OVER Nr. 40
LOVER Nr. 40
(erschien 5/2005)
Auszüge:
[Ditorial] - [Rockpalast]
- [Eifersucht] - [Doors Live] - [Rea@ctor] - [gerhard on the guillotine] - [Die Hand] - [Keine Freiheit] - [Orangensaft] - [Rettet das Radio!] - [Hörspielplatz] - [Ernst Jandl] - [Arno Schmidt] - [Zettelkasten] - [Heilbäder] - [unter schlag zeilen] - [VS] - [Hanauer Widerstandslesungen] - [Halbsonne] - [Tote trauern mehr] - [Gesetze] - [Atommafia] - [65 Millionen Tote] - [Waiting]
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Die Unkenrufe hüpfen über die Straßen und quatschen
unter Reifen. Die Einstürzenden Neubauten schlaghämmern sich
durch mein Zimmer und fordern den Aufstand und das Hinlegen. Auf einem
der Rough-Trade-Geburtstagssilberlinge; vier, nicht dreißig, und
Lieferanten für manchen Peel-Sound. Die Tastatur freut sich
über ihren Einschub. Sie wäre sonst verschollen unter Papier
und Plastik. Dabei kamen alle Zusendungen per Drahtpost. Aber da gibt’s
ein Buch von Reclam namens „Oldies, die wir nie vergessen“ – und ich
hab die 58 darin aufgeführten Titel auf drei CDs gesammelt. Mit
Unterstützung meiner Kollegen – diese verkappten Rocker aber auch!
Hör- und Leseprobe ist Pfingstsonntag um 10 – heilige
Oldies-Messe... Das komplette Programmangebot von LAPSUS LIVE 2005
ist als Beilage im Heft. Änderungen sind wie stets unvermeidlich.
Beim Programmschmieden halfen vor allem Nina, Regina, Dirk, Bob und
Roland – allen herzlichen Dank für ihre geplanten Beiträge,
für die Reprisen und Premieren.
Allen Ausrichtern und Gästen von LAPSUS LIVE einige besondere, freundlich-fröhliche Tage!
Zu einigen Beiträgen gibt dieses Heft schon mal Informationen, die
euch neugierig machen sollen. Für die Lesung „Herr des
Scheunenhofs“ findet ihr sie im LOver 37. Sicher findet er mit neuem
„Sendeplatz“ diesmal ein breiteres Publikum – zahlenmäßig... ;-)
Reaktionen auf den letzten LOver gab es nur spärlich. So geht der
Preis für die einzige (und richtige) Antwort (4) auf die gut
versteckte Frage von S. 2 an Roland – das Buch ‚Traumpfade’ von Bruce
Chatwin. Nebst passender CD. Tja, der Neid sei mit euch.

Liebe Grüße aus der Reaktionsstube! Leopold
German television proudly presents...
Feature des Schallplattenmanns zu den „Live At Rockpalast“ – DVDs (aus #382 vom 22.3.2004)
"German television proudly presents, live as our gast, hier im
Rockpalast...". Gänsehaut-Livemusik im Fernsehen in einer ganz
besonderen Dimension. Das Rockpalast-Team ist ja immer noch
fleißig, übertragene Live-Musik findet immer noch statt,
aber die Magie der Rocknächte bleibt unerreicht. Sich mit Freunden
die Nacht vor dem Fernseher um die Ohren schlagen, die Bands im Vorfeld
oft nicht kennen, im Nachhinein positiv überrascht sein, und dabei
nie verpassen die Kassette umzudrehen, damit später im Archiv kein
Song fehlt. Das ist lange her, schade eigentlich, aber nur in der
Vergangenheit schwelgen bringt ja auch nichts. Jüngst hat der WDR
Aufzeichnungen der Rocknächte und anderer "Rockpalast"-Mitschnitte
auf DVD veröffentlicht. Die technischen Eckdaten sind bei allen
DVDs gleich: Dolby Digital 5.1 und Stereo 2.0 Ton, Ländercode 2
und ein 4:3 Bildformat. Ebenfalls befriedigen alle eher die
archivarische denn die audiophile Ader des Sammlers. Rocknächte
waren live, da haben sowohl Kamera- als auch Tonmänner mal zwei
bis drei Songs gebraucht, bis alles passte, da kommt es zu sogenannten
'Mikrophonie-Effekten', d.h. den von damals noch bekannten horizontalen
Streifen. All das sollte einen nicht stören, wer Musik will, soll
nicht nur nach Technik schielen; aus musikalischer und authentischer
Sicht bekomme ich jedenfalls wieder Gänsehaut.
<www.rockpalast.de/>
Rory Gallagher "At Rockpalast" Blues-Rock — Out On The Western Plain (Inak)
Gleich drei Mitschnitte sind auf dieser 222 Minuten langen DVD:
Gallagher live im WDR Studio L, Köln (1976), die erste Rocknacht
(1977), übrigens inkl. der ersten drei Songs, die damals nur im
Radio nicht aber im Fernsehen liefen, und eine Jam Session mit Frankie
Miller aus Wiesbaden (1979). Lustig, wie das Publikum erst wie
geschockt erstarrt und dann völlig begeistert ist. Rory Gallagher
in Bestform.
Huey Lewis & The News "At Rockpalast" Rock — The Heart Of Rock'n'Roll (Inak)

Und die chronologisch Letzte des ersten Teils dieser hoffentlich
neverending Story: "The Heart Of Rock'n'Roll Is Still Beating", einmal
1984 zur 13. Rocknacht und 1991 im Kölner E-Werk (insgesamt 212
Minuten). Als diese ackernde Liveband in Essen zum ersten Mal auf eine
europäische Bühne steigt, sind sie in den USA dank
unzähliger Auftritte längst Stars, hier sind sie Nobodies. Am
Morgen des 14. Oktober 1984 ist das anders: Huey Lewis kann sich seit
dem auf einen großen europäischen Fankreis verlassen.
Irgendwo zwischen Rock'n'Roll und und Rhythm & Blues bleibt Huey
Lewis live immer noch "schweißtreibende Extraklasse".
<www.hln.org>
Roger Chapman & The Shortlist "At Rockpalast" Rock — Let's Spend The Night Together (Inak)
Wieder zwei Konzerte und ein Schmankerl: Chappo live 1979 in der
Hamburger Markthalle, zur 9. Rocknacht im Oktober 1981 und drei Songs
der Chapman-Whitney Streetwalkers aus dem WDR Studio (1975). Chapmans
Kultstatus in Deutschland ist mit Sicherheit zu einem nicht unwichtigen
Teil dieser Rockpalast-Nacht zu verdanken und die DVD beweist: zu
Recht. 21 Songs aus der Grugahalle Essen, Livemusik vom Feinsten.
<www.chappo.com>
Southside Johnny & The Asbury Jukes "At Rockpalast" Rhythm'n'Rock — All I Want Is Everything (Inak)
Auch auf dieser DVD (233 Minuten) sind gleich zwei komplette
Mitschnitte: Die 5. Rocknacht von 1979 (außerdem mit Nils Lofgren
und Mitch Ryder) und die Livepräsentation von "Better Days", 13
Jahre später mit Special Guest Little Steven van Zandt. Beide
Auftritte bleiben natürlich der Beweis, dass die Rockpalast-Crew
ein ums andere mal versuchte, Bruce Springsteen zu einem Auftritt zu
bewegen und über seine Freunde aus Asbury wenigstens Kontakt
hielt. Für die Zuschauer gut, die 11-köpfigen Asbury Jukes
heizten gewaltig ein, "All I Want Is Everything", meine Füße
wippen immer noch. <www.southsidejohnny.org>
Thin Lizzy "At Rockpalast" Rock — The Boys Are Back In Town (Inak)
Dieses Festival 1981 war das erste Rockpalast-Festival auf der Loreley.
Es wurde nicht übertragen, war der Testlauf für weitere, die
folgen sollten. Die DVD enthält nur diesen einen Auftritt, ist
damit beim Schwung der ersten fünf mit 112 Minuten die
kürzeste. Thin Lizzy waren 1981 als Quintett mit Phil Lynnot (b,
voc), Brian Downey (dr), Scott Gorham (g), Snowy White (g) und Darren
Wharton (keyb) nicht mehr in ihrer Bestbesetzung, aber allein Phil
Lynott wieder einmal in Aktion zu sehen, lohnt diese DVD.
Peter Bongartz, Erlangen
Unter anderem bei Southside Johnny Lyon '79 und Chappo '81 war ich zum
Rockpalast in Berlin bei einem der großen Schwäne zu Gast
und schnitt auf polnischem Spulentonband beim SFB den Stereoton zum
Monobild der ARD mit. Um dem Ganzen dann im Tal der Ahnungslosen zu
lauschen...
Achim
Eifersucht

Eifersucht - wer kennt es nicht, dieses Gefühl, das einem den Magen
zusammenzieht und die Luft abschnürt. Eifersucht gehört zu den
häufigsten Scheidungs- und Trennungsgründen und ist oft das Motiv bei
Gewalttaten, die von Männern an ihren Partnerinnen begangen werden. Die
Oldenburger Psychologin Dr. Annette Schmitt berichtet über eine
Untersuchung, die von der Forschungsgruppe "Emotion und Kommunikation"
durchgeführt wurde. In dieser Untersuchung wurden 200 Geschichten von
Männern und Frauen über erlebte Eifersucht in Partnerschaften
ausgewertet.
Die Wissenschaftlerin widmete sich den Anlässen, die Eifersucht
auslösen und jenen Gefühlen, die die Eifersucht begleiten. In welchen
Varianten existiert Eifersucht, wie wird sie von den Betroffenen
mitgeteilt? Und wie lässt sie sich schließlich vermindern oder sogar
aufheben? Es stellte sich heraus, dass das Erleben und Durchleben von
Eifersucht ganz bestimmten, sozialisationsbedingten Regeln folgt.
Eifersucht wird in verschiedenen Kulturen unterschiedlich erlebt. In
unserem westlichen Kulturkreis ist beispielsweise das Treueideal ein
wichtiger Bestandteil monogamer Beziehungen und gleichzeitig oft Anlass
und Auslöser von Eifersucht. Die Regeln, die den Umgang der Menschen
mit der Eifersucht bestimmen, gelten auch für die Kommunikation. Sie
machen es möglich, dass die Menschen einander verstehen. Innerhalb der
200 protokollierten Geschichten kristallisierten sich drei variierende
Reaktionsmuster heraus, die das Eifersuchtserleben bestimmen.
Zunächst bildet die "Tat" den Anlass für Eifersucht. Dieser Anlass kann
Vernachlässigung, vermutete Untreue oder Untreue sein. Die
Vernachlässigung durch den Partner wird primär durch empfundenen Ärger
begleitet und erst sekundär durch eine Kränkung des Selbstwertgefühls.
Bei der vermuteten Untreue dagegen dominiert die Angst vor dem Verlust
des Partners. Ist die Untreue bereits gewiss, steht die Traurigkeit
über den Verlust der Liebe oder der ausschließlichen Liebe des Partners
an erster Stelle. Das aus der Eifersucht resultierende Leid äußert sich
als Traurigkeit, Selbstzweifel oder anderes Leid, wie zum Beispiel
Neid. Die Umgangsweise mit dem Leid ist entweder partnerbezogen oder
selbstbezogen. Wenn sich die betroffene Person mit dem Partner
auseinandersetzt, geschieht das in den Kategorien kooperativ, also in
Form einer Aussprache, konfrontativ in Form einer Szene oder indirekt
z.B. in Form einer Diät, um dem Partner wieder besser zu gefallen.
Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass sich die Erlebnisweisen
bei verschiedenen Anlässen zur Eifersucht ganz erheblich unterscheiden.
Aber es zeigte sich auch ein Kern, der allen Geschichten eigen war: Der
Gedanke an den Verlust der Liebe. Dieser Gedanke wurde überwiegend mit
dem Verlust der Ausschließlichkeit der Liebesbeziehung gleichgesetzt.
Damit kristallisierte sich heraus, dass alle Befragten davon überzeugt
sind, dass die romantische Liebe in ihrem Wesen nach nicht teilbar ist.
Der Wert der eigenen Liebesbeziehung wird generell in ihrer
Ausschließlichkeit und Einzigartigkeit gesehen.
Eifersucht, so wurde in der Untersuchung ganz deutlich, entspringt dem
Wunsch danach, die Liebe des Partners zu erhalten. Obwohl Eifersucht in
diesem Sinne also ein "Kind der Liebe" ist, kann sie jedoch auch zu
einem "Feind der Liebe" werden. Dies geschieht dann, wenn PartnerInnen
einer Person, die häufig, intensiv und/oder bei relativ harmlosen
Anlässen eifersüchtig wird, diese Eifersucht als Zeichen des
Misstrauens und als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit erleben.
Da Eifersucht auch diese negativen Aspekte hat, gab es immer auch
Versuche, dieses Gefühl aufzugeben. In der radikalsten Form würde eine
Aufgabe von Eifersucht eine grundsätzliche Veränderung von romantischer
Liebe bedeuten: Wenn man sich von der Vorstellung verabschieden könnte,
romantische Liebe sei unteilbar, dann wäre Eifersucht "überflüssig".
In westlichen Kulturen mit dem Ideal der unteilbaren, romantischen
Liebe gehen Bemühungen, Eifersucht einzuschränken, jedoch weniger weit.
So versucht die amerikanische Lebensgemeinschaft "Kerista-Village" eine
nicht-monogame Lebensform zu verwirklichen. In Kerista-Village leben
mehrere Frauen und Männer zusammen und unterhalten zu allen
gegengeschlechtlichen Personen der Gemeinschaft gleichwertige Liebes-
und sexuelle Beziehungen. Auch diese anscheinend eifersuchtsfreie
Gemeinschaft verzichtet jedoch nicht völlig auf die Vorstellung von der
Exklusivität von Liebesbeziehungen. Vielmehr verpflichten sich ihre
Mitglieder zur Treue gegenüber der Gruppe, sexuelle oder
Liebesbeziehungen außerhalb der Gruppe werden ihnen nicht zugestanden.
Eine andere Möglichkeit, die Exklusivitätsnorm von Liebesbeziehungen
abzuschwächen, besteht in der Entkopplung von Liebe und Sexualität. So
verfügen viele Paare, die sich gegenseitig sexuelle "Untreue"
zugestehen, über Normen, die die emotionale Besonderheit der
Liebesbeziehung sichern. Solche Normen schreiben z. B. vor, dass dem
Partner einer sexuellen Eskapade keine Liebeserklärung gemacht werden
darf.
Aber auch in Liebesbeziehungen, die an dem Ideal der sexuellen und
emotionalen Exklusivität festhalten, kann Eifersucht in vielen
Situationen vermieden oder gemildert werden. Wenn wir das
Leerstellengefüge der Eifersucht unter diesem Gesichtspunkt betrachten,
dann werden Ansätze zur Vermeidung von Eifersucht vor allem in dem
Bereich "Tat" deutlich. Auch ein Paar, das an dem Ideal der
Exklusivität der Liebe und Sexualität festhält, kann sich kritisch
fragen, welche Verhaltensweisen des anderen diese Exklusivität
tatsächlich grundlegend bedrohen können. So kann ein Paar, das öfter
mit Eifersucht zu kämpfen hat, überlegen, ob es seine
Ausschließlichkeitsstandards abmildern kann. Verhaltensweisen, die
bisher als "Eifersuchtsanlass" bewertet wurden (etwa die Unterhaltung
des Partners mit einer dritten Person), könnten nach einer Veränderung
der absoluten Ansprüche an die Ausschließlichkeit der Liebesbeziehung
gelassener, als nicht bedrohlich und tolerierbar gesehen werden.
Achim
The Doors of Perception
THE DOORS OF PERCEPTION wurden im Oktober 2000 in Österreich als
musikalischer Part einer Theaterproduktion an den VEREINIGTEN BÜHNEN
GRAZ formiert. Aufgrund des Erfolges wurde aus dem Projekt mit
Modern-Dance-Elementen und einem vielköpfigen Tanzensemble ein
Halb-Jahres-Engagement. Die musikalischen Akteure um Sänger Marko
Scholz tourten danach bis Anfang 2002 mit dem Programm der THE DOORS
durch Österreich.
