Musiktherapie © W-FOTO - Fotolia.com
Die Therapeutin Caroline Voggenreiter-Schaad macht seit Mai im Rahmen des Projekts “Ein Engel für Alte” der Kirchengemeinde St. Georg Musik für demente und bettlägrige Menschen, die dadurch wieder einen Zugang zu Sprache und Aussenwelt finden sollen. Sie betreut acht Bewohner im Heidehof. Jeweils am Dienstagvormittag kommt die Musiktherapeutin für einige Stunden vorbei. So wird für demente und bettlägrige Bewohner ein individuelles Pflegeangebot geschaffen, da sie nicht mehr an Gruppenveranstaltungen teilnehmen können. Voggenreiter-Schaad erklärt, dass Menschen durch Musik in innere und äußere Bewegung kommen und Erinnerungen und Gefühle wachgerufen werden. Menschen, die nicht mehr sprechen können, kommunizieren nonverbal, finden über das Singen und die Melodien zurück zur Sprache. Bewegungslieder lösen Verkrampfungen, spastische Hände entspannen sich. Die Patienten greifen sogar manchmal selbst zum Instrument. Die Therapeutin freut sich über eine 69-Jährige: “Nach mehreren Wochen, in denen ich ihr viele verschiedene Lieder vorgesungen und CDs vorgespielt hatte, fing sie tatsächlich an, mit mir zu tönen und am Zeilenende ein Wort mit mir zu singen.”
Das Krankheitsbild der Demenz wird durch ein Defizit in kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten geprägt. In den meisten Fällen kann eine Krankheit des Gehirns diagnostiziert werden. Vor allem das Kurzzeitgedächtnis, das Denkvermögen, die Persönlichkeitsstruktur, die Sprache und die Motorik sind betroffen. Die Krankheit wird medikamentös behandelt, durch Gedächtnistraining wird ihr entgegengewirkt. Durch Biografiearbeit wird ermittelt, welche Bedeutung bestimmte Verhaltensweisen für demente Menschen haben, ob ein Mann sich zum Beispiel weigert, ins Bett zu gehen, weil er seine Frau vermisst. Der Umgang mit dementen Menschen erfordert viel Geduld, doch selbst kleine Erfolge bestätigen Caroline Voggenreiter-Schaad in ihren Methoden.
“Immer wenn ich traurig bin, dann mache ich Musik”, so lautet die Strophe eines Liedtexts aus einem Kinderlied. Dass Musik durchaus eine heilende Wirkung haben kann, ist seit Jahren bekannt. Und so gibt es neben dem menschlichen Phänomen, Lieder zu hören wenn man sich in einer guten oder schlechten Laune befindet, auch noch die Tatsache, dass Musik als Therapie eingesetzt wird.
So findet beispielsweise die Anthroposophischen Musiktherapie ihre Begründung. Ihre Geschichte hat dabei drei Wurzeln. Zum Einen gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Aufbruchstimmung, in der nach neuen Formen der Musik und Gestaltung gesucht wurde. Das war nicht nur im Bereich der Musik so, sondern auch in der Architektur oder aber in der Kunst. Und so schufen Mark, Klee, Kandinsky in der Malerei neue Horizonte, Schönberg, Webern und Berg in der Musik und Gropius schuf ganz neue Ansätze in der Architektur im Bauhaus-Stil 1919.
Zum Anderen fragten sich die Menschen, ob es eine geistige Ebene gibt, die der irdischen Welt mit ihren Erscheinungsbildern zugrunde liegt. Dabei trugen die Menschen ihre Fragen an Rudolf Steiner heran. Dieser machte bis 1924 Vorträge über Musik, Eurythmie, Sprachgestaltung, Malerei, Pädagogik, Heilpädagogik und anderen Bereichen. Dabei versuchte er auf diese Frage einzugehen.
In der Anthroposophischen Musiktherapie versuchte man diese Bereiche zu kombinieren und durch die Erkenntnisse in der Anthrophologie den Zusammenhang mit dem Krankheitsverlauf Rückschlüsse auf etwaige Naturprozesse, die den jeweiligen Menschen umgeben, zu finden. Durch die Musiktherapie versucht man also diese beiden verschiedenen Bereiche aufzusuchen und dadurch eine Basis für eine Therapie zu finden. Die Anthroposophischen Musiktherapie sieht also nicht nur die Ansätze in der Kunst, sondern auch in dem natürlichen Prozess in dem sich Menschen befinden und von dem sie umgeben sind.
Musiktherapie ist eine echte Alternative zu den heute leider viel zu schnell und oft verschriebenen Psychopharmaka-Keulen. Auf natürliche Art und Weise kann so die seelische und körperliche Gesundheit wiederhergestellt und gefördert werden. Gerade für Menschen, die gar nicht oder nur schwer kommunizieren können, bietet die Musik eine einfach zu erlernende und anwendbare neue „Sprache“. Auch eine Behinderung stellt keine Beeinträchtigung für das Musik-Erleben da. Vor allem Kinder reagieren instinktiv sehr wohlgesonnen auf Musik. Bis auf den Schmerz gibt es wohl kein Sinneserlebnis, das intensiver Emotionen anspricht und auslöst als Klänge. Warum sollte man diesen Effekt also nicht für therapeutische Zwecke nutzen?
Musiktherapie für Kinder greift alle Bereiche auf, die für die Entwicklung des Kindes wichtig sind. Dazu gehört die Bewegung, kognitive und soziale Fähigkeiten, das Umgehen mit Gefühlen und die eigene Körperwahrnehmung. Jenseits der so stark auf Sprache und Normen basierenden Außenwelt wird in der Musik ein völlig neuer, emotionaler und persönlicher Kosmos eröffnet, der eine neue Selbsterfahrung und -Bewertung mit sich bringt.
Neben motorischen Fähigkeiten, die beim Erlernen eines Instruments erworben werden, regt Musik zum Bewegen an. Vor allem für körperlich beeinträchtigte Kinder bietet Musik Bewegungsmöglichkeiten fernab des sonst eingeschränkten Alltags an – Bewegung kann von den Kindern nun ganz neu erfahren werden, alte Barrieren werden überwunden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten. Der Musik-Genuss schult alle Sinne und trainiert die Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistungen. Gerade Kindern, die sonst ständig sehr unangenehmen Eindrücken wie Lärm oder Streit ausgesetzt sind, bietet die Musik eine Gefühlswelt der Geborgenheit. Daraus resultieren positive Gefühle, die die Kinder in ihrem Selbstwertgefühl stärken. Die eigen Kräfte und Fähigkeiten werden jenseits der heutigen Klischees und Werte neu kennengelernt und gestärkt.
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