OVER Nr. 40


LOVER Nr. 40

(erschien 5/2005)

Auszüge:

[Ditorial] - [Rockpalast] - [Eifersucht] - [Doors Live] - [Rea@ctor] - [gerhard on the guillotine] - [Die Hand] - [Keine Freiheit] - [Orangensaft] - [Rettet das Radio!] - [Hörspielplatz] - [Ernst Jandl] - [Arno Schmidt] - [Zettelkasten] - [Heilbäder] - [unter schlag zeilen] - [VS] - [Hanauer Widerstandslesungen] - [Halbsonne] - [Tote trauern mehr] - [Gesetze] - [Atommafia] - [65 Millionen Tote] - [Waiting

LOver 40


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Die Unkenrufe hüpfen über die Straßen und quatschen unter Reifen. Die Einstürzenden Neubauten schlaghämmern sich durch mein Zimmer und fordern den Aufstand und das Hinlegen. Auf einem der Rough-Trade-Geburtstagssilberlinge; vier, nicht dreißig, und Lieferanten für manchen Peel-Sound. Die Tastatur freut sich über ihren Einschub. Sie wäre sonst verschollen unter Papier und Plastik. Dabei kamen alle Zusendungen per Drahtpost. Aber da gibt’s ein Buch von Reclam namens „Oldies, die wir nie vergessen“ – und ich hab die 58 darin aufgeführten Titel auf drei CDs gesammelt. Mit Unterstützung meiner Kollegen – diese verkappten Rocker aber auch! Hör- und Leseprobe ist Pfingstsonntag um 10 – heilige Oldies-Messe... Das komplette Programmangebot von LAPSUS LIVE 2005 ist als Beilage im Heft. Änderungen sind wie stets unvermeidlich. Beim Programmschmieden halfen vor allem Nina, Regina, Dirk, Bob und Roland – allen herzlichen Dank für ihre geplanten Beiträge, für die Reprisen und Premieren.
Allen Ausrichtern und Gästen von LAPSUS LIVE einige besondere, freundlich-fröhliche Tage!
Zu einigen Beiträgen gibt dieses Heft schon mal Informationen, die euch neugierig machen sollen. Für die Lesung „Herr des Scheunenhofs“ findet ihr sie im LOver 37. Sicher findet er mit neuem „Sendeplatz“ diesmal ein breiteres Publikum – zahlenmäßig... ;-)

Reaktionen auf den letzten LOver gab es nur spärlich. So geht der Preis für die einzige (und richtige) Antwort (4) auf die gut versteckte Frage von S. 2 an Roland – das Buch ‚Traumpfade’ von Bruce Chatwin. Nebst passender CD. Tja, der Neid sei mit euch.

Redaktionsstube

Liebe Grüße aus der Reaktionsstube!  Leopold

German television proudly presents...

Feature des Schallplattenmanns zu den „Live At Rockpalast“ – DVDs (aus #382 vom 22.3.2004)

"German television proudly presents, live as our gast, hier im Rockpalast...". Gänsehaut-Livemusik im Fernsehen in einer ganz besonderen Dimension. Das Rockpalast-Team ist ja immer noch fleißig, übertragene Live-Musik findet immer noch statt, aber die Magie der Rocknächte bleibt unerreicht. Sich mit Freunden die Nacht vor dem Fernseher um die Ohren schlagen, die Bands im Vorfeld oft nicht kennen, im Nachhinein positiv überrascht sein, und dabei nie verpassen die Kassette umzudrehen, damit später im Archiv kein Song fehlt. Das ist lange her, schade eigentlich, aber nur in der Vergangenheit schwelgen bringt ja auch nichts. Jüngst hat der WDR Aufzeichnungen der Rocknächte und anderer "Rockpalast"-Mitschnitte auf DVD veröffentlicht. Die technischen Eckdaten sind bei allen DVDs gleich: Dolby Digital 5.1 und Stereo 2.0 Ton, Ländercode 2 und ein 4:3 Bildformat. Ebenfalls befriedigen alle eher die archivarische denn die audiophile Ader des Sammlers. Rocknächte waren live, da haben sowohl Kamera- als auch Tonmänner mal zwei bis drei Songs gebraucht, bis alles passte, da kommt es zu sogenannten 'Mikrophonie-Effekten', d.h. den von damals noch bekannten horizontalen Streifen. All das sollte einen nicht stören, wer Musik will, soll nicht nur nach Technik schielen; aus musikalischer und authentischer Sicht bekomme ich jedenfalls wieder Gänsehaut. <www.rock­palast.de/>

Rory Gallagher "At Rockpalast" Blues-Rock — Out On The Western Plain (Inak)

Rory Gallagher
Gleich drei Mitschnitte sind auf dieser 222 Minuten langen DVD: Gallagher live im WDR Studio L, Köln (1976), die erste Rocknacht (1977), übrigens inkl. der ersten drei Songs, die damals nur im Radio nicht aber im Fernsehen liefen, und eine Jam Session mit Frankie Miller aus Wiesbaden (1979). Lustig, wie das Publikum erst wie geschockt erstarrt und dann völlig begeistert ist. Rory Gallagher in Bestform.

Huey Lewis & The News "At Rockpalast" Rock — The Heart Of Rock'n'Roll (Inak)

Huey Lewis
Und die chronologisch Letzte des ersten Teils dieser hoffentlich neverending Story: "The Heart Of Rock'n'Roll Is Still Beating", einmal 1984 zur 13. Rocknacht und 1991 im Kölner E-Werk (insgesamt 212 Minuten). Als diese ackernde Liveband in Essen zum ersten Mal auf eine europäische Bühne steigt, sind sie in den USA dank unzähliger Auftritte längst Stars, hier sind sie Nobodies. Am Morgen des 14. Oktober 1984 ist das anders: Huey Lewis kann sich seit dem auf einen großen europäischen Fankreis verlassen. Irgendwo zwischen Rock'n'Roll und und Rhythm & Blues bleibt Huey Lewis live immer noch "schweißtreibende Extraklasse". <www.hln.org>

Roger Chapman & The Shortlist "At Rockpalast" Rock — Let's Spend The Night Together (Inak)

Roger Chapman
Wieder zwei Konzerte und ein Schmankerl: Chappo live 1979 in der Hamburger Markthalle, zur 9. Rocknacht im Oktober 1981 und drei Songs der Chapman-Whitney Streetwalkers aus dem WDR Studio (1975). Chapmans Kultstatus in Deutschland ist mit Sicherheit zu einem nicht unwichtigen Teil dieser Rockpalast-Nacht zu verdanken und die DVD beweist: zu Recht. 21 Songs aus der Grugahalle Essen, Livemusik vom Feinsten. <www.chappo.com>

Southside Johnny & The Asbury Jukes "At Rockpalast" Rhythm'n'Rock — All I Want Is Everything (Inak)

Southside Johnny Lyon
Auch auf dieser DVD (233 Minuten) sind gleich zwei komplette Mitschnitte: Die 5. Rocknacht von 1979 (außerdem mit Nils Lofgren und Mitch Ryder) und die Livepräsentation von "Better Days", 13 Jahre später mit Special Guest Little Steven van Zandt. Beide Auftritte bleiben natürlich der Beweis, dass die Rockpalast-Crew ein ums andere mal versuchte, Bruce Springsteen zu einem Auftritt zu bewegen und über seine Freunde aus Asbury wenigstens Kontakt hielt. Für die Zuschauer gut, die 11-köpfigen Asbury Jukes heizten gewaltig ein, "All I Want Is Everything", meine Füße wippen immer noch.    <www.southsidejohnny.org>

Thin Lizzy "At Rockpalast" Rock — The Boys Are Back In Town (Inak)

Phil Lynnot & Thin Lizzy
Dieses Festival 1981 war das erste Rockpalast-Festival auf der Loreley. Es wurde nicht übertragen, war der Testlauf für weitere, die folgen sollten. Die DVD enthält nur diesen einen Auftritt, ist damit beim Schwung der ersten fünf mit 112 Minuten die kürzeste. Thin Lizzy waren 1981 als Quintett mit Phil Lynnot (b, voc), Brian Downey (dr), Scott Gorham (g), Snowy White (g) und Darren Wharton (keyb) nicht mehr in ihrer Bestbesetzung, aber allein Phil Lynott wieder einmal in Aktion zu sehen, lohnt diese DVD.
Peter Bongartz, Erlangen

Rockpalast
Unter anderem bei Southside Johnny Lyon '79 und Chappo '81 war ich zum Rockpalast in Berlin bei einem der großen Schwäne zu Gast und schnitt auf polnischem Spulentonband beim SFB den Stereoton zum Monobild der ARD mit. Um dem Ganzen dann im Tal der Ahnungslosen zu lauschen...
Achim


Eifersucht

Eifersucht (Sergej Rudin)

Eifersucht - wer kennt es nicht, dieses Gefühl, das einem den Magen zusammenzieht und die Luft abschnürt. Eifersucht gehört zu den häufigsten Scheidungs- und Trennungsgründen und ist oft das Motiv bei Gewalttaten, die von Männern an ihren Partnerinnen begangen werden. Die Oldenburger Psychologin Dr. Annette Schmitt berichtet über eine Untersuchung, die von der Forschungsgruppe "Emotion und Kommunikation" durchgeführt wurde. In dieser Untersuchung wurden 200 Geschichten von Männern und Frauen über erlebte Eifersucht in Partnerschaften ausgewertet.

Die Wissenschaftlerin widmete sich den Anlässen, die Eifersucht auslösen und jenen Gefühlen, die die Eifersucht begleiten. In welchen Varianten existiert Eifersucht, wie wird sie von den Betroffenen mitgeteilt? Und wie lässt sie sich schließlich vermindern oder sogar aufheben? Es stellte sich heraus, dass das Erleben und Durchleben von Eifersucht ganz bestimmten, sozialisationsbedingten Regeln folgt. Eifersucht wird in verschiedenen Kulturen unterschiedlich erlebt. In unserem westlichen Kulturkreis ist beispielsweise das Treueideal ein wichtiger Bestandteil monogamer Beziehungen und gleichzeitig oft Anlass und Auslöser von Eifersucht. Die Regeln, die den Umgang der Menschen mit der Eifersucht bestimmen, gelten auch für die Kommunikation. Sie machen es möglich, dass die Menschen einander verstehen. Innerhalb der 200 protokollierten Geschichten kristallisierten sich drei variierende Reaktionsmuster heraus, die das Eifersuchtserleben bestimmen.

Zunächst bildet die "Tat" den Anlass für Eifersucht. Dieser Anlass kann Vernachlässigung, vermutete Untreue oder Untreue sein. Die Vernachlässigung durch den Partner wird primär durch empfundenen Ärger begleitet und erst sekundär durch eine Kränkung des Selbstwertgefühls. Bei der vermuteten Untreue dagegen dominiert die Angst vor dem Verlust des Partners. Ist die Untreue bereits gewiss, steht die Traurigkeit über den Verlust der Liebe oder der ausschließlichen Liebe des Partners an erster Stelle. Das aus der Eifersucht resultierende Leid äußert sich als Traurigkeit, Selbstzweifel oder anderes Leid, wie zum Beispiel Neid. Die Umgangsweise mit dem Leid ist entweder partnerbezogen oder selbstbezogen. Wenn sich die betroffene Person mit dem Partner auseinandersetzt, geschieht das in den Kategorien kooperativ, also in Form einer Aussprache, konfrontativ in Form einer Szene oder indirekt z.B. in Form einer Diät, um dem Partner wieder besser zu gefallen.

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass sich die Erlebnisweisen bei verschiedenen Anlässen zur Eifersucht ganz erheblich unterscheiden. Aber es zeigte sich auch ein Kern, der allen Geschichten eigen war: Der Gedanke an den Verlust der Liebe. Dieser Gedanke wurde überwiegend mit dem Verlust der Ausschließlichkeit der Liebesbeziehung gleichgesetzt. Damit kristallisierte sich heraus, dass alle Befragten davon überzeugt sind, dass die romantische Liebe in ihrem Wesen nach nicht teilbar ist. Der Wert der eigenen Liebesbeziehung wird generell in ihrer Ausschließlichkeit und Einzigartigkeit gesehen.

Eifersucht, so wurde in der Untersuchung ganz deutlich, entspringt dem Wunsch danach, die Liebe des Partners zu erhalten. Obwohl Eifersucht in diesem Sinne also ein "Kind der Liebe" ist, kann sie jedoch auch zu einem "Feind der Liebe" werden. Dies geschieht dann, wenn PartnerInnen einer Person, die häufig, intensiv und/oder bei relativ harmlosen Anlässen eifersüchtig wird, diese Eifersucht als Zeichen des Misstrauens und als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit erleben. Da Eifersucht auch diese negativen Aspekte hat, gab es immer auch Versuche, dieses Gefühl aufzugeben. In der radikalsten Form würde eine Aufgabe von Eifersucht eine grundsätzliche Veränderung von romantischer Liebe bedeuten: Wenn man sich von der Vorstellung verabschieden könnte, romantische Liebe sei unteilbar, dann wäre Eifersucht "überflüssig".

In westlichen Kulturen mit dem Ideal der unteilbaren, romantischen Liebe gehen Bemühungen, Eifersucht einzuschränken, jedoch weniger weit. So versucht die amerikanische Lebensgemeinschaft "Kerista-Village" eine nicht-monogame Lebensform zu verwirklichen. In Kerista-Village leben mehrere Frauen und Männer zusammen und unterhalten zu allen gegengeschlechtlichen Personen der Gemeinschaft gleichwertige Liebes- und sexuelle Beziehungen. Auch diese anscheinend eifersuchtsfreie Gemeinschaft verzichtet jedoch nicht völlig auf die Vorstellung von der Exklusivität von Liebesbeziehungen. Vielmehr verpflichten sich ihre Mitglieder zur Treue gegenüber der Gruppe, sexuelle oder Liebesbeziehungen außerhalb der Gruppe werden ihnen nicht zugestanden.

Eine andere Möglichkeit, die Exklusivitätsnorm von Liebesbeziehungen abzuschwächen, besteht in der Entkopplung von Liebe und Sexualität. So verfügen viele Paare, die sich gegenseitig sexuelle "Untreue" zugestehen, über Normen, die die emotionale Besonderheit der Liebesbeziehung sichern. Solche Normen schreiben z. B. vor, dass dem Partner einer sexuellen Eskapade keine Liebeserklärung gemacht werden darf.
Aber auch in Liebesbeziehungen, die an dem Ideal der sexuellen und emotionalen Exklusivität festhalten, kann Eifersucht in vielen Situationen vermieden oder gemildert werden. Wenn wir das Leerstellengefüge der Eifersucht unter diesem Gesichtspunkt betrachten, dann werden Ansätze zur Vermeidung von Eifersucht vor allem in dem Bereich "Tat" deutlich. Auch ein Paar, das an dem Ideal der Exklusivität der Liebe und Sexualität festhält, kann sich kritisch fragen, welche Verhaltensweisen des anderen diese Exklusivität tatsächlich grundlegend bedrohen können. So kann ein Paar, das öfter mit Eifersucht zu kämpfen hat, überlegen, ob es seine Ausschließlichkeitsstandards abmildern kann. Verhaltensweisen, die bisher als "Eifersuchtsanlass" bewertet wurden (etwa die Unterhaltung des Partners mit einer dritten Person), könnten nach einer Veränderung der absoluten Ansprüche an die Ausschließlichkeit der Liebesbeziehung gelassener, als nicht bedrohlich und tolerierbar gesehen werden. Achim


The Doors of Perception

The Doors of Perception THE DOORS OF PERCEPTION wurden im Oktober 2000 in Österreich als musikalischer Part einer Theaterproduktion an den VEREINIGTEN BÜHNEN GRAZ formiert. Aufgrund des Erfolges wurde aus dem Projekt mit Modern-Dance-Elementen und einem vielköpfigen Tanzensemble ein Halb-Jahres-Engagement. Die musikalischen Akteure um Sänger Marko Scholz tourten danach bis Anfang 2002 mit dem Programm der THE DOORS durch Österreich.

