiv größte Wurf seit dem 1992 erschienenen Meisterwerk "It's A Shame About Ray" gelungen. Aufgenommen in mehreren Sessions über einen Zeitraum von zwei Jahren entstand ein vielseitiges Album mit zwölf wunderbaren Songs, die mit jedem Mal Hören mehr Melodien und Tiefgang preisgeben. Stück für Stück entfernt sich der inzwischen 36-jährige dabei weiter von seiner Indie-Pop Vergangenheit. Während "Repeat" oder "It Looks Like You" sich noch problemlos zwischen die zahlreichen Lemonheads-Klassiker einreihen könnten, führen ihn Country-lastige Nummern wie "My Idea" oder das selbstironische "Why Do You Do This To Yourself" immer näher an sein großes Idol Gram Parsons heran. Sparsam, doch stets geschmackvoll instrumentiert bewegt sich "Baby I'm Bored" zwischen Wüste und Großstadt, ohne dabei das Ganze aus den Augen zu verlieren.
Beteiligt an den Aufnahmen waren unter anderem die Produzenten Bryce Goggin (Lemonheads, Pavement) und Jon Brion (Aimee Mann, Fiona Apple), sowie die omnipräsenten Jungs von Giant Sand/Calexico.
Fazit: Evan singt und klingt besser denn je, die Pause hat sich gelohnt. Spätestens jetzt kann der Frühling kommen... http://www.evandando.com [sb]
s.a. The Lemonheads "Car Button Cloth" [#031: @@@], Giant Sand "Cover Magazine" [#288: @@@@]

The White Stripes "Elephant"

(Believe the hype! So muss Rock'n'Roll sein, XL/Beggars Group)
Mit "Elephant" machen die White Stripes genau da weiter, wo sie uns am Ende von "White Blood Cells" sabbernd und nach mehr winselnd, zurückgelassen haben. Spontan und roh wie eh', aber auch so poppig und geradlinig wie nie zuvor. Ein wunderbares Doppelalbum ist es geworden, ganz in der Tradition anderer wunderbarer Doppelalben: "Electric Ladyland", das "White Album" oder "Physical Graffiti" fallen mir spontan ein. Jack Whites Gitarrenriffs verbinden denn auch Jimmy Page auf geniale Weise mit Marc Bolan. Schwester bzw. Ex-Lover Meg White kann dazu als einzig legitimer Nachfolger von John Bonham gefeiert werden. Nach wie vor wirkt die rudimentäre Besetzung mit Gitarre, Schlagzeug, Gesang (sowie einiger, weniger Klaviersprengsler) wie ein Faustschlag ins Gesicht aller amtlicher Rockmucker, 'gepflegter Garagensound' nennt es die Plattenfirma,
'Die Befreiung des Rock'n'Roll im 21. Jahrhundert' sage ich. The White Stripes sind cool genug, bescheuert genug, und vor allem, talentiert genug, um uns noch lange, lange Freude zu bringen. Mit "Elephant" machen sie sich zur besten Band, die es gegenwärtig auf diesem Planeten gibt. [eg]
s.a. The White Stripes "White Blood Cells" [#267: @@@@@]

Baden Powell "Lembranças"

(Erinnerungen eines großen Latin-Gitarristen, Trama)
Alter und Krankheit haben Baden Powell ruhiger werden lassen. Im Unterschied zu den schon beinahe hektischen Einspielungen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, sind die meisten Stücke auf "Lembranças" ausgesprochen ruhig. Wenige Monate vor seinem Tod hat der brasilianische Gitarrist, Komponist und Sänger noch einmal eine Auswahl von Stücken aufgenommen, die er während seiner Jahrzehnte umspannenden Karriere gespielt hat. Gewissermaßen die Essenz eines langen, erfolgreichen Musikerlebens.
Nur in wenigen Kompositionen blitzt also das quirlige Temperament auf, das wir mit seiner frühen Musik verbinden, aber dann ist er noch immer energisch und kraftvoll. Dadurch kommt seine große Stärke aber vielleicht noch besser zum Tragen: die Verbindung des artistischen Gitarrenspiels mit der Wärme der brasilianischen Volksmusik. Ach hätte er doch noch die Zeit für ein Doppelalbum gehabt... [ms]
s.a. Baden Powell "O Universo Musical de Baden Powell... [#333: @@@@]

Zongamin "Zongamin"