Marko ist seit seiner Jugend ein großer Fan des Rockidols Jim Morrison
und beschäftigte sich eingehend mit dessen Texten, der dunklen Poesie,
seiner Lebensphilosophie und der ihr innewohnenden Gesellschaftskritik.
Seine stimmliche und auch optische Übereinstimmung mit dem Lizard King
zeigten sich dabei geradezu als ideale Voraussetzung zur Gründung einer
professionellen DOORS-Tribute-Band.
Marko Scholz
Geboren in Stuttgart, aufgewachsen in der Grenzregion Ungarn/ Jugoslawien.
Mit 18 Studium an der Musikhochschule Graz. Seit 1994 Studium
Universität der Künste, Berlin. Ab Oktober 2000 THE DOORS-Musical an
den Vereinigten Bühnen Graz, anschließend bis Beginn 2002 Konzerte in
ganz Österreich.
Dirk Bewig
Geboren in Hamburg, dort als Keyboarder und Pianist mit vielen Acts
beschäftigt, z.B. Jan Plevka (SELIG), Jesus Müller. Studienabschluss an
der Hochschule für Musik in Hamburg. Mehrere Jahre Keyboarder beim
Musical CATS. Seit 2002 in Berlin als Produzent und Komponist tätig.
Tom Schneider
Geboren in Ulm, lebt seit 1989 in Berlin. Filmmusik, diverse
Glamourbands, VARIETÉ CHAMÄLEON, Künstlervertrag mit Warner/Chappell.
2001 bis 2003 nonstop auf Tour mit CIRCUS FLIC FLAC. Währenddessen mehr
als 800 Live-Shows gespielt.
Torsten Weber
Geboren in Frankfurt/Main. Free-Lancer für Dutzende von Bands im
Rhein-Main-Gebiet. Ab 1993 Studio- und Live-Gitarrist für
internationale Künstler (u.a. für Musiker von Elton John und
Jazzkantine). Seit 1999 in Berlin. Schwerpunkt: TV- &
Radioproduktionen für ARD, ZDF, PRO7, SAT.1, N24 etc.

Gästebuch auf http://www.doorslive.de/
Achim aus Zirndorf
Geschrieben am: Sun 03 Apr 2005 13:56:03:
Beim diesjährigen "Blues will eat"-Festival im Nürnberger Kulturzentrum
K4 musstet ihr euch ja der Konkurrenz drei weiterer Bühnen stellen,
aber meine Wahl war sofort klar, da ich von euch schon öfters gelesen
hatte und mich nun endlich selbst von euren Qualitäten überzeugen
wollte. Und schon die ersten Töne sorgten für Gänsehaut - denn ihr seid
verdammt nah am Original. Auch wenn Jim vielleicht nicht ganz so
selbstvergessen in den instrumentalen "Pausen" agiert hätte... Die
Zugabeforderungen haben deutlich gezeigt, dass es dem Spaß des
Publikums keinen Abbruch tat. Für mich hätten es noch klarere Dialoge
zwischen Orgel und Gitarre sein dürfen, da schlummert sicher manch
spannende Möglichkeit. Alles in allem habt ihr diesen Abend wahrhaft
gekrönt, ihr Lizard Kings... Let it roll, Baby, roll...!
Das Interview
Der prägende Charakter von THE DOORS OF PERCEPTION ist Frontmann Marko,
der die Rolle des legendären Jim Morrison einnimmt. Seit seiner Jugend
ist er ein großer Fan des Rockidols und hat sich außergewöhnlich
intensiv mit dem Werk des Sängers und Poeten beschäftigt. Die
ungewöhnliche künstlerische Aussage und Philosophie des "Lizard King"
haben Markos Leben geprägt und entscheidend beeinflusst. Lest hier ein
kurzes Interview!
Marko, warum ausgerechnet THE DOORS?
Marko: THE DOORS sind für mich Sinnbild und Spiegel der Gesellschaft in
der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, da sie die unterschiedlichsten und
wichtigen Einflüsse der Zeit genial in sich vereinigten.
Welche wären?
Marko: Also, zum Beispiel afroamerikanische Elemente, Elemente des
Blues und Jazz, meditative Aspekte indischer Musik, Trance-Reisen der
Schamanen und Indianer, Befreiung unterdrückter Energien, äh... (lacht)
reicht das jetzt, oder soll ich noch 10 Minuten weiter aufzählen?
Aber im Ernst: genau die Mischung, die THE DOORS darstellten, hatte eben Magie.
Wer war eigentlich Jim Morrison?
Marko: Gute Frage, weiß ich auch nicht, hab ihn nicht persönlich
gekannt. An der Oberfläche zumindest: Rockstar, eine Mischung aus
vermarktbarem Popobjekt und klassischem Rebell. Und natürlich die
"Ultimative Barbiepuppe".
Ok, aber wer war Jim für dich?
Marko: Jim öffnete mir Türen (bezeichnend, was?) zu meiner persönlichen
Entwicklung, von ihm kam rüber: "Schau genau hin, ob die angebotenen
Dinge auch wirklich in Ordnung sind!" Er unterstützte mich auf meinem Weg, Neues, Verpöntes oder sogar
Verbotenes zu tun, um so mir selbst näher zu kommen. Er bestärkte mich
in der Auffassung, den EIGENEN Weg zu wagen, das Risiko des Versagens
zu akzeptieren, trotz allem nicht mit dem Strom zu schwimmen.
Tell us more about it!
Marko: Gut, bleiben wir bei dem Thema: Als ich das erstemal THE DOORS
hörte, ich war damals 17, packte es mich ganz tief drinnen. Diese Musik
gab mir Antworten auf die großen Fragen jener Tage:
- Was ist mein eigener Weg?
- Welche meiner Handlungen geschehen aus eigenem freien Willen und welche sind fremdbestimmt?
Zu dieser Zeit sind mir die Lebenslügen der Gesellschaft offensichtlich
geworden; dass sich alle krümmen und verbiegen müssen, um hier
überhaupt zu funktionieren. Ich fing an, nach einem alternativen
Lebensentwurf zu suchen (die Suche dauert noch immer an...). Auf jeden
Fall ging und geht es mir um ein Leben ohne Lügen. Jim Morrison und
Autoren wie Hermann Hesse, George Orwell, Max Frisch und Erich Fromm
halfen mir bei der Suche.
Und Deine Ähnlichkeit mit Jim?
Marko: Ähnlich
scheint mir der unüberhörbare Befreiungsruf, der natürlich auch
beängstigend ist; der dauernde Kampf um Freiheit, der wie ein roter
Faden durch mein Leben geht: sich endlich frei fühlen, sich endlich
selbst fühlen...
Stimmlich ist die Ähnlichkeit reiner Zufall, auch das Optische wurde
mir erst von anderen erwähnt. Ich bin halt ein Blues und Rock’n’Roll
Fan, was die Ähnlichkeit im musikalischen Ausdruck schon an sich
gewährleistet.
Wer sind THE DOORS OF PERCEPTION?
Marko: Jeder von uns kommt aus professionellen Bands bzw. hat 'ne Menge
Live- und Studioerfahrung. Der musikalische Inhalt der Doors ist so
vereinnahmend, daß wir das Bedürfnis hatten, eine feste Band aus dem
anfänglich nur punktuellen Projekt zu schaffen. Wir sind vier Typen,
die sich echt mögen, haben ein tolles Spielgefühl auf der Bühne,
reagieren aufeinander, gestalten zusammen, haben jede Menge Spaß. Ein
Feeling wie auf Klassenfahrt.
Klassenfahrt? Mit allen Details?
Marko: Ich verstehe die Frage nicht---
Du sprachst davon, dass THE DOORS so vereinnahmend wären, was meinst du damit?
Marko: Erstens sind sie das wegen des großen musikalischen Spektrums,
das sie abdecken: von leisen, zärtlichen Songs bis zu brachialer Härte
& Orgie. Diese Musik nimmt dich mit auf die Reise,
Coverband-business-as-usual läuft da eben nicht! Es wird wichtig, die
Musik zu erleben und zu vertreten.
Aha, Job als Berufung?
Marko: Klar, das kannst du so formulieren. Mit vollem Herzblut den
Spirit der DOORS zu transportieren, live verfügbar zu machen. Eben
nicht "covern", sondern so spielen, wie w i r diese Musik empfinden,
nahe am Original, aber mit unserer eigenen Persönlichkeit.
Klingt nach Message, welche wäre..?
Marko: Father, I want to kill you…. mother, I want to f*** you! (lacht)
Nein, nein, ganz im Ernst: Benutzt euren eigenen Kopf, lasst euch nicht
vereinnahmen bzw. fremde Normen aufzwängen von der Werbeindustrie, den
Medien, gesellschaftlichen Institutionen oder der Familie.
Klingt nach massiver Gesellschaftskritik...
Marko: Keine prinzipielle Ablehnung, eher Kritik am Einfluss der
Werbeindustrie und der Medien auf die Jugend, welche allgemeingültige
Normen & Markenhysterie schaffen. Die Message der Doors ist heute
leider aktueller denn je, da heutzutage so getan wird, als wäre alles
ach so frei, und dadurch nicht mehr über wirkliche Selbstbefreiung
& Selbstverantwortung diskutiert wird.
Das wirklich Beunruhigende ist, dass die Jugendbewegung der 60s, damals
noch gegen Konsum und Mitläufertum, mittlerweile komplett durch die
Wirtschaft vereinnahmt und gleichgeschaltet wurde. Das was derzeit
"Jugendkultur" genannt wird, was eigentlich das Erbe der Jugendbewegung
der Sechziger sein sollte, ist nichts anderes, als Lifestyle,
Massengeschmack, Konsumzwang und Konsumorgie. Geld haben ist heute
"cool", muss ich dazu noch was sagen??
Noch ein Schlusswort zum Mythos der DOORS?
Marko: Mythos heißt: etwas war einmal in mythischer Zeit. Gibt es
überhaupt einen Rock n Roll Mythos? Wenn ja, heißt das dann:
Rock’n’Roll ist tot?
Fakt ist, dass das rebellische Potential des Rock’n’Roll spätestens ab
Ende der 70er so brutal ausgeschlachtet wurde, dass die Zugkraft, die
darin steckte, heute so nicht mehr existiert. THE DOORS und das
Rock’n’Roll-Lebensgefühl aber heißen für mich: "Befreie dich selbst".
Dies heißt es nach wie vor, und darum geht es mir. Kann das irgendjemand da draußen verstehen….?
Re ¤ act ¤ or
An: Leopold Lapsus
Betreff: Re: LAPSUS NEWS - LOver 39 online
Achim, wie machst Du das bloß... ich bin wiedermal platt... ansonsten
viel im umbruch... dazu später mehr... danke jedenfalls allezeit
für deinen Lover Report. Alles Gute für Dich und die
Deinen
Peter
Lieber Leopsus, du hast wieder so schöne Texte bei mir gefunden. den
ersten hatte ich mittlerweile verloren, deswegen kommt er leider auch
nicht mehr in mein neues Buch. Trotzdem werde ich in Leipzig bei der
Buchmesse diese Lapsusversion lesen und den Lover 39 einfach mit
ausstellen. Bis bald Mal nicht nur
virtuell. Hartmut
Lieber Roland, der Lover war wirklich wieder sehr gut, ich habe vor,
ihn an Alexander N. weiterzuverschicken. Herzliche Grüße von Lutz
Hallo Leopold, ich hoffe, dass ich dir die Zeilen an den Verband
deutscher Schriftsteller schon gemailt habe, ansonsten kannst du alles
reinnehmen, was du von mir bekommen und noch nicht verwendet hast. Euch wünsche ich schöne Tage in Zarnekla. Hartmut
Hallo, hier melden sich Ginger, Hans, Elisa und Liliana. Dieses Mal
werden wir wohl Lapsus nicht mitmachen können. Haben mit unserer
Kleinen zu tun, die jetzt gerade in den 4. Monat geht. Vielleicht
schauen wir mal an einem Tag vorbei, wenn alle Zeichen auf Herumreisen
stehen. Allen anderen Lapsoten, bekannt oder nicht wünschen wir eine
Menge Spaß und lapsige Gefühle. Bis spätestens zum nächsten Jahr, liebe
Grüße an alle, Ginger
Hallo liebe LoverInnen! Ging es euch nicht auch so? Ich habe bei Nummer
39 so viel gelacht! Und immer wieder, weil ich mit allen Gästen seither
Lesungen der Seiten 12 bis 14 veranstaltete. Wir haben Tränen gelacht
und Schmerzen (David: "Ich gehe jetzt hoch, ich bekomme schon
Kopfschmerzen vor Lachen!"). Und die Vorsätze "Das mache ich jetzt
auch!" oder die Erinnerungen, wie im ESP-Unterricht bei unserem frisch
absolventen Klassenlehrer mal die Mädchen eine Stunde lang auf seinen
Hosenstall geschaut haben, oder bei Stabü beim Schuldirektor - es war
Hospitation vom Kreis da - mal alle die Stunde lang nichts gesagt haben
(bis auf Streber Bodo H.)...
Die gute, positive Überraschung des LOvers 39 war Pappelschnee. Ich bin
begeistert von Inhalt, Sinn und Form! Kai ist jetzt mal in Hohenbüssow
(am 20. Mai), warum nicht eine Woche vorher in Zarnekla???
Nicht so gut an dem Heft ist für mich die Lesbarkeit der Mittelseite
und die Cover-Rückwand mit diesem Gesicht, was ich schon zu viel
überall sehe. Die Vorderfront diskriminiert eindeutig die heilige
Scheiße ;o), und der Spruch war 1990 etwas anders: "Hakle feucht und
Büchsenbier, Helmut Kohl, wir danken Dir!" Aber jedenfalls ging der
LOver hier in Zarnekla durch viele Hände und fand rege Anteilnahme. Bis
auf weiteres. Alles Grüne und bunte Grüße Roland
gerhard on the guillotine
Kai Pohl
es lebe die lüge
es lebe der auswurf
es lebe der anachronismus
es lebe die vielfalt
es lebe das chaos
es lebe die eigene faust
es lebe könig salomo
es lebe der große bruder
es lebe der zentralfriedhof
böll ist tot es lebe beigbeder
goethe ist tot es lebe die kultur
röntgen ist tot es lebe die kernspintomographie
es lebe der kleine unterschied
es lebe die weibliche kurve
es lebe die evolution
Die Hand, die nach den Sternen greift
Kai Pohl
Die Welt des Bewußtseins ist ein semiotisches Labor mit wechselnden
Agenzien: Situation, Wahrnehmung, Interaktion, Funktion, Narration,
Binnendifferenzierung, Grauen, Glück und Wiederholung. Die Wiederholung
als einzig wirksame Mitteilungsform, die wellenförmige Wiederholung der
Wörter an einem Tag voll Weite, Wind und Zerrissenheit. Das Grauen
schlägt sich nieder im Gedächtnis der Sprache, abgedroschen nach der
x-ten Wiederholung in der tristen Textur eines Vorortbahnhofes. Man
hört Kaugeräusche, dann eine Stimme. Es ist die Stimme von Aubrey
Beardsley, es ist die Stimme von Buenos Aires, die Stimme, von der
Goethe sprach: »Ganz leise spricht ein Daimon.« Es ist die Sprache
selber, die da spricht, die Schilderung des eigenen Erlebens auf eine
Liste modischer Attribute reduziert, das eigene Leben als fortgesetzter
Selbstversuch. Es ist nicht die Frequenz, sondern die Schockwirkung.