Marko ist seit seiner Jugend ein großer Fan des Rockidols Jim Morrison und beschäftigte sich eingehend mit dessen Texten, der dunklen Poesie, seiner Lebensphilosophie und der ihr innewohnenden Gesellschaftskritik. Seine stimmliche und auch optische Übereinstimmung mit dem Lizard King zeigten sich dabei geradezu als ideale Voraussetzung zur Gründung einer professionellen DOORS-Tribute-Band.

Marko Scholz
Geboren in Stuttgart, aufgewachsen in der Grenzregion Ungarn/ Jugoslawien.
Mit 18 Studium an der Musikhochschule Graz. Seit 1994 Studium Universität der Künste, Berlin. Ab Oktober 2000 THE DOORS-Musical an den Vereinigten Bühnen Graz, anschließend bis Beginn 2002 Konzerte in ganz Österreich.

Dirk Bewig
Geboren in Hamburg, dort als Keyboarder und Pianist mit vielen Acts beschäftigt, z.B. Jan Plevka (SELIG), Jesus Müller. Studienabschluss an der Hochschule für Musik in Hamburg. Mehrere Jahre Keyboarder beim Musical CATS. Seit 2002 in Berlin als Produzent und Komponist tätig.

Tom Schneider
Geboren in Ulm, lebt seit 1989 in Berlin. Filmmusik, diverse Glamourbands, VARIETÉ CHAMÄLEON, Künstlervertrag mit Warner/Chappell. 2001 bis 2003 nonstop auf Tour mit CIRCUS FLIC FLAC. Währenddessen mehr als 800 Live-Shows gespielt.

Torsten Weber
Geboren in Frankfurt/Main. Free-Lancer für Dutzende von Bands im Rhein-Main-Gebiet. Ab 1993 Studio- und Live-Gitarrist für internationale Künstler (u.a. für Musiker von Elton John und Jazzkantine). Seit 1999 in Berlin. Schwerpunkt: TV- & Radioproduktionen für ARD, ZDF, PRO7, SAT.1, N24 etc.

The Doors of Perception - Live

Gästebuch auf http://www.doorslive.de/

Achim aus Zirndorf
Geschrieben am: Sun 03 Apr 2005 13:56:03:
Beim diesjährigen "Blues will eat"-Festival im Nürnberger Kulturzentrum K4 musstet ihr euch ja der Konkurrenz drei weiterer Bühnen stellen, aber meine Wahl war sofort klar, da ich von euch schon öfters gelesen hatte und mich nun endlich selbst von euren Qualitäten überzeugen wollte. Und schon die ersten Töne sorgten für Gänsehaut - denn ihr seid verdammt nah am Original. Auch wenn Jim vielleicht nicht ganz so selbstvergessen in den instrumentalen "Pausen" agiert hätte... Die Zugabeforderungen haben deutlich gezeigt, dass es dem Spaß des Publikums keinen Abbruch tat. Für mich hätten es noch klarere Dialoge zwischen Orgel und Gitarre sein dürfen, da schlummert sicher manch spannende Möglichkeit. Alles in allem habt ihr diesen Abend wahrhaft gekrönt, ihr Lizard Kings... Let it roll, Baby, roll...!

Das Interview

Der prägende Charakter von THE DOORS OF PERCEPTION ist Frontmann Marko, der die Rolle des legendären Jim Morrison einnimmt. Seit seiner Jugend ist er ein großer Fan des Rockidols und hat sich außergewöhnlich intensiv mit dem Werk des Sängers und Poeten beschäftigt. Die ungewöhnliche künstlerische Aussage und Philosophie des "Lizard King" haben Markos Leben geprägt und entscheidend beeinflusst. Lest hier ein kurzes Interview!

Marko, warum ausgerechnet THE DOORS?
Marko: THE DOORS sind für mich Sinnbild und Spiegel der Gesellschaft in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, da sie die unterschiedlichsten und wichtigen Einflüsse der Zeit genial in sich vereinigten.
Welche wären?
Marko: Also, zum Beispiel afroamerikanische Elemente, Elemente des Blues und Jazz, meditative Aspekte indischer Musik, Trance-Reisen der Schamanen und Indianer, Befreiung unterdrückter Energien, äh... (lacht) reicht das jetzt, oder soll ich noch 10 Minuten weiter aufzählen?
Aber im Ernst: genau die Mischung, die THE DOORS darstellten, hatte eben Magie.
Wer war eigentlich Jim Morrison?
Marko: Gute Frage, weiß ich auch nicht, hab ihn nicht persönlich gekannt. An der Oberfläche zumindest: Rockstar, eine Mischung aus vermarktbarem Popobjekt und klassischem Rebell. Und natürlich die "Ultimative Barbiepuppe".
Ok, aber wer war Jim für dich?
Marko: Jim öffnete mir Türen (bezeichnend, was?) zu meiner persönlichen Entwicklung, von ihm kam rüber: "Schau genau hin, ob die angebotenen Dinge auch wirklich in Ordnung sind!" Er unterstützte mich auf meinem Weg, Neues, Verpöntes oder sogar Verbotenes zu tun, um so mir selbst näher zu kommen. Er bestärkte mich in der Auffassung, den EIGENEN Weg zu wagen, das Risiko des Versagens zu akzeptieren, trotz allem nicht mit dem Strom zu schwimmen.
Tell us more about it!
Marko: Gut, bleiben wir bei dem Thema: Als ich das erstemal THE DOORS hörte, ich war damals 17, packte es mich ganz tief drinnen. Diese Musik gab mir Antworten auf die großen Fragen jener Tage:
- Was ist mein eigener Weg?
- Welche meiner Handlungen geschehen aus eigenem freien Willen und welche sind fremdbestimmt?
Zu dieser Zeit sind mir die Lebenslügen der Gesellschaft offensichtlich geworden; dass sich alle krümmen und verbiegen müssen, um hier überhaupt zu funktionieren. Ich fing an, nach einem alternativen Lebensentwurf zu suchen (die Suche dauert noch immer an...). Auf jeden Fall ging und geht es mir um ein Leben ohne Lügen. Jim Morrison und Autoren wie Hermann Hesse, George Orwell, Max Frisch und Erich Fromm halfen mir bei der Suche.
Und Deine Ähnlichkeit mit Jim?
Marko: Ähnlich scheint mir der unüberhörbare Befreiungsruf, der natürlich auch beängstigend ist; der dauernde Kampf um Freiheit, der wie ein roter Faden durch mein Leben geht: sich endlich frei fühlen, sich endlich selbst fühlen...
Stimmlich ist die Ähnlichkeit reiner Zufall, auch das Optische wurde mir erst von anderen erwähnt. Ich bin halt ein Blues und Rock’n’Roll Fan, was die Ähnlichkeit im musikalischen Ausdruck schon an sich gewährleistet.
Wer sind THE DOORS OF PERCEPTION?
Marko: Jeder von uns kommt aus professionellen Bands bzw. hat 'ne Menge Live- und Studioerfahrung. Der musikalische Inhalt der Doors ist so vereinnahmend, daß wir das Bedürfnis hatten, eine feste Band aus dem anfänglich nur punktuellen Projekt zu schaffen. Wir sind vier Typen, die sich echt mögen, haben ein tolles Spielgefühl auf der Bühne, reagieren aufeinander, gestalten zusammen, haben jede Menge Spaß. Ein Feeling wie auf Klassenfahrt.
Klassenfahrt? Mit allen Details?
Marko: Ich verstehe die Frage nicht---
Du sprachst davon, dass THE DOORS so vereinnahmend wären, was meinst du damit?
Marko: Erstens sind sie das wegen des großen musikalischen Spektrums, das sie abdecken: von leisen, zärtlichen Songs bis zu brachialer Härte & Orgie. Diese Musik nimmt dich mit auf die Reise, Coverband-business-as-usual läuft da eben nicht! Es wird wichtig, die Musik zu erleben und zu vertreten.
Aha, Job als Berufung?
Marko: Klar, das kannst du so formulieren. Mit vollem Herzblut den Spirit der DOORS zu transportieren, live verfügbar zu machen. Eben nicht "covern", sondern so spielen, wie w i r diese Musik empfinden, nahe am Original, aber mit unserer eigenen Persönlichkeit.
Klingt nach Message, welche wäre..?
Marko: Father, I want to kill you…. mother, I want to f*** you! (lacht)
Nein, nein, ganz im Ernst: Benutzt euren eigenen Kopf, lasst euch nicht vereinnahmen bzw. fremde Normen aufzwängen von der Werbeindustrie, den Medien, gesellschaftlichen Institutionen oder der Familie.
Klingt nach massiver Gesellschaftskritik...
Marko: Keine prinzipielle Ablehnung, eher Kritik am Einfluss der Werbeindustrie und der Medien auf die Jugend, welche allgemeingültige Normen & Markenhysterie schaffen. Die Message der Doors ist heute leider aktueller denn je, da heutzutage so getan wird, als wäre alles ach so frei, und dadurch nicht mehr über wirkliche Selbstbefreiung & Selbstverantwortung diskutiert wird.
Das wirklich Beunruhigende ist, dass die Jugendbewegung der 60s, damals noch gegen Konsum und Mitläufertum, mittlerweile komplett durch die Wirtschaft vereinnahmt und gleichgeschaltet wurde. Das was derzeit "Jugendkultur" genannt wird, was eigentlich das Erbe der Jugendbewegung der Sechziger sein sollte, ist nichts anderes, als Lifestyle, Massengeschmack, Konsumzwang und Konsumorgie. Geld haben ist heute "cool", muss ich dazu noch was sagen??
Noch ein Schlusswort zum Mythos der DOORS?
Marko: Mythos heißt: etwas war einmal in mythischer Zeit. Gibt es überhaupt einen Rock n Roll Mythos? Wenn ja, heißt das dann: Rock’n’Roll ist tot?
Fakt ist, dass das rebellische Potential des Rock’n’Roll spätestens ab Ende der 70er so brutal ausgeschlachtet wurde, dass die Zugkraft, die darin steckte, heute so nicht mehr existiert. THE DOORS und das Rock’n’Roll-Lebensgefühl aber heißen für mich: "Befreie dich selbst".
Dies heißt es nach wie vor, und darum geht es mir. Kann das irgendjemand da draußen verstehen….?

The Doors of Perception - Live

Re ¤ act ¤ or

An: Leopold Lapsus
Betreff: Re: LAPSUS NEWS - LOver 39 online
Achim, wie machst Du das bloß... ich bin wiedermal platt... ansonsten viel im umbruch... dazu später mehr...  danke jedenfalls allezeit für deinen Lover Report. Alles Gute für Dich und die Deinen  Peter
Lieber Leopsus, du hast wieder so schöne Texte bei mir gefunden. den ersten hatte ich mittlerweile verloren, deswegen kommt er leider auch nicht mehr in mein neues Buch. Trotzdem werde ich in Leipzig bei der Buchmesse diese Lapsusversion lesen und den Lover 39 einfach mit ausstellen. Bis bald Mal nicht nur virtuell.  Hartmut
Lieber Roland, der Lover war wirklich wieder sehr gut, ich habe vor, ihn an Alexander N. weiterzuverschicken. Herzliche Grüße von Lutz
Hallo Leopold, ich hoffe, dass ich dir die Zeilen an den Verband deutscher Schriftsteller schon gemailt habe, ansonsten kannst du alles reinnehmen, was du von mir bekommen und noch nicht verwendet hast. Euch wünsche ich schöne Tage in Zarnekla.  Hartmut
Hallo, hier melden sich Ginger, Hans, Elisa und Liliana. Dieses Mal werden wir wohl Lapsus nicht mitmachen können. Haben mit unserer Kleinen zu tun, die jetzt gerade in den 4. Monat geht. Vielleicht schauen wir mal an einem Tag vorbei, wenn alle Zeichen auf Herumreisen stehen. Allen anderen Lapsoten, bekannt oder nicht wünschen wir eine Menge Spaß und lapsige Gefühle. Bis spätestens zum nächsten Jahr, liebe Grüße an alle, Ginger
Hallo liebe LoverInnen! Ging es euch nicht auch so? Ich habe bei Nummer 39 so viel gelacht! Und immer wieder, weil ich mit allen Gästen seither Lesungen der Seiten 12 bis 14 veranstaltete. Wir haben Tränen gelacht und Schmerzen (David: "Ich gehe jetzt hoch, ich bekomme schon Kopfschmerzen vor Lachen!"). Und die Vorsätze "Das mache ich jetzt auch!" oder die Erinnerungen, wie im ESP-Unterricht bei unserem frisch absolventen Klassenlehrer mal die Mädchen eine Stunde lang auf seinen Hosenstall geschaut haben, oder bei Stabü beim Schuldirektor - es war Hospitation vom Kreis da - mal alle die Stunde lang nichts gesagt haben (bis auf Streber Bodo H.)...
Die gute, positive Überraschung des LOvers 39 war Pappelschnee. Ich bin begeistert von Inhalt, Sinn und Form! Kai ist jetzt mal in Hohenbüssow (am 20. Mai), warum nicht eine Woche vorher in Zarnekla???
Nicht so gut an dem Heft ist für mich die Lesbarkeit der Mittelseite und die Cover-Rückwand mit diesem Gesicht, was ich schon zu viel überall sehe. Die Vorderfront diskriminiert eindeutig die heilige Scheiße ;o), und der Spruch war 1990 etwas anders: "Hakle feucht und Büchsenbier, Helmut Kohl, wir danken Dir!" Aber jedenfalls ging der LOver hier in Zarnekla durch viele Hände und fand rege Anteilnahme. Bis auf weiteres. Alles Grüne und bunte Grüße  Roland

gerhard on the guillotine

Kai Pohl

es lebe die lüge 
es lebe der auswurf
es lebe der anachronismus
 
es lebe die vielfalt
es lebe das chaos
es lebe die eigene faust
 
es lebe könig salomo
es lebe der große bruder
es lebe der zentralfriedhof
 
böll ist tot ­ es lebe beigbeder
goethe ist tot ­ es lebe die kultur
röntgen ist tot ­ es lebe die kernspintomographie
 