(Dance-Wave-Punk – lässt die Retro-Elektro-Hölle nochmal richtig rocken, XL)
Was der gebürtige Japaner und inzwischen Wahl-Londoner Susumu Mokai hier auf seinem Debut-Album vom Stapel lässt, haut mich und hoffentlich noch einige andere Leute echt aus den Socken. Dance Music in Do-It-Yourself Ästhetik größtenteils auf einem Vierspurrecorder, zum Teil mit zweckentfremdeten Alltagsgegenständen zusammengebastelt. Passend zum Zeitgeschehen die Eröffnung mit dem Arrows-Cover "Make Love Not War" wo es erstmal richtig kracht. Klingt als wenn Winnetou zum Sound einer LSD-geschwängerten Garagen-Surf-Punk-Combo durch den wilden Westen prescht.
Auf den weiteren Tracks folgt eine äußerst eigenwillige Mischung aus minimalistischem Retro-Elektro, Disco, Wave & Post-Punk, die ihresgleichen suchen dürfte. Zwischendurch gibt’s auf "Whiplash" und "J. Shivers Theme" nochmal deftige Garagen- und Beat-Einlagen. Nicht umsonst hat der Summerhill-Zögling bereits mit seiner Debut-Single "Tunnel Music", die hier auch nochmal vertreten ist, u.a. den Weg auf die großartige Playgroup DJ-Kicks Compilation des umtriebigen Trevor Jackson gefunden. Pflichtveranstaltung für alle Freunde des Revivals der End-70er/Anfang-80er Melange aus Dance, Wave & Punk. [lr]

Millenia Nova "Narcotic Wide Screen Vista"

(TripadelicPop – Irgendwo zwischen Pink Floyd und Iggy Pop, Island)
Alles was neben einer funktionierenden Abspielanlage nötig wäre, damit sich diese Musik entfalten kann, könnte als ein latenter Hang zum psychedelisch-melancholisch geprägten Seelebaumelnlassen beschrieben werden. Wer sich Letzterem bisher nur schwer ergeben konnte, versuche einmal diese CD in das dafür vorgesehene Schubfach seines Players zu bugsieren, um nachfolgend jene Taste zu drücken, die den Prozess des Hörenkönnens initialisiert. Vorher könnte noch der Titel des Longplayers zurate gezogen werden. Man nehme fürs Grundrezept: 1 Stereoanlage, weiterhin: 1 Fenster (möglichst weit, mit Aussicht – wahlweise kann auch eine bevorzugte Aussicht, draußen wie drinnen, hinzugefügt werden), 1 recht bequeme Lage (es eignet sich aber auch ein recht bequemer Sitz oder Gang). Nach Belieben beimischen, muss aber nicht sein: 1 Berauschendes. :-).
Als Garniervorschlag: 1+X vorbeiziehende, weiße, flauschige, sonnenbeschienene Schönwetterwolken am blauen Himmel. Wer dieses Rezept befolgt, kommt garantiert in den Genuss einer wundervollen Zeit. Breite Gitarrensounds schweben auf ausschöpfenden Effektteppichen durch einen recht großen Raum. Ruhige, ausgedehnte Synthesizerlandschaften loopen um das live-Schlagzeug, das in gefilterten Akzenten den trippigen bis rockigen Rythmen das Grooven erleichtert. Und immer wieder werden flüsternde Stimmen lauter und münden in eingängige, aber nie abgegriffene Melodien. Mal singt ein Mann (z.B. jener von Slut), dann ist eine schöne Frauenstimme zu hören, die doch sehr an die ex-Sneaker Pimps-Stimme Kelli Ali erinnert. Und plötzlich singt Iggy Pop – holla, was rockt dieser vierte Track so mächtig!! Dieses dritte Album von Mathias Neuhauser und Michael Meinl aus München ist schon ein echter Bringer, nicht nur der Mitwirkenden wegen. Wirklich eine absolut gelungene Produktion – für mich die erhellende Entdeckung des vergangenen Monats. [hüklüt]

Soilwork "Figure Number Five"

(Metal – Wie ein rohes Stück Fleisch ins Gesicht, Nuclear Blast)
Waren es vergangenes Jahr In Flames mit "Reroute To Remain", greifen Soilwork schon jetzt im April nach der Metal-Krone. Völlig verzückt kann man jetzt wieder den Manierismus 'Schwedenstahl' hervorkramen und dessen Härte preisen. Im Ernst – was die sechs Schweden und ihre soundverwandten Kollegen wie Dark Tranquility, Arch Enemy und die schon genannten In Flames in den vergangenen Jahren abreißen, verdient auch eine Beachtung außerhalb des Hartwurstuniversums. Soilwork haben Devin Townsend, dem Produzenten-Weirdo der vergangenen Scheibe, ordentlich auf die Finger geschaut, diesmal selbst die Regler übernommen und in kompletter Eigenregie ein Meisterwerk zusammengelötet. Schwerfällig, melodisch, geknüppelt und geschrien. Hier gibt es alles auf ein Mal und im Regelfall braucht es gerade mal eine Strophe oder einen Refrain, um durch alle Facetten zu marschieren. Das Ganze fließt harmonisch ineinander und wenn sich aus einer geknüppelten Strophe auf einmal ein majestätischer Refrain erhebt, fragt man sich allen Ernstes, wie Sänger Björn Strid diese Emotionswechsel auf der Bühne rüberbringen will. "Figure Number Five" ist ein echter Nackenbrecher, aber wer nur ansatzweise mit musikalischer Härte leben kann, sollte sich in dieses wilde Gemisch hineinwühlen. [dmm]
s.a. In Flames "The Tokyo Showdown - Live In Japan 20... [#257: @@@], Dark Tranquility "Damage Done" [#306: @@@@], Arch Enemy "Wages Of Sin" [#286: @@@], Devin Townsend Band "Accelerated Evolution" [#339: @@@]