Gib ihnen Gewehre und sie werden übereinander herfallen. Gib ihnen
Bomben und sie werden sie werfen. Sie werden Feinde erfinden, um den
Frieden zu sichern. Gib ihnen Namen und laß sie vergessen, wer sie
sind. Ein Kaufhaus ist auch nur ein Kaufhaus ist auch nur ein Kaufhaus,
Atheismus ein Glaube, die Seele ist nur ein Effekt. Es ist die Stadt,
an der die Erde atmet, die Stille der Wüste, die visuelle Verfolgung
einer Rinne, die mit zunehmender Tiefe dunkler erscheint, in sanfter
Abwärtsbewegung nach Süden verlaufend, wo sie sich teilt in drei Arme:
in tätiges Denken, einen Trancezustand infolge von kurzen oder längeren
sich wiederholenden Handlungssequenzen sowie ein rotes Licht, durch
Nachtwolken schimmernd, das sichtbar macht, wovon die Gestalten
entstellt sind. Details der Gesichter werden erkennbar, die Waffen sind
ausgedacht, viel zu groß, in einer fiktiven Welt, jedoch immer im
Rahmen der Dramaturgie des Erlaubten. Die Leute wollen Geschichten, die
sie verstehen, interagieren auf Knopfdruck, Maschinen sind aufgestellt,
um Geld einzuwerfen, sehr schlicht und dennoch ein Riesenerfolg. Die
Automaten quellen über. Ab und zu ein Schrei. Eine reale Geisterbahn,
wo es überlebenswichtig ist, die Aliens, Monster und Mutanten zuerst zu
entdecken und zu eliminieren, in einer Atmosphäre aus Täuschungen,
schlechten Hotels und Aktivitäten der UNO. Erst werden die Prioritäten
verschoben, dann wird der Schrott entsorgt. Die unerträgliche
Vermehrung von Ballast über jedes vernünftige Maß hinaus führt zu
halluzinogenen Zuständen, zu einer beständigen Irritation, zu
Konsumverzicht, Verwirrung und Unzufriedenheit. Es führt zu einer
konsequenten Sprache, die ihre Quellen nicht verschleiert. Es führt
einfach zu weit! Das Niveau sinkt, rufen die Professoren. Dann sah ich,
wie die Flugzeuge einschlugen. Ich war dabei, als die letzten
Großkampfschiffe auf die Ruinen der Städte stürzten. Ich floh in einen
Raum mit Hunderten von Türen, die allesamt in den Abgrund führten.
Horden von Sklaven, bewaffnet mit Knüppeln, Vorderladern und
Schrotflinten schleppten sich durch die Trümmer ihrer Existenz. Ich sah
den Himmel geöffnet, Satan fallen wie einen Blitz, sah, wie ihm die
Flügel genommen wurden, sah den Himmel Feuer fangen; ich sah, wie das
Lamm die Siegel auftat. Ich sah die Villa auseinander fliegen, das Meer
versinken unter Tempelschutt, ich sah das Mündungsfeuer. Ich sah, daß
ich keine Füße mehr hatte, versuchte zu sprechen, doch Blut quoll aus
meinem Mund. Ich atmete Blut und spuckte Blut, hörte Blaulichter nahen
und sah dennoch klar und außergewöhnlich deutlich die Stadt in allen
Einzelheiten, die Namen ihrer Bewohner verstummt in Stein, mit Büchern
gefüllte Mülltonnen, mit Hochkulturassoziationen aufgeladene Inseln,
Fragmente, Bewußtseinströme, Überlegungsgeflechte, Zeitsprünge ohne
Zeitkorrektur, Endlosschleifen von Buchstaben, Aggressionsimpulse und
Gedankenfetzen; alles wirkt zeitlos, in Labyrinthen verästelt. Wenn ein
Gedankengang mit zunehmendem Tempo in Übelkeit mündet, so nicht, weil
die Wörter versagen, sondern weil das Bewußtsein ein Monstrum ist, das
exakte Ergebnisse liefert. Die Ausdrucksmöglichkeiten im nonsense
werden offensichtlich, wo die Sprache versagt. Wo die Sprache versagt,
da regiert die Faust. Wo die Sprache versagt, hilft die Optik weiter.
Wo die Sprache versagt, schreitet das deutsche Institut für Normung zur
Tat. Alle fünf Minuten ein Absturz, Sirenen, eine Schocksequenz. Die
Hand, die nach den Sternen greift, sie zittert. Alle fünf Minuten
Position bestimmen, neu orientieren, neu definieren, sprunghaft die
Geschwindigkeit ändern, schießen, abdrehen, ins Wörterbuch schauen,
durchrühren, bis das Fleisch weich ist. Die Erde wird mit einer neuen
Erdschicht abgedeckt, alle fünf Minuten ein Sattelschlepper, eine
Live-Schaltung ins Krisengebiet, alle zehn Minuten Werbung, alle 15
Minuten die Börse. Es sind die Nebenwirkungen, die sich wie eine
Morddrohung lesen, die Wirklichkeit der Hirngespinste, Ausnahmen, die
der Regel entsprechen. Es sind die Karriere, der Traum und die Liebe,
die Weißkopfbülbüls, Geschichten, die das Leben erfinden, es sind die
normalen Leute, die hier ins Knie gefickt sind. Kurzum, es wurde eine
mediokre Suppe gebraut, garniert mit einem diffusen Gefasel. Sogar die
Asche ist verwertet worden, der Salat war fleckig davon. Nein danke.
Das ist alles blöd, saublöd. Man hat uns Gewehre gegeben, mit
Zielfernrohr. Und Munition. C´est tout, that's all. Hier tobt eine
Furie, ein Fundamentalismus, der sich aus Armut, Elend, Gewalt und
tödlichen Krankheiten speist. Die Menschen stürzen sich in Extreme, um
den Preis, die eigene Vergangenheit auszulöschen. Wenn ich heute meine
Heimat besuche, verspüre ich eine Leere, einen kalten unfreundlichen
Lufthauch, Sprachverwirrung und universelle Fremdheit, radioaktiv.
Angesichts dieser Verhältnisse kann ich auf absehbare Zeit nur dagegen
sein. Ich kann auf jeden Fall gut unterscheiden zwischen Traum und
Realität, aber ich kann nicht immer unterscheiden zwischen Realität und
Fernsehen. Das meiste, was als Information daherkommt, ist nichts
weiter als totale Fiktion. Ich versuche nur, die Lüge auf sich selbst
zurückzuführen. Eine lebendige Lüge ist mir lieber als eine tote
Wahrheit.
eine auskopplung aus "heimat, mir graut vor dir", volume 1, eine kleine
broschüre, die man über *pappelschnee.de* bestellen kann.

ES GIBT KEINE FREIHEIT
Bert Papenfuß
Es gibt keine Freiheit
für die Feinde der Freiheit.
Es gibt keine Freiheit
für die Freunde der Freiheit.
Die Freiheit ist eine Schimäre,
schwelgt stets in einer Affäre.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Durch tätige Befreiung abgetrotzt,
in die Fresse der Peiniger gerotzt.
Es gibt keine Freiheit
in der Diktatur der Bourgeoisie,
Demokratie genannt, Sklaverei ist gemeint.
Es gibt keine Freiheit
in der Diktatur des Proletariats,
Sozialismus genannt. Bestenfalls Toleranz.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Wird Staatsapparaten abgetrotzt,
in die Klos der Büros gekotzt.
Es gibt keine Freiheit
in der Diktatur der Bourgeoisie,
Demokratie genannt, Sklaverei ist gemeint.
Es gibt keine Freiheit
unterm Diktat der Militärindustrie,
Faschismus genannt, Sklaverei ist gemeint.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Wird durch militanten Widerstand
mühsam errungen Land für Land.
Es gibt keine Freiheit
unter der Knute des Adels,
Monarchie genannt, Sklaverei ist gemeint.
Es gibt keine Freiheit
unter der Fuchtel des Häuptlings,
Stammesgesellschaft genannt, Sklaverei ist gemeint.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Der Aufstand der unterdrückten Masse
fegt hinweg die herrschende Klasse.

Es gibt keine Freiheit
unter einem magischen Matronat,
Urgesellschaft genannt. Bestenfalls Toleranz.
Es gibt keine Freiheit
unter der Führung der Stärksten,
Amorphismus genannt. Bestenfalls Toleranz.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Frisch die Schläfrigen geweckt,
und ums Verrecken angeeckt.
Es gibt keine Freiheit
in der keulenschwingenden Horde,
Selbstbezeichnung unbekannt. Guten Appetit.
Es gibt keine Freiheit
im Rudel unter einem Leitwolf,
Selbstbezeichnung unverständlich. Guten Appetit.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Auf die Fuchtel wird geschissen,
und Alpha in die Flucht gebissen.
Es gibt keine Freiheit
im Trott der Herde, den Fürzen
des Leithammels folgend. Toleranz unbekannt.
Es gibt keine Freiheit
im Schatten üppigen Gestrüpps,
das auch nur ans Licht will. Toleranz unbekannt.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Den Hammel in die Schlucht gestürzt,
dem Gestrüpp die Zweige gekürzt.
Es gibt keine Freiheit
unter der Erde, gesetzmäßig bebt
die Lithosphäre. Begriffe sind dort unbekannt.
Es gibt keine Freiheit
im Erdkern, es gibt keine Fragen.
Nickel, Eisen und Kobalt haben das große Sagen.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Stein waren wir doch alle schon mal,
durch Empörung werden wir Metall.
Es gibt keine Freiheit
im Atomkern, dort geht alles
ausnahmsweise seinen geregelten Gang.
Es gibt keine Freiheit
in der Regel – im Trudeln
der Revolte springt die Qualität.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Die richtige Schwingung in Gang,
und schon tanzt Zweck mit Zwang.
Es gibt keine Freiheit
für die Feinde der Freiheit.
Es gibt keine Freiheit
für die Freunde der Freiheit.
Die Freiheit ist eine Schimäre,
schwelgt stets in einer Affäre.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen,
durch tätige Befreiung abgetrotzt,
in die Fresse der Peiniger gerotzt.

Bert Papenfuß ist Schriftsteller, Redakteur der Zeitschrift GEGNER und Mitbetreiber des Kaffee Burger in Berlin.
© telegraph #111_2004
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des telegraph
2000 DOLLAR ORANGENSAFT
Alexander Krohn
Als ich Herrmann vom Flughafen abholte, zog er ein Gesicht zum r e i n
s c h l a g e n. Genau genommen wirkte er im Gebäude noch unbeholfen,
übermüdet und irritiert, auch die nach dreimonatigem Wiedersehen
angebrachte Umarmung wurde, wenn auch mürrisch, nicht unwillig
vollzogen, erst als wir hinaustraten, setzte er diese Miene auf, die er
die nächsten Tage nicht mehr ablegen sollte; eine Mischung aus
Verschlossenheit und Überdruß. Die anderen zwei waren guter Dinge und
Dosen; Achmed fuhr in einem Affenzahn nach Amman. Drei Tage drauf
fuhren wir in das kleinste palästinensische Flüchtlingscamp der Welt.
Ich hatte im Frühjahr eine Anzeige geschaltet, die aufrief, im Nahen
Osten gegen Besatzungspolitik zu spielen. Parallel versuchte ich
Musiker zum Mitkommen zu bewegen, niemand wollte, die meisten hatten
kein Geld oder wichtige Termine; außer Monique Schramm. Es fanden sich
drei: Harry Coltello, Jakob Enderlein, Herrmann Pest. Mit Herrmann gab
es vorab ein Gespräch über die Herangehensweise, er meinte, man solle
hinfahren, spielen, und mehr nicht, später sah er das anders; ich
dagegen war dafür, die Tour zu p o l i t i s i e r e n, denn erstens
schien mir etwas zu p o l i t i s i e r e n out, zweitens a n g e b r a
c h t, drittens ödeten mich Mottos wie M u s i k k e n n t k e i n e G
r e n z e n an, viertens interessierte mich die Reaktion der Inländer
und fünftens fuhren wir aus purem Egoismus: es mußte doch eine
Möglichkeit geben, uns nicht mehr taufrischen Musiker-Existenzen neues
Leben einzublasen. Der Bau der Mauer war weit fortgeschritten, ganze
Stadtteile waren zerschnitten, Häuser abgerissen und mit Bulldozern
weggeschoben, an den Checkpoints wimmelte es von Stacheldraht,
Sandsäcken und Wachtürmen. Herrmann zog ein Gesicht zum h e u l e n.
Jakob war begeistert. Während die meisten mich unterbrachen, um
Einwände oder Ausflüchte anzuführen, unterbrach mich Jakob, um
bitterfreudig auszurufen: „Bin dabei!“ Harry ist ein unpolitischer
Mensch, er meinte, da M e t a l l i c a nicht hinfährt, muß wohl wer
anders den Job machen; also wir. Am Abend zeigte uns der Leiter des
Kulturzentrums Karten, die einen Überblick gaben über Mauerbau,
Errichtung von Übergängen, Wällen und Einzäunungen. Städte werden
voneinander isoliert, Übergänge willkürlich geschlossen, Anwohner
kommen nur mit Genehmigung raus. Am Übergang nach Ramallah zeigte sich
das selbe Bild. Jakob mußte erstmal ein Bier knacken. Am nächsten
Morgen stellte er in einem muslimischen Restaurant zum Frühstück eine
Flasche Arrak auf den Tisch. „Mußt Du bereits am frühen Morgen den Assi
geben?“ fragte meine Freundin. Es gab Spannungen. Wir verstanden uns
gut. Auf der Bühne hervorragend. Harry und Herrmann schauten betreten
beiseite: M u s i k e r – für Probleme schon, für Problemlösungen nicht
gemacht. Nach dem letzten Konzert (Damaskus) sagte Herrmann, er wartet
noch einen Monat ob etwas passiert, wenn nicht, hängt er sein Akkordeon
an den Nagel. Das war am 12. Oktober 2004. Die folgenden Tage witzelten
wir: Noch 29. Noch 28. Noch 27. Wir beschlossen, Aufnahmen zu machen.
Harry besitzt einen Bauwagen, ich habe in Delhi einen Kassettenrecorder
gekauft, geiler Sound, am 12. November kam niemand. An dem Abend in
Damaskus hatte Herrmann eine Art Gemütsausbruch, er, der meistens
schweigt, begann zu r e d e n. Er meinte, daß der Abend im
Flüchtlingscamp über den Karten der b e s t e war, es sprudelte aus ihm
heraus, er redete über eine Stunde, die ganze Sache gab ihm zu denken.
Jakob nickte. Harry war ganz verwundert. Er hatte ein Gesicht zum A b k
n u t s c h e n, er meinte, er wäre nun pleite, die Tournee hätte ihn
2000 Dollar gekostet, aber wenn es sein muß, fährt er her und trinkt
für 2000 Dollar einen Orangensaft. Ich habe nicht ganz verstanden, was
er damit meint. Noch Tage später in Berlin, als ich schon lange wieder
mit meiner M i e n e, mit meiner f l e i s c h g e w o r d e n e
n M i t e r k r a n k u n g, mit meinem
B e r l i n e r G e s i c h t herumrannte, hielt bei Herrmann der
innere Trubel an. Selbst Jakob fühlte sich mies. Er wollte mit Keffiya
auf die Kastanienallee gehen. Ich denke, der Abend in Damaskus war der
beste.
Alexander Krohn ist Musiker, Verleger und Reisender.
© telegraph #111_2004.
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des telegraph
Rettet das Radio!
Früher war das Hören ein Erlebnis. Heute dudeln Privatsender die immer
gleichen Hits – und viele Öffentlich-Rechtliche tun es ihnen nach. Aber
es gibt Hoffnung: Ambitionierte Macher wollen das Medium mit neuem
Leben erfüllen
Von Ulrich Stock
Bei Manufactum und anderswo werden diese kleinen hübschen Radios
verkauft, die so gut klingen und so einfach zu bedienen sind. Wer sich
so ein Gerät kauft, hat allerdings ein Problem: Was soll er damit
hören? Es gibt sie kaum noch, die guten Sender.
Das UKW-Spektrum von 87,5 bis 108 MHz bietet, abhängig von der Region,
bis zu 30 Stationen. Auf vielen dieser Kanäle schwappt die immergleiche
Dudelsuppe. Alle paar Minuten wird das Wetter vor dem Fenster
durchgesagt, auf welchen Straßen es blitzt und was man beim tollen
Gewinnspiel gewinnen kann, wenn man JETZT SOFORT bei der Radio-Hotline
anruft für 49 Cent – und dann kommt bei den Privaten noch die Werbung,
bis zu acht Minuten pro Stunde. Die gebetsmühlenhaft wiederholten
Kennungen der Sender unterscheiden sich inzwischen mehr als die
Programme. »Die Megahits der Achtziger, Neunziger und das Beste von
heute« – wer sendet das nicht?