es lebe der kleine unterschied
es lebe die weibliche kurve
es lebe die evolution

Die Hand, die nach den Sternen greift

Kai Pohl

Die Welt des Bewußtseins ist ein semiotisches Labor mit wechselnden Agenzien: Situation, Wahrnehmung, Interaktion, Funktion, Narration, Binnendifferenzierung, Grauen, Glück und Wiederholung. Die Wiederholung als einzig wirksame Mitteilungsform, die wellenförmige Wiederholung der Wörter an einem Tag voll Weite, Wind und Zerrissenheit. Das Grauen schlägt sich nieder im Gedächtnis der Sprache, abgedroschen nach der x-ten Wiederholung in der tristen Textur eines Vorortbahnhofes. Man hört Kaugeräusche, dann eine Stimme. Es ist die Stimme von Aubrey Beardsley, es ist die Stimme von Buenos Aires, die Stimme, von der Goethe sprach: »Ganz leise spricht ein Daimon.« Es ist die Sprache selber, die da spricht, die Schilderung des eigenen Erlebens auf eine Liste modischer Attribute reduziert, das eigene Leben als fortgesetzter Selbstversuch. Es ist nicht die Frequenz, sondern die Schockwirkung. Gib ihnen Gewehre und sie werden übereinander herfallen. Gib ihnen Bomben und sie werden sie werfen. Sie werden Feinde erfinden, um den Frieden zu sichern. Gib ihnen Namen und laß sie vergessen, wer sie sind. Ein Kaufhaus ist auch nur ein Kaufhaus ist auch nur ein Kaufhaus, Atheismus ein Glaube, die Seele ist nur ein Effekt. Es ist die Stadt, an der die Erde atmet, die Stille der Wüste, die visuelle Verfolgung einer Rinne, die mit zunehmender Tiefe dunkler erscheint, in sanfter Abwärtsbewegung nach Süden verlaufend, wo sie sich teilt in drei Arme: in tätiges Denken, einen Trancezustand infolge von kurzen oder längeren sich wiederholenden Handlungssequenzen sowie ein rotes Licht, durch Nachtwolken schimmernd, das sichtbar macht, wovon die Gestalten entstellt sind. Details der Gesichter werden erkennbar, die Waffen sind ausgedacht, viel zu groß, in einer fiktiven Welt, jedoch immer im Rahmen der Dramaturgie des Erlaubten. Die Leute wollen Geschichten, die sie verstehen, interagieren auf Knopfdruck, Maschinen sind aufgestellt, um Geld einzuwerfen, sehr schlicht und dennoch ein Riesenerfolg. Die Automaten quellen über. Ab und zu ein Schrei. Eine reale Geisterbahn, wo es überlebenswichtig ist, die Aliens, Monster und Mutanten zuerst zu entdecken und zu eliminieren, in einer Atmosphäre aus Täuschungen, schlechten Hotels und Aktivitäten der UNO. Erst werden die Prioritäten verschoben, dann wird der Schrott entsorgt. Die unerträgliche Vermehrung von Ballast über jedes vernünftige Maß hinaus führt zu halluzinogenen Zuständen, zu einer beständigen Irritation, zu Konsumverzicht, Verwirrung und Unzufriedenheit. Es führt zu einer konsequenten Sprache, die ihre Quellen nicht verschleiert. Es führt einfach zu weit! Das Niveau sinkt, rufen die Professoren. Dann sah ich, wie die Flugzeuge einschlugen. Ich war dabei, als die letzten Großkampfschiffe auf die Ruinen der Städte stürzten. Ich floh in einen Raum mit Hunderten von Türen, die allesamt in den Abgrund führten. Horden von Sklaven, bewaffnet mit Knüppeln, Vorderladern und Schrotflinten schleppten sich durch die Trümmer ihrer Existenz. Ich sah den Himmel geöffnet, Satan fallen wie einen Blitz, sah, wie ihm die Flügel genommen wurden, sah den Himmel Feuer fangen; ich sah, wie das Lamm die Siegel auftat. Ich sah die Villa auseinander fliegen, das Meer versinken unter Tempelschutt, ich sah das Mündungsfeuer. Ich sah, daß ich keine Füße mehr hatte, versuchte zu sprechen, doch Blut quoll aus meinem Mund. Ich atmete Blut und spuckte Blut, hörte Blaulichter nahen und sah dennoch klar und außergewöhnlich deutlich die Stadt in allen Einzelheiten, die Namen ihrer Bewohner verstummt in Stein, mit Büchern gefüllte Mülltonnen, mit Hochkulturassoziationen aufgeladene Inseln, Fragmente, Bewußtseinströme, Überlegungsgeflechte, Zeitsprünge ohne Zeitkorrektur, Endlosschleifen von Buchstaben, Aggressionsimpulse und Gedankenfetzen; alles wirkt zeitlos, in Labyrinthen verästelt. Wenn ein Gedankengang mit zunehmendem Tempo in Übelkeit mündet, so nicht, weil die Wörter versagen, sondern weil das Bewußtsein ein Monstrum ist, das exakte Ergebnisse liefert. Die Ausdrucksmöglichkeiten im nonsense werden offensichtlich, wo die Sprache versagt. Wo die Sprache versagt, da regiert die Faust. Wo die Sprache versagt, hilft die Optik weiter. Wo die Sprache versagt, schreitet das deutsche Institut für Normung zur Tat. Alle fünf Minuten ein Absturz, Sirenen, eine Schocksequenz. Die Hand, die nach den Sternen greift, sie zittert. Alle fünf Minuten Position bestimmen, neu orientieren, neu definieren, sprunghaft die Geschwindigkeit ändern, schießen, abdrehen, ins Wörterbuch schauen, durchrühren, bis das Fleisch weich ist. Die Erde wird mit einer neuen Erdschicht abgedeckt, alle fünf Minuten ein Sattelschlepper, eine Live-Schaltung ins Krisengebiet, alle zehn Minuten Werbung, alle 15 Minuten die Börse. Es sind die Nebenwirkungen, die sich wie eine Morddrohung lesen, die Wirklichkeit der Hirngespinste, Ausnahmen, die der Regel entsprechen. Es sind die Karriere, der Traum und die Liebe, die Weißkopfbülbüls, Geschichten, die das Leben erfinden, es sind die normalen Leute, die hier ins Knie gefickt sind. Kurzum, es wurde eine mediokre Suppe gebraut, garniert mit einem diffusen Gefasel. Sogar die Asche ist verwertet worden, der Salat war fleckig davon. Nein danke. Das ist alles blöd, saublöd. Man hat uns Gewehre gegeben, mit Zielfernrohr. Und Munition. C´est tout, that's all. Hier tobt eine Furie, ein Fundamentalismus, der sich aus Armut, Elend, Gewalt und tödlichen Krankheiten speist. Die Menschen stürzen sich in Extreme, um den Preis, die eigene Vergangenheit auszulöschen. Wenn ich heute meine Heimat besuche, verspüre ich eine Leere, einen kalten unfreundlichen Lufthauch, Sprachverwirrung und universelle Fremdheit, radioaktiv. Angesichts dieser Verhältnisse kann ich auf absehbare Zeit nur dagegen sein. Ich kann auf jeden Fall gut unterscheiden zwischen Traum und Realität, aber ich kann nicht immer unterscheiden zwischen Realität und Fernsehen. Das meiste, was als Information daherkommt, ist nichts weiter als totale Fiktion. Ich versuche nur, die Lüge auf sich selbst zurückzuführen. Eine lebendige Lüge ist mir lieber als eine tote Wahrheit.

eine auskopplung aus "heimat, mir graut vor dir", volume 1, eine kleine broschüre, die man über *pappelschnee.de* bestellen kann.

Heimat (Kai Pohl)

ES GIBT KEINE FREIHEIT

Bert Papenfuß

Es gibt keine Freiheit
für die Feinde der Freiheit.
Es gibt keine Freiheit
für die Freunde der Freiheit.
Die Freiheit ist eine Schimäre,
schwelgt stets in einer Affäre.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Durch tätige Befreiung abgetrotzt,
in die Fresse der Peiniger gerotzt.
 
Es gibt keine Freiheit
in der Diktatur der Bourgeoisie,
Demokratie genannt, Sklaverei ist gemeint.
Es gibt keine Freiheit
in der Diktatur des Proletariats,
Sozialismus genannt. Bestenfalls Toleranz.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Wird Staatsapparaten abgetrotzt,
in die Klos der Büros gekotzt.
 
Es gibt keine Freiheit
in der Diktatur der Bourgeoisie,
Demokratie genannt, Sklaverei ist gemeint.
Es gibt keine Freiheit
unterm Diktat der Militärindustrie,
Faschismus genannt, Sklaverei ist gemeint.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Wird durch militanten Widerstand
mühsam errungen Land für Land.
 
Es gibt keine Freiheit
unter der Knute des Adels,
Monarchie genannt, Sklaverei ist gemeint.
Es gibt keine Freiheit
unter der Fuchtel des Häuptlings,
Stammesgesellschaft genannt, Sklaverei ist gemeint.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Der Aufstand der unterdrückten Masse
fegt hinweg die herrschende Klasse.

Freiheitsstatue

Es gibt keine Freiheit
unter einem magischen Matronat,
Urgesellschaft genannt. Bestenfalls Toleranz.
Es gibt keine Freiheit
unter der Führung der Stärksten,
Amorphismus genannt. Bestenfalls Toleranz.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Frisch die Schläfrigen geweckt,
und ums Verrecken angeeckt.
 
Es gibt keine Freiheit
in der keulenschwingenden Horde,
Selbstbezeichnung unbekannt. Guten Appetit.
Es gibt keine Freiheit
im Rudel unter einem Leitwolf,
Selbstbezeichnung unverständlich. Guten Appetit.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Auf die Fuchtel wird geschissen,
und Alpha in die Flucht gebissen.
 
Es gibt keine Freiheit
im Trott der Herde, den Fürzen
des Leithammels folgend. Toleranz unbekannt.
Es gibt keine Freiheit
im Schatten üppigen Gestrüpps,
das auch nur ans Licht will. Toleranz unbekannt.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Den Hammel in die Schlucht gestürzt,
dem Gestrüpp die Zweige gekürzt.
 
Es gibt keine Freiheit
unter der Erde, gesetzmäßig bebt
die Lithosphäre. Begriffe sind dort unbekannt.
Es gibt keine Freiheit
im Erdkern, es gibt keine Fragen.
Nickel, Eisen und Kobalt haben das große Sagen.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Stein waren wir doch alle schon mal,
durch Empörung werden wir Metall.
 
Es gibt keine Freiheit
im Atomkern, dort geht alles
ausnahmsweise seinen geregelten Gang.
Es gibt keine Freiheit
in der Regel – im Trudeln
der Revolte springt die Qualität.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen.
Die richtige Schwingung in Gang,
und schon tanzt Zweck mit Zwang.
 
Es gibt keine Freiheit
für die Feinde der Freiheit.
Es gibt keine Freiheit
für die Freunde der Freiheit.
Die Freiheit ist eine Schimäre,
schwelgt stets in einer Affäre.
Die Freiheit wird nicht kommen,
Freiheit wird sich rausgenommen,
durch tätige Befreiung abgetrotzt,
in die Fresse der Peiniger gerotzt.

Freiheit

Bert Papenfuß ist Schriftsteller, Redakteur der Zeitschrift GEGNER und Mitbetreiber des Kaffee Burger in Berlin.
© telegraph #111_2004
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des telegraph

2000 DOLLAR ORANGENSAFT

Alexander Krohn

Als ich Herrmann vom Flughafen abholte, zog er ein Gesicht zum r e i n s c h l a g e n. Genau genommen wirkte er im Gebäude noch unbeholfen, übermüdet und irritiert, auch die nach dreimonatigem Wiedersehen angebrachte Umarmung wurde, wenn auch mürrisch, nicht unwillig vollzogen, erst als wir hinaustraten, setzte er diese Miene auf, die er die nächsten Tage nicht mehr ablegen sollte; eine Mischung aus Verschlossenheit und Überdruß. Die anderen zwei waren guter Dinge und Dosen; Achmed fuhr in einem Affenzahn nach Amman. Drei Tage drauf fuhren wir in das kleinste palästinensische Flüchtlingscamp der Welt. Ich hatte im Frühjahr eine Anzeige geschaltet, die aufrief, im Nahen Osten gegen Besatzungspolitik zu spielen. Parallel versuchte ich Musiker zum Mitkommen zu bewegen, niemand wollte, die meisten hatten kein Geld oder wichtige Termine; außer Monique Schramm. Es fanden sich drei: Harry Coltello, Jakob Enderlein, Herrmann Pest. Mit Herrmann gab es vorab ein Gespräch über die Herangehensweise, er meinte, man solle hinfahren, spielen, und mehr nicht, später sah er das anders; ich dagegen war dafür, die Tour zu p o l i t i s i e r e n, denn erstens schien mir etwas zu p o l i t i s i e r e n out, zweitens a n g e b r a c h t, drittens ödeten mich Mottos wie M u s i k k e n n t k e i n e G r e n z e n an, viertens interessierte mich die Reaktion der Inländer und fünftens fuhren wir aus purem Egoismus: es mußte doch eine Möglichkeit geben, uns nicht mehr taufrischen Musiker-Existenzen neues Leben einzublasen. Der Bau der Mauer war weit fortgeschritten, ganze Stadtteile waren zerschnitten, Häuser abgerissen und mit Bulldozern weggeschoben, an den Checkpoints wimmelte es von Stacheldraht, Sandsäcken und Wachtürmen. Herrmann zog ein Gesicht zum h e u l e n. Jakob war begeistert. Während die meisten mich unterbrachen, um Einwände oder Ausflüchte anzuführen, unterbrach mich Jakob, um bitterfreudig auszurufen: „Bin dabei!“ Harry ist ein unpolitischer Mensch, er meinte, da M e t a l l i c a nicht hinfährt, muß wohl wer anders den Job machen; also wir. Am Abend zeigte uns der Leiter des Kulturzentrums Karten, die einen Über­blick gaben über Mauerbau, Errichtung von Übergängen, Wällen und Einzäunungen. Städte werden voneinander isoliert, Übergänge willkürlich geschlossen, Anwohner kommen nur mit Genehmigung raus. Am Übergang nach Ramallah zeigte sich das selbe Bild. Jakob mußte erstmal ein Bier knacken. Am nächsten Morgen stellte er in einem muslimischen Restaurant zum Frühstück eine Flasche Arrak auf den Tisch. „Mußt Du bereits am frühen Morgen den Assi geben?“ fragte meine Freundin. Es gab Spannungen. Wir verstanden uns gut. Auf der Bühne hervorragend. Harry und Herrmann schauten betreten beiseite: M u s i k e r – für Probleme schon, für Problemlösungen nicht gemacht. Nach dem letzten Konzert (Damaskus) sagte Herrmann, er wartet noch einen Monat ob etwas passiert, wenn nicht, hängt er sein Akkordeon an den Nagel. Das war am 12. Oktober 2004. Die folgenden Tage witzelten wir: Noch 29. Noch 28. Noch 27. Wir beschlossen, Aufnahmen zu machen. Harry besitzt einen Bauwagen, ich habe in Delhi einen Kassettenrecorder gekauft, geiler Sound, am 12. November kam niemand. An dem Abend in Damaskus hatte Herrmann eine Art Gemütsausbruch, er, der meistens schweigt, begann zu r e d e n. Er meinte, daß der Abend im Flüchtlingscamp über den Karten der b e s t e war, es sprudelte aus ihm heraus, er redete über eine Stunde, die ganze Sache gab ihm zu denken. Jakob nickte. Harry war ganz verwundert. Er hatte ein Gesicht zum A b k n u t s c h e n, er meinte, er wäre nun pleite, die Tournee hätte ihn 2000 Dollar gekostet, aber wenn es sein muß, fährt er her und trinkt für 2000 Dollar einen Orangensaft. Ich habe nicht ganz verstanden, was er damit meint. Noch Tage später in Berlin, als ich schon lange wieder mit meiner M i e n e, mit meiner f l e i s c h g e w o r d e n e n  M i t e r k r a n k u n g, mit meinem
B e r l i n e r G e s i c h t herumrannte, hielt bei Herrmann der innere Trubel an. Selbst Jakob fühlte sich mies. Er wollte mit Keffiya auf die Kastanienallee gehen. Ich denke, der Abend in Damaskus war der beste.

Alexander Krohn ist Musiker, Verleger und Reisender.
© telegraph #111_2004.
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des telegraph

Rettet das Radio!

Früher war das Hören ein Erlebnis. Heute dudeln Privatsender die immer gleichen Hits – und viele Öffentlich-Rechtliche tun es ihnen nach. Aber es gibt Hoffnung: Ambitionierte Macher wollen das Medium mit neuem Leben erfüllen
Von Ulrich Stock

Bei Manufactum und anderswo werden diese kleinen hübschen Radios verkauft, die so gut klingen und so einfach zu bedienen sind. Wer sich so ein Gerät kauft, hat allerdings ein Problem: Was soll er damit hören? Es gibt sie kaum noch, die guten Sender.

Das UKW-Spektrum von 87,5 bis 108 MHz bietet, abhängig von der Region, bis zu 30 Stationen. Auf vielen dieser Kanäle schwappt die immergleiche Dudelsuppe. Alle paar Minuten wird das Wetter vor dem Fenster durchgesagt, auf welchen Straßen es blitzt und was man beim tollen Gewinnspiel gewinnen kann, wenn man JETZT SOFORT bei der Radio-Hotline anruft für 49 Cent – und dann kommt bei den Privaten noch die Werbung, bis zu acht Minuten pro Stunde. Die gebetsmühlenhaft wiederholten Kennungen der Sender unterscheiden sich inzwischen mehr als die Programme. »Die Megahits der Achtziger, Neunziger und das Beste von heute« – wer sendet das nicht?