The Who "Who's Next - Deluxe Edition"

(Rock – Klassiker, wie gewohnt als tolles Reissue – 1971 (MCA)
Der dritte Who-Streich aus der Universal Deluxe Edition Serie nach dem Must-Have "Live At Leeds" und "My Generation". Pete Townshend war 1971 seiner Zeit mal wieder um viele seiner großen Nasenlängen voraus, setzte zum ersten Mal vernünftig Synthesizer und Sequenzer ein, schrieb Songs, für die so manche Britpop-Band auch heute noch ihre Platinscheiben vertrödeln würde und hatte natürlich mit Daltrey, Moon und Entwistle eine Band aus Individualisten im Rücken, die die Aussage "gute Einzelkämpfer machen noch kein gutes Team" lügen straft. Keith Moons Art zu trommeln, bis heute einzigartig, scheint völlig willkürlich, ist aber immer treffsicher und fast unheimlich auf den Punkt. Entwistles Bass-Spiel ist wieder mal das perfekte Bindeglied zwischen Moon und den Songs und Roger Daltrey ist wohl einer der wenigen Sänger, der weiß, wie man diese Songs zu nehmen hat. "Who's Next" strotzt trotz Balladen wie dem Hit "Behind Blue Eyes" vor Energie und gilt auch nach 32 Jahren noch völlig zu Recht als Klassiker der Rockgeschichte. Die Deluxe Edition hätte ihren Namen nicht zu Recht, wenn wir außer dem Orginal-Album nicht noch reichlich Bonusmaterial bekämen: CD#1 bietet alternative Takes aus den Aufnahmesessions, die wir allerdings zum Teil schon von "Odds & Sods" kennen. CD#2 ist der Livemitschnitt aus dem Young Vic Theatre im April 1971, komplett remixed und bis auf "Water" und "Naked Eye" bislang unveröffentlicht. Wieder einmal bewiesen The Who, dass sie in der Originalbesetzung eine der schärfsten Livebands waren. So ist auch diese Ausgabe von "Who's Next" ein Muss für Fans und vorbildlich, wie man mit Wiederveröffentlichungen umzugehen hat.
<http://www.petetownshend.co.uk> [pb]

Ludwig Van Beethoven / Artur Schnabel "Piano Works Vol. 3: Sonatas Nos. 7-10"

(Klassik – Schnabels wegweisende Interpretationen, dritter Teil, Naxos Historical)
Der dritte Teil der Wiederveröffentlichungen der Aufnahmen für die 'Beethoven Sonata Society' Artur Schnabels (1882-1951) enthält die erste 'große' Klaviersonate Beethovens, die sogenannte "Pathétique". Schnabels Lesart ist hier, wie bei allen anderen Interpretationen, die in dieser Reihe wieder dem Publikum vorgestellt werden, wegweisend, berauschend und dank der wie immer vorzüglichen Restaurierung ein wahrer Hörgenuss, auch rund 70 Jahre(!) nach deren Aufnahme. [sal]
s.a. Ludwig Van Beethoven / Artur Schnabel "Piano Works Vol 1, 2, 4... [@@@@@]

Ludwig Van Beethoven / Johannes Brahms / Artur Schnabel "Piano Concertos"

(Klassik – Artur Schnabel, visionärer Beethoven-Interpret spielt Beethoven und Brahms – 5CD, Naxos Historical)
Neben dem großartigen Zyklus der Beethoven'schen Klaviersonaten, die Artur Schnabel (1882-1951) in den 1930er Jahren aufgenommen hat, gelten seine Aufnahmen der fünf Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens als nicht minder wegweisend und aufregend. Die Box vereint Beethovens Klavierkonzerte in Schnabelscher Interpretation mit den zwei Klavierkonzerten von Johannes Brahms (sowie einiger kleinerer 'Bonus-Beigaben') in mittlerweile gewohnt-brillianter Restaurierung zum Spottpreis. Klassikfans und vor allem Liebhaber historischer Aufnahmen können bedenkenlos zugreifen. [sal]

Maria McKee "High Dive"