Resignierte Hörer stellen den Deutschlandfunk ein, das neben
DeutschlandRadio Berlin einzige Programm, das bundesweit zu empfangen
ist. Hier gibt es zwar nicht immer etwas, das einen gerade
interessiert, Musik jenseits von Klassik und Jazz schon kaum, aber das
Bemühen um Qualität ist hörbar. Hier hat das Funken noch Verstand.
Bloß ist Deutschlandfunk auf Dauer langweilig.
Und wofür zahlt man eigentlich im Monat 5,32 Euro Hörfunkgebühren? Hat
man nicht Anspruch auf Abwechslung? Braucht ein facettenreiches,
widersprüchliches und im Umbruch befindliches Deutschland nicht
ebensolche Radioprogramme?
Zwei Jahrzehnte nach der Zulassung des Privatfunks stellt sich die
deutsche Radiolandschaft als ein ödes, an Höhepunkten armes Flachland
dar. Wird die Einebnung weitergehen, oder gibt es irgendwo Zeichen der
Hoffnung?
Lothar Jene hat sein Büro querab vom Hamburger Rathaus. Der 58-Jährige
ist Direktor der Hamburgischen Anstalt für neue Medien – mit zwölf
Mitarbeitern wacht er über den Privatfunk des Stadtstaates. Viel zu
überwachen gibt es nicht, denn anders als beim privaten Fernsehen, das
Aufsehen um jeden Preis erregen will, plätschert das private Radio so
vor sich hin. Es darf nicht stören und verstören schon gar nicht. Es
ist kein Einschaltmedium mehr wie ehedem, das man anmachte, um etwas
Bestimmtes zu hören, sondern ein Begleitmedium, eine akustische Tapete
für den Tag. Es soll laufen, aber man muss ihm nicht mehr folgen. Es
darf alles, nur dem Hörer keinen Anlass geben, aus- oder umzuschalten,
so einfach ist das.
Lothar Jene, dem die leichte Kost täglich Brot ist, hat sich daran
gewöhnt. Er bringt sogar ein gewisses Verständnis für die Anforderungen
der kommerziellen Radios auf, schließlich senden die ja nicht zu ihrem
Vergnügen. »Aber abends«, sagt er, »wenn der Fernsehschatten kommt«,
nach der Tagesschau, »da wünschte ich mir schon mehr Mut im Programm.«
Nun, dies ist ein Wunsch, den kann er äußern, und die Sender hören ihn
sich geduldig an – und dann machen sie so weiter wie bisher. Denn am
Abend und in der Nacht muss das Programm nach ihrem Verständnis so sein
wie am Tag, sonst denken die Hörer noch, ihr Gerät habe sich verstellt
– alles eine Frage der Marke, die nicht verwischt werden darf.
Schon mehr Unruhe bei seinen Gesprächspartnern löst Herr Jene mit einer
Beobachtung aus, die er in der U-Bahn gemacht hat und die inzwischen
jeder machen kann: Da sitzen überall junge Leute mit weißen
Ohrstöpseln, dem Erkennungszeichen der iPod-Generation. Mancher
Privatsender arbeitet mit nur 150 Hits, die sich in der »Rotation«
abwechseln. Wer einen MP3-Player besitzt mit 10.000 Titeln, die er sich
selber ausgesucht hat, der braucht kein Radio mehr, jedenfalls nicht so
eins. »Die Radioleute müssen aufpassen«, sagt Herr Jene, »sie können
nicht ewig so weitermachen wie bisher.«
Bei Radio Hamburg am Speersort kann von Endzeitstimmung keine Rede
sein. Programmdirektor Marzel Becker, 41, ist obenauf und hat auch
Grund dazu. Seit zwölf Jahren ist sein Sender Marktführer in Hamburg,
derzeit mit 25 Prozent, eine traumhafte Zahl, NDR2 als konkurrierendes
Programm kommt nur auf 9,1 Prozent.
Radio Hamburg beginnt morgens »mit der lustigsten Morningshow für
Hamburg, mit den besten Gags und den beliebtesten Comedys der Stadt«.
Dann die Mittagsshow Besser arbeiten mit Birgit Hahn, »gut drauf am
Arbeitsplatz mit Megahits gegen den Stress«, und dann die
Feierabendshow, »mit Fun, Action und Comedy nonstop ganz schnell nach
Hause«. Abends dann »die neuesten Megahits für unsere Stadt«, nachts
schließlich »Megahits nonstop«.
Und – jetzt kommt der Knüller, da ist Radio Hamburg megastolz drauf –
jeden zweiten Mittwoch, von Mitternacht an, kommt mal was anderes:
Megahits nur aus Deutschland! Die Antwort des Senders auf die kürzlich
im Bundestag geführte Debatte über den Mangel an deutscher Musik im
deutschen Radio. Wer nicht immer dasselbe hören will, wird also
bedient: Er muss nur 14 Tage warten und dann eine Nacht aufbleiben. Das
ist Programmvielfalt!
Marzel Becker kann über solche Einwände nur lachen. Marktführerschaft
imprägniert gegen jede Kritik. »Wir verstehen, wie Radio gemacht wird
und womit man Erfolg hat.« Dieser Sender solle Geld verdienen, nur
darum gehe es, nicht um Vielfalt, Abwechslung oder gar persönlichen
Geschmack. »Es gibt null Geschmacksfragen hier«, sagt Becker. »Unseren
Geschmack geben wir an der Garderobe ab.«
Je mehr Leute Radio Hamburg hören, desto besser wird die Werbeminute
bezahlt. Je besser die Musikmischung den Publikumsgeschmack trifft,
desto weniger Leute stellen ab. Die werberelevante Zielgruppe sind
Menschen zwischen 20 und 40. Sie haben schon Geld, anders als die
Jüngeren, und sie sind noch in ihren Konsumgewohnheiten zu
beeinflussen, anders als die Älteren. Man spielt also Musik, die 20-
bis 40-Jährigen gefällt, so einfach ist das.
So einfach wäre das. Wenn einem 20-Jährigen gefiele, was einem
40-Jährigen gefällt und umgekehrt. Musik ist das Wichtigste und
Schwierigste im Radio. Jeder will etwas anderes hören.
Was geschieht also? Radio Hamburg lässt jeden aktuell gesendeten Song
alle zwei, drei Wochen testen. Marktforscher rufen potenzielle Hörer
an, spielen denen zehn Sekunden vor und fragen, ob sie dieses Stück
noch im Radio hören mögen oder nicht. Ältere Titel, die Klassiker,
werden zweimal im Jahr getestet. Nur was besteht, wird gesendet.
Selbst populäre Künstler fallen durch dieses Raster, Eminem zum
Beispiel, weil der die Hörerschaft polarisiert. Viele finden ihn super,
viele ertragen schlicht keinen HipHop – um keine »Ausschaltimpulse« zu
geben, muss Radio Hamburg also ohne den prominentesten Rapper auskommen.
Weil in der Zielgruppe nur wenige Stücke konsensfähig sind, ist die
Zahl rotierender Hits klein. Wie klein, wird nicht verraten. Die
Auswahl landet naturgemäß bei den Superstars, und da gibt es eben nur
eine Kylie Minogue, nur einen Robbie Williams. Etwas Neues zu bringen,
das ist riskant. Radio Hamburg hält sich schon viel darauf zugute,
Norah Jones oder Annett Louisan gespielt zu haben, bevor sie groß
herauskamen – aber die hatten ja auch gute Testergebnisse.
Die industrielle Optimierung des Ohrfutters erinnert an die
Massentierhaltung. Die Schweine in den Boxen nehmen’s grunzend hin, und
solange im Stall niemand plötzlich das Licht anmacht, fällt auch keines
tot um.
»Vielfalt«, sagt Marzel Becker, »ist das, was der Hörer mag. Nicht das, was er nicht kennt.«
Vielfalt ist Einfalt. So einfach ist das.
»Früher«, sagt John Mönninghoff, »gab es ein Radio in Mutters Stube. Da
gab es die Stunde für die Hausfrau, den Schulfunk und abends schöne
Hörspiele, zu denen sich die Familie versammelte. Aber das ist vorbei.
Nicht nur das Radio hat sich verändert, auch wir haben uns verändert.
Wenn im Supermarkt drei Leute vor mir an der Kasse stehen, steigt der
Blutdruck. War das vor zehn Jahren auch so? Wir haben objektiv mehr
Zeit und subjektiv weniger Zeit. Und dann soll ich mich vors Radio
setzen, um auf eine bestimmte Sendung zu warten?«
John Mönninghoff, 51, ist einer von sieben, acht Radioberatern in
Deutschland. Seine Firma betreut 35 Sender in 13 Ländern, auch Radio
Hamburg. Mit Radio-Romantik darf man ihm nicht kommen. Früher ist
früher. Jetzt ist jetzt. Instant need fulfillment. Jeder will alles,
sofort. Aufs Radio angewandt, heißt das: Möglichst vielen möglichst
schnell fast alles geben, was sie wollen – schwer genug in einem
Medium, das Hunderttausende gleichzeitig hören.
Denkt man dies weiter, bedeutet das allerdings: Gegen die iPods kann
kein Radio ansenden. Weil an jedem MP3-Player nur ein Hörer hängt. Der
hört, was allein ihm gefällt, jetzt. Sollte er mit der Musik mal
unzufrieden sein, ist er selber schuld.
Anruf beim Norddeutschen Rundfunk, Bitte um einen Termin mit dem
Programmdirektor Gernot Romann. Doch, große Überraschung, Herr Romann
hat keine Zeit, heute nicht, morgen nicht, die nächsten Wochen nicht.
Die Pressestelle bittet, die Fragen schriftlich einzureichen. Sie
würden auch schriftlich beantwortet.
Schriftliche Frage an den gesprächsscheuen Sender: »Wie wehrt sich der
NDR gegen die zunehmend geführte Klage, das Öffentlich-Rechtliche
gleiche sich dem Privaten immer mehr an?«
Schriftliche Antwort: »Mit der Einladung, die NDR-Programme zu hören.
Jeder, der dies tut, erkennt, dass von einer Angleichung keine Rede
sein kann.«
Was ist hier los? Welch seltsamer Ton? NDR = DDR? In der Tat ist der
Norddeutsche Rundfunk ein Reich für sich, von Polen bis zur
holländischen Grenze, von Dänemark bis hinter Kassel. Ganz
Norddeutschland hört den NDR – oder eben auch nicht. Unter den
Anstalten der ARD ist der NDR die unmutigste. Während sich Sender
anderswo schon etwas Neues einfallen lassen, um dem Privatfunk Kontra
zu geben, und dabei auch durchaus Anleihen bei der eigenen Geschichte
machen, ist der NDR noch eifrig bemüht, traditionelle Stärken zu
beseitigen, um sich dem Privatfunk anzugleichen. NDR2 ist eine
schlechte Kopie von Radio Hamburg und NDR Kultur eine noch schlechtere
von Klassik Radio. Und Gernot Romann ist so eine Art Egon Krenz des NDR
– ein munterer Reformer, der nicht versteht, warum der Gegenwind immer
stärker wird.
Romann hat eine Menge Ärger – und macht eine Menge Ärger: Der NDR
bemüht oft die Anwälte. Die Charakterisierung eben ist bestimmt auch
für eine Gegendarstellung gut (etwa so: »Richtig ist vielmehr, dass
Gernot Romann nicht so eine Art Egon Krenz des NDR ist.«)
Der NDR ist wohl deshalb so reizbar, weil alle Veränderung nicht den
gewünschten Erfolg bringt. Man verkauft seine Seele und bekommt nichts
dafür – das ist bitter.
Heftigster Gegner der Programmreformen ist die Hörerinitiative »Das
ganze Werk«. Auf ihrer Website www.dasganzewerk.de streitet sie dafür,
dass die NDR-Kulturwelle tagsüber wieder mindestens vier Stunden lang
ganze Werke spielt und nicht einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene
Sätze. Denn so sieht’s heute aus: Erst einen dritten Satz Mozart, dann
ein Klavierstückchen von Chopin, eine Rossini-Ouvertüre, und munter
wird’s mit Johann Strauß! Keine Chormusik mehr, keine Bläserstücke, von
Strawinsky allenfalls Teile des Feuervogels. Späte Streichquartette von
Beethoven nur noch spät, nach Einbruch der Dunkelheit.
NDR3, qualitativ einst führend in der ARD, ist über zehn Jahre hinweg
zur Dödelwelle umgebaut und entwortet worden. Der Tag beginnt noch mit
dem anspruchsvollen Am Morgen vorgelesen, danach ist alles Komplexe,
Schwierige verschwunden; es gibt allerdings auch nichts mehr, was zum
Zuhören reizte. Nur in der Nacht nimmt der Sender noch Vernunft an –
wenn der Programmdirektor schläft.
Die Unzufriedenen übersetzen »NDR Kultur« mit »Ende der Kultur«. Knapp
1.700 Mitglieder zählt die Initiative inzwischen, engagierte, kluge
Leute, die wirklich noch hören – und gehört werden wollen. Romann hat
sie in einer Hauszeitschrift des NDR prompt als »Kultur-Ajatollahs«
bezeichnet, und man darf also gespannt sein, ob eines Tages das
Selbstmordattentat eines fanatischen Bruckner-Hörers seinem Wirken ein
Ende setzen wird.
Bis dahin kann Romann darauf verweisen, die Einschaltquote von NDR
Kultur von 1,2 auf 1,8 Prozent gesteigert zu haben. Wenn allerdings eh
so wenige zuhören, warum dann nicht wenigstens ein anständiges Programm
machen?
Auch Popmusikfreunde attackieren den Programmdirektor seit Monaten,
weil der NDR Paul Baskerville, einen musikverständigen Moderator, der
auf NDR Info zuletzt nur noch nach Mitternacht ans Mikrofon durfte, nun
gar nicht mehr beschäftigt. Baskerville ist vor mehr als zwei
Jahrzehnten schon in der legendären Sendung Musik für junge Leute nach
der Schule hervorgetreten. Er ist ein Urgestein des Senders mit treuem
Publikum, das auf der Website www.offbeat-baskerville.de eine Rücknahme
der Entscheidung fordert. Auch hier hat der NDR einen Konflikt mit
Leuten, die noch auf das achten, was gesendet wird und was nicht.
Natürlich – das muss man bei aller Polemik dem NDR zugute halten – hat
es kein öffentlich-rechtlicher Sender heute leicht. Sinken die
Einschaltquoten zu stark ab, heißt es: Wofür bekommt ihr überhaupt die
Gebühren, wenn euch keiner hören will? Senkt man den Anspruch, einer
höheren Quote zuliebe, heißt es: Wofür bekommt ihr überhaupt die
Gebühren, wenn ihr ein Programm wie die Privaten macht?
Zu den bitteren Kuriosa von Radiodeutschland gehört es, dass inzwischen
ausgerechnet die Privatsender die öffentlich-rechtlichen Anstalten an
ihren Programmauftrag erinnern: dies nicht aus Gemeinsinn, sondern um
sich eine Konkurrenz fern zu halten, die als unfair empfunden wird,
weil sie unter viel besseren Bedingungen antritt – gebührenfinanziert
nämlich.
Nun ist der NDR zum Glück nicht überall. Die Struktur des
öffentlich-rechtlichen Radios ist nach wie vor föderal, beim WDR in
Köln ist das Programm origineller und mutiger als in Hamburg, auch beim
SWR in Baden-Baden.
Zwei Sender ragen heraus aus der Verflachung: der traditionsbewusste
Bayerische Rundfunk in München und das innovative Radio Eins vom Radio
Berlin-Brandenburg in Potsdam.
In Bayern gibt es seit 30 Jahren den Zündfunk, derzeit mit zweieinhalb Stunden Sendezeit täglich,
abends von sieben an und in der Stunde vor Mitternacht. Was als
Jugendsendung begann, zählt heute zum Besten, was der Musikjournalismus
in Deutschland zu bieten hat. Ulrike Ebenbeck, die Chefin, die im 16.
Stock des Sendegebäudes hoch über München sitzt, sagt, sie habe sich
noch nie einer Quotenfrage aussetzen müssen. Gewiss ist das nicht nur
ihr Verdienst, sondern auch das jener, die ihr diese Frage nicht
stellen. Ob es dabei bleiben wird?