Resignierte Hörer stellen den Deutschlandfunk ein, das neben DeutschlandRadio Berlin einzige Programm, das bundesweit zu empfangen ist. Hier gibt es zwar nicht immer etwas, das einen gerade interessiert, Musik jenseits von Klassik und Jazz schon kaum, aber das Bemühen um Qualität ist hörbar. Hier hat das Funken noch Verstand.
Bloß ist Deutschlandfunk auf Dauer langweilig.

Und wofür zahlt man eigentlich im Monat 5,32 Euro Hörfunkgebühren? Hat man nicht Anspruch auf Abwechslung? Braucht ein facettenreiches, widersprüchliches und im Umbruch befindliches Deutschland nicht ebensolche Radioprogramme?

Zwei Jahrzehnte nach der Zulassung des Privatfunks stellt sich die deutsche Radiolandschaft als ein ödes, an Höhepunkten armes Flachland dar. Wird die Einebnung weitergehen, oder gibt es irgendwo Zeichen der Hoffnung?

Lothar Jene hat sein Büro querab vom Hamburger Rathaus. Der 58-Jährige ist Direktor der Hamburgischen Anstalt für neue Medien – mit zwölf Mitarbeitern wacht er über den Privatfunk des Stadtstaates. Viel zu überwachen gibt es nicht, denn anders als beim privaten Fernsehen, das Aufsehen um jeden Preis erregen will, plätschert das private Radio so vor sich hin. Es darf nicht stören und verstören schon gar nicht. Es ist kein Einschaltmedium mehr wie ehedem, das man anmachte, um etwas Bestimmtes zu hören, sondern ein Begleitmedium, eine akustische Tapete für den Tag. Es soll laufen, aber man muss ihm nicht mehr folgen. Es darf alles, nur dem Hörer keinen Anlass geben, aus- oder umzuschalten, so einfach ist das.

Lothar Jene, dem die leichte Kost täglich Brot ist, hat sich daran gewöhnt. Er bringt sogar ein gewisses Verständnis für die Anforderungen der kommerziellen Radios auf, schließlich senden die ja nicht zu ihrem Vergnügen. »Aber abends«, sagt er, »wenn der Fernsehschatten kommt«, nach der Tagesschau, »da wünschte ich mir schon mehr Mut im Programm.«

Nun, dies ist ein Wunsch, den kann er äußern, und die Sender hören ihn sich geduldig an – und dann machen sie so weiter wie bisher. Denn am Abend und in der Nacht muss das Programm nach ihrem Verständnis so sein wie am Tag, sonst denken die Hörer noch, ihr Gerät habe sich verstellt – alles eine Frage der Marke, die nicht verwischt werden darf.

Schon mehr Unruhe bei seinen Gesprächspartnern löst Herr Jene mit einer Beobachtung aus, die er in der U-Bahn gemacht hat und die inzwischen jeder machen kann: Da sitzen überall junge Leute mit weißen Ohrstöpseln, dem Erkennungszeichen der iPod-Generation. Mancher Privatsender arbeitet mit nur 150 Hits, die sich in der »Rotation« abwechseln. Wer einen MP3-Player besitzt mit 10.000 Titeln, die er sich selber ausgesucht hat, der braucht kein Radio mehr, jedenfalls nicht so eins. »Die Radioleute müssen aufpassen«, sagt Herr Jene, »sie können nicht ewig so weitermachen wie bisher.«

Bei Radio Hamburg am Speersort kann von Endzeitstimmung keine Rede sein. Programmdirektor Marzel Becker, 41, ist obenauf und hat auch Grund dazu. Seit zwölf Jahren ist sein Sender Marktführer in Hamburg, derzeit mit 25 Prozent, eine traumhafte Zahl, NDR2 als konkurrierendes Programm kommt nur auf 9,1 Prozent.

Radio Hamburg beginnt morgens »mit der lustigsten Morningshow für Hamburg, mit den besten Gags und den beliebtesten Comedys der Stadt«. Dann die Mittagsshow Besser arbeiten mit Birgit Hahn, »gut drauf am Arbeitsplatz mit Megahits gegen den Stress«, und dann die Feierabendshow, »mit Fun, Action und Comedy nonstop ganz schnell nach Hause«. Abends dann »die neuesten Megahits für unsere Stadt«, nachts schließlich »Megahits nonstop«.

Und – jetzt kommt der Knüller, da ist Radio Hamburg megastolz drauf – jeden zweiten Mittwoch, von Mitternacht an, kommt mal was anderes: Megahits nur aus Deutschland! Die Antwort des Senders auf die kürzlich im Bundestag geführte Debatte über den Mangel an deutscher Musik im deutschen Radio. Wer nicht immer dasselbe hören will, wird also bedient: Er muss nur 14 Tage warten und dann eine Nacht aufbleiben. Das ist Programmvielfalt!

Marzel Becker kann über solche Einwände nur lachen. Marktführerschaft imprägniert gegen jede Kritik. »Wir verstehen, wie Radio gemacht wird und womit man Erfolg hat.« Dieser Sender solle Geld verdienen, nur darum gehe es, nicht um Vielfalt, Abwechslung oder gar persönlichen Geschmack. »Es gibt null Geschmacksfragen hier«, sagt Becker. »Unseren Geschmack geben wir an der Garderobe ab.«

Je mehr Leute Radio Hamburg hören, desto besser wird die Werbeminute bezahlt. Je besser die Musikmischung den Publikumsgeschmack trifft, desto weniger Leute stellen ab. Die werberelevante Zielgruppe sind Menschen zwischen 20 und 40. Sie haben schon Geld, anders als die Jüngeren, und sie sind noch in ihren Konsumgewohnheiten zu beeinflussen, anders als die Älteren. Man spielt also Musik, die 20- bis 40-Jährigen gefällt, so einfach ist das.

So einfach wäre das. Wenn einem 20-Jährigen gefiele, was einem 40-Jährigen gefällt und umgekehrt. Musik ist das Wichtigste und Schwierigste im Radio. Jeder will etwas anderes hören.

Was geschieht also? Radio Hamburg lässt jeden aktuell gesendeten Song alle zwei, drei Wochen testen. Marktforscher rufen potenzielle Hörer an, spielen denen zehn Sekunden vor und fragen, ob sie dieses Stück noch im Radio hören mögen oder nicht. Ältere Titel, die Klassiker, werden zweimal im Jahr getestet. Nur was besteht, wird gesendet.

Selbst populäre Künstler fallen durch dieses Raster, Eminem zum Beispiel, weil der die Hörerschaft polarisiert. Viele finden ihn super, viele ertragen schlicht keinen HipHop – um keine »Ausschaltimpulse« zu geben, muss Radio Hamburg also ohne den prominentesten Rapper auskommen.

Weil in der Zielgruppe nur wenige Stücke konsensfähig sind, ist die Zahl rotierender Hits klein. Wie klein, wird nicht verraten. Die Auswahl landet naturgemäß bei den Superstars, und da gibt es eben nur eine Kylie Minogue, nur einen Robbie Williams. Etwas Neues zu bringen, das ist riskant. Radio Hamburg hält sich schon viel darauf zugute, Norah Jones oder Annett Louisan gespielt zu haben, bevor sie groß herauskamen – aber die hatten ja auch gute Testergebnisse.

Die industrielle Optimierung des Ohrfutters erinnert an die Massentierhaltung. Die Schweine in den Boxen nehmen’s grunzend hin, und solange im Stall niemand plötzlich das Licht anmacht, fällt auch keines tot um.

»Vielfalt«, sagt Marzel Becker, »ist das, was der Hörer mag. Nicht das, was er nicht kennt.«
Vielfalt ist Einfalt. So einfach ist das.

»Früher«, sagt John Mönninghoff, »gab es ein Radio in Mutters Stube. Da gab es die Stunde für die Hausfrau, den Schulfunk und abends schöne Hörspiele, zu denen sich die Familie versammelte. Aber das ist vorbei. Nicht nur das Radio hat sich verändert, auch wir haben uns verändert. Wenn im Supermarkt drei Leute vor mir an der Kasse stehen, steigt der Blutdruck. War das vor zehn Jahren auch so? Wir haben objektiv mehr Zeit und subjektiv weniger Zeit. Und dann soll ich mich vors Radio setzen, um auf eine bestimmte Sendung zu warten?«

John Mönninghoff, 51, ist einer von sieben, acht Radioberatern in Deutschland. Seine Firma betreut 35 Sender in 13 Ländern, auch Radio Hamburg. Mit Radio-Romantik darf man ihm nicht kommen. Früher ist früher. Jetzt ist jetzt. Instant need fulfillment. Jeder will alles, sofort. Aufs Radio angewandt, heißt das: Möglichst vielen möglichst schnell fast alles geben, was sie wollen – schwer genug in einem Medium, das Hunderttausende gleichzeitig hören.

Denkt man dies weiter, bedeutet das allerdings: Gegen die iPods kann kein Radio ansenden. Weil an jedem MP3-Player nur ein Hörer hängt. Der hört, was allein ihm gefällt, jetzt. Sollte er mit der Musik mal unzufrieden sein, ist er selber schuld.

Anruf beim Norddeutschen Rundfunk, Bitte um einen Termin mit dem Programmdirektor Gernot Romann. Doch, große Überraschung, Herr Romann hat keine Zeit, heute nicht, morgen nicht, die nächsten Wochen nicht. Die Pressestelle bittet, die Fragen schriftlich einzureichen. Sie würden auch schriftlich beantwortet.

Schriftliche Frage an den gesprächsscheuen Sender: »Wie wehrt sich der NDR gegen die zunehmend geführte Klage, das Öffentlich-Rechtliche gleiche sich dem Privaten immer mehr an?«

Schriftliche Antwort: »Mit der Einladung, die NDR-Programme zu hören. Jeder, der dies tut, erkennt, dass von einer Angleichung keine Rede sein kann.«

Was ist hier los? Welch seltsamer Ton? NDR = DDR? In der Tat ist der Norddeutsche Rundfunk ein Reich für sich, von Polen bis zur holländischen Grenze, von Dänemark bis hinter Kassel. Ganz Norddeutschland hört den NDR – oder eben auch nicht. Unter den Anstalten der ARD ist der NDR die unmutigste. Während sich Sender anderswo schon etwas Neues einfallen lassen, um dem Privatfunk Kontra zu geben, und dabei auch durchaus Anleihen bei der eigenen Geschichte machen, ist der NDR noch eifrig bemüht, traditionelle Stärken zu beseitigen, um sich dem Privatfunk anzugleichen. NDR2 ist eine schlechte Kopie von Radio Hamburg und NDR Kultur eine noch schlechtere von Klassik Radio. Und Gernot Romann ist so eine Art Egon Krenz des NDR – ein munterer Reformer, der nicht versteht, warum der Gegenwind immer stärker wird.

Romann hat eine Menge Ärger – und macht eine Menge Ärger: Der NDR bemüht oft die Anwälte. Die Charakterisierung eben ist bestimmt auch für eine Gegendarstellung gut (etwa so: »Richtig ist vielmehr, dass Gernot Romann nicht so eine Art Egon Krenz des NDR ist.«)

Der NDR ist wohl deshalb so reizbar, weil alle Veränderung nicht den gewünschten Erfolg bringt. Man verkauft seine Seele und bekommt nichts dafür – das ist bitter.

Heftigster Gegner der Programmreformen ist die Hörerinitiative »Das ganze Werk«. Auf ihrer Website www.dasganzewerk.de streitet sie dafür, dass die NDR-Kulturwelle tagsüber wieder mindestens vier Stunden lang ganze Werke spielt und nicht einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Sätze. Denn so sieht’s heute aus: Erst einen dritten Satz Mozart, dann ein Klavierstückchen von Chopin, eine Rossini-Ouvertüre, und munter wird’s mit Johann Strauß! Keine Chormusik mehr, keine Bläserstücke, von Strawinsky allenfalls Teile des Feuervogels. Späte Streichquartette von Beethoven nur noch spät, nach Einbruch der Dunkelheit.

NDR3, qualitativ einst führend in der ARD, ist über zehn Jahre hinweg zur Dödelwelle umgebaut und entwortet worden. Der Tag beginnt noch mit dem anspruchsvollen Am Morgen vorgelesen, danach ist alles Komplexe, Schwierige verschwunden; es gibt allerdings auch nichts mehr, was zum Zuhören reizte. Nur in der Nacht nimmt der Sender noch Vernunft an – wenn der Programmdirektor schläft.

Die Unzufriedenen übersetzen »NDR Kultur« mit »Ende der Kultur«. Knapp 1.700 Mitglieder zählt die Initiative inzwischen, engagierte, kluge Leute, die wirklich noch hören – und gehört werden wollen. Romann hat sie in einer Hauszeitschrift des NDR prompt als »Kultur-Ajatollahs« bezeichnet, und man darf also gespannt sein, ob eines Tages das Selbstmordattentat eines fanatischen Bruckner-Hörers seinem Wirken ein Ende setzen wird.

Bis dahin kann Romann darauf verweisen, die Einschaltquote von NDR Kultur von 1,2 auf 1,8 Prozent gesteigert zu haben. Wenn allerdings eh so wenige zuhören, warum dann nicht wenigstens ein anständiges Programm machen?

Auch Popmusikfreunde attackieren den Programmdirektor seit Monaten, weil der NDR Paul Baskerville, einen musikverständigen Moderator, der auf NDR Info zuletzt nur noch nach Mitternacht ans Mikrofon durfte, nun gar nicht mehr beschäftigt. Baskerville ist vor mehr als zwei Jahrzehnten schon in der legendären Sendung Musik für junge Leute nach der Schule hervorgetreten. Er ist ein Urgestein des Senders mit treuem Publikum, das auf der Website www.offbeat-baskerville.de eine Rücknahme der Entscheidung fordert. Auch hier hat der NDR einen Konflikt mit Leuten, die noch auf das achten, was gesendet wird und was nicht.

Natürlich – das muss man bei aller Polemik dem NDR zugute halten – hat es kein öffentlich-rechtlicher Sender heute leicht. Sinken die Einschaltquoten zu stark ab, heißt es: Wofür bekommt ihr überhaupt die Gebühren, wenn euch keiner hören will? Senkt man den Anspruch, einer höheren Quote zuliebe, heißt es: Wofür bekommt ihr überhaupt die Gebühren, wenn ihr ein Programm wie die Privaten macht?

Zu den bitteren Kuriosa von Radiodeutschland gehört es, dass inzwischen ausgerechnet die Privatsender die öffentlich-rechtlichen Anstalten an ihren Programmauftrag erinnern: dies nicht aus Gemeinsinn, sondern um sich eine Konkurrenz fern zu halten, die als unfair empfunden wird, weil sie unter viel besseren Bedingungen antritt – gebührenfinanziert nämlich.

Nun ist der NDR zum Glück nicht überall. Die Struktur des öffentlich-rechtlichen Radios ist nach wie vor föderal, beim WDR in Köln ist das Programm origineller und mutiger als in Hamburg, auch beim SWR in Baden-Baden.

Zwei Sender ragen heraus aus der Verflachung: der traditionsbewusste Bayerische Rundfunk in München und das innovative Radio Eins vom Radio Berlin-Brandenburg in Potsdam.

In Bayern gibt es seit 30 Jahren den Zündfunk, derzeit mit zweieinhalb Stunden Sendezeit täglich,
abends von sieben an und in der Stunde vor Mitternacht. Was als Jugendsendung begann, zählt heute zum Besten, was der Musikjournalismus in Deutschland zu bieten hat. Ulrike Ebenbeck, die Chefin, die im 16. Stock des Sendegebäudes hoch über München sitzt, sagt, sie habe sich noch nie einer Quotenfrage aussetzen müssen. Gewiss ist das nicht nur ihr Verdienst, sondern auch das jener, die ihr diese Frage nicht stellen. Ob es dabei bleiben wird?