(Pop/Rock – Der zornige Engel ist zurück, Mailboat/ Viewfinder)
"Love doesn't love me", meint die energische Musikerin mit dem Gesicht eines Botticelli-Engels in einem ihrer neuen Songs. Rache, Liebe, Leid, Glück und Unglück sind die Themen von Maria McKee (ex-Lone Justice), und Country, Folk, Soul, Rock, Westcoast-Sound, plus R&B sind ihr Fundament. Auf "High Dive" findet ein packender Streifzug durch beinahe alle Stilarten der modernen Popmusik statt. Einer mit deutlichem Faible für die Endsechziger und beginnenden Siebziger - und für Van Morrison. To the open spaces. Wem dabei positive Erinnerungen an die Anfänge von Laura Nyro, Linda Ronstadt, Helen Reddy oder Bobbie Gentry durch den Kopf flanieren, ist auf der richtigen Spur. Die gemeinsam mit Jim Akin eingespielte, selbstproduzierte CD badet in großer amerikanischer Poplandschaft. Mitreißende Melodien, smarte Streicher und Bläser, luxuriöse Arrangements, Phil-Spector-Chöre und energische Klavierakkorde als weitgespannte Collage einer Epoche. From our T.V. teens to the tomb. McKees Stimme: weich, zart, warm, bittersüß, fordernd, schwelgerisch, verführerisch. Wie aus einem Roman von Carson McCullers oder F. Scott Fitzgerald. "No Drama, No Panic, No Gala" heißt es einmal, und "We are all collecting dust". Alle Stimmungen der Aufrechten stimmen hier einfach. Eigentlich werden solche Platten heutzutage gar nicht mehr gemacht. Außer von Maria McKee. http://www.mariamckee.com [gw]
s.a. Maria McKee "You Gotta Sin To Get Saved" [#228: @@@@@]
Lone Justice "This World Is Not My Home" [#154: @@@@]

Bill Frisell "The Intercontinentals"

(Ein Amerikaner auf dem Weg nach Brasilien und Westafrika, Nonesuch)
Früher hat er Jazz gespielt, jetzt macht er Musik. Nachdem er nun die Ursprünge der amerikanischen Musik ausgiebig ausgelotet hat, öffnet sich Bill Frisell der Welt und zeigt dies einmal mehr mit dem schlichten Albumtitel "The Intercontinentals" an. Wie nur wenigen anderen Künstlern, vorneweg dem verstorbenen Nusrat Fateh Ali Khan und Michael Brook oder dem Kronos Quartett und ihren unterschiedlichen Kooperationspartnern, gelingt Bill Frisell die Verschmelzung musikalischer Elemente verschiedener Kulturen. Brasilianische Melancholie und afrikanische Perkussion reichen sich die Hand. Gitarre, Oud, Djembe und Pedal Steel geben sich ein so harmonisches Stelldichein, als ob sie immer schon zusammen Weltmusik gemacht hätten. Alles fließt, die Melodien sind bescheiden, die Musik nie laut und immer zurückhaltend. In der Ruhe liegt die Kraft. Es gibt keine aufgeregte Virtuosität, die Musiker sind Diener der Songs, die hauptsächlich von Frisell selbst, aber auch von Boubacar Traoré oder Gilberto Gil stammen.
Das relaxte Gitarrespiel Frisells harmoniert überraschend mit den aufgeregten Melodien des Oud-Spielers Christos Govetas, während Greg Leisz mit den schmelzenden Tönen seiner Pedal Steel den harmonisch fließende Untergrund für die sanfte Stimme von Vinicius Cantuarias legt. Obwohl die Stücke mit afrikanischen, griechischen oder lateinamerikanischen Grundlagen äußerst unterschiedlich sind, ist "The Intercontinentals" ein konsistentes, geschlossenes und eigenständiges Album geworden: Ein Meisterwerk der Weltmusik. [ms]
s.a. Bill Frisell "Bill Frisell With Dave Holland And... [#265: @@@@@]. Nusrat Fateh Ali Khan "In Concert in Paris, Vol.... [#277: @@@@], Djivan Gasparyan & Michael Brook "Black Rock" [#120: @@@@], Kronos Quartet "Kronos Caravan" [#197: @@@@@], Boubacar Traoré "Je chanterai pour toi" [#330: @@@@@], Gilberto Gil & Milton Nascimento "Gil & Milton" [#253: @@]

John Guilt "The Mirrors And Uncle Sam"

(Skurrilverschrobenmelodiöse Schrummler, Munich)
John Guilt sind kein Singer/Songwriter, sondern drei Musiker, die Musik machen wie ein Singer/Songwriter. Sie sind sparsam bis spärlich, schlicht und trotzdem eindrucksvoll. Da gibt es eine scheppernde Gitarre, ein blechern klingendes Schlagzeug, sparsame Keyboards und eine hohe Männerstimme. Und in der Regel werden die Songs so flott gespielt wie ein Trauermarsch. Hat man sich auf sie eingelassen, entdeckt man sogar in den sperrigen Stücken die Melodien. Wenn mal wie in "Red/White/Blue" die E-Gitarre jault, dann ist das nicht rockig, sondern wunderbarer Hintergrundlärm, der davon ablenkt, dass die akustische Schrummelgitarre ziemlich schlicht ist. John Guilt zeigen, dass man am Einfachen das Großartige erkennt. Sie brauchen ziemlich wenig, um viel zu bewirken. In "Smokestacks & Graveyards" genügt eine Snare, über die so langsam wie nie zuvor die Besen schlurfen und eine Gitarre, die die Melodie des Sängers spielt, bis der sich sehr subtil aber dafür umso wirkungsvoller von ihr entfernt. Ach ja, und die große Trommel schlägt ab und zu auch einer. Zwischen den spärlich originell arrangierten Songs gibt es immer wieder schlichten Folk, mit eingängigen Melodien und Refrains, die beinahe schon unalternativ klingen. John Guilt würden sich mit Lambchop gut vertragen, vielleicht mit den Walkabouts gerne einen Langsamkeitswettkampf austragen, und sicher mögen sie Howe Gelb. Apropos mögen: Sie haben es auch selbst verdient, gemocht zu werden.
http://www.munichrecords.com [ms]
s.a. Lambchop "Is A Woman" [#284: @@@@], The Walkabouts "Drunken Soundtracks" [#316: @@@@], Howe Gelb "Confluence" [#249: @@@@]