Johannes Grotzky, BR-Hörfunkdirektor, rechnet mal eben vor, dass der
BR2, auf dem der Zündfunk läuft, 33 Euro pro Sendeminute kostet bei
240.000 Hörern am Tag, BR1 dagegen, die Schlagerwelle, nur 22 Euro bei
2,3 Millionen Hörern. Betriebswirtschaftlich ließe sich da einiges
optimieren, aber so einfach ist es eben nicht. »Vielfalt im weitesten
Sinne«, sagt Grotzky, »ist das Wichtigste, was man überhaupt braucht.«
Bei den jährlichen Best-of-Leserumfragen von Musikzeitschriften wie
de:bug, intro oder spex landet der Zündfunk immer auf den ersten
Plätzen. Und es spricht ja nicht gegen ein Programm, wenn es Menschen
gibt, die sich dafür begeistern können. Zu den ständigen Mitarbeitern
des Zündfunks gehören Leute wie der Schriftsteller, Musiker, DJ und
Kritiker Thomas Meinecke oder Karl Bruckmaier, Popmusikexperte der
Süddeutschen Zeitung. »Es sind Menschen«, sagt Ulrike Ebenbeck, »die
sich nicht nur von den Plattenfirmen bemustern lassen, sondern sich
selber Platten kaufen, die sie auspacken und in die Hand nehmen« – und
sich Gedanken dazu machen. Bruckmaier beispielsweise versteht es, nicht
nur anzupreisen, sondern auch zu beanstanden. Wo gibt es das noch im
deutschen Radio, dass man sich mit der gesendeten Musik
argumentativ-kritisch auseinander setzt?
Der Zündfunk, der mit drei Angestellten und 45 Freien mehr Personal
beschäftigt als manch ein Privatsender, verbindet Nähe zum Geschehen
mit Professionalität. Ihm gelingt, was von Amateuren betriebenen
Sendern wie Radio Flora in Hannover oder dem FSK in Hamburg bei allem
Engagement versagt bleibt.
Ende November lud der Zündfunk zum Bavarian Open ins Funkhaus ein, alle
1.700 Karten gingen für je 20 Euro weg, 23 Bands und DJs spielten in
drei Studios und dem Lagerraum des Rundfunkorchesters – unter ihnen
Musiker, die man bei anderen Sendern nicht einmal dem Namen nach kennt,
geschweige denn sendet. Nouvelle Vague aus Frankreich stellten hier
ihre Bossa-nova-Versionen von Punk-Hits vor, über die Monate später der
Spiegel berichtete.
Es wurde ein rauschendes Fest bis in den Morgen. Unters jugendliche
Publikum mischten sich Musiker, Plattenhändler, Kritiker – und keiner
hatte das Gefühl, einer verschwindenden Minderheit anzugehören.
Das Radio stiftet Gemeinschaft, der iPod Individualität. Vor den
Lautsprechern bildet sich eine andere Identität als mit Ohrstöpseln –
eben weil alle zur selben Zeit das Gleiche hören. Die Szene in
Weilheim, Oberbayern, mit ihren Gruppen von The Notwist bis Lali Puna,
von Ms John Soda bis zu Console und dem Tied & Tickled Trio, wäre
wohl nicht entstanden ohne die Rückkopplung mit einem wachen Sender,
der den jungen Leuten da draußen einerseits immer gezeigt hat, dass es
noch Musik jenseits des Üblichen gibt, und der andererseits, als aus
der Provinz ein Echo kam, sofort die Mikrofone aufstellte und mit
Auftritten, Aufträgen und Sendungen half.
Und all dies nicht aus Gutmenschentum oder Kalkül, sondern aus
Engagement, Begeisterung und nüchternem Urteil. So vereint der Zündfunk
Tradition und Fortschritt, Beharrungsvermögen und schnelle Reaktion.
Hier gab’s die erste Technosendung bundesweit, den ersten Housemix. Für
das Ansehen des Bayerischen Rundfunks unter Musikfreunden ist die
Sendung unbezahlbar – anderswo wäre sie längst abgeschafft.
»Die Zukunft des Radios liegt in seiner Vergangenheit«, sagt Helmut
Lehnert, Chefredakteur von Radio Eins in Potsdam, das vor sieben Jahren
erfunden wurde, nachdem zwei Sender fusionierten, der brandenburgische
ORB und der Berliner SFB. Lehnert, der schon aus dem östlichen DT 64
und dem westlichen Radio For You das öffentlich-rechtliche Jugendradio
Fritz entwickelt hatte, bekam den Auftrag für ein neues Format. Lehnert
und seine 100 Mitarbeiter wollten dem Privatfunk weder mit den Mitteln
des Privatfunks begegnen (wie es der NDR versucht) noch mit dem
gebührenfinanzierten Zeigefinger. Sie wollten weder
aalglatt-nichtssagend sein, noch inhaltsreich-volkshochschulartig – da
musste es doch noch etwas anderes geben. Sie wollten Menschen, die mit
der Formensprache von MTV und Viva und Privatfunk aufgewachsen waren,
ein hochwertiges Angebot machen, das sie dort nicht bekommen, in
Lehnerts Worten: »Quote und Qualität – es wird ja immer verneint, dass
das geht.«
Als Radio Eins am 27. August 1997 auf Sendung ging, hatten die Privaten
über 80 Prozent Marktanteil bei den 25- bis 45-Jährigen. Der Start
missglückte, es galt die alte Radioweisheit: »Ein Konzept sendet nicht.«
Lehnert weiß noch, wie die Tabellen mit den ersten Mediadaten kamen:
»Wo sind unsere Hörer? Wir haben sie nicht gefunden.« Die Gremien des
Senders murrten, auch die Mitarbeiter. »Da gab es kritische Stunden«,
sagt Lehnert. »Alle, die schon immer wussten, dass so etwas, was wir
machen wollten, nicht gehen würde, hatten ihren Spaß.« Sein Glück war
die »extreme Unterstützung«, die er von der Geschäftsleitung bekam.
»Die wussten: Etwas Neues braucht Zeit.«
Radio Eins brauchte drei Jahre, heute ist es das öffentlich-rechtliche
Radio, und Lehnert, 54, graumeliert, mit Sweatshirt und roten
Turnschuhen, lehnt sich zurück, um noch eine Zigarette zu drehen: »Wenn
Sie etwas probieren, was die Leute brauchen, dann hat es Erfolg –
früher oder später.« Ein Problem heute sei, dass kaum ein Sender mehr
sich diese Zeit nehmen wolle.
Radio Eins hat heute 237.000 Hörer täglich, fast doppelt so viele wie
im Jahr 2000. Überdies hat die Kulturszene den Sender ins Herz
geschlossen, denn er informiert über Theater und Film,
Kunstausstellungen und Musik.
Nicht 150 oder 300 Titel rotieren hier, sondern 6.000, und weitere
20.000 sind im Archiv, jederzeit einzusetzen. Der Sender will das
breite Spektrum der Popmusik der letzten 40 Jahre spielen – und
vermitteln. So zum Beispiel in dem Format Pop Splits mit Songs, die
Geschichte geschrieben haben. Da wird erzählt, wie Bob Dylan die
Beatles das Kiffen lehrte (I Want To Hold Your Hand) oder mit wem Serge
Gainsbourg Je t'aime eigentlich singen wollte. Die Idee, Musik nicht
nur zu senden, sondern sie – wie früher – auch einzuordnen, findet
großen Zuspruch. Inzwischen gibt es ein Buch und eine CD zur Reihe,
deren einzelne Beiträge nicht lang sind und auch keinen festen
Sendeplatz haben, wie es zu alter Zeit der Fall gewesen wäre.
Stattdessen rotieren sie im laufenden Programm und tauchen gelegentlich
auf.
Nach den Magazinsendungen zwischen 5 und 21 Uhr kommen abends die
Musik-Specials, von denen einige den Vergleich mit dem Zündfunk nicht
scheuen müssen. Den Oceanclub gibt es hier, moderiert von Gudrun Gut
vom Berliner Plattenlabel Monika Enterprise, die längst über die
Grenzen Berlins hinaus einen Namen hat. Und John Peel gab es hier, den
legendären BBC-DJ, dessen plötzlicher Tod vor wenigen Monaten die
Popwelt erschütterte. Peel war 65 und sendete auf Englisch, warum auch
nicht, der freche Slogan von Radio Eins lautet ja: »Nur für
Erwachsene«, was eben nicht alle einschließen will und gerade dadurch
den Sender für viele attraktiv macht.
Man will sich nicht andienen, sondern absetzen. Fast alles wird live
gesendet, kaum etwas vorproduziert, so kommt’s zwar zu Fehlern, aber
auch zur Frische. Amüsiert erzählt Lehnert von einem
Privatfunkmoderator, der eine 24-Stunden-Moderation in anderthalb
Stunden aufgesprochen habe, die dann vom Computer zwischen die Musik
geschnitten worden sei. Das spart Kosten, ist aber an Seelenlosigkeit
kaum zu überbieten. Nachts sind viele Funkhäuser menschenleer; bei
Radio Eins brennt noch Licht.
»Ihr könnt machen, was ihr wollt«, sagt Lehnert seinen Leuten, »solange
es authentisch ist.« Ihm geht es um hörbare Individualität. Gäbe hier
jemand seinen Geschmack an der Garderobe ab, Einstellungsvoraussetzung
bei Radio Hamburg, könnte er gleich wieder gehen. So einfach ist das.
Hauptstadt der Radio-Erneuerung ist zurzeit Berlin. Am 7. März geht
DeutschlandRadio Kultur, Schwesterwelle des Deutschlandfunks, aus dem
alten Rias-Funkhaus auf Sendung – bundesweit und mit nie dagewesenem
Konzept. Bisher dümpelte der Sender als DeutschlandRadio Berlin mit
250.000 Hörern täglich etwas unprofiliert vor sich hin. Vier Redakteure
wurden freigestellt und haben seit Oktober die neue Programmstruktur
entwickelt: rund um die Uhr nur Kultur.
Vom Anspruch her schließt der Berliner Sender an den Kölner
Deutschlandfunk an, in der Form bedient er sich moderner Elemente, in
dieser Kombination aus Bewährtem und Zeitgemäßem Radio Eins nicht
unähnlich. Allerdings wendet man sich an ein explizit
kulturinteressiertes Publikum.
In den Kernzeiten von 9 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr gibt es statt
fester Sendeplätze ein »selbstähnliches Programm«. Was klingt wie ein
Begriff aus der fraktalen Mathematik, bezeichnet die Entscheidung für
wiederkehrende Zeitfenster im Ablauf einer Stunde.
Von jeder vollen Stunde an bis zwanzig nach gibt es Zeit für den
feuilletonistischen Zugriff auf Themen aus Politik, Gesellschaft und
Wissenschaft, vom Münchner Kulturphänomen Rudolph Moshammer bis hin zu
historischen Theorien von Götz Aly. DR Kultur führt also in neuer Form
ein, was man bei NDR Kultur mit der schönen Sendung Texte und Zeichen
vor zwei Jahren erst abgeschafft hat.
Von zwanzig nach an bis halb gibt es Musik, aber nicht nur zum Hören
oder als Häppchen, sondern als Gegenstand. Stephan Detjen, einst
Korrespondent beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, später
Parlamentsberichterstatter in Berlin, nun Leiter der Projektgruppe,
erfuhr erst in den Gesprächen der vergangenen Monate, welch
»grauenvolles Reizthema« Musik am Tag in einem Radiosender ist. Jeder
wolle etwas anderes hören, es gebe ständig Geschmacksdiskussionen. Hier
wird nun etwas Neues ausprobiert: Der Musikblock kann eine jetzt
erscheinende Beethoven-CD zum Thema haben, die Tour einer Rock-Band
oder ein Festival – der Bericht wird von der Musik eingerahmt, um die
es geht.
Nach den Kulturnachrichten um halb gibt es Kritiken – Buch, Theater,
Oper, aber auch DVD. Dann Vermischtes, und die Stunde endet mit einem
geschichtlichen Thema, einer aktuellen Reportage oder einem Blick in
die Zukunft.
Zusätzlich aufgelockert wird die Struktur durch eingestreute radiofone
Elemente wie zum Beispiel die Wurfsendung. Ein Zufallsgenerator fügt
aus eigens produzierten Hörspielelementen drei kurze Passagen zusammen
– eine Spielerei, die an die frühen, experimentierfreudigen Tage des
Radios erinnert, probezuhören im Internet unter wurfsendung.dradio.de.
»Wir wollten keine Kopie der Kulturprogramme der sechziger Jahre«, sagt
Detjen, »wir machen etwas völlig anderes, das sich weniger wiederholt
als das Inforadio und worthaltiger ist als eine klassische
Magazinsendung.« Das Programm werde teurer und anspruchsvoller sein als
das bisherige – und aktueller. Weg von der monatelangen Vorplanung, hin
zum spontanen Einfall. Plötzlichkeit versus Muff, so einfach ist das.
Aber gut, »ein Konzept sendet nicht«, und es könnte eine Weile dauern,
bis die schönen Überlegungen ein gelungenes Programm ergeben.

Zur Einweihung des neuen Radiosenders Motor FM ist die Presse Berlins
geladen in die Köpenicker Straße 8, ein altes Hinterhofgebäude am Ufer
der Spree. Zwei Dutzend Journalisten stapfen zur Mittagszeit die Treppe
hinauf und erreichen außer Atem den fünften Stock. Es öffnet sich die
Tür zur Küche einer Wohngemeinschaft. Zerschlissene Sessel, aus denen
das Polster quillt, Müsli auf dem Tisch, Nescafé, das Bier steht
winterlich kühl auf der Dachterrasse. »Willkommen in der
Wohngemeinschaft Deutschland, bedient euch!«, sagt Tim Renner, der
Senderchef.
Einige Journalisten sind sichtlich verwirrt. Tim Renner war doch bis
vor einem Jahr der Deutschland-Boss von Universal, dem größten
Musikkonzern der Welt mit Milliardenumsatz und Tausenden Angestellten.
Dann ging er oder wurde gegangen, weil er die Krisenstrategie des
Unternehmens nicht mittrug, internationale Stars auf Kosten deutscher
Musiker in den Vordergrund zu rücken. Und jetzt senden aus einer
Kreuzberger WG? Wo ist denn hier das Studio? »Augenblick«, sagt Renner,
»wir machen gleich einen Rundgang.« Es werden mehrere Gruppen gebildet,
die nach und nach die verschiedenen Räume aufsuchen. In einem sitzt im
Holzfällerhemd Jürgen Nützel, High-Tech-Unternehmer aus dem
thüringischen Ilmenau, der zusammen mit dem dortigen Fraunhofer
Institut für Digitale Medientechnologie das Downloadsystem Potato
entwickelt hat. Mit Hilfe von Potato will Motor FM das jeweils
gesendete Stück zum Kauf als MP3-Datei anbieten. Der Clou dabei: Wer
ein Stück erwirbt, kann es weiterverkaufen und verdient daran. Die
Verbreitung von Musikdateien wird also nicht mehr bestraft, sondern
belohnt. Die Journalisten staunen, Renner grinst.
Im nächsten Raum sitzt Thomas Müller, ein junger Mann mit Glatze und
Vollbart, der einst beim Münchner Zündfunk war und nun das Musikangebot
von Motor FM erklärt: warum nur neue, unbekannte und nahezu vergessene
Titel gespielt werden. Weiter geht’s ins Schlafzimmer: Das Bett noch
zerwühlt, Socken liegen herum, Tim Renner zeigt auf die
Schwarzweißplakate an der Wand, die für den Sender werben sollen.
»Faschismus. Kommunismus. Mainstream. Wir haben einen Auftrag. Motor FM
106,8.«
Die Plakate sind echt, die Frequenz ist echt, die Leute sind echt, der
Hass auf den Dudelfunk ist echt, der Rest ist erfunden. Die
Wohngemeinschaft dient nur als Kulisse für die Pressekonferenz, sie hat
mit dem Unternehmen nichts zu tun; immerhin illustriert sie dessen
Anspruch: das Pfeifen auf den Massengeschmack, ein Programm »von uns
für uns«, das High Tech in Hemdsärmeln und das Deutsche – denn was ist
deutscher als eine Kreuzberger Wohngemeinschaft? Wäre Tim Renner
Amerikaner, hätte er wohl in eine Garage eingeladen, um den Willen zum
Aufstieg hinreichend zu dokumentieren.