Johannes Grotzky, BR-Hörfunkdirektor, rechnet mal eben vor, dass der BR2, auf dem der Zündfunk läuft, 33 Euro pro Sendeminute kostet bei 240.000 Hörern am Tag, BR1 dagegen, die Schlagerwelle, nur 22 Euro bei 2,3 Millionen Hörern. Betriebswirtschaftlich ließe sich da einiges optimieren, aber so einfach ist es eben nicht. »Vielfalt im weitesten Sinne«, sagt Grotzky, »ist das Wichtigste, was man überhaupt braucht.«

Bei den jährlichen Best-of-Leserumfragen von Musikzeitschriften wie de:bug, intro oder spex landet der Zündfunk immer auf den ersten Plätzen. Und es spricht ja nicht gegen ein Programm, wenn es Menschen gibt, die sich dafür begeistern können. Zu den ständigen Mitarbeitern des Zündfunks gehören Leute wie der Schriftsteller, Musiker, DJ und Kritiker Thomas Meinecke oder Karl Bruckmaier, Popmusikexperte der Süddeutschen Zeitung. »Es sind Menschen«, sagt Ulrike Ebenbeck, »die sich nicht nur von den Plattenfirmen bemustern lassen, sondern sich selber Platten kaufen, die sie auspacken und in die Hand nehmen« – und sich Gedanken dazu machen. Bruckmaier beispielsweise versteht es, nicht nur anzupreisen, sondern auch zu beanstanden. Wo gibt es das noch im deutschen Radio, dass man sich mit der gesendeten Musik argumentativ-kritisch auseinander setzt?

Der Zündfunk, der mit drei Angestellten und 45 Freien mehr Personal beschäftigt als manch ein Privatsender, verbindet Nähe zum Geschehen mit Professionalität. Ihm gelingt, was von Amateuren betriebenen Sendern wie Radio Flora in Hannover oder dem FSK in Hamburg bei allem Engagement versagt bleibt.

Ende November lud der Zündfunk zum Bavarian Open ins Funkhaus ein, alle 1.700 Karten gingen für je 20 Euro weg, 23 Bands und DJs spielten in drei Studios und dem Lagerraum des Rundfunkorchesters – unter ihnen Musiker, die man bei anderen Sendern nicht einmal dem Namen nach kennt, geschweige denn sendet. Nouvelle Vague aus Frankreich stellten hier ihre Bossa-nova-Versionen von Punk-Hits vor, über die Monate später der Spiegel berichtete.

Es wurde ein rauschendes Fest bis in den Morgen. Unters jugendliche Publikum mischten sich Musiker, Plattenhändler, Kritiker – und keiner hatte das Gefühl, einer verschwindenden Minderheit anzugehören.

Das Radio stiftet Gemeinschaft, der iPod Individualität. Vor den Lautsprechern bildet sich eine andere Identität als mit Ohrstöpseln – eben weil alle zur selben Zeit das Gleiche hören. Die Szene in Weilheim, Oberbayern, mit ihren Gruppen von The Notwist bis Lali Puna, von Ms John Soda bis zu Console und dem Tied & Tickled Trio, wäre wohl nicht entstanden ohne die Rückkopplung mit einem wachen Sender, der den jungen Leuten da draußen einerseits immer gezeigt hat, dass es noch Musik jenseits des Üblichen gibt, und der andererseits, als aus der Provinz ein Echo kam, sofort die Mikrofone aufstellte und mit Auftritten, Aufträgen und Sendungen half.

Und all dies nicht aus Gutmenschentum oder Kalkül, sondern aus Engagement, Begeisterung und nüchternem Urteil. So vereint der Zündfunk Tradition und Fortschritt, Beharrungsvermögen und schnelle Reaktion. Hier gab’s die erste Technosendung bundesweit, den ersten Housemix. Für das Ansehen des Bayerischen Rundfunks unter Musikfreunden ist die Sendung unbezahlbar – anderswo wäre sie längst abgeschafft.

»Die Zukunft des Radios liegt in seiner Vergangenheit«, sagt Helmut Lehnert, Chefredakteur von Radio Eins in Potsdam, das vor sieben Jahren erfunden wurde, nachdem zwei Sender fusionierten, der brandenburgische ORB und der Berliner SFB. Lehnert, der schon aus dem östlichen DT 64 und dem westlichen Radio For You das öffentlich-rechtliche Jugendradio Fritz entwickelt hatte, bekam den Auftrag für ein neues Format. Lehnert und seine 100 Mitarbeiter wollten dem Privatfunk weder mit den Mitteln des Privatfunks begegnen (wie es der NDR versucht) noch mit dem gebührenfinanzierten Zeigefinger. Sie wollten weder aalglatt-nichtssagend sein, noch inhaltsreich-volkshochschulartig – da musste es doch noch etwas anderes geben. Sie wollten Menschen, die mit der Formensprache von MTV und Viva und Privatfunk aufgewachsen waren, ein hochwertiges Angebot machen, das sie dort nicht bekommen, in Lehnerts Worten: »Quote und Qualität – es wird ja immer verneint, dass das geht.«

Als Radio Eins am 27. August 1997 auf Sendung ging, hatten die Privaten über 80 Prozent Marktanteil bei den 25- bis 45-Jährigen. Der Start missglückte, es galt die alte Radioweisheit: »Ein Konzept sendet nicht.«

Lehnert weiß noch, wie die Tabellen mit den ersten Mediadaten kamen: »Wo sind unsere Hörer? Wir haben sie nicht gefunden.« Die Gremien des Senders murrten, auch die Mitarbeiter. »Da gab es kritische Stunden«, sagt Lehnert. »Alle, die schon immer wussten, dass so etwas, was wir machen wollten, nicht gehen würde, hatten ihren Spaß.« Sein Glück war die »extreme Unterstützung«, die er von der Geschäftsleitung bekam. »Die wussten: Etwas Neues braucht Zeit.«

Radio Eins brauchte drei Jahre, heute ist es das öffentlich-rechtliche Radio, und Lehnert, 54, graumeliert, mit Sweatshirt und roten Turnschuhen, lehnt sich zurück, um noch eine Zigarette zu drehen: »Wenn Sie etwas probieren, was die Leute brauchen, dann hat es Erfolg – früher oder später.« Ein Problem heute sei, dass kaum ein Sender mehr sich diese Zeit nehmen wolle.

Radio Eins hat heute 237.000 Hörer täglich, fast doppelt so viele wie im Jahr 2000. Überdies hat die Kulturszene den Sender ins Herz geschlossen, denn er informiert über Theater und Film, Kunstausstellungen und Musik.

Nicht 150 oder 300 Titel rotieren hier, sondern 6.000, und weitere 20.000 sind im Archiv, jederzeit einzusetzen. Der Sender will das breite Spektrum der Popmusik der letzten 40 Jahre spielen – und vermitteln. So zum Beispiel in dem Format Pop Splits mit Songs, die Geschichte geschrieben haben. Da wird erzählt, wie Bob Dylan die Beatles das Kiffen lehrte (I Want To Hold Your Hand) oder mit wem Serge Gainsbourg Je t'aime eigentlich singen wollte. Die Idee, Musik nicht nur zu senden, sondern sie – wie früher – auch einzuordnen, findet großen Zuspruch. Inzwischen gibt es ein Buch und eine CD zur Reihe, deren einzelne Beiträge nicht lang sind und auch keinen festen Sendeplatz haben, wie es zu alter Zeit der Fall gewesen wäre. Stattdessen rotieren sie im laufenden Programm und tauchen gelegentlich auf.

Nach den Magazinsendungen zwischen 5 und 21 Uhr kommen abends die Musik-Specials, von denen einige den Vergleich mit dem Zündfunk nicht scheuen müssen. Den Oceanclub gibt es hier, moderiert von Gudrun Gut vom Berliner Plattenlabel Monika Enterprise, die längst über die Grenzen Berlins hinaus einen Namen hat. Und John Peel gab es hier, den legendären BBC-DJ, dessen plötzlicher Tod vor wenigen Monaten die Popwelt erschütterte. Peel war 65 und sendete auf Englisch, warum auch nicht, der freche Slogan von Radio Eins lautet ja: »Nur für Erwachsene«, was eben nicht alle einschließen will und gerade dadurch den Sender für viele attraktiv macht.

Man will sich nicht andienen, sondern absetzen. Fast alles wird live gesendet, kaum etwas vorproduziert, so kommt’s zwar zu Fehlern, aber auch zur Frische. Amüsiert erzählt Lehnert von einem Privatfunkmoderator, der eine 24-Stunden-Moderation in anderthalb Stunden aufgesprochen habe, die dann vom Computer zwischen die Musik geschnitten worden sei. Das spart Kosten, ist aber an Seelenlosigkeit kaum zu überbieten. Nachts sind viele Funkhäuser menschenleer; bei Radio Eins brennt noch Licht.

»Ihr könnt machen, was ihr wollt«, sagt Lehnert seinen Leuten, »solange es authentisch ist.« Ihm geht es um hörbare Individualität. Gäbe hier jemand seinen Geschmack an der Garderobe ab, Einstellungsvoraussetzung bei Radio Hamburg, könnte er gleich wieder gehen. So einfach ist das.

Hauptstadt der Radio-Erneuerung ist zurzeit Berlin. Am 7. März geht DeutschlandRadio Kultur, Schwesterwelle des Deutschlandfunks, aus dem alten Rias-Funkhaus auf Sendung – bundesweit und mit nie dagewesenem Konzept. Bisher dümpelte der Sender als DeutschlandRadio Berlin mit 250.000 Hörern täglich etwas unprofiliert vor sich hin. Vier Redakteure wurden freigestellt und haben seit Oktober die neue Programmstruktur entwickelt: rund um die Uhr nur Kultur.

Vom Anspruch her schließt der Berliner Sender an den Kölner Deutschlandfunk an, in der Form bedient er sich moderner Elemente, in dieser Kombination aus Bewährtem und Zeitgemäßem Radio Eins nicht unähnlich. Allerdings wendet man sich an ein explizit kulturinteressiertes Publikum.

In den Kernzeiten von 9 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr gibt es statt fester Sendeplätze ein »selbstähnliches Programm«. Was klingt wie ein Begriff aus der fraktalen Mathematik, bezeichnet die Entscheidung für wiederkehrende Zeitfenster im Ablauf einer Stunde.

Von jeder vollen Stunde an bis zwanzig nach gibt es Zeit für den feuilletonistischen Zugriff auf Themen aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft, vom Münchner Kulturphänomen Rudolph Moshammer bis hin zu historischen Theorien von Götz Aly. DR Kultur führt also in neuer Form ein, was man bei NDR Kultur mit der schönen Sendung Texte und Zeichen vor zwei Jahren erst abgeschafft hat.

Von zwanzig nach an bis halb gibt es Musik, aber nicht nur zum Hören oder als Häppchen, sondern als Gegenstand. Stephan Detjen, einst Korrespondent beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, später Parlamentsberichterstatter in Berlin, nun Leiter der Projektgruppe, erfuhr erst in den Gesprächen der vergangenen Monate, welch »grauenvolles Reizthema« Musik am Tag in einem Radiosender ist. Jeder wolle etwas anderes hören, es gebe ständig Geschmacksdiskussionen. Hier wird nun etwas Neues ausprobiert: Der Musikblock kann eine jetzt erscheinende Beethoven-CD zum Thema haben, die Tour einer Rock-Band oder ein Festival – der Bericht wird von der Musik eingerahmt, um die es geht.

Nach den Kulturnachrichten um halb gibt es Kritiken – Buch, Theater, Oper, aber auch DVD. Dann Vermischtes, und die Stunde endet mit einem geschichtlichen Thema, einer aktuellen Reportage oder einem Blick in die Zukunft.
Zusätzlich aufgelockert wird die Struktur durch eingestreute radiofone Elemente wie zum Beispiel die Wurfsendung. Ein Zufallsgenerator fügt aus eigens produzierten Hörspielelementen drei kurze Passagen zusammen – eine Spielerei, die an die frühen, experimentierfreudigen Tage des Radios erinnert, probezuhören im Internet unter wurfsendung.dradio.de.

»Wir wollten keine Kopie der Kulturprogramme der sechziger Jahre«, sagt Detjen, »wir machen etwas völlig anderes, das sich weniger wiederholt als das Inforadio und worthaltiger ist als eine klassische Magazinsendung.« Das Programm werde teurer und anspruchsvoller sein als das bisherige – und aktueller. Weg von der monatelangen Vorplanung, hin zum spontanen Einfall. Plötzlichkeit versus Muff, so einfach ist das.
Aber gut, »ein Konzept sendet nicht«, und es könnte eine Weile dauern, bis die schönen Überlegungen ein gelungenes Programm ergeben.

Motor FM

Zur Einweihung des neuen Radiosenders Motor FM ist die Presse Berlins geladen in die Köpenicker Straße 8, ein altes Hinterhofgebäude am Ufer der Spree. Zwei Dutzend Journalisten stapfen zur Mittagszeit die Treppe hinauf und erreichen außer Atem den fünften Stock. Es öffnet sich die Tür zur Küche einer Wohngemeinschaft. Zerschlissene Sessel, aus denen das Polster quillt, Müsli auf dem Tisch, Nescafé, das Bier steht winterlich kühl auf der Dachterrasse. »Willkommen in der Wohngemeinschaft Deutschland, bedient euch!«, sagt Tim Renner, der Senderchef.

Einige Journalisten sind sichtlich verwirrt. Tim Renner war doch bis vor einem Jahr der Deutschland-Boss von Universal, dem größten Musikkonzern der Welt mit Milliardenumsatz und Tausenden Angestellten. Dann ging er oder wurde gegangen, weil er die Krisenstrategie des Unternehmens nicht mittrug, internationale Stars auf Kosten deutscher Musiker in den Vordergrund zu rücken. Und jetzt senden aus einer Kreuzberger WG? Wo ist denn hier das Studio? »Augenblick«, sagt Renner, »wir machen gleich einen Rundgang.« Es werden mehrere Gruppen gebildet, die nach und nach die verschiedenen Räume aufsuchen. In einem sitzt im Holzfällerhemd Jürgen Nützel, High-Tech-Unternehmer aus dem thüringischen Ilmenau, der zusammen mit dem dortigen Fraunhofer Institut für Digitale Medientechnologie das Downloadsystem Potato entwickelt hat. Mit Hilfe von Potato will Motor FM das jeweils gesendete Stück zum Kauf als MP3-Datei anbieten. Der Clou dabei: Wer ein Stück erwirbt, kann es weiterverkaufen und verdient daran. Die Verbreitung von Musikdateien wird also nicht mehr bestraft, sondern belohnt. Die Journalisten staunen, Renner grinst.

Im nächsten Raum sitzt Thomas Müller, ein junger Mann mit Glatze und Vollbart, der einst beim Münchner Zündfunk war und nun das Musikangebot von Motor FM erklärt: warum nur neue, unbekannte und nahezu vergessene Titel gespielt werden. Weiter geht’s ins Schlafzimmer: Das Bett noch zerwühlt, Socken liegen herum, Tim Renner zeigt auf die Schwarzweißplakate an der Wand, die für den Sender werben sollen. »Faschismus. Kommunismus. Mainstream. Wir haben einen Auftrag. Motor FM 106,8.«

Die Plakate sind echt, die Frequenz ist echt, die Leute sind echt, der Hass auf den Dudelfunk ist echt, der Rest ist erfunden. Die Wohngemeinschaft dient nur als Kulisse für die Pressekonferenz, sie hat mit dem Unternehmen nichts zu tun; immerhin illustriert sie dessen Anspruch: das Pfeifen auf den Massengeschmack, ein Programm »von uns für uns«, das High Tech in Hemdsärmeln und das Deutsche – denn was ist deutscher als eine Kreuzberger Wohngemeinschaft? Wäre Tim Renner Amerikaner, hätte er wohl in eine Garage eingeladen, um den Willen zum Aufstieg hinreichend zu dokumentieren.