Yo La Tengo "Summer Sun"

(Independent aus New Jersey – Auf leisen Katzenpfoten hinein in den Olymp, Matador)
Kann man Krautrock, Hudson River, Jazz-Melancholie, Schäfchenwolken, Südsee, Pink-Floyd-Overdrive, groovende Piano-Spitzen, Heart-of-Gold-Country, Pet Sounds, Independent-Gitarren, Brit-Pop, Casio und Flower-Power-Blumenkraft auf ein und das selbe Album packen? Nein. Natürlich nicht. Höchstens man heißt Yo La Tango und tut es einfach doch. "Summer Sun", ihr in Nashville eingefangenes neuestes Kleinod ist komplex ohne kompliziert zu sein, gleichzeitig leicht und federnd wie ein Sommerfilm von Eric Rohmer. "Little Eyes", "Seasons Of The Shark", "Winter A-Go-Go", "Take Care", "Georgia Vs. Yo La Tengo", "How To Make A Baby Elephant Float" oder z.B. "Moonrock Mambo" atmen Weite, Gelassenheit und Harmonie. Eine zärtlich angetippte Melancholie, die es versteht, jeden noch so geringen Anflug von schlechter Laune mühelos wegzupusten. Selbst Wolken wandern ein wenig behutsamer unter dem Himmelszelt. Jeder der dreizehn Songs hat für sich genommen das Potenzial zum Indie-Klassiker (und weit darüber hinaus), zusammen aber sind sie unschlagbar. Nach "And Then Nothing Turned Itself Inside-Out" eine weitere musikalische Verzauberung des unnachahmlichen Hoboken-Trios Ira Kaplan, Georgia Hubley und James McNew. Ganz listig, ganz lieb, ganz perfekt. Zum fest ans Herz drücken, dieser Geniestreich. Yo. Werdet einfach Familienmitglied. http://www.yolatengo.com [gw]
s.a. Yo La Tengo "And Then Nothing Turned Itself Insi... [#187: @@@@]

Les Têtes Raides "Bouffes du Nord"

(Große Kleinkunst, schöne Musik – DVD, Warner)
Leise klackern die Boule-Kugeln, die Gesichter sind gespannt. Bei besonders gelungenen Würfen klatscht das Publikum. Wir sind in Frankreich, aber nicht an einem der unzähligen Dorfplätze, sondern im Theater "Bouffes du Nord". Und die Boule-Spieler sind die Têtes Raides, ein Kollektiv aus musizierenden Graphikern und Malern. In poetischen Texten erzählen sie Alltagsgeschichten, zum Beispiel von den Leuten die ihre Zeit im "Cafe de Marine" verplempern, oder vom Mädchen, der ihr Seemann abhanden gekommen ist – also vom einfachen Leben und großen Gefühlen. Die Têtes Raides sind originell, witzig und sowohl musikalisch als auch textlich und visuell außerordentlich ausdrucksstark. Aus der ursprünglichen Mischung von Alternativrock und Chanson hat sich immer mehr das Chansonesque herausgeschält. Beim Auftritt machen sie aber mehr als Musik. Da wird vor dem antreibenden Schlagzeug eine Wand mit skurrilen Figuren aufgebaut, eine berückende Tanzperformance geboten oder immer wieder ein kleines Zeichentrickfilmchen eingespielt. Das Konzert der Têtes Raides ist ein in hervorragenden ruhigen Bildern eingefangenes poetisches Spiel. Jetzt dürften sie in eines unserer Theater kommen. [ms]

Natacha Atlas "Something Dangerous"

(Kosmopolitischer Oriental-Dance-Pop – Inschaallah oder: Die tanzende Araberin, Mantra)
Die Verführung dieser eintausendundzweiten Nacht beginnt mit einem sanft wiegendem Gutenacht-Lied in den vielseitigen Armen einer orientalischen Fee ("Adam's Lullaby"). Liegt man erst bequem, bleibt man gerne auch länger. So muss ein Album beginnen. Das fünfte Soloalbum der ex-Trans-Global Underground-Sängerin Natacha Atlas erweist sich im Folgenden als Reise durch Gefühle und die Welt unterschiedlichster Einflüsse. Suchtfaktor, Sonnenlicht, Himmelswasser, Schwimmer in der Wüste, und das Herz voller Erinnerungen. Eine ebenso aufregende wie anregende Fahrt durch Rap, Dub, Jazz, Orient, Dancehall, Ambient, Soul, Ethno-Grooves und Kosmopop. Dazu gibt es Duette mit Princess Julianna (aka Mi Julee), Sinead O'Connor, Jah Wobble, sowie die mittlerweile obligatorische Coverversion: diesmal James Browns "Man's World". Letzteres schon eine Kostbarkeit unter dem Firmament, gelingt es "Le Printemps" dies sogar noch zu übertreffen. Fazit: ein durchgängig makelloses Album der ägyptischen Diva.
http://www.mantrarecordings.com [gw]
s.a. Trans-Global Underground "Yes Boss Food Corner" [#250: @@@], The Natacha Atlas & Marc Eagleton Project "Foret... [#310: @@@@], Natacha Atlas "Gedida" [#156: @@@@], Sinéad O'Connor "Sean-Nós Nua" [#315: @@@@]