Aus der Wohnung wird also nicht gesendet. Das Studio liegt aber gleich
um die Ecke, in der Pfuelstraße 5, auch auf dem Hinterhof. Zehn
Quadratmeter misst das Räumchen, ein Tisch mit Computerbildschirmen und
Mischpult, Filzbahnen hängen von der Decke zur Verbesserung der
Akustik, falls mal jemand was durchsagen will. Hier läuft seit dem 1.
Februar 2005 das Rund-um-die-Uhr-Programm auf der Frequenz 106,8 MHz,
das unter www.motor.de/motorfm auch im Internet zu hören ist. Der
Sendebetrieb begann um 18.48 Uhr, zur Erinnerung an ein historisches
Jahr. Renner, eine Frohnatur des Marketings, spricht von der »ersten
deutschen Radiorevolution«.
Ob das alles klappt? Zunächst gibt es nur wenige Mitarbeiter, von denen
kaum einer bezahlt wird. Renner verweist auf Leidenschaft und
Selbstausbeutung; in ein paar Jahren soll aber Geld verdient werden.
Motor FM verzichtet auf die übliche, nervende Radiowerbung und versucht
stattdessen Firmen zu gewinnen, die bestimmte Sendungen bezahlen und
dafür gelegentlich erwähnt werden – der Musikfernsehsender MTV hat das
anfangs so gemacht. Auf Dauer will Renner Einnahmen durch den Verkauf
von Downloads erzielen. Wer etwas hört, das ihm gefällt, muss sich
nichts mehr aufschreiben und in Läden nichts mehr suchen gehen, er ruft
es einfach online ab und lädt es auf seinen iPod.
Das Radio wird so zur Dauerwerbesendung in eigener Sache: Es verkauft
sich selber. Und indem immer neue Musik gespielt wird, gibt es immer
neue Reize für den Hörer zuzugreifen. So einfach ist das.
Mit gemischten Gefühlen verfolgt Uly Köhler den Rummel um Motor FM.
Denn er hat auch einen Sender am Start: Radio Teddy, Deutschlands
erstes Kinderradio. Das soll demnächst auf derselben Frequenz senden
wie Motor FM, von morgens 6 bis abends 9, Tim Renner bleibt dann nur
noch die Nacht. Die Presse spottet schon: erst das Sandmännchen, dann
Marilyn Manson? Da in Berlin nur eine Frequenz frei wurde, hat die
Landesmedienanstalt sie aufgeteilt und an zwei der 25 Bewerber
vergeben. Die Kleinen würden nachts ja schlafen, die Großen dann erst
richtig lebendig – so war die Überlegung.
Renner hat Köhler nun die Schau gestohlen, weil Radio Teddy noch am
Funkhaus baut: Das soll spätestens Anfang Juni in Potsdam-Babelsberg
stehen, dem deutschen Hollywood, und aussehen wie ein übergroßes
Kofferradio, damit die Kinder auch wissen, wo sie sind, wenn sie
täglich in Scharen anrücken. Köhler und seine beiden Kompagnons stellen
sich einen Disneyland-artigen Besuchs- und Sendebetrieb vor. »Da
sprechen die in ein Mikrofon«, schwärmt er, »und plötzlich klingt die
Stimme wie’n Riese, wie’n Schlumpf, wie’n Esel!«
Stolz präsentiert Köhler das Konzept, das sich betont kindgerecht gibt.
Vierzehn Seiten vollmundiger Beschreibung – »Kinder brauchen eine
starke Stimme! Radio Teddy hält das Mikrofon« – aber kein Wort darüber,
wie sich das Programm finanziert, das sich an Drei- bis Dreizehnjährige
wendet. Nun, durch märchenhaft verpackte Werbung! Was die
Landesmedienanstalt wohl bewogen haben mag, dafür grünes Licht zu geben?
»Auf deutschen Kindersparbüchern lagern fünf Milliarden Euro«,
insistiert Köhler, ein Mann in den besten Jahren, kinderlos, Inhaber
einer Agentur für Funkspots. »Wir können die Kinder von Werbung nicht
weghalten.«
Die Kindereien im deutschen Rundfunk werden erst enden, wenn es mehr
Programme gibt und damit endlich richtigen Wettbewerb. Die technischen
Voraussetzungen sind da: im Äther wie im Internet.
Gerhard Stoll, Diplom-Ingenieur beim Münchner Institut für
Rundfunktechnik, erinnert sich noch an den September 1988, als er auf
einer Konferenz in Genf das erste digitale Autoradio vorführte. Es
stand als großes Gestell im Kofferraum eines Renault Espace, ein
Testsender funkte vom Mont Salève; alle 20 Minuten musste Stoll die
Fahrt unterbrechen, den Kofferraum öffnen und das erhitzte Gerät mit
Eisspray herunterkühlen. Das waren Zeiten! Inzwischen ist das Digital
Audio Broadcast (DAB) ausgereift, Stoll hat den internationalen
Standard mitgeschrieben. Träte DAB an die Stelle von UKW, könnte es auf
einen Schlag fünf- bis siebenmal so viele Sender geben, noch dazu in
CD-Qualität. Woran scheitert’s?
Nun, in Deutschland gibt es mehr als 200 Millionen analoge
Empfangsgeräte, in Duschen, Werkstätten, Wohnzimmern, Fahrzeugen…, die
könnte man dann alle wegwerfen. Zudem ist ein DAB-Radio noch relativ
teuer, und weil kaum jemand eines hat, gibt es auch nur sehr wenige
Programme.
Die Sender haben im Übrigen gar kein Interesse daran, mehr Programme
anzubieten: Das würde ihr auf die Einfaltquote eingestelltes
Wirtschaften nur erschweren.
Das Internet kennt keine Frequenzen. Hier sind der Zahl der Sender
keine Grenzen gesetzt. Die Qualität der Übertragung nimmt ständig zu.
Wer zu Hause oder im Büro einen DSL-Anschluss mit Flatrate hat und
beispielsweise www.live365.com ausprobiert, der rührt so schnell kein
normales Radio mehr an. Da tut sich eine neue Welt auf.
Schon wird die Tonträger-Industrie nervös: Das legale Mitschneiden von
Online-Programmen in MP3-Qualität könnte sich für Urheber, Hersteller
und Händler zu einem noch größeren Problem entwickeln, als es die
illegalen MP3-Tauschbörsen sind. Die GVL, eine Schwesterorganisation
der Gema, drängt in Berlin auf Gesetzesänderungen und verlangt
neuerdings deutlich höhere Lizenzgebühren von Internet-Radios. Wie
rasant das Tempo ist, lässt sich an der jüngsten Entwicklung erkennen:
dem podcasting, das es erst seit einem halben Jahr gibt. Erfunden und
ins Internet eingeführt hat es der frühere MTV-Moderator Adam Curry. Er
schrieb eine Software, die den iPod befähigt, ohne große Fummelei,
nahezu automatisch, komplette Radiosendungen (broadcasts) zu laden. Man
schließt seinen MP3-Player morgens kurz an den Computer an und nimmt
sich die nach eigener Wahl aus dem Netz gesogenen Programme mit, um sie
über den Tag verteilt zu hören. Das ist zeitversetztes Radio zwar, aber
portables, im Auto wie überall zu hören, wo kein Internet-Anschluss zur
Verfügung steht. Die Website www.ipodder.org hält die Software
kostenlos bereit; dort lässt sich auch das rasch wachsende Angebot an
Sendungen verfolgen. Jene Firma Tivoli Audio, welche die kleinen
Manufactum-Radios herstellt, hat schon reagiert und speziell zum
Anschluss des iPods ein neues Gerät herausgebracht, das iPal. Aus ihm
spricht die Hoffnung: Bald gibt’s sie wieder, die guten Sender.
Anhang
Zwei Online-Hörtipps
Sunday Service von Patrick Ziegelmüller auf dem Hamburger FSK, für alle Freunde alternativer Klänge
Radio FM4 in Österreich, wo den ganzen Tag über interessante aktuelle
Musik jenseits des Mainstreams läuft.
(c) DIE ZEIT 24.02.05
Guste
HörSpielplatz
Auf dem Programm von LAPSUS LIVE 2005 stehen wieder einmal einige
Hörspiele. Einige Informationen zu den Stücken sollen dazu verleiten,
sich auf dem gebotenen HörSpielplatz einzufinden.
Ernst Jandl
Bereits zu LAPSUS LIVE 2001 stand „Fünf-Mann Menschen“ von Ernst Jandl
(1925–2000) auf dem Programm, fiel aber aus. In diesem Jahr also ein
erneuter Anlauf, markiert das 1968 vom Südwestfunk produzierte und im
November desselben Jahres zum ersten Mal ausgestrahlte Stück doch die
Geburtstunde des sogenannten ‚Neuen Hörspiels’. Es nimmt die
Samplingtechnik der 80er Jahre voraus und zeigt die Möglichkeiten
konkreter Poesie im Radio.
Als einen Autor, der die Geschichte der deutschsprachigen
Nachkriegsliteratur verändert hat, als einen Poeten, der die
experimentelle Literatur in eine neue Phase hineingeschoben und
entscheidend mitgeprägt hat, würdigte Jörg Drews in seinem Nachruf in
der Süddeutschen Zeitung Ernst Jandl. Dieser große Humorist unter den
Avantgardisten, der zeitweise unter schwersten Depressionen litt,
dieser Sprachartist, der seine Wortspiele einer mitunter rabenschwarzen
Melancholie abtrotzte, er hat nicht allein die Lyrik revolutioniert –
auch die Hörspiellandschaft hat ihm und seiner Co-Autorin und
Lebensgefährtin Friederike Mayröcker die heilsame Erschütterung namens
‚Neues Hörspiel’ zu verdanken. Innere Bühne und feierliche Dialoge,
Sprachpurismus und Realitätsferne, all diesen Ballast der Radiokunst
der 50er Jahre warf Jandl ab, indem er die Spielregeln der Konkreten
Poesie aufs Hörspiel übertrug. 1968, im Jahr nicht nur der politischen
Aufbruchsstimmung, wurde "Fünf Mann Menschen" von Ernst Jandl und
Friedericke Mayröcker mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden geadelt.
Der wahre Vogel
Warum nannte man diese Poesie Ernst Jandls konkret, warum waren seine
Hörspiele so neu? Konkret war diese Literatur, weil sie nicht im
eigentlichen Sinne beschrieb – sie fabulierte und erfand nichts:
Vielmehr war sie das, was sie den Ohren der Zuhörer anbot. Sie war
Klangmaterial, wie der besonders bei Kindern beliebte Gassenhauer von
Ottos Mops, der kotzt.
"Fünf Mann Menschen" beschwört den Weg fünf männlicher Erdenbürger von
der Wiege bis zur Bahre nicht literarisierend herauf – in äußerster
Verknappung und Lakonie stellt die Sprache selber im Zusammenklang mit
den Geräuschen des Hörspiels diesen Weg dar. Man kann vielleicht sogar
sagen, dass die Wörter die eigentlichen Akteure in Jandls Stücken sind
– und mitunter führen sie auch „Spaltungen“ herbei wie in seinem
gleichnamigen Hörspiel: Gleichzeitig spaltet sich der Sprecher in
schwarz und weiß, heiß und kalt auf.
Lustig waren sie schon, die Sprachspiele des Ernst Jandl, aber nicht
bloß lustig. Hinter jeder Pointe gähnte ein Abgrund, auch wenn sich der
"wahre vogel" in dem gleichnamigen Gedicht in die Lüfte erhebt, nachdem
man ihm beide Beine abgeschnitten hat: "das müsst ein wahrer vogel
sein, dem niemals fiel das landen ein."
der wahre vogel
fang eine liebe amsel ein
nimm eine schere zart und fein
schneid ab der amsel beide bein
amsel darf immer fliegend sein
steigt höher auf und höher
bis ich sie nicht mehr sehe
und fast vor lust vergehe
das müßt ein wahrer vogel sein
dem niemals fiel das landen ein
Jandls Bitternis kam mitunter mit der Unschuld eines Kinderverses oder
verballhornten Volkslieds daher, und umso gespenstischer wirkte das
eigene Gelächter darüber, als man oft erst beim zweiten Hinhören
kapierte, welcher Daseinsekel, welcher Nihilismus sich hinter Jandls
Sottisen verbarg. Gleichwohl: Seine Lyrik, besonders wenn er selbst sie
vortrug, war höchst unterhaltend. Jandls Lesungen präsentierten sich
als Mischung aus Literatur-Happening und Pop-Konzert, mit einem
Entertainer vorne auf der Bühne, der seinen Wiener Zungenschlag ganz
offensichtlich liebte, und mit einer Fan-Gemeinde vor der Bühne, die
entfesselt nach Zugaben schrie.
Das Kreuz des Südens
Ihn nach einer langen Pause Anfang der 90er Jahre wieder für das
Hörspiel gewonnen zu haben, ist das Verdienst des Bayerischen Rundfunks
– desjenigen Senders, der ihn in den 60er Jahren entdeckt hatte. Damals
war es Hansjörg Schmitthenner, der den Autor zu einem Radiostück
überredete, zu "Fünf Mann Menschen" eben, und der das Manuskript dann
doch an den Südwestfunk weitergeben musste, weil sich höherrangige
Angestellte als Schmitthenner Jandls Experimentierlust verweigerten.
"kennen sie mich herren" hieß das Stück, mit dem Jandl in den 90er
Jahren nach München zurückkehrte. Es trägt Spuren seiner
literarisch-musikalischen Grenzübertritte zum Jazz, und es drückt die
zunehmende Verzweiflung aus, die Jandls letzte Jahre
überschattete. Alter, Krankheit, der näher rückende Tod, all das grub
sich in seine Texte ein. Je näher er dem Tod rückte, desto mehr lebte
Ernst Jandl "in der fremde", wie einer seiner berühmten Gedichtsbände
hieß. (Quelle: http://www.zum.de)
Weiteres zu „Fünf Mann Menschen“ in LOver 31 (http://www.lapsus-gil.de/lover/lover31.htm#Jandl).
Arno Schmidt
Arno Schmidt (1914–1979) schrieb seine literarhistorischen Radio-Essays
für den Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart auf Intervention von Alfred
Andersch, den er 1952 bei einem Interview mit Dr. Martin Walser bei
diesem Sender kennen lernte. Sie sichern ihm ein regelmäßiges
Einkommen. [»Die Deutschen sind doch immer derselbe unveränderte
Misthaufen, ganz gleich, welche Regierungsform (schließlich ist es ja
auch wirklich egal, ob ein Kuhfladen rund oder ins Quadrat getreten
ist: Scheiße bleibt’s immer!)«, schreibt Schmidt 1956 an Andersch.]
Nachrichten von Büchern und Menschen
Mit seinen „Nachrichten von Büchern und Menschen“ vermittelt der
Prosaist und Essayist Schmidt herausfordernd „realistische“ Auskünfte
über seinen Lieblingsklassiker Christoph Martin Wieland, Barthold
Heinrich Brockes, Karl Philipp Moritz, Friedrich Gottlieb Klopstock,
Johann Gottfried von Herder, Adalbert Stifter, Charles Dickens und
etliche andere. Einige erschienen 1982 beim Leipziger Gustav
Kiepenheuer Verlag und begeisterten mich damals so sehr, dass ich mir
1990 auch die beim Verlag Volk und Welt Berlin herausgegebene
Werkauswahl in drei Bänden zulegte, die auch einige weitere Funk-Essays
enthielten.
Meine Idee, „Der Waldbrand oder Vom Grinsen des Weisen“ [Leopold
Schefer] selbst als Hörspiel zu produzieren, entstand im Zusammenhang
mit dem Projekt „Planet der Traurigkeit“, weil die Beschreibungen zum
befürchteten Weltbrand bestens passten – blieb aber leider eine Idee.
Kennzeichnend für Schmidts Funk-Essays sind hochinteressante,
spannungsreiche Dispute zwischen einem von üblichen Ansichten wenig
beeindruckten Auskunftgeber über den jeweils thematisierten Dichter und
einem skeptisch nachfragenden Interessenten. In dieses Gespräch der
beiden werden von anderen Sprechern vorgetragene Zitate eingebettet.