Aus der Wohnung wird also nicht gesendet. Das Studio liegt aber gleich um die Ecke, in der Pfuelstraße 5, auch auf dem Hinterhof. Zehn Quadratmeter misst das Räumchen, ein Tisch mit Computerbildschirmen und Mischpult, Filzbahnen hängen von der Decke zur Verbesserung der Akustik, falls mal jemand was durchsagen will. Hier läuft seit dem 1. Februar 2005 das Rund-um-die-Uhr-Programm auf der Frequenz 106,8 MHz, das unter www.motor.de/motorfm auch im Internet zu hören ist. Der Sendebetrieb begann um 18.48 Uhr, zur Erinnerung an ein historisches Jahr. Renner, eine Frohnatur des Marketings, spricht von der »ersten deutschen Radiorevolution«.

Ob das alles klappt? Zunächst gibt es nur wenige Mitarbeiter, von denen kaum einer bezahlt wird. Renner verweist auf Leidenschaft und Selbstausbeutung; in ein paar Jahren soll aber Geld verdient werden. Motor FM verzichtet auf die übliche, nervende Radiowerbung und versucht stattdessen Firmen zu gewinnen, die bestimmte Sendungen bezahlen und dafür gelegentlich erwähnt werden – der Musikfernsehsender MTV hat das anfangs so gemacht. Auf Dauer will Renner Einnahmen durch den Verkauf von Downloads erzielen. Wer etwas hört, das ihm gefällt, muss sich nichts mehr aufschreiben und in Läden nichts mehr suchen gehen, er ruft es einfach online ab und lädt es auf seinen iPod.

Das Radio wird so zur Dauerwerbesendung in eigener Sache: Es verkauft sich selber. Und indem immer neue Musik gespielt wird, gibt es immer neue Reize für den Hörer zuzugreifen. So einfach ist das.

Mit gemischten Gefühlen verfolgt Uly Köhler den Rummel um Motor FM. Denn er hat auch einen Sender am Start: Radio Teddy, Deutschlands erstes Kinderradio. Das soll demnächst auf derselben Frequenz senden wie Motor FM, von morgens 6 bis abends 9, Tim Renner bleibt dann nur noch die Nacht. Die Presse spottet schon: erst das Sandmännchen, dann Marilyn Manson? Da in Berlin nur eine Frequenz frei wurde, hat die Landesmedienanstalt sie aufgeteilt und an zwei der 25 Bewerber vergeben. Die Kleinen würden nachts ja schlafen, die Großen dann erst richtig lebendig – so war die Überlegung.

Renner hat Köhler nun die Schau gestohlen, weil Radio Teddy noch am Funkhaus baut: Das soll spätestens Anfang Juni in Potsdam-Babelsberg stehen, dem deutschen Hollywood, und aussehen wie ein übergroßes Kofferradio, damit die Kinder auch wissen, wo sie sind, wenn sie täglich in Scharen anrücken. Köhler und seine beiden Kompagnons stellen sich einen Disneyland-artigen Besuchs- und Sendebetrieb vor. »Da sprechen die in ein Mikrofon«, schwärmt er, »und plötzlich klingt die Stimme wie’n Riese, wie’n Schlumpf, wie’n Esel!«

Stolz präsentiert Köhler das Konzept, das sich betont kindgerecht gibt. Vierzehn Seiten vollmundiger Beschreibung – »Kinder brauchen eine starke Stimme! Radio Teddy hält das Mikrofon« – aber kein Wort darüber, wie sich das Programm finanziert, das sich an Drei- bis Dreizehnjährige wendet. Nun, durch märchenhaft verpackte Werbung! Was die Landesmedienanstalt wohl bewogen haben mag, dafür grünes Licht zu geben?
»Auf deutschen Kindersparbüchern lagern fünf Milliarden Euro«, insistiert Köhler, ein Mann in den besten Jahren, kinderlos, Inhaber einer Agentur für Funkspots. »Wir können die Kinder von Werbung nicht weghalten.«
Die Kindereien im deutschen Rundfunk werden erst enden, wenn es mehr Programme gibt und damit endlich richtigen Wettbewerb. Die technischen Voraussetzungen sind da: im Äther wie im Internet.

Gerhard Stoll, Diplom-Ingenieur beim Münchner Institut für Rundfunktechnik, erinnert sich noch an den September 1988, als er auf einer Konferenz in Genf das erste digitale Autoradio vorführte. Es stand als großes Gestell im Kofferraum eines Renault Espace, ein Testsender funkte vom Mont Salève; alle 20 Minuten musste Stoll die Fahrt unterbrechen, den Kofferraum öffnen und das erhitzte Gerät mit Eisspray herunterkühlen. Das waren Zeiten! Inzwischen ist das Digital Audio Broadcast (DAB) ausgereift, Stoll hat den internationalen Standard mitgeschrieben. Träte DAB an die Stelle von UKW, könnte es auf einen Schlag fünf- bis siebenmal so viele Sender geben, noch dazu in CD-Qualität. Woran scheitert’s?

Nun, in Deutschland gibt es mehr als 200 Millionen analoge Empfangsgeräte, in Duschen, Werkstätten, Wohnzimmern, Fahrzeugen…, die könnte man dann alle wegwerfen. Zudem ist ein DAB-Radio noch relativ teuer, und weil kaum jemand eines hat, gibt es auch nur sehr wenige Programme.
Die Sender haben im Übrigen gar kein Interesse daran, mehr Programme anzubieten: Das würde ihr auf die Einfaltquote eingestelltes Wirtschaften nur erschweren.

Das Internet kennt keine Frequenzen. Hier sind der Zahl der Sender keine Grenzen gesetzt. Die Qualität der Übertragung nimmt ständig zu. Wer zu Hause oder im Büro einen DSL-Anschluss mit Flatrate hat und beispielsweise www.live365.com ausprobiert, der rührt so schnell kein normales Radio mehr an. Da tut sich eine neue Welt auf.

Schon wird die Tonträger-Industrie nervös: Das legale Mitschneiden von Online-Programmen in MP3-Qualität könnte sich für Urheber, Hersteller und Händler zu einem noch größeren Problem entwickeln, als es die illegalen MP3-Tauschbörsen sind. Die GVL, eine Schwesterorganisation der Gema, drängt in Berlin auf Gesetzesänderungen und verlangt neuerdings deutlich höhere Lizenzgebühren von Internet-Radios. Wie rasant das Tempo ist, lässt sich an der jüngsten Entwicklung erkennen: dem podcasting, das es erst seit einem halben Jahr gibt. Erfunden und ins Internet eingeführt hat es der frühere MTV-Moderator Adam Curry. Er schrieb eine Software, die den iPod befähigt, ohne große Fummelei, nahezu automatisch, komplette Radiosendungen (broadcasts) zu laden. Man schließt seinen MP3-Player morgens kurz an den Computer an und nimmt sich die nach eigener Wahl aus dem Netz gesogenen Programme mit, um sie über den Tag verteilt zu hören. Das ist zeitversetztes Radio zwar, aber portables, im Auto wie überall zu hören, wo kein Internet-Anschluss zur Verfügung steht. Die Website www.ipodder.org hält die Software kostenlos bereit; dort lässt sich auch das rasch wachsende Angebot an Sendungen verfolgen. Jene Firma Tivoli Audio, welche die kleinen Manufactum-Radios herstellt, hat schon reagiert und speziell zum Anschluss des iPods ein neues Gerät herausgebracht, das iPal. Aus ihm spricht die Hoffnung: Bald gibt’s sie wieder, die guten Sender.

Anhang
Zwei Online-Hörtipps
Sunday Service von Patrick Ziegelmüller auf dem Hamburger FSK, für alle Freunde alternativer Klänge
Radio FM4 in Österreich, wo den ganzen Tag über interessante aktuelle Musik jenseits des Main­streams läuft.

(c) DIE ZEIT 24.02.05  Guste

Arno Schmidt

HörSpielplatz

Auf dem Programm von LAPSUS LIVE 2005 stehen wieder einmal einige Hörspiele. Einige Informationen zu den Stücken sollen dazu verleiten, sich auf dem gebotenen HörSpielplatz einzufinden.

Ernst Jandl

Bereits zu LAPSUS LIVE 2001 stand „Fünf-Mann Menschen“ von Ernst Jandl (1925–2000) auf dem Programm, fiel aber aus. In diesem Jahr also ein erneuter Anlauf, markiert das 1968 vom Südwestfunk produzierte und im November desselben Jahres zum ersten Mal ausgestrahlte Stück doch die Geburtstunde des sogenannten ‚Neuen Hörspiels’. Es nimmt die Samplingtechnik der 80er Jahre voraus und zeigt die Möglichkeiten konkreter Poesie im Radio.

Als einen Autor, der die Geschichte der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur verändert hat, als einen Poeten, der die experimentelle Literatur in eine neue Phase hineingeschoben und entscheidend mitgeprägt hat, würdigte Jörg Drews in seinem Nachruf in der Süddeutschen Zeitung Ernst Jandl. Dieser große Humorist unter den Avantgardisten, der zeitweise unter schwersten Depressionen litt, dieser Sprachartist, der seine Wortspiele einer mitunter rabenschwarzen Melancholie abtrotzte, er hat nicht allein die Lyrik revolutioniert – auch die Hörspiellandschaft hat ihm und seiner Co-Autorin und Lebensgefährtin Friederike Mayröcker die heilsame Erschütterung namens ‚Neues Hörspiel’ zu verdanken. Innere Bühne und feierliche Dialoge, Sprachpurismus und Realitätsferne, all diesen Ballast der Radiokunst der 50er Jahre warf Jandl ab, indem er die Spielregeln der Konkreten Poesie aufs Hörspiel übertrug. 1968, im Jahr nicht nur der politischen Aufbruchsstimmung, wurde "Fünf Mann Menschen" von Ernst Jandl und Friedericke Mayröcker mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden geadelt.

Der wahre Vogel

Warum nannte man diese Poesie Ernst Jandls konkret, warum waren seine Hörspiele so neu? Konkret war diese Literatur, weil sie nicht im eigentlichen Sinne beschrieb – sie fabulierte und erfand nichts: Vielmehr war sie das, was sie den Ohren der Zuhörer anbot. Sie war Klangmaterial, wie der besonders bei Kindern beliebte Gassenhauer von Ottos Mops, der kotzt.

"Fünf Mann Menschen" beschwört den Weg fünf männlicher Erdenbürger von der Wiege bis zur Bahre nicht literarisierend herauf – in äußerster Verknappung und Lakonie stellt die Sprache selber im Zusammenklang mit den Geräuschen des Hörspiels diesen Weg dar. Man kann vielleicht sogar sagen, dass die Wörter die eigentlichen Akteure in Jandls Stücken sind – und mitunter führen sie auch „Spaltungen“ herbei wie in seinem gleichnamigen Hörspiel: Gleichzeitig spaltet sich der Sprecher in schwarz und weiß, heiß und kalt auf.

Lustig waren sie schon, die Sprachspiele des Ernst Jandl, aber nicht bloß lustig. Hinter jeder Pointe gähnte ein Abgrund, auch wenn sich der "wahre vogel" in dem gleichnamigen Gedicht in die Lüfte erhebt, nachdem man ihm beide Beine abgeschnitten hat: "das müsst ein wahrer vogel sein, dem niemals fiel das landen ein."

der wahre vogel
fang eine liebe amsel ein
nimm eine schere zart und fein
schneid ab der amsel beide bein
amsel darf immer fliegend sein
steigt höher auf und höher
bis ich sie nicht mehr sehe
und fast vor lust vergehe
das müßt ein wahrer vogel sein
dem niemals fiel das landen ein

Jandls Bitternis kam mitunter mit der Unschuld eines Kinderverses oder verballhornten Volkslieds daher, und umso gespenstischer wirkte das eigene Gelächter darüber, als man oft erst beim zweiten Hinhören kapierte, welcher Daseinsekel, welcher Nihilismus sich hinter Jandls Sottisen verbarg. Gleichwohl: Seine Lyrik, besonders wenn er selbst sie vortrug, war höchst unterhaltend. Jandls Lesungen präsentierten sich als Mischung aus Literatur-Happening und Pop-Konzert, mit einem Entertainer vorne auf der Bühne, der seinen Wiener Zungenschlag ganz offensichtlich liebte, und mit einer Fan-Gemeinde vor der Bühne, die entfesselt nach Zugaben schrie.

Das Kreuz des Südens

Ihn nach einer langen Pause Anfang der 90er Jahre wieder für das Hörspiel gewonnen zu haben, ist das Verdienst des Bayerischen Rundfunks – desjenigen Senders, der ihn in den 60er Jahren entdeckt hatte. Damals war es Hansjörg Schmitthenner, der den Autor zu einem Radiostück überredete, zu "Fünf Mann Menschen" eben, und der das Manuskript dann doch an den Südwestfunk weitergeben musste, weil sich höherrangige Angestellte als Schmitthenner Jandls Experimentierlust verweigerten.

"kennen sie mich herren" hieß das Stück, mit dem Jandl in den 90er Jahren nach München zurückkehrte. Es trägt Spuren seiner literarisch-musikalischen Grenzübertritte zum Jazz, und es drückt die zunehmende Verzweiflung aus, die Jandls letzte Jahre
überschattete. Alter, Krankheit, der näher rückende Tod, all das grub sich in seine Texte ein. Je näher er dem Tod rückte, desto mehr lebte Ernst Jandl "in der fremde", wie einer seiner berühmten Gedichtsbände hieß.  (Quelle: http://www.zum.de)

Weiteres zu „Fünf Mann Menschen“ in LOver 31 (http://www.lapsus-gil.de/lover/lover31.htm#Jandl).

Arno Schmidt

Arno Schmidt (1914–1979) schrieb seine literarhistorischen Radio-Essays für den Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart auf Intervention von Alfred Andersch, den er 1952 bei einem Interview mit Dr. Martin Walser bei diesem Sender kennen lernte. Sie sichern ihm ein regelmäßiges Einkommen. [»Die Deut­schen sind doch immer derselbe unveränderte Misthaufen, ganz gleich, welche Regierungsform (schließlich ist es ja auch wirklich egal, ob ein Kuhfladen rund oder ins Quadrat getreten ist: Scheiße bleibt’s immer!)«, schreibt Schmidt 1956 an Andersch.]

Nachrichten von Büchern und Menschen

Mit seinen „Nachrichten von Büchern und Menschen“ vermittelt der Prosaist und Essayist Schmidt herausfordernd „realistische“ Auskünfte über seinen Lieblingsklassiker Christoph Martin Wieland, Barthold Heinrich Brockes, Karl Philipp Moritz, Friedrich Gottlieb Klopstock, Johann Gottfried von Herder, Adalbert Stifter, Charles Dickens und etliche andere. Einige erschienen 1982 beim Leipziger Gustav Kiepenheuer Verlag und begeisterten mich damals so sehr, dass ich mir 1990 auch die beim Verlag Volk und Welt Berlin herausgegebene Werkauswahl in drei Bänden zulegte, die auch einige weitere Funk-Essays enthielten.

Meine Idee, „Der Waldbrand oder Vom Grinsen des Weisen“ [Leopold Schefer] selbst als Hörspiel zu produzieren, entstand im Zusammenhang mit dem Projekt „Planet der Traurigkeit“, weil die Beschreibungen zum befürchteten Weltbrand bestens passten – blieb aber leider eine Idee.