Carla Bruni "Quelqu'un m'a dit"

(Pop, Chanson – Italienerin wandelt in Frankreich auf eindringlichen Pfaden, Naïve)
Wie oft kann man sein musikalisches Herz verlieren? Maria McKee hat schon ein Stück, Natalie Merchant und Sophie Zelmani sowieso – jetzt kommt noch die Wahlfranzösin Carla Bruni dazu. Hinter ihrem Namen steht in Klammern das Ausschlusskriterium 'Model', aber bei "Quelqu'un m'a dit" wurde niemand direkt vom Laufsteg ins Studio geschubst. Bis auf einen Coversong hat Carla Bruni alle Songs selbst geschrieben und dringt mit ihren brüchigen Chansons tief in den Gehörgang ein. Behutsame Arrangements, die um Chanson, Pop und Folk kreisen, und eine rauchig belegte Stimme, die sich in dein Herz bohrt. Auch wenn Carla Bruni "La Noyée" von der französischen Ikone Serge Gainsbourg covert, können ihre elf eigenen Songs ohne Querverweise bestehen. Das hier ist kein Lolita-Gesäusel oder der Versuch, eine neue Juliette Greco zu werden. Carla Bruni klingt ohne Klischees zutiefst französisch, dürfte aber jeden Sophie Zelmani-Fan genauso in den Bann ziehen. [dmm]
s.a. Maria McKee "High Dive" [#342: @@@@@], Natalie Merchant "Motherland" [#270: @@@@@],
Sophie Zelmani "Sing And Dance" [#299: @@@@@]

Fertile Ground "Remixed"

(Soulful Beats – Fantastische Mixe von umwerfenden Songs mit Gänsehaut-Vocals, Counterpoint)
Es ist nicht der Regelfall, dass aus faszinierenden Original-Songs auch automatisch dementsprechend groovende Mixe hervorgehen. Oft ärgert man sich über lieblos dazugekleistertes House-Gestampfe bzw. elektroavantgardistisches Gefrickel oder fragt sich gar, wo denn der Originalsound überhaupt abgeblieben ist. Fertile Ground haben mit ihrer LP "Seasons Change" wunderbares Ausgangsmaterial bereit gestellt und ganz offensichtlich auch bei der Auswahl der Remix-Partner das richtige Gespür bewiesen. Denn die Soulfulness ihrer Songs findet sich in allen Mixen des Albums wieder, doch eben in einer sehr clubtauglichen Variation. Für die House-Tracks zeichnen u.a. Oneness Of Two und Jazztronik verantwortlich, Ayro, Seiji und Waiwan liefern erwartungsgemäß gebreakte Beats. Im Booklet geben die Remixer schließlich jeweils einen kurzen Kommentar zu ihrer Intention bei der Neubearbeitung. Fazit: Ein wirklich umwerfendes Album für alle Clubmusik-Fans, alle anderen sollten sich "Seasons Change" wärmstens ans Herz legen lassen. Love, Respect & Soul! http://www.counterpointrecords.co.uk [mst]

Übernahme von Schallplattenmann.de. Die Fortsetzung von 5 Klammeraffen gibt’s im nächsten LOver. Vielleicht schreibt ihr ja mal, was euch 2003 so in die Ohren fiel. Im LAPSUS-Forum könnt ihr eure Entdeckungen übrigens in eine Datenbank schreiben...

Partyking Crimson?