Schmidt selbst gibt in seinen Essays genaue Anweisungen zu Tonlage und
Charakter jeder Stimme sowie zu der geforderten Dramaturgie. Als
Beispiel für ein solches Funk-Essay hören wir im Rahmen der Vorstellung
von Schmidts „Zettels Traum“ den siebenten und letzten Teil von „Tom
All Alone’s – Bericht vom Nicht-Mörder – über Charles Dickens“,
produziert vom Süddeutschen Rundfunk im Februar 1960. Dieses Essay ist
auch im Band 3 der Werkausgabe bei Volk und Welt enthalten. Der heutige
SWR hat 2003 12 CDs mit 11 der originalen Funk-Essays aus den Jahren
1955 bis 1961 herausgebracht.
Zettels Traum
Kein Hörspiel, aber ein Hörstück ist der Auszug aus „Vorläufiges zu
Zettels Traum“ – vorgetragen vom Autor selbst. Darin gibt Arno Schmidt
Auskünfte zu einigen seiner Intentionen bei diesem Mammutwerk.
Ebenfalls ein besonderes Hörerlebnis ist die Lesung eines Auszugs aus
„Zettels Traum“. Irgendwann in den 90ern waren Jan Philipp Reemtsma,
Bernd Rauschenbach und Joachim Kersten damit auch in der völlig
überfüllten Buchhandlung Dresden-Loschwitz zu Gast. Bei LAPSUS LIVE
könnt ihr euch jetzt selbst überzeugen, wie beeindruckend dieser Abend
mit den drei parallel gelesenen Textsträngen für mich
war.
Der Hypertextaus dem Zettelkasten
Wenn Wörter zu Drogen werden und das Bücherlesen einen physischen Kraftakt verlangt.
Gerald Heidegger, ORF.at
Um an einen Hypertext zu gelangen, musste man nicht erst aufs Internet
oder einen Cyber-Propheten wie Ted Nelson warten. Wer James Joyce
gelesen hat, der weiß, dass ein komplexer Text ein Geflecht aus
Tausenden Anspielungen und Querverweisen ist.
Vor dem Mausklick auf einen Link stand also das Assoziieren im Kopf,
und kaum jemand trieb dieses Prinzip so weit wie der kauzige Arno
Schmidt, jener deutsche Schriftsteller, der den Großteil seines Lebens
in der menschenarmen Lüneburger Heide verbrachte (Wie sonst kommt
jemand auf Buchtitel wie "Kühe in Halbtrauer"?).
Schmidt setzte die Schreibpraxis von Joyce fort, und stärker als Joyce
versuchte er, den Anspielungsreigen seiner Texte auch in Schriftbildern
festzuhalten. Da müssen Wörter schon einmal auf Bruchstriche
geschrieben werden, muss die Interpunktion förmlich durch Sätze und
Wörter hindurchtanzen.
1.334 DIN-A3-Seiten
Im Jahr 1970 erschien Schmidts Hauptwerk, "Zettels Traum", ein Roman,
geschrieben auf 1.334 (!) DIN-A3-Seiten. Will ein Verleger den
Zettelstapel zum Buch machen, dann gelangt er schlicht zu so etwas wie
der Antithese zum Taschenbuch.
Denn "Zettels Traum" lässt sich nur als Faksimile wiedergeben, besteht
der Roman doch aus einer Mischung aus Schreibmaschinentext,
handschriftlichen Korrekturen, Anmerkungen, Zeichnungen, eingeklebten
Fotos und Zeitungsausschnitten.
Lange Zeit gab es das bei S. Fischer erschienene Buch nur in einer
schweren und sehr teuren Ausgabe. Später versuchte man sich an einer
verkleinerten Taschenbuchausgabe, was aber wie ein Widerspruch zur
Erstausgabe aussah.
7,6 Kilo Buch
Nun hat man eine relativ "günstige" Leseausgabe hergestellt, die
beinahe an die Originaldimensionen des Werkes herankommt: Für knapp
über 150 Euro bekommt man immerhin 7,6 Kilo Buch, also ein gewichtiges
Werk, das mit dem leicht gelblichen Papier das Herz jedes
Buchliebhabers höher schlagen lässt.
"Zettels Traum" anzugehen, das ist nicht nur das Wagnis zu einem
geistigen Höhenflug, das ist schon beim Aufklappen des Buches ein
ungemein sinnliches Vergnügen: "('drugged words', gedopte Sylben: Ihr
bereut's noch!", heißt nicht umsonst eine Warnung auf Zettel (=Seite)
24.
120.000 Notizzettel
"Zettels Traum" ist ein Roman, aber noch mehr als ein Roman ist es ein
Hirngespinst, zusammengesetzt aus 120.000 Notizzetteln, auf die Schmidt
spontane Ideen und andere Einfälle notiert hatte. "Zettels Traum" trägt
in diesem Sinn einen programmatischen und zugleich ironischen Titel für
ein aus dem Zettelkasten geborenes Buch.
Zettel, das ist aber auch der Weber aus Shakespeares
"Sommernachtstraum", und an Shakespeare erinnert das vorangestellte
"Motto" des Buches: "des Menschen Aug' hat's nicht gehört, des Menschen
Ohr hat's nicht gesehen, des Menschen Hand kann's nicht schmecken,
seine Zunge kann's nicht begreifen, und sein Herz nicht wieder sagen,
was mein Traum war."
: Anna Muh=Muh !'
"Dizzyköpfigstes schüttelt den Morgen aus", heißt es relativ zu Beginn
von "Zettels Traum". "No na", könnte man da als geübter Frühaufsteher
sagen, würde man nicht zugleich in der anderen Spalte den Hinweis
lesen: ": Anna Muh=Muh !'". Das muss einen freilich nur zum Teil
stutzig machen, ist die Handlung des Buches doch relativ leicht
zusammengefasst.
Pagenstecher, Poe & Lolita
Der alternde Schriftsteller und Historiker Pagenstecher, so etwas wie
Schmidts Alter Ego, erhält an einem Sommertag Besuch von dem
Übersetzer-Ehepaar Jacobi und deren 16-jähriger Tochter Franziska. Man
redet über Gott und die Welt, vor allem aber über Edgar Allan Poe, denn
das Ehepaar arbeitet an einer Übersetzung seiner Werke.
Wie bei "Ulysses" gibt ein einziger Tag den Handlungsrahmen für das
Buch vor. Statt durch Dublin streift man durch die (Lüneburger?) Heide,
geht baden und verrichtet andere ganz alltägliche Dinge. Unzählige
Nebenstränge lenken freilich ab von der Alltäglichkeit, etwa, dass die
lolitahafte Tochter der Jacobis den alternden Pagenstecher in sexuelle
Wirrnisse stürzt.
Ein Zettel=drei Spalten
Jede Seite bzw. jeder Zettel in dem Buch besteht aus drei Textteilen.
Der Haupttext widmet sich dem Tag in der Heide, die linke Spalte gibt
verzerrte Textfetzen von und zu Edgar Allan Poe wieder. In der rechten
Spalte stehen Kommentare auf das ohnedies schon verworrene Geschehen.
Lineares Lesen lässt sich nur zum Teil verwirklichen. Möglicherweise
schätzen aber gerade Internet erfahrene Leser die andauernden
Einladungen, zwischen den Textteilen hin- und herzuwechseln und sich
vom Sprachwitz und Anspielungsreichtum eines sich stets wandelnden
Erzählers wegtragen zu lassen - immerhin schließt ja Lesen im Web die
Bereitschaft zu einem andauernden Seitenwechsel ein.
Die "Etyms"
Schmidt hat die Technik des Bewusstseinsstroms im modernen Roman
radikal verschärft. Er zertrümmert die bekannte Wortgestalt, um die
assoziative Fantasie beim Lesen zu steigern.
Schmidts kauziges Erzählverfahren orientiert sich an den "Etyms", das
sind für ihn lautliche Übereinstimmungen zwischen Wörtern oder
Wortbestandteilen mit anderen Wörtern.
Unbewusst wechselt man zwischen Wörtern mit ganz unterschiedlichen
Bedeutungen, einfach auf Grund phonetischer Ähnlichkeiten. Wer also
"ganz" sagt, hat die "Gans" und andere schlimme Sachen immer schon
mitgedacht.
In Schmidt-Prosa gegossen, liest sich die "Etym"-Definition
folgendermaßen: ";/(sie nickten schnell:!)/(Glückliches Völkchen; mir
wars nicht ganz klar,)).:"
Eine vierte Instanz
Mit beginnender Impotenz, so war sich Schmidt sicher, bilde sich neben
dem Freudschen "Ich", "Es" und "Über-Ich" im alternden Mann (der Mann
nach fünfzig!) noch eine "vierte Instanz", nämlich jene, die über die
"Etyms" verwaltet. Die sexuelle Triebhaftigkeit, das ist beim alten
Schmidt am Ende die Sprache.
Oder in Heide-Prosa umgesetzt, wie bei Walter Kemposwki in seinem
"Zeit"-Nachruf auf Schmidt (1979): "Er (Arno Schmidt) grast nicht nur
ab, sondern gräbt auch nach den Wurzeln."
Die dritte Wurzel aus "p"
Dass möglicherweise nicht so viele Menschen bei Schmidts Experimenten
mitkommen würden, war dem eigenbrötlerischen Literaten bewusst. Die
Zahl derer, die "Zettels Traum" verstehen würden, brachte Schmidt auf
eine mathematische Formel: die dritte Wurzel aus "p" - "p" war für ihn
damals die Einwohnerzahl der Bundesrepublik Deutschland, also 61
Millionen. Macht am Ende 391.
Das Buch

Arno Schmidt, Zettels Traum. 1.360 Seiten.
S. Fischer Verlag 2004. ca. 150 Euro.
Heilbäder aller Länder entfaltet euch
Kleiner Rückblick zur Projekteschmiede einer sozialen Dorfentwicklung
Von Olaf Spillner
Irren ist menschlich, gerade hatte ich gedacht, mein Vater hätte morgen
Geburtstag, am 30. Mai, da sollte der Weltuntergang sein. Und ich
wollte der Zeit voraus sein, heute am 29..
Aber morgen ist es noch so wie es immer ist, der Tanz in den Mai beginnt erst.
So eine simple Verwechslung... Egal, das “wir leben nicht mehr lang”
hat sich relativiert, denn mit dem Weltuntergang hätte die
Lebenserwartung meines Vaters nicht bis zu mir gereicht.
Wo bliebe dann der kleine Rückblick zur Projekteschmiede einer sozialen Dorfentwicklung?
Der Schmied war für die wilden Ehen zuständig, die Ergänzung zur Ordnungsmacht.
Im Rahmen von “jetzt wächst zusammen, was zusammengehört”, konnte vor
12 Jahren der “kurier” gegründet werden, der anschließend im
Amtsgericht als e.V. registriert wurde.
Hier in dem sich seines Selbst bewußtwerdenden Dorfes HB, entstand ein
Verein zur Revitalisierung ehemaliger Heilbäder. Anfangs rettete er
alte Bausubstanz vor dem Abriss und noch anderes vor dem Zugriff der
Marktwirtschaft. In der Folge wuchs hier eine Oase der besonderen Art
in der Monokultur der Agroindustrie, im sogenannten ländlichsten Raum.
Die Zahl der Stadtflüchtlinge und Traumtänzer stieg mit dem üblichen Druck der Demokratie auf alle Minderheiten.
Wem weder Religion noch Opium reichte, dem versprach ein inzwischen
hier gestrandeter Schauspieler mit einem Provieh-Theater einen Platz in
der Arche am Friedhof.
Und bevor der letzte Tsunami die Medien erreicht hatte, waren die letzten Rettungsboote, die ICH-AGs zu Wasser gelassen.
Dazu kam der Besuch geladener Geomanten.
Die deutsche Eiche am Westende des Dorfes war in ihrer Bedeutung erkannt worden.
Mit dem Bürokratentrick einer ehemaligen Mitarbeiterin der
Bundesversicherung für Angestellte wurde die notariell beglaubigte
gemeinsame Nutzung des Eichengrundstücks beendet.
Eine dieser Bürokratie unkundige Hüterin der Eiche wurde eingesetzt,
die alle nötigen Verträge unterschrieb, ohne zu wissen, was sie tat.
Aufbruchsstimmung.
Jetzt ging es darum, die Markeneigenschaften des Ortes herauszuarbeiten. Vielleicht würde sogar ein Logo entstehen.
Die deutsche Kinder- und Jugendstiftung hatte die Spielwiese
ausgerollt: für Kleinprojekte waren 10.000 Euro zu holen. Der
Schauspieler war inzwischen zum Theaterdirektor aufgestiegen und für
die Proviehs als erster den Zuschlag erhalten.
Jetzt ging es um den Nachschlag. 10.000 Euro für ein ganzes Dorf, ein Heilbad.
Die Entfaltung dieses Heilbades war das Ziel... und dann die Vernetzung
mit allen anderen Kraftplätzen dieser und anderer Welten.
Im obligatorischen Antrag ist zu lesen: neben der Würdigung des
Erreichten sollten mehrere förderfähige konsensual bestimmte
Einzelprojekte erarbeitet werden.
Um diesen konsensualen Ansatz besser durchziehen zu können, mußte der
kurier e.V. erst mal selbst eine Pferdekur durchstehen, um sich von
unliebsamen Mitgliedern zu reinigen.
Aber da die alteingesessene Bevölkerung miteinbezogen werden sollte, tauchten die Ausgeschlossenen dort wieder auf.
Die angestrebte Arbeitsform, alle 2 Monate ein Plenum zu machen und
über eine Dorfpostille, den Kurier-Falter alle Haushalte zu erreichen,
versank im Winterschlaf und tauchte auch in der Frühjahrsmüdigkeit
nicht mehr auf.
Hier kehrte Ruhe ein, nachdem die kühne Frau von der Kinderstiftung
hier im Heilbad auftauchte und die potentiellen Anwärter auf die
Förderungen ihrer Einzelprojekte ein gutes Bild eines aktiven Dorfes
machten. Danach kam nichts mehr und zum letzten Plenum eigentlich
niemand.
Da saß dann der bezahlte Moderator neben einem Gast aus dem
Nachbardorf, dem das bedeutende Vorhaben zu Ohren gekommen war und
wartete auf den großen Vorsitzenden des kurier e.V..
Bevor der jedoch auftauchte, erschienen die beiden ausgeschlossenen
Alteingesessenen und danach als einziges Kuriermitglied ohne
ordentliche Funktion der Ansprechpartner des Polizeisportvereins, der
die Einheit von Körper, Geist und Seele der ansässigen Kinder auf den
Weg bringen will.
Wo Geld ist, ist auch ein Weg.
Als aber nach dem endlich eintrudelnden Vorsitzenden nur noch die
Herausgeberin des Kurier-Falters dazukam, war die Frage der
Alteingesessenen nach der verbliebenen Bevölkerung nicht mehr so sehr
erwünscht. Ein weiteres Hinterfragen der auf der Präsentationstafel
umgeklappten abgerechneten Erfolge brachte diesem letzten Plenum eine
rasante Eigendynamik.
Denn auf der Kehle des Dorfes lag noch Altlast!
Der Müll stand zwar als beseitigt auf der Schautafel, im Sinne der
Geomanten, die auch als Erfolg abgerechnet wurden, aber war er noch da.
Nachdem die Herausgeberin des Kurier-Falters die dafür bewilligten
Euros zurückspenden sollte, konnten dadurch geomantische und andere
nicht im Antrag benannte Projekte finanziert werden, wollte sie nun
wissen, warum der Müll auf dem verbliebenen Stück ein privates Problem
sei, wo doch die Gelder der Umweltstiftung für die Beräumung dieser
Altlast zur Verfügung gestellt wurden.
Das und anderes ertrug der Polizeisportindianer nicht länger, mit einem
Fuß in der Tür hielt er noch eine Schmährede auf einen Alteingesessenen
und ging ab.
Der große Vorsitzende und der von ihm eingebrachte Moderator stellten
daraufhin die im Antrag benannte Form des Plenums in Frage und die
weitere Vorgehensweise des Projektes überhaupt.
Übrigens, am Anfang der Runde wurden Radieschen gesät.
Die Pflanzschale stand zwischen den Beinen der Auseinandergehenden, keiner wollte sie.