Kennzeichnend für Schmidts Funk-Essays sind hochinteressante, spannungsreiche Dispute zwischen einem von üblichen Ansichten wenig beeindruckten Auskunftgeber über den jeweils thematisierten Dichter und einem skeptisch nachfragenden Interessenten. In dieses Gespräch der beiden werden von anderen Sprechern vorgetragene Zitate eingebettet. Schmidt selbst gibt in seinen Essays genaue Anweisungen zu Tonlage und Charakter jeder Stimme sowie zu der geforderten Dramaturgie. Als Beispiel für ein solches Funk-Essay hören wir im Rahmen der Vorstellung von Schmidts „Zettels Traum“ den siebenten und letzten Teil von „Tom All Alone’s – Bericht vom Nicht-Mörder – über Charles Dickens“, produziert vom Süddeutschen Rundfunk im Februar 1960. Dieses Essay ist auch im Band 3 der Werkausgabe bei Volk und Welt enthalten. Der heutige SWR hat 2003 12 CDs mit 11 der originalen Funk-Essays aus den Jahren 1955 bis 1961 herausgebracht.

Zettels Traum

Kein Hörspiel, aber ein Hörstück ist der Auszug aus „Vorläufiges zu Zettels Traum“ – vorgetragen vom Autor selbst. Darin gibt Arno Schmidt Auskünfte zu einigen seiner Intentionen bei diesem Mammutwerk.

Ebenfalls ein besonderes Hörerlebnis ist die Lesung eines Auszugs aus „Zettels Traum“. Irgendwann in den 90ern waren Jan Philipp Reemtsma, Bernd Rauschenbach und Joachim Kersten damit auch in der völlig überfüllten Buchhandlung Dresden-Loschwitz zu Gast. Bei LAPSUS LIVE könnt ihr euch jetzt selbst überzeugen, wie beeindruckend dieser Abend mit den drei parallel gelesenen Textsträngen für mich war.

Der Hypertextaus dem Zettelkasten

Wenn Wörter zu Drogen werden und das Bücherlesen einen physischen Kraftakt verlangt.
Gerald Heidegger, ORF.at

Um an einen Hypertext zu gelangen, musste man nicht erst aufs Internet oder einen Cyber-Propheten wie Ted Nelson warten. Wer James Joyce gelesen hat, der weiß, dass ein komplexer Text ein Geflecht aus Tausenden Anspielungen und Querverweisen ist.
Vor dem Mausklick auf einen Link stand also das Assoziieren im Kopf, und kaum jemand trieb dieses Prinzip so weit wie der kauzige Arno Schmidt, jener deutsche Schriftsteller, der den Großteil seines Lebens in der menschenarmen Lüneburger Heide verbrachte (Wie sonst kommt jemand auf Buchtitel wie "Kühe in Halbtrauer"?).
Schmidt setzte die Schreibpraxis von Joyce fort, und stärker als Joyce versuchte er, den Anspielungsreigen seiner Texte auch in Schriftbildern festzuhalten. Da müssen Wörter schon einmal auf Bruchstriche geschrieben werden, muss die Interpunktion förmlich durch Sätze und Wörter hindurchtanzen.

1.334 DIN-A3-Seiten

Im Jahr 1970 erschien Schmidts Hauptwerk, "Zettels Traum", ein Roman, geschrieben auf 1.334 (!) DIN-A3-Seiten. Will ein Verleger den Zettelstapel zum Buch machen, dann gelangt er schlicht zu so etwas wie der Antithese zum Taschenbuch.
Denn "Zettels Traum" lässt sich nur als Faksimile wiedergeben, besteht der Roman doch aus einer Mischung aus Schreibmaschinentext, handschriftlichen Korrekturen, Anmerkungen, Zeichnungen, eingeklebten Fotos und Zeitungsausschnitten.
Lange Zeit gab es das bei S. Fischer erschienene Buch nur in einer schweren und sehr teuren Ausgabe. Später versuchte man sich an einer verkleinerten Taschenbuchausgabe, was aber wie ein Widerspruch zur Erstausgabe aussah.

7,6 Kilo Buch

Nun hat man eine relativ "günstige" Leseausgabe hergestellt, die beinahe an die Originaldimensionen des Werkes herankommt: Für knapp über 150 Euro bekommt man immerhin 7,6 Kilo Buch, also ein gewichtiges Werk, das mit dem leicht gelblichen Papier das Herz jedes Buchliebhabers höher schlagen lässt.
"Zettels Traum" anzugehen, das ist nicht nur das Wagnis zu einem geistigen Höhenflug, das ist schon beim Aufklappen des Buches ein ungemein sinnliches Vergnügen: "('drugged words', gedopte Sylben: Ihr bereut's noch!", heißt nicht umsonst eine Warnung auf Zettel (=Seite) 24.

120.000 Notizzettel

"Zettels Traum" ist ein Roman, aber noch mehr als ein Roman ist es ein Hirngespinst, zusammengesetzt aus 120.000 Notizzetteln, auf die Schmidt spontane Ideen und andere Einfälle notiert hatte. "Zettels Traum" trägt in diesem Sinn einen programmatischen und zugleich ironischen Titel für ein aus dem Zettelkasten geborenes Buch.
Zettel, das ist aber auch der Weber aus Shakespeares "Sommernachtstraum", und an Shakespeare erinnert das vorangestellte "Motto" des Buches: "des Menschen Aug' hat's nicht gehört, des Menschen Ohr hat's nicht gesehen, des Menschen Hand kann's nicht schmecken, seine Zunge kann's nicht begreifen, und sein Herz nicht wieder sagen, was mein Traum war."

: Anna Muh=Muh !'

"Dizzyköpfigstes schüttelt den Morgen aus", heißt es relativ zu Beginn von "Zettels Traum". "No na", könnte man da als geübter Frühaufsteher sagen, würde man nicht zugleich in der anderen Spalte den Hinweis lesen: ": Anna Muh=Muh !'". Das muss einen freilich nur zum Teil stutzig machen, ist die Handlung des Buches doch relativ leicht zusammengefasst.

Pagenstecher, Poe & Lolita

Der alternde Schriftsteller und Historiker Pagenstecher, so etwas wie Schmidts Alter Ego, erhält an einem Sommertag Besuch von dem Übersetzer-Ehepaar Jacobi und deren 16-jähriger Tochter Franziska. Man redet über Gott und die Welt, vor allem aber über Edgar Allan Poe, denn das Ehepaar arbeitet an einer Übersetzung seiner Werke.
Wie bei "Ulysses" gibt ein einziger Tag den Handlungsrahmen für das Buch vor. Statt durch Dublin streift man durch die (Lüneburger?) Heide, geht baden und verrichtet andere ganz alltägliche Dinge. Unzählige Nebenstränge lenken freilich ab von der Alltäglichkeit, etwa, dass die lolitahafte Tochter der Jacobis den alternden Pagenstecher in sexuelle Wirrnisse stürzt.

Ein Zettel=drei Spalten

Jede Seite bzw. jeder Zettel in dem Buch besteht aus drei Textteilen. Der Haupttext widmet sich dem Tag in der Heide, die linke Spalte gibt verzerrte Textfetzen von und zu Edgar Allan Poe wieder. In der rechten Spalte stehen Kommentare auf das ohnedies schon verworrene Geschehen.
Lineares Lesen lässt sich nur zum Teil verwirklichen. Möglicherweise schätzen aber gerade Internet erfahrene Leser die andauernden Einladungen, zwischen den Textteilen hin- und herzuwechseln und sich vom Sprachwitz und Anspielungsreichtum eines sich stets wandelnden Erzählers wegtragen zu lassen - immerhin schließt ja Lesen im Web die Bereitschaft zu einem andauernden Seitenwechsel ein.

Die "Etyms"

Schmidt hat die Technik des Bewusstseinsstroms im modernen Roman radikal verschärft. Er zertrümmert die bekannte Wortgestalt, um die assoziative Fantasie beim Lesen zu steigern.
Schmidts kauziges Erzählverfahren orientiert sich an den "Etyms", das sind für ihn lautliche Übereinstimmungen zwischen Wörtern oder Wortbestandteilen mit anderen Wörtern.
Unbewusst wechselt man zwischen Wörtern mit ganz unterschiedlichen Bedeutungen, einfach auf Grund phonetischer Ähnlichkeiten. Wer also "ganz" sagt, hat die "Gans" und andere schlimme Sachen immer schon mitgedacht.
In Schmidt-Prosa gegossen, liest sich die "Etym"-Definition folgendermaßen: ";/(sie nickten schnell:!)/(Glückliches Völkchen; mir wars nicht ganz klar,)).:"

Eine vierte Instanz

Mit beginnender Impotenz, so war sich Schmidt sicher, bilde sich neben dem Freudschen "Ich", "Es" und "Über-Ich" im alternden Mann (der Mann nach fünfzig!) noch eine "vierte Instanz", nämlich jene, die über die "Etyms" verwaltet. Die sexuelle Triebhaftigkeit, das ist beim alten Schmidt am Ende die Sprache.
Oder in Heide-Prosa umgesetzt, wie bei Walter Kemposwki in seinem "Zeit"-Nachruf auf Schmidt (1979): "Er (Arno Schmidt) grast nicht nur ab, sondern gräbt auch nach den Wurzeln."

Die dritte Wurzel aus "p"

Dass möglicherweise nicht so viele Menschen bei Schmidts Experimenten mitkommen würden, war dem eigenbrötlerischen Literaten bewusst. Die Zahl derer, die "Zettels Traum" verstehen würden, brachte Schmidt auf eine mathematische Formel: die dritte Wurzel aus "p" - "p" war für ihn damals die Einwohnerzahl der Bundesrepublik Deutschland, also 61 Millionen. Macht am Ende 391.

Das Buch

Zettels Traum
Arno Schmidt, Zettels Traum. 1.360 Seiten.
S. Fischer Verlag 2004. ca. 150 Euro.

Heilbäder aller Länder entfaltet euch

Kleiner Rückblick zur Projekteschmiede einer sozialen Dorfentwicklung
Von Olaf Spillner

Irren ist menschlich, gerade hatte ich gedacht, mein Vater hätte morgen Geburtstag, am 30. Mai, da sollte der Weltuntergang sein. Und ich wollte der Zeit voraus sein, heute am 29..
Aber morgen ist es noch so wie es immer ist, der Tanz in den Mai beginnt erst.
So eine simple Verwechslung... Egal, das “wir leben nicht mehr lang” hat sich relativiert, denn mit dem Weltuntergang hätte die Lebenserwartung meines Vaters nicht bis zu mir gereicht.
Wo bliebe dann der kleine Rückblick zur Projekteschmiede einer sozialen Dorfentwicklung?
Der Schmied war für die wilden Ehen zuständig, die Ergänzung zur Ordnungsmacht.
Im Rahmen von “jetzt wächst zusammen, was zusammengehört”, konnte vor 12 Jahren der “kurier” gegründet werden, der anschließend im Amtsgericht als e.V. registriert wurde.
Hier in dem sich seines Selbst bewußtwerdenden Dorfes HB, entstand ein Verein zur Revitalisierung ehemaliger Heilbäder. Anfangs rettete er alte Bausubstanz vor dem Abriss und noch anderes vor dem Zugriff der Marktwirtschaft. In der Folge wuchs hier eine Oase der besonderen Art in der Monokultur der Agroindustrie, im sogenannten ländlichsten Raum.
Die Zahl der Stadtflüchtlinge und Traumtänzer stieg mit dem üblichen Druck der Demokratie auf alle Minderheiten.
Wem weder Religion noch Opium reichte, dem versprach ein inzwischen hier gestrandeter Schauspieler mit einem Provieh-Theater einen Platz in der Arche am Friedhof.
Und bevor der letzte Tsunami die Medien erreicht hatte, waren die letzten Rettungsboote, die ICH-AGs zu Wasser gelassen.
Dazu kam der Besuch geladener Geomanten.
Die deutsche Eiche am Westende des Dorfes war in ihrer Bedeutung erkannt worden.
Mit dem Bürokratentrick einer ehemaligen Mitarbeiterin der Bundesversicherung für Angestellte wurde die notariell beglaubigte gemeinsame Nutzung des Eichengrundstücks beendet.
Eine dieser Bürokratie unkundige Hüterin der Eiche wurde eingesetzt, die alle nötigen Verträge unterschrieb, ohne zu wissen, was sie tat.
Aufbruchsstimmung.
Jetzt ging es darum, die Markeneigenschaften des Ortes herauszuarbeiten. Vielleicht würde sogar ein Logo entstehen.
Die deutsche Kinder- und Jugendstiftung hatte die Spielwiese ausgerollt: für Kleinprojekte waren 10.000 Euro zu holen. Der Schauspieler war inzwischen zum Theaterdirektor aufgestiegen und für die Proviehs als erster den Zuschlag erhalten.
Jetzt ging es um den Nachschlag. 10.000 Euro für ein ganzes Dorf, ein Heilbad.
Die Entfaltung dieses Heilbades war das Ziel... und dann die Vernetzung mit allen anderen Kraftplätzen dieser und anderer Welten.
Im obligatorischen Antrag ist zu lesen: neben der Würdigung des Erreichten sollten mehrere förderfähige konsensual bestimmte Einzelprojekte erarbeitet werden.
Um diesen konsensualen Ansatz besser durchziehen zu können, mußte der kurier e.V. erst mal selbst eine Pferdekur durchstehen, um sich von unliebsamen Mitgliedern zu reinigen.
Aber da die alteingesessene Bevölkerung miteinbezogen werden sollte, tauchten die Ausgeschlossenen dort wieder auf.
Die angestrebte Arbeitsform, alle 2 Monate ein Plenum zu machen und über eine Dorfpostille, den Kurier-Falter alle Haushalte zu erreichen, versank im Winterschlaf und tauchte auch in der Frühjahrsmüdigkeit nicht mehr auf.
Hier kehrte Ruhe ein, nachdem die kühne Frau von der Kinderstiftung hier im Heilbad auftauchte und die potentiellen Anwärter auf die Förderungen ihrer Einzelprojekte ein gutes Bild eines aktiven Dorfes machten. Danach kam nichts mehr und zum letzten Plenum eigentlich niemand.
Da saß dann der bezahlte Moderator neben einem Gast aus dem Nachbardorf, dem das bedeutende Vorhaben zu Ohren gekommen war und wartete auf den großen Vorsitzenden des kurier e.V..
Bevor der jedoch auftauchte, erschienen die beiden ausgeschlossenen Alteingesessenen und danach als einziges Kuriermitglied ohne ordentliche Funktion der Ansprechpartner des Polizeisportvereins, der die Einheit von Körper, Geist und Seele der ansässigen Kinder auf den Weg bringen will.
Wo Geld ist, ist auch ein Weg.
Als aber nach dem endlich eintrudelnden Vorsitzenden nur noch die Herausgeberin des Kurier-Falters dazukam, war die Frage der Alteingesessenen nach der verbliebenen Bevölkerung nicht mehr so sehr erwünscht. Ein weiteres Hinterfragen der auf der Präsentationstafel umgeklappten abgerechneten Erfolge brachte diesem letzten Plenum eine rasante Eigen­dynamik.
Denn auf der Kehle des Dorfes lag noch Altlast!
Der Müll stand zwar als beseitigt auf der Schautafel, im Sinne der Geomanten, die auch als Erfolg abgerechnet wurden, aber war er noch da.
Nachdem die Herausgeberin des Kurier-Falters die dafür bewilligten Euros zurückspenden sollte, konnten dadurch geomantische und andere nicht im Antrag benannte Projekte finanziert werden, wollte sie nun wissen, warum der Müll auf dem verbliebenen Stück ein privates Problem sei, wo doch die Gelder der Umweltstiftung für die Beräumung dieser Altlast zur Verfügung gestellt wurden.
Das und anderes ertrug der Polizeisportindianer nicht länger, mit einem Fuß in der Tür hielt er noch eine Schmährede auf einen Alteingesessenen und ging ab.
Der große Vorsitzende und der von ihm eingebrachte Moderator stellten daraufhin die im Antrag benannte Form des Plenums in Frage und die weitere Vorgehensweise des Projektes überhaupt.
Übrigens, am Anfang der Runde wurden Radieschen gesät.
Die Pflanzschale stand zwischen den Beinen der Auseinandergehenden, keiner wollte sie.
Der Vorsitzende wollte sie der Alteingesessenen aufdrängeln, sie sei doch die große Gärtnerin hier. Ohne Erfolg...
Vielleicht wird Imre doch auch noch ein Gärtner.