Von: Martin Tauchen [Pohon-Kelapa@t-online.de]
Gesendet: Sonntag, 28. Dezember 2003 03:12
An: leopold.lapsus@gmx.net
Betreff: King Crimson Eyes wide open....
Hallo Leopold, erst mal recht herzlichen Dank für die immensen KC Informationen auf Deiner Website. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Witzig fand ich, dass Du mich zitiert hast: "Da wo Tool aufhören, fängt KC erst mit Morgengymnastik an... " Da wird Jack La Lane seine helle Freude haben. :-)
Leider wird King Crimson immer noch missverstanden. Weder ist es eine wirkliche Prog-Rock-Band, noch eine sonstige Art und Weise von sinnstiftungverbreitende Institution. Auch widerstrebt es King Crimson in Klischees zu verfallen. Wenn sie dann doch da hineinfallen, dann liegt es daran, dass auch bei KC nur Menschen mitspielen. Auch dort wird sich wiederholt und in alte Schemata verfallen. Das ist normal, und es würde mich wundern, wenn KC stets das Rad neu erfinden soll.
Es gibt viele Erwartungshaltungen an KC, die einen empfinden die ausufernde Schwülstigkeit vom ersten Album als Offenbarung, die anderen empfanden dann die "Red"-Phase als Nonplusultra, andere hingegen lieben Discipline bis TOAPP, können aber mit dem Erbe nichts anfangen und seit 95 hat KC eh nur Alibifunktion, um alte Rezepte neu aufzuwärmen. Vorwürfe gibt es viele, doch sie treffen eigentlich nicht den Punkt...
Bertie [Robert Fripp] mag zwar arrogant wirken und manchmal schräg, aber eigentlich versucht er mit seinem Verhalten nur, auf die Musik zu lenken. Der ganze andere Popstarmist ist ihm so ziemlich gleichgültig. Ihm geht es ausschließlich um die Musik. Sagen wir es so, Bertie ist der Moderator von KC, er gibt diverse Richtlinien aus. Das ist verständlich. Aber ein Sklavenmarkt ist diese Truppe nicht. Und Bertie räumt viele Freiräume ein. Ansonsten würden auch nicht soviele gute Musiker immer bei KC eine Heimat gefunden haben. Und wenn diese meinten, es sei Zeit weiter zu ziehen, dann ist es eben so.
Bestes Beispiel ist Tony Levin, ein Weltklasse-Bassist, der vor kurzem erwähnt hat, dass er enttäuscht sei, dass Trey Gunn den Vorzug bekam. Nun ist Trey ausgestiegen und wer spielt wieder mit? Tony Levin...
Wäre Tony konsequent gewesen. hätte er nie wieder ein Angebot von KC angenommen. Er hat es aber...
KC ist wohl die vielseitigste Rocktruppe, die es jemals gab. Frank Zappa ist zwar ein wenig besser gewesen, aber dann kommt schon KC und lange danach nichts mehr...
King Crimson heute ist wie ein Streichquartett. Wer hört sich heutzutage solches an?
Im besten Falle kann ein Streichquartett eine enorme Power veranstalten. Es gibt vier individuelle Linien, rhythmisch und harmonisch total eigenständig. Das Sextett hätte wohl auch gewirkt, aber mit heutigen Helferlein klingt ein Sextett wie ein Quartett. Nichtsdestotrotz war die Thrak-Phase sehr wichtig und ist bei weitem noch nicht abgelegt.
Was ist King Crimson? Bestimmt nicht mehr der spätpubertäre Sound der Anfangsphase. King Crimson sind auch keine Multimediaplattform...
Und nebenbei bemerkt, KC höre ich mir an, um zu entspannen. Denn eigentlich beschäftige ich mich mit wirklich Neuer Musik.
Gruss Martin

Leopold Lapsus schrieb:
hallo martin, vielen dank für dein sehr ausführliches schreiben. solche reaktionen sind ziemlich selten. die etwas intensivere auseinandersetzung mit dem, was man gern hört, scheint nicht mehr sehr in mode zu sein... aber das ist uns ja auch schnurz... ;-)
wenn ich mich in der fan-skala einordnen sollte, dann würde ich wohl auch in die red-abteilung gehören. was allerdings nicht viel bedeutet... und ob musik alt oder neu ist, ist mir auch egal, interessant muss sie für mich sein - und auf dem laufenden bin ich eh nie... freue mich aber immer wieder, auch von erstlingswerken überrascht zu werden. dieses jahr zB von kings of leon. ccr waren eben doch prägend für mich... ;-)) und auf the mars volta bin ich echt gespannt...
ich würde gern deinen brief in unser fanzine LOver nehmen. geht das!?
komm gut ins neue Ja!
achim aka leopold lapsus

Von: Martin Tauchen [Pohon-Kelapa@t-online.de]
Gesendet: Montag, 29. Dezember 2003 20:08
An: leopold.lapsus@gmx.net
Betreff: Re: King Crimson Eyes wide open....
Hallo Achim, vielen Dank für Deine Antwort. Ich habe natürlich nichts dagegen, wenn Du mein Geschreibsel in das fanzine nehmen würdest. [ ... ] Bei Hardcore-King-Crimson-Fans ärgert mich jedesmal die unangemessene Erwartungshaltung und ein sehr starkes Anspruchsdenken der Fans an die Band. Auch manche Bewertungen seitens der Musikpresse sind manchmal sehr unfair, teilweise aber auch sehr hilflos. Da wird dann an einem Mythos weitergestrickt, der weder der Band noch der Musik gerecht wird und manchmal auch aus Quellen stammt, die schlicht und einfach grotesk und falsch sind.
Dass Bertie einst das Gästebuch auf der DGM-Website wieder schloss, beruhte auf einer Flut an Eintragungen, die ein Sammelsurium waren aus pseudophilosophischen Abhandungen, Debatten über die Musiker –speziell Adrian Belew, Beleidigungen oder direkten Forderungen, wie das nächste Album zu sein hat. Die Eintragungen ließen viel über die Persönlichkeit der Verfasser durchscheinen, nur mit KC hatte das ganze herzlichst wenig zu tun.
Bertie selber hat daraus seine Konsequenzen gezogen und sich der Fanbasis noch mehr entzogen. Ohne eine gewisse Distanz geht es wohl doch nicht. King Crimson ist nun mal keine Partyband. An Silvester oder Karneval wäre diese Band doch recht fehl am Platz.
Dessen sollten sich die Zuhörer auch stets bewusst sein. Den Partyfaktor wird die Band auch immer vermeiden, was aber nicht heißen soll, dass die Band sich als todernste Formation begreift. Der Unterhaltungswert ist subtiler und feinfühliger. Und gelangweilt habe ich mich bei KC doch selten, ob von Tonträger oder im Konzert.
King Crimson arbeiten eher in einem "kammermusikalischen" Kontext. Daher wird Bertie auch niemals einen Eimer Wasser ins Publikum schütten, Adrian nicht die Hosen herunterlassen oder sonstige oberflächlichen Gimmicks einbauen.