Der Vorsitzende wollte sie der Alteingesessenen aufdrängeln, sie
sei doch die große Gärtnerin hier. Ohne Erfolg...
Vielleicht wird Imre doch auch noch ein Gärtner.
Schöne Grüsse aus HB von OM
Hartmut Barth-Engelbart
unter schlag zeilen
befreite worte, gebrochene reime zur lage
aus dem Vorwort von Ingrid und Gerhard Zwerenz:
Nur keinen Streit vermeiden ...
Es kann einen Autor teuer zu stehen kommen, hält er sich strikt an das,
was er schreibt. MundTod ist der Titel eines Gedichts von Hartmut
Barth-Engelbart:
Wenn wir / nicht früh / genug /
den Mund / aufmachen /
haben wir / am Ende /
gar nichts / mehr /
zu sagen.
Der Lyriker und Lehrer aus Hanau denkt gar nicht daran, den Mund zu
halten, seine Feinde finden, er hat eine zu große Klappe.
Die zitierten epigrammatischen Zeilen erinnern an Erich Fried, dem
seine Verse nicht wenig Ärger eintrugen. Für Barth-Engelbart eskalierte
der Ärger.
Vor einigen Monaten wurden seine Gedichte auf offener Straße verhaftet.
Wie aber kamen sie dahin? HBE ist das Gegenteil eines
Innenweltdichters. Mit Poesie und Prosa begibt er sich mitten unter die
Leute. Vom Wiener Ballhausplatz importierte er dazu die dort bereits
bewährten Widerstandslesungen, denen es in Hanau und anderswo nicht an
Publikum fehlt.
Von wegen, die Menschen interessieren sich nicht für Literatur, sie tun
das durchaus, wenn die Literatur sich für sie interessiert. Weshalb
sich Polizei und Justiz für HBE's Verse interessierten, ist eine bunte
Geschichte, der Autor erzählt sie in diesem Sammelband, der Spannung
aufbaut wie ein Krimi, wer die Täter sind, verraten wir nicht. ...

ZAMBON-Verlag, Frankfurt, 2005, ISBN 3-88975-107-5, 15 Euro
Ein paar Zeilen an den Verband deutscher Schriftsteller/innen und seine Mitglieder
Wenn jetzt
Manch eine(r)
Von euch meint
Es sei doch keine Kunst
Euch öffentlich die Meinung
Ins Ohr und ins Gesicht zu sagen
So mag das schon
So sein.
Wes Brot ich ess
Des Lied ich sing
Ach liebe Leute
Vom VS
Die Binsen- und die Volksweisheit
In Sprichwort und in Bauernregel
Das ist ein eigen Ding
Die Weisheit lügt
Die Wahrheit liegt
Dahinter und daneben
Wes Brot ich ess
Des Lied ich sing
Das soll mich nur belügen
Denn auch in diesem
Fortschrittsladen
Muss Mann und Frau
Dem Markt und seiner Macht
Dem Wolfsgesetzt des Kapitals
Genügen
Dem singen wir ein Lied
Zwo, drei
Und wissen doch genau
Wer tags und nachts in Contischicht
Das Brot backt
Das wir essen
Und Leute, wenn ihr ehrlich seid
Ihr habt es längst vergessen
Wer baute erst die Bäckerei
Wer backt uns unser Brot
Und für wen schreibt ihr
Ohne Not
Für wessen
Interessen
HArtMut
Über die Hanauer Widerstandslesungen
von Hartmut Barth-Engelbart - 07.04.2005 19:07
Fast drei Wochen hängt nun die Wandzeitung am Hanauer Hauptbahnhof, die
die Rolle der DB-Vorgängerin Deutsche Reichsbahn im Hitlerfaschismus
beschreibt und angreift, dass sich die DB bislang nicht zu ihrer
Mitverantwortung bekennt und sich immer noch weigert, Ausstellungen
über die KZ-Transporte in ihren Bahnhöfen zuzulassen. Seit 11.09.2003
haben sich in Hanau an den Widerstandslesungen am Freiheitsplatz und am
Hauptbahnhof mittlerweile über 25.000 Menschen lesend, diskutierend,
kritisierend und zustimmend und nur in wenigen Fällen ablehnend und
aggressiv beteiligt.
Als Fortsetzung der Widerstandslesung und -schreibung zum 27.01 2005
(dem 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee)
auf dem Gelände des Hanauer Hauptbahnhofes, die durch den BGS
abgebrochen wurde, fand jetzt am 24.03. eine weitere Widerstandslesung
und -schreibung auf dem Vorplatz des Bahnhofs statt.
Ich habe ab 15.30 insgesamt 4 Wandzeitungen mit Texten zur Geschichte
des ADLER-KZ, des Todesmarsches von Frankfurt nach Buchenwald und
Dachau und zur Rolle der Reichsbahn geschrieben.
Schon während des Schreibens haben Hunderte von Bus- und BahnFahrgästen
die Texte gelesen und diskutiert oder nur lesend geschwiegen. Besonders
begutachtet wurden die Texte von den wartenden ca. 15 Taxifahrern, die
mich zusammen mit vielen Passantinnen aufforderten, weitere
Wandzeitungen zu schreiben: "Das ist richtig, was Sie da schreiben. ...
Endlich mal jemand, der den Mund aufmacht ..." usw. Bis auf einen
Menschen, der meinte, ich solle lieber "die Amis" angreifen, wir hätten
schon genug bezahlt ... und der wurde gleich von anderen Menschen mit
Argumenten versorgt und zog dann ärgerlich von dannen.
Anknüpfend an die Wandzeitungen zur Rolle der Reichsbahn bei den
KZ-Transporten und dem Profit, den die Bundesbahn-Vorgängerin dabei
machte (die sich bis heute gut verzinst haben und auch einen Teil der
DB-Aktienwerte ausmachen, stand in den Wandzeitungen, dass "nach
mörderischen Gewalt-Nachtmärschen, die nicht auf dem Weg von Frankfurt
nach Hünfeld Erschossenen und Erschlagenen von dort bis nach Weimar mit
der Reichsbahn in Viehwaggons transportiert wurden. Die Reichsbahn
kassierte für alle den vollen Fahrpreis.
Reich werden konnte die Reichsbahn bei diesem Transport alleine nicht.
Dann schon eher durch den Transport von 11.000 französischen Kindern
auf der Strecke von Saarbrücken-Forbach via Karlsruhe, Mannheim,
Frankfurt, Hanau Richtung Auschwitz. Hier kassierte die Reichsbahn für
jedes Kind von 3 bis 14 Jahren den halben Fahrpreis. Noch mehr
verdiente sie an den ZwangsarbeiterINNEN-Transporten, an den
Transporten von vielen Millionen Menschen in die KZ und ins Gas.
Jüdische Mütter mit Kleinstkindern hatten es besonders gut bei der
familienfreundlichen Bahn: sie brauchten für die Kinder nicht mal den
halben Preis zu zahlen, Babys durften nämlich kostenlos ins KZ fahren...
Die Bahn hat eben nicht nur von der Zwangsarbeit profitiert, sie hat
aus den KZ-Transporten glänzende Gewinne gezogen, die noch heute in
Guthaben und Liegenschaften vorhanden sind. ... Die Deutsche Bahn muss
auf dem Gelände des Hanauer Hauptbahnhofes eine Gedenkstätte errichten,
..."
Jetzt hängt die einzige dort am Bahnhof belassene Wandzeitung mit
diesem Text seit über zweieinhalb Wochen und wird täglich von einigen
hundert Menschen gelesen. Als ich gestern einigen Taxifahrern sagte,
wie sehr ich mich darüber freue, dass diese Wandzeitung so lange hängt
und gelesen wird, sagten die mir nur: "Die traut sich keiner
abzumachen, weil da zu viel Leute lesen ... und wir passen halt auch
auf!"
So etwas ist ein wesentlicher Bestandteil der Widerstandslesungen in
Hanau und so kommt Literatur, Lyrik und Prosa unter die Leute ohne von
Zeitungen, elektronischen Medien und Sponsoren abhängig zu sein. Und so
lesen viele Menschen, die außer der Bildzeitung und dem Lokalen
Käsblatt nichts weiter lesen – auch nicht meine manchmal auch
abgedruckten Leserbriefe – die Texte, die kaum eine Zeitung druckt.
Schöne Grüße
Halbsonne
dunkühl finster einsam halb sinnlos und halb tot außerhalb des liebens
der tag macht irgendwas unterm wind er soll nur die nacht bereiten
endlich freigeben die sternenstunden jeder ton erstarrt kippt um woher
er kam in die bedeutungslosigkeit bis der mond von sinnen berührt ist
da zieht seine bahn leuchtet leuchtet der nacht heim da hindurch durch
die düstere ferne nicht schneller als die engel können ein roter kreis
tanzender schatten an der unheimlichen wand vom leben verlassen alle
guten geister machen sich breit im feuer im holz der erde entwachsenes
leben verwandelt sich brennend atmet weiter flammen züngeln lecken die
dunkelheit bestäuben das dunkle mit wehem qualm fliehendem rauch wo der
nur bleibt das feuer brennt hinein ins nicht endendendende nicht ein
schoß die luft der wind die leere verfliegt die glühende hingabe die
leidenschaft das begehren die funken wollen zu den sternen schaut so
aus als schafften sie es nicht weit davon glänzt noch kurz der
gräulichweiße nebel ein letztes mal im monddimmer sackt schon langsam
zu boden kommt nicht an ich träume in die asche die immer übrigbleibt
es war so warm in voller sonne
Ro Li B.
Tote trauern mehr
Raus in den Frühling!
Rein in den Herbst.
Raus zur Nacht, iih! Galle!0
Tropft ins Blut-Ticktack.
Raus ins Wiesenergrün'!
Neun Spatenstich tiefer.
Vom papiernen Blätterrausch
durchs Leben getragen.
Leidtragender, die Füße voran
Und wieder muß der Kopf hinterdrein.
Lauf Koma.
Lieg im Amok.
Ro Li B.
Schöne neue Gesetze
[...]
Ich würde eher fragen: Müssen wir wirklich mit denen untergehen? Was die treiben, ist manchmal einfach unausstehlich.
Nehmen sie zum Beispiel das neue Saatgutgesetz der US-Verwaltung für
den Irak: Alle Bauern im Irak sind demnach gezwungen, ihr Saatgut zu
verbrennen. Sie dürfen Saatgut nur noch beim US-Konzern Monsanto
kaufen. Das steht wörtlich so im Gesetz. Und das bringt Monsanto einen
Schritt näher an sein Unternehmensziel: Monsanto hat nämlich den
bescheidenen Anspruch formuliert, in 20 Jahren den Weltmarkt für
Saatgut zu 100 Prozent zu beherrschen. Das ist alles, nur 100 Prozent.
Die arbeiten daran, und viele bemerken es nicht.
[...]
Manfred Max-Neef in taz Nr.7613, 12.3.2005, S.4f

Arnold Toynbee machte darauf aufmerksam, daß die Dekadenz einer großen
Kultur gewöhnlich vom Aufstieg einer neuen Weltkirche begleitet wird,
die Hoffnung im einheimischen Proletariat erweckt, während sie den
Bedürfnissen einer neuen Soldatenklasse folgt. Die Schule scheint
äußerst dazu geeignet zu sein, jene Weltkirche unseres verfallenden
Systems zu werden. Keine Institution könnte vor ihren Teilnehmern die
tiefe Realität in der heutigen Welt besser verschleiern. Weltlich,
wissenschaftlich und todesverleugnend ist sie aus einem Guß mit dem
modernen Modus.
Ivan Illich (1926-2002)
DemneXt Atommafia-Parade - Widerstand!
Im Februar 2005 trafen sich 40 Delegierte aus NRW, Niedersachsen,
Sachsen und Frankreich in Münster zu einem Widerstandsratschlag. Dabei
wurde ein Streckenkonzept für Aktionen gegen die Dresden-Ahaus-Castoren
besprochen. Die Atomgegner begrüßten, daß auch sächsische
Anti-Atom-Gruppen gegen die Transporte seien.
Die Initiativen gingen inzwischen fest von einem Beginn der Transporte
ab dem 27. Mai - und damit fünf Tage nach der Landtagswahl in
Nordrhein-Westfalen - bis 14. Juni aus. Es werden auch bereits die
ersten Urlaubssperren bei der Polizei gemeldet.
Die Lastwagen mit den 18 Castorbehältern müßten über eine
Autobahnstrecke von rund 600 Kilometern zwischen Rossendorf bei Dresden
und Ahaus fahren. Geplant sind Aktionen auf Autobahnbrücken, an
Raststätten sowie Widerstandscamps an der Autobahnstrecke. Es werden
auch Demos direkt auf der Autobahn angemeldet werden.
In Dresden und Ahaus wird es zentrale Anlaufpunkte für Aktive geben. In
Ahaus wird ab dem 26. Mai ein großes Widerstandscamp eingerichtet
werden.
Die Initiativen sind optimistisch, das Polizeikonzept für die
Autobahntransporte durch kreative Aktionen ins Wackeln zu bringen. "Wir
werden am Tag X Straßen in Dresden und Ahaus blockieren und
Widerstandscamps entlang der Autobahn aufbauen", sagte Matthias
Eickhoff von der Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus".
Der Sprecher vom "Aktionsbündnis Münsterland gegen
Atomanlagen", Willi Hesters, sagte: "Wenn dieser Transport gelinge,
wäre das der Türöffner für weitere
Atommüll-Fuhren beispielsweise von
den Forschungsreaktoren in München oder Jülich nach Ahaus.
Der
Transport müsse ab Rossendorf zunächst etwa 16 Kilometer lang
über eine
Landstraße führen, an der es auch Waldflächen gebe.
Dies ist ein
neuralgischer Punkt." Die Initiativen werden nach seinen Angaben ebenso
versuchen, die Leertransporte mit den für die Fahrten
erforderlichen
speziellen Stoßdämpfer-Paaren aufzuhalten. Diese waren von
Sachsen
beschafft und bezahlt worden, um die Zahl der Transporte auf drei
Kolonnen-Fuhren zu verringern.
Klinkt euch in den Widerstand ein und macht mit!
Atomausstieg jetzt sofort!
E-Mail: wigatom@web.de / http://www.wigatom.de
Der Aufruf auf www.wigatom.de wird laufend aktualisiert werden, je mehr
Initiativen unterschreiben oder wenn sich die Sachlage ändert.
65 Millionen Tote durch Atomwaffen und Atomkraft
Von Paul Waugh, 31. Januar 2003
Die gestern veröffentlichten Forschungsergebnisse des Europäischen
Kommitees für Strahlungsgefahren (European Committee of Radiation Risk,
ECCR) belegen, daß die bisherigen Statistiken den Einfluss der
Atomindustrie auf das menschliche Leben massiv unterschätzen.
Die Studie des ECCR basiert auf einem in den letzten fünf Jahren
entwickelten Risikoabschätzungsmodell und auf neuen Erkenntnissen der
Strahlenbiologie und der Humanepidemiologie. Sie stellt fest, daß die
bis 1989 erfolgten Emissionen von Radioaktivität ziviler oder
militärischer Atomprogramme weltweit den Tod von 65 Millionen Menschen
verursacht haben oder verursachen werden.
Sie folgert, daß die Krebsepedemie ein Ergebnis der Verschmutzung der
Biosphäre durch die Nutzung der Kernenergie und durch den Fallout der
Atomwaffenversuche ist, der in der Periode von 1959 bis 1963 die
höchsten Werte erreichte. Die Forscher zitieren Hinweise wie die Anzahl
der Brustkrebsfälle bei Frauen, die ihre Pubertät in den Jahren mit den
meisten Atombombenversuchen, 1957 bis 1963, durchlebten.
Dr. Lucas erklärte: "Die Tatsache, dass die bisherigen Analysen die
abnorm hohen lokalen Fallzahlen von Krankheiten wie Leukämie in der
Kindheit nicht erklären konnten, weisen eher auf die Forschungsmethoden
hin als auf die gefeierte Sicherheit des Atomprojekts."
Mit ihren Ergebnissen bezweifelt die ECCR die konventionellen
Risikoabschätzungsmethoden der Internationalen
Strahlenschutzkommission, deren Nähe zur Atomindustrie kritisiert wurde.
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