Schöne Grüsse aus HB von OM
Heilbäder...
Hartmut Barth-Engelbart

unter schlag zeilen

befreite worte, gebrochene reime zur lage

aus dem Vorwort von Ingrid und Gerhard Zwerenz:

Nur keinen Streit vermeiden ...

Es kann einen Autor teuer zu stehen kommen, hält er sich strikt an das, was er schreibt. MundTod ist der Titel eines Gedichts von Hartmut Barth-Engelbart:

Wenn wir / nicht früh / genug /
den Mund / aufmachen /
haben wir / am Ende /
gar nichts / mehr /
zu sagen.

Der Lyriker und Lehrer aus Hanau denkt gar nicht daran, den Mund zu halten, seine Feinde finden, er hat eine zu große Klappe.
Die zitierten epigrammatischen Zeilen erinnern an Erich Fried, dem seine Verse nicht wenig Ärger eintrugen. Für Barth-Engelbart eskalierte der Ärger.
Vor einigen Monaten wurden seine Gedichte auf offener Straße verhaftet. Wie aber kamen sie dahin? HBE ist das Gegenteil eines Innenweltdichters. Mit Poesie und Prosa begibt er sich mitten unter die Leute. Vom Wiener Ballhausplatz importierte er dazu die dort bereits bewährten Widerstandslesungen, denen es in Hanau und anderswo nicht an Publikum fehlt.
Von wegen, die Menschen interessieren sich nicht für Literatur, sie tun das durchaus, wenn die Literatur sich für sie interessiert. Weshalb sich Polizei und Justiz für HBE's Verse interessierten, ist eine bunte Geschichte, der Autor erzählt sie in diesem Sammelband, der Spannung aufbaut wie ein Krimi, wer die Täter sind, verraten wir nicht. ...

Unter Schlag Zeilen (Hartmut Barth-Engelbart)
ZAMBON-Verlag, Frankfurt, 2005, ISBN 3-88975-107-5, 15 Euro

Ein paar Zeilen an den Verband deutscher Schriftsteller/innen und seine Mitglieder

Wenn jetzt
Manch eine(r)
Von euch meint
Es sei doch keine Kunst
Euch öffentlich die Meinung
Ins Ohr und ins Gesicht zu sagen
So mag das schon
So sein.

Wes Brot ich ess
Des Lied ich sing
Ach liebe Leute
Vom VS
Die Binsen- und die Volksweisheit
In Sprichwort und in Bauernregel
Das ist ein eigen Ding
Die Weisheit lügt
Die Wahrheit liegt
Dahinter und daneben

Wes Brot ich ess
Des Lied ich sing
Das soll mich nur belügen
Denn auch in diesem
Fortschrittsladen
Muss Mann und Frau
Dem Markt und seiner Macht
Dem Wolfsgesetzt des Kapitals
Genügen
Dem singen wir ein Lied
Zwo, drei
Und wissen doch genau
Wer tags und nachts in Contischicht
Das Brot backt
Das wir essen

Und Leute, wenn ihr ehrlich seid
Ihr habt es längst vergessen
Wer baute erst die Bäckerei
Wer backt uns unser Brot
Und für wen schreibt ihr
Ohne Not
Für wessen
Interessen

HArtMut

Über die Hanauer Widerstandslesungen

von Hartmut Barth-Engelbart - 07.04.2005 19:07

Fast drei Wochen hängt nun die Wandzeitung am Hanauer Hauptbahnhof, die die Rolle der DB-Vorgängerin Deutsche Reichsbahn im Hitlerfaschismus beschreibt und angreift, dass sich die DB bislang nicht zu ihrer Mitverantwortung bekennt und sich immer noch weigert, Ausstellungen über die KZ-Transporte in ihren Bahnhöfen zuzulassen. Seit 11.09.2003 haben sich in Hanau an den Widerstandslesungen am Freiheitsplatz und am Hauptbahnhof mittlerweile über 25.000 Menschen lesend, diskutierend, kritisierend und zustimmend und nur in wenigen Fällen ablehnend und aggressiv beteiligt.
Als Fortsetzung der Widerstandslesung und -schreibung zum 27.01 2005 (dem 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee) auf dem Gelände des Hanauer Hauptbahnhofes, die durch den BGS abgebrochen wurde, fand jetzt am 24.03. eine weitere Widerstandslesung und -schreibung auf dem Vorplatz des Bahnhofs statt.
Ich habe ab 15.30 insgesamt 4 Wandzeitungen mit Texten zur Geschichte des ADLER-KZ, des Todesmarsches von Frankfurt nach Buchenwald und Dachau und zur Rolle der Reichsbahn geschrieben.
Schon während des Schreibens haben Hunderte von Bus- und BahnFahrgästen die Texte gelesen und diskutiert oder nur lesend geschwiegen. Besonders begutachtet wurden die Texte von den wartenden ca. 15 Taxifahrern, die mich zusammen mit vielen Passantinnen aufforderten, weitere Wandzeitungen zu schreiben: "Das ist richtig, was Sie da schreiben. ... Endlich mal jemand, der den Mund aufmacht ..." usw. Bis auf einen Menschen, der meinte, ich solle lieber "die Amis" angreifen, wir hätten schon genug bezahlt ... und der wurde gleich von anderen Menschen mit Argumenten versorgt und zog dann ärgerlich von dannen.
Anknüpfend an die Wandzeitungen zur Rolle der Reichsbahn bei den KZ-Transporten und dem Profit, den die Bundesbahn-Vorgängerin dabei machte (die sich bis heute gut verzinst haben und auch einen Teil der DB-Aktienwerte ausmachen, stand in den Wandzeitungen, dass "nach mörderischen Gewalt-Nachtmärschen, die nicht auf dem Weg von Frankfurt nach Hünfeld Erschossenen und Erschlagenen von dort bis nach Weimar mit der Reichsbahn in Viehwaggons transportiert wurden. Die Reichsbahn kassierte für alle den vollen Fahrpreis.
Reich werden konnte die Reichsbahn bei diesem Transport alleine nicht. Dann schon eher durch den Transport von 11.000 französischen Kindern auf der Strecke von Saarbrücken-Forbach via Karlsruhe, Mannheim, Frankfurt, Hanau Richtung Auschwitz. Hier kassierte die Reichsbahn für jedes Kind von 3 bis 14 Jahren den halben Fahrpreis. Noch mehr verdiente sie an den ZwangsarbeiterINNEN-Trans­porten, an den Transporten von vielen Millionen Menschen in die KZ und ins Gas. Jüdische Mütter mit Kleinstkindern hatten es besonders gut bei der familienfreundlichen Bahn: sie brauchten für die Kinder nicht mal den halben Preis zu zahlen, Babys durften nämlich kostenlos ins KZ fahren...
Die Bahn hat eben nicht nur von der Zwangsarbeit profitiert, sie hat aus den KZ-Transporten glänzende Gewinne gezogen, die noch heute in Guthaben und Liegenschaften vorhanden sind. ... Die Deutsche Bahn muss auf dem Gelände des Hanauer Hauptbahnhofes eine Gedenkstätte errichten, ..."
Jetzt hängt die einzige dort am Bahnhof belassene Wandzeitung mit diesem Text seit über zweieinhalb Wochen und wird täglich von einigen hundert Menschen gelesen. Als ich gestern einigen Taxifahrern sagte, wie sehr ich mich darüber freue, dass diese Wandzeitung so lange hängt und gelesen wird, sagten die mir nur: "Die traut sich keiner abzumachen, weil da zu viel Leute lesen ... und wir passen halt auch auf!"
So etwas ist ein wesentlicher Bestandteil der Widerstandslesungen in Hanau und so kommt Literatur, Lyrik und Prosa unter die Leute ohne von Zeitungen, elektronischen Medien und Sponsoren abhängig zu sein. Und so lesen viele Menschen, die außer der Bildzeitung und dem Lokalen Käsblatt nichts weiter lesen – auch nicht meine manchmal auch abgedruckten Leserbriefe – die Texte, die kaum eine Zeitung druckt. Schöne Grüße

Halbsonne

dunkühl finster einsam halb sinnlos und halb tot außerhalb des liebens der tag macht irgendwas unterm wind er soll nur die nacht bereiten endlich freigeben die sternenstunden jeder ton erstarrt kippt um woher er kam in die bedeutungslosigkeit bis der mond von sinnen berührt ist da zieht seine bahn leuchtet leuchtet der nacht heim da hindurch durch die düstere ferne nicht schneller als die engel können ein roter kreis tanzender schatten an der unheimlichen wand vom leben verlassen alle guten geister machen sich breit im feuer im holz der erde entwachsenes leben verwandelt sich brennend atmet weiter flammen züngeln lecken die dunkelheit bestäuben das dunkle mit wehem qualm fliehendem rauch wo der nur bleibt das feuer brennt hinein ins nicht endendendende nicht ein schoß die luft der wind die leere verfliegt die glühende hingabe die leidenschaft das begehren die funken wollen zu den sternen schaut so aus als schafften sie es nicht weit davon glänzt noch kurz der gräulichweiße nebel ein letztes mal im mond­dimmer sackt schon langsam zu boden kommt nicht an ich träume in die asche die immer übrigbleibt es war so warm in voller sonne

Ro Li B.

Tote trauern mehr

Raus in den Frühling!
Rein in den Herbst.
Raus zur Nacht, iih! Galle!0
Tropft ins Blut-Ticktack.
Raus ins Wiesenergrün'!
Neun Spatenstich tiefer.
Vom papiernen Blätterrausch
durchs Leben getragen.
Leidtragender, die Füße voran
Und wieder muß der Kopf hinterdrein.

Lauf Koma.
Lieg im Amok.

Ro Li B.

Schöne neue Gesetze

[...]
Ich würde eher fragen: Müssen wir wirklich mit denen untergehen? Was die treiben, ist manchmal einfach unausstehlich.
Nehmen sie zum Beispiel das neue Saatgutgesetz der US-Verwaltung für den Irak: Alle Bauern im Irak sind demnach gezwungen, ihr Saatgut zu verbrennen. Sie dürfen Saatgut nur noch beim US-Konzern Monsanto kaufen. Das steht wörtlich so im Gesetz. Und das bringt Monsanto einen Schritt näher an sein Unternehmensziel: Monsanto hat nämlich den bescheidenen Anspruch formuliert, in 20 Jahren den Weltmarkt für Saatgut zu 100 Prozent zu beherrschen. Das ist alles, nur 100 Prozent.
Die arbeiten daran, und viele bemerken es nicht.
[...]
Manfred Max-Neef in taz Nr.7613, 12.3.2005, S.4f

Eine Welt
Arnold Toynbee machte darauf aufmerksam, daß die Dekadenz einer großen Kultur gewöhnlich vom Aufstieg einer neuen Weltkirche begleitet wird, die Hoffnung im einheimischen Proletariat erweckt, während sie den Bedürfnissen einer neuen Soldatenklasse folgt. Die Schule scheint äußerst dazu geeignet zu sein, jene Weltkirche unseres verfallenden Systems zu werden. Keine Institution könnte vor ihren Teilnehmern die tiefe Realität in der heutigen Welt besser verschleiern. Weltlich, wissenschaftlich und todesverleugnend ist sie aus einem Guß mit dem modernen Modus.
Ivan Illich (1926-2002)

DemneXt Atommafia-Parade - Widerstand!

Im Februar 2005 trafen sich 40 Delegierte aus NRW, Niedersachsen, Sachsen und Frankreich in Münster zu einem Widerstandsratschlag. Dabei wurde ein Streckenkonzept für Aktionen gegen die Dresden-Ahaus-Castoren besprochen. Die Atomgegner begrüßten, daß auch sächsische Anti-Atom-Gruppen gegen die Transporte seien.
Die Initiativen gingen inzwischen fest von einem Beginn der Transporte ab dem 27. Mai - und damit fünf Tage nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen - bis 14. Juni aus. Es werden auch bereits die ersten Urlaubssperren bei der Polizei gemeldet.
Die Lastwagen mit den 18 Castorbehältern müßten über eine Autobahnstrecke von rund 600 Kilometern zwischen Rossendorf bei Dresden und Ahaus fahren. Geplant sind Aktionen auf Autobahnbrücken, an Raststätten sowie Widerstandscamps an der Autobahnstrecke. Es werden auch Demos direkt auf der Autobahn angemeldet werden.
In Dresden und Ahaus wird es zentrale Anlaufpunkte für Aktive geben. In Ahaus wird ab dem 26. Mai ein großes Widerstandscamp eingerichtet werden.
Die Initiativen sind optimistisch, das Polizeikonzept für die Autobahntransporte durch kreative Aktionen ins Wackeln zu bringen. "Wir werden am Tag X Straßen in Dresden und Ahaus blockieren und Widerstandscamps entlang der Autobahn aufbauen", sagte Matthias Eickhoff von der Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus". Der Sprecher vom "Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen", Willi Hesters, sagte: "Wenn dieser Transport gelinge, wäre das der Türöffner für weitere Atommüll-Fuhren beispielsweise von den Forschungsreaktoren in München oder Jülich nach Ahaus. Der Transport müsse ab Rossendorf zunächst etwa 16 Kilometer lang über eine Landstraße führen, an der es auch Waldflächen gebe. Dies ist ein neuralgischer Punkt." Die Initiativen werden nach seinen Angaben ebenso versuchen, die Leertransporte mit den für die Fahrten erforderlichen speziellen Stoßdämpfer-Paaren aufzuhalten. Diese waren von Sachsen beschafft und bezahlt worden, um die Zahl der Transporte auf drei Kolonnen-Fuhren zu verringern.
Klinkt euch in den Widerstand ein und macht mit!
Atomausstieg jetzt sofort!
E-Mail: wigatom@web.de / http://www.wigatom.de
Der Aufruf auf www.wigatom.de wird laufend aktualisiert werden, je mehr Initiativen unterschreiben oder wenn sich die Sachlage ändert.

65 Millionen Tote durch Atomwaffen und Atomkraft

Von Paul Waugh, 31. Januar 2003

Die gestern veröffentlichten Forschungsergebnisse des Europäischen Kommitees für Strahlungsgefahren (European Committee of Radiation Risk, ECCR) belegen, daß die bisherigen Statistiken den Einfluss der Atomindustrie auf das menschliche Leben massiv unterschätzen.
Die Studie des ECCR basiert auf einem in den letzten fünf Jahren entwickelten Risikoabschätzungsmodell und auf neuen Erkenntnissen der Strahlenbiologie und der Humanepidemiologie. Sie stellt fest, daß die bis 1989 erfolgten Emissionen von Radioaktivität ziviler oder militärischer Atomprogramme weltweit den Tod von 65 Millionen Menschen verursacht haben oder verursachen werden.
Sie folgert, daß die Krebsepedemie ein Ergebnis der Verschmutzung der Biosphäre durch die Nutzung der Kernenergie und durch den Fallout der Atomwaffenversuche ist, der in der Periode von 1959 bis 1963 die höchsten Werte erreichte. Die Forscher zitieren Hinweise wie die Anzahl der Brustkrebsfälle bei Frauen, die ihre Pubertät in den Jahren mit den meisten Atombombenversuchen, 1957 bis 1963, durchlebten.
Dr. Lucas erklärte: "Die Tatsache, dass die bisherigen Analysen die abnorm hohen lokalen Fallzahlen von Krankheiten wie Leukämie in der Kindheit nicht erklären konnten, weisen eher auf die Forschungsmethoden hin als auf die gefeierte Sicherheit des Atomprojekts."
Mit ihren Ergebnissen bezweifelt die ECCR die konventionellen Risikoabschätzungsmethoden der Internationalen Strahlenschutzkommission, deren Nähe zur Atomindustrie kritisiert wurde.

Waiting (Anna Gorsleben)

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