Robert Fripp als Partyking mit Partnerin Toyah Willcox
Bei vielen Bands macht so etwas auch Sinn, aber diese spielen ja auch nicht annähernd so komplex. Da bleibt dann Halt auch Zeit für Gaudi... ;-)
Mir ist es auch egal, ob Musik alt oder neu, komplex oder einfach... usw. ist. Wenn sie mein Interesse weckt, dann ist es OK.
Für mich als Gitarrist und Bassist hat KC natürlich einen anderen Stellenwert, als z.B. für jemanden, der gar kein Instrument spielt. Das ist aber dann schon eine sehr subjektive, persönliche Betrachtungsweise. Aber Musik lässt sich nun mal kaum objektiv betrachten oder bewerten.
Das ist aber dann noch lange kein Grund, total inkompetente, unfaire oder ganz durchgeknallte Kommentare abzugeben. Ich muss ständig an Fripps Gästebuch denken, denn die Einträge waren manchmal wirklich sehr "daneben". (Lesenswert waren sie trotzdem, da sie mich doch mehr als einmal erheiterten... ;-))
Ich wünsch Dir noch einen guten Rutsch ins Neue Jahr und entschuldige mich für meine ausufernde Mail.
Gruss, Martin

Die Einladung

Oriah Mountain Dreamer, Indian Elder
Es ist nicht wichtig für mich, wie du dein Geld verdienst. Ich möchte wissen, ob du es wagst, der Sehnsucht deines Herzens zu folgen.
Es ist nicht wichtig für mich, wie alt du bist. Ich möchte wissen, ob du dich traust, wie ein Narr auszusehen, weil du deine Liebe zeigst, deine Träume lebst und wirklich lebendig bist.
Ich möchte wissen, ob du dein eigenes Leid umarmen kannst, ob du durch die Lektionen des Lebens offener geworden bist, oder ob du dich verschlossen hast aus Angst vor neuem Leid.
Ich möchte wissen, ob du mit Schmerz umgehen kannst, meinem oder deinem Schmerz, ohne ihn verstecken, verändern oder überspielen zu müssen.
Ich möchte wissen, ob du voller Freude sein kannst, meiner oder deiner Freude, ob du voller Wildheit tanzen kannst, ob du die Ekstase von deinen Fußsohlen bis zu deinen Haarspitzen fließen lassen kannst.
Es ist nicht wichtig für mich, ob die Geschichte, die du mir erzählst wahr ist. Ich möchte wissen, ob du jemanden enttäuschen kannst, wenn es wichtig ist, dir selbst treu zu bleiben. Ob du mit Verrat umgehen kannst, ohne deine eigene Seele zu verraten.
Ich möchte wissen, ob ich dir vertrauen kann, ob du mein Vertrauen wert bist.
Ich möchte wissen, ob du dann noch die Schönheit in allem sehen kannst, wenn es nicht jeden Tag schön ist. Und ob du aus der Quelle des Großen Geistes trinken kannst.
Ich möchte wissen, ob du mit Fehlern umgehen kannst, deinen und meinen Fehlern und zugleich am Ufer eines Sees stehen kannst und dem Silber des vollen Mondes ein lautes "JA!" entgegen brüllen kannst.
Es ist nicht wichtig für mich, wo du lebst und wieviel Geld du besitzt. Ich möchte wissen, ob du nach einer Nacht voller Streit, Kummer und Verzweiflung, wenn du zermürbt und erschöpft bist bis auf die Knochen, aufstehen kannst, um für die Kinder das zu tun, was getan werden muss.
Es ist nicht wichtig für mich, wer du bist oder wie du hierher gekommen bist. Ich möchte wissen, ob du mit mir im Zentrum des Feuers stehen kannst, ohne zurückzuschrecken.
Es ist nicht wichtig für mich, wo, was oder mit wem du studiert hast. Ich möchte wissen, was von dir übrig bleibt, wenn alles Äußere von dir abfällt.
Ich möchte wissen, ob du mit dir selbst alleine sein kannst.